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BaNkwirtscHaFt der ZukuNFt durcH NacHHaltigkeit? Interview mit Dr. Fred Luks, Bank Austria – UniCredit Group,

BaNkwirtscHaFt der ZukuNFt durcH NacHHaltigkeit?

Interview mit Dr. Fred Luks, Bank Austria – UniCredit Group, Nachhaltigkeitsmanagement, und Dr. Richard Pircher, Studiengangsleiter Bank- und Finanzwirtschaft an der FH des bfi Wien

FH News: „Der Finanzsektor gilt als Auslöser für eine Wirtschaftskrise, deren Umfang noch nicht gänzlich abgeschätzt werden kann. Was wa- ren die Ursachen der Finanzkrise?“

Pircher: „In der Diskussion kristal­ lisieren sich drei Punkte als ent­ scheidend heraus: Es wurde ange­ sichts der hohen Renditezahlen das große Ganze und in gewissem Sinne der Hausverstand aus den Augen verloren. Das von der Real­ wirtschaft losgelöste Geschäft des Handels mit synthetischen oder deri­ vativen Papieren hat einerseits eine wichtige Funktion, weil damit Risiken abgesichert werden können. Aller­ dings können sie auch für eine reine Gewinnerzielungsabsicht eingesetzt werden. Hier handelt es sich im We­ sentlichen um Wetten auf Entwick­ lungen in der Zukunft. Dieses Ge­ schäft hat sich verselbständigt und fast niemand wollte darauf mehr verzichten. Wenn man sich fragt, wie viel an Rendite pro Jahr tatsäch­ lich langfristig realistisch ist, kommt man zum zweiten Punkt. Die Orien­ tierung auf kurzfristige Gewinne hat die Frage weitgehend verdrängt, wann das System kollabieren muss. Das war vorhersehbar und mehrere ExpertInnen haben schon seit eini­ gen Jahren vor dieser Krise gewarnt. Allerdings hat die kurzfristige Orien­ tierung der Märkte diese Gefahr ver­ schleiert. Wenn sie auch jetzt noch die Kurzfristigkeit der Börsenreaktio­ nen betrachten, geht das weiter. Hier kommen Ethik und Nachhaltigkeit in Spiel, weil die Handlungen von heute auch eine Wirkung auf morgen ha­ ben. Den tatsächlichen Profit kann man nur berechnen, wenn man die­ se Wirkungen mit einberechnet. Der dritte Grund ist aus meiner Sicht mangelndes Wissen auf mehreren Seiten. Das schließt sowohl die in

vielen Fällen nicht wirklich rational handelnden Akteure auf der Seite der Banken, als auch auf jener der Regu­ lierungsbehörden ein.“

FH News: „Welche Schlüsse ziehen die Banken daraus?“

Pircher: „Kurzfristig gibt es bei den Banken eine starke Rückbesinnung auf das Kerngeschäft, das auf real­ wirtschaftlicher Grundlage besteht. Damit beobachten wir eine Abkehr von einer Gewinnerzielungsabsicht, die nicht mehr an eine tatsächliche Wertschöpfung anknüpft. Für mich wird das sehr schön durch die Aus­ sage zusammen gefasst, dass Erträ­ ge langfristig nur durch Arbeit er­ wirtschaftet werden können. Banken ermöglichen diese Wertschöpfung, indem einerseits Kredite für Unter­ nehmen und Private bereit gestellt werden und andererseits Geld ,auf die Seite‘ gelegt werden kann.“

FH News: „Herr Luks, wie können zukünftige Krisen langfristig vermieden werden?“

Luks: „Der Glaube an die Selbst­ steuerung eines weitgehend unre­ gulierten Marktes, der die letzten zwanzig Jahre dominiert hat – Stich­ wort Neoliberalismus – ist in dieser Form vorbei. Der Markt hat eine ganz wichtige Funktion, aber er muss ge­ wisse Bedingungen und Grenzen vor­ finden. Das gilt sowohl in ökonomi­ scher, ökologischer als auch sozialer Hinsicht. Ein Gemeinwesen, das gut funktionieren soll, kann es sich nicht leisten, den Markt frei sein Werk tun zu lassen. Der Markt muss der Gesell­ schaft dienen, nicht umgekehrt.“

