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36 Auf Achse

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F
Bodensee
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Olten St.-Gallen
Ruppen
Delemont Zürich

Zürichsee Rapperswil
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Interlaken

Reise-Info
swiss 500 miles
500 Meilen innert 24 Stunden.
Strecke/Dauer  804,5 km/24 Stunden, von 15 Uhr bis
15  Uhr.
Mit einer Harley-Davidson. Bei
Route  Zürich, Sihltal, Sihlbrugg, Ägerisee, Sihlsee, Satte-
legg, Kerenzerberg, Sargans, St.  Luzisteig, Rheintal, Ruppen,
diesem Plan rechnet man auch
St.  Gallen, Bodensee in Sichtweite, Frauenfeld, Adlikon,
Eglisau, Wehntal, Brugg, Bözberg, Sissach, Laufen, Ajoie, mit dem Scheitern. Gehts dann
St.  Ursanne, Delémont, Balsthal, Derendingen, Iffwil, Worb,
Thun, Schallenberg, Entlebuch, Willisau, Beromünster, Muri,
Birmensdorf, Zürich
tatsächlich in die Hose, tuts
Strecken-Erforschung «Grizzly», der erfahrene Biker und
Fuhrmann suchte einen Mix von kleinen Strässchen und für
trotzdem weh. Eine Reise durch
die Nacht einfacher befahrbaren Verbindungsstrassen. Grosse
Pässe waren tabu, da könne man ja das Streckensuchhirn die Schweiz und eine kleine
einfach abschalten ... Nach einem ersten Rekognoszieren
waren rund 1200 Kilometer zusammen, es musste also
gekürzt werden. «Die 500 Meilen habe ich auswendig im
Depression.
Kopf, du kannst sie jederzeit mit mir abfahren», so «Grizz- Text: Daniel Riesen Bilder: Marianne Mathys
ly», dessen bürgerlicher Name zu den am besten gehüteten
Geheimnissen der westlichen Hemisphäre zählt.
Motorrad Bei den «Swiss 500 miles» sind nur die Marken
Harley-Davidson und Buell zugelassen. Ansonsten eignet sich

S
für die an sich problemlose Strecke so gut wie jeder Töff.
onntagnachmittag, die Uhr tickt Richtung 15
Jahreszeit  Mai/Juni oder September ideal, Hochsommer
weniger empfehlenswert, weil die Hitze die Müdigkeit Uhr. Es ist Zeit zur Gratulation. Sie und er,
verstärkt. die Namen habe ich nicht erfahren, haben es
Verpflegung, Unterkunft Hotels, Pensionen, Campingplät- geschafft. Mit ihren Knuckle-, Flat- oder sonstwie
ze usw. hätte es zuhauf, doch dafür fehlt die Zeit, jedenfalls Oldheads sind sie in den letzten 24 Stunden eine
bei Bewältigung der Strecke innert 24 Stunden. Wers auf
eigene Faust versuchen will: regelmässig fahren, beim Tan- riesige Schlaufe durch die Schweiz gefahren, 500
ken etwas trinken, regelmässig Kleinigkeiten essen und sich Meilen oder gut 800 km lang. Respekt.
irgendwann in der Nacht für zwei bis drei Stunden auf ein Ich erinnere mich: 24 Stunden zuvor, ebenfalls
Mätteli hauen. So sollte es gehen.
kurz vor drei, standen die beiden mit ihren rusti-
Sehenswürdigkeiten  Ägeri- und Sihlsee, Kerenzerberg,
St.  Luzisteig, Ruppen, Laufen, St.  Ursanne usw. Zum Stau- kalen Bikes neben mir am Start. Lebenspartnerin
nen bleibt aber wenig Zeit, zumindest innerhalb der 24 und Fotografin Marianne, bei mir auf dem Sozius,
Stunden. schoss eifrig Bilder der Helden: Ihr war der offen
Karten Eine gute Übersicht bietet die zweiseitig bedruckte laufende Primärtrieb ebenso aufgefallen wie die
Strassenkarte Schweiz des Bundesamtes für Landestopografie
(swisstopo) im Massstab 1:200  000, Fr. 19.80 im Buchhan- Handschaltung. Ich wunderte mich: Kann das gut
del oder auf www.swisstopo.ch. gehen? Es ging gut. Für sie und für ihn. Für mich
Weitere Infos www.swiss500.ch und Marianne weniger.

