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in Fest für die Sinne ist die Heideblüte von August bis September auf den einsam gelegenen Heideflächen von

Niederohe, nordöstlich von Hermannsburg, zwischen Faßberg und Unterlüß. Unzählige Bienen gehen in den blühenden Zweigen der Besenheide ihrem Tagwerk nach. Süßer Nektarduft, die in unglaubliches violett gehüllte Landschaft und das leise Singen der Insekten verbreiten eine Atmosphäre, die an Romantik kaum zu überbieten ist. Wie ein Silberstreifen am Horizont kündigt sich das Symboltier der Lüneburger Heide an.

Mit dem Schäfer durch die Heide — Eine Reisereportage von Sibylle Zerr © 2002

In einer Wolke aus Blütenstaub und Sandkörnern erscheint eine Heidschnucken Herde.

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Die Silhouette von Schäfer Carl Kuhlmann setzt sich einem Scherenschnitt gleich und mit den finsteren Wacholderbüschen konkurrierend gegen den Himmel ab. Seine rund tausend Heidschnucken ziehen wie lebende Mähmaschinen in breiter Front fressend und immer in Bewegung über die Heide. Kommen sie näher, so klingt es zuerst wie kochendes Wasser, dann wie das herannahende Grollen eines Unwetters und schließlich beinahe wie ein durch die Landschaft rauschender D-Zug. Das charakteristische Geräusch der laufenden und fressenden Herde wird vom Lockruf des Schäfers und dem Blöcken der Jungschafe begleitet. “Komm ma die Komm” schallt Kuhlmanns Ruf weit über die Landschaft. Für die Bienen ist dieses Spektakel lebensnotwendig, denn die schlanken schwarzen Beine der Schafe zerreißen die Fangnetze der Spinnen.

Edition Sibylle Zerr © 2013 — www.sibylle-zerr.de

Wenn Diplom Agrar Ingenieur Carl W. Kuhlmann mit seiner Herde, die eine der letzten großen privat gehaltenen Stammherden in der Lüneburger Heide ist, über die zu seinem Hof gehörende Heidefläche zieht, dann pflegt er nicht nur die Landschaft, sondern auch eine bis ins 15. Jahrhundert zurück reichende Familientradition. Bescheiden kommt der jüngste Vertreter einer langen Ahnenreihe in kurzen Hosen und T-Shirt daher. Seit je her haben Heideschäfer zweckmäßige und dem Wetter angepaßte Kleidung getragen. Eine typische Schäfertracht gibt es nicht.
Mit dem Schäfer durch die Heide — Eine Reisereportage von Sibylle Zerr © 2002

Genauso wenig besteht die klassische Heidelandschaft nur aus dem dicht stehenden Violett der blühenden Besenheide. Auch die Drahtschmiele, die gelbliche Flecken in die Landschaft malt

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ist eine typische Heidepflanze. Romantisch sieht das borstige Gras nicht aus. Kuhlmanns Heidschnucken fressen es trotzdem. Jeden morgen gegen zehn Uhr beginnt der Arbeitstag der Herde auf einer kargen Wiese hinter dem Hof. Wenn Schäfer Kuhlmann das Gatter öffnet, drängen die agilen und erfahrenen Mutterschafe ungeduldig in die Landschaft, während die Jungtiere übermütige Bocksprünge vollführen. Einmal frei gelassen fressen sich die Schafe in kleinen Familiencliquen weitflächig und gierig in die Landschaft. Die Schnauze am Boden und die Köpfe eng zusammengesteckt wirken diese Kleingruppen fast konspirativ. Heidschnucken sind eigenwillige, scheue und zugleich neugierige Schafe, die immer auf der Suche nach kulinarischer Abwechslung, weite Strecken zurücklegen.

