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A170_01

Studierendenmagazin der Universitäten Bochum, Dortmund und Duisburg-Essen

pflichtlektüre
062009

Haste was,
kriegste was
Stipendien fördern eine Elite - der
Durchschnitts-Student geht leer aus

Studium als Spaziergang


NRW-Innovationsminister Pinkwart glaubt an die heile Uni-Welt

„Die Linke kann und will nicht“


Franz Müntefering über die Linkspartei, Studiengebühren und das „schönste Amt nach Papst“
S02 Tri-topp A367_02

Studenten aller Ruhrgebiets-unis, vereinigt euch!

B
1
ildungstreik? Bildungsstreik! In Bochum feiern die Studenten am
In der kommenden Woche, al- Samstag, 13. Juni, im Kulturcafé. Am
so vom 15. bis 20. Juni, hat ein Mittwoch startet die Demo um 12 Uhr
deutschlandweites Bündnis ei- am Hauptbahnhof. Von da ziehen die
ne Aktionswoche angekündigt. Teilnehmer zu den Schulen und „befrei-
Gruppen an den Ruhr-Allianz-Unis sind en“ die Schüler.
beteiligt. Gemeinsam demonstrieren sie In Duisburg UND ESSEN haben zum
gegen Studiengebühren, Demokratie- Großteil Schüler die Demos organisiert,
Defizite an den Hochschulen und das da sich der AStA nicht am Streik betei-
Bachelor-Master-System. Mit im Boot ligt. Alle Studenten sind natürlich trotz-
sind Schüler. Sie fordern mehr Lehrer dem zu den Kundgebungen am Mitt-
und kleinere Klassen. woch eingeladen. In Essen ist die Demo
In Dortmund beruft der AStA am Mitt- um 10 Uhr am Hauptbahnhof. Bereits
woch, 10 . Juni, für 10 Uhr eine studenti- am Vortag werden ab 13.45 Uhr Demo-
sche Vollversammlung ein. Am Montag, Taktiken auf dem Campus-Gelände trai-
15. Juni, steigt ab 20 Uhr eine Bildungs- niert. Am Freitag schließt ein Konzert
streik-Party im Haus Dörstelmann am mit Holger Böhrner die Woche ab.
Campus Süd. Treffpunkt zur Kundge- Am Samstag fahren alle Bildungs-Strei-
bung ist am Mittwoch, 17. Juni, der Vor- kenden nach Düsseldorf zur Groß-De-
platz vom Hauptbahnhof. monstration. jmt/foto: pr

Neulich in Deutschland

D
2
ie Einstellung der Deutschen über das Studieren. Vor allem die 18 und
zum Alkohol ist für mich ganz 19 Jahre alten Studenten mit falschen
ungewohnt. Ich bin 21 Jahre alt, Ausweisen. In Deutschland ist es sehr
und dieses Jahr durfte ich in schlimm, wenn man mit einem falschen
den USA zum ersten Mal legal Ausweis erwischt wird. In Iowa sind die
Bier trinken. Aber ich glaube, dass die Strafen milder: Mit einem „Fake ID“ er-
amerikanische Sicht auf Alkohol sehr wischt werden, kostet nur 350 bis 600
dumm ist. Ich wünsche mir, dass Ame- Dollar Strafe.
rika mehr wie Deutschland sein könn- Ich finde die Studentenkneipen hier in
te. Amerikanische Eltern bringen ihren Deutschland cool, weil wir in Iowa keine
Kindern schon früh bei, dass Alkohol haben. Die Leute in den Studi-Kneipen
sehr negativ und schlimm ist. Ich glau- trinken verantwortungsbewusst, und
be, dass so verzerrte Meinungen entste- ich nutze gerne die Gelegenheit, neue
hen und das Thema zum Tabu wird. Leute kennen zu lernen. Ich hoffe, dass
Ich habe gelernt, dass Deutsche mit ei- so etwas bald auch in Amerika möglich
ner gesunden Einstellung zum Alkohol ist.  tk / montage: fh
aufwachsen. Sie lernen, verantwor-
tungsbewusst zu trinken. Viele Komm- Tori Klein (21) kommt aus Iowa (USA) und
lilitonen an meiner Heimat-Uni denken studiert ein Semester lang Journalistik und
mehr über Bier und Schnaps nach als Internationale Studien an der TU Dortmund.

Campus-Kopf: Der studentenflüsterer

D
3
ie Studentin blickt rasch nach in seiner Freizeit gerne walkt oder gute
rechts und links, bevor sie den Bücher liest, erinnert sich an viele unge-
Raum betritt. Hier wird sie sich wöhnliche Fälle, etwa an einen Studen-
gleich ihre Probleme von der ten, der über ein Jahr nur per PC kommu-
Seele reden. Auf dem Türschild nizierte und nicht mehr vor die Tür ging.
steht: Bernd Göhing, Allgemeine Studie- Er erzählt auch von einer Studentin, die
rendenberatung. sich nicht mehr in der Lage sah, ihre Di-
Bernd Göhing (59) ist für die psycho- plom-Arbeit zu schreiben. „Bei genauem
logische Beratung an der Uni Essen Nachfragen stellte sich heraus, dass sie
zuständig – und das bereits seit 1980. den Krebs-Tod ihres Freundes nicht ver-
Mit seinen wachen Augen, der ruhigen arbeitet hatte.
Stimme und seiner Ausstrahlung baut Göhrings Leidenschaft: der Blick hinter
er das Schamgefühl der Studenten ab. die Fassaden. Seine Lösungsansätze:
Sechs Termine hat er alleine heute. „Ich „Manchmal reicht bloßes Zuhören. Oft
bin restlos überlastet“, sagt er. Doch erst beginnen die Studenten dann zu wei-
zum Wintersemester kommt Unterstüt- nen, aber Weinen ist gut.“ Um seine
zung. Seit der Bachelor-Einführung lei- Arbeit nicht mit nach Hause zu tragen,
den immer mehr Studenten unter Leis- meditiert er täglich nach der buddhisti-
tungs- oder Konkurrenzdruck. schen Zen-Meditation.  tf/foto: tf
Der allein lebende Psychotherapeut, der
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HERZ-STÜCK diesmal Zur Ausgabe

E
r macht es sich ein bisschen einfach. Andreas Pink-
Stipendien - ein wart, in der nordrhein-westfälischen Regierung
Segen für jeden zuständig für Innovation, Wissenschaft, Forschung
Studenten? und Technologie, lobt in seinem Interview mit der
Schon. Doch in pflichtlektüre (Ruhr-Blick, Seiten 12 und 13) das Sys-
den Genuss die- tem der Studienbeiträge im Land. Alles sei sozial. Am meis-
ser Förderung ten profitierten die Bafög-Empfänger.
kommen nur die
wenigsten. Nur schade, dass so wenige Studenten Bafög bekommen.

Sein Stipendienkonzept findet er auch toll. Gelder, die ein


Student aus einem Stipendium be-

S08
kommt, werden ihm nämlich nicht
aufs Bafög angerechnet.

Doch gefördert werden vor allem dieje-


nigen, die ohnehin genug haben - das
hat pflichtlektüre-Redakteurin Christin
Otto recherchiert (Herz-Stück, Seiten 8
bis 11). Denn ein Stipendium bekommt,
wer gute Noten schreibt und sich sozi-
al engagiert. Gute Noten schreibt, wer
sich auf sein Studium konzentriert.
Auf sein Studium konzentriert sich derjenige, der seine Zeit
nicht mit Nebenjobs verbringt. Und wer viel arbeiten muss,
hat auch keine Muße, um sich sozial zu engagieren.

Spannend ist in diesem Zusammenhang das Absolventa.


Bei diesem Stipendium stimmen Studenten ab, wer Unter-

Drin ist außerdem … stützung erhalten soll. Mehr dazu auf Seite 10.

Viel Spaß beim Lesen!

