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RotFuchs / Mai 2009 RF-Extra  ■  I

Das Feuer des Prometheus


Brief eines in den 80er Jahren Geborenen an Alte und Junge

Liebes „RotFuchs“-Team! Diesen Brief so nennen darf, während Ihr reich an fernt. Einerseits, weil die Jungen den Alten
habe ich geschrieben, nachdem ich immer Erfahrungen seid, die uns noch fehlen. vorwerfen, sie schwelgten in Nostalgie,
wieder zu Euren Veranstaltungen gegan- Ich möchte niemandem etwas vorwerfen, seien Dogmatiker oder ähnliches.
gen bin – begeistert, aber zu der Fest- sondern nur darauf verweisen, daß wir Was andererseits die Alten betrifft, so ver-
stellung gezwungen, mit Abstand der uns in einer verzwickten Lage befinden. stehen auch sie die Jungen nicht mehr so
Jüngste zu sein. Oftmals fragen sich die Die Rechten sind seid Jahrzehnten gut recht. Diese sind von vielen Ideen beein-
im Saal Anwesenden auch, weshalb die vernetzt, stützen sich auf „alte Hasen“, flußt, konfus, ohne eigene Erfahrung,
Jugend nicht erreicht wird. Dazu fielen die erzählen, „wie schön es früher war“. falsch informiert und fehlgeleitet. Den
mir einige Gedanken ein, die ich Euch Mit „sachdienlichen Hinweisen“ beein- Älteren erscheint deren ganzes Auftre-
zukommen lassen möchte. ten suspekt. Meines Erach-
Vielleicht kann ich damit den tens muß die Vorbedingung
einen oder anderen Denkanstoß für eine generationenüber-
und einen Beitrag liefern, der greifende Kommunikation
aus dem Herzen meiner Jugend zunächst einmal beidersei-
entspringt. tiger Respekt sein.
Ich frage mich immer wie- Junge, hört bitte endlich ein-
der, wie viele Menschen den mal zu! Hört Euch einfach mal
Satz „Das Sein bestimmt das an, was die „alte Garde“ zu
Bewußtsein“ gelesen und über- berichten hat, man kann dabei
dacht haben. Ich tue das ange- nur gewinnen. Obwohl „frü-
sichts der Lethargie, die ich her“ andere Zeiten herrschten,
in den Gesichtern der meisten mußten zwischenmenschliche
sehe, welche einst am Aufbau Probleme immer gelöst wer-
eines Landes mitwirkten, das den, auch wenn es so manche
– wenn schon nicht die beste, Unterschiede gibt.
so doch die bessere – Alterna- Mein zweites Wort gilt den
tive zu dem ist, was sich heute Alten: Erzählt! Nutzt Eure Zeit,
Deutschland nennt. ehe es zu spät ist! Vergrößert
Wieso kommt eigentlich ein jun- den Wissensschatz der Jun-
ger Kerl wie ich (in den 80ern gen! Und vor allem: Laßt sie
geboren) auf die dreiste Idee, aussehen, wie sie wollen! Laßt
sich so etwas zu fragen und sie lieben, wen sie möchten,
dann auch noch die Mehrzahl akzeptiert sie, wie sie sind:
der anderen zu kritisieren? junge Menschen auf der Suche
Um verständlich zu machen, nach sich selbst und einem
warum die Kommunikation besseren Leben. Sie haben
zwischen Jungen und Alten allerdings ungleich schwie-
oftmals nicht klappt, möchte rigere Bedingungen, als die
ich folgendes voranstellen: meisten von Euch hatten, als
Es gibt einen fundamentalen sie in diesem Alter waren.
