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Selbstbetrachtungen

Geschichte eines Imperators

Von Marcus Aurelius


II
Deutsche Bibliothek in Berlin

Für die Deutsche Bibliothek nach der Übersetzung


von F.C. Schneiderherausgegeben und eingeleitet
von Alexander von Gleichen-Rußwurm

III
Inhaltsverzeichnis
• Einleitung

• Erstes Buch

• Zweites Buch

• Drittes Buch

• Viertes Buch

• Fünftes Buch

• Sechstes Buch

• Siebentes Buch

• Achtes Buch

• Neuntes Buch

• Zehntes Buch

• Elftes Buch

• Zwölftes Buch

IV
Einleitung
Der Philosoph auf dem Kaiserthron gehört zu den
bedeutendsten Männern des ausklingenden
Altertums. Marcus Annius Verus wurde den 25.
April des Jahres 121 n. Chr. Geb. zu Rom geboren
wo seine Familie, seit der Urgroßvater aus Spanien
eingewandert war, sich zu hohem Rang
emporgearbeitet hatte. Sorgfältige Erziehung,
gepaart mit großer Lernbegierde, erschlossen ihm
die Wissenschaft seines Jahrhunderts, die in der
Philosophie den höchsten, in unserem Sinn sogar
den einzigen Ausdruck fand. Schon im zwölften
Jahr nahm der kräftig aufblühende Jüngling den
weißen Mantel und bekundete dadurch, daß er auch
äußerlich zur Kaste der Philosophen gehören wolle.

Streng und ernst gab sich die Weltweisheit des


zweiten Jahrhunderts. Entbehrungen, oft bis zum
Übermaß gesteigert, wie sie später zur typischen
Eigenschaft christlicher Asketen wurden, verlangten
die Anhänger der Stoa und sahen in der Abkehr
von allen Interessen, Zerstreuungen wie Freuden
der Welt die einzig richtige Stellungnahme eines
Weisen den vergänglichen Dingen gegenüber.

Zurückgezogen von seinen Altersgenossen,


vielleicht ein wenig ostentativ in den weißen Mantel
gehüllt, mit den Stoikern Rusticus, Apollonius,
Claudius Maximus in anregend erzieherischem
Gespräch, wandelte der Jüngling durch die stillen
abgelegenen Gärten einer Villa, bis zu deren
Mauern der Lärm der römischen Weltstadt
brandete. Auf Bitten seiner Mutter, die mit Bangen
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bemerkte, daß ihr Sohn unter der Last
selbstauferlegter Entbehrungen blasser und
schmächtiger wurde, stellte er seinen Lebenswandel
auf gesündere Basis und gesellte den geistigen
Exerzitien nützliche, körperliche Übungen. Die
Herrschaft des gesunden Menschenverstandes, die
in den Taten und Schriften des späteren Kaisers so
glücklich zum Ausdruck kommt, beginnt schon in
den Jünglingsjahren, sobald der einseitige Einfluß
allzu strenger stoischer Lebensanschauung
gemäßigt erscheint. Den Anhängern der Stoa treten
als Lehrer zur Seite Claudius Severus, der
Peripatetiker und der Platoniker Sextus aus
Chaeronea, ein Enkel Plutarchs. Epiktets
nachgelassene, von Arrhianos gesammelte Schriften
prägen sich der eindrucksfähigen jungen Seele ein
und wirken bestimmend auf die ethische
Entwicklung des still für sich Heranwachsenden.

Kaiser Hadrian fand Gefallen an dem ernsten,


außerordentlich wahrhaften Philosophenschüler und
veranlaßte im Jahr 136 dessen Verlobung mit der
Tochter seines Mitregenten Verus. Als Folge dieser
Verlobung ist dann die Adoptierung seitens
Antoninus (eines Sohnes des Verus) zu betrachten,
der selbst von Hadrian an Kindes Statt
angenommen und zum Thronfolger ernannt war.
Unter dem Namen Marcus Aelius Aurelius Verus
trat der junge Denker aus der Verborgenheit auf
den Schauplatz der großen Welt.