BOCHUM

S04 ... der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering im Interview

S06 … Held der Nacht: der Party-Organisator Alexander Passow

S07 … 3 Tage, 3 Nächte: das 19. internationale Video-Festival Impressum


HERZ-STÜCK Herausgeber Institut für Journalistik, TU Dortmund
Projektleitung: Prof. Dr. Günther Rager
S08 ... Stipendien: Finanzspritze für die Finanzspitze Redaktionsleitung: Vanessa Giese (vg), ViSdP
Redaktion: Uni-Center, Vogelpothsweg 74, Campus Nord, 44227
RUHR-BLICK Dortmund Tel: 0231/755-742, Fax: 0231/755-7481
Briefanschrift: pflichtlektüre, c/o Institut für Journalistik, TU
S12 … der NRW-Innovationsminister findet: Stipendien sind sozial. Dortmund, 44221 Dortmund
E-Mail: post@pflichtlektuere.com
DIENST-BAR Produktion: Sebastian James Brunt (sjb)
Bild: Daniel Gehrmann (dg), Elvira Neuendank, Pascal Amos
S14 … Kleinganoven, Kaltduscher und ein Grizzly-Bear Rest, Katja Seidl
Titelbild: Florian Hückelheim, Marylen Reschop, Johannes Zu-
ber
An dieser Ausgabe haben mitgewirkt: Samuel Acker (sam), Katrin
Bach, Simon Balzert (spb), Bianca Beyer, Judith Blaszkowski,
… er hätte gerne Studienge- Sebastian Bolsinger (jsb), Philipp Engel, Tobias Fülbeck (tf),
… über Lafontaine, Camus und
bühren bezahlt, durfte aber Lea Grote (lea), Paulina Henkel (ph), Matti Hesse (mat), Flo-
Sisyphos: Franz Müntefering
rian Hückelheim (fh), Julia Kämpken, Edge Kahveci, Victoria
im Interview.. nicht: Minister Pinkwart.
Klein (tk), Katharina Lindner (kl), Jonas Mueller-Töwe (jmt),
Christin Otto (co), Sebastian Paas, Siola Panke (sp), Patrick
S06 S12 Ryg, Oliver Schmitz-Kramer, Ulrike Sommerfeld (uso), Kari-
na Strübbe (kas), Sarah Tekath, Thomas Terhorst (tt), Katya
Todorova, Anna-Lena Wagner (alwa), Markus Wiludda (mw),
Johannes Zuber (joz)
Verantwortlich für Anzeigen: Oliver Nothelfer, Anschrift wie Ver-
lag, Kontakt: 0201/804-8944
Verlag: Westdeutsche Allgemeine Zeitungsverlagsgesell-
schaft , E.Brost & J. Funke GmbH u. Co.KG, Friedrichstr. 34-38,
45128 Essen
Druck: Druckhaus WAZ GmbH & Co. Betriebs-KG, Anschrift
wie Verlag. Kontakt: druckhaus@waz.de
Erscheinungstermine: Sommersemester 2009: 28. April, 12. Mai,
26. Mai, 9. Juni, 23. Juni, 7. Juli
S04 BOCHUM: MITTEN IM LEBEN A170_04

„Die Linkspartei produziert


pflichtlektüre-Autor Philipp Engel sprach mit dem Parteivorsitzenden der SPD, Franz Müntefering,

A
m 25. Mai sprachen Franz Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg.
01 Müntefering und der Spit- Die Weltfinanz- und Wirtschaftskrise
zenkandidat der SPD für die beweist das Gegenteil. Fühlen Sie sich
Europawahl am 7. Juni, Mar- nun Ihrer Politik und Ihren Warnun-
tin Schulz, auf einer Wahl- gen vor den „Heuschrecken“ bestätigt?
kampfveranstaltung in Bochum. Im Müntefering: Es war eine gewisse Sor-
Gespräch mit der pflichtlektüre stand ge um die Demokratie, um die es mir
Müntefering anschließend Rede und ging - und weiter geht. Geld darf nicht
Antwort. die Welt regieren. Wir brauchen Regeln
für die internationale Finanzwelt. Nur
pflichtlektüre: Herr Müntefering, das wenn uns das gelingt, kann man auf
Jahr 2009 ist ein so genanntes Super- nationaler Ebene den Sozialstaat und
wahljahr. Welche Gründe gibt es für die Demokratie erhalten. Dafür müs-
den Wähler, die SPD zu wählen? sen wir kämpfen, da müssen wir mehr
Franz Müntefering: Weil wir mit unse- ran.
rer Politik in den Kommunen, im Bund
und in Europa deutlich machen, dass pflichtlektüre: Sie erteilen der in den
das soziale und das demokratische letzten Jahren vorherrschenden Form
unsere politische Linie ist. Nur das ist des Kapitalismus also ebenfalls eine
die richtige Antwort auf die Fragen der Absage?
Gegenwart. Der Marktradikalismus ist Müntefering: Ja, natürlich. Das ist eine
gescheitert. Abart von Marktwirtschaft, ein gro-
ßer Irrtum gewesen. Das Geld wurde
pflichtketüre: Sehr viele unserer stu- zu einem Selbstzweck, selbst zu ei-
dentischen Leser haben aufgrund der nem Produkt, mit dem man möglichst
Studiengebühren große Probleme, den schnell und möglichst viel Geld ver-
Spagat zwischen Studium und Finan- dienen konnte - ohne Rücksicht auf
zierung des Lebensunterhaltes zu meis- Verluste, Arbeitsplätze, Unternehmen
tern. Inwiefern ist die SPD auch für Stu- und Menschen. Das Geld und die Wirt-
denten attraktiv? schaft sind aber für den Menschen da
Müntefering: Die SPD ist gegen Studi- und nicht umgekehrt. Die Wirtschaft
engebühren! muss wieder diese dienende Funktion
bekommen, sonst wird die Welt keinen
pflichtlektüre: Sie erteilen den Studi- guten Verlauf nehmen.
engebühren also eine klare Absage?
Müntefering: Ja! pflichtlektüre: Das hört sich nach vie-
len Gemeinsamkeiten mit der Links-
pflichtlektüre: Über Jahre hinweg galt partei an. Was trennt Ihre Partei von
es in der Politik als common sense, dieser?
dass staatliche Eingriffe in die Wirt- Müntefering: Der entscheidende Un-
schaft schädigend wirken. Die Maxime terschied ist, dass die im Bund nicht
lautete: Deregulierte Märkte sind die regieren können und auch gar nicht
wollen. Die produzieren nur heiße Luft
und populistische Parolen. Zum Regie-
02 ren auf Bundesebene nicht fähig.
Und wenn man in Deutschland Fi-
nanzminister wäre, im Jahr 1999 bei-
spielsweise und dann aussteigt und
seiner Partei einen Brief schreibt: „Ich
steige aus! Mit freundlichen Grüßen,
Oskar Lafontaine“, dann ist man ein
Feigling, aber keiner der sich einer sol-
chen Herausforderung stellt. Das ist
ein gewisser Unterschied zwischen
uns und zwischen denen.

pflichtlektüre: Sie sind bekannt für ein-


gängige Urteile wie „Fraktion gut, Par-
tei auch, Glück auf!“. Bekannt ist auch
Ihre Rede, mit der Sie sich im Septem-
ber 2008 mit „heißem Herz und klarer
Kante“ in der Politik zurückmeldeten
und in der Sie der SPD „klaren Kompass,
01 Der SPD-Parteivorsitzende Franz Münte- Kurs halten“ rieten. Woher kommt die-
fering erteilt den Studiengebühren eine se - in der Politik eher unübliche - Vor-
klare Absage. liebe für Klarheit und Direktheit?
02 Müntefering im Gespräch mit pflichtlektü-
re-Autor Philipp Engel.
A170_05 BOCHUM: MITTEN IM LEBEN S05

nur heiße Luft“


über Studiengebühren, Oskar Lafontaine und den Mythos des Sisyphos.

Müntefering: (Denkt lange nach) Sprache ist das, was typisch sozialdemokratisch
ein sehr wichtiges, aber begrenztes Instrument. ist und uns von den Konservativen
Wenn man lange Sätze macht, werden die Sätze unterscheidet. Die Konservativen sind
komplizierter. Ich kann immer nur einen Gedan- zufrieden mit der Welt wie sie ist und
ken in einen Satz packen und die meisten Men- hoffen auf eine Belohnung im Jenseits.
schen können auch immer Die Sozialdemokraten
nur einen Gedanken ver- wollten das immer schon
stehen. Also versuche ich vorher haben und das
es mir und den anderen bleibt auch unser Prinzip:
Menschen einfach zu ma- Zur Person sich anstrengen, den Stein
Anzeige
chen und spreche klar und Geboren wurde Franz hochrollen - auch wenn er