Kompakt-Marathon
Dabei hörte sich der Plan verlockend an: 500 Meilen
oder umgerechnet 804,5 Kilometer quer durch die
Schweiz auf sorgfältig geplanter Route, die Orga-
nisatoren stellen das Roadbook mit detaillierten
Richtungshinweisen zur Verfügung. Kollegen wird
man genügend treffen, schliesslich nehmen rund bestens, die «500 miles» schafft man bestimmt eher
300 an der Premiere zu den «Swiss 500 miles» (siehe dank Eile mit Weile statt mit Hetze.
Kasten) teil. Harleys only. Pardon, Buells dürfen Samstagmittag. Viel Betrieb im «Harley Heaven»
auch. Ein wenig Reise, ein wenig Wettbewerb. Inso- in Dietikon. Hier schreiben sich die Teilnehmer und
fern dem Pässefahren von MOTO SPORT SCHWEIZ die wenigen Teilnehmerinnen für die Tour ein. Viele
verwandt, nur viel kompakter, denn anstatt erst im Lederkutten natürlich, aber nicht wenige Harley-Trei-
Herbst ist hier alles vorbei, wenn der Zeiger zweimal ber treten, ganz Pragmatiker, mit regendichtem Textil
rundum ist. an. Schliesslich sind für den Nachmittag Gewitter
Als Journalist rufe ich bei Harley-Davidson an: angesagt. Hier in Dietikon steht auch die Presseflotte
«Habt ihr einen Pressetöff für mich?» Haben sie, «et- von Harley-Davidson Switzerland. Da glänzt sie ja
was Bequemes stellen wir dir hin, eine Street Glide». schon, die Street Glide. Der Blick auf den Sozius-
Ein Gleiter, kein Kurvenwiesel, Koffer hats auch, alles platz ist ein Aha-Erlebnis der unangenehmen Art: In
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Aargauer Biker im
aargauischen Hinterland
unterwegs, auf der letzten
Etappe von Beromünster
nach Zürich.

Eile
mit
Weile
Standardausführung gibts ein schmales, nach hinten für eine gewisse Zeit geöffnet. Wer zu früh kommt,
abfallendes Brötchen. Oje. Marianne bleibt gelassen. kann warten, illegale Tempi bringen also nichts. Wer
Dennoch: Der Keim der Verderbnis ist gesät. zu spät kommt, verpasst nicht nur den Stempel,
«Kann das gut gehen? Es Das Roadbook für den Prolog führt uns zum
Startort. Zürich, Schützenhaus Albisgüetli. Man
sondern auch das Roadbook für die nächste Etappe:
Heimreise. Harte Sitten, aber das hier ist ja auch kein
ging gut. Für sie und ihn. trinkt etwas, diskutiert. Noch bleibt Zeit. Viele lie- Kindergeburtstag!
gen im Gras, ich auch. Schlafen kann ich nicht,
Für uns weniger.» dafür drehen leise Zweifel ihre Runden in meinem Winklige Strassen gleich nach Zürich
Der leise enttäuschte Autor, der das Ziel ohne Töff sah. Kopf. Denn normalerweise brauche ich eine tüchtige Von drei bis drei haben wir Zeit, wie die Rennfahrer
Mütze Schlaf, sonst funktioniere ich nicht. Doch bei den 24-Stunden-Rennen. Doch während die Racer
der Fahrplan der Organisatoren lässt wenig Raum Hunderte von Pistenrunden drehen, genügt uns eine
für Schönheitsschlaf: Jeder Kontrollposten ist nur lange. Doch wohin, das wissen wir noch nicht.
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➥  eile mit weile

