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MINDMAIL-pack

6-2009
Piraten mit Rückenwind
Nach der Verabschiedung des "Zugangserschwerungsgesetzes" steigen
Medienaufmerksamkeit und Mitgliederzahlen

Nimmt man nur die neueren elektronischen Medien zum Maßstab, dann müsste
eine Mehrheit für Merkel in Deutschland eigentlich genauso
unwahrscheinlich sein wie eine für Ahmadinedschad in Iran. Allerdings
ist der medienkompetente Teil der Bevölkerung möglicherweise in beiden
Ländern deutlich in der Minderheit, worauf etwa Peter Scholl-Latour
hinwies (1), der nüchtern konstatierte, dass er ebenso wenig Zweifel an
einer Wahlmanipulation wie an einer tatsächlichen Mehrheit für den
persischen Präsidenten habe.

Sah man sich die deutsche Blogosphäre in der letzten Woche an, so
lautete das bemerkenswert einhellige Urteil von Johnny Haeusler (2) bis
Felix von Leitner (3), vom Immateriablog (4) bis Carta (5), dass sich
die SPD endgültig in die Unwählbarkeit verabschiedet hat, während die
Piratenpartei fast überall als neue Hoffnung gefeiert wurde. Hauptgrund
dafür war das von Sozial- und Christdemokraten am Donnerstag
verabschiedete "Zugangserschwerungsgesetz" (6), gegen das über 130.000
Bürger eine Petition unterzeichneten.

Zur ungewöhnlich großen Empörung, die dieses Gesetz hervorrief, trug


auch die Art und Weise, wie die neu zu schaffende Zensurinfrastruktur
vermarktet wurde - nämlich mit dem Argument des Kinderschutzes, wofür
die Sperren allerdings nachgewiesenermaßen so wenig taugen, dass sich
auch Opferverbände dagegen aussprachen. Hinzu kam, dass sich bereits vor
der Abstimmung im Bundestag abzeichnete, wofür das Instrument mit
größerem Erfolg eingesetzt werden könnte - nämlich gegen
Urheberrechtsverletzungen (7), "Killerspiele" (8) und politisch
Unliebsames wie Wikileaks.
Daneben dürfte auch eine Rolle spielen, dass sowohl Justizministerin
Zypries von der SPD als auch Kulturstaatsminister Neumann von der CDU
durchblicken ließen, dass sie für die nächsten Legislaturperiode neue
Monopolrechte für Verlage (9) planen, was erhebliche rechtliche Risiken
und eine deutliche Erschwernis von Medienkritik mit sich bringen würde -
einem Bereich, in dem sich Blogs in den letzten Jahren eine wichtige
Rolle erarbeiteten.

Während des Gesetzgebungsprozesses führte das Verhalten (10) der


Opposition vor Augen, dass bei Grünen, FDP und Linkspartei die im
Wahlkampf vertretenen Positionen zum Schutz von Bürgerrechten keine
Kernanliegen sind, und (wie auch die Koalitionen auf Landesebene in den
letzten Jahren zeigten) im Zweifelsfall gegen Zugeständnisse in steuer-,
umwelt- oder sozialpolitischen Fragen aufgegeben werden. Bei der
Abstimmung am Donnerstag enthielt sich ein Drittel der
Grünen-Abgeordneten (11) der Stimme, während bei der Linkspartei viele
gar nicht erst anwesend waren. Von der FDP-Fraktion stimmte unter
anderem Guido Westerwelle nicht gegen das Gesetz, weshalb in Foren
gespöttelt wurde, ob wohl auch seine von Norbert Bisky (12) gemalten
nackten Knaben auf die Zensurliste kommen könnten.

Die Piratenpartei hatte dagegen den "Schutz der Privatsphäre, eine


transparente Verwaltung, eine Modernisierung des Urheberrechtes, freie
Kultur, freies Wissen und freie Kommunikation" zu ihren zentralen
Forderungen erhoben. Eine klare Ankündigung (13) des frisch gewählten
schwedischen Europaparlamentsabgeordneten Christian Engström, sich dem
Links-Rechts-Schema konsequent zu verweigern und ganz auf diese Felder
zu konzentrieren, stieß auch in Deutschland auf bemerkenswert viel
Sympathie, was zeigte, dass es offenbar an Bürgerrechts- und
Informationspolitik interessierte Stimmberechtigte gibt, für welche die
Grünen (14), die FDP (15) und die Linkspartei (16) aufgrund einer oder
mehrerer Positionen dieser Parteien nicht wählbar sind.

Politik durch Aufmerksamkeit

Das früher häufig vorgebrachte Argument, eine Stimme für die


Piratenpartei sei eine "verschenkte Stimme", weil sie nicht über die
Fünf-Prozent-Hürde komme, scheint in Zeiten einer relativ geringen
Unterscheidbarkeit der etablierten Parteien zunehmend gegenüber dem
Bewusstsein in den Hintergrund zu treten, dass auch Stimmenzuwächse ohne
politische Mehrheiten Themen erst in die Medien und über diese in die
anderen Parteien hinein tragen. Als Beispiel dafür wird immer wieder die
Umweltpolitik genannt, die diesen Weg in den 1980er Jahren ging.

In den Mainstreammedien wurde über die Piratenpartei (17) bereits vor


der Europawahl erstmals breitflächiger berichtet, wenn sie auch (was
viele ebenfalls als Parallele zu den Grünen sahen), häufig als
Skurrilität dargestellt wurde. Allerdings erhöht auch diese Form von
Aufmerksamkeit die Bekanntheit der Partei und ihrer Anliegen, wobei der
Weg für den "Gaga-Verein" (18) in den Bundestag trotzdem etwas
schwieriger sein dürfte als der für die ebenfalls mit ausgiebig
Bild-Berichterstattung gesegnete "Lady Gaga" (19) an die Spitze der
Musikcharts.

Anders als bei der Europawahl müssen für die Bundestagswahl in fast
jedem Bundesland (20) zweitausend Unterschriften (21) vorgelegt werden,
welche die Partei im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten auch online
(22) sammelt. In Bayern (23), Baden-Württemberg (24),
Nordrhein-Westfalen (25), Hamburg (26) und Schleswig-Holstein (27) gibt
es dafür theoretisch sogar schon einen kleinen Puffer - jedoch werden
erfahrungsgemäß etwa 10 Prozent der Unterschriften aufgrund von
Minderjährigkeit der Unterzeichnenden oder aus anderen Gründen nicht
akzeptiert, weshalb man hofft, dass auch in diesen Bundesländern noch
Unterschriften dazukommen. Den Brandenburger Piraten (28) fehlen dagegen
noch drei Viertel der notwendigen Unterstützersignaturen, für deren
Sammlung bis zum 23. Juli Zeit bleibt.

In einigen Bundesländern entstehen gerade erst die für eine


Wahlteilnahme notwendigen Strukturen: Gestern gründete sich in Rostock
unter Federführung von Jan Klemkow (29) ein Landesverband
Mecklenburg-Vorpommern (30). Am Mittwoch wird voraussichtlich ein
Saarländischer Landesverband (31) ins Leben gerufen, am Freitag ein
Bremer (32), und am Samstag wollen Piratenpartei-Mitglieder in Halle
einen Landesverband Sachsen-Anhalt (33) aus der Taufe heben. Auch in
Thüringen steckt man gerade in entsprechenden Vorbereitungen.

Ditfurth-Fischer-Zeitfenster

Zustrom erhält die Piratenpartei derzeit nicht nur von bisherigen


Nichtwählern, sondern auch aus der SPD. Nachdem deren
"Antragskommission" auf dem Sonderparteitag vom 14. Juni einen
Initiativantrag der Parteibasis zur Ablehnung des
"Zugangserschwerungsgesetzes" mit der Begründung für erledigt erklärte,
eine Diskussion über das Thema Zensur sei "medial unerwünscht" (34),
antwortete (35) der Chaos Computer Club kurz danach auf eine Einladung
der SPD mit exakt der gleichen Floskel.

Als auch ein unmittelbar vor der Abstimmung versendeter offener Brief
von Bundestagskandidaten (36) und eine Ankündigung (37) des
Online-Beirats, seine Arbeit einzustellen, weil sich die SPD "für die
digitale Generation unwählbar" mache, keine Wirkung zeigte, kam es zu
öffentlich zelebrierten Austritten aus der "Verräterpartei" mit
anschließendem Eintritt bei den Piraten. Die von Florian Bischof
angeführte Piratenpartei Berlin traf sich für eine Demonstration (38)
gegen den Aufbau der neuen Zensurinfrastruktur gleich vor dem
Willy-Brandt-Haus in der Wilhelmstraße - der SPD-Parteizentrale. "Wir
geben", so der Berliner Spitzenkandidat der Piratenpartei vorab (39),
"jedem enttäuschten SPD-Mitglied [...] die Chance, ein neues politisches
Zuhause zu finden [und] tauschen SPD-Parteibücher gegen
Mitgliedsausweise der Piratenpartei um. [...] Für die, die länger keinen
Blick mehr hinein geworfen haben, verteilen wir auch wieder
Grundgesetze."

Ein eher zweischneidiges Schwert ist allerdings der ehemalige


SPD-"Internetpolitiker" (40) Jörg Tauss (41), der sich für die Piraten
im Guten wie im Schlechten zu einer Art Gabriele Pauli entwickeln
könnte. An der Piratenbasis war man durchaus geteilter Meinung (42), ob
Tauss aufgenommen werden sollte. Zwar hätte die Piratenpartei dann schon
in dieser Legislaturperiode einen Abgeordneten im Bundestag - inwieweit
ihr das aber tatsächlich Vorteile bringen oder nur Eitelkeiten
befriedigen würde, ist fraglich. Tauss dürfte nämlich, auch wenn er vor
Gericht freigesprochen wird, der Ruf der Pädophilie anhaften, der
potentielle Wähler, Mitglieder und Medien abschreckt.

Zudem wird von einigen Piraten befürchtet, dass sich durch eine
Massenaufnahme "ortsvereinsgestählter" SPD-Mitglieder, die ihre eigene
politische Kultur mitbringen und Ämter durch "Totschwätzen" an sich
reißen, das Ditfurth-Fischer-Zeitfenster erheblich verkürzen könnte, das
von der Neugründung einer Partei bis zur weitgehenden
Ununterscheidbarkeit ihrer Positionen von denen etablierter politischer
Gruppierungen reicht.
Links

(1)
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/776010?
inPopup=true&setTime=85&bw=dsl1000
(2) http://www.spreeblick.com/
(3) http://blog.fefe.de/
(4) http://immateriblog.de/
(5) http://carta.info/
(6) http://www.zugerschwg.com/
(7)
http://www.cducsu.de/Titel__pressemitteilung_klare_kante_gegen_kinderpornog
raphie/TabID__6/SubTabID__7/InhaltTypID__1/InhaltID__13368/Inhalte.aspx
(8) http://www.heise.de/tp/blogs/8/140775
(9) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30221/1.html
(10) http://dokumente.linksfraktion.net/pdfdownloads/7707070650.pdf
(11)
http://www.abgeordnetenwatch.de/internet_sperren-636-180----
p_11_abst_ent.html#abst_verhalten
(12)
http://www.welt.de/welt_print/article1091919/Die_68er_sind_die_Zensoren_der
_geistigen_Freiheit.html
(13) http://jungle-world.com/artikel/2009/25/35304.html
(14) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29464/1.html
(15) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24844/1.html
(16) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26703/1.html
(17) http://www.getdigital.de/index/piraten
(18)
http://www.bild.de/BILD/politik/2009/06/06/fakten-zur-europawahl/darum-
haben-wir-so-einen-langen-stimmzettel.html
(19)
http://www.bild.de/kddb/cms/websearch.do?
query=lady+gaga&searchButton.x=0&searchButton.y=0
(20) http://wiki.piratenpartei.de/Datei:SupportWahlzulassung.jpg
(21) http://wiki.piratenpartei.de/Bundestagswahl_2009#Landeslisten
(22) http://ich.waehlepiraten.de/
(23) http://www.piratenpartei-bayern.de/
(24) http://www.piratenpartei-bw.de/
(25) http://wiki.piratenpartei.de/Landesverband_Nordrhein-Westfalen
(26) http://www.piratenpartei-hamburg.de/
(27) http://www.piratenpartei-sh.de/
(28) http://piratenbrandenburg.de/wordpress/
(29) http://wiki.piratenpartei.de/Benutzer:Jan_Klemkow
(30) http://piraten-mv.de/
(31) http://www.piratenpartei-saarland.de/
(32) http://piratenpartei-bremen.de
(33) http://forum.piratenpartei.de/viewforum.php?f=25
(34)
http://blog.sven24.net/2009/06/15/liebe-strausberger-neuenhagener-
altlandsberger/
(35) http://blog.fefe.de/?ts=b4c81ebe
(36)
http://ptrace.fefe.de/Offener%20Brief%20der%20Kandidatinnen%20und
%20Kandidaten-1.pdf
(37)
http://www.stadtgeplauder.de/2009/06/17/stellungnahme-spd-online-beirats-
geplanten-gesetz-internetsperren-6324182/
(38) http://loeschenstattsperren.de/
(39) http://wiki.piratenpartei.de/Pressemitteilungen_Piraten_Berlin
(40) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26640/1.html
(41)
http://www.heise.de/newsticker/Joerg-Tauss-tritt-wegen-Gesetz-zu-
Kinderporno-Sperren-aus-SPD-aus-Update--/meldung/140819
(42) http://forum.piratenpartei.de/viewtopic.php?f=1&t=5754

Peter Mühlbauer 22.06.2009


Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30571/1.html

"Alles Ziele für Bombenangriffe"


KRIEG Hans-Christian Ströbele über seine Tätigkeit im BND-Ausschuss und
über Steinmeiers Schuld

taz: Herr Ströbele, der BND-Untersuchungsausschuss hat seine Arbeit


beendet. Die meisten Informationen waren schon nach den Untersuchungen
des Parlamentarischen Kontrollgremiums bekannt. Wo war der Mehrwert?

Hans-Christian Ströbele: Es war wichtig, zu zeigen: In einer offenen,


parlamentarischen Demokratie bleibt nichts geheim. Bei BND und
Kanzleramt wird jetzt verstanden, dass man sich für das eigene Handeln
vor einem Parlamentsausschuss verantworten muss.

Über die Rolle der BND-Agenten wurde viel spekuliert. Was wurde nun
genau an die US-Amerikaner übermittelt?

Sogar Stellungen der republikanischen Garden waren dabei, das geheime


Ausweichquartier des irakischen Geheimdienstes und ein Offiziersclub.
Das sind doch keine humanitären Nichtziele. Das waren alles potenzielle
Ziele für Bomben- und Raketenangriffe.

Also hat man sich am Krieg beteiligt?


Der BND hat unzweifelhaft kriegsrelevante Informationen zur
Unterstützung von Kampfhandlungen geliefert.

Wie bewerten Sie den Fall Murat Kurnaz aus heutiger Sicht?

Es gab das Angebot der USA, Kurnaz aus Guantánamo nach Deutschland
freizulassen. Im Kanzleramt hat man sich dagegen entschieden und danach
über drei Jahre Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um die Einreise
von Kurnaz zu verhindern, obwohl von ihm keine Gefahr ausging. Herr
Steinmeier trägt die Verantwortung. Ich erwarte Konsequenzen.

Im Fall El Masri bleibt zumindest der Verdacht, dass deutsche


Informationen zur Verschleppung El Masris nach Afghanistan geführt
haben.

Als El Masri in Deutschland seine Geschichte erzählte, dachten viele, er


spinnt. Heute wissen wir: Der damalige Innenminister Schily war
zumindest ab der Freilassung vom US-Botschafter informiert. Regierung,
Politiker und Staatsanwaltschaft stocherten im Nebel. Schily wusste
Bescheid und die Spitze des Bundeskriminalamts. Niemand wurde
informiert. Ein nicht nachvollziehbares Verhalten.

Viele Akten wurden geschwärzt. Wurde das dicke Ende vertuscht?

Das vielleicht nicht. Aber zu der wichtigsten Frage, zu deren Aufklärung


der Ausschuss überhaupt eingesetzt worden war, welche Informationen die
US-Streitkräfte bei den deutschen Agenten in Bagdad während des
Irakkrieges nachgefragt haben. Wir bekamen viele Aktenseiten. Aber sie
sind fast vollständig unleserlich gemacht - von der Bundesregierung.
Deshalb wissen wir nicht, was mit der US-Seite zu den Aufgaben der
deutschen Agenten vereinbart war.

Auch Journalisten wurden bespitzelt, und man versuchte, sie als


Informanten zu missbrauchen. Hat der BND ein Eigenleben entwickelt, das
über den eigentlichen Auftrag hinausging?

Teile sind außer Kontrolle geraten. Im Fall der Journalistenbeobachtung


wurde am Anfang eine Beobachtung angeordnet. Später wurde diese
fortgesetzt, ohne dass es einen Auftrag gab. Im Fall Irak hat sich dies
wiederholt. Informationen wurden an die US-Streitkräfte gegeben, um dort
anerkannt zu sein. Herr Steinmeier hat die Verantwortung dafür zu
übernehmen. Ich erwarte eine öffentliche Stellungnahme dazu.

