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JAHRBUCH

DER

JAHRBUCH DER KUNSTHISTORISCHEN SAMMLUNGEN DES ALLERHÖCHSTEN KAISERHAUS ES H ERAUSGEGI~ßEN UNTER LEITUNG DES OBERST

KUNSTHISTORISCHEN SAMMLUNGEN

DES

ALLERHÖCHSTEN KAISERHAUS ES

H ERAUSGEGI~ßEN

UNTER LEITUNG DES OBERST KÄMMERERS

SEINER KAISERLICHEN UND KÖNIGLIC HEN

MAJESTÄT

APOST OLISCHEN

L E OPOLD

GRAFEN

GUDENUS

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0 BERS TKAMMERERA iYITE.

NEUNUNDZWANZIGSTER

BAND.

M IT 'P TAFE I. N UNO 2 1i TEXT1\Bß i LDUNGEN IN

HELIOGRAVÜRE, LIC ll TI)RUCI<, Cl! ROMOLJTHOGRAPHI E,

PHOTOTYP IE UND ZINKOGRAPH IE.

JAHRBUCH

DER

KUNSTHISTORISCHEN SAMMLUNGEN

DES

ALLERHÖCHSTEN KAISERHAUSES

HERAUSGEGEBEN

UNTER LEITUNG DES OBERSTKÄMMERERS SEINER KAISERLICHEN UND KÖNIGLICHEN

APOSTOLISCHEN MAJESTÄT

LEOPOLD GRAFEN GUDENUS

VOM

OBERSTKÄMMERERAMTE.

NEUNUNDZWANZIGSTER BAND.

MIT 41 TAFELN UND 217 TEXTABBILDUNGEN IN HELIOGRAVÜRE, LICHTDRUCK, CHROMOLITHOGRAPHIE,

PHOTOTYPIE UND ZINKOGRAPHIE.

WIEN.

F. TEMPSKY.

1910/1911.

LEIPZIG.

G. FREYTAG.

WIEX

F. TEMPSKY.

rgrofrgn.

LEIPZIG.

G. FREYTAG.

http :/ /digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jbksak1910_1911/0003

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U_n_iv_e_r sitätsbibliothek

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Heidel berg

gefördert durch die

iJFCi

JAHRBUCH DER KUNSTHISTORISCHEN SAi\Il\lLUNGEN DES ALLERHÖCHSTEN KAISERHAUSES, BAND XXIX, liEFT 3.

GESCHICHTE

••

DER

PORTRATBILDNEREI IN WACHS.

EIN VERSUCH

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EIN VERSUCH .! J U L I U S V 0 VON N S C H

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JAHRBUCH DER KUNSTHISTORISCHEN SAMMLUNGEN

DES ALLERHÖCHSTEN KAISERHAUSES, BAND XXIX, HEFT 3.

GESCHICHTE

DER

PORTRÄTBILDNEREI IN WACHS.

EIN VERSUCH

VON

JULIUS VON SCHLOSSER.

MIT 10 TAFELN UND 56 TEXTABBILDUNGEN.

WIEN.

19»- LEIPZIG.

F. TEMPSKY. Gr. FREYTAG.

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WIEN.

F. TEMPSKY.

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LEIPZIG.

G. FREYTAG.

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gefördert durch die

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Alle Rech1c vorbehalten.

Redakteur: H. Zimmermann.

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Druck \·on ADOlF l"lOI.ZHAUSI!~ 111 \Vicn,

g:. U~D K. HOP-UVCUDR.Ut :J!R.

Druck von ADOLF HOLZHATJSEN in Wien,

K. UND K. HOF-BUCHDRUCKER.

UNIVERSITÄTS· 1?~ http: //digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jbksakl910_1911/0 179

BIBLIOTHEK

HEIDELBERG

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GESC HI CHTE DER PORTRÄTBILD NEREI IN

WACHS .

EIN VERSUCH

von

Julius von

Schlosser.

Vorwort.

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MciSlCI'S \Vondc:rjabrc, 111. lld., l<ap. 3. wir in den folgenden Blätrern den Versuch machen, den

wir in den folgenden Blätrern den Versuch machen, den Lebenslauf eines in- haltlich, technisch und stilistisch streng begrenzten Kulturproduktes zu beschreiben, so bleiben wir uns stets bewußt, daß es sich hier keineswegs um ein organisches Gebilde, um die E,·olution einer •Art• im Sinne der modernen ::--laturwissenschaft handeln kann, sondern lediglich um eine hisrorische Kategorie, ein methodisches Präparat. Es ist wichtig, diesen Unterscbied zu betonen, der namentlich in Frank- reich (wie dem YOD ihm vielfach abhiingigen Italien) nicht immer gewahrt worden ist, wo einer der scharfsinnigsten, aber auch einseitigsten\'orkämpfer des Evolutionismus in der Litera- rurgeschichte, ferdin;~nd ßrunetiere, die Lehre von den cgenres» vertreten har, als fGr sich bestehen- der org;~nischer Entwicklungen , die ihren eigenen, inhären ten Gesetzen fo lgen und Anfang, Biti re und natürlichen Tod in sich sc hl ieße n. Es handelt sich hier ledigl ich u m dre i Begriffe, d ie der Titel dieser Abh a nd lung s.:hon einigerma ßen in ih rer logischen Determinierun g umschre ibt: um die Kunst des Port r il rs, a lso um e inen bes tim mte n A ussehnirr aus der allge m eine n Geschic ht e der K unst, i m weite ren Sinn d er Ku ltur Oberhaupt, und zwar wesentlich in ei n er for mell w ie s to n'lic h besc hl ossene n Ei nschriin- k ung , u m das Bildwerk io Rundplastik ( Vollfig ur und B üste) , d ieses e nd lich in einem beso nd eren org anisc hen M:lteri ul , in vVachs, ersche inend . J e weiter wir in d iese m logischen Unter ordn un gsver- hiiltn is b is w der zu lc tl\t ge nann te n äu ßerst en Staffel herabsteigen, d csro klare r m uß un s werd en , d aß d as Eigen leben di eser Abst rakti o nen nur im Umfang des Ganzen möglich un d verst iindlic b ist. Gcs~hichrc im eige ntlic hen Sin ne (ni ch t in de m der • Naturhistoric •) ka nn sic h nur auf die wirtsc ha ft li che n u nd sozialen vVechselbez iehun gen, den technisc hen Fortsehrirr beziehen, wobei diesem leicht miBzuverstchen- den Ausdruck jede absolute W ertbesti mmung fernbleiben muß ; das Kunstwerk, das sei nem ionersten \ Vescn n ach in d ivi duell ist, seinen \ Vcrtmaßstab in sich trägt, nicht von auBen aus der • Geschichte • oder gar aus dem Reiche platonischer Ideen entlehnen darf, soll es sich nicht selbst verlieren, dessen Charakter von einem modernen Ästhetiker (J. Cohn) glücklich mir dem Ausdruck der clnselhaftigkeit• formuliert worden ist, kann als solches gar keine, YOn der innern der schaffenden In dividualität abzu - lösende Geschichte haben, sondern nur als Kulturprodukr, das heißt, wenn es in den Kreis der wirt- schaftlichen, sozi:llen, technischen Mächte dieses Lebens tritt. in diesem Sinne bitten wir also den obigen Titel aufzufassen. \'on dem Einzelwert des Kunstwerks - im weitesten Sinn gesprochen - wird demnach im folgenden sehr wenig die Rede sein, desto mehr und fast ausschließlich von dem \Vert und der Bedeutung, der ihm als Exponenten kulrurgeschichrlicher Entwicklungsreihen eigen ist.

GESCHICHTE DER PORTRÄTBILDNEREI IN WACHS.

XXIX.

EIN VERSUCH

von

Julius von Schlosser.

z3

wie Kunsl und Technik sich immer

gleichsam die Wage halten und so nah verwandt

immer eine zu der andern sich hinneigt,

so daß die Kunst nicht sinken kann, ohne in

löbliches Handwerk überzugehen, das Handwerk

sich nicht steigern kann, ohne kunstreich zu

werden.

Wilhelm Meisters Wanderjahre,

[IL Bd., Kap. 3.

Vorwort.

enn wir in den folgenden Blättern den Versuch machen, den Lebenslauf eines inhaltlich

, technisch und stilistisch streng begrenzten Kulturproduktes zu beschreiben,

so bleiben wir uns stets bewußt, daß es sich hier keineswegs um ein organisches

Gebilde, um die Evolution einer «Art» im Sinne der modernen Naturwissenschaft

handeln kann, sondern lediglich um eine historische Kategorie, ein methodisches

Präparat. Es ist wichtig, diesen Unterschied zu betonen, der namentlich in Frankreich

(wie dem von ihm vielfach abhängigen Italien) nicht immer gewahrt worden

ist, wo einer der scharfsinnigsten, aber auch einseitigsten Vorkämpfer des Evolutionismus in der Literaturgeschichte

, Ferdinand Brunetiere, die Lehre von den «genres» vertreten hat, als für sich bestehender

organischer Entwicklungen, die ihren eigenen, inhärenten Gesetzen folgen und Anfang, Blüte und

natürlichen Tod in sich schließen. Es handelt sich hier lediglich um drei Begriffe, die der Titel dieser

Abhandlung schon einigermaßen in ihrer logischen Determinierung umschreibt: um die Kunst des

Porträts, also um einen bestimmten Ausschnitt aus der allgemeinen Geschichte der Kunst, im weiteren

Sinn der Kultur überhaupt, und zwar wesentlich in einer formell wie stofflich beschlossenen Einschränkung

, um das Bildwerk in Rundplastik (Vollfigur und Büste), dieses endlich in einem besonderen

organischen Material, in Wachs, erscheinend. Je weiter wir in diesem logischen Unterordnungsverhältnis

bis zu der zuletzt genannten äußersten Staffel herabsteigen, desto klarer muß uns werden, daß

das Eigenleben dieser Abstraktionen nur im Umfang des Ganzen möglich und verständlich ist. Geschichte

im eigentlichen Sinne (nicht in dem der «Naturhistorie») kann sich nur auf die wirtschaftlichen und

sozialen Wechselbeziehungen, den technischen Fortschritt beziehen, wobei diesem leicht mißzuverstehenden

Ausdruck jede absolute Wertbestimmung fernbleiben muß; das Kunstwerk, das seinem innersten

Wesen nach individuell ist, seinen Wertmaßstab in sich trägt, nicht von außen aus der «Geschichte»

oder gar aus dem Reiche platonischer Ideen entlehnen darf, soll es sich nicht selbst verlieren, dessen

Charakter von einem modernen Ästhetiker (J. Cohn) glücklich mit dem Ausdruck der «Inselhaftigkeit»

formuliert worden ist, kann als solches gar keine, von der innern der scharfenden Individualität abzulösende

Geschichte haben, sondern nur als Kulturprodukt, das heißt, wenn es in den Kreis der wirtschaftlichen

, sozialen, technischen Mächte dieses Lebens tritt. In diesem Sinne bitten wir also den

obigen Titel aufzufassen. Von dem Einzelwert des Kunstwerks — im weitesten Sinn gesprochen —

wird demnach im folgenden sehr wenig die Rede sein, desto mehr und fast ausschließlich von dem

Wert und der Bedeutung, der ihm als Exponenten kulturgeschichtlicher Entwicklungsreihen eigen ist.

XXIX. 23

kulturgeschichtlicher Entwicklungsreihen eigen ist. XXIX. 23 UNIVERSITÄTS· BIBLIOTiiEK HEIDELBERG http: I

UNIVERSITÄTS·

BIBLIOTiiEK

HEIDELBERG

http:I /digi.ub.uni-he idelberg.de/diglit/jbksak1910_19 11/0 180

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gefördert durch die

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17.2

Julius ,., Schlosser.·

Kunstzweig, der heure fast nur mehr auf einem

Gebiete anzutreffen ist, das der ·Kunst•, wiewir sie auffassen, al~ formal bestimmtem und wertvollem Ausdruck der Persönlichkeit in ihrem technischen Können, nahezu ganz entrückt ist, in Jahrmarkts- buden, Friseur- und Schneidcrläden, das aber mehr als zwei Jahrtausende, bis an die Schwelle unserer Zeit selbst, geblüht hat und eine merkwürdige Vergangenheit aufweist. An sich ist ja die Erscheinung nicht selten, daß ein altes Kulturprodukt in tieferen Regionen der sozialen Schichtung als csurvival• eines abgelaufenen Entwicklungsprozesses weiterlebt. Manches Geriir, das seinen Ursprung im harren Dase in skampf uralter Me nsch heit hat, w ie Sch leude r, Boge n oder Klapper, ist heure in u nsere r K ul[llr- sphlire zum Kin derra nd gewo rden . Di e alte Roma nl iteratu r , einst Lel<tllre der ritterlichen Höfe des Mittelalters, lebt nur mehr in den n iedersten Volksschi ch te n der deurs~hen und romani schen Liin der, in lösc hpapie rene n Volksbüchle in mit gr elle n, b u nten Umschliigen , d ie in Ja h r marktsbu de n verka uft werden und sich noc b im mer, wie d ie Reali d i Fra nc ia und Gucrin il mesc hino in Ita lien oder d ie B ibliotheque Bleue vo n Ep inal in Frank reich, a ll hrl ic h ei nes bed e urcn den Umsltt'z<:s erfr eue n . Ist d as eine ni ch t un- w ic htige kult urhisto ri sc he T atsach e, so ist in ku nstgesc hi ch t l ich er H insic ht etwas an de res me rk wü rd ig :

Im besonderen

handelt es sich nun um einen

die dem bildsamen orga nischen Materiale von Anfang an inhiirente Tendenz zum N a tu ra lis rn u s, d ie sic h im ga nzen Verla u f der Geschichte jenes Kunstzw e iges äußert, ja s ie eigent lic h ausmacht, eine T en - denz, die in der Ve r wendung des d irekte n Abg usses über de r lebe nden oder toten Na t ur, im natn r a1isti - schen Beiwerk im wei t est en Sinne g ipfelt. Im Zusammen hang dieser Entwicklung handelt es sich aus inneren oder liußeren Gründe n, die wir kennen lernen werden, um das bis zur letzten Grenze realisti- scher Wirkung getriebene Cantrefait im eigentlicbsten Sinne dieses Wortes; nirgends ist die bildende .1-:unst mehr um das Spiegelbild der \Virklichkeit bemüht gewesen, nirgends hat sie das Gleichnis vom l'\arziß, das die Renaissance in ihren akademischen Thesen gerne auf sie anwendet, wörtlicher genommen.

Bibliographische Note.

Bevor ich auf das Thema selbst eingehe, will ich eine Übersicht der Literatur geben, soweit sie

den Gegenstand zusammenfassend behandelt. T rotz ihres vcrhältnism(ißigen Reichtums ist sie an histori- schen l~insicbten arm und fast nur a ls Materialiensam ml ung anzusehe n. E ine Ausnahme macht bloß

'Weise ihr es Autors an lehrreichen Ausbl icken re iche Ab ha nd lung

Ono Be n n d o r fs, deren ich hier mit beso ndere r Dankba rk eit gedenken muß: Antike Ges ichtshelme und Scp ul kralmasken . 1 Aussc hl ießl ich d as Geb ie t der römische n Ahne nbilder betreffen d i.e fo lge nden

Aufsiir~e. Als erster ist G. E . L ess i ng zu nenn en in ein er gegen se in en ewigen Gegner K lo tz gerichtet e n

im ga nzen vo rtr efflich or ientieren ü ber

d ieses Te ilgebiet, u n ter Ben l'ttz u ng aller einsc hläg igen Spcz i:d l ireratur , d ie Arti kel in D a r en be r g -

S a g 1i o s Dictio nn aire des a n tiq uites Ili, 403 ( image) ; Ma r q u a r d r, Privat lebe n der Römer, 2. A uAage, I, 24 1 f.; ß l üm n er, Technologie und T erminologie des Gewerbes und der Künste bei Griechen und Römern II , 155 f. Dns Gesamtgebie t d er W a chsp lastik vom Alte rtu m b is auf die Neuzeit h era b ist von e in paar modernen französisc h en Auroren behandelt worden, fre il ich in rein an tiqu nr ische r \ Ve isc, durchaus vom Standpunkte der Curiosite, in dem heute noch gangbaren Sinn des französischen Aus- druckes. Die beste und gründlichste dieser Arbeiten ist die von Spire Blonde!, Lcs modelleurs en cire.J Sie ist ''On Le Bre ton, La sculpture en eire, im Text zur Publikation der Kollektion Spitzer V, x63 f. großenteils ausgeschrieben und durch einige Derails vermehrt worden. Eine zweite Gcsamtdarstellung, in historischer Hinsicht ebensowenig genügend, ist von E. Mo I in ier in seiner Histoire des arrs appliques il l'industrie, vo l. II: Les cires, p. 219 f., versucht worden. Einzelne speziellere Arbeiten werden gehöri - gen Orts im Tcxre herange:r.ogen werden.

die gliin~end sc harfsinnige und in de r

Stre itschri ft : Über d ie Ah ne nb ilde r d er R öm er. 2

All ge m ein und

Julius v. Schlosser.

Im besonderen handelt es sich nun um einen Kunstzweig, der heute fast nur mehr auf einem

Gebiete anzutreffen ist, das der «Kunst», wie wir sie auffassen, als formal bestimmtem und wertvollem

Ausdruck der Persönlichkeit in ihrem technischen Können, nahezu ganz entrückt ist, in Jahrmarktsbuden

' Denkschriften

:

d:r kais. Akademie der \\'issenschaften in Wien. IId. XX\'111 { t8;8, S. Jot f.

, Friseur- und Schneiderläden, das aber mehr als zwei Jahrtausende, bis an die Schwelle unserer

Zeit selbst, geblüht hat und eine merkwürdige Vergangenheit aufweist. An sich ist ja die Erscheinung

nicht selten, daß ein altes Kulturprodukt in tieferen Regionen der sozialen Schichtung als «survival»

eines abgelaufenen Entwicklungsprozesses weiterlebt. Manches Gerät, das seinen Ursprung im harten

Daseinskampf uralter Menschheit hat, wie Schleuder, Bogen oder Klapper, ist heute in unserer Kultursphäre

zum Kindertand geworden. Die alte Romanliteratur, einst Lektüre der ritterlichen Höfe des

Mittelalters, lebt nur mehr in den niedersten Volksschichten der deutschen und romanischen Länder, in

löschpapierenen Volksbüchlein mit grellen, bunten Umschlägen, die in Jahrmarktsbuden verkauft werden

und sich noch immer, wie die Reali di Francia und Guerin il meschino in Italien oder die Bibliotheque

Bleue von Epinal in Frankreich, alljährlich eines bedeutenden Umsatzes erfreuen. Ist das eine nicht unwichtige

kulturhistorische Tatsache, so ist in kunstgeschichtlicher Hinsicht etwas anderes merkwürdig:

die dem bildsamen organischen Materiale von Anfang an inhärente Tendenz zum Naturalismus, die

sich im ganzen Verlauf der Geschichte jenes Kunstzweiges äußert, ja sie eigentlich ausmacht, eine Tendenz

, die in der Verwendung des direkten Abgusses über der lebenden oder toten Natur, im naturalistischen

Beiwerk im weitesten Sinne gipfelt. Im Zusammenhang dieser Entwicklung handelt es sich aus

inneren oder äußeren Gründen, die wir kennen lernen werden, um das bis zur letzten Grenze realistischer

Wirkung getriebene Contrefait im eigentlichsten Sinne dieses Wortes; nirgends ist die bildende

Kunst mehr um das Spiegelbild der Wirklichkeit bemüht gewesen, nirgends hat sie das Gleichnis

vom Narziß, das die Renaissance in ihren akademischen Thesen gerne auf sie anwendet, wörtlicher

genommen.

Bibliographische Note.

Lachmann-~faltt.ahns Gesamtausgabe der Schriften, Bd. Xlf r, 252, aus dem Nuchlnsse hcrnusgcgcbcn.

' Gat.CIIC dc> bcaUX•arts 1882 ( XX\'1), 267 o·.

