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Thema

Menschenre
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Dafür lohnt
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Magazin der
Bundeszentra
politische Bild le für
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Nr. 29 / Win
ter 20 08
Editorial I n h a lt

Einführung

Ach ja, die Menschenrechte. War da was? Sie sind Besuch bei einer Dame . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
­gerade hier in Deutschland für viele eine juristische Wie die Deklaration vor 60 Jahren entstand
­Abstraktion geworden. Etwas, was so selbstverständ­
lich ist, dass kaum jemand sie genauer kennt. Die »Ein Mord ist ein Mord – ob in Ruanda oder hier«  . . 5
meisten nehmen an, dass sich im Zweifel schon jemand Interview mit dem Juristen und Politikjournalisten
kümmern wird – eine staatliche Stelle, ein Gericht Heribert Prantl
oder eine Organisation. Menschenrechte aber gelten
nur so lange und in dem Maße, wie sie als politische Gegen jeden Widerstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Forderung aktiviert werden können und aktiv bleiben. Wie Aufstände und Schlachten den Menschenrechten
Als Grundrechte haben Menschenrechte eine Allge­ zum Durchbruch verhalfen
meingültigkeit, die sie gefährlich und zugleich gefähr­
deter macht als andere Rechtstitel. Voller Einsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
Diese Menschen haben für ihre Rechte gekämpft
Sie sind gefährlich, weil sie unmittelbar plausibel sind.
Ihre Kraft kommt aus einem einfachen Gedanken:
Will ich so leben, wie es da beschrieben ist? Und das
immer wiederkehrende, millionenfache »Ja, natürlich!« 30 Menschenrechte
ist es, was diese Grundrechte zu einem Kraftquell für
die alltäglichen Kämpfe macht und die Macht derer
Bilder, Geschichten, Fakten . . . . . . . . . . . . . . . . 10 – 47
untergräbt, die gegen sie verstoßen.
30 Artikel zu 30 Menschenrechtsartikeln:
Wie sich ein schwuler Jugendlicher in Deutschland
Menschenrechte sind aber immer auch prekär. Nichts
fühlt, warum sich eine Frau vor Handystrahlung

BPBDEMENSCHENRECHTE
ist so leicht, wie solche Grundrechte im Allgemeinen
fürchtet, was ein Mädchen über ihre Gefängniszelle
anzuerkennen und im Konkreten zu verletzen. Unter
denkt und vieles mehr
Vorwänden, die gerade für die Mächtigen immer
wohlfeil sind. Und vollends wird ihnen die Grundlage
Centerfold . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
entzogen, wenn auch der Westen Menschenrechts­
Das Universum der Menschenrechtsorganisationen
verletzungen im Namen der Menschenrechte begeht.
auf einen Blick
m!LLE-ENSCHENSINDFREIUNDGLEICHAN7ÓRDEUND2ECHTENGEBORENn 60 Jahre nach der Verabschiedung der allgemeinen
!RTIKELDER$EKLARATIONDER-ENSCHENRECHTE Erklärung der Menschenrechte ist die Bilanz durch­
wachsen. Und die Aussichten auf Besserung sind vage,
aber es gibt sie. fluter hat das zum Anlass genommen,
Und zum Schluss …
die Artikel der Deklaration von 1948 mit Beiträgen
zu ihrer konkreten Wirklichkeit heute zu konfrontie­ Impressum / Bildnachweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
7EITEREBPB !NGEBOTEZUM4HEMA ren. Es ist ein Kaleidoskop der Widersprüche und
eine Aufforderung, sich nicht auf den vermeintlichen Index . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
-ENSCHENRECHTE .ACHGEFRAGT Automatismus des geltenden Rechts zu verlassen.
MILIT»RISCHSCHÓTZEN -ENSCHENRECHTE Denn sobald dieses Recht abstrakt bleibt, wird es Menschenrechte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
UND$EMOKRATIE schon unterlaufen. die es nicht (groß) ins Heft geschafft haben
)NDEN+RISENREGIONENDER
7ELTGER»TDIE:IVILBEVÍLKERUNG 7ASSINDEIGENTLICH
H»UüGZWISCHENDIE&RONTEN -ENSCHENRECHTE5ND Ideenlabor: DDR . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
Thorsten Schilling
LOKALERODERREGIONALER+ONČIK WIEH»NGENSIEMIT Zum Schießen: Ausgerechnet die ehemaligen Grenz-
TE7IESOLLDIEINTERNATIONALE UNSERER3TAATSFORM DER truppen der DDR reden über Menschenrechte
3TAATENGEMEINSCHAFTDARAUF $EMOKRATIEZUSAMMEN
REAGIEREN

Cover: Das Bild stammt aus einer Reportage des Fotografen Julian Röder
(Seite 32) und entstand auf dem 4. Weltsozialforum am 21.1.2004 in
Mumbai, Indien

WWWBPBDE Thema: Menschenrechte — 3


0OLITISCHES7ISSENIM)NTERNET
BESUCH BEI EINER DAME »Ein Mord
nun die Menschenrechte im Munde führen oder nicht.
Und diesen Maßstab haben nicht nur NGOs wie
amnesty in der Hand, dieser Maßstab liegt mittler­
so entstand vor 60 Jahren die Menschenrechtsdeklaration
t e x t: s U s a n n e K l I n G n e r
ist ein Mord – weile auch auf dem Tisch von Richtern, die das
Verhalten von Regierungschefs, von Ministern und
Militärs daran messen – freilich immer nur dann,

ob in Ruanda wenn deren Regime zusammengebrochen ist. Denken


Sie an die Gründung des Weltstrafgerichtshofs in Den
Haag, denken Sie an die internationalen Tribunale,

oder hier« welche die Verbrechen des Jugoslawienkriegs und den


Völkermord in Ruanda untersuchen und bestrafen.
ALS ELEANOR ROOSE­ der UN­Menschenrechtsabteilung. 1947 hat er seine Arbeit endlich voll­ Sicher: Strafe kommt immer zu spät. Aber solche Stra­
VELT, die Witwe des US­Prä­ Nachdem er den Auftrag erhalten endet. In insgesamt 48 Artikeln finden Der Rechtsexperte und Journalist Heribert fen können vielleicht abschreckend wirken und also
sidenten Franklin D. Roose­ hat, macht er sich sofort an die Ar­ sich die wichtigsten Menschenrechte. vorbeugende Kraft haben. Bisher war es so: Wenn
Prantl über die juristische Durchsetzbar-
velt an einem Sonntag im Jahre 1947 beit und zieht sich für eine Woche in Doch auch bei einer Menschrechtsde­ einer einen Menschen ermordet hat, kam er ins Ge­
zum Tee lädt, steht ihr nicht der Sinn ein Hotel zurück, um zu schreiben. klaration kann Unrecht geschehen: keit der Menschenrechte, deren Relativierung fängnis. Wenn einer Tausende von Menschen ermor­
nach Komplimenten für ihre Cookies, Er orientiert sich an früheren Ent­ John P. Humphrey soll später nicht in Deutschland und die Möglichkeiten für dete, wurden ihm die Türen zu den internationalen
sondern nach einer Veränderung der würfen, vor allem an dem des Ameri­ die ihm zustehende Anerkennung für jeden Einzelnen, sie zu stärken. Konferenzsälen geöffnet. Einen solchen verrückten
Welt: Roosevelt ist Vorsitzende einer can Law Institutes. Doch er hat auch seine Arbeit bekommen, seine Leistung Automatismus gibt es jetzt nicht mehr.
UN­Kommission, die an einer Erklä­ andere Inspirationsquellen: Juristen wird verschwiegen.
rung der Menschenrechte arbeitet. und Geistliche haben sich schon vor Dem Kommitee erscheint Hum­ Obwohl selbst die Staaten, die das Vertragswerk des
Nach den Schrecken des Zweiten ihm an der Formulierung der Men­ pheys Wurf zu unlogisch strukturiert. Gerichtshofes unterschrieben haben, schon Urteile
Weltkriegs soll es endlich einen Leit­ schenrechte versucht. Sogar der Als man sich im Juni 1947 zum ers­ Herr Prantl, müssen Sie als Jurist und früherer Staats- ignoriert haben.
faden geben, der das Handeln ten Mal offiziell trifft, bittet anwalt nicht Mitleid mit den Institutionen haben, die für Auch Staaten sind Pharisäer: Sie sehen den Balken
der Völker bestimmt. man den französischen Juris­ die Einhaltung der Menschenrechtsdeklaration kämp- nur im Auge der anderen. Das werden die sich lang­
Den ersten Schritt zu einer ten und Diplomaten René Cas­ fen? Schließlich gibt es kaum rechtliche Verbindlich- fristig aber nicht leisten können. Es geht nicht, dass
solchen Erklärung hatten am sin, um eine Überarbeitung. keiten und Sanktionen für die Nichtbeachtung. das Gericht nur den Halbmächtigen und den Exmäch­
14. August 1941 die USA und Als Cassin drei Tage später sei­ Mitleid? Eigentlich möchte man ja verzweifeln. Es tigen auf die Finger schaut, das wird sich sicherlich
Großbritannien unternommen, ne Arbeit vorlegt, besteht er gibt keine Exekutive, die Menschenrechte so schützt, entwickeln. So wie sich aus dem Nürnberger Kriegs­
als sie in der sogenannten darauf, Urheber des ersten Ent­ wie sie geschützt gehörten; es gibt keine staatliche verbrechertribunal nun allmählich das Weltgericht
»Atlantic Charta« beteuerten, wurfes einer Menschenrechts­ oder überstaatliche Gewalt, die sie konsequent vertei­ entwickelt.
sich für Menschenrechte ein­ erklärung zu sein, obwohl drei digt. Aber andererseits stellt man fest, dass sie trotz­
setzen zu wollen. US­Präsident Viertel seines Textes dem von dem Autorität haben, dass eine Akzeptanz für die Ist dieses Tribunal ein Vorbild für ein Weltgericht?
Roosevelt nannte als Grund­ Humphrey gleichen. Der Menschenrechte gewachsen ist, die man sich so vor Ja. Das Nürnberger Gericht wurde von den Siegern
rechte die Freiheit von Not schweigt – für die Sache. 60 Jahren nicht hätte vorstellen können. Die Papier­ des zweiten Weltkriegs eingesetzt. Darum wurde oft
und Furcht, den Zutritt zum Als Cassin aber 1968 den form der Menschenrechte ist vorzüglich. Und eine der Vorwurf erhoben, hier agiere eine Siegerjustiz,
Handel und bessere Arbeits­ Friedensnobelpreis bekommt, Zeit lang, zwischen dem Ende des Kalten Krieges und hier bestrafe man Dinge, für die die Rechtsregeln erst
bedingungen. vor allem für seine Leistung als dem Anschlag auf die Twin Towers im Jahr 2001, nachträglich geschaffen wurden. Dieser Vorwurf galt
Nach dem Zweiten Welt­ Ein großer Schritt für die Menschheit: Verfasser der Menschenrechts­ wuchs sogar ein Pflänzchen der Hoffnung aus den schon damals nicht, und heute gilt er erst recht nicht
krieg beschließen die noch jun­ Eleanor Roosevelt, die Witwe des US-Präsidenten erklärung, meldet sich Hum­ Jahresberichten von amnesty international. Das ist mehr. Es ist ja nicht so, dass die Menschenrechte vor
Franklin D. Roosevelt, mit der Deklaration
gen Vereinten Nationen, ihre phrey zu Wort und löst damit vorbei: Der amnesty­Jahresbericht von 2008 liest sich 60 Jahren auf einmal vom Himmel gefallen sind.
Menschenrechtskommission diplomatische Verwicklungen wie eine Ode der Resignation. Im »Kampf gegen den Menschenrechte waren schon vor der Allgemeinen
mit der Formulierung einer weltweit Schriftsteller und Pionier der Science­ zwischen Frankreich und Kanada Terror« leiden die Menschenrechte ganz furchtbar. Erklärung der Menschenrechte da. Lesen wir nach bei
gültigen »Bill of Rights« zu beauftra­ Fiction­Literatur H. G. Wells schrieb aus. Humphrey erhält sogar Aber es gibt auch Hoffnung: Vielleicht kann man es Friedrich Schiller, hören wir den Freiheitshelden
gen. Die Kommission besteht aus 18 seine Ideen dazu auf. Es ist ein Stoff, Drohanrufe. ja schon als Erfolg werten, dass China im Vorfeld der Wilhelm Tell: »Es gibt die ewigen Rechte, die hängen
Mitgliedern, darunter Eleanor Roo­ der die Welt bewegt. Nach insgesamt eineinhalb Jahren Olympischen Spiele nicht gesagt hat: »die Menschen­ irgendwo da oben. Und wenn ich nirgendwo anders
sevelt, der Diplomat und Philosoph Humphrey sind vor allem soziale Arbeit an der Erklärung wird endlich rechte akzeptieren wir nicht.« China hat ja eher um Recht finde, dann finde ich die bei den ewigen unver­
Peng­chun Chang und der libanesi­ und wirtschaftliche Rechte wichtig. am 10. Dezember 1948 in Paris die Verständnis geworben, dass das Land noch nicht »so äußerlichen Rechten …«
sche UN­Mitarbeiter Charles Malik. In einer Rede bezeichnet er das Pro­ 30 Artikel umfassende »Universal weit« ist. Das weckt die kleine Hoffnung, dass sich
Weil es aber bei der Formulierung der jekt als »revolutionär«, was ihm die Declaration of Human Rights« von die Menschenrechte nicht einfach in der Unverbind­ Das klingt sehr optimistisch. Gelten diese ewigen
Charta Differenzen zwischen Malik Kritik von konservativer Seite ein­ 48 Staaten verabschiedet. Acht Nati­ lichkeit auflösen, sondern dass sie eine innere Kraft Rechte nicht nur bis zum nächsten Notfall?
und Chang gibt, beschließen sie beim bringt – das UN­Menschenrechtspro­ onen enthalten sich, es gibt keine haben. Eine innere Kraft, die so groß ist, auch Länder Die ewigen Rechte Schillers – die haben sich materia­
Teetrinken in Roosevelts New Yorker gramm wolle Sozialismus oder gar Gegenstimme. zu ergreifen, die lange abseitsstanden. lisiert in diesen allgemeinen Menschenrechten des
Apartment am Washington Square, Kommunismus etablieren, heißt es. In Eleanor Roosevelts Memoiren Jahres 1948. Es gibt so was wie die normative Kraft
einen gewissen John P. Humphrey Humphrey selbst sagt später in einem von 1959 wird Humphrey als Autor Sie sehen die Entwicklung der Menschenrechte also des Normativen. Da sind Regeln, die erst Mal daste­
mit einem ersten Entwurf zu beauf­ Interview: »1948 wurden wirtschaft­ des ersten Entwurfes der Menschen­ durchaus als Erfolgsgeschichte. hen, aber im Laufe der Zeit prägen sie das Bewusst­
tragen. Der kanadische Jurist Hum­ liche und soziale Rechte als purer So­ rechtserklärung erwähnt, offiziell Sie werden in Serie verletzt. Aber: Sie sind der Maß­ sein, weil über sie immer und immer wieder geredet
phrey ist von 1946 bis 1966 Direktor zialismus angesehen.« Am 15. März bleibt Cassin der Verfasser. stab, an dem Regierungen gemessen werden, ob sie und debattiert wird.

4 — fluter Thema: Menschenrechte — 5


Werden im sogenannten Präventionskampf gegen den
Terror zu viele Rechte aufgeweicht, wenn es plötzlich
statt einer Unschuldsvermutung so etwas wie eine
Gegen jeden
Schuldvermutung gibt?
Die Menschenrechte verlieren im Kampf gegen den
Terror. Weltweit werden die bisherigen Fundamental­
gewissheiten unter Vorbehalt gestellt. Der Vorbehalt
Widerstand
lautet: Der rechtsstaatliche Katalog ist ja schön und
gut, aber nur solange er die Bekämpfung des Terroris­ Wie Aufstände und Schlachten
mus nicht behindert. Am weitesten geht und ging da­
bei die US-Regierung, dort ist der Rechtszerfall schon den Menschenrechten zum Durchbruch verhalfen
weit fortgeschritten: Wer echt oder vermeintlich in
den Dunstkreis des Terrorismus gerät, ist nahezu T e x t: Fa b i a n D i e t r i c h

