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Donnerstag, 28. Februar 2008 64. Jahrgang Nr.

50 D/R/S Frankfurter Rundschau MEINUNG 13

KOMMENTARE

Zeit der
Vernunft
LEITARTIKEL
Von Thomas Kröter

Die Hüter des Privaten E in jegliches hat seine Zeit“, heißt


es im Buch der Prediger, „und al-
les Vorhaben unter dem Himmel sei-
ne Stunde.“ Die große Koalition – ei-

Z ur Intimsphäre gesellt sich die IT-Sphä-


re. Seit gestern ist nicht nur das wirkli-
che Privatleben der Menschen geschützt,
ASTRID HÖLSCHER Weil dieses Grundrecht nicht schranken-
los gilt, kann und wird es eine Ermächti-
gung des Bundeskriminalamts zur Online-
ne Gesellschaft bibeltreuer Christen.
Wahlkampf hatte seine Zeit in Hes-
sen, Niedersachsen und Hamburg.
sondern auch ihre virtuelle Zweitexistenz, Durchsuchung geben. Streng eingegrenzt Jetzt haben CDU/CSU und SPD sich
die sich auf Festplatten und im Internet, in und buchstäblich den Karlsruher Vorgaben wieder Regieren vorgenommen. Ein
E-Mails und Chats manifestiert. Was Jünge- folgend: bei akutem Terror-Verdacht, ge- abrupter Wechsel? Selbstverständ-
re schon lange wissen und leben, hat das mäß richterlicher Anordnung, mit soforti- lich! So sieht solides Handwerk aus.
Bundesverfassungsgericht erkannt und ger Vernichtung allzu privater Fundstücke. Polemik gehört zur Politik. Pragmatis-
festgeschrieben: dass der Computer über Kurz, Schäuble darf, was er ausschließlich mus aber auch.
den Einsatz als Arbeitsgerät hinausgewach- zu beabsichtigen vorgab: Ermittlungslü- Was auf den Weg gebracht wurde
sen ist in einen höchstpersönlichen Raum. Auf Karlsruhe können sich die Bürger cken bei Terror-Gefahr schließen. Verwehrt bei einer Klausur in Bonn und einem
Da werden Urlaubsfotos gespeichert, Tage- ist dem Innenminister, was viele, auch der Gespräch der Minister für Familie
bücher aufgezeichnet, Liebesbeziehungen da verlassen, wo sie Politikern Koalitionspartner, ihm als Hintergedanken und Finanzen in Berlin, kann sich se-
geknüpft – als „Seelendepot“ hat der Alt-Li- misstrauen: Sein Urteil zu Online- unterstellten: das ausufernde Ausspähen hen lassen. Jedenfalls zeigt es die Fä-
berale Hans-Dietrich Genscher einmal be- Durchsuchungen bietet Schutz vor aufgrund vager Ahnungen, die mähliche higkeit zum Kompromiss. Beispiel
zeichnet, was auch Karlsruhe jetzt als „Kern- Ausdehnung dieses Fahndungsmittels auf Pflege: Die SPD wollte ein bundeswei-
bereich der privaten Lebensgestaltung“ vor
ausufernden Gelüsten zum Ausspähen andere Kriminalitätsfelder, wie wir es bei tes Netz von Beratungsstellen, die
staatlichem Zugriff bewahren will. im Netz. Es bindet Schäuble und Co. der Telefonüberwachung erfahren haben. Union nicht. Nun wird die Einrich-
Diese 106 Seiten vom 27. Februar 2008 Respekt vor dem Privaten – diese Grund- tung den Ländern überlassen. Unions-
verdienen einen Ehrenplatz auf Podest in lehre bläuen uns die Verfassungsrichter seit politiker gebrauchen gern das Fremd-
realen wie virtuellen Bibliotheken. Der Ers- sie – sperrig genug – das „Grundrecht auf 25 Jahren ein. Ob es um die Volkszählung wort „Subsidiaritätsprinzip“. Sozial-
te Senat errichtet nicht nur hohe Wälle ge- Gewährleistung der Vertraulichkeit und In- ging, um den großen oder die vielen kleine- demokratisch formuliert: Entschei-