Muss er persönliche Konsequenzen ziehen?

Das kommt darauf an, wie er mit dem Ergebnis des Ausschusses umgeht. Im
Fall Kurnaz hat er eine Chance vertan, einem Bremer Bürger mehr als drei
Jahre unmenschliche Haft in Guantánamo zu ersparen. Er muss sagen, ob er
heute zu dieser Entscheidung steht. Politische Konsequenzen können dann
gezogen werden, wenn wir wissen, wie Herr Steinmeier reagiert.

Durch die Regierungsbeteiligung der Grünen waren auch Sie unfreiwillig


in die Aktion verstrickt. Wie fühlen Sie über Ihre eigene Rolle?

Durchaus auch selbstkritisch. Wir sollten als Parlamentarier nicht auf


dem hohen Ross sitzen, sondern uns fragen, ob wir wegen der
Bedrohungslage nach dem 11. 9. zuweilen nicht zu eingeschüchtert waren.
Vielleicht hätten wir alle, auch die Medien, sensibler und nachhaltiger
auf die US-Praxis der Missachtung von Menschenrechten und
Rechtsstaatlichkeit reagieren müssen.

Was hat man gelernt aus Erfahrungen und dem Ausschuss?

Vor allem, dass Geheimdienste kontrolliert werden müssen, und zwar


besser als bisher. Das Parlamentarische Kontrollgremium wurde von der
Bundesregierung stets nicht rechtzeitig informiert. Kontrolle konnte
nicht funktionieren. Das muss Konsequenzen haben. Einige Beteiligte
haben im Ausschuss den Eindruck hinterlassen, dass sie heute vieles
anders sehen. Selbst Herr Steinmeier will heute Häftlinge aus Guantánamo
in Deutschland aufnehmen, um ihnen aus dem US-Lager rauszuhelfen.
Vielleicht eine Reaktion auf den Ausschuss.

INTERVIEW: GORDON REPINSKI

Hans-Christian Ströbele
Artikel-URL:
http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?
ressort=sw&dig=2009%2F06%2F19%2Fa0095&cHash=0d39af927e
Der Protestsong des Sommers: Zensursula

http://www.youtube.com/watch?v=9DeHKOz5HxI
oder direkt bei Autor; www.kels.de

Vielen Dank Ursula v.d.


Leyen (ernst gemeint)!
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Liebe Ursula v.d. Leyen, liebe Bundesregierung,

der heutige Tag war zwar ziemlich frustrierend: Das Gesetz, gegen das
wir – die vielbeschworene Community – so intensiv gekämpft
haben, ist erst mal beschlossen!

Aber das ist ein guter Zeitpunkt für eine Zäsur:

Wenn ich so die letzten Wochen zurückblicke bin ich Ihnen eigentlich
sehr dankbar. Während Sie in dieser Zeit anscheinend nichts dazugelernt
haben, haben diese Wochen meine Sicht auf viele Dinge dramatisch
geändert:

Ich bin jetzt 42 Jahre alt, verheiratet und habe 2 Söhne (9 und 11
Jahre). Beruflich bin ich selbstständig und habe vor 5 Jahren eine Firma
gegründet, die mittlerweile 5 Festangestellte hat. Politisch war ich bis
jetzt nicht sonderlich aktiv, bin aber immer zur Wahl gegangen und habe
die CDU gewählt. Dies “zuzugeben” ist mir jetzt schon fast
irgendwie peinlich – das hab ich auch erst in den letzten Wochen
“gelernt”.

Dank der systematischen Beschränkungen und Kontrolle der Bürger


(speziell im Zusammenhang mit dem Internet) der aktuellen
Bundesregierung wuchs mein Interesse (genau genommen meine
Verärgerung)
an der aktuellen Politik. Den Vogel abgeschossen hat dann schließlich
der Vorstoß von Ursula v.d. Leyen, mit offensichtlich unbrauchbaren
Methoden Kindesmissbrauch (schwachsinnigerweise Kinderpornografie
genannt) bekämpfen zu wollen. Nachdem ich zunächst, wie sicherlich viele
andere auch, die Sache vernünftig fand, wurde ich durch einen
Blogbeitrag auf die Hintergründe aufmerksam – fing an zu zweifeln
und begann mich mit dem Thema zu beschäftigen. Für diesen Anstoß, den
ich offenbar gebraucht habe, um mich endlich ernsthaft mit Politik zu
beschäftigen, Danke ich ganz besonders Ihnen, Frau v.d. Leyen!

Auch manch anderes habe ich gelernt, wofür ich dankbar bin. So habe ich
seit über einem Jahr einen Twitter Account und habe mich ständig
gefragt, welchen Sinn diese neue Kommunikationsplattform hat. Jetzt aber
weiß ich, dass Twitter sich perfekt für die schnelle Kommunikation zu
aktuellen Themen eignet. Auch dafür meinen Dank.

Mein nächster Lernerfolg betraf die Rolle der Presse, sie wurde mir bei
dem Kampf gegen die Sperren deutlich vor die Augen geführt. Der
Gegensatz von schlecht, oder gar nicht recherchierten Artikeln mit
hervorragenden Journalismus ist erst Dank dem (bisher unzensierten)
Internet deutlich erkennbar geworden. Getoppt wurde das Ganze durch die
unverblümte Beeinflussung der Bevölkerung im Auftrag der Politik durch
die Bild Zeitung (Stichwort Gewinner / Verlierer). Alles zusammen hat
mir die Augen geöffnet und ich gehe nun viel kritischer mit
Presseberichten um – auch dafür vielen Dank!

Auch die bis jetzt für mich immer nur abstrakt vorhandene Lobbyarbeit
(Stichwort Deutsche Kinderhilfe oder auch Meinungsumfragen) wurde mir
während der letzten Wochen so deutlich vorgeführt, dass mir übel wurde!
Immer noch etwas grün im Gesicht auch vielen Dank für diese neue
Erfahrung.

Dank des heutigen Tages verstehe ich nun auch endlich, warum eine große
Koalition so gefährlich für die Demokratie ist. Wir haben sicherlich den
einen oder anderen Abgeordneten der CDU/CSU/SPD überzeugen können,
aber
bei den Mehrheitsverhältnissen mit einer großen Koalition bestand nie
die Chance ernsthaft etwas zu erreichen – eine echte Opposition
kann so nicht stattfinden. Und schon wieder was gelernt – Danke
auch dafür!

Aber mein persönlich wichtigster Lernerfolg zum Schluss: Sie als unsere
gewählte Regierung haben es geschafft, dass ich – wie viele andere
auch (mindestens 134.014 Petenten), sich wieder – oder vielleicht
auch zum ersten mal – aktiv mit der Politik beschäftigen. Und
damit werden wir nicht so schnell wieder aufhören! Ob das für die
Parteien der aktuellen Regierung allerdings so positiv ist, mag die
Bundestagswahl zeigen. Ich wage es zu bezweifeln Wir werden von nun an
– wie in den letzten Wochen – SACHLICH und
DEMOKRATISCH
weiterkämpfen. Ich glaube fest an die Demokratie – allerdings ist
mir auch klar geworden, dass Demokratie Schwerstarbeit ist.

Zusammenfassend möchte ich daher sagen: Ich danke der derzeitigen


Regierung und den regierenden Parteien für die zahlreichen Themen! Wir
werden Euch zeigen, was wir von Eurer Politik halten – 134.014
sind noch längst nicht alle!

Christoph Thurner

Einer vom Volk!

Artikel-URL:
http://wsdv.wordpress.com/2009/06/18/vielen-dank-ursula-v-d-leyen-ernst-
gemeint/

Freiheit ist es wert, niemals zu


resignieren
Es wird jetzt sicherlich viele geben, die nach der Einführung der
Zensur-Infrastruktur enttäuscht sind. Was kann man eigentlich noch mehr
machen als wir es in den letzten Monaten und Jahren getan haben? Wie
groß muss eine Bewegung sein, damit sie ihre Ziele durchsetzen kann? Wir
sind doch schon verdammt viele: Warum versteht uns denn keiner?

Da wurde professionelle Lobbyarbeit gemacht, Mahnwachen organisiert,


Pressemeldungen platziert, Umfragen in Auftrag gegeben, demonstriert. Da
wurden Facebook-Gruppen gegründet, zehntausende von Blogeinträgen
geschrieben, getwittert ohne Ende. Wir haben in den vergangenen
zweieinhalb Jahren die größten Grundrechtsdemonstrationen seit der
Volkszählung auf die Beine gestellt, wir haben mit FDPlern demonstriert
und mit Anarchistinnen. Wir haben die erfolgreichste elektronische
Petition aller Zeiten hinbekommen. Wir haben “das Internet”
in Deutschland politisiert. Wir haben mit Arbeitskollegen diskutiert.
Wir haben gehofft, dass Vernunft siegen wird. Wir haben uns stark
gefühlt, weil wir die Meinung in Deutschland beeinflussen können. Wir
haben partizipiert, uns demokratisch engagiert, mit desinteressierten
Bundestagsabgeordneten telefoniert. Wir haben coole Sprüche auf
Transparente gemalt und sind früh aufgestanden zum protestieren. Wir
haben uns als Pädophile beschimpfen lassen müssen, obwohl wir nur gegen
die organisierte Verfassungsfeindlichkeit der Bundesregierung das Wort
erheben.

Wir haben viele neue Leute kennengelernt, wir haben Solidarität gespürt.
Wir haben einer Ministerin einen Namen verpasst, den sie nie mehr
loswerden wird. Wir haben uns gefreut, dass wir so viele sind. Wir haben
Freiheit erklärt und unseren Eltern das Internet. Wir haben Flyer
designt und Plakate geklebt. Wir haben mit Nerds diskutiert, Reden
gehalten und böse Kommentare geschrieben. Wir haben uns konstruktiv
eingebracht, Ideen entwickelt und uns mit Unbekannten zusammengetan. Wir
haben uns verbündet und die Grundrechte geschützt. Wir haben den warmen
Sommerwind der Freiheit gespürt. Wir haben der Regierung das Fürchten
gelehrt und gezeigt, welche Kräfte das Netz entwickeln kann. Wir haben
gekämpft wie die Löwen.

Und dennoch müssen wir zusehen, wie uns die Freiheitsrechte unter dem
Arsch weggesprengt werden. Ob Vorratsdatenspeicherung oder Zensursula -
der Hunger der Feinde der Freiheit ist riesengroß. Sie werden immer
weitermachen. Wir fühlen uns machtlos und fragen uns, wo die eigentlich
hinwollen. Manche werden nun resignieren. Andere werden das Vertrauen in
den Parlamentarismus verlieren. Andere nur das Vertrauen in manche
Parteien. Es ist schon bedrückend, wenn man Teil einer so starken
Bewegung ist und trotzdem nur so wenig ausrichten kann. Das ist
deprimierend, traurig und tut weh. Wir sind ratlos. Sollen wir aufhören?

Nein, niemals.

Wir können aufbauen auf unseren Infrastrukturen. Wir können noch mehr
Leute vom Wert der Freiheit überzeugen. Wir sind vermutlich die stärkste
politische Bewegung in diesem Land. Wir sind wirklich verdammt stark.
Wir sind gut vernetzt, wir sind sympathisch. Wir speisen unsere Kraft
aus den unterschiedlichsten politischen Spektren. Aus allen Berufen. Wir
sind dezentral organisiert und haben die größten Technikfreaks in
unseren Reihen. Wir können schneller agieren und reagieren als jede
andere politische Gruppe, Initiative, Partei. Wir haben Sprachrohre, die
in die klassischen Medien hineinwirken. Wir können fette Kampagnen
fahren ohne einen Pfennig dafür auszugeben. Wir können noch mehr Leute
werden. Wir werden mehr Leute. Wir werden jeden Tag stärker. Und wir
können auch noch ganz anders, wenn wir wollen.

Irgendwann werden wir uns die Freiheit zurückholen, die uns weggenommen
wurde.

Dafür bedarf es trotz aller Rückschläge Zuversicht - und keine


Resignation.
Für die Freiheit - immer!

Von John F. Nebel am 18.06.2009 in Freiheit.


Artikel-URL: http://www.metronaut.de/?p=925

18.06.2009 20:34
Bundestag verabschiedet Gesetz für
Web-Sperren
Der Bundestag hat am heutigen Donnerstag mit den Stimmen der großen
Koalition den Gesetzentwurf[1] zu Web-Sperren im Kampf gegen die
Verbreitung von Kinderpornographie über das Internet abgesegnet (389
Ja-, 128 Nein-Stimmen, 18 Enthaltungen[2]). Die Opposition votierte
geschlossen gegen das Vorhaben. "Wir haben die Pflicht, alle
rechtsstaatlichen Mittel zur Bekämpfung von Kinderpornographie
einzusetzen", begründete Martina Krogmann, parlamentarische
Geschäftsführerin der CDU/CSU-Fraktion die Initiative. Es könne sich
hier niemand auf die Informationsfreiheit berufen.

Krogmann sagte, mit dem Gesetz solle der Zugang zu Kinderpornos vor
allem für Zufallsnutzer erschwert werden. Sie räumte ein, dass erstmals
eine Sperrinfrastruktur fürs Internet errichtet werde und darum ein
"Kulturkampf" um die Freiheit im Netz ausgebrochen sei. Der "Damm"
für
die Blockade weiterer unliebsamer Inhalte sei aber dank des
Spezialgesetzes nicht gebrochen. Es sei zudem wichtig, ein
Kontrollgremium beim Bundesbeauftragten für Datenschutz und
Informationsfreiheit einzurichten. Dies sei die richtige Stelle für die
Prüfung der Schwarzen Liste. Die Ablehnung[3] des
Datenschutzbeauftragten Peter Schaar sei "abenteuerlich".
Martin Dörmann von der SPD-Fraktion betonte, dass gegen eine
Ausdehnung
der Sperren mehrere Hürden aufgebaut worden seien. Freiheitsrechte
würden verteidigt, nicht gebrochen. Zudem würden bereits auf
vertraglicher Basis Sperrstrukturen aufgebaut. Sein Parteikollege Jörg
Tauss sprach in einer Kurzintervention davon, dass die Vereinbarungen
mit fünf großen Providern durch Nötigung zustande gekommen sei. Es sei
rechtsstaatlich unmöglich, diese nachträglich zu legalisieren.

Max Stadler von der FDP erklärte, dass die Kinderpornographie mit dem
Gesetz "um kein Jota zurückgedrängt wird". Die Form der
Verabschiedung
sei ferner nicht gegen Zweifel erhaben. Die Beratung erfolge über ein
gänzlich anderes Gesetz als ursprünglich vorgesehen. Dass hier
Verfassungsbeschwerden eingereicht würden, liege auf der Hand. Die
Diskussion um die Ausweitung der Blockaden sei absehbar "wie das Amen
in
der Kirche".

Der "Placebo"-Entwurf sei nicht verhältnismäßig und öffne das Tor zur
Internetzensur, monierte Jörn Wunderlich von den Linken. Eine
rechtsstaatliche Kontrolle der Sperrlisten finde nicht statt.
Polizeibehörden dürften nicht darüber entscheiden, was publiziert werden
dürfe. Wolfgang Wieland beklagte für die Grünen, dass "im
Schweinsgalopp" allein ein "Vorhang für Verbrechen" aufgezogen werde.
Es
sei "schierer Missbrauch", das Vorhaben unter der Flagge des
Wirtschaftsrechts durchzusetzen. Prinzipiell müsste zumindest ein
verwaltungsrechtliches Widerrufsverfahren gegen die Aufnahme auf die
Schwarze Liste eingeführt werden. Ein Richter habe die Anordnung zu
genehmigen, kein Kontrollgremium beim Bundesbeauftragten für
Informationsfreiheit.

Das Gesetz, das nach umfangreichen Änderungen[4] den Titel "Gesetz zur
Erschwerung des Zugangs zu kinderpornographischen Inhalten in
Kommunikationsnetzen" trägt, soll auf drei Jahre befristetet werden. Das
Bundeskriminalamt (BKA) soll täglich eine Sperrliste erstellen. Alle
Zugangsanbieter mit mindestens 10.000 Teilnehmern müssen sie
"unverzüglich" und zumindest auf Ebene des Domain Name Systems
(DNS)
implementieren. Ausgenommen sind Provider, die keine öffentlichen
Internetzugänge vermitteln und selbst "vergleichbar wirksame
Sperrmaßnahmen" einsetzen.
Das BKA darf außereuropäische Kinderporno-Angebote "sofort" in das
Filterverzeichnis aufnehmen, wenn ihm eine Löschbarkeit der
Serverinhalte in "angemessener Zeit" nicht plausibel erscheint.
Informationen an die betroffenen Host-Provider über die inkriminierten
Inhalte muss die Polizeibehörde nicht verschicken.

Die Warnung vor einem "Gesichtsverlust", die 13 Bundestagskandidaten


der
SPD in einem offenen Brief[5] heute noch aussprachen, stieß bei den
Abgeordneten der eigenen Partei auf taube Ohren. In dem Appell heißt es,
dass die SPD bei einer Zustimmung zu diesem Gesetz besonders junge
Menschen nachhaltig verprelle. Das Eintreten für ein "wirkungsloses"
Vorhaben schüre Zensurängste und vergrätze[6] selbst "unsere treusten
Fürsprecher in der digitalen Welt" aus dem "Online-Beirat" der SPD. Die
Stimmen von über 130.000 Unterzeichnern der Rekord-Petition[7] gegen
das
Gesetz dürften nicht ignoriert werden.