Unterschied zwischen jenen, Wenn alle bereit sind, auf-
welche nach 1989 geboren einander zuzugehen, dann
wurden, und denen, die nach kann Gemeinsamkeit begin-
1949 zur Welt kamen und in nen. Aber bitte, begegnet
der DDR aufwuchsen. Es ist euch als Gleichgesinnte. Wie
nicht primär das Alter, sondern oft habe ich es erlebt, daß in
etwas, das die heute Jungen guter Lehrermanier der Fin-
Beide Grafiken von Thomas Kruse, „Ret & Vrang“, Dänemark
mit denen gemein haben, die – ger gehoben wurde, um den
auf Deutschland bezogen – weit Jungen das „wahre Verhalten“
vor 1945 ihr Leben begannen und diese flussen sie die Methoden des Handelns beizubringen. Primus inter pares (Erster
Zeit bewußt in sich aufnahmen. Es ist die ihrer „Schützlinge“. Daß sie damit Erfolg unter Gleichen) ist hier die Devise. Überre-
Tatsache, den Kapitalismus einschließlich haben, konnte und kann immer wieder den ist unfruchtbar, man soll zeigen und
Faschismus oder faschistoider Entwick- festgestellt werden. zu denken geben. Viele junge Menschen
lungen in der Jugendzeit selbst erlebt zu Eine einzelne Biene trägt nur wenig Honig leben in prekären Verhältnissen, ohne sich
haben oder heute am eigenen Leibe zu in ihren Stock, aber viele Bienen füllen dessen immer bewußt zu sein. Der erste
erleben, damit aufzuwachsen. ihn und stellen so die Nahrung für nach- Schritt muß daher behutsam erfolgen, mit
Ihr, die Ihr nach 1949 geboren wurdet, folgende Generationen sicher. Gemeinsam Geduld und vollem Engagement.
hattet eine beschirmte Kindheit ohne die statt einsam! So sollte die Devise für uns Ich bewundere Menschen, die es sich trotz
Drohung eines baldigen Krieges, während lauten! Wir befinden uns in einer Lage, die ihres hohen Alters nicht haben nehmen
in unseren Tagen die Karten neu gemischt oftmals der Geschichte von dem Blinden lassen, das Feuer des Prometheus, wel-
werden, geht es doch um eine abermalige und dem Lahmen ähnelt. Der eine konnte ches in ihnen lodert, nach wie vor wach-
Aufteilung der Welt. Ihr erlebt den Kapi- gehen, aber nicht sehen, der andere sehen, zuhalten. Menschen, die versuchen, die
talismus im letzten Drittel, Viertel oder aber nicht gehen. Jeder besaß Fähigkei- Jungen zu erreichen, damit der Funke
Jahrzehnt Eures Lebens. Das ist einfach ten, die sein Partner nicht hatte. Als sie überspringt. Verwiesen sei hier auf jene,
gesagt, aber wichtig, um zu verstehen, sich aber zusammentaten, lösten sie ihre welche bereits in Spanien gekämpft oder
daß wir noch voller Energien sind, voll Probleme. Davon sind wir leider in der im Untergrund dem deutschen Faschis-
revolutionärer Ungeduld, wenn man das Mehrzahl der Fälle noch Lichtjahre ent- mus Widerstand geleistet haben. Men-
II  ■  RF-Extra RotFuchs / Mai 2009

schen, die – wie oben beschrieben – im oder schreibt selbst für sie! Helft einan- zu ärgern! Ruft an, sagt ihnen, was Ihr
ersten Drittel ihres Lebens das Schicksal der! Organisiert eine Schreibfront, denn denkt, doch nicht nur einmal oder zwei-
der heutigen Jugend teilen mußten. Sie Geschichten gibt es genug zu erzählen! mal, sondern hundertmal! Sammelt Ant-
kämpfen nach wie vor mit ganzer Seele Der Gegner überschwemmt das Schlacht- worten, nehmt sie auf, und macht sie bei
für eine gerechtere Welt. feld mit Filmen, Dokumentationen, Freunden, in der Familie und vor allem
Büchern (zur Geschichte, Biographien bei jungen Leuten publik!
