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THE SOCIAL WEB:

DISKUSSION EINES BEGRIFFS ZUR BESCHREIBUNG


DER AKTUELLEN ENTWICKLUNG DES INTERNET

Bengt Feil
Ole Keding

In den letzten Jahren lassen sich, bei einer rein empirischen Betrachtung, massive
Veränderung des Internet feststellen. Diese Veränderungen vollziehen sich in allen
Dimensionen des Netzes: der Technischen, der Wirtschaftlichen, der Soziologischen und auch
der Politischen. Symptomatisch für diese Veränderung kann die Aussage von Jason
Calacanis, dem Gründer von Weblogs Inc. und Mahalo, sowie Vordenker des Social Webs,
sein: „The Internet is no tech thing anymore!“ (Im Rahmen des TWIT Podcasts von Leo
Laporte).

Unter Berücksichtigung dieser massiven Veränderungen ist es für eine wissenschaftliche


Bearbeitung von Internet-bezogenen Themen notwendig, ein Verständnis dafür zu
bekommen, welche zentralen Trends vorherrschen und einen Begriffsrahmen zu erstellen,
der diese Veränderungen auch in ihrer Prozesshaftigkeit beschreibt. Arbeiten, die sich mit
dem sich verändernden Netz auseinandersetzen, werden in unterschiedlichsten Diziplinen,
von den Wirtschaftswissenschaften, über die Sozial- und Kommunikationswissenschaften, bis
hin zur Informatik, verfasst. Allerdings betrachten diese Arbeiten in die allermeisten Fällen
nur einen geringen Teilbereich der Veränderungen oder handeln diese sehr verkürzt ab. Für
eine fundierte Bearbeitung der Probleme und Fragestellungen in diesem Bereich ist es jedoch
notwendig auf ein gemeinsames Verständnis der Veränderungen und der Entwicklungen im
Internet hinzuarbeiten. Nur so kann eine Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Arbeiten
geschaffen werden. Die üblichen Begrifflichkeiten, die verwendet werden, um diese
Entwicklungen zu beschreiben (allen voran der Begriff "Web 2.0"), erfüllen diese
Voraussetzungen nicht.

Dieser Aufsatz hat zum Ziel den Begriff "Social Web" anzubieten, der aus Sicht der
Sozialwissenschaften, aber auch anderer Diziplinen, den oben genannten Ansprüchen
genügen kann. Hierzu sollen die treibenden Trends der Entwicklungen kurz dargestellt (1),
sowie eine Abgrenzung des Begriffes zu anderen, wie zum Beispiel "Web 2.0" oder "Live-
Web", vorgenommen werden (2). Darüber hinaus soll der entwickelte Begriff noch in einen
politiktheoretischen Kontext betrachtet werden. Hierzu bietet sich ein Blick auf die schon
nicht mehr ganz frische, in diesem Kontext aber wieder aktuelle Theorie zur
Netzwerkgesellschaft von Manuell Castells und der damit verknüpfte Diskurs an (3).

Der hier vorgestellte Arbeitsbegriff des "Social Web" wird in den Promotionsprojekten der
Autoren, die sich mit verschiedenen Fragen der politischen Kommunikation im Internet
beschäftigen, Verwendung finden. Im Falle von Bengt Feil handelt sich um das Projekt "Vom
Medium zum Thema: Aufkommen und Relevanz von auf das Internet bezogenen Themen im
Onlinewahlkampf am Beispiel des US-Präsidentschaftswahlkampfes 2008". Ole Keding
bearbeitet das Projekt "Online Social Networks in der Politik - Poltische Kommunikation und
Internet im Wahlkampf ".
1 - Merkmale des Social Web

Im folgenden Kapitel sollen die zentralen Merkmale und Trends des "Social Web" dargestellt
werden. Zu diesem Zweck werden Beispiele und Entwicklungen aus den Dimensionen Technik,
Wirtschaft, Gesellschaft und Politik angerissen. Dies soll und kann, auf Grund der Vielzahl und
Komplexität der Veränderung, nur in verkürzter, examplarischer Form geschehen, um einen
Eindruck zu vermitteln. Im Anschluss (1.5) sollen eine Reihe von übergeordneten Trends
identifiziert werden, deren Gesamtheit das "Social Web" ausmachen.