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) war bei den


abschließenden Lesungen nicht anwesend. Zuvor hatte sie gesagt, es sei
"zynisch, im Zusammenhang mit Kinderpornografie von Zensur zu
sprechen".
Als nächstes muss sich der Bundesrat mit dem Vorhaben befassen. Da es
sich nicht um ein zustimmungspflichtiges Gesetz handelt, könnten die
Länder höchstens Einspruch erheben und das Inkrafttreten am Tag nach
der
Verkündigung im Bundesgesetzblatt verhindern. Damit ist aber nicht zu
rechnen, da die Koalition vielen Forderungen[8] des Bundesrates Rechnung
getragen hat. Das Gesetz könnte so im Sommer oder Herbst bereits
Gültigkeit erlangen.

Siehe dazu auch:


Schadensbegrenzung, Warum die geplante Kinderporno-Sperre nicht
Gesetz
werden darf[9], Kommentar in c't 12/09
Verschleierungstaktik, Die Argumente für Kinderporno-Sperren laufen ins
Leere[10], Analyse in c't 9/09
Gutachten: BKA könnte mehr zum Löschen von Kinderpornos
beitragen[11]
Bundesdatenschützer will Kinderporno-Sperrliste nicht überwachen[12]
Neuer Gesetzentwurf für Web-Sperren enttäuscht Kritiker[13]
Vodafone gegen Gesetz für Web-Sperren[14]
Gesetz zu Web-Sperren in trockenen Tüchern[15]
Polizeistatistik: Verbreitung von Kinderpornographie im Internet ist
rückläufig[16]
Bundesrat hat "erhebliche Bedenken" bei Kinderporno-Sperren[17]
Anhörung zu Kinderporno-Sperren: ein "Strauß verfassungsrechtlicher
Probleme"[18]
Webseiten mit Kinderpornografie lassen sich schnell aus dem Internet
entfernen[19]
Geplante Kinderporno-Sperre könnte andere Sperrverfügungen
erleichtern[20]
Bundeskabinett beschließt Gesetzesentwurf zu Kinderporno-Sperren[21]

(Stefan Krempl) /
(anw[22]/c't)

URL dieses Artikels:


http://www.heise.de/newsticker/meldung/140746

Links in diesem Artikel:


[1]
http://www.heise.de/ct/Kinderporno-Sperren-Federfuehrender-Bundestags-
Ausschuss-stimmt-zu--/news/meldung/140599
[2]
http://www.bundestag.de/aktuell/archiv/2009/24799792_kw25_kinderporno
grafie/namabst.html
[3]
http://www.heise.de/ct/Bundesdatenschuetzer-will-Kinderporno-Sperrliste-
nicht-ueberwachen--/news/meldung/140633
[4]
http://www.heise.de/newsticker/Neuer-Gesetzentwurf-fuer-Web-Sperren-
enttaeuscht-Kritiker--/meldung/140503
[5]
http://www.moenikes.de/index.php?
nr=26342&menu=1&__moenikes=4e5a62255d627f1df1454aafa1fd1076
[6]
http://lumma.de/2009/06/17/stellungnahme-des-spd-online-beirats-zu-
netzsperren/
[7]
https://epetitionen.bundestag.de/index.php?
action=petition;sa=details;petition=3860
[8]
http://www.heise.de/ct/Bundesrat-hat-erhebliche-Bedenken-bei-
Kinderporno-Sperren--/news/meldung/140331
[9]
http://www.heise.de/ct/Warum-die-geplante-Kinderporno-Sperre-nicht-
Gesetz-werden-darf--/artikel/138426
[10]
http://www.heise.de/ct/Die-Argumente-fuer-Kinderporno-Sperren-laufen-
ins-Leere--/artikel/135867
[11]
http://www.heise.de/ct/Gutachten-BKA-koennte-mehr-zum-Loeschen-von-
Kinderpornos-beitragen--/news/meldung/140695
[12]
http://www.heise.de/ct/Bundesdatenschuetzer-will-Kinderporno-Sperrliste-
nicht-ueberwachen--/news/meldung/140633
[13]
http://www.heise.de/newsticker/Neuer-Gesetzentwurf-fuer-Web-Sperren-
enttaeuscht-Kritiker--/meldung/140503
[14]
http://www.heise.de/newsticker/Vodafone-gegen-Gesetz-fuer-Web-
Sperren--/meldung/140525
[15]
http://www.heise.de/ct/Gesetz-zu-Web-Sperren-in-trockenen-
Tuechern--/news/meldung/140461
[16]
http://www.heise.de/ct/Polizeistatistik-Verbreitung-von-
Kinderpornographie-im-Internet-ist-ruecklaeufig--/news/meldung/140408
[17]
http://www.heise.de/ct/Bundesrat-hat-erhebliche-Bedenken-bei-
Kinderporno-Sperren--/news/meldung/140331
[18]
http://www.heise.de/newsticker/Anhoerung-zu-Kinderporno-Sperren-ein-
Strauss-verfassungsrechtlicher-Probleme--/meldung/139475
[19]
http://www.heise.de/newsticker/Webseiten-mit-Kinderpornografie-lassen-
sich-schnell-aus-dem-Internet-entfernen--/meldung/139427
[20]
http://www.heise.de/newsticker/Geplante-Kinderporno-Sperre-koennte-
andere-Sperrverfuegungen-erleichtern--/meldung/137868
[21]
http://www.heise.de/newsticker/Bundeskabinett-beschliesst-
Gesetzesentwurf-zu-Kinderporno-Sperren--/meldung/136556
[22] mailto:anw@ct.heise.de
Polizei zahlt keinen Schadensersatz
Der Fall liest sich wie eine schlechte Komödie: Die Polizei
beschlagnahmt teure Uhren eines Händlers, weil sie denkt es sei
Hehlerware. Ausgerechnet per Post schicken die Beamten die Schmuckstücke
dann zum Hersteller, um sie prüfen zu lassen. Nun sind nicht nur die
Uhren weg.

Robert Hackbarth ist Uhrenhändler und mit seinem Wagen auf dem Rückweg
von einer Uhrenmesse, als er nachts von der Polizei angehalten wird. Die
Beamten sind sich sicher, es mit einem Hehler zu tun zu haben -und
beschlagnahmen kurzerhand wertvolle Uhren. Noch in derselben Nacht
leitet die Staatsanwaltschaft Frankfurt ein Ermittlungsverfahren gegen
Hackbarth ein - zumindest das wird aber schnell wieder eingestellt.

27 der beschlagnahmten Uhren allerdings hat Hackbarth bis heute nicht


wiedergesehen. Denn: Die Polizei hatte die Rolex-Uhren per Post nach
Köln geschickt, um sie beim Hersteller auf ihre Echtheit prüfen zu
lassen.

Es gibt keinen Nachweis mehr


Doch dort kamen die Pakete, die an die "Rolex Deutschland GmbH"
adressiert waren nie an. Sie wurden an diesem Tag in der Zustellbasis
gestohlen. Von den Dieben fehlt jede Spur. Der Schaden für den
Uhrenhändler beläuft sich auf 90.000 Euro.

Und damit noch nicht genug: Dummerweise hatte der Polizeibeamte, der die
Uhren verschickt hat, gleich auch die Zertifikate der Uhren mit in die
Päckchen gesteckt. Und: Die Identifikationsnummern hatte er sich vorher
nicht notiert. Es existiert also keinerlei Nachweis darüber, welche
Uhren sich in den Paketen befanden.

Keine Chance auf Schadensersatz


Genau das wurde Robert Hackbarth schließlich zum Verhängnis: Über drei
Instanzen verklagte er die Polizei auf Schadenersatz, zog sogar vor den
Bundesgerichtshof. Da ihm aber die Dokumente fehlten, die den Wert der
Uhren und ihre Echtheit bewiesen hätten, hat er keinen Anspuch auf
Schadenersatz.

Insgesamt hat der Uhrenhändler nun durch verschwundene Uhren, Anwalts-


und Gerichtskosten rund 135.000 Euro verloren. Und mit ihnen den Glauben
an die deutsche Justiz.
Artikel-URL:
http://www.stern.de/tv/sterntv/:Beweismittel-Polizei-
Schadensersatz/703668.html?nl=stern%20TV16.06.2009

Der letzte Tag


Thomas Knüwer im gestrigen Handelsblatt über das Gesetzesvorhaben zu
Internetsperren, das heute voraussichtlich vom Bundestag durchgewinkt
wird:

„Für jene, die sich nicht mit dem Thema beschäftigt haben, ist es
schwer zu glauben: Morgen wird der Bundestag mit den Stimmen von CDU und
SPD ein Gesetz verabschieden, das die Gewaltenteilung zwischen
Judikative, Exekutive und Legislative aufhebt. Jene Gewaltenteilung, die
in Art. 20 des Grundgesetzes festgeschrieben ist.

Im scheinbaren Kampf gegen Kinderpornografie werden künftig die


Ermittler der Landeskriminalämter entscheiden, was ungesetzlich ist und
was nicht – ganz ohne Richterspruch. Sie werden eine Liste von
Internetseiten erstellen, die gesperrt werden. Diese Liste wird nicht
öffentlich zugänglich sein, die Betreiber der betroffenen Seiten werden
nicht informiert. Wer diese Seiten besucht, gleichgültig ob absichtlich
oder zufällig, dessen Daten werden protokolliert - ohne sein Wissen.

Es ist ein Dammbruch für die Demokratie (…)“

Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben als politischer Mensch in
Deutschland fassungslos. Dass Politiker manchmal Gesetze beschließen,
die ich nicht gutheiße – wie Hartz IV – oder Dinge tun und
lassen, die ich nicht nachvollziehen kann – wie vor gefühlten 100
Jahren die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen auf
bundesrepublikanischem Boden, gegen die ich damals auf die Straße
gegangen bin – geschenkt. Jeder von uns lebt in seiner eigenen
Blase, hat eigene Ansprüche oder Moralvorstellungen, kein Politiker und
keine Partei kann es mir immer und zu allen Anlässen recht machen. Aber
bis jetzt hatte ich bei allem immer das Gefühl, dass es in Deutschland
eine funktionierende Oppostion gibt, eine oder mehrere Parteien, die
aufstehen, wenn etwas schiefläuft, die laut werden, wenn die Regierung
es sich zu bequem machen will. Und ich wusste immer, es gibt eine
Gewaltenteilung. Selbst wenn die Regierung Gesetze beschließt, gibt es
Institutionen, die sie wieder zu Fall bringen können, wenn sie
rechtswidrig sind.

Seit Dienstag, seit sich die Große Koalition, die ich mit meiner Stimme
für die SPD auch noch ermöglicht habe, gemeinsam auf einen
Gesetzesentwurf geeinigt hat, der die Gewaltenteilung faktisch aushebelt
und meiner Meinung nach eindeutig gegen das Grundgesetz verstößt
(Artikel 5.1: „Eine Zensur findet nicht statt.“), seit
diesem Tag bin ich fassungslos. Ich fühle mich zum ersten Mal in meinem
Heimatland nicht mehr so frei wie noch am Tag zuvor. Ich habe das
bedrückende Gefühl, dass die Regierung meines Landes, meine Regierung,
die ich gewählt habe, ihren Bürgern nicht mehr vertrauen will, mir nicht
mehr vertrauen will und glaubt, mir vorschreiben zu müssen, welche
Webseiten ich besuchen darf und welche nicht. Denn mehr ist dieses
Gesetz nicht: Es ist eine Einschränkung meiner freien Wahl, wohin ich
mich im Netz bewege. Das digitale Äquivalent dazu, mir zu verbieten,
bestimmte Bücher zu kaufen, Lieder zu singen, Gedanken zu teilen. Das
ist Zensur, das ist ein Eingriff in meine Grundrechte. Zum ersten Mal
sehe ich meinen Staat, den ich bei all seinen Macken bisher immer als
zutiefst demokratisch empfunden habe, mit sehr misstrauischen Augen an.

Ich kann es nicht fassen, dass eine Partei, die sich ein soziales
Gewissen auf die Fahnen schreibt, sich von einer anderen Partei, die
angeblich christliche Werte vertritt, so dermaßen um den Finger wickeln
lässt, dass sie ihre eigenen Prinzipien verrät. Prinzipien wie
„eine freie (…) Gesellschaft“ und die
„Selbstbestimmung aller Menschen“. Ich kann es nicht fassen,
dass anscheinend alle Bundesminister ihren Amtseid vergessen haben, in
dem es unter anderem heißt: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem
Wohle des deutschen Volkes widmen (…), das Grundgesetz und die
Gesetze des Bundes wahren und verteidigen (…) werde.“ Ich
kann es nicht fassen, dass es anscheinend genügend Abgeordnete gibt, die
das Internet als rechtsfreien Raum wahrnehmen, ohne auch nur fünf
Minuten damit zuzubringen, diese Sichtweise zu überprüfen. Ich kann es
nicht fassen, dass 130.000 Stimmen einfach ignoriert werden. Und ich
kann es nicht fassen, dass meine demokratische Regierung aller
Voraussicht nach ein Gesetz beschließen wird, das der erste mögliche
Schritt in eine Diktatur sein kann – und dass jeder, der diesen
Gedanken ausspricht, als hysterischer Angsthase oder wahlweise als
krimineller Pädophiler hingestellt wird.
Heute wird der letzte Tag sein, an dem ich an die freiheitliche
Grundordnung, mit der ich aufgewachsen bin, glauben kann. Und es gibt
weniges, was mich so sehr erschreckt wie dieser Gedanke.

June 18th, 2009

Artikel-URL: http://www.ankegroener.de/?p=4678

Ausweitung der Sperrzone


Von Torsten Kleinz
Die Blockade von Kinderpornografie im Internet könnte nur der erste
Schritt sein auf dem Weg zu umfassenden Sperren im Netz

Es ist noch kein Jahr her, dass sich die Welt über China empörte, weil
der Gastgeber der Olympischen Spiele die Computer im internationalen
Pressezentrum zensierte. Westliche Regierungen intervenierten –
China musste den Journalisten schließlich einen freien Internet-Zugang
gewähren.

Heute sieht sich China auf der Sieger-Seite. So erklärte ein Vertreter
der chinesischen Delegation beim Vorbereitungstreffen des Internet
Governance Forums in Genf den Streit um Internet-Sperren kurzerhand für
beendet: "Um die Staatssicherheit zu gewährleisten und die Bevölkerung
vor Terrorismus und anderen Verbrechen zu schützen, haben alle Staaten
das Recht, bestimmte Inhalte von Internet-Seiten zu blockieren. Und wir
glauben, dass alle Länder dies jetzt anstreben."

Grenzen im World Wide Web

Die Chinesen haben die Fakten auf ihrer Seite. Waren Internet-Sperren
früher das Markenzeichen autoritärer Regierungen wie China und Iran,
greifen heute immer mehr westliche Staaten in den Internet-Verkehr ein
und errichten Grenzen im World Wide Web. In Deutschland arbeitet der
Bundestag gerade an einem Gesetz zur Blockade von
Kinderpornografie-Seiten, aber auch viele andere Staaten greifen zum
diesem Mittel – von Neuseeland bis zu Finnland.

Als Begründung wird durchweg die lasche Gesetzgebung in anderen Ländern


angeführt: So veröffentlichte die Bundesregierung im April eine
Weltkarte, in der aufgezeigt wird, dass mehr als die Hälfte der Staaten
keine ausreichenden Gesetze gegen Kinderpornografie haben – doch
die Daten sind mehr als drei Jahre alt und damit hoffnungslos veraltet.
Denn längst haben die meisten entwickelten Länder ihre Gesetze
nachgebessert.

Türkei: "Wettlauf der Sperrverfügungen"

Zum Beispiel die Türkei: Hier wurde im Wahlkampf 2007 ein neues
Internet-Gesetz verabschiedet. Es gibt den türkischen Staatsanwälten und
Richtern das Recht, ausländische Internet-Seiten zu sperren, wenn sie
gegen bestimmte Gesetze verstoßen.

An erster Stelle steht die Kinderpornografie, aber auch wegen


Begünstigung von Drogenkonsum, Obszönitäten, Förderung der Prostitution
oder Beleidigung des Andenkens an Staatsgründer Kemal Atatürk können
Webseiten auf den Index gesetzt werden. Eine eigene Behörde wacht
darüber, dass alle Provider die Seiten sperren.

Das Ergebnis des eilig geschriebenen Gesetzes sind allerdings


verheerend: So ist es relativ einfach, neue Seiten auf den Index zu
setzen. Deniz Taskiran vom Institut für Informations-,
Telekommunikations- und Medienrecht der Universität Münster beobachtet
sogar einen "Wettlauf der Sperrverfügungen": Während den Verfechtern des
Laizismus vornehmlich die Verunglimpfung Atatürks ein Dorn im Auge ist,
lassen religiös orientierte Gruppen islamkritische Inhalte sperren.
Ergebnis des politischen Sperrkampfes: Die Video-Börse YouTube ist seit
mehr als einem Jahr gesperrt, auch ein türkisch-englisches Wörterbuch
ist auf dem Index gelandet.