etc.), Gesprächskreisen, Shows, Radio- Zeigt Ihnen, was Vorbilder sind! Zeigt
Features und ähnlichem, die einzig und Ihnen, was in Euch steckt! Verändert die
allein dem Zweck dienen, die oftmals geistige Lage um Euch herum und befreit
Geschwächten (in diesem Falle Euch und Euch aus der Isolation! Zeigt Klassenbe-
demzufolge auch uns) noch kraftloser zu wußtsein! Wenn allgemeine Lähmung
machen. Also Schluß damit! vorherrscht, wie soll es dann weiterge-
Die Geschichte wird Euch recht geben! hen? Das Ziel ist eine geeinte Front aus
Damit sie das kann, verändert Euer Umfeld, Jungen und Alten. Sie muß stark genug
laßt Eure Meinung heraus, setzt zum sein, dem Demokratieabbau und der
Gegenangriff an! Seid eine Bewegung, die Faschisierung zu begegnen. Ihr Alten:
Druck von unten nach oben ausübt! Seid Führt uns! Nehmt Anteil, und gebt ein
Lobbyisten – in unserem Sinne! Wehrt Beispiel der Energie und Zuversicht im
Euch, schreibt Biographien, schreibt Ideen gemeinsamen Kampf.
auf, schreibt Leserbriefe (auch wenn sie Wir Jungen sind die Zukunft, für die
von den bürgerlichen Redaktionen tau- Generationen gefallen sind und Millio-
sendmal nicht beantwortet, geschweige nen Menschen weltweit sterben mußten.
denn abgedruckt werden) – man nimmt Bitte helft uns mit Eurer Initiative, mit
sie doch zur Kenntnis. Die Redaktionen Eurer Expertise, mit Wissen aus Zeiten,
von Zeitungen, Funk und Fernsehen wer- in denen es ein Deutschland gab, von dem
den spüren, daß sich Unmut anbahnt und nie wieder Krieg ausgehen sollte! Inve-
Menschen genug haben von Lügenge- stiert in Eure Zukunft, investiert in die
schichten und Schauermärchen – aber Jugend!
erst, wenn Tausende Briefe (auch elek- Ernesto Athanaton
Dabei erfüllt die Alten das Wissen, daß tronische) schreiben. Bei
sie diese selbst nicht mehr erleben wer- zwei oder drei Briefchen
den. Die Tatsache, dennoch dafür einge- wird der Intendant lachen,
treten zu sein, erfüllt sie mit Genugtuung. deshalb müssen es Massen
Ich meine aber auch diejenigen, die sich sein! Macht es Euch zum
von der Niederlage nicht haben aus der Hobby, schreibt jeden Tag
Bahn werfen lassen. An Alte wie Junge sei einen Brief, eine E-Mail!
appelliert: Wer rastet, der rostet. Kritisiert, stellt richtig, hakt
Klassenkampf ist Krieg zwischen zwei nach, werft unbequeme Fra-
gesellschaftlichen Blöcken, die – wie es gen auf! Tut es!
im richtigen Krieg zugeht – zur Erreichung Liebe Junge: Helft den Alten
ihres Ziels den Gegner niederkämpfen auch hierbei! Schreibt für sie,
müssen. Die Mittel sind dabei vielfältig. nehmt ihre Geschichten auf,
Die Ausbeuterklasse ist derzeit die besser „blogt“, „youtubt“, nutzt alle
ausgerüstete und organisierte. Sie besitzt neuen Medien, verteilt, ver-
modernste Verdummungsmittel, um ihre schickt, betreut, aber tut es!
Vorstellungen in den Hirnen der Massen Überfordert indes nicht die
zu verfestigen. So sieht es heute leider eigenen Presseorgane, son-
aus, denken viele. Doch das ist nur ein dern schreibt an die Medien
Teil der Wahrheit. der Bourgeoisie, schreit Eure
Feige und zum Untergang verdammt ist, Meinung heraus, zeigt Euren
wer ohne Kampf, ohne Auflehnung den Protest, macht deutlich, daß
Sieg an den Gegner abtritt. Solange wir Ihr nicht mehr die Verlierer
den Willen besitzen, für eine gerechte sein wollt, zu denen man Euch
Welt aufzustehen, können wir nicht machen möchte! Angriff ist
wirklich besiegt werden. Jeder Marxist die beste Verteidigung!