vogelfrei.
Im Grunde ist die Geschichte der Men- um die Menschenrechte erst mit der und »Streben nach Glück« – eine Idee
Wer kann gegen die Art der Zuteilung von Menschen- schenrechte eine Geschichte immer Französischen Revolution auf. Fest Immanuel Kants – schrieben sie auch
recht etwas unternehmen? wiederkehrenden Zorns. Sie handelt von steht, dass sich die Griechen sehr inten­ freie Wahlen in ihren ersten Verfas­
Heribert Prantl ist Leiter des Ressorts
In den vergangenen Jahren war in Deutschland das der Verzweiflung machtloser Menschen, siv mit der Rolle des Individuums in der sungsdokumenten nieder.
Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung und Bundesverfassungsgericht der Garant der Menschen­ von Niederlagen, aber auch von hart er- Gemeinschaft auseinandersetzten und Nur wenig später, 1789, griffen auf
war Lehrbeauftragter an der Fakultät für rechte, der Garant der Grundrechte, der Garant des kämpften Siegen und Revolutionen. Seit zeitweise auch demokratische Regie­ der anderen Seite des Atlantischen Oze­
Rechtswissenschaft der Universität Bielefeld.
Seine geharnischten, scharf formulierten
Rechtsstaates. Die Grund- und die Menschenrechte Jahrhunderten flammt die Idee univer- rungsformen einführten. Doch ganz so ans Bürgermilizen Waffenlager und Mi­
Leitartikel haben ihn zu einer Instanz im haben kaum noch einen parteipolitischen Hüter. Da seller Rechte immer wieder dort auf, wo ideal waren die Verhältnisse aus heuti­ litärstellungen an, um sich gegen die
deutschen Journalismus gemacht. muss auch die Bürgergesellschaft höllisch aufpassen, die Unterdrückung groß ist. Martin Lu- ger Sicht nicht. Frauen und Sklaven hat­ Ausbeutung durch den französischen
sie muss der Wächter der Bürger- und Menschenrech­ ther King, der für die Gleichberechti- ten damals nämlich keinerlei Rechte. König zu wehren. In der französischen
te sein, darf das nicht nur dem Verfassungsgericht gung von Afroamerikanern kämpfte, die Es dauerte von Platon aus gesehen Nationalversammlung verabschiedeten
Sind Artikel, in denen ein Recht auf bezahlten Urlaub überlassen. chinesischen Demonstranten, die auf etwa 1.500 Jahre, bis erstmals ein Vor­ die Revolutionäre eine »Erklärung der
eingeklagt wird, nicht sehr naiv, wo die Menschen an- dem Platz des Himmlischen Friedens läufer der Menschenrechte in einem Menschen- und Bürgerrechte«, die radi­
dernorts nicht mal etwas zu essen haben? Wer ist die Bürgergesellschaft? Demokratie forderten, aber auch Schü- modernen Verfassungsdokument auf­ kaler war, als alles bisher. Das Recht
Die Länder der Dritten Welt weisen schon lange dar­ Sie sind es, ich bin es, wir sind es. Jeder hat seine ler und Studenten, die heute für bessere tauchte. Damals wurde Europa von ab­ auf Freiheit, Sicherheit und Widerstand
auf hin, dass sie noch vor den Freiheitsrechten das Möglichkeiten, auf die Menschenrechte zu achten – Bildung auf die Straßen gehen – sie alle solutistischen Herrschern regiert, die gegen Unterdrückung wurde nicht nur
Recht auf Zugang zu den natürlichen Ressourcen als Lehrer in der Schule; als Schüler und Student, der entwickelten die Idee der Menschen- zwar einzelnen Ständen in der Gesell­ für Franzosen, sondern für alle Men­
­sehen, das Recht auf Nutzung der eigenen Boden­ seinem Abgeordneten schreibt, der im Internet disku­ rechte zu unterschiedlichen Zeiten und schaft Rechte zusprachen, aber niemals schen aller Länder und Staatsformen
schätze, die andere ausbeuten. tiert; als Kunde im Supermarkt, der bewusst einkauft an unterschiedlichen Orten fort. auf die Idee gekommen wären, jeden ih­ niedergeschrieben. Doch die Jahre der
und auf Fairtrademarken achtet. Es gibt nicht nur die rer Untertanen gleich zu behandeln. Französischen Revolution entpuppten
Ohne Leben ist Würde ja nicht möglich. Macht des Wählers, sondern die Macht des Konsu­ Natürlich gibt es auch immer wieder Doch in England brodelte es um 1215 sich als Jahre des Mordens und der Ge­
Wir kennen ja den Satz von Brecht aus der Dreigro­ menten, des Verbrauchers, die man organisieren kann. Rückschläge und vor allem Opfer – herum. Die Barone stritten mit dem Kö­ walt. Als die Schriftstellerin Olympe de
schenoper: »Erst kommt das Fressen, dann die Mo­ Der Satz, dass man eh nichts machen kann, der beim Tian‘anmen-Massaker gingen die nig und erkämpften sich schließlich die Gouges darauf hinwies, dass die Frauen
ral.« Das ist aber auch ein gefährlicher Satz; wenn stimmt nicht. Es gibt wunderbare, starke Bürgeriniti­ chinesischen Machthaber 1989 mit Magna Charta, die erstmals festlegte, noch immer keine Rechte hatten, wurde
dann ein Regime sagt: Wir geben euch zwar zu essen, ativen, es gibt kluge Blogs im Internet. Lassen Sie Panzern gegen die Demonstranten vor, dass kein freier Mann ohne Gerichtsur­ ihr von den Revolutionären der Kopf
aber wir enthalten euch alle Freiheiten vor. mich es ganz einfach und zugleich ein wenig feierlich sie töteten viele Hundert Menschen und teil eingesperrt werden durfte. Knapp auf der Guillotine abgeschlagen.
sagen: Die Menschenrechte sind so stark, wie wir sie erstickten so die Demokratiebewegung. 400 Jahre später wurden diese Rechte Kaum hundert Jahre später tauchte
Sie fordern in Ihren Artikeln immer wieder die Beach- machen. Den Menschen in der DDR jedoch ge­ in der sogenannten Habeas-Corpus-Ak­ ein neues Problem auf. Es war die Zeit
tung der Grundrechte, die ja ein Teil der Menschen- lang im selben Jahr ihre friedliche Re­ te noch einmal verstärkt. Seitdem war der Industrialisierung – in immer grö­
rechte sind. Wo sehen Sie da hierzulande Defizite? Welche Menschenrechte würden Sie sich noch volution. Der Historiker Michael Geyer jeder Untertan der englischen Krone vor ßer werdenden Fab­riken schufteten
Unser Verhalten erinnert mich gelegentlich an den wünschen? sagt deshalb, die Menschenrechte wüch­ willkürlicher Verfolgung geschützt. Menschen für Hungerlöhne, ohne recht­
selbstgefälligen Herrn im Lukas-Evangelium, der so Es muss ein Menschenrecht auf Zugang zum Internet sen nicht kontinuierlich, sondern ähn­ Die bislang wohl wichtigste Epoche lich geschützt zu sein. Die Unterdrü­
schön sagt: »Gott, ich danke dir, dass ich nicht so geben: Es geht um die weltweite Kommunikation der lich wie die Wirtschaft in zyklischen Be­ der Menschenrechte war jedoch das 18. ckung durch den Staat war auf einmal
schlimm bin wie die anderen.« Natürlich müssen wir Menschen miteinander. Das Internet-Menschenrecht wegungen. Man könnte auch sagen, sie Jahrhundert. Wenn man so will, gab es nicht mehr die alleinige Quelle der
uns fragen: Wie gehen wir hierzulande mit Flüchtlin­ gibt es aber eigentlich schon, es gehört zum Kern der sind wie Lava, die immer wieder heftig damals gleich mehrere heftige Eruptio­ ­Unfreiheit, die Machtverhältnisse be­
gen um? Was passiert in den Abschiebegefängnissen? sozialen Freiheits- und Menschenrechte – man muss und an verschiedenen Stellen ausbricht, nen und Lavaströme. Innerhalb von nur gannen zu zersplittern. Als Gegenpol zu
Oder: Warum werden hier Obdachlose, warum wer­ diese Rechte nur neu interpretieren. Früher hat man dann voranströmt, die Erde verformt wenigen Jahren entstanden zwei der Fab­rikbesitzern und Industriellen ent­
den hier Ausländer überfallen? Warum tut denn der gesagt, Freizügigkeit ist das Recht der Menschen, sich und irgendwann erkaltet. Die Anfänge wichtigsten Menschenrechtsdokumente stand in Deutschland die Arbeiterbewe­
Staat nicht genug, um ausreichend Schutz zu gewäh­ frei zu bewegen. Zu dieser Freiheit der Bewegung ge­ dieses durch die Weltgeschichte fließen­ der Neuzeit. Die Siedler in Amerika be­ gung, aus der die heutige SPD hervor­
ren? In Deutschland werden Menschen ermordet, hört auch die virtuelle und intellektuelle Freiheit, den Lavastroms sind schwer auszuma­ freiten sich 1776 von ihrem Mutter­ ging. Deren Kampf richtete sich nun
weil sie eine andere Hautfarbe haben – Mord ist dazu gehört auch das Recht, via Internet mit jeman­ chen. Manche sagen, die Grundlagen land, da sie die Herrschaft der briti­ verstärkt auf die wirtschaftlichen und
Mord, ob er nun in Ruanda geschieht oder hier. Der dem in Peking oder Mombasa zu skypen. wurden schon von den Philosophen der schen Krone als willkürlich und sozialen Rechte wie angemessene
Rassismus ist nicht besser, wenn er in Deutschland griechischen Antike gelegt. Andere sa­ anmaßend empfanden. Neben den un­ ­Mindestlöhne, ausreichend Freizeit und
sein Unwesen treibt. I n t e r v i e w: O l i v e r G e h r s gen, so richtig Fahrt nahm der Kampf veräußerlichen Rechten wie Freiheit Zugang zu Bildung.

6 —  f luter Thema: Menschenrechte — 7


Es ist bemerkenswert, dass die individu­ phe der menschlichen Geschichte und liches Dokument, das sich wie flüssige
ellen Freiheitsrechte nur wenig später in der größte Sieg der Menschenrechts­ Lava über die historischen Schichten
manchen Ländern in Vergessenheit ge­ idee. Nachdem im Zweiten Weltkrieg, legte. Doch anzunehmen, dass es einen
rieten. Die Revolutionäre in Russland den Deutschland 1939 begonnen hatte, automatischen Mechanismus von Akti­
propagierten 1917 die sozialen Rechte halb Europa zu Trümmern geschossen on und Reaktion gäbe, wäre von Grund
der Arbeiter, doch sie forderten im und 55 Millionen Menschen gestorben auf falsch. Egal ob in politischen Gre­
Gegenzug, dass sich jeder Einzelne dem waren, war die Einsicht innerhalb der mien, in Hörsälen, Fabriken oder auf
Kollektiv unterordnen müsse. Auch in neu gegründeten UNO groß, dass nur der Straße – ohne den Widerstand und
Nazi­Deutschland zählte der Einzelne ein Dokument wie die Allgemeine Er­ den Kampf Einzelner bewegte sich nie
nicht viel. Die rassistisch überhöhte Idee klärung der Menschenrechte ein klares etwas voran.
einer Volksgemeinschaft diente im Bekenntnis gegen einen mordenden und
wahrsten Sinne des Wortes als Tot­ unterdrückenden Staat sein könnte.
schlagargument gegen Andersdenkende Es war wie so oft in den vergange­
und Minderheiten. Was folgte, waren in nen Jahrhunderten: Auf die politische
kurzen Abständen die größte Katastro­ Krise folgte ein neues menschenrecht­

Voller Einsatz
Diese Menschen haben für ihre Rechte gekämpft

Platon (1) Vor knapp 2.500 Daw Aung San Suu Kyi (3) Ngawang Sangdrol (5) ist den Terror der Nationalsozia-
Jahren fragten sich Platon und ist die Anführerin im gewaltlo- eine buddhistische Nonne, die listen auf. Leider wurden sie
Aristoteles, was den Mensch sen Kampf gegen das Militär- sich seit ihrer Kindheit für die nicht erhört: Im Februar 1943
zum Menschen macht. Sie regime in Myanmar. Die Politi- Unabhängigkeit Tibets von lieferte Jakob Schmid, der
entdeckten die Vernunft, die kerin setzt sich seit den späten China einsetzt. Als sie das Hausmeister der Münchener
den Menschen von anderen 1980er-Jahren für Demokratie erste Mal von chinesischen Universität, sie an die Gesta-
Lebewesen unterscheidet, ein. Dabei wurde sie einmal Behörden verhaftet wurde, po aus.
und untersuchten, wie er sich beinahe von einer Armeeein- war sie erst 13 Jahre alt. Mit
am besten in der Gemein- heit erschossen, die Gewehre 15 sperrte man sie in Lhasas Olympe de Gouges (7) wur-
schaft mit anderen verwirk- waren schon auf sie gerichtet. berüchtigtes Drapchi-Gefäng- de gegen ihren Willen verhei-
lichen kann. Ob den beiden Obwohl sie 1991 den Frie- nis. Eigentlich sollte sie nach ratet, als sie sechzehn war. Als
die modernen europäischen densnobelpreis erhielt, steht drei Jahren freikommen, doch der verhasste Ehemann 1766
Staaten gefallen hätten, ist sie bis heute unter Hausarrest weil sie in Haft ein Unabhän- starb, zog sie nach Paris und
schwer zu sagen. Die Demo- und ist völlig von der Außen- gigkeitslied sang und weiter- begann dort Aufsätze und
kratie als Regierungsform welt abgeschnitten. hin Freiheit für Tibet forderte, Theaterstücke zu schreiben.
lehnten Platon und Aristoteles wurde die Strafe um acht Jah- In ihren Texten setzte sie sich
nämlich rigoros ab. Mahatma Gandhi (4) war re verlängert. Die Chinesen für Minderheiten ein, forderte
der Kopf der indischen Unab- erlaubten ihr 2003, aus ge- die Abschaffung der Sklaverei
Nelson Mandela (2) kämpfte hängigkeitsbewegung. Er sundheitlichen Gründen das und gleiche Rechte für Frau-
gegen das rassistische Apart- überzeugte seine Anhänger, Land zu verlassen. Heute ar- en. Von ihr stammt auch die
heidregime in Südafrika. Mit die Brutalität der Polizei und beitet Ngawang Sangdrol in 1791 verfasste »Erklärung der
24 Jahren trat er dem African Soldaten nicht mit Vergeltung den USA. Rechte der Frau und Bürge-
National Congress bei, einer zu beantworten und gewalt- rin«. Olympe de Gouges wag-
Organisation, die für die freien Widerstand zu leisten. Sophie Scholl (6) war erst te es, sich in den Jahren der
Gleichberechtigung kämpfte. Die Unabhängigkeit von den 21 Jahre alt, als sie starb. Sie Französischen Revolution für
Er wurde schließlich wegen britischen Kolonialherren er- wurde genau wie ihr Bruder direkte Volkswahlen einzuset-
der Vorbereitung bewaffneten reichten die Inder 1947. Doch Hans Scholl und die meisten zen und Marat und Robes-
Widerstands verurteilt und 28 Gandhi konnte sich nicht lang anderen Mitglieder der Wider- pierre zu verhöhnen. Die Jako-
Jahre lang eingesperrt. Nach über seinen Sieg freuen. Er standsgruppe Weiße Rose biner ließen sich das nicht
dem Ende der Apartheid wur- wurde 1948 von einem fanati- von den Nationalsozialisten gefallen: 1793 richteten sie
de Nelson Mandela 1994 der schen Hindu ermordet, weil er hingerichtet. Auf heimlich ver- Olympe de Gouges mit der
erste schwarze Präsident versucht hatte, Hindus und breiteten Flugblättern riefen Guillotine hin (Fig:A).
Südafrikas. Muslime zu versöhnen und die die Scholls und ihre Mitver-
Unberührbarkeit abzuschaffen schwörer zum Widerstand ge- Illustration: Jakob Hinrichs
(Artikel 1; S. 10). gen die Unterdrückung und Sammlung: Patricia Dudeck,
Fabian Dietrich

8 — fluter
Auf den nächsten Seiten geht es um eine Frau, Studienplätze haben eine kleine Dalit­Oberschicht her­
vorgebracht und Erfolgsgeschichten gefördert. Diese
stärken den Stolz der Kaste. So stellten Unberührbare
die sich vor Handystrahlung fürchtet, bereits einen Staatspräsidenten, den Chef des Verfas­
sungsgerichts und Spitzenmanager der Zentralbank.
einen Jungen, der nach Diamanten schürfen musste, Und dennoch besteht das Kastenwesen weiter – als eines
der perfidesten sozialen Unterdrückungssysteme, das

einen cholerischen Sheriff in Minneapolis, ein


Menschen hervorgebracht haben: Es ist religiös ver­
brämt, kulturell über Jahrtausende eingeübt und lässt
sich nicht einfach per Gesetz abschaffen. »Es sitzt tief in
Mädchen in einer Zelle und 26 andere Geschichten. unserer Nation, wie ein Krebsgeschwür«, schimpft
Anand Kumari, ein Dalit­Lehrer aus Bihar, »und es hält

Zu jedem Menschenrechtsartikel eine. Millionen in der Armutsfalle fest.«


Das Kastenwesen verteilt Bildungschancen extrem
ungerecht, es zwingt Menschen in Dorf­ und Stadtgettos
zu leben. Es liefert die Schwächsten und Ärmsten will­
kürlicher Gewalt aus. Als Folge zementiert das Kasten­
wesen ökonomische und soziale Hierarchien. Politisch
allerdings hebeln regelmäßige Wahlen seine Kontroll­
funktion zunehmend aus: Als sich ihr Schicksal nicht
wenden wollte, gründeten die Anführer benachteiligter
Kasten statt militanter Guerillaarmeen lieber eigene Par­
teien und bliesen zum Sturm auf die Institutionen. Ma­
selbst, um den von Mahatma Gandhi geprägten Euphe­ yawati Kumari avancierte zur mächtigsten Vertreterin
mismus »Harijan« (Götterkinder) zu vermeiden. Denn einer neuen Politelite, die wichtige Bundesstaaten be­
der Urmensch »Brahma«, aus dem die vier sogenannten herrscht und auf nationaler Ebene oft das Zünglein an
»Varnas« entsprungen sind, die grobe Einteilung in ge­ der Waage ist, wenn Mehrheiten gefunden werden
das ist Gu t so
sellschaftliche Gruppen, meinte es nicht besonders gut müssen.
Marius ist 18 und schwul – seit einem Jahr. Hier erzählt er,
mit den Dalits. Er schuf die Priester aus seinem Mund, Anders als Barack Obama wäre Kumari allerdings kei­ was anders wurde.
die Krieger aus seiner Schulter, die Händler aus dem ne Versöhnungsfigur für ein sozial tief zerrissenes Land.
Schenkel und die Diener aus seiner Fußsohle – doch die
Dalits rangieren noch tiefer, sie fallen als Kastenlose aus
Der US­Präsident spielte im Wahlkampf seine Rasse
herunter und fokussierte die Debatte auf Themen wie 2 Dass manche mit ihrem Coming­out als Schwu­
ler zögern, finde ich verständlich, denn es
diesem Gesellschaftssystem des Hinduismus heraus, und Wirtschaft, Irakkrieg und Gesundheitsversorgung. In braucht schon Mut dazu und es kommt darauf
manchen galten sie früher nicht als vollwertige Men­ seiner Person kann Amerika heute Rassenschranken an, in welchem Umfeld man lebt. Aber es ist nicht so
schen. In der traditionellen Hindugesellschaft mussten überwinden und sich dabei gut fühlen. Mayawati schlimm, wie man vielleicht denkt, manche Leute ma­
sie die Arbeiten verrichten, die höheren Kasten verboten Kumari polarisiert dagegen. Sie und andere Unter­ chen sich vorher zu viele negative Gedanken. Deutsch­
sind: tote Tiere entsorgen, Leder gerben, Toiletten und schichtenführer heben ihre Kaste und deren Unterdrü­ land ist ja ziemlich fortschrittlich, was die Rechte von
Indiens Antwort auf Obama? Mayawati Kumari die Kanalisationen reinigen. Dies führte zum Glauben, ckung bei jeder Gelegenheit aggressiv hervor. Ihre Schwulen und Lesben angeht. Natürlich gibt es ein paar
schon die Berührung mit ihrem Schatten könne Kasten­ Macht gründet sich ja gerade auf den Stimmen der Länder, wo die Situation besser ist, aber noch viel mehr
hindus spirituell verunreinigen. Daraus erwuchs schließ­ Benachteiligten. Zugleich ist Emanzipation an der Staaten, wo Schwule unterdrückt werden. Der Vater
h au i n di E k ast En
lich ein komplexes System der Segregation, das Dalits Wahlurne ein mühsamer, generationenübergreifender meines Freundes, der inzwischen mein Exfreund ist,
Tausend Mal unberührt: In Indien drängen die Unterdrückten
in die Politik.
eigene Wohngebiete, Quellen, Badeorte und Tempel Prozess – sowie auch unberührbare Politiker nicht ge­ stammt aus Tunesien. Dort ist Homosexualität sogar il­
zuwies. gen die Versuchungen der Macht gewappnet sind. So legal, Schwule und Lesben können zu drei Jahren Ge­

1 In Indien fand Barack Obamas Wahlsieg ein ganz


besonderes Echo: Seitdem debattiert die größte
Auf diese Weise werden bis heute rund 175 Millio­
nen Dalits diskriminiert, dabei hatte die junge Nation
regte sich gegen Kumari Kritik, weil sie mit Steuergel­
dern in Uttar Pradesh Statuen aufstellen ließ, die sie
fängnis verurteilt werden. In so einem Land könnte ich
nicht leben. Als Heterosexueller macht man sich über
Demokratie der Welt, wann einer ihrer Außensei­ 1950 eine visionäre Verfassung erhalten und als erstes selbst darstellen. Ihre Parteianhänger aber freuen sich so was ja gar keine Gedanken.
ter das Land führen wird, und ob es vielleicht schon bei großes, armes Land den direkten Sprung aus der Koloni­ diebisch über den pikierten Aufschrei der Elite und ver­ Ich bin noch gar nicht lange schwul. Zumindest
den nächsten Parlamentswahlen Anfang 2009 so weit alherrschaft hinein in die Demokratie gewagt. Indiens weisen darauf, dass sich ihre Hoffnungsträgerin um habe ich es lange Zeit gar nicht gemerkt. Meinen ersten
ist. Denn unter den drei Kandidaten mit Aussicht auf Verfassungsväter schrieben gleich zwei Artikel nieder, bessere Schulen bemüht, die Infrastruktur verbessert Mann habe ich erst vor einem Jahr kennengelernt. Ich
das Amt des Premiers ist auch Mayawati Kumari, die die damit Schluss machen sollten, dass das Kastenwesen und die Wirtschaft liberalisiert. Zudem bekommen war 17 und hatte mich ein paar Wochen zuvor von mei­
»Königin der Dalits« – der Unterdrückten. Schon jetzt die Gesellschaft in Menschen mit und ohne Rechte teilt: neue Politikertalente in ihrer Partei eine Chance. Denn ner Freundin getrennt. Auch wenn ich vorher nicht
regiert Kumari den mit 190 Millionen Einwohnern be­ »Jede Diskriminierung aufgrund von Religion, Rasse, wenn Kumari der Aufstieg zur Regierungschefin miss­ dachte, dass ich schwul sein könnte, war doch schnell
völkerungsreichsten Bundesstaat Uttar Pradesh. »Nichts Kaste, Geschlecht oder Geburtsort ist verboten«, heißt lingt, könnte irgendwann einer ihrer Zöglinge das Pro­ klar: Das ist das, was mir immer gefehlt hat. Ich war
kann mich davon abhalten, Regierungschefin zu wer­ es in Artikel 15, und Artikel 17 verkündet noch einmal jekt »change« in Indien vollenden. sehr froh.
den«, sagt die 52­jährige Juristin siegessicher. gesondert: »Die Unberührbarkeit ist abgeschafft und Text: Oliver Müller Zuerst habe ich es meiner besten Freundin erzählt,
Ein Dalit an der Macht wäre für Indien eine noch ihre Praxis in jeder Form verboten.« Tatsächlich hat sich die das cool aufgenommen hat, sie hatte es schon ver­
Artikel 1: alle Menschen sind frei und gleich an würde und rechten geboren. sie
viel größere Revolution, als ein schwarzer Präsident in die Lage der Dalits im Vergleich zur Kolonialzeit deut­ sind mit vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der brüder­ mutet. Dann habe ich es auch meinen Klassenkamera­
den USA. »Unterdrückte« – so nennen sich die Dalits lich gebessert. Quoten für Stellen im Staatsdienst und lichkeit begegnen. den erzählt. Zu meinen Eltern habe ich nur sehr wenig

