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PS: Krieg und Frieden

SoSe 2003

Ao. Univ.-Prof. Dr. Erwin Bader

BEKIM BALIQI
Matr.Nr:9904119
A-300/295

HUMANITÄRE INTEVENTION AM BEISPIEL DES KOSOVO


KONFLIKTES -Gerechter Krieg oder Krieg Für die Gerechtigkeit?
INHALTSVERZEICHNIS

1.Einleitung................................................................................................................3

2.Der Gerechter Krieg oder die bellum iustum Doktrin............................................5

3.Humanitäre Intervention.........................................................................................6

3.1 Wer wann und durch wenn darf oder soll eine humanitäre Intervention
durchgeführt werden? ……………………………………………………………..8

4.Menschenrechte und Staatenrechte......................................................................10

4.1 NATO-Intervention im Kosovo-Konflikt..........................................................11

5.Schlussbemerkung................................................................................................13

6.Literatur-und Quellenangabe...............................................................................15

2
Einleitung

Es wurden in Bezug auf diesen Krieg viele Fragen gestellt und viele politische Diskussionen
geführt. Insgesamt erlangte dieser Konflikt sowohl in den Medien als auch in der
sozialwissenschaftlichen Diskussion eine sehr große Bedeutung. Seitdem ist der Kosovo kein
unbekannter Fleck Europas mehr.
Die Intervention, meine Meinung nach; war es auch ein moralischer Appell an das europäisches
Publikum, die die Kriege im ehemaligen Jugoslawien nur aus dem Fernseher folgten? Oder war
es eigentlich ein Angst um eigene Sicherheitslage, etwa um Flüchtlingsströmungen vor Ort zu
rehabilitieren?
Ich persönlich, als betroffene habe mit Bedauern beobachtet das Gewissen und Humanität
mancher „Intellektuellen“ die aufgrund ihrer quasi Prinzipien(oft marxistische) gegen eine
Intervention (oder für die Betroffene Rettungsaktion) waren.
NATO Ziele waren moralisch makellos - jedenfalls, wenn man sie für sich betrachtet und hinter
den ausdrücklichen Begründungen keine versteckten Absichten vermutet. Faktisch dürften einer
Entscheidung zum Kriegseintritt stets gemischte Motive zugrundeliegend. Zum einen aber haben
wir keinen Grund, immer die Rolle moralischer Beweggründe von vorneherein
herunterzuspielen.
Wer einen anderen der Unaufrichtigkeit bezichtigt, trägt dafür die Beweislast, und im Fall des
Kosovo lagen die klassisch machtpolitischen Motive nicht eben auf der Hand.
Das erklärte Ziel des Westens war die Erhaltung eines multiethnischen Kosovo, das gleichwohl
weiterhin der jugoslawischen Souveränität unterstehen sollte(siehe UN-Resolution 1244).
Der Vertragsentwurf von Rambouillet sah eine Wiederherstellung der Autonomie des Kosovo
vor. Im Gegenzug sollten der serbischen Minderheit großzügige Vertretungsrechte eingeräumt
werden.
Dieser Teil des vorgesehenen Abkommens war augenscheinlich fair: Er dokumentierte die
Ablehnung 'ethnischer Säuberungen' als Mittel des nation-bildung, ohne deshalb dem
albanischen Drängen nach neuen Staatsgrenzen nachzugeben.
Die Präsenz einer robusten internationalen Streitmacht schien nach allen Erfahrungen mit den
vielen Vertragsbrüchen und der Brutalität der serbischen Seite unverzichtbar zu sein. Die
ethnischen Albaner wären andernfalls der Willkür serbischer 'Sicherheitskräfte' ausgeliefert
3
gewesen. Der OSZE hatte das nicht verhindern können wie das Massaker an Dorf Recak
(südöstlich der Hauptstadt Prishtina) am bestens zeigte.
Der militärischen Implementierung eines solchen Schutzes jedoch hat sich die serbische
Delegation pauschal widersetzt. Das berüchtigte Annex B, das der NATO eine gewisse
Bewegungsfreiheit innerhalb Serbiens zusichern sollte, spielte bei dieser Ablehnung keine
besondere Rolle. Vielmehr sah Serbien in der Stationierung fremder Truppen als solcher eine
unzumutbare Einschränkung seiner Souveränität. Auf das Recht zur freien Regelung seiner
„inneren Angelegenheiten“ konnte es sich dabei allerdings nicht berufen. Wenn ein Staat seine
Souveränität dazu missbraucht, eine Minderheit zu drangsalieren, faktisch auszubürgern und mit
Völkermord zu bedrohen, darf er sich über die Forderung nach der Stationierung fremder
Truppen nicht beschweren!
Als Völkermord gelten alle gegen die Mitglieder einer nationalen, ethnischen, rassischen oder
religiösen Gruppe gerichteten Handlungen, die in der Absicht begangen werden, die Gruppe als
solche ganz oder teilweise zu zerstören:
-Tötung von Mitgliedern der Gruppe,
-Verursachung von schweren körperlichen oder seelischen Schäden an Mitgliedern der Gruppe, -
-vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet sind, ihre
körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen,
-Verhängung von Maßnahmen, die auf die Geburtenverhütung innerhalb der Gruppe gerichtet
sind,
-gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.
Bereits das serbische Verhalten vor Beginn der Luftangriffe dürfte zumindest einige dieser
Tatbestände erfüllt haben. Die Verbrechen im Kosovo waren keine „innere Angelegenheit“ des
jugoslawischen Staates. Der Internationale Gerichtshof hat entschieden, dass durch Völkermord
ein Rechtsgut verletzt wird, an dessen Schutz alle Staaten ein rechtliches Interesse haben.
Damit aber war ein guter Teil der serbischen Polemik gegen das angeblich unannehmbare
'Diktat' von Rambouillet von vorneherein hinfällig. Die Aufforderung zur Verhinderung dieses
Verbrechens ergeht daher erga omnes, an alle Staaten. Über die zulässigen Zwangsmittel
allerdings schweigt sich die herrschende Meinung im Völkerrecht aus. Umstritten ist vor allem,
ob sich Androhung und Gebrauch militärischer Gewalt legitimieren lassen.