Auch in Westeuropa werden mehr und mehr Internetseiten gesperrt. Zwar


scheiterte die Regierung Berlusconi im Februar mit einem Gesetz zur
Blockade von vermeintlich Mafia freundlichen Gruppen im Online-Netzwerk
Facebook – aber schon heute stehen in Italien mehr als 1000
Webseiten auf dem Index. Neben kinderpornografischen Inhalten gilt das
vor allem für Glücksspielseiten.

Online-Kasinos sollen gesperrt werden

Internet-Casinos stehen bei vielen Staaten ganz oben auf der Sperrliste
– noch vor Terror-Videos und Bombenbauanleitungen. Dabei geht es
wohl weniger um Kundenschutz oder die Unmengen von Spam-E-Mails, die auf
die Seiten locken – vielmehr gefährden die Online-Casinos das
staatliche Glücksspiel-Monopol und damit Einnahmen in Milliardenhöhe.

Auch in Deutschland steht die Sperre der Glücksspiel-Seiten bevor


– zumindest wenn es nach der hessischen Landesregierung geht. Sie
drängt die deutschen Provider dazu, ausländische Glücksspiel-Seiten für
ihre Kunden freiwillig zu sperren.

Vor einigen Monaten war die Landesregierung bei einem internen Treffen
bei den Providern noch abgeblitzt: Zu teuer und zu kompliziert seien die
Sperren, die ohnehin keinen Erfolg versprechen. "Wir fühlen uns von den
Providern getäuscht", erklärte Heinrich Sievers, Leiter des Referats
Glücksspiel im Hessischen Innenministerium im April auf dem Kölner Forum
Medienrecht – schließlich hätten dieselben Provider ja nun der
Sperre von Kinderporno-Seiten zugestimmt.

Wenn die DNS-Sperren gegen Kinderpornografie eingeführt worden sind,


will Hessen einen erneuten Anlauf unternehmen. Um weitere Sperrungen
auszusprechen müsste nicht einmal das Gesetz geändert werden. Der
Glücksspiel-Staatsvertrag sei Rechtsgrundlage genug. "Wir werden zu
jedem Verfahren greifen, das Erfolg verspricht", erklärt Sievers.

Artikel-URL: http://www.zeit.de/online/2009/21/sperren-kinderpornografie

Zu Guttenberg - ein raffinierter Hund?


“A Hund is´ er scho”. Dieser Ausruf ist in Bayern eine tiefe
Respektbezeugung. Nach dem Opel-Beschluss der Bundesregierung (von
Rettung möchte ich nicht reden) stellt sich die Frage, ob
Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ein ganz raffinierter
Hund oder doch nur ein politisches Leichtgewicht ist, das die Grenze
seiner Fähigkeiten erreicht hat. Raffiniert, weil er einerseits
öffentlichkeitswirksam mit Rücktrittsdrohung dagegen war, und so die
Fahne der reinen Marktwirtschaft hochgehalten hat, andererseits aber den
Beschluss wählerwirksam mittragen und umsetzen will. Wahre
Standhaftigkeit sieht allerdings anders aus. Zu Guttenberg hält sich
alle Optionen offen. Ein bißchen sehr clever, der “Baron aus
Bayern” (so Gerhard Schröder).
Ein politischer Verlierer wäre zu Guttenberg, wenn er hartnäckig für die
Insolvenz von Opel gefochten hätte, obwohl er von Anfang an wusste, dass
diese Position keine Chance hat. Dann wäre zu Guttenberg ein Don
Quichotte der deutschen Politik. Aber so einfach ist es nicht. Bei der
Opel-Entscheidung streiten sich zwei Seelen in der Brust - das Mitgefühl
mit den Arbeitern und die Regeln wirtschaftlicher Vernunft. Und in der
Opel-Entscheidung spiegelt sich der ganz normale Wahnsinn des
Wahlkampfes wider. In Wahljahren wird in erster Linie um Stimmen
gekämpft, nicht um Vernunft. Beides gehört selten zusammen. Im Wahljahr
geht es um Symbolhandlungen, sagen die Wahlstrategen - egal wie teuer.
So war es auch bei dem unsinnigen Beschluss, Rentenkürzungen für alle
Zukunft auszuschliessen.

Es war von Anfang an klar, dass Opel gerettet würde - zumindest bis zum
27. September. Die SPD hatte diese Position früh und felsenfest
aufgebaut, so dass die CDU/CSU nach der Logik von Wahlkämpfen gar nicht
anders konnte, als mitzuziehen. Und dabei spielen die Regeln der
Marktwirtschaft nur noch eine untergeordnete Rolle. Nach wie vor ist
völlig unklar, ob Opel am Markt wirklich eine Überlebenschance hat.
Wollen die Deutschen (und die anderen Europäer) so viele Opel-Autos
kaufen, dass das Unternehmen überlebensfähig ist? Kaufen diejenigen, die
heute jubeln, künftig aus Solidarität einen Insignia oder Astra oder
doch wieder einen Golf oder Polo, Nissan oder Audi? Die Deutschen haben
auch tiefes Mitgefühl mit den Milchbauern und kaufen ihre Billig-Milch
dennoch bei Aldi oder Lidl.

Und bricht der Opel-Absatz nicht katastrophal ein, wenn die


Abwrackprämie ausläuft? Wird Opel doch zum zweiten Fall Holzmann?
Gerhard Schröder übrigens sollte sich mit polemischen Kommentaren
besonders zurückhalten.

Und ein weitere entscheidende Frage ist: Wie oft und wie brutal
versuchen die Amerikaner, den neuen Opel-Eigentümer Magna und den
deutschen Staat bei den weiteren Verhandlungen zu erpressen und über den
Tisch zu ziehen? Die deutsche Seite hat jetzt keinerlei Drohpotential
mehr. Arbeitsplätze in Deutschland sind GM und der US-Regierung völlig
egal.

Das heißt, es ist völlig offen, wer in den dramatischen Berliner


Nachtsitzungen in der Sache wirklich gesiegt hat. Wäre es
Wirtschaftsminister zu Guttenberg, dann wäre es schön für ihn, aber
tragisch für die Opel-Arbeiter. Sie verlören ihre Arbeitsplätze und der
deutsche Staat zumindest die erste Tranche der Rettungsaktion, 1,5
Milliarden Euro Steuergelder. Wären die SPD und die unter Druck
stehenden Wahlkämpfer der CDU die Sieger, dann bliebe ein entzauberter
Karl-Theodor zu Guttenberg auf der Strecke. Das wäre schade, aber
eindeutig das kleinere Übel.

Artikel-URL: http://www.sprengsatz.de/?p=1294

Der Filteranbieters JusProg e.V.


http://jugendschutzprogramm.de/

klassifiziert die Internetseiten der Grünen


http://www.gruene.de/
und der Piratenpartei
http://www.piratenpartei.de/
als jugendgefährdend. Auch Telepolis
http://www.heise.de/
AK Vorratsdatenspeicherung
http://www.vorratsdatenspeicherung.de/
und der Blog fefe
http://blog.fefe.de/
werden von JusProg e.V. als jugendgefährdend eingestuft. Das ist
politische Zensur für Jugendliche!

Als einziges Filtersystem nimmt JusProg nun an einem


Modellversuch der
staatlichen KJM teil. Sollte der Modellversuch erfolgreich sein,
wäre
JusProg der erste Filter, der die Anerkennung der staatlichen
Jugendschützer bekommt.
http://www.kjm-online.de/public/kjm/index.php?show_1=87,56

Quelle: Jugendschutz und politische Zensur


http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30391/1.html
Sicherheit statt Freiheit
Eine Tour de force durch die Welt der
Informationsmanipulation
Der Index in seinen verschiedenen Ausprägungen war schon immer sehr eng
mit dem Zugang zu Information sowie mit deren Zerstörung und der
Kontrolle verbunden. Im Folgenden soll versucht werden, die historischen
Kontinuitäten in der Debatte um den freien Zugang zu Information und die
Informationshoheit aufzuzeigen. Dazu wird neben den klassischen
Werkzeugen der Wissenschaft auch das Stilmittel der Satire eingesetzt,
um Sachverhalte besonders deutlich herauszuarbeiten. Ich bitte den
geneigten Leser, mir dies zu verzeihen.
"Eliten" sind in der modernen Zeit diejenigen, die den Index zur
Auffindung des vorhandenen Wissens besitzen.
Umberto Eco (frei nach "Die Grenzen der Interpretation")

Schon beim Verfassen der Encyclopédie von d'Alembert und Diderot war der
Index in Gefahr, durch die französische Zensur massiv beschränkt zu
werden. Die moralischen (Kirche) und weltlichen Gewalten (Staat) sahen
die Encyclopédie als Bedrohung, denn sie behebt drei Mängel, die dem
Menschen zu eigen sind. Hans Jörg Sandkühler identifiziert diese
Charakteristika der Enzyklopädie als[1]: Aufzeigen des gleichzeitigen
Bestehens von einander widersprechenden Antworten, die eine Kultur auf
eine bestimmte Frage gibt (Unvermögen im Raum)
Urteilsfähigkeit durch Überblick über die unterschiedlichen Erkenntnis-
und Wissensweisen, die das Individuum ohne Hilfe nicht verinnerlichen
könnte (Endlichkeit des menschlichen Lebens)
Hilfsmittel des Erinnerns als Langzeitspeicher für Wissen (Unvermögen
in der Zeit)

Alle drei Punkte sind für Autoritäten ein Problem, da sie ihnen das
Informationsmonopol streitig machen. Dazu kam die Berufung auf die
Vernunft als alleinige absolute Größe, die die Position der Kirche
untergrub. So wurde die Encyclopédie auch auf Betreiben der Kirche
verboten, dann wieder erlaubt, um schließlich 1757 endgültig versagt zu
werden. Ein Vorgang, der sich bei Innovationen bis heute wiederholt
– ohne jegliches Lernen aus der Geschichte.

Diderot arbeitete als Übersetzer auch an Ephraim Chambers (ca.


1680–1740) Cyclopaedia (Universal Dictionary of the Arts and
Sciences). Er hatte die Macht der Querverweise schon erlebt und setzte
sie gemeinsam mit d'Alembert bei der Encyclopédie (1751–1772) so
ein, dass eine Kommunikation mit dem aufmerksamen Leser an der Zensur
vorbei stattfand.

Nicht zuletzt deshalb wird die ursprünglich als Übersetzung der


englischsprachigen zweibändigen Cyclopedia geplante Encyclopédie wohl
etwas aus dem Ruder gelaufen sein. Jeder, der die Freude am Setzen von
Links (z. B. in Wikipedia) erlebt hat, weiß, wie schnell man sich
entlang des "Link-Trees" bewegt. So umfasste das Werk schlussendlich 17
Bände sowie mehrere Bildbände, die alle mit Querverweisen gespickt
waren[2]:
Vom Begriff "Menschenfresser" gab es einen Querverweis zu "Eucharistie",
"Theologie" verwandelte sich in auf Vernunft beruhende
"Religionswissenschaft". Es ist diese Sphäre aus Links, die den
besonderen Charakter der Encyclopédie ausmacht. Heute würden wir
vielleicht von Blogosphäre und Hyperlink sprechen.

Sowohl die Enzyklopädie als auch das Internet bieten der Allgemeinheit
Zugang zu Information. Der Index (lat. Anzeiger, Übersicht,
Inhaltsverzeichnis) bzw. der Link fungiert dabei als Bindeglied. Index
ist ein wunderbarer Begriff[3], denn er umfasst das klassische
Inhaltsverzeichnis, die Indexstruktur als System der Ordnung, technische
Aspekte (z. B. im Sinne von Datenbankindizes und im Sinne der
Mathematik) sowie sogar Semiotik (Lesezeichen). Weiters taucht er auch
im Umfeld der Zugangsbeschränkungen (Index Librorum Prohibitorum,
verbotene Bücher/Websites) auf. So zeigt die Begriffsklärung gleich
einen Teil der Problematik auf.

Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass der Index in vielen


Ausprägungen im Zentrum der Debatte um die Informationshoheit steht und
in besonderer Weise auch in der Gegenwart attackiert wird.

Wenn man gleich beim Index ansetzt, muss nicht mühsam jedes einzelne
Informationsteilchen verändert werden. Dabei muss der Begriff gerade im
virtuellen Raum weiter gefasst werden, da Suchmaschinen genauso einen
Index bieten wie Linklisten, Torrent-Sammlungen, Foreneinträge oder
Blogs. Mit einem Eingriff kann man auf ganz neue Informationen verweisen
und "eine andere Geschichte" erzählen.
Rewrite Your History

Die Haftung für gesetzte Hyperlinks, die in Deutschland im Moment im


Verfahren Heise gegen die Musikindustrie vom BGH entschieden werden
muss, spiegelt den Widerstreit zwischen kommerziellen Überlegungen auf
der einen Seite und Pressefreiheit und dem Interesse der Allgemeinheit
auf der anderen Seite wider[4].

Auch in Österreich äußerte sich der OGH grundsätzlich positiv zur Frage
der Linkhaftung (OGH 19. 12. 2000, 4 Ob 225/00t & 4 Ob 274/00y). Dies
ermöglicht einen generellen Eingriff in den Index.

Das Verfahren gegen The Pirate Bay, die nur einen Index in Form von
BitTorrent-Trackern und keine Inhalte (z.B. Filme) anbieten, zeigt, wie
der Index reflexartig attackiert wird, obwohl man ihn heute auf Grund
der dezentralen Organisation und der zahlreichen Alternativen (GIYF) nur
sehr schwer zentral kontrollieren kann.

Als drittes Beispiel sei hier Wikileaks genannt, das durch starke
Verschlüsselung und das Spiegeln auf Servern rund um den Globus eine
Plattform für das Veröffentlichen von Dokumenten bietet, auch wenn dies
Organisationen, Staaten oder Einzelpersonen verhindern wollen. Hier
fehlt der Index fast völlig und man verlässt sich auf Tags und
Volltextsuche. Nicht nur in Enzyklopädien kann durch geschickte
Manipulation des Inhalts oder des Index Information "gelöscht" werden.
Auch hier wurde von Seiten der deutschen Exekutive reflexartig der
Versuch unternommen, mit Methoden aus dem 19. Jahrhundert
("Beschlagnahme") gegen den virtuellen Raum vorzugehen.

Im Moment sieht es noch so aus, als könnte sich die dezentrale Struktur
des Internet nationalen Bemühungen der Kontrolle erfolgreich entziehen.
Gute Dienste leisten bei der Kontrolle von Manipulationen des Index
Instrumente der zentralen und persönlichen Web-Archivierung wie WebCite,
Google Cache, Zotero, Citavi oder das Internet Archive.

Allerdings muss bemerkt werden, dass die erfolgreiche Verteidigung des


Index vielleicht zu einem größeren Ausmaß auf das absolute Unverständnis
der Behörden als auf eine aktive und organisierte politische
Einflussnahme der Bürger zurückzuführen ist. Zu sehr erinnern die
Bemühungen der ARGE Daten, des CCC oder des EFF noch an einen Kampf
gegen Windmühlen.
Doch gerade in einer funktionierenden Demokratie, in der heute noch die
Werte der französischen Revolution und die Ideale des Jahres 1848 in der
Schule den nächsten Bürgern nahegebracht werden, sollte auch Platz für
einen vom Staat nicht zu kontrollierenden Privatraum sein.

Exkurs: Democracy at Work


Unter den drei Staatsformen (Republikanismus, Despotismus, Demokratie)
ist die der Demokratie, im eigentlichen Verstande des Wortes, notwendig
ein Despotismus, weil sie eine exekutive Gewalt gründet, da alle über
und allenfalls auch wider Einen (der also nicht mit einstimmt) mithin
alle, die doch nicht alle sind, beschließen; welches ein Widerspruch des
allgemeinen Willens mit sich selbst und mit der Freiheit ist.
Immanuel Kant[5]

Erschreckend ist bei den oben behandelten Vorgängen die künstliche


Trennung zwischen realen und elektronischen Vorgängen, die die über
Jahrhunderte erkämpften Freiheitsrechte (freie Meinungsäußerung,
Freiheit der Wissenschaft oder solche "Banalitäten" wie das
Briefgeheimnis für E-Mails) de facto einfach ignorieren. Sogar das alte
K. K. Post- und Telegraphengesetz (das so breit gefasst war, dass neue
Kommunikationstechnologien Platz gefunden hätten) würde bei konsequenter
Anwendung besseren Schutz bieten als die aktuellen Gesetze, die in einem
Klima der Angst und Ratlosigkeit durch eine kopflose Wirtschaft und vor
dem Hintergrund des "War on Terror" verabschiedet wurden ("The War on
Terror is a semantic, strategic and legal perversion... Terrorism is not
an enemy, but a method of combat."[6]). Diese Anlassgesetzgebung
beschneidet an allen Ecken und Enden Grundrechte und ist dabei völlig
untauglich.