Sein Biograph berichtet, daß er nur ungern sein


beschauliches Leben verlassen und einen Palast in
der Stadt auf Hadrians Befehl bezogen habe. Doch
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im Treiben des Hofes, im bewegten politischen
Frage- und Antwortspiel, auf dem Forum vor
Gericht, bei den Mühen kriegerischer
Unternehmungen wuchs und reifte erst die
philosophische Saat des herben jugendlichen
Frühlings zu reicher Ernte. Als Kaiser Hadrian am
10. Juli 138 zu Bajä starb, bestieg Antonin den
Thron und berief sofort Marc Aurel an seine Seite,
ihn in alle Geheimnisse der Regierungskunst
einzuweihen. Die frühere Verlobung wurde
aufgehoben und die Vermählung mit Faustina, der
Kaisertochter, gefeiert. Nun war im römischen
Reich jene Zeit angebrochen, die Platos Ideal vom
Staate nach einer Richtung hin zu erfüllen schien.
Zwei Philosophen herrschten gemeinsam, von
edelster, einzig dastehender Freundschaft getragen
und förderten während dreiundzwanzig friedlicher
Jahre Wohlstand und Kultur in bemerkenswerter
Weise. Gut bedachte soziale Maßregeln glichen
manche Härten aus, es wurde für vornehm gehalten,
gebildet, ja gelehrt zu sein und edle Duldsamkeit
herrschte in den Fragen des Glaubens, soweit sie
nur den Glauben, nicht aber die politische
Betätigung betrafen.

Der gekrönte Apostel der Menschenliebe — ­wie


Stuart Mill den Kaiser Marc Aurel genannt hat —
­hoffte nach dem Tod Antonins (im März 161) die
friedliche, sonnige Zeit der Philosophenherrschaft
weiter zu führen und sein Ideal eines Herrschers in
sozialer Fürsorge zu verwirklichen. Aber das
Schicksal, das ihm einen herrlichen Lebenssommer
gewährt, gab ihm einen desto stürmischeren Herbst.
Hungersnot und Pest suchten Rom und die
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römischen Provinzen heim, schwere Kriege mit den
Parthern und Markomanen brachen aus, Aufstände
wie derjenige in Ägypten vom Jahr 170 bildeten
drohende Gefahren für das Reich. Dies alles lenkte
von wohltätiger Friedensarbeit ab und zwang die
Arbeit des Philosophenkaisers auf andere, ihm
innerlich fremde Bahnen. Dazu kamen harte
Mißstimmungen in der eigenen Familie. Faustinas
üppiges, man sagt sogar ausschweifendes Leben
stand in grellem Gegensatz zu Marc Aurels
anspruchsloser Einfachheit und die ungerechten, oft
auf willkürlicher Anmaßung beruhenden
Handlungen seines Sohnes Kommodus führten zu
schlimmen Befürchtungen in bezug auf die Zukunft
des Reiches.

Stunden der Sorge und der stillen Einkehr im


Feldlager oder im kaiserlichen Palast waren es, in
denen der alternde Herrscher seine Gedanken
niederschrieb zum eigenen Trost. Milde
Gesinnung, strenge Gewissenhaftigkeit und
Pflichttreue sind das Zeichen seiner Sinnesweise
und haben die “Selbstbetrachtungen” zu einem
Denkmal edler Menschlichkeit gemacht, das nie
veraltet, weil es ein Bekenntnis ohne Pose, ohne
zeitlich beschränkten Zweck und ohne Darstellung
vergänglicher äußerer Tatsachen ist.

Die Handschriften, der Mode entsprechend in


griechischer Sprache abgefaßt, trugen den Titel
“[Greek: chatheauton],” was später mit
“Selbstbetrachtungen” wiedergegeben wurde.
Nach hartem Tagewerk des Abends beim Schein
der unruhig flackernden Öllampen verfaßt, bald im
VIII
Lager an der Donau bei Carnunt, bald nach
lebhaften, ermüdenden Senatssitzungen in Rom,
sind Marc Aurels Aphorismen aus der Quelle des
wirklichen Lebens geflossen. Starke Taten des
Geistes verkünden sie und sind Worte eines hohen
Herzens.