4
2. Der gerechter Krieg oder die bellum-iustum-Doktrin.

Gerechter Krieg (lat.bellum iustum), eine auf römische Wurzeln (Cicero) zuruckgehende, von
Augustinus und Thomas von Aquin wirkungsmächtig weiterentwickelte und von der
spätscholastischen Theologie verfeinerte, in die völkerrechtliche Diskussion ausstrahlende und
bis heute maßgebliche ethische Theorie, die Prinzipien für die normative Beurteilung
zwischenstaatlicher Gewaltanwendung enthält.
Unterscheiden wird dabei zwischen den recht zum Krieg (ius ad bellum) und dem recht im
Kriege(ius in bello) Im ius ad bellum sind vor allem drei Prinzipien entscheidend:
- die Anordnung des Krieges
- das Bestehen eines gerechten Grundes
- die Führung des Krieges mit der rechten, auf die Friedensordnung geführten Absichten.
Wichtigste Prinzipien im ius in bello sind die Verhältnismäßigkeit der Mittel und die Immunität
der Nichtkombattanten.1
Um Walzer zu paraphrasieren, der Hauptproblem der moralischen Wirklichkeit des Krieges ist
eben diese Dualismus des „Jus ad bellum“ und des „ Jus in bello“.
Sieht man genauer auf die Inhalte, dann wird ein distanzierteres Urteil der bellum-iustum
Doktrin, vielleicht eher eine fundamentale Ambivalenz bescheinigen. Wie der Professor Bader
schon angedeutet hatte, der Begriff gerechter Krieg ist irreführend. Und der Krieg in sich selbst
als solche ist moralisch ambivalente Kategorie.
Völkerrechtlich hat das allgemeine Gewaltverbot der UN-Charta das ius ad bellum souveräner
Staaten aufgehoben und „ein überpositives Selbstverteidigungsrecht zwar eingeräumt, aber auf
ein befristetes subsidiäres Notrecht unter der Prärogative des Sicherheitsrates zurückgedrängt
(Art. 51 UN-Charta).“2
Die »gerechten Gründe« etwa ließen sich jetzt begrenzen auf das unverschuldete Attackiert
werden eines Einzelstaates sowie auf massive und andauernde Menschenrechtsverletzungen.
Die »rechte Absicht« bestünde, dem Hauptzweck des UN-Systems gemäß, in der
Wiederherstellung friedlicher Verkehrsverhältnisse und gesicherten Menschenrechts etc.