Interessant dabei ist die zweifelhafte "Aufwertung" des Individuums vom


Konsumenten zum Konkurrenten bzw. vom Citoyen zum Terroristen, wie es
die Klagewellen der Musik- und Filmindustrie und die Regelungen zur
Überwachung und Zensur in beispielloser Weise aufzeigen. Instrumente,
die die geschäftlichen Beziehungen im Wirtschaftsleben regeln sollen,
werden dazu pervertiert, um Privatpersonen einzuschüchtern. Werkzeuge,
die gegen Armeen und Geheimdienste gedacht sind, werden gegen
Einzelpersonen eingesetzt.
Der Schutz der Privatsphäre ist zu einem Schutzschild für Verbrecher
geworden, das Deutschland zu einem Biotop für Terroristen und
organisierte Kriminelle macht.
Jürgen Gehb[7]

Es ist sicherlich schwierig, Grund- und Bürgerrechte gegen


wirtschaftliche und sicherheitspolitische Interessen abzuwägen. Trotzdem
sollte es in einer funktionierenden Demokratie möglich sein.

Einen Vorgeschmack einer solchen "Abwägung" konnte man bei den


erfolgreichen Argumentationen der Rechteverwerter zur Verlängerung des
Urheberrechtsschutzes in der EU bekommen: So wiegen die
Verwertungsrechte für Werke von "tausenden" Urhebern (die selber an
ihrem Werk meist keine Rechte mehr besitzen) schwerer als der
öffentliche Zugang zu Wissen und Kultur für etwa 500 Millionen Europäer.
Kritische Stimmen aus der Fachwelt, wie beispielsweise jene des
Max-Planck-Instituts, werden dabei ignoriert.[8] Hier zeigt sich auch,
dass der Schutz des Index nur Hand in Hand mit dem Schutz der
Grundfreiheiten geht.

Auch im Kampf gegen illegale Downloader hat die Musikindustrie


wesentlich dazu beigetragen, Grundrechte zu Gunsten wirtschaftlicher
Interessen zu unterminieren. Bei einem genaueren Blick hinter die
Kulissen werden dabei wohl die eigenen Kunden, Kinder und Freunde
kriminalisiert – eine Meisterleistung!
Tragikomisches Kabarett: Ich sauge MP3s mit einem PC der Firma X, brenne
sie in einem Laufwerk der Firma X auf einen Datenträger oder speichere
sie auf einen USB-Stick der Firma X, höre sie auf Playern oder Handys
der Firma X, vielleicht mit Kopfhörern der Firma X oder auch im
Autoradio oder DVD-Player der Firma X – und werde dann von Firma X
dafür verklagt.

Im Gerichtssaal sitzt dann vielleicht ein 60-jähriger Richter, der eine


riesige Jazz-Sammlung mit Live-Mitschnitten auf kopierten Kassetten zu
Hause hat, ein technisch unbegabter Staatsanwalt, dessen Kinder ohne
sein Wissen Filme saugen, ein Zuhörer, der eine riesige MP3-Sammlung
besitzt oder ein Vertreter der Kreativwirtschaft, der sich nur
Raubkopien leisten kann. (...)
Anonymer Chatter im Netz, Satire zur Problematik illegaler Downloads

Die langfristige Folge des Verlustes des Äquivalents von Grundrechten im


digitalen Raum ist die Regression des mündigen Bürgers zum leicht
manipulierbaren Konsumenten.

Consumer Culture Is an Oxymoron


The 20th century has been characterized by four developments of great
importance: the growth of political democracy, the growth of online
democracy, the growth of corporate power, and the growth of corporate
propaganda as a means of protecting corporate power against democracy.
Alex Carey[9]

Im virtuellen Abbild unserer Realität wird der mündige Bürger mehr und
mehr durch einen Konsumenten ersetzt. Dabei hat der Bürger mit seinem
Steuergeld gemeinsam mit den Bildungseinrichtungen einen
anarchistisch-basisdemokratischen Raum geschaffen.

Industrie und Wirtschaft haben an den Initialinvestitionen in Form von


Software, Hardware und Infrastruktur fast keinen Anteil gehabt. Erst mit
der Massentauglichkeit des Internets durch graphische Oberflächen ist
das Netz als Markt interessant geworden.

Die Wunderkammer mit ihren Informationsquellen soll nun auf Betreiben


der Wirtschaft zu einem Online-Versandkatalog umfunktioniert und der
Bürger muss zum Konsumenten umerzogen werden. Dazu müssen die
bestehenden Wahrnehmungen verändert und die ausgewogene rechtliche
Balance zwischen Individuum, Juristischen Personen und Staat muss zu
Gunsten der Wirtschaft beeinflusst werden. All dies lässt sich am
effizientesten durch einen Eingriff am Index und nicht direkt bei den
einzelnen Informationen bewältigen.

Dazu haben sich in unserer modernen Welt subtile neue Methoden


entwickelt, um den Index zu manipulieren. Sie gehen vorbei an den
Kontrollinstanzen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in den meisten
Demokratien installiert wurden und beruhen darauf, Gleichheiten zwischen
der realen und der virtuellen Welt zu leugnen. So haben wir z. B. zwar
ein Briefgeheimnis, allerdings wird dieses bei elektronischer Post
vollständig ignoriert.

Der Hintergrund dieses verschobenen Gleichgewichts liegt im Aufbau


unserer Demokratie und den dort installierten Kontrollinstanzen, die mit
der Gleichwertigkeit der einzelnen User im Internet schwer vereinbar
ist. Daher gibt es keine ausreichend verwurzelte
Interessensgemeinschaft, die die Interessen der User gegenüber jenen der
Sicherheitskräfte vertritt.

Die Folge sind politische Entscheidungen, die fast ausschließlich den


Forderungen der Sicherheitskräfte folgen und direkt in die Hände der
Wirtschaft spielen, die mit einer virtuellen Wirtschaft konkurrieren
muss, die hauptsächlich auf Tauschhandel beruht und zu der sie nur
schwer Zugang finden. Daher werden die neuen "Möglichkeiten" auch
verstärkt genutzt, um Konkurrenten (nicht nur "illegale" Angebote) durch
Klagen und unter Ausnutzung schlecht formulierter Gesetze gegen
Großkriminalität zu ruinieren. Dabei kann es vorkommen, dass der
"Konkurrent" 14 Jahre alt ist und seine komplette Zukunft zerstört wird
- ein sogenannter "Kollateralschaden".

Ein Blick nach Deutschland zeigt uns die verheerenden Auswirkungen


dieser Entwicklung. Allerdings sollten sich in einer funktionierenden
Demokratie auch die Gegner formieren können um das Gleichgewicht wieder
herzustellen. Dabei nutzen sie das Internet, um mit der kommerziellen
Werbemaschinerie von Staat und Wirtschaft zu konkurrieren. Ein
interessantes Beispiel für eine kritische Gegenwerbung ist ein Videoclip
(1) gegen die neuen Anti-Terror-Gesetze:
"You are a terrorist is a satire of two official German
social-marketing-campaigns. Whereas "Du bist Deutschland (You are
Germany) was promoting the national consciousness and a child-friendly
Germany, "You are a terrorist is the answer to todays politics in
Germany.
All Citizens are under general suspicion. Germany becomes a preventive
surveillance society. By visualizing already passed and future laws, it
shows how Germany of the present and the very near future does look
like.

Screenshot "Du bist Terrorist"

Dabei ist es interessant, dass immer wieder Moral, Sexualität,


Jugendschutz und Großkriminalität, seit neuestem auch Terroristen als
abstrakte Gefahren ohne konkrete Gefährdung für die Bevölkerung als
Argumente für Beschränkung der in einer Demokratie zu gewährenden
Grundrechte herangezogen werden. Dabei sind gerade der Schutz der
Sexualität und Lebensweise Paradebeispiele für die Privatsphäre jedes
Bürgers einer Demokratie.

Sex Up Your Life – Porn Is Freedom


You take a picture of a murder, which is illegal, and you can win
Picture of the Year for TIME Magazine. You take a picture of two people
having sex, which is not illegal, and you can get thrown in jail.
Larry Flynt (unsourced)

"Deviante" Filme bzw. Sammlungen bieten einen besonders interessanten


Einblick sowohl in die Strukturen der Ordnung als auch in die
Persönlichkeit des Sammlers. Es treten in einem kleinen, intimen Raum
Probleme auf, die wir auch aus der generellen gesellschaftlichen
Diskussion über Zugang zu jeglicher Information kennen: Wie organisiere
ich solche Sammlungen? In einer "cloud" oder detailliert – und
nach welchen Kategorien? Verstecke ich meine Sammlung vor meinen
Partner, und wenn ja, wie? Wie kann ich meine Kinder daran hindern, in
meine Sammlung zu gelangen? Was macht man mit einer Sammlung, die so
groß ist, dass sie von einer einzelnen Person niemals "ganz" genutzt
werden kann?

Zu diesem Thema wurde beim Chaos Computer Congress 2008 (25C3) in Berlin
zum Thema "nothing to hide"[10] auch ein Forschungsprojekt von der
Soziologin Rose White[11] (CUNY) vorgestellt, welches sich mit der
Organisation von pornographischen Sammlungen beschäftigt:
[...] Right now, storing pornography causes problems even for people who
have nothing especially perverted to hide: A collection of pornography
gets to the heart of what it means to be a private individual. As we
move from mass media to individually produced media, from edited
collections of porn (magazines, commercially produced films) to
individual snapshots and YouTube clips and stored BitTorrents, the
particularity of a collection of porn will be testimony to its owner's
private set of tastes. [...]

We'll have everything stored – but what will the social
consequences be? If it is trivially easy to amass a porn stash so large
that it cannot be "consumed" in one person's lifetime, should a person
with a large collection of pornography be considered a pervert? (Hint: I
don't think so.) If everyone has so much porn, perhaps we have nothing
to hide!
Rose White: The Infinite Library. Storage and Access of Pornographic
Information (2)

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes sind noch ausständig und man darf
gespannt sein. Das Problem ist keineswegs neu und gerade auch Wien hält
mit der "Secreta" der Wienbibliothek ein schönes Beispiel für die
künstlerische, gesellschaftliche und wissenschaftliche Wichtigkeit
solcher Sammlungen bereit, welches bei Veranstaltungen auch immer wieder
der Öffentlichkeit in Erinnerung gebracht wird.[12]

Die Sammlung, die zu großen Teilen auf den Nachlässen des Wiener
Kaffeesieders Eduard Nikola (1823-1905) und jenem von Felix Batsy (1877
bis 1952) beruht, hätte auf Grund der rechtlichen Situation nicht
angenommen werden dürfen und wäre so wahrscheinlich nicht erhalten
geblieben.[13]

In bester österreichischer Manier wurde daher ein Kompromiss


ausgehandelt: Als "Secreta" wurde die Sammlung zwar übernommen, der
Zugang jedoch streng kontrolliert. Und da Provisorien ja bekanntlich am
längsten bestehen, war so noch lange Zeit der "Giftschrank" nur mit
einer Bestätigung des wissenschaftlichen Interesses und über Erlaubnis
der Direktion möglich (Anmerkung für Interessierte: Heute sind die Werke
ganz normal über den österreichischen Bibliothekenverbund zu
finden.)[14].

Heute ist die Sammlung mit ihren vielen Privatdrucken, Zeichnungen,


Bildern und (pseudo-)wissenschaftlichen Büchern zum Thema eine wichtige
Anlaufstelle für Forscher (z. B. im Bereich Gender Studies) und ein
eindrucksvolles Beispiel für die Irrungen, die auf Grund von
kurzsichtigen moralisch/rechtlichen Verboten passieren können.

Exkurs: Seitenblick auf die Geschichte der Zensur in Österreich


Freedom of speech doesn't protect speech you like; it protects speech
you don't like.
Larry Flynt (unsourced)

Eine erste Phase strenger Zensur erlebte Österreich unter Kaiserin Maria
Theresia. Während Joseph II. eher eine liberale Einstellung vertrat,
verschärften spätere Herrscher die Zensurbestimmungen immer mehr. Die
General-Zensur-Verordnung vom 22. Februar 1795 enthält eine erschöpfende
Aufstellung aller Zensurregelungen der damaligen Zeit und war die
Grundlage späterer Zensurpraxis.[15]

So fielen der im Biedermeier strengen Zensur (Vorzensur) im


Habsburgerreich nicht nur Werke von Nikolaus Lenau, Franz Grillparzer
oder Johann Nestroy zum Opfer; insgesamt waren insgesamt etwa 40.000
Titel auf den österreichischen Verbotslisten. Jedes importierte Buch,
alle Artikel, jede Neuveröffentlichung wurde überprüft und bewertet (das
"damnatur" der Zensoren für verbotene Werke). Dabei handelte es sich um
Werke aus allen Lebens- und Wissensbereichen.[16]

Als im Revolutionsjahr 1848 die Zensur kurzfristig aufgehoben wurde, war


dies ein kräftiger Impuls[17]: Friedrich Gerhards "Die Presse frei!", M.
G. Saphirs "Der tote Zensor", das Zensorlied[18] oder Ferdinand Sauters
"Geheime Polizei" geben ein Bild von der Aufbruchsstimmung. Es wurde
auch scharfe Kritik am bestehenden System geübt. Beispiele dafür finden
sich in Johann Nestroys "Freiheit in Krähwinkel", "Skizzen zu
Höllenangst", "Lady und Schneider" oder "Die Lieben Anverwandten"
(1848), den "Politischen Gedichte" von Anastasius Grün sowie Schriften
von Franz Grillparzer ("Dem Vaterlande", "Gedanken zur Politik"). Mit
der Niederschlagung der Revolution wurde auch die Zensur wieder
eingeführt und bestand bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges
(Konzessionen/Kautionen).

Die Kriegszensur war streng und umfasste alle Bereiche des pivaten
Lebens (Post, Presse, Kunst und Kultur).[19]

Wie Professor Hall im Kapitel Schrifttumsverbote in Österreich ab 1933


seiner dankenswerterweise kostenfrei online abrufbaren Österreichischen
Verlagsgeschichte 1918–1938[20] ausführt, waren neben der
religiösen Zensur unter Bevorzugung der römisch-katholischen Kirche auch
... die radikale Einschränkung der ohnehin nie sehr großen
Pressefreiheit, das Verbot von freien Gewerkschaften, das Verbot von
politischen Parteien, die Bekämpfung von Marxismus und Kommunismus, die
Unterdrückung jedes irgendwie systemkritischen Schrifttums, die
Ausschaltung aller Opposition und schließlich der
Sittlichkeitsfanatismus, der unter der Flagge Ausrottung von Schmutz und
Schund, Jugendschutz usw. segelte[21]

... charakteristisch für den österreichischen Ständestaat. Nach der


strengen Zensur im Nationalsozialismus übernahmen von 1945 bis 1953 die
Alliierten die Zensur, die schrittweise gelockert wurde.

Eine gewisse Ähnlichkeit aktueller Begründungen für


Zugangsbeschränkungen mit jenen des Ständestaates könnte man in diesem
Zusammenhang bemerken. So treffen Sperren von Internetseiten zum
Beispiel im Rahmen von Chinas Golden Shield Project aber auch im Rahmen
der Selbstzensur regelmäßig westliche Presseseiten (z. B. BBC News),
Seiten der politischen Opposition, aber auch Seiten, die vulgäre,
sittengefährdende, gewaltverherrlichende oder pornographische Inhalte
aufweisen. Sie stehen damit in einer langen Tradition.[22]

Moral und Recht = Diktatur?!


Justice, n. A commodity which is a more or less adulterated condition
the State sells to the citizen as a reward for his allegiance, taxes and
personal service.
Ambrose Bierce, The Devil's Dictionary

Kein anderes Thema ist öfter für Zensurmaßnahmen herangezogen worden als
die liebe Sittlichkeit und die Moral. Besonders gerne schützen wir
unsere Jugend vor sich selbst und anderen und überhaupt. Ein mündiger
Bürger im Sinne des zoon politikon ist, so folgert der Schelm, wer es
trotz dieser Maßnahmen schafft, sich die nötige Tapferkeit,
Gerechtigkeit, Verständigkeit und Klugheit im Sinne der Kardinaltugenden
zu erhalten, um seinen demokratischen Verpflichtungen nachkommen zu
können.

Während erotische Literatur gemeinsam mit Science Fiction, Fantasy,


Horror oder Comics früher oft als nicht sammlungswürdig angesehen
wurden, zeigt uns ein Blick in aktuelle Bestandskataloge, wie sehr sich
doch diese Sichtweise verändert hat, denn heute dürften diese Gebiete
nur in den wenigsten Bibliotheken fehlen.

Und es sind auch die Science Fiction-Autoren wie beispielsweise H. G.


Wells, der 1937 mit seinem "World Brain" ein flexibles Wissensnetz
entwarf, das an eine elektronische Enzyklopädie wie Wikipedia erinnert.

Förderungen werden gezielt eingesetzt, um vorbeugenden Gehorsam zu


belohnen. Aber auch rechtliche Drohgebärden, wie die Verantwortung für
die Inhalte verlinkter Seiten (Heise vs Musikindustrie[23]) sowie
Reglementierung sind ein wichtiges negatives Mittel, um die Selbstzensur
im Bereich Publikation, Presse, Film und Radio durchzusetzen.

Gerade der Film ist ein gutes Beispiel, wie auch kleine Eingriffe in den
Originalschnitt, neue Synchronisation oder längst überholte
Zugangsbeschränkungen langfristige Nachwirkungen haben und unsere
Wahrnehmung des im Film Erlebten verzerren und manipulieren. Dabei
besteht die besondere Gefahr darin, dass wir den Eingriff meist gar
nicht bemerken und daher kein Problembewusstsein entwickeln können.