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Premiere für die harten Harley-Riders
Wer hats erfunden?
Diesmal warens nicht die Schweizer. Zu den «Swiss 500 miles» liessen sich
vier Schweizer Teilnehmer eines ähnlichen Events in Belgien motivieren,
darunter Urs Studer (Bild), Präsident der organisierenden Interessengemein-
schaft. An Harley-Treffs und Biker-Partys fehlts ja nicht, doch Anlässe für
jene H.-D.-Piloten, die mal richtig fahren wollen, sind deutlich seltener.
2008 war nun also das Jahr 1 der «Swiss 500 miles», eines Anlasses exklusiv
für Fahrer von Maschinen der Marken Harley-Davidson und Buell. Die
Herausforderung besteht einerseits im Kampf gegen Müdigkeit, schmerzende
Pos und verspannte Muskeln. Anderseits ist ein bisschen Geschick beim Lesen
des vom Organisator gestellten Roadbooks vonnöten
– es sei denn, man schliesse sich einem erfahrenen 4
«Road Captain» an. Start und Ziel befanden sich beim
Albisgüetli in Zürich. Unterwegs waren 12 offizielle und 1  Dämmerung bei St.  Luzisteig. Vorbereitungen für
3 unangekündigte Posten (gegen Abkürzer und Auto- eine lange Nacht.
bahnausnützer) anzufahren. Bei den offiziellen Posten 2  Kontrolle bei der Tüüfelsbrügg am Etzel. Mit
erhielt man einen Stempel und das Roadbook für den Geheimposten gingen die Organisatoren gegen
nächsten Abschnitt. Schlaumeier vor.
Angesichts des für eine Premiere beachtlichen Teilneh- 3  Harley setzt bekanntlich auf «Parts and Accesso-
merfeldes von rund 300 Personen und des fast unisono ries», hier das Beispiel Eigenbau für die arme Sozia.
begeisterten Echos ist mit einer Neuauflage im 2009 Auch das kunstvoll drapierte Mätteli konnte die Tour
zu rechnen. Streckenplaner «Grizzly» (siehe Reise-Info) nicht mehr retten.
werden die Ideen vermutlich so schnell nicht ausgehen. 4  Mit beleuchtetem Roadbook für die Nacht bereit.

In Wellen rollen die «500-miler» durchs Sihl- Von Oberägeri hinauf auf den Ratenpass trocknet Zürisee zu klein. Der Ägerisee? Nein, es ist doch
tal. Beim Bahnhof Sihlwald gehts links weg, über die Strecke zusehends ab. Vor dem Restaurant eine schon der Sihlsee.
Kleinststrässchen hinauf auf den Hügelrücken, im lange Schlange für den ersten Stempel. Und wir haben Nach zwei kurzen Fotostopps und einer kurzen
Stroboskop-Blick zwischen den Baumstämmen blitzt Sorgen. Das Sitzbrötchen erweist sich als Folterstuhl. Orientierungslosigkeit befinden wir uns definitiv am
der Zürisee auf. Bald setzt Regen ein – unter jedem Jede Beschleunigung und jeder Anstieg zwingen Ma- Ende des Feldes. Freie Fahrt an der Sattelegg. Feine
Vordach absolvieren ein paar Biker den Tenü-Türk. rianne zu Kraftübungen. So kanns nicht weitergehen. Strecke, schöne Kurven. Die Street Glide schrappt
Interessierte Eingeborene fragen uns wohlwollend Ich versuche zuerst eine Aufpolsterung mit einer selbst im Feuchten. Marianne hat sich daran ge-
aus. Später werden entlang der Strecke immer wieder Beige Papiertücher und Klebeband. Ungenügend. wöhnt.
Passanten den kleinen Gruppen vorbeigleitender Nun improvisieren wir mit einem Schlafmätteli. Talwärts stehen wir plötzlich im Stau. Eine lange
Helden zuwinken. Frauen, Männer, Kinder sowieso. Marianne nickt. Optimismus keimt auf. Kolonne von Wankel-Mazdas (RX8) sind das Ende
Ich hatte nicht geahnt, welch massiven Sympathie- einer langen Wartezeit für das Gros der «500 miles»-
bonus die gemütliche Gilde vor sich herträgt. Stau wegen Helikopter Teilnehmer – wie wir noch erfahren werden. Wir
In Schindellegi biege ich ab, ohne Info von der Wir navigieren ausschliesslich mit dem schlichten, passieren eine Unfallstelle, Marianne erzählt später
Roadbook-Verantwortlichen hinter mir. Natürlich aber ausgezeichneten Roadbook. Die Karte ist nur von einer riesigen Blutlache. Dreiviertel Stunden ging
bin ich falsch. Der Perfektionist in mir grollt, der für Notfälle dabei. In Gegenden, die man nicht allzu hier gar nichts, weil ein Helikopter landete, um einen
Pragmatiker in mir findet aber bald wieder die rich- gut kennt, führt das öfter zu Fragezeichen. Tolle arg zugerichteten Velofahrer zu bergen. Auf zwei
tige Fährte. Aussicht, doch welcher See ist das bloss? Für den Rädern lebts sich gefährlich, man weiss es.
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➥  eile mit weile

1  Start und Ziel im


Albisgüetli, Zürich.
2  Brummen durch
Kaltbrunn.
3  Aussicht auf den
Zürisee.
4  Ritt durch die Nacht.
5  An einem Sonntag bei
Beromünster.
6  Hier hätten zuletzt
über 800 km aufleuchten
sollen ...
7  Der Autor schaute
nicht nur zu Beginn mit
gebührendem Ernst.