1
Vgl. Nohlen, Dieter(Hrsg.):Lexikon der Politik, Band 7-Politische Begriffe. s.213-214
2
Reuter, Hans-Richard: Frieden mit aller Gewalt? In: Friedensgutachten ,1994. Hg. F.Solms, R.Mutz und G.Krell.
Münster/Hamburg 1994. S.82
5
Der Krieg sei nach Augustinus „eine beklagenswerte Notwendigkeit, der die tiefe Rastlosigkeit
und ursprüngliche Sehnsucht der Menschen nach Frieden widerspiegelt“3.
Ein gerechter Krieg ist also nur als solcher zu identifizieren, wenn:
- Es sich um einen Defensivenkrieg handelt,
- Das Ziel des Krieges der Frieden ist,
- Wenn der Frieden nur mit Waffengewalt zu schaffen oder zu erhalten ist,
- Er darf sich nur gegen Unrecht richten,
- Er muss mit Mildegeführt werden,
- Gewalt hat sich nur gegen feindliche Soldaten zu richten,
- Er darf nur von einer „maßgeblichen Autorität“ angeordnet werden 4
Wenn der Krieg ein Zustand wobei zwei oder mehrere Gruppen mit bewaffneter Mittel und
Gewalt Handeln, allgemein zu definieren is. Was wird mit der Kategorien wie Selbstverteidigung
oder Aggression. So der Walzer aus seiner realpolitischen Hinsicht meint, daß Ausschließlich die
Aggression kann der Krieg rechtfertigen. Und in diesem Zusammenhang bringt er einen Zitat :
„Der einzige und allein feststehende gerechte Grund, einen Krieg zu führen, ist das erlittene
Unrecht“5

3. Humanitäre Intervention.

Was ist eine humanitäre Intervention? Oder was ist Intervention und/oder was ist humanitär
dabei?
„Kein Staat kann zugeben, dass er einen aggressiven Krieg führt, und dann seine
Handlungsweise verteidigen. Den begriff >Intervention < verstehen wir jedoch anders; er wird
nicht als kriminelle Handlung definiert, und obwohl die Praxis der Unabhängigkeit der Staaten,
die das Opfer einer Invasion sind, bedroht, ist es manchmal möglich, sie zu rechtfertigen.
Wichtiger ist aber, gleich zu Anfang zu betonen, dass eine Rechtfertigung immer erforderlich
ist“6