10 — fluter Thema: Menschenrechte — 11


Kontakt, denn es gab immer Stress mit meinem Vater, Techniker von T­Mobile entwickelt. Zwar gibt es keine
weshalb ich mit 16 von zu Hause abgehauen bin und Studien, die beweisen, dass Handys Krebs erzeugen,
im Heim gelebt habe. Meiner Mutter habe ich das mit aber Ärzte warnen vor allem Kinder und Jugendliche
meinem Schwulsein bei einem Termin mit dem Jugend­ vor deren Gebrauch. In Schweden wird Elektrosensibi­
amt gesagt. Sagen wir mal so: Sie hat es gefasst aufge­ lität sogar als Krankheit betrachtet. Laut Bundesamt
nommen. Wie mein Vater reagiert hat, weiß ich nicht. für Strahlenschutz (BfS) liegt die Mobilfunkabdeckung
Weil ich aber seine schwulenfeindlichen Kommentare in Deutschland mittlerweile bei 99,1 Prozent. Einer
noch von früher kenne, denke ich mir, dass er damit sei­ Studie zufolge sind etwa 25.000 Elektrosensible wie
ne Schwierigkeiten haben wird. Er hat mich schon im­ Sohmer quer durch die Republik unterwegs. Auf der
mer schlecht behandelt. Seit ich denken kann, hat er Suche nach den letzten Funklöchern.
meinen jüngeren Bruder vorgezogen und keine Gelegen­ Text: Oliver Gehrs
heit ausgelassen, mich fertigzumachen. Alles in allem
Artikel 3: Jeder hat das recht auf leben, Freiheit und sicherheit der Person.
gab es nur wenige negative Reaktionen bis heute – ein
paar blöde Bemerkungen auf der Straße, wenn ich
Hand in Hand mit meinem Freund unterwegs war.
Heute kommt es mir so vor, als sei ich schon immer
sChürFWundEn
schwul gewesen. Protokoll: Hans-Hermann Kotte
Weltweit sollen bis zu 27 Millionen Menschen in
Artikel 2: Jeder hat anspruch auf die in dieser erklärung verkündeten rechte und vollkommener Abhängigkeit gehalten werden – darunter war auch
Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach rasse, hautfarbe, Ge­ Aruna aus Sierra Leone.
schlecht, sprache, religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler

4
oder sozialer herkunft, vermögen, Geburt oder sonstigem stand. Des weiteren Am 6. Januar 1999 kehrte mit den Rebellen der
darf kein Unterschied gemacht werden aufgrund der politischen, rechtlichen oder
internationalen stellung des landes oder Gebiets, dem eine Person angehört, Revolutionären Vereinigten Front (RUF) die
gleichgültig ob dieses unabhängig ist, unter treuhandschaft steht, keine selbstre­ Sklaverei nach Freetown zurück. Tagelang
gierung besitzt oder sonst in seiner souveränität eingeschränkt ist. folterten und massakrierten sie die Bewohner der
sierra­leonischen Hauptstadt, vergewaltigten Frauen
und Mädchen. Sie hinterließen ausgebrannte Häuser,
zahllose Verstümmelte und mehr als 4.000 Tote. Viele
Rebellen waren Kinder und Jugendliche, die aus ihren Eine Zukunft ohne Töten: Aruna Koroma auf seinem Motorradtaxi
iM WEndEkrEis dEs krEBsEs
Dörfern, von ihren Familien entführt und zu Tötungs­
Diese Frau fürchtet sich vor Handystrahlung.
maschinen im Kampf gegen die Regierung abgerichtet brachte man die Gefangenen zum Kommandeur. Es langen Pausen machen und die Diamanten nicht in die
worden waren. Moderne Sklaven, die die nächste Gene­ folgten drei Monate Training, Vorbereitung auf den eigene Tasche stecken. »Es war nicht mein Wille, ich
ration von Kindern versklavten. Kampf: Die Jungen lernten, die Kalaschnikow ausei­ musste bleiben und es tun«, sagt er. Weglaufen konnte
Bittere Ironie, dass Freetown 1787 mit der Idee ge­ nanderzunehmen, Hinterhalte zu legen, vorzurücken er nicht. »Wenn sie einen Verdacht haben, dann fesseln
gründet worden war, eine »Provinz der Freiheit« für und den Feind anzugreifen. Dann ging es los. Von Dorf sie dich und machen etwas, was du nie wieder vergisst.«
freigelassene Sklaven zu schaffen. Im folgenden Jahr­ zu Dorf, von Kampf zu Kampf Richtung Freetown. Die Viele Jahre vorher, als er zusehen musste, wie sie seinen
hundert fanden tatsächlich ehemalige Leibeigene aus jungen Krieger schnieften Schießpulver mit Kokain ver­ Freund misshandelten, hatte er sich endgültig gefügt.
England, dem kanadischen Nova Scotia und Jamaika mischt. »Das spornte uns an«, beschreibt Aruna. »Wir Heute, sechs Jahre nach Kriegsende, fährt Aruna
hier eine neue Heimat. Doch an jenem 6. Januar 1999 hatten dann keine Angst mehr.« Lebensmittel besorgten Motorradtaxi in Kenema. Er und seine Kollegen – viele
kam die Sklaverei in einem modernen Gewand zurück: sie sich in den Dörfern, die sie überfielen und danach sind wie er demobilisierte Kindersoldaten, – arbeiten
in Form einer Armee, die ihre Schlagkraft und Brutali­ anzündeten. Wie viele Menschen Aruna umgebracht für einen neuen »Boss«, der ihnen die Hondas zur Ver­
tät aus der Ausbeutung von Kindern bezog. hat, weiß er nicht mehr. fügung stellt. Tag und Nacht warten die auf Kunden,
Einer von ihnen war der damals 20­jährige Haupt­ In den letzten Kriegsjahren zogen sich die RUF­Re­ von Samstag bis Donnerstag. Kurze Nickerchen auf
mann Aruna Koroma, der an jenem Tag bereits auf eine bellen in die Diamantengebiete im Osten des Landes dem Motorrad ersetzen den Schlaf. »Das haben wir da­
siebenjährige Militärlaufbahn zurückblicken konnte. zurück. Der Verkauf der Diamanten über das Nachbar­ mals im Busch auch so gemacht«, sagt Aruna. Nur frei­
Der junge Mann mit den müden Augen eines Sechzig­ land Liberia und dessen Staatschef Charles Taylor si­ tags nimmt er sich frei, um in die Moschee zu gehen.
jährigen lebt heute im Osten des Landes, nur 60 Kilo­ cherte den Waffennachschub. Hauptmann Aruna Koro­ Hat der 29­Jährige seinen Platz gefunden? Er wünscht
meter entfernt von seinem Heimatort an der guinei­ ma erhielt den Auftrag, eine fünfköpfige Arbeiterkolonne sich ein »ganz normales Leben«. Die Arbeit hilft. »Wenn
schen Grenze, wo der Albtraum begann. »Wenn ich in einer Diamantenmine zu beaufsichtigen. »Wir holten wir arbeiten, haben die Menschen keine Angst vor uns.«
träume, bin ich wieder mittendrin«, erzählt Aruna, den die Männer aus den Dörfern und sagten ihnen, dass sie An guten Tagen verdient er 15.000 Leones, das sind rund
noch heute die Bilder toter Kameraden und verstüm­ für uns arbeiten müssen«, erzählt er. Die Männer stan­ vier Euro. Das sei ein gutes Einkommen, sagt er und rei­
melter Dorfbewohner quälen. »Jeden Morgen bitte ich den fortan von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang im che für seine Frau und die kleine Tochter. Zum ersten Mal

3 Suzanne Sohmer gehört zur Gruppe der Elekt­


rosensiblen. Das heißt: Die Strahlung von Mo­
Gott um Verzeihung.«
Aruna war auf dem Heimweg von der Schule, als
knietiefen Wasser. Zwei schaufelten den Sand heraus,
ein weiterer – meist ein Kind – schleppte ihn zum Ins­
zeigt sich der Anflug eines Lächelns in Arunas Gesicht.
»Meine Tochter soll später zur Schule gehen. Sie soll nie­
bilfunkantennen beeinträchtigt ihre Gesundheit. die RUF­Rebellen kamen. »Die Älteren rannten weg, pektionsplatz, und die anderen wuschen ihn dort in mals etwas Ähnliches erleben.« Der ehemalige Sklave will
Etwa sechs Prozent der deutschen Bevölkerung über 14 aber wir Kinder waren nicht so schnell«, erinnert er großen Sieben. »Der Boss sagte mir, was ich tun muss ein Leben in Freiheit. Wie seine Vorfahren vor über 200
Jahre reagieren mit starken körperlichen Symptomen, sich und streicht sich über das Haar. Sie nahmen Aruna und kontrollierte, ob ich es so mache, wie er es ver­ Jahren. Text: Michaela Ludwig
wenn sie hochfrequenter Strahlung ausgesetzt sind. Der und die anderen gefangen. Zum Rebellenlager mussten langt.« Das bedeutete: mit der Kalaschnikow in der Artikel 4: niemand darf in sklaverei oder leibeigenschaft gehalten werden;
Anzug, den Sohmer trägt, wurde ursprünglich für die sie zwei Stunden durch den Busch marschieren. Dort Hand aufzupassen, dass die Männer nicht fliehen, keine sklaverei und sklavenhandel sind in allen ihren Formen verboten.

12 — fluter Thema: Menschenrechte — 13


5 F o l t e r me t h o d e n i n C h i n a
Viele dieser Methoden finden auch woanders Anwendung. So wurde das
beinahe Ertränken von US-Verhörspezialisten in Irak praktiziert. Neben China wurde
6 Oc h s e d e s b ö s e n
Wie unser Reporter beinahe in das Gefängnis kam.

laut amnesty international 2007 in 80 weiteren Staaten gefoltert.

Beim wochenlangen Gefesseltsein am »Todes- Beim Durchstechen der Fingerspitzen wird ein Der Kopf wird bis zur Bewusstlosigkeit in einen
brett« wird das Opfer von Mithäftlingen gefüttert. Stab aus Bambus benutzt. Eimer mit Wasser oder Urin gedrückt.

Mit einer Plastiktüte über den Kopf wird das Opfer Gefangene werden an ein Gitter gefesselt, sodass »Schwert auf dem Rücken tragen«: Diese Position
fast erstickt. sie weder schlafen noch essen können. führt zu Schmerzen und Lähmungen.

Die Polizei lässt den Gefangenen von einem Hund Dem Opfer werden heiße, scharfe oder Mit Fesselungen in schmerzhafter Position werden
anfallen und beißen. abstoßende Substanzen eingeflößt. die Opfer am Schlafen gehindert.

Der »Wasserkerker« ist ein Eisenkäfig, in dem das Dem Opfer werden mit einem Bügeleisen Beim »Flugzeug« muss man stundenlang in einer
Opfer in kaltes Wasser hinabgesenkt wird. Verbrennungen beigebracht. schmerzhaften Verrenkung ausharren.

Quelle: Internationale Gesellschaft für Menschenrechte

Artikel 5: Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder ernied­
rigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden. Artikel 6: Jeder hat das Recht, überall als rechtsfähig anerkannt zu werden.

14 —  f luter Thema: Menschenrechte — 15


9 15
7 Dadurch, dass dem Mörder Magnus Gäfgen Folter
angedroht wurde, ist in Deutschland eine Diskussion
darüber in Gang gekommen, in der sich viele Men-
schen für Folter in bestimmten Fällen ausgesprochen
haben. Handelt es sich dabei um einen beispielhaften
Fall?
Eigentlich hat sich durch den Fall nicht viel geändert.
Die Diskussion war trotzdem unsäglich; selbst Univer­
sitätsprofessoren haben sich dabei wider besseres Wis­
sen furchtbar populistisch geäußert. Die Diskussion hat
überhaupt nichts gebracht, es ist auch nicht vernünftig
darüber gesprochen worden, was durch Folter über­
haupt herauskommt: nichts nämlich. Ich habe kein
Problem damit, wenn die Eltern eines ermordeten Kin­
st r a FMü n diGk Eit Von M Ä dCh En i n i r a n: 9 Ja hr E des zur Polizei gehen und sagen: »Vierteilt den Mör­
st r a FMü n diGk Eit Von Ju nGEn i n i r a n: 15 Ja hr E der.« Aber der Polizist muss eben immer sagen: »Ich
verstehe Sie, aber ich darf es nicht.« Die Diskussion
Recherche: Stefan Kesselhut über Folter ist jedoch eine schlafende Debatte. Sobald
es einen vergleichbaren Fall gibt, wird sie wieder auf­
Artikel 7: alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich und haben ohne Unterschied anspruch auf gleichen schutz durch das Gesetz. alle haben anspruch auf gleichen schutz
gegen jede Diskriminierung, die gegen diese erklärung verstößt, und gegen jede aufhetzung zu einer derartigen Diskriminierung. brechen. Interview: Hanna Engelmeier
Artikel 8: Jeder hat anspruch auf einen wirksamen rechtsbehelf bei den zustän­
digen innerstaatlichen Gerichten gegen handlungen, durch die seine ihm nach
der verfassung oder nach dem Gesetz zustehenden Grundrechte verletzt werden.

anzudrohen, damit er verrät, wo sich der Junge befin­


det. Gäfgen gesteht daraufhin. Wochen später dringen Der schöne Schein trügt: Hier wurde Jakob von Metzler iM GraB
die Foltervorwürfe an die Öffentlichkeit. Der Fall löste tot aufgefunden Ein westlicher Pass schützt nicht davor, im Nahen Osten gefoltert
eine deutschlandweite Diskussion über die Erlaubnis zu werden. Eine Horrorgeschichte .
von Folter aus. Zu keinem Fall der deutschen Krimi­
nalgeschichte sollen so viele Leserbriefe bei der »Frank­ aber auch nichts verwendet werden, was dabei über
furter Allgemeinen« eingetroffen sein wie zu diesem. Umwege herausgekommen ist, die ganze Vernehmung,
Dr. Hans­Ulrich Endres hat Magnus Gäfgen damals innerhalb derer die Folterandrohung stattgefunden hat,
juristisch vertreten. wird also wertlos.

fluter: Herr Endres, welche Voraussetzungen müssen in In der Diskussion um den Fall Magnus Gäfgen ging es
einem Staat geschaffen sein, damit es faire Gerichts- ja vor allem um die Frage, warum jemand, der alle
prozesse für jeden geben kann? Grundrechte eines anderen Menschen fundamental
Hans­Ulrich Endres: Zuerst einmal muss es eine unab­ verletzt hat, selbst noch welche zugesprochen bekom-
hängige Justiz geben, und zwar unabhängig im weites­ men soll. Wie kann man erklären, dass das unbedingt
»Rache ist mit staatlicher Fürsorge nicht vereinbar«:
Anwalt Endres ten Sinn des Wortes: Sie muss frei sein von jeder Ein­ notwendig ist?
grenzung und Beeinflussung durch die Politik. Es ist Dazu erst einmal ein ganz einfacher Satz: Der Staat, in
dafür sehr wichtig, dass ein Richter nicht vom Volk ge­ dem wir leben, darf sich nicht auf die Ebene des Verbre­
wählt wird, sondern lebenslang im Amt bleibt, wenn er chers begeben. Wenn nun jemand verdächtigt wird, ein
diE WürdE dEs MördErs Bin Ladens rechte Hand? Wohl kaum: Abdullah Almalki
keine Verbrechen begeht. Denn ansonsten besteht die Mörder zu sein, und der Staat ihn deshalb mithilfe sei­
Wieso der Anwalt Hans-Ulrich Endres einen Kindermörder
verteidigte.
Gefahr, dass er sich gerade populären Meinungen zu nes Gewaltmonopols festsetzt, dann steht dieser Mensch
stark anpasst, um nicht abgewählt zu werden. immer noch unter der Fürsorge des Staates. Er wird
9 Als Abdullah Almalki am Flughafen in Damas­

8 Am 27. September 2002 entführt der Jurastudent


Magnus Gäfgen den elfjährigen Millionärssohn Haben Sie im Verlauf des Verfahrens gegen Magnus
zwar gewaltsam in Obhut genommen und somit als
Verbrecher behandelt, er muss auch nicht mit Samt­
kus abgeführt wird, hält er sich für das Opfer ei­
nes Irrtums. Er vertraut auf seinen kanadischen
Jakob von Metzler, als dieser auf dem Heimweg Gäfgen jemals an dem Grundsatz der Gleichbehand- handschuhen angefasst werden. Aber entscheidend ist, Pass, der ihn als Angehörigen der westlichen, zivilisier­
von der Schule ist. In seiner Wohnung erstickt er den lung gezweifelt, vor allem, nachdem alle Details des dass er genau dieselbe menschliche Würde hat wie das ten Welt ausweist, obwohl er in Syrien geboren ist.
Jungen und deponiert die Leiche an einem See im Um­ Falls bekannt waren? Opfer, das er umgebracht hat. Für seine Tat muss eine Doch das ist den Beamten egal. Statt wie geplant seine
land. Zuvor legte er den Eltern ein Erpresserschreiben Nein, an der Richtigkeit der Gleichbehandlung habe ich Vergeltung geschehen – die Frage ist nur: wie? Und eine kranke Mutter zu besuchen, landet er in Far Filastin, ei­
vor die Haustür. Bald wird er festgenommen und ver­ nie gezweifelt, nur an den Entscheidungen, die eben Rache ist mit der Fürsorge für den Bürger, die der Staat nem der schlimmsten Gefängnisse der Welt. Die weni­
hört. Als im Verlauf des Verhörs immer ungewisser ganz entschieden daran vorbeigetroffen worden sind! hat, eben nicht vereinbar. Selbst der grausamste Mörder gen Sätze, die sie dort mit ihm reden, hat er bis heute
wird, ob Jakob von Metzler noch lebt, entschließt sich Ich habe damals ja zwei Dinge gerügt: 1. Es darf in ei­ bleibt ein Mensch. Und unsere Größe, mit so einem nicht vergessen: »Du hast keinen Anwalt. Du darfst nie­
der Leiter der Ermittlung, der Frankfurter Polizeivize­ nem Prozess keine Aussage verwendet werden, die un­ Menschen umzugehen, bleibt eines der wichtigsten manden sehen. Du musst reden.« Aber selbst, als sich
präsident Wolfgang Daschner, Magnus Gäfgen Folter ter Folterandrohung getroffen worden ist. 2. Es darf Merkmale unseres Rechtsstaates. die Gefängnistüren hinter ihm schlossen, blieb Almalki

