Sie sind auf Seite 1von 8

vorwärts

N I EDERSAC HSEN

J U L I 2 0 0 9 | W W W. S P D - N I E D E R S A C H S E N . D E

EDITORIAL
GUTE GRÜNDE
FÜR RABATZ
Selbstbestimmtes Lernen und Leben statt Leistungsdruck und
Konkurrenzkampf
Von Gabriele Andretta

LIEBE GENOSSINNEN,
LIEBE GENOSSEN,
die schwere Krise wirkt sich nicht nur
auf Arbeitsplätze, Wirtschaft und
Finanzen aus. Nein, sie stellt auch unser
gesellschaftliches Gefüge auf harte
Proben. Offenkundig schlagen die
Folgen von Gier, Verantwortungslosig-
keit und Spekulantentum weiter Teile
der internationalen Finanzwelt schwere »
Wer Atomkraft-
Wunden in die Volksseele. Vielen
Menschen geht das Wohlgefühl in der
werke länger
Farbig und phantasievoll gegen das Bildungssystem der Kaiserzeit. Foto: lopo
Gesellschaft verloren. Wir Sozialdemo-
laufen lassen will,
kraten müssen deshalb aufpassen, dass
handelt schlicht
10.000 in Hannover, 10.000 in Göttin- letzten Jahre: Danach hat sich ganz im
verantwortungs-
unser Ideal von der solidarischen
Gesellschaft nicht den Bach herunter-
gen, 8.000 in Braunschweig – überall in
Niedersachsen sind Schülerinnen und
Geiste des Lissabon- Wirtschafts- und
Beschäftigungsgipfel von 2000 alles der
los.« Sigmar Gabriel (S. III)
spült. Die wachsende Kluft zwischen Schüler, Studentinnen und Studenten globalen Wettbewerbsfähigkeit unter-
Arm und Reich, Kinderarmut oder für eine bessere Bildung auf die Strasse zuordnen. Was zählt ist allein die
geringe Wahlbeteiligung sind gegangen. Studierende forderten die Beschäftigungsfähigkeit und Mobilität
Symptome einer Gesellschaft, die sich Abschaffung von Studiengebühren, den als Instrumente zur Stärkung der Stand- Unsere Kandida-
entsolidarisiert. Unsere Politik steht Ausbau von Studienplätzen und die ortposition in der mittlerweile globalen tinnen und
nicht dafür, dass jeder sich selbst der Abschaffung der neuen Bachelor- und Konkurrenzwirtschaft. Kandidaten für
Nächste ist. Im Gegenteil – soziale Master-Studiengängen in ihrer jetzigen In dieser Logik hat Ausbildung ein- den Bundestag.
Gerechtigkeit ist für uns mehr als ein Form und kritisierte die Verschulung des seitig wirtschaftlichen Zwecken zu die- Folge 1 (S. IV)
Schlagwort. Es heißt Kampf um Studiums. Der Protest der Schüler richte- nen. Zeitökonomie, effiziente Nutzung
Arbeitsplätze, gute Bildung für alle,
gute Pflege im Alter, Starke schultern
te sich gegen das gegliederte Schulsy-
stem und die Verkürzung der Schulzeit
von Humankapital, Arbeitsmarktmobili-
tät und Beschäftigungsfähigkeit sind
»
Altlastensanie-
mehr als Schwache, Reiche zahlen für das Abitur auf zwölf Jahre. Sie forder- die neuen Leitlinien zur Umgestaltung rung nicht auf
mehr Steuern als Normalverdiener. ten zudem mehr Lehrkräfte und kleinere des Bildungssystems. Bildungs- und Kosten der Kom-
Euer
Klassen. Worum es ihnen im Kern geht,
formulierten sie in ihrem bundesweiten
Lernzeiten werden zeitlich verdichtet.
Die Stärkung der frühkindlichen Bildung
munen. « Axel Priebs (S. VI)
Aufruf: »Selbstbestimmtes Lernen und durch frühere Einschulung, Abitur nach
Leben statt starrem Zeitrahmen, Lei- 12 Schuljahren wie auch kürzere Studien-
stungsdruck und Konkurrenzdruck«. zeiten durch die Einführung des Bache-
Damit richtete sich ihre Proteste lors sind Belege hierfür. Jetzt wieder im
nicht nur gegen eine Politik, die zu wenig Doch damit nicht genug. Es wurden Niedersachsen-vorwärts:
Geld für Schulen und Universitäten aus- nicht nur die Regelstudienzeiten für die »TiL – Themen im Landtag«
Garrelt Duin gibt. Sie wehrten sich auch gegen den (Mittelteil Seiten 1–4)
Landesvorsitzender Leitgedanken der Bildungsreform der Fortsetzung auf Seite 2
II NIEDERSACHSEN 07/2009 vorwärts