Bevor ich auf das Thema selbst eingehe, will ich eine Übersicht der Literatur geben, soweit sie

den Gegenstand zusammenfassend behandelt. Trotz ihres verhältnismäßigen Reichtums ist sie an historischen

Einsichten arm und fast nur als Materialiensammlung anzusehen. Eine Ausnahme macht bloß

die glänzend scharfsinnige und in der Weise ihres Autors an lehrreichen Ausblicken reiche Abhandlung

Otto Benndorfs, deren ich hier mit besonderer Dankbarkeit gedenken muß: Antike Gesichtshelme

und Sepulkralmasken.1 Ausschließlich das Gebiet der römischen Ahnenbilder betreffen die folgenden

Aufsätze. Als erster ist G. E. Lessing zu nennen in einer gegen seinen ewigen Gegner Klotz gerichteten

Streitschrift: Über die Ahnenbilder der Römer.2 Allgemein und im ganzen vortrefflich orientieren über

dieses Teilgebiet, unter Benützung aller einschlägigen Spezialliteratur, die Artikel in Darenberg-

Saglios Dictionnaire des antiquites III, 403 (image); Marquardt, Privatleben der Römer, 2. Auflage,

I, 241 f.; Blümner, Technologie und Terminologie des Gewerbes und der Künste bei Griechen und

Römern II, 155 f. Das Gesamtgebiet der Wachsplastik vom Altertum bis auf die Neuzeit herab ist von

ein paar modernen französischen Autoren behandelt worden, freilich in rein antiquarischer Weise,

durchaus vom Standpunkte der Curiosite, in dem heute noch gangbaren Sinn des französischen Ausdruckes

. Die beste und gründlichste dieser Arbeiten ist die von Spire Blondel, Les modelleurs en cire.3

Sie ist von Le Breton, La sculpture en cire, im Text zur Publikation der Kollektion Spitzer V, i63f.

großenteils ausgeschrieben und durch einige Details vermehrt worden. Eine zweite Gesamtdarstellung,

in historischer Hinsicht ebensowenig genügend, ist von E. Molinier in seiner Histoire des arts appliques

ä l'industrie, vol. II: Les cires, p. 21g f., versucht worden. Einzelne speziellere Arbeiten werden gehörigen

Orts im Texte herangezogen werden.

1 Denkschriften ehr kais. Akademie der Wissenschaften in Wien, Bd. XXVIII (1878"), S. 3oi f.

2 Lachmann-Maitzahns Gesamtausgabe der Schriften, Bd. XI/l, 252, aus dem Nachlasse herausgegeben.

3 Gazette des beaux-arts 1882 (XXVI), 267 ff.

U N IVERSITÄTS- ~~

BIBLIOT HEK

H El D EL BERG

~~ BIBLIOT HEK H E l D E L B E R G http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jbksak1910_19

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Geschichte

der Porträtbildnerei in \\"achs.

Geschichte der Porträtbildnerei in \\"achs. Fig. 1. Wachskopf aus einem Grabe ,·on Cumae (~luseum in Neapel).

Fig. 1.

Wachskopf aus einem Grabe ,·on Cumae (~luseum in Neapel).

I

Kapitel.

Entwicklung seit dem Altertum.

Die Funeralplastik.

An zwei Punkren religiös bestimmten Kulturlebens hat die in graue Vorzeit zurliekreichende Kunst der Keroplasren eingeserzr; in beiden erweist sie sic h als Triigerin transr.endcnter Gedanken, die Hts der

s in n l ic h gegebenen vVelr des Menschen i n eine hypostasiert e je nseits seiner Sinne hinüb erreic hen . Sie betreffen das Vcrhiilrnis des Lebenden zur Gottheit und des Toten zum Jenseits, w ie zur Mir- und Nach-

welt, sind

Materialisationen im Bereiche des Vot i vg l aub ens und des

Lcichcnrit u a!s.

Auf

beiden Gebiete n ha ndel t es sic h u m na h e ve rwandte Vo rstell ungsreihen p rim itiven Seelen -

l ebens. Nic ht nur in der Phantas ie des Se mi ten, d ie diese D inge am wc i.tcs tcn getriebe n hat, haftet a m

Abbild des tvlcnsche n ein diimon isches Element. Es ist bek annt, daß na c

gliiubigen jedes in e it lem Wahn gemach te Bildnis am jüngsten Tage seine Seele vom Ma ler fordern

wird, der, unvermögend dieser Forderung zu genügen, dann in die Hölle gestürzt wird; denn Gott liißt es nicht zu, daß man seiner Schöpfung so nahe komme, ohne ihr doch den Hauch des Lebens ein- blasen zu können. Mit den zuletzt angeführten \Vorten umschreibt diese Anschauung ein Gesandter

Tripoli s, der 1704 in Paris weilt und dort nach seiner \\'eise einer höchst natu ralisti schen

\Vachsbüsrc der Herzogin von Noailles, von der Hand des damals hochberühmten und geschätzten ßenoisr, eine aus Abscheu und Bewunderung seltsam gemischte Anerkennung zollt.' Aus diesem Emp- finden des D1imonischen heraus erklärr sich die Vorstellung, daß der Feind am sichersten durch ß i Id- zauber zu treffen sei; und gerade das bildsame vVachs hat sich auch diesem Zwecke seit jeher gefügig erwiesen; die Beispiele, die man vom grauesten Alterrum bis auf unsere Tage herab anführen könnte,

h de r Überzeugung der Koran-

des Bey von

Geschichte der Porträtbildnerei in Wachs.

I73

• Zitiert bei ßlondcl, a. a . 0., 432 .

Fig. 1. Wachskopf aus einem Grabe von Cumae (Museum in Neapel).

I. Kapitel.

Entwicklung seit dem Altertum.

Die Funeralplastik.

An zwei Punkten religiös bestimmten Kulturlebens hat die in graue Vorzeit zurückreichende Kunst

der Keroplasten eingesetzt; in beiden erweist sie sich als Trägerin transzendenter Gedanken, die aus der

sinnlich gegebenen Welt des Menschen in eine hypostasierte jenseits seiner Sinne hinüberreichen. Sie

betreffen das Verhältnis des Lebenden zur Gottheit und des Toten zum Jenseits, wie zur Mit- und Nachwelt

, sind Materialisationen im Bereiche des Voti v glaubens und des Leichenrituals.

Auf beiden Gebieten handelt es sich um nahe verwandte Vorstellungsreihen primitiven Seelenlebens

. Nicht nur in der Phantasie des Semiten, die diese Dinge am weitesten getrieben hat, haftet am

Abbild des Menschen ein dämonisches Element. Es ist bekannt, daß nach der Überzeugung der Korangläubigen

jedes in eitlem Wahn gemachte Bildnis am jüngsten Tage seine Seele vom Maler fordern

wird, der, unvermögend dieser Forderung zu genügen, dann in die Hölle gestürzt wird; denn Gott läßt

es nicht zu, daß man seiner Schöpfung so nahe komme, ohne ihr doch den Hauch des Lebens ein-

blasen zu können. Mit den zuletzt angeführten Worten umschreibt diese Anschauung ein Gesandter

des Bey von Tripolis, der 1704 in Paris weilt und dort nach seiner Weise einer höchst naturalistischen

Wachsbüste der Herzogin von Noailles, von der Hand des damals hochberühmten und geschätzten

Benoist, eine aus Abscheu und Bewunderung seltsam gemischte Anerkennung zollt.1 Aus diesem Empfinden

des Dämonischen heraus erklärt sich die Vorstellung, daß der Feind am sichersten durch Bildzauber

zu treffen sei; und gerade das bildsame Wachs hat sich auch diesem Zwecke seit jeher gefügig

erwiesen; die Beispiele, die man vom grauesten Altertum bis auf unsere Tage herab anführen könnte,

1 Zitiert bei Blonde!, a. a. O., 432.

UNIVERSITÄTS· BIBLIOTii EK HE!DELBERG

a. a. O., 432. UNIVERSITÄTS· BIBLIOTii EK HE!DELBERG 23* http: I /digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jbksak1910

23*

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gefordert durch die

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174 Julius v. Schlosser.

sind Legion. Noch in der Renaissance geben französische Prozeßakten Aufschluß über dergleichen

magische Praktiken, die auch einen ganz bestimmten technischen Terminus haben: envoultement und

envoulter (abgeleitet von vultus, vgl. Ducanges Glossar s.v.).1 Das Wort ist charakteristisch, weil es

sich auf das Angesicht als die Akme des physischen Lebens bezieht. Aus frühem Mittelalter, ja schon

aus römischer Zeit (worüber später) ragt in das Florenz der vollen Renaissance die Prostitution und

Exekution des Staatsfeindes, dessen man nicht habhaft werden konnte, «in effigie» hinein. Es sind

Künstler von Namen und Ruf, wie der sogenannte Giottino im XIV.,2 wie Andrea del Castagno und

Paolo Romano (siehe unten) im XV., Andrea del Sarto im XVI. Jahrhundert, die es nicht verschmähten,

ihre Kunst derart in den Dienst der Öffentlichkeit zu stellen;

Castagno verdankt dem bekanntlich in seiner stets der Spottsucht

zugeneigten Vaterstadt den Spitznamen des «Galgen-

malerst>.3

Das Leben des Kunstwerkes und ganz besonders des

Porträts ist ja einer der primitivsten Concetti, mit dem sich

naive Beschauer der Schöpfung des Künstlers gegenüber am

ersten und leichtesten abzufinden pflegen. Dergleichen zieht

sich seit der Antike, genährt durch stets forterzählte Künstleranekdoten

, in alle Folgezeit hinein. Kommt nun noch das

künstlerische Produkt selbst durch weitgediehenen Naturalismus

solch tief eingewurzelter Anschauung entgegen, so treibt

dieser Dämonismus, der sich am naivsten in den gefesselten

Tempelstatuen des' uralten Kunstheros Dädalos zeigt,4

mitunter gar wunderliche Blüten. Aus der vollen Höhe hellenischer

Kultur und Kunst ist uns durch Lukian5 die sonderbare

Geschichte eines durch seinen ausgesprochenen Realismus

besonders auffälligen Werkes des Demetriosvon Alopeke,

eines griechischen Quattrocentisten, überliefert, das, wie aus

einem Briefe des jüngeren Plinius hervorzugehen scheint, noch

in der Kaiserzeit in Bronzenachbildungen verbreitet war.6 Die

Statue des alten korinthischen Feldherrn Pelichos, von der

Fig. 2. Bronzemaske im fiirstl. Waldeck'schen

Museum zu Arolsen. mer die Rede ist, erwacht nächtlicher Weile zu allerhand

spukhaftem, Unheil aber auch Segen stiftendem Treiben.

Von diesen Voraussetzungen aus kommen wir den eigentümlichen Anschauungen, die das Gebiet

der Wachsporträts überall durchsetzen, um einen Schritt näher. Wir brauchen nicht auf das alte Ägypten

und seine Toten, die als Mumien in unseren Museen weiterschlafen, zurückzugehen, um den Ge-

1 Wie tief diese Vorstellungen noch in der humanistisch gebildeten Gesellschaft der Renaissance wurzelten, beweist

die lange, merkwürdige Auseinandersetzung, die sich in einem mit schwerer Gelehrsamkeit vollgepfropften Folianten dieser

Zeit findet, in ßlaise de Vigeneres Philostrat-Übersetzung: Des imagcs et tableaux de platte peinture des deux Philostrates,

Paris 1574 (in der Ausgabe von 1615, p. 910). Andere Details bei Laborde, La Renaissance des arts ä la cour de France

(Paris 1850) I, 49 f.

2 Das zuerst von Billi erwähnte Spottgemälde (am ßargellopalast) auf den Herzog von Athen und seine Räte (1344,

nach Gio. Villani VII, 34) beschreiben noch Vasari-Sansoni (I, 625) und Baldinucci (Mailänder Ausgabe V, 386, dort auch

die Unterschriften). Eine ganze Reihe gereimter Tituli auf sienesische Staatsverbrecher (1392, am Kommunalpalast) hat Deila

Valle, Lettere Sanesi I, 54, aus der Chronik des Tizio mitgeteilt. Schandgemälde dieser Art kommen aber auch im mittelalterlichen

Frankreich vor. Ein Maler von Evreux, Gabriel de Fevre, erhält 1477 den königlichen Befehl, fünf solcher

Bilder von dem Prinzen von Orange (est paint et pourtrait la stature et epitaffe de messire Jehau, prince d'Orange, pendu

et Ies pics en hault) anzufertigen: Laborde a. a. O. I, J0>

3 Andrea degl' impiccati, vgl. Vasari-Sansoni II, 680 (der Spitzname schon bei Zeitgenossen wie Filarete und Landucci,

Diario ed. del Badia, p. 3).

4 Vgl. hierüber Feuerbachs Vatikanischen Apollo, Abschn. 2, n. i3.

! Lügenfreund, c. 18 f.

Geschichte der Portriitbildncrci in W achs.

Geschichte der Portriitbildncrci in W achs. danken zu ''erstehen, daß die Persönlichkeit, in materiellster

danken zu ''erstehen, daß die Persönlichkeit, in materiellster \Veise, auch im Grabe erbalten bleiben soll. Diese Erhaltung, die ,·on superstitiösen Gedankenreihen der verschiedensten Art begleitet wird,

bezieht sich

also auf das Portdir im engsten Sinne gefaßt, das, wie wir gesehen haben, auch im Bildzauber eine besondere Rolle spielt. Daher die in ältestes Al tertum zurück zu verfolgende Sirre der Toren ma s k en, die Benndorf in der angefiihrten Abhandlung beleuchtet hat ; sie sind nicht nur aus asiatischer und von dorther beeinAußter griechischer Urzeit erhalten, aus Ägypten, Ninive, Mykene, sondern selbst aus einem historisch ganz gerrennten Gebier der Neuen \Velt, aus Altmexiko- ein Beweis, daß es sich um

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aber ''Or allem auf den wesentlichsten, ausdrucksYollsten Teil des Körpers, auf das G esic h r,

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le nach dem Spruchgebrau.:h der Henaissance, noch abgeht. Fig. 3. ßronzcmuskc in Arolscn ( P,·otil). ä

Fig. 3.

ßronzcmuskc in Arolscn

(P,·otil).

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H . Go m pc r z da rgelegt,

u rsprUn glieh r ei n sym bo-

in Form von Naturabguß (und Photographie), bei der die Mit- wirkung des Beschaucrs auf das mindeste 1V! aß red u z i ert ist, von der •subjektivsten• zur cobjekti,·sten• Bildform, wiire man versucht zu sagen, wären diese Ausdrücke nur nicht gar so zweideutig. Diese lt ntw id du ng - in psycbologiscber, nicht in

hi sto risc her Abfo lge, zu der un ser Denkmä ler vor ra t n ich t aus reich t, um so wen iger als d ie n .eihen sieb

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Be n ndo r f bc h:tndcltcn Sepulkra lmaske n sehr schön ve r fo lge n. Vo n g:tn z p rim i t iven ß ild ungen , w ie

du rc hsch ne id en, reta rd iert sin d od er abre ißen , - d iese E n t w ick lu ng liiß t s ich n un an de n vo n

den Schlicmunnschen F unden in Mykene oder den aus kottamasken 2 , ge ht d ieser \Neg über d en Ide alstil d er

zu sehr be m erke nswe rt en reali stisc hen Pr odu kten . D ie m erkwü rdigsten dar unte r sind der m it ge m äß ig -

tem Naturnl ismus gebil de te (getr iebe ne) Gesi ch tshel m aus Seme ndria im Museu m vo n ßelgra d: in dem Bcn udorf eine griechische Ar beit des I. Jah rh under ts v. C h r. verm uret ; dann die Goldmaske einer gr iech isch ·skyt hischen Fürstin aus de m I li. Jah rh under t n. Chr., aus einem Tumu l us von Kertsch stammend (jetzt in der Petersburger Eremi tage), bei der schon die AnlehrHtng an einen i':atur·abguß deutlich hervortritt; 5 endlich der zweifellos nach einer T otenmaske überarbeitete 13ronzeguß, schon

Chiusi stam menden magisch täto wierten Terra- a ntiken K un st in seine n versch iedenen P hasen 3

1 13cil:l~c der .\lünchcncr r\1lgcm . Zeitung

1905.

: Benndorf, Tnfel X. > Ge$ichtshchn UU> einem sroßericchischen Grabe des dritten Johrhundcrts ,

Chr.

im Britischen ~luscum, Bcnndorf.

:-\r. 1'2; ein anderer, in Rumänien gefunden, im Oster~ichischen ~luseum zu \Vien, späterer Kaiserzeit nngchörig :

175

Geschichte der Porträtbildnerei in Wachs.

danken zu verstehen, daß die Persönlichkeit, in materiellster Weise, auch im Grabe erhalten bleiben

soll. Diese Erhaltung, die von superstitiösen Gedankenreihen der verschiedensten Art begleitet wird,

Xr.

I

bezieht sich aber vor allem auf den wesentlichsten, ausdrucksvollsten Teil des Körpers, auf das Gesicht,

also auf das Porträt im engsten Sinne gefaßt, das, wie wir gesehen haben, auch im ßildzauber eine

'

besondere Rolle spielt. Daher die in ältestes Altertum zurück zu verfolgende Sitte der Totenmasken,

ßenndorf, Xr. r3.

die Benndorf in der angeführten Abhandlung beleuchtet hat; sie sind nicht nur aus asiatischer und

von dorther beeinflußter griechischer Urzeit erhalten, aus Ägypten, Ninive, Mykene, sondern selbst aus

einem historisch ganz getrennten Gebiet der Neuen Welt, aus Altmexiko — ein Beweis, daß es sich um

einen ursprünglichen und allgemeinen Kulturbesitz der

Menschheit handelt.

Dieser älteren und primitiveren Anschauung genügt

vorerst das typische Bildnis, die Maske, der das Merkmal

des Porträts in unserem Sinne, die Verwendung des naturale

nach dem Sprachgebrauch der Renaissance, noch abgeht.

In einem höchst scharfsinnigen Aufsatze: Uber einige psychologische

Voraussetzungen der naturalistischen Kunst,1 hat

H. Gomperz dargelegt, wie die dem Bilde innewohnend

gedachte Idee allmählich über die ursprünglich rein symbolische

Bildform hinauswächst und sich zu verflüchtigen droht,

wenn diesem Prozesse der «Entbildung» nicht durch eine

sich steigernde Verähnlichung entgegengearbeitet wird; ein

Prozeß, der im Porträt besonders deutlich zu beobachten ist.

In unserem speziellen Fall führt er von der rein piktogra-

phischen Andeutung, als Anweisung auf die Phantasie des

Beschauers, die alles Individuelle selbsttätig zu ergänzen hat,

zum völligen Siege der absoluten, individuellsten Bildform

in Form von Naturabguß (und Photographie), bei der die Mitwirkung

des Beschauers auf das mindeste Maß reduziert ist,

von der «subjektivsten» zur «objektivsten» Bildform, wäre

man versucht zu sagen, wären diese Ausdrücke nur nicht gar

so zweideutig.

Diese Entwicklung — in psychologischer, nicht in

Fig. 3. Bronzemaske in Arolsen

(Profil).

historischer Abfolge, zu der unser Denkmälervorrat nicht ausreicht, um so weniger als die Reihen sich

vielfach durchschneiden, retardiert sind oder abreißen, — diese Entwicklung läßt sich nun an den von

Benndorf behandelten Sepulkralmasken sehr schön verfolgen. Von ganz primitiven Bildungen, wie

den Schliemannschen Funden in Mykene oder den aus Chiusi stammenden magisch tätowierten Terrakottamasken2

, geht dieser Weg über den Idealstil der antiken Kunst in seinen verschiedenen Phasen3

zu sehr bemerkenswerten realistischen Produkten. Die merkwürdigsten darunter sind der mit gemäßigtem

Naturalismus gebildete (getriebene) Gesichtshelm aus Semendria im Museum von Belgrad,4 in dem

Benndorf eine griechische Arbeit des I, Jahrhunderts v. Chr. vermutet; dann die Goldmaske einer

griechisch-skythischen Fürstin aus dem III. Jahrhundert n. Chr., aus einem Tumulus von Kertsch

stammend (jetzt in der Petersburger Eremitage), bei der schon die Anlehnung an einen Naturabguß

deutlich hervortritt;5 endlich der zweifellos nach einer Totenmaske überarbeitete Bronzeguß, schon

ßcnndorf, Xr. i ·

ßcnndorf,

1 Beilage der Münchener Allgem. Zeitung 1905.

2 Benndorf, Tafel X.

3 Gesichtshelm aus einem großgriechischen Grabe des dritten Jahrhunderts v. Chr. im Britischen Museum, Benndorf,

Nr. 12; ein anderer, in Rumänien gefunden, im Österreichischen Museum zu Wien, späterer Kaiserzeit angehörig: Benndorf,

Nr. 17. 4 Benndorf, Nr. i3. 5 Benndorf, Nr. 7.