16 — fluter Thema: Menschenrechte — 17


ruhig. Du bist ein kanadischer Bürger, sagte er sich, der aber, dass die Kanadier den Verhörspezialisten Fragen Verbindungsleute zur Al Kaida zu finden, stellte Richter
nur seine Mutter besucht. übermittelten. Iacobucci fest. Eigentlich ist der Bericht ein Freispruch
Es war der 3. Mai 2002, als der damals 32­jährige Fest steht auch, dass niemand vom kanadischen für Almalki, aber er hält die Untersuchung für unzurei­
Vater von fünf Kindern in Haft kam – entlassen wird Konsulat Almalki während seiner Haft besucht hat, ob­ chend. »So wie der Bericht ›direkt‹ und ›indirekt‹ defi­
er fast zwei Jahre später, am 10. März 2004. Von die­ wohl Far Filastin als Folterknast bekannt ist. Und dass niert, wären kanadische Beamte nur dann direkt an der
ser Zeit verbrachte er 482 Tage in einer unterirdischen die Royal Canadian Mounted Police den Syrern drei Folter beteiligt, wenn sie selbst folterten, das Gleiche
Zelle, kaum zwei Meter hoch, gut 1,85 Meter lang und Wochen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gilt für die Verhaftung«, sagt er. In der Alltagssprache
so breit wie sein Arm plus die Finger seiner Hand. einen Brief schickte, der Almalki mit Al Kaida in Ver­ aber sei es Komplizenschaft. Er ist sich sicher: Sein Ge­
»Das Grab«, nennt es Almalki bis heute. Durch das bindung brachte und ihn als »unmittelbare Bedrohung« burtsland und seine Heimat haben gemeinsame Sache
Dach der Zelle urinierten Katzen, in den Ritzen saßen der kanadischen Sicherheit darstellte. »Die Polizei gemacht, um ihn unter die Erde zu bringen.
die Ratten. Und dennoch glaubte Almalki daran, dass scheint Herrn Almalki so beschrieben zu haben, ohne Text: Silvia Feist
sich die Tür schon bald für ihn öffnen würde. Doch zu gewährleisten, dass die Beschreibung korrekt war«,
Artikel 9: niemand darf willkürlich festgenommen, in haft gehalten oder des
wenn sie sich öffnete, war das nur der Auftakt zu noch heißt es in dem Bericht. Darüber hinaus sei es gar nicht landes verwiesen werden.
größeren Torturen. Denn unterbrochen wurde die Iso­ Almalki gewesen, der beschrieben wurde, sondern je­
Draußen vor der Tür: Während Almalki im Gefängnis saß,
lationshaft durch Folter, manchmal acht Stunden lang demonstrierten auf den Straßen 100.000 Menschen gegen mand anderes. Die Behörden hätten nach den Anschlä­
und durch Verhöre, bei denen sich die Polizisten ab­ den Irak-Krieg gen vom 11. September 2001 unter Druck gestanden,
wechselten. Nur für ihn gab es keine Pause. Einmal
musste er sich fast nackt auf den Bauch legen und die Nach seiner Entlassung im Frühjahr 2004 spricht
Beine anheben, damit man ihm mit schweren Elektro­ sogar das syrische Gericht Almalki von allen Vorwür­
kabeln auf die Fußsohlen schlagen konnte. Er wurde fen frei. »Das hätte ich niemals erwartet«, sagt er, »denn
behandelt wie einer der meistgesuchten Terroristen, das ist eines der schlimmsten Gerichte überhaupt.« In
wie die rechte Hand von Osama bin Laden – und ge­
nau das war der Vorwurf gegen ihn. Die syrischen Be­
Kanada hingegen, wo er seit 21 Jahren zu Hause ist,
steht immer noch der Vorwurf im Raum, er sei Material­
10 hörEn und VErhörEn

amten waren der Überzeugung, einen dicken Fisch an beschaffer für die Al Kaida gewesen. Er bekommt keine
der Angel zu haben – einen Terroristen direkt aus der Entschädigung für die Haft, stattdessen muss er seine
Unschuld beteuern und versuchen, sein kaputtes Leben
zu reparieren.
Heute sitzt er in seinem Wohnzimmer in einem Vor­
ort Ottawas. Das Haar graumeliert, der Bart gestutzt,
blau­weiß gestreiftes Hemd – er sieht aus wie ein Ge­
schäftsmann, doch ein Geschäft hat er nicht mehr. Seine
Elektronikexportfirma sei »tot«, sagt er. Die Polizei
habe alles für zwei Jahre beschlagnahmt, und außerdem
funktionieren Geschäfte in den Nahen Osten, wie er sie
machte, über Mundpropaganda. Ein zerstörter Ruf ist
eine zerstörte Existenz.
Almalkis Geschäft ist jetzt ein anderes, ein schwie­
rigeres: Es geht nicht mehr um Exportartikel, um Han­
dys oder DVD­Player, es geht um die Reparatur seines
Abdullah Almalki landete auf dem Flughafen von Lebens, um seine Rehabilitation. Und darum, dass die
Damaskus – und dann im Gefängnis kanadischen Behörden zur Verantwortung gezogen
werden – dafür, dass er mit ihrem Wissen unschuldig im
Zentrale des Bösen. Beweise gab es dafür keine, statt­ Grab saß. Dass sie vielleicht sogar wollten, dass man
dessen stellten ihm die Wärter immer wieder die Frage, ihn folterte. »Das war illegale Haft im Auftrag, Verhöre
die ihn selbst am meisten beschäftigte: Warum sucht je­ im Auftrag, Folter im Auftrag.« Als er für den 540 Sei­
der nach dir?« ten starken Bericht befragt wurde, erzählte er von einem
»Almalki erlitt Folter gemäß Definition der UN­ Blatt Papier, das er bei einem seiner Verhöre in Damas­
Konvention gegen Folter«, schreibt der pensionierte kus gesehen habe. Oben drüber stand: Treffen mit der
Richter Frank Iacobucci später in einem nach ihm be­ kanadischen Delegation am 24. November 2002. Das
nannten Bericht, der die Rolle der kanadischen Behör­ war sechs Monate nach seiner Verhaftung am Flugha­
den in Almalkis Fall und zwei weiteren im Auftrag der fen. Tatsächlich hatten sich Mitarbeiter des kanadi­
Regierung untersucht hat. Es ist ein Bericht über die schen und syrischen Geheimdiensts an diesem Tag ge­ Der kongolesische Rebellenführer Thomas Lubanga Dyilo ist der erste Angeklagte vor dem Internationalen
Frage, warum ein Staat seinen Bürger nicht schützen troffen. Almalki ist sich sicher, dass die Kanadier auch Strafgerichtshof in Den Haag. Ihm wird vorgeworfen, Kindersoldaten im Krieg eingesetzt zu haben.
konnte. In Deutschland gibt es mit dem in Deutschland Informationen über ihn bekamen. Tatsächlich kam bei Der Gerichtshof, der vor sechs Jahren seine Arbeit aufnahm, befasst sich mit der Verfolgung schwerster Verbrechen
geborenen und aufgewachsenen Türken Murat Kurnaz den Ermittlungen für den Iacobucci­Bericht heraus, gegen die Menschlichkeit.
einen ähnlichen Fall – auch bei ihm ist nicht geklärt, ob dass die Behörden in Kanada darüber diskutierten,
er mit Wissen der Behörden im Namen des Kampfes ge­ Almalki durch die Syrer befragen zu lassen. Dass es des­ Artikel 10: Jeder hat bei der Feststellung seiner rechte und Pflichten sowie bei einer gegen ihn erhobenen strafrechtlichen beschuldigung in voller Gleichheit anspruch auf
gen den Terror unschuldig in Folterhaft saß. halb auch dazu kam, ist schwer zu beweisen. Fest steht ein gerechtes und öffentliches verfahren vor einem unabhängigen und unparteiischen Gericht.

18 — fluter Thema: Menschenrechte — 19


11
»Klinik-Killer
Grinsekiller und Mal ganz unter uns
Totraser Der Traum des Hackers Tron ist wahr geworden: Eine Berliner
Wie die Boulevardpresse Menschen vorverurteilt. Firma verkauft das abhörsichere Telefon.

in Psychiatrie 12 Vielleicht steht der Verdi-Bundesvorstands-

»Was treibt die kleine Vorsitzende Frank Bsirske gerade in diesem


Moment in den Kundenräumen der Berliner

Anne (15) nur immer


untergebracht«
Firma GSMK. Vielleicht streicht er sich nachdenklich
über seinen Schnauzbart und erkundigt sich nach Mo­

wieder in die Arme


dellen und Preisen, und ob es denn möglicherweise ei­
nen Mengenrabatt gibt, wenn die Firma die gesamte

dieses tätowierten
»B.Z.« vom 4.4.2008 über eine psychisch kranke, mög­ Verdi-Zentrale mit ihren Geräten ausstatten darf. Viel­
licherweise vermindert schuldfähige Frau, die mutmaß­ leicht ist er, der wie viele andere Gewerkschafter von
lich eine Mitpatientin getötet hatte.
 der Telekom bespitzelt wurde, in diesem Moment der

Liebesmonsters?« Lösung seines Problems so nah wie nie. Vielleicht. Doch


die Firma GSMK verrät nichts über Kunden und am Te­

»Sex-Bestie«
»Bild« vom 23.5.2005 über einen Mann, mit dem eine lefon schon gar nicht. »Habe ich das richtig verstanden? Verschlüsselung ist die richtige Lösung, um deine
Minder­jährige gegen den Willen ihrer Mutter in einer Ein Interview wollen Sie machen?«, sagt eine Frauen­ Privats­phäre zu wahren.«
Beziehung lebte, gegen die das Jugendamt nach Prüfung stimme. »Ja, für fluter, dem Magazin der Bundeszentrale Ganz neu ist die Idee eines Cryptofons nicht. Sie
des Falls keine Einwände hatte. für politische Bildung.« »Wer sind Ihre Auftraggeber?« geht auf den legendären Computerhacker Tron zurück.
»Express« vom 1.12.2006 über einen Mann, der sich »fluter.« »Nein, ich meine: Warum rufen Sie uns wirk­ Für seine Diplomarbeit entwickelte Tron im Winterse­
wegen Entführung und schwerem sexuellen Missbrauch lich an?« mester 1997/1998 den Plan für ein ISDN-Telefon mit
einer Minderjährigen vor Gericht verantworten musste. Paranoia ist für GSMK (Firmenmotto »They are eingebauter Verschlüsselung und gab ihm den Namen
»Das ist der Rotkohl-Killer. listening to your phonecalls …«) Lebenseinstellung Cryptofon. In Zukunft, schrieb Tron, sollten nicht nur

»Hinter dieser
Er hat das Baby seiner Freun-
und Verkaufsargument zugleich. Besuche im Firmen­ Telefongespräche, sondern jede Form der Datenüber­
gebäude und der Fertigungshalle sind tabu, auch tragung gegen den Eingriff Dritter geschützt sein. Kein

din zu Tode gefüttert.« ­Gespräche mit den Gründern werden nur äußerst Staat, kein Verbrecher, kein Scherzbold und keine Tele­

Akte steckt der


­selten gewährt. ­Dabei hat GSMK ein Produkt kom sollte jemals wieder in der Lage dazu sein, Gesprä­
»Bild« vom 14.1.2006 über einen Mann, der das Baby ­ent­wickelt, bei dem man nach den Abhörskandalen che anderer zu belauschen oder ihre E-Mails zu lesen.

Grinse-Killer«
seiner Freundin nicht mit Rotkohl zu Tode gefüttert der ­vergangenen Jahre ­eigentlich mit vielen Käufern Die Kommunikation sollte endlich sicher sein. Tron
hatte.
 rechnen würde: Ein klo­biges, schwarzes Aufklappte­ starb kurz nach seiner Diplomarbeit mit 26 Jahren in
lefon ­namens »CryptoPhone G10i« – das ­abhörsichere Berlin, vermutlich nahm er sich selbst das Leben. Doch
Handy für den Privatgebrauch. seine Kollegen vom Chaos Computer Club entwickel­

Das Grinsen
»Bild« vom 16.12.2004 über einen schizophrenen Student, Auf der Internetseite erklärt das Unternehmen de­ ten das Telefon zur Serienreife. Es hat nun einen kom­
der als schuldunfähig gilt und (nach der Tötung eines tailliert, wieso man nicht unbedingt Politiker, Journa­ plexen Doppel-Chiffrier-Mechanismus und kostet etwa

der Bestie
Mannes im Verfolgungswahn) vom Gericht in die Psy­ list, Gewerkschaftschef oder Drogenboss sein muss, um 1.800 Euro, was laut www.heise.de jedoch ein ziemli­
chiatrie eingewiesen wurde. sich ein Cryptofon zu kaufen. Telefonüberwachung sei cher Schnäppchenpreis für ein solches Telefon ist.
in den vergangenen zwanzig Jahren zu einem großen Manche werden sagen, das Problem der Erfindung
»Der Fall um Tot­ Geschäft geworden, heißt es da. Das Abhören sei so sei, dass das Cryptofon nicht nur für Menschen, denen

»B.Z.« vom 11.3.2008 über einen Mann, der vor Gericht


raser Hassan B. (28) ­billig, einfach und weitverbreitet wie noch nie. »Du
solltest davon ausgehen, dass Aufzeichnungen deiner
an ihrer Privatsphäre liegt, interessant ist, sondern auch
für Kriminelle. In allen Fällen gilt: Mit einem Gerät
bestritt, jahrelang auf der ganzen Welt als Sextourist – er macht immer privaten Gespräche in den falschen Händen landen. ­alleine kann man nicht viel anfangen. Wenn man ein
Kinder missbraucht zu haben.
wütender« Cryptofon besitzt, muss man sich immer jemanden
­suchen, der auch eines benutzt, um endlich sicher
»Bild« vom 24.4.2008 über einen Autofahrer, der beim
­telefonieren zu können. Text: Fabian Dietrich
Linksabbiegen mit 6 km / h einen Unfall verschuldete,
bei dem ein Motorradfahrer ums Leben kam. Artikel 12: Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Fami­

»Sperrt diese Schwei-


lie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner
Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen

ne für immer weg und


Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.

lasst diesen Blödsinn


Sammlung: Christoph Schultheis

Artikel 11: Jeder, der wegen einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, hat das

mit den Gutachtern!«


Recht, als unschuldig zu gelten, solange seine Schuld nicht in einem öffentlichen
Verfahren, in dem er alle für seine Verteidigung notwendigen Garantien gehabt
hat, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist. Niemand darf wegen einer Handlung
oder Unterlassung verurteilt werden, die zur Zeit ihrer Begehung nach innerstaat­
»Bild am Sonntag«-Leserbrief vom 26.2.2006 über lichem oder internationalem Recht nicht strafbar war. Ebenso darf keine schwere­
zwei Männer, denen vorgeworfen wurde, eine 13-jährige re Strafe als die zum Zeitpunkt der Begehung der strafbaren Handlung angedroh­
Schülerin gefangen gehalten und vergewaltigt zu haben. te Strafe verhängt werden.

20 —  f luter Thema: Menschenrechte — 21


13 M e h me t s W e l t
Viele Asylbewerber dürfen den Bezirk der Ausländerbehörde, in dem sie gemeldet sind, nicht verlassen.
So steht es in ihren Papieren.

Reusten

De r H i mme l ü be r d e r K ü s t e ­ nkel und ein wenig Englisch spricht er auch. Mehr


O
Von Calais aus sind es nur noch 34 Kilometer bis nach England. als 500 Flüchtlinge leben derzeit in Calais, entlang der
Doch die meisten Flüchtlinge erreichen ihr Traumland nicht. französischen und belgischen Ärmelkanalküste sind es
Bericht von einer Endstation.
sogar rund 2.000, die in der Nähe von Häfen und Rast­
stätten lagern, um von dort aus unbemerkt auf Last­

14 Zwei Stunden hatte Sher im Gebüsch gehockt,


als ihm ein Schleuser endlich ein Zeichen gab.
wagen oder Fähren zu klettern. Die meisten sind nach
Europa gekommen, weil sie vor Krieg und Verfolgung
Sher rannte los, überquerte den Parkplatz ­einer geflüchtet sind, einige auch nur, weil sie in Europa ar­
Raststätte und stieg mit sechs, sieben anderen ­Afghanen beiten wollen – aber was heißt schon nur: Auch die
in einen Laster. Der Fahrer machte gerade Pause und Anstrengung, den täglichen Hunger zu besiegen, kann
bemerkte nicht, dass sie in seinen Laderaum schlüpften. ja ein zermürbender Kampf sein.
Er war auf dem Weg zum Hafen von Calais, von dem Hinter vielen von ihnen liegen strapaziöse Wochen
die meisten Fähren nach Großbritannien abfahren. Die und Monate – sie haben sich durch halb Afrika geschla­
Fähre war Shers Ziel. Bei der ersten Kontrolle fiel der gen, in den Lagern an der nordafrikanischen Küste
Wagen nicht auf, dann aber schöpften die französischen campiert und schließlich mit kaum seetauglichen Boo­
Grenzschützer Verdacht. Sie fanden die blinden Passa­ ten das Mittelmeer überquert. Sie haben es geschafft,
giere zusammengekauert hinter einer Kiste und sperrten den spanischen und italienischen Küstenwachen zu ent­
sie ein. Die Nacht verbrachte Sher nicht auf der Fähre, kommen. Doch in Spanien oder Italien wollten sie so­
sondern auf einer Wache in Calais. Am nächsten Mor­ wieso nicht bleiben, und auch in Deutschland nicht.
gen ließ ihn die Polizei wieder frei. Großbritannien ist für sie der Sehnsuchtsort, weil sie
Mehmet* kam vor zwei Jahren als Asylbewerber aus Algerien nach Deutschland: Seitdem darf er sich nur im Landkreis
Mittlerweile sind die Nächte auf der Wache für von allen Sprachen noch am ehesten Englisch sprechen
Tübingen bewegen, so will es die sogenannte Residenzpflicht. Momentan wohnt Mehmet im schwäbischen Reusten,
Sher Routine. Sechs oder sieben gescheiterte Fluchtver­ und gehört haben, dass man Flüchtlinge wie sie in
wo es eine Kirche, einen Dorfladen und einen Metzger gibt. Keine Bäckerei. Hier teilt sich der 21-Jährige eine
suche hat er hinter sich, und dennoch wird er es wieder Großbritannien gut behandelt, während die italienische
Wohnung mit drei anderen Asylbewerbern. Der Bus in die Stadt, in der man in Cafés, einen Supermarkt und ein
versuchen, den Ärmelkanal zu überwinden, diese gera­ Marine schon mal mit einem Flüchtlingsboot kollidier­
Kino gehen kann, fährt alle zwei Stunden, sonntags gar nicht. Freunde in Reutlingen darf Mehmet nicht besuchen.
de mal 34 Kilometer, die doch eigentlich ein Klacks te, wobei es Tote gab.
Er tut es trotzdem – um mit ihnen Fußball zu spielen. Neulich erwischte ihn die Polizei dabei. 134,50 Euro soll er
sind, verglichen mit der Strecke, die Sher auf seinem Diese Hoffnung lassen sie sich auch nicht durch
dafür zahlen, dass er vier Straßenzüge von seinem Landkreis entfernt war. Wenn er die Strafe nicht bezahlt, muss
Weg von Afghanistan in ein besseres Leben schon hin­ schnöde Zahlen nehmen, die besagen, dass im vergan­
er ins Gefängnis. (*Name geändert) Text: Amrai Coen
ter sich hat. 34 Kilometer, die ihm vom Ziel seiner genen Jahr nur 23 Prozent der Bewerber in Großbritan­
Artikel 13: Jeder hat das Recht, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen und seinen Aufenthaltsort frei zu wählen. Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines ­Reise trennen, von dem Ort, wo er sich ein bisschen zu nien Asyl erhalten haben. Lieber vertrauen sie den Ver­
eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren. Hause fühlen kann: Denn er hat in England einen sprechungen der Schleuser. Sie sind schon viel zu weit