In Bezug auf rechtliche Drohgebärden und daraus folgende Selbstzensur


lässt auch eine aktuelle Entscheidung des US Supreme Courts aufhorchen,
der einen Radiosender die Verantwortung für Live-Interviews, in denen zu
viele Fäkalausdrücke vorkommen, zuschreibt. Die Entscheidung wird mit
dem Schutz der Jugend und sittlichen/moralischen Werten (decency)
begründet. Da man bei Live-Interviews den Inhalt vorher nur schwer
abschätzen kann, ist bis zu einer gegenteiligen Entscheidung des
Obersten Gerichtshofes der USA jedes Live-Interview ein Risiko.

Abschließend sei jedem Leser die Schilderung (3) des Versuchs von Hans
Schmid auf Telepolis (Heise Verlag), in Deutschland an einen indizierten
Film zu gelangen, ans Herz gelegt.

Die oben aufgeführten Beispiele legen nahe, dass in Bezug auf die
Informationshoheit im virtuellen Raum noch kein Gleichgewicht zwischen
den Interessen des Individuums, Juristischen Personen und dem Staat
besteht. Dies wäre in einer Demokratie aber wünschenswert.
Wer sich als Herrscher über die Sprache aufspielt, hat nicht begriffen,
daß es sich um das einzige Medium handelt, in dem die Demokratie schon
immer geherrscht hat.
Hans Magnus Enzensberger zur Rechtschreibreform[24]

Daraus entwickelt sich ein interessantes Phänomen, dass zeigt, wie ein
spontaner Zusammenschluss von einzelnen Usern auch gegen den Widerstand
weitaus "stärkerer" Kontrahenten Informationen weiterverbreiten kann und
so der Manipulation des Index als Strategie zur Informationshoheit
entgegenwirkt.

Denn selbst wenn das ursprüngliche Material durch rechtliche Schritte


aus dem Index entfernt wurde (Sperre bei Suchmaschinen bis zu Löschung
der Website), kann es sich fast ebenso effizient über das Kopieren und
Verteilen zwischen den einzelnen Nutzern direkt weiterverbreiten.
While the creative works from the 16th century can still be accessed and
used by others, the data in some software programs from the 1990s is
already inaccessible. Once a company that produces a certain product
goes out of business, it has no simple way to uncover how its product
encoded data. The code is thus lost, and the software is inaccessible.
Knowledge has been destroyed.
Lawrence Lessig[25]

Durch das Kopieren von Information wird diese Information erhalten und
es wird unwahrscheinlicher, dass sie völlig verloren geht. Dies war
schon zu Zeiten einer Bibliothek von Alexandria bekannt, wo Reisende
durchsucht wurden und warten mussten, bis Kopien eventuell gefundener
Bücher gemacht wurden, bevor sie weiterreisen durften. Im Lichte der
heutigen Diskussion war dies mit Sicherheit eine kriminelle
Vorgehensweise.

Interessanterweise schliesst sich so der Kreis zwischen vom mündigen


Bürger erwarteten politischen Aktivismus, dem normalen technischen
Alltag, den Gelegenheitsnutzern, Technikern und der von der Industrie
bekämpften rechtsfreien virtuellen Zone. Denn zur Verbreitung werden die
selben Strategien und Kanäle eingesetzt, die auch sonst für den freien
und unkontrollierten Austausch von Information genutzt werden. Dies
bezieht sich allerdings nicht mehr ausschließlich auf den elektronischen
Raum sondern auch auf die reale Welt, in der immer leistungsstärkere
Datenträger die Verteilung vorbei an elektronischen Sperren ermöglichen.

Daher muss man auch die problematischen Aspekte des Internet auf ihre
Verwendbarkeit zur Verhinderung einer Manipulation des Index hin
untersuchen.
Spam: Nutze, was auch immer funktioniert
Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten.
Karl Kraus[26]
We also concluded that any single-machine locks and keys, or special
time-out and self-destruct programs, would be onerous to our best
customers and not effective against clever thieves. Because we could not
devise practical physical security measures, we had to rely on the
inherent honesty of our customers.
Watt S. Humprey [27]

Zwei Phänomene des Internet zeigen deutlich, wie wirkungslos Kontrollen


sind bzw. wie weitgehend die Kontrolle sein müsste, um diese Phänomene
in den Griff zu bekommen: Unerwünschte Werbemails, die von ihren
entnervten Fans in Anlehnung an einen Monty Python Sketch "Spam" getauft
wurden.
Download-Programme, die ohne zentralen Server Information direkt
zwischen den Usern (peer2peer) verteilen.

Werbemail-Blocker und Spam-Filter zeigen den Stand der Technik im


Bereich Filter und Inhaltssortierung. Sie geben Aufschluss über die
erfolgreiche Anwendung von Netz-Sperren, von ihren Kritikern auch
Netz-Zensur getauft, bei unerwünschten Inhalten. Dadurch lässt sich -
auch in der eigenen Inbox - leicht ersehen, dass die Technik zum
jetzigen Zeitpunkt nicht soweit ist, unerwünschte Inhalte zu erkennen
und in den Spam-Ordner zu verschieben.

Dabei genügen kleinste Veränderungen im Text, wie das Ersetzen oder


Vertauschen von Buchstaben oder die Umwandlung in eine Bilddatei um Spam
durch die Maschen der Spamfilter schlüpfen zu lassen. Ähnlich wie schon
d'Alembert und Diderot spielen die Spammer mit der mangelnden Inteligenz
ihres Gegenübers - der Maschine.

Auch das Kopieren von Information über dezentrale ad Hoc-Netze zeigt,


dass eine zentrale Kontrolle unter Einhaltung rechtsstaatlicher
Grundprinzipien fast nicht möglich ist. Die letzten "Erfolge" der
Wirtschaft im Kampf gegen die privaten Filesharer (im Gegensatz zum
professionellen Schwarzmarkt) waren nur durch eine Erosion der digitalen
Grundrechte und den Einsatz der "agent provocateur" möglich. Dabei
wurden Filesharer von der Musikindustrie selbst mit Daten versorgt,
damit man sie dann für den Download der durch die Musikindustrie
bereitgestellten Daten anklagen konnte.
Aber auch Staaten wie China können trotz wesentlich größerer Eingriffe
in die Privatsphäre kaum bessere Ergebnisse erzielen, da auch hier durch
Verschlüsselung, Anonymisierungsdienste und andere technische
Gegenstrategien ein kontinuierliches Wettrüsten stattfindet. Größtes
Opfer der oben beschriebenen Vorgänge sind rechtsstaatliche Grundlagen
und Menschenrechte ("faires Verfahren", "Interessenabwägung", "Freier
Zugang zu Bildung"). Als Kollateralschäden werden immer wieder die Leben
einzelner Personen zerstört, ohne dass nennenswerte Veränderungen zu
erkennen sind.

Der mündige Bürger als letzte Rettung

Als Fazit dieser Tour de Force lässt sich feststellen, dass wir uns im
Moment in einer Zeit befinden, wo von allen Beteiligten versucht wird,
den Index und die damit verbundenen Informationen zu kontrollieren.
Durch die immer weitergehende Digitalisierung der Informationen spielt
sich dieser Vorgang auch im Internet ab. Durch den Umfang der
angebotenen Information ist der Index für das Auffinden einer bestimmten
Information noch wichtiger.

Da im virtuellen Raum die gesellschaftlichen Normen der realen Welt noch


nicht ausreichend umgesetzt sind, werden gerade dort massive Versuche
unternommen, den Index zu manipulieren. Dies bietet die Möglichkeit, die
Strategien der einzelnen Gruppen nachzuvollziehen.

Dabei zeigt sich, dass die in der realen Welt gut funktionierenden
Strategien der Kontrolle nur sehr schwer auf das Internet anwendbar
sind. Innovation findet genauso oft von "unten" wie von "oben" statt.
Dies macht auch eine Kontrolle von "oben" sehr schwer.

Es zeigt sich, dass die einzelnen User aktiv agieren, wenn sie einen
bestimmten Bedarf befriedigen möchten. So entstand beispielsweise aus
dem Wunsch einer demokratischen Publikationssphäre die Blogoshpäre,
wobei die dazu nötige Software von einzelnen Usern als Open Source
bereitgestellt wurde, eigene Kommunikationskanäle, Suchmaschinen,
Informationsaustausch- und Rating-Systeme entwickelt. Der Index zu den
Informationen dieser Subkultur ist von außen daher auch schwerer zu
verändern.

Auch technisch erschwert die dezentrale, weltweite Struktur eine


Manipulation. Der Vorgang des "Filesharing", des Kopierens von
Information ist eine weitere Erschwernis bei Manipulationen von Index
und Inhalt, da diese an vielen Stellen zugleich verfügbar sind.

Dabei sind das elektronische Gedächtnis und seine Indizes keineswegs nur
großmütig und edel. Fehler und private Details bleiben genauso geduldig
verfügbar wie Druckfehler in gedruckten Ausgaben.

Dies führt dazu, dass das Bewusstsein für die persönliche


Verantworlichkeit jedes einzelnen Nutzers über die Auswahl und Bewertung
der Quelle weiter geschärft wird. Und dies ist letztendlich quer durch
alle Jahrhunderte immer die beste Strategie gewesen, um eine
Manipulation indentifizieren zu können.
Siehe auch: Version auf eLib.at (4)

Literaturangaben

[1] Sandkühler, H. J. (2000). Philosophie als enzyklopädie, demokratie


und pluralismus. Abgerufen: 7. 5. 2009 von
http://www.imageuro.net/archivio/encyc/sandku.htm (5)

[2] Mazenauer, B. (2001). Die Utopie eines Weltgehirns. Abgerufen: 7. 5.


2009 von
http://web.archive.org/web/20050514193743/http://www.house-
salon.net/verlag/reportagen/schreibnetz/set/2.htm
(6)

[3] Zur Begriffsklärung siehe z. B. Wikipedia. Abgerufen: 7. 5. 2009 von


http://de.wikipedia.org/wiki/Index (7)

[4] Heidrich, J., & Bleich, H. (2009). Dokumentation: Heise versus


Musikindustrie. Abgerufen: 7. 5. 2009 von http://www.heise.de/heisevsmi/
(8)

[5] Zum ewigen Frieden, zweiter Abschnitt, BA 26

[6] Steinhofer, J.-P. (2008). The Nameless Enemy. Revue Defense


Nationale et Securite Collective, 1(10).

[7] Jürgen Gehb, zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts über das


Abhören von Wohnungen. Zitiert in: Thorsten Junghold, "Deutschland wird
zum Biotop für Verbrecher", 8. Dezember 2007, welt.de (9).

[8] Hilty, R. M., Kur, A., Klass, N., Geiger, C., Peukert, A., Drexl,
J., et al. (2008). Stellungnahme (10) des Max-Planck-Instituts zum
Vorschlag der Kommission für eine Richtlinie zur Änderung der Richtlinie
2006/116 EG des Europäischen Parlaments und des Rates über die
Schutzdauer des Urheberrechts und bestimmter verwandter Schutzrechte.
München: Max-Planck Institut für Geistiges Eigentum, Wettbewerbs- und
Steuerrecht. Abgerufen: 7. 5. 2009

[9] Alex Carey. Taking the Risk out of Democracy: Propaganda in the US
and Australia, 1995

[10] CCC. (2008). Chaos Computer Conference (11). 25C3: "nothing to


hide". Abgerufen: 7. 5. 2009

[11] White, R. (2008). Speakers: Rose White (12). 25C3. Abgerufen: 7. 5.


2009

[12] Arbeitskreis kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare.


(2008). Giftschrank oder Freihand? Über "Schmutz und Schund" in
Bibliotheken (13). Abgerufen: 7. 5. 2009

[13] Pfoser, A. (2008). Bücher, die man nur mit einer Hand liest. Die
Secreta-Sammlung der Wienbibliothek im Rathaus. Biblos, 2(57),
143–144.

[14] Wienbibliothek. (2009). Wienbibliothek im Rathaus. Abgerufen:


7.05., 2009, von http://www.wienbibliothek.at/ (14)

[15] Hofdekret. (1795). Zensurvorschrift vom 22. Februar 1795. In J.


Marx (Ed.), Die österreichische Zensur im Vormärz. Schriftenreihe des
Arbeitskreises für österreichische Geschichte (pp. 68–73). Wien:
Verlag für Geschichte und Politik. Abgerufen: 7. 5. 2009 von
http://zensur.literature.at/febr1795.html (15)

[16] Literature.at. (2009). Die österreichischen Verbotslisten und ihre


Bedeutung für die Zensurgeschichtsforschung. Eine qualitative und
quantitative Untersuchung zu der in Österreich zwischen 1795 und 1848
verbotenen Literatur. Abgerufen: 7. 5. 2009 von
http://zensur.literature.at/project.html (16)

[17] Marx, J. (1959). Die österreichische Zensur im Vormärz. Wien: Verl.


für Geschichte und Politik.

[18] Kummer, E. (1998). Das Zensorlied. Auf: Lieder zur Wiener


Revolution 1848 [Audio Compact Disk]: Extraplatte.

[19] Bamberger, R. u. M., Meier-Bruck, F., & andere. (2003). Zensur.


AEIOU – Das österreichische Kulturinformationssystem. Abgerufen:
7. 5. 2009 von
http://austria-forum.org/wbtmaster/courses/aeiou_forum1.htm#Zensur (17)

[20] Hall, M. G. Österreichische Verlagsgeschichte 1918–1938. Wien


; Graz u.a.: Böhlau. Abgerufen: 7. 5. 2009 von
http://www.verlagsgeschichte.murrayhall.com/ (18)

[21] Hall, M. G. Österreichische Verlagsgeschichte 1918–1938. Band


I, Kapitel IV. Schrifttumsverbote in Österreich ab 1933. Wien; Graz u.
a.: Böhlau. Abgerufen: 7. 5. 2009 von
http://www.verlagsgeschichte.murrayhall.com/index.php?
option=com_content&view=article&id=49&Itemid=56
(19)

[22] Human Rights Watch. (2006). Race to the Bottom. Corporate


Complicity in Chinese Internet Censorship. Abgerufen 7. 5. 2009 von
http://www.hrw.org/reports/2006/china0806/index.htm (20)

[23] Heidrich, J., & Bleich, H. (2009). Dokumentation: Heise versus


Musikindustrie. Abgerufen: 7. 5. 2009 von http://www.heise.de/heisevsmi/
(21)

[24] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Juli 2004, Nr. 171, S. 29

[25] Lawrence Lessig. May the source be with you (22), In: Wired, 2001

[26] Fackel 309/310 40; Pro domo et mundo.

[27] IBM's decision against copyprotection for software in 1969


Links

(1) http://weightofperfection.de/DubistTerrorist_de_medium.mov
(2) http://events.ccc.de/congress/2008/Fahrplan/events/2980.en.html
(3) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30145/1.html
(4)
http://www.elib.at/index.php?title=Manipulation_des_Index_-
_Wissen.schafft.Freiheit_-_Gernot_Hausar_-_2009
(5) http://www.imageuro.net/archivio/encyc/sandku.htm
(6)
http://web.archive.org/web/20050514193743/http://www.house-
salon.net/verlag/reportagen/schreibnetz/set/2.htm
(7) http://de.wikipedia.org/wiki/Index
(8) http://www.heise.de/heisevsmi/
(9) welt.de
(10)
http://www.ip.mpg.de/shared/data/pdf/stellungnahme-bmj-2008-09-10-def.pdf
(11) http://events.ccc.de/congress/2008/
(12) http://events.ccc.de/congress/2008/Fahrplan/speakers/1777.en.html
(13)
http://www.renner-institut.at/veranst_archiv/2008/pdfs/2008-11-07-
09_Einladung_KRIBIBI_Tagung.pdf
(14) http://www.wienbibliothek.at/
(15) http://zensur.literature.at/febr1795.html
(16) http://zensur.literature.at/project.html
(17) http://austria-forum.org/wbtmaster/courses/aeiou_forum1.htm#Zensur
(18) http://www.verlagsgeschichte.murrayhall.com/
(19)
http://www.verlagsgeschichte.murrayhall.com/index.php?
option=com_content&view=article&id=49&Itemid=56
(20) http://www.hrw.org/reports/2006/china0806/index.htm
(21) http://www.heise.de/heisevsmi/
(22) http://www.wired.com/wired/archive/9.12/lessig.html

Gernot Hausar 14.06.2009


Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30439/1.html

...ja genau, wenn wir erstmal die Zensur-Infrastruktur haben können wir
alles ausblenden was uns nicht gefällt...Extrem Praktisch!

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CDU diskutiert Ausweitung der Zensur


auf “Killerspiele”
von Ralf Bendrath um 11:19 am Donnerstag, 11. Juni 2009

Ja, Frau von der Leyen, die neue digitale Mauer um Deutschland wird
ausschließlich den dokumentierten Missbrauch von Kindern blockieren.
Klar. Dass das BKA momentan nur die Hufe still hält und nicht mehr so
offen fordert, auch islamistische Webseiten zu sperren, pfeifen die
Spatzen in Berlin zwar schon von den Dächern, aber mit Herrn Ziercke
verstehen Sie sich ja gut, das werden sie dem schon noch erklären, dass
das nichts wird.

