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Sachverhalt

Teil 1

K ist Studentin in Hamburg. Seit sie 2008 dorthin gezogen ist, wohnt sie in einer Wohnung,

die im 2. Stock des Hauses Reeperbahn 122 liegt. Die Reeperbahn ist eine auch überregional bekannte Amüsiermeile und daher beliebtes Ausgehziel. Auf der Reeperbahn besteht eine erheblich erhöhte Kriminalitätsdichte, besonders an Körperverletzungs- und Sachbeschädigungsdelikten. Daher wird seit März 2011 die Reeperbahn durch 12 Kameras polizeilich videoüberwacht, worauf Hinweisschilder aufmerksam machen. Die Kameras können um 360° geschwenkt und variabel geneigt werden. Darüber hinaus verfügen sie über eine Zoomfunktion. Die Videobilder werden durch Mitarbeiter der Polizeieinsatzzentrale täglich rund um die Uhr überwacht und darüber hinaus zur nachträglichen Auswertung aufgezeichnet. Um Privatbereiche zu schützen, die während des Schwenkens der Kamera gefilmt werden, wurde eine „Schwarzschaltung“ in die Kamerasoftware integriert, d.h. es werden keine Aufnahmen von bestimmten, vorher definierten Bereichen angefertigt. Eine der Kameras befindet sich genau gegenüber vom Haus Reeperbahn 122 auf dem Mittelstreifen der Straße. Sie ist in 4 m Höhe befestigt und erfasst in ihrem Schwenkbereich das Wohnhaus der K, den öffentlich zugänglichen, der Tür außen vorgelagerten Eingangsbereich des Hauses, der nicht mehr zum Straßenraum gehört, sowie die von ihr bewohnten Räume. Trotz der „Schwarzschaltung“ ärgert sich K über diese anlasslose Überwachung. Sie beantragt daher im Oktober 2011 bei der zuständigen Behörde, die Überwachung des öffentlichen Straßenraums dauerhaft zu unterlassen oder zumindest die „Schwarzschaltung“ auf den Eingangsbereich ihres Hauses auszuweiten. Zur Begründung verweist sie auf ihr Recht zur informationellen Selbstbestimmung und ihr Wohnungsgrundrecht. Die Behörde lehnt den Antrag ab und verweist darauf, dass sich die Maßnahme auf § 8 Abs. 3 PolDVG stützen lasse. Im Dezember 2011 entschließt sich die Polizei, die Videoüberwachung an der Reeperbahn einzustellen: Der Nutzen würde die anfallenden Kosten nicht rechtfertigen. Die Kameras seien zwar technisch weiterhin funktionsfähig, sie würden nunmehr jedoch allenfalls bei besonderen Anlässen auf der Grundlage des § 8 Abs. 1 PolDVG eingesetzt werden.

K ist nicht überzeugt „von diesen unverbindlichen Täuschungsmanövern“ der Polizei. Sie

befürchtet, dass die Überwachung auf Grundlage des § 8 Abs. 3 PolDVG jederzeit wieder aufgenommen werden könnte und ist daher entschlossen, eine Videoüberwachung der Reeperbahn nach § 8 Abs. 3 PolDVG für die Zukunft endgültig zu verhindern. Am 15. Juni 2012 erhebt sie Klage beim zuständigen Verwaltungsgericht „gegen die drohende ständige Videoüberwachung des Straßenraums und des Eingangsbereichs des Hauses Reeperbahn 122“. Zur Begründung führt sie aus, dass es bereits an einer verfassungsgemäßen Ermächtigungsgrundlage zur Videoüberwachung fehle. Einerseits verfüge das Bundesland Hamburg nicht über die erforderliche Kompetenz zum Erlass solcher Gesetze. Der Bundesgesetzgeber habe durch die §§ 100h i.V.m. 163f StPO abschließend den Bereich der offenen Videoüberwachung geregelt und somit von seiner Befugnis zur Normsetzung Gebrauch gemacht. Auch die Vorschrift des § 81b StPO, die nach der Rechtsprechung des BVerwG der vorsorgenden Bereitstellung sächlicher Hilfsmittel für die Strafaufklärung diene, stünde einer landesgesetzlichen Regelung entgegen. Darüber hinaus sei die Norm weder hinreichend bestimmt noch verhältnismäßig. Die Ermächtigung ermögliche intensive Grundrechtseingriffe, ohne die Videoüberwachung ausreichend sachlich und räumlich einzugrenzen. Insbesondere ergebe sich aus der Norm selbst noch keine sachliche

