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I.

Literarische Einordnung des Malte Laurids Brigge

Auf dem ersten Blick lässt sich Malte Laurids Brigge unschwer in die Geschichte des
modernen Romans einordnen.Die konstitutiven Aspekte des Malte, seine fragmentarische
Form, das Fehlen einer chronologischen Handlung, das Zurücktreten der äußeren Realität
zugunsten eines einzelnen Bewusstseinsall das sind Eigenschaften, die für den Roman
des 20. Jahrhundert überhaupt charakteristisch sind.
Die Modernität des Werks beruht einerseits auf inhaltlichen Aussagen, in denen
beispilsweise das Bewusstsein von der "Existenz des Entsetzlichen" zum Ausdruck
kommt, das sich unwillkürlich im Menschen niederschlägt, denn "alles, was sich an Qual
und Grauen begeben hat (...): alles das besteht auf sich und hängt, einversüchtig auf alles
Seiende, an seiner schrecklichen Wirklichkeit".
Andererseits hat Rilke mit einer bis dahin unbekannten Konsequenz die herkömmliche
Form des Epischen aufgehoben und literarisches Neuland erschlossen.
Rilkes Werk formiert den Beginn einer Betrachtung der Wirklichkeit, die in Zügen an
den zur gleichen Zeit schreibenden Franz Kafka und den späteren James Joyce erinnert,
wenngleich in Technik und Darstellung doch gänzlich verschieden.
Ein Begriff, den Ziolkowsky für Joyces, erstmals jedoch bei Schnitzler 1vorfindbaren
Bewusstseinsstrom (stream of consciousness)2 prägte, darf auch auf Rilke angewandt
werden:Die Welt wird zur" Epiphanie"3, zur Offenbarung und zum Immerschon
Offenbartsein in all ihrem Elendallein das Schauen ist zu lernen:
"Denn das ist das Schreckliche, dass ich sie erkannt habe.Ich erkenne das alles hier, und
darum geht es so ohne weiteres in nicht ein:es ist zu Hause in mir."
Die Schaffenskrise, die Rilke nach Beendigung des Malte erlebte, ist nur ein Zeichen
unter anderen für sein problematisches Verhältnis zu diesem Buch. Denn mehr als alle
anderen Werke Rilkes ist Malte Laurids Brigge mit seinem eigenen Leben eng verknüpft.

1
Österreichischer Erzähler und Dramatiker.Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Wiener
Moderne.
2
Der Begriff ist eigentlich eine Metapher auf ein literarisches Vervahren.Der Autor versucht, die
Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle und Reflexionen einer Erzählfigur subjektiv so wiederzugeben wie
sie ins menschliche Bewusstsein fließen.
3
Unvermutete Erscheinung oder Selbstoffenbarung einer Gottheit vor der Menschen.

1
Mit der Frage, inwiefern der Autor mit seiner Hauptgestalt zu identifizieren sei, hat sich
Rilke in seinem Briefwechsel mit Freunden und Bekannten wiederholt
auseinandergesetzt.
Das Verhältnis eines Autors zu seinem Werk kann kaum problematischer sein, als
Rilkes Verhältnis zu Malte Laurids Brigge, dessen Protagonist in seiner Funktion als alter
ego des Autors zugleich dessen Wunschträume wie auch dessen Selbstkritik verkörpert.
Um dieser Problematik näher zu kommen, lohnt es sich, den MalteRoman mit anderen
quasiautobiographischen Romanen des frühen 20.Jahrhundert zu vergleichen: etwa mit
Joyces "Portrait of the Artist as a Young Man" oder Musils "Verwirrungen des Zöglings
Törleß."In beiden Fällen lassen die Autoren keine Zweifel über ihr Verhältnis zum
jeweiligen Romanprotagonisten aufkommen.

II. Entstehung der Aufzeichnungen

Über die Entstehungsgeschichte der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge


wissen wir immer noch sehr wenig.
Gewissheit besteht nur über ihren Anfang und ihr Ende: Rilke beginnt seinen Roman im
Februar 1904 in Rom und beendet das Diktat der letzten Fassung am 27. Januar 1910 in
Leipzig im Haus seines Verlegers Anton Kippenberg.
Die Aufzeichnungen erscheinen am 31. Mai 1910.
Alles, was sich mit einiger Sicherheit ermitteln lässt, sind die fünf Hauptphasen von
Rilkes Arbeit an Malte.Ihnen geht, sozusagen als Inkubationszeit, der erste Paris
Aufenthalt voraus: Rilke war am 26. August 1902 aus Westerwede nach Paris abgereist,
um eine Monographie über den Bildhauer August Rodin zu erarbeiten.
Mit der Reise nach Paris endete der erste und einzige Versuch Rilkes, eine bürgerlich
familiäre Existenz zu führen: Am 28. April 1901 hatte er die junge Bildhauerin Clara
Westhoff geheiratet. Ende Mai bezog das Paar ein Bauernhaus in Westerwede, am 12.
Dezember wurde die Tochter Ruth geboren.
Rilke hat also Paris bewusst gewählt, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen,
und es erwies sich als eine schwere Wahl. Im Frühjahr 1903 flieht Rilke, von Krankheit

2
geplagt, für eineige Wochen ins italienische Viareggio; dort entsteht, als erster Versuch
einer Verarbeitung der Großstadterfahrung, der dritte Teil des Stunden Buchs. Ein zweiter
Verarbeitungsversuch setzt noch in Paris ein und wird den ganzen Sommer hindurch in
einer Reihe langer Briefe an Lou Salomé, die ehemalige Geliebte und lebenslange
Ratgeberin in allen Existenzkrisen, fortgesetzt. In diesen Briefen werden wesentliche
Passagen der Paris gewidmeten Aufzeichnungen mehr oder weniger detailliert
vorentworfen.
Die wirkliche Arbeit am Roman aber beginnt erst während Rilkes RomAufenthalt,
10. September 1903 bis 9. Juni 1904.
Eine zweite Arbeitsphase ist für den dritten ParisAufenthalt (31. Mai 190730.
Oktober1907) zu vermuten
Die dritte Arbeitsphase beginnt so wohl erst im September 1908 und reicht bis Mitte
Februar 1909; Ort ist wieder einmal Paris, die Schicksalsstadt der Aufzeichnungen, wo
sich Rilke zw. dem 1.Mai 1908 und 8. Januar 1910 hauptsächlich aufhält.
Die vierte Arbeitsphase beginnt vermutlich erst spät in der zweiten Jahreshälfte 1909,
wahrscheinlich sogar erst nach der AvignonReise, von der Rilke am 8. Okt. nach Paris
zurückkehrt.
Unmittelbar darauf folgt die uns bereits bekannte fünfte und letzte Arbeitsphase: das
Diktieren und Redigieren der Druckvorlage in Leipzig.

III. Warum entschloss sich Rilke für die Form der Aufzeichnungen?

Die Wahl der geeigneten Form war offenbar schwierig, wie die Abwendung vom
ursprünglichen ErErzähler beweist. Rilke entschloss sich stattdessen für die Form der
Aufzeichnungen.
Diese läßt von vornherein Offenheit zu: Aufzeichnungen können ungeordnet sein,
sie dürfen aus allem, was erlebt, gefühlt oder gedacht wurde, auswählen, müssen nicht in
einem raumzeitlichen oder logischen Zusammenhang entwickelt werden, sind an keine
von außen festgelegte Systematik gebunden. Auch inhaltlich läßt die Form Freiheit zu:
subjektive Wahrnehmung, persönliche Einschätzung oder einfache Nennung ohne

3
Kommentar und ohne Vollständigkeit sind "legitim", der Leser mag selbst mitdenken,
Zusammenhänge herzustellen versuchen, Notwendiges ergänzen. Aufgezeichnet wird,
was dem Schreibenden wesentlich ist, möglicherweise aber auch, was ihn gerade
beschäftigt. Aufzeichnungen müssen sich nicht an aktuelle Beobachtungen halten; sie
können zwanglos Vergangenes heraufholen, sich von Assoziationen tragen lassen,
Kontraste erkennen oder als Einfälle konstruieren. Die Möglichkeiten sind zahllos, und
Rilke bedient sich ihrer ausgiebig.
Er entwickelt damit eigentlich noch nichts Neues, denn Tagebuchaufzeichnungen
haben eine bis in die Renaissance zurückreichende Tradition. Aber Rilke benützt die
Form sehr konsequent, er verzichtet auf ein äußerlich zielgerichtetes Geschehen, und wir
erfahren nicht einmal, ob der Schreibende überlebt. Nicht nur in dieser Hinsicht läßt der
Roman die Interessen des Lesers außer acht.
Die Aufzeichnungen beginnen wie ein Tagebuch. Die erste Eintragung ist datiert und
mit Rilkes eigener Pariser Adresse versehen: "11.September, rue Toullier".Weitere
Datierungen aber fehlen, die für ein Tagebuch typische chronologische Reihenfolge läßt
sich nicht mehr erkennen. Eine besondere Eigenart der Aufzeichnungen, die ebenfalls das
Leseverständnis nicht gerade erleichtet, ist ein Verfahren, das man als
Aussparungstechnik bezeichnen könnte.