bene
deutlich. Es funktioniert Müntefering am 16. Ja- dann wieder runter rollt.
meistens. nuar 1940 im sauerlän-
dischen Neheim-Hüsten. pflichtlektüre: Das Amt
pflichtlektüre: Nur den
wenigsten ist hingegen be-
kannt, dass Sie als junger
Nach seiner Ausbildung
zum Industriekaufmann
des SPD-Vorsitzenden ist
für Sie also nach wie vor,
wie sie einmal sagten, das
lava!
arbeitete der heute
Mann sogar selber literari- schönste Amt nach Papst?
69-Jährige als Kaufmän-
sche Prosa verfassten und Müntefering: Ja, diese Be-
heute noch die Lektüre von nischer Angestellter. schreibung bleibt.
Camus, Kafka und Dosto- 1966 trat Müntefering
jewski schätzen. Was bedeu- in die SPD ein - damals pflichtlektüre: Welche
tet Ihnen die Literatur? engagierte er sich im Strategien haben Sie, um
Müntefering: Dass das erst Ortsverein Sundern. Von Stress abzubauen?
genannte nur den wenigs- 1975 bis 1992 war der Müntefering: Eigentlich
ten bekannt ist, darüber bin Politiker Mitglied des sehe ich ja gar nicht ein
ich ganz froh. (lacht). Nach Deustchen Bundestages, zu laufen, wenn kein Ball
acht Jahren Volksschule danach wurde er Minister vor mir her rollt. Aber ich
bin ich in den Beruf gegan- für Arbeit, Gesundheit spiele besser heute kein TUDI-TA
RIF
gen. Industriekaufmann. Fußball mehr. Da würde JETZT S TZEN! Höfkerstraße 12 . 44149 Dortmund
und Soziales. Nachdem NU
Irgendwann habe ich dann ich mir wahrscheinlich Tel. 0231 / 917071 - 40
Müntefering unter ande- www.wischlingen.de
gemerkt: Da ist noch mehr. alle Knochen bei brechen.
So bin ich zur Literatur ge- rem als Generalsekretär Also gehe ich aufs Lauf- Anzeige
kommen. Kafka war einer und Fraktionsvorsitzen- band und laufe ein paar
der ersten Schriftsteller, der der agierte, hielt er von Kilometer. Ich kann nur
mich fasziniert hat. Camus 2004 bis 2005 das Amt empfehlen, das zu ma-
ist in meinem Leben ein we- des Parteivorsitzen- chen. Es ist auch ganz
nig zur Leitfigur geworden. den inne. Aus privaten nützlich, wenn man älter
Durch das Lesen erfährt Gründen zog er sich bis wird. Bewegung der Beine
man viel, durch das Lesen zum Spätsommer 2008 ernährt das Gehirn!
lernt man. Diese Neugierde aus der Bundespolitik
habe ich mir immer erhal- zurück. Nachdem Kurt
ten können. Wenn man die Beck seinen Rücktritt text Philipp Engel
nicht mehr hat, muss man foto Christus Kirche Bochum
ankündigte, wurde
aufhören.
Müntefering als dessen
pflichtlektüre: Sie hatten Nachfolger gewählt.
einmal gesagt, dass Ihnen
Camus’ Interpretation des
Sisyphos-Mythos sehr zu-
sagt. Ist es für Sie nach über
40 Jahren Berufspolitik immer noch befriedigend,
wie Sisyphos den Felsbrocken tagtäglich den Berg
hinauf zu rollen, auch wenn der Brocken immer
wieder kurz vor dem Gipfel hinab rollt?
Müntefering: Ja klar, unbedingt! Denn der Mythos
des Sisyphos endet mit den Worten: „Man kann
sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen VORSCHAU
vorstellen.“ Das Paradies auf Erden wird es nie
geben, den neuen Menschen auch nicht. Das Le-
ben ist und bleibt eine einzige Maloche. Das war In der nächsten Ausgabe bittet pflicht-
es schon immer. Das gilt für die Gegenwart und lektüre-Autor Philipp Engel den CDU-
auch für die nächsten Generationen. Du musst Politiker und Präsident des Deutschen
immer um Fortschritt kämpfen - zwei Schritte Bundestages, Norbert Lammert, zum
vor, einen Schritt zurück, manchmal aber auch Gespräch.
zwei oder drei Schritte zurück. Das ist übrigens
S06 BOCHUM: IM HÖRSAAL A170_06

Monsieur 100.000 Volt


Eigentlich wollte er sich nur von seinem Sportstudium ablenken – jetzt ist er Partymanager:
Alexander Passow, Chef von „Heroes@Night“.

E
r lächelt freundlich den ersten Sonnen- Zusammenarbeit mit un-
strahlen entgegen, nimmt einen Schluck terschiedlichsten Menschen
Milchcafé und lehnt seinen Körper läs- hat ihn allerdings auch per-
sig im Stuhl zurück. Alexander Passow sönlich bereichert: „Früher
wohnt zentral in Bochums Partymeile - wäre ich wahrscheinlich
sie ist aber auch sein beruflicher Ausgangspunkt voreingenommener gewe-
geworden. Er veranstaltet mit seinem Team von sen gegenüber extravagant
„Heroes@night“ die größte Partyreihe für Stu- oder anders aussehenden
denten in Bochumer Clubs. Seit Dezember 2007 Menschen.“
erfreuen sich die „Studay Clubnite“ und „Studis
Delight“ wachsendem Besucherandrang. Schon mit seinem Zivildienst
Begonnen hatte alles als Ablenkung vom von ging er ungewöhnliche We-
seinem Sportstudium mit Schwerpunkt Manage- ge: Den absolvierte er nicht
ment und Marketing an der RUB. Doch gerade am etwa im Altenheim, son-
Anfang seiner Partyzeit konnte ihm kein Zauber- dern in einer chirurgischen
trank helfen, zum Held der Nacht zu werden,: „Ein Rettungsstelle. Das sichere
bestimmtes Talent oder eine Voraussetzung zum Gehalt eines erfolgreichen
Organisieren von Veranstaltungen gibt es nicht, Zahnarztes, wie sein Vater
außer vielleicht ein gesundes Selbstbewusstsein einer ist, verschmähte er zu-
und Kommunikationsfähigkeit“, sagt er gunsten des Sportstudiums.
Nach 20 selbst organisierter Partys mauserte sich Spanisch zu lernen, war
das anfängliche Hobby nach einigen lehrreichen sein Traum. Auch das Leben
Misserfolgen zunächst zu einer finanziellen Be- am Meer: Nach einem Blick
reicherung. Mehr noch: Das auf den ersten Blick in die Karte erschien ihm
schnelllebige Geschäft eröffnete Alex neue be- Málaga als passender Ort
rufliche Sicherheiten. für ein Auslandsjahr. Einen
Sprachkurs besuchte er aller-
Fair play, fair pay dings erst vor Ort und lernte
Mittlerweile beschäftigt er 20 Mitarbeiter. Im praktisch bei der Arbeit als
Umgang mit ihnen bleibt er seinen Maximen Barkeeper.
treu, die er schon im Sportstudium lernte: Fair- Seine Rolle als Held der
ness, Offenheit für Neues und ein persönlicher Nacht reicht ihm für die Zu-
Kontakt. Praktisch bedeutet dies, dass er seine kunft nicht aus: Eine eigene
Angestellten etwa für das Flyerverteilen an der Shirt-Kollektion, Charity-
RUB gut bezahlt, gleichzeitig aber von ihnen for- und Kulturveranstaltungen
dert, Passanten persönlich anzusprechen und spuken ihm aktuell im Kopf Partymanager und Chef von „Heroes@night“: Der
einzuladen. herum. Sportstduent Alexander Passow.
Bei der Terminplanung seiner Events achtet er Bei so hochfliegen Plänen sind seine Mutter und
darauf, nicht mit Partys von Fachschaften zu kol- seine Oma die Fixpunkte in seinem Leben. Er pen-
lidieren und bietet seinen studentischen Gästen delt regelmäßig nach Kopenhagen und Berlin, um
günstige Eintrittsgelder sowie Getränkepreise. bei seiner Familie sein zu können. Sie zeigten sich
Die Möglichkeit eines Verlustgeschäfts nimmt anfangs skeptisch gegenüber den Ambitionen ih-
der gebürtige Berliner damit in Kauf – das Wagnis res Sprösslings und erinnerten ihn an die Ernst-
ist ein wichtiger Teil von Alexanders Charakter. haftigkeit seines Studiums. Erst mit wachsenden
„Wenn ich das Gefühl habe, in meinem Leben ste- Berufschancen in der Branche konnten sie den
hen zu bleiben, werde ich nervös.“ Das bestätigt ungewöhnlichen Nebenjob ernst nehmen. Ähn-
sein Partner bei „Heroes@night“, bekannt unter lich reagierten gute Freunde, denen Alex‘ Beruf
seinem Künstlernamen Dj 2Stylz: „Alex ist immer weniger wichtig ist als seine Persönlichkeit. Ein
ehrgeizig, manchmal fast ein wenig zu sehr, aber solches Verhalten, gepaart mit Unterstützung in
für Erfolge ist er bereit, Risiken einzugehen und Krisenzeiten, sieht Alex allerdings weitaus lieber
neues auszuprobieren.“
Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise reichen für
als oberflächliches Interesse an seiner Funktion
als Held der Nacht.
HINTERGRUND
viele Arbeitgeber Topnoten nicht mehr aus – Alex
rät daher jedem Studi, sich einen erfüllenden Ne-
benjob zu suchen, der auf das Leben nach der Uni Zum Weiterlesen Heroes@night steht für das Partylabel, dessen
vorbereitet, Referenzen und Beziehungen bietet. Gründungsmitglied Alexander ist. Ihm fiel
„Ich hätte nie damit gerechnet, so viele Kontakte ewww.heroesatnight.de auf, dass viele Menschen sich in ihrem Alltag
aus verschiedensten Bereichen knüpfen zu kön- Homepage mit allen Infos zur nächsten Party am verstellen und es ihnen erst auf Partys ge-
nen. Menschen, die ich sonst nie kennengelernt 18.6 im Apartment 45 in Bochum (VVK in der AOK lingt, ihren wahren Charakter zu zeigen. Der
hätte. Viele sind Unternehmer,“ sagt Alex und an der RUB) Partymacher wünscht sich deshalb für seine
freut sich über seine berufliche Sicherheit. Gäste, dass sie zu Helden der Nacht werden,
Ein Angebot für die Position als Betriebsleiter text Julia Kämpken sich gehen lassen und immer öfter ihr wahres
einer Eventlocation liegt ihm bereits vor, auch foto privat Ich offenbaren.
wenn viele Arbeitgeber Partys als minderwertige
Veranstaltung ansehen - zu seinem Bedauern. Die
A170_07 BOCHUM: IM HÖRSAAL S07

Klappe, Kamera, Action!


