Sie sind auf Seite 1von 21

© 1979

Verlag Freie Gesellschaft


Landgrafenstr.16
6000 Frankfurt 9o

ISBN 3-88215-022-X
Erstausgabe 1923 im Verlag „Der Syndikalist“ Berlin

Über das Wesen des Föderalismus im Gegensatz zum Zentralismus.


Vortrag von Rudolf Rocker,
gehalten auf dem 14. Kongreß der F.A.U.D., 19.—22. November 1922 in Erfurt.

Genossen! Ich werde mich bemühen, in meinem Vortrage die größte Sachlichkeit walten zu lassen und besonders darauf
achten, das persönliche Moment, das im Laufe der Kongreßdebatten genügend zum Ausdruck kam, gänzlich
auszuschalten, da es die klare Auffassung der Frage, die uns hier beschäftigt, nur verwirren und verzerren kann. Die
Erfahrungen der letzten Jahre haben uns gezeigt, daß der Föderalismus von vielen Genossen falsch aufgefaßt und
mangelhaft verstanden wurde. So kommt es. daß in manchen Kreisen unserer Bewegung Ansichten grassieren, die im
Grunde genommen überhaupt nichts mit dem eigentlichen Wesen des Föderalismus zu tun haben und bestenfalls nur als
ein häßliches Zerrbild desselben betrachtet werden können. Andererseits besteht bei verschiedenen Kameraden die
Furcht, daß die eine oder die andere Institution unserer Bewegung sich zum Zentralismus auswachsen konnte, so daß sie
glauben, alle möglichen Vorsichtsmaßregeln ergreifen zu müssen, um dieser Gefahr zu steuern- Ob die Vorschläge, die
zu diesem Zwecke gemacht wurden, immer die richtigen gewesen sind, ist natürlich eine andere Frage; ob sie nicht
allzuoft gerade das Gegenteil von dem erreichten, was sie erreichen wollten, ist für mich außer Zweifel.
Nehmen Sie z. B. die Vorschläge, die unsere Düsseldorfer Genossen dem Kongresse vorgelegt haben, um eine
zentralistische Einstellung der Geschäftskommission und der ganzen syndikalistischen Bewegung zu verhindern. Ich
zweifle durchaus nicht an der guten Absicht, welche diesen Vorschlägen zugrunde liegen mag; nichtsdestoweniger bin
ich der Ansicht, daß der Standpunkt, von dem sie ausgehen, ein falscher Standpunkt ist. der zu den größten
Ungerechtigkeiten führen müßte, wenn er die Zustimmung des Kongresses fände. Der erste dieser Vorschläge spricht den
von der Bewegung freigestellten Genossen das Recht ab, als Delegierte auf einem Kongresse erscheinen zu können. Das
wäre nicht nur ein offenes Mißtrauensvotum gegen jene Genossen, die eine Tätigkeit erfüllen, welche von der
Gesamtheit als notwendig empfunden wird; es wäre auch in derselben Zeit die Einführung von Mitgliedern erster und
zweiter Klasse in der Bewegung, eine offenbare Ungerechtigkeit, die unter keinen Umständen gebilligt werden kann.
Andererseits widerspricht dieser Vorschlag durchaus allen wahrhaft föderalistischen Gepflogenheiten, weil die Wahl der
Delegierten unbedingt eine Angelegenheit der einzelnen Ortsgruppen ist, deren gutes Recht durch keinen derartigen
Kongreßbeschluß beeinträchtigt werden darf.
Von demselben Geiste ist auch der zweite Vorschlag diktiert, der den Standpunkt vertritt, daß ein Genosse, der von seiner
eigenen Organisation nicht als Delegierter gewählt wurde, auch nicht als Delegierter einer anderen Ortsgruppe auf einem
Kongresse erscheinen dürfe. Auch dieser Antrag mag von den besten Absichten beseelt sein, allein seine praktische
Durchführung wäre eine zum Prinzip erhobene Ungerechtigkeit, wie sie schlimmer nicht gedacht werden könnte. Ueber
solche Dinge läßt sich überhaupt nicht in Bausch und Bogen ein Beschluß fassen. Es ist schon mehr als einmal
vorgekommen, daß ein guter und tätiger Genosse, der stets bereit war, sein ganzes Ich für die Bewegung einzusetzen, aus
dem einen oder dein anderen Grunde mit den Kameraden seiner eignen Organisation in Streit geriet. Oft sind es bloß
kleinliche persönliche Gehässigkeiten, die einem solchen Streite zugrunde liegen, oft nur Mißverständnisse oder
Meinungsverschiedenheiten, die mit der Zeit einen persönlichen Charakter angenommen haben. Solche Folie sind
vorgekommen und werden stets vorkommen, solange Menschen miteinander wirken. Wollen sie nun einem solchen
Genossen die Möglichkeit abschneiden, eine andere Organisation vertreten zu können? Das wäre nicht Föderalismus,
sondern Despotismus und geistige Bevormundung der schlimmsten Art. Sie wissen, wie oft Justizirrtümer vorgekommen
sind, sie wissen auch, wieviel Irrtümer im persönlichen Leben jedes Menschen vorkommen, wie oft man über bestimmte
Personen Urteile fällt, die sich nachträglich als gänzlich unrichtig erweisen. Sie können nur dann einem Genossen das
Recht einer Delegation absprechen, wenn er sich in grober Weise gegen die Prinzipien und die moralischen Grundlagen
der Bewegung vergangen oder sonst etwas direkt Ehrenrühriges begangen hat, das eine fernere gemeinschaftliche Arbeit
mit ihm unmöglich macht. In einem solchen Falle aber ist ein Kongreßbeschluß die überflüssigste Sache von der Welt,
denn in dem Augenblick, wo ein Genosse einen so groben Verstoß gegen die Prinzipien und die Ehre der Organisation
begangen hat, hört er auf, Genosse zu sein und hat auch mit der Organisation nichts mehr zu tun.
Man glaubt durch derartige Anträge technische Maßregeln schaffen zu können, um dem Uebel vorzubeugen; allein man
erreicht damit gewöhnlich das Gegenteil und schafft nur größeres Unrecht. Ich bin sogar der Meinung, daß die übergroße
Furcht vor der Entwicklung einer etwaigen Bureaukratie, verbunden mit persönlichen Gehässigkeiten aller Art, sehr oft
erst die Ursache ist, die einen unbeholfenen bureaukratischen Apparat ins Leben ruft. Die Vorgänge auf dem
Düsseldorfer Kongreß sind in dieser Hinsicht äußerst lehrreich für alle die, welche noch offene Augen haben. Vor dem
Kongreß in Düsseldorf hatten wir die Geschäftskommission, die außer dem Kongreß sozusagen die oberste Instanz
unserer Organisation war. Die Geschnftskommission wurde auf jedem Kongreß neu gewählt und hatte die Aufgabe, als
Verbindungsorgan zwischen den einzelnen Ortsgruppen zu funktionieren und die Beschlüsse des Kongresses zur
Ausführung zu bringen. Nun hatte man Furcht, daß aus dieser Körperschaft sich eine Zentralisation der Bewegung
entwickeln könnte und schuf daher eine sögenannte Kontroll- und Beschwerdekommission, die sozusagen als
Bewachung der Geschäftskommission gedacht war. Nun haben wir bereits auf diesem Kongresse das Schauspiel erlebt,
daß gerade diejenigen, welche seinerzeit die Errichtung einer Kontroll- und Beschwerdckommisson am stärksten
befürwortet haben, heute gegen diese Einrichtung dieselben Beschuldigungen erheben, die man in Düsseldorf der
Geschäftskommission vorwerfen zu müssen glaubte. Wollen Sie nun auf demselben Wege fortfahren, den Sie in
Düsseldorf vor nunmehr einem Jahre beschritten haben, so müßten Sie nun auch über die damals geschaffene Kontroll-
und Beschwerdekommission eine Ueberkontrollkommission setzen und so weiter in holder Grazie. Hierdurch aber wird
jene Bureaukratie erst künstlich herangezüchtet, die manchen unserer Kameraden so viel Kopfzerbrechen macht. Sie
entwickeln auf diese Weise ein ungeheures Räderwerk, in dem sich mit der Zeit die meisten nicht mehr auskennen
werden, und das, was Sic vermeiden wollten, wird sich nun erst recht breitmachen und für die Gesamtbewegung eine
direkte Gefahr werden. Die Vorzüge einer Organisation bestehen im wesentlichen darin, daß sie einfach ist, möglichst
einfach, möglichst frei von allen überflüssigen Institutionen, so einfach, daß sie in allen ihren Funktionen von jedem
einzelnen Genossen leicht überschaut werden kann. Hüten Sie sich daher, einen schwerfälligen und komplizierten
Verwaltungsapparat zu schaffen, der angeblich den föderalistischen Geist in der Bewegung schützen soll, ihn aber in
Wahrheit zerstört.
Und vor allem, geben Sie den törichten Glauben auf, daß es eine bestimmte Form der Organisation gibt, welche den
Menschen davor schützt, Fehler zu begehen. Jede Organisationsform, und mag sie die vollkommenste sein, schließt
Fehler in sich ein. Mensch sein heißt irren. Da, wo Sie glauben, durch bestimmte technische Maßnahmen Fehler
verhindern zu können, übersehen Sie eines — die geistige Einstellung der Menschen, die zwar nicht immer dieselbe ist
und sich fortwährend umbildet, die man aber gerade in Sachen der Organisation nie ignorieren darf, wenn man nicht auf
die schlimmsten und gefährlichsten Abwege geraten will. Nicht immer ließen die Unzulänglichkeiten, mit denen jede
Bewegung zu rechnen hat, in der äußeren Form ihrer Organisation, sondern sehr oft in der menschlichen Natur selbst.
Hier gelangen wir zu einem äußerst wichtigen Punkt: Wenn wir die verschiedenen Richtungen und Strömungen einer
Bewegung überschauen, so müssen wir dabei von folgendem Grundsatz ausgehen: Solange eine Bewegung existieren
wird, werden stets verschiedene Strömungen innerhalb der Gesamtbewegung bestehen, die nicht immer einer
verschiedenen Auffassung der Dinge entspringen, sondern sehr oft ihren Ursprung in der Verschiedenartigkeit des
Temperaments und der persönlichen Energie der einzelnen. finden. Und das ist gut so. Denn wir alle sind nur Menschen
und es gibt nichts Absolutes unter uns. Die besten von uns können sich irren, und daher gilt es jede Meinung, die von
einem guten Willen und einer ehrlichen Absicht diktiert ist, zu prüfen und nicht bedingungslos zu richten über andere.
Ich bin sogar der ketzerischen Meinung,, daß es keine absolute Wahrheit gibt, sondern, daß alles, was wir jeweilig als
Wahrheit anerkennen, sich nach dem momentanen Stand unserer Erkenntnis richtet. Was heute wahr ist, morgen ist es
vielleicht überlebt, da unserer Erkenntnis weitere Perspektiven entstanden sind. Wir verwerfen alsdann das Irrtümliche
und formulieren einen neuen Standpunkt, ohne behaupten zu wollen, daß dieser neue Ausblick auf die Erscheinungen des
Lebens ein Abschluß ist und daß nun alles erledigt sei. Nein, es liegt im Wesen unserer geistigen Entwicklung, daß ein
endloses Vorwärtsstreben unter den Menschen vorhanden ist. Daraus ergibt sich aber auch in derselben Zeit, daß die
Ausgangspunkte unserer Ideen und die Ausblicke unserer Erkenntnis nicht bei allen Menschen die gleichen sein können;
und vielleicht ist diese Ungleichheit der Auffassung die eigentliche Triebfeder jedes geistigen Fortschrittes. Wenn dem
aber so ist, dann müssen wir auch begreifen, daß jede besondere Meinung nur einen bedingten, oder besser gesagt, einen
relativen Wert hat, und diese Erkenntnis sollte uns dazu bringen, Toleranz gegen andere zu üben und nicht alle
Ideengegensätze und Meinungsverschiedenheiten auf Böswilligkeit oder persönliche Voreingenommenheit
zurückzuführen. Toleranz muß die Grundlage jeder großen sozialen, vom Prinzip der Freiheit getragenen Bewegung sein,
denn nur indem wir einer anderen Meinung gegenüber den nötigen Respekt bekunden, verleihen wir unserer eignen
Anschauung erst wahre Kraft und Stärke.
Ich bin der Meinung, daß neunundneunzig Prozent aller Streitigkeiten, welche unsere Bewegung seit den letzten zwei
Jahren beschäftigten, weniger auf den bösen Willen als vielmehr auf die Form, in der gewisse
Meinungsverschiedenheiten ausgetragen wurden, zurückzuführen sind. Meinungsverschiedenheiten sollten stets in der
denkbar sachlichsten Weise und ohne persönliche Spitzen und Verunglimpfungen zum Austrag kommen, besonders unter
Kameraden derselben Bewegung, die in ihren Kämpfen und Bestrebungen stets aufeinander angewiesen sind. Kaum
schleichen sich erst persönlicher Hader und kleinliche Ränke in die gegenseitigen Erörterungen ein, so wird jede ehrliche
Erkenntnis getrübt und jede Brücke der Versöhnung abgebrochen. Dort, wo ein fruchtbarer Austausch der Gedanken
eintreten könnte, setzt schwarzes Mißtrauen ein, und wenn die Menschen erst mißtrauisch gegeneinander sind,
verkennen sie die besten und edelsten Motive des vermeintlichen Gegners und werden ungerecht in ihrem Urteil.
Begreifen wir endlich, daß es keine absoluten Engel und Teufel unter den Menschen gibt, und daß es ein Unding ist,
einem Menschen, mit dem man sich aus irgendeinem Grunde persönlich entzweit hat, nunmehr alle guten Eigenschaften
und Fähigkeiten absprechen zu wollen. Etwas mehr Taktgefühl und gegenseitige Toleranz hätten uns leicht manche
unangenehme Stunde ersparen können zum großen Nutzen der Bewegung. Wir streiten uns um tausend Nichtigkeiten
und häufen Wiederholungen auf Wiederholungen. Wir brechen unsere Galle aus und nennen es Prinzip und wundern uns
noch, wenn solches Gebaren den Besten unter uns die Lust zur Arbeit raubt. Das haben wir in Düsseldorf erlebt, das
erlebten wir auch bis zu einem gewissen Grade hier. Ich habe nun dem ganzen müßigen Tratsch zwei Tage lang zugehört
und habe mir dabei im Stillen die Frage gestellt: Was würde geschehen, wenn die Macht der Umstände uns hier
zusammengeführt hätte, um uns über den Wiederaufbau der Gesellschaft auf einer neuen Basis schlüssig zu werden und
dafür Sorge zu tragen, daß es der Allgemeinheit nicht an Brot mangele- Genossen, nehmen Sie mir es nicht übel, aber ich
habe die Ueberzeugung, daß, wenn wir dann in dieser Weise unsere Zeit vertrödeln würden, die Allgemeinheit binnen
wenigen Wochen verhungern müßte. (Lebhafte Zustimmung.)
Wir sollen nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen und versuchen, die Menschen mehr nach ihren Motiven als nach
ihren bloßen Worten zu beurteilen; aber wir sollen uns auch bemühen, unsere Mitmenschen nicht mit nichtssagenden
Vorwürfen zu überhäufen und ihnen überflüssige Kränkungen zuzufügen, die sich wie ein giftiger Stachel in die Seele
graben und jede Möglichkeit einer kameradschaftlichen Verständigung ertöten. Suchen wir stets die Fehler vor unserer
eignen Tür und hüten wir uns davor, nur bei anderen solche zu erspähen. Nichts ist in :iner revolutionären Bewegung
unerträglicher als jene heuchlerische Philistertugend, die stets mit dem Glorienschein der Unfehlbarkeit umherwandelt
und stets den Splitter im Auge des Nachbarn zu entdecken sucht. Wir vertreten eine große Idee, die den Menschen eine
neue soziale Kultur bescheren soll. Wir sehen die Perspektiven einer neuen Zukunft vor uns, die unseren Willen
beflügeln und unsere Kräfte steigern sollte. Wenn das so ist, dann sollen Sozialismus und Anarchismus, dann soll das
Ideal, das uns vorschwebt, nicht bloß ein schöner Zukunftstraum, eine Art Monstranz sein, die der Priester an hohen
Festtagen auf einige Sekunden der Gemeinde zeigt, um sie bald danach wieder sorglich im heiligen Schrein zu
verschließen. Nein, es soll uns schon jetzt als ethischer Wegweiser unseres täglichen Lebens dienen und den
Beziehungen zwischen, uns und unseren Mitmenschen ein neues Gepräge geben.
. Das sind nun alles Dinge, die, rein äußerlich betrachtet, mit der Frage von Föderalismus und Zentralismus wenig zu tun
haben. Wären die ganzen Debatten, die bisher hier gepflogen wurden, nicht auf so hoffnungslose Abwege geraten, so
würde ich das alles wohl kaum erwähnt haben. Hoffen wir, daß es dazu beitragen wird, den folgenden
Auseinandersetzungen über diese Frage eine sachliche Grundlage zu geben und mehr in die Tiefe zu schürfen, anstatt
ewig an der seichten Oberfläche der Erscheinungen haften zu bleiben.
Wir leben gegenwärtig in einer Zeit der Extreme. Nicht nur auf wirtschafte lichem Gebiete treten die krassesten
Gegensätze des modernen Gesellschaftslebens immer deutlicher zutage in der Form immer schärferer
Klassenabgrenzungen und erbitterter Klassenkämpfe; auch auf allen anderen Gebieten zeigen sich dieselben
Erscheinungen und führen zu denselben Ergebnissen. Von der einen Seite erstickt der Monopolismus und alle aus ihm
erwachsenden Konsequenzen mehr und mehr alle sozialen Instinkte im Menschen und macht einem öden
Individualismus Platz, der das kleinste und kleinlichste persönliche Interesse in den Mittelpunkt des Lebens stellt. Auf
der anderen Seite ertötet die sogenannte kapitalistische Zivilisation in der Form des modernen Staates jedes natürliche
Persönlichkeitsgefühl im Menschen und ertränkt immer mehr jede unabhängige und selbständige Regung in dem grauen
Nebel einer geistlosen Uniformität und hoffnungslosen Schabionisierung aller Dinge. Es ist klar, daß dieser kranke
Zustand unserer gesellschaftlichen Verhältnisse zu den mannigfachsten Störungen im Reiche der Gedanken führen
mußte, die man gewöhnlich als Entartungen zu bezeichnen pflegt. So ist es zum Beispiel kein Zufall, daß Künstler und
Philosophen unserer Periode von dem ungestümen Drange erfüllt wurden, jeder gesellschaftlichen Bande den Krieg zu
erklären und jede Form der Moralität prinzipiell zu verwerfen. Für eine gewisse Zeit war die „Empörung des
Individuums gegen die Gesellschaft" ein philosophisches Schlagwort geworden, das seine Kreise bis tief in die Reihen
der Arbeiterbewegung zog. Man fühlte den ungeheuren Druck des heutigen Gesellschaftssystems, in dem das
Einzelwesen nur als bedeutungsloses Rädchen in einem gewaltigen Mechanismus erscheint und lehnte sich gegen diesen
Zustand der Dinge auf. wobei man jedoch sehr oft vergaß, daß nur die Grundlagen und Formen der heutigen
Gesellschaft, nicht aber die Gesellschaft als solche, die Ursache des Uebels ist. Diese extremen individualistischen Ideen
waren nichts mehr als eine natürliche Reaktion gegen die alles nivellierende Tyrannei der kapitalistischen Gesellschaft.
Aber sie waren in ihren Schlußfolgerungen ebenso einseitig wie diese und berührten überhaupt nicht den eigentlichen
Kern der Frage.
Es ist hier nicht der Ort, allen diesen Ideengängen in ihren mannigfachen Verschlingungen nachzugehen; dazu wäre eine
besondere Arbeit erforderlich. Aber wir fühlen ihre Wirkungen überall, sogar in unserer eigenen Bewegung und nicht
zum Nutzen derselben. Es gibt in unseren Reihen so manchen, dem diese Ideen den Kopf verdreht haben und der nun
hinter jeder Organisation Unrat wittert und in derselben im besten Falle ein notwendiges Uebel erblickt. Und wir haben
so manchen gehört, der sich über jede Form der Moral mokiert und den Grundsatz vertritt, daß Klassenkampf und Ethik
Dinge seien, die nichts miteinander gemein hätten; ja, daß die Moral als solche nur eine schlaue Erfindung der
herrschenden Klassen sei, um der breiten Masse der Ausgebeuteten und Entrechteten Sand in die Augen zu streuen. Wir
zweifeln auch hier nicht an der guten Absicht der Genossen, die solche Grundsätze in die Bewegung einführen wollen,
aber wir sind der Meinung, daß diese Anschauungen nicht nur keiner ernsthaften Kritik standhalten können, sondern daß
sie der Bewegung direkt 2um Schaden gereichen und dieselbe in ihrer natürlichen Entwicklung hemmen.
Wenn wir über das Wesen des Föderalismus und Zentralismus sprechen wollen, müssen wir uns zuerst mit dem Wesen
der Organisation im allgemeinen etwas näher befassen. Die Organisation findet ihren Ursprung in dem gesellschaftlichen
Zusammenleben, die Gesellschaft ist das Urbild jeder Organisation und tritt uns nur in der Form einer solchen entgegen.
Ueber den Ursprung des gesellschaftliehen Lebens hat man die verschiedensten Theorien aufgestellt, und es ist noch gar
nicht so lange her, daß diese Frage ihre endgültige Wissenschaft» liehe Lösung gefunden hat. So erklärte der bekannte
englische Sozialphilosoph Thomas Hobbes, daß die Menschen anfänglich als isolierte Individuen oder Familien ihr
Dasein fristeten und in fortwährende Kämpfe miteinander verwickelt waren. Im Anfang herrschte der „Krieg aller -gegen
alle", der mit allen Waffen tierischer Brutalität und Grausamkeit geführtwurde. Erst die furchtbaren Folgen eines solchen
Zustandes bewegte endlich die Menschen, zu gesellschaftlichen Verbänden zusammenzutreten und eine staatliche
Autorität zu errichten, um dieser ursprünglichen Bestialität Einhalt zu gebieten. Damit beginnt die Periode der
eigentlichen menschlichen Kultur. Für Hobbes waren Staat und Gesellschaft gleichbedeutende Begriffe, und der Mensch
war der Schöpfer der Gesellschaft.
In freundlicheren Farben malte der französische Denker Jean Jaques Rousseau den Ursprung der menschlichen
Gesellschaft. Auch er ging von dem Grundsatz aus, daß die Menschen ursprünglich isoliert oder in Paaren verbunden ihr
Leben fristeten; aber im Gegensatz zu Hobbes war er der Meinung, daß dieser Ursprung ein paradiesischer war und die
Menschen gute und sanftmütige Geschöpfe waren, solange sie eng mit der Natur verbunden und noch nicht von den
Gebrechen der modernen Zivilisation angefressen waren. Erst später schlossen sich die einzelnen Individuen und Paare
zu gesellschaftlichen Gruppierungen zusammen und zwar auf Grund eines sogenannten Gesellschaftsvertrages, welcher
die Grundlage der menschlichen Gemeinschaft bildete.
Heute wissen wir, daß sowohl Hobbes als auch Rousseau im Irrtum waren; nicht nur in ihren Ansichten über den
vermutlichen Charakter des sogenannten Urmenschen, sondern auch in ihren Begriffen über den Ursprung der
Gesellschaft. Niemals gab es einen Zustand, wo Menschen als isolierte Individuen oder in kleinen Familien auf dieser
Erde lebten. Alles was uns die wissenschaftliche Forschung über das Leben noch jetzt existierender primitiver
Völkerschaften zu berichten weiß, und alle prähistorischen Funde, die uns Kunde bringen über das Leben der Menschen
aus längst vergangenen, altersgrauen Zeiten, beweisen uns, daß die Menschen stets in größeren Gemeinschaften gelebt
haben und durch starke gesellschaftliche Bande miteinander verbunden waren. Nicht die Familie war die erste Form des
gesellschaftlichen Zusammenlebens, sondern der Clan, der Stamm. Die Familie ist erst in einer viel späteren Zeit der
menschlichen Entwicklung ins Leben getreten.