Fortsetzung von Seite 1

Mehrzahl der Studierenden verkürzt,


zukünftig sollen nur noch eine Minder-
heit begabter Studierender einen zwei-
ten Studienzyklus besuchen. Der Zugang
zum Masterstudium wurde streng regle-
mentiert. Zudem sollten die Studiengän-
ge näher an die Arbeitsmärkte herange-
führt und die Zahl der Studienabbrecher
reduziert werden. Es kam aber anders,
das verschulte Studium produzierte noch
mehr Studienabbrecher als das alte
System und die Mobilität der Studieren-
den nahm nicht zu, sondern ab. Eine
Reform der Reform ist also dringend
geboten. Dabei geht es nicht darum, die
neue Studienstruktur wieder abzuschaf-
fen, sondern die Verschulung durch län- Solidarische Mittagspause: Die SPD-Landtagsabgeoirdneten Frauke Heiligenstadt, Dörthe
gere Studienzeiten und flexiblere Studi- Weddige-Degenhard und Claus Peter Poppe (v.r.) Foto: lopo
enordnungen zurückzunehmen. Für ver-
tiefte Auseinandersetzung mit Studien- duzieren zu viele Verlierer, vor allem bei es nicht halbherziger Reparaturmaßnah-
inhalten muss mehr Zeit zur Verfügung Migranten, Behinderten und sozial men sondern grundlegender Reformen.
stehen. So war es auf einigen Transpa- Benachteiligten. Jeder fünfte junge CDU und FDP fürchten diese wie der
renten auch richtig zu lesen »Die Dialek- Mensch geht von der Schule ohne richtig Teufel das Weihwasser, das zeigen die
tik von Adorno verträgt keine Hektik.« lesen und rechnen zu können. In keinem politischen Reaktionen auf den Bil-
Die neuen Studienstrukturen sind anderen Land werden die Bildungs- und dungsstreik. Während Gewerkschaften,
jedoch nur ein Problem. Der eigentliche Lebenschancen eines Menschen so sehr SPD, Schulen und Hochschulpräsiden-
Systemfehler unserer Bildungseinrich- von seiner sozialen Herkunft bestimmt. ten Forderungen der Streikenden unter-
tungen liegt tiefer: Unsere Schulen pro- Um diese Probleme anzugehen, bedarf stützen, forderte die niedersächsische
Junge Union hartes Durchgreifen der
Polizei gegen die Demonstranten und
die Bundesbildungsministerin Schavan
maßregelte die Proteste der Schüler und
Studenten als »gestrig«. Gestrig ist aber
eine Bildungspolitik, die durch soziale
Ausgrenzung versucht Privilegien der
oberen Klassen zu schützen. Genau dar-
um geht es aber denjenigen, die das
gegliederte Schulsystem der Kaiserzeit
verteidigen. ■

ROTE LATERNE BEIM


KITA-ANGEBOT
Landesregierung muss bei frühkindlicher Bildung endlich aus dem Knick kommen.
Von Caren Marks

Niedersachsen wird auch in Zukunft von Bundesmitteln bedeutet dies: Weni- in der Tagespflege, die bundeseinheitlich
Caren Marks ist familienpoli- bundesweit die rote Laterne beim Kita- ger Plätze für unter Dreijährige in Nie- geregelt werden muss. Außerdem muss
tische Sprecherin der SPD- Angebot halten. Nachdem die Landesre- dersachsen. die frühkindliche Bildung in Zukunft völ-
Bundestagsfraktion. gierung lange Zeit versucht hat, die Ver- Gute Bildung für alle beginnt im Kita- lig gebührenfrei sein. Auch daran wird
antwortung für den Ausbau der Kinder- Alter. Deshalb hat die SPD-Bundestags- sich der Bund beteiligen.
betreuung auf die Kommunen und den fraktion dafür gesorgt, dass es ab 2013 Die Voraussetzungen für eine ange-
Bund abzudrücken, schludert sie nun bei einen Rechtsanspruch für jedes Kind auf messene Kinderbetreuung sind auf Sei-
Impressum
Herausgeber: SPD Niedersachsen der Inanspruchnahme der Finanzmittel Bildung und Betreuung vom ersten ten des Bundes gegeben. Jetzt ist Herr
Verantwortlich: Michael Rüter des Bundes. Geburtstag an gibt. Ziel ist das Recht auf Wulff in der Verantwortung. Er muss bei
Redaktion: Lothar Pollähne,
Katrin Reich, Sebastian Schumacher Bislang beteiligt sich das Land nur Ganztagsbetreuung. Als nächste wird der frühkindlichen Betreuung endlich
Anschrift: Odeonstraße 15/16 mit einem symbolischen Anteil von fünf sich die SPD um die Verbesserung der aus dem Knick kommen. Das Land Nie-
30159 Hannover
E-Mail: lopo.vorwaerts@gmx.de Prozent an den anfallenden Investitions- Qualität in der frühkindlichen Bildung dersachsen darf die Kommunen bei der
Layout & Satz: Anette Gilke kosten. In Kombination mit schlampiger kümmern. Dazu gehört eine bessere Per- Kinderbetreuung nicht länger im Regen
mail@AnetteGilke.de
Verwaltungsarbeit bei der Weitergabe sonalausstattung in Krippen, Kitas und stehen lassen. ■
07/2009 vorwärts NIEDERSACHSEN III

