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Das absolute Gehör: Ein Fluch oder Segen?

Ein kurzer Beitrag zur allgemeinen Diskussion von Kay Tokner - TEIL 2

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,


nachdem ich im ersten Teil eine kurze Definition zum Thema „absolutes Gehör“ gegeben habe und
im Anschluss einen Teil meiner persönlichen Entwicklung mit „dieser Fähigkeit“ skizziert habe,
geht es in diesen Teil nun etwas mehr ins „Eingemachte“.

Oftmals werde ich von „Nichtabsoluthörern“ gefragt, ob es denn für mich ein Vorteil oder Nachteil
sei, diese „Gabe“ zu besitzen. In einigen Internet-Foren kristallisiert sich diese Frage rund um
dieses Thema, für viele Interessierte als Kernpunkt heraus, ob das absolute Gehör nun ein Fluch
oder Segen sei. Da es in den unterschiedlichen Musik-Foren auch Menschen mit der Fähigkeit des
Absoluthörens gibt, liest man unterschiedliche Aussagen und kommt zu unterschiedlichen
Ergebnissen. Ich persönlich, schließe ich mich den Aussagen einiger meiner Kollegen, die ein mehr
oder weniger gut geschultes, absolutes Gehör haben nur in wenigen Punkten an. Warum ?

„Was zählt, sind die Dinge hinter den Dingen“.


Die wesentliche Frage die sich stellt ist:
Was kann ich mit einem absolutem Gehör alles zu meinem wichtigsten Vorteilen nutzen, was ein
„Relativhörer“ nicht kann?
Danach schließt sich die Frage an:
Wo liegen für mich die wesentlichen Nachteile die diese Fähigkeit mit sich bringt oder bringen
kann?

Da ich mich grundsätzlich persönlich nur mit Dingen auseinandersetze, die mir und meinen
Mitmenschen positiven Nutzen bringen, erwähne ich nur ganz kurz, dass es tatsächlich ein Nachteil
für mich ist z.B. bei einem Live Konzert ein absolutes Gehör zu besitzen. Ich höre sehr schnell, dass
Töne nicht sauber getroffen werden, obwohl sie nur minimal abweichen und für „andere Zuhörer“
nicht als schlecht intoniert hörbar sind. Da kann theoretisch so mancher Konzertbesuch zur Qual
werden. Allerdings kann ich die Intonationsschwierigkeiten der Sänger/Instrumentalisten gut
ausblenden und die Konzertbesuche genießen. Der Vorteil wiederum ist, ich höre umgekehrt heraus,
wer in der Aufführung sehr genau singt oder musiziert und kann darüber in dem anschießendem
SmallTalk fachsimpeln. Eindeutig klar ist, dass das absolute Gehör für mich viel mehr Vorteile als
Nachteile mitbringt, da ich es auf die unterschiedlichste Weise einzusetzen verstehe.
Es geht hier nicht darum irgendwelche Kunststücke vorzuführen, oder eben mal schnell eine Gitarre
sauber zu stimmen. Nein, es hilft ungemein und zwar in Bereichen wo man es nicht unbedingt
vermutet.

Da ich im grundlegenden ersten Teil angekündigt habe, mich in diesem Teil mit Komposition zu
beschäftigen werde ich dies auch tun, aber die wahre Kraft dieser Fähigkeit für mich liegt in
anderen Bereichen, aber dazu kommen wir noch, im spannenden Teil 3.
Das absolute Gehör beim Komponieren

An alle Klavierspieler:
Wissen Sie, wie ein A-Dur Akkord in Ihrem Geiste klingt? Schließen Sie bitte die Augen und
setzten sich in Gedanken an ein Piano! Legen Sie Kraft Ihrer Vorstellungsgabe Ihren Daumen auf
den Kammerton A, den Mittelfinger auf das nächste Cis und den kleinen Finger auf das E.
Gratulation, dass ist ein visualisierter A-Dur Dreiklang. Ich weiß, dass keiner unter den
„Nichtabsoluthörern“ nun den Klang bei gleichzeitigem Anschlagen der drei Finger exakt in seinem
Inneren hören kann.
Nun schließen Sie bitte erneut die Augen und stellen Sie sich einen sehr sehr großen Elefanten vor.
Wie er da steht, mit seinen riesigen Ohren in seinem gesamten, imposanten Erscheinungsbild.
Die Farbe des großen Elefanten ist rosa. Stellen Sie sich den rosa Elefanten vor, wie er mit seinem
langen Rüssel anfängt in Benjamin-Blümchen-Manier zu musizieren. Den gleichen A Dur-
Dreiklang. Zuerst den Ton A dann Cis, dann E. Was haben Sie nun in Ihrem Inneren
wahrgenommen? Den Elefanten haben Sie normalerweise denke ich zu 100% gesehen, bzw.
visualisieren können, die virtuellen Töne sich vielleicht vorstellen können, irgendwelche Töne, aber
mit Sicherheit nicht zu 100% die von mir drei Vorgegebenen unseres Dreiklangs.

Normalerweise sollten bei dem virtuellen Erklingen der Töne Ihre Gedanken vom eigentlichen Bild
des Elefanten abschweifen, da diese kleine Aufgabe für Sie als „Normalhörer“ unlösbar ist. Selbst
für mich ist diese Vorstellung nicht einfach, denn ein Elefant produziert den „typischen
Rüsselklang“, den kann ich mir als Elefantendreiklang wunderbar vorstellen, aber der Sound klingt
definitiv anders als der eines Pianos. Wie alle Menschen in der Welt hat jeder unter Ihnen unzählige
Bilder in seinen Inneren abgespeichert. Denken Sie an Rot, an eine Katze an einen riesigen Berg
und an Liebe. Welches Bild fällt Ihnen am schwersten? Jeder Mensch sieht ein anderes Rot vor
seinem geistigen Auge, beim Rest verhält es sich ebenso. Bei mir ist das natürlich nicht anders.