Ihr Ursprung läßt sich nicht verkennen. Als


Tagebuch einer gesunden Seele, die stark und fest
die Krankheiten des Körpers und die Schläge des
Schicksals von sich abweist, geben sie Kraft und
Frieden. Kurz und scharf, klar gefaßt und
manchmal aufleuchtend wie ein Edelstein zeigen sie
Ruhe des Herzens und Begeisterungsfähigkeit,
Vernunft und aufrichtige Liebe für alles Tüchtige.
“Sie offenbaren” — ­wie Hippolyte Taine sich
ausdrückt — ­“die Seele eines großen Dichters, der
sich bezwingt, die Augen vom Herrlichen gebannt
und im Flüsterton voll Bewunderung sich selber
sagt: ´Mensch, als Bürger dieser großen Stadt hast
du gelebt; fünf oder drei Jahre, was ficht´s dich
an!´”

Die Auffassung des Kaisers über den Wert des


Lebens steht der des freigelassenen Sklaven Epiktet
sehr nahe. Beiden liegen am innigsten jene Lehren
der Stoa am Herzen, die sich mit sittlichen und
religiösen Fragen beschäftigen. Nicht darauf
kommt es dem Kaiser an, daß man möglichst viel
Wissen anhäufe, sondern daß man mit dem Gott in
der eigenen Brust sich verständige und ihm in
Lauterkeit diene. Die Philosophie soll in stetem
Wechsel der Ereignisse, im Wandel von Glück und
Unglück, vergänglichen Sorgen und vergänglichen
IX
Freuden einen festen Halt bieten und ein Panzer
sein gegen die Eitelkeiten der Welt. Ihre Aufgabe
ist also die Bildung des Charakters und die
Beruhigung des Gemüts. Sie erfüllt diese beiden
Bedingungen, wenn ihre Anhänger die drei
wichtigsten Punkte des stoischen Systems nie außer
Augen lassen: die Lehre vom steten Wechsel, dem
Dahinfließen aller Dinge, dann das Bewußtsein der
Hinfälligkeit des Daseins und schließlich die
Erkenntnis, daß Werden und Vergehen einen
Kreislauf bilden, in dem ein Einzelnes nicht
Bestand haben kann.

An solche Grundsätze knüpft Marc Aurel die


Betrachtung, wie wenig eine Persönlichkeit, ganz
einerlei ob sie bedeutend oder unbedeutend sei, im
großen Strom des Daseins gelte. Deshalb ist es
verkehrt, Vergängliches zu sehr zu lieben, sein Herz
an Sterblichkeit zu hängen und Ruhm als heiliges
Gut zu begehren.

Diesem Verneinen und Ablehnen steht als positiver


Kern der Lehre die Pflichttreue gegenüber, trotz der
Eitelkeit und Vergänglichkeit allen Strebens der
Sterblichen. Seiner Lebensstellung und seinem
kräftigeren Charakter entsprechend hält Marc Aurel
nachdrücklicher an den Pflichten des Einzelnen der
menschlichen Gesellschaft gegenüber fest, als es die
Stoiker im allgemeinen und der phrygische Sklave
Epiktet im besonderen getan. Aus diesem Grund
lehnte er das Christentum vollständig ab, wenn er
auch wie die Christen Duldung und allgemeine
Menschenliebe verlangte. Er spricht fast immer von
Göttern, manchmal von “dem Gott” und selten von
X
“Zeus”, der ihm als Gesamtausdruck der Gottheit
vorschwebt. Äußerlich hielt er streng an dem
bestehenden öffentlichen Kultus fest, in dem er als
Oberhaupt des römischen Staates eine politische
Notwendigkeit sah, innerlich war er gottgläubig im
Sinne der Philosophen, nahm “die Volksgötter” für
Symbole und sagte sich, daß es nicht verlohne noch
menschenwürdig sei, in einer Welt ohne Gottheit zu
leben. Aus diesem seinem Glauben und aus einer
festbegründeten politischen Überzeugung sah er im
Gebaren der Christen Auflehnung gegen die
Staatsgewalt, also eine Schädigung des
Gemeinwohls und ging mit heftigen Verfolgungen
gegen die Aufwiegler vor. Grundlosen Trotz nannte
der milde Kaiser das Benehmen der Märtyrer.