LEHREN AUS DEM


ASSE-ATOM-DEBAKEL
Wer Atomkraftwerke länger laufen lassen will, handelt einfach verantwortungslos
für kommende Generationen.
Von Sigmar Gabriel

suchen. So etwas nennt man im Sigmar Gabriel,


gewöhnlichen Leben Feigheit. Bundesminister für Umwelt,
Nach der Bundestagswahl wird es Naturschutz und Reaktor-
für die SPD darum gehen, ein offenes sicherheit
Verfahren zur Endlagersuche zu star-
ten. Länder wie die Schweiz machen
uns vor, wie das geht. Außerdem wird
die SPD durchsetzen, dass die Atom-
konzerne an den Milliardenkosten für
die Sanierung der Asse und des alten
DDR-Endlagers Morsleben beteiligt
werden. Denn in Morsleben ist mehr
Müll aus west- denn als aus ostdeut- »
Die Asse ist
schen AKWs eingelagert worden. Wäh-
kein bedauerlicher
rend Union und FDP wollen, dass die
Steuerzahler für die Sanierung auf-
Betriebsunfall. «
Sigmar Gabriel
kommen, wollen wir einen Teil der
gigantischen Gewinne der Energiever-
sorger abschöpfen – so steht’s auch im
Regierungsprogramm.
Wir müssen aus dem Asse-Debakel
Atomare Versuchsendlagerung im suppenden Salz Foto: BfS lernen: Wer jetzt immer noch Atom-
kraft als »Bioenergie« verniedlicht und
Fast täglich müssen wir in den Zeitun- Schon im September 2006 hat das Bun- die alten Atomkraftwerke länger lau-
gen neue Meldungen über Versäum- desumweltministerium ein Konzept fen lassen will, handelt schlicht verant-
nisse derjenigen lesen, die früher für für eine transparente, ergebnisoffene wortungslos. ■
das Atommülllager Asse II bei Wolfen- Suche nach einem Endlager für hochra-
büttel verantwortlich waren: Nicht nur, dioaktiven Atommüll vorgelegt. Denn
dass das Bergwerk einsturzgefährdet eins ist klar: Wir brauchen ein solches
ist und täglich 12.000 Liter Wasser ein- Endlager. Es wäre unverantwortlich,
dringen – offenbar wurden dort neben die Hinterlassenschaften der Atomin-
schwach und mittelradioaktiven Atom- dustrie einfach nach Sibirien zu karren.
müll auch Rückstände aus Pflanzen- Wir brauchen ein Endlager, das nicht
schutzmitteln und Tierkadaver einge- auf politischen Vorgaben fußt, sondern
lagert. das nach wissenschaftlichen Kriterien
Es ist allerhöchste Zeit, dass die Vor- als der am Besten geeignete Standort
gänge um die Asse endlich aufgeklärt ausgewählt wurde. Leider haben sich
werden. Und deshalb begrüße ich es, Union und FDP verweigert. Sie wollen
dass der niedersächsische Landtag sich auf Gorleben festlegen, ohne Alter-
dazu einen Untersuchungsausschuss nativen auch nur geprüft zu haben. Am
eingesetzt hat. In den nächsten Wochen lautesten nach der Verlängerung der
und Monaten werden die Hintergrün- AKW-Laufzeiten schreien die Minister-
de des wohl größten Umweltskandals präsidenten aus Bayern und Baden-
der Bundesrepublik so gut es geht auf- Württemberg – sie wollen, dass in
geklärt werden. Deutschland noch mehr Atommüll
Zugleich müssen wir aber auch produzieren wird. Aber gerade die
nach vorne schauen. Denn die Asse ist haben »njet« gesagt, als es darum ging,
eben nicht – wie CDU und FDP glauben auch bei ihnen nach einem Standort zu
machen wollen – ein bedauerlicher
»Betriebsunfall«. Die Asse zeigt was
passieren kann, wenn die Politik sich LETZTE MELDUNG
willfährig den Interessen der Atomlob- »Die Behauptung, die Asse sei ein reines
by unterwirft. Und sie macht deutlich, Forschungsbergwerk gewesen, ist erstun-
dass man bei der Endlagerung von ken und erlogen. Jahrelang ist dort illegal
Atommüll so sorgfältig wie irgend eingelagert worden. Da hat eine dreiste
möglich vorgehen muss. Bande agiert.« Sigmar Gabriel Salzbergwerk Asse: Einfahrt in‘s strahlende Chaos Foto: BfS
IV NIEDERSACHSEN 07/2009 vorwärts