Stellen Sie sich nun die Zahl 3 als Ziffer vor. Hier werden sich die Vorstellungen der Menschen
schon mehr ähneln. Und jetzt hören Sie bitte in Ihrem innersten den Anfang Ihres absoluten
Lieblingssongs. Und nun bitte wieder den Kammerton A im Geiste erklingen lassen. Ich weiß
natürlich, dass Sie die letzte Aufgabe wieder nicht meistern können.

Worin liegt nun aber der Unterschied in den kleinen Aufgaben? Mit der Ausnahme der Benennung
des Kammertons A auf dem Piano sind alle anderen gedanklichen Vorstellungen auch nur relativer
Natur. Es gibt nicht das Rot, nicht den Elefanten und auch nicht die Katze, aber es gibt den Ton A
auf dem Piano, der von Absoluthörern im Inneren auch als solcher wahrgenommen bzw. im
Innersten (virtuell) erklingt. Um jetzt nicht zu sehr ins Detail zu gehen, ist es natürlich richtig, dass
es auch hier minimale Schwankungen gibt, denn stelle ich mir den Pianoklang des Tons A von
meinem Digitalpiano vor klingt der Ton etwas anders als auf dem Steinway Flügel, da natürlich der
Gesamteindruck, die Umgebung (Raumhall etc.) auch mit im Gedächtnis abgespeichert wird und
somit eine gewisse Rolle spielt.
Vereinfacht gesagt, ist der (Kammer)-Ton A auf dem Piano bei mir in Gedanken immer exakt der
gleiche, wobei ich bei einer Katze mir heute „unseren kleinen Kater“ vorstellen kann, oder nach
einem Gang ins Tierheim eine völlig andere Katze in meine Gedanken ziehen und visualisieren
kann. Ein A auf dem Klavier ist für mich immer ein A (mit minimalsten Abweichungen vielleicht
von max. 1-2 Hz), aber eine Katze ist nicht immer die selbe Katze. Legen Sie mir eine Partitur vor
die Augen, dann weiß ich, wie das Musikstück klingt ohne es spielen oder singen zu müssen.
Bitte verwechseln Sie das nicht mit (relativem) Partiturspielen.
Da ich nun anhand des A-Dur Dreiklanges erklärt habe, wie es ich beim Hören im Inneren verhält,
so kann ich mit Leichtigkeit alle Töne vorzugsweise auf dem Klavier imaginär spielen und natürlich
auch imaginär hören. Wenn Sie sagen D-Moll Dreiklang, weiß ich sofort wie dieser klingt ohne ihn
vorher hören zu müssen. Da in meinem Gedächtnis alle 88 Töne des Klaviers „absolut“
abgespeichert sind, lässt sich im Geiste dementsprechend auch sehr gut komponieren, und zwar
genau in dem Maße, wie mein absolutes Gehör auch ausgebildet ist. Wenn ich im Geiste
komponieren möchte, bin aber nicht in der Lage mir 4 oder 5 Töne gleichzeitig als Gesamtklang
vorzustellen (in Gedanken erklingen lassen) liegt es daran, dass ich auch bei realen Gehörübungen
am Klavier diese Anzahl an Tönen nicht heraushören kann. Somit bin ich auch nicht in der Lage nur
auf Gedankenbasis und Vorstellungsvermögen in diesen Dimensionen zu komponieren.
Die Komposition wird mit weniger gleich angeschlagenen Tönen auskommen müssen, es sei denn,
ich nehme dieses Rohmaterial als Grundgerüst und komponiere am Piano weiter.

Sie erinnern sich an Teil 1? Ja? Auch diese Fähigkeit steht und fällt mit der Übung.

Da ich bekannterweise kein Pianist bin, mache ich auch nicht besonders gerne Fingerübungen.
Wenn ich nun eine Komposition aufführe muss ich natürlich auch üben und dass geht auch
wunderbar im Geiste ohne Piano. Der Bewegungsapparat der Hände, Finger etc.wird gesteuert
durch die Gedanken (bewusst und unbewusst) im Gehirn. Da ich als Klavierspieler natürlich weiß,
wo welcher Ton in Gedanken liegt und klingt, so kann ich auch in Gedanken meine Fingerübungen
machen und bis zu bestimmten Schwierigkeitsstufen klappt dies einwandfrei. Ich kann also eigene
Kompositionen in Gedanken „vorkomponieren“ und die entsprechenden Fingerübungen ebenso im
Geiste absolvieren. Dies erfordert je nach Komposition/Tagesverfassung etc. eine hohe
Konzentration und die Fähigkeit der Kontrolle meiner eigenen Gedanken. Ich weiß, diese Tatsache
könnte für einige unter Ihnen etwas schwer nachvollziehbar sein.

Am Ende dieses zweiten Teils möchte ich Ihnen folgendes zum Denken mitgeben: Was hören Sie
morgens nach dem Aufstehen als Erstes? Was bedeutet für Sie der Begriff Harmonie ? Was ändert
sich an Ihnen selbst im Verlauf eines vormittags auf akustischer Ebene?

Wir hören uns beim absoluten Highlight - Dem dritten Teil.

Herzlichst Ihr

Kay Tokner

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