22 —  f luter Thema: Menschenrechte — 23


nicht mehr ausgezogen hat. Es führt eine verlassene ren den Weg zu den Docks. Polizisten patrouillieren
Straße dorthin, aus deren Fugen das Unkraut meter­ mit Hunden und durchleuchten die Lastwagen mit
hoch herauswächst. Neben einem eingedrückten Wärme­ und Kohlendioxidmeldern. Zwölf Millionen
Maschendrahtzaun liegt der Verschlag aus Ästen, Holz­ Euro kosten die Sicherheitsmaßnahmen jährlich, rund
paletten und Plastikplanen, in dem sich zwei alte Mat­ 500 Polizisten sind mittlerweile im Einsatz. Weil aber
ratzen befinden. Hunderte von diesen Unterschlupfen auch das zu wenige Grenzschützer sind und die Melder
gibt es hier. In diesem dürren Wald sehen sie aus wie die nicht immer anschlagen, gelingt es Flüchtlingen immer
verlassenen Zelte verirrter Camper. »Wir nennen das noch, auf die Fähren zu gelangen. Manche brechen
Gebiet den Dschungel«, sagt Sher, »und das hier ist der sich bei dem Versuch, auf einen Lkw zu springen, die
Dschungel der Afghanen.« Knochen. Andere geben irgendwann auf, ein Schiff zu
Es ist, als hätten sich die Gesandten aus den Kriegs­ erwischen, und versuchen mit einem Boot den Ärmel­
ländern hier im Gewerbegebiet von Calais einen neuen kanal zu überqueren.
Kontinent geschaffen: Es gibt den Dschungel der Iraker, Bei der nächsten Essensausgabe ist Sher nicht mehr
der Sudanesen, der Eritreer und der Kurden und in al­ da. Auch am folgenden Tag fehlt er in der Schlange, im
In einem Gewerbegebiet hausen die Flüchtlinge in len kursieren die Geschichten darüber, wie schön es in Dschungel weiß niemand, wo er ist. Ein Afghane er­
Auf dem Weg zu den Fähren im Hafen: »Wir nennen das
Fabrikhallen und selbstgebastelten Unterkünften England wird. Es ist fast eine Art Märchenwald. Gebiet den Dschungel.« zählt, ein Freund habe ihm berichtet, dass es Sher ge­
Aber vor ihnen liegt nicht nur der Ärmelkanal, der schafft hat. Dass er im gelobten Land angekommen sei
gekommen, um jetzt noch umzukehren. An schönen Ta­ so bezwingbar aussieht – vor allem, wenn man auf ei­ – das so wenige Kilometer westlich liegt. »Das gibt mir
gen, wenn der Himmel klar ist, kann man auf der ande­ nem Gummiboot über das Mittelmeer gekommen ist – schen Grenzen weggefallen sind. Das hat seit den 90er­ Hoffnung«, sagt einer, der weiß, wie oft Sher hier ge­
ren Seite des Meeres die Kreidefelsen von Dover leuch­ vor ihnen liegt eine der letzten Grenzen Europas, die Jahren immer wieder zu Streit mit Frankreich geführt. standen hat und wie häufig er auf der Polizeiwache war.
ten sehen. Es sieht fast so aus, als könne man dorthin Schon als 1999 der Krieg im Kosovo ausbrach, ström­ Wenn Sher es geschafft hat, dann schaffen es auch an­
schwimmen. ten so viele Flüchtlinge nach Calais, dass in der Nähe dere. »Man muss es nur versuchen, nur immer wieder
16 sei er, sagt Sher, aber mit seiner gegerbten Haut des Eurotunnels ein Auffanglager eröffnet wurde. Teil­ versuchen«, sagt einer.
sieht er eher aus wie 26. Wahrscheinlich hat ihn die weise lebten mehr als 2.000 Menschen in diesem La­ Doch am nächsten Morgen ist Sher wieder da. Er
Reise altern lassen, die ihn hierher geführt und ein hal­ ger, die fast alle nach Großbritannien einwandern steht einfach da – vor einem Supermarkt, seine Haare
bes Jahr gedauert hat und an deren Anfang sein Vater wollten. Heute halten mehrere Hilfsorganisationen sind durchnässt und seine Daunenjacke glänzt vom Re­
beschloss, dass der älteste der sieben Söhne nach Euro­ dort eine Notversorgung aufrecht. Sie teilen zweimal gen. Er erzählt, dass er vor zwei Tagen mit anderen Af­
pa gehen solle, um es besser zu haben. Dass Sher, ausge­ am Tag Essen aus, verteilen Medikamente an die Kran­ ghanen in einen Laster gestiegen sei, dessen Fahrer die
stattet mit dem Ersparten der Familie, am besten die ken, und manchmal dürfen die Flüchtlinge auch Polizei verständigt habe. Alle seien sie rausgeholt wor­
6.000 Kilometer von Afghanistan nach London schaf­ duschen. den – bis auf ihn. Ihn hatten sie nicht gefunden, weil er
fen werde – zum Onkel, der dem Leben im Krieg schon Sher hat sich zum Mittagessen aufgemacht, das die sich in einem Karton versteckt hatte. Nach der Durch­
entflohen war. Hilfsorganisationen auf einem Quai in der Innenstadt suchung fuhr der Wagen wieder los und als er nach drei
Den ersten Teil der Strecke versteckte sich Sher in verteilen. Hier halten sich die Behörden zurück, ein Po­ Stunden stoppte, sprang Sher aus dem Laderaum und
Lkws, die in den Iran fuhren. Wenn er in die Nähe einer lizeiwagen steht abseits – lieber kommen die Polizisten lief davon in die neue Freiheit. Bis er merkte, dass er
Straßenkontrolle kam, sprang er zuvor ab und ging zu in der Nacht, wenn alles im Dschungel schläft. Sie nicht in England, sondern in Paris gelandet war.
Mehr als 6.000 Kilometer haben manche der Flücht-
Fuß weiter. An der Grenze zur Türkei habe man auf ihn linge hinter sich, ... schrecken die Flüchtlinge mit Tränengas auf und neh­ Von dort ist er am Morgen mit dem Zug zurückge­
geschossen, sagt er. Von dort sei er schließlich in einem men sie mit zur Feststellung der Personalien. Und wäh­ kehrt. Sein ganzes Geld hat er für die Fahrkarte ausge­
Schlauchboot nach Griechenland gebracht worden, wo rend das passiert, räumen Reinigungskräfte in weißen geben. Text: Serge Debreband, Fotos: Ad van Den-
ihn die Polizei festgenommen und geschlagen habe. Anzügen und Gasmasken die Hütten und all den Müll deren (VU/laif)
Aber immerhin ging es weiter – mit dem Schiff nach fort, und wenn Sher und die anderen von der Wache zu­
Italien und von dort mit dem Zug nach Frankreich, bis rückkommen, ist der Dschungel einfach weg und es Anmerkung: Wenige Wochen nach dem Besuch in Calais
er schließlich in Calais landete und die 8.000 Euro fast dauert lange, bis sie sich einen neuen aufgebaut haben. erhielt unser Reporter einen Anruf – von Sher in London.
gänzlich aufgebraucht waren, die er in Afghanistan ein­ Die Strategie der Polizei zielt darauf, den Flüchtlin­ Er arbeitet dort nun für seinen Onkel.
gesteckt hatte. Nun hat er nur noch ein paar Hundert gen das Leben so schwer wie möglich zu machen, damit
im Portemonnaie für die letzte Etappe und ein zerknick­ sie irgendwann woanders hinziehen. Ansonsten ist der Artikel 14: Jeder hat das recht, in anderen ländern vor verfolgung asyl zu
tes Bild seiner Freundin: Darauf hat sie ein grün­gelb Spielraum der Behörde begrenzt: Zumindest die Af­ suchen und zu genießen. Dieses recht kann nicht in anspruch genommen
werden im Falle einer strafverfolgung, die tatsächlich aufgrund von verbrechen
geblümtes Sommerkleid an und keinen Schleier, sodass ghanen dürfen nicht abgeschoben werden, seit Frank­ nicht politischer art oder aufgrund von handlungen erfolgt, die gegen die Ziele
man ihr Lächeln sieht. reich 2002 ein Abkommen unterschrieb, weil ihr Land, und Grundsätze der vereinten nationen verstoßen.
Wann und wo er sie wiedersieht, weiß Sher nicht. das im Krieg zwischen Amerikanern und Talibanen
Das Geld für die Schleuser will er in London verdienen, versinkt, nicht mehr als sicher gilt. Dennoch kursieren
um es seinem Vater zurückzuzahlen. Vorher wird er im Camp immer wieder Gerüchte, dass die Abschie­
sich dort nicht blicken lassen können. Aber erst muss er bung von über 50 Afghanen vorbereitet werde, die in
... bevor sie in Frankreich stranden und dort auf ein
die letzte Hürde nehmen, die plötzlich von Tag zu Tag Weiterkommen hoffen einem Asylbewerberheim in der Nähe des Eurotunnels
höher zu werden scheint. Mit jedem Tag, den er in einer leben. Die Deportation würde gegen das Abkommen
Baracke ohne Strom und Wasser in einem Gewerbege­ verstoßen, aber die Hilfsorganisationen befürchten,
biet von Calais verbringt – geschützt gegen die atlanti­ ohne Dokumente unpassierbar sind. Denn Großbritan­ dass sich der Staat darum nicht schert. Um die Flücht­
sche Kälte mit den drei T­Shirts, zwei Hemden und ei­ nien ist nie dem Schengen­Abkommen beigetreten, linge von Calais fernzuhalten, wurde außerdem der
ner dunkelblauen Daunenjacke, die er seit zwei Wochen durch das die Personenkontrollen an den innereuropäi­ Hafen abgeschottet, elektrisch geladene Gitter versper­

24 — fluter Thema: Menschenrechte — 25


Legende:

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Überall auf der Welt kümmern
sich Menschenrechtsorganisationen
um die Einhaltung
fundamentaler Rechte. Deutschland

Das Schaubild zeigt die wichtigsten


von Ihnen, und um
welche Regionen und Länder sie sich
derzeit besonders kümmern. Serbien
Italien
Japan
Texte und Recherche: Andreas Braun Irak

Illustration: André Kunze /www. moccu.com


China
Mauretanien Jordanien

Niger
Guantánamo (USA)

Indien
Jemen Philippinen
Kambodscha

Costa Rica Vietnam


Sudan

Kolumbien

Malaysia

Brasilien
Peru Malawi

Simbabwe

Food First Terre des Femmes Amnesty Transparency Reporter ohne Gesellschaft für Anti-Slavery UNICEF Human Rights Watch Gerichte/Gremien
International International Grenzen bedrohte Völker International
Europäischer Gerichtshof für
Menschenrechte (Straßburg)

Vor dem Europäischen Gerichtshof


kann jeder Bürger seine Grund- und
= 1000 Personen
3.600 Mitglieder 2.800 2.000.000 1.000 3.500 12.000 2.000 7.000 Mitarbeiter, keine Mitgliederorganisation 275 Mitarbeiter, keine Mitgliederorganisation Menschenrechte von den europäi-
schen Staaten einklagen.
Budget: 5 Mio $ = Flächeninhalt
entspricht Budget
1,4 Mio $ 52 Mio $ 11,5 Mio $ 6,3 Mio $ 3,7 Mio $ 2,2 Mio $ 3.000 Mio $ 55 Mio $
Internationaler Straf-
»Nahrung zuerst« lautet das Motto. Terre des Femmes kämpft für ein ai deckt Menschenrechtsverletzungen Durch Korruption versickern jedes ROG verteidigt weltweit das Recht Ob die Adivasi in Indien, die Yano- Obwohl Sklaverei überall verboten UNICEF (New York) ist keine NGO, Aufgabe ist die Recherche und gerichtshof (Den Haag)
FIAN setzt sich dafür ein, dass Men- gleichberechtigtes und selbstbe- auf und wird aktiv, wenn Menschen Jahr Milliarden Dollars, die nicht bei auf freie Meinungsäußerung und mami in Brasilien oder die Maori ist, existiert sie weiter – etwa in Form sondern eine Organisation der UN, Berichterstattung über Menschen-
schen von ihrer Arbeit auch leben stimmtes Leben von Frauen und akut bedroht sind. Die 1961 von den Betroffenen ankommen, oder es Berichterstattung. Die Journalisten- in Neuseeland: Erst durch die GfbV von Schuldknechtschaft oder Zwangs- die Kindern in Entwicklungsländern rechtsverletzungen, HRW setzt sich Das Weltstrafgericht kann Staats-
können und auf Feldern Getreide für Mädchen. Jahrelang hat sich die dem britischen Rechtsanwalt Peter werden Projekte gefördert, die den organisation mit Sitz in Paris kämpft erfahren wir von diesen Völkern und ehen. Anti Slavery International und Krisengebieten sowie nach für Opfer und Aktivisten ein und und Regierungschefs wegen Völker-
das tägliche Brot statt Kaffee für gute Frauenrechtsorganisation aus Tübin- Benensen gegründete Organsiation Menschen nicht effektiv helfen.Ob- gegen Zensur und für Journalisten, von ihrer Gefährdung durch Konzerne kämpft für eine Welt ohne Sklaverei, Naturkatastrophen hilft. Unicef setzt bringt Täter vor Gericht. So war die mordes, Kriegsverbrechen oder
Geschäfte wächst. 2002 startete FIAN gen dafür eingesetzt, Vergewaltigung sorgt sich nicht nur um politische wohl TI vor erst 15 Jahren in Berlin denen Haft, Folter oder Ermordung oder Regierungen. Die GfbV stoppte indem sie Ursachen und Hintergründe sich dafür ein, dass sie in die Schule 1988 gegründete NGO mit Sitz in Verbrechen gegen die Menschlichkeit
eine Kampagne für Schulspeisung. 17 in der Ehe unter Strafe zu stellen. Gefangene, sondern auch um Geiseln, gegründet wurde, gilt die Organisa- droht. Für die Kampagne »Peking 08« den Völkermord an den Yanomami- der modernen Sklaverei öffentlich gehen können, medizinisch betreut New York treibende Kraft im Kampf anklagen und verurteilen.
Millionen Grundschüler im indischen 1997 war Terre des Femmes endlich Flüchtlinge, Arbeitslose, Obdachlose. tion heute als eine der erfolgreichsten wurde mit Petitionen, offenen Briefen, Indianern in Brasilien. Deren Lebens- macht und Druck auf Regierungen werden, ausreichend ernährt und vor gegen Landminen. Der Einsatz trug
Bundesstaat Uttar Pradesh bekommen am Ziel: Der Bundestag verabschie- Weltweit stehen zur Zeit drei Antikorruptionsbewegungen der Welt und Online-Protesten gegen Zensur raum war massiv bedroht, nachdem und Unternehmen ausübt. Ausbeutung geschützt sind. So hat Früchte: 1997 verbot die Ottawa-
nun ein warmes Essen am Tag. dete eine entsprechende Änderung Kampagnen im Vordergrund: »Stoppt mit Büros in mehr als 90 Staaten. TI und restriktive Pressegesetze mobili- man am Amazonas Gold fand. Eine Ist zwar schon eine Weile her, aber man Millionen afrikanischer Kinder Konvention diese Waffen. Auch im Menschenrechtsrat der UN
Wichtiges Projekt 2009: Agrotreib- des Gesetzes. die Todesstrafe in Asien« (neben fördert Transparenz in der politischen siert. Als Ergebnis hat die chinesische GfbV-Kampagne machte die Invasion immer noch von Bedeutung: Die und Mütter vor dem Tod durch Ma- aktuellen Kampf für ein Verbot von (Genf)
stoffe in Brasilien. Deren sprunghaft Die aktuelle Kampagne »Kein China ist die Situation besonders in Finanzierung und bekämpft Kor- Regierung Arbeitserleichterungen für der Goldsucher publik und schützte Abschaffung der Sklaverei in Großbri- laria bewahrt. Die aktuelle Kampagne Streubomben verzeichnet HRW einen
gestiegener Anbau beschränkt die Schnitt ins Leben« kämpft gegen die Japan alarmierend); »Schluss mit der ruption in der Politik. Erfolgreiche ausländische Berichterstatter zugelas- dadurch die 19.000 noch lebenden tannien, den USA und Brasilien. »Stoppt Ausbeutung« richtet sich Erfolg. Anfang Dezember unterzeich- Der UN-Menschenrechtsrat über-
Anbaufläche für Nahrungsmittel weibliche Genitalverstümmelung, Hexenjagd auf Roma« (das betrifft Projekte dazu laufen in Argentinien, sen, die heute noch gelten. Neben Yanomami. Mit der Aktion »Rettet Daran hat Anti Slavery International gegen Kinderarbeit, speziell in Indien neten 100 Staaten eine Erklärung zur wacht die Menschenrechte in den
und führt zu massiven Vertreibungen die in vielen afrikanischen Staaten, vor allem Italien) und die Petition Guatemala und Paraguay und sind für China ist derzeit Irak im Fokus, wo Dafur« macht die GfbV gegen den einen großen Anteil. Schließlich ist der und auf den Philippinen. Die Aktion Ächtung dieser heimtückischen Waffe, 192 Mitgliedsstaaten der UNO.
der Bauern. Hauptsitz von FIAN ist aber auch im Jemen oder Malaysia »Guantánamo muss geschlossen kommendes Jahr in Kolumbien, Costa seit 2003 mehr als 167 Journalisten Völkermord an den Dafuri im Sudan 1839 in London gegründete Verein »Du und ich gegen AIDS« konzentri- die in Irak, Vietnam oder Kambod- Nach der Generalversammlung und
Heidelberg. verbreitet ist. werden« (USA) Rica und Peru geplant. ums Leben gekommen sind mobil. Sitz ist Göttingen. die älteste NGO der Welt. ert sich auf Simbabwe und Malawi). scha zum Einsatz kam. dem Sicherheitsrat ist er das dritt-
www.fian.org www.terre-des-femmes.de www.amnesty.org www.transparency.org www.rsf.org www.gfbv.de www.antislavery.org www.unicef.org www.hrw.org wichtigste UN-Gremium.
15 I’m an Alien
Was es heißt, staatenlos zu sein.

Oberflächlich betrachtet ging es nur um ein fehlendes studieren oder heiraten dürfen sie oft nicht. In Estland
Stück Papier, doch für die jüdische Schriftstellerin Han­ und Lettland sind besonders viele Menschen staatenlos,
nah ­A re­ndt war es wie eine Exekution: Man hatte sie weil vor allem die dort lebenden Russen nach der Un­
ihrer politischen Identität beraubt, sie zu einer Über­ abhängigkeit 1991 keine vollen Bürgerrechte erhielten. 13
flüssigen gemacht und ihr keine neue Heimat gewährt. Zwischen zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung haben
1937 war sie kurzerhand von den Nazis ausgebürgert sogenannte »Alien Passports«. Sie dürfen das Parlament
worden. Nach ihrer Flucht aus Deutschland war sie da­ nicht wählen, nicht visafrei reisen und nicht im Staats­
her fast 15 Jahre lang staatenlos – ein Zustand, der ihr dienst arbeiten. Es gibt auch Fälle, in denen Menschen
näher am Tod als am Leben zu sein schien. In Deutsch­ eine Staatsbürgerschaft von sich aus ablehnen. Albert
land hatte ihr das Konzentrationslager gedroht, in Einstein verzichtete 1896 wegen des wachsenden Mili­
Frankreich kam sie als »feindliche Ausländerin« in ein tarismus in Deutschland freiwillig auf seinen Pass. Für
Internierungslager. Sie schrieb, Staatenlose seien »poli­ ihn war Staatenlosigkeit wohl weniger ein Makel, als
tisch gesprochen lebende Leichname«. eine Form von politischem Protest.
Für viele Teile der Welt gilt das auch heute noch.
Artikel 15: Jeder hat das Recht auf eine Staatsangehörigkeit. Niemandem darf
Staatenlose leben wie Gespenster. Sie können sich mit seine Staatsangehörigkeit willkürlich entzogen noch das Recht versagt werden,
Freunden treffen oder einkaufen gehen, aber arbeiten, seine Staatsangehörigkeit zu wechseln.

16 A lBt r aum hochzeit

17
Artikel 17 Jeder hat das Recht, sowohl allein als auch in Gemeinschaft mit
anderen Eigentum innezuhaben. Niemand darf willkürlich seines Eigentums
beraubt werden.

Der Comic von Oliver Grajewski basiert auf einer


Meldung im »Tagesspiegel«.

Die elfjährige Afghanin Ghulam Haider will eigentlich Lehrerin werden. Doch die Chancen dafür stehen schlecht,
weil sie verheiratet werden soll. Das Bild der Fotografin Stephanie Sinclair zeigt Ghulam kurz vor der ­Hochzeit mit
Mohammed Faiz. Ihr Ehemann ist 29 Jahre älter als sie. Das afghanische Frauenministerium schätzt, dass 57 Prozent
der Frauen in Afghanistan vor dem 16. Lebensjahr verheiratet werden.
Artikel 16: Heiratsfähige Frauen und Männer haben ohne Beschränkung aufgrund der Rasse, der Staatsangehörigkeit oder der Religion das Recht zu heiraten und eine Familie
zu gründen. Sie haben bei der Eheschließung, während der Ehe und bei deren Auflösung gleiche Rechte. Eine Ehe darf nur bei freier und uneingeschränkter Willenseinigung der
künftigen Ehegatten geschlossen werden. Die Familie ist die natürliche Grundeinheit der Gesellschaft und hat Anspruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat.

28 —  f luter Thema: Menschenrechte — 29


Ic h b i n ’ s n i c h t , me i n e Re l i g i o n
i s t e s gewe s e n
Trotz dieser vernünftigen Regelung passiert es im­
mer wieder, dass der Ruf nach »Maßnahmen« ertönt, 19 Sc h l ec h t e Ze n s u r e n
Ein Schaubild mit Zeitungen, Blogs und Internetseiten,
Für Gott und Allah gegen wenn Künstler die Grenzen der Meinungsfreiheit aus­ die sabotiert, zensiert oder verboten wurden.
das Recht auf freie Meinung – eine Polemik. 
testen wollen. Der österreichische Zeichner Gerhard
Haderer wurde wegen seiner gotteslästerlichen Kari­