UNSERE KANDIDATINNEN UND


KANDIDATEN FÜR DEN BUNDESTAG
In dieser und den folgenden zwei Ausgaben des Niedersachsen-vorwärts stellen wir unsere Bundestagskandidatinnen
und -kandidaten aus den Wahlkreise (WK) vor.

WK 53 | Goslar-Northeim-Osterode WK 30 | Cuxhaven-Stade II WK 26 | Leer/Nördliches Emsland


Dr. Wilhelm Priesmeier Thurid Küber Keno Borde
An der Lehmkuhle 5 SPD-Geschäftsstelle Cuxhaven van-Dieken-Str.8
37586 Dassel-Mackensen Karl-Olfers-Platz/Poststraße 26817 Rhauderfehn
Telefon 05564.2009211 27472 Cuxhaven Telefon 04952.81876
wilhelm.priesmeier@wk.bundestag.de Telefon 0151.54613643, Fax 04721.52153 Keno.Borde@uni-oldenburg.de
www.wilhelm-priesmeier.de info@thurid-kueber.de www.Keno-Borde.de
www.thurid-kueber.de

WK 42 | Hannover-Nord WK 39 | Landkreis Osnabrück WK 38 | Lüchow-Dannenberg – Lüneburg


Kerstin Tack Rainer Spiering Hiltrud Lotze
Kranckestraße 1 Frankfurter Straße 122 Barckhausenstraße 18
30161 Hannover 49214 Bad Rothenfelde 21335 Lüneburg
Telefon 0511.669426 Telefon 0541. 5012088 Telefon 04131.732222, Mobil 0170.5327756
Kerstin.Tack@Hannover-Rat.de spd@rainer-spiering.de info@hiltrud-lotze.de
www.kerstin-tack.de www.rainer-spiering.de www.hiltrud-lotze.de

WK 50 | Salzgitter – Wolfenbüttel – Vorharz WK 31 | Stade I – Rotenburg II WK 49 | Hildesheim


Sigmar Gabriel Dr. Margrit Wetzel Bernhard Brinkmann
Büro WF: Bahnhof 1c, Tel. 05331-904208, Rotdornweg 14 Pfarrer-Hottenrott-Str. 23
sigmar.gabriel@wk.bundestag.de 21640 Horneburg 31174 Schellerten
Büro SZ: A.d. Windmühle 2b, Tel. 05341-8598846, Telefon 04163.823333 Telefon 0171.2208002
sigmar.gabriel.lt@bundestag.de margrit.wetzel@wk.bundestag.de bernhard.brinkmann@wk.bundestag.de
Büro GS: Bäckerstraße 23/24, Tel. 05321-709817, www.margritwetzel.de www.bernhard-brinkmann.de
sigmar.gabriel@wk2.bundestag.de
www.sigmar-gabriel.de
07/2009 vorwärts NIEDERSACHSEN V

DIE GESUNDHEITSREFORM
IST VERFASSUNGSGEMÄSS
Auch die private Krankenversicherung muss eine soziale Verantwortung übernehmen