3
Zitiert nach Augustinus-Referat gehalten von Manfred Fede in der PS: Krieg und Frieden. SoSe-2003
4
ebd.
5
Zitiert nach Walzer et.al.; Francisco de Vitoria, >De Indis et de De Jura Belli Relatione<, Hrsg Ernest Nys,
Washington D.C 1917: „On the Law of War“ S.170
6
Michael Walzer; Gibt es den gerechten Krieg? Klett-Cotta, Stuttgart 1982 s.136
6
Eine Intervention im allerweitesten Sinne ist nichts anderes als Handlung oder Handlungen, mit
denen der Akteur oder die Akteuren in den Lauf der Dinge, Situationen eingreifen will, um in
diesem Lauf Änderungen herbeizuführen oder zu verhindern.
Eine Intervention im engeren Sinne des Wortes ist ein Eingriff in die Belange eines anderen
Staates gegen den Willen wenigstens eines erheblichen Teils der Bevölkerung oder der
Regierung dieses Staates. Mit der Humanitären Intervention versteht man militärische Eingreifen
von Staaten oder Internationale Organisationen in einen bewaffneten Konflikt in einem anderen
Staat zur Durchsetzung des Schutzes von Menschenleben.7
Humanitäre Interventionen im weitesten und einfachsten Sinne des Wortes, sind Aktionen mit
Humanitären Zielen. Sicherlich kann man die Frage stellen; was sind die Humanitären Ziele
überhaupt?
Humanitär ist die Intervention, wenn ihr Zweck die Verhütung schwerer und systematischer
Menschenrechtsverletzungen ist und die Verbrechen vom angegriffenen Staat oder von Gruppen
innerhalb dieses Staates an Bürgern oder Machtunterworfenen desselben Staates verübt werden.
Oder wie es Philosophie Professor Meggle formulierte:
„Jede moralische Beurteilung von Humanitären Interventionen hängt wesentlich daran, ob
mindestens diese generellen Nothilfe-Auflagen beachtet sind. Damit eine Humanitäre
Intervention rechtfertigbar ist, muss nicht nur das Kriterium des ius ad bellum erfüllt, bei dieser
Art von Krieg also die entsprechende Notlage als Interventionsgrund tatsächlich gegeben sein; es
müssen auch die Kriterien für die Rechtfertigbarkeit der speziellen Ausführung der Nothilfe
erfüllt sein.“8
Sie wendet sich gegen die völlige Entrechtung, Vertreibung, Misshandlung, Demütigung oder
Ermordung einer erheblichen Zahl von Menschen unter dem Vorwand der Ausübung oder im
Schatten des Versagens staatlicher Autorität.
Die Charta der Vereinten Nationen schützt die Souveränität und territoriale Integrität der Staaten
im Namen des Friedens. Sie kennt nur zwei Ausnahmen vom Verbot der Kriegführung: das
Recht auf individuelle und kollektive Selbstverteidigung nach Artikel 51 und Gewaltmaßnahmen
nach Kapitel VII: Stellt der Sicherheitsrat einen Bruch oder eine Bedrohung des Weltfriedens
fest, so kann er den Einsatz von Gewalt autorisieren. Auch das Recht eines Staates auf
Selbsthilfe besteht nur solange, wie der Sicherheitsrat einer zwischenstaatlichen Aggression
nicht selbst entgegentritt.

7
Vgl. Nohlen, Dieter(Hrsg.):Lexikon der Politik, Band 7-Politische Begriffe. s.255

7
Mögliche Friedensprobleme wurden zunächst allein in den Beziehungen zwischen den Staaten
vermutet; innergesellschaftliche Gewalt fiel nicht in den Zuständigkeitsbereich von Kapitel VII.
Das sicherte den Staaten eine fast unbeschränkte Handlungsfreiheit im Inneren und schien die
von der UNO-Charta und vielen nachfolgenden Konventionen gleichfalls geforderte
Durchsetzung der Menschenrechte von vorneherein zu vereiteln. Der einzelne blieb auf Gedeih
und Verderb der Gewalt 'seines' Staates ausgeliefert oder konnte er zu fliehen versuchen(wie ich
persönlich das getan habe)
Als Beginn einer möglichen Ära humanitärer Interventionen gilt gemeinhin die Resolution 688
vom 5. April 1991 zum Schutz der verfolgten Kurden im Norden des Irak. Diese Resolution
argumentierte allerdings noch mit der internationalen Dimension eines Flüchtlingsproblems, das
sich zur Bedrohung benachbarter Staaten auswachsen könne. Erst die Resolution 794 zu Somalia
vom 3. Dezember 1992 identifizierte die schwerwiegende Verletzung von Menschenrechten
direkt als "Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit". Dieser Interpretation
ist der Sicherheitsrat auch in nachfolgenden Resolutionen zu Haiti, Ruanda und Bosnien gefolgt.

3.1 Wer, wann und durch Wenn darf oder soll eine humanitäre
Intervention durchgeführt werden?

Das ist zunächst eine sehr komplexe Frage, die wir auf moralisch-ethischen Ebene nicht ganz
und nicht immer beantworten können. So wird eine Volks-, ethnische- oder Religiösengruppe
von „ihrem“ Staat regelrecht diskriminiert bis umgebracht, werden ihre Angehörigen zu
rechtslosen Fremden erklärt und zu Misshandlungen aller Art freigegeben, so spricht man
rechtlich von interner Ausgrenzen, oder wie es im Falle Jugoslawiens schön geheißen hatte, von
„innerer Angelegenheit“.
Wenn demnach die Staaten ein Recht zur kollektiven Selbstverteidigung haben, dann warum
nicht diese Gruppen innerhalb von Staatsgrenzen. Bislang sieht die Charta der Vereinten
Nationen eine solche Möglichkeit nur für den Fall einer internationalen Aggression vor:
Wird ein Staat von einem anderen Staat angegriffen, so dürfen ihm dritte Parteien militärisch zu
Hilfe kommen. Eine Nothilfe im Namen der Verhütung von Völkermord oder anderen
Verbrechen gegen die Menschlichkeit kennt das geschriebene Völkerrecht nicht. Daher ist