FH News: „Was bedeutet das konkret für Banken?“

Luks: „Das bedeutet aus meiner Sicht zweierlei: Einerseits muss grund­ sätzlich über Nachhaltigkeit im Bank­

wesen nachgedacht werden. Die Bank Austria hat schon vor der Krise über Nachhaltigkeit nachgedacht, ich wur­ de beispielsweise vorher eingestellt. Wer wirtschaftlich erfolgreich sein will, muss ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit zusam­ menbringen. Das ist nichts Additives, sondern etwas Integratives. Nach­ haltigkeit kann also nicht nach dem Gewinn dazu geklebt werden, son­ dern muss in dem Geschäftsmodell integriert sein. Ökonomische Nach­ haltigkeit sollte eine Selbstverständ­ lichkeit sein, man darf sein Kapital nicht aufzehren. Aber diese Selbst­ verständlichkeit muss verbunden werden mit ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit. Andererseits erkennt man jetzt in der Krise gerade im Fi­ nanzbereich, dass das auch eine we­ sentliche Reputationsfrage ist. Heute ist es offensichtlich, dass die Banken einen Reputationsverlust erlitten haben. In diesem Umfeld bekommt Nachhaltigkeit eine zusätzliche Di­ mension. Wer am Markt dauerhaft erfolgreich sein will, der muss auf seinen guten Ruf achten und konti­ nuierlich daran arbeiten. Die immer besser informierten KundInnen neh­ men das heute sehr ernst. Außerdem ist ein nachhaltiger Arbeitgeber auch ein attraktiver Arbeitgeber.“

FH News: „Was ist Ihre Zielsetzung als Nachhaltigkeitsmanager für Banken?“

Luks: „Meine Zielsetzung ist es, Nachhaltigkeit als Wert und als Stra­ tegie in allen Bereichen der Bank zu festigen. Eine Basis dafür ist das Leit­ bild, das in der Bank Austria Integrity Charter heißt. Darin sind sechs Wer­ te enthalten, die das Leitbild für alle Handlungen darstellen, z.B. Fairness und Transparenz. Das sind auch nach­ haltige Werte. Für mich, der ich aus einem wissenschaftlichen Umfeld

FH News | April 2009

studieNgäNge

auch nach­ haltige Werte. Für mich, der ich aus einem wissenschaftlichen Umfeld FH News | April

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komme, ist es sehr interessant, in ei­ nem Unternehmen konkret mit der Umsetzung befasst zu sein.“

FH News: „Wie sieht das konkret in der Umsetzung aus?“

Luks: „Ein erstes Anliegen ist es, eine übergreifende Strategie zu ent­ wickeln, die alle drei Bereiche der ökonomischen, ökologischen und so­ zialen Nachhaltigkeit beinhaltet. Bei den Umsetzungsprojekten unter­ scheiden wir auf ökologischer Ebene zwischen Prozessökologie und Pro­ duktökologie. So ist ein konkretes Pro­ jekt in diesem Jahr dem Thema Klima gewidmet. Hier geht es um Ressourcen­ effizienz in Bereichen wie Transport, Gebäudemanagement und Informa­ tionstechnologie. In mittlerem bis längerem Zeithorizont streben wir Nachhaltigkeit in den Produkten an. Die Bank bietet beispielsweise schon derzeit einen Kredit für Wohn­ raumschaffung an, wo die Kredit­ nehmerInnen einen finanziellen Vor­ teil haben, wenn sie das energieeffi­ zient machen. Weiters ist es möglich,

bei unserem Tochterunternehmen Pioneer Investments sein Geld nach ethischen Kriterien zu investieren.“

FH News: „Herr Dr. Pircher, finden derartige Ansätze auch in der Aus- bildung im Studiengang Bank- und Finanzwirtschaft ihren Nieder- schlag?“

Pircher: „Ja, und zwar auf mehreren Ebenen. Der Unterricht erfolgt im Stu­ diengang zu rund 75 % durch Personen, die hauptberuflich in Unternehmen tätig sind, die potenziell zukünftig Arbeitergeber der StudentInnen sind. Dazu zählen neben Banken auch Ver­ sicherungen, Wirtschaftsprüfer und Regulierungsbehörden. Dadurch hat ein Großteil der Lehrenden direkten Kontakt mit den Auswirkungen der aktuellen wirtschaftlichen Situation und thematisiert diese unter dem Ge­ sichtspunkt der jeweiligen Lehrver­ anstaltung. Weiters wird die konkrete Umsetzung von Nachhaltigkeits­ ansätzen oder Konsequenzen psycho­ logischer Faktoren in Märkten be­ handelt in Lehrveranstaltungen wie

Wirtschaftsethik und Selbstmanage­ ment. Darüber hinaus schreiben Stu­ dentInnen vermehrt Arbeiten in Ge­ bieten wie ethisches Investment oder Corporate Social Responsibility.“