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Julius ''· Schlosser.

technisch bemerkenswert als der einzige der Reihe, im fürstlich \\'aldeckschen Museum zu Arolsen,' der mit großer Treue die Gesichtszüge eines Römers der ersten Kaiserzeit wiedergibt (Fig. 2 und 3). Die :'\1aske trligr trotz der Bearbeitung durch den Bronzebildner deutlich einen hippokratischen Zug, namentlich in der rechten \Vaogenpartie, und ist den zahlreichen Renaissancemasken dieser Art dun:h· aus an die Seite zu stellen. Das Seltsamste, das uns aber die Gräber der Antike in dieser Beziehung aufbehalten haben, ist der im Museum zu Neapel bewahrte \Vachskopf2 (Fig. r, an der Spitze dieses Kapitels). [m Jahre 1852

w urde n in einem römischen Grabe zu Curnae zwei Skelette, miinnlich und weiblich, gefunden, die, wie aus den L 7 undberichten he rvorgeht, an Ste\Je der fehlenden Sc biidel \Vac hsköpfe hatte n, mit Pupillen

aus

den , d e r and e re zc d1 el an Ort und Stell e . Über de n Fund

tu r , d ie 0. Ja h n in de r «Arc häologischen

l ic hste E rkliirun g d ürfte immer noch die von .Ia hn gegebe ne se in, daß es s ich um e in b esonderes Bei -

sp iel römischer Bestattungsgewoh nheiten handelt, von denen sogleich d ie Hede se in

d ie Bcnürzun g der Totenmaske wohl bemerkt und hervorgehoben. Dadurch rückt dieses merlnYiirdige

Totenportriit als einziges aus Spitze unserer U ntersu chung,

bu ntem G las und Sp uren von natih lichem Haar. N ur der ei ne männl ic he konnte konserviert we r-

existiert eine reichl ich e KontroYc rsc nl ite ra-

Zeit ung• x867, 85, zusammengesrellt hat. D ie wahrsch ein-

soll.

.Ia h n hat auch

dem Altertum überkommenes Beispiel d urc h Tec hnik uud Stil an die wenn auch, wie Ru esc h bemerkt, neuerd in gs .vorgenomme ne chemische

Untersuchungen das i'vlate ria! nicht m eh r mir S icherheit festzustellen vermocht haben. Die bisher besprochenen Funde setzen schon die Bekanntschaft mit dem Abguß über der lebenden oder toten Natur und dessen Vcrwendung in der Porrriitplastik voraus. Das ist nun etwas, das dem vVesen der iilteren hellenischen Kunst durchaus widerstrebt, die, wie bekannt, das indiYiduelle Porträt

überhaupt abgelehnt hat, aus Gründen, die rief im Ethos der echt~n alten hellenischen Polis verborgen liegen. \ Vohl aber macht sich seit dem vierten Jahrhundert ein merkwürdiger Vorstoß zu naturalisti- schen Tendenzen geltend; von der Kunst des Demerrios von Alopeke war scl1on früher die Hede. Nun bringt Plinius aus älterer griechischer Quelle einen merkwürdigen Bericht über den Bruder des großen

Bildners Lysipp, Lysistratos, YOn dessen Richtung, wie \Vinter 3 meint, das Demosthenesporträt mir seinen •zerrissenen Zügen~ eine Vorstellung vermitteln kann. P l inius' ~Vorte sind: • • H ominis autem imagincm gypso e facie ipsa prim us om nium cxpressit ceraquc in eam formam gypsi infusa cmendare

instituit Lysistrutus

e h c r r im us facerc

Diese Stelle h at, abgesehen von ihrem Tatsachengehalt, eine a llgemein e method isc he Bedeutung; die Hicorsi menschlieber Bes trebu ngen, um m it Vico zu r ed en, bestätigen sich a uch hie r. Plinius o<.ler

v iel mehr sein g ri ech ischer Gewührsma nn will den Umsc hwung charakteri sieren , der von der iiltcren Kunst mil ihrer Richtung auf das typisch Schöne zu r jüngeren mit ihrer Tendenz zum ind ividuell

Cha rakteri stisch en bin ein trat; es entspricht dem \Vesen der ä lteren H istoriogruphie, allgemei n ku lt ur-

hi storisc he Ent wick lun gen individ uell z u fix ieren: eine Sach e, di e eine r an sich ri chtigen E insicht

den In d ivi du ali smus und Singu larismus des K11ostschaffens entspringt, im besonderen Fall aber z ur Mythol og ie der •Erfi nde r • geführt hat. Ganz in derselben \ .Veise beschre ibt, wie wir noch sehen wer- den, sptiter Vasari den Naturabguß und die angeblich an ihn sich knüpfende Verbreitung der Toten- maske wie der von ihr abhängigen realistischen Büste als eine spontane Erfindung Verrocchios. Den Griechen der hellenistischen Zeit ist also, das dürfen wir trotz der pragmatischen Konstruk- tion der Pliniusstelle als gesichert annehmen, dieses Verfahren bekannt gewesen; das Gewerbe des «Y.1j(!01rl.&<n·t)s• spielte im griechischen Altertum denn auch eine gewisse Rolle. Gleichwohl hat es nicht

redeiere instilllit; antc eum quam pu l-

S icyonius, fruter Lysippi,

.s

sirnilitudincs

studebant.

in

1 ßenndorf. :-lr. 26. • ßenndorf, :\r. 37; Raccolta Comana, im offiziellen Katalog von Ruesch Nr. 1982.

> Griechische l>ortriitkunst, ßerlin

1899, S. 27.

i76

Julius v. Schlosser.

Histori" Nnturnlis XXXV,

\'gl. dazu das im Folgenden

1.)3.

technisch bemerkenswert als der einzige der Reihe, im fürstlich Waldeckschen Museum zu Arolsen,1

der mit großer Treue die Gesichtszüge eines Römers der ersten Kaiserzeit wiedergibt (Fig. 2 und 3).

Die Maske trägt trotz der Bearbeitung durch den Bronzebildner deutlich einen hippokratischen Zug,

namentlich in der rechten Wangenpartie, und ist den zahlreichen Renaissancemasken dieser Art durchaus

an die Seite zu stellen.

'

mitgeteilte,

freilich erst aus römischer Zeit stammende Epigrnmm des Straton auf ein -

sowie die Ansaben llber die Pompa des Ptolemaeus

Das Seltsamste, das uns aber die Gräber der Antike in dieser Beziehung aufbehalten haben, ist der

n).uo.tu• "'1!16zwov -

die Lebensmaske

eines gewissen Heliodor

im Museum zu Neapel bewahrte Wachskopf2 (Fig. 1, an der Spitze dieses Kapitels). Im Jahre 1852

wurden in einem römischen Grabe zu Cumae zwei Skelette, männlich und weiblich, gefunden, die, wie

aus den Fundberichten hervorgeht, an Stelle der fehlenden Schädel Wachsköpfe hatten, mit Pupillen

Philadelphus.

aus buntem Glas und Spuren von natürlichem Haar. Nur der eine männliche konnte konserviert werden

, der andere zerfiel an Ort und Stelle. Uber den Fund existiert eine reichliche Kontroversenliteratur

, die O.Jahn in der «Archäologischen Zeitung» 1867, 85, zusammengestellt hat. Die wahrscheinlichste

Erklärung dürfte immer noch die von Jahn gegebene sein, daß es sich um ein besonderes Beispiel

römischer Bestattungsgewohnheiten handelt, von denen sogleich die Rede sein soll. Jahn hat auch

die Benützung der Totenmaske wohl bemerkt und hervorgehoben. Dadurch rückt dieses merkwürdige

Totenporträt als einziges aus dem Altertum überkommenes Beispiel durch Technik und Stil an die

Spitze unserer Untersuchung, wenn auch, wie Ruesch bemerkt, neuerdings vorgenommene chemische

Untersuchungen das Material nicht mehr mit Sicherheit festzustellen vermocht haben.

Die bisher besprochenen Funde setzen schon die Bekanntschaft mit dem Abguß über der lebenden

oder toten Natur und dessen Verwendung in der Porträtplastik voraus. Das ist nun etwas, das dem

Wesen der älteren hellenischen Kunst durchaus widerstrebt, die, wie bekannt, das individuelle Porträt

überhaupt abgelehnt hat, aus Gründen, die tief im Ethos der echte.n alten hellenischen Polis verborgen

liegen. Wohl aber macht sich seit dem vierten Jahrhundert ein merkwürdiger Vorstoß zu naturalistischen

Tendenzen geltend; von der Kunst des Demetrios von Alopeke war schon früher die Rede. Nun

bringt Plinius aus älterer griechischer Quelle einen merkwürdigen Bericht über den Bruder des großen

Bildners Lysipp, Lysistratos, von dessen Richtung, wie Winter3 meint, das Demosthenesporträt mit

seinen «zerrissenen Zügen» eine Vorstellung vermitteln kann. Plinius' Worte sind:4 «Hominis autem

imaginem gypso e facie ipsa primus omnium expressit ceraque in eam formam gypsi infusa emendare

instituit Lysistratus Sicyonius, frater

cherrimas facere studebant.5

Diese Stelle hat, abgesehen von ihrem Tatsachengehalt, eine allgemeine methodische Bedeutung;

die Ricorsi menschlicher Bestrebungen, um mit Vico zu reden, bestätigen sich auch hier. Plinius oder

vielmehr sein griechischer Gewährsmann will den Umschwung charakterisieren, der von der älteren

Kunst mit ihrer Richtung auf das typisch Schöne zur jüngeren mit ihrer Tendenz zum individuell

Charakteristischen hin eintrat; es entspricht dem Wesen der älteren Historiographie, allgemein kulturhistorische

Entwicklungen individuell zu fixieren: eine Sache, die einer an sich richtigen Einsicht in

den Individualismus und Singularismus des Kunstschaffens entspringt, im besonderen Fall aber zur

Mythologie der «Erfinder» geführt hat. Ganz in derselben Weise beschreibt, wie wir noch sehen werden

, später Vasari den Naturabguß und die angeblich an ihn sich knüpfende Verbreitung der Totenmaske

wie der von ihr abhängigen realistischen Büste als eine spontane Erfindung Verrocchios.

Den Griechen der hellenistischen Zeit ist also, das dürfen wir trotz der pragmatischen Konstruktion

der Pliniusstelle als gesichert annehmen, dieses Verfahren bekannt gewesen; das Gewerbe des

«•/.rßonlaOTrfe» spielte im griechischen Altertum denn auch eine gewisse Rolle. Gleichwohl hat es nicht

similitudines reddere instituit; ante eum quam pul-

1 Benndorf, Nr. 26.

2 Benndorf, Nr. 37; Raccolta Cumana, im offiziellen Katalog von Ruesch Nr. 1982.

3 Griechische Porträtkunst, Berlin 1899, S. 27.

4 Historia Naturalis XXXV, 153.

3 Vgl. dazu das im Folgenden mitgeteilte, freilich erst aus römischer Zeit stammende Epigramm des Straton auf ein

nXaO/ia uriQÖyvrov — die Lebensmaske eines gewissen Heliodor — sowie die Angaben über die Pompa des Ptolemaeus

Philadelphus.

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Geschichte der Porträtbildnerei in \\'~chs.

177

bei ihnen, aus deren .Mitte das höchste und gewaltigste, ganz Europa unterjoch ende Beispiel der Typik,

bei den Römern, die,

Plaros Ideen lehre, hen·orgegangen ist, seine volle Entwicklung gefunden, sondem auf einer ganz anderen ethnischen Grundlage - der etruskischen - fußend, jene großartige naturalistische Bllstenkunst entwickelt haben, die sich in ihrem nario ualcn Ethos so scharf von jener der Griechen abhebt und die erst in nachdioklcrianischer Zeit wieder durch das ideale und typische Porträt verdr ii n g t wo rden ist. ' Dabei ha ndelt es s ich nic ht so

n g t wo rden ist. ' Dabei ha ndelt es s ich nic ht so

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sehr um d ie ofliziclle und me ist ko n- ventionel le Kunst der J(a iserbüsten als mn de n Porrriitstil des ano nymen b ll rgerl ichen l'vl ilicus, von dem kaum andcnviins eine bessere Vorstellung zu gewinnen ist als in der Jacobseu- schcn Glyp tothek in Kopenhagcn. Wir werden uns hi ebc:i nochma ls erinnern, d:lfl Rom auf ahetrusk ischem Boden srchr und dat.l im besond eren die Grabplastik der alten Toskaner wie clie ihrer \'achfahren im Quattrocento

das Äußerste an Realismus erstrebt und erreicht hat.

Jedermann weiß, daß es sich hier um d ie Cerae (e rtigies) der römi- schen Patrizierhiiuser handelt; der merkwü rd ige R ea li smus der römi - schen PorrriitbUsren, der zweifellos auf besonderer Veranlagung beruht,

i st :~.w11r ni.: ht nu ~ je nem natio n alen Brauc he herz ul ciLen, woh l aber ste ht er d amit in i nne rer Verbindung un d

h at vo n dieser Se ite her ausgie bige

Förderun g e rh al te n. Die fr ;l nzösische

Grabplas tik cics X IV., d ie ros kanische

d es XV

. Belege für d ieses Verhiilrnis liefern . Jene Ahnenbilder des römischen Pa- triziars waren an der wllrdigsten Stelle

des Hau ses, im Atrium oder in den Alae ( Virru v Vf, 3, 6) au fgesre llr, zum Teil in Schriinkcn (Armaria ) , von denen uns antike Reliefs 1 noch eine Vorstellung Ycrmitteln, mit einer Unterschrift (clogium, titu- lus) ''ersehen, in deren Herste llung sich namentlich die Eleganz des Atticus (Corn. Nepos 18) bewiihrte.

.1 ahrhund er rs wirci un s weitere

t

~lnrthn (;\rt Ctrusque. p. 3o_;)

hnt

die Ansicht ausgesprochenJ' daß die Römer dns \Vachsportr5t

\'On den Etruskcn'l

übernommen hätten . Eine Stütze könnte diese Hypothese durch den kleinen etruskischen Terrnkounsnrkophas des l.oune crhahcn, der den liegenden Tot<n mit abnehmb~rer Gesichtsmaske darstellt (Benndorf, n. a. 0., 369)·

177

Geschichte der Porträtbildnerei in Wachs.

bei ihnen, aus deren Mitte das höchste und gewaltigste, ganz Europa unterjochende Beispiel der Typik,

Piatos Ideenlehre, hervorgegangen ist, seine volle Entwicklung gefunden, sondern bei den Römern, die,

auf einer ganz anderen ethnischen

Grundlage — der etruskischen —

fußend, jene großartige naturalistische

Büstenkunst entwickelt haben, die

sich in ihrem nationalen Ethos so

scharf von jener der Griechen abhebt

und die erst in nachdiokletianischer

Zeit wieder durch das ideale und

typische Porträt verdrängt worden

ist.1 Dabei handelt es sich nicht so

sehr um die offizielle und meist konventionelle

Kunst der Kaiserbüsten

als um den Porträtstil des anonymen

bürgerlichen Milieus, von dem kaum

\ 'g. Oarcmberg·Saglio 111. Fig. 3979

Zur Sache besonders Benndorf-Schöne, l.nter~n. Museum, Nr. 343, 34) .

anderwärts eine bessere Vorstellung

zu gewinnen ist als in der Jacobsen-

schen Glyptothek in Kopenhagen. Wir

werden uns hiebei nochmals erinnern,

daß Rom auf altetruskischem Boden

steht und daß im besonderen die

Grabplastik der alten Toskaner wie

die ihrer Nachfahren im Quattrocento

das Äußerste an Realismus erstrebt

und erreicht hat.

Jedermann weiß, daß es sich

hier um die Cerae (effigies) der römischen

Patrizierhäuser handelt; der

merkwürdige Realismus der römischen

Porträtbüsten, der zweifellos

auf besonderer Veranlagung beruht,

ist zwar nicht aus jenem nationalen

Brauche herzuleiten, wohl aber steht

er damit in innerer Verbindung und

hat von dieser Seite her ausgiebige

Förderung erhalten. Die französische

Grabplastik des XIV., die toskanische

des XV. Jahrhunderts wird uns weitere

Belege für dieses Verhältnis liefern.

Jene Ahnenbilder des römischen Patriziats

waren an der würdigsten Stelle

des Hauses, im Atrium oder in den Alae (Vitruv VI, 3, 6) aufgestellt, zum Teil in Schränken (Armaria),

von denen uns antike Reliefs2 noch eine Vorstellung vermitteln, mit einer Unterschrift (elogium, titu-

lus) versehen, in deren Herstellung sich namentlich die Eleganz des Atticus (Corn. Nepos 18) bewährte.

Fig. 4.

Togastatuc im Palazzo Barberini zu Rom

(nach Arndt).

1 Martha (Art etrusque, p. 3o,) hat die Ansicht ausgesprochen, daß die Römer das Wachsporträt von den Etruskern

übernommen hatten. F.ine Stütze könnte diese Hypothese durch den kleinen etruskischen Terrakottasarkophag des Louvre

erhalten, der den liegenden Toten mit abnehmbarer Gesichtsmaske darstellt (Benndorf, a. a. O., 369).

2 Vg. Daremberg-Saglio III, Fig. 3979.

Zur Sache besonders Benndorf-Schöne, Lateran. Museum, Nr. 343, 34;.

UNIVERSITÄTS·

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HEIDELBERG

Nr. 343, 34;. UNIVERSITÄTS· BIBLIOTii EK HEIDELBERG http: 1

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Ihre Form läßt sich noch mit ziemlicher Sicherheit erschließen; nicht nur aus antiken Denkmälern,1 sondern

vor allem aus jenen oben erwähnten Totenmasken. Denn es handelt sich aus Gründen, die mit dem

Ursprung der Sache innig zusammenhängen, zum mindesten in späterer Zeit um den wenigstens seit den

Tagen des Lysipp bekannten und geübten Naturabguß, dessen Matrize im Atrium bewahrt worden sein

muß. Sonst wäre es nicht möglich gewesen, daß die Frau dem Manne die Bilder ihrer Ahnen zubrachte,

daß der Schauspieler bei dem feierlichen patrizischen Leichenzug in der Maske des Ahnen tragierte. Die

Effigies der Ahnengalerie selbst aber haben wir uns nach Benndorfs einleuchtender Vermutung als in

Büstenform nach dem Naturabguß überarbeitet — also ganz wie die Bronze- und Tonbüsten dieser

Art in der italienischen Renaissance — vorzustellen; sie waren realistisch bemalt,2 zuweilen wohl auch

(wie im Leichenpomp) mit wirklichen Stoffen drapiert;3 nach Analogie der Maske von Cumae ist endlich

die Verwendung von Glasaugen und natürlichem Haar nicht ausgeschlossen, so daß sie das genaue

Gegenbild der Wachsbüsten des XVII. und XVIII. Jahrhunderts darstellen. Ich setze die anschauliche

und knappe Darstellung hierher, die der konservative und für die nationale Vergangenheit begeisterte

Plinius vom römischen Adelshause entwirft, als ein Gegenbeispiel zu der lebhaft beklagten Decadence

seiner Zeit, wobei wir die Hervorhebung größter Porträttreue (quam maxume similes

figurae)

besonders anmerken wollen; seine in kunsthistorischer Beziehung sehr merkwürdige Jeremiade über den

Verfall der Bildniskunst gehört auf ein anderes Blatt. Plinius sagt:4 «Aliter apud maiores in atriis haec

erant quae spectarentur, non signa externorum artificum, nec aera aut marmora; expressi cera voltus

singulis disponebantur armariis, ut essent imagines quae comitarentur gentilicia funera, semperque de-

functo aliquo totus aderat familiae eius qui umquam fuerat populus.» In der Antikensammlung des

Palazzo Barberini zu Rom befindet sich die merkwürdige Togastatue eines edlen Römers etwa aus dem

Beginn der Kaiserzeit; in beiden Händen hält er (die in Wachs zu denkenden) vortrefflich modellierten

Imagines von zwei Ahnen, auf die er besonders stolz gewesen sein mag5 (Fig. 4).

An diesen Cerae hängt das wichtige Jus imaginum, das mindestens in späterer Zeit unserem

heutigen Briefadel zu vergleichen ist. Cicero (II. or. in Verrem V, 14) zählt unter den Ehrenrechten der

Adilität das «Jus imaginis ad memoriam posteritatemque prodendae» auf. Aber das ist nicht das

eigentliche Fundament des Brauches. Schon Lessing hat mit gewohntem Scharfsinn gegen Klotz hervorgehoben

, daß die Dauer weder das einzige noch das erste, was die Römer von ihren Ahnenbildern

verlangten, gewesen sei. Nicht die Überlieferung an die Nachwelt ist das Primäre, das ist ein viel später,

als die Sitte fest geworden war, hinzutretender Gedanke; das Ursprüngliche ist die Forderung möglichster

Lebenstreue, die eben, wie Lessing in seinem leider unvollendet gebliebenen Aufsatz, vielleicht

auch aus seiner eigenen Zeit heraus beweisen wollte, gerade durch die Wachstechnik verbürgt

ist. Diese Eigenheit ergibt sich aus dem Ursprung der Cerae aus patrizischen Bestattungsgebräuchen,

die ihrerseits wieder, wie wir sahen, in ältestes Altertum zurückreichen, in den Zeremonien der Kaiserzeit

aber, nach Benndorfs glücklichem Ausdruck, den «Charakter einer grandiosen Versteinerung» an

sich tragen. Ist auch das Jus imaginum und die Porträtgalerie des Atriums nicht vor das IV. Jahrhundert

v. Chr. zurück zu verfolgen, so ist die Verwendung der Imagines im Leichenritual sicher weit älter;

sie ist schon aus republikanischer Zeit sicher überliefert;6 und die rauch- und altersgeschwärzten Imagines

, die bei den Alten nicht selten erwähnt werden (Juvenal VIII, 8: fumosae imagines), lassen ebenfalls

auf das hohe Alter der Sitte schließen; als einen alten und ehrwürdigen Gebrauch stellt endlich

auch Tacitus (Annal. III, 3) die Sache dar, wenn er bei dem von Tiberius vernachlässigten Leichenbegängnis

des Germanicus schmerzvoll ausruft: «ubi veterum instituta, propositam toro effigiem?» Vor

allem kommt hier aber der sachliche und anschauliche Bericht eines Zeugen des II. Jahrhunderts v. Chr.,

1 Büsten im Lateran: Baumeister, Denkm. I, Fig. 29.

- Cerae pictae bei Juvenal, Sat. VIII, 2.