Die alte Behauptung, daß der Mensch der Begründer des gesellschaftlichen Lebens gewesen sei, ist längst widerlegt.
Nicht der Mensch hat die Gesellschaft geschaffen, sondern die Gesellschaft hat den Menschen gemacht. Unsere fernen
Ahnen, die noch jenseits der Schwelle des Menschentums standen, waren schon in Gesellschaften verbunden und von
sozialen Gefühlen erfüllte Wesen, von denen der spätere Mensch den gesellschaftlichen Instinkt und die primitiven
Ansätze einer Moral als Erbschaft übernommen hat. So ist der Mensch nie Einzelwesen im strengen Sinne des Wortes,
sondern stets Gattungswesen gewesen, und die Theorie von dem absolut unabhängigen, weder an Zeit noch Gesellschaft
ge*> bundenen Individuum ist nicht mehr wie eine abstrakte Vorstellung, die nur in den luftigen Regionen der
metaphysischen Spekulation, aber niemals in der Wirklichkeit existiert hat.
Glauben Sie ja nicht, Genossen, daß das, was ihr Gehirn formuliert und ihr Gemüt erschüttert, nur der Ausfluß ihres
persönlichen Ichs ist. Nein, in uns schlummern die Eindrücke ganzer Generationen, die uns vorausgingen, und von dem
Urgrund unserer Seele führen Tausende verborgene Fäden in das Nebet--reich des Gewesenen. Alles, was vor uns auf
dieser Erde lebte, wurde uns vererbt, lebt in uns. Wir sehen also, daß es ein Ding der Unmöglichkeit ist, unser ich zu
kristallisieren, und daß das rein abstrakte, aus sich selbst fließende Ich individualistischer Philosophen nur eine leere
Formel ist, die keinerlei Bedeutung beanspruchen kann. Es gibt nur ein Ich, das soziale Ich, das mit tausend Banden mit
der Gesellschaft verbunden ist und in dem alle Regungen und Empfindungen der Mitmenschen einen natürlichen
Abklang finden. Mögen extreme Individualisten in dieser Tatsache eine Beschränkung ihrer sogenannten Souveränität
erblicken und sich mit Händen und Füßen dagegen wehren; für mich ist das bloß eine grandiose Bestätigung von der
tiefen Zusammengehörigkeit aller Wesen und von dem engen Verbundensein des Einzelwesens mit allem, was war, ist
und sein wird. Aus diesem Grunde bin ich auch der Meinung, daß die höchste Stufe der Menschlichkeit und des
menschlichen Persönlichkeitsgefühls ein Zustand ist, in dem jedes individuelle Bedürfnis den sozialen Instinkten des
Menschen entspringt.
Haben wir erst das begriffen und zu würdigen verstanden, so wird es uns klar, was es mit der sogenannten „Amoralität"
einer dekadenten Philosophie für eine Bewandtnis hat Solche Ideen können nur als akrobatische Kunststücke eines
entarteten Gehirns bewertet werden. Die moralischen Beziehungen zwischen den Menschen entstammen nicht der
Eingebung sogenannter höheren Mächte, noch sind sie dem fruchtbaren Geiste einzelner Auserwähltcr entsprossen. Sie
finden ihren Ursprung in dem gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen und sind nur durch dieses zu verstehen
und zu erklären.
Wenn der Mensch geboren würde, um wie Robinson Crusoe auf seiner Insel zu leben und ganz und gar auf sich selbst
angewiesen wäre, dann gäbe es natürlicherweise auch keine moralischen Beziehungen. In dem Augenblick aber, in dem
ein Freitag in seine Lebenssphäre tritt, in diesem Augenblick entwickeln sich moralische Beziehungen und
organisatorische Bande zwischen Mensch und Mensch, Über die uns kein Sophismus hinweghilft Alle diese Fragen sind
schon voi fünfundzwanzig und dreißig Jahren in den Reihen der deutschen Kameraden von allen Seiten beleuchtet und
erörtert worden, und es ist nur zu bedauern, daß man heute gezwungen ist, alles noch einmal wiederholen zu müssen. Die
Theorie von dem absolut freien, souveränen und keinem äußeren Einfluß Zugangs liehen Individuum ist nicht mehr wie
eine schillernde Seifenblase in den weitfremden Regionen einer abstrakten Philosophie; aber sie zerstiebt im selben
Moment, wo sie mit der Wirklichkeit des Lebens in Berührung kommt, Jeder von uns ist den Einflüssen seiner
Umgebung und seiner Mitmenschen ausgesetzt. Und das ist sogar kein Zeichen unserer Schwäche, sondern vielmehr ein
natürlicher Ausdruck unserer inneren Zusammengehörigkeit.
Wenn wir also von der Tatsache des gesellschaftlichen Lebens ausgehen, mit der unser soziales Ich durch unlösliche
Bande eng verknüpft ist, so müssen wir unter allen Umständen das Prinzip der Organisation bejahen, das dieser Auf»
fassung der Dinge entspringt. Nun wendet man aber ein — und wir haben es in letzter Zeit genugsam gehört —, daß es
nicht die rein technische und organi» satorische Form sei, die einer Bewegung Leben verleihe, sondern der Geist, der
ihre Anhänger erfülle und vorwärtstreibc. Dieser Einwand birgt ohne Zweifel eine tiefe Wahrheit in sich, aber er berührt
den Kern der Sache überhaupt nicht und verschiebt die eigentliche Frage auf ein anderes Gebiet. Gewiß ist der Geist, der
eine Bewegung beseelt, die erste Vorbedingung für ihre werbende .und siegende Kraft, und aus Menschen mit
ausgedorrtem Gehirn und vertrockneter Seele kann keine Form der Organisation etwas herausholen. Aber das beweist
nichts, rein gar nichts gegen die Notwendigkeit der Organisation an und für sich. Ebenso wie unser Geist nur in gewissen
Formen denkt, so wirkt er sich auch in bestimmten Formen aus, sobald er aus dem Reiche der Ideen ins praks tische
Leben tritt und den Versuch unternimmt, einen Gedanken in die praktische Wirklichkeit umzusetzen. Der Geist allein
existiert nicht; er bekundet sich stets nur im Rahmen unseres physischen Organismus. Ohne Körper kein Geist oder
besser gesagt, ohne Körper keine Manifestation des Geistes. Unser physischer Organismus ist sozusagen die Heimstätte
des Geistes, aus der heraus er wirken kann.
Aus diesem Grunde ist alles Argumentieren über die Vorzüglichkeit des Geistes und die Nebensächlichkeit oder gar
Schädlichkeit der Organisation nur müßiges Gerede ohne praktische Bedeutung. Wie der Geist sich nur in bestimmten
Formen auswirkt, so wirkt sich jede soziale Bewegung in bestimmten organisatorischen Gebilden aus, ohne die sie nicht
existieren könnte. Diese Gebilde sind sozusagen der Organismus, von dem aus neue Ideen und Gedanken in die Umweh
strahlen. Sie ergänzen einander wie Geist und Körper und können nicht voneinander getrennt werden.
Sind wir erst so weit, die Notwendigkeit der Organisation begriffen zu haben, so tritt eine weitete Frage an uns heran —
die Frage wegen der Form der Organisation. Von allen Organisationsformen, die sich im Laufe der menschlichen
Geschichte entwickelt haben, waren Föderalismus und Zentralismus stets die beiden Pole, welche auf die äußere
Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens den größten Einfluß ausübten. Föderalismus und Zentralismus
bedeuten mehr, wie zwei verschiedene technische Formen der menschlichen Organisation; sie entsprechen auch in
derselben Zeit zwei verschiedenen geistigen Einstellungen der Menschen und gehen stets Hand in Hand mit zwei
verschiedenen Phasen unserer geschichtlichen Entwicklung.
Es gibt in der gesellschaftlichen Entwicklung der Menschen konstruktive und destruktive Perioden, Perioden des
Aufbaus und Perioden der Zersetzung. Sie dürfen diese Unterscheidung nicht rein wörtlich nehmen in dem Sinne etwa,
daß man in der einen Periode nur haut und in der anderen nur zerstört. Nein, so ist es nicht gemeint. Ich möchte die
Sache vielmehr so aufgefaßt wissen: Es gibt Perioden, wo sogar, die zerstörenden Kräfte zur inneren Festigung und
Geschlossenheit des Gemeinwesens beitragen; und es gibt andere, wo auch das schöpferische Wirken und die
konstruktive Tätigkeit des Einzelwesens gegen sein Dazutun auf die innere Zersetzung des gesellschaftlichen Verbandes
eingestellt sind. Man könnte auch von Perioden der Kultur und von Perioden der Zivilisation sprechen, obzwar ich mir
der Unzulänglichkeit dieses Vergleiches wohl bewußt bin. So waren die freien Städte des Mittelalters wohl imstande, ein
große und einheitliche Kultur zu entwickeln, trotz ihrer zahllosen Kämpfe gegen innere und äußere Feinde, während die
Zivilisationsperiode des modernen Kapitalismus nie dazu gelangen konnte, eine innere Einheit herzustellen, trotz aller
epochemachenden Erfindungen und Entdeckungen auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit. Im Gegenteil, jeder
Fortschritt in der Technik hat nur dazu beigetragen, die innere Zerklüftung der Gesellschaft größer und die
Klassengegensätze klaffender zu machen.
In konstruktiven Perioden wirbelt das Leben in seinen unzähligen Variationen von tausend verschiedenen Punkten der
gesellschaftlichen Peripherie einem gemeinschaftlichen sozialen Mittelpunkte zu. Der Denker und Wissenschaftler, deren
Geist ganze Welten umspannt, der Handwerker und Arbeiter, die im produktiven Leben die Hände regen, der Künstler
und Philosoph, sie alle sind von einem großen gemeinschaftlichen Interesse durchdrungen, ohne daß sich die meisten
von ihnen darüber Rechenschaft geben; und dieses Interesse bildet die Grundlage ihres persönlichen Wirkens und ihrer
individuellen Tätigkeit. Jeder ist erfüllt von diesem Gemeingeist, jeder arbeitet auf diesen Gemeingeist hin; er ist die
eigentliche Speise, das Mannah, aus der die Persönlichkeit ihre Nahrung zieht. In solchen Perioden einer großen
einheitlichen Kultur, die gerade aus ihrer lokalen Verschiedenartigkeit den Stempel des Einheitlichen erhält, entstehen
die großen Kunstwerke, besonders der Architektur, dieser sozialsten aller Künste, die nicht mehr der Isoliertheit
einzelner entspringen, sondern aus großen sozialen Gedanken heraus geboren werden, um Zeugnis abzulegen vom
gemeinsamen Werke; Der einzelne fühlt sich frei, trotzdem er mit tausend Fäden an die Allgemeinheit gebunden ist, und
diese Freiheit in der Gebundenheit ist es gerade, die seiner Persönlichkeit Kraft und Charakter verleiht. Er trägt „das
Gesetz des Bundes" in der eigenen Seele, darum erscheint ihm der äußere Zwang sinnlos und abstoßend.
Und es gibt andere Perioden. Perioden des Niederganges und der Zersetzung, wo jede lokale Regsamkeit von einem
allgemeinen Mittelpunkte aus gespeist und in bestimmte Formen gepreßt wird. Das Leben flutet dann nicht mehr von der
.Peripherie nach verborgenen Mittelpunkten, sondern wird künstlich vom Zentrum nach der Peripherie gepumpt. Der
gesellschaftliche Organismus zerklüftet sich in verschiedene sich gegenseitig widerstrebende Teile und das
Gesamtinteresse weicht den Sonderinteressen der Klassen und Kasten. Die Bande, die das Einzelwesen mit der
Allgemeinheit innerlich verbunden hatte; löst sich mehr und mehr, und der Gemeingeist wird verdrängt von persönlicher
Profitsucht und selbstsüchtiger Beschränktheit. Jedes gesellschaftliche Wirken wird absorbiert von den
Sonderbestrebungen privilegierter Klassen und die Kunst wird zum Luxusartikel kleiner Kotterien. Die Mannigfaltigkeit
des lokalen Kolorits weicht einer gleichförmigen Abtönung aller Dinge, die Verschiedenartigkeit der Uniformität, das
persönliche Verantwortlichkeitsgefühl einer geistlosen Disziplin. Und der Zeisetzungsstoff, der sich in den großen
Zentren des gesellschaftlichen Lebens ansetzt, trägt sich über auf jeden lokalen Punkt und erzeugt dort dieselben sozialen
Krankheitserscheinungen. Da der innere Kontakt zwischen den einzelnen und der Gesellschaft so schwach geworden ist,
daß er jede Tragfähigkeit verliert, muß man zu anderen Mitteln seine Zuflucht nehmen, um den gescllschaftlichen
Verband intakt zu halten; der äußere Zwang muß den Mangel an Gemeingeist und Zusammengehörigkeitsgefühl
ersetzen.
Konstruktive Perioden, Perioden der Kultur, waren stets föderalistische Perioden; sie fußten auf den gemeinschaftlichen
Interessen und dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Mensohen, Denn das lateinische Wort foedus heißt Bündnis,
Verbundensein des Einzelwesens mit der Allgemeinheit und keineswegs Zersplitterung der Kräfte und separatistische
Sonderinteressen, wie gedankenlose Gegner so oft behauptet haben.
Destruktive Perioden aber, Perioden der Zivilisation, waren stets Perioden des Zentralismus, wo die lebendige Kraft der
Organisation einer öden Mechanisierung der Dinge Platz machen mußte.
Werfen wir einen Blick auf die große föderalistische Epoche, die im neunten Jahrhundert in Europa einsetzte und bis zur
Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts währte. Hier sehen wir eine große soziale Bewegung vor uns, die von unseren
Historikern zum größten Teil total verkannt wurde und deren gewaltige Bedeutung man erst heute zu begreifen anfängt.
Diese Bewegung ergriff nicht nur ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Völkergruppe, sie ergriff ganz Europa mit
unwiderstehlicher Gewalt, von den Gefilden Rußlands bis nach England und Frankreich, von Skandinavien bis Spanien
und Italien. Die Menschen jener Periode schlossen sich in größeren und kleineren Bünden zusammen. Die ganzen
Länder waren bedeckt mit solchen Organisationen, die sich wie ein Netz nach allen Richtungen hin ausbreiteten. In den
einzelnen Gemeinwesen vereinigten sich die Handwerker, Künstler usw. in ihren Gilden. Diese Gilden übten nicht bloß
eine produktive Tätigkeit in ihren besonderen Berufen aus, sie bildeten auch das Fundament für die politische Form der
Gemeinde. Die politische Basis der Gemeinde war die Gilde, die Wirtschaftsgruppe. Politische Parteien und
Berufspolitiker im heutigen Sinne gab es nicht. Jede Gilde wählte ihren Vertreter in den Rat der Gemeinde, der dort die
Aufträge seiner Organisation vorzutragen hatte und durch gemeinschaftliche Besprechungen mit den Delegierten der
übrigen Gilden eine Verständigung in allgemein wichtigen Fragen auf der Basis freier Vereinbarungen zu erreichen
bestrebt war. Da alle Gilden mit den Gemeinschaftsinteressen der Kommune aufs engste verbunden waren, so entschied
bei der Abstimmung nicht die Mehrheit der Delegierten, sondern die Zahl der Korporationen. Derselbe Modus war auch
für die Föderationen der Städte maßgebend. Der kleinste Marktflecken hatte dasselbe Recht wie die größte Gemeinde, da
er sich ja aus freiem Ermessen dem Bunde anschloß und an seiner Wirksamkeit dasselbe Interesse hatte wie alle anderen
Kommunen.