Von Carola Reimann

Das Urteil des Bundesverfassungsge- verlier t, hat ein Recht darauf, seine teren Nachdruck verliehen. Das Urteil
richts zur privaten Krankenversiche- pr iv ate K r a n ke nve r sic he r u n g z u h at aber auc h ei ne u n m it telba re
rung stellt eine wichtige Weichenstel- bezahlbaren Bedingung behalten zu Bedeutung für die privat Krankenver-
lung dar für das Verhältnis zwischen können. sicherten. Im Interesse der Versicher-
gesetzlicher und privater Krankenver- Die Argumentation des Gerichts ten ist es wichtig, dass das Ver fas-
sicherung. Das Gericht hat unmissver- führt unmittelbar zu der Frage, ob die su ngsger ic ht a l le Regelu ngen der
ständlich klar gestellt, dass auch die Private Krankenversicherung nicht Gesundheitsreform bestätigt hat, die
Private Krankenversicherung eine sozi- auch konsequenterweise umfassend vor allem den Versicher ten zu Gute
ale Verantwortung übernehmen muss. in die solidarische Finanzierung der kommen. Sie können einen Basistarif
Die privaten Krankenversicherer müs- Gesundheitsleistungen einbezogen wählen, den jede Private Versicherung
sen einen dauerhaften und ausreichen- werden muss. Unser Konzept der Bür- anbieten muss. Sie dürfen dort nicht
den Versicherungsschutz auch in sozi- gerversicherung sieht das vor. Schon abgewiesen oder mit Risikozuschlä-
alen Notsituationen sicherstellen. bei der Diskussion um die Gesund- gen belegt werden. Sie können erst- Dr. Carola Reimann aus
Damit werden das Schutzbedürf- heitsreform 2007 haben wir gefordert, mals auch zu bezahlbaren Bedingun- Braunschweig ist gesund-
nis der Versicherten und die Verant- dass die Private Krankenversicherung gen die Versicherung wechseln und heitspolitische Sprecherin der
wor tung der Unternehmen für ihre in den Finanzausgleich der gesetzli- auch der Bundeszuschuss für versiche- SPD-Bundestagsfraktion
Kunden eindeutig höher bewertet, als chen Krankenversicherung einbezo- rungsfremden Leistungen der gesetz-
die Gew inninteressen der Privaten gen werden soll. Die Union hat das lichen Krankenversicherung ist als
K r a n ke nv e r s ic he r u n g. Au c h w e r damals verhindert. Das Verfassungs- ver fassungskonform bestätigt wor-
bedürftig wird, z.B. weil er seine Arbeit gericht hat unseren Forderungen wei- den. ■

URLAUBSLAND NIEDERSACHSEN –
ENDE DER BESCHEIDENHEIT
Niedersachsen muss sein Tourismus-Management besser ausstatten

Von Sven Ambrosy

Der Tourismus ist in Niedersachsen Ferienzeiten von Niedersachsen und


noch vor der Automobilindustrie der den Hauptquellgebieten – insbesonde-
größte Arbeitgeber des Landes. Er sichert re Nordrhein-Westfalen – eine mög-
a l lein 312.000 nicht expor tierbare lichst kurze Zeitspanne umfasst.
Arbeitsplätze und rund 10.000 Ausbil- Zur Stärkung der Zukunftsfähig-
dungsplätze im Bereich der Dienstlei- keit des Tourismusstandortes Nieders-
stung. Durch ihn w ird ein Brutto- achsen ist die Erstellung von Master-
Umsatz von 12,2 Milliarden Euro erzielt. plä nen in den einzelnen Regionen
Niedersachsen hat einen hohen sinnvoll und notwendig.
Attraktivitätsgrad durch die Vielfalt Diese Forderung stellt sich beson-
seiner wunderschönen Reiseregionen ders vor dem Hintergrund der wachsen-
(Inseln und Meer, Marsch und Geest, den Wettbewerbsnachteile der nieder-
Heide und Moor, Berge und Wälder, sächsischen Reiseregionen gegenüber Sven Ambrosy (SPD) ist
Flüsse und Seen, historische Klein- den neuen Bundesländern. In diesem Vorsitzender des Tourismus-
städte und pulsierende Metropolen), Zusammenhang ist eine bessere finan- verbandes Niedersachsen e.V.
die sich einzeln mit ihren Schwer- zielle Ausstattung des Tourismus-Mar- und Landrat des Landkreises
pu n k ten prof i l ieren kön nen. Dazu keting dringend angesagt. Zur Zeit ver- Friesland
beda r f es stä rkerer Unterstützu ng fügt die die TourismusMarketing Nie-
durch die Landespolitik. dersachsen GmbH über ein Budget von
Vorrangig muss die Einrichtung lediglich 2,4 Millionen Euro.
eines eigenen Unterausschusses Tou- Bekanntes Wahrzeichen der Nordseeküste: Der Niedersachsen verfügt über enor-
rismus durch den Niedersächsischen Pilsumer Leuchtturm. Foto: Rico Gilke me Ent w ic k lu ngspoten zia le. Kei n
Landtag sein. Die Landespolitik sollte anderes Bundesland kann eine solche
darauf achten, dass die verschiedenen rismusverband Niedersachsen setzt Vielfalt an Schönheit und Angeboten
Fachinteressen nicht mit der Touris- sich für eine Ausweitung des Sommer- vorweisen. Damit sollten wir selbst-
muswirtschaft kollidieren wie etwa ferienkorridors auf 90 Tage ein und b e w u ss t au f t re te n : Weg m it de r
die Sommerferienregelung. Der Tou- dafür, dass die Überschneidung der Bescheidenheit! ■
VI NIEDERSACHSEN 07/2009 vorwärts