hat die Aufgabe, für seine Überzeugung Verschont keinen Sender,
zu kämpfen. Deshalb mein Appell: Gebt weder Radio- noch Televisi-
den Massenmedien der Bourgeoisie keine onsmonopolisten! Wenn nur
Chance! einige wenige Ideen durch
Wie aber könntet Ihr Alten Euer Wissen die Decke des Verblödungs-
an uns Junge weitergeben? dunstes der Meinungsmacher
Hier sind ein paar Ratschläge aus mei- hindurchschimmern, werden
ner Sicht: Ich weiß, daß viele Ältere im die Menschen das aufneh-
Umgang mit den neuen Medien, in denen men und einen „Aha-Effekt“
die künftigen Schlachten geschlagen wer- verspüren. Sie sollen merken,
den, unsicher sind. (Verwiesen werden soll daß sie nicht allein sind. Und
hier auf die massenhafte Mobilisierung Ihr seid nicht allein. Bringt
vor allem junger Leute per Internet zum Moderatoren und Politiker
Protest gegen den G-8-Gipfel in Heiligen- aller Couleur in Verlegenheit,
damm.) Liebe Junge, helft den Alten hier- aber seid sachlich! Hört auf,
bei! Nehmt ihnen die Angst, organisiert über Parteizugehörigkei-
Computerkurse, führt sie an das leicht ten zu streiten oder Euch
verständliche E-Mail-Verfassen heran, über einige Apparatschiks
RotFuchs / Mai 2009 RF-Extra  ■  III

Hinweise für Volksaufklärer


Was bei der Lobpreisung glorreicher Jubiläen zu beachten ist

D ie Große Deutsche Freiheitliche und


Friedliche Revolution (GDFFR) be-
geht in diesem und im nächsten Jahr ihr
und Eisen“ geschaffen wurde, so dürfte
es mit Adenauer sehr viel schwieriger
sein. Immerhin war er schon in jungen
Es gilt um jeden Preis an der absolut
glaubwürdigen These festzuhalten, die
bundesdeutschen Politiker und Ökono-
20. Jubiläum. Damit ist eine Reihe von Jahren ein überzeugter Separatist, der men seien „gänzlich unvorbereitet in die
Erinnerungstagen verbunden, besonders später zielstrebig die West-Einbindung Einheit des Landes gegangen“. Seit fast
die Öffnung der Staatsgrenze (im gleich- der BRD vorantrieb und zu Recht als 20 Jahren wird das gebetsmühlenartig
geschalteten Jargon auch „Mau- durch alle Parteien – von der
erfall“ genannt) am 9. November CDU bis zur „Linken” – wieder-
1989 und die laut Kohl „erste holt. Die Tatsachen lassen etwas
wirklich freie und direkte Wahl ganz anderes erkennen. Man muß
in der DDR“ am 18. März 1990. nur an das Wirken des berüch-
Das Ganze krönt die Einverlei- tigten „Forschungsbeirats für
bung dieses Staates durch die Fragen der Wiedervereinigung
BRD am 3. Oktober 1990. Das Deutschlands“ erinnern. Bereits
Katastrophendatum wird auch 1952 gegründet, wurde er bald
als „Tag der deutschen Einheit“ darauf in sieben Ausschüsse und
ausgegeben. 35 Arbeitsgruppen unterteilt. Zu
Alle drei Termine werfen ihre den Mitgliedern dieses illustren
Schatten voraus und verlangen Gremiums zählten Vertreter des
stabsmäßige Planung sowie kon- Bundesverbandes der Industrie,
zertierte Anstrengungen der Ämter, der Interessengemeinschaft in
Ministerien und Redaktionsstu- der Zone enteigneter Betriebe
ben des Bundes und der Länder. – IOB, der Deutschen Bundes-
Ich bin sicher, daß man keine bank, Staats- und Wirtschafts-
Mittel und Mühen scheuen wird, wissenschaftler, Spitzenver-
um eine perfekte Gehirnwäsche treter der Bundestagsparteien
sicherzustellen. Dabei soll nicht und Beauftragte der Regierung.