Am 18. Juni ist es wieder soweit: Im Musischen Zentrum der Ruhr-Uni findet das 19. Internato-
nale Video-Festival statt. Erstmalig werden auch Animations- und Kurzfilme gezeigt.

3
Tage, 3 Nächte: Unter diesem Motto steht men. An die alten (un-inter-
das 19. Internationale Video-Festival. Vom nationalen) Zeiten erinnert
18. bis 20. Juni zeigen Videokünstler aus das „Bochumer-Programm“.
der ganzen Welt im Musischen Zentrum Darin werden Videos aus
der Ruhr-Uni ihr Können. Von narrativ, beziehungsweise über Bo-
über dokumentarisch, bis hin zu experimentell chum gezeigt.
ist für jeden Geschmack etwas dabei. Am Ende der drei Festivalta-
Herzstück des Festivals ist ein Video-Contest, bei ge kührt die Jury aus jeder
dem sich die Teilnehmer der Kritik einer qualifi- Rubrik einen Gewinner. Die-
zierten Jury, bestehend aus VJ‘s und Filmema- se erhalten dann Geldpreise
chern, stellen müssen. Außerdem treten interna- im Wert von 400 bis 800
tionale VJ‘s gegeneiander an. Die so genannten Euro.
Visual Jockeys werden dann vor sitzendem Pub- Doch nicht nur die Jury darf
likum zur Musik eines DJ‘s spontan Bilder zeigen. ihre Stimme abgeben: Beim
Dem Einfallsreichtum sind dabei keine Grenzen GrandVideoSlam entschei-
gesetzt. „Im vergangenen Jahr hat beispielsweise det das Publikum über das
jemand mit einem Overhead-Projektor gearbei- beste Video. Die Teilnehmer sind die fünf Gewin- ni in einer ausgefallenen Location: im alten Kino
tet, das war sehr witzig“, sagt Wiebke Miljes vom ner der vergangenen VideoSlams. im Uni-Center - natürlich mit Projektionen von
Festival-Team. Das Besondere in diesem Jahr sind die beiden VJ‘s.
Ins Leben gerufen wurde die Veranstaltung von Specials. „Im nächsten Jahr wollen wir mit einem
Bochumer Studenten eigentlich, um lokalen Vi- neuen Konzept an den Start gehen und das Festi- text Ulrike Sommerfeld
deokünstlern eine Plattform zu geben. „Inzwi- val für Animations- und Kurzfilme öffnen“, verrät foto G & A Scholiers / Stock.xchng
schen ist die Veranstaltung enorm gewachsen, Miljes. Um zu sehen, wie das beim Publikum an-
so dass wir auch im Ausland wahrgenommen kommt, habe man in diesem Jahr das Iran-Spezial
werden. Das freut uns natürlich sehr“, so Miljes. und das Animations-Spezial eingeführt.
Über 700 Einsendungen habe es gegeben, von Da das Motto des Festivals Programm ist, wird es
denen mehr als die Hälte aus dem Ausland ka- jeden Abend eine Party geben. Am 19. und 20. Ju-

pflichtlektüre empfiehlt
Seminar mit Toten Studentin & Hobby-Hure
Tagsüber sind sie gewöhnliche Studentinnen, abends
arbeiten sie als Prostituierte: pflichtlektüre online
sprach mit jungen Frauen, die Sex für Geld anbieten.
Die 25-jährige Germanistikstudentin Martina erzählt
im Interview vom Reiz des Unbekannten, aber auch
von einer inneren Leere und psychischen Problemen.
Die 23-jährige Medizinstudentin Tanja bekommt von
ihren Eltern keine Unterstützung und prostituiert sich,
um das Studium zu finanzieren.

Das geliebte Wrack Abwrackwahn, nein danke! Wir stellen Studen-


Sie schneiden Tote auf und entnehmen die Organe: Schon im
ersten Semester arbeiten Medizinstudenten an der Uni Essen- ten der Ruhr-Unis vor, die zu ihrem in die Jahre
Duisburg (UDE) an Leichen. pflichtlektüre online stieg für Euch für gekommenen Auto stehen und selbstbewusst
einen Tag hinab in die Anatomieräume der UDE. sagen: Ich liebe mein Wrack! Wenn auch Du trotz
Abwrackprämie zu Deinem alten Schätzchen
Auch die Medizinstudenten an der Ruhr-Uni Bochum werden
stehst: Schick uns ein Foto von Euch beiden und
schon nach den ersten Unitagen im Präpariersaal mit Toten kon-
schreib uns, warum auch Du Dein Wrack liebst!
frontiert. Zwei Bochumer Studentinnen erzählen im Interview mit
www.pflichtlektuere.com
pflichtlektüre online von der Überwindung des Ekels.

Mehr auf dem neuen Online-Portal: www.pflichtlektuere.com


S08 HERZ-STÜCK A367_08

Wohlfahrt für die Elite


Stipendien sollen als finanzielle Unterstützung für Studenten herhalten, doch aufgrund der Auswahlv
tatsächlich Bedürftigen oft leer aus.

H
art gesagt, sind Studenten umjubelte
arme Schweine. Einerseits wird die Poli-
tik nicht müde zu betonen, wie wichtig
wir für unser Land sind. Mit Aussagen
wie „Die Führungskräfte von morgen“
und „Die Jugend ist unsere Zukunft“, heben sie
uns in den Himmel. Andererseits bewegt sich so
mancher Student finanziell unter Hartz-IV-Ni-
veau. Wie ernst können diese Lobeshymnen also
gemeint sein? Denn: Wer keine Eltern hat, die das
Portemonnaie weit aufhalten, für den wird das
Studium schnell ein Kampf mit Studienbeiträgen,
steigenden Lebenshaltungskosten und einem
stressigen Nebenjob. Die Regierung lasse uns bei
diesem Kampf nicht alleine – behauptet sie. Leis-
tung werde belohnt, heißt es. „Stipendium“ lautet
das Zauberwort. Doch bei diesem Zauber geht die
breite Masse leer aus.

So genannte Begabtenförderungswerke und


Stiftungen, die Stipendien vergeben, gibt es zu
Genüge. Über 1.750 sind es an der Zahl laut dem
Bundesverband Deutscher Stiftungen. Das Minis-
terium für Bildung und Forschung (BMBF) pumpt
ordentlich Steuergelder in die verschiedenen För-
derwerke. 113,2 Millionen Euro an staatlichen Zu-
schüssen waren es in 2008. In diesem Jahr sollen
es sogar 132,2 Millionen sein. Doch wer profitiert
davon? Laut BMBF werden gerade mal ein bis
zwei Prozent der Studenten in Deutschland durch
ein Stipendium gefördert.

Stellt sich die Frage – wie sieht sie aus, diese


seltene Gattung „Stipendiat“? Astrid von der
Pütten, Master-Studentin angewandter Kogni-
tions- und Medienwissenschaften an der Uni
Duisburg-Essen, ist eine von ihnen. Die 28-Jäh-
rige ist Vorzeigestipendiatin: sehr gute Noten,
frühes gesellschaftliches Engagement, sie sitzt
im Fachschaftsrat, leitete ein Jahr lang die Stipen-
diatengruppe und arbeitet inzwischen als wis-
senschaftliche Mitarbeiterin. Von der Friedrich-
Ebert-Stiftung wurde sie zwei Semester lang mit
460 Euro pro Monat gefördert. „Inzwischen habe
ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin einen zu
hohen Nebenverdienst und bekomme nur noch
die 80 Euro Büchergeld, da das Einkommen – wie
beim Bafög auch – verrechnet wird“, erklärt sie.
Auch eine „ideelle“ Förderung gehört zum Sti-
pendium. „Wir besuchen verschiedene Semina-
re und treffen uns regelmäßig, um Erfahrungen
auszutauschen“, sagt Astrid. Außerdem muss die
28-Jährige nach jedem Semester einen Bericht
abliefern. „Darin stehen die Noten und die ver-
schiedenen Aktivitäten, die wir während des Se-
mesters wahrgenommen haben.“