Beschränkung auf die Überwachung von öffentlichen Straßen, Wegen und Plätzen, ferner sei keine Begrenzung auf Kriminalitätsbrennpunkte im Hinblick auf Straßenkriminalität gegeben. Die zuständige Behörde hält die Klage für unzulässig und unbegründet. Sie habe die Videoüberwachung doch freiwillig abgestellt. Auch mit ihrer rechtlichen Argumentation liege die K falsch. § 8 Abs. 3 i.V.m. Abs. 1 S. 3, 4 PolDVG verfolge neben der Gefahrenabwehr das Ziel einer Vorsorge für die Verfolgung von Straftaten. Die Strafverfolgungsvorsorge sei – wie die Strafverfolgung – Bestandteil des gerichtlichen Verfahrens. Der Bund habe den Bereich der offenen Videoüberwachung diesbezüglich nicht abschließend geregelt. Darüber hinaus sei die Norm hinreichend bestimmt gefasst. Das Bestimmtheitsgebot verlange nicht, dass eine Norm nicht auslegungsbedürftig sei, sie müsse bloß hinreichend auslegungsfähig sein. Sowohl die räumliche Eingrenzung des überwachbaren Bereichs als auch das geforderte Gefahrenpotential als auch die Zwecke der Datenerhebung ließen sich – ggfs. durch Auslegung des Normtextes – ermitteln. Außerdem weist sie zutreffend darauf hin, dass es nicht zuletzt in der Gesetzesbegründung zu § 8 Abs. 3 doch an vielen Stellen heiße, dass eine Regelung für Kriminalitätsbrennpunkte geschaffen werden solle, und dass zudem (wiederum laut Gesetzesbegründung) nur öffentlich zugängliche Straßen, Wege und Plätze zu überwachen seien. Verfassungsrechtlich genüge die Norm damit den Bestimmtheitsanforderungen. Aufgabe 1: Hat die Klage der K gegen die FHH auf Unterlassung der Videoüberwachung auf der Reeperbahn Aussicht auf Erfolg? Gehen Sie ggfs. hilfsgutachterlich auf alle aufgeworfenen Rechtsfragen ein.

Teil 2

Nach Abschluss ihres Studiums findet K eine Anstellung in Hamburg Cranz, einem ihr bislang völlig unbekannten südelbischen Stadtteil. Am Montag, dem 10. Dezember 2012, fährt sie von der Reeperbahn in ihrem Pkw zum Arbeitsantritt. Auf der Fahrt ärgert sie sich darüber, dass ihr in Cranz innerorts ein Verkehrszeichen eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h vorschreibt, das sie an dieser Stelle überhaupt nicht nachvollziehen kann. K erhebt am 14. Dezember Widerspruch gegen die Anordnung der Höchstgeschwindigkeit, die im Jahr 2008 durch das zuständige Bezirksamt dort eingeführt worden ist. Ein Mitglied des Widerspruchsausschusses hält die Zulässigkeit des Widerspruchs für problematisch: Irgendwann sei „Ruhe im Karton“ und ausreichender Rechtsschutz sei doch wohl auch auf anderem Wege zu erlangen. Es beauftragt seine Referendarin R damit, ein Gutachten zur Zulässigkeit des Widerspruchs vom 14. Dezember zu erstellen. Aufgabe 2: Erstellen Sie das Gutachten der R.