18 Ende November dieses Jahres hat der Präsident


des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen
katuren in Griechenland in Abwesenheit zu einer
mehrmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt, in einem Nowaja Gaseta (Russland) Kabul Weekly (Afghanistan) Narodnaja Wolja (Weißrussland)
Dialog, Kurienkardinal Jean-Louis Tauran, den ­B erufungsverfahren allerdings freigesprochen. Nach­
Muslimen dafür gedankt, »Gott zurück in die öffentliche dem Madonna sich bei ihrer Konzerttour 2006 ans
Sphäre Europas« zu bringen. Wie es der göttliche Zufall Kreuz nageln ließ, gerieten die Vertreter der Kirchen
wollte, fiel die Danksagung des Kurienkardinals mit ein in heftige Erregung, Vertreter der Justiz wiesen frei­
paar unerfreulichen Ereignissen zusammen: In Kairo gin­ lich darauf hin, dass eine Anzeige wegen Blasphemie
gen Hunderte muslimische Jugendliche mit Knüppeln, nicht zu einer Verurteilung führen könnte, weil der
Messern und Eisenstangen auf christliche Kopten los, die »öffentliche Frieden« durch Madonnas Verhalten eben
zu einer Kirchenweihe zusammengekommen waren – nicht gestört wurde.
­unter der Führung eines Imams, der die Söhne Allahs Ganz anders dagegen reagierte die kritische Öffent­
»zum Heiligen Krieg« aufrief. Im indischen Mumbai lichkeit auf die Veröffentlichung der zwölf Mohammed-
überfielen Terroristen zwei Hotels und ein jüdisches Zen­ Karikaturen in der dänischen Tageszeitung »Jyllands-
trum. Die Aktion kostete etwa 180 Menschen das ­Leben, Posten« im September 2005. Linksliberale Blätter wie
die einfach das Pech hatten, zur falschen Zeit am ­falschen die »Frankfurter Rundschau« und der »Vorwärts« stell­
Ort zu sein. Über die Motive und die Identität der Terro­ ten den Schutz religiöser Gefühle über das Recht auf
risten wurden allerlei Mutmaßungen angestellt, dass es Meinungsfreiheit und lobten sich dafür, dass sie verant­
Die dreimal wöchentlich erscheinende Die Wochenzeitung wurde 1994 von den Die oppositionelle Tageszeitung wurde unter
fanatische Moslems, also »Islamisten« waren, die den wortungsbewusst handelten, indem sie ihren Lesern die Zeitung wurde bekannt durch ihre Artikel über Taliban verboten, weil sie kritisch über die Aleksander Lukaschenko aus dem nationalen
»Märtyrertod« sterben wollten, wurde nur am Rande Karikaturen vorenthielten. Politiker wie Claudia Roth Kor­rup­tion und ihren Kampf für die Menschen- Mudjaheddin-Regierung berichtet hatte. Nach Vertrieb ausgeschlossen, über Jahre im
vermerkt. Lieber räsonierten die Kommentatoren über riefen zur »Deeskalation« auf – der Appell richtete sich rechte und eine friedliche Lösung des dem Sturz der Taliban erschien sie erneut in russischen Smolensk gedruckt und anschlie-
Tschetschenien-Konflikts. Einmal soll es den Englisch, Dari und Pashtu und ist heute mit ßend über die Grenze gebracht. Seit wenigen
die Lage der Muslime in Indien, die am »wirtschaftlichen nicht an die Demonstranten, die dänische Vertretungen Redakteuren gelungen sein, alle Bestandteile einer Auflage von 10.000 Exemplaren die am Wochen wird sie wieder in Weißrussland
Aufstieg« des Landes nicht angemessen beteiligt werden. in Iran und in Libanon abfackelten, sondern an die Re­ einer Atombombe zu kaufen. Die Mitarbeiter weitesten verbreitete Zeitung Afghanistans. vertrieben.
Ob Gott sich seine Rückkehr in die »öffentliche dakteure von »Jyllands-Posten«, sich weiterer Provoka­ der kleinen Redaktion leben gefährlich. Drei
Journalisten aus ihren Reihen wurden seit Mai
Sphäre« so vorgestellt hat, das können nicht einmal tionen zu enthalten. 2000 umgebracht, darunter Anna Politkowskaja,
­seine irdischen Diener, vom Papst bis zum Fern­ In einigen Wochen jährt sich zum zwanzigsten Mal die am 7.10.2006 erschossen wurde.
sehpfarrer Jürgen Fliege, beschwören. Dennoch ist an die »Fatwa«, die Ayatollah Khomeini am 14. Februar
der Feststellung des Kardinals etwas dran: Dass Gott 1989 gegen den Verfasser der »Satanischen Verse«,
seinen himmlischen Logenplatz verlassen und wieder ­Salman Rushdie, verhängte. Während Rushdie in den
ins Gerede kommen konnte, ist vor allem das Verdienst Untergrund ging, wurde sein japanischer Übersetzer
radikaler Muslime, die wie ein Schneepflug durch die ­ermordet, der dänische Verleger entging nur knapp ei­ www.karam903.blogspot.com www.chinaherald.net www.tchrd.org
säkulare Landschaft ziehen und den Weg für andere nem Anschlag. Heute mag sich Rushdie nicht mehr ver­
Gläubige frei machen, die nicht den Mumm haben, stecken, obwohl die Fatwa nie aufgehoben wurde; der
­genauso auf die Pauke zu hauen, aber vom Einsatz der französische Philosoph Robert Redeker zieht von einem
Koran-Verteidiger profitieren wollen. »safe house« zum anderen, der dänische Zeichner Kurt
Seit der bayerische Nervenarzt und Schriftsteller Westergaard steht unter Polizeischutz und ist in einem
Oskar Panizza (»Das Liebeskonzil«) im Jahre 1895 halben Jahr sieben Mal umgezogen.
­wegen Gotteslästerung von einem Münchner Landge­ So werden persönliche Freiheiten zu Geißeln der
richt zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde, gilt die Religionsfreiheit, und je mehr Konzessionen der Religi­
Freiheit, sich über Gott und seine irdischen Agenturen on angeboten werden, umso mehr Entgegenkommen
lustig machen zu können, als der Gradmesser für Mei­ fordern die Vertreter der Religionen. Panizza, der seine
nungsfreiheit schlechthin. Anders als zur Zeit von Strafe vollständig absitzen musste, wäre über eine sol­
Panizza wird »Gotteslästerung« heute nur dann straf­ che Entwicklung nicht überrascht. Er wusste, worauf es
Abdel Kareem Nabil Suleiman (Kareem Amer) Ist ein von einem Holländer betriebener Blog, Auf seiner Website veröffentlicht das seit 1996
rechtlich verfolgt, wenn »die Beschimpfung von religiö­ ankommt: »Der Wahnsinn, wenn er epidemisch wird, bestehende chinakritische Tibetan Centre for
ist ein ägyptischer Blogger, der wegen seines der in China selbst nicht aufgerufen werden
sen und weltanschaulichen Bekenntnissen, Religions­ heißt Vernunft.« Text: Henryk M. Broder Einsatzes für die freie Meinungsäußerung zu kann. Nach Angaben von Reporter ohne Human Rights and Democracy neben
gesellschaften oder Weltanschauungsvereinigungen … vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Laut Grenzen wurden 2007 über 2.600 Internet­ Augenzeugenberichten auch aktuelle Fotos und
Reporter ohne Grenzen sind weltweit 68 Online- seiten, Blogs und Diskussionsforen von Aufnahmen aus Tibet. In China selbst ist das
geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören«; das Der Autor hat zu dem Thema das Buch »Hurra, wir Internet außer in den Sonderverwaltungszonen
Dissidenten in Haft (Stand Dez. 08). staatlichen Behörden abgeschaltet oder
heißt, ein Ketzer, der in einer Kirche, Moschee oder kapitulieren – von der Lust am Einknicken« gesperrt. Macao und Hong-Kong zensiert.
­Synagoge randaliert, riskiert ebenso eine Strafe wie ein geschrieben.
Gläubiger, der eine Freidenker-Versammlung stört. Sich
aber vor einer Kirche, Moschee oder Synagoge mit Artikel 18: Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfrei­
heit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder Überzeugung zu Artikel 19: Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäuße­
­einem Plakat hinzustellen und Nietzsche zu zitieren rung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen
wechseln sowie die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung allein oder in
(»Gott ist tot«), ist ebenso erlaubt, wie praktizierenden Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottes­ sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und
Atheisten den Teufel an den Hals zu wünschen. dienst und Kulthandlungen zu bekennen. Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.

30 —  f luter Thema: Menschenrechte — 31


20 Au f di e ba r r i k a den
Der junge Fotograf Julian Röder begleitet seit Jahren die
Anti-Globalsierungsbewegung und macht die schönsten Protestbilder der Welt.
Was wir hiermit demonstrieren .

Artikel 20: Alle Menschen haben das Recht, sich friedlich zu versammeln und zu
Vereinigungen zusammenzuschließen. Niemand darf gezwungen werden, einer
Vereinigung anzugehören.

32 —Fluter THEMA: Menschenrechte — 33


Die »Infernale Lärmbrigade« bläst zum Sturm auf
den Gipfel der acht großen Industriestaaten (G8)
in Gleneagles, Schottland, 2006

Treffen kommunistischer Gruppen beim Weltsozialforum


2004 in Mumbai, an dem 100.000 Menschen teilnahmen, um
für mehr Gerechtigkeit zu demonstrieren

Vorherige Seite: Abb. rechts:


Auch bei schlechtem Wetter auf der Straße – Demonstra- Panik bricht auf einer Großdemonstration
tion gegen den G8-Gipfel in Tõyako/Japan im Juli 2008 während des G8-Gipfels 2001 in Genua aus

34 —  f luter Thema: Menschenrechte — 35


Wir fahren nach Berlin: Rückfahrt vom Protest
gegen den G8-Gipfel in Evian (2003)

Abgekämpft
auf dem Weg zurück nach Hause

w mit
Intervie n
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Abb. links oben:


Auch zum EU-Gipfel im Jahr 2003 in Griechen-
land kamen 100.000 Demonstranten

Abb. links unten:


Zeltlager beim G8-Gipfel 2007 in Heiligen-
damm, bei dem etwa 16.000 Polizisten zum
Schutz der Politiker aufgeboten wurden

36 —  f luter Thema: Menschenrechte — 37


21 dEr Bart Muss aB!
Politik wird in Deutschland meistens in Parteien gemacht.
die mit der Kaffeetasse. Manchmal trinke ich ihn kalt,
warte wie er kalt wird, das ist meine beste Zeit. Um
Manche davon sehen allerdings ganz schön alt aus: 19.30 Uhr ist Einschluss, am Wochenende sogar schon
Mitglieder über 60 Jahre im Vergleich, 2007 (Linke/PDS 2006).
um 15.45 Uhr. Das war anfangs die härteste Zeit, da
war die Sehnsucht am größten. Ich habe mich nach und
CDU SPD FDP Grüne Linke nach dran gewöhnt.
Sehnsucht habe ich immer noch, aber ich bin nicht
mehr verzweifelt. Man hat Ruhe, kann nachdenken,
planen: Ich will den Quali nachmachen und lernen, auf
eigenen Beinen zu stehen. Als Immobilienmaklerin, das
wär’s. Ist ein Traum, klar, nur ein Traum. Wenn es nicht
klappt, kann ich wieder bedienen. Wird schon.
Ich versuche hier drin nicht, Freundinnen zu finden.
Ist besser so. Ich lese viel, meine Ausleihkarte ist voll.
Grisham, andere Krimis und alles über Australien, da
will ich nämlich mal hin. Aber ich kann nicht, wie an­
11,5% dere, so richtig eintauchen in Bücher, ich weiß immer,
wo ich bin. Sex fehlt mir nicht wirklich, ist kein Prob­
34,9% lem oder besser, ist ein Problem, das an zehnter Stelle
48% 46,7% kommt. Es ist okay hier, aber nur ein Muss­Ort.
»Einen Finger kann man brechen, aber keine Faust«
Protokoll: Christian Litz
68,1%
Artikel 22: Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das recht auf soziale sicher­
Artikel 21: Jeder hat das recht, an der Gestaltung der öffentlichen angelegen­ Quelle: Niedermayer, Oskar: »Parteimitglieder in heit und anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale einer zu 48, der andere zu 82 Cent, zwölf Flaschen ins­
heiten seines landes unmittelbar oder durch frei gewählte vertreter mitzuwirken. Deutschland: Version 2008« Zusammenarbeit sowie unter berücksichtigung der Organisation und der Mittel gesamt, die sie unterschlagen haben soll. Nach 31 Jah­
Jeder hat das recht auf gleichen Zugang zu öffentlichen Ämtern in seinem jedes staates in den Genuss der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen rechte
lande. Der wille des volkes bildet die Grundlage für die autorität der öffentlichen ren und kurz vor ihrem 50. Geburtstag war das ihr letz­
zu gelangen, die für seine würde und die freie entwicklung seiner Persönlichkeit
Gewalt; dieser wille muss durch regelmäßige, unverfälschte, allgemeine und unentbehrlich sind. ter Tag im Supermarkt. Man könnte vermuten, dass
gleiche wahlen mit geheimer stimmabgabe oder in einem gleichwertigen freien diese Unterschlagung nur ein Vorwand für die Kündi­
wahlverfahren zum ausdruck kommen.
gung gewesen ist, der eigentliche Entlassungsgrund je­
doch Emmelys gewerkschaftliches Engagement war.
Während Emmely jetzt lernt, Excel­Tabellen zu er­
d E r k a M p F d E r E M M E lY
stellen, stehen 223 Frauen und ein paar Männer vor
31 Jahre lang hat sie im Supermarkt gearbeitet.
s E x F E h lt M i r n i C h t W i r k l i C h Zelle zu so etwas wie Heimat machen. Für die nächsten Dann wurde sie entlassen – angeblich wegen zwei Getränkebons.
dem Einkaufszentrum in der Sonne und halten Schilder
Wie die Insassin der Zelle 211 in der Jugendstrafvollzugsanstalt Jahre ist es nun mal so. Ob ich will oder nicht. Doch in Wahrheit geht es um mehr. in die Luft. Sie sind aus den Supermärkten und Kauf­
Aichach die Würde bewahrt. Die Plüschtiere habe ich von anderen. Man darf ja häusern der Stadt gekommen, um sechs Prozent mehr
nichts mitbringen. Deshalb lassen die Mädchen, die
rauskommen, Plüschtiere da. Das Foto von Richard 23 Emmely ist nicht dabei, als die anderen mit
Schildern vor dem Berliner Gesundbrunnen­
Lohn, Zuschläge für ihre Schichten nach 18 Uhr und ei­
nen Tarifvertrag zu fordern. Viele sind es nicht. Nur 20
Gere hat mir eine Wächterin geschenkt. Hing im Büro. Center stehen und rufen, dass sie zwar Arbeit Prozent der Angestellten im Berliner Einzelhandel sind
Als sie es abhängte, bekam ich es. Doch, der gefällt mir. haben, aber trotzdem kein Geld. Obwohl sie bisher im­ bei Verdi organisiert, und von denen kommen längst
Es war auch klasse, dass sie mir das gegeben hat. Das mer dabei war, wenn die Gewerkschaft ihr auf dem nicht alle zu den Demonstrationen. Die Angst davor,
gab mir eine Art Würde. Na ja, die hätte es ja auch Handy eine SMS zukommen ließ, dass es wieder losge­ entlassen zu werden, ist groß. Aber vielleicht sind De­
wem anders geben können. Aber sie hat es mir gegeben. he – mit dem Kampf für Nachtzuschläge und Tarifsi­ monstrationen auch das falsche Mittel.
Das hat mich gefreut, wirklich. Das andere Foto hinten cherheit. Emmely ließ dann ihre Supermarktkasse allein Peter Renneberg hat ein Buch veröffentlicht, das
ist härter. Klar, hart, aber warum nicht, ist ja meine und ging auf die Straße, selbst als Gerüchte umgingen, »Die Arbeitskämpfe von morgen« heißt. Der Wirt­
Zelle. Wenn ich es hängen haben will, dann hängt es. dass aufmüpfige Kolleginnen wie sie versetzt würden, schaftswissenschaftler schreibt darin über Menschen
Das Foto hat mir wer vor der Entlassung gegeben, den und die Ersten Angst bekamen und lieber weiterarbeite­ wie Emmely, also über Verkäuferinnen, Angestellte von
Schwanz, sorry, den Penis, hab ich draufgemalt. Bissel ten. Am Ende war sie die letzte Aufrechte, die Einzige Callcentern, Pflegediensten, Müllentsorgern und Leih­
groß? Na ja, sowieso nur zum Spaß. von 36 Mitarbeitern in ihrer »Kaiser’s«­Filiale, die arbeitsfirmen. Menschen, die an ihren Arbeitsbedingun­
Ganz wichtig ist das Foto meiner Tochter. Sie lebt streikte. Zu der Demonstration vor dem Einkaufszent­ gen gern etwas verändern würden, aber mit ihrem Pro­
bei meinen Eltern, ich sehe sie zweimal oder einmal im rum am Gesundbrunnen ist sie nicht mehr gekommen. test keinen Erfolg haben, weil sie zu leicht ersetzbar
Das Plüschtier ist von der Vorgängerin Monat, während der Besuchszeiten, für eine Stunde Sie geht jetzt jeden Tag zur Agentur für Arbeit in den oder zu schlecht organisiert sind: Arbeiter ohne Traditi­
oder zwei. Sie ist fünf. Hab das Gefühl, dass sie gut Computerkurs, Weiterbildung für Arbeitslose. In der on im Arbeitskampf. »Der Arbeitsmarkt zersplittert
klarkommt. Sie ist fast jedes Wochenende bei ihrem Pause sitzt sie vor dem Seminarraum – kräftig, in Jeans und mit ihm die Kampfkraft«, sagt Renneberg. »Wenn

22 Ich habe drei Jahre und vier Monate wegen


Drogenhandels bekommen. Die könnten auf
Vater. Er besucht mich nicht, muss er nicht, ist in Ord­
nung. Mein Freund besucht mich auch nicht, aber er
und Bluse. Wenn sie redet, macht sie oft Pausen und
schaut, als warte sie auf Empörung über das Erzählte.
sich Beschäftigungsstrukturen und Gesetze ändern,
müssen sich die Protestformen anpassen.« Flexibler
zwei Jahre verkürzt werden. Hoffe ich mal. schreibt. Ich auch. Das ist eine harte Probe für uns. An einem Tag Anfang dieses Jahres sei sie in das Büro müssten sie werden, individueller und spontaner. »Das
Seit acht Monaten bin ich hier und arbeite, mache für Jeden Morgen trinke ich Kaffee, das macht die Zelle der Filialleitung gerufen worden. »Es war eine seltsame Ziel ist, dass der Arbeitgeber morgens aufwacht und
Opel Autospiegel. Wichtig sind mir die Plüschtiere, das gemütlich. Komisch, das gibt mir auch Würde, Kaffee Stimmung«, sagt sie, als ob sie in einem Stück mitspiele sich fragt: Was führen die wohl heute wieder im Schil­
Krokodil und der Pinguin. Das sind Sachen, die die trinken. Hier verbringe ich ja viel Zeit, die schönste ist und ihre Rolle nicht kenne. Es ging um Getränkebons, de?« Vielleicht sieht die Zukunft so aus wie an einem

38 — fluter Thema: Menschenrechte — 39


Morgen vor ein paar Monaten in Berlin. In der Rewe­ mich eher nach einer Anleitung, wie lang die Leine sein
Filiale am Ostbahnhof spielten sich seltsame Dinge ab. sollte, an der die Angestellten liegen. Die Leine selbst
Eine Frau legte nur eine einzelne Weintraube auf das steht gar nicht infrage.
Laufband, eine andere nur eine Nuss und die dritte roll­
te ihren randvollen Einkaufswagen an die Kasse, und Ihr unterscheidet zwischen Angestelltendasein und
als sie 371,58 Euro zahlen sollte, hatte sie kein Geld da­ echtem Leben.
bei. Im gesamten Supermarkt standen Menschen he­ Genau. Ich habe lange genug in einer Werbeagentur ge­
rum, die nicht einkauften, sondern nur die Wagen hin arbeitet, in der der Standardspruch war: »Was? Du
und her schoben, Regale umräumten und Infoblätter kommst Sonntag erst um elf?« Umfragen sagen, dass Fr ühstück Fr ühstück

verteilten. Sie jubelten, als der volle Wagen wieder zum 70 Prozent der Angestellten unter ihrer Arbeitsumge­ 1,35 € 1,42€
Regal zurückgeschoben wurde. Es war eine Aktion von bung leiden.
Verdi, die Gewerkschaft brüstete sich später damit, die
Filiale »dichtgemacht« zu haben, für einen Moment Ist das Angestelltendasein unmodern?
hatte ihr Handeln den Handel unmöglich gemacht. Ein Zumindest war es nie so sinnvoll und einfach, selbst­
Gericht sollte anschließend prüfen, ob das als zulässiges ständig zu sein, wie heute. Die technischen Möglich­
Arbeitskampfmittel gilt oder rechtswidrig war – und keiten wie das Internet haben eine Demokratisierung
gab der Gewerkschaft recht. der Produktionsmittel mit sich gebracht. Wenn ich eine Mittag

Am Abend nach ihrem Computerkurs sitzt Emmely gute Idee oder was zu sagen habe, benötige ich keinen 1,03 €
im Berliner Hauptgebäude von Verdi, Raum 212, beim Konzern mehr, der meine Meinung oder mein Produkt
Treffen der »Kreativgruppe Einzelhandel«. Früher kleb­ unter die Leute bringt.
ten sie hier große Prozentzahlen auf rote Pappe, um sie
auf den Demos hochzuhalten. Heute bleiben die Schil­ Das heißt aber auch, dass niemand mehr vom Unter-
der im Schrank. Es gehe ihnen nur noch darum, sagt nehmen geschützt ist, sondern jeder sich selbst überlas-
Emmely, »wie man die Läden dichtmachen kann«. So sen ist.
wie damals in der Rewe­Filiale, als sie die eine Nuss Man unterstellt uns neoliberale Tendenzen, die den Ka­
und eine Birne kaufte. Als sie geht, ballt sie die Faust pitalismus erträglicher machen. Ich sag ja nicht, dass Mittag

zum Abschied und sagt: »Einen Finger kann man bre­


chen, aber fünf sind eine Faust.« Text: Katrin Zeug
sich jeder selbstständig machen sollte. Da würde ja das
Sozialsystem einstürzen. Aber wenn es all die täten, für
0,95 €
die es der bessere Weg ist, gäbe es drei Millionen weni­
Artikel 23: Jeder hat das recht auf arbeit, auf freie berufswahl, auf gerechte und
befriedigende arbeitsbedingungen sowie auf schutz vor arbeitslosigkeit. Jeder, ger Arbeitslose. Und dann muss man sich ja auch fra­
ohne Unterschied, hat das recht auf gleichen lohn für gleiche arbeit. Jeder, der gen: Wie fest sind denn die festen Stellen? Wenn einem
arbeitet, hat das recht auf gerechte und befriedigende entlohnung, die ihm und das eine Bein, auf dem man da steht, weggehauen wird,
seiner Familie eine der menschlichen würde entsprechende existenz sichert, ge­
gebenenfalls ergänzt durch andere soziale schutzmaßnahmen. Jeder hat das fällt man um. Da steh ich doch lieber auf vier Beinen – Snack
als Selbstständiger mit vier Auftraggebern.
recht, zum schutz seiner Interessen Gewerkschaften zu bilden und solchen bei­
zutreten. 0,30 €
Wenn man vier Auftraggeber hat …
Klar. Aber unser Buch soll ja ein Mutmacherbuch sein
und das Lebenskonzept des selbst bestimmten Arbei­
tens verherrlichen. Anders findet man kein Gehör.
Interview: Oliver Gehrs
»iCh st Eh E li EBEr au F
Artikel 24: Jeder hat das recht auf erholung und Freizeit und insbesondere auf
V i Er BEi n En« eine vernünftige begrenzung der arbeitszeit und regelmäßigen bezahlten Urlaub. Snack
Es gibt ein Leben nach dem Angestelltendasein!
0,40 €
24 Sascha Lobo hat gemeinsam mit Holm Friebe
das Buch »Wir nennen es Arbeit« geschrieben,
in dem sie die Veränderung der Arbeitswelt
durch das Internet beschreiben.
25 kEi nE FünF Euro Fürs EssEn
Was Hartz IV so zum Leben vorsieht.
Eine Dokumentation.