Aber Moment: Was sagt da ihr Fraktionskollege Thomas Strobl gestern auf
Abgeordnetenwatch?

In jedem Fall sollte aber meines Erachtens in der Debatte, welche


Maßnahmen zur Gewaltprävention ergriffen werden, die von den
Bundesministern von der Leyen und Schäuble vorgeschlagene Sperrung von
kinderpornografischen Seiten im Internet mit Blick auf Killerspiele neu
diskutiert werden.

Danke für die Klarstellung, Herr Strobl.

Wer es immer noch nicht verstanden hat: Wenn eine Zensurinfrastruktur


einmal da ist, wird sie immer weiter ausgebaut werden.

Zum Beschluss der Innenminister zum Verbot von "Killerspielen" hat Jörg
Tauss übrigens einen lesenswerten Brief an dieselben geschrieben.
Offenbar gibt es doch noch einen Restfunken Verstand in der SPD. Mal
sehen, ob der sich in der Zensurfrage noch durchsetzen kann.

Artikel:URL:
http://netzpolitik.org/2009/cdu-diskutiert-ausweitung-der-zensur-auf-
killerspiele/

Gesetz zu Web-Sperren in
trockenen Tüchern
Wirtschaftspolitiker der großen Koalition haben sich am heutigen
Montagabend auf eine gemeinsame Linie beim Gesetzentwurf[1] "zur
Bekämpfung der Kinderpornografie in Kommunikationsnetzen" geeinigt. "Ich
bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis", erklärte Martina Krogmann,
parlamentarische Geschäftsführerin der CDU/CSU-Fraktion, gegenüber heise
online. Nun müssten am Dienstag nur noch die Arbeitsgruppen für Kultur
und Medien der beiden Regierungsfraktionen zustimmen. Dann könne das
Vorhaben – wie geplant[2] – bereits am Donnerstag im Plenum
des Bundestags verabschiedet werden.

Martin Dörmann, stellvertretender wirtschaftspolitischer Sprecher der


SPD-Bundestagsfraktion, hatte in der heutigen Verhandlungsrunde vor
allem die Forderungen aus dem Beschluss[3] des Parteivorstands der
Sozialdemokraten präsentiert. Drei der vier von der SPD verlangten
Punkte waren laut Krogmann aber bereits im Einklang mit der Union vorab
in den gemeinsamen Änderungsplänen[4] der Berichterstatter umgesetzt
worden. Demnach soll die Devise "Löschen statt Sperren" in möglichst
vielen Fällen verankert und die Klausel gestrichen werden, nach der
Internetnutzer strafverfolgt werden, die auf der geplanten Stopp-Seite
landen. Schon abgesprochen gewesen sei auch die unabhängige Kontrolle
der Filterliste des Bundeskriminalamts (BKA) etwa durch den
Bundesdatenschutzbeauftragten. Dieser ließ aber gerade durchblicken[5],
für diese Aufgabe nicht zur Verfügung zu stehen.

Eingegangen ist die Union nun auf den Wunsch der SPD, durch ein
Spezialgesetz für eine bessere Einschränkung der Web-Blockaden auf
Kinderpornographie zu sorgen. Durch einen Passus solle deutlich gemacht
werden, dass die geplante Sperrinfrastruktur nicht für andere Zwecke
verwendet werden darf, betonte Krogmann. Die Initiative werde zudem nach
zwei Jahren überprüft und zunächst auf drei Jahre befristet. Die
Forderung[6] ihres baden-württembergischen CDU-Kollegen Thomas Strobl,
die Sperren "mit Blick auf Killerspiele" neu zu diskutieren, bezeichnete
Krogmann als "Einzelmeinung".

Die Petition[7] gegen den Gesetzentwurf und die Sperrung von


Internetseiten hat unterdessen über 128.000 Mitzeichner und wurde zur
bislang erfolgreichsten ePetition. Der entsprechende Server des
Bundestags war am Nachmittag erneut von einem Totalausfall betroffen,
nachdem er am Sonntagabend bereits unter Zugriffsproblemen litt.
Abgeordnete von SPD und der Union hatten zuvor immer wieder betont, die
Befürchtungen der Internetgemeinde ernst nehmen zu wollen. "Wir sind dem
Anliegen der Petition in vielen Punkten nachgekommen", versicherte
Krogmann. Es liege jetzt vor allem an der SPD-Fraktion, dem Entwurf
geschlossen ihren Segen zu geben.

Siehe dazu auch:


Schadensbegrenzung, Warum die geplante Kinderporno-Sperre nicht Gesetz
werden darf[8], Kommentar in c't 12/09
Verschleierungstaktik, Die Argumente für Kinderporno-Sperren laufen ins
Leere[9], Analyse in c't 9/09
(Stefan Krempl) / 15.06.2009 23:15
(anw[10]/c't)

URL dieses Artikels:


http://www.heise.de/newsticker/meldung/140461

Links in diesem Artikel:


[1]
http://www.heise.de/newsticker/Bundeskabinett-beschliesst-Gesetzesentwurf-zu-
Kinderporno-Sperren--/meldung/136556
[2] http://www.bundestag.de/parlament/plenargeschehen/to/227.html
[3]
http://www.heise.de/newsticker/SPD-Parteivorstand-fordert-Nachbesserungen-
bei-Gesetz-zu-Kinderporno-Sperren--/meldung/140370
[4]
http://www.heise.de/newsticker/Koalition-in-entscheidenden-Punkten-ueber-
Kinderporno-Sperren-einig--/meldung/140195
[5]
http://www.heise.de/ct/Bundesdatenschuetzer-lehnt-Aufsicht-einer-Webseiten-
Sperrliste-ab--/news/meldung/140455
[6]
http://www.heise.de/newsticker/CDU-Bundestagsabgeordneter-erwaegt-
Internetsperren-fuer-Online-Gewaltspiele--/meldung/140273
[7]
https://epetitionen.bundestag.de/index.php?
action=petition;sa=details;petition=3860
[8]
http://www.heise.de/ct/Warum-die-geplante-Kinderporno-Sperre-nicht-Gesetz-
werden-darf--/artikel/138426
[9]
http://www.heise.de/ct/Die-Argumente-fuer-Kinderporno-Sperren-laufen-ins-
Leere--/artikel/135867
[10] mailto:anw@ct.heise.de
STREIT UM INTERNET-
FILTER
Die Generation C64 schlägt

zurück
Von Christian Stöcker

Die Debatte um Ursula von der Leyens Gesetzentwurf gegen


Kinderpornografie im Netz macht eine gesellschaftliche Kluft sichtbar:
Die Generation Online will nicht länger akzeptieren, dass über sie
hinwegregiert wird. Ein Generationenkonflikt wird sichtbar, der das Land
noch Jahre lang spalten könnte.

Die Überraschung unter den politischen Spitzenkräften Berlins in den


vergangenen Wochen war kaum zu übersehen. Etwas Unerhörtes war
passiert.
Eine neue politisch-gesellschaftliche Frontlinie ist sichtbar geworden,
eine, die das Klima in diesem Land auf Jahre hinaus prägen könnte. Die
Generation C64, die erste, die mit Computern aufgewachsen ist, hat die
Nase voll von Herablassung und Gängelung, will sich nicht länger an den
Rand der gesellschaftlichen Debatte drängen lassen. Sie wehrt sich, mit
ihren Mitteln.

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen: Wahltaktisch todsicheres


Gesetz?
Dabei sah zunächst alles nach einem echten Coup aus: Ursula von der
Leyen (CDU), Familienministerin, hatte ein Gesetz gefordert und dann,
gegen das Zögern und Widerstreben ihrer Kabinettskollegen aus den
eigentlich zuständigen Ressorts Wirtschaft, Inneres und Justiz, auch
durchgesetzt. Kinderpornografische Inhalte sollen die Provider aus dem
WWW filtern, die entsprechenden Sperrlisten soll das Bundeskriminalamt
(BKA) führen. Wer trotzdem eine einschlägige Seite ansurft, bekommt ein
Warnschild zu sehen.
Ein wahltaktisch todsicheres Gesetz, zielt es doch auf einen ungemein
konsensfähigen Feind: die Hersteller und Verbreiter von
Kinderpornografie, unmenschliche Profiteure und Verursacher
unermesslichen Leids.

Folgerichtig tat die Opposition erst gar nichts und gab dann kaum mehr
als ein leises Wimmern von sich - um sich dann in das Schicksal zu
ergeben, dass die Familienministerin als Bezwingerin der Kinderschänder
würde Wahlkampf machen können.

Dann passierte das Unerhörte: Eine rasant wachsende Zahl von Menschen
sprach sich offen und nicht anonym gegen die Filterpläne der Ministerin
aus - bis heute über 100.000. Obwohl es doch gegen Kinderpornografie
ging! In Berlin war man konsterniert. Wirtschaftsminister Karl-Theodor
zu Guttenberg (CSU) war so überrascht, dass ihm sogar der Fauxpas
unterlief, die zu diesem Zeitpunkt bereits Zehntausenden Unterzeichner
der Petition gegen das Gesetzesvorhaben, immerhin ja Wähler, vor
laufender Kamera in die Nähe von Kinderschändern zu rücken.

Wie konnten die es wagen, einen Vorschlag für unsinnig zu erklären, den
ernstlich zu kritisieren zunächst kein Politiker bereit war? Nichts
fürchtet man in Berlin mehr, als selbst für einen
Kinderschänder-Apologeten gehalten zu werden.

"Austritt aus dem Recht propagiert"?

Eine Erklärung musste her. Heinrich Wefing äußerte in der "Zeit"


vergangene Woche die waghalsige Vermutung, man habe es bei den
inzwischen über 100.000 Unterzeichnern mit "Ideologen des Internet" zu
tun, mit einer "Gruppe", die "Ausnahmen von den Regeln" verlange, die
für alle gelten: "Im Namen der Freiheit wird der Austritt aus dem Recht
propagiert."

Commodore 64: Die erste Generation der Computerkids beginnt sich zu


wehren
Tatsächlich wird in der Petition mitnichten digitale Anarchie gefordert:
"Kinder zu schützen und sowohl ihren Missbrauch als auch die Verbreitung
von Kinderpornografie zu verhindern, stellen wir dabei absolut nicht in
Frage - im Gegenteil, es ist in unser aller Interesse", ist da zu lesen.

Aber darum geht es im Kern auch gar nicht. Wefing hat durchaus Recht,
wenn er an anderer Stelle in seiner Polemik von einem "Kulturkampf"
spricht, wenn er Vokabeln wie "Generationskonflikt" bemüht. Was der
Streit ums Thema Netzfilter sichtbar macht, ist eine Spaltung, eine
Kluft, die Deutschland schon länger teilt: Die Einheimischen des Netzes,
die Jüngeren, die habituellen Nutzer digitaler Technologie, sind es
langsam leid. Sie möchten sich einmischen, möchten nicht einfach wortlos
hinnehmen, dass immer wieder ungeniert in ihre Lebenswirklichkeit
eingegriffen werden soll. Und zwar ausgerechnet von Leuten, die gerade
unter den Jüngeren vielfach als auf diesem Gebiet ahnungslos
wahrgenommen werden.

Über die Köpfe der Betroffenen hinweg geredet

Darauf, dass es da mancherorts an Kompetenz mangelt, gibt es durchaus


Hinweise - man erinnere sich nur an die legendäre Frage von
Justizministerin Brigitte Zypries (SPD): "Browser, was sind jetzt noch
mal Browser?" Deutschlands politische Führungsspitze, so der Tenor von
zahllosen Blog-Beiträgen, Foren-Postings und Mensa-Witzeleien, ist nicht
im Netz angekommen. Daran ändern auch teure Partei-Web-Seiten,
Verlautbarungs-Blogs und Podcasts nichts.

Der tausendfache Widerspruch markiert einen neuen Rekord, aber wer


genau
hinsah, konnte die Spaltung auch schon vorher sehen. Ob beim Thema
Computerspiele, bei der Vorratsdatenspeicherung, bei den Debatten um die
Online-Durchsuchung: Immer wieder gab es Protest und Streit und immer
wieder zwischen den gleichen gesellschaftlichen Gruppen. Der Streit
zieht sich auch durch die Feuilletons und Talkshows der Republik: Er
schlägt sich nieder in den Debatten über die katastrophalen Folgen der
Digitalisierung für die Musikbranche, über die Probleme der
Zeitungslandschaft, über die angeblich verblödenden Effekte von Handys,
YouTube, StudiVZ und Videospielen.

Die vermeintlich Verblödeten, Verrohten, Dumm-gesurften sind


mehrheitlich noch nicht in einem Alter, in dem sie gesellschaftliche
Führungspositionen besetzen könnten. Deshalb wird gern und viel über
ihre Köpfe hinweg geredet. Aber sie haben ganz neue Werkzeuge zur
Verfügung, um sich zur Wehr zu setzen.

Der Aufstand der vermeintlich Verblödeten gegen die Ahnungslosigkeit der


Entscheider

So wie der damals 22-jährige Student Matthias Dittmeyer, der


öffentlich-rechtlichen TV-Magazinen Ende 2007 in einem vielbeachteten
und bis heute populären YouTube-Video Recherchefehler, Polemik und
verzerrende Darstellungen in Beiträgen über Computerspiele nachwies.
Oder wie Franziska Heine, die 29-Jährige, die mit ihrer Online-Petition
bis heute über 100.000 Menschen dazu brachte, sich gegen die
Web-Filter-Pläne der Bundesregierung auszusprechen.

Diejenigen, die sich jetzt wehren, sind mehrheitlich überzeugt:


Deutschland wird regiert, die öffentliche Meinung hierzulande dominiert
von Menschen, für die das Internet eine fremde Welt ist, Computerspiele
ein fremdartiger, potentiell gefährlicher Zeitvertreib. Von Menschen,
die immer noch stolz auf die eigene Fähigkeit sind, SMS zu verschicken.
Von digitalen Immigranten eben.

Gleichzeitig leben in diesem Land an die 20 Millionen Menschen zwischen


15 und 35 (um mal eine willkürliche Grenze für die Angehörigen der
Generation C64 zu ziehen), in deren Leben digitale Technologie eine
zentrale, eine vor allem selbstverständliche Rolle spielt. Für die das
Internet nicht "der Cyberspace" ist, sondern ein normaler Teil ihres
Alltags, ebenso wie Telefone für die Generationen davor.

Die einen, die digitalen Immigranten, machen Politik für die anderen,
die in einer vom Digitalen durchdrungenen Welt leben. Das kann auf die
Dauer nicht gutgehen.

Vorschlag: Jedes Druckwerk zuerst zum BKA

Nun also wächst der Widerstand. Die Unterzeichner der Netzpetition sind
nicht für Kinderpornografie im Netz. Sie halten von der Leyens Filter
nur für keine sinnvolle Lösung, weil er die Quellen der schlimmen Bilder
unberührt lässt, weil er sich leicht umgehen ließe - und sie wehren sich
dagegen, dass künftig eine Polizeibehörde als oberster Zensor über
falsch und richtig im Netz entscheiden soll.

Man erinnere sich an den Aufschrei, an die nationale Debatte, die der
große Lauschangriff einst hervorrief. Und man stelle sich vor, eine
Regierung versuchte heute, kurz vor einer Bundestagswahl, noch schnell
ein Gesetz durchzupeitschen, das Folgendes vorsieht: Jedes Druckwerk,
das in Deutschland erscheint, jede Zeitung, jedes Buch und jedes
Flugblatt, muss künftig dem BKA zur Beurteilung vorgelegt werden. Das
erstellt dann Listen mit Druckwerken, die zu übel sind, um publiziert zu
werden. Geheime Listen.

Das Land wäre in Aufruhr.


Der Vergleich mag polemisch klingen, er ist es aber nicht. Dem BKA die
Zensorenrolle zu verweigern, ist ein zutiefst demokratischer Wunsch,
einer, der dem Geist des eben mit viel Pomp gefeierten Grundgesetzes
voll und ganz entspricht. Diejenigen, die nun als "Ideologen" diffamiert
werden, denen der Bundeswirtschaftsminister unterstellt, dass sie sich
"gegen die Sperrung von kinderpornografischen Inhalten sträuben", sind
mehrheitlich keineswegs für Cyber-Anarchie. Sie sind für Freiheit und
für die in der Verfassung garantierten Bürgerrechte, für
Gewaltenteilung, für Checks and Balances.

Verfassungsprinzipien im Netz?

Demokratische Verfassungen werden nicht unter der Annahme gemacht,


dass
Menschen im Zweifel das Richtige tun werden, dass Politiker und
Polizisten ja im Grunde gute Menschen sind und deshalb schon nichts
schiefgehen wird. Sie sind konstruiert, um auch Fällen widerstehen zu
können, in denen etwas nicht so läuft, wie man sich das als
rechtschaffener Bürger wünscht.