In derselben Zeit blieb jede Gilde und jede Stadt ein selbständiger Organismus, der über seine eigene Kasse verfügte,
sein eigenes Gericht besaß und Verträge mit anderen Körperschaften nach eigenem Gutdünken schließen und lösen
konnte. Nur die Gemeinschaftlichkeit der Interessen führte sie mit anderen ähnlich gearteten Körperschaften Zusammen,
zur Ausführung gemeinsamer Aufgaben, an denen alle interessiert waren. Die Vertreter der Gilden und Städte hatten
keinerlei exekutive Gewalt: sie hatten lediglich die Vorschläge ihrer Organisationen vorzubringen und die Ansichten der
Bruderorganisationen entgegenzunehmen, die sie der Vollversammlung ihrer Mitglieder vorzulegen und zu erläutern
hatten. Die Gilde selbst faßte danach ihre Beschlüsse oder sanktionierte die getroffenen Vereinbarungen.
Der Vorteil dieses Systems bestand darin, daß sowohl die einzelnen Gildenmitglicder als auch ihre Vertreter in der
Kommune alle Funktionen ihrer Wirksamkeit leicht und vollkommen übersehen konnten. Jeder handelte und traf
Entscheidungen in Dingen, die er genau kannte und über die er als Kenner und Sachverständiger sein Wort mitsprechen
konnte. Vergleicht man diese Einrichtung mit unseren zentralen Parlamenten und gesetzgebenden Körperschaften, so
springt ihre moralische Ueberlegenheit erst recht ins Auge. Weder der moderne Wähler noch der Mann, der ihn angeblich
im Parlament vertritt, sind imstande, das ungeheure Räderwerk des politischen Zentralapparates vollständig oder auch
nur annähernd übersehen zu können. Der Deputierte ist täglich gezwungen, über Dutzende von Dingen entscheiden zu
müssen, die er aus eigener Anschauung durchaus nicht kennt und bei deren Beurteilung er sich stets, auf andere verlassen
muß. Daß ein solches System notgedrungen zu den schlimmsten Mißständen und Ungerechtigkeiten führen muß, ist
unbestreitbar. Und da der einzelne Wähler aus denselben Gründen gar nicht mehr in der Lage ist, die Tätigkeit seines
sogenannten Vertreters übersehen und kontrollieren zu können, so ist die Klasse der Berufsparlamentarier, die aus der
Politik ein Geschäft machen, um so eher imstande, im Trüben zu fischen und jeder Korruption Tür und Tor zu öffnen.
Aber außer diesen offenkundigen Uebeln ist die Zcntralvertretung auch das schlimmste Hindernis für jeden
gesellschaftlichen Fortschritt und steht im direkten Widerspruch mit allen Gesetzen der natürlichen Entwicklung. Wir
wissen, daß jeder gesellschaftliche Fortschritt sich zunächst in einem kleinen Kreise vollzieht und erst nach und.nach die
Gesamtheit in seinen Bann zieht. Aus diesem Grunde ist. der Föderalismus die beste Garantie für die hemmungslose
Entwicklung der Dinge, indem er jeder Gemeinde die Möglichkeit gibt, innerhalb ihres eigenen Kreises alle Maßnahmen
zu treffen, die sie für die Interessen der Allgemeinheit ihrer Mitbürger für nötig erachtet. Sie ist deshalb imstande, sofort
zu praktischen Versuchen überzugehen und ihr Beispiel wirkt belebend und anregend auf alle Nachbargemeinden, die auf
diese Weise in der Lage sind, die in Frage kommenden gesellschaftlichen .Neuerungen praktisch zu studieren und sich
von deren Zweckmäßigkeit persönlich zu überzeugen.

Bei dem parlamentarischen Reprasentativsystem unserer Zeit ist dieses vollständig ausgeschlossen. Nehmen wir zum
Beispiel an, daß die Wähler eines gewissen Wahldistriktes mit dem praktischen Programm einer gewissen Partei
vollständig einverstanden sind und daß sie ihrer Zufriedenheit dadurch Ausdruck geben, indem sie fast restlos ihre
Stimmen für den Kandidaten der betreffenden Partei abgeben. Aber damit ist gar nichts erreicht; denn diese Gemeinde ist
durchaus nicht in der Lage, ihrem Willen durch praktische Versuche innerhalb ihrer eigenen Wirkungssphäre Ausdruck
zu geben. Der auserwählte Vertreter ist vielmehr gezwungen, nach der Hauptstadt zu reisen, um in dem zentralen
Parlament seinen Platz einzunehmen. Dort befindet er sich aber mit seinen Ansichten, die auch die Ansichten seiner
Wähler sind, in einer hoffnungslosen Minorität. Es liegt ja in der Natur der Sache, daß in solchen Körperschaften gerade
die zurückgebliebensten Gegenden die Mehrheit der Vertreter aufzuweisen haben. Anstatt also, daß die geistig
fortgeschrittensten und regsamsten Gemeinden allen übrigen mit dem praktischen Beispiel vorangehen sollten, erfüllt
sich hier gerade das Gegenteil indem die platteste Mittelmäßigkeit dem Geiste die Flügel knickt und die geistig
hinterstelligsten Gegenden den kulturell am höchsten stehenden Menschengruppen Fesseln anlegen. An dieser Tatsache
kann auch das beste Wahlsystem nichts ändern; im Gegenteil, es trägt sehr oft noch dazu bei, diesen Zustand der Dinge
noch krasser zu gestalten, wie wir es hier in Deutschland seit der Verleihung des Frauenstimmrechtes deutlich genug
gesehen haben; Der reaktionäre Kern der Sache liegt eben in dem System der Zentralvertretung und hat mit den mehr
oder weniger entwickelten Formen des Wahlrechts gar nichts zu tun.