LAND NIEDERSACHSEN BLOCKIERT


SOLIDE ALTLASTENSANIERUNG
Kommunale und private Grundstückseigentümer dürfen nicht länger auf den Kosten der Sanierung
ehemaliger Gewerbeflächen hängen bleiben.
von Axel Priebs

Die Problemlage ist in den meisten Bun-


desländern eine sehr ähnliche – die
Prof. Dr. Axel Priebs, Lösungsansätze aber liegen meilenweit
Vorsitzender der SGK-Region auseinander. Altlasten, von denen eine
Hannover, ist 1. Regionsrat potentielle Gefahr für Mensch und
der Region Hannover Umwelt ausgehen kann, sind gewisser-
und zuständig für Umwelt, maßen das negative Spiegelbild der
Planung und Bauen Industrialisierungsgeschichte der ver-
gangenen 150 Jahre und ein Problem,
mit dem sich nahezu jedes Bundesland,
jede Region und viele Kommunen aus-
einandersetzen müssen.
»
Die Landesregie-
Während aber die überwiegende
Mehrzahl der Bundesländer Solidarme-
rung muss ihre chanismen etablier t haben, die die
Blockade in Sachen finanziellen Belastungen für Altla-
Altlastensanie- stenerkundungen und – sanierungen
rung grundsätzlich auf breite Schultern verteilen und damit
überdenken. «
Prof. Dr. Axel Priebs
der kommunalen Ebene eine wirksame
Unterstützung in Härtefällen anbieten,
herrscht in Niedersachsen Fehlanzeige. Dauerhafter Problemfall: Auch nach Jahren der Sanierung ist die Industriebrache des ehemaligen
Insbesondere der federführende Südbahnhofs in Hannover weiterhin belastet. Foto: lopo
Fachminister Sander hat lange Zeit jed-
weden Handlungsbedarf negiert und Vor dem Hintergrund dieser grundsätz- sichts der knappen Finanzausstattung
sich hinter Förderrichtlinien der EU ver- lichen Problematik und angesichts meh- schon heute deutlich überzeichnet.
schanzt. Redlich ist das nicht, weiß der rerer gravierender Altlastenfälle in der Politischem Druck geschuldete Ad
Minister doch sehr genau, dass die fragli- Region Hannover ist die Forderung nach hoc-Maßnahmen wie diese können
che Richtlinie lediglich bei einer freiwil- einem landesweiten Altlastenfonds langfristiges Handeln im Bereich der
ligen Sanierung zur Wiederherstellung aktueller denn je. Viele vergleichbare Altlastenbearbeitung nicht ersetzen.
von Gewerbeflächen greift. In den zahl- Fälle in ganz Niedersachsen sowohl in Die Landesregierung indes ist nicht
reichen Fällen, in denen die Bodenschutz- den Städten als auch im ländlichen bereit, ihre Blockadehaltung grundsätz-
behörden eine Sanierung anordnen müs- Raum, etwa in den Harz-Flussniederun- lich zu überdenken. Ein Entschließungs-
sen, ohne dass noch ein leistungsfähiger gen, bedeuten gerade für kleinere Kom- antrag der SPD-Landtagsfraktion, in
Verursacher der Altlast herangezogen munen mitunter einen kaum zu bewäl- dem konkrete Vorschläge für die Ent-
werden könnte, laufen die europäischen tigenden Kraftakt. Der in diesem Zusam- wicklung eines Solidarmodells einge-
Bestimmungen hingegen ins Leere. In menhang vom Land im Rahmen des fordert wurden, wurde unlängst mit
aller Regel bleiben die Kosten dann an Konjunkturprogramms eingerichtete schwarz-gelber Mehrheit abgelehnt.
den Kommunen oder den privaten Fördertopf Altlasten ist dagegen nur ein Nachhaltige Umweltpolitik sieht anders
Grundstückseigentümern hängen. Tropfen auf dem heißen Stein und ange- aus. ■

EISENBAHNER
IN DER SPD
Eine Nachlese der Europawahlen stand im
Mittelpunkt der diesjährigen Bezirkskon-
ferenz sozialdemokratischer Eisenbahne-
rinnen und Eisenbahner am 20. Juni 2009
in Hannover. Deren Betriebsgruppen-Vor-
sitzender Konrad Nagel (links sitzend)
wurde für eine weitere Periode im Amt
bestätigt. Vorbereitet wurde die große
Eisenbahnerkonferenz am 18. August
2009 in Braunschweig mit Sigmar Gabriel
und dem TRANSNET-Vorsitzenden Alex-
ander Kirchner. ■
07/2009 vorwärts NIEDERSACHSEN VII