1.1 - Technik

Die fortschreitende technische Entwicklung im Hard- und Softwarebereich, sowie bei der
kabelgebundenen und kabellosen Datenübertragung erm ögli chen heute enorm
anspruchsvollere und vor allem datenintensive Applikationen im Internet. So hat sich in
Deutschland die kabelgebundene Hochgeschwindigkeits-Datenübertragung mit Hilfe von DSL
zum Standard, auch im privaten Bereich, entwickelt. Heute ist es zum Beispiel möglich Video-
und Audiostreaming in angemessener Qualität durchzuführen.

Das Angebot von kabellosen Internetzugängen (WLan und UMTS) hat sich vervielfacht. Gerade
die zunehmende mobile Nutzung des Internet über das Mobiltelefon ermöglicht vollkommen
neue Möglichkeiten und verändert die Nutzung grundlegend. Konstante Kommunikation und
Erreichbarkeit werden so möglich. Auch Technologien, wie Voice-Over-IP oder Audio/Video-
Live-Streaming, erlauben es Nutzern "Instant Communcation" zu betreiben.

Im Softwarebereich ist es vor allem die Entkopplung von Inhalt und Form, welche völlig neue
Arten und Darstellungen von Inhalten ermöglicht. So erlaubt zum Beispiel RSS (Real-Simple-
Syndi cati on) Text, Bi ld und Ton m aschi nenlesbar aufzuberei ten und som i t i n
unterschiedlichsten Umgebungen, von der normalen Webseite bis hin zu einem Mobiltelefon,
darzustellen.

Auch die Open-Source-Bewegung hat einen wichtigen Anteil an den massiven Entwicklungen
des Internets als Ganzes. Open-Source-Software kommt immer mehr im privaten,
geschäftlichen und öffentlichen Bereich zur Anwendung. So ist die Verwaltung der Stadt
München bereits komplett auf das Betriebssystem Linux umgestiegen und über ein Drittel aller
deutschen Onliner nutzen den Open-Source-Browser Firefox (Wikipedia.org: Firefox).

Onlineservices haben sich im Laufe der letzten Jahre im Hinblick auf ihre Funktionen und
Nutzbarkeit massiv weiterentwickelt. Die ursprünglich statischen Webseiten haben sich zu
Online-Applikationen weiterentwickelt, die in vielen Fällen die Aufgaben von komplexen
Desktopanwendungen übernehmen können. Ein Beispiel für einen nahezu vollwertigen Ersatz
einer Desktopanwendung ist die "Google Docs Suite", die als Ersatz für "Microsoft Office" und
ähnliche Programme konzipiert wurdet.

Im Zuge dieser Entwicklung hat sich die Kompatibilität von Netzanwendungen untereinander
durchgesetzt. So bieten Services wie "Twitter" sogenannte "Applications Programming
Interfaces" (API) an, mit deren Hilfe andere Online- und Offline-Anwendungen bestimmte
Teile der Inhalte der erstgenannten Plattform für sich nutzen können. Ein API beschreibt die
Schnittstellen einer Anwendung für andere Anwendungen. Ursprünglich stammt das Konzept
aus dem Bereich der Betriebssystem- und Offline-Anwendungsprogrammierung (vgl. Laplante,
Seite 20-21). Mit dem Wandel von Webseiten zu Onlineapplikationen wurde dieses Prinzip
übernommen.

1.2 - Wirtschaft

Die Veränderungen in der wirtschaftlichen Dimension lassen sich in zwei Komponenten


aufteilen:
Zum ei nen spi elt das I nternet als W i rtschaftsraum für klassi sche und rei ne
Internetunternehmen eine immer wichtigere Rolle. Unternehmen wie "Google", "Skype" oder
"Yahoo" stehen Großkonzernen in klassischen Sektoren weder in Größe noch im Einfluss nach.
Ein Beispiel für die Summen, die im Internet umgesetzt werden, kann die Übernahme des
Videoportals "Youtube" durch "Google" im Wert von 1.65 Milliarden Dollar sein (Zeit.de: Google
kauft Youtube).