3 Wenn der Ausdruck trabeatae imagines bei Sidonius Apollinaris, Epp. I, 6, (s. u.) derart zu verstehen ist.

4 Historia Naturalis XXXV, 6.

5 Abbildung nach Arndt, Griechische und römische Porträts, Nr. 801—8o3. Vgl. Matz-Duhn, Antike Bildwerke in

Rom I, 1277.

Gcschicille der Pon rätbildnerei in Wachs.

179

des H istorikcrs Polybios, in Betracht, der jenes Zeremoniell als vollständig ausgebildet schildert; 1 ich setze die Stelle in der Übersetzung Lessings 2 hierher : cl\ ur Eins will ich anführen, um aus diesem Beyspiele abzunehmen, wie sehr die Römer darauf bedacht sind, daß man im männlichen Alter dazu gewöhnt sey, alles geduldig zu ertragen, um nur in seinem Vaterlande einen ruhm"ollen Namen zu erlangen. Denn so oft unter ihnen irgend ein berühmter :'>lann d iese \ Velt verlassen hal, wird er bey seiner Leichen- bestattung, außer andern Ehrenbezeigungen, auf den Rednerplatz, wie sie es nennen, herausgetragen, zuweilen stehe n d, damit ihn Jedermann sehen könne, seltner liegend. Hier steht das ganze Volk versammelt umher, und se in Sohn, wenn er ei nen sch on he rangewachsene n Sohn nachgelassen hat, und dieser wgegen ist, oder einer von seinen Blutsverwandten, besteigt die Red nerbühne, und hlilt eine Lob- rede auf den Verstorbenen, worin er die von ihm in seinem Leben verrichteten edlen Hand lungen er- wähn t. Und so geschieht es, daß das ganze Vol k sich an da s Gesche hene leb ha ft e ri nn ert , sic h es w ied er

vo r t\u ge n s te ll t, un d so innig da von ger üh l't wi rd , d aß die T raue r mehr ö tfe nt lic h, al s b loß cle m G e-

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Sc h r e in e e in . D i es l~ i ld ni U aber i st d , t s .A n t l i rz d e s V e r sro r be n e n m it g a nz vo r;~üg l ic h er Ac bnli c h k e i t g e -

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eine Priitcxla an; war es ein Ccnsor, so geben sie ih m ei n Purpurgewand ; haue, er einen T r iump h ge- halten, oder sonst etwas Ruhmvo ll es gerha n, so g iebt m a n ihm ein goldgewirktes Kleid . Und so fährt man es auf einem \V:tgen, und liißt die Pasces, Beile und andere dergleichen Ehrenzeichen vorantragen, nach Verh1iltniß der \Vürdc, die er bey seineo Lebzeiten bekleidete. Ist man nun auf den Hedncrplatz gekommen, so setzt man sie alle nach der Reihe auf elfenbeinerne Sessel; und schöner kann für einen

ehrliebenden und edelmlithigen Jüngling kein Anblick seyn. Denn die Bilder sokher l\liinner zu sehen, die durch Tugend berühmt worden sind, und sie wie lebend und beseelt \'Or sich zu sehen, ist ohne Zweifel das eclelste Schauspicb

d ie Le iche des Verstorbenen; un d a u f, un d schli e ßen es in h öl zer ne

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Derg leich en Bi lde r a ber l ntgc n sie

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so t ragen sie d as Bi ld mi t zu m Le ich en begiingniß, u nd bek leiden es so, wie

Feld h err oder ein Ko nsul , so legen sie ih m

Sekundäre, an der Spitze der Entwicklung steht vielmehr das

Portriit des Toten, dazu bestimmt, die Persönlichkeit über den leiblichen Tod hinaus zu bewahren; die Mag i e des B il dnisses tr it t in vVirksa m keit - nac h de m, was w ir früher ausgeführt haben,-

Die Ahnenga lerie

ist also das

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Geschichte der Porträtbildnerei in Wachs.

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179

:

\\'crkc, ed. l.achmano-~to.lttahn XI, 1, S. 262 f.

des Historikers Polybios, in Betracht, der jenes Zeremoniell als vollständig ausgebildet schildert;1 ich setze

die Stelle in der Ubersetzung Lessings2 hierher: «Nur Eins will ich anführen, um aus diesem Beyspiele

abzunehmen, wie sehr die Römer darauf bedacht sind, daß man im männlichen Alter dazu gewöhnt sey,

alles geduldig zu ertragen, um nur in seinem Vaterlande einen ruhmvollen Namen zu erlangen. Denn

so oft unter ihnen irgend ein berühmter Mann diese Welt verlassen hat, wird er bey seiner Leichenbestattung

, außer andern Ehrenbezeigungen, auf den Rednerplatz, wie sie es nennen, herausgetragen,

X XIX.

zuweilen stehend, damit ihn Jedermann sehen könne, seltner liegend. Hier steht das ganze Volk

versammelt umher, und sein Sohn, wenn er einen schon herangewachsenen Sohn nachgelassen hat, und

dieser zugegen ist, oder einer von seinen Blutsverwandten, besteigt die Rednerbühne, und hält eine Lobrede

auf den Verstorbenen, worin er die von ihm in seinem Leben verrichteten edlen Handlungen erwähnt

. Und so geschieht es, daß das ganze Volk sich an das Geschehene lebhaft erinnert, sich es wieder

vor Augen stellt, und so innig davon gerührt wird, daß die Trauer mehr öffentlich, als bloß dem Geschlechte

des Verstorbenen eigen zu seyn scheint. Hierauf bestatten sie die Leiche des Verstorbenen; und

hernach stellen sie sein Bildniß an dem scheinbarsten Orte des Hauses auf, und schließen es in hölzerne

Schreine ein. Dies Bildniß aber ist das Antlitz des Verstorbenen mit ganz vorzüglicher Aehnlichkeit gearbeitet

, sowohl der Form, als der Unterschrift nach. Dergleichen Bilder aber tragen sie auch bey öffentlichen

Opferfeyerlichkeiten umher, und schmücken sie aufs schönste. Wenn aber irgend ein angesehenes

Mitglied des Hauses stirbt, so tragen sie das Bild mit zum Leichenbegängniß, und bekleiden es so, wie

es seiner Größe und seinem Range gemäß ist. War es ein Feldherr oder ein Konsul, so legen sie ihm

eine Prätexta an; war es ein Censor, so geben sie ihm ein Purpurgewand; hatte er einen Triumph gehalten

, oder sonst etwas Ruhmvolles gethan, so giebt man ihm ein goldgewirktes Kleid. Und so fährt

man es auf einem Wagen, und läßt die Pasees, Beile und andere dergleichen Ehrenzeichen vorantragen,

nach Verhältniß der Würde, die er bey seinen Lebzeiten bekleidete. Ist man nun auf den Rednerplatz

gekommen, so setzt man sie alle nach der Reihe auf elfenbeinerne Sessel; und schöner kann für einen

ehrliebenden und edelmüthigen Jüngling kein Anblick seyn. Denn die Bilder solcher Männer zu sehen,

die durch Tugend berühmt worden sind, und sie wie lebend und beseelt vor sich zu sehen, ist ohne

Zweifel das edelste Schauspiel.»

Die Ahnengalerie ist also das Sekundäre, an der Spitze der Entwicklung steht vielmehr das

Porträt des Toten, dazu bestimmt, die Persönlichkeit über den leiblichen Tod hinaus zu bewahren;

die Magie des Bildnisses tritt in Wirksamkeit — nach dem, was wir früher ausgeführt haben, —

Z4

1 Hist. ed. Hultsch, L. VI, c. 52/53: i'v de Qvdev iuavöv Sarai Oijßeiov rfjg rov noXirevßarog Onovdf/g, i'/v noi-

elrai nEQi rö roiovrovg änorsXsiv ävÖQag i'oörE näv vnoßiveiv %äQiv rov rv%eiv iv ry narQibi rfjg in' dgerg (pfjßijg.

"Orav yäQ ßeraXX&^Q rig nag' avroig räv ini<pavü>v ävdQäv, ovvreXovßivrjg rfjg iuqpoQäg uoßi&rai ßerä

rov Xomov uöoßov ngög rovg uaXov/ievovg ißßöXovg elg rijv äyogäv nori ßiv iöräg ivaQyrj g, anaviag de ua-

raueuXißivo g. niQi§ de navrög rov dfjßov Orävrog, ävaßäg inl rovg ißßöXovg, äv ßiv viög iv fjXluiq uaraXeinrjrai

uai rvpj nageov, ovrog, ei de //»;, räv äXXav et rig änö yivovg vnägxsi, Xeyei neQi %ov rereXevrijuörog rag äQeräg uai

rag inirerevyßivag iv rä £fjv ngageig. dt' äv ovßßaivei rovg noXXovg ävaßißvrjOuoßivovg uai Xaßßävovrag vnö

ri)v öipiv rä ysyovöra, ßij fiövov rovg ueuoivcovrjKÖrag räv iQycov äXXä uai rovg iurög, inl roaovrov yiveaüai ovß-

nadeig üöte ßij räv urjdevövrav Ibiov äXXä uoivöv rov di'jßov cpaiveodai rö avßnxäßa' ßerä de ravra äärpavreg uai

noiijOavreg rä voßi£6ßeva ndeaoi rt)v sluöva rov ßeraXXä§avrog elg röv imipaveorarov rönov rfjg oluiag, gvAiva

vaibia neQiridevreg. ij d' elicäv ion nQÖaconov elg bßoiörijra diaipeQÖvrcog igsiQyaößivov uai uarä rijv nXäaivuai

uaxä n)v imoyQacpijv. raiirag dt) rag eluövag Sv re ralg dijßoreXiai tivaiaig ävoiyovreg uoaßovoi iptXorißcog, inäv

re räv olueicov fieraXXägrj rig iniipavijg, äyovaiv Big rijv iucpoQäv, neQiriüivreg äg ößoioräroig elvai douovai uarä

re rö ßiyeßog uai rijv äXXijv neQiuonijV. ovroi de nQooavaXaßßävovoiv iaöfjrag, iäv ßiv vnarog i] OrQartjyög fj

yevoväg, neQinoQCpvQovg, iäv di rißtjrrjg, noQipvQäg, iäv de uai reÜQiaßßevuäg ij ri rotovrov uareiQyaößivog, dia-

%Qi)Oovg. ainoi ßiv ovv iq>' äQßärav ohroi noQevovrai, Qäßdoi de uai neXeueig Kai räXXa rä ralg ag%alg elaßöra

övßnaQaueloüai nQorjyelrai uarä rijv äg~iav iuäora rfjg yeyevrjßivijg uarä röv ßiov iv rrj noXireiq ngoayayfjg. örav

d' ini rovg ißßöXovg iX-daoi, uaOegovrai nävreg igt/g ini diipQav iXeipavrivcov. ob uäXXiov ovu evßagig Idelv

fleaßa via ipiXodöga uai <piXayä&(o' rö yäQ räg räv in' ägsrg dedogaOßevcov ävdgäv eluövag Ideiv ößov näöag

olovei £ü>Oag uai nenvvßivag riv' ovu äv nagaor>)oai; ri <V äv uäXXiov -diaßa rovrov (paveirj ■ nXijv ö ye X.eycov

vneg rov dänreodai ßiXXovrog, inäv diiXdy röv neQi rovrov Xöyov, äQ-/Erai r€>v äXXav änö rov nQoyevearärov

t<">v naoövrar, uai Xiyet räg inirvyiag iuäarov uai räg ngä^Eig.

2 Werke, ed. Lachmann-Maitzahn XI, 1, S. 262 f.

XXIX. 24

UNIVERSITÄTS· BIBLIOT!i EK HEIDELBERG

S. 262 f. XXIX. 24 UNIVERSITÄTS· BIBLIOT!i EK HEIDELBERG http: I /digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jbksak1910_1911/0

http:I /digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jbksak1910_1911/0 188 © Universitätsbibliothek Heidelberg

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gefordert durch die

iJFCi

i8o

Julius v. Schlosser.

durch möglichste Lebenstreue. Diese Lebenstreue enthält jedoch das unausweichliche subjektive

Moment. Ob wir von der mykenischen Maske oder dem durch alle möglichen Mittel gesteigerten Naturabdruck

der Kaiserzeit ausgehen, die Summe bleibt immer konstant; variabel sind nur die beiden

Größen, aus denen sie resultiert, die Phantasie des Beschauers und die Technik des Künstlers, Eindruck

und Ausdruck.

Durch die — im Gegensatz zu hellenischem Brauche — lang dauernden Bestattungsfeierlichkeiten

(das Novemdial) der patrizischen Kasten Roms war die Notwendigkeit, zunächst das Gesicht der Leiche

zu konservieren, gegeben; diese Herrichtung lag einem eigenen Handwerker, dem Pollinctor,1 ob, ein

Gewerbe, das, nebenbei gesagt, heute noch existiert; wann der Schritt geschehen ist, von der einfachen

symbolischen oder naturalistischen Totenmaske, mit der der Tote begraben oder verbrannt wurde, zur

ganzen Darstellung des Toten in effigie selbst überzugehen, mit Kopf und Extremitäten aus Wachs an

Akrolithen oder Puppen, die mit den Feierkleidern angetan waren, wissen wir nicht. Aber schon die

republikanische Zeit hat den Totenpomp gekannt, bei dem der Populus der Ahnen, wie Plinius drastisch

sagt, dem Toten das Geleit gab; es muß ein merkwürdiges Schauspiel gewesen sein, wenn dieser feierliche

Zug auf dem Forum Platz nahm. Es ist eine höchst treffende Bemerkung Benndorfs, daß der

cschwarze Ritter», der bei uns noch Leichen hoher Militärs zu folgen pflegt, nichts anderes als ein gar

nicht mehr verstandenes Survival ältester Tage ist, wo der Statist in der Maske den Verstorbenen

tragierte.

In grandioser Feierlichkeit hat die römische Kaiserzeit diese altrepublikanischen und patrizischen

Sitten in ihren Exequien und Apotheosen entwickelt. Griechische Historiker der Kaiserzeit haben uns

die detailliertesten Schilderungen dieses Prunkes hinterlassen; ich setze die einschlägigen Stellen im

Originaltext und in Ubersetzung hierher. Der zeitlich am weitesten hinaufreichende Bericht über die

Bestattung Caesars ist in mancher Beziehung auch der merkwürdigste; es ist zwar ein später Zeuge des

II. Jahrhunderts n. Chr., Appian (De bello civili II, 147), der hier zu Worte kommt; er hat aber sicherlich

alte Quellen benützt. Die nächstfolgenden Nachrichten führen uns die Konsekrationsgebräuche der

römischen Kaiserzeit, wie sie noch im III. Jahrhundert n. Chr. üblich waren, vor. Dio Cassius berichtet

an zwei Stellen seiner römischen Geschichte von der Totenfeier des Augustus (Historia Romana

LVI, 34) sowie — als Augenzeuge — über den dem ermordeten Pertinax lange nach dessen

Tode durch Septimius Severus (ig3 n. Chr.) veranstalteten Leichenpomp (a. a. O. LXXIV, 4). Der

jüngste, aber ausführlichste Bericht handelt von der Apotheose des Septimius Severus selbst (211) und

ist durch Herodian (Ab excessu divi Marci IV, 2) überliefert.

Appian II, 147 (Ubersetzung von Dillenius): «Schon waren sie in dieser Stimmung nahe daran

Gewalt zu brauchen, als Jemand die Statue Caesar's, aus Wachs geformt, über dem Lager emporhielt;

denn der Leichnam war auf dem Lager so zurückgelegt, daß man ihn nicht sehen konnte. Die Statue

wendete sich durch eine Vorrichtung nach allen Seiten; man sah an ihr die dreiundzwanzig Wunden,

die sie ihm in wilder Wuth an allen Theilen des Körpers, sogar in's Gesicht beigebracht hatten. Dieser

Anblick schien dem Volke so bejammernswürdig, daß sie ihn nicht länger ertrugen; sie seufzten laut

auf, umgürteten sich und verbrannten das Rathhaus, worin Caesar ermordet worden war.»2

Dio Cassius LVI, 34 (Ubersetzung von Tafel): «Hierauf folgte die Leichenbestattung des Augustus.

Sein Prachtbett war von Elfenbein und Gold und mit purpurnen, golddurchwirkten Decken geschmückt.

Auf demselben lag etwas niedriger in einem Sarge die Leiche verhüllt, dagegen war sein Brustbild aus

Wachs, mit Triumphgewand umhängt, zu schauen. Dieses wurde von den auf's nächste Jahr designirten

1 Scrvius ad Verg. Acn. IX, 487: «Pollinctores appellatos dicunt qui mortuis os polline obtinebant, ne livor appareret

extincti»; vgl. Benndorf, a.a.O., 371.

2 Appianus, De bello civili cd. Didot II,2 c. 147: *ß<5e de avtolg g%ovöiv ijdt], Kai xElQ<^>v £yyvg, ovötv, äveaye. xig

vjtbq tö Xeyog ävÖQeiueXov avrov Kaiaagog 6k utjQOv jienoujfievov. Tö ßiv yäQ aä>/ia, ä>g vnnov e\ni Xe~/pvg, oiiy

tcdgüTO. Tö de ävÖQehteÄov £k firjyavijg ineatgefpero jzävn], uai o<payai rgelg Kai ebcooiv dxpdtjOav, ävä re xö od/ia

näv Kai ävä tö jiqogcjjzov d>]Quodög ig cröröv yevo/xevai. Tiqvbe ovv vijv 6%ptv ö öfjfiog oiKtiat^v atpioi (pavelaav

oitieri iveyuätv, äviofio^äv ze, uai bia£(ooä/ievoi, tö ßovXevtr)Qt.ov, £vba ö KaiGag ävrjQrjto, KarecpXe^av.

Geschichte der Porträtbildnerei in Wachs.

181

Beamten, ein anderes, goldenes, aus der Curie hingetragen, ein drittes auf einem Prachtwagen geführt.

Diesen folgten andere von seinen Ahnen und seinen anderen verstorbenen Verwandten (außer dem Bilde

des Caesar, da derselbe unter die Zahl der Halbgötter versetzt war) so wie auch von anderen Römern,

die sich auf irgend eine Weise ausgezeichnet hatten, bis auf Romulus selbst zurück. Selbst ein Brustbild

Pompejus des Großen war zu sehen. Auch Abbildungen all der Völker, die er unterworfen, wurden,

in ihrer Landestracht gemalt, mit aufgeführt.»1

Dio Cassius LXXIV, 4 (Ubersetzung von Tafel): «Des Pertinax Leichenbegängniß ward, obgleich

er schon lange todt war, auf folgende Weise abgehalten. Auf dem Römermarkt ward ein hölzernes

Gerüste, mit Steinfarbe getüncht, errichtet und auf ihm ein Häuschen ohne Wände, mit Säulen umher,

mit Elfenbein und Gold ausgelegt. In dieses ward das Paradebett von gleichem Stoffe gebracht, an

welchem rings herum Köpfe von Land- und Seethieren zu sehen waren; und umhängt war es mit purpurnen

und goldgestickten Decken. In dem Bette lag ein wächserner Scheinleib des Pertinax im

Triumphgewand, von dem ein Knabe, als ob er nur schliefe, mit einem Pfauenwedel die Fliegen

scheuchte. Wie er so da lag, traten Severus, wir Senatoren und unsere Frauen im Trauerkleid hinzu.