Den Artikel 24 kennst du ja sicher auswendig. Artikel 25: Jeder hat das recht auf einen lebensstandard, der seine und seiner
Ab endessen
Familie Gesundheit und wohl gewährleistet, einschließlich nahrung, Kleidung, Ab endessen
Sascha Lobo: Wieso das denn?
wohnung, ärztliche versorgung und notwendige soziale leistungen, sowie das 1,20 € 1,09 €
recht auf sicherheit im Falle von arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder ver­
Weil ihr mit eurem Loblied auf das selbstständige witwung, im alter sowie bei anderweitigem verlust seiner Unterhaltsmittel durch
Arbeiten der Freizeit eine Bresche schlagt. unverschuldete Umstände. Mütter und Kinder haben anspruch auf besondere
Fürsorge und Unterstützung. alle Kinder, eheliche wie außereheliche, genießen
Ich kenne viele Selbstständige, die mehr arbeiten als den gleichen sozialen schutz.
Angestellte. Uns geht es nicht um Freizeit, sondern vor
allem um die Freiheit, dann zu arbeiten, wann ich will
und es am besten kann. Dieser Artikel 24 klingt für Vorschlag des Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin
für eine Ernährung mit Hartz IV.
Das linke Tagesmenü kostet insgesamt 3,98 Euro – bei
40 — fluter einem Tagessatz von 4,25 Euro bleibt sogar noch was Thema: Menschenrechte — 41
übrig.
EHU-Abschluss wird in Weißrussland freilich nicht an­
27
W e r n i c h t s p u rt, H aste nicht gesehn
w i r d e x m at r i k u l i e rt erkannt. Noch problematischer ist es für die Studenten, Ein Bild, das vielleicht nie wieder in einem Museum
Mit der Freiheit des Andersdenken ist es in die sich explizit politisch engagieren oder für Men­ oder einer Ausstellung hängt.
Weißrussland nicht weit her. schenrechte einsetzen. Denen droht das Schicksal der
Studentin Katsyaryna Salauyova. Die Aktivistin der

26 Um zu verstehen, wie wertvoll das Recht auf


eine freiheitlich-demokratische Bildung ist,
»Malady Front«, einer oppositionellen Jugendorganisa­
tion, flog gleich zweimal von ihrer Universität in der
muss man nicht nach Afrika oder Asien fah­ Stadt Polatsk. Vor allem im Jahr 2006 waren viele Stu­
ren. 900 Kilometer von Berlin entfernt liegt Weißruss­ denten, die sich in der Opposition engagierten, einem
land. Die ehemalige Sowjetrepublik wird seit 1994 von enormen Druck ausgesetzt. Denn bei den Protesten ge­
Aleksander Lukaschenko regiert, einem Präsidenten, gen die unfairen Präsidentschaftswahlen hatten sie eine
den man besser Diktator nennt. Und wie in allen Dikta­ große Rolle gespielt. Damals riefen die Europäische
turen ist die Bildungspolitik in Weißrussland ein wichti­ Kommission und die polnische Regierung Hilfspro­
ges Kontrollinstrument. Es gibt sogar das Fach »Staatli­ gramme ins Leben, um den Unterdrückten ein Studium
che Ideologie“, das jeder Student an einer Hochschule im Ausland zu ermöglichen. Das Programm gibt es bis
heute. Wer aber genau von den Repressalien betroffen
ist, lässt sich manchmal nur schwer feststellen. Man be­
kommt ja keine offizielle Erklärung, dass man wegen
politischer Aktivität von der Uni verwiesen wurde, eine
schlechte Note erhielt oder kein Stipendium bekam.
Die Methoden, Druck auf die jungen Menschen
auszuüben, sind subtil und weitreichend: Wer sich poli­
tisch engagiert, muss sich darüber im Klaren sein, dass
er Gefahr läuft, gesellschaftlich geächtet zu werden. Da
der staatliche Anteil an der Wirtschaft in Weißrussland
bei rund 75 Prozent liegt, kann es für Andersdenkende
mitunter enorm schwierig sein, eine Arbeitsstelle zu fin­
den und ein normales Leben aufzubauen. Dagegen ge­
nießen Schüler und Studenten, die sich mit Lukaschen­
kos Politik einverstanden erklären, viele Vorteile.
Auch Diktatoren mögen`s gemütlich: Lukaschenko zu Hause
Alternative Ansichten sind in Lukaschenkos Re­
gime nicht erwünscht. Sie werden nur geduldet, solange
belegen muss. Prinzipiell kann jeder aber lernen und sie keine Bedrohung für die Machtstrukturen darstel­
studieren, was er will. Wer allerdings Wert darauf legt, len. Dennoch ist Weißrussland kein totalitärer Staat wie
sich eine eigene Meinung zu bilden, eigene Fragen zu beispielsweise Nordkorea. Vollends gleichgeschaltet ist
stellen und nach eigenen Antworten zu suchen, be­ die Gesellschaft nicht, auch wenn Lukaschenkos System
kommt mit Sicherheit Probleme. totalitäre Züge aufweist. Aber die Freiheit der Entschei­
Gerade in geisteswissenschaftlichen Fächern wer­ dung, des Geistes und die Möglichkeit der Wahl, so wie
den manche Themen einseitig oder verkürzt dargestellt, wir sie in unserer Lebensplanung kennen, sind keine
andere sind sogar tabu – ob man sie erforschen, erler­ Werte, die Lukaschenkos System fördert. So ist es bei­
nen oder lehren will. So berichtete der bekannte Histo­ spielsweise bis heute äußerst schwierig, einen alternati­
riker Igor Kusnezow kürzlich auf der Konferenz »Minsk ven Jugendclub in Minsk zu eröffnen. Mit viel Anstren­
Forum«, dass in den vergangenen zehn Jahren keine gung, Mut und einer gewissen Sturheit kann man sich
Doktorarbeit über die Unterdrückung der Opposition aber auch in Weißrussland Nischen der Freiheit er­
zur Zeit der Sowjetunion geschrieben werden konnte. schließen. Dafür braucht man vor allem: eine starke
Die Gründe sind einfach: Erstens setzt Lukaschenko auf Haltung. Text: Ingo Petz
das leuchtende Erbe der Sowjetunion. Zweitens benutzt
Artikel 26: Jeder hat das Recht auf Bildung. Die Bildung ist unentgeltlich, zum
der 54-Jährige ebenfalls Repressionen, um seine Gegner Mindesten der Grundschulunterricht und die grundlegende Bildung. Der Grund­
zu bekämpfen. Unter diesen Umständen sind viele gute schulunterricht ist obligatorisch. Fach- und Berufsschulunterricht müssen
­allgemein verfügbar gemacht werden, und der Hochschulunterricht muss allen
Wissenschaftler unter Lukaschenko entlassen und Bil­
gleichermaßen entsprechend ihren Fähigkeiten offenstehen. Gustav Klimt »Birkenwald/Buchenwald« (1903)
dungseinrichtungen geschlossen worden. Die Europäi­ Die Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und
Öffentliche Museen können bei wichtigen Kunstauktionen nur noch selten mit privaten Sammlern mithalten.
sche Humanistische Universität (EHU), die von interna­ auf die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten
­gerichtet sein. Sie muss zu Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Das Bild »Birkenwald / Buchenwald« von Gustav Klimt wurde 2006 für 40, 3 Millionen Dollar von einem anonymen
tionalen Geldern finanziert wurde und die sich an
Nationen und allen rassischen oder religiösen Gruppen beitragen und der ­Tätigkeit Bieter ersteigert. Ob es jemals wieder in einer Ausstellung oder einem Museum zu sehen sein wird, ist ungewiss.
westlichen Bildungsstandards orientierte, wurde im der Vereinten Nationen für die Wahrung des Friedens förderlich sein.
Sommer 2004 auf Druck Lukaschenkos liquidiert und Die Eltern haben ein vorrangiges Recht, die Art der Bildung zu wählen, die ihren
Kindern zuteil werden soll.
residiert nun im litauischen Vilnius. Dort hat sie sich Jeder h
zur Anlaufstelle für geschasste Professoren und opposi­ at das Artikel 27: Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt
Recht a und dessen Errungenschaften teilzuhaben. Jeder hat das Recht auf Schutz der geistigen und materiellen Interessen, die ihm als Urheber von Werken der Wissenschaft,
uf Bildu
tionelle Studenten aus Weißrussland entwickelt. Ein Fotos a ng? Literatur oder Kunst erwachsen.
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42 —  f luter thema Thema: Menschenrechte — 43
a l s h Ät t E n W i r si E M i t dE r Die Menschenrechte sind universell und unteilbar. Sie wie ich keine Lust mehr hatten, nur im Uni­Seminar Fragen ich stellen sollte, wenn ich mal den Innenminis­
Mut t Er M i lCh au FGEsoGEn gelten also für jeden und lassen sich nicht gegeneinan- »Moralische Grundsatzfragen« zu sitzen. Mit diesen ter treffen würde. Es gab Zeiten, da habe ich zehn,
Kann man Menschenrechte wirklich von allen einfordern? der aufwiegen. Warum tun sich Länder wie China so Leuten habe ich Schilder für eine Demo zusammenge­ zwanzig Stunden in der Woche mit ai verbracht. Ich
Oder sollte man fremde Kulturen nicht doch lieber in Ruhe lassen? schwer mit diesem Anspruch? tackert, nach der Sitzung noch ein Bierchen getrunken, frage mich manchmal, wer mehr davon gehabt hat:
Ein Gespräch mit der in China lehrenden Politologin Anja Mihr.
Die Universalität der Menschenrechte ist seit 2004 in Fälle durchgesprochen, am Wochenende telefoniert, die, denen ich helfen wollte – oder ich.
der chinesischen Verfassung verankert. Dennoch wer­ viele, viele E­Mails geschrieben, Petitionen unterzeich­ Text: Hanna Engelmeier

28 Frau Mihr, haben Menschenrechte und Coca-


Cola etwas gemeinsam?
den in China täglich Menschen­ und Freiheitsrechte
verletzt. Die allgemeine Argumentation hier ist: Men­
net, auf dem Ku’damm Spenden gesammelt. Und kein
einziges Mal darüber gesprochen, ob das, was wir tun,
Artikel 29: Jeder hat Pflichten gegenüber der Gemeinschaft, in der allein die
freie und volle entfaltung seiner Persönlichkeit möglich ist. Jeder ist bei der
Auf den ersten Blick natürlich nicht. Aber bei­ schenrechte sind zwar wichtig, aber Sicherheit und sinnvoll ist, oder warum wir hier sind. ausübung seiner rechte und Freiheiten nur den beschränkungen unterworfen,
des wird ähnlich wahrgenommen. Das erlebe ich häu­ Wohlergehen des Staates sind wichtiger und stehen an Ehrenamtliche Arbeit in einer Menschenrechtsor­ die das Gesetz ausschließlich zu dem Zweck vorsieht, die anerkennung und
achtung der rechte und Freiheiten anderer zu sichern und den gerechten an­
fig, wenn ich mit Studenten aus nicht europäischen Län­ erster Stelle. Kurz gesagt: Das Individuum steht hinter ganisation ist etwas für Bildungsbürger, die sonst kei­ forderungen der Moral, der öffentlichen Ordnung und des allgemeinen wohles
dern spreche. Die Menschenrechte werden als westliches dem Kollektiv zurück. ne Probleme haben. Wer schauen muss, wie er seinen in einer demokratischen Gesellschaft zu genügen. Diese rechte und Freiheiten
Produkt angesehen, das ähnlich wie Coca­Cola für Hartz­IV­Satz aufbessert oder gerade versucht den dürfen in keinem Fall im widerspruch zu den Zielen und Grundsätzen der ver­
einten nationen ausgeübt werden.
einen westlichen Lebensstil steht und an alle Orte der Kritiker weisen immer wieder auf kulturelle Besonder- Hauptschulabschluss nachzuholen, hat weder Muße
Welt exportiert wird. Einen Satz höre ich immer wie­ heiten hin. Ihre Argumentation lautet: Kulturen sind noch Motivation, mit Leuten Zeit zu verbringen, die
der: Es ist schön, dass es die Menschenrechte gibt, aber unvergleichlich. Sie entziehen sich Hierarchien und
bei uns würden sie nicht funktionieren. lassen sich nicht am Universellen messen. Muss der
Westen auch bei den Menschenrechten mehr Rücksicht »F ü r sol dat E n W i r d dE r
Sind Menschenrechte demnach eine Erfindung des auf kulturelle Unterschiede nehmen? sCh utz au FGEhoBEn«
Westens? Die Unveräußerlichkeit der Menschenrechte liegt genau Töten, um Töten zu verhindern:
Das ist ein Mythos. Die Geschichte der Menschenrechte darin begründet, dass sie vor allen kulturellen Eigenar­ Der Philosoph Wilfried Hinsch plädiert dafür, Menschenrechte
durch militärische Interventionen zu sichern.
fängt vor mehr als sechstausend Jahren in Mesopotami­ ten stehen. Die Annahme dahinter lautet: In allen Kul­
en und Indien an. Allerdings ist das gegenwärtige Men­ turen gibt es ein universelles und vorkulturelles Ver­
schenrechtssystem eindeutig westlich dominiert. Was
wir heute unter Menschenrechten verstehen, ist seit
ständnis für Recht und Unrecht. Keine Kultur belohnt
Diebstahl, Mord oder Lüge – alle verurteilen das. Wenn 30 fluter: Herr Hinsch, ist es nicht absurd, Krieg
für die Menschenrechte zu führen? Immerhin
1945 und mit der Gründung der Vereinten Nationen der Einzelne zum Wohle der Gesamtheit diskriminiert, muss man sie dafür ja brechen.
unter Interpretationshoheit des Westens entstanden. misshandelt oder mundtot gemacht wird, widerspricht Hinsch: Wie meinen Sie das?
Das schürt diesen Mythos. das der Universalität der Menschenrechte. Dieser An­
nahme haben inzwischen alle 192 UN­Mitgliedsstaaten Na ja, jeder Soldat hat ja genauso wie jeder Zivilist ein
Der palästinensische Intellektuelle Edward Said hat zugestimmt. Interview: Andreas Braun Recht auf Leben.
»Manchmal frage ich mich, wer mehr davon hat – die,
dem Westen vorgeworfen, den Orient permanent aus denen man helfen will, oder ich selbst«: ai-Aktivisten Natürlich verursachen humanitäre Interventionen unter
Artikel 28: Jeder hat anspruch auf eine soziale und internationale Ordnung, in
einem Überlegenheitsgefühl heraus zu beurteilen. der die in dieser erklärung verkündeten rechte und Freiheiten voll verwirklicht den Menschen Opfer und es sterben immer wieder auch
Sehen wir Menschen aus fremden Kulturen wirklich in werden können. Zivilisten, das hat man bei der Kosovointervention ge­
erster Linie als Opfer? sich an dem Satz »Die Menschenrechte sind unteilbar« sehen. Zu erwarten ist, dass Soldaten der sich gegen­
Das glaube ich nicht. Aber Westler werden umgekehrt erfreuen. Die Organisationsstruktur ist in etwa so überstehenden Armeen getötet werden. Das Aufrechter­
oft als rechthaberisch wahrgenommen. Warum? Weil flexibel wie die einer Partei: Wem es Freude macht, in halten jeder Rechtsordnung ist mit Opfern verbunden.
wir häufig zu unreflektiert mit der eigenen Vergangen­ einem Auditorium Anträge zur Änderung der Tages­ Das gilt auch für internationale Verhältnisse, denken
heit umgehen. Mit den Nationalsozialisten hatten wir ordnung zu stellen, hat große Chancen, bei einer Jah­ Sie an Verteidigungskriege.
in Europa vor erst 65 Jahren eines der größten Un­ resversammlung von amnesty international sein Glück
rechtsregimes in der Geschichte der Menschheit. Wa s z u d E M o n s t r i E r E n Wa r zu fi nden. Man muss das Recht also brechen.
Gleichzeitig tun wir aber im Ausland häufig so, als Wie es ist, bei Amnesty mitzumachen. Das bedeutet aber nicht, dass in allen Funktionen Die Frage ist, ob Soldaten eines angreifenden Staates
hätten wir die Menschenrechte mit der Muttermilch auf allen Ebenen Topkräfte sitzen. Die Öffentlichkeits­ den menschenrechtlichen Schutz genießen, nicht getötet
aufgesogen. Klar sorgt das für Unverständnis und
Misstrauen. 29 Ich weiß gar nicht mehr, wen ich zu treffen er­
wartete, als ich bei amnesty international (ai)
arbeit im Bezirk Berlin­Brandenburg konnte lange Zeit
jemand übernehmen, der vor allem eine Qualifi kation
zu werden. Man könnte auch sagen, dass für Soldaten
im Krieg und insbesondere für Soldaten, die einen An­
anfi ng. Wahrscheinlich eine einheitliche hatte: den Satz »Ich würd’ das wohl machen« unfall­ griffskrieg führen, dieser Schutz aufgehoben ist.
Wenn es um Menschenrechtsverletzungen geht, wird Gruppe von Leuten, die mit Jutebeutel zu Marx­Lektü­ frei zu Ende sprechen zu können. Das heißt, es geht oft
häufig mit dem Finger auf China gezeigt. Sie arbeiten re­Gruppen gehen und lila Latzhosen für ein modi­ etwas schief, viele Aktionen sind weniger gut besucht, Wieso sprechen Sie von humanitären Interventionen
derzeit an der Peking-Universität. Wie werden westli- sches Kleidungsstück halten. Genau solche waren auch als sie sein könnten, und fast immer ist das Geld zu und nicht von humanitären Kriegen?
che Vertreter für Menschenrechte dort aufgenommen? da. Es waren aber auch da: Juristinnen, die einem Kur­ knapp. Das hört sich nach viel Arbeit und viel Ärger Ich würde durchaus von Krieg sprechen. Es handelt sich
Bis vor wenigen Jahren kamen viele westliche Dozenten den, der Fotos einer zu Tode gefolterten Nachbarin mit an. Und das ist es auch. Es gab Momente, in denen mir um kriegerische Auseinandersetzungen mit Waffenge­
kurz nach China, um ihre »Weisheiten« zu verkünden sich trug, nicht nur zuhörten, sondern auch wussten, das zu viel geworden ist. Ich konnte mit dem schwulen walt. Der Punkt ist, dass es hier nicht um eine Ausei­
und mit dem Gefühl nach Hause zu fahren: »Endlich wie er eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen konn­ irakischen Zahnarzt, der in der Beratungsstunde nandersetzung zwischen zwei Staaten geht, sondern um
hat es den Chinesen mal einer gesagt!« Das hat viel te. Sanfte Krankenpfleger, die keine Scheu hatten, in androhte, sich umzubringen, nicht umgehen. Ich war eine Schutzaktion für die Bevölkerung in einem Staat.
Schaden angerichtet. Mittlerweile gibt es aber eine neue ihrer Freizeit mit arbeitslosen Jugendlichen über nicht gut genug ausgebildet und ich war zu jung. Man
Generation von westlichen Experten und Wissenschaft­ Geschlechterrollen zu diskutieren. Übermotivierte wird langsam weniger leichtfertig und weniger un­ Gibt es Ihrer Meinung nach zu wenige solcher
lern, die verloren gegangene Glaubwürdigkeit zurück Bibliothekare, die mich entgeistert ansahen, als ich beschwert. Für mich gesprochen hieß das aber auch, Schutzaktionen?
gewinnen, in dem sie zuhören, Selbstkritik üben und fragte, ob ich die mir unbekannten Mitglieder bei der erwachsener zu werden und eine Idee davon zu bekom­ Ja, auf jeden Fall. Es hätte eine Intervention in Ruanda
auf Dialog setzen. Das zahlt sich aus. Jahresversammlung auch duzen könnte. Studenten, die men, was Verantwortung heißen könnte, und welche geben müssen und auch in andern Fällen.