Deshalb dürfen Polizisten keine Verbrecher verurteilen, deshalb


unterliegen Geheimdienste der Kontrolle des Parlaments und deshalb
entscheiden Polizeibehörden in Demokratien nicht, was publiziert werden
darf und was nicht. Die Tatsache, dass genau dieser zentrale Punkt jeder
demokratischen Verfassung bei der nun geplanten Gesetzesänderung
übergangen wurde, sagt einiges über die Sorglosigkeit, mit der deutsche
Politiker vorgehen, wenn es um Verfassungsprinzipien an einer Stelle
geht, die sie und ihre Wähler nicht sonderlich zu interessieren scheint:
im Internet. Das erinnert an Gesetzentwürfe zur Vorratsdatenspeicherung
und der sogenannten Online-Durchsuchung, die auch das
Verfassungsgericht
in Karlsruhe beschäftigten oder noch beschäftigen.

Dass die Unterzeichner der Petition gegen das Filtergesetz es wagen,


Vernunft und Bürgerrechte sogar unter dem Risiko, als Päderastenfreunde
gebrandmarkt zu werden, zu verteidigen, ist eine Entwicklung, die es
eigentlich zu feiern gälte. Hier setzen sich Menschen für sinnvolle
Gesetze und demokratische Grundprinzipien ein, teils schamloser
öffentlicher Diffamierung zum Trotz. Das passt besser zum 60. Geburtstag
des Grundgesetzes als jede Sonntagsrede.

Und es ist für Deutschlands politische Klasse ein Vorgeschmack auf das,
was noch kommt: Die digitalen Einheimischen haben begonnen sich
einzumischen.
Artikel-URL: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,628017,00.html

SPD-Innenexperte Wiefelspütz für Ausweitung von Internetsperren

Vor 11 Stunden

Berlin (AFP) — Der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz hat sich


dafür ausgesprochen, die im Gesetzentwurf gegen Kinderpornografie
vorgesehene Sperrung von Internetseiten auch auf andere kriminelle
Seiten auszuweiten. "Natürlich werden wir mittel- und längerfristig auch
über andere kriminelle Vorgänge reden", sagte Wiefelspütz der "Berliner
Zeitung" (Samstagsausgabe). "Es kann doch nicht sein, dass es im
Internet eine Welt ohne Recht und Gesetz gibt." Er könne sich
vorstellen, auch Seiten mit verfassungsfeindlichen oder islamistischen
Inhalten zu blocken, sagte der SPD-Politiker: "Eine Zeitung darf ja auch
keinen Mordaufruf veröffentlichen." Bislang plant die Regierung nur eine
Blockade kinderpornografischer Inhalte im weltweiten Datennetz.

Bei der Union stießen die Äußerungen von Wiefelspütz auf Widerstand.
"Ich halte es für richtig, sich erstmal nur mit dem Thema
Kinderpornografie zu befassen, damit die öffentliche Debatte nicht in
eine Schieflage gerät", sagte Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU)
der "Berliner Zeitung". Sein Fraktionskollege Laurenz Meyer (CDU)
betonte: "Es geht uns ausschließlich um Kinderpornografie."

Artukel-URL:
http://www.google.com/hostednews/afp/article/ALeqM5hlb7bK1tiwOGULL
KYckD92tqO-Zg
Pressemitteilung des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung vom
04.06.2009:

Europawahl: Bürgerrechtler empfehlen, Überwachungsparteien abzuwählen

+++ Neues Portal www.buergerrechte-waehlen.de vergleicht die


Überwachungsbilanz der Sonntag zur Wahl stehenden Parteien +++
Bürgerrechtler rufen zur Teilnahme an der Wahl auf +++

Im Hinblick auf die Europawahl am Sonntag informiert ein neues


Internetportal des Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung darüber, wie
die im Europaparlament vertretenen Parteien mit der Freiheit und den
Grundrechten der Bürgerinnen und Bürger in den letzten Jahren
umgegangen sind und in den nächsten Jahren umgehen wollen.

Wer ist verantwortlich für die Erprobung von Nacktscannern,


Computerüberwachung, Funkchips im Reisepass und die 6-monatige
Speicherung aller Verbindungsdaten? Wer plant die Einführung einer
elektronischen Flugreiseakte über jeden Bürger, die systematische
Auslieferung persönlicher Daten an das Ausland und die Sperre von
Internetseiten? Antworten auf diese Fragen gibt ab sofort das
Internetportal www.buergerrechte-waehlen.de des unabhängigen und
überparteilichen Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung. Auf dem
Portal informieren die im Arbeitskreis zusammen geschlossenen
Bürgerrechtler, Datenschützer und Internetnutzer verständlich über
Überwachungsgesetze und -pläne von Union, SPD, FDP, Grünen, der
Linken und der Piratenpartei. Die Bürger werden dazu aufgerufen, an
der Europawahl teilzunehmen und für diejenigen zu stimmen, "die sich
glaubwürdig für Freiheit statt Angst einsetzen."

"Die mehr als 90.000 Menschen, die 2007 unsere Verfassungsbeschwerde


gegen die verdachtslose Aufzeichnung aller Verbindungsdaten
unterstützt haben,[1] und die Zehntausende von Teilnehmern an der
Demonstration 'Freiheit statt Angst' im Jahr 2008[2] müssen am
Sonntag SPD und Union als Verantwortliche für die
Totalprotokollierung unserer Kommunikation abwählen", erklärt
Patrick Breyer vom Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung. "Tritt der
Vertrag von Lissabon in Kraft, wird das Europaparlament künftig noch
häufiger über unsere Freiheitsrechte entscheiden. Alle unsere
Proteste werden fruchtlos bleiben, wenn wir nicht jetzt eine neue,
freiheitsfreundliche Innenpolitik durchsetzen."

"Die Wahl zum Europaparlament ist, was vielen Bürgerinnen und


Bürgern so nicht klar ist, für sehr viele politische Entscheidungen
der Zukunft richtungsweisend, denn die meisten Gesetze gründen sich
auf europäische Richtlinien und Beschlüsse. Zum Beispiel haben wir
auch die Gesetze zur Vorratsdatenspeicherung im Grunde den
EU-Gremien zu verdanken", ergänzt Kai-Uwe Steffens vom Arbeitskreis.
"Für die Wahrung der eigenen Freiheitsrechte müssen die Menschen
leider selbst zur Tat schreiten. Dazu gehört auch der Gang an die
Wahlurne und die Unterstützung von Parteien, die die eigenen Wähler
nicht unter Generalverdacht stellen."

Fußnoten:
1. http://verfassungsbeschwerde.vorratsdatenspeicherung.de
2. http://www.vorratsdatenspeicherung.de/content/view/267/79/lang,de/

Diese Pressemitteilung im Internet:


http://www.vorratsdatenspeicherung.de/content/view/314/79/

Das Informationsportal zur Wahl:


http://www.buergerrechte-waehlen.de

Über uns:
Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung (AK Vorrat) ist ein
bundesweiter Zusammenschluss von Bürgerrechtlern, Datenschützern und
Internet-Nutzern in über 50 Ortsgruppen, die sich für den Schutz unserer
Freiheitsrechte in Zeiten ausufernder Überwachung einsetzen. Der
Arbeitskreis hat die mit über 34.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern
größte Verfassungsbeschwerde der Bundesrepublik initiiert.
http://www.vorratsdatenspeicherung.de

nnenminister wollen Internet-Kriminalität


I
angehen
03.06.2009 09:37

Die Innenminister von Bund und Ländern wollen


erweiterte Befugnisse zur
Bekämpfung der steigenden Internet-Kriminalität. Das
berichtet[1] das
Handelsblatt unter Berufung auf ein Programm für
Innere Sicherheit, das
an diesem Mittwoch vor Beginn der
Innenministerkonferenz in Bremerhaven
vorgestellt werden soll.

Die Nutzung moderner Informations- und


Kommunikationstechnik erfordere
"entsprechende gesetzliche Ermächtigungsgrundlagen",
zitiert die Zeitung
aus dem Papier. Notwendig seien etwa Befugnisse für
verdeckte Eingriffe
in informationstechnische Systeme oder die Anpassung
der Möglichkeiten
zur Telekommunikationsüberwachung. Die
Innenminister treffen sich an
diesem Donnerstag und Freitag zu ihrer
Frühjahrskonferenz in
Bremerhaven. (dpa) /
(anw/c't)

Artikels-URL:
http://www.heise.de/newsticker/meldung/139774

Links in diesem Artikel:


[1]
http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/innenminister-
fuerchten-tatort-internet;2320062

Update 4.7.2009:
5 Years After: Portugal's Drug
Decriminalization Policy
Shows Positive
Results
Street drug–related deaths from overdoses drop and the rate of HIV
cases crashes

By Brian Vastag

In the face of a growing number of deaths and cases of HIV linked to


drug abuse, the Portuguese government in 2001 tried a new tack to get
a
handle on the problem—it decriminalized the use and
possession of
heroin, cocaine, marijuana, LSD and other illicit street drugs. The
theory: focusing on treatment and prevention instead of jailing users
would decrease the number of deaths and infections.

Five years later, the number of deaths from street drug overdoses
dropped from around 400 to 290 annually, and the number of new
HIV cases
caused by using dirty needles to inject heroin, cocaine and other
illegal substances plummeted from nearly 1,400 in 2000 to about 400
in
2006, according to a report released recently by the Cato Institute, a
Washington, D.C, libertarian think tank.

"Now instead of being put into prison, addicts are going to treatment
centers and they're learning how to control their drug usage or getting
off drugs entirely," report author Glenn Greenwald, a former New
York
State constitutional litigator, said during a press briefing at Cato
last week.
Under the Portuguese plan, penalties for people caught dealing and
trafficking drugs are unchanged; dealers are still jailed and subjected
to fines depending on the crime. But people caught using or
possessing
small amounts—defined as the amount needed for 10 days of
personal
use—are brought before what's known as a "Dissuasion
Commission,"
an administrative body created by the 2001 law.

Each three-person commission includes at least one lawyer or judge


and
one health care or social services worker. The panel has the option of
recommending treatment, a small fine, or no sanction.

Peter Reuter, a criminologist at the University of Maryland, College


Park, says he's skeptical decriminalization was the sole reason drug
use
slid in Portugal, noting that another factor, especially among teens,
was a global decline in marijuana use. By the same token, he notes
that
critics were wrong in their warnings that decriminalizing drugs would
make Lisbon a drug mecca.

"Drug decriminalization did reach its primary goal in Portugal," of


reducing the health consequences of drug use, he says, "and did not
lead
to Lisbon becoming a drug tourist destination."

Walter Kemp, a spokesperson for the United Nations Office on Drugs


and
Crime, says decriminalization in Portugal "appears to be working." He
adds that his office is putting more emphasis on improving health
outcomes, such as reducing needle-borne infections, but that it does
not
explicitly support decriminalization, "because it smacks of
legalization."
Drug legalization removes all criminal penalties for producing, selling
and using drugs; no country has tried it. In contrast,
decriminalization, as practiced in Portugal, eliminates jail time for
drug users but maintains criminal penalties for dealers. Spain and Italy
have also decriminalized personal use of drugs and Mexico's president
has proposed doing the same. .

A spokesperson for the White House's Office of National Drug


Control
Policy declined to comment, citing the pending Senate confirmation of
the office's new director, former Seattle Police Chief Gil Kerlikowske.
The U.S. Drug Enforcement Administration (DEA) and the U.S.
Department
of State's Bureau of International Narcotics and Law Enforcement
Affairs
also declined to comment on the report.

Artikel-URL:
http://www.scientificamerican.com/article.cfm?id=portugal-drug-
decriminalization&print=true

Öffentlich-private Partnerschaft für


JVA
Privatisierung im Strafvollzug
Die Anzahl der Gefangenen im deutschen Strafvollzug steigt
beständig,
während die Haushaltsmittel schwinden. Der Ruf nach
Zusammenarbeit
zwischen öffentlicher Hand und privaten Partnern (Public-private
Partnership, PPP) wird lauter.

Gegenwärtig gibt es in Deutschland drei Justizvollzugsanstalten, in


denen in größerem Umfang privatisierte Leistungen vergeben werden.
Bei
diesen teilprivatisierten Haftanstalten handelt es sich um die JVA
Hünfeld in Osthessen, die erste ihrer Art in Deutschland und bereits
seit Anfang 2006 in Betrieb, sowie die JVA Offenburg (erste
teilprivatisierte JVA in Baden-Württemberg) und die JVA Burg (bei
Magdeburg, Sachsen-Anhalt), die beide Mitte 2009 in Betrieb gehen
sollen.
Dienstleistungen aus einer Hand

Mit der Haftanstalt Burg-Madel wird dabei in Deutschland erstmals


ein
ganzheitlich ausgerichtetes PPP-Projekt im Justizsektor realisiert. Für
die Praxis bedeutet dies, dass erstmals über eine langjährige
Vertragslaufzeit der Großteil der nichthoheitlichen Dienstleistungen
und
der Bewirtschaftungsaufgaben an einen Privaten übergeben werden -
von
der Planung über den Bau und die Finanzierung bis zum Teilbetrieb.
Hier
werden neben personellen Leistungen auch Aufgaben der Beschaffung
und
Bewirtschaftung von den privaten Unternehmen übernommen.
Inklusive der
entsprechenden Risiken.
Die JVA Burg bietet in vier Riegelgebäuden Platz für die
Unterbringung
von 500 Häftlingen. (Bild: JVA Burg)

Durch die Kooperationen lassen sich beachtliche Spareffekte erzielen.


Beim Hünfelder Modell wird für die gesamte Laufzeit (fünf Jahre)
von
einer Verringerung der Betriebskosten um 15 Prozent ausgegangen.

Weitere finanzielle Entlastungen werden von einer Steigerung der


Beschäftigungsquote der Gefangenen erwartet, die der private
Kooperationspartner organisiert. Alles in allem wird die
Kostenreduktion
auf 660.000 Euro pro Jahr beziffert. Etwas weniger ist es in
Offenburg.
Neben den Betriebskosten fällt in aller Regel auch die Baumaßnahme
günstiger aus.

Eine Wirtschaftlichkeitsberechnung des sachsen-anhaltinischen


Bauministeriums für die JVA Burg-Madel ergab gegenüber der
Eigenrealisierung einen Barwertvorteil von zwölf Prozent. Diese frei
werdenden Mittel können in andere Projekte fließen.

Genau wie bei sonstigen Dienstleistungsverhältnissen profitiert die


öffentliche Hand zudem davon, dass sie sich auf ihre Kernaufgaben
fokussieren kann. So werden die Bediensteten entlastet und können
sich
auf die originären Sicherungs- und Kontrollaufgaben konzentrieren.
Wichtiger Punkt für den Auftraggeber ist darüber hinaus die
Flexibilität
des Dienstleisters bei hoher Verlässlichkeit in der Dienstorganisation.
So kann die Personalstärke individuell angepasst werden; krankheits-
oder urlaubsbedingte Schwankungen fallen weg, da bei
Personalausfällen
stets qualifizierter Ersatz gestellt werden muss.
Hoher Sicherheitsstandard

In den sensiblen Bereichen ändert sich im Grundsatz nichts. Der


hoheitliche beziehungsweise repressive Kernbereich (Leitung,
Vollzugsplanung, Disziplinarmaßnahmen oder die Überwachung der
Dienstabläufe) bleibt vollständig in staatlicher Hand. Private
Dienstleister dürfen dagegen nur in Bereichen tätig werden, die ohne
Eingriffscharakter gegenüber den Gefangenen sind.

Doch das sind keineswegs nur untergeordnete Hilfsdienste. In


Offenburg
zählt "die Beschäftigung der Gefangenen, das Gebäudemanagement
mit
Reinigungsdiensten, das Versorgungsmanagement mit Küche,
Wäsche,
Gefangeneneinkauf und Telefonie, das Betreuungsmanagement mit
medizinischer Versorgung, Sozialdienst, psychologischem Dienst,
Freizeit
und Sport sowie die Schule mit Hauptschulkurs und beruflicher
Ausbildung
nebst Arbeitstherapie" zu den nicht-hoheitlichen Aufgaben. Aber auch
Teilbereiche des Bewachungsmanagements, beispielsweise
Monitorarbeitsplätze für die Videoüberwachung sensibler
Anstaltsbereiche
und Fahrdienste, könnten ohne weiteres auf Private übertragen
werden,
geht aus einer Pressemitteilung des baden-württembergischen
Justizministeriums hervor.

So summieren sich die privaten Dienstleistungen in Offenburg auf


rund 40
Prozent, wie der Pressesprecher des baden-württembergischen
Justizministeriums, Oberstaatsanwalt Stefan Wirz, verdeutlicht. In
absoluten Zahlen: Die Firma Kötter Justizdienstleistungen GmbH
wird nach
Angaben ihres Referenten für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit,
Carsten
Gronwald, bis zu 100 Mitarbeiter einsetzen, während 120 Stellen von
Vollzugsbediensteten des Landes besetzt werden.
Blick über die Grenze

Im Gegensatz zu anderen Ländern wie Großbritannien wäre eine


völlige
Privatisierung in Deutschland ohne Verfassungs- und
Gesetzesänderungen
(Strafvollzugsgesetz) gar nicht möglich. Rechtspflege und Justiz
gehören
zum Kernbereich staatlicher Aufgabenwahrnehmung, der - Artikel 33
Absatz
vier und fünf Grundgesetz - nicht privatisierungsfähig ist.

Klaus Henning Glitza


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