Auszüge aus Gesetzestexten

Hamburgisches Gesetz über die Datenverarbeitung der Polizei (PolDVG)

§ 8 Datenerhebung im öffentlichen Raum und an besonders gefährdeten Objekten

(1) 1 Die Polizei darf bei oder im Zusammenhang mit öffentlichen Veranstaltungen oder Ansammlungen personenbezogene Daten, auch durch den Einsatz technischer Mittel zur Anfertigung von Bild- und Tonaufzeichnungen über die für eine Gefahr Verantwortlichen erheben, wenn Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass dabei Straftaten begangen werden. 2 Die Maßnahme darf auch durchgeführt werden, wenn Dritte unvermeidbar betroffen werden. 3 Bild- und Tonaufzeichnungen, in Dateien suchfähig gespeicherte personenbezogene Daten sowie zu einer Person suchfähig angelegte Akten sind spätestens einen Monat nach der Datenerhebung zu löschen oder zu vernichten. 4 Dies gilt nicht, wenn die Daten zur Verfolgung von Ordnungswidrigkeiten von erheblicher Bedeutung oder von Straftaten benötigt werden oder Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass die Person künftig Straftaten begehen wird, und die Aufbewahrung zur vorbeugenden Bekämpfung von Straftaten mit erheblicher Bedeutung erforderlich ist. […] (3) 1 Die Polizei darf öffentlich zugängliche Orte mittels Bildübertragung und -aufzeichnung offen beobachten, soweit an diesen Orten wiederholt Straftaten begangen worden sind und Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass dort auch künftig mit der Begehung von Straftaten zu rechnen ist. 2 Absatz 1 Sätze 2 bis 4 gilt entsprechend. […]

Hamburgisches Ausführungsgesetz zur Verwaltungsgerichtsordnung (HmbAGVwGO)

§ 6

(1) 1 Verwaltungsakte werden in einem Vorverfahren (Widerspruchsverfahren) nachgeprüft. […]

§ 7

(Zu § 73 Absatz 1 Satz 2 und § 185 Absatz 2 Verwaltungsgerichtsordnung) (1) Über den Widerspruch entscheidet die Stelle, die den angefochtenen Verwaltungsakt erlassen hat. (2) 1 Durch Rechtsverordnung des Senats kann bestimmt werden, dass die Entscheidung über den Widerspruch durch einen Ausschuss getroffen wird. 2 Dabei sind die Zusammensetzung und das Verfahren des Ausschusses zu regeln. 3 Die Zuständigkeit des Ausschusses kann auf bestimmte Verwaltungsakte und bestimmte Fachgebiete beschränkt werden. […]

Strafprozessordnung (StPO)

§ 81b

Soweit es für die Zwecke der Durchführung des Strafverfahrens oder für die Zwecke des Erkennungsdienstes notwendig ist, dürfen Lichtbilder und Fingerabdrücke des Beschuldigten auch gegen seinen Willen aufgenommen und Messungen und ähnliche Maßnahmen an ihm vorgenommen werden.

§ 100h (1) Auch ohne Wissen der Betroffenen dürfen außerhalb von Wohnungen 1. Bildaufnahmen hergestellt werden,

2.

sonstige

besondere

für

Observationszwecke

bestimmte

technische

Mittel

verwendet

werden,

wenn die Erforschung des Sachverhalts oder die Ermittlung des Aufenthaltsortes eines Beschuldigten auf andere Weise weniger erfolgversprechend oder erschwert wäre. Eine Maßnahme nach Satz 1 Nr. 2 ist nur zulässig, wenn Gegenstand der Untersuchung eine Straftat von erheblicher Bedeutung ist. (2) Die Maßnahmen dürfen sich nur gegen einen Beschuldigten richten. Gegen andere Personen sind

1.

Maßnahmen nach Absatz 1 Nr. 1 nur zulässig, wenn die Erforschung des Sachverhalts oder die Ermittlung des Aufenthaltsortes eines Beschuldigten auf andere Weise erheblich weniger erfolgversprechend oder wesentlich erschwert wäre,

2.

Maßnahmen nach Absatz 1 Nr. 2 nur zulässig, wenn auf Grund bestimmter Tatsachen anzunehmen ist, dass sie mit einem Beschuldigten in Verbindung stehen oder eine solche Verbindung hergestellt wird, die Maßnahme zur Erforschung des Sachverhalts oder zur Ermittlung des Aufenthaltsortes eines Beschuldigten führen wird und dies auf andere Weise aussichtslos oder wesentlich erschwert wäre.

