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KULTUR RUNDFUNKRÄTE

Der graue Block
Der Rundfunk in Deutschland ist vom Ziel der Staatsferne weiter entfernt denn je. Nach Recherchen von liberal sind staatsnahe Rundfunkräte eher die Regel als die Ausnahme. Denn die unabhängigen Vertreter der sogenannten „gesellschaftlich relevanten“ Gruppen werden oft von Institutionen entsandt, die von staatlicher Finanzierung abhängig sind.
// TEXT // BORIS EICHLER // ILLUSTRATION // MARIO WAGNER

enn im kommenden Jahr der neue Rundfunkrat des Südwestrundfunks zusammentritt, dann sind Vertreter der Landesregierungen von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz nicht mehr dabei. Eigentlich eine gute Nachricht, denn der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat staatsfrei zu sein – oder zumindest staatsfern. Das zählt zu den eisernen Prinzipien des Rundfunkrechts und dennoch: Der Streit um die Zusammensetzung dieser wichtigen Kontrollorgane schwelt, seit es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt. Das Bundesverfassungsgericht durfte sich gleich in seiner ersten Rundfunkentscheidung mit dem Thema „Staatsfreiheit des Rundfunks“ abmühen. Das war im Jahre 1961 – und es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein. Jüngster Fall: Die „Causa Brender“, der ZDF-Chefredakteur, dessen Amtszeit 2010 auslief, nicht verlängert wurde und jetzt das Bundesverfassungsgericht beschäftigt. Eines jedoch fällt auf: Immer

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wenn es um die Staatsferne ging, drehte es sich in Karlsruhe um jene Mitglieder des Rundfunkrats, die direkt von Parlamenten und Regierungen entsandt wurden. Stets ging es um die sogenannte Staatsbank. Beim Gegengewicht, den Vertretern der „gesellschaftlich relevanten Gruppen“, den sogenannten „Grauen“, schaute niemand genauer hin. Das Pluralismus-Modell im Rundfunk ist bestechend einfach und jahrzehntealt: Damit die Sender nicht zum Instrument des Staates werden, ist die Zahl der Sitze für Staatsvertreter in den Rundfunkräten beschränkt. Das Gros entsenden die „gesellschaftlich relevanten Gruppen“. Allerdings weiß nach gut 50 Jahren gesetzgeberischer Praxis jeder: Die Zusammenstellung dieser Gruppen wird von den Länderparlamenten vollzogen, sie hat viel mit politischer Verbundenheit zu tun. Eine Revision gehört nach einem Machtwechsel in den Ländern traditionell zum parlamentarischen Eröffnungs-

programm. Zu wissen, zu welchen politischen Lagern etwa Arbeitgeber- und Gewerkschaftsvertreter zählen, gehört bei allen Neutralitätsbeteuerungen zum ABC der politischen Bildung. Dennoch: Die gesellschaftlich relevanten Gruppen wurden stets als Gegengewicht zur sogenannten Staatsbank gesehen, eine Sichtweise, die nur bei einer rigoros formalistischen Betrachtung der Realität standhält. Die Vertreter dieser Institutionen sind zwar als Rundfunkräte rechtlich vom Staat und den Institutionen, die sie entsenden, unabhängig. Letztere hängen jedoch oft am Geldtropf des Staates, manche sind sogar völlig abhängig von Zuschüssen. Wie frei ist ein Rundfunkrat, wenn die Institution, die ihn entsendet, zu einhundert Prozent von Staatszuschüssen abhängig ist? Wie frei kann er sein?

Ade Staatsferne
Dieser Frage sind wir nachgegangen und haben die Rundfunkräte des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), des Bayerischen Rundfunks (BR) und von Radio Bremen (RB) unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ist besorgniserregend: Zählt man die direkten und indirekten Staatsvertreter (von Kommunen oder staatlichen Einrichtungen) sowie jene Rundfunkräte zusammen, die von Institutionen entsandt werden, die von staatlicher Finanzierung abhängig sind (mehr als die Hälfte der Einnahmen), so kommt man in allen drei Gremien auf eine teils satte Mehrheit. Ade Staatsferne. Beim Rundfunk Berlin-Brandenburg sind von 29 Mitgliedern allein sieben Parla-

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