Diese nahmen in den Säulengängen und wir im Freien Platz. Nun kamen die Brustbilder aller ausgezeichneten

Römer der Vorzeit, dann Chöre von Knaben und Männern, die einen Trauergesang zu Ehren

des Pertinax anstimmten. Ihnen folgten Abbildungen aller Provinzen des Reiches in Erz, in ihrer Landestracht

, und die verschiedenen Klassen des Stadtvolks, die Liktoren, die Schreiber, die Ausrufer und

dergleichen mehr. Nach ihnen kamen die Brustbilder anderer Männer, die sich durch irgend eine That,

eine Erfindung oder ein Kunstwerk ausgezeichnet hatten. Hinter diesen folgten gewappnet die Krieger

zu Pferd und zu Fuß, die Rennpferde und die Entaphien, welche der Kaiser, wir Senatoren, unsere

Frauen, die angeseheneren Ritter, die Städte und die Collegien in der Stadt gespendet hatten, und das

Ganze schloß ein vergoldeter Altar, der mit Elfenbein und indischem Gesteine geschmückt war.»2

Herodian IV, 2 (Übersetzung von Jacobs): «Es ist nämlich bei den Römern gebräuchlich, daß diejenigen

Kaiser, die in ihren Söhnen Nachfolger hinterließen, nach ihrem Tode göttliche Ehren erhalten,

und diese Handlung nennen sie «Apotheose». Durch eine besondere Trauer nimmt die ganze Stadt an

der religiösen Festlichkeit Antheil. Der Leichnam des Verstorbenen selbst wird auf die gewöhnliche

Art, nur mit kostbarerem Gepränge bestattet. Sodann aber wird des Verstorbenen Bild, demselben in

Allem ähnlich, in Wachs ausgedrückt, auf einer erhöhten elfenbeinernen Bahre unter den Thoren des

Palastes ausgestellt und Decken, mit Gold durchwirkt, darunter ausgebreitet.

Das Bild des Kaisers,

1 Dio Cassius, Mist. Rom. ed. Boissevain LVI, 34: xaüra /xev al ivroXai slyov, fierä &i rovro ij iutpood avrov

eyrrero. uÄivi) ijv fic xe iXiqpavrog uai xqvoov nenoiiynevr] uai oxQcjjuaoiv üXovgyolg diaygvGoig KEKOOfirjueviy uai

tv aÖTfj To tüv adfia Karo nov iv OijKjj oweueugvirro, sluüv de öt) rtg avrov urjQivr) iv imviuU^ oro/.f/ rgepai-

vexo. uai avTT] ftiv £tt xov naXaxiov ngög xcov ig vecoxa aQyövxov, irega di iu rov ßovXevrr]@iov yovoi), uai ereoa

av i<p' äg/iarog no/miKOv ijyero. uai /terd ravrag al re xäv ngojiaxögav avxov uai al xo)v äXXcov ovyyevCov xäv

xedvrjKoxcov, jrXi/v rrjg rov Kaiöagog oxi ig xovg ijocmg iöEyiyganxo, al re xtiv üXXcjv ' l'o/iaiov xäv ual uad'

öxtovv KQCütEvoävrov, än avrov rov '1'co/wXov dogaiisvat, iqisgovxo, uai rig uai rov no/ujrrjiov rov fisyäXov bIkojv

<">(pd>], rd re Sdvrj nävd' oöa ngooeicxi/naxo, imyagiog 0<piaiv <bg iuaoxa dirijuaa/ieva ine/i<pürj.

2 Dio Cassius, Hist. Rom. ed. Boissevain LXXIV, 4: f/ dz brj raepi] Kairoi ndXat xsdvtpcöxog avrov xotdöe iyi-

vero. iv nj dyogtl xfj ' I'co/iaiq ßfj/ia gvXivov iv ygq> rov Xvdivov uaxemcevdaän, uai in' avrov ohnpia äxoiyov ne-

giorvXov, ek te iXstpavrog Kai ygvoov nenoiuiX/ievov, iredtj, Kai iv avrö) KXivr\ ö/ioia, ke<paXäg negig dijgiajv yeg-

oalcov re Kai daXaööiov gyovöa, iuofdoöt] oroaijuaot nooqpvgoig Kai btaygvaoig KEKoa/iijßEvrj, Kai ig avri/v eiöcjXöv

ri rov IlEQrivauog uijgivov, OKevfj intviKtc) evderrj/uivov, ävsrEät], Kai avrov rüg fiviag nalg evngeni)g, i>g bffdev

Kaflevöovrog, nxsgolg xacövog änsooßei ngoKEiftevov ö' avrov s te ZEOvfjQOg Kai f/fistg ol ßovXevxai a'i xe yvvanceg

fj/näv ngoöyet/uev nevdtKCög ioxaXfievoV uai iuelvai ßiv iv xalg öxoalg, fy/teig öi imaidgioi iuaÖE£ößeHa. udu

xovxov ngcöxov fiev dvdgidvxeg ndvxov xütv inipaväv 'I'auaicov xcov ügyaicov, ineira '/PQoi jtaiöcov Kai ävdgcjv

dgt]V<bdt] rtvd v/ivov ig rov IlEQTivaiia äöovrsg jzaQf/X.doV Kai /uetü tovro rd e'dvij ndvxa rd vnrjKoa iv eIkooi

%aXxalg, imyoQicog a<pioiv ioraXftiva, Kai rd iv T<p äorei avrQ yivrj, rö rs rcov gaßöovycov Kai rö räv yQaju:ua-

riav rö)v re kt]qvkcov Kai öoa äXXa roioviorQOTia. ipeinero. slr slKÖvsg ijuov dvögcöv äXXcov, olg n i'gyov ?'} igev-

Qtjfta uai i) imrijÖEv/ta XaßnQÖv ijiinQauro, uai fisr' avrovg oX re innelg Kai ol ne^oi AmXiOfiivoi ol re ddXijrai

Innoi uai rd ivrdqiia, öoa ö re avrouodxcoQ uai fj/xslg al re yvvaiueg ij/iCov uai ol Ijiirsig ol iXXöytfioi ol ze

Öf)/U0l uai rd iv rfj jiöXei ovoriyiara ijtEuipa/iev uai avrolg ßcj/iög nEgiyqvOOg, iXiqiavri xe uai Xidoig 'Ivducolg

f/Ouij/UEVog, i/uoXovdEi.

182 Julius v. Schlosser.

weil es einen Kranken vorstellen soll; hat ein bleiches Aussehen. Auf beiden Seiten der Bahre sitzen

den größten Theil des Tags, links der ganze Senat in schwarzen Obergewiindern, rechts sämmtliche

Frauen von Auszeichnung, sei es durch ihrer Gatten Rang, oder durch vornehme Abstammung. Aber

keine von ihnen sieht man mit Gold prangend, oder im Halsschmuck; sondern in einfachen, weißen

Kleidern erscheinen sie im Aufzuge von Leidtragenden. Auf besagte Weise geht es sieben Tage fort.

Von Zeit zu Zeit treten Arzte ein, und nähern sich dem Lager, und als ob sie nach dem Kranken zu

sehen hätten, melden sie von Zeit zu Zeit, daß es schlechter mit ihm stehe. Sobald sie es nun für schicklich

erachten zu erklären, daß er gestorben sei, so wird die Bahre durch die Vornehmsten aus dem

Ritterstande und durch auserlesene Jünglinge aus dem Senatorstande aufgehoben, durch die heilige

Straße getragen und auf dem alten Marktplatze niedergesetzt, wo die Oberbeamten der Römer (bei

Niederlegung ihres Amtes) ihren Eid schwören. Auf beiden Seiten erhebt sich hier ein treppenförmiges

Gerüst, auf dem einerseits ein Chor der vornehmsten Knaben aufgestellt ist, auf der entgegengesetzten

Seite aber ein Chor von PVauen, die für die angesehensten gelten. Beide singen Lob- und Trauergesänge

auf den Verstorbenen in feierlicher und klagender Tonweise. Hierauf wird das Lager wieder aufgehoben

und zur Stadt hinaus auf's sogenannte Marsfeld getragen. Da, wo der Platz die größte Breite hat, steht

ein gleichseitiges Viereck, das aus keiner andern Materie besteht, als aus Ungeheuern Balken, die wie zu

einem Gebäude zusammengefügt sind. Der ganze inwendige Raum ist mit Reisig gefüllt, das Außere

dagegen mit golddurchwirkten Decken, elfenbeinernen Bildnissen und mannichfaltigen Gemälden geziert

. Auf diesem Viereck steht ein zweites, jenem an Gestalt und Verzierung ähnlich, nur etwas kleiner

und mit Fenstern und Thüren, die offen stehen; sofort ein drittes und viertes, jedesmal etwas kleiner,

als Das, auf dem es aufsteht: und zuletzt ein ganz kleines, als Schlußviereck. Man könnte das Gerüste

der Gestalt nach mit den Warten an den Seehäfen vergleichen, die bei Nacht durch Feuerzeichen das

sichere Einlaufen der Schiffe erleichtern. Man nennt letztere gewöhnlich Pharus. Auf das zweite Stockwerk

wird nun die Bahre hinaufgeschafft, umgeben mit Weihrauch und allerlei Wohlgerüchen, Früchten

, Kräutern, Flüssigkeiten, welches Alles man, des lieblichen Geruchs wegen, von allen Orten herbeischafft

und dort aufhäuft. Denn da ist keine Stadt, Keiner, der in Würden und Ansehen steht, der

nicht wetteiferte, dem Kaiser zu Ehren diese letzten Geschenke darzubringen. Ist nun ein recht großer

Haufe solcher Wohlgerüche beisammen und der ganze Raum angefüllt, so beginnt der Umritt um das

Gerüste: die sämmtliche Ritterschaft bildet einen geordneten Zug, der in kriegerischem Takt sich im

Kreise bewegt: in gleicher Ordnung folgt ein Zug von Wagen mit ihren Lenkern, die in Purpurgewändern

und mit Masken vor dem Gesichte berühmte Römer vorstellen, die im Kriege oder durch ihre Regierung

sich ausgezeichnet haben. Wenn nun alles dieses vorbei ist, so ergreift der neue Kaiser eine

brennende Fackel und hält sie an das Gerüste; und auch die Übrigen tragen von allen Seiten Feuer

herbei. So wird das Ganze schnell und leicht von der Flamme ergriffen, bei der Menge von Reisig und

Räucherwerk, welches dort aufgehäuft ist. Hierauf läßt man von dem obersten kleinsten Stockwerk aus,

wie von einer Mauerzinne, einen Adler fliegen, der mit dem Feuer in die Lüfte sich erheben soll und,

wie die Römer glauben, die Seele des Kaisers gen Himmel trägt. Und von nun an wird der Kaiser mit

den übrigen Göttern verehrt.»1

1 Dio Herodiani, ab excessu divi Marci cd. Mendelssohn IV, 2: e'dos yäg eon 'Pa/uaiOl$ iußeiäfelv ßaötAeav

rovg ini naial öiaöoyoig reXevrijOavTas' rr)v re roiavrr/v rißtjv änoßecooiv uaXovOi. fie/ny/tevov de r< nevöos

üogrfj ual dgrjouelq uarä jiäöav r>)v nöXiv beiuvvrai. ro fiev yäg aäfia rov teXevrrjaavros jioXvreXel wqbeiq uara-

däntovaiv ävdgünav vö/ia' ur/QOv de nAaoäfievoi eluöva nävra ö/ioiav tG> reteXevrt]uöri inißeyiazrjgiXecpav-

rivt)g uXivris, $S vtpos äodeiötjs, ngondeaaiv eV tfj räv ßaaiXeicov eloödQ, xQvoovcpelg OTgco/uvag vnoargcjvvvvteg.

i) (V f1k<\>v Ukeivii eV Orfi/ian voaovvrog ngov.eirai ti>xgiä>oa. rfjg de xXivrjg biazegeodev uadegovrai ini nXelözov

rt/g ijiiegag iv fiiv rö Xai<b /leget Tiäaa ij ovyuXrjzog, /leXaivaig icpeazgiai xqco/usvoi, iv de zä deg~i(ö yvvcUues

nürsai öaaig ävögiov i) nazegov ägicjfia zi/xfjg $vb6£ov ßezadidaaiv. oihe de XQvr>o<pogovoä zig aiizäv ögäzai

oüze negidegaioig uoafiovfievrj, äXXd Xizäg iadfjzag Xevuäg äju<ptevvvjuevat 6%f)na 7iage%ovai Ximov/nevcov. i'nrä

fiev ohv t'/fiegcöv zä elgrjfieva imzeXelzai' lazgoi re elaiövzeg euäazore ngooiaoi zij uXivy, Kai dfjdev imdKeipä/ievoi

zöv vooovvza xaXencozegov e%eiv änayyeXXovöiv hcäazoze. inäv de dö§y zezeXevztjicevai, zi/v /uev uXiviqv ägafievot

zou re Itztcikov zäyßazog evyeveozazoi uai zfjg ovyuXijTov eniXeuzoi veavlcu uaraKOfiigovai diä zfjg legäg ödov, ig

Ti: TijV (igyalav äyogäv ngozideaöiv, ivda ol' l'co/uaiav äg%ovzeg tag ägyäg änö/ivvvzai. iuazegcoOev de ßMga zivd

Geschichte der Porträtbildnerei in 'V~chs.

r 83

herab zu er-

kennen sind und die Glaubwürdigkeit der Zeugen verbürgen. Zunlichst handelt es sich um die Er- setzung der wirklichen Leiche durch ein 'Yachsbild, ein Gebrauch, der schon durch die lange Dauer der Totenfeier (sieben Tage bei Scptimius ScYerus) gefordert war. Auch im Bericht des Polybius kann der Umstand, daß die Leiche coicht in aufrechter Stellung sondern liegend • auf dem Forum ausge- stellt wurde-ein Zug, den wir uns merken wollen,-möglicherweise auf eine Effigies deuten. Polybius scheint ja auch die Mimen mit den imagines verkannt z u haben. Der Leichnam selbst ist w[ihrend der Zeremonie stets den Blicken entzogen, im eigentl ichen Sarge (Caesar, Augusrus) oder aber schon YOr- her bestattet (Sept i mius Scverus und Pertinax). Der in 'Vacbs ausgeführte Schein le ib is t mit kost- bare n Gcwiindern bekleidet, wie sie be i pru nk volle n Feierlich keiten getragen werde n; außer der Dar- ste ll u ng des auf dem Paradebette l iegenden Impe ra to rs wird im Z uge noch e in Bildnis auf einem Pru nk- wage n mitge rUh rt (1\ ugustus), d as w ir un s w oh l i n t h ro ne nd er Ma j esriit vo rzus te ll e n haben . Be i d e r

feie rl iche n Ko nsek ration w ir d d er S chei n leib ve r bra nnt. Der p rilch rig a usgcsr:m crc Scheiterh aufen ( P ha - rus) 111 it de m entfliegenden Adler ist a uf röm isc hen Münzen n ich t selten da rge$t·cl lt. Die Lebens- t r eue cles Bildes wircl a ls ein wese nt li cher Z ug von de n Berich t crstattern hervorgehoben , von Po lyb ius sowoh l :tls a uch vo n Herodian. De r Be ri ch t des App ia iJ ü ber d ie a u f einer Drehvo r ric ht u n g vorge- zeigte Ertigies Cacsars mit d en 23 \ Vun den ist besond ers m erkwürdig; etwas, das an das Pa noptikum von heure erinnert, uns aber noch in der französischen Renaissance begegnen wird und sicher nicht

erfunden isr, wie iiltCI'(~ Editoren woh l gemeint ha ben. Auch der Aufmarsch der

:Yiasken des Atriums fehlt nicht: bei Augusrus r ei chen sie bis auf Homulus zurück, bei den Kaisern des II I. Jahrhunderts, deren Stammbaum rnitunter recht fragwürdiger Art war, rrctcn allgemein berühmte Römer an ihre Stelle (Septimius). Die Behandlung des Scheinleibes wie eines Lebenden (der Knabe mit dem Pfauenwedel bei Pcrrinax, vor allem jedoch die ärztlichen Visiten in I Terodians Schilderung) erinnern an die Sitte der römischen, jedoch aus Griechenland importierten Lectisternicn, bei denen die Götter feierlich bewirtet werden; es sind wieder Puppen mir 'Vachsköpfen und natürlichen Gewiindcm, die hier figuriert haben.' Der Leichenprunk der Kaiserzeit, die kostbaren Scheiterhaufen, <lie ganze Apotheose selbst, hängen mit der hellenistischen Kultur der Diadochen zusammen, bei denen aber, we- nigstens im Lcichenzeremonicll, nichts llber eine Verwendung von \Vach sligurcn in dieser \\-eise be- kannt ist. Es sind echte, alte nationalrömische Überlieferungen, die schon dem Griechen Polybius als ein mitrei lenswcrtcs Kuriosum erschienen, ebenso w ie den spät eren, gleic h falls griechisc hen Historikern

Es sind gemeinsame Züge, die aus diesen Berichten von Polybius bis auf Herodian

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su:,a

e t ei v cn öo v. ovaw ·v· t;iöovot öf- r: 1eärraot li,twous -re •wlt«uavas

a,,aJ.,tJUOt )'QU!p«l;· r/0 norufJ.o tS li/JitOOft'I'J?;W. tn' eul!ivc,~ Öi; er:e{! Ol', <1z1jpar.t Jll 1 v ua l miO!I Cjl naget"/,!)OtO>', / WIQOn:(!O>' (b') llrrl uet"rett, nvJ.ll>as C/.01' IWl Ouaas {We(jJyvlas. r.elr:ov r e ltUL T.S'!:U{!l:OV, acl 't'OI) im;OII81Jti}VOU ,IU'{OJ•, es 't'eJ.sv,;ctTov

fi!Jazv-rar:Ol' ni'(!CtrOI)m t . ammuioa t. t:r.S llv 1:0 0 1) ),a ct -r:ov 1t(l 'l;(t0111!VU·0! 1Ctt:OS (})QV>IT.Cv(}{OtS', ct rOTS J. t,td<!tV llmut4/(li:l'a

lt(L'I;aywyas 'tUS vcnis z8tQl9'C~yel' rpägovs mlr<l ol noi.i.oi uai.oüorv . ts Otj

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7:11'FS 11Ct!}1tOI ~ JtOW r_vtrOi Tll Oupßa?.J.6tte>'0 < n (!O[j eucui'Ji"''• (h•a"o,ui~ovrcu ual OGII./1/ÖOI' zt 1 0V'!'(II' oiire )!Ci!] I'IJ> 1 0S ovre n<Ji.ts ·ns oiirs r6/v f.v atrwocr ij -rrpfj s vnv ös tt~i öC>ga varara retüra m!wrn 'fltJ.OrlfiGIS ts rr,uit•' roo ßaot- J.t'c~s. emit' ~~~' IU')'tOrov zr7>pct agiJf} t:C>>' cigcu,ucircuv nas re 6 ron:os :n:J.t)QCUOt), lmraoia :treai -rit uaraour.vao,aa i!ue1vo yi;",Frat, 11111' TC l:tr11'11t0l' rilytta 7r/i(!t01il nuxJ.c:> ttEt:a Tti•OS C•iru_;iaS uai ai'UitVHi.wOeGIS 11UQ!)I/.i(:l 01./Ölt(;J "cti l)uOfuj/. 8g,rtctr<i Tl' m·au'~Jxcnu O!<Oi<• ciJmgi~<, rpli:QOv'!:a r:ovs ecpeorC>ms t)!<tpreo,u:vous 1•iv rris trr{!moa<pvgovs eoO,iras. :trQoGcunf'la lll' m ·au:rtuh•ovs einovas €zovr:a öoot Pcu.uo.icuv f,.öo;cus torganiy•JOa>• ;; AfluoiJ.evocu•. TOvrc.w Öf' ow- 'Tt::/.ro{Jb,r<·>t', J.afl(;>•' /.<tJUriJ.öa 0 niv flaot/.dav 6taöe.Siz.u.e•·os naootpi:get r<:) obnjftar-t, oi 't'€ 2otrcoi na•,rciJ.'Ötlc•' nfJ!}

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i83

Geschichte der Porträtbildnerei in Wachs.