44 — fluter Thema: Menschenrechte — 45


Wo würden Sie, wenn Sie die Macht hätten, heute Gebiet wie Somalia, Ruanda oder Dafur stattfindet,
Truppen hinschicken? als für einen Einsatz in Europa.
Im Moment sehe ich keinen Anlass für eine humanitäre Das stimmt. Der Kosovokonflikt hat sehr viel mehr
Intervention. Die momentane Lage im Kongo etwa ist Aufmerksamkeit gefunden, als weit blutigere Auseinan­
sehr bedrohlich und kostet viele Menschen das Leben. dersetzungen in Afrika und Asien. Das ist, vom Stand­
Aber eine humanitäre Intervention ist meiner Meinung punkt des Menschenrechtsschutzes aus gesehen, ein
nach nicht ratsam. ernstes Problem. Denn Menschenrechte und Menschen­
Wichtig ist ja auch, ob der militärische Menschenrechts­ leben haben überall den gleichen Wert.
schutz unter akzeptablen Bedingungen möglich ist,
wenn man Opfer und Kosten betrachtet. Denken Sie an Müssen Interventionen unabhängig von der geogra-
die Lage in den vergangenen Jahren in Tschetschenien fischen Lage stattfinden?
oder auch an Menschenrechtsverletzungen in China – Wie nah oder fern einem ein Land steht und eine Kul­
da wäre keine Intervention mit militärischen Mitteln tur, dürfte nach meiner Meinung bei der Frage für oder
angebracht gewesen, weil die Kosten eines militärischen gegen eine Intervention keine Rolle spielen.
Konflikts einfach viel zu hoch sind und ihr Nutzen
höchst fragwürdig ist. Gibt es so etwas wie innere Angelegenheiten eines
Staates heutzutage überhaupt noch?
Also sollte man besser nur in schwachen Staaten mili- Natürlich gibt es die. Die Organisation des Schulwesens
tärisch intervenieren? beispielsweise oder die Steuergesetzgebung und Ähnli­
Das kommt darauf an, wie Sie »sollte« verstehen. Man ches. Aber es ist sicher nicht vertretbar, Massenmord
»sollte« Menschenrechte immer schützen. Richtig ist und Vertreibungen als eine innere Angelegenheit eines
aber auch, dass Interventionen bei schwächeren Staaten Staates zu betrachten, die vor Interventionen geschützt
eher erfolgreich sind und keine zu großen Opfer ist. Das Völkerrecht muss an diesem Punkt eine Grenze
erfordern. staatlicher Souveränität ziehen.

Die Intervention der NATO im Kosovo hat 1999 das Wie war denn Ihre Haltung zu militärischen Einsät-
internationale Recht gebrochen, weil es kein Mandat zen, als sie jünger waren? Sagen wir mit zwanzig?
des UNO-Sicherheitsrates gab. Darf so etwas im Na- Waren Sie da Pazifist?
men der Menschenrechte passieren? Im Grunde habe ich das damals nicht viel anders gese­
Ich glaube zwar, dass es immer wieder Situationen ge­ hen. Ich habe mit zwanzig nicht so sehr über humanitä­
ben wird, in denen auch außerhalb des internationalen re Interventionen nachgedacht, sondern über Diktatu­
Rechts humanitäre Interventionen vorgenommen ren und ausbeuterische Regime in aller Welt. Ich war
werden sollten. Aber im Prinzip müsste es so sein, dass stets der Meinung, dass bei gravierendem Unrecht in ei­
das internationale Recht selber einen Mechanismus vor­ nem Staat auch bewaffneter Widerstand zulässig ist,
sieht, um zum Beispiel Minderheiten, die in einer und dass in ihren grundlegenden Rechten bedrohte
Gesellschaft vom Genozid bedroht sind, zu schützen. Menschen einen moralischen Anspruch auf unsere Hil­
Ich halte es für einen großen Mangel des internationa­ fe und Unterstützung haben, ganz gleich in welchem
len Rechts, dass Interventionen nicht vorgesehen sind, Land sie leben. Interview: Fabian Dietrich
beziehungsweise nur, wenn im Sicherheitsrat darüber
ein Beschluss zustande kommt, den keine der Vetomäch­ Wilfried Hinsch und sein Kollege Dieter Janssen haben das
te blockiert. Buch »Menschenrechte militärisch schützen: Ein Plädoyer
für humanitäre Interventionen« geschrieben, (das bei C.
Menschenrechte werden schon jetzt immer wieder als H. Beck erschienen ist). Das Buch gibt’s für vier Euro auf
Deckmantel für Kriege verwendet. Zum Beispiel wurde bpb.de zu bestellen.
der letzte Irakkrieg zum Kampf für die Menschenrech-
Artikel 30: Keine bestimmung dieser erklärung darf dahin ausgelegt werden,
te umdefiniert, als keine Massenvernichtungswaffen dass sie für einen staat, eine Gruppe oder eine Person irgendein recht begrün­
gefunden wurden. Würde ein Interventionsrecht nicht det, eine tätigkeit auszuüben oder eine handlung zu begehen, welche die be­
zu noch mehr Missbrauch führen? seitigung der in dieser erklärung verkündeten rechte und Freiheiten zum Ziel
hat.
Das ist ein Argument, das oft gebracht wird. Aber ich
finde es nicht besonders überzeugend. Es unterstellt,
dass mächtige Staaten, die im Prinzip in der Lage sind,
allein aus egoistischen Staatsinteressen in einem ande­ Der
ang
ren Land militärisch zu intervenieren, dies ohne ein In­ Richt Wolfg
er
er das
Vater und Sohn im Sommer nach dem Krieg: 1995 endete der Bürgerkrieg in Bosnien, in dem sich Serben,
terventionsrecht nicht tun würden. Das scheint mir sehr Schomburg üb Kroaten und bosnische Muslime grausam bekämpften. Die UNO entsandte Schutztruppen – doch diese verhinderten
bunal
unrealistisch zu sein. Jugoslawientri nicht, dass serbische Einheiten in Srebrenica ein Massaker verübten und etwa 8000 Jungen und Männer ermordeten

www.fluter.de/
In Deutschland wird weit weniger Verständnis für thema
einen Einsatz aufgebracht, der in einem entfernten

46 — fluter Thema: Menschenrechte — 47


indEx iMprEssuM

A–Z fluter – Magazin der Bundeszent- Druck


rale für politische Bildung, Bonifatius GmbH
Arbeit Killer ausgabe 29, Winter 2008 Druck – Buch – Verlag Paderborn
Seite 4 / 8 / 10 / 13 / 23 / Seite 20 Herausgegeben von der
Bundeszentrale für politische Kostenloses Abo bestellen,
28 / 38 / 39 / 40 / 42 / 45 Kokain Bildung (bpb) verlängern & abbestellen
Asyl Seite13 Adenauerallee 86, 53113 Bonn www.fluter.de/abo
Seite 22 / 23 Krieg Tel. 0228 / 99515­0 abo heft.fluter.de
FREIHEIT FÜR ALLES
Bildung Seite 4 / 5 / 8 / 13 / 19 / 23 / Redaktion Nachbestellungen fluter-Leser »blamann«
Seite 7 / 11 / 42 24 / 25 / 45 / 46 / 47 / 50 Thorsten Schilling (verantwort­ IBRo fühlt sich offenbar schnell
Blogs Kunst lich), Bundeszentrale für politische Kastanienweg 1 von Gesetzen eingeengt. Er
Bildung (schilling bpb.de), 18184 Roggentin fordert ein Menschenrecht
Seite 6 / 31 Seite 43 Fabian Dietrich (CvD), Fax: 038204 / 66­273 auf radikale Handlungsfrei-
Calais Magna Charta Oliver Gehrs (redaktionelle E­Mail: bpb ibro.de heit. »Immerhin darf man
Seite 23 Seite 7 Koordination) einen Haufen Kram nicht, der
Nachbestellungen von fluter keinen anderen was angeht.
DDR Massaker Bildredaktion werden ab 1 kg bis 15 kg mit Drogen nehmen zum Beispiel
Seite 7 / 50 Seite 47 Tobias Kruse 4,60 Euro kostenpflichtig. oder sich selbst umbrin-
Diktator Polizei gen.« (Der Junge auf dem
Gestaltung Papier Foto ist nicht »blamann«)
Seite 42 Seite 8 / 14 / 15 / 16 / 19 / Neue Gestaltung GmbH Dieses Magazin wurde auf
Essen 22 / 23 / 24 / 25 (Peter Stenkhoff, Anna Bühler, umweltfreundlichem, chlorfrei
ZOMBIE-RECHT
Seite 6, 14, 25, 40, 41 Porsche Carsten Giese) gebleichtem Papier gedruckt.
Ein Menschenrecht auf Leben
Fatwa Seite 29 Mitarbeit Bildnachweise
gibt es bereits. fluter-
Leser »BC-Dietz« hätte aber
Seite 30 Protest Jakob Augstein, Andreas Braun, Titel: Julian Röder ÜBERALL ONLINE
gerne eines auf den Tod.
Fingerabdruck Seite 28 / 33 / 39 Henryk M. Broder, Amrai Coen, Seite 4: ullstein bild / Granger Natürlich hat Eleanor
Ein Menschenrecht, das ihm
Serge Debrebant, Patricia Collection Roosevelt nicht ahnen
Seite 15 Religion Dudeck, Hanna Engelmeier, Seite 6: picturealliance / dpa können, dass Millionen von
beispielsweise gestattet,
seine Asche verstreuen zu
Folter Seite 4 / 10 / 30 Silvia Feist, Susanne Klingner, Seite 10: picturealliance / dpa Menschen irgendwann ihre
lassen, wo er will. »Wo
Seite 12 / 14 / 17 / 18 / Schwule Christian Litz, Oliver Müller, Seite 12: Annette Hauschild / Tage damit verbringen,
bleibt mein Menschenrecht
Hans­Hermann Kotte, Stefan Ostkreuz vor Plastikkisten namens
19 / 44 Seite 11 Krücken, Ingo Petz, Michaela Seite 13: Karin Desmarowitz / Computer zu sitzen, auf
auf meine materiellen
Abfälle? Warum darf ich
Gefängnis Sex Ludwig, Christoph Schultheis, Agenda denen sie sich Videos
nicht einmal bestimmen, wie
Seite 5 / 6 / 8 / 11 / 15 / Seite 22 / 38 Katrin Zeug Seite 16 u. 17 links: Gerster / laif von tanzenden Katzen und
nach meinem Ableben mit mir
Seite 17 (rechts): Chris Mikula, Ähnlichem hin- und her-
17 / 18 / 22 Supermarkt Fotos & Illustrationen The Ottawa Citizen schicken. fluter-Leser
umgegangen wird?«
Gewerkschaft Seite 6 / 22 / 25 / 39 Wolfgang Bellwinkel, Seite 18 (links): Christopher »Richard« fordert trotz-
Seite 21 / 39 / 40 Tiere Ad van Denderen, Oliver Anderson / Magnum / Focus dem, dass es schleunigst
Grajewski, Jakob Hinrichs, Seite 18 (rechts): Alex Majoli / ein Menschenrecht auf
Handy Seite 10 / 38 André Kunze / www.moccu.com Magnum / Focus Internetzugang geben muss.
Seite 12 / 21 / 39 UNO (Schaubild), Julian Röder, Seite 19: picturealliance / dpa »Dann könnten Milliarden
Hinduismus Seite 4 / 5 / 8 / 47 / 50 Stephanie Sinclair Seite 21: picturealliance / dpa (2) von Menschen sich weiter- HIASL UND DIE ANDEREN
Seite 22: GoogleEarth / AeroWest bilden und miteinander Ähnlich sind wir uns ja schon – das Erbgut
Seite 8 / 10 Zensur Schlussredaktion / Geocontent / TeleAtlas kommunizieren.« von Menschen und Schimpansen ist zu über
Hochzeit Seite 26 / 31 Kathrin Lilienthal Seite 23 – 25: Ad van Denderen / 98 Prozent identisch. Der australische
Seite 8 / 28 VU / laif Philosoph Peter Singer kämpft deswegen
Lektorat Seite 28: Stephanie Sinclair / VII seit Jahren dafür, die Menschenrechte auch
Barbara Doering Network auf Primaten zu übertragen. Dass sie nicht
Seite 31: picturealliance / dpa LAND UNTER
sprechen können, ist egal: Immerhin würden
Was nützt einem eigent-
Menschenrechte Redaktionsanschrift / Leserbriefe
fluter
(links), Martin Hadlow / Unesco
(Mitte), fluter (rechts) lich ein Recht auf
die Rechte auch Kleinkindern und geistig
Behinderten zugesprochen, sagt Singer.
Magazin der Bundeszentrale Seite 32 – 37: Julian Röder / Bildung und Arbeit, wenn
Bislang hat sich seine Idee nicht durch-
Artikel 1 — Seite 10 Artikel 16 — Seite 28 für politische Bildung Ostkreuz das eigene Haus von einer
setzen können. Zuletzt scheiterte eine
Max­Beer­Str. 33 Seite 38: Gerhard Hagen / artur Flutwelle davonge-
Artikel 2 — Seite 11 Artikel 17 — Seite 29 schwemmt wird? Auf den
österreichische Tierschutzorganisation
10119 Berlin Seite 39: Nathan Seegers vor Gericht damit, Menschenrechte für den
Artikel 3 — Seite 12 Artikel 18 — Seite 30 Tel. 030 / 24 72­38 13 Seite 41: fluter (8) Malediven wird schon
Gorilla Hiasl einzuklagen.
Artikel 4 — Seite 12 Artikel 19 — Seite 31 Fax 030 / 24 72­38 12 Seite 42: picturealliance / dpa jetzt Geld für den Tag
post fluter.de Seite 43: Bridgeman Art Library gespart, an dem die
Artikel 5 — Seite 14 Artikel 20 — Seite 32 Inseln dank der Klima-
Seite 45: picturealliance / dpa
Artikel 6 — Seite 15 Artikel 21 — Seite 38 Redaktionelle Umsetzung Seite 47: Wolfgang Bellwinkel / erwärmung untergehen.
Artikel 7 — Seite 16 Artikel 22 — Seite 38 Dummy Media GbR Ostkreuz fluter-Redakteur Fabian
Max­Beer­Str. 33 Seite 49: flickr creative commons Dietrich findet, auch ein
Artikel 8 — Seite 16 Artikel 23 — Seite 39 Recht auf intakte Umwelt
10119 Berlin Arturo Ponciarelli (links oben),
Artikel 9 — Seite 17 Artikel 24 — Seite 40 E3000 (rechts oben), Ankur wäre eine gute Sache.
Artikel 10 — Seite 19 Artikel 25 — Seite 40 ISSN 1611­1567 Banerjee (Mitte), Christian Steen
Artikel 11 — Seite 20 Artikel 26 — Seite 42 Bundeszentrale für politische (links unten), Shiny Things
Bildung (rechts unten)
Artikel 12 — Seite 21 Artikel 27 — Seite 43 info bpb.de Seite 50: Tobias Kruse
Artikel 13 — Seite 22 Artikel 28 — Seite 44 www.bpb.de
Artikel 14 — Seite 23 Artikel 29 — Seite 44
Artikel 15 — Seite 28 Artikel 30 — Seite 45

48 — fluter Thema: Menschenrechte — 49


Ideenlabor: ­ erwirklichung, Defizite und Verstöße in Deutschland.
V
15 Jahre Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitä­

DDR
ren Unterstützung – ihr Beitrag zum Kampf gegen Miss­

GjcYZgI^hX]EdaZc#+#;ZWgjVg&.-.#;did:gVob8^dZ`
achtung von Menschenrechten in der BRD. So stand es
in der Ankündigung, und die war ja schon voll von An­
spielungen, Verweisen und mehrfach aufgeladenen Be­
griffen: Humanitäre Unterstützung, Menschenrechte,
Deutschland, BRD, Kampf und Missachtung. Wolfgang
Richter kam schließlich zu dem Ergebnis, dass es im
Westen um die Menschenrechte schlecht bestellt war
und ist. Er zitierte Stimmen aus dem Westen: Statt von
mehr als 800 Toten an der innerdeutschen Grenze, von
Stacheldraht und Schießbefehl sprach er von »konkre­
ten Bedingungen«, unter denen »ambivalente Entschei­
dungen« getroffen worden seien. Und dass es »viel Un­
schönes auf allen Seiten« gegeben habe. Immerhin gab
er einschränkend zu: »Wir hätten uns natürlich eine
DDR gewünscht, in der die Bundesbürger auf der ande­
ren Seite der Mauer angestanden hätten und massen­
haft in die DDR geflüchtet wären.«
»Die Grenzer, und das muss in diesem Kontext
ganz klar gesagt werden«, rief der Professor hinab in
den Saal, »standen an der Staatsgrenze der DDR für
das oberste Menschenrecht ein: das Recht auf Frieden!«
Zum Schießen: Ausgerechnet die Sie hätten die Grenze zwischen den Systemen bewacht
­ehemaligen Grenztruppen der DDR und damit den Dritten Weltkrieg verhindert. Die so ge­
lobten alten Männer hörten schweigend zu. Die Worte
reden über Menschenrechte bewegten sie nicht sichtlich. Dabei muss man anneh­
men, dass solche Treffen, die regelmäßig stattfinden,
Von Jakob Augstein
von großer Bedeutung sind. Und plötzlich erscheinen
einem die Worte des Professors wie Infusionen, die ei­
Die DDR wurde von der UNO nie wegen der Verlet­ ?ZYZ7Zo^Z]jc\WgVjX]iVWjcYojZ^c<gjcYhVio\Zheg~X]#Kdg+%?V]gZcbjhhiZcl^gjchigZccZc#HZ^i'%?V]gZc]VWZcl^gjch
nem liegenden Kranken eingeträufelt werden, der mit
zung der Menschenrechte gerügt. Die Bundesrepublik l^ZYZg#OZ^i[“gd[[ZcZ6jhZ^cVcYZghZiojc\ZcÄ“WZgYZcZjgde~^hX]Zc6j[WgjX]&.-.!Y^ZOZ^iYZgIZ^ajc\jcYY^Z;da\Zc#
halb geöffneten Augen in die Vergangenheit blickt, weil
dagegen schon. Das einmal festzustellen ist Professor
vor ihm nichts mehr liegt als das Ende.
Wolfgang Richter sehr wichtig. Wegen der Berufsverbo­
te für Kommunisten oder für Sympathisanten von Kom­
–––
<ZhX]^X]ih[dgjb&.-.q'%%./:jgdeVol^hX]ZcIZ^ajc\jcY6j[WgjX]
munisten. Oder für Menschen, die man verdächtigen
konnte, Sympathisanten von Kommunisten zu sein. Die
'-#W^h(&#BV^'%%.^c7Zga^c
BRD war ein Unrechtsstaat, nicht die DDR. Dies hier ist schon ein Stück =jbWdaYi"Jc^kZgh^i~iqBVm^b<dg`^I]ZViZgq9ZjihX]Zh=^hidg^hX]ZhBjhZjb
Professor Richter unterrichtete früher an der Hum­
boldt Universität Berlin in der Hauptstadt der DDR,
vom nächsten Heft: Was sagt ihr lll#\ZhX]^X]ih[dgjb%.#YZ
Fachbereich Philosophie und Friedensforschung. Bis er zu diesem Geschichtsbild?

Kdgig~\Z;^abZ
1990 nach dem politischen Umbruch seinen Posten ver­
lor. Was aus seiner Sicht einer weiteren Verletzung der
Menschenrechte durch die Bundesrepublik gleich­ Unter www.fluter.de könnt ihr
kommt. Richter hat das neulich alles sehr ausführlich
dargelegt, als sich die ehemaligen Grenztruppen der
mitdiskutieren, Ideen und
DDR in einem grauen Brandenburger Städtchen unweit Vorschläge für das nächste Heft
von Berlin zu einer Tagung zum Thema Menschenrech­
te trafen. Ein Gebiet, bei dem die DDR in den Augen
der Teilnehmer viel besser abschneidet als der Westen.
zum Thema »DDR« einbringen.
Oder schreibt einfach eine Mail
9^h`jhh^dcZcI]ZViZg
Mauer? Stacheldraht? Selbstschussanlagen? Todes­
an Ideenlabor   fluter.de.
schüsse? Alles eine Frage der Perspektive. Auch heute
noch – fast 20 Jahre nach dem Fall der Mauer. 2009 jährt sich der Mauerfall 6jhhiZaajc\ZcAZhjc\Zc
Sie saßen da, den Kopf in die Hände gestützt, in
zum 20. Mal. Bis dann!

Ldg`h]dehBjh^`
diesem kleinstädtischen Veranstaltungszentrum aus
Waschbeton, Milchglas, Holzfurnier und Aluminium­
profilen und lauschten Vorträgen. Das Thema: 60 Jahre
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte – Ihre

50 —fluter THEMA: Menschenrechte — 51

KDC JC9 B>I


52 —fluter.de