Auch an der Ruhr-Uni Bochum können vor allem schnitt“, erklärt Tobias Steinhoff von der Stipen- ist der überparteiliche Dachverband von Studie-
die Besten mit finanzieller Unterstützung rech- dienverwaltung der RUB. rendenvertretungen in Deutschland. Mit rund
nen: „Grundsätzlich sind die an der Ruhr-Univer- 80 Mitgliedshochschulen vertritt er die sozialen,
sität Bochum vergebenen Stipendien leistungs- Dass anhand derartiger Leistungskriterien ei- kulturellen, politischen und wirtschaftlichen
bezogen. Die Auswahl erfolgt also vornehmlich ne Elite gefördert wird, stößt Florian Keller, Vor- Interessen von rund einer Millionen Studenten.
nach Kriterien wie einer möglichst kurzen Stu- standsmitglied im Freien Zusammenschluss der Das Problem bei der Vergabe von Stipendien
diendauer und einem möglichst guten Noten- StudentInnnenschaften (fzs), sauer auf. Der fzs sieht Keller vor allem in den Auswahlgesprächen
A367_09 HERZ-STÜCK S09

verfahren gehen die

Teil finanziell bedürftige Stu-


denten sind, musste die Bun-
desregierung einräumen, als BEGABTENFÖRDERUNG
2007 eine Anfrage der Frak-
tion „Die LINKE“ zur sozialen Staatliche Begabtenförderung:
Zusammensetzung der Sti- - Studienstiftung des deutschen Volkes
pendiaten ins Haus flatter-
te. Aus der Stellungnahme - Stiftung der deutschen Wirtschaft
von Bildungs-Staatssekretär - Konrad-Adenauer-Stiftung (CDU)
Andreas Storm ging hervor,
- Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD)
dass über 40 Prozent der Sti-
pendiaten aus finanziell bes- - Friedrich-Naumann-Stiftung (FDP)
ser gestellten Verhältnissen - Heinrich-Böll-Stiftung (Grüne)
stammten, wohingegen nur
25 Prozent wirklich bedürftig - Rosa-Luxemburg-Stiftung (Linkspartei)
waren. Erklärung der Bun- - Hans-Seidel-Stiftung (CSU)
desregierung: Auf die Aus- - Hans-Böckler-Stiftung (DGB)
wahlkriterien der Begabten-
förderungswerke habe man
keinen Einfluss. Kirchliche Begabtenförderung:
- Evangelisches Studienwerk e.V.
Florian Keller sieht die Regie-
rung dennoch in der Pflicht: - Katholisches Cusanuswerk
„Das staatlich finanzierte
Stipendiensystem muss zu-
Förderung von Auslandsaufenthalten:
rückgefahren und das Au-
genmerk auf den Ausbau des - Fulbright-Kommission
Bafög gelegt werden. Dieses - Deutscher Akademischer Austausch Dienst
müsste endlich den Erfor- (DAAD)
dernissen der Studierenden
angepasst und Bologna- - Heinrich Hertz-Stiftung
tauglich gemacht werden“,
fordert er. Private Stiftungen:
Für untauglich hält der fzs- - Vodafone-Stiftung Deutschland
Vorstand auch den Vorstoß - Stipendienfonds E.ON Ruhrgas
von NRW-Wissenschafts-
- Fritz Thyssen Stiftung
minister Andreas Pinkwart
(FDP), der mit einem eigenen - Bertelsmann Stiftung
Stipendienprogramm zehn - uvm.
Prozent der begabtesten
Studenten unabhängig vom
Einkommen mit 300 Euro
pro Monat fördern will. „Ich
halte das für ein perfides beitet. Sie kennt die Unterschiede zwischen dem
Mittel, die staatliche Studi- deutschen und dem finnischen Hochschulsystem.
enfinanzierung auszuhöhlen „Bei uns ist der Gleichberechtigungsgedanke viel
und vom eigentlichen Prob- stärker ausgeprägt. Deshalb wird es in Finnland
lem abzulenken“, sagt Keller. auch keine Studienbeiträge geben“, sagt Hentilä.

Im Gegensatz zu Deutschland Statt dem elternabhängigen deutschen Bafög


haben andere Regierungen zahlt die finnische Regierung ein elternunabhän-
ihre Verantwortung längst giges Grundeinkommen. „Jeder Student an einer
erkannt – zum Beispiel die Universität erhält 298 Euro Studiengeld pro Mo-
Die Eine hat‘s, der Andere will‘s. Stipendi- finnische. „In Finnland gibt nat. Außerdem gibt es einen Wohngeldzuschuss
en helfen bei der Studienfinanzierung, doch es den Grundgedanken: und günstige Darlehen“, fasst die finnische Pro-
nicht immer gehen sie an diejenigen, die Nicht die Eltern sind für die fessorin zusammen. Wer jedoch glaubt, dass fin-
der Stiftungen: „Was zählt, sie wirklich brauchen. Ausbildung ihrer Kinder ver nische Studenten dank der staatlichen Förderung
ist das konforme Auftre- antwortlich, sondern der schneller studieren, der irrt. „Finnland ist ein
ten gegenüber besetzten Staat ist es“, erklärt Marja- teures Land, und die Studierenden haben einen
Auswahlgremien - das ist bei Studierenden aus liisa Hentilä, Leiterin des Finnland-Instituts in hohen Lebensstandard, den sie halten wollen –
finanziell besser gestellten Familien nun mal an- Deutschland. Die Finnin ist Professorin an der dafür reichen die 298 Euro und der Mietzuschuss
ders und passender.“ Universität von Helsinki und hat unter anderem natürlich nicht. Also gehen sie nebenbei arbeiten,
Dass Stipendiaten tatsächlich nur zu geringem an der Ruhr-Uni Bochum als Gastdozentin gear- Auf Seite 10 geht es weiter
S10 HERZ-STÜCK A367_10

ABSOLVENTA
„Absolventa“ ist das erste demokratische Stipen-
dium und tritt mit seiner Idee der herkömmlichen
Eliteförderung entgegen. Gemeinsam mit Sponso-
ren aus der Wirtschaft vergibt der Verein Absol-
venta e.V. – ein Projekt der gleichnamigen Job-
börse - eine Fördersumme von insgesamt 25.000
Euro. Während der vergangenen Bewerbungspha-
se im Februar haben mehr als 4000 Studenten in
Videos, Texten, Songs und Präsentationen erklärt,
warum gerade sie ein Stipendium verdient haben.
Dabei konnten sie selbst entscheiden, wofür und
in welcher Höhe sie ein Stipendium benötigen.
Gute Noten spielten dabei keine Rolle. Worauf es
ankam: Die Bewerber waren aufgerufen, ihre ganz
persönliche Geschichte zu erzählen - egal ob sie
dramatisch, anrührend, lustig oder spektakulär
ist. Die Motivationspakete von 534 Kandidaten ha-
ben die Prüfung auf Glaubwürdigkeit und Plausi-
bilität überstanden und stehen nun zur Wahl. Noch
und so zieht sich das Studium in die NRW Summer School für einen Monat in China, bis zum 30. Juni kann jeder im Internet darüber
Länge“, sagt Hentilä. anschließend reiste sie mit einem ISEP-Stipendi- abstimmen, wer die Stipendiaten werden sollen.
um nach Japan und schreibt dank eines DAAD- „Dadurch, dass die Studenten und Absolventen
Wenn es darum geht, das eigene Studium in die Stipendiums nun auch ihre Bachelor-Arbeit im über die Stipendienvergabe abstimmen, fördern
Länge zu ziehen, scheinen deutsche Studenten Land der aufgehenden Sonne. Warum die Förder- sie, was sie selbst überzeugt“, erklärt der Vor-
hingegen immer unentspannter. Schließlich be- gelder nicht gereicht haben, um alle Kosten zu sitzende des Vereins, Pascal Tilgner. „Wir gehen
deutet jedes Semester mehr auch mehr Studien- decken? „Island und Japan sind teure Länder, und davon aus, dass diese demokratische Vergabe des
beiträge. Das schlägt sich ich wollte viel sehen. Wie viel Stipendiums dazu führt, dass Werte gefördert wer-
in der Zahl der Auslands- man aus der eigenen Tasche den, die von der konventionellen Eliteförderung
aufenthalte nieder. „Stu- „Bei Erasmus hat zahlt, hängt aber immer da- nicht abgedeckt werden.“ Wer sich selbst auch für
denten aus wohlhabenden von ab, wie viel man in dem
Elternhäusern verbringen jeder eine Chance“ jeweiligen Land machen will
ein Absolventa-Stipendium bewerben möchte, hat
ab Herbst 2009 wieder die Chance dazu.
doppelt so häufig einen und welches Land man sich
Teil ihrer Ausbildung im Ausland wie junge aussucht. In Island wurden zum Beispiel allein http://www.absolventa.de/stipendium
Menschen aus armen Familien“, ging aus einer für die Miete 500 Euro fällig“, erklärt Verfürth.
Umfrage des Deutschen Studentenwerkes (2006)
hervor. Dennoch ist sie davon überzeugt, dass Auslands-
Auch Jutta Verfürth, Kunst- und Philosophie- aufenthalte im Studium nicht nur einer Elite zu- muss, wenn man eher schlechte Noten hat, ist
Studentin der TU Dortmund, musste trotz meh- gänglich sind. „Gerade bei den Erasmus-Program- klar.“
rerer Auslands-Stipendien oft noch draufzah- men hat jeder eine Chance. Länder wie Spanien
len. Die 25-Jährige hat ein Erasmus-Semester in zum Beispiel sind auch nicht so teuer wie bei- text Christin Otto
Island verbracht, war als Stipendiatin mit der spielsweise Island. Dass man Abstriche machen fotos Florian Hückelheim