8
Dr. Georg Meggle: NATO-Moral &Kosovo-Krieg. Ein ethischer Kommentar ein Jahr danach.

8
verständlich wieso der NATO-Intervention gegen geschriebenes Völkerrecht verstoßen hat. Im
allgemeinen wird es davon ausgehen, dass eine bewaffnete humanitäre Intervention nur im
äußersten Notfall nach Ausschöpfung aller anderen Möglichkeiten des Einwirkens
vorgenommen werden darf.
Im Sinne des Kapitels VII der Charta der Vereinten Nationen ist alleine der Sicherheitsrat der
Vereinten Nationen befugt, die entsprechenden Entscheidungen zu treffen. Der Sicherheitsrat
sollte sich nach dem Willen der Charta zur Durchführung solcher Maßnahmen auf einen
Generalstabsausschuss sowie auf Streitkräfte stützen können, die den Vereinten Nationen von
den Mitgliedsländern zur Verfügung gestellt werden.
Diese Konzeption hat sich jedoch in der Praxis bisher als nicht durchführbar erwiesen, und der
Sicherheitsrat ist in vielen Fällen, insbesondere aufgrund von Macht- oder Interessenkonflikten
seiner ständigen Mitglieder, in seiner Entscheidungsfindung gelähmt gewesen. Wie etwa im
Ruanda wobei die grauenhaften Ermordungen von Hunderttausender von Hutus und Tutsis hätte
verhindern können. So ist die Entscheidung über humanitäre Interventionen und ihre
Durchführung in den vielen Fällen nicht vom UN-Sicherheitsrat ausgegangen, sondern von
einzelnen Mitgliedsstaaten bzw. von regionalen Organisationen. Auch wenn sie im strengen
Sinne völkerrechtlich nicht gedeckt waren, so sind doch z.B. die humanitäre Interventionen von
Indien in Ost-Pakistan(zur Beendigung des Völkermordes an den Bengalis), von Tansania in
Uganda im Jahre 1979 (die den Schlächterein von Idi Amin ein Ende setzten) oder der
westafrikanischen Staatengemeinschaft in Liberia als legitime humanitäre Interventionen
angesehen worden. In vielen anderen Fällen, wie etwa im Golfkrieg, dem alliierten Eingreifen im
Nordirak oder der NATO-Intervention im Kosovo-Konflikt, ist die Diskussion nach wie vor
strittig.
Unstrittig ist, dass der NATO-Einsatz gegen geschriebenes Völkerrecht verstoßen hat und auch
gewohnheitsrechtlich nicht unzweideutig gedeckt war. Man mag es als zusätzlichen schweren
Rechtsverstoß ansehen, dass das Bündnis die Zustimmung des Sicherheitsrates nicht einmal
gesucht hat. Allerdings musste man damit rechnen, dass Russland und China ihre Vetomacht
dazu missbrauchen würden, einen Klientenstaat zu decken (Russland) bzw. eine humanitäre
Beschränkung der Souveränität grundsätzlich zu verhindern (China).
In diesem Sinne formulierte auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen Kofi Annan im
kritischen Rückblick auf das Versagen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen im Ruanda
Fall: "Denken Sie an Ruanda und stellen Sie sich für einen Augenblick vor, dass es in jenen

In;Htpp://www.mentis.de/meggletext2.html Zugriff am 14.05.2003.