IV. Form und Aufbau

Das Werk besteht aus 71 Aufzeichnungen, die oftmals Prosagedichten ähneln und
meist unverbunden aufeinander folgen.
Rilke selbst nannte das Werk stets "Prosabuch" und niemals Roman.
Die Aufzeichnungen haben einen bewusst fragmentarischen und tagebuchähnlichen
Charakter, und sie besitzen auch keinen durchgehenden Handlungsstrang. Dennoch sind
sie durch die inneren Konflikte Maltes verbunden.
Die fragmentarische Form der Aufzeichnungen und die absolut subjektive Darstellung
kreieren einerseits äußerste Authentizität und Intensität, andererseits erschweren sie dem
Leser den Zugang und das Verständnis. Die Form entspricht jedoch dem Inhalt,

4
unterstreicht die Einsamkeit Maltes und zeigt seinen Zerfall sowie sein Problem, das
Leben und seine eigene Person fassen zu können.

V. Themenkreise

Trotz der fragmentarischen Form der Aufzeichnungen lassen sich doch einige
Themenschwerpunkte feststellen: Tod und Krankheit, Angst und Verzweiflung, Armut
und Elend, Schicksal und Leben, Identitat und Rollen, Liebe und Einsamkeit, der
einzelne Mensch und Gott.
Malte nimmt sich vor, all diese Komplexe neu zu durchdenken und für sich verständlich
zu machen.

VI. Motive in dem Roman

In dem Roman können wir zwei wictige Motive finden: das Motiv des
Mißvergnügten und das StadtMotiv.
Der Begriff der Unvergnügtheit4 taucht schon im 16. Jahr. als Negation, als Mangel an
Gnügen auf, der im 18. Jhr. die Bedeutung von Unzufriedenheit annimmt. Seit 1678 ist
als stärkere Negation auch Mißvergnügen bezeugt, das im Sprachgebrauch der Zeit
Unzufriedenheit nicht nur mit den Verhältnissen, sondern mit dem Leben überhaupt,
fehlende innere Ruhe und Befriedigung meint; die psychologische Komponente tritt
dabei zunehmend in Erscheinung: mangelnde Freude, Verdrießlichkeit.
Rilkes Malte, dessen Kindheitseindrücke und Manneserlebnisse von einem ähnlichen
Gefühl der Bedrohtheit durch die Wirklichkeit zeugen, ist ein Nachfahr Niels Lyhnes5
und seiner Tatschwäche; der Roman bedeutet Gestaltung und zugleich Überwindung der
Dekadenz6.
Das StadtMotiv in der Dichtung bedeutet von Beginn an eine Auseinandersetzung
mit der kulturellen und zivilisatorischen Leistung des Menschen.

4
Elisabeth Frenzel:Motive der Weltliteratur ,Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1999.
5
Ein Werk von Jens Peter Jacobsendänischer Schriftsteller
6
Kulturelle Niedergang

5
Im Mittelalter, das kaum große Städte kannte, bedeutet die ummauerte Stadt zunächst
Schutz, Sicherheit.
Für den Moralsatiriker Moscherosch wird Paris zur Allegorie der Sittenlosigkeit und des
Verderbens. Diese Kennzeichnung und die entsprechende Funktion im Handlungsgefüge
bleibt der französischen Hauptstadt bis ins 19. Jahr. erhalten.
Mit den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, die durch die Bilder von Krankheit
und "fabrikmäßigen" Tod in Pariser Hospitälern und der Crệmerie einen sich in der
Großstadt vollziehende Wandel der menschlichen Existenz aufzeigen, hat Rilke einen
entscheidenden Schritt zur epischen Etablierung des Motivs getan.