verschwiegen werden, daß so Vorsitzender wurde kein anderer
manche Unwägbarkeiten lauern. als der große Demokrat Dr. Frie-
Deshalb will ich den Damen und drich Ernst. Auf ihn war man
Herren Volksaufklärern einige nicht zufällig verfallen: Dieser
Vorschläge unterbreiten, wie Mann besaß Erfahrungen und
man die kitzlige Jubiläumsfrage wies wie kein anderer Verdienste
angehen und was man tunlichst auf. Schließlich hatte ihn Hitler
vermeiden sollte. schon 1935 zum Reichskommis-
Zur Sache: sar für das Deutsche Kreditwesen
Erstens ist unbedingt an der ernannt. 1939 nahm er die näch-
These festzuhalten, daß dem ste Sprosse in der Karriereleiter:
3. Oktober 1990 eine Revolution Er wurde „Reichskommissar für
vorausging, auch wenn der soziale die Verwaltung des feindlichen
Inhalt des Geschehens die Anwen- Vermögens“ in den von Hitler-
dung dieses Begriffs völlig aus- deutschland okkupierten Ost-
schließt. Denn eine Revolution gebieten. Mit anderen Worten:
hat stets historischen Fortschritt Koordinator für die Ausplün-
– vom Volk getragen und dessen derung der überfallenen Länder.
Interessen dienend – zur Voraussetzung. Spalter Deutschlands bezeichnet wird. Auf diesem Posten stand er bis 1941, um
Hier liegen ja gediegene Erfahrungen vor. Das bestreiten nicht einmal ernstzuneh- anschließend an der Formulierung der
Man sollte daran denken, daß oftmals ein mende konservative Historiker. Grundsätze des „Wirtschaftsstabes Ost“
progressiv belegter Terminus – und zwar Also müßte man diese Tatsache, wie mitzuwirken, die nach dem Überfall auf
nicht ohne Wirkung auf das Geschichts- überhaupt die gesamte imperialistische die UdSSR in Kraft traten.
bewußtsein und die Schaffung reaktionärer Restauration und die Frühgeschichte Damit hatte Adenauer mit sicherem Blick
Identitäten – in sein Gegenteil verkehrt der Westzonen bzw. der BRD ersatzlos den richtigen Spezialisten gefunden. Unter
worden ist. Hatte nicht Goebbels den 30. streichen. Was ja auch, zumindest in den Führung von Ernst und seinen Nachfol-
Januar 1933, den Tag des Machtantritts Medien, längst geschehen ist. Man weiß, gern wurde eine Vielzahl von Detailplä-
der Faschisten, eine „nationale Revolu- warum: Zuviel Peinliches käme ans Licht. nen zur Liquidierung der DDR ausgear-
tion“ genannt, was fest im Bewußtsein Zum Beispiel die braunen Wurzeln tonang- beitet. In deren Mittelpunkt standen die
der Mehrheit der Deutschen dieser Gene- ebender Politiker, Ideologen, Militärs, Rückverwandlung der Eigentumsver-
ration verankert wurde? Geheimdienstexperten und Polizeioberer hältnisse an den wichtigsten Produk-
Zweitens wird man den Kohl-Mythos ins Bewußtsein zu heben, würde wenig tionsmitteln in Stadt und Land sowie die
weiter zu verfestigen haben, dieser Kanz- Sinn machen. Statt dessen sollte man den Wiedereinführung der kapitalistischen
ler gehöre neben Bismarck und Adenauer klugen Satz unserer Kanzlerin, die BRD Gesellschaftsordnung. Selbst die „Einset-
in die Reihe der drei größten Regierungs- sei „von Anfang an demokratisch und ent- zung von Treuhändern“ bis hin zu deren
chefs deutscher Geschichte. Und zwar sprechend legitimiert“ gewesen, bei jeder Befugnissen spielten eine Rolle. Bereits
als „Kanzler der Einheit“. Träfe das Gelegenheit wiederholen. Geschickt ver- 1964 war die Umwandlung der LPGs in
durchaus auf Bismarck zu, den Engels packt, vielleicht umkränzt mit geeigneten „Übergangsgenossenschaften“ und deren
als Revolutionär „von oben“ charakte- Sprüchen Gaucks und Birthlers, wird das anschließende Auflösung beschlossene
risierte, wenn auch das Reich mit „Blut schon klappen. Sache. Auch eine „Währungsumstellung“
IV  ■  RF-Extra RotFuchs / Mai 2009

wurde schon damals ins Auge gefaßt. Sie Medien einiges in Betracht zu ziehen. Erin- grierender Bestandteil demokratischer
betraf u. a. Löhne, Gehälter und Renten. nert sei an Kohls Worte im Westberliner Wahlen galt. Das ist bis heute so.