TERMINE DER ORTSTERMIN


BEZIRKSPARTEITAGE
Der ordentliche Parteitag des GARRELT DUIN IN SARSTEDT
SPD-Bezirks Weser-Ems findet am Der Landesvorsitzende der SPD in Nieder-
Sonnabend, 29. August 2009 und sachsen, Garrelt Duin, kam am 13. Juni
Sonntag, 30. August 2009 statt. nach Sarstedt und begeisterte Genossin-
Tagungsort: Nordseehalle Emden. nen und Genossen sowie Schützenfest-
Das Hauptreferat hält Bundes- besucher bei einem politischen Früh-
arbeitsminister Olaf Scholz. schoppen, zu dem Markus Brinkmann
Antragsschluss und Termin (MdL) eingeladen hatte. Um 11.00 Uhr
für die Meldung der Delegierten ist betrat Garrelt Duin das Festzelt und hielt
der 17. Juli 2009 ohne Umschweife eine starke Ansprache,
Weitere Informationen: in der er wahlkampfrelevante sozialde-
www.spd-weser-ems.de mokratische Positionen erklärte, über
den anstehenden Bundespar teitag in
Der ordentliche Parteitag des Berlin informierte und so die Sarstedter
SPD-Bezirk Hannover findet am SPD für den kommenden Wahlkampf
Sonnabend, 31. Oktober 2009 statt. einstimmte. Die SPD Sarstedt bedankt
Tagungsort: Congress Centrum sich herzlich bei Garrelt Duin für die
Wienecke XI, Hildesheimer Straße spontane Zusage zu dieser Veranstaltung
380, 30519 Hannover. und dafür, dass er auch bei SPD-Veran-
Antragsschluss für Gliederungen, staltungen in kleineren Städten sehr
Arbeitsgemeinschaften und engagiert und überzeugend auftritt: …
Projektgruppen ist der eben ein echter Landesvorsitzender! Mar-
18. September 2009. kus Brinkmann ist fest entschlossen, den
Weitere Informationen: politischen Frühschoppen in Sarstedt zu Ein Dankeschön der besonderen Art von Markus Brinkmann für den
www.spd-bezirk-hannover.de etablieren! ■ bekennenden HSV-Fan Garrelt Duin
VIII NIEDERSACHSEN 07/2009 vorwärts