KOMMENTAR VON CHRISTIN OTTO


Wer Stipendien Das Problem: Spätestens seit der Einführung der geben. Die Kosten sollen sich die Wirtschaft und
als Allheilmittel Studienbeiträge ist das Studium nicht mehr nur das Land teilen. NRW im Alleingang.
für soziale Un- eine Frage von Können, sondern vor allem von Dass aber auch dieses „Vorzeigemodell“ einen
gerechtigkeit Haben. Die Studienfinanzierung wird für immer Schönheitsfehler hat, scheint Pinkwart herzlich
verkauft, hat die mehr junge Menschen zum Problem. wenig zu interessieren – Hauptsache medien-
falsche Diagnose Doch woran das System wirklich krankt, davor wirksam in die Massen gerufen. Doch wer profi-
gestellt. Die letzte verschließt auch Bundesforschungsministerin tiert von dem Ganzen? Die, die genug Zeit haben,
Sozialerhebung Schavan offensichtlich die Augen. Obwohl die sich auf ihr Studium zu konzentrieren und gute
des Deutschen Studierendenquote von 39 auf 36 Prozent gesun- Leistungen zu erbringen. Das würden Studenten
Studentenwerks ken ist, bleibt sie dabei: Die Quote soll trotz Ge- aus weniger wohlhabenden Familien sicher auch
hat belegt: Von bühren auf 40 Prozent gesteigert werden. Doch gerne. Doch wer füllt ihnen den Kühlschrank und
100 Akademiker- statt die hart erkämpften Studienbeiträge abzu- bezahlt die Miete, wenn sie nicht mehr neben-
kindern schaffen schaffen, schmeißt man lieber mit Stipendien beruflich Kaufhausregale sortieren, hinterm Tre-
83 den Hochschul- um sich – so wie NRW-Wissenschaftsminister sen arbeiten oder in Büros Akten schieben? Herr
zugang, dagegen Andreas Pinkwart. Der will die Besten der Besten Pinkwart bestimmt nicht.
nur 23 von 100 belohnen. Ab dem kommenden Wintersemester Wer Studenten wirklich helfen und diese an die
Kindern aus Familien ohne akademische Traditi- soll es 1200 leistungsorientierte und einkommen- Uni holen will, der schafft die Studiengebühren
on. sunabhängige Stipendien in Höhe von 300 Euro ab und erhöht den Bafög-Satz.
A367_11 Herz-Stück S11

Die Masse zahlt, die


Minderheit profitiert
Stipendien aus Studienbeiträgen - Die lausige Bilanz der Universitätsstiftungen

V
on Studiengebühren profi- An der TU hingegen wurde ein entsprechender
tieren alle, sollte man mei- Beschluss längst gefasst. Eine eigene Stiftung aus
nen. Schließlich zahlen ja Studienbeiträgen soll neben der Vergabe von Sti-
auch alle - soweit sie keinen pendien aus Studienbeiträgen auch für die „För-
Sonderregelungen unter- derung von Maßnahmen zur Verbesserung der
liegen. „Alle“ sind im Fall Lehre“ zuständig sein. Doch Resultate lassen auf
der Universitäten der Ruhrallianz rund sich warten. „Noch arbeitet die Stiftung nicht,
85.000 Studenten. denn vom Beschluss bis zur tatsächlichen Umset-
Deren Studienbeiträge werden aber zung von ersten Projekten dauert es seine Zeit“,
nicht nur für neue Bücher und Geräte erklärt Dezernent Abraham van Veen. Auch wie
verwendet. Von dem Geld hat die Uni viel Prozent der Studiengebühren in diese Stif-
Duisburg-Essen auch eine Universi- tung fließen würden, sei noch unklar.
tätsstiftung eingerichtet. Was eine sol-
che Stiftung macht? Sie vergibt - wie Kleine Zielgruppe
andere Förderwerke auch - Stipendi- Studienbeitrags-Stipendien werden an der TU
en. Nur mit dem kleinen Unterschied: dennoch schon jetzt vergeben. Den Stipendiaten
Dieses Geld stammt nicht von Unter- winken 500 Euro pro Semester – gezahlt aus den
nehmen, staatlichen oder kirchlichen Beiträgen aller. Vorraussetzung: Der Bewerber
Einrichtungen, sondern aus der Tasche muss zu den besten zehn Prozent seines Jahrgan-
der Studenten selbst. Die TU Dortmund ges zählen oder mindestens einen Notenschnitt
vergibt ebenfalls Stipendien aus Stu- von 1,8 vorweisen. Außerdem darf er pro Monat
dienbeiträgen und hat die Gründung nicht mehr als 643 Euro zur Verfügung haben.
einer Universitätsstiftung bereits be- Diese Kriterien gelten als gesetzt – persönliche
schlossen. Auch die RUB überlegt. Auswahlgespräche, die auf ein bestimmtes Talent
Stipendien von allen für alle also? Oder oder besonderes Engagement Rücksicht nehmen,
zumindest für alle, die finanzielle Un- gibt es nicht. Dass die Zahl derer, die von einem
terstützung dringend nötig haben? solchen Stipendium profitieren, nicht hoch ist,
Fehlanzeige! Die bisherige Bilanz ist räumt van Veen ein: „Die Schnittmenge von ‚be-
mau: Vor zwei Jahren hat sich die UDE dürftig’ und ‚hoch qualifiziert’ ist nicht die größte.
als bundesweit erste Universität für ei- Daher konnten wir in den vergangenen zwei Se-
ne Stiftung aus Studienbeiträgen ent- mestern im Schnitt auch jeweils nur 30 Anträge
schieden. Seither flossen jeweils fünf bewilligen.“
Prozent der Einnahmen aus Studien- Kluge Köpfe mit wenig Geld zu fördern – das
gebühren auf das Stiftungskonto. 1,95 scheint der edle Gedanke der Stipendien aus Stu-
Millionen Euro wurden inzwischen an- dienbeiträgen. Doch die Praxis zeigt: Die Zielgrup-
gehäuft. Die Fördersumme je Stipendi- pe, die davon profitiert, ist klein. Hinzu kommt:
um kann bis zum Bafög-Höchstsatz gehen. wegen meiner Herkunft bekomme ich auch kein Selbst wer ein solches Stipendium bekommt, lebt
Bafög.“ Dennoch bleibt die Frage: Warum hat das damit noch immer unter der Armutsgrenze. Die
Ein Stipendiat in zwei Jahren so lange gedauert und weshalb ist bisher so we- liegt in NRW offiziell bei 721 Euro.
Doch wie viele Stipendiaten gibt es bisher? An nig passiert? Eine Begründung liefert Eszter Jáno-
der UDE ist es gerade mal einer. Sein Name: Bres- si, Pressesprecherin der UDE-Universitätsstiftung:  text Christin Otto
handay Barlas. Im vergangenen Wintersemester „Am Ende des Wintersemesters 2007/08 flossen  foto Florian Hückelheim
wurde der gebürtige Afghane als erster Stipendi- die ersten Zahlungen in das noch aufzubauende
at der Universitätsstiftung der UDE gefeiert. Die Stiftungsvermögen. Der verwaltende Stifterver- 
„finanzielle Bedürftigkeit“ war in diesem Fall kein band hat diese Gelder zunächst wertschöpfend
ausreichendes Auswahlkriterium: Der heutige angelegt, um aus den Erträgen Stipendien und
Student der Elektro- und Informationstechnik Projekte finanzieren zu können. Parallel dazu
konnte nicht nur einen Abitur-Schnitt von 1,5 vor- wurde ein Stipendien- und Förderprogramm ent-
weisen, er kümmerte sich auch um schwächere wickelt, so dass die ersten Projekte plangemäß
Schüler, gab Nachhilfe und tummelte sich bereits zum Jahresende 2008 anlaufen konnten.“
als Schülerpraktikant am Lehrstuhl für Halblei- Auch an der TU Dortmund und der RUB scheinen
tertechnologie. die Mühlen in Sachen Universitätsstiftung lang-
Die Universitätsstiftung der UDE sieht das Sti- sam zu mahlen. „Derzeit wird noch geprüft, wie
pendium für Breshanday Barlas als großen Er- ein über Studienbeiträge finanziertes Stipendium
folg. Schließlich sagt der selbst: „Ohne die Unter- abgewickelt und gestaltet werden kann. Hierzu
stützung der Studien-Stiftung hätte ich meinen müssen noch die rechtlichen Rahmenbedingun-
Traum vom Studium begraben können. Meine El- gen geprüft werden“, erklärt Tobias Steinhoff von
tern können sich mein Studium nicht leisten, und der RUB-Stipendienverwaltung.
S12 RUHR-BLICK: IM HÖRSAAL A367_12

Alles rosig, Herr Pinkwart?


Warum Studienbeiträge für Bafög-Empfänger gar nicht hoch genug sein können, erklärt
NRW-Innovationsminister Andreas Pinkwart (FDP) im pflichtlektüre-Interview.