(3)

Die

Maßnahmen

dürfen

auch durchgeführt werden, wenn Dritte unvermeidbar

mitbetroffen werden.

§ 163f

(1) Liegen zureichende tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass eine Straftat von erheblicher Bedeutung begangen worden ist, so darf eine planmäßig angelegte Beobachtung des Beschuldigten angeordnet werden, die

1. durchgehend länger als 24 Stunden dauern oder

2. an mehr als zwei Tagen stattfinden

soll (längerfristige Observation). Die Maßnahme darf nur angeordnet werden, wenn die Erforschung des Sachverhalts oder die Ermittlung des Aufenthaltsortes des Täters auf andere Weise erheblich weniger Erfolg versprechend oder wesentlich erschwert wäre. Gegen andere Personen ist die Maßnahme zulässig, wenn auf Grund bestimmter Tatsachen anzunehmen ist, dass sie mit dem Täter in Verbindung stehen oder eine solche Verbindung hergestellt wird, dass die Maßnahme zur Erforschung des Sachverhalts oder zur Ermittlung des Aufenthaltsortes des Täters führen wird und dies auf andere Weise erheblich weniger Erfolg versprechend oder wesentlich erschwert wäre.

(2) Die Maßnahme darf auch durchgeführt werden, wenn Dritte unvermeidbar betroffen werden.

§ 484 (1) Strafverfolgungsbehörden dürfen für Zwecke künftiger Strafverfahren

1. die Personendaten des Beschuldigten und, soweit erforderlich, andere zur Identifizierung geeignete Merkmale,

2. die zuständige Stelle und das Aktenzeichen,

3. die nähere Bezeichnung der Straftaten, insbesondere die Tatzeiten, die Tatorte und die Höhe etwaiger Schäden,

4. die Tatvorwürfe durch Angabe der gesetzlichen Vorschriften,

5. die Einleitung des Verfahrens sowie die Verfahrenserledigungen bei der Staatsanwaltschaft

und bei Gericht nebst Angabe der gesetzlichen Vorschriften in Dateien speichern, verändern und nutzen. (2) Weitere personenbezogene Daten von Beschuldigten und Tatbeteiligten dürfen sie in Dateien nur speichern, verändern und nutzen, soweit dies erforderlich ist, weil wegen der Art oder Ausführung der Tat, der Persönlichkeit des Beschuldigten oder Tatbeteiligten oder sonstiger Erkenntnisse Grund zu der Annahme besteht, dass weitere Strafverfahren gegen den Beschuldigten zu führen sind. Wird der Beschuldigte rechtskräftig freigesprochen, die Eröffnung des Hauptverfahrens gegen ihn unanfechtbar abgelehnt oder das Verfahren nicht nur vorläufig eingestellt, so ist die Speicherung, Veränderung und Nutzung nach Satz 1 unzulässig, wenn sich aus den Gründen der Entscheidung ergibt, dass der Betroffene die Tat nicht oder nicht rechtswidrig begangen hat.

(3) Das Bundesministerium der Justiz und die Landesregierungen bestimmen für ihren jeweiligen Geschäftsbereich durch Rechtsverordnung das Nähere über die Art der Daten, die nach Absatz 2 für Zwecke künftiger Strafverfahren gespeichert werden dürfen. Dies gilt nicht für Daten in Dateien, die nur vorübergehend vorgehalten und innerhalb von drei Monaten nach ihrer Erstellung gelöscht werden. Die Landesregierungen können die Ermächtigung durch Rechtsverordnung auf die zuständigen Landesministerien übertragen. (4) Die Verwendung personenbezogener Daten, die für Zwecke künftiger Strafverfahren in Dateien der Polizei gespeichert sind oder werden, richtet sich, ausgenommen die Verwendung für Zwecke eines Strafverfahrens, nach den Polizeigesetzen.

Bearbeiterhinweis: Gehen Sie davon aus, dass das Hamburgische VwVfG dem VwVfG des Bundes entspricht.