9
dunklen Tagen und Stunden, die dem Genozid vorausgegangen sind, eine Koalition von Staaten
gegeben hätte, die bereit und willens gewesen wären, zum Schutz der Tutsi-Bevölkerung zu
handeln, während der Sicherheitsrat nicht bereit war oder zögerte, das grüne Licht zu geben.
Hätte eine solche Koalition dann untätig zusehen sollen, während sich der Schrecken entfaltete?"
Es ist leider noch nicht, nicht nur völkerrechtlich bzw. politisch sondern auch moralisch klar wer
befugt ist, darüber zu entscheiden, dass eine humanitäre Intervention mit militärischen Mitteln
unumgänglich geworden ist, und wer wann oder wie die Verantwortung zur Durchführung
übernehmen sollte.
In jedem Falle zeigen die genannten Beispiele, dass die Frage der legitimen Autorität zur
Entscheidung und Durchführung einer bewaffneten humanitären Intervention dringend der
weiteren Klärung bedarf.

4. Menschenrechte und Staatenrecht

Menschenrechte bezeichnen den Begriff vor- und überstaatlich geltende Rechte, die dem
Menschen von Natur aus zustehen, unveräußerlich und untastbar sind.9
Das Prinzip der Menschenrechte durchstößt schon als solches den Souveränitätspanzer der
Staaten. Nachdem der Sicherheitsrat zunächst zwei ad hoc -Tribunale für Ruanda und das
ehemalige Jugoslawien (in Den Haag) eingerichtet hatte, wurde im vergangenen Jahr in Rom die
Einrichtung eines Internationalen Strafgerichtshofes beschlossen. Im Lichte dieser
Entwicklungen ist es nur folgerichtig, wenn der internationale Schutz der Menschenrechte mit
schlagkräftigen Instrumenten versehen wird. Schon 1946 Rene Cassin, einer der Verfasser der
Menschenrechtskonvention sagte:
„Wenn wiederholte oder systematische Verletzungen der Menschenrechte durch einen Staat auf
seinem Gebiet zu einer Bedrohung des Weltfriedens führen(was nach 1933 beim Dritten Reich
der Fall war), hat der Sicherheitsrat das Recht, zu intervenieren, und die Pflicht zu handeln“10
Das Konzept der Menschenrechte hat im Grunde genommen einen Interventionistischen
Charakter: so gelten Menschenrechte auch innerhalb einer Familie, muss der Staat zum Beispiel

9
Vgl. Nohlen, Dieter(Hrsg.):Lexikon der Politik, Band 7-Politische Begriffe s.378
10
in M.G. Johnson und Janusz Symonides, The Universal Declaration of Human Rights: A History of Its Creation
and Implementation, 1948-1998, Paris:Unesco, 1998. S.32 zitiert nach Michael Ignatieff: Die Politik der
Menschenrechte. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2002.S.63
10
gegen Vergewaltigung in der Ehe oder gegen die Misshandlung von Kindern durch ihre Eltern
vorgehen.
Für die internationalen Beziehungen gilt analog, dass die Positivierung der Menschenrechte die
möglichen Anlässe für Eingriffe in die inneren Belange von Staaten (die dann nicht mehr ohne
weiteres deren innere Angelegenheiten sind) erheblich vermehrt.
Staaten sind moralisch gerechtfertigt nur insofern, als sie den vereinigten Willen ihrer
Bürgerinnen und Bürger zum Ausdruck bringen. Diese Reihenfolge der Rechtfertigung verweist
direkt auf den Grundsatz der Volkssouveränität. Alle Staaten, die die Charta der Vereinten
Nationen anerkennen, erkennen zugleich die Menschenrechte in ihrer interkulturellen Gültigkeit
an. Und sie bekräftigen diese Selbstverpflichtung mit der Ratifizierung der genannten
Menschenrechtspakte. Die Schlussakte von Helsinki sagt ausdrücklich, dass für keinen Staat die
Menschenrechte eine rein innere Angelegenheit sind. Spätestens seitdem ist für
Menschenrechtsverletzungen das Argument der inneren Angelegenheiten außer Kraft gesetzt.