Gerade diese offenkundigen Täuschungen des modernen Repräsentativsystems haben manche Revolutionäre, die den
Grund der Sache nicht erfaßt haben, dazu verleitet, jede Abstimmung prinzipiell abzulehnen. Sogar in unseren eigenen
Reihen gibt es eine Anzahl Genossen, die sich diesem Irrtum ergeben haben und in der Abstimmung eine
Folgeerscheinung des Zentralismus erblicken. Das ist natürlich eine total falsche Auffassung, Genossen. Man
verwechselt hier ein Prinzip mit einer rein technischen Handlung.
Werden wir uns zunächst einmal darüber klar, wo Abstimmungen angebracht, ja direkt notwendig sind Und wo sie keine
Berechtigung haben; oder mit anderen Worten, wo der Beschluß einer Mehrheit für jeden von uns maßgebend sein kann
und. wo nicht. Solange es sich um technische Fragen, Verwaltungsangelegenheiten und ändere Dinge von
untergeordneter Bedeutung handelt, ist die Abstimmung und der aus ihr hervorgehende Beschluß der Mehrheit eine
durchaus gerechte und notwendige Methode, um zu bestimmten Entscheidungen zu gelangen. Durch die Abstimmung
gibt sich die Meinung der Genössen kund, und das ist notwendig, wenn wir in bestimmten Fragen ein Resultat erzielen
wollen. Ob ich nun einer kleinen anarchistischen Gruppe angehöre oder einem großen syndikalistischen Verbande
angeschlossen bin, eines ist maßgebend: Ich habe mich mit diesen Gesinnungsgenossen zusammengefunden aus freier
Wahl. Wir sind uns einig in unseren Grundprinzipien und in den Methoden unseres Vorgehens, die daraus abgeleitet
werden. Das besagt aber nicht, daß wir in allen Fragen stets denselben Standpunkt vertreten müssen. Es gibt tausend
Dinge, wo man aus reinen Zwecksmäßigkeitsgründen die eine oder die andere Entscheidung treffen kann. In solchen
Fällen fügt sich jeder vernünftige Mensch dem Beschlüsse der Mehrheit auch dann, wenn er mit seiner eignen Ansicht
nicht überall durchgedrungen ist. Warum ist das möglich? Weil wir durch eine gemeinschaftliche Ueberzeugung
miteinander verbunden sind und einmütig für die Verwirklichung derselben eintreten. Der eine will das so gut als der
andere, und weil wir uns im Prinzip einig bind, kann es uns auch nicht schwer fallen, in Fragen von sekundärer
Wichtigkeit zusammenzugehen, auch dann, wenn unsere Meinung darüber nicht in allen Punkten dieselbe ist.
Die Frage der Streikunterstützung, die schon viele vorhergehende Kongresse beschäftigt hat, und die auch heute wieder
den Genossen zur Beratung vorliegt, bietet uns in dieser Hinsicht ein konkretes Beispiel. Welche Wahl der Kongreß in
dieser Frage treffen wird und welche Richtung bei der Abstimmung die Mehrheit erhalten wird, ist hier vorläufig ganz
gleichgültig. Der Streik ist für uns ein wichtiges Kampfmittel, wenn er auch infolge der veränderten Wirtschaftslage in
der Zukunft eine ganz andere Einstellung erfahren muß. Noch sind wir gezwungen, Streiks zu führen und zum
Streikführen gehört Geld. Wir sind also auf die Solidarität der verschiedenen Ortsvereine angewiesen und werden daher
die Vorschläge, welche uns in dieser Beziehung gemacht werden, zu prüfen haben. Aber welcher Beschluß in dieser
Frage immer gefaßt werden wird, wir alle werden diesen Beschluß anerkennen, einerlei ob derselbe unserer persönlichen
Ansicht Rechnung tragen wird oder nicht. Das ist unter verständigen Menschen gar nicht anders möglich.
Aber es gibt auch noch andere Dinge, wo keine Abstimmung entscheiden kann, wo jeder Mehrheitsbeschluß ein Unding,
eine aller Gerechtigkeit Hohn sprechende Vergewaltigung wäre. Das ist der Fall, wo es sich um Gewissensfragen, um
Fragen innerster Ueberzeugung handelt. Solche Dinge können natürlich nicht durch einfache Majoritätsbeschlüsse gelöst
werden. In Gewissensfragen hat jeder Abstimmungsmodus sein Recht verloren; was in gewöhnlichen Alltagsfragen eine
Selbstverständlichkeit ist, wäre hier ein Verbrechen wider dem Geist. Wo es sich um Ueberzeugungen handelt, da kann
nur die Erfahrung, das praktische Beispiel, der vernünftige Gedankenaustausch helfen und auch nicht immer. In diesem
Falle ist es die erste Pflicht unter freien Menschen, die ehrliche Ueberzeugung des Mitmenschen zu achten und ihr keine
Gewalt anzutun.
Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Wir alle sind hier vereinigt weil uns ein gemeinsames Ziel, eine gemeinsame
Ueberzeugung miteinander verbindet Diese gemeinsame Ueberzeugung ist der ungeschriebene Vertrag, der uns
zusammenführte. Wenn nun plötzlich aus unserer Mitte eine Mehrheit entstehen sollte, die unsere Organisation für
Zwecke ausnützen wollte, welche ihren ursprünglichen Zielen direkt zuwiderlaufen, so wäre das ein grober Verstoß
gegen die elementarsten Prinzipien des gegenseitigen Vertrauens, das jeder Organisation zugrunde liegt. Es kann
passieren, daß ein Mensch seine Meinung ändert, und zwar aus ehrlichster Ueberzeugung. Aber in diesem Falle muß man
von ihm verlangen, daß er der Organisation, mit der ihn seine frühere Ueberzeugung verbunden hatte, den Rücken kehrt
und sich nicht durch Vorspiegelung falscher Tatsachen zum Betrüger seiner ehemaligen Genossen erniedrigt. Jeder
Versuch in diesem Falle, sich durch Herbeiführung von Mehrheitsbeschlüssen Vorteile irgendwelcher Art erwerben zu
wollen, ist offensichtlicher Betrug und brutale Vergewaltigung der Minderheit deren Vertrauen man schmählich getäuscht
hatte. Aus diesem Grunde ist ja die sogenannte „Zellentaktik" der Kommunisten so verwerflich, weil man den
Mitgliedern einer Organisation etwas anderes vor-täuscht als man in Wirklichkeit beabsichtigt und dadurch jedes
gegenseitige Vertrauen systematisch untergräbt. Diese Taktik der „Gesellschaft Jesu" auf die Arbeiterbewegung
übertragen ist einer sozialistischen Partei unwürdig und muß zu den schlimmsten Konsequenzen führen. Wer ein solches
Vorgehen berechtigen zu müssen glaubt, der muß auch die Rolle des Spitzels berechtigt halten, der sich in eine
Organisation einschleicht, um deren Mitglieder der Polizei zu überliefern.
Ich glaube durch diese Beispiele gezeigt zu haben, wo Abstimmungen und Mehrheitsbeschlüsse ihre Berechtigung haben
und wo sie niemals in Frage kommen können. Sind wir uns einmal klar über diese Dinge, dann bekommt das Prinzip des
Föderalismus für uns erst seine richtige Bedeutung und ist nicht fortwährender Gefahr ausgesetzt, zur Karikatur verzerrt
zu werden. Wir müssen daher auch begreifen, daß gefaßte Beschlüsse in dem von mir angedeuteten Sinne gehalten
werden müssen, nicht auf Grund eines äußerlichen Zwanges, sondern auf Grund des persönlichen
Verantwortlichkeitsgefühls. Es kann daher auch nicht angehen, daß man Beschlüsse nur darum faßt, um sie nicht zu
halten. Die Gepflogenheit mancher Kameraden in der Kölner Gegend, die sich im Namen der „individuellen Freiheit"
berechtigt glauben, alle fünf Minuten Beschlüsse fassen und nach eigenem Gutdünken halten oder brechen zu können, ist
eine Erscheinung, die allen Prinzipien des Föderalismus zuwiderläuft und sogar nicht mit den Grundsätzen des plattesten
Partikularismus zu vereinbaren ist; denn auch der Partikularismus ist an bestimmte Beschlüsse gebunden. Ich zweifele
auch hier nicht an der guten Absicht der Genossen, aber ich bin der Meinung, daß, wenn solche Gepflogenheiten erst
einmal in unserer Bewegung gang und gäbe werden sollten, dieselbe für absehbare Zeit erledigt ist.
Es gibt zwei Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens: Es gibt ein Zusammenleben, dessen besondere
Gestaltungen den Menschen durch eine zentrale Macht irgendwelcher Art — mag sich dieselbe nun Staat, Kirche oder
Diktatur des Proletariats nennen — von oben herab diktiert werden. Und es gibt ein Zusammenleben, daß sich von unten
nach oben frei entwickelt und seine natürliche Basis in den gemeinschaftlichen Interessen der Menschen und in den
Bekundungen ihrer gegenseitigen Solidarität findet. Der Ausdruck der ersten Form des menschlichen Zusammenlebens
ist das Gesetz; der Ausdruck der zweiten die freie Vereinbarung. Das Gesetz wird dem Bürger von oben her
aufgezwungen, einerlei ob er damit einverstanden ist oder nicht; die freie Vereinbarung ist das Ergebnis seiner eigenen
Entscheidung und entspricht dem inneren Wesen seiner natürlichen gesellschaftlichen Bedürfnisse und seines
persönlichen Verantwortlichkeitgefühls.
Aber auch die freieste Vereinbarung kennt Beschlüsse und getroffene Entscheidungen. Und die Beschlüsse, die freie
Menschen unter sich gefaßt haben, müssen gehalten werden, wenn nicht jedes Bündnis illusorisch gemacht werden soll.
Mag es sich nun um die Beschlüsse eines Kongresses, eines Ortsvereins oder einer anarchistischen Gruppe handeln, die
Menschen, die solche Beschlüsse faßten, sind moralisch verpflichtet, dieselben zu halten. Die gesellschaftliche Moral,
die nicht vom Staate und nicht von der Kirche den Menschen gegeben wurde, sondern die sich durch tausendjährige
Gewohnheiten, Sitten und Gebräuche allmählich entwickelt hat, hat stets den Grundsatz hochgehalten, daß das dem
Freunde gegebene Wort ehrlich gehalten werden muß. Mag sein, daß ich später inne werde, daß ich zu voreilig gewesen
bin; aber als Mensch mit Verantwortlichkeitssinn werde ich mein Wort zu halten wissen, es sei denn, daß ich freiwillig
davon entbunden werde.
Nun, Kameraden, ein Beschluß ist nichts anderes als ein gegebenes Wort meinen Gesinnungsgenossen gegenüber. Und
wie ich von dem Freunde annehme, daß er sein mir gegebenes Wort hält, so erwarte ich auch von meinen Genossen, daß
ein von uns gemeinschaftlich gefaßter Beschluß von jedem von uns gehalten wird. — Gewiß, auch die besten Beschlüsse
können sich später als falsch erweisen. Irren ist menschlich. Und jeder von uns ist nicht mehr als Mensch. Aber das ist ja
das Gute an unseren Beschlüssen, daß sie nicht für das ganze Leben gefaßt werden, sondern nur für eine bestimmte
Periode. Wir können nach reiflicher Ueberlegung den besten Beschluß gefaßt haben, aber nach einer gewissen Frist zeigt
uns die praktische Erfahrung, daß er geändert werden muß. Aber so lange wir miteinander verbunden sind, müssen wir
zu unserem Worte stehen. Wenn nicht, gibt es kein gemeinschaftliches Zusammenarbeiten mehr, kein gegenseitiges
Vertrauen, und es wäre dann besser, wenn jeder seine eigene Wege ginge und nie wieder einer Organisation beitreten
würde.
Auch in dieser Beziehung hat uns der Kongreß ein konkretes Beispiel geben. Schon im Jahre 1897 hatte ein Kongreß
beschlossen, daß das damalige Organ der Bewegung von den einzelnen Ortsgruppen obligatorisch eingeführt werden
sollte. Dieser Beschluß ist seitdem auch auf den „Syndikalist", das heutige Organ der Bewegung, übertragen worden.
Kein Mensch mit fünf gesunden Sinnen wird einen solchen Beschluß mißverstehen. Der „Syndikalist" war sozusagen
das geistige Band der Bewegung, die als solche natürlich ein Interesse daran hatte, daß ihr Organ allen Mitgliedern
zugänglich gemacht werde.
Hätte irgendein Kongreß den Beschluß gefaßt, daß außer dem „Syndikalist“ kein anderes Organ mehr gegründet werden
dürfe, so wäre das ein grober Bruch mit den elementarsten Voraussetzungen einer föderalistischen Bewegung gewesen.
Aber ein solcher Wahnsinn wurde ja von niemand vertreten. Es war ganz klar, daß mit der Entwicklung der Bewegung
die einzelnen Industrieverbände oder die Organisationen bestimmter Distrikte sich eigene Organe schaffen würden, um
ihren besonderen Interessen oder der örtlichen Propaganda besser Rechnung tragen zu können. In diesem Falle mußte
der früher gefaßte Beschluß eben geändert werden. Das sind alles ganz natürliche Dinge, die in der
kameradschaftlichsten Weise erledigt werden können, vorausgesetzt, daß man nicht der einen oder der anderen Seite
falsche Motive unterschiebt und auf diese Weise die Frage auf das Niveau kleinlicher persönlicher Nörgeleien überträgt,
wodurch natürlich die sehr einfache Lösung des Problems nur erschwert wird. In einem solchen Falle würde ich zum
Beispiel zu den Kameraden meiner Ortsgruppe oder meiner Föderation etwa so sprechen: Dieser Beschluß ist auf allen
bisherigen Kongressen nicht geändert worden, ein Beweis dafür, daß dazu keine Notwendigkeit vorlag. Heute aber
liegen die Verhältnisse so, daß der alte Beschluß in seiner ursprünglichen Fassung nicht mehr bestehen kann und wir
müssen daher auf dem nächsten Kongreß für eine Aenderung eintreten.
Genossen, wenn Sie mir einen Weg zeigen können, wie diese Dinge anders zu regeln sind, so bin ich von Herzen bereit,
mich ihrer Meinung anzuschließen. Ich bin durchaus nicht rechthaberisch veranlagt; aber wir dürfen nicht länger auf
Kongressen, Föderationsversammlungen oder, wo immer es sei, zusammenkommen, um in den Wind zu reden, damit
nachher doch jeder machen kann, was seiner plötzlichen Laune entspricht. Das ist kein Föderalismus mehr, das ist
Sonderbündelei, ist Partikularismus, eine bloße Karikatur der föderalistischen Prinzipien.
Die föderalistische Organisationsform ist dem menschlichen Organismus vergleichbar. Der menschliche Körper ist
sozusagen ein Bund einzelner Glieder, von denen jedes seine besondere und selbständige Funktion erfüllt. Das
harmonische Zusammenarbeiten von Herz, Leber, Gehirnzellen, Nerven und aller anderen Organe ist die erste
Vorbedingung für das Leben und Gedeihen des Gesamtorganismus. Kein Glied tanzt aus der Reihe, alle erfüllen ihren
besonderen Zweck. Ueberall finden wir die größte Selbständigkeit in der Ausübung jeder besonderen Funktion und in
derselben Zeit die natürliche Gebundenheit aller Organe im Rahmen des Ganzen. Der Magen streitet nicht mit der Leber,
das Herz nicht mit der Lunge, und wenn ja einmal ein solcher Fall eintritt, so findet er seine Erklärung in krankhaften
Störungen, die entweder bald wieder behoben werden oder früher oder später zum Absterben des Gesamtorganismus
führen müssen. Jedes Organ existiert zwar für sich, aber gleichzeitig und in noch viel höherem Maße für die Gesamtheit,
aus der es seine Lebenskräfte zieht. Und darum sind seine besonderen Funktionen nicht bloß durch seine individuelle
Existenz, sondern auch durch die Existenz des Ganzen bestimmt und dieser angemessen.
Nun mag es Genossen geben, die eine Tätigkeit in kleinen anarchistischen Ideengruppen einer solchen in größeren
gewerkschaftlichen Verbänden vorziehen. Das ist ihr gutes Recht und ich habe gegen die Kameraden, die einen solchen
Weg einschlagen, durchaus nichts einzuwenden. Aber geben Sie sich ja nicht der Täuschung hin, daß Sie in diesen
kleinen Organisationen ihrer Pflichten gegen die Gesamtheit behoben sind. Auch in der kleinsten Gruppe werden Sie
gewisse Entscheidungen treffen und mit anderen Gruppen in Verbindung treten müssen. Und dazu sind Beschlüsse nötig,
und nötig ist, daß diese Beschlüsse gehalten und ausgeführt werden. Ist das nicht der Fall, so wird das eintreten, was wir
leider schon so oft erleben mußten: Konferenzen und Kongresse werden auseinandergehen wie das Hornberger Schießen,
und wir werden jahraus und jahrein immer wieder dieselben Probleme wiederkäuen und erörtern müssen, die uns die
praktische Notwendigkeit aufzwingt, ob wir nun wollen oder nicht. Was dabei herauskommt .wissen Sie so gut wie ich:
Mutlosigkeit unter den Genossen, geistloser Dogmatismus und pessimistische Anwandlungen aller Art.
Wenn Sie mir nun die Frage stellen, ob der Föderalismus auch wirklich ein vollkommenes und unfehlbares Prinzip in
sich .schließe, so habe ich bereits schon früher bemerkt, daß das nicht der Fall ist. Es gibt eben nichts Vollkommenes auf
dieser Erde, und es wäre ein törichter Wahn, zu glauben, daß es irgendein Allheilmittel für alle Mängel und Gebrechen
gebe. Nein, das ist ausgeschlossen, Kameraden; auch der Föderalismus hat seine Schwachheiten, denn er ist
Menschenwerk und kann wie alles andere seine Abstammung nicht verleugnen. Aber die praktische und geschichtliche
Erfahrung hat uns bewiesen, daß er von allen Organisationsformen die relativ vollkommenste ist, indem er es verstanden
hat, die Initiative und das Persönlichkeitsgefühl des Einzelwesens mit dem Zusammengehörigkeitsinstinkt der Gattung
harmonisch zu vereinigen. Und darin besteht gerade seine geistige und gesellschaftliche Ueberlegenheit dem geistlosen
Prinzip des Zentralismus gegenüber, bei dem jedes Ding ins rein Mechanische umschlägt.
Nachdem die große föderalistische Kulturperiode in Europa, die über fünfhundert Jahre währte, im 15. und 16.
Jahrhundert endgültig zu Grabe geläutet war, ging aus ihren Trümmern etwas Neues hervor. Andere Erscheinungen traten
in den Vordergrund des gesellschaftlichen Lebens, die sich allmählich und von kurzen Abständen unterbrochen ihren
Weg in die Wirklichkeit zu bahnen verstanden. Der Untergang der alten föderalistischen Gesellschaft war durch
verschiedene Ursachen bedingt; doch war es, daß wir es gleich sagen, ein gewaltsamer Untergang und kein allmähliches
Absterben, wie die meisten unserer Historiker fälschlich behauptet haben. Kropotkin ist vollständig im Recht, wenn er
sagt, daß man die Hinrichtung eines Menschen dann ebensogut als ein natürliches Sterben bezeichnen könne. Große
Invasionen fremder Völker im Osten und Südwesten Europas und die mit diesen verbundenen langjährigen Kriege und
Eroberungen haben diesen großen Untergang eingeleitet und allmählich eine neue Form der gesellschaftlichen
Organisation ins Leben gerufen, welche der alten vollständig entgegengesetzt war. Dazu kamen noch neue
Klassenbildungen und frühkapitalistische Einflüsse im Schoße der alten Gesellschaft, welche den Prozeß ihres
Niedergangs beschleunigten. Die moderne Staatsperiode nahm ihren Anfang und zusammen mit ihr entwickelte sich das
Prinzip der gesellschaftlichen Zentralisation.
Schon im Schoße der alten Städte, in der Periode ihres kulturellen Verfalls, entstanden die ersten Formen des
Kapitalismus und zusammen mit diesem trat auch der Staat in die Erscheinung als der politische Beschützer eines neuen
Wirtschaftssystems, das auf der planmäßigen und systematischen Ausbeutung der breiten Massen begründet war. Und da
es in der Natur der kapitalistischen Wirtschaft lag, immer breitere Gebiete ihrem Einfluß dienstbar zu machen, so mußte
auch der Staat allmählich immer ausgedehntere Formen annehmen. So wurde unter fortwährenden Kämpfen und
endlosen blutigen Kriegen der moderne Großstaat, der sogenannte Nationalstaat geboren. Der Staat zerstörte gewaltsam
die alten Institutionen, in denen sich sozusagen die Freiheit und Selbständigkeit der alten Bünde verkörpert hatten. Wo
dies nicht auf einmal geschehen konnte, geschah es nach und nach in kurzen Abständen, aber stets mit der Absicht, die
letzten unbequemen Reste der alten föderalistischen Gesellschaftsformen bei der nächsten Gelegenheit von Grund aus zu
vertilgen.
Während früher das Leben aus Millionen verschiedenen Punkten in den gesellschaftlichen Organismus hineinströmte
und alles mit brausender und schöpferischer Tätigkeit erfüllte, konzentrierten sich nunmehr die- gesellschaftlichen
Energien in den Hauptstädten der neu entstandenen Staaten, um von dort in künstlichen Kanälen weiter geleitet zu
werden. An Stelle der reichen Buntfarbigkeit des föderalistisch eingestellten Gesellschaftslebens trat die nüchterne und
starre Einheit des geistlosen Schemas und der verknöcherten Schablone; an Stelle der lebendigen Organisation die tote
Mechanisierung der Kräfte. Die Bevormundung der zentralen Macht ergriff allmählich alle Sphären des
gesellschaftlichen Lebens und vernichtete systematisch die letzten Spuren kommunaler Autonomie und Selbständigkeit.
Die Gilden wurden aller ihrer alten Rechte beraubt und konnten bloß noch in der Gestalt kastrierter Zünfte, denen man
alle ehemaligen Funktionen genommen hatte, ein kümmerliches Dasein fristen. An den Platz der alten Gildengerichte
traten die Staatsgerichtshöfe mit ihren vom Staate angestellten Richtern. Wie die Kirche ihre Theologie hatte, so schuf
der Staat eine neue Theologie des „Rechtes" — die Jurisprudenz, in der alle natürlichen Rechtsbegriffe ebenso
hoffnungslos erstarben, wie jede religiöse Inspiration in den öden Irrgängen der sogenannten Gottesgelehrtheit. Das alte
Gewohnheitsrecht wurde verdrängt durch die Paragraphenweisheit der Gesetze. Wo früher die Interessen der Gesamtheit
zur Geltung kamen, machte sich nun die sogenannte Staatsräson breit, welche den Sonderinteressen der privilegierten
Klassen als Aushängeschild dienen mußte.
Durch ein kompliziertes Steuersystem, das in Wahrheit nichts anderes war und ist, als die legalisierte Ausplünderung der
Massen, zentralisierte der Staat gewaltige finanzielle Machtmittel in seinen Händen, die er angeblich zum Schutze seiner
Bürger, in der Wirklichkeit aber für die Verteidigung seiner eigenen Interessen verwendete. Der gewöhnliche Untertan
wurde zum toten Rad in einem ungeheuren Mechanismus, der von den Inhabern der zentralen Macht in Bewegung
gesetzt wurde, um seine volksfeindlichen Aufgaben zu erfüllen. Wo früher die persönliche Erwägung und das
gegenseitige Übereinkommen eine Stätte hatten, herrschte von nun an der blinde Befehl von oben, der keinen
Widerspruch duldet und blinden Gehorsam von unten fordert.
Der moderne Vertretungsstaat hat alle diese Uebel auf die Spitze getrieben und das Gesetz zum Gegenstand eines neuen
Kultus gemacht, wie er in dieser Form nie zuvor in der Geschichte existierte. Schon die geistigen Vorläufer der großen
französischen Revolution waren, von wenigen Ausnahmen abgesehen, von einer förmlichen Gesetzwütigkeit besessen.
So erklärte Montesquieu, daß die Freiheit des Bürgers nur im Rahmen des Staates bestehen könne und ausschließlich
durch die Gesetze gewährleistet werde; ja, daß sich der Begriff der Freiheit in den vier Worten erschöpfe: „Gehorsam vor
dem Gesetz". Und Rousseau, der auf die leitenden Männer der Revolution wohl den größten Einfluß ausübte, war von
dem Wahnglauben an die Allmacht der Gesetze so benebelt, daß er schreiben konnte: „Derjenige, welcher es unternimmt,
einem Volke Institutionen zu geben, muß die Kraft in sich fühlen, sozusagen die menschliche Natur zu verändern, jeden
einzelnen umzubilden, die Verfassung des Menschen zu verändern, um sie zu stärken, m i t e i n e m W o r t e, e r m u ß
d e m M e n s c h e n s e i n e e i g e n e n K r ä f t e n e h m e n u n d i h m f r e m d e g e b e n.“
Dieser unheimliche Glaube an die Macht der Gesetze und an die schier übermenschliche Mission des Gesetzgebers zieht
sich wie ein roter Faden durch alle Reden und Kundgebungen der jakobinischen Staatsmänner und macht dieselben für
Menschen mit freiheitlichen Regungen fast ungenießbar. — „Der Gesetzgeber befiehlt der Zukunft", rief St. Just dem
Convent zu, „seine Sache ist es, das Gute zu wollen, seine Aufgabe, die Menschen so zu machen, wie er will, daß sie
seien".
Der Jakobinismus hat nicht nur dem französischen Volke unter dem Schlagwort der „einen und unteilbaren Republik"
neue Ketten angelegt, er hat auch das System der Zentralisation auf die Spitze getrieben und geradezu verhängnisvoll auf
die ganze spätere Epoche der europäischen Entwicklung gewirkt. Es war nicht Napoleon, welcher dieses System des
extremsten Zentralismus geschaffen hatte, wie so oft behauptet und sogar heute noch, gedankenlos wiederholt wird.
Napoleon hatte vielmehr das zentralistische System von den Jakobinern und dem unter ihrem Einfluß stehenden Convent
als Erbschaft übernommen und gab demselben bloß noch jene besondere militärische Fassung, die für die Zeit seiner
Regierung so überaus bezeichnend ist. So hatte der Jakobinismus durch seine ungeheuerliche Zentralisation aller
politischen und gesellschaftlichen Dinge der Säbeldiktatur des korsischen Abenteurers direkt den Weg gebahnt und
dieselbe in jeder Weise vorbereitet. Wohl widersetzten sich die revolutionären Volkskräfte in den Städten und besonders
auf dem flachen Lande mit der äußersten Energie diesem allgemeinen Nivellierungsprozeß und der Kampf zwischen der
zentralen Macht und den Kommunalverwaltungen der Städte nahm sehr oft einen sehr heftigen Charakter an, besonders
in Paris, wo die Gemeindeverwaltung einen überaus fruchtbaren Einfluß auf den Gang der revolutionären Ereignisse
ausübte. Diesem hartnäckigen Widerstand der Gemeinden gegen die zentralistischen Bestrebungen des von den
Jakobinern beherrschten Convents ist es in allererster Linie zu danken, daß die Revolution überhaupt imstande war, das
feudale Regime so vollständig zu zertrümmern und nicht auf halbem Wege stecken blieb.
Erst nach, der blutigen Austilgung der besten und weitgehendsten revolutionären Kräfte im März 1794 trat bei dem
Volke, das allmählich alle Illusionen verloren hatte, eine allgemeine Erschöpfung ein, und die wenigen Versuche, die
nach dem 9. Thermidor von einer Handvoll energischer Revolutionäre noch gemacht wurden, um den rebellischen Geist
der Massen wieder zu entflammen, fanden kaum noch ein Echo in den Vorstädten der Arbeiter. Auf diese Weise brauchte
Napoleon später bloß noch die reife Frucht vom Baume zu schütteln, die ihm fast mühelos in den Schoß fiel. Daß dem
Manne, der sich daran gewöhnt hatte, mit Menschen wie mit Schachfiguren zu spielen und der den wahnsinnigen
Grundsatz! vertrat, „daß es nichts auf der Welt gäbe, das nicht mit einer starken Armee durchgeführt werden könnte", der
Zentralismus als das idealste System einer gesellschaftlichen Ordnung erscheinen mußte, war nur - selbstverständlich.
Das Gehirn dieses ehemaligen Jakobiners, das nur auf den Befehl von oben und den blinden Gehörsam von unten
eingestellt war, war für jede andere Vorstellung unempfänglich; denn ebenso wie Robespierre und St. Just war auch ihm
jede gesellschaftliche Frage nicht mehr wie ein mathematisches Problem, welches durch die Gesetzgebung des Staates
gelöst werden konnte.
Gesetz und Dekret wurden zum Fetisch der zentralistischen Periode, die jedes Uebel heilen sollten, und wo die
menschliche Natur sich gegen den ihr angetanen Zwang aufbäumte, mußten die Guillotine und die militärische
Exekution nachhelfen, bis der gesellschaftliche Automat widerstandslos dem Drucke von oben gehorchte. Man
zentralisierte alles: die Regierung, die Gesetzgebung, die öffentliche Erziehung, ja sogar den gesetzlichen Mord aus
Gründen der Staatsräson in der Gestalt des sogenannten „revolutionären Terrors". Die alte Kommunalverwaltung wurde
durch die Staatspräfektur ersetzt, welche von Paris aus in Bewegung gesetzt wurde. Jede lokale Selbständigkeit wurde
systematisch unterbunden und ausgeschaltet. Der Staat mischte sich in alle Angelegenheiten des öffentlichen Lebens ein
und reglementierte durch seine ausführenden Organe jede Regung desselben. Die persönliche Initiative mußte einer
geistlosen bürokratischen Routine den Platz räumen, die alles der blinden Schablone ihrer blöden Formalität unterwarf.
Was der Convent begonnen hatte, das wurde von Napoleon vollendet. So kam es, daß, wenn jemand eine
Dampfmaschine aufstellen wollte, er vorher sage und schreibe 289 verschiedene Bedingungen zu erfüllen hatte, die von
der Zentralbehörde mit peinlichster Genauigkeit vorgeschrieben waren. Und dies ist nur ein Beispiel zwischen tausend
anderen. Der Wahn, alles durch Gesetze regeln zu können, der jedem zentralistischen System zugrunde liegt, lähmte
nicht bloß jede schöpferische Initiative der gesellschaftlichen Kräfte, er führte auch zu einer brutalen
Unmündigkeitserklärung der einzelnen Gesellschaftsmitglieder und wurde zum stärksten Bollwerk gegen jede wahrhaft
kulturelle Entwicklung. Wie der Glaube an die göttliche Vorsehung, ohne deren Willen angeblich kein Haar von unserem
Kopfe fällt, jedes Vertrauen des Menschen in seine eigene Kraft untergräbt, mit derselben unheimlichen Sicherheit
zerstörte der Wunderglaube an die Vorsehung der Gesetze und die Allmacht des Staates systematisch jede selbständige
Regung, jede eigene Initiative im Menschen. Ein solcher Zustand aber war noch stets ein Zeichen geistigen
Niederganges und eine künstliche Brachlegung aller vorwärtsdrängenden Kräfte in der Gesellschaft.

