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6 | Politik

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Sonnabend/Sonntag, 13./14. Juli 2013 | u neues deutschland

Nachrichten Pristina: Amnestie für Kosovo-Serben
Pristina (AFP/nd). Das kosovarische Parlament hat eine Amnestie für bei Protesten straffällig gewordene Kosovo-Serben beschlossen und damit einen Schritt zur Normalisierung der Beziehungen mit Belgrad unternommen. Das mit großer Mehrheit verabschiedete Gesetz sieht vor, dass etwa 70 vor dem 20. Juni 2013 begangene Delikte straffrei bleiben und bereits Verurteilte ihre Strafe nicht verbüßen müssen.

Schwerer Abschied vom Lats
Euro-Skeptiker sind in Lettland noch in der Mehrheit
Von Toms Ancitis, Riga Lettland führt im kommenden Jahr den Euro ein, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung den Lats behalten will. Doch Regierung und Parlament sind befugt, die Entscheidung zu treffen, ohne die Meinung des Volkes zu berücksichtigen. Getlini ist ein Paradies für Möwen. Dort am Rande der lettischen Hauptstadt Riga liegt die größte Mülldeponie des Landes. Die gierigen Vögel umkreisen die riesigen Bulldozer, die den Abfall zusammenpressen. Im Frühling nächsten Jahres könnten dort, wo heute Verpackungsmüll und Nahrungsabfälle landen, auch die zuvor zu einer Papiermasse geschredderten Lats enden – die Reste der nationalen Währung. Denn ab kommendem Jahr wird in Lettland mit Euro bezahlt. Die EU-Finanzminister haben dem Beitritt Lettlands zur Eurozone ab 1. Januar 2014 in dieser Woche zugestimmt. Wir werden also das 18. Mitglied der Europäischen Währungsunion sein. Ministerpräsident Valdis Dombrovskis sprach von einem guten Tag für Lettland und ganz Europa. Und Finanzminister Andris Vilks feierte den Beschluss als »Wendepunkt in der Geschichte« und »Abschluss der Integration Lettlands in Europa«. Die Mehrheit der Bevölkerung teilt diese Begeisterung nicht. Laut jüngster Umfrage des Marktforschungsunternehmens SKDS unterstützten nur 22 Prozent der Einwohner Lettlands die Übernahme der Gemeinschaftswährung. Rund 53 Prozent sprachen sich gegen den Währungswechsel aus. Das Eurobarometer weist etwas mehr Freunde des Euros aus, aber die Zahl der Gegner ist in jedem Falle größer. Bei der letzten Erhebung äußerten sich 55 Prozent als Skeptiker, 42 Prozent als Befürworter. Janis Oslejs, Eigentümer der Firma Primekss, bewertet die Einführung des Euros als »großen Fehler«. Er exportiert eine neue, Beton sparende Bautechnologie. Die Firma wächst, der Umsatz steigt. Bei einem Beitritt zur Eurozone ginge es seiner Firma sogar noch ein wenig besser: Der Währungsumtausch entfällt, Kredite werden günstiger. Doch Oslejs sagt voraus, dass der Euro langfristig zum Schaden für Lettland wird. Alle Länder, die der Eurozone mit einem Leistungsbilanzdefizit beitraten, wie Spanien oder Griechenland, erlebten später einen wirtschaftlichen Absturz, betont Oslejs. Auch Lettland hat zurzeit eine negative Leistungsbilanz: »Wir haben keinen starken Produktionssektor, deswegen wird