D
üsseldorf, Innovationsministerium, 12
Uhr. Der Pressesprecher geleitet uns zu 01
unserer Audienz. „Ist er da?“, fragt er die
Sekretärin und blickt vorsichtig durch
die Tür in das gut behütete Büro des
Hausherrn. Ja, er ist da. Wir dürfen eintreten, der
Minister begrüßt uns und schenkt Wasser aus,
während der Pressesprecher mit den Keksen lieb-
äugelt. Dann sind wir an der Reihe.

pflichtlektüre: Kommen wir zunächst zu Ihrer Stu-


dienzeit. Wie hätten Sie selbst oder Ihre Kommili-
tonen auf die Einführung von Studienbeiträgen
reagiert?
Andreas Pinkwart: Ich gehöre zu einem geburten-
starken Jahrgang und habe selbst völlig überfüll-
te Hochschulen erlebt. Ich hätte mir damals mehr
Qualität in der Lehre sehr gewünscht und hätte
dafür auch sicherlich gerne einen solchen Studi-
enbeitrag geleistet.

pflichtlektüre: Können Sie heute aber trotzdem


Studierende verstehen, die vehement gegen Studi-
enbeiträge sind?
Pinkwart: Wenn Sie Grundsatzfragen stellen, ist
es immer so, dass Menschen unterschiedlicher
Meinung sind. Ich beobachte aber, dass diese De-
batte an den nordrhein-westfälischen Hochschu-
len längst mehr über das „Wie“ als über das „Ob“
geführt wird. Es geht darum, wie die Studienbei-
träge sinnvoll eingesetzt werden können.

pflichtlektüre: In NRW dürfen die Hochschulen


über die Beitragshöhe bis zu 500 Euro selbst ent-
scheiden. Warum ist das so?
Pinkwart: Das ist ein Stück unseres Selbstver-
ständnisses: Wir haben Vertrauen in die Hoch-
schulen und ihre Mitglieder. Der Staat ist für eine
hinreichende Finanzierung verantwortlich, was
Ausstattung und Personal betrifft. Wir hatten nur
den Eindruck, dass es noch Verbesserungsmög-
lichkeiten über das hinaus gibt, was wir an Stan-
dard antreffen. Und für diese Verbesserungen
sollen Studienbeiträge gezielt eingesetzt werden.
01 Hat gut lachen: Aus Andreas Pinkwarts Mund
pflichtlektüre: Aber ist damit nicht vorprogram- klingt das Studentenleben nach einem Paradies.
miert, dass es Hochschulen für Reiche und Hoch-
schulen für Arme gibt?
Pinkwart: Das kann bei unserem Beitragssystem Pinkwart: Das wird sich ändern, wenn wir unsere
gar nicht sein, weil wir gerade für die Einkom- Politik fortsetzen können. Dann werden wir er-
mensschwachen die besten Regelungen haben. leben, dass mehr Kinder aus Nicht-Akademiker- Pinkwart: Das hatten wir auch überlegt, aber
Mit der bundesweit niedrigsten Kappungsgrenze familien auch zum Studium finden werden. Wir dann verworfen. Ich denke, dass, indem es über-
erlassen wir zwei Dritteln aller Bafög-Empfänger wissen, dass junge Menschen natürlich verunsi- haupt Studienbeiträge gibt, ein Anreiz da ist,
am Ende des Studiums ihren Studienbeitrag kom- chert sind, wenn sie vergleichen: eine kalkulier- nicht zu lange bis zum Examen zu brauchen.
plett, obgleich sie natürlich an der besseren Qua- bare Berufsausbildung auf der einen Seite oder Wenn jetzt mal einer zwei, drei Semester länger
lität teilhaben. Aus Sicht eines Bafög-Empfängers auf der anderen Seite ein Studium, das weder in benötigt – das können sehr persönliche Gründe
mit einem mittleren oder höheren Bafög-Satz Dauer noch Erfolg kalkulierbar ist. Wir versuchen sein –, dann muss er dafür nicht bestraft werden.
sind Studienbeiträge folglich sogar attraktiv: Er deshalb, ein Studium anbieten zu können, das
erhält deutlich mehr Qualität und bekommt am man innerhalb der Regelstudienzeit abschließen pflichtlektüre: Wieso werden Stipendien nicht
Ende den Studienbeitrag erlassen. kann. einkommensabhängig vergeben? Sie sind nach
Leistung gestaffelt, aber wenn zwei die gleiche
pflichtlektüre: Denken Sie, dass sich in absehbarer pflichtlektüre: Wäre es nicht sinnvoller, bei den Leistung erbringen: Wieso bekommt nicht derje-
Zeit die Tendenz ändern wird, dass immer mehr Studiengebühren eine Staffelung nach Regelstu- nige, der weniger Einkommen hat, eher das Sti-
Absolventen Akademikerkinder sind? dienzeit einzuführen? pendium oder zumindest mehr Geld?
A367_13 RUHR-BLICK: IM HÖRSAAL S13

Pinkwart: Faktisch ist das in unserem Stipendien- pflichtlektüre: Gehen Sie davon aus, dass man in Pinkwart: Nein, mir geht es darum, die soziale
konzept so! Weil wir gesagt haben, einkommen- dem auf sechs Semester gedrängten Studium alles Mobilität zu fördern. Wir sprachen eben über jun-
sunabhängig heißt eben auch: Dieses Stipendi- erlernen kann, was man für einen erfolgreichen ge Menschen aus Nicht-Akademikerhaushalten,
um soll nicht auf das Bafög angerechnet werden. Berufseinstieg braucht? Dass man Auslandsse- die auch ein enormes Begabungspotential haben.
Der Einkommensschwächere wird sozusagen mester, genügend Praktika und Ähnliches ma- Wir wollen, dass jene – auch wenn sie das erst
doppelt gefördert: Er wird einkommensbezogen chen kann? später erkennen – die Option eröffnet bekom-
gefördert mit Bafög und er wird begabungsbezo- Pinkwart: Der Bachelor ist ein erster berufsquali- men, in eine akademische Ausbildung zu gehen.
gen genauso gefördert wie derjenige, der keinen fizierender Abschluss und wird von den Arbeit-
Bafög-Anspruch hat. gebern absolut angenommen. Die Studierenden text Nils Bickenbach,
haben mit der neuen Studienstruktur einfach Anna-Lena Wagner und Franziska Weigt
pflichtlektüre: Werden bei der Stipendienvergabe mehr Möglichkeiten: Sie können etwa nach der fotos Franziska Weigt
nicht trotzdem diejenigen ausgewählt, die sowie- ersten Phase des Studiums in die Praxis gehen
so schon gute Voraussetzungen haben? Die nicht und dann berufsbegleitend den Master machen.
während der Schule arbeiten mussten und so gute Das erleichtert im Übrigen die Studienfinanzie-
Noten und Softskills erwerben konnten? rung. Zur Internationalisierung: Da können unse-
Pinkwart: Da muss die Politik an anderer Stelle re Hochschulen noch besser werden, indem Aus-
greifen. Das tun wir in NRW im Bereich der früh- landssemester an Partnerhochschulen fest in den
kindlichen Ausbildung und im Bereich der Schu- Studienverlauf eingeplant werden und die dort
le. Da hatte dieses vermeintlich so sozial regierte absolvierten Leistungsnachweise in vollem Um-
Land große Defizite. Wir sind heute im nationa- fang angerechnet werden.
len PISA-Vergleich im unteren Mittelfeld. Hier ist
mittlerweile jedes dritte Kind ein Kind mit Zu- pflichtlektüre: Meister können bereits fachge-
wanderungshintergrund. Wenn sie denen nicht bunden an FHs studieren. Jetzt bringen Sie in der
von Anfang an faire Startbedingungen geben, Wahlphase den Vorschlag, Meister an allen Uni-
dann sind selbst die Begabten in ihrer Entwick- versitäten zu allen Fächern zuzulassen. Ist das nur
lung gehemmt. der Versuch, eine neue Wählerschaft zu gewinnen?

02

02 Andreas Pinkwart (links) bei Kaffee, Saft und


Keksen mit Nils Bickenbach und Anna-Lena
Wagner.

KOMMENTAR VON ANNA-LENA WAGNER


L
iebe BAföG-Empfänger, kämpft für eine 10.000 Euro – Peanuts sind das bestimmt nicht. attraktiv, nach dem
Erhöhung der Studiengebühren! Denn Drei Viertel aller Studenten bekommen kein Bachelor erst ein-
für Euch lohnt es sich gleich doppelt! Bafög. Sie haben von diesen vermeintlichen Ge- mal arbeiten zu ge-
Wenn Ihr den mittleren oder höheren schenken nichts. Und ob höhere Studienbeiträge hen. Aber werden
BAföG-Satz bekommt, schenkt Euch der immer zu einer „deutlich besseren Qualität des sie überhaupt die
Staat die Studiengebühren – und obendrein pro- Studiums“ beitragen – überfüllte Hörsäle spre- Zeit und Motivation
fitiert Ihr von der „Verbesserung der Lehre“. chen da eine andere Sprache. finden, den Master
Was NRW-Innovationsminister Andreas Pink- Das Interview mit Minister Pinkwart zeigt: Poli- später nachzuho-
wart anpreist, klingt wie ein Paradies – allerdings tiker lassen das Glas gerne halbvoll erscheinen. len? Die Konzepte
nur auf den ersten Blick. Sicherlich ist es sozial, Es mag sein, dass mehr Nichtakademiker-Kinder des Innovationsmi-
diejenigen zu unterstützen, die sich besonders an die Unis kommen, wenn die Studiendauer ab- nisters klingen in der Theorie vielversprechend.
um die Finanzierung ihres Studiums sorgen. sehbar wird. Aber ist eine Regelstudienzeit von Der Student aber, der täglich die Konsequenzen
Aber: Der Maximalbetrag, den Bafög-Empfänger sechs Semestern im Bachelor überhaupt realis- von Politikerentscheidungen erlebt, bleibt mit
später zurückzahlen müssen, liegt immerhin bei tisch? Für viele Studenten ist es bestimmt auch Skepsis und Zweifeln zurück.
S14 Dienst-Bar A367_14