gen die tendenziell grenzenlose Datengier tegrität informationstechnischer Systeme“ ren Lauschangriffe. Es ist ein ziemlich einsa- dungen sollen basisnah getroffen wer-
des Präventionsstaats, indem er Online- nennen, bedeutet einen umfassenden mes Unterfangen, weil sie Politiker nahezu den. Eine vernünftige Lösung.
Durchsuchungen auf gravierende und be- Schutz vor heimlicher Ausspähung der IT- jeder Couleur in die Schranken weisen müs- Beispiel Betreuungsgeld: Die Alter-
legbare Fälle beschränkt. Nur bei äußerster Sphäre. Und einen Schlag gegen die Pha- sen. Nicht erst die Großkoalitionäre, son- native zum Krippenplatz für daheim
und konkreter Gefahr für Leib, Leben und lanx jener Innenminister in Bund und Län- dern auch die Rot-Grünen suchten in Zei- erziehende Eltern kommt ins Gesetz,
Freiheit des Individuums sowie für die dern, in deren Amtsverständnis die Ord- ten der Furcht die Waffen gegen terroristi- aber in der Begründung wird klarge-
Grundlagen menschlicher oder staatlicher nung stets vor Freiheit und Gesetz rangiert. sche Bedrohung zu schärfen, das verfas- stellt, dass über die Umsetzung erst
Existenz. Insbesondere gegen den CDU-Hardliner sungswidrige NRW-Gesetz entstand unter ein künftiger Bundestag entscheidet,
Als gute Deichgrafen gestalten die Ver- Wolfgang Schäuble und seinen sozialdemo- Federführung eines Freidemokraten. Aber wenn 2013 der Rechtsanspruch auf ei-
fassungsrichter ihre Dämme darüber hi- kratischen Vorgänger und Bruder im Prä- es ist nicht nur der vorsorgende Staat, der nen Betreuungsplatz in Kraft tritt.
naus stabil, haltbar – wenn nicht für die ventionsgedanken Otto Schily. durch übermäßiges Sicherheitsstreben die Sachlich eine Selbstverständlichkeit.
Ewigkeit, so doch für mindestens ein Vier- Auf die Bundespläne zielt schließlich Freiheit bedroht, es sind auch die Bürger Für die CSU nur schwer zu akzeptie-
teljahrhundert. So lange, 25 Jahre, muss- das Urteil aus Karlsruhe. Der Anlass, das selbst, die sich leichtfertig der eigenen Pri- ren. Nun tut sie es – sogar vor Kommu-
ten Datenschützer vom Volkszählungsur- Verfassungsschutzgesetz aus Nordrhein- vatsphäre berauben. Für ein paar Payback- nal- und Landtagswahl in Bayern.
teil zehren, das ein bis dahin ungekanntes Westfalen, war so schludrig und schlampig, Cent, ein paar Sekunden Berühmtheit im Die beiden Beispiele zeigen: Kom-
Recht auf informationelle Selbstbestim- so nichtig im Wortsinn, dass es allein den Internet – von „Datenexhibitionismus“ hat promisse sind möglich. Diese Koaliti-
mung schuf. In dieser hehren Tradition un- Aufwand wahrlich nicht gelohnt hätte. Hessens Datenschützer eben gesprochen. on kann regieren – wenn sie will. Im
ternahmen Wolfgang Hoffmann-Riem, Nicht die vielen Gutachten, nicht die umfas- So könnte das Karlsruher Urteil nicht nur Alten Testament heißt es auch: „Stei-
Hans-Jürgen Papier und ihre Kollegen nun sende Anhörung im Oktober 2007, nicht Politiker bändigen, sondern auch Bürger ne schleudern hat seine Zeit.“ Daran
eine weitere Anpassung des Grundgesetzes die penible juristische Urteilsbegründung mahnen: das wertvolle Gut der privaten werden sich die bibeltreuen Koalitio-
an die Anforderungen der Moderne. Was samt Schöpfung eines neuen Grundrechts. Freiheit nicht zu verachten. näre schon rechtzeitig erinnern.