VII.Die Großstadt als Zentrum des Fortschritts

Der Roman beginnt in Paris der Wende des 19. auf das 20. Jahrh..Hier beginnen die
Aufzeichnungen des Malte, der die zu dieser Zeit drittgrößte Stadt der Erde vorfindet
inmitten eines Prozesses der Industrialisierung. Diese bringt sowohl Glanz, als auch
Elend, die beide nicht beieinander liegen können.
Der Fortschritt beruht auf der Technisierung, der in der damaligen Zeit oft mit
Anonymität und einer größer werdenden Disparität7 zw. Arm und Reich assoziert wurde:
" So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich
hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen
gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das
ersparte mir den Rest. Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer an
einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie um sich zu
überzeugen, ob sie noch da sei. Ja, sie war noch da. Dahinter? [...] Die Gasse begann
von allen Seiten zu riechen. Es roch, soviel sich unterscheiden ließ, nach Jodoform, nach
dem Fett von pommes frites, nach Angst. Alle Städte riechen im Sommer. Dann habe ich
ein eigentümlich starblindes Haus gesehen, es war im Plan nicht zu finden, aber über der
Tür stand noch ziemlich leserlich: Asyle de nuit. Neben dem Eingang waren die Preise.
Ich habe sie gelesen. Es war nicht teuer.
Und sonst? ein Kind in einem stehenden Kinderwagen: es war dick, grünlich und hatte
einen deutlichen Ausschlag auf der Stirn. Er heilte offenbar ab und tat nicht weh. Das
Kind schlief, der Mund war offen, atmete Jodoform, pommes frites, Angst. Das war nun
mal so. Die Hauptsache war, daß man lebte. Das war die Hauptsache."

7
Verschiedenheit, Ungleichheit

6
Rilke beschreibt synästhetisch den Geruch der Armut, des Elends und des Sterbensund
der Angst, mit der der Einzelne nicht nur auf diese Metropole schaut, sondern auch auf
die darin darin lebenden Menschen und ihren Antrieb:"Jodoform ,pommes frites, Angst",
Sinnbilder für Krankheit, Überlebenskampf.
Dies sind die Gerüche der Stadt, und sie scheinen den Betrachter zu umzingeln ("Die
Gasse begann von allen Seiten zu riechen").

VIII. Rolle des "Schreibens" und "Sehens"

" Schreiben " ist für Malte neben der Erinnerung ein weiterer Weg, ein notwendiger
Vorgang in einer Situation der bedrängenden Unsicherheit. Schreibend die neue
Wirklichkeit entstehen zu lassen, dem för gewöhnlich Unsichtbaren sichtbar Gestalt zu
geben, wird die Aufgabe, die er zu" leisten" hat. Dazu muss er sich aber weiterhin dem
"Elend" aussetzen, er musswie Rilke es bei Rodin gelernt hat "sehen"lernen. "Sehen"
ist ein Zentralwort in diesen Aufzeichnungen. Damit ist nicht einfach die rezeptive
Haltung des Wahrnehmens gemeint."Sehen" ist ein aktiver Vorgang und bedeutet das
Durchdringen der Weltoberfläche und zugleich die Erfahrung der Reaktion seines Inneren
darauf."Ich lerne sehen" heißt also auch das Bewusstwerden dieses eigenen Inneren."Ich
weiß nicht, woran es liegt, es geht allestiefer in mich ein(...)Ich habe ein Inneres, von
dem ich nicht wußte". Und nur das, was von außen auf dieses Innere trifft, weil es "zu
Hause in ihm"ist, ist von Bedeutung. Die Stelle mit dem Gemüsehändler entspricht ganz
und gar diesem Verständnis vom "Sehen":
"Habe ich schon gesagt, daß er blind war?Nein?Also er war blind. Er war blind und
schrie.(...)Ich habe einen alten Mann gesehen, der blind war und schrie. Das habe ich
gesehen. Gesehen."

7
Bibliographie:

Rilke, Rainer Maria : Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Kommentierte
Ausgabe. Herausgegeben und kommentiert von Manfred Engel, Philipp Reclam
jun.GmbH & Co., Stuttgart, 1997.

Frenzel, Elisabeth: Motive der Weltliteratur, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart, 1999.

Leiß, Ingo und Stadler, Hermann: Deutsche Literaturgeschichte, Band 8. Wege in die
Moderne 1890-1918, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1997.

Žmegač, Viktor: Kleine Geschichte der deutschen Literatur. Von den Anfängen bis zur
Gegenwart. Lizenzausgabe des Cornelsen Verlag, Berlin, 1993.

Wetzel, Christoph: Lexikon der Autoren und Werke, Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 1986.

Rothman, Kurt: Kleine Geschichte der deutschen Literatur, Philipp Reclam jun.GmbH &
Co., Stuttgart, 1985.

Internetquelle:

www.wikipedia.de