Neben diesem immensen Anwachsen der Wirtschaftsvolumens im Internet ist es vor allem das
Verhältnis zwischen Privatpersonen und Unternehmen, dass sich in vielfacher Hinsicht
verändert hat. Ein Unternehmen kann heutzutage kaum noch ohne Kommunikation über das
Internet bestehen. Beispielweise ist es für Unternehmen deutlich schwieriger geworden,
Verfehlungen oder Produktmängel unter Verschluss zu halten.

Eine weitere wichtige Veränderung ist die Tatsache, dass viele Geschäftsmodelle von
Unternehmen heute nicht mehr auf zahlenden Kunden beruhen, sondern ihre Dienstleistungen
kostenfrei anbieten. Diese Dienstleistungen liegen meist nicht mehr in der Erzeugung von
Inhalten sondern in der Bereitstellung des Rahmens in dem sich Privatpersonen selbst
einbringen können, wie zum Beispiel bei den Sozialen Netzwerk "Facebook" oder dem
Videoportal "Youtube". In diesem Zusammenhang kommt auch das Konzept der
Aufmerksamkeitsökonomie, also der Notwendigkeit für Unternehmen und Services die
endliche Aufmerksamkeit von Nutzern einzufangen, zum tragen (vgl. Davenport/Beck 2002,
Seite 17ff).

1.3 - Gesellschaft

Interaktion und kollektive Leistungen entwickeln sich zu einem der wichtigsten Bestandteile
des Netzes. So genannte Soziale Netzwerke, wie "Myspace", "Facebook" oder "StudiVZ" bieten
extensive Möglichkeiten der sozialen Interaktion. Diese Netzwerke werden nur durch das aktive
Engagement von Privatpersonen mit Leben gefüllt. Auch das "Wikipedia"-Projekt ist die
gemeinsame Leistung einer Gruppe von Privatpersonen. Die durch das Internet zur Verfügung
stehende Masse an Information zu jedem erdenklichen Themenbereich - nicht nur auf
"Wikipedia", sondern auch in zahllosen Foren, auf privaten Seiten oder in journalistischen
Online-Medien - verändert den Stellenwert von (Fach-)Wissen.

Ein weiteres Beispiel für diese Veränderung der sozialen Dimension des Internet sind neue Art
und Weisen mit dem immensen Datenaufkommen und der damit verbundenen
Überinformation in Web umzugehen. So ermöglicht so genanntes "Social Bookmarking" die
kollektive Selektion von Inhalten und entlastet somit das Individuum.

Die Veränderung des individuellen Nutzungsverhaltens führt zu einer vermehrten Ausbildung


von Onlinepersönlichkeiten. Nutzer unterhalten oftmals verschiedene Zugänge (professionell,
privat etc.). Hierbei sind zwei Phänomene bemerkswert:

1.) Es findet ein bewusstes Management der eigenen Onlineindentität statt (Self-Branding)

2.) Die klare Trennung der einzelnen Identitäten lässt durch den hohen Grad der Vernetzung
im Internet häufig nicht aufrechterhalten, so dass "Spill-Over"-Effekte eintreten

Die technischen Möglichkeiten der unmittelbaren Kommunikation haben dazu geführt, dass
viele Internetmedien ihre Produktionen für ein Live-Publikum geöffnet haben. So ist es in
vielen Fällen möglich, direkt bei der Aufnahme von Podcasts und anderen Sendungen (z. B.
CNETs "Buzz out Loud") über einen "Chatroom" mit den Machern der Sendung zu
kommunizieren und ihnen Feedback zu geben.