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An manchen Tagen zwölf und mehr Kilometer. Die Schnucken wissen, dass der Hirte ihren naschhaften Geschmack kennt und ihm Genüge leistet. Deshalb folgen sie Schäfer Kuhlmann auf Zuruf. Würde er seine Schnucken enttäuschen, so wäre der Vertrauensvorschuß dahin, der in brenzligen Situationen nötig ist, etwa wenn ein Weizenfeld Begehrlichkeit weckt. Die graue Mischlingshündin Shenna springt ein, wenn die Herde fressend und mit allen Köpfen in der Heide steckend wie ein
Mit dem Schäfer durch die Heide — Eine Reisereportage von Sibylle Zerr © 2002

amöbenhafter Organismus weit auseinander gedriftet ist. Dann umkreist Shenna die Splittergrüppchen und fügt sie wieder zu einer Herde zusammen. Es ist das beständige Spiel zwischen

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Hirte und Herde, das Kuhlmann an der Hüteherde reizt. Die Herde ist mehr, als die Summe ihrer Einzeltiere. Fürchten sich Tiere, weil plötzlich Radfahrer ihren Weg kreuzen, soll die Herde ihrem Hirten trotzdem sicher folgen. Wenn tausend Augenpaare erwartungsvoll auf ihm ruhen und seine Schnucken sich ihm an den Versen heften, dann geht Kuhlmann das Herz auf. Wie der gute Hirte aus der Bibel geht er dann seinen Schafen voran und führt seine Schützlinge so, dass es ihnen an nichts mangelt, auf Heideflächen, Wiesen und an smaragdgrüne Seen. Erst gegen späten nachmittag, wenn sich die Schafe “viereckig” gefressen haben, wie er es nennt, und von vorne betrachtet aussehen wie Bauklötze auf Streichholzbeinen, treffen Herde und Hirte zufrieden im heimatlichen Stall auf Hof Niederohe ein.

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Mit dem Schäfer durch die Heide — Eine Reisereportage von Sibylle Zerr © 2002

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Mit dem Schäfer durch die Heide — Eine Reisereportage von Sibylle Zerr © 2002

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Eigentlich ist die traditionelle Hütehaltung heute nur noch im Naturschutzgebiet wirtschaftlich lebensfähig, weil Landschaftspflege dort finanziell honoriert wird. Ohne das Engagement des Landkreises Celle, der für eine gehütete Heidschnuckenherde eine Prämie auszahlt, gäbe es die privaten Heideflächen bei Niederohe vielleicht nicht mehr. Auch Urlauber, die in den Restaurants der Umgebung Heidschnuckenfleisch von Hof Niederohe verzehren unterstützen den Idealisten
Mit dem Schäfer durch die Heide — Eine Reisereportage von Sibylle Zerr © 2002

Kuhlmann.

Bauer

Kuhlmanns

Heideflächen

liegen

im

Landschaftsschutzgebiet und dürfen zwar brach liegen, aber nicht in Acker umgewandelt werden. Die Heide aber ist eine Kulturlandschaft, die nur überlebt, wenn sie künstlich offengehalten wird. Ohne die Schnucken würde die romantische Besenheide, schnell von Kiefernwäldern und Drahtschmiele verdrängt. Weil die Familie Kuhlmann wie keine andere die Kunst der Weidewirtschaft in der Heide beherrscht, finden sich auf dem Gelände des Hofes 220 Hektar Heidefläche mit dichtem violettem Blütenteppich, wie er sonst in der Heide kaum zu finden ist, auch nicht im Naturschutzgebiet. Für Wanderer, Radfahrer und Kutscher stehen die Wege um den Hof Niederohe unentgeltlich offen. Willkommen ist Jeder, der dem Naturschauspiel einer durchziehenden Schnucken Herde, der Landschaft und den Bauersleuten mit Respekt begegnet, denn wenn Carl Kuhlmann

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mit seinen scheuen Schnucken durch die Landschaft zieht, dann ist das bei aller Romantik kein für die Touristen inszeniertes Spektakel.

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Impressum
Die Reisereportage “Mit dem Schäfer durch die Heide” von Sibylle Zerr wurde veröffentlicht von der Edition Sibylle Zerr am 8. August 2013 bei www.scribd.com © Sibylle Zerr, 2002 & 2013 - www.sibylle-zerr.de

Edition Sibylle Zerr © 2013 — www.sibylle-zerr.de