Milizen von Al Qaida auf Vormarsch
Syrien: Einfluss der Radikalislamisten wächst
Istanbul/Beirut (Agenturen/nd). Im Syrienkonflikt gewinnen der Terrororganisation Al Qaida nahestehende Milizen aus Irak nach Oppositionsangaben an Einfluss. Wie der Leiter der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman, am Freitag der Nachrichtenagentur dpa sagte, kamen vor wenigen Tagen 150 Milizionäre über die Grenze nach Syrien, um in den nordöstlichen Gebieten zu kämpfen. Grausame Hinrichtungen von Syrern etwa wegen Blasphemie sollen auf das Konto dieser Dschihadisten gehen. Laut der Freien Syrischen Armee der Rebellen wurde zuletzt einer ihrer führenden Kommandeure ebenfalls von Mitgliedern dieser Miliz getötet. Der Sprecher der Freien Syrischen Armee (FSA), Luai al-Mekdad, sagte der dpa, die »Ermordung« des führenden FSA-Mitglieds Kamal Hamami verhärte die Fronten zwischen moderaten und radikal-islamischen Gruppen, die gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad kämpften. Nach Erkenntnissen der Menschenrechtsbeobachter steht selbst die dschihadistische syrische AlNusra-Front den irakischen AlQaida-Milizen kritisch gegenüber. Allerdings habe sie bislang eine direkte Konfrontation vermieden. Derweil sollen eine UN-Spitzendiplomatin aus Deutschland und ein Professor aus Schweden den Chemiewaffeninspekteuren der Vereinten Nationen nun doch den Weg nach Syrien ebnen. Die UN-Abrüstungsbeauftragte Angela Kane und der Giftgasexperte Åke Sellström sollen »so rasch wie möglich« zu Gesprächen nach Damaskus reisen, kündigte ein UNSprecher an. Die syrische Regierung hat den UN-Experten, die es selbst angefordert hatte, bislang die Einreise verweigert. In dem Bürgerkriegsland werfen sich Regierung und Rebellen gegenseitig vor, das Giftgas Sarin eingesetzt zu haben. Die Regierung in Damaskus fordert, dass die UN-Experten nur ihre eigenen Vorwürfe gegen die Opposition prüft und verweigert den Gutachtern jede weitere Arbeit. Die UN bestehen jedoch darauf, ohne Bedingung alle Anschuldigungen untersuchen zu können. Moskau hatte am Dienstag erklärt, russische Experten hätten eindeutige Spuren gefunden, dass die Rebellen Sarin eingesetzt hätten. Nur einen Monat zuvor hatten die USA, Großbritannien und Frankreich von ähnlichen Beweisen gesprochen – allerdings zulasten des Regimes.

Rumänien will bessere Integration der Roma
Bukarest (dpa/nd). Rumäniens Ministerpräsident Victor Ponta hat mehr Anstrengungen bei der Integration der Roma angekündigt. »Die rumänische Regierung hat beschlossen, die finanziellen Ressourcen besser für konkrete Projekte zu nutzen«, sagte Ponta in Bukarest. Bisher hätten sich vor allem Nichtregierungsorganisationen um Roma gekümmert. Viel Geld sei dabei ineffizient ausgegeben worden. Nun wolle der Staat das Problem in die Hand nehmen.

Den Letten ist der Lats teuer, mit dem Euro könnte es teurer werden.
uns das Gleiche passieren, was in Südeuropa geschehen ist.« Marina Golubenko denkt ähnlich. Die 54-Jährige verkauft im Rigaer Zentralmarkt Blumen und hat keine Ahnung von »Investitionen«, »Leistungsbilanzen« und »Defiziten«. Sie fürchtet nur eines: Preissteigerungen. »Die Preise werden bestimmt steigen, genauso wie in den anderen Ländern nach der Euro-Einführung. Dabei ist das Leben heute schon teuer genug. Warum können wir nicht weiter den Lats benutzen?« Die Frage Euro oder Lats sei zu wichtig, als dass sie nur von der Regierung entschieden werden könnte, sie bedürfe einer Volksabstimmung, findet Iveta Grigule, Parlamentsabgeordnete des oppositionellen Bündnisses von Grünen und Landwirten: »Die Regierung tut, als gäbe es kein Volk in Lettland, sondern nur die regierenden Parteien.« Grigule hat eine Unterschriftensammlung für ein Referendum über den Euro in Gang gesetzt. Eine solche Volksabstimmung durchzusetzen, ist allerdings sehr kompliziert. Regierungsnahe Juristen argumentieren, es gebe gar keine rechtliche Grundlage, denn das Volk habe darüber bereits beim Referendum über den EU-Beitritt 2003 abgestimmt. Der Beitrittsvertrag enthielt einen Passus, wonach der Euro eingeführt wird, sobald Lettland die Konvergenzkriterien erfüllt. Die Euro-Gegner meinen jedoch, das sei nicht korrekt: Vor dem damaligen Referendum sei die Bevölkerung über die möglichen Folgen nicht ausreichend aufgeklärt worden. Die Wähler