Zuletzt sei noch die Reichweite der dem "Social Web" zuzuordnenden Webseiten und
Plattformen genannt: Allein "Facebook" wird von ca. 70 Mio. verschiedenen Personen pro Monat
genutzt (ca. 55 Mio. bei "Myspace") und die Microbloggingplattform Twitter wächst derzeit mit
einer Geschwindigkeit von mehr als 2.500 Prozent pro Jahr (Mashable: Fastest growing social
Sites).

Das Internet wird zunehmend zu einen gemeinsamen Erlebnis, es vergesellschaftet.

1.4 - Politik

Die letzte Dimension, die hier kurz betrachtet werden soll ist die Politische. Die Entwicklung
der oben genannten neuen Technologien und Konzepte und der Umgang mit ihnen hat direkte
Folgen. Gleichermaßen für die auf das Internet bezogene Politik, also die Verwaltung des
Internet, als auch auf die Interaktion von Politikern mit Privatpersonen, sowie auf die Art und
Weise, in der das Internet für die Umsetzung politischer Beteiligungsformen ("e-democracy")
und elektronischer Verwaltungsorganisation ("e-government") genutzt werden kann.

Beispiele hierfür sind der Streit um die technische Verwaltung des Internet (speziell die "Root-
Server"-Standorte), die auf direkte Kommunikation mit den Bürgern ausgelegten
Videopodcasts von Angela Merkel, die Organisation von Wahlhelfern mit Hilfe eines "Social
Networks", wie in der Präsidentschaftskampagne von Barack Obama (Webware: 9. Februar
2007), die Kampagne des Kandidaten John Edwards in der Web-3d-Simulation "Second
Life" (johnedwards.com: 28. Februar 2007) oder die so genannte "Whistle-Blower-
Wiki" (wikileaks.org), die es Verwaltungsbeamten, Politikern und Entscheidungsträgern aus
der Wirtschaft ermöglichen soll, anonym Verfehlungen der eigenen Organisationen öffentlich zu
machen.

Ein Beispiel aus Deutschland ist die Webseite "DiePolitiker.de". Hierbei handelt es sich um
eine Plattform, mit deren Hilfe man sich mit den Aussagen von Politikern auseinanderzusetzen
kann (diepolitiker.de; vgl trupoli.com). Über diese konkreten Beispiele hinaus lässt sich eine
massive Zunahme von politischen Webseiten und Internetprojekten in den letzten Jahren
beobachten.

1.5 Übergeordnete Trends

Anhand der oben genannten Beispiele und Entwicklungen lassen sich eine Reihe von
übergeordneten Trends identifizieren:

1. Kommunikation steht im Mittelpunkt bei den meisten "Social Web"-Nutzungsformen und -


Diensten. Technologien und Platformen dienen in erster Linie dazu, die Möglichkeiten für diese
Kom m uni kati on zu schaffen. Andersei ts i st es gerade di eses kom m uni kati ve
Nutzungsverhalten, das die technischen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen
vorantreibt.

2. Verschiedene Kommunikationsgeschwindigkeiten stehen paralell zu einander und


überschneiden sich. Asynchrone Kommunikation über Email, Blogs und derweiteren werden
ebenso genutzt, wie Unmittelbare Kommunikation über "VOIP" oder "Instant Messenger". Die
Veränderungen der technischen Möglichkeiten und des Nutzungsverhaltens begünstigen den
Trend der zunehmend direkteren Kommunikation. Ein immer größerer Teil der Netz-
Kommunikation findet entweder unimttelbar oder nahezu unmittelbar statt. Allerdings ist sind
die so entstandendenen Inhalte oftmals nicht flüchtig und können auch asynchron abgerufen
werden.

3. Die Folgen durch die Permanenz der online vorhanden Informationen. Durch die hohe
Vernetzung verschiedener Netzapplikationen und die vielfältigen Möglichkeiten, Inhalte einfach
zu publizieren, entsteht ein hohes Maß an Redundanz, sowie der Verlust von Kontrolle über die
Inhalte. Einmal veröffentlicht, sind sie somit kaum wieder aus dem Netz zu entfernen.
4. Das Internet ist dauerhaft und überall verfügbar. Die Trennung von Online und Offline ist
immer weniger eine scharfe Grenze. Durch die zunehmende Verbreitung von "Wireless"-
Technologien und mobilen Internetzugängen ist es Internetnutzern möglich geworden, immer
online zu sein. Ein entsprechendes Nutzungsverhalten hat sich ebenfalls herausgebildet.