Es sind gemeinsame Züge, die aus diesen Berichten von Polybius bis auf Herodian herab zu erkennen

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'J!Cri t; b:tii'OlJ tu-;nt t't:J•' J.ourc;)v {)e&v ß(!1JOKeilercu.

sind und die Glaubwürdigkeit der Zeugen verbürgen. Zunächst handelt es sich um die Ersetzung

der wirklichen Leiche durch ein Wachsbild, ein Gebrauch, der schon durch die lange Dauer

der Totenfeier (sieben Tage bei Septimius Severus) gefordert war. Auch im Bericht des Polybius kann

'

der Umstand, daß die Leiche «nicht in aufrechter Stellung sondern liegend» auf dem Forum ausgestellt

Mur.ju;mh-Mommsen, St;~als,·erwaltung lil, 18 r.

wurde — ein Zug, den wir uns merken wollen, — möglicherweise auf eine Effigies deuten. Polybius

scheint ja auch die Mimen mit den imagines verkannt zu haben. Der Leichnam selbst ist während der

Zeremonie stets den Blicken entzogen, im eigentlichen Sarge (Caesar, Augustus) oder aber schon vorher

bestattet (Septimius Severus und Pertinax). Der in Wachs ausgeführte Scheinleib ist mit kostbaren

Gewändern bekleidet, wie sie bei prunkvollen Feierlichkeiten getragen werden; außer der Darstellung

des auf dem Paradebette liegenden Imperators wird im Zuge noch ein Bildnis auf einem Prunkwagen

mitgeführt (Augustus), das wir uns wohl in thronender Majestät vorzustellen haben. Bei der

feierlichen Konsekration wird der Scheinleib verbrannt. Der prächtig ausgestattete Scheiterhaufen (Pha-

rus) mit dem entfliegenden Adler ist auf römischen Münzen nicht selten dargestellt. Die Lebenstreue

des Bildes wird als ein wesentlicher Zug von den Berichterstattern hervorgehoben, von Polybius

sowohl als auch von Herodian. Der Bericht des Appian über die auf einer Drehvorrichtung vorgezeigte

Effigies Caesars mit den 23 Wunden ist besonders merkwürdig; etwas, das an das Panoptikum

von heute erinnert, uns aber noch in der französischen Renaissance begegnen wird und sicher nicht

erfunden ist, wie ältere Editoren wohl gemeint haben. Auch der Aufmarsch der Ahnen mit den

Masken des Atriums fehlt nicht: bei Augustus reichen sie bis auf Romulus zurück, bei den Kaisern des

III. Jahrhunderts, deren Stammbaum mitunter recht fragwürdiger Art war, treten allgemein berühmte

Römer an ihre Stelle (Septimius). Die Behandlung des Scheinleibes wie eines Lebenden (der Knabe

mit dem Pfauenwedel bei Pertinax, vor allem jedoch die ärztlichen Visiten in Herodians Schilderung)

erinnern an die Sitte der römischen, jedoch aus Griechenland importierten Lectisternien, bei denen die

Götter feierlich bewirtet werden; es sind wieder Puppen mit Wachsköpfen und natürlichen Gewändern,

die hier figuriert haben.1 Der Leichenprunk der Kaiserzeit, die kostbaren Scheiterhaufen, die ganze

Apotheose selbst, hängen mit der hellenistischen Kultur der Diadochen zusammen, bei denen aber, wenigstens

im Leichenzeremoniell, nichts über eine Verwendung von Wachsfiguren in dieser Weise bekannt

ist. Es sind echte, alte nationalrömische Uberlieferungen, die schon dem Griechen Polybius als

ein mitteilenswertes Kuriosum erschienen, ebenso wie den späteren, gleichfalls griechischen Historikern

ovyiteixai iv uXifiauog Oxrjfiaxi, Kai ini ßiv daxeoov fisQOvg xäv evyeveöxäxcjp uai eimaxoidötv %OQÖg iaxrjKe Jtai-

bov, iv de x€> ävxiKEi/tiva yvvaiK&v xäv iv äguboei elvai doKOvaäV ädovöi de EuäxeQOi v/ivovg rs Kai naiävag

ig töv xexeXevxtpcöxa, OE[iv& fieXei uai dQrjvcbbei iQQvtifuöfievovg. fierä be xovxo ßaoxäoavxeg xi)v kXIvt]v (peoovoiv

§ga xf/g nöXecog Tö KaXov/ievov 'Äoeog nebiov, evda Kaxeauevaaxai iv xä nXaTVxäxa xov nebiov xönco rergd-

yavöv n [Kai] lOÖnXevoov, äXXrjg piv vXr]g ovbs/uäg fiereyov, Hu fiövrjg de Ovun))g~£G)g §vXov /leyiGxcov ig o%fjfia

oiuiij/iaxog. näv de iuelvo evbodev (iev qjgvyävav nenXijgcoxai, ä^adev bi %Qvoov<piGi oxQOfivalg iXecpavrivoig xe

äyäX/iaai yQa<palg te noim/.atg ueKÖa/irjrai. in' iuFÄvq) de Sregov, a%fj/ian fiiv uai KÖOfia naßanXyöiov, /ukqöxeqov

(d') imueizai, nvXibag iyov uai fivoag ävsQyviag. xqixov re uai xexagxov, äei xov vnoKeifievov fielov, ig xeXevxoxov

ßoa%vxaxov negarovrai. äneticäoai xig äv xö o%fjßa rov Kaxaoueväofiaxog cpovuxooioig, ä xolg Xifiioiv initietfteva

vvurag blä rov nvQÖg ig äoipaXeig uarayciyäg rag vavg xetgayoyeV yäoovg de avxä ol noXXoi uaXovoiv. ig di/

xö oiurjfia rö bevxegov ävauofdoavxeg xrjv uXivrjv xideaoiv, ägtifiaxä xs Kai dvfuäftaxa nävxa öaa yfj (pegei, eI xe

xiveg Kaonoi i) nöai %vfiol xe ovßßaXXöiiEvoi noög svcobiav, 'ävauo/u^ovxai uai ocooijböv yeovxai' ovxe yag rüt'og

oiixe nöXig rig ovxe xäv iv äg~iäöei fj xifaj ioxiv ög /xi) bäga vaxaxa xavra ne/unei (piXoxificog ig xifüjv xov ßaot-

Xeag. inäv de ßiyiorov %äfia äQdfj räv ägco/tärav näg xe ö rönog nXrjgojdf], Innaoia neol xö uaxaoicevaö/ta iicelvo

yiyvExai, näv xe xö Inmuöv xäyßa neotßel KVKXa /iexä xivog evxagiag uai ävaKvuXäoscog nvQQtxio) OQO/u^ uai gvfi/tä.

ÜO/uarä rs nsoieQ/exai ö/noia Evxagiq, (peoovxa xovg i<peoxö>xag i)/.i<piEOfiEvovg /iev xäg neomoQipvQovg iofirjxag,

nQOöcmela de neQiKEifiEvovg eiuövag eyovxa ööoi 'Po/iaicov ivdögog iaxQjaxr\yr\Gav fj ißaoiXevaav. rovxcov de ovv-

xEX.EOdevxav, Xaßü>v Xa/inäda ö xrjv ßaoiXeiav dtadegä/tevog nQooqjegei r€> oiuijfiaxi, ol xe Xoinol navrayodev txvq

imxideaöf nävxa de /jäöxa ävänxexai [sv/iaocog] hnö xov nvßog, (pQvyävav xe 7iXi)dovg uai ■dv/uaiiäxov inivt]-

devxog. iu de xov xEXevtalov Kai ßoa%vxäxov Karaauevaa/iarog, <">aneo äno xivog inäXg~ecog, äsxög ätpiexai ovv xc>

nvQi äveXevGÖfievog ig xöv aldeoa, ög tpsQEiv änö yfjg ig ovQavöv r))v rov ßaöiXiog yjvyjiv nioxevexai imö 'J'cj-

juaicov' Kai i§ ixelvov /iexä xGiv Xoinüv öecöv dQtjOuevexai.

1 Marquardt-Mommsen, Staatsverwaltung III, 181.

UNIVERSITÄTS· BIBLIOTii EK

HEIDELBERG

III, 181. UNIVERSITÄTS· BIBLIOTii EK HEIDELBERG http: I

http:I /digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jbksak1910_1911/0192 © Universitätsbibliothek Heidelberg

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gefordert durch die

iJFCi

184 Julius v. Schlosser.

der Kaiserzeit. Dagegen hat schon J. Burckhardt1 richtig gesehen, daß in den bei Athenäus und Diodor

überlieferten Schilderungen der großen Augenblicksdekorationen des Hellenismus ein hierher gehöriger

Zug vorkommt. Nach dem Bericht des Kallixenos über die Pompa des Ptolemäus Philadelphus2 waren

in dem Prachtzelt des Königs in eigenen Nischen Gelage von Personen des alten Schauspiels (nach

seinen drei Hauptgattungen) dargestellt. Das beweist ganz deutlich, daß es sich hier um plastische

Gruppen und Figuren (aus Wachs?) gehandelt hat, die mit natürlichen Gewändern bekleidet waren,

also ein vollständiges Gegenstück zu den Schaustellungen dieser Art in den Wachsfigurenkabinetten

seit dem XVII. Jahrhundert bilden.

Eine Verkehrung der Bestattungsbräuche in ihr Gegenteil stellt eine besondere Verwendung der

«Imago» vor, der einer der Chronisten der späten Kaiserzeit, Trebellius Pollio,3 als einer Neuerung

gedenkt. Ganz in der Weise der späteren Exekutionen «in effigie» — wir haben ja den charakteristischen

Ausdruck noch bewahrt — wurde das Bild des Usurpators Celsus (dessen Körper den Hunden

zum Frasse vorgeworfen worden war) als Schandmal aufgerichtet: «novo iniuriae genere imago in

crucem sublata persultante vulgo, quasi patibulo ipse Celsus videretur affixus». Hier kann es sich nur

um eine Puppe handeln, wie ebenso bei dem seltsamen altrömischen Brauche der cArgei», die als Ersatz

für urtümliche Menschenopfer alljährlich in den Tiber gestürzt wurden.4

Die Sitte der Imagines hat sich nachweislich bis in die späte Antike erhalten. Es ist der konservative

römische Adel, der an ihr festhält, jene Gesellschaft, die, von dem neuen demokratisch-christlichen

Wesen gleichsam auf eine Insel gedrängt, ihre alte Kultur des Paganismus in erstarrter und ausgehöhlter

Tradition bewahrt; die Gesellschaft, die immer noch im römischen Senat repräsentiert

ist, die Macrobius in seinen Saturnalien schildert, der Männer wie Symmachus, Ausonius, Sidonius

Apollinaris, Boethius, als letzter Nachfahre selbst noch ein Theodulf von Orleans angehören. Ein anderer

Geschichtschreiber des III. Jahrhunders n. Chr., Fl. Vopiscus, spricht (in seiner Biographie des

Florianus, c. 6) von dem Ahnenschränklein der senatorischen Häuser als von einer Sache, die ihm noch

durchaus geläufig ist: «Senatores omnes ea esse laetitia elatos, ut domibus suis omnes albas hostias cae-

derent, imagines frequenter aperirent.»5 Im V. Jahrhundert n. Chr. spottet der Galloromane

Ausonius (Epigr. 26) über einen reichgewordenen Parvenü, der die Bilder von Mars, Romulus und

Remus in seiner Ahnengalerie aufstellt: «Hos ille Serum veste contexi iubet.» Es sind also bekleidete

Büsten, wie die Effigies des Augustus iv i/tivimco OToXij bei Dio Cassius (s. oben) oder die

Ahnenbilder, die noch Sidonius Apollinaris in einem Briefe an Eutropius (V, 6) als vertraute Umgebung

des Mannes von senatorischem Range erwähnt: «Senatorii seminis homo, qui quotidie trabea-

tis proavorum imaginibus ingeritur.» Noch im Ostrom des VI. Jahrhunderts, in justinianeischer Zeit,

spricht ein Epigramm des Agathias Scholasticus6 von der Wachsbüste eines früh verstorbenen Knaben

adeliger Abkunft, eines Sohnes des Stadtpräfekten (vTtctQxog) Eustathios:

Evatad-iB, yXv/.Eodv f.isv e'xsig rvitov, ällct ge xijqöv

ösQy.ofj,at., ovd' eri gol yislvo to lagdv enog

tQeTai iv GTOfiärEGGi'

%. I.

Auch hier wird es sich wohl um eine Totenmaske in der Art der alten Imagines gehandelt haben;

die Stelle ist interessant und wichtig, weil sie zeigt, wie die 'Po)j.ialoi des Ostens römische Institutionen

und Bräuche konserviert haben. Auf eine Lebensmaske bezieht sich dagegen ein anderes Epigramm

der griechischen Anthologie (XII, i83), von Straton, gerichtet an einen Heliodor und späterer

1 Griechische Kulturgeschichte IV, 6 t3.

2 Bei Athenaeus, Deipnosoph. V, 26: %QayiK&>v re Kai kcoiuköjv Kai aarvQMäv £<jcjv, ähr]<divöv £%6vtcov Ifia-

riOfiöv, olg naoEKEizo Kai notijQia XQvaa (£">a ist der allgemem übliche Name für die Puppen und Tonfiguren überhaupt

(lat. sigilla), die dem Gewerbe der Puppenmacher zufielen; vgl. Blümner, Technologie II, 124).

3 Scriptores historiae Augustae XXX Tyr. 29, 4.

4 Pauly-Wissowa, Realenzyklopädie I, s. v. argei.

5 Der Ausdruck ist typisch und findet sich auch bei Seneca; vgl. Benndorf, a. a. O., 374.

6 Anthologia graeca VII, 602.

Geschichte der Porträtbildnerei in \Vachs.

(hadria n ischer) Kaiserzeit ents t a mmen d .

nen Zweifel über die

D e r Ausdruck n:J. a<J!I Cl z 1jq6;wcov -

Technik aufkom men :

Wachsabguß -

Cl z 1jq6;wcov - Technik aufkom men : Wachsabguß - l äßt ke i- 1'i<; x

l äßt ke i-

1'i<; x «e cs, ' Fll.t6otf! (!e, cptJ.·~!uc<Jcv, el.' !' e J.u{Jqocuo' zeiJ.eCT/i !1'1) cpc/iw; (}n;c{Jw;O!-IEVO<;

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dem IV. nachc hristlichen Ja h rhu nde rt ei ne merkwürd ige Nach riclH des Am mian us

ie L e i che nfe ie r , d ie für den

vor Amida gefa l lene n So h n d es Ch io oiten königs Grumba tcs a bge ha lte n wurde. Der Körper

d ur ch s iebe n T age au f ein em ho hen Kata fa lk i I d u n ge n vo n T o te n , g le ic hwie sein G efolge ,

waren . ' Die Ch io nitcn s in d ein sarm atisch es No rdvo lk, in d e ne n m an wo h l Vorliiu fer d er

sp iirerc n ll u nncn bat sehe n woJle n. 2 In den Im ag ines de r To ten begleiter wir d man e ntwed er einen

z u se hen

Endlich ist aus

(X I X,

1 ,

i\ l arcell i nus 3sg n. C hr.

(oder d er Schc inl e ib?) des To te n wi rd in voller R üstu ng

a usgcsrel l r, u mgeben von ze h n Bahre n , au f d e n en N a c h b

to ) zu e rw äh n en .

Di eser sch i l d e rt als Augenzeuge d

E rsutz für d ie bei Barba re n \\' ie in g riechischer Urze it bei Leiche n feiern übliche n Opfer vo n S klaven,

wa h rsch ei nl ich er is t, d ie D urstell u ng de r mit de m

P rinze n t:(efa llenen Kri eger, wo es da n n nahe liegt, - was a uc h d ie la nge Dauer der Ausstel lung ford ert

bekleideten

Gefa nge nen usw. sehen könn en , oder a ber, was fast

-daß d ie Leiche irgendwie konservie rt, w enn nicht

ebenfalls d urch eine n m it de r R üstu ng

Schei nleib vertreten war . Dergleiche n könnte dan n eine Herübern a hme aus dem röm isc hen Ku lt urkreis sein, die in jener Zeit stärkster Fusion römischen und orientalisch-barbarischen \\"esens sehr woh l denkbar ist und womit auch die mit der Dauer der C ollocatio in spätrömischer Kaiserzeit (vgl. o. die Srclle bei Herodian) übereinstimmende Ausstellung durch sieben Tage im Einklang wiire, \\'ie denn Ammian an dieser Stelle ohne weiteres auf das r ömische Gewerbe der Pollinctores hindeutet. Ander- seits ist im ganzen Altertum, nicht nur bei den römischen Lcctisrernien, der Kultgebrauch von Puppen etwas Gewö hnlic hes. Das vornehmste Beispiel ist die Prothesis der Leiche des Adonis, also einer ur- sprünglich orientalischen Gottheit, die schon im alten Athen, aber auch im i\gypren der Ptolemiierzeit wie in Rom und gerade in der späten Antike sehr verbreitet wa r. Ammian selbst findet sieb durch die Klagegesänge der \Veiber an das Adonisfest erinnert. Die Sache selbst ist aber noch heute dem süd- deutschen Katholiken durch die • heiligen Gräber>, wie sie z. B. in 'Wien wiihrend der Karwoche mit

großem Aufwand hergeridHet we rden, oh ne \Yei reres a nschaulie b

u nd ve rstii nd lich . 3

l;lir unser T hema ist es w ichtig, daß dergleichen Bräuche noch im spiitesten Altertum und an der

ä ußerst en Ostgren ze de r röm isc hen Ku l tu rwelt n ach·wcisbar si nd . Die Sach e ist insofe rn von Bedeu tung, als uns, abgese hen von de n frCth erschei nen d en Votivsta tucn der Kirc he n, na mentlic h i m spiiteren fran -

zösisch en Mi t te lal ter ei n fest ausgeb ilde tes L e ich en zere m o n ie ll e ntgegent ritt, da~ am kö n igli c hen H o fe ein außerordentlich langes I.eben gehabt bat und in auffallender vVeisc an die ßesrnnungsgcbriiuche der

be -

IYi r

im Sinne e in er me t hod isc h IYOh l beg rü ndete n Ansi ch

k annt ge nu g; f'ü r die Z\\'isc b enzei t fe hl en un s f r e il ic h all e N a c h r ich t e n.

röm ische n Ka ise rze it er in n er t. \Vie weit u nd t ief d ie R o ma nis icnmg gerade in G a ll ien reich t , ist

Es ist d ahe r d

ie F ra ge, ob

t der E t h nolog ie e in e n monop h y l e

n Urspru n g uncl

organische l':vo lut ion we n igste ns innerh a lb d ieses begre nzten Gebietes der Mitre lrn eerkultur an ne hmen

\\'Ollen oder aber, wofür auch manches spric ht, einen polyphylen -

Vorstellungsreihen spontan an ' verschiedenen O rten a ud1 gleich geartete sekundiire Kulturprodukte gleichmäßig en tsp rungen sind. \Vir gestehen, als Historiker für die erstere Ansicht priidisponiert zu

daß aus gleich gearteten primäre n

1 t:'t armnri solebat in amplo quodam suggestu locarur ct celso. circaque cum lccru1i dccem sternuntur figmcnta

,~ehc-ntcs hominum mortuorum, ita curate pollincta. ut imagines essent corporibus similcs iam ~epuhis, ac per dierum

spcm

gcntis solitis flctibus conclnma~:m t, ut 1acrimarc cultrices Yeneris saepc spcctantur in solJemnibu~ Adonidis sacris, quod simulacrum aliquod c:~se fntf;Um adultarum religiones m~-sticae docent.

sp3tium septcm \'iri quidem omncs

t.ristia quaedam genera naeniarum regium iuvencm lamcnU'mtcs, fcminae vcro

Geschichte der Porträtbildnerei in Wachs.