FH News: „Besteht nicht die Gefahr, dass die AbsolventInnen sich für einen Bereich ausbilden, in dem aufgrund der Krise – auch mit diesen Kenntnissen – kein Bedarf nach Arbeitskräften besteht?“

Pircher: „Die Signale aus der Wirt­ schaft zeigen mir schon jetzt, dass das nicht der Fall sein dürfte. Einerseits können wir davon ausgehen, dass die Finanzkrise in ein bis zwei Jahren überwunden sein wird. Andererseits entsteht gerade durch die Finanzkrise vermehrt Bedarf an ExpertInnen bei­ spielsweise in Bereichen wie Risk Management sowie in den Regulie­ rungsbehörden und Wirtschaftsprü­ fungen.“

FH News: „Vielen Dank für das Interview!“

symposium „die iNterNatioNale FiNaNZkrise“

Am 19. November 2008 fand an der FH des bfi Wien das Symposium „Die internationale Finanzkrise“ statt. Ver­ treterInnen der Bankwirtschaft, der Bankenaufsicht und von Hochschulen stellten zunächst in vier Fachvor­ trägen die Ursachen der aktuellen

von Dr. Christian Cech, Researcher und Prof. (FH) Dr. Rudolf Stickler, Rektor der FH des bfi Wien

Verluste sozialisiert werden“, meinte auch Prof. Albrecht Michler von der Universität Düsseldorf. Es mache je­ doch keinen Sinn, „ausgetrocknete Märkte“ überhastet zu regulieren, wie etwa den Markt für strukturier­ te Produkte, die zwar zum Ausbruch der Finanzkrise geführt haben, mo­ mentan jedoch kaum mehr gehan­ delt oder gar neu am Markt platziert werden. Die meisten der Diskussions­ teilnehmerInnen waren sich einig, dass eine Verstaatlichung des Ban­ kenwesens nicht sinnvoll wäre. „Nur die Banken haben die entsprechen­ den Ressourcen und Erfahrung in der Bewertung und Gestionierung von Krediten“, meinte Mag. Ittner. Einen konträren Standpunkt nahm Dr. in Özlem Önaran von der WU Wien ein. Sie sprach sich für einen großen öffentlichen Finanzsektor aus, der ein stabiles Wachstum fördern solle.

Finanzkrise, deren Auswirkungen und die damit verbundenen Herausforde­ rungen für österreichische Banken dar. Weiters wurde die aktuelle Fi­ nanzkrise im Vergleich zu bisherigen Krisen analysiert. Im Anschluss fand eine hochkarätig besetzte Podiums­ diskussion statt, bei der auch auf die unsichere Lage in Osteuropa einge­ gangen wurde.

Mag. Andreas Ittner von der OeNB betonte, dass eine extreme Regulie­ rung nicht zielführend sei. Vielmehr müssten geeignete Anreizstrukturen geschaffen und aufrecht erhalten werden. „Rating­Agenturen, Banken­ Manager und Händler müssen Ver­ antwortung übernehmen. Dies ist idealerweise durch eine durchgän­ gige, notfalls persönliche, Haftung zu erreichen. Gewinne dürfen nicht über Jahre privatisiert werden, während

Haftung zu erreichen. Gewinne dürfen nicht über Jahre privatisiert werden, während 4 FH News | April

4 FH News | April 2009

Die schwierige Lage in Osteuropa führte zu einem deutlichen Gewinn­ rückgang der dort tätigen österreichi­ schen Banken. Mag. Wolfgang Wainig von der RZB merkte hierzu an, dass die österreichischen Banken in dieser Region ein originäres Geschäft be­ treiben. Das heißt, in den jeweiligen Ländern werden sowohl Einlagen ent­ gegengenommen als auch die Kredite vergeben. Dieses Geschäftsmodell basiere somit auf realwirtschaftlichen Grundlagen, was im krassen Gegen­

satz zum Geschäftsmodell der in Schwierigkeit geratenen isländischen Banken stünde. Der allgemeine Tenor der DiskussionsteilnehmerInnen war, dass das klassische Bankgeschäft, also die Hereinnahme von Einlagen und die Vergabe von Krediten, wieder im Kommen wären. Voraussetzung hierfür wären ein funktionierendes Filialnetz und der direkte Kontakt mit den KundeInnen. Mag. Peter Madritsch von zeb/rolfes.schieren­ beck stellte weiters die Finanzierung

über Pfandbriefe als noch nicht aus­ geschöpftes Potenzial zur weiteren Liquiditätsverbesserung dar.

