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Der Prophet

Sage Ich: „Ein Prophet ist gerade solch ein ganz einfacher,
natürlicher Mensch mit allerlei Schwächen behaftet wie du; aber
da er ein verständiges Herz hat, in dem weder Zorn noch Rache,
noch Mißgunst, noch Stolz, noch Ehebruch und allerartige Hurerei
feste Wurzeln schlagen können, so reinigt der göttliche Geist
dessen Herz von den mannigfachen Schlacken der Welt; und wenn
das alleinige Herz also gereinigt ist, so gießt der göttliche Geist
ein Licht aus den Himmeln in solch ein Herz.

Da der Prophet es leicht erkennt, daß dies ein Licht aus den
Himmeln ist, das sich allzeit in klar vernehmbaren Worten
ausspricht, so darf der sohin fertige Prophet dann nur mit der
Stimme seines Mundes laut nachsprechen, was er in seinem
Herzen klar und deutlich vernimmt, und er prophezeit dann schon
im vollendet prophetischen Maße!

Wenn es nun notwendig ist, so wird des Propheten Wille von Gott
aus angetrieben, das zu reden zu dem Volke, und desgleichen zu
tun vor demselben, was er in seinem Herzen vernimmt, – und
solches heißt dann eine vollwahre Prophezeiung oder Weissagung
und ist ebensogut reines Gotteswort, als hätte Gott Selbst
unmittelbar aus Seinem Munde zu den Menschen geredet.

Aber darum gilt ein solcher Prophet um kein Haar mehr vor Gott
als jeder andere Mensch, dem diese Gabe ganz mangelt; denn der
Prophet muß dann aus seinem höchst eigenen Willen ebenfalls
das tun, was der Geist Gottes durch sein Herz und durch seinen
Mund zu den Menschen geredet hat, sonst kommt über ihn so gut
ein Gericht wie über jeden, der den Willen Gottes vernimmt, aber
nicht danach tut, – und es ist da ein Prophet schlimmer daran
denn ein anderer Mensch. So ein anderer in der Schwäche und
Nacht seiner Seele es schwer glaubt, was der Prophet zu ihm
spricht, so wird er ein minderes Gericht zu bestehen haben,
dieweil er nicht glauben mochte, was der Prophet zu ihm geredet
hat; aber für den Propheten selbst gibt es keine Entschuldigung,
sowie auch für den nicht, der da geglaubt hat und dennoch aus
Liebe zur Welt und deren Schätzen nicht tat, was ihm vom
Propheten zu tun geboten ward.

Jedoch aber wird der Lohn eines Propheten dereinst größer sein
denn der eines andern Menschen; denn ein Prophet muß allzeit
siebenfach soviel tragen als ein jeder andere Mensch für sich. Alle,
zu denen ein Prophet geredet hat, werden jenseits, die Guten wie
die Schlechten, ihm übergeben, und er wird sie in Meinem Namen
richten über jegliches Wort, das er vergeblich zu ihnen geredet
hat!

Wer aber einen rechten Propheten aufnimmt in Meinem Namen


und im Namen des Propheten selbst und verpflegt ihn und ist
dessen Freund, der wird dereinst auch eines Propheten Lohn
überkommen. Und wer einen Propheten unterstützt, daß es dem
Propheten leichter geschieht in seiner schweren Arbeit, der wird
auch eines Propheten Lohn überkommen; denn jenseits wird der
Knecht des Propheten auf gleicher Stufe stehen neben dem
Propheten und wird mithin richten die dem Propheten
untergebenen Geister und herrschen über sie immerdar, und
seines Reiches wird für ewig nimmer ein Ende sein!

Wehe aber denen, die einen Propheten verlassen der Welt wegen
oder ihn gar verdächtigen hie und da und in einem und dem
andern! Und noch mehr Wehe den Verfolgern eines Propheten;
denn diese werden schwerlich ewig je zur Anschauung Gottes
gelangen! Wer aber an einen Propheten die Hand legt, soll mit
dem ewigen Feuer in der untersten Hölle bestraft werden! Denn
eines Propheten Herz ist Gottes, und sein Mund ist Gottes, und so
seine Hände, Füße, Augen und Ohren! Wo ein Prophet ist, da ist
auch Gott; darum sollt ihr seine Wohnstätte mit tiefer Ehrfurcht
betreten, denn der Ort, da er steht, ist heilig. Das soll beachtet
sein im Herzen, zwar nicht des Propheten willen, der ein Mensch
ist, sondern um Gottes willen, der im Herzen des Propheten redet
und zeugt.

Daß aber ein rechter Prophet für die Welt nur ein Gericht ums
andere verkündet, hat seinen Grund ganz einfach darin, weil Gott
nur dann einen Propheten erweckt, wenn diese (d.i.: die Welt)
Gottes vergessen und sich in alle Laster eben der Welt
hineingestürzt hat!
Sage Mir nun, Ebahl, ob du nun über das Wesen eines rechten
Propheten im reinen bist!“

J. Lorber, GEJ. 02, Kap 108, 01- 09