Foto: AFP/Ilmars Znotins; nd-Karte: W. Wegener
zwei Referenden durchsetzen: eines über eine Verfassungsänderung und danach ein zweites über den Euro. Das ist bis Ende dieses Jahres schon rein zeitlich unmöglich. Aber Iveta Grigule ist hartnäckig: »Wenn uns das erste Referendum gelingt, könnten wir theoretisch im nächsten Jahr ein weiteres Referendum über den Austritt aus der Eurozone veranlassen.« Finanzminister Andris Vilks erteilte solchen Überlegungen jedoch bereits eine Absage: »Auch wenn ein Referendum stattfindet, wird es nur beratenden Charakter haben und gar nichts ändern, weil die Entscheidung über Lettlands Weg in die Eurozone schon vor vielen Jahren getroffen worden ist.« Regierungschef Valdis Dombrovskis findet die Idee ebenfalls unvernünftig. Er ist vielmehr überzeugt: »Wir schaffen es, dass die Mehrheit der Bevölkerung bis Januar den Euro unterstützt.« Erreichen will die Regierung das durch eine »Aufklärungskampagne«. Die EU hat dafür bereits Fördermittel bewilligt.

Demonstrationen und Ausstände in Brasilien
Rio de Janeiro (epd/nd). In Brasilien haben sich am Donnerstag Zehntausende an einem Streikund Protesttag beteiligt. Sie forderten die Einführung der 40Stunden-Woche, einen höheren Mindestlohn und bessere Arbeitsbedingungen. In vielen Städten blieben Schulen und Universitäten geschlossen. Alle großen Gewerkschaftsverbände und die Landlosenbewegung MST hatten zu dem Protesttag aufgerufen. Doch gingen weniger Menschen auf die Straßen als während der Proteste im Juni, als Hunderttausende für bessere öffentliche Dienstleistungen und gegen Korruption demonstrierten.

Generalstreik legte Chile teilweise lahm
Buenos Aires (epd/nd). Ein Generalstreik hat Chile teilweise lahmgelegt. Nach Angaben des Gewerkschaftsdachverbandes CUT zogen am Donnerstag (Ortszeit) allein in der Hauptstadt Santiago 150 000 Menschen durch die Straßen. Mit dem Ausstand demonstrierte die Gewerkschaft für Verbesserung der Arbeitsbedingungen, eine grundlegende Steuerreform sowie eine Anhebung des Mindestlohnes. Zu dem Ausstand hatten auch Schüler- und Studentenorganisationen aufgerufen, wie »La Tercera« berichtete. Demonstrationen wurden ebenfalls aus anderen Orten gemeldet.

hätten gar nicht gewusst, dass sie gleichzeitig auch für den Euro stimmen. »Damals habe ich nicht über den Euro abgestimmt, denn diese Frage war mir auf dem Stimmzettel nicht gestellt worden«, sagt Iveta Grigule. »Es stimmt allerdings: Im Maastrichtvertrag, der vor Lettlands EUBeitritt abgeschlossen wurde, ist erwähnt, dass neue Mitgliedsländer auch den Beitritt zur Eurozone akzeptieren. Aber da wurde keine bestimmte Frist genannt. Es heißt einfach ›irgendwann‹.« Außerdem sei der Euro heute angesichts der Euro-Krise ein anderer als die gemeinsame Währung vor zehn Jahren. Doch selbst wenn es eine juristische Grundlage für ein Referendum gibt – dessen Durchsetzung bleibt schwierig. Das Recht zur Initiative und zur Entscheidung über »wesentliche Änderungen der Bedingungen des lettischen EUBeitritts« besitzen laut Verfassung nur die Abgeordneten, nicht das Volk. Und die Mehrheit der Abgeordneten hat im Januar für die Euro-Einführung gestimmt. Schon damals versuchte Iveta Grigule, die Unterschriften eines Drittels der Parlamentsabgeordneten zu sammeln, wodurch die Verkündung des Gesetzes blockiert und der Staatspräsident veranlasst worden wäre, die Frage in einer Volksabstimmung entscheiden zu lassen. Allerdings war das nicht gelungen. Jetzt sind die Euro-Skeptiker gezwungen, einen hürdenreichen Weg zu gehen. Sie müssen gleich

