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EDITORIAL

or einigen Wochen wollten wir nach dem Abendessen noch die warme Nachtluft Barcelonas genießen, weshalb meine Begleitung und ich uns entschlossen, den etwa halbstündigen Weg zum Hotel am Strand zurückzulegen. Dass die Getränkeverkäufer, die nach Ladenschluss kaltes Bier für einen Euro je Dose feilboten, eher im juristischen Dunkelgrau agieren, ahnte ich. Dass ich aber selbst tatsächlich eine Geldbuße riskierte, weil ich auf offener Straße ein Bier trank, erfuhr ich erst Tage später. Dabei gab es eine ähnliche Verordnung vor Jahren schon mal unter dem grünen OB Dieter Salomon in meiner Heimatstadt Freiburg, bis ein Jurastudent sie 2009 vor dem baden-württembergischen Verwaltungsgerichtshof zu Fall brachte. Die örtliche Prohibition änderte weder am Lärmpegel noch an der Kriminalitätsrate in der Fußgängerzone irgendetwas. Seit einiger Zeit dürfen die Tankstellen im Ländle spätabends keinen Alkohol mehr verkaufen. Auch diese Maßnahme wirkt sich keineswegs mäßigend auf innerstädtischen Krawall aus, sehr wohl aber auf die Umsätze, die die dortige Gastronomie durch Außerhausverkäufe erwirtschaftet. Beim östlichen Nachbarn Bayern kann nun wieder jedermann jederzeit Korn, Bier, Schnaps und Wein beim „Tante-EssoLaden“ kaufen, nachdem eine Verordnung, die dies nur Autofahrern, nicht aber Fußgängern (!) erlaubte, aus offensichtlichen Gründen kassiert wurde. „Das Wesen tyrannischer Macht ist nicht das eiserne Gesetz. Es ist das unberechenbare Gesetz. Tyrannei kann kleinlich sein.“ Was der viel zu früh verstorbene Starautor Chris-

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„WIE KONNTEN AUS REVOLUZZERN VON GESTERN SPIESSER VON HEUTE WERDEN?“
DAVID HARNASCH CHEFREDAKTEUR

topher Hitchens 2004 über die Transformation New Yorks von einer anarchistischen Weltstadt zu einem überregulierten Disneyland schrieb (ab Seite 14), lässt sich nahezu eins zu eins auf die heutige Diskussion in Deutschland übertragen. Thommie Bayer geht in unserem Schwerpunkt zum Thema „Verbote“ der Frage auf den Grund, wie aus den Revoluzzern von gestern die Spießer von heute werden konnten (Seite 10). In den vergangenen Wochen ergingen in Russland zwei skandalöse Gerichtsurteile: die posthume Verurteilung des in der Haft ermordeten Rechtsanwalts Sergej Magnitski wegen Steuerbetrugs und fünf Jahre Lagerhaft für den oppositionellen Blogger und Kandidaten für das Moskauer Bürgermeisteramt Alexej Nawalny wegen angeblicher Veruntreuung. Garri Kasparow erklärt im Exklusivinterview mit liberal, wie der Westen die freiheitsliebenden Kräfte Russlands in diesen schweren Zeiten unterstützen kann (ab Seite 42). In eigener Sache haben wir hingegen gute Nachrichten zu verkünden: Erstens bieten wir ab sofort ein rabattiertes Abonnement für Studenten an. Sie können es online unter www.libmag.de/abo oder auf Seite 99 dieses Hefts bestellen. Zweitens belohnen wir künftig jeden, der einen neuen Abonnenten für liberal wirbt, mit einer attraktiven Prämie (siehe Seite 27) – das gilt übrigens auch für Werber, die ihre eigene Ausgabe lieber im Bahnhofsbuchhandel oder als App beziehen. Drittens freuen wir uns über den Gewinn des Awards „Best of Corporate Publishing“. Die Jury hat liberal mit Silber ausgezeichnet. Wir versprechen, uns nicht auf diesen Lorbeeren auszuruhen! ●

Illustration: E. Merheim nach einem Foto von A. Meissner

liberal 4.2013

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