5. Nato-Intervention im Kosovo Konflikt

Der Konflikt zwischen Serben und Albanern im Kosovo geht ursächlich auf eine seit Ende der
1980er Jahre verfolgte, systematische serbische Diskriminierungspolitik gegenüber den Kosovo-
Albanern zurück. Diese Volksgruppe stellt zu 90 Prozent der Bevölkerung der autonomen
Provinz.
Im Zuge des Zerfalls jugoslawischen Bundesstaates verschärfte das von Slobodan Milosevic
beherrschte Regierung die staatliche Diskriminierung der Kosovo-Albanern stetig, in bestimmten
Gesellschaftsbereichen wurde sie geradezu in der Form eines Apartheidsystems
institutionalisiert.
Die NATO-Mitgliedstaaten begründeten ihr Eingreifen mit dem moralisch unabweisbaren
Hinweis auf das schwere Verbrechen der serbischen 'Sicherheitskräfte'. Weniger sicher schienen
sie sich auf völkerrechtlichem Terrain zu sein daher sprachen sie weniger von einem
Völkerrechtlichen bzw. rechtmäßigen als von einem "gerechten Krieg".
War diese Moralisierung unvermeidlich? Hat die NATO einen völkerrechtswidrigen (Angriffs)
Krieg geführt, der allein noch den legitimatorischen Ausweg einer Berufung auf 'höhere'
moralische Einsichten zuließ?
11
Die NATO-Staaten hatten ihre Intervention im wesentlichen als humanitäre Intervention
begründet. Doch der kanadische Historiker und Philosoph Michael Ignatieff sieht weiter Gründe
dafür, nämlich neben das Kriterium der Menschenverletzungen es müßte auch eine Bedrohung
für den Weltfrieden und die Sicherheit der benachbarten Regionen darstellen und, daß die
militärische Intervention eine gute Chance hat, diese Rechtsverletzungen tatsächlich zu
beenden.„Die Intervention im Kosovo wurde mit diesen Gründen für eine gerechtfertigt:
Einerseits wurden die Menschenrechtsverletzungen, anderseits nationale Interessen ins Feld
geführt. Die von Kosovaren erlittenen Menschenrechtsverletzungen drohten Albanien,
Mazedonien, Montenegro zu destabilisieren und stellten zugleich eine Bedrohung für den
Frieden und die Sicherheit der Region dar“11
Der Gewaltgebrauch muss dem humanitären Auftrag des Militärs tatsächlich gerecht werden,
und das bedeutet viererlei: Die Kriegführung muss erstens so direkt wie möglich den bedrohten
und gequälten Menschen zugute kommen.
Sie muss zweitens das neue Leid, das jeder Krieg unweigerlich mit sich bringt, so weit wie
möglich minimieren. Sie muss sich drittens durch eine 'positive' Gesamtbilanz auch rückwirkend
legitimieren lassen: Im Lichte dieser Kriterien sind die intervenierenden Mächte viertens zu einer
klugen Folgenkalkulation und zu einer jederzeitigen Überprüfung (der Auswirkungen) ihres
Handelns verpflichtet. Widersinnig und moralisch verwerflich wäre eine humanitäre
Intervention, die den potentiellen Opfern nicht diente, die eklatant gegen das humanitäre
Kriegsvölkerrecht verstieße, die grausamer ausfiele als die Gewalt, gegen die sie sich wendete,
und die auf einem folgenblinden Willen zur Tat oder auf vermeidbaren Fehleinschätzungen
beruhte.
An der Erfüllung dieser Kriterien bemisst sich, ob eine 'humanitäre Intervention' ihren Namen
wirklich verdient, ob sie nicht nur subjektiv, der Absicht nach, sondern objektiv eine humanitäre
Intervention ist.
Man mag bezweifeln, ob ein High-Tech-Krieg aus der Luft das geeignete Mittel ist, um ein
Massaker am Boden zu verhindern. Der direkteste Schutz der Kosovo-Albaner wäre
offensichtlich durch einen Bodenkrieg viel besser erreichbar gewesen.
Wer aber hätte die damit verbundene Gefahr und das Risiko eines jahrelangen Kleinkrieges mit
großen Verlusten auf sich nehmen wollen? Wer, vor allem, hätte den Menschen in den
westlichen Gesellschaften den Kriegstod vielleicht tausender Soldaten bzw. Söhne zumuten
mögen? Dieser Wunsch aber, eigene Opfer zu vermeiden, indem die NATO-Flugzeuge stets aus