Für alle Sinne


Eine Männer-WG, ein Comedian im Knast, Frischluftkino & kauzige Graswurzel-Helden

Der CD-Tipp: Grizzly Bear Das Buch: Kaltduscher


Grizzly Bear rendessen verliebt er sich in die
Ex seines Mitbewohners, nicht
„Veckatimest“ ohne gleichzeitig mit einer Ande-
ren eine „tour d’orgasme“ durch
VÖ: bereits erschienen die Berliner Umkleidekabinen zu
zelebrieren.
Label: Warp Records Auch wenn nicht jede Pointe das
Zwerchfell erreicht: Matthias
Sachaus’ „Kaltduscher“ ist trotz-
dem ein verrückt-witziges Buch
über die großen und kleinen
Männerprobleme und das Leben
im Berliner Großstadtdschungel
mit allem, was dazugehört: Hass-
Vermieter, Stasi-Opa und Kuh-
Wenn man „Veckatimest“ hört, Die Wahrheit mag trister sein, Joint – geballte Slapstick trifft auf
assoziiert man unwillkürlich, das Album ist es nicht. Zwischen Zeitgeist. Ähm, wer war nochmal
dass es sich bei Grizzly Bear um Graswurzelfolk und wild wu- Tommy Jaud?! tf
ein Quartett gut gewaschener chernder Rockmusik musizieren
Kunststudenten aus New York die derzeitigen Helden der Blog- Bier. Allein die inflationäre Ver-
handelt. Man stellt sich vor, wie Szene auf höchstem Niveau. wendung des Begriffs im Roman Matthias Sachau:
sie ihre Kinnbärte haben sprie- Mal gerät ihr Neo-Hippietum ver- verrät, worum es bei "Kaltduscher"
ßen lassen, dann ihr leicht ange- sponnen und kauzig, mal etwas geht: eine 5er-Männer-WG im „Kaltduscher"
schrabbeltes Instrumentarium spiritueller. Mit „Two Weeks“ und Herzen Berlins.
aus dem muffigen Kabuff holten, „While You Wait For The Others“ Einer der Bewohner, Ich-Erzähler Verlag: Ullstein
um anschließend mit fröhlichem haben sie zwei herausragende Oliver, 23, wohnt auch dort. Er
Singsang einen Ausflug in den Singles dabei, die über den etwas träumt von der großen Schau- Preis: 8,95 Euro
Wald zu machen und ihr Album schwächeren Mittelteil der an- spielkarriere, hält sich vorerst aber
einzuspielen - Händchen haltend sonsten ideenreichen und sym- als Stimmenimitator des Sesam- Umfang: 390 Seiten
und mit Blumen im urwüchsig pathisch naturbelassenen Platte straßen-Ernies über Wasser. Wäh-
wallenden Haar. hinweghelfen. mw

Der Film: Big Stan Der Ort: Kino im Stadion


Ein durchgeknallter Kleinganove zahlen sich die harten Trainings-
im Knast – flache Gags und viel stunden schnell aus. Selbst die
Spektakel. „Big Stan“ ist ein Film verfeindeten Gefängnis-Gangs
zum Gehirndurchlüften. rauchen – Minton sei Dank – die
Zur Story: Kleinganove Stan Min- Friedenspfeife.
ton muss für drei Jahre in den Die vorhersehbare Handlung
Knast. Als er hört, dass sein zier- macht den Streifen nicht sehens-
licher Typ bei einsamen Knackis werter. Einziger Lichtblick: der
äußerst beliebt ist, packt ihn die kürzlich leider verstorbene David
Angst. Er heuert einen Martial- Carradine („Kill Bill“). Für Fans
Arts Guru (David Carradine) an, von Mike-Myers-Filmen ist „Big
um notfalls seine „rektale Unver- Stan“ ein großer Spaß. Für alle
sehrtheit“ verteidigen zu können. anderen gilt: Raus in die Sonne,
Hinter Gittern angekommen, Ihr habt nichts verpasst. lipe

Ganz großes Kino im Signal Idu- „Slumdog Millionär“ und „Illu-


Big Stan na Park. Nein, damit ist kein Spiel minati“ gezeigt. Reggae-Freunde
von Borussia Dortmund vor 80 kommen beim Jamaican Special
Regie: Rob Schneider 000 Fans gemeint, sondern die (12. Juni) auf ihre Kosten. Am 26.
größte Kino-Leinwand der Welt. Juni gibt die Kultband Grob-
Mit: Rob Schneider, Da- Vom 4. Juni bis zum 4. Juli kön- schnitt reichlich auf die Ohren.
vid Carradine, Jennifer nen alle Fußballverrückten ihre Etwas ruhiger geht es im Thea-
Morrison Sommerpausendepression durch terstück "Leben bis Männer" von
einen Besuch des Kino- und Kon- Thomas Brussig zu, das am 14. Ju-
Kinostart: 23. Juni 2009 zertfestivals „Kino im Stadion“ ni im Stadion zu sehen ist.
abmildern. Das komplette Programm findet
Täglich locken spannende Events: ihr unter www.kinoimstadion.
Ob Partys, Theaterstücke, Konzer- de. mat
te oder Filme. Ab Einbruch der
Dunkelheit werden Filmhits wie
A367_15 Dienst-Bar S15

Leserbrief
Hallo Redaktion der Pflichtlektüre, Hallo Klara, Wir machen in unserem Text Werbung dafür, sich
für Europa und die Europapolitik zu interessieren.
im Artikel „Europa außen vor“ der aktuellen anscheinend war unsere Formulierung missver- Warum sollten wir gerade dann Menschen ande-
pflichtlektüre findet sich im zweiten Absatz ein ständlich. Es war nicht beabsichtigt, nichtdeut- rer Nationalitäten ausschließen?
Satz, der mich ziemlich empört hat! sche Bürger von der EU-Politik auszuschließen. In Wir hoffen, dass Missverständnis hat sich ge-
unserem Text geht es in diesem Zusammenhang klärt.
„Wie den Studenten an der Haltestelle geht es ganz speziell um das Desinteresse der Deutschen
vielen Deutschen“ steht da. Die Europawahl und an der Europawahl und nicht um die Haltung der Viele Grüße,
die europäische Politik gehen also (in Deutsch- Menschen anderer Nationalität. Wir haben da-
land) nur die Deutschen etwas an?! Und die be- mit gesagt, dass die deutschen Bürger sich nicht Karina, Lea, Samuel und Johannes
schriebene Studentengruppe ist auch einheitlich für die Europawahl interessieren und nicht, dass
deutsch?! die Europapolitik nur Deutsche etwas angeht. Im
Übrigen verzichten wir im Bezug auf Studenten
Andere Zeitungen sind für solche „Patzer“ schon ge- ansonsten komplett auf die Unterscheidung zwi-
rügt worden... schen deutsch und nichtdeutsch, sondern ver-
wenden das ganze Feature hindurch einfach den
Gruß, Klara Bellmer Begriff „Studenten“.

Kleine Anzeigen Anzeige Anzeige

Practitioner
Workshop für Reisehelfer: Einen Work- übernommen werden. Unterlagen un- Ausbildung
shop „Reiseassistenz für Menschen mit ter www.reisen-ohne-barrieren.eu Qualifizierung in den
Semesterferien
Körperbehinderung“ bietet der Bundes- 20.07.-14.10.2009
verband Selbsthilfe Körperbehinderter Wohnung in Duisburg: Ich werde für ein im Grend, in Essen
e.V. vom 16. bis 22.11. in Krautheim (Ba- Jahr ins Ausland gehen und suche je- 0231/ 39 79 778
den-Württemberg) an. Gesucht werden manden, der vom 01.09.2009 bis (falls www.huenting-resources.de
www.NLP-SPÜRBAR.de www.literaturhotel-franzosenhohl.de
EU-Bürger, die mindestens 18 Jahre alt, nötig) 01.10.2010 meine Wohnung in
körperlich belastbar sind und Einfüh- Duisburg-Neudorf übernehmen will. Anzeige
lungsvermögen mitbringen. Die Teil- Die Wohnung hat 37 Quadratmeter,
nahme an dem von der EU geförderten Küche, Diele, Bad, einen großen Raum
Projekt kostet für Deutsche 298 Euro und kostet mit Inernetflatrate und
mit Übernachtung und Verpflegung, Strom 300 Euro (Warmmiete). Mail an
für EU-Ausländer können die Kosten sabishiran@gmx.de

Knobeln mit Sudoku


Für Einsteiger: Pro Spalte, pro Reihe und pro drei mal drei Kästchen großem Qua-
drat dürfen die Zahlen 1 bis 9 nur jeweils einmal vorkommen.

7 6 2
6 1 2 7
8 2 4
9 5 8
8 5 6 7
9 3 8 5
1 4 5
2 3 7 9
3 4 5
A170_16

www.DerWesten.de/studentenabo

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