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GESCHICHTE

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ZUKUNFT DES RINGENS

Knirschende Rücken, schwellendes Blut

Am 8. September entscheidet sich, ob Ringen olympisch bleibt. Szenen vom Überlebenskampf einer jahrtausendealten Sportart.

VON Christof Siemes | 29. August 2013 - 08:00 Uhr

Kämpfte Milon noch, wäre es so weit wohl nicht gekommen. Sechsmal war der Kraftklotz Olympiasieger im Ringen . Wie sein Vorbild, der mythische Held Herakles, zog der Mann aus Crotone in Kalabrien mit einem Löwenfell behängt in den Kampf. Zum Training, so will es die Legende, trug Milon regelmäßig ein Kalb auf seinen Schultern; eigenhändig schleppte er seine gewaltige Siegerstatue an ihren Ehrenplatz im olympischen Hain. Und als ob es noch weiterer Beweise seiner Stärke bedurft hätte, wickelte er eine Darmsaite um seinen Kopf und sprengte sie allein durch das Anschwellen der Stirnadern. Entsprechend gewaltig war der Kalorienbedarf dieses Jahrtausendathleten: Täglich soll er 18 Pfund Fleisch und 18 Pfund Brot verschlungen haben, die er mit neun Litern Wein hinunterspülte.

Hätte das Ringen noch Stars dieses Kalibers, wäre es wohl nie auf die Abschussliste des neuzeitlichen Internationalen Olympischen Komitees (IOC) geraten. Aber Milon ist schon lange Geschichte, er starb irgendwann nach 510 vor Christus – angeblich wollte er einen gespaltenen Baumstamm auseinanderreißen, blieb jedoch stecken und wurde von Wölfen gefressen. Heute tragen Olympiasieger im Ringen unaussprechliche Namen, wiegen mitunter weniger als 55 Kilo, haben platte Nasen und Blumenkohlohren vom vielen Körperkontakt, und man weiß von ihnen kaum mehr, als dass sie andere unbekannte Kraftzwerge aus seltsamen Ländern niederringen. Nicht gerade das, was sich die Olympier von heute unter einer großen Attraktion vorstellen, von den TV-Einschaltquoten ganz zu schweigen. Also beschloss das IOC im Frühjahr 2013 kurzerhand: Von 2020 an ist Ringen nicht mehr olympisch .

Vor lauter Traditionssattheit seien die Ringer blind geworden für die Zukunft, klagten die modernen Hüter der Spiele, nichts hätten sie getan für die internationale Entwicklung ihres Sports, keine Frauen gefördert und die Regeln derart verkompliziert, dass selbst Experten sie nicht mehr begriffen. Am Ende mussten Kämpfe sogar durch ein seltsames Losverfahren entschieden werden – das geht gar nicht bei einem Weltereignis, dessen Regie im Wesentlichen vom Fernsehen bestimmt wird.

Zu Milons Zeiten war die Sache einfach: Gerungen wurde nackt im Stand, verloren hatte, wer dreimal zu Boden geworfen wurde. Es gab weder Gewichtsklassen noch eine Zeitbegrenzung.

So war es auch bei der Neuerfindung der Spiele 1896, bei denen Ringen natürlich nicht fehlen durfte. Olympiasieger wurde der Deutsche Carl Schuhmann, mit 1,63 Metern der

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kleinste Teilnehmer des Wettbewerbs. Über zwei Tage hinweg rang der Goldschmied aus Münster, im Übrigen auch dreifacher Champion im Turnen, mit dem viel größeren Griechen Georgios Tsitas; die einbrechende Dunkelheit über dem Panathinaiko-Stadion in Athen hatte den Kampf nach 40 Minuten zunächst beendet. Die Fortsetzung am Morgen darauf dauerte noch einmal eine Viertelstunde, dann hatte Schuhmann die Goldmedaille sicher.

Das Ringen retten sollen Wladimir Putin und ein Musikvideo aus Lahr

Heute sind die Kämpfe auf sechs Minuten begrenzt, und die Sportbürokratie hat das Ringen fest im Griff. Das deutsche Regelbuch umfasst 58 Seiten, von der einfachen Unterscheidung der beiden Stilarten griechisch-römisch und Freistil über die "angeordnete Bodenlage" bis hin zu den Bekleidungsvorschriften: Jeder Ringer muss "während des gesamten Wettkampfes ein Stofftaschentuch bei sich tragen, das er vor dem Kampf dem Kampfrichter zeigt".

Für so etwas lässt sich die Jugend der Welt kaum mehr begeistern. Auch der für das IOC so wichtige Reibach lässt sich mit dem Gezerre von Männern und Frauen (seit 2004 ringen sie olympisch) in den altmodischen roten oder blauen Einteilern nicht machen. Da sei doch vieles andere interessanter, befanden die Funktionäre: Klettern, Karate, Rollschuhfahren, sogar der chinesische Kampfsport Wushu wurde gegen das altehrwürdige Ringen in Stellung gebracht.

Aber wie man einer "gefährlichen Lage" begegnet, weiß jeder Ringer: in die Brücke gehen, um nicht geschultert zu werden, und dann am besten einen Griff mit "großer Amplitude" ansetzen, bei dem der Gegner selbst in die Bredouille kommt. Die Fila, der internationale Ringerverband, wählte den größtmöglichen Hebel und gab sich einen neuen Präsidenten, der im Nu klarere Regeln durchpaukte. Es folgten Unterschriftenaktionen, Kreml-Chef Wladimir Putin trat gewohnt breitschultrig als Unterstützer auf den Plan, die deutsche Band Buurequartett steuerte den Song Für immer Olympia bei sowie ein Musikvideo mit den reschen Burschen von der Ringergemeinschaft Lahr.