11
Michael Ignatieff: Die Politik der Menschenrechte. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2002 s.65
12
großen Höhen angriffen, haben sie eigene Verluste vermeiden können. Den Preis aber zahlten
die Menschen, die von den fehlgesteuerten oder mit geringer Genauigkeit eingesetzten Waffen
getroffen wurden.
Die gewiss nicht gewollten, aber doch billigend in Kauf genommenen "Kollateralschäden"
summieren sich zu womöglich mehr als Hunderte Toten unter der Zivilbevölkerung. Walzer hat
dieses Argument nicht auf humanitäre Interventionen beschränkt, aber offensichtlich erhält es
durch die menschenrechtliche Rechtfertigung des Krieges ein zusätzliches Gewicht:
Wer behauptet, der Humanität zu dienen, darf nicht grundsätzlich das Leben der eigenen
Soldaten über das der möglichen Angriffsopfer stellen. Die vielleicht komplizierteste Frage wird
durch das dritte Kriterium, die Gesamtbilanz der Übel, aufgeworfen. Nachweislich hat die
NATO ihr erklärtes Kriegsziel, die Vertreibungen, Morde und übrigen Gräueltaten zu stoppen,
für die Dauer des Krieges verfehlt. Allerdings kann sie die Aktion rückwirkend rechtfertigen,
indem sie auf die möglich gewordene Rückkehr der Vertriebenen hinweist. Wären die
Flüchtlinge dauerhaft an der Heimkehr ins Kosovo gehindert worden, so hätten sie womöglich
die gesamte Region destabilisiert. Vor allem aber ist das Recht der Albaner auf Rückkehr in ihre
Heimat moralisch und juristisch unabweisbar.

Schlussbemerkung

Krieg für Menschenrechte - ist das nicht paradox? Beruhen nicht alle bisherigen Abwägungen
auf einem fundamentalen Missverständnis?
Menschenrechte sind unveräußerliche Rechte, die Personen kraft ihres Menschseins zukommen.
In ihrer unbedingten Beachtung liegt eine Minimalbedingung staatlicher Legitimität.
Eben dieser Logik aber scheint die NATO vielfach gefolgt zu sein. Eine solche einfache
Gleichstellung bedeutete keine Rückkehr zur Doktrin eines "Gerechten Krieges". Das setzt
allerdings voraus, dass die NATO ihren immerhin fragwürdigen Sieg nicht als Rechtfertigung für
immer neue Selbstmandateierungen im Kampf um das Gute mißversteht.
Der gerade zu Darin kann man immerhin auch eine positive Lehre sehen. Mögen auch die
Vereinten Nationen zunächst missachtet worden sein; mag auch die NATO sich zunächst die
alleinige Kompetenz des Handelns und Entscheidens angemaßt haben: Am Ende kam auch sie
um einen förmlichen Rückgriff aufs Recht nicht herum. Dieses Recht aber bedarf der

13
menschenrechtlichen Verbesserung, so wie die NATO der Selbstbindung an seine Prinzipien
bedarf.
Oder wie es Michael Walzer feststellte:
„Die Tatsache, dass die Humanitäre Intervention selbst im Idealfall nur teilweise humanitär ist,
braucht nicht unbedingt ein Argument gegen diese Intervention zu sein, ist aber ein Grund,
skeptisch zu sein und die andere Motive sehr genau zu prüfen“12
Wie immer man zur NATO-Intervention gegen BR-Jugoslawien stehen mag, eines hat sie
bewirkt: Die vertriebenen Menschen, die vorwiegend Kosovo-Albaner, es waren fast eine
Million, konnten in ihrer Heimat zurückkehren.

12
Michael Walzer; Gibt es den gerchten Krieg? Klett-Cotta, Stuttgart 1982 s.157
14
Literaturangabe

Dieter Nohlen (Hrsg.):Lexikon der Politik, Band 7-Politische Begriffe

Mihael Walzer; Gibt es den gerchten Krieg? Klett-Cotta, Stuttgart 1982

Michael Ignatieff: Die Politik der Menschenrechte. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2002

F.Solms, R.Mutz und G.Krell.(Hg.)Friedensgutachten. Münster/Hamburg 1995

Internetangabe
Htpp://www.mentis.de/meggletext2.html

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