Die blöde Einwendung, daß eine Tätigkeitsbeschränkung der einzelnen Gesellschaftsglieder für das Wohl und Gedeihen
des Gesamtorganismus unumgänglich nötig sei, ist ungefähr von derselben geistigen Qualität, als wenn ein Physiologe
etwa behaupten wollte, daß die Gesundheit unseres Körpers nur durch eine künstliche Beschränkung der. Funktionen
unserer einzelnen Organe gewährleistet werden könne. Und doch wissen-wir, daß gerade das Gegenteil richtig ist Je
vollkommener und ungehemmter jedes Organ seine ihm eigentümliche Tätigkeit auszuüben imstande ist, desto
blühender ist das Befinden des Gesamtorganismus. Jede einigermaßen erhebliche Störung in der Funktion einszelner
Organe führt unwiderruflich zu einer Schwächung des ganzen Körpers und, falls dieselbe nicht behoben werden kann,
zur raschen oder allmählichen Auflösung desselben.
Der Zentralismus ist jenes System der gesellschaftlichen Organisation, wo das Wohl und Wehe aller der höheren
Weisheit einiger Auserwählten anvertraut ist, anstatt in jedem von uns seinen natürlichen Beschützer zu finden. Das
eigentliche Tun und Treiben dieser Auserwählten bleibt dem „beschränkten Unterstanenverstand" meistenteils verborgen;
und es ist gerade diese verborgene Wirksamkeit, die kein Uneingeweihter zu kontrollieren in der Lage ist, welche noch
stets der Urquell alles blinden Glaubens an die Unfehlbarkeit der Autorität gewesen ist, der um so mächtiger
emporschießt, je mehr das Vertrauen in die eigene Kraft verschwindet. Das rein Menschliche verschwindet im
Heiligenschein der Institution. Wie der Gläubige nicht mehr imstande ist, sich den Priester rein als Mensch vorzustellen
und ihn stets vom Abglanz göttlicher Autorität umflossen vor sich sieht, so vergißt auch der einfache Untertan hinter dem
Gesetzgeber den Menschen mit allen seinen Vorzügen und Schwachheiten und erblickt ihn stets im Glorienschein einer
höheren Macht.
Es ist an und für sich ganz belanglos, ob das zentralistische System sich den Kaisermantel Napoleons um die Schultern
wirft, oder ob es in der demokratischen Toga einherstolziert, unter welcher das Jakobinertum seine Blößen zu verbergen
suchte; die Ergebnisse sind in allen Fällen dieselben, wie wir heute wieder in Rußland sehen müssen. Tatsache ist, daß
der moderne Zentralismus, der bereits in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts seine Schatten vorauswarf, und später
während der französischen Revolution und unter dem ersten Kaiserreich seinen vollendetsten Ausdruck gefunden hat, im
Laufe des vergangenen Jahrhunderts überall Eingang fand und die ganze geistige Entwicklung Europas in der
verhängnisvollsten Weise beeinflußt hat. Bis tief in die Kreise der modernen Arbeiterbewegung hinein erkennen wir die
Spuren dieses verderblichen Systems, welches der ganzen geistigen Einstellung der europäischen Völker ein besonderes
Gepräge verliehen hat.
Von dem Jakobinismus hat auch die erste sozialistische Bewegung in Frankreich den Zentralismus übernommen und
zusammen mit ihm den Wunderglauben an die Allmacht der Gesetze. Babeuf und die kommunistische Schule, die sich
um ihn geschart hatte, waren aus dem Schoße des Jakobinertums hervorgegangen, von dessen Anschauungsweise sie
ganz und gar beherrscht wurden. Sie betrachteten die Gesellschaft als ein mechanisches Gebilde, dem man jede beliebige
Form geben konnte, solange man die politischen Machtmittel in seiner Hand hatte. So wurde die Eroberung der
politischen Macht zum stehenden Dogma aller sozialistischen Parteien, die im Laufe der späteren Entwicklung auf der
Bildfläche der Geschichte erschienen sind. Der ganze Streit, der zwischen diesen Parteien stets herrschte, drehte sich
hauptsächlich um die Frage, auf welche Weise man sich in den Besitz der politischen Macht setzen könnte. Während die
direkten Nachkommen Babeufs, die sogenannten Babouvisten und. wie sie später genannt wurden, die Blanquisten, von
der Ueberzeugung ausgingen, daß man mittels revolutionärer Handstreiche die öffentliche Macht sich aneignen könne,
vertraten Männer wie Louis Bianc, Vidal, Pecqueur, um nur die hervorragendsten von ihnen zu nennen, den Standpunkt,
das dies nur mit der Hilfe des allgemeinen Wahlrechts möglich sei. Beide Richtungen aber gingen ganz konform in ihrem
Glauben, den Sozialismus mit der Hilfe des Staates und einer entsprechenden Gesetzgebung von oben her durchführen
zu können. Pecqueur und Vidal hatten sogar bereits schon ein solches Gesetzbuch, eine Art sozialistischen Code
Napoleon, entworfen, um für den großen Moment in jeder Weise gerüstet zu sein.
Daß dieser Wahnglaube übrigens heute noch nicht verschwunden ist, das beweist uns das verhängnisvolle Experiment
des Bolschewismus in Rußland, der den alten Babouvismus wieder zu neuem Leben erweckte. In Rußland ist der
Sozialismus, ist die Revolution an diesem Glauben gescheitert, der ursprünglich, ohne Zweifel, von den ehrlichsten
Motiven getragen wurde. Wie die Staatssozialisten der 30er und 40er Jahre, so waren auch die Bolschewisten fest davon
überzeugt, daß man durch eine diktatorische Regierungsgewalt und eine straffe zentralistische Zusammenfassung aller
gesellschaftlichen Kräfte, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen, den Kommunismus von oben her
dekretieren könne. Aus diesem Grunde zerstörte man systematisch alle Institutionen, welche der Initiative des Volkes
entsprungen waren oder verwandelte sie in einfache Organe des Staates, was auf dasselbe herauskam. Auf diese Weise
wurde die fruchtbare Genossenschaftsbewegung Rußlands gewaltsam vernichtet, weil es der Staat nicht dulden konnte,
daß ohne die offizielle Vermittlung seiner Kommissare noch andere Beziehungen zwischen Stadt und Land bestehen
sollten. Erinnert dieses Vorgehen nicht stark an jenen berüchtigten Beschluß des französischen Convents, der die
Korporationen der Arbeiter unter Androhung der Todesstrafe untersagte, mit der Begründung, daß man einen „Staat im
Staate" nicht dulden könne?
Und doch wären gerade die Genossenschaften mit ihren zahlreichen Verzweigungen und ihren wertvollen
administrativen Kenntnissen ein wichtiges Element gewesen für die Reorganisation der Wirtschaft auf einer wahrhaft
sozialistischen Grundlage. Und ebenso zerstörte man die Gewerkschaften und die Sowjets, die aus dem Volke direkt
hervorgegangen waren, oder besser gesagt, man unterband jede schöpferische Initiative derselben, beseitigte ihre
ursprüngliche Selbständigkeit und gliederte sie als untergeordnete Organe- der Regierungsmaschinerie ein. Man
schreckte vor keinem Mittel zurück, um alle Hindernisse, welche der zentralen Macht entgegenstanden, aus dem Wege
zu räumen, und die etwa das große Werk der kommunistischen Regeneration der russischen Gesellschaft gefährden
konnten. Jede Opposition wurde rücksichtslos unterdrückt, jedes freie Wort in Ketten geschlagen. Die gesamte Presse
wurde lediglich auf die offiziellen Organe des Staates reduziert, das Koalitionsrecht der Arbeiter aufs gehoben, jeder
Streik untersagt und die sogenannte militärische Mobilisation der Arbeit eingeführt. Ein ungeheuerlicher Apparat der
Spionage und des furchtbarsten Polizeidespotismus wurde errichtet, der alle Welt in Schrecken versetzt und dem kein
Privatgeheimnis heilig ist. Tausende der besten revolutionären Elemente wurden an die Wand gestellt oder in die
Gefängnisse der Tscheka geworfen; andere mit Kind und Kegel aus dem Lande verbannt, in dem sie geboren waren, und
ins Ausland gehetzt. Niemals gab es einen zentralen Staat, der solche unbeschränkten Machtvollkommenheiten gegen
seine Untertanen in seinen Händen zu vereinigen wußte. Und das Ergebnis? Die Monopolisierung der öffentlichen
Gewalt in den Händen einer Kamarilla, die nur die Minorität einer Minorität repräsentiert und sich den hochtönenden
Titel „Diktatur des Proletariats“ beilegte, und der hoffnungslose Bankrott des Sozialismus auf jedem praktischen
Gebiete.
Der englische Historiker Thomas Buckle bemerkte einmal, daß von allen Gesetzen diejenigen die besten gewesen seien,
durch welche frühere Gesetze abgeschürft wurden. Mit diesen Worten hatte Buckle nicht nur einer tiefen Wahrheit
Ausdruck gegeben, er hat auch damit den eigentlichen Charakter des Gesetzes vollständig enthüllt. Das Gesetz kann im
besten Falle nur rein negativ wirken, nie positiv. Es kann Altes zerstören, um minder Schlechtes oder Schlechteres an
seine Stelle zu setzen, niemals aber kann es Neues schauen und fruchtbare Keime zur Entwicklung bringen, da ihm jede
schöpferische Kraft versagt ist. Wahrhaft Schöpferisches kann nur aus freier Initiative und gegenseitiger Vereinbarung
hervorgehen. Geistloser Zwang und brutale Gewalt sind die schlimmsten Feinde jeder schöpferischen Tätigkeit. Es war
das schnöde Vers kennen dieser tiefen Wahrheit, welches die unheimliche Staatsgläubigkeit des modernen Menschen
verursacht hat, die alles von der Allmacht der Gesetze und der geistlosen Routine einer zentralen Macht erwartet.
Sogar diejenigen unserer Zeitgenossen, die, wie Marx und die bunte Schar seiner in zahllose Richtungen gespaltenen
Anhänger, der Meinung sind, daß der Staat mit allen seinen Attributen aus der zukünftigen Entwicklung der Menschheit
verschwinden werde, glauben nichtsdestoweniger an die umgängliche Notwendigkeit desselben in der Zeit der
Revolution und für die Phase des sogenannten „Uebergangs". Aber auch diese Ansicht beruht auf durchaus falschen
Voraussetzungen und rein bürgerlichen Ideengängen. Denn die Geschichte kennt keine „Uebergangsperioden", sondern
lediglich primitivere oder höhere Formen der Entwicklung. Jede neue Gesellschaftsordnung ist in ihren ursprünglichen
Ausdrucksformen naturgemäß primitiv und unvollendet; aber nichtsdestoweniger müssen alle Anlagen ihrer ganzen
zukünftigen Entwicklung schon in allen ihren späteren Entfaltungsmöglichkeiten in jeder ihrer neugeschaffenen
Institutionen gegeben sein, ebenso wie in einem Embryo bereits das ganze Tier oder die ganze Pflanze vorhanden sind.
Jeder Versuch, einer neuen Ordnung der Dinge wesentliche Bestandteile eines alten, in sich selbst überlebten Systems
einverleiben zu wollen, hat bisher stets zu denselben negativen Ergebnissen geführt: entweder wurden solche Versuche
von der neuen Entwicklung der sozialen Lebenserscheinungen bald im Anfang vereitelt, oder aber die zarten Keime und
Ansätze des Neuen wurden von den starren Formen des Gewesenen so stark eingeengt und in ihrer natürlichen
Entfaltung gehemmt, bis sie allmählich wieder verkümmerten und ihre innere Lebensfähigkeit absterben und zugrunde
gehen mußte.
Aber auch für die Zeit der unmittelbaren Revolution ist die Errichtung einer zentralen Regierung und in noch viel
höherem Maße die Errichtung einer Diktatur, die ja nur die.höchste Ausdrucksform des zentralistischen Prinzips
verkörpert, das gefährlichste Hindernis für jeden wahrhaft revolutionären Fortschritt. Indem man der Revolution
sozusagen Zügel anlegt und alle Kräfte nach einem bestimmten Ziel zu dirigieren versucht, wird der Entfaltung der
schöpferischen Volksinstinkte, die allein imstande ist, der Revolution die nötige Schwungkraft zu geben, ein künstlicher
Damm entgegengesetzt, an dem, falls er stark genug ist, jedes freiheitliche Streben zerschellen muß. Die Mitglieder einer
solchen zentralen Körperschaft, auch wenn sie vorher die besten Revolutionäre gewesen sind, verlieren allmählich jede
direkte Fühlung mit dem Volke und stehen der eigentlichen Triebkraft der revolutionären Ereignisse weltfremd
gegenüber. Da ihre ganze Aufmerksamkeit von der Zentralisation aller Kräfte in Anspruch genommen ist, so wird ihnen
der tote Mechanismus der Dinge, dem man jede beliebige Gestalt geben kann, zum erstrebenswerten Ziel, hinter dem das
eigentliche Leben mit seinen unendlichen Verschiedenheiten zurücktreten muß. Aus diesem Grunde muß ihnen jede
selbständige Regung, jeder Impuls, der vom Volke selbst ausgeht, als eine feindliche Kraft erscheinen, die ihre
künstlichen Kreise stört; und wenn diese unkontrollierbare Kraft keine Vernunft annehmen und sich nicht freiwillig dem
Diktat von oben unterwerfen will, so muß sie eben mit Gewalt zum Schweigen gebracht werden und zwar im Namen
„höherer Interessen", die angeblich auf dem Spiele stehen. Man fühlt sich als die persönliche Verkörperung dieser
„höheren Interessen", und indem man andere zu Automaten macht, wird man selbst zum Automat. Der Mensch
Robespierre sprach in leidenschaftlichen Worten gegen die Institution der Todesstrafe, aber Robespierre, der Diktator,
machte die Guillotine zum Altar des Vaterlandes, zum Reinigungsapparat der Tugend.
Allein das zentralistische System übt nicht bloß seinen verderblichen Einfluß auf die Menschen, welche die Hebel des
zentralen Apparats in Händen halten, es wirkt sich auch bei der breiten Masse des Volkes in derselben verhängnisvollen
Weise aus, indem es das natürliche Verantwortlichkeitsgefühl des Einzelwesens untergräbt und allmählich ganz
ausschaltet. Das Gefühl der persönlichen Verantwortlichkeit ist ein natürliches Ergebnis unseres gesellschaftlichen
Zusammenlebens. Das geflügelte Wort: „Tue jenem nicht, was du nicht willst, das man dir tue", welches die
verschiedensten Religionen für ihre Begründer in Anspruch nehmen, ist keine Erfindung eines einzelnen, sondern ein
natürliches Resultat des sozialen Zusammengehörigkeitsinstinkts, der seit Jahrmillionen in uns lebt, und dem der eine
oder der andere unter uns jenen ebenso schlichten als tiefen Ausdruck verleihen konnte.
Solange sich die Menschen in freien Bünden zusammenschlossen, um ihre Angelegenheiten und ihre gegenseitigen
Interessen selbst zu regeln, war das Verantwortlichkeitsgefühl des einzelnen die natürliche Basis aller Beschlüsse und
Entscheidungen. Aber mit dem Siege des Staates und des zentralistischen Machtprinzips trat auch hier eine
entscheidende Aenderung zutage. Der einzelne wurde Werkzeug einer Machteinrichtung, die man ihm gewaltsam
aufgezwungen hatte, und die nunmehr die Regelung der Angelegenheiten aller in die Hände nahm und zwar in einer
Weise, daß ihr der Einzelmensch gewissermaßen nur noch als Medium für die Verfolgung ihrer Zwecke diente. Damit
erhielt aber auch das Verantwortlichkeitsgefühl des einzelnen einen bedenklichen Stoß, denn indem er nunmehr
gezwungen war, den Befehlen von oben Folge zu leisten, mochte er dieselben nun billigen oder nicht, mußte er auch die
Verantwortlichkeit für seine Handlungen jenen überlassen, von denen er seine Befehle zu empfangen pflegte; denn eine
Verantwortlichkeit ohne Selbstbestimmungsrecht über die zu begehenden Handlungen konnte nicht bestehen.
Bei dem modernen Militarismus, der das nec plus ultra jedes Zentralismus ist, können wir diese grauenvolle Erscheinung
am besten beobachten. Hier ist der Mensch nicht mehr wie eine Maschine, der jedem Befehl seines Vorgesetzten
sozusagen unter Ausschaltung seines eigenen Gehirns blind Folge leisten muß. Er ist gezwungen, auf Grund eines
solchen Befehls die schlimmsten Verbrechen zu begehen, ohne daß ihm die ganze Scheußlichkeit seines Handelns auch
nur annähernd zu Bewußtsein kommt. Derselbe Mensch, der im gewöhnlichen Leben keiner Fliege etwas- zuleide tun
könnte, wird zum greulichsten Mörder und Brandstifter, wenn er von oben dazu kommandiert wird. Er verwandelt sich
dann in einen Automaten aus Fleisch und Blut, sticht mit dem Bajonett, schießt mit dem Gewehr mit derselben
mechanischen Folgerichtigkeit, wie ein Automat aus Eisen Schokolade oder Zigaretten ausspeit, sobald der Hebel die
Münze niederdrückt.
Mit derselben- automatischen Selbstverständlichkeit befördert der Henker einen Menschen, den er nie gesehen hat, vom
Leben zum Tode, legt der Richter den Finger auf seinen Codex und spricht sein Schuldig über unglückliche
Menschenbrüder aus, wird der schwärzeste Verrat zur vorbildlichen Tugend, sobald er im sogenannten höheren Interesse
begangen wird. Jedes Gefühl wahrer Menschlichkeit erstirbt vor diesem mechanischen Bewußtsein, jede innere
Beziehung von Mensch zu Mensch tritt in den Hintergrund, um einer starren, geistlosen Disziplin den Platz zu räumen,
in dem Augenblick, wo die Paragraphenweisheit des Gesetzes in Aktion tritt. Die „Staatsräson", die „nationale Ehre", das
„Parteiinteresse" und tausend andere abstrakte Formeln, hinter denen sich stets die brutalen Interessen kleiner
Minderheiten verbergen, ersetzen die Stimme des Gewissens oder, besser gesagt, das persönliche
Verantwortlichkeitsgefühl, das dem inneren Triebe des Menschen entspringt und allen seinen Handlungen zugrunde
liegen sollte. Die systematische Ausschaltung und allmähliche Verkümmerung dieses kostbaren Gefühls, das sich seit
uralten Zeiten von einer Generation auf die andere vererbt hat, ist eine der verhängnisvollsten Erscheinungen der
zentralistischen Geisteseinstellung und führt unwiderruflich zur inneren Zersetzung des gesamten Gesellschaftslebens,
indem dadurch jede natürliche Bande des Einzelwesens mit der Gesamtheit künstlich unterbunden wird. Und dieses ist
vielleicht von allen Uebeln, die der Zentralismus erzeugt hat, das schlimmste.
Die meisten der großen Pioniere des Sozialismus, die in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auftraten, waren
mehr oder weniger stark von autoritären Ideen beeinflußt. Der geniale Saint Simon erkannte zwar mit großem
Scharfblick, daß wir einer Zeit entgegenschritten, wo die Kunst, Menschen zu regieren, durch die Kunst, Dinge zu
verwalten, abgelöst werden würde; allein seine Schüler gebärdeten sich dafür um so autoritätswütiger, bis sie endlich —
nicht zum Schaden des Sozialismus — von der Bildfläche des öffentlichen Lebens verschwanden. Fourier entwickelte in
seinem sozialen Sysitem einzelne wunderbare freiheitliche Gedankengänge, wie zum Beispiel die Theorie der
„atraktiven Arbeit", aber der Glaube, der Menschheit von oben her die Erlösung bringen zu können, war so tief bei ihm
eingewurzelt, daß er sich an alle möglichen Staatsmänner und Würdenträger der Kirche wendete und sie bat, einen
Versuch mit seinem System zu machen, ohne natürlich den geringsten Erfolg zu haben. Ueber das eigentliche Wesen der
sozialen Befreiung war er sich nie klar geworden und seine zahlreichen Schüler noch viel weniger. Cabets Traum war die
Verwirklichung einer kommunistischen Theokratie. Vidal und Pecqueur waren Staatssozialisten vom reinsten Wasser;
Louis Blanc und die Führer der babouvistischen Geheimorganisationen, wie Blanqui und Barbes, waren kommunistische
Jakobiner und glaubten an die Allmacht des Staates wie an ein Evangelium.
In England, wo William Godwin bereits im Jahre 1793 sein tiefgründiges Werk „Political Justice and its influence on
general virtue and happiness", das erste moderne theoretische Werk über den kommunistischen Anarchismus,
veröffentlicht hatte, war die sozialistische Bewegung der ersten Periode von viel freieren Ideen getragen als in
Frankreich, aber die Werke der William Thompson, John Grey usw. blieben den Sozialisten des Kontinents total