VO RWÄ RTS KU LTU RG UT


VORWÄRTS
RÄTSEL
SCHLOSS OHNE GESCHICHTE
Von Lothar Pollähne
Ruinen waren die Abenteuerspielplätze
meiner Kindheit. Um mich herum war ent-
Darauf waren die deutschen weder nichts oder Gemäuerreste, die zu
Gewerkschaften nicht vorbe- verlockend waren, um eventuell dort ver-
reitet: Die Novemberrevoluti- borgene Schätze Anderen zu überlassen.
on und die Rätebewegung tra- Das größte aufgelassene Gebäude in
fen sie in einer Umbruchphase, Braunschweig war riesig und rußschwarz,
die durch die Brüche innerhalb lag mitten in der Stadt und entzweite die
der deutschen Sozialdemokra- Stadtgesellschaft durch und durch: Das
tie zugespitzt war. Als Ord- Residenzschloss. Wer sich dort hineintrau-
nungsfaktor waren die Ge- te, brauchte keine weiteren Mutproben zu
werkschaften angesichts der bestehen.
gesellschaftlichen Radikalisie- Nach jahrelangen Diskussionen wur-
rung nicht mehr anzusehen. de das Symbol feudaler Pracht 1960 Das Königliche Residenzschloss in Braunschweig 1893.
Vielen Gewerkschaftern war geschleift. Der sozialdemokratisch domi- Foto: Mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Braunschweig
allerdings klar, dass das Mann- nierte Rat der Stadt Braunschweig hatte
heimer Abkommen mit der schließlich alle Alternativen zum Abriss zum Volkshaus auszubauen. Die Nazis Freifläche, ein städtebauliches Nichts.
SPD von 1906 nicht mehr zu verworfen und die Bagger rollten an. Es requirierten das Gebäude schließlich, um Seit 2007 befindet sich am jahrzehnte-
halten war, das eine Verständi- dauerte lange, bis die Reste des einstmali- den SS-Führungsnachwuchs dort auszu- lang umstrittenen Ort ein Etwas: Eine in
gung der beiden Zentralleitun- gen Prachtbaus verschwunden waren, bilden. Viele demokratische Menschen ihrerBeliebigkeitaustauschbareShopping-
gen in wichtigen gesellschaftli- damit am selben Ort ein Volkspark errich- mussten leiden. Im Schloss wurde gefol- Mall, der zur Hauptstraße hin ein Nachbau
chen Fragen vorschrieb. Klä- tet werden konnte. Die Einfriedung des tert und gemordet. der Ottmerschen Schlossfassade vorge-
rung war zur eigenen Positions- Parkarreals hat Generationen von jungen Der Hass vieler Menschen auf den hängt worden ist. Wieder hatten Sozialde-
bestimmung unabdingbar. Menschen zur Mauerschau gedient. bedrohlich wirkenden Ruinenklotz war mokratinnen und Sozialdemokraten zum
Vorgenommen wurde sie auf Sozialdemokratinnen und Sozialde- nachvollziehbar. Wer möchte schon gerne Sturm auf dieses Schloss geblasen. Ohne
dem 10. Kongress der freien Ge- mokraten haben das Schloss immer mit seine ehemalige Folterstätte sehen? Genug- Erfolg. Das einstmals als Volkshaus gedach-
werkschaften vom 30.6– 5.7.1919. Argwohn betrachtet, selbst als es schon tuung trat allerdings nach der Entfernung te Gemäuer ist auferstanden aus Ruinen
Die politischen Meinungs- seit Jahrzehnten verschwunden war. der Schlossruine nicht ein, denn wo einst- als Konsumtempel für die Massen, als
kämpfe der Arbeiter sollten Nachdem die feudalen Herren 1918 vom mals der Prachtbau des Schinkel-Schülers Schloss ohne Geschichte. ■
nicht weiter die Stoßkraft der Arbeiter- und Soldatenrat verjagt worden Carl Theordor Ottmer gestanden hatte, Georg Wagner-Kyora, Schloss ohne Geschich-
Gewerkschaften schwächen, waren, gelang es bis 1933 nicht, das Schloss befand sich nun eine überdimensionierte te, vorwärts buch, Berlin, 2008, 287 S., 19,95
die »zum Brennpunkt der Klas-
senbestrebungen des Proleta-
riats werden (sollten), um den
Kampf für den Sozialismus zum SOZIALKONFERENZ AUF SPUR
»ARMUT BEKÄMPFEN« BLEIBEN
Siege zu führen« hieß es in
einer Resolution von Fritz
Paeplow und Genossen, die der
Kongress nach heftigen Diskus-
DGB Sommer-Radtour für den
sionen mit großer Mehrheit
Mindestlohn
annahm. Damit hatten sich die
Gewerkschaften als politische Vom 10. bis zum 24. Juli 2009 veranstaltet
Kraft neu definiert. Das hatte der DGB seine »Tour de Mindestlohn«. Sie
zur Folge, dass sich die Gewerk- führt von Lingen im Emsland über Emden
schaften auch strukturell er- und Varel nach Stade. Kurz vor der Bun-
neuern mussten. Am letzten Tag destagswahl verstärkt der DGB die Forde-
des Kongresses beschlossen die rung nach einer Lohnuntergrenze und
Delegierten daher die Gründung macht die Menschen auf die unwürdigen
des Allgemeinen Deutschen Arbeitsbedingungen für viele Kollegin-
Gewerkschaftsbundes. Wo fand nen und Kollegen im Lande aufmerksam.
der Gründungskongress statt? Den Startschuss in Lingen gibt der Vorsit-
Zu gewinnen gibt es Michael zende der Gewerkschaft Nahrung-
Schneiders »Kleine Geschichte Die SPD im Bezirk Braunschweig hat das Thema »Entwicklung der Armut in Deutsch- Genuss-Gaststätten (NGG), Franz-Josef
der Gewerkschaften« aus dem land« aufgegriffen. Gemeinsam mit dem DGB und dem Bezirk Braunschweig der Arbei- Möllenberg. Zum Abschluss in Stade ver-
Dietz-Verlag. ■ lopo terwohlfahrt führte sie deshalb am 22. Juni ihre 1. Sozialkonferenz mit dem Thema leiht der Vorsitzende der Vereinten
vorwärts, Odeonstraße 15/16 »Armut bekämpfen« durch. Die Veranstaltung war mit 150 TeilnehmerInnen sehr gut Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di),
30159 Hannover besucht. Vorgestellt wurden zwei Studien über die Entwicklung und die Auswirkungen Frank Bsirske den abgestrampelten Min-
Auflösung aus dem Juni-vor- der Armut, insbesondere auch der Kinderarmut. In einer Podiumsdiskussion mit Vertre- destlohn-Aktivisten das Tourtrikot. ■
wärts war »Der Hessische tern der SPD, der AWO und des DGB sowie einer Vertreterin des Landesverbandes der
Landbote«. Er geht an Christo- Tafeln und zwei Kommunalpolitikern wurden die verschiedenen Apekte der Ursachen Weitere Informationen und Anmeldung
pher Penkuhn in Adenstedt. und der Bekämpfung von Armut diskutiert. ■ unter www.mindestlohn.de