Im Allgemeinen wurde das schnelle und koordinierte Eingreifen der euro­ päischen Staaten, das sich deutlich vom eher zögerlichen und die Märkte verunsichernden Vorgehen der USA unterschied, von den ExpertInnen positiv gesehen.

der USA unterschied, von den ExpertInnen positiv gesehen. Neuer masterstudieNgaNg arima Ich freue mich, dass ich

Neuer masterstudieNgaNg arima

Ich freue mich, dass ich als desig­ nierte Studiengangsleiterin die Gele­ genheit bekomme, mich selbst und den neuen, akkreditierten Master­ studiengang ARIMA (Quantitative Asset and Risk Management) in den FH News vorzustellen.

Nach meinem Studium der Han­ delswissenschaften an der Wirt­ schaftsuniversität Wien habe ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bibliothek der WU Wien ge­ arbeitet. Anschließend war ich Survey Managerin bei mobilkom austria und bin danach durch die Tätigkeit bei zwei Unternehmensberatungen in den Bereich „Risikomanagement für Banken“ eingestiegen. Bei Raiff­ eisen International habe ich meine Karriere als Basel II Projektmanage­ rin im Risikobereich weiterverfolgt. Seit zwei Jahren arbeite ich nun an der FH des bfi Wien als Researcherin im Forschungszweig „Risikomanage­ ment/Basel II“. Um den Anschluss an die Privatwirtschaft nicht zu ver­ lieren, bin ich auch freiberuflich bei SmartStream Technologies, einem Softwareanbieter für das behörd­ liche Meldewesen für Banken und Versicherungen, tätig.

Diese starke Praxisorientierung ist auch in ARIMA erwünscht: Ne­ ben wissenschaftlichem Basiswissen spielt die Vermittlung von anwen­ dungsorientierten Kenntnissen und Fähigkeiten eine wichtige Rolle.

von Mag. a Silvia Helmreich, Studiengangsleiterin ARIMA

Im Anschluss an ein sozial­, wirt­ schafts­, natur­ oder rechtswissen­ schaftliches oder technisches Stu­ dium einer Universität oder Fach­ hochschule kann der vier Semester umfassende und berufsbegleitend organisierte Masterstudiengang ARIMA absolviert werden. Ab dem Wintersemester 2009/10 werden ins­ gesamt 20 Studienplätze angeboten. Die Unterrichtssprache ist Englisch, da im 3. Semester ein verpflichten­ des Auslandssemester bei Partner­ universitäten in Prag oder Istanbul stattfindet. ARIMA schließt mit einer schriftlichen Diplomarbeit sowie einer mündlichen Diplomprüfung ab.

Das Ziel von ARIMA besteht darin, den StudentInnen ein umfassendes Verständnis über die Zusammen­ hänge zwischen Asset­ und Risiko­ management zu vermitteln. Inhalt­ lich beschäftigen sich die beiden Managementfunktionen mit der gleichen Materie, nur der Blickwinkel unterscheidet sich. Der/die Risiko­ managerIn schaut dem/der Asset­ ManagerIn quasi über die Schulter und soll dafür Sorge tragen, dass diese/r beim Streben nach Ertrag kein zu hohes Risiko eingeht.

Die beruflichen Tätigkeitsfelder der AbsolventInnen sind im Bereich des Bank­ und Versicherungswesens, der unternehmensbezogenen Dienst­ leistungen, der Aufsichtsbehörden (OeNB und FMA) und der öffent­

lichen Verwaltung angesiedelt. Sie werden dort Aufgaben im Risiko­ management, Asset Management, Treasury and Trading, Asset Liability Management und Risikocontrolling wahrnehmen.

Um diese Aufgaben erfüllen zu können, erhalten die AbsolventInnen eine fundierte Ausbildung im Risiko­ management (Quantifizierung von Risiken, Risikoaggregation; integrier­ te Gesamtbanksteuerung etc.) und Asset Management (Assetklassen, Portfolioselektion, Asset Liability Management etc.). Hinzu kommen methodisch­analytische Kenntnisse, vor allem in Finanzmathematik und Statistik.

Es gibt derzeit keinen vergleich­ baren Masterstudiengang mit inter­ nationaler Ausrichtung und quanti­ tativem Schwerpunkt in Österreich. Da in Zukunft sowohl die Aufgaben des Risikomanagements als auch die Bedeutung des Vermögensmanage­ ments steigen werden, werden die AbsolventInnen gute Berufschancen vorfinden. Die aktuelle Finanzkrise wird diesen Trend noch verstärken.

Nähere informationen unter:

http://www.fh-vie.ac.at

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Trend noch verstärken. Nähere informationen unter: http://www.fh-vie.ac.at FH News | April 2009 studieNgäNge 5

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