Kurzum: Die Macht- und Eigentums- Gästehaus der Bundesregierung unmit- Aber was geschah? CDU/CSU, SPD und
strukturen der DDR standen restlos zur telbar nach dem Sieg des Wahlbündnisses FDP schlugen dieses Gebot in den Wind.
Disposition. der bereits verstümmelten Ost-CDU und Was Kohl als freie Wahl ausgab und der
Also, Ihr Schreiber, Redenverfasser und ihr nahestehender Gruppierungen (Stim- sächsische Staatsminister Geißler gar
Talkshow-Dresseure, seid gefälligst nicht menanteil: 47,79 %): „Die Ereignisse in der den „Tag der Freiheit“ nannte, bezeich-
zimperlich, wenn Ihr den großen Jahres- DDR – wohl die friedlichste Revolution in nete der Antikommunist Egon Bahr als
tag hochjubelt. der Geschichte der Deutschen – haben es die „schmutzigsten Wahlen, die (er) je
Ein Wort noch zur „Treuhand“: Auch hier möglich gemacht, daß es zu dieser freien in seinem Leben beobachtet“ habe. Und
kann es für die Ausdeuter der „friedlichen Wahl kam.“ damit hatte dieser Spitzenpolitiker der
Revolution“ durchaus un- SPD durchaus recht. Denn
gemütlich werden, sprech- eine nicht mehr zu über-
en doch die Tatsachen für blickende Schar, besser
sich. Wenn etwa vier Fün- Horde, von „Wahlkämpfern“
ftel des Aktenmaterials aus der BRD, bekannte
der „Treuhänder“ unter und namenlose, fiel in
rigorosem Verschluß lie- die DDR ein und wurde
gen, bleiben immer noch von solchen dubiosen
20 % übrig, die ausrei- Gestalten wie Schnur,
chen, um die Treuhandge- Ebeling, Krause und de
sellschaft als kriminelle Maizière wohlwollend
Vereinigung im durchaus begrüßt. Wer erinnert
strafrechtlichen Sinne zu sich noch an die drei
betrachten. Ihr Wüten Erstgenannten? Schnur
schließt das Attribut wurde wie Krause später
„friedlich“ bei der Charak- kriminell. Ebeling, Chef
terisierung der GDFFR der ostdeutschen CSU-
(siehe oben) grundsätzlich Variante DSU, tauchte
aus. Das Gegenteil wird bald in der CDU ab und
sichtbar: Die Treuhand wurde – wie übrigens
war das Hauptinstru- Karikatur: Klaus Stuttmann auch de Maizière – nicht
ment dieser sogenannten länger benötigt. An ei-
Revolution. In kurzer Zeit nem einzigen Tag, dem
stahlen „Aufbauhelfer-Ost“, „Sanierer“, Ein solcher Satz, das sei nachdrücklich 14. März 1990, waren folgende prominente
„Enteigner“ und andere Wirtschaftskri- unterstrichen, darf in keinem Artikel, Wahlkämpfer in der DDR eingesetzt: Kohl
minelle das Kollektiveigentum von 16 keiner Rede, keiner Sendung dieses Jah- in Leipzig, Graf Lambsdorff in Eisenhüt-
Millionen DDR-Bürgern durch Privatisi- res fehlen. Bei anderen Kanzlersätzen ist tenstadt, Späth in Görlitz und Genscher
erung. In der Frist eines Steinwurfs der indes eher Vorsicht geboten. Ich meine in Zwickau. Diese Aufzählung ist höchst
Geschichte wurde ein vormals moderner z. B. Kohls Worte, die er am 20. Februar unvollständig. Besonders Ebeling, Pfarrer
Industriestaat seiner ökonomischen Basis 1990 auf dem Erfurter Domplatz gebrauchte: an der Leipziger Thomaskirche, drängte in
beraubt. Die Wiederherstellung früherer „... und gemeinsam mit Ihnen werden wir die Geschichtsbücher, käme er doch, wie
Gesellschaftsverhältnisse ist im Sinne hier in kurzer Zeit ein blühendes Land er auf dem CSU-Wahlparteitag in der Pas-
der marxistischen Klassiker aber eine schaffen“. sauer Nibelungenhalle verkündete, „aus
Konterrevolution. Freilich, diese Aussage ging damals in der leider noch existierenden DDR“. Tage
Rolf Hochhuth hat in seinem Stück „Wessis geneigte Ohren. Mit dem „blühenden zuvor hatte er seine bayerischen Gäste –
in Weimar“ das Geschehen als Variante Land“ haperte es gehörig, denn auch nach unter ihnen Waigel – in Leipzig begrüßt.