KOLUMNE
Der falsche
Wahlen als Sterndeutung Berater
Von Stephan Hebel

M itte der 1960er Jahre ist in der Bun-


desrepublik schon einmal über die
Einführung des Mehrheitswahlrechts ge-
HERFRIED MÜNKLER Preis, und der besteht darin, dass Parteien
und Kommentatoren nach der Wahl eine
unendliche Freiheit bei der Ausdeutung E in Innenminister hat viele Mög-
lichkeiten, die Freiheit zu verteidi-
So viele Optionen bei der
stritten worden; die Wahlrechtsreform bil- des Wählerwillens haben. Was hat er wohl gen, auch die Pressefreiheit. Er kann
dete eines der großen Reformprojekte, um Wahl, so viel Astrologie gemeint, der Wähler, das rätselhafte We- zum Beispiel Zurückhaltung üben bei
derentwillen die erste große Koalition, das zu Volkes Wille danach. sen? Die Wahlentscheidung als Ende des Eingriffen in die Privatsphäre der Bür-
Kabinett Kiesinger/Brandt, gebildet wor- Das Mehrheitswahlrecht Wahlkampfs wird dadurch infrage gestellt. ger, auch der Journalisten. Was er
den war. Teile der CDU waren es leid, dass Der Streit geht weiter; ging es vor der Wahl sein lassen sollte, das sind Ratschläge
die FDP mit weniger als zehn Prozent Stim- erscheint da verlockend. darum, Stimmen zu gewinnen, so jetzt, de- an die Presse, wie sie ihre Freiheit
menanteil die Richtung und Gangart der ren Bedeutung zu interpretieren. Je mehr nutzt und verteidigt. Solche Ratschlä-
Politik bestimmte. Als notorisches Züng- Parteien im Spiel sind, desto offener wird ge am selben Tag zu erteilen, an dem
lein an der Waage kam ihr unverhältnismä- kam. Aber auch in diesen Konstellationen der Ausgang. Der Wähler begleicht die Fül- das höchste Gericht die Freiheitsrech-
ßig viel Macht zu. Die SPD, die zunächst be- haben die kleinen Koalitionspartner einen le seiner Optionen mit einem Verlust an Ein- te gegen seine Politik schützen muss,
reit war, bei der Reform mitzumachen, er- relativ großen Einfluss, zumindest was die fluss. das ist realitätsblind oder skrupellos.
hielt dann aus der FDP Avancen, man kön- Vetoposition anbetrifft. Das ist im Mehrheitswahlrecht anders. Man kann darüber reden, ob es der
ne eine sozial-liberale Koalition bilden, Inzwischen haben sich durch die abseh- Hier hat der Wähler weniger Optionen, sei- richtige Weg für europäische Zeitun-
wenn die Wahlrechtsreform gestoppt wür- bare Etablierung der Linkspartei als fünfter ne Präferenzen zum Ausdruck zu bringen. gen wäre, die provozierenden däni-
de. Diese Aussicht war für die SPD verlo- Größe im Parteienspektrum die Verhältnis- In der Regel läuft es auf die Alternative ten- schen Mohammed-Karikaturen zu
ckender als die Perspektive auf einen lan- se erneut geändert. Daraus können neue denziell gleich starker politischer Lager hi- drucken, um gegen die Verfolgung ei-
gen Kampf um die Mehrheit bei einem Koalitionsmöglichkeiten, aber auch eine naus. Die Entscheidung, welches regiert nes Zeichners zu protestieren. Ob al-
strukturellen Übergewicht konservativer Blockade des Politikbetriebs erwachsen. und welches opponiert, fällt der Wähler. so Medien, als Symbol gegen die uner-
Wählerschichten. Das kann sich äußern in den „hessischen Im Mehrheitswahlrecht wird Ernst ge- träglichen Morddrohungen, gemein-
Damit war das Mehrheitswahlrecht vom Verhältnissen“, aber auch im Zwang zur Bil- macht mit der Formel, Demokratie sei die sam einen Gebrauch der Pressefrei-
Tisch, und die FDP blieb bis zum Ende der dung großer Koalitionen, wie er auf Bun- Wahl des kleineren Übels. Die Parteien wer- heit wiederholen sollten, den viele –
Kanzlerschaft Helmut Kohls der unverzicht- desebene wahrscheinlich ist. Damit ist die den sich darum so aufstellen, dass sie Mehr- auch die FR – für fragwürdig hielten.
bare Mehrheitsbeschaffer auf Bundesebe- Frage nach dem Mehrheitswahlrecht wie- heiten mobilisieren können. Dazu müssen Oder ob es andere Mittel zur Verteidi-
ne: Alle Regierungswechsel waren Folge ih- der auf dem Tisch. sie mehrheitsfähige Programme und Perso- gung dieser Freiheit gibt.
res veränderten Koalitionsverhaltens. Das zurzeit geltende Verhältniswahl- nen zur Wahl stellen. Das wäre eigentlich Ja, darüber kann man reden. Aber
Das hat sich mit dem Aufstieg der Grü- recht eröffnet dem Wähler viele Möglich- eine verlockende Perspektive. nicht mit dem Innenminister. Der
nen und der Bildung rot-grüner Koalitio- keiten, seinen politischen Willen differen- kann helfen, indem er freiheitliche Po-
nen geändert. Jetzt kam es darauf an, wel- ziert zum Ausdruck zu bringen. Aber die Herfried Münkler ist Professor für Politikwissen- litik betreibt. Und zur Frage, was Zei-
ches der beiden „Lager“ die Mehrheit be- vielen Optionen bei der Wahl haben ihren schaft an der Humboldt–Universität zu Berlin. tungen drucken sollten, schweigt.