unbekannt. Robert Owens Kommunismus war eine seltsame Mischung von freiheitlichen und überlieferten autoritären
Ideen. Unter den wenigen sozialistischen Denkern jener Periode, welche versuchten, ihre sozialistischen Ideen auf einer
ausgesprochenen freiheitlichen und antistaatlichen Basis zu begründen, war Proudhon zweifelsohne der bedeutendste.
Seine Kritik der alten jakobinischen Ueberlieferungen, des Regierungswesens und des blinden Glaubens an die
Wunderkraft der Gesetze und der staatlichen Dekrete war eine befreiende Tat, die sogar bis heute noch nicht in ihrer
vollen Größe eingeschätzt wurde. Der Anarchist Proudhon hatte klar erkannt, daß der Sozialismus freiheitlich sein
müsse, wenn er überhaupt als Schöpfer einer neuen gesellschaftlichen Kultur in Betracht kommen sollte; in ihm brannte
die lodernde Flamme einer neuen Zeit, die er vorausahnte und deren soziale Gestaltung er im Geiste klar vor sich sah-
Proudhon war einer der ersten, welcher der politischen Metaphysik der Parteien die konkreten Tatsachen der Wirtschaft
entgegenstellte. Die Wirtschaft war ihm die eigentliche Basis des ganzen sozialen Lebens, und da er mit tiefer Schärfe
erkannt hatte, daß das Wirtschaftliche keinerlei äußeren Zwang verträgt, so verknüpfte er mit innerer Folgerichtigkeit die
Abschaffung der Wirtschaftsmonopole mit der Ausschaltung alles Regierungswesens aus dem Leben der Gesellschaft.
Für ihn war das Gesetz, um dessen Besitz die verschiedenen Parteien sich stritten, nur ein toter Fetisch, der bloß
zerstörend, aber nie schöpferisch wirken konnte: aus diesem Grunde mußte ihm die freie Vereinbarung als die einzige
moralische Bande aller gesellschaftlichen Beziehungen in einem Gemeinwesen von freien und gleichen Menschen
erscheinen.
„Sie wollen also die Regierung abschaffen?" fragte man ihn. „Sie wollen keine Konstitution? Wer wird dann die
Ordnung in der Gesellschaft erhalten? Was werden Sie an die Stelle des Staates setzen? An die Stelle der Polizei? An die
Stelle der großen politischen Gewalten?" — „Nichts", erwiderte er. „Die Gesellschaft ist die ewige Bewegung. Sie
braucht nicht aufgezogen zu werden, und es ist nicht notwendig, ihr den Takt zu schlagen; sie trägt ihr Pendel und ihre
Feder stets gespannt in sich. Eine organisierte Gesellschaft braucht ebensowenig Gesetze als Gesetzgeber. Die Gesetze
sind in der Gesellschaft wie das Spinngewebe im Bienenstock; sie dienen nur dazu, die Bienen zu fangen."
Proudhon hatte die Uebel des politischen Zentralismus in allen Einzelheiten erfaßt, und deshalb verkündete er als das
Gebot der Stunde die politische Dezentralisation und die Autonomie der Gemeinden. Er war der Hervorragendste unter
den Modernen, welche das Prinzip des Föderalismus wieder als Losung auf ihre Fahne geschrieben haben. Proudhon war
sich klar darüber, daß die Menschen nicht mit einem kühnen Salto mortale in das Reich der Anarchie gelangen konnten;
er wußte, daß die geistige Einstellung seiner Zeitgenossen, die sich im Laufe langer Jahre entwickelt hatte, nicht im
Handumdrehen verschwinden würde; aus diesem Grunde erschien ihm die politische Dezentralisation, welche dem
Staate mehr und mehr seiner Funktionen entziehen sollte, als das geeignetste Mittel, die Abschaffung jeglicher Regierung
des Menschen über den Menschen vorzubereiten und praktisch in die Wege zu leiten. Er glaubte, daß eine politische
Neugestaltung der europäischen Gesellschaft in der Form kleiner Gemeinwesen, die durch gegenseitige freie Verträge,
auf einer föderalistischen Basis untereinander verbunden sind, der verhängnisvollen Entwicklung der modernen
Großstaaten einen Damm entgegensetzen könne. Von diesem Gedanken geleitet, setzte er den nationalen
Einheitsbestrebungen Mazzinis, Garibaldis und so vieler anderer die politische Dezentralisation und den Föderalismus
der Gemeinden entgegen, als ein Mittel, um zu einer höheren kulturellen Einheit der europäischen Völker zu gelangen.
Es ist höchst bezeichnend, daß gerade die marxistischen Kritiker des großen französischen Denkers in diesem Versuch
einen Beweis für den „Utopismus" Proudhons zu entdecken glaubten, indem sie darauf hinweisen, daß die
gesellschaftliche Entwicklung trotzdem weiter auf dem Wege des Zentralismus fortgeschritten sei. Als ob dies ein
Argument wäre! Sind durch diese Entwicklung etwa die Schäden des Zentralismus, die Proudhon so meisterhaft
auseinandersetzte, beseitigt oder durch sich selbst überwunden worden? Nein, und tausendmal nein! Diese Schäden
haben sich geradezu ins Gigantische ausgewachsen und waren mit einer der Hauptfaktoren, die zu dem furchtbaren
Debacle des Weltkrieges geführt haben. Proudhon sagte alle Konsequenzen einer weiteren großstaatlichen Entwicklung
voraus; er machte seine Zeitgenossen auf die kommende Katastrophe aufmerksam und zeigte ihnen in derselben Zeit
einen Weg, wie man derselben begegnen könne. Daß sein Wort nur von wenigen gehört wurde und zuletzt wie eine
Stimme in der Wüste verhallte, war wahrlich nicht seine Schuld. Ihn darob einen Utopisten zu nennen, ist ein ebenso
billiges wie geistloses Vergnügen. Dann ist auch der Arzt ein Utopist, der aus den vorhandenen Ansätzen einer Krankheit
deren weitere Entwicklung voraussagt, und dem Patienten seinen Rat erteilt, wie er dem Verhängnis steuern kann. Es ist
gewiß nicht die Schuld des Arztes, wenn der Patient seinen Rat in den Wind schlägt und keinen Versuch macht, dem
Verhängnis zu entgehen.
Proudhons Formulierung des föderalistischen Prinzips war ein Versuch der Freiheit, der herannahenden Reaktion
entgegenzuwirken; und seine historische Bedeutung besteht gerade darin, daß er der Arbeiterbewegung Frankreichs und
aller übrigen romanischen Länder den Stempel seines Geistes aufgedrückt hat und ihren Sozialismus in die Bahn der
Freiheit und des Föderalismus leitete. Wenn der Staatskapitalismus in allen seinen verschiedenen Phasen und Abarten
einmal endgültig überwunden sein wird, wird man die wahre Bedeutung von Proudhons Geisteswerk erst richtig
einzuschätzen wissen.
Als nach dem Tode des französischen Denkers die Internationale Arbeiter-Assoziation ins Leben trat, war es der
föderalistische Geist der Romanen, welcher dem großen Arbeiterbunde erst seine eigentliche Bedeutung verlieh und ihn
zur Wiege der modernen sozialistischen Arbeiterbewegung Europas machte. Die Internationale selbst war .eine
Vereinigung von gewerkschaftlichen Organisationen und Ideengruppen, auf föderativer Basis begründet. Aus ihren
Reihen heraus entwickelten sich alle die großen und schöpferischen Gedanken einer gesellschaftlichen Regeneration auf
der Grundlage des freiheitlichen Sozialismus, die für «die geistige Einstellung des Bundes so überaus bezeichnend
waren. Und es waren fast ausschließlich die Sozialisten der romanischen Länder, welche diese Ideenentwicklung
inspiriert und befruchtet haben. Während die deutschen Sozialdemokraten jener Periode im sogenannten „Volksstaat" ihr
politisches Ideal der Zukunft erblickten und auf diese Weise die alten bürgerlichen Traditionen des Jakobinismus
fortpflanzten, begriffen die revolutionären Sozialisten der lateinischen Völker sehr wohl, daß ein neues
Wirtschaftssystem im Sinne des Sozialismus notwendigerweise auch eine ganz neue Form der politischen Organisation
erheischt. Sie begriffen auch, daß diese neue politische Organisation der Gesellschaft mit dem modernen Staatssystem
nicht nur keinerlei Gemeinschaft haben könne, sondern direkt die geschichtliche Ablösung desselben bedeute. So
entwickelte sich im Schoße der Internationale die sogenannte Räte-Idee, das heißt der Gedanke einer allseitigen
Verwaltung der gesellschaftlichen Produktion und Konsumtion durch die Produzenten selber in der Form freier, föderativ
miteinander verbundenen Wirtschaftsgruppen, deren Delegierte gleichzeitig die politische Vertretung der Gemeinde
repräsentieren sollten. Auf diese Weise sollte die Klasse der Berufspolitiker durch die Räte der Sachverständigen
verdrängt werden und die Gewaltpolitik des Staates der friedlichen Wirtschaftspolitik der Gemeinden weichen.
Um dieselbe Zeit hatte Bakunin das Prinzip des politischen Föderalismus in seiner bekannten Rede auf dem Kongreß der
Friedens- und Freiheitsliga in Genf (1867) scharf umrissen und besonders dessen Bedeutung für den Frieden unter den
Völkern hervorgehoben.
„Jeder zentralisierte Staat“, erklärte der große russische Revolutionär, „wie liberal er sich auch stellen oder sogar welch
republikanische Form er auch tragen möge, ist notwendigerweise ein Bedrücker, ein Ausbeuter der arbeitenden
Volksmassen zugunsten der privilegierten Klassen. Er braucht eine Armee, um diese Massen im Zaume zu halten und das
Vorhandensein dieser bewaffneten Macht treibt ihn zum Kriege. Daher komme ich zum Schlüsse, daß der internationale
Friede unmöglich ist, solange nicht das folgende Prinzip mit allen seinen Schlußfolgerungen angenommen ist: Jede
Nation, ob schwach oder stark, klein oder groß, jede Provinz, jede Gemeinde hat das absolute Recht, frei, autonom zu
sein, ihren Interessen und Privatbedürfnissen gemäß zu leben und sich zu verwalten, und in diesem Recht sind alle
Gemeinden, alle Nationen in dem Grade solidarisch, daß man dieses Prinzip in bezug auf eine einzige nicht verletzen
kann, ohne alle übrigen gleichzeitig in Gefahr zu bringen."
Der Aufstand der Pariser Kommune gab den Ideen der kommunalen Autonomie und des Föderalismus einen mächtigen
Aufschwung, besonders in den Reihen der Internationale. Indem Paris sich seiner zentralistischen Vorrechte über alle
anderen Gemeinden Frankreichs freiwillig begab, wurde die Kommune zum Ausgangspunkt einer ganz neuen
Bewegung, welche die Föderation der Gemeinden dem zentralistischen Einheitsprinzip des Staates entgegenstellte. Die
Gemeinde wurde die politische Einheit der Zukunft, die Basis für eine neue gesellschaftliche Kultur, die sich organisch
von unten nach oben entwickelt und nicht auf künstliche Weise den Menschen durch irgendeine zentrale Macht von oben
her automatisch diktiert wird. So entstand als soziales Vorbild der Zukunft eine neue Form der Organisation, in welcher
der Initiative der Persönlichkeit und der Gruppen der breiteste Spielraum gegeben war und in derselben Zeit der Geist
der Gemeinschaft und der allgemeinen Interessen in jedem Einzelwesen seinen lebendigen Ausdruck findet.
Während die staatssozialistisch und jakobinisch eingestellten Elemente innerhalb der Internationale den Zentralismus
auch weiterhin verteidigten, wurde der Föderalismus den freiheitlichen Elementen im Schoße des großen Arbeiterbundes
nicht nur zum politischen Ideal der Zukunft, sondern auch zur Basis ihres Organisationsprinzips in der Gegenwart; und
es war diese Tatsache, welche zu jenem inneren Kampfe zwischen Zentralisten und Föderalisten führte, an dem die
Internationale zugrunde gehen mußte. Der Versuch des Generalrats, der unter dem direkten Einfluß von Marx und Engels
stand, der Internationalen eine straffe zentralistische Form zu geben und dieselbe der Politik bestimmter Parteien
dienstbar zu machen, mußte natürlich auf den entschiedenen Widerstand der Föderalisten stoßen. Auf diese Weise wurde
jene große Spaltung innerhalb der modernen Arbeiterbewegung hervorgerufen, die bisher noch nicht überbrückt werden
konnte, da es sich um Gegensätze von entscheidender prinzipieller Bedeutung handelte.
Der politische Zentralismus aber hätte sich wahrscheinlich nie bis zu diesem Grade entwickeln können, wenn er nicht in
der modernen Großindustrie und ihren unmittelbaren Auswirkungen eine gewaltige Stütze gefunden hatte. Als die
kapitalistische Großindustrie in England zuerst in die Erscheinung trat, setzte zunächst eine unverkennbare Zentralisation
in den wichtigsten Produktionszweigen ein. Diese Zentralisation der Industrien an bestimmten Orten führte die Vertreter
der modernen Nationalökonomie zu ganz bestimmten Schlüssen. Man sah in derselben keine vorübergehende
Erscheinung, sondern vielmehr eine permanente Tatsache, die mit der ganzen Existenz der modernen Produktionsweise
eng verknüpft, ja das direkte Ergebnis derselben war. Für die großen Begründer der modernen Volkswirtschaftslehre
waren die Zentralisation der Industrien und die moderne Arbeitsteilung die Offenbarungen eines neuen Zeitalters voll
unbegrenzter Möglichkeiten; und so groß war der Eindruck der neuen Erscheinungen, daß man sich sogar im
sozialistischen Lager daran gewöhnte, in beiden die historisch notwendigen Vorbedingungen für die Verwirklichung des
Sozialismus zu erblicken. In der Wirklichkeit aber sind dies nur Vorbedingungen für die Existenz des kapitalistischen
Ausbeutungssystems, die im schärfsten Gegensatz zum Sozialismus stehen. Tausende von Symptomen auf allen
Gebieten unseres modernen Wirtschaftslebens zeigen uns heute, welch furchtbaren Wirkungen und Gefahren dieses
ungesunde System für die physische und geistige Entwicklung der Produzenten und für den normalen Bestand der
Gesellschaft: im allgemeinen in sich birgt. Das klaffende Mißverhältnis zwischen unserer Industrie und Landwirtschaft,
der unheilvolle Gegensatz zwischen geistiger und körperlicher Arbeit sind mahnende Zeugen dafür. Nicht Zentralisation,
sondern Dezentralisation der Industrie, nicht Arbeitsteilung, sondern Arbeitseinheit muß das Losungswort unseres
Wirtschaftslebens werden; nur in dieser Richtung geht der Weg zum Sozialismus.
Daß dieser Augenblick keine willkürliche Behauptung ist, sondern den konkreten Tatsachen unserer modernen
industriellen Entwicklung entspricht, dafür zeugen die stets vorwärtsschreitende Dezentralisation der Industrien und die
letzten Methoden der modernen Landwirtschaft. Es gab eine Zeit, wo man allgemein glaubte, daß die junge
Großindustrie nur an bestimmte Länder gebunden bleibe. Adam Smith und zahlreiche Nachfolger von ihm waren
felsenfest von der Richtigkeit dieser Idee durchdrungen. Aber die praktische Erfahrung hat uns bewiesen, daß diese
Ansicht eine falsche gewesen ist. Die moderne Großindustrie hat mehr und mehr alle Länder ergriffen, und jedes Volk
verfolgt heute die Tendenz, sich von der wirtschaftlichen Abhängigkeit des Nachbars freizumachen und industriell
selbständig zu werden. Und derselbe Prozeß setzt sich auch in den einzelnen Ländern fort; jede Provinz, jede besondere
Region sucht sich industriell möglichst selbständig zu machen. Berücksichtigt man in derselben Zeit noch die
Entwicklung der modernen Agrikultur, besonders auf dem Gebiete der intensiven Bodenkultur, so läßt sich klar
erkennen, daß unsere wirtschaftliche Entwicklung einen Weg eingeschlagen hat, der letzten Endes dazu führen wird, daß
jede Gemeinde möglichst selbständig ihre industriellen und landwirtschaftlichen Produkte herstellen wird. Gerade die
Verfeinerung unserer Technik und unserer Maschinerie, welche jeder Gemeinde die Anschaffung eines komplizierten
Werkzeugapparats heute möglich macht, ist die beste Garantie für die rationelle Zweckmäßigkeit dieser Entwicklung.
Peter Kropotkin hat uns in seinem glänzenden Werke: „Landwirtschaft,. Industrie und Handwerk" — eines der
hervorragendsten Werke, welches die gesamte sozialistische Literatur der letzten dreißig Jahre hervorgebracht hat — an
der Hand eines geradezu unerschöpflichen Tatsachenmaterials den Weg dieser Entwicklung klar vor Augen geführt.
Wenn unsere marxistischen Kritiker der verschiedenen Spielarten trotzdem immer wieder behaupten, daß die
revolutionären Syndikalisten und Anarchisten zur kleinbürgerlichen Produktionsweise einer vergangenen Periode
zurückkehren wollten, so beweist dies nur, wie tief sie selbst noch in den Dogmen der bürgerlichen Nationalökonomie
stecken geblieben sind, und daß sie sich von denselben ebensowenig befreien können wie von der Theorie des
politischen Zentralismus, der ebenfalls der bürgerlichen Ideenwelt entstammt.
Wenn Proudhon und Bakunin noch an der Zentralisation der Wirtschaft fest hielten, weil sie zu ihrer Zeit die weiteren
Perspektiven der industriellen Entwicklung noch nicht zu überschauen vermochten, so hat die wissenschaftliche
Forschung Kropotkins den Beweis erbracht, daß der Föderalismus auch auf wirtschaftlichem Gebiete möglich ist und uns
ganz neue Ausblicke in die Zukunft eröffnet. Gerade durch diese Ergebnisse der praktischen Untersuchung hat die
föderalistische Idee eines Bundes von freien und selbständigen Gemeinden erst ihre volle und ganze Bedeutung erlangt.
Gewiß gibt es gewisse Produktionszweige, wie zum Beispiel die Montanindustrie, die wohl stets an gewisse Gebiete
gebunden bleiben dürften; aber das ändert nichts an der allgemeinen Regel noch an der Tatsache, daß auch in solchen
Gegenden die produktive Tätigkeit der Menschen vollständig umgestaltet werden kann, sobald sie nicht länger der
Ausbeutung bestimmter Klassen in der Gesellschaft unterworfen ist.
Einer der wichtigsten Einwände, welche die Befürworter des Zentralismus in der modernen Arbeiterbewegung den
Föderalisten entgegenhalten, ist die landläufige Behauptung, daß der Föderalismus zu einer Zersplitterung der Kräfte
führe, die nur durch eine straffe Zentralisation zusammengehalten werden könnten. Als ob der Zentralismus jemals
imstande gewesen wäre, Spaltungen in der Bewegung zu verhindern, die durch die Logik der Tatsachen begründet
waren. Die Existenz der sogenannten Kommunistischen Parteien in den verschiedenen Ländern ist ein lebendiger Beweis
für das Gegenteil dieser Behauptung, Niemals zuvor ist der Zentralismus bis zu einem solchen Grade in einer Bewegung
kultiviert worden, wie dies innerhalb der Kommunistischen Parteien bisher geschehen ist. Nicht nur, daß der einzelne
einer eisernen Parteidisziplin unterworfen ist und alle Parolen, die von Moskau kommen, von den Parteien der einzelnen
Länder bedingungslos und ohne Widerspruch aufgenommen werden, sucht man auch auf Geheiß von oben durch
periodische „Säuberungen" die Partei vor jeder selbstständigen Regung grundsätzlich zu gewahren und ist stets bereit,
den Bannstrahl gegen jene zu schleudern, die das eigene Denken noch nicht ganz verlernt haben. Und das Resultat? Man
betrachte sich einmal jenen wüsten Trümmerhaufen gewesener Größe, der heute nur noch notdürftig durch finanzielle
Bande zusammengehalten werden kann. Der Spaltungsprozeß ist unter den modernen Kommunistischen Parteien eine
geradezu chronische Erscheinung geworden. An jedem Regentage eine neue Spaltung, trotz aller Disziplin, trotz aller
zentralen Machtbefugnisse der Parteileitung.
Aber das Tragischste ist, daß, sobald sich eine Minorität von der alten Partei abgerissen hat oder von derselben
ausgeschlossen wurde, sie bisher nichts Eiligeres zu tun hatte, als eine neue Zentrale ins Leben zu rufen und genau in
denselben Fußtapfen weiter zu wandeln wie die alte Partei. Unter den seltsamen Radierungen, die uns das unheimliche
Genie des großen Spaniers Francisco Goya geschenkt hat, befindet sich eine, die uns mit bleierner Schwere auf die Seele
fällt. In einer öden Gebirgslandschaft bewegt sich mit schweren Tritten und gebeugtem Nacken eine Kette von Menschen