Eine Stunde später sitzen wir in einem Restaurant Ist des Nachts sowieso etwas schwierig. Strassenla- entrimm eignet sich für die Glamour-Meile, nicht
in Kaltbrunn. Wir hatten zahlreiche Teilnehmer beim ternen sind keine Option, beleuchtete Halterungen aber für 500 Meilen.
letzten Posten überholt, doch jetzt brummen sie alle oder Stirnlampen hingegen schon. Der Rest ist schnell erzählt. Schlafen im Auto in
wieder vorbei. Der Ehrgeiz in mir möchte gleich Die Gruppe schraubt sich den Ruppen hinauf. Dietikon, Frühstück im hübschen Altstädtchen von
aufspringen, doch zuerst will die Insalata caprese ­Kurvig, kurvig. Weil der Scheinwerfer nicht dort- Lenzburg, Wiedersehen mit den Marathon-Bikern
verschnabuliert werden. hin leuchtet, wo man hinwill, ist Töff fahren in der am letzten Halt bei Beromünster. Wir folgen einer
Am Kerenzerberg überhole ich ein internationales Dunkelheit oft eine etwas unrunde Sache. Geht mit Gruppe Richtung Schongau, Muri und stellen fest:
Grüppchen mit italienischen und belgischen Schil- der Harley aber sehr gut. Die gemächliche Neutra- Auch gegen Ende der 24 Stunden fahren sie einen
dern. Zehn Minuten später, unten am Walensee, lität schützt vor Überreaktionen, der Strich bleibt sauberen Strich, haben die Sache im Griff.
brause ich am nicht deklarierten Kontrollposten rund.
(gegen Autobahn-Schnellfahrer) vorbei. Marianne Halt in St.  Gallen. Mariannes Leiden wird ärger. Ich Das ist nicht das Ende
tippt mahnend auf meine Schulter, ich kehre um, entscheide für sie, dass wir bis zum nächsten Posten Zurück im Albisgüetli, ist meine Stimmung auf
die zuvor Überholten sind schon da. Ich grinse den in Langrickenbach durchhalten. Dort machen wir Halbmast. Von den rund 300 Teilnehmern mussten
Umständen entsprechend schräg. ein kurzes Nickerchen und hoffen auf ein Wunder. gerade mal zehn aufgeben, darunter wir zwei. Grosse
Danach fahre ich etwas benommen weiter, nach Zerknirschung über meine schlechte Planung. Ich
Hinein in die Nacht 63  km bis Adlikon bin ich aber wieder fit. Es ist kurz mach mich ziemlich schnell vom Acker. Eines dürfte
Dämmerung in St. Luzisteig. Es wird kühl, ein Shirt vor drei. Das Ende. Denn die Sozia/Fotografin ist am ja wohl klar sein: Mit den «Swiss 500 miles» habe ich
mehr wird nötig. Hinunter ins Rheintal, in Vaduz Ende. Wach wär sie, doch eine Street Glide im Seri- noch eine Rechnung offen!  n
dem Schlossherrn hinaufwinken, abzweigen auf die
linke Talseite, Stopp beim «British Corner» in Rüthi.
Die zuvor getroffenen «Internationalen» sind in der 2 3 7
Mehrzahl Amerikaner, hier mit der Reparatur einer
Windschildhalterung beschäftigt. Wir werden sie im
Ziel in Zürich wiedersehen.
Kurz nach Rüthi: Staunen. Wir fahren durch eine
beleuchtete Schneise im Fels bei Hirschensprung.
Haben wir Berner noch nie gesehen. Wir sind für ei­
nige Sekunden verzaubert. Alleine losgefahren, laufen
wir vor Altstätten auf eine Gruppe auf. Ich halt mich
zurück, soll doch der da vorne das Roadbook lesen!

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