Tomo•chek in l'nul~·-Wissowas Realenzyklopädie s. ,

185

(hadrianischer) Kaiserzeit entstammend. Der Ausdruck Ttlda^ia v.rßöxvtov — Wachsabguß — läßt keinen

Zweifel über die Technik aufkommen:

> Aus dem gant abseits liegenden

Tig yßQig, 'Hhödcooe, (fih)[iaaiv, ei (is Xdßgoiaiv

nmerikauischcu Kulturkreise

bringt ßcnndorf a. a . 0 ., 366, die Parallelen

Xeikeas fii] cpilssig ävtißiaLÖfievog

dll1 In liKQoig äodXewa {isfiVKÖGiv, oia */.&% oYxovg

bei der Leichenfeier der ~\ltmexikani~chen Könige eine Puppe an Stelle des Toten verbrannt wurde.

nal dlya aov fie (piXel nXda^ia zd -/.r^ö'/vrov;

Endlich ist aus dem IV. nachchristlichen Jahrhundert eine merkwürdige Nachricht des Ammianus

Marcellinus (XIX, 1, 10) zu erwähnen. Dieser schildert als Augenzeuge die Leichenfeier, die für den

359 n. Chr. vor Amida gefallenen Sohn des Chionitenkönigs Grumbates abgehalten wurde. Der Körper

(oder der Scheinleib?) des Toten wird in voller Rüstung durch sieben Tage auf einem hohen Katafalk

ausgestellt, umgeben von zehn Bahren, auf denen Nachbildungen von Toten, gleichwie sein Gefolge,

zu sehen waren.1 Die Chioniten sind ein sarmatisches Nordvolk, in denen man wohl Vorläufer der

späteren Hunnen hat sehen wollen.2 In den Imagines der Totenbegleiter wird man entweder einen

Ersatz für die bei Barbaren wie in griechischer Urzeit bei Leichenfeiern üblichen Opfer von Sklaven,

Gefangenen usw. sehen können, oder aber, was fast wahrscheinlicher ist, die Darstellung der mit dem

Prinzen gefallenen Krieger, wo es dann nahe liegt, ■— was auch die lange Dauer der Ausstellung fordert

— daß die Leiche irgendwie konserviert, wenn nicht ebenfalls durch einen mit der Rüstung bekleideten

Scheinleib vertreten war. Dergleichen könnte dann eine Herübernahme aus dem römischen Kulturkreis

sein, die in jener Zeit stärkster Fusion römischen und orientalisch-barbarischen Wesens sehr wohl

denkbar ist und womit auch die mit der Dauer der Collocatio in spätrömischer Kaiserzeit (vgl. o. die

Stelle bei Herodian) übereinstimmende Ausstellung durch sieben Tage im Einklang wäre, wie denn

Ammian an dieser Stelle ohne weiteres auf das römische Gewerbe der Pollinctores hindeutet. Anderseits

ist im ganzen Altertum, nicht nur bei den römischen Lectisternien, der Kultgebrauch von Puppen

etwas Gewöhnliches. Das vornehmste Beispiel ist die Prothesis der Leiche des Adonis, also einer ursprünglich

orientalischen Gottheit, die schon im alten Athen, aber auch im Ägypten der Ptolemäerzeit

wie in Rom und gerade in der späten Antike sehr verbreitet war. Ammian selbst findet sich durch die

Klagegesänge der Weiber an das Adonisfest erinnert. Die Sache selbst ist aber noch heute dem süddeutschen

Katholiken durch die «heiligen Gräber», wie sie z. B. in Wien während der Karwoche mit

großem Aufwand hergerichtet werden, ohne weiteres anschaulich und verständlich.3

Für unser Thema ist es wichtig, daß dergleichen Bräuche noch im spätesten Altertum und an der

äußersten Ostgrenze der römischen Kulturwelt nachweisbar sind. Die Sache ist insofern von Bedeutung,

als uns, abgesehen von den früh erscheinenden Votivstatuen der Kirchen, namentlich im späteren französischen

Mittelalter ein fest ausgebildetes Leichenzeremoniell entgegentritt, das am königlichen Hofe

ein außerordentlich langes Leben gehabt hat und in auffallender Weise an die Bestattungsgebräuche der

römischen Kaiserzeit erinnert. Wie weit und tief die Romanisierung gerade in Gallien reicht, ist bekannt

genug; für die Zwischenzeit fehlen uns freilich alle Nachrichten. Es ist daher die Frage, ob wir

im Sinne einer methodisch wohl begründeten Ansicht der Ethnologie einen monophylen Ursprung und

organische Evolution wenigstens innerhalb dieses begrenzten Gebietes der Mittelmeerkullur annehmen

wollen oder aber, wofür auch manches spricht, einen polvphylen — daß aus gleich gearteten primären

Vorstellungsreihen spontan an verschiedenen Orten auch gleich geartete sekundäre Kulturprodukte

gleichmäßig entsprungen sind. Wir gestehen, als Historiker für die erstere Ansicht prädisponiert zu

bei,

daß

1 Ut armari solebat in amplo quodam suggestu locatur et celso, circaque cum Iectuli decem sternuntur figmenta

vehentes hominum mortuorum, ita curate pollincta, ut imagines essent corporibus similes iam sepultis, ac per dierum

spatium Septem viri quidem omnes

tristia quaedam genera naeniarum regium iuvenem lamentantes, feminae vero

spem

gentis solitis fletibus conclamabant, ut lacrimare cultrices Veneris saepe spectantur in sollemnibus Adonidis sacris, quod

simulacrum aliquod esse frugum adultarum religiones mysticae docent.

2 Tomaschek in Pauly-Wissowas Realenzyklopädie s. v.

J Aus dem ganz abseits liegenden amerikanischen Kulturkrcise bringt Benndorf a. a. O., 366, die Parallelen bei, daß

bei der Leichenfeier der altmexikanischen Könige eine Puppe an Stelle des Toten verbrannt wurde.

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gefordert durch die

iJFCi

i86

Julius v. Schlosser.

sein. Heute ist auf den verschiedensten Forschungsgebieten die Überzeugung durchgedrungen, daß,

von primitivsten, aus unmittelbarer Notwendigkeit erwachsenen Erfindungen abgesehen, alle bestimmt

geformten Artefakte aus einem Zentrum entsprungen sind und sich durch Wanderung verbreitet und

differenziert haben. Das gilt ebensogut vom Märchen und Lied (G. Meyer) wie etwa von den Bogen-

formen (Ratzel) oder von gewissen Ornamenten, wie dem Mäander von Hellas bis China (über den

Wickhoff in einem geistreichen kleinen Aufsatz 1 gehandelt hat), als von bestimmten mit dem Kult zusammenhängenden

Darstellungen (das Totenschiff in Ägypten und im äußersten Norden). Auch die

moderne Biologie lehnt die ältere Annahme einer Generatio aequivoca von verschiedenen Schöpfungszentren

aus ab; eine Tierspezies, die sich an zwei noch so weit voneinander entfernten Punkten vorfindet

, kann von dem einen zum andern nur durch Wanderung gelangt sein. Nur dort, wo eine Bildform

sich an bestimmte ursprünglichste Vorstellungen der menschlichen Psyche heftet, wie bei den

Totenmasken, die von Ninive bis Mexiko reichen, könnte eine spontane Entstehung angenommen werden

; doch bleiben auch da Zweifel bestehen.

Auch in unserem Falle ist eine Entscheidung schwer, vielleicht unmöglich. Hier handelt es sich

um ganz bestimmte Totenzeremonien, deren Mittelpunkt die Ersetzung des Leichnams durch ein Kunstpräparat

bildet, dem eine Tendenz zu weitgehendem Naturalismus seinem Ursprung und seiner Bestimmung

nach anhängt; ein räumlich wie kulturell eng begrenztes Milieu kommt dabei in Frage, das

von alter Tradition gesättigt ist und in dem die verschiedensten Wechselbeziehungen sich durchkreuzen.

Wir haben gesehen, daß im Westen wie selbst im «byzantinischen» Osten sich die alte römische

Imago in ihrer charakteristischen Technik bis zum Ausgange der antiken Kultur überhaupt erhalten hat;

daß bei einem entlegenen Grenzvolk Spuren eines Einflusses der übermächtigen Kultur der römische^

Kaiserzeit vorhanden zu sein scheinen. Wir werden also vor allem an die große Bewahrerin der antiken

und römischen Sitten und Formen, an Byzanz, mit unserer Frage herantreten. Leider verweigert sie

in dem wichtigsten Punkte die Auskunft. Das umfängliche Hof- und Staatshandbuch des Konstantin

Porphyrogenetos, in dem alle Etikettefragen byzantinischen Lebens umständlichst vermerkt sind, geht

über das Bestattungszeremoniell der Kaiser mit auffallender Kürze hinweg;2 wohl ist hier von der Aufstellung

der Leiche auf der nkht] rj irrovoj-ia^o^evt] XvTCtjg, dem Castrum doloris —■ der Ausdruck hat

sich bekanntlich erhalten — die Rede, aber keine Spur des alten Kaiserzeremoniells taucht mehr auf.

Schon Benndorf3 hat nun auf einen Wiener Zeitungsbericht über das am 25. August 1878 zelebrierte

Leichenbegängnis des ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Joachim IV., hingewiesen.

Dieser Bericht deckt sich völlig mit dem eines anderen Augenzeugen, des Konstantinopler Korrespondenten

der «Times», den Grauert in einem noch zu erwähnenden Aufsatze mitteilt. Der tote Patriarch

war demnach, in seine priesterlichen Prunkgewänder gehüllt, mit der Mitra, die noch den doppelköpfigen

Adler des alten Reiches trägt, auf einem reichen Throne sitzend ausgestellt und wurde dann in dieser

Stellung durch die ganze Stadt mit feierlicher Prozession zur Begräbniskirche geführt. Der englische

Korrespondent konnte sich lange nicht überzeugen, daß es sich nicht um einen Lebenden handelte.4

Benndorf hat im weitern anscheinend mit Recht hervorgehoben, daß diese ganze Prozedur mit dem

Leichnam selbst, der zu diesem Zwecke überall geschnürt und festgebunden werden mußte, noch dazu

im Hochsommer, schwer denkbar sei. Das deckt sich im wesentlichen mit dem Gutachten, das der Anatom

Welcker5 abgegeben hat: «Ist die Leiche nicht vorher in sitzender Stellung durch künstliche oder sonstige

Mittel getrocknet worden, so ist die Erhaltung dieser Stellung ohne ein kompliziertes System von

Fesselungen und Stützen nicht möglich.» Damit stehen nun aber die Äußerungen der Augenzeugen, die

den lebendigen Eindruck betonen, in einem gewissen Widerspruch. Benndorf hat daher an die Ersetzung

der Leiche durch ein Phantom gedacht und an die Berichte der Alten, namenlich des Polybius

1 Über die historische Einheitlichkeit der gesamten Kunstentwicklung (Festschrift für M. Büdinger 1898).

* De ceremoniis aulae Byzantinae ed. Reiske im Bonner Corpus I, c. 60, p. 275.

3 A. a. O., 372, Anm. I. I

4 It was difficult to believc that the old man sitting before me, looking so placid and lifelike was really dead.

GeschiciHe der Porträtbildnerei in Wachs.

• GeschiciHe der Porträtbildnerei in Wachs. erinnert, wonach der Tore selten liegend, meistens in aufrechter Stellung

erinnert, wonach der Tore selten liegend, meistens in aufrechter Stellung (lrnwr; b•aQyJ;,; = crectus sedens?) auf dem Forum ausgestellt wurde. Daß es sich hier nicht um die Leiche selbst, sondern um eine ;\achbildung gehandelt haben kann, haben wir in Obereinstimmung mir Senndorf und älteren Kommentaroren schon früher erwähnt; für diese Annahme bürgt vor allem die Kontinuität der späteren Kaiserzeir. Ganz derselbe Brauch ist nun wie in Konstan tinopel heute noch in der orthodoxen Kirche Klein-

asiens ü b lich. Im Frühjahr 1910 hat in Smyrna das fe ierliche Leichenbcg~ingnis des verstorbenen Me- tropoliten startgefunden; eine photog raphische Momentau fnahme in einem \Viener Blatte 1 zeigt den

Fesrornare, wie er auf einem Th ro ne sitzend durch die dichte Mensc henm enge

roten Kirchenfürste n im

in den Straßen Smyrnas getragen wird. Der Güte des He rrn k. u. k. Österreic hisch en Generalkonsu ls K ral in S myrn a verdanke ich die hier beigefügte Au fna hme der Leic he l Fig. s) sow ie fol ge nden sac b kund igen Berich t , der von einem einheimischen Arzte, Herrn Dr. Dem. G. Marcellos, s tam mt : • Die Art und \ Veise, den Kadaver zu crhal te n, ist fo lgende : G Ieich nach de m Tod e spr itzen d ie Arzte in die Arteria fcmoralis eine Lösung von +·o Ka rmi n, 4o·o rote n Zinnober, I Liter Glyzerin ei n, um die lebendige Farbe künstlich zu erhalten (selbsr- ''erstiindlich sind $iC auf dte Katastrophe früher vorbe- reiter und haben bereits die nötigen \"orkebrungcn ge- troAen). 2 KurzeZeit nachher wird eine weitere Mischung von 8 : 1000 Zinkchlorür (8 Liter) in dieselbe Arterie eingepumpt, und zwar dies zum Zwecke der Konser- ,·ierung. Dann wird der Leichnam mit acht bis zehn Bandagen, die \"Orcrst, um der Leiche einen ange- nehmen Geruch 7.ll geben, in eine Lösung von Benzol- tinktur eingetaucht werden, durch fortlaufende Touren, von den Füßen beginnend bis zum Hals und bis zu den Handgelenke n flir die sitzende Stellung präpariert, an· gekleidet und endlich auf dem Th ron festgebu nden. ln dieser Stellung könnte der Kadaver sechs bis zehn Tage erhalten ble iben . Di es alles e rk lärt a uch den leben-

d ige n E indruc k. •

Aus dieser Schi lde ru ng gebt a lso m it Deutl ic hkei t

Aus dieser Schi lde ru ng gebt a lso m it Deutl ic hkei t Fig.

Fig.

Der Me tropo lit von :>myr n(l

Deutl ic hkei t Fig. S· Der Me tropo lit von :>myr n(l hervor, dal3 es

hervor, dal3 es sic h n ic ht u m \'Vacbspr iipar at e, son dern um e in altherköm mliches Konservieru ngsver-

fa h re n han del t, d as nu r in E in ze lhe iten mod ern is iert sein mag. Dieses Zere moniell reicht nu n aber in byzan t in ische Zeit z urück.

bergers, der sic h nach nbc nteuerlicben Gefangenen- und Dienstjahre n bei Bajazed und Timu r gegen

[n dem Re isebuc h Ha ns Sch ilr-

I.1-3o in Konstant inopel aufh ielt, ist dieser Brauch, der sicher weit älter ist, kurz und naiv geschilde rt: 3

Und wann ein priesrer stirbt, so legt man in altes das an, das zu ainem priester gehört, so er mess

h

a Iren w i II, und setzen in in das

grab auf ainen sesseI und decken in mir kor (Var. mit ertrich) zu.•

Die eigentümliche Bestattungsweise erweckt an dieser Stelle ein besonderes Interesse. Einmal ist ja bekannt, daß die Kirche des Orients wie des Okzidents Reste des Alterrums besonders treu be-

' Osterreichische illustrierte Zeitung ~r. ~3 •·om 6 . ~lärz 1910.

, Trim dies nkht tu, wie es bei einem vor einigen Jabren plötzlich am Schlngßuß ,·erstorbenen Patriarchen ,·on Kon-

stantinopel geschah, so kann dlc feierliche Inthronisation nicht erfolgen. wie ich nu:; ßcriclucn von Ohrenzeugen weiß, allerband ominöses Gerede.

I87

In dem genannten Falle \'Crursachtc dieser Umst~ml,

Geschichte der Porträtbildnerei in Wachs.

erinnert, wonach der Tote selten liegend, meistens in aufrechter Stellung (eorwg evaqyrß = erectus

sedens?) auf dem Forum ausgestellt wurde. Daß es sich hier nicht um die Leiche selbst, sondern um

eine Nachbildung gehandelt haben kann, haben wir in Ubereinstimmung mit Benndorf und älteren

Kommentatoren schon früher erwähnt; für diese Annahme bürgt vor allem die Kontinuität der späteren

>

l!:d. Lnns mnntcl:

Kaiserzeit.

Ganz derselbe Brauch ist nun wie in Konstantinopel heute noch in der orthodoxen Kirche Kleinasiens

üblich. Im Frühjahr 1910 hat in Smyrna das feierliche Leichenbegängnis des verstorbenen Metropoliten

stattgefunden; eine photographische Momentaufnahme in einem Wiener Blatte1 zeigt den

XXIX.

toten Kirchenfürsten im Festornate, wie er auf einem Throne sitzend durch die dichte Menschenmenge

in den Straßen Smyrnas getragen wird. Der Güte des

Herrn k. u. k. österreichischen Generalkonsuls Kral in

Smyrna verdanke ich die hier beigefügte Aufnahme der

Leiche (Fig. 5) sowie folgenden sachkundigen Bericht,

der von einem einheimischen Arzte, Herrn Dr. Dem. G.

Marcellos, stammt: «Die Art und Weise, den Kadaver

zu erhalten, ist folgende: Gleich nach dem Tode spritzen

die Ärzte in die Arteria femoralis eine Lösung von

4/0 Karmin, 40^0 roten Zinnober, 1 Liter Glyzerin ein,

um die lebendige Farbe künstlich zu erhalten (selbstverständlich

sind sie auf die Katastrophe früher vorbereitet

und haben bereits die nötigen Vorkehrungen getroffen

).2 Kurze Zeit nachher wird eineweitereMischung

von 8 : 1000 Zinkchlorür (8 Liter) in dieselbe Arterie

eingepumpt, und zwar dies zum Zwecke der Konservierung

. Dann wird der Leichnam mit acht bis zehn

Bandagen, die vorerst, um der Leiche einen angenehmen

Geruch zu geben, in eine Lösung von Benzoltinktur

eingetaucht werden, durch fortlaufende Touren,

von den Füßen beginnend bis zum Hals und bis zu den

Handgelenken für die sitzende Stellung präpariert, angekleidet

und endlich auf dem Thron festgebunden.

In dieser Stellung könnte der Kadaver sechs bis zehn

Tage erhalten bleiben. Dies alles erklärt auch den lebendigen

Eindruck.»

Fig. 5.

Der Metropolit von Smyrna

(nach einer Photographie).

Bibliothek des literarischen \"ereines in Stuttgarr CLXXII, auch zitiert bei Graucrt, a. a. 0 .

25

Aus dieser Schilderung geht also mit Deutlichkeit

hervor, daß es sich nicht um Wachspräparate, sondern um ein altherkömmliches Konservierungsverfahren

handelt, das nur in Einzelheiten modernisiert sein mag.

Dieses Zeremoniell reicht nun aber in byzantinische Zeit zurück. In dem Reisebuch Hans Schiit-

bergers, der sich nach abenteuerlichen Gefangenen- und Dienstjahren bei Bajazed und Timur gegen

1430 in Konstantinopel aufhielt, ist dieser Brauch, der sicher weit älter ist, kurz und naiv geschildert:3

«Und wann ein priester stirbt, so legt man in alles das'an, das zu ainem priester gehört, so er mess

halten will, und setzen in in das grab auf ainen sessel und decken in mit kot (Var. mit ertrich) zu.»

Die eigentümliche Bestattungsweise erweckt an dieser Stelle ein besonderes Interesse. Einmal

ist ja bekannt, daß die Kirche des Orients wie des Okzidents Reste des Altertums besonders treu be-

1 Österreichische illustrierte Zeitung Nr. 23 vom 6. März 1910.

2 Trifft dies nicht zu, wie es bei einem vor einigen Jahren plötzlich am Schlagfluß verstorbenen Patriarchen von Konstantinopel

geschah, so kann die feierliche Inthronisation nicht erfolgen. In dem genannten Falle verursachte dieser Umstand,

wie ich aus Berichten von Ohrenzeugen weiß, allerhand ominöses Gerede.

3 Ed. Langmantel: Bibliothek des literarischen Vereines in Stuttgart CLXXII, auch zitiert bei Grauert, a. a. O.

XXIX. 2;

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i88

Julius v. Schlosser.

wahrt hat. Das reicht von der hierarchischen und administrativen Organisation der Kurie über den

Kirchengesang und die aus römischen Baugedanken erwachsene klaustrale Hofanlage bis zur liturgischen

Tracht herab, in der sich nicht nur im allgemeinen das spätrömische Feierkleid treu erhalten hat, sondern

selbst noch die häufigen Entlehnungen, die gerade jene Zeit bei Fremdvölkern zu machen liebte,

kenntlich sind, wie im Gewand des Diakons, der sogenannten «Dalmatica».

Nun finden wir aber durch die ganze ältere Zeit, mit inbegriffen jene durchaus glaubwürdige Angabe

Schiltbergers aus der letzten byzantinischen Periode, eine Reihe von Berichten, die, teils legendenhaft

gefärbt, teils einwandfrei überliefert, jene merkwürdige Behandlung des Leichnams verbürgen, die

uns schon in der Notiz des Polybius entgegentritt; wobei immer im Auge zu behalten ist, daß auch die

späteren Berichterstatter, gleich diesem, zuweilen die Ersetzung des wirklichen Kadavers durch einen

Scheinleib nicht bemerkt haben könnten.

Das berühmteste und am meisten diskutierte Beispiel ist da die Tradition von der Bestattung Karls

des Großen, den Otto III. bei der Eröffnung der Gruft von Aachen auf einem Throne sitzend (in solio regio),

mit den Prunkgewändern angetan, vorgefunden haben soll. Die Auffindung des Grabes wird in dieser

Weise von einem Zeitgenossen Ottos III., Thietmar von Merseburg, der seine Chronik 1012—1018

geschrieben hat, mitgeteilt; der «kenntnisreiche» Ademar von Chavannes, Thietmars Zeitgenosse,

berichtet gleichlautend über die Weise der Bestattung, weiß jedoch nichts von der Eröffnung durch

Otto III., die aber wiederum in der Chronik von Novalese (bis 1048 reichend) nach dem Bericht eines

Augenzeugen, des Grafen von Lomello, einer «durchaus geschichtlichen Persönlichkeit» (Lindner)

und eines Freundes Ottos III., erzählt ist. Die karolingischen Quellen schweigen darüber; Einhart und

Thegan sagen kurz, Karl sei noch am Todestage beerdigt worden. Th. Lindner hat in einer eigenen

kleinen Schrift1 diese Nachrichten einer höchst scharfsinnigen Kritik unterzogen und den ganzen Sachverhalt

in das Bereich der volkstümlichen Legende verwiesen, deren fühlbare Spuren sie auch sicherlich

in der Novaleser Chronik, die überhaupt an sagenhaften Zügen reich ist, trägt. Auf die Phantasie des

Volkes mußte ja der seltsame von den Schauern des Todes und der Majestät umwitterte Vorgang mit

unwiderstehlicher Gewalt wirken. Aber Lindner hat in seiner Kritik zweifellos über das Ziel hinausgeschossen

und hat nicht abzuleugnenden Tatsachen Gewalt angetan. Den Grafen von Lomello einfach

als «lustigen Aufschneider» hinzustellen, den klaren Wortlaut Thietmars «in regio solio» durch eine an

dieser Stelle spitzfindige Nebenbedeutung von solium als «Sarg» zu verdunkeln, geht doch nicht an.