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Atomwaffen belasten Schottland-Frage
London prüft vorsorglich »Zypern-Lösung« für seine Militärbasen
Von Reiner Oschmann Der kluge Mann baut vor! Die britische Zentralregierung streitet mit der Regionalregierung in Edinburgh um die mögliche Unabhängigkeit Schottlands. Für den Ernstfall versucht sich London schon jetzt, eine neue Option zu schaffen. Der Ernstfall für London träte ein, sollte sich beim schottischen Referendum am 18. September 2014 eine Mehrheit für einen Alleingang des Nordens aussprechen. Das würde Großbritanniens Atomwaffenstatus berühren, denn das britische Kernwaffenarsenal – bestehend aus vier mit TridentRaketen bestückten Vanguard-UBooten – ist allein in Schottland auf den Basen Coulport und Faslane bei Glasgow stationiert. Und: Die seit 2011 in Edinburgh regierende Scottish National Party (SNP) ist nicht nur Motor der Unabhängigkeitskampagne, sie hat auch klargestellt, dass ein unabhängiges Schottland kernwaffenfrei würde. Der Erste Minister Alex Salmond (SNP) äußerte: »Es ist unvorstellbar, dass eine unabhängige Nation von 5,25 Millionen Menschen die weitere Anwesenheit von Massenvernichtungswaffen auf ihrem Territorium dulden würde.« Obgleich eine Mehrheit für Schottlands Unabhängigkeit bisher nicht erkennbar ist – derzeit befürworten sie knapp ein Drittel der Schotten, gut die Hälfte lehnt sie ab –, will London auch für den »worst case« vorsorgen. Laut »Guardian« erwägt die Zentralregierung bei einem Ja zur Unabhängigkeit, den Stützpunkt Faslane zum Hoheitsgebiet des Vereinigten Königreichs zu erklären, ähnlich wie die beiden britischen Militärbasen auf Zypern. Damit soll einerseits Edinburghs Forderung nach Abzug aller Kernwaffen aus Schottland gekontert, andererseits die Modernisierung der Trident-Raketen für weitere Jahrzehnte gesichert werden. Das Spiel mit der »ZypernKarte« verschärft den politischen Streit zwischen London und Edinburgh. Der SNP-Führer im Unterhaus, Angus Robertson, erklärte: »Das ist ein provozierender Versuch Westminsters, Schottland einzuschüchtern. Weder die Schotten noch das schottische Parlament wollen Kernwaffen auf ihrem Territorium. Wir bekräftigen unsere Haltung, dass die Trident-Raketen so schnell wie möglich aus Schottland beseitigt werden. Nur ein Ja im September nächsten Jahres wird Schottland allerdings ermöglichen, Trident loszuwerden. Das eingesparte Geld wird helfen, eine gerechtere Gesellschaft und eine stärkere Wirtschaft zu gestalten.« Die Kostenfrage ist auch Teil der neuen Londoner Drohkulisse. Quellen im Verteidigungsministerium gaben dem »Guardian« zu verstehen, die Zentralregierung werde Edinburgh nach einem Unabhängigkeitsvotum »als erstes« mitteilen, dass eine Schließung der Basis Faslane und die Suche nach einem alternativen Stützpunkt in England oder Wales »über viele Jahre mehrere zehn Milliarden Pfund kosten würden«. Diese Kosten würden der schottischen Seite in Rechnung gestellt, »bevor eine volle Unabhängigkeit rund zwei Jahre nach dem Referendum ausgerufen werden könnte«. Senken ließen sich die Lasten indes, so das Verteidigungsministerium, sollte Edinburgh einer Vereinbarung zustimmen, die die Basis Faslane zu einem Sonderterritorium unter Hoheit des Vereinigten Königreichs erklärt, ähnlich »den Sovereign Base Areas (SBA) von Akrotiri und Dhekelia auf Zypern«.