auf einem schmalen Pfade, ein schweres Tau auf den Schultern tragend und einem unbekannten Ziele zustrebend. Aber
die Unglücklichen sind blind und bewegen sich andauernd in einem großen Kreise, so daß sie stets wieder auf derselben
Stelle anlangen, ohne daß sie eine Ahnung davon haben. An diese Zeichnung gemahnt uns uns willkürlich das tolle
Gebaren unserer Ultrazentralisten, die von demselben Machtfimmel besessen sind wie unsere militärischen Gewalthaber,
die da glauben, daß man mit lebendigen Menschen wie mit Schachfiguren agieren kann. Man sucht alle Fehler in der
zufälligen Zusammensetzung der Zentrale und setzt eine bessere an deren Stelle- Die neue Zentrale wird anfangs etwas
mehr Rücksicht nehmen müssen auf die Meinung der Parteigenossen; aber es ist nur eine Frage der Zeit und auch sie
wird sich über Rechte und Wünsche des Plebs hinwegsetzen, wie jede andere Zentrale, da die Geringschätzung der
Masse und das krankhaft herangezüchtete Bewußtsein ihrer eigenen Selbstherrlichkeit im Wesen jeder regierenden
Körperschaft begründet ist. Und sie wird ebenfalls jede Kritik gegen ihre Handlungen als eine Art Majestätsbeleidigung
empfinden und mit den schwersten Geschützen gegen die Kritiker zu Felde ziehen, nicht weil sie aus schlechten und
pflichtvergessenen Menschen besteht, sondern einfach deshalb, weil sie eine Zentrale, das heißt eine Körperschaft zur
geistigen Bevormundung der gewöhnlichen Parteimitglieder ist. Nicht in der zufälligen Form und Zusammensetzung,
sondern in der Existenz der Zentrale liegt das Uebel. Nur an den Formen rütteln, heißt den Kern der Sache nicht
verstehen, heißt den Kreislauf der Blindheit verewigen.
Der Zentralismus ist und bleibt nicht mehr wie ein rein mechanisches Zusammenfassen der Kräfte, und gerade aus
diesem Grunde entwickelt er keine Kraft, sondern er paralisiert bloß, was an wirklicher Kraft vorhanden ist. Indem er aus
den Menschen Marionetten macht, ertötet er in denselben ihre kostbarsten Eigenschaften: die Selbständigkeit des
Denkens und das persönliche Verantwortlichkeitsgefühl. Für eine Regierung ist dies unbedingt ein erstrebenswertes Ziel;
denn selbständiges Denken war nie die starke Seite des loyalen Untertans, der jeder Regierung als ideales Muster vor
Augen schwebt. Aber was für eine Regierung gut ist, muß der Arbeiterbewegung zum Verhängnis werden. In dem großen
Kampfe für ihre soziale Befreiung benötigt die Arbeiterklasse der ganzen Entfaltung aller ihrer geistigen Fähigkeiten und
jede Beschränkung derselben kann ihr nur zum Schaden gereichen. Denn die Befreiung wird ihr nicht von oben
kommen, sie wird vielmehr das Ergebnis ihrer eigenen Kraft und Intelligenz sein müssen.
Die Erziehung zum Sozialismus besteht weder darin, revolutionäre Phrasen zu dreschen, noch Stimmzettel in die Urne
zu werfen. Sozialistische Erziehung heißt vielmehr, die Arbeiter lehren, wie man die Produktion verwaltet, die Industrie
und Landwirtschaft auf einer neuen Basis organisiert und die Verteilung der Produkte regelt. Und dazu gehört die
weitestgehende Entwicklung aller geistigen Kräfte, welche die Arbeiterschaft hervorbringt, und die Ausschaltung aller
rein mechanischen Organisationsformen, die nur dazu beitragen, die natürliche Entfaltung dieser Kräfte zu ersticken. Die
Organisation muß sich wie ein dünnes Kleid allen Regungen und Bewegungen des Körpers anpassen können, wenn sie
ihren Namen wirklich verdienen soll: sie darf dieselben nicht in toten Formen erstarren lassen oder sie auf .eine Reihe
vorgeschriebener automatischer Bewegungen beschränken.
Eine solche Organisation aber ist der Föderalismus, der keine Zersplitterung der Kräfte bedeutet, wie ihm böswillige
oder gedankenlose Kritiker so oft vorgeworfen haben. Nein, Föderalismus bedeutet lebendiges Zusammenfassen aller
gesellschaftlichen Energien auf der Basis gemeinschaftlicher Interessen und Ueberzeugungen, die in der selbständigen
Tätigkeit des einzelnen und in der freien Vereinbarung mit allen anderen ihren unmittelbaren Ausdruck findet. Und
gerade aus diesem Grunde haben wir ein doppeltes und dreifaches Interesse daran, daß in unseren eigenen Reihen der
Föderalismus nicht zur unsinnigen Karikatur verzerrt werde und man ihn für unreife Ideen und Dinge verantwortlich
macht, die seinem innersten Wesen durchaus fremd sind. So gut ich es verstehen kann, daß gerade bei uns in
Deutschland, wo die Arbeiterbewegung sich jahrzehntelang im zentralistischen Geiste entwickelt hat, man allzu leicht
geneigt ist, in ein anderes Extrem zu fallen und entweder jede Organisation als solche zu verwerfen oder aber einem
beschränkten Kirchturmpartikularismus das Wort zu reden, so müssen wir im Interesse unserer Bewegung allen
derartigen Bestrebungen entschieden entgegentreten, wenn wir nicht an dieser Krankheit zugrunde gehen wollen.
Es bleibt mir nun noch übrig, Kameraden, auf die Einwände und Vorschläge etwas näher einzugehen, durch welche
gewisse Genossen wirkliche oder vermeintliche Schäden innerhalb unserer Bewegung beseitigen zu können glauben. Ich
werde auch hier streng sachlich verfahren und jedes persönliche Moment außer acht lassen. Ich habe schon früher der
Meinung Ausdruck gegeben, daß meiner Ansicht nach ein beträchtlicher Teil der Gegensätze, die sich zwischen der alten
Geschäftskommission und einem Teil der Genossen herausgebildet haben, künstlich- geschaffen wurden und durch den
gereizten Ton, den die Auseinandersetzungen angenommen haben, erst recht vertieft worden sind. Ich habe keine
Ursache, die Geschäftskommission um jeden Preis verteidigen zu wollen, noch habe ich irgendwelchen Grund, ihren
Kritikern zu Leibe zu rücken. Ich selbst bin, wie ihnen bekannt ist, nicht Mitglied der Geschäftskommission und werde
es auch wohl nie werden, da ich andere Arbeiten zu erfüllen habe. Mich interessieren lediglich Gründe prinzipieller
Natur, soweit solche überhaupt vorhanden sind. Ich werde daher auf persönliche Verunglimpfungen mit keinem Worte
eingehen, da ich in denselben nur ein Zeichen moralischer Schwäche erblicken kann. Wer eine gute Sache zu vertreten
hat, wird niemals zu persönlichen Gehässigkeiten und Herabsetzung des wirklichen oder vermeintlichen Gegners seine
Zuflucht zu nehmen brauchen. Solche Methoden richten sich immer selbst und sollten im Interesse der Bewegung, wie
auch aus gegenseitiger Achtung und Toleranz unter allen Umständen vermieden werden.
Man hat hier auch heute wieder die Befürchtung ausgesprochen, daß durch das Anwachsen der syndikalistischen
Bewegung die Gefahr einer Verflachung derselben in greifbare Nahe gerückt würde. Es waren besonders Kameraden der
anarchistischen Bewegung, welche diesen Einwand erhoben haben, und ich muß bekennen, daß man denselben eine
gewisse Berechtigung durchaus nicht absprechen kann. Jede Bewegung ist der Gefahr einer gewissen geistigen Vers
flachung ausgesetzt, wenn sie größer wird; sogar eine rein anarchistische Bewegung macht von dieser Regel keine
Ausnahme, denn die äußere Etikette spielt in dieser Hinsicht eine ganz kleine Rolle. Aber gerade wenn man stets mit
einer solchen Gefahr rechnen muß, ist es notwendig, daß die geistig regsamen Kameraden keine Gelegenheit ungenützt
vorübergehen lassen, um zur inneren Schulung und geistigen Entwicklung der Mitglieder beizutragen. Diese Arbeit liegt
ja gerade im Wesen jeder wahrhaft föderalistischen Bewegung und muß eben geleistet werden, um dieselbe auf ihrer
geistigen Höhe zu erhalten. Auch der Anarchismus ist ein gesellschaftliches Ideal und wendet sich nicht bloß an eine
kleine Minderheit, sondern an alle. Folglich müssen sich auch die Anarchisten dieser Notwendigkeit unterwerfen, wenn
sie nicht eine einflußlose Sekte bleiben wollen. Ich sehe in dieser Frage keinen anderen Ausweg, und ich glaube kaum,
daß es viele Genossen gibt, welche in dieser Hinsicht einen anderen Standpunkt vertreten.
Aber es ist noch eine andere Frage vorhanden, die schon auf dem Düsseldorfer Kongreß eine Rolle gespielt und auch in
die Debatten dieses Kongresses bereits wieder hineingespielt hat, die Frage nämlich, ob sich der Syndikalismus selbst
genüge oder nicht. Es gibt Syndikalisten, weiche das erstere behaupten, und es gibt anarchistische Genossen in der
syndikalistischen Bewegung, welche dieser Meinung auf das entschiedenste entgegentreten. Beide Teile haben natürlich
ein unbestreitbares Recht, ihren Standpunkt zu vertreten, und diese Frage wäre die allerletzte, welche uns spalten könnte.
In der syndikalistischen Bewegung ist Platz für ausgesprochene Anarchisten wie auch für die sogenannten reinen
Syndikalisten, welche der Ansicht sind, daß der Syndikalismus sich selbst genüge. Für mich ist die ganze Frage.eine rein
akademische Frage, oder besser gesagt, sie ist so falsch gestellt, daß sie unbedingt zu Mißverständnissen führen muß.
Ich persönlich bin der Meinung, daß sich der Syndikalismus nicht selbst genügt, sich nicht selbst genügen kann, weil er
fortgesetzt den geistigen und materiellen Einflüssen der Umwelt ausgesetzt ist und viele seiner wesentlichen Bestandteile
anderen Ideenströmungen entnommen hat, die schon vor ihm existierten. Aber wenden sie einmal dieselbe Fragte auf
andere soziale Bewegungen an und fragen sie sich ernstlich, ob sie überhaupt zu einem anderen Resultat gelangen
können. Genügt sich etwa der Anarchismus selbst? Gibt es überhaupt in der Welt eine Idee oder ein Ding, das sich selbst
genügt? Die Theologen und Metaphysiker behaupten zwar, daß Gott sich selbst genüge; aber sogar das scheint nicht
richtig zu sein, denn sie selbst erzählen uns, daß Gott in einem gewissen Momente seines Daseins die Welt erschaffen
habe, ein Beweis dafür, daß er sich doch nicht selbst genügte und Gesellschaft haben mußte. (Heiterkeit.) Es gibt eben
nur Ergänzungen in der Welt und keine Selbstgenügsamkeiten. Darum sage ich, daß Anarchismus und Syndikalismus
sich gegenseitig ergänzen.
Die syndikalistische Bewegung würde in dem Moment ihren ursprünglichen Charakter verlieren und zur gewöhnlichen
Gewerkschaftsbewegung degradiert werden, wenn sie die großen Prinzipien des freiheitlichen Sozialismus, oder, um es
noch deutlicher auszusprechen, des kommunistischen Anarchismus aus dem Auge verlieren würde. Als syndikalistische
Bewegung bestände sie dann nicht mehr; sie wäre dann nicht mehr als eine gewöhnliche Gewerkschaft, die sich
ausschließlich mit Lohnfragen und ähnlichen Dingen beschäftigt. Auch das hätte seine Berechtigung, aber der große Zug
für die Neugestaltung .der Gesellschaft im Sinne des freien Sozialismus wäre dann ausgeschaltet, der gerade der
syndikalistischen Bewegung ihre eigentliche Bedeutung gibt.
Ebenso sage ich den anarchistischen Kameraden: Wenn ihr euch auch fernerhin in kleinen Gruppen zusammenschließt,
um eure Arbeit zu verrichten, so ist dagegen durchaus nichts einzuwenden. Diese Arbeit ist nützlich, sie kann und soll
getan werden. Eines aber vergeßt nicht: Mit Studiengruppen, Diskussionsgesellschaften, freien Verlagsanstalten usw.
leistet man zwar eine äußerst nützliche Propagandaarbeit; aber eine neue Gesellschaft im Sinne des kommunistischen
Anarchismus läßt sich damit nicht aufbauen. Dazu gehört etwas mehr: der Wirtschaftsverband, die Arbeiterbewegung.
Auch der Anarchismus bleibt unfruchtbar, wenn er nicht in der Arbeiterbewegung wurzelt; und die Arbeiterbewegung
bleibt ein fruchtloses Ringen, wenn sie nicht von den großen Idealen des freiheitlichen Sozialismus getragen wird.
Deshalb müssen beide Bewegungen einander ergänzen, und je williger und umfassender dies geschieht, desto rascher
wird uns die Stunde der Befreiung schlagen.
Ich will nun auch zu denjenigen Genossen noch ein paar Worte reden, die überall zentralistische Tendenzen wittern und
darüber oft das Kind mit dem Bade ausgießen. Ich zweifle nicht an der guten Absicht dieser Kameraden; aber eines kann
man füglich von ihnen verlangen: sie müssen sich erst selbst darüber klar sein, was sie wollen, was Zentralismus und
was Föderalismus ist. Es kann doch nicht angehen, daß hier jeder seine besonderen Ansichten über den Föderalismus
zum besten gibt und dabei denkt, daß dies der Weisheit letzter Schluß ist. Wenn wir damit anfangen, werden wir unsere
kostbare Zeit mit tausend Nichtigkeiten verschwenden und aneinander vorbeireden; und zwecklos reden, ist Toren
Vergnügen. Wenn z. B. die Berliner MetaIlarbeiter-Organisation dem Kongreß allen Ernstes vorschlägt, daß
„Kongreßbeschlüsse, Prinzipienerklärungen, Leitsätze usw. als Gesetzparagraphen zu betrachten und zu beseitigen sind
und es den einzelnen Mitgliedern oder Ortsgruppen überlassen bleiben soll, ob sie sich danach richten wollen oder
nicht", so hat eine solche Ansicht mit Föderalismus überhaupt nichts mehr zu tun, und man muß sich bloß die Frage
stellen, warum die betreffenden Genossen überhaupt hier noch vertreten sind. Wenn ich von allen diesen Dingen nichts
wissen will, so ist das schließlich mein gutes Recht, aber es ist bitteres Unrecht und ein grober Verstoß gegen die
elementarsten Prinzipien der Freiheit, wenn ich einer Organisation, die nun einmal so zurückgeblieben ist, daß sie ohne
solche Dinge nicht auskommen zu können glaubt, meine persönliche Ansicht sozusagen mit Gewalt aufnötigen will.
Niemand zwingt mich, einer solchen Vereinigung weiter anzugehören, aber ich habe kein Recht, Menschen, die anderer
Meinung sind, in ihren Arbeiten zu stören. Und der von den Metallarbeitern vertretene Standpunkt, vorausgesetzt daß
dies wirklich die Meinung der ganzen Organisation ist, ist ein solcher, daß auf dieser Basis kein Verständnis mehr
möglich ist. Man kann das sogar nicht Partikularismus nennen, denn auch der Partikularismus hat seine Logik; hier aber
fehlt jede logische Voraussetzung. Zu behaupten, daß Beschlüsse, Prinzipienerklärungen, Leitsätze usw.
Gesetzesparagraphen sind, ist eine so absonderliche Entdeckung, daß uns sogar ein Till Eulenspiegel um dieselbe
beneiden könnte. Haben denn diese Genossen wirklich noch nicht den Unterschied zwischen einem Gesetz und einer
freien Vereinbarung begriffen? Wissen sie wirklich nicht, daß ein Beschluß, ein Leitsatz, den mir niemand gegen meinen
Willen aufnötigen kann und dessen Anerkennung von meinem persönlichen Entscheid abhängig ist, unter keinen
Umständen mit einem Gesetze verglichen werden kann, um dessen Abfassung mich niemand gefragt hat und das mir
obligatorisch von oben her aufgezwungen wird? Wenn das wirklich der Fall sein sollte, dann ist ihnen sogar das ABC des
Föderalismus noch nicht geläufig, dessen wesentliche Voraussetzung die freie Vereinbarung unter gleichberechtigten
Menschen ist. Und dann muß ich mir allerdings die Frage stellen, welchen Nutzen hatte bisher die Veröffentlichung all
der wunderbaren Werke Kropotkins, Bakunins und anderer, um die sich der Verlag „Syndikalist" so verdient gemacht
hat, wenn es noch heute Genossen unter uns gibt, die sich bis jetzt noch nicht die Mühe genommen haben, diese Werke
auch zu lesen?
Jedermann weiß, daß man sich nicht ohne bestimmte Gründe und Voraussetzungen mit anderen verbündet. Zu einer
Vereinigung sind gemeinschaftliche Interessen» gemeinschaftliche Prinzipien und Ueberzeugungen notwendig. Und nun
sagt man uns, daß solche gemeinschaftlichen Prinzipien und Ueberzeugungen Gesetze werden in dem Augenblick, wo
sie mit Druckerschwärze in Berührung kommen, das heißt, wo sie in der Form einer Prinzipienerklärung
zusammengefaßt werden. Genossen, ich frage Sie, heißt das nicht eine fruchtbare Idee zu einem unsinnigen Spottbild
verzerren? Wenn die Abfassung bestimmter Leitsätze ein Verstoß gegen die Freiheit ist, dann ist jeder Artikel unserer
Presse, der unsere Ideen klar zusammenfaßt, ebenfalls zu verwerfen; dann ist überhaupt jede Zusammenkunft unter uns
zwecklos und müßige Zeitverschwendung.
Ich kann verstehen, daß man mit gewissen Einzelheiten einer Prinzipienerklärung nicht völlig einverstanden ist und eine
andere Fassung derselben erstrebt. Das ist logisch und begreiflich. Eine Prinzipienerklärung ist auch nur Menschenwerk
und birgt keine absolute Wahrheit für alle Zeiten in sich. Sie ist daher kein unantastbares Heiligtum, an dem nicht
gerüttelt werden darf; sie ist vielmehr denselben Aenderungen unterworfen, wie alles, was Menschen geschaffen haben.
Aber dann ist es notwendig zu sagen, daß man mit diesem oder jenem nicht einverstanden ist, und daß man andere
Formen vorschlägt, über die man diskutieren und sich verständigen kann. Doch solange es eine menschliche Gesellschaft
geben wird, wird es auch Prinzipien, Leitsätze, Beschlüsse unter den Menschen geben, weil in denselben die ideelle
Zusammengehörigkeit bestimmter Menschengruppen zum Ausdruck kommt. Wenn es nichts Gemeinschaftliches mehr
gibt das uns verbindet, wenn jeder Beschluß ein. „Gesetz" ist, das beseitigt werden muß, dann können wir uns ebensogut
mit den Nationalsozialisten Hitlers verbünden. Sie sehen, Genossen, wo wir mit einer solchen Logik hingeraten.
Auf dem vorjährigen Kongreß in Düsseldorf wurde das Wort „Opposition" sehr viel gebraucht, allein ich muß gestehen,
daß von all dem banalen Zeug, das dort zum Schaden der Bewegung ausgedroschen wurde, wohl schwerlich eine klar
umrissene Forderung herauszuhören war. Der Geist der Gehässigkeit, der bei einzelnen besonders stark ausgeprägt war,
beeinflußte zu sehr die Debatten, als daß ein fruchtbares Ergebnis und eine klares Erkennen sachlicher Differenzen
überhaupt möglich gewesen wäre. Von den Gegnern der alten Geschäftsleitung war der Genosse Berthold Cahn der
einzige, der den Versuch machte, bestimmte Ideen und Meinungsverschiedenheiten sachlich auszutragen; aber die
Geister waren bereits so heftig in Aufwallung begriffen, daß auch von diesem Versuch nichts greifbares herauskommen
konnte.
Nun hat die Opposition dem Kongresse diesmal die Arbeit etwas leichter gemacht, indem ihre Wortführer ihren
konkreten Forderungen eine bestimmte Formulierung gegeben haben und zwar in einem Aufruf an die Mitglieder der
F.A.U.D., der im Mai dieses Jahres das Licht der Welt erblickte. Ich werde selbstverständlich auf den einleitenden Teil
dieses Aufrufs, der Ihnen ja allen vorliegt, nicht eingehen. Ich kann nur soviel sagen, daß dieser Teil von demselben
Geiste beherrscht ist, den wir in Düsseldorf bei einzelnen kennengelernt haben. Es ist ein Unding, in sachlichen
Differenzen die Privatkorrespondenz einzelner Genossen heranzuziehen, und wenn man sich schon ja dazu entschlossen
hatte, dann wäre es verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, auch der anderen Seite gegenüber dieselbe Methode
anzuwenden, wenn man eine grobe Ungerechtigkeit und eine Irreführung der Genossen im Lande hätte vermeiden
wollen. Ich wiederhole noch einmal, was ich bereits im Anfang meiner Ausführungen gesagt habe: Mit solchen
Methoden verteidigt man keine gute Sache, und ich werde dieselben stets verurteilen, einerlei von welcher Seite sie
immer kommen mögen. Ich werde daher nur zu den rein sachlichen Forderungen des Berliner Aufrufs Stellung nehmen
und mir erlauben, meiner Meinung darüber Ausdruck zu geben. Es heißt dort:

1. Beseitigung jeder Zentralisation


a) der Presse;
b) der Agitation.
2. Umgestaltung des „Syndikalist" in eine wissenschaftliche Monatsrevue für Syndikalismus und Anarchismus, die
von der G. K. herausgegeben wird.
3. Jeder Agitationsbezirk gibt ein eigenes Organ heraus
a) ist ein Bezirk organisatorisch zu schwach dazu, so gibt er mit dem nächstgelegenen gemeinsam ein Organ
heraus;
b) wenn die organisatorische und finanzielle Stärke es ermöglicht, so sollen, um die Dezentralisation so weit
wie irgend möglich zu treiben, von den
einzelnen ATbeiterbörsen und eventuell auch von den Industrieföderationen, eigene Organe herausgegeben
werden.

Genossen, ich kann mit dem besten Willen nicht verstehen, aus welchen Gründen man den „Syndikalist", der doch sicher
eine gutgeleitete Zeitung ist, plötzlich in eine Monatsrevue verwandeln will. Sogar die Opposition hat bis jetzt nicht zu
sagen gewagt, daß die Schreibweise des „Syndikalist" unseren Prinzipien nicht entspricht, oder daß die redaktionelle
Leitung nichts tauge. Oder erblicken Sie vielleicht darin ein Zeichen des Zentralismus, daß die Zeitung heute in 78 000
Exemplaren wöchentlich erscheint? Dann begreife ich nicht, warum gerade die Genossen, die auf der Seite der
Opposition stehen, seinerzeit so warm für eine Tageszeitung eingetreten sind, bei welcher die Gefahr einer sogenannten
„Zentralisierung" doch ihrer Meinung nach noch viel größer sein muß. Tatsache ist, daß in Italien z. B. ein ganzer Teil
anarchistischer Genossen die Tageszeitung „Umanità Nova", die von unserem alten und verdienstvollen Kameraden
Malatesta geleitet wurde, aus denselben Gründen bis aufs äußerste bekämpft haben.
Und haben Sie gar nicht über die Tragweite eines solchen Vorschlages nachgedacht? Wir haben eine Zeitung, die
wöchentlich zu 78 000 Lesern spricht und unsere Ideen verkündet; und wir sollen uns nun dieser wertvollen Waffe
freiwillig begeben, weil einzelne unter uns in der Existenz eines solchen Organs Zentralismus wittern? Genossen, lassen
Sie mich ehrlich sagen, daß mir das Verständnis für eine derartige Zumutung absolut fehlt. Bezeichnend ist aber, daß
dieser Vorschlag, der angeblich dem Zentralismus in unserer Bewegung zu Leibe rücken will, ein direkter Ausfluß rein
zentralistischer Ideengänge ist. Erstens hätte der Kongreß gar kein Recht, einen Beschluß im Sinne der gemachten
Vorschläge zu fassen. Es muß vielmehr den Genossen der einzelnen Industrieverbände oder Provinzen überlassen
bleiben, zu beurteilen, ob sie überhaupt in der Lage ;ind, eigene Organe herauszugeben. Durch einen Beschluß von oben
lassen sich solche Dinge sicher nicht erzwingen, überhaupt nicht unter den heutigen Verhältnissen, wo die Gründung
einer eigenen Zeitung mit ganz anderen Schwierigkeiten verbunden ist, wie je zuvor. Aber zum Zeitungherausgeben
gehören auch noch andere Dinge. Man braucht die nötigen Redakteure, Mitarbeiter usw. Dazu aber gehören wieder
besondere Fähigkeiten und Kenntnisse, über die nicht jeder Genosse verfügt, so leid uns das auch sein mag. Und sind Sie
wirklich der Meinung, daß dies alles plötzlich geschaffen werden kann durch einen Beschluß? Wenn das der Fall wäre,
dann muß ich Ihnen aufrichtig gestehen, daß ich noch heute Zentralist werden würde. Wenn weiter nichts als Beschlüsse
nötig sind, um Redakteure, Mitarbeiter usw. quasi aus der Erde zu stampfen, dann können wir unseren Föderalismus
ruhig an die Wand hängen. Das Unglück ist nur, daß diese Ergebnisse einer üppigen Phantasie eben nur Phantasiegebilde
bleiben, sobald sie mit der rauhen Wirklichkeit in Berührung kommen. Es gibt eben Dinge, zu deren Ausführung noch
etwas anderes nötig ist als ein platonischer Vorschlag, welchen Motiven derselbe immer entspringen mag.
Nun wird zwar behauptet, daß durch eine solche Dezentralisation der Presse „das Monopol der Meinung, daß sich bei
einem naturgemäß kleinen Teil von Genossen befindet, beseitigt werde". Eine Zeitung wird natürlich stets mehre oder
weniger ein Abbild der Persönlichkeit ihres Herausgebers sein. Ich bin sogar der ketzerischen Meinung, daß solche
Zeitschriften stets die besten gewesen sind, hinter denen eine starke Persönlichkeit stand. Und je weniger man Genossen
dieser Art mit Preßkommissionen und ähnlichen Dingen behelligt, desto besser ist es für die ganze Bewegung. Das sind
nun einmal Tatsachen, mit denen wir uns abfinden müssen, mögen sie uns angenehm sein oder nicht. Ob die Zeitung nun
über einen kleineren oder größeren Leserkreis verfügt tut wenig zur Sache. Es wird in jedem Falle immer nur eine ganz
kleine Minorität sein, die für die Mitarbeit an einer Zeitung überhaupt In Frage kommt. Gewiß wäre es besser, wenn dem
nicht so wäre und wenn jeder Genosse über eine gewisse Quantität schriftstellerischer Fähigkeiten verfügen würde, aber
die Erfahrung hat uns bisher leider ein anderes Bild gegeben und die schönsten Beschlüsse werden vorläufig nichts daran
ändern können. Wenn Sie darin nun ein „Monopol der Meinung" erblicken wollen, so mögen Sie das tun; ändern werden
Sie dadurch an der Sache nichts, auch dann nicht, wenn die Bewegung über einige Dutzend Blätter verfügen würde, was
ich ihr übrigens von ganzem Herzen wünsche. Sie haben bisher dem Genossen Souchy, dem Redakteur unseres Blattes,
nicht vorwerfen können, daß er irgendeine prinzipielle Meinung unterdrückt hat, und das ist alles, was Sie in bezug auf
Toleranz auch anderen Meinungen gegenüber verlangen können. In einer Polemik zwischen Souchy und Pogonsky, die
sich nicht lang zurück im „Syndikalist" abgespielt hat, und die einen etwas gereizten Charakter angenommen hatte, hat
zwar Pogonsky behauptet, daß dies für die Richtigkeit seines Vorschlags über die Dezentralisation der Presse spreche. In
der Wirklichkeit aber spricht es für gar nichts. Die Art einer Auseinandersetzung in der Presse ist in erster Linie eine
Frage des Temperaments und des persönlichen Geschmacks. Daran werden Sie auch nichts ändern können, wenn Sie
statt einer hundert. Zeitungen haben, ja wenn jedes Mitglied unserer Organisation über eine eigne Zeitschrift verfügen
könnte.
Wenn irgendeine Instanz in unserer Bewegung den Versuch gemacht hätte, den Genossen eines gewissen Distriktes oder
einer Föderation die Gründung einer eignen Zeitung verbieten zu wollen, dann wäre der Vorwurf, daß man eine
Zentralisation der Presse erstrebe, berechtigt; aber Sie wissen allein, daß dies niemals geschehen ist, und außerdem
besteht sogar noch ein Kongreßbeschluß, der dieses selbstverständliche Recht jeder Föderation überflüssigerweise noch
bestätigt. Ich bin der Meinung, daß, wo das Bedürfnis und die Möglichkeit für die Genossen im Lande gegeben ist,
werden sie selbst die Initiative ergreifen und Blätter nach ihrem eigenen Bedürfnis ins Leben rufen, aber durch
mechanische Beschlüsse von oben herab läßt sich das nicht erreichen. Entweder bleiben solche Beschlüsse nur auf dem
Papier — und dann sind sie lächerlich — oder, falls man sie auf rein mechanische Art ausführen wollte, so wäre das
Ergebnis ein sicheres Fiasko.
Doch weiter: In dem Aufruf der Berliner Opposition lesen wir unter Absatz 4 noch folgendes:
„Regelung des Verlags von Broschüren und Büchern, dahingehend, daß jeder Agitationsbezirk nach der
Reihenfolge den Verlag der jeweiligen Neuerscheinungen übernimmt. Damit die Akkumulation von Kapital,
was gleichbedeutend ist mit Macht, verhindert wird."
Genossen, habt Ihr Euch einmal überlegt, was das heißt? Glaubt Ihr in der Tat, daß es möglich ist, ein größeres
Verlagsgeschäft mir nichts dir nichts heute von Berlin nach Elberfeld und morgen von dort nach München zu verlegen?
Wer solche Vorschläge angeht, hat nicht das kleinste Verständnis von einem Verlagsunternehmen mit seinen vielseitigen
und komplizierten Verzweigungen. Nur bei uns in Deutschland ist es möglich, daß ein so unsinniger Vorschlag gemacht
werden konnte. In jedem anderen Lande wäre das vollständig ausgeschlossen. Solange es eine Bewegung gibt, haben wir
stets gesehen, daß solche Unternehmungen sich an gewissen Orten konzentrierten, sei es, weil dort die Bedingungen für
den Erfolg derselben am besten gegeben waren, sei es, weil ihnen da die meisten Kräfte zur Verfügung standen. So hat
der Verlag „Der freie Arbeiter" vor dem Kriege mindestens 99 Prozent der ganzen anarchistischen Broschürenliteratur in
Deutschland herausgegeben. Dasselbe muß gesagt werden von dem Verlag „Erkenntnis und Befreiung" in Wien, von
dem Verlag „Freedom" in England, früher von dem Verlag „Temps Nouveaux", heute von dem Verlag „Le Libertaire" in
Paris und von vielen ähnlichen Unternehmungen in allen Ländern der Welt. Aber niemals haben Genossen in jenen
Ländern einen solchen Vorschlag gemacht, obwohl es dort mindestens ebenso gute Anarchisten und Syndikalisten gibt.
Im Gegenteil, die Genossen dort waren höchst dankbar, daß diese vortreffliche Arbeit von einzelnen Kameraden geleistet
wurde zum Segen der ganzen Bewegung. Sogar ausgesprochene Individualisten sind nach denselben Prinzipien
verfahren. Ich erinnere nur an den Verlag der von Tucker geleiteten „Liberty" in Boston, in dem mindestens 90 Prozent
der gesamten Literatur des sogenannten Individualistischen Anarchismus der Welt herausgegeben wurden.
Es ist noch niemals vorgekommen, daß sich die Genossen auf irgendeinem anarchistischen oder syndikalistischen
Kongreß mit der Frage eines wandernden Verlagsunternehmens zu beschäftigen hatten. Eine so beschämende
Erscheinung blieb nur uns vorbehalten. Dabei wissen die Antragsteller ganz gut, daß bei dem Verlag „Syndikalist" von
einer „Akkumulation von Kapital" gar keine Rede sein kann, da alle Publikationen zu einem Preise verkauft werden, der
gerade die Herstellungs- und Verwaltungskosten deckt. Anders wäre es ja gar nicht möglich, so erstaunlich billige
Ausgaben herauszubringen. Kein vernünftiger Mensch hat etwas dagegen, wenn die Genossen in anderen Städten
ebenfalls zu der Gründung eines eigenen Verlags schreiten. Das ist ihr gutes Recht, das ihnen niemand schmälern darf.
Aber auch in diesem Falle werden die Genossen der betreffenden Städte nur etwas leisten können, wenn sie nach
denselben Richtlinien arbeiten wie heute der Verlag „Syndikalist". Ein Verlag ist nun einmal kein wanderndes
Zigeunerlager.
Ich könnte verstehen, wenn man dem Verlag den Vorwurf machen würde, in der Auswahl der publizierten Werke nicht
das Richtige getroffen zu haben. Aber davon spricht man nicht, weil man ganz gut weiß, welch große und unschätzbare
Verdienste sich der Verlag „Syndikalist" für die gesamte syndikalistische und anarchistische Bewegung deutscher
Sprache erworben hat. Wer das nicht rückhaltslos anerkennt, mit dem läßt sich überhaupt nicht reden. Wenn wir die
Absicht hätten, in wenigen Monaten alles wieder zu zerstören, was in jährelanger mühevoller Arbeit langsam aufgebaut
worden ist, so brauchten wir nur diesen Vorschlag der sogenannten Opposition anzunehmen. Ich gebe Ihnen mein Wort
darauf, Genossen, daß in zwei Jahren überhaupt keine Broschüre mehr erscheinen würde.
Von den übrigen Punkten, welche der Aufruf enthält, verdient nur noch der Absatz 5 Beachtung, der folgendermaßen
lautet:
„Die Agitation ist von den Agitationsbezirken oder Provinzial-Arbeiterbörsen zu leisten."
Das ist ein Punkt, den ich vollständig billige. Aber dazu wäre weder ein besonderes Flugblatt noch der ganze unselige
Streit nötig gewesen; um so weniger als ja schon der Berliner Kongreß im Jahre 1919 sich zu einer Regelung der Frage
auf dieser Basis bekannte. Es wurde damals ausdrücklich erklärt, daß dort, wo Industrieverbände und
Agitationskommissionen bestehen, sich diese mit den Fragen der lokalen Propaganda befassen sollten, und nur solche
Gegenden, wo solche Körperschaften noch nicht bestehen, sollte die G.K. mit geeigneten Rednern unterstützen. Das ist
bis jetzt auch in den meisten Fällen getan worden, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Und dort, wo es bis
jetzt noch nicht geschah, ist die Nachlässigkeit der Genossen in den betreffenden Gegenden oder vielleicht auch andere
Ursachen daran schuld. Jedenfalls ist nichts dagegen einzuwenden, wenn die mündliche Agitation ganz und gar den
regionalen Körperschaften übertragen wird und die G.K. sich überhaupt nicht mehr mit dieser Frage zu beschäftigen hat.
Das ist alles, was ich in dieser Beziehung zu sagen hätte. Genossen, hüten wir uns davor, Wege zu betreten, die nicht nur
nichts mit föderalistischen Prinzipien zu tun haben, sondern die auch geeignet sind, unsere ganze Bewegung in kurzer
Zeit in einen Trümmerhaufen zu verwandeln. Ich erkläre noch einmal, daß es nichts Vollkommenes unter der Sonne gibt;
auch die föderalistische Organisationsform ist nicht gefeit gegen Anfechtungen mannigfacher Art, und deshalb ist es
unsere Aufgabe, wachsam zu sein, um Schaden zu verhüten. Niemals aber dürfen wir dulden, daß persönliche
Gehässigkeit und blinder Fanatismus die gegenseitigen Beziehungen zwischen uns vergiften und eine Atmosphäre
schaffen, aus der nur Uebles hervorgehen kann. Und hüten wir uns vor allem vor jenem krankhaften Mißtrauen, das die
Flöhe husten hört und das Gras wachsen sieht. Wo erst das gegenseitige Vertrauen in die Brüche geht, dort gibt es keine
Genossenschaftlichkeit mehr, keine gemeinsamen Bande, die uns zusammenbindet als Kämpfer für die große Sache der
menschlichen Befreiung. Beherzigen Sie dieses, Genossen, dann wird uns die Zukunft ähnliche Auseinandersetzungen
ersparen. (Lebhafter Beifall.)