des Kolonialismus bezeichnet, „wie er fast zwei Jahrzehnten ist eine deutli- Ebeling krönte den BRD-Finanzminister
nirgendwo gegen Menschen des eigenen che Mehrheit der Ostdeutschen mit den gleichsam zum Ersatzpapst, indem er ihn
Kontinents, geschweige denn des eigenen Ergebnissen unzufrieden. Also besser anflehte: „Helft uns, der Sohn wird den
Volkes je praktiziert wurde“. kein Rückgriff auf Kohls Ansprache, die Rat des Vaters annehmen.“
1975 war übrigens der zuvor erwähnte seinerzeit den Wahlkämpfern der „Alli- Mit den Rednern der Westparteien wurden
„Forschungsbeirat“ auf Drängen der anz für Deutschland“ als „Musterrede“ Wahlkampfmittel in Millionenhöhe an-
UdSSR aufgelöst worden. Das geschah diente. Das Thema ist zu heikel. Doch wie gelandet. Und auch die BRD-Ministerien
zu einem Zeitpunkt, als die bis dahin auch immer: Der überwiegende Teil der und Stiftungen ließen sich nicht lumpen.
gültige Strategie des „Zurückrollens Ostdeutschen glaubte wohl mit seinem Hunderttausende Winkelemente, Fähnchen,
des Kommunismus“ durch die Konzep- Bekenntnis zum sozialen Besitzstand der Kugelschreiber und anderes Dekor gab
tion „Wandel durch Annäherung“ abge- DDR auch noch die Wohltaten der bun- es ebenso wie kostenlose Ausfahrten mit
löst wurde. Das Ziel blieb gleich. Damit desrepublikanischen Marktwirtschaft Pferdekutschen oder stramme Reden von
bestanden die Grundelemente des Plans einzuheimsen. Ein kapitaler Irrtum, wie „Freiheit statt Sozialismus“ nebst Kaffee
einer GDFFR natürlich unverändert wei- sich schon bald zeigte. und Kuchen. Allein der Henkel-Konzern
ter, wenn sich auch andere internationale Doch waren die Märzwahlen 1990 tatsäch- schickte 2,5 Tonnen 1a-Leim, damit die
Bedingungen eingestellt hatten. Die DDR lich so demokratisch und frei, wie die Wahlplakate der Schwarzen auch hafte-
war inzwischen von den meisten Staaten Standardphrase verkündet? Modrows ten. Damit wurden indes vor allem die
diplomatisch anerkannt und Mitglied der Regierung, daran sei erinnert, hatte DDR-Bürger geleimt.
UNO. Das machte die Sache der Bonner gemeinsam mit dem „Runden Tisch“ unter Also, Ihr Propagandisten des Jubiläumsjah-
„Revolutionäre“, die den sozialistischen Berufung auf das Selbstbestimmungs- res: Vergeßt nicht, den selbstlosen Wahl-
deutschen Staat sturmreif schießen woll- recht jedes Volkes gefordert, daß keine helfern von einst goldene Lorbeerkränze zu
ten, nicht leichter. BRD-Politiker am Wahlkampf in der DDR winden. Und noch eins: Von Einmischung
Auch im Zusammenhang mit dem im teilnehmen dürften. Man bedenke, daß und Völkerrechtsbruch kein Wort! Niemand
nächsten Jahr anstehenden Jubiläum dieser Staat damals noch souverän war darf uns die Festtagslaune vermiesen!
der Wahlen vom 18. März 1990 haben die und daß die Nichteinmischung äußerer Laßt die Sektkorken knallen!
Propagandisten der gleichgeschalteten Kräfte in interne Wahlvorgänge als inte- Dr. Peter Fisch