Sogar ein Schriftsteller von Weltruf ist der bedrohten Sportart inzwischen beigesprungen. Der Amerikaner John Irving, seit Kindertagen auf der Matte aktiv , will alles übers Schreiben beim Ringen gelernt haben: Technik, Disziplin, Fleiß. Den Beschluss des IOC findet er "niederträchtig und falsch" und rechnet vor, dass in 180 Ländern der Welt gerungen wird, aber nur spärliche 53 Nationen einen anderen olympischen Wackelkandidaten betreiben, den modernen Fünfkampf,.

Als Dichter der Ringer steht auch Irving in einer langen Tradition – schon Homer feiert im 23. Gesang der Ilias den Ringkampf zwischen Aias und Odysseus, ausgetragen anlässlich der "Leichenspiele" für Patroklos: "Beiden knirschte der Rücken, von stark umschlungenen Armen / Angestrengt und gezuckt; und es strömte der Schweiß von den Gliedern; / Aber häufige Striemen umher an den Seiten und Schultern, / Rot von schwellendem Blut,

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erhoben sich, immer voll Sehnsucht / Rangen sie beide nach Sieg, um den schöngegossenen Dreifuß." Der Amerikaner schreibt schlichter, hat aber für die prekäre Lage die richtige Technik: "Man muss auf eine Geschichte zugehen wie auf einen Gegner."

Die jahrtausendealte Geschichte des Ringens soll das größte Pfund im Überlebenskampf sein: Wir waren doch schon immer olympisch! Was macht es da schon, dass all unsere Kenntnisse über Olympias Frühzeit auf wackligen Füßen stehen? Schon das Jahr 776 vor Christus als offizielles Gründungsdatum der Spiele ist erst über 300 Jahre später von dem Sophisten Hippias von Elis rekonstruiert worden. Auch ist keineswegs sicher, dass der Ringkampf tatsächlich im Jahr 708 vor Christus olympisch wurde, wie nun allenthalben behauptet wird. Agone, sportliche Wettkämpfe zwischen den Pilgern am Zeus-Tempel von Olympia, gab es wohl schon deutlich früher; im Laufe der Zeit wurde daraus ein alle vier Jahre ausgetragenes Festspektakel zu Ehren des Göttervaters.

Das älteste nachgewiesene Stadion aber stammt erst aus dem frühen 6. Jahrhundert vor Christus. Selbst die vollständigste überlieferte Siegerliste, entstanden nur kurz bevor der römische Kaiser Theodosius die antiken Kultpraktiken 393 nach Christus verbot, nennt allenfalls ein Fünftel aller Sieger. Sicher ist in diesem antiken Zahlennebel nur, dass Ringen zunächst nach Weitsprung, einem Kurzstreckenlauf über eine Stadionlänge von 190 Metern sowie Speer- und Diskuswurf den Abschluss des Fünfkampfs am Nachmittag des ersten Wettkampftages bildete: Die beiden Besten der ersten vier Disziplinen rangen um den Sieg.

Wer sich allzu naiv auf die Tradition des Ringens beruft, kommt also in unsicheres Gelände. Dies gilt für die gesamte olympische Bewegung: Die Spiele waren keineswegs das Fest aller Völker, zu dem sie heute stilisiert werden. Teilnehmen durfte nur, wer als Grieche galt. Auch Fairness im modernen Sinne gab es im heiligen Hain Olympias nicht: Ein Motto wie "Dabei sein ist alles" wäre einem antiken Griechen fremd gewesen; eine Niederlage galt den zumeist hochgeborenen Athleten als Schande, Verlierer wurden gnadenlos verspottet. Weshalb es natürlich auch schon Betrug, Schiebung und sogar Beeinflussung der Wettbewerbe mit magischen Verwünschungen gab. In den Kampfsportarten zivilisierte kein Punktesystem die Kontrahenten; erst bei Aufgabe, Knock- out oder Tod war Schluss.

Selbst mit der viel beschworenen Waffenruhe während der Spiele, der ekecheiria, war es längst nicht so weit her, wie es die modernen Olympier gern hätten. Sie war beileibe kein bindendes Friedensabkommen, sondern lediglich Ausdruck des Wunsches, den Athleten eine sichere An- und Abreise zu ermöglichen. Vom echten Weltfrieden war man damals so weit entfernt wie heute.

Auf der Matte werden sogar die Erzfeinde USA und Iran zu Freunden

Immerhin hat der gegenwärtige Überlebenskampf der Ringer zwei Erzfeinde beinahe miteinander versöhnt: Die Furcht, von den olympischen Fleischtöpfen verdrängt zu werden – zwischen 2008 und 2012 bekam die Fila vom IOC elf Millionen Dollar –, zwingt sogar

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die großen Ringernationen USA und Iran zum Schulterschluss . Amerikanische Ringer schüttelten beim Weltcup-Turnier im Februar in Teheran dem damaligen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad die Hand, im Gegenzug wurde ein Team aus dem persischen "Reich des Bösen" zu einem Schaukampf in die New Yorker Grand Central Station eingeladen. Nicht einmal der überlegene Sieg der Iraner im "Rumble on the Rails" konnte der neuen Sportkameradschaft etwas anhaben.

Einen fassbaren Erfolg hat diese hochsymbolische Matten-Diplomatie auch schon errungen: Die Olympier gewährten eine Galgenfrist. Beim IOC-Kongress in Buenos Aires wird endgültig entschieden, wer bei den Spielen 2020 dabei sein darf. Konkurrenz macht den Ringern nur noch so neumodischer Kram wie Baseball/Softball und Squash. Milon von Kroton hätte solche Gegner zum Frühstück verspeist.

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