Das haben auch Männer gleich Ranke, Giesebrecht und Wattenbach gefühlt und mindestens an der

inneren Wahrheit der Anekdote, dieser Historia altera, festgehalten; die äußere Wahrheit des Vorganges

muß dahingestellt bleiben. Immerhin ist es nicht zu übersehen, daß das Wesentliche derselben

durch zeitgenössische Berichte gleichförmig überliefert ist. Grauert hat endlich in einem kleinen Aufsatz2

die ganze Frage durch den Hinweis auf Byzanz in neue Beleuchtung gerückt.

Schon Ranke hatte in seiner Weltgeschichte (VII, 7g), freilich nur beiläufig und flüchtig, auf eine

allgemeinere Verbreitung des seltsamen Bestattungsgebrauches hingewiesen. Die wichtigsten dieser

Parallelen sind uns schon durch Benndorf und Grauert aus Alt- und Neubyzanz bekannt geworden;

durch sie erhalten einige andere alte Nachrichten besonderes Relief.

In Ravenna taucht zuerst im Anfang des XIV. Jahrhunderts die Tradition auf, wonach Galla Pla-

cidia in ihrem Sarkophag in SS. Nazaro e Celso, thronend mit den Insignien ihrer Würde angetan, beigesetzt

sei. Erzbischof Rainald von Ravenna (i3o3 — i32i), der diesen merkwürdigen Umstand berichtet

, sagt kurz: «Corpus Placidiae per cavum inspicitur in sede regali residens.» Durch dieses hier

erwähnte Guckloch warfen Knaben am 3. Mai 1576 Kerzchen in den Sarkophag, so daß dessen innere

Täfelung aus Zypressenholz Feuer fing und die Leiche verbrannte, «quae ad eum diem in sella cupres-

sina sedisse dicebatur», wie der Augenzeuge dieses Vorfalles, Girolamo Rossi, in seiner Stadtgeschichte

von Ravenna berichtet (Lindner, S. 54). Wir lassen die Frage unerörtert, ob es sich hier wirk-

1 Die Fabel von der Bestattung Karls des Großen, Aachen l8g3.

2 Zu den Nachrichten über die Bestattung Karls des Großen: Historisches Jahrbuch der Görresgesellschaft XIV, 302

(München 1892).

Geschichte der Ponrätbildnerei in \\'3chs.

189

lieh um Galla Placidia handelt, geben selbst die .\löglichkeit (obwohl nicht sofort die \\"ahrscheinlich- keit) zu, daß die Phantasie des Volkes in dem Dämmerlicht des Sarkophages die thronende Kaiserin zu erblicken meinte, unterstreichen selbst den Ausdruck Rossis: cdicebatur•, notieren aber gleichwohl das Vorhandensein einer derarrigen Tradition im Gebiete des einstigen byzantinischen Exarchats. Eine weitere Nachricht findet sich in der schon erwähnten Chronik Thictmars von i\·l erseburg

( 1, -22). Der hohe Kirch~nfürst erzählt von der Beisetzung e ines Am tskollcgen , des H alberstädter Bi- schofs S ieg mund (t 923) : c Positum est aurem corp us prel~\ti presulis in dcxtcra parte altaris Christi

p rotomart i ris

dendo .• Diese \ Vorte,

Thietmur abhängigen sächsischen Annalen auf die Art und 'Weise der Bestattung selbst beziehen, hat

Li ndner mit einer Auslcgcku nst, dere n Sc har fs inn nic ht genug hervorge hoben werd e n kann, zug un sten

\ Vorre nac h vorwii r ts, n icht nach r Uckwärts zu bez iehen sch on begraben ( iaccndo), so ndcm noch bei Lebze iten

( du m v iveret, w ie tatsiic hl ic h d ie Halberstädter A nnale n sagen), das ist noch w:lhrend se in er Regierung

(sup ra cathcdnun sedendo) sein e \ Villensmeinung ku nd gegeben habe, vo r dem Altur d es h ei ligen Ste- phanus begraben ztl werde n. Dem modernen Leser mag dies ;mniichst so nderbar vorkommen; a ll ein Lindner erin nert mit Hecht an ei ne allgemein im Mittelalter geglaubte Sache, daß niimli ch Verstorbene auch post obirum ihren \\"ill en kundgeben könnten . Thietmar habe in se in er geschraubt en Redeweise• dem Argwohn vorbeugen wollen, als ob der tote Bischof gespukt lüitte. Tatsächlich sind dessen Ge- beine nach der freilich sehr späten Halberstädter Bischofschronik erst geraume Zeit nachher (unter seinem zweiten 1'\achfolger) an dem gewünschten Platze beigesetzt worden. fch gestehe, daß mir bei dieser Auslegung Lindners das italienische Sprich\YOrt nicht aus dem Sinn will cchi troppo asoniglia, scavezza•; weshalb diese auffiillige Bemühung Thietmars, einem Glauben vorwbeugen, der allgemein vorhanden war und seinem Helden nach minelalterlichen Vorstellungen durchaus nicht abträglich sein konnte? In dem Zusammenhang, in dem wir die Sache hier betrachten, gewinnt die unbefangene Lesung des Textes, wie sie tarsiichlicb ,·om sächsischen Annalisren an bis auf Lindocr herab vcrst;lnden wurde, an Autoritiit. Es ist nämlich auch innerhalb der westlichen abendländ isc hcn Kirche ein Fall be- kannt, in dem es s ich um die Aufstellung der Leiche einer geistlichen Pcr~on in throno handelt, ja noch

meh r, d ie Sache ist heute noch nachzuprüfen . Es handelt s ich um e in e bolognesischc Loka lhc il igc, die

auch als Malerin

seiner Ansch auung so gedeute t , daß T hi etmars seien, d. h. claU Bisch of Sieg mund nicht et wa

in

grad u

praeiacenti,

ut ips e antea prernonstrav it, non iac cndo ~cd sup ra ca th edram s~­

die anscheinend nich t mißzuverste hen s in d und die tatsiich lic h auch d ie von

bekannte heilige Katharina Vigri, die 1403 als Abtissin des C larissinnenldostcrs Corpus

Dom ini gestor ben ist uud in der Stadt noc h heu re unge meine Verehru ng ge nießt. Nuc h der bei Masi ni 1 m itgetei lten Mirakelgesch ichte hlitte s ich der Leic hnam der f-Tei ligen, n ac hdem er 19 T;tgc be~:;rabcn ge- wesen war, von sel bst wieder erhoben und wäre daraufhin iJl aufrechter Stellun g beigese tzt worden. Ta t-

s a che is t , d~ ß sie n och h e ut e , in ponrilical i b u s auf e i ne m St uhl th r o n end, da s Kreuz in d er Hand, in ih re r

e igenen :>:ur Grabkapelle be rger ichte ten Zelle zu sehen is r. 2 Es mögen, wi e au tl n dere n Or ten, beso n ders

vo rha nde n g<.:wcsc n se in ; bekannt sind ja d ie

Mumien des uru lten l'riaulischen Bergstädtchens Venzon e, die nach einer liingcren Bcstan ungsperiode, mit Gewiindcrn bek leidet, frei an den \.Yänden des Karncrs aufgestellt w urde n. End lich ist noch z u erwähnen, daß von den östlichen Grenzen des byzantinischen Kulturberciches, wo wir sch on einmal e in e merkwlirdige einschlägige Tatsache konstatieren konnten, ein ähn li cher, \\"enn auch sagenhaft gcfiirbter Bericht vorliegt.' In einer parsischeu Chronik wird crziihlr, "ie der Ka lif Ali

günst ige ßcd in g llngen zur Mu mifiz ie rung des Kadave rs

Bologna pcrlustrnta, Bologna 1666 zum 9 · ~lärz, I. 250: cß . C3lerina \"igri da ßolognn nbbndcSS;\. d"cta d"anni 49 in

monache dcl corpu::; domini do\·e si 'Tedc il suo co1 po in c~rnl! ed oss~l posato sopra

d" unn sedin. Fra gli nhri mirncoli di quC>Ia gr:m serm di Dio, con gmnde stupore nccndi:, ehe qucl 'acro corpo del q63

portato in chiesa dopo d' csscrc stato 19 giorni sotto 1erra s· alzO a sedere. non nhramentc ehe s:c ,.i, a ella stala fo:;.se, cd

incrociate lc mani ;,\1 s~mti:)Simo sacramento chinö tre volte il capo,

(Aug$burg I S5i) I, 51>J .owic bei dem fcrraresischcn Lokalhistoriker ßanulnldi, der eine \"ita der IIdiigen gcs~hricben hat \ Ferrum ljt8).

I

mercor·di alle ore 15 mori:

189

Vgl. (; raucrt,

fc~ta alle

etc.

\"gl. au~h die _\nsabcn in Studien; Hcilisenlcxikon

Geschichte der Porträtbildncrei in Wachs.

lieh um Galla Placidia handelt, geben selbst die Möglichkeit (obwohl nicht sofort die Wahrscheinlichkeit

) zu, daß die Phantasie des Volkes in dem Dämmerlicht des Sarkophages die thronende Kaiserin zu

erblicken meinte, unterstreichen selbst den Ausdruck Rossis: «dicebatur», notieren aber gleichwohl das

Vorhandensein einer derartigen Tradition im Gebiete des einstigen byzantinischen Exarchats.

Eine weitere Nachricht rindet sich in der schon erwähnten Chronik Thietmars von Merseburg

a . a. 0., 3J 8.

(I, 22). Der hohe Kirchenfürst erzählt von der Beisetzung eines Amtskollegen, des , Halberstädter Bischofs

Siegmund (f gz3): «Positum est autem corpus prefati presulis in dextera parte altaris Christi

protomartiris in gradu praeiacenti, ut ipse antea premonstravit, non iacendo sed ' supra cathedram se-

Graucrt, a. a. 0., 315, nach E. Sachau.

dendo.» Diese Worte, die anscheinend nicht mißzuverstehen sind und die tatsächlich auch die von

Thietmar abhängigen sächsischen A.nnalen auf die Art und Weise der Bestattung selbst beziehen, hat

Lindner mit einer Auslegekunst, deren Scharfsinn nicht genug hervorgehoben werden kann, zugunsten

seiner Anschauung so gedeutet, daß Thietmars Worte nach vorwärts, nicht nach rückwärts zu beziehen

seien, d. h. daß Bischof Siegmund nicht etwa schon begraben (iacendo), sondern noch bei Lebzeiten

(dum viveret, wie tatsächlich die Halberstädter Annalen sagen), das ist noch während seiner Regierung

(supra cathedram sedendo) seine Willensmeinung kundgegeben habe, vor dem Altar des heiligen Ste-

phanus begraben zu werden. Dem modernen Leser mag dies zunächst sonderbar vorkommen; allein

Lindner erinnert mit Recht an eine allgemein im Mittelalter geglaubte Sache, daß nämlich Verstorbene

auch post obitum ihren Willen kundgeben könnten. Thietmar habe in seiner «geschraubten Redeweise»

dem Argwohn vorbeugen wollen, als ob der tote Bischof gespukt hätte. Tatsächlich sind dessen Gebeine

nach der freilich sehr späten Halberstädter Bischofschronik erst geraume Zeit nachher (unter

seinem zweiten Nachfolger) an dem gewünschten Platze beigesetzt worden. Ich gestehe, daß mir bei

dieser Auslegung Lindners das italienische Sprichwort nicht aus dem Sinn will «chi troppo asottiglia,

seavezza»; weshalb diese auffällige Bemühung Thietmars, einem Glauben vorzubeugen, der allgemein

vorhanden war und seinem Helden nach mittelalterlichen Vorstellungen durchaus nicht abträglich sein

konnte? In dem Zusammenhang, in dem wir die Sache hier betrachten, gewinnt die unbefangene Lesung

des Textes, wie sie tatsächlich vom sächsischen Annalisten an bis auf Lindner herab verstanden wurde,

an Autorität. Es ist nämlich auch innerhalb der westlichen abendländischen Kirche ein Eall bekannt

, in dem es sich um die Aufstellung der Leiche einer geistlichen Person in throno handelt, ja noch

mehr, die Sache ist heute noch nachzuprüfen. Es handelt sich um eine bolognesische Lokalheilige, die

auch als Malerin bekannte heilige Katharina Vigri, die 1403 als Äbtissin des Clarissinnenklosters Corpus

Domini gestorben ist und in der Stadt noch heute ungemeine Verehrung genießt. Nach der bei Masini1

mitgeteilten Mirakelgeschichte hätte sich der Leichnam der Heiligen, nachdem er 19 Tage begraben gewesen

war, von selbst wieder erhoben und wäre daraufhin in aufrechter Stellung beigesetzt worden. Tatsache

ist, daß sie noch heute, in pontificalibus auf einem Stuhl thronend, das Kreuz in der Hand, in ihrer

eigenen zur Grabkapelle hergerichteten Zelle zu sehen ist.2 Es mögen, wie an anderen Orten, besonders

günstige Bedingungen zur Mumifizierung des Kadavers vorhanden gewesen sein; bekannt sind ja die

Mumien des uralten friaulischen Bergstädtchens Venzone, die nach einer längeren Bestattungsperiode, mit

Gewändern bekleidet, frei an den Wänden des Karners aufgestellt wurden.

Endlich ist noch zu erwähnen, daß von den östlichen Grenzen des byzantinischen Kulturbereiches,

wo wir schon einmal eine merkwürdige einschlägige Tatsache konstatieren konnten, ein ähnlicher, wenn

auch sagenhaft gefärbter Bericht vorliegt.3 In einer parsischen Chronik wird erzählt, wie der Kalif Ali

.,

-~

.J:.

1 Bologna perlustrata, Bologna 1666 zum 9. März, I, 250: «B. Caterina Vigri da Bologna abbadessa, d'eta d'anni 49 in

mercordi alle ore 15 mori; festa alle monache del corpus domini dove si vede il suo corpo in carne ed ossa posato sopra

d'una sedia. Fra gli altri miracoli di questa gran serva di Dio, con grande stupore accade, che quel sacro corpo del 1463

portato in chiesa dopo d'essere stato 19 giorni sotto terra s" alzö a sedere, non altramente che se viva ella stata fosse, ed

incrociate le mani al santissimo sacramento chinö tre volte il capo,» etc. Vgl. auch die Angaben in Stadlers Heiligenlcxikon

(Augsburg 1857) I, 583 sowie bei dem ferraresischen Lokalhistoriker Baruflaldi, der eine Vita der Heiligen geschrieben hat

(Ferrara 1718).

2 Vgl. Grauert, a.a.O., 3i8.

a Grauert, a. a. O., 315, nach E. Sachau.

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25*

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gefordert durch die

iJFCi

Julius v. Schlosser.

sich das Grabmal Anuschirwans I., des großen Sassanidenkönigs aus justinianeischer Zeit, öffnen läßt

und dort den Leichnam des Königs auf einem Throne sitzend vorfindet. Die gleiche Vorstellung bringt

eine Sage aus dem Koran vom Grabmal Salomos, die Lindner a. a. O., 76, mitteilt. Mit Recht erinnert

Lindner an dieser Stelle an die Volkssagen, die von dem Fortleben und von der einstigen Wiederkunft

besonders markanter Herrschergestalten handeln. Die populärste darunter ist, dank Uhland, die vom

Barbarossa im Kyffhäuser.

Die mitgeteilten teils unzweifelhaft bezeugten, teils anekdotisch gefärbten Aussagen umspannen

zeitlich wie räumlich ein großes Gebiet: vom nördlichen Deutschland an bis in die byzantinische Reichssphäre

hinein, von der spätantik-frühmittelalterlichen Periode bis ins XV. Jahrhundert, ja im Osten bis

auf unsere eigene Zeit herab. Uberall handelt es sich, und zwar in dem exklusiven Kreise hoher weltlicher

und geitlicher Personen, um Praktiken, die dem Leichnam den Schein des Lebens verleihen sollen;

daß ihnen dies gelungen ist, beweist noch der moderne Zeitungsbericht, den wir kennen gelernt haben.

Es sind urtümliche Anschauungen, die durch den religiösen Vorstellungsinhalt späterer Zeiten eine besondere

Färbung erhalten; ob in einzelnen Fällen, wie schon Benndorf, freilich nicht zu Recht, für

Bvzanz angenommen hatte, ein Zusammenhang mit den in das republikanische Rom zurück zu verfolgenden

Sepulkralbräuchen angenommen werden kann, bleibt eine offene Frage. Für uns war es wesentlich

zu zeigen, daß derlei Vorstellungen und Praktiken schon im frühen Mittelalter nachgewiesen sind

und eine gewisse Kontinuität des Ganzen verbürgen.

Es ist ferner nicht ganz ohne Bedeutung, daß gerade in derTechnik der Wachsarbeit im Mittelalter

eine langdauernde Tradition von der Antike her nachzuweisen ist. Ich will von den Wachstäfelchen in

Diptychenform ganz absehen, deren Gebrauch vom Altertum an bis in die spätesten Zeiten, ja in einzelnen

Betrieben bis an die Schwelle des XIX. Jahrhunderts, für Rechnungsvermerke u. dgl. verbürgt ist.1 Dagegen

hat sich auf einem anderen der Kunst unmittelbar verbundenen Gebiet die antike Tradition mindestens bis

ins frühe Mittelalter erhalten. Schon das hellenische Altertum kannte das Architekturmodell aus Wachs,

dessen noch Gregor von Nyssa in einer Homilie erwähnt; der von ihm gebrauchte Ausdruck ev öXiym

xnoß findet sich in derselben Weise, die auf eine fest gewordene Formel schließen läßt (caerae breves),

bei einem Schriftsteller karolingischer Zeit; dort ist von den Wachsmodellen für den Bau des Klosters

St. Germain in Auxerre die Rede.2

Da sind indes nur Parallelen; näher kommt man dem Vorhaben, eine Brücke vom Ausgang der

Antike zum späteren Mittelalter zu schlagen, wenn man den Spuren nachgeht, die das realistische

Wachsporträt, wie wir es bis in die letzten Zeiten des Altertums verfolgen konnten, anscheinend in der

Sprache der romanischen Völker hinterlassen hat. Es handelt sich um die gleichbedeutenden Ausdrücke

ital. cera (alt und dialektisch auch ciera, neap. cdjera), franz. chere (im älteren Französisch auch chiere,

chire), «Miene, Angesicht» {sembianza di volto im Wörterbuch des Crusca). Es ist jedoch von

größtem methodischen Interesse festzustellen, daß wir einem typischen Fehler des Dilettantismus verfallen

würden, wenn wir ital. cera dem vollkommen gleichlautenden lat. cera — das freilich im alten

Latein kera gesprochen worden sein muß und von dem auch unser Wort Kerze stammt — ohneweiters

gleichsetzten.

Im alten iberischen Sprachgebiet findet sich nämlich span. cara (Gesicht, Miene), gleichlautend

mit dem Provencalischen und Portugiesischen, ein Wort, das schon für das VI. Jahrhundert bezeugt ist,

freilich, wie es scheint, nur durch ein einziges Beispiel, bei dem afrikanischen Epiker Corippus (Ducange

1 Wattenbach, Schriftwesen, S. 34 f. Die ehemalige Ambraser Sammlung enthält noch zwei solcher Notizbüchlein aus

dem XVI. Jahrhundert, eines davon stammt aus Schloß Tirol.

2 Vgl. meine Beiträge zur Kunstgeschichte in den Sitzungsberichten der kais. Akademie der Wissenschaften in Wien

CXXIII (1891), S. 36: Gregor. Nyss. Homil. 3 (Migne, P. G. XLVI, 665). Otiu sldere roi<s firj%aviuovs (mcos r^v fieyäÄav

Kai Agaioov oluobo/nyiärav i-v 6kiy(i> KJ?g(p tag ßOQipäg Kai mvg Tvnovg nQonavanXärrovOiv. — Heirici Mirac.

S. Germani Autissiodor. ep. C. 5 (M. G. SS. XIII, 402): «ad artifices talium experientissimos res confertur. Horum industria

ad loci opportunitatem accedente concepti operis exemplar conficitur, et quasi quodam praeludio futurae molis magnitudinis

caeris brevibus informatur.»