5. Die Nutzungsformen des Social Web sind Mainstreamfähig. Ein Großteil der Internetnutzer
ist auf verschiedenste Art und Weise in das "Social Web" eingebunden. Außerdem nutzen
etablierte Organisation aus allen Sektoren das "Social Web". Es handelt sich nicht mehr um ein
Nischenphänomen.

6. Die Öffnung von Webplattformen für Dritte. Mit Hilfe von Standards wie RSS oder API-
Schnittstellen wird die Vernetzung einzelner Plattformen und Services immer einfacher und es
können eigene Ökosysteme von Seiten und Services entstehen, die aufeinander aufbauen und
voneinander profitieren.

Das Social Web umfasst also eine Vielzahl unterschiedlicher Entwicklungen und Trends, die
miteinander in Beziehung stehen. Darüber hinaus kann der Begriff keinen Zustand bescheiben,
sondern nur einen Prozess der Veränderung des Internet und seiner Nutzung in eine
bestimmte Richtung.

2 - Warum der Begriff Social Web?

Wie in Kapitel 2 diskutiert beschreibt der Begriff "Social Web" tiefgreifende Veränderungen
auf den unterschiedlichsten Ebenen des Internet und bei seiner Nutzung. Es sind eine Reihe
von verschiedenen Begriffen in der Diskussion, die den Anspruch haben, die aktuellen
Entwicklung im Netz zu beschreiben. In diesem Kapitel wird dargestellt, warum diese Begriffe
nicht passend für den Eingangs beschriebenen Zweck sind und warum der Begriff "Social Web"
besser geeignet ist.

Der wohl prominenteste Alternativterm ist der des "Web 2.0" bzw. auch "Web 3.0" (usw.). Tim
O´Reilly stellte diesen Begriff in seinem bahnbrechenden Artikel "What is Web 2.0" 2005 vor.
Dieser Begriff bezog sich ursprünglich auf Entwicklungmuster und Geschäftsmodelle für neue
Arten von Software (vor allem Webapplikationen) und entwickelte sich schnell zum
übergeordneten Begriff, um alle neuartigen Technologien und Nutzungen des Internets zu
beschreiben. Problematisch ist der Begriff aus mehreren Gründen: Erstens ist er heute stark
durch seine Verwendung als Marketingterm besetzt, zweitens impliziert die Versionierung des
Web, dass es bestimmte Entwicklungspunkte gibt, die klar voneinander abgrenzbar sind, und
drittens hebt der Begriff hauptsächlich auf die technischen Veränderungen und deren
Anwendung in neuartigen Applikationen ab.

Eine weitere Gruppe von Begriffen beschreibt jeweils einen bestimmten Aspekt der
Veränderungen. Beispiele hierfür sind "Live Web" oder "Participatory Web" (Deutsch auch
"Mitmach-Netz"). Das zentrale Problem mit diesen Begriffen ist, dass sie nur auf einen Teil der
Entwicklungen bezogen sind und den Gesamtzusammenhang nicht beschreiben.

Der Begriff "Social Web" hingegen soll all diese Aspekte umfassen und nicht nur einzelne
Dimensionen hervorheben. Die Entwicklungen sind stark miteinander verzahnt und
beeinflussen einander gegenseitig, weshalb wir alle genannten vier Dimensionen unter dem
Begriff Social Web zusammenfassen.

3 - Theoretische Einbettung

Vorher wurde schon darauf hingewiesen, dass das "Social Web" eine entscheidende Rolle bei
der fortschreitenden Etablierung des Internet in der Gesellschaft hat. Um diese Vorgänge
theoretisch greifbar zu machen, bietet sich ein Blick auf die Netzwerk-theoretischen
Überlegungen von Manuel Castells an (vgl. Castells 2005; Castells 2003; Castells 2002; Castells
2001).

Castells hat schon vor rund zehn Jahren, in seiner Triologie über die Informations- bzw.
Netzwerkgesellschaft, auf die Veränderungen hingewiesen, die Informationstechnologien in der
Gesellschaft hervorrufen werden. Damals haben die technischen Bedingungen nicht die
Nutzungsmöglichkeiten zugelassen, die heute essentielle Bestandteile des "Social Web" sind.
Drahtlose Kommunikation mit großen Datenmengen und Online-Videos gehörten damals noch
zur Zukunftsmusik. Castells wollte die Veränderungen, die neue Informationstechnologien
ermöglichen, aus der Makroperspektive untersuchen. Er möchte feststellen, ob diese
Entwicklungen einen sozialen Wandel, gar eine soziale Revolution hervorrufen. Unser Konzept
des "Social Web" soll den Fokus nicht auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, sondern die
einzelnen Vorgänge auf der Mikro- und Mesoebene beschreiben und wie diese Vorgänge
wiederum die Makroebene beeinflussen. Dieser Bereich bietet ein enorm großes
Untersuchungsfeld.

Wir erlauben uns an dieser Stelle die These, dass die Möglichkeiten, die das "Social Web" jetzt
bietet und in Zukunft noch weitereichender zur Verfügung stellen wird, nun genug Menschen
erreicht, um grundlegenden Wandel herbeiführen zu können. Vor zehn Jahren waren diese
Möglichkeiten (vor allem aus technischer Sicht) wohl noch zu beschränkt. Es ist nicht möglich,
für diesen Entwicklungsstand einen fixen Zeitpunkt festzulegen. Die Fortentwicklung ist stetig
andauernd. Laut Castells befindet sich im Informationszeitalter ohnehin alles im permanenten
Fluss. Gleiches gilt für das "Social Web". Die stetige Weiterentwicklung ist ein Hauptkriterium
und macht so Bezeichnungen wie "Web 2.0" unbrauchbar. Eigentlich müsste es zu einer
permanten Neubezeichnung kommen (2.1 etc.).

Auch Autoren, die sich unmittelbar mit Castells auseinandergesetzt haben können interessante
Aspekte liefern. So geben Kelly (vgl. Kelly 1996) und Mielke (2002) Hinweise darauf, warum
d i e Ve ränd e ru nge n e i ne ge w i sse Ze i t b e nöti ge n u nd w aru m si e ü b e rhau p t
gesamtgesellschaftlich relevant werden. Kelly hat zwölf Punkte umfassende Spielregeln
für erfolgreiche Netzwerkökonomie formuliert. Diese beinhalten verschiedene Essenzen, die
nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene relevant sind, sondern auch für den vorliegenden Diskurs.
Punkt Zwei zum Beispiel: Kelly bringt es auf die simple Formel "Mehr ergibt mehr". Umso
mehr Knoten das Netzwerk enthält, desto wertvoller wird es. Dies kann auch als Schlüssel für
den Nutzen des "Social Web" gelten. Präzise: Je mehr der Personen aus dem unmittelbaren
(Freunde, Familie) oder auch entfernten (Arbeitskollegen, Bekannte, ehemalige Mitschuüler
etc.) sozialen Umfeld im digitalen Netzwerk zu finden sind, desto wertiger ist es. Und um so
stärker steigt der Druck auf die nicht partizipierenden. Mielke: "Mit dem Voranschreiten der
ökonomischen Transformation wächst mittelbar auch der Druck auf die Individuen, sich den
neuen Spielregeln anzupassen, sich neues Wissen anzueignen und neue Verhaltensweisen
anzunehmen, um nach den Maßstäben des Feldes als erfolgreicher Akteur gelten zu können."

Aus diesen Punkten lassen sich eine Unmenge weiterer Untersuchungen und Thesen
anschließen, die an dieser Stelle jedoch vorerst nicht weiter verteift werden sollen. Es sollte
lediglich eine ungefähre Positionierung im theoretische Umfeld geliefert werden.

4 - Ergebnisse und Arbeitsdefinition des Begriffes

Dieser Aufsatz hatte zum Ziel eine Grundlage für die wissenschaftliche Diskussion über die
Entwicklungen des Internet der letzten Jahre zu liefern und einen Begriff einzuführen, der
helfen soll, eine Vergleichbarkeit zwischen den verschiedenen Publikationen in diesem Feld zu
schaffen. Dabei soll dieser Aufsatz als Diskussionbetrag in einem jungen, sich stätig
verändernden Forschungsfeld verstanden werden.
Es wurde gezeigt, dass die zu beschreibenden Entwicklungen vielfältig und die verschiedenen
Gebiete Technik, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft abdecken. Darüber hinaus konnte
deutliche gemacht werden, dass es sich bei Social Web um ein sich ständig veränderndes
Phänomen handelt und nicht um einen Zustand.

Trotz dieser Mannigfaltigkeit konnten eine Reihe von verschiedenen übergeordneten Trends
identifiziert werden, die in ihrer Gesamtheit das Social Web ausmachen:

1. Kommunikation steht im Mittelpunkt


2. Verschiedene Kommunikationsgeschwindigkeiten stehen parallel zu einander und
überschneiden sich
3. Permanenz der online vorhanden Informationen
4. Das Internet ist dauerhaft und überall verfügbar
5. Die Nutzungsformen des Social Web sind Mainstreamfähig
6. Öffnung von Webplattformen für Dritte

Aus diesen Überlegungen ergibt sich eine Arbeitsdefinition für den Begriff "Social Web",
welche natürlich stark reduzierend sein muss und der Komplexität der verschiedenen oben
beschriebenen Entwicklungen kaum gerecht werden kann:

Der Begriff "Social Web" beschreibt die andauernde Entwicklung des Internets und seiner
Nutzung in den Bereichen Technologie, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Im Mittelpunkt
d i e s e r E n t w i cklu n g s t e h t , d a s s s i ch d a s I n t e r n e t zu e i n e m a llt ä g li ch e n
Kommunikationsmedium wandelt und eine zentrale Rolle in der mediengestützten
Interaktion und Vernetzung zwischen Menschen einnimmt.

Als wichtigsten Bestandteil der hier vorgeschlagenen Definition muss die Rolle des Internet
beim Aufbau und der Pflege von sozialen Netzen gesehen werden. Hiermit begründet sich auch
die aus unserer Sicht hohe Relevanz des Phänomens "Social Web" für die Sozialwissenschaften
im allgemeinen und die Politikwissenschaft im besonderen. Folglich sollen die oben erwähnten
Promotionsprojekte der Autoren einen Betrag zur weiteren Untersuchung dieses
Forschungsfeldes leisten.

5 - Literatur
Davenport, Thomas H.; Beck, John C.: The Attention Economy: Understanding the New Currency of Business,
Harvard Business Press, 2002.

Castells, Manuel: Das Informatiosnzeitalter, Teil 1 - Der Auftsieg der Netzwerkgesellschaft, Leske & Budrich,
Opladen, 2001

Castells, Manuel: Das Informatiosnzeitalter, Teil 2 - Die Macht der Identität, Leske & Budrich, Opladen, 2002

Castells, Manuel: Das Informatiosnzeitalter, Teil 3 - Jahrtausendwende, Leske & Budrich, Opladen, 2003

Castells, Manuel: Die Internet-Galaxie, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2005

johnedwards.com: John Edwards Second Life HQ vandalized, online: http://blog.johnedwards.com/story/


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Laplante, Phillip A.: Dictionary of computer science, engineering, and technology, CRC Press, 2001.

Mielke, Thomas: Relevanz von Netzwerkansätzen zur Analyse aktueller Entwicklungstendenzen moderner
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Hamburg, 2002

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Mashable: Adam Ostrow: The fastest growing social sites, online: http://mashable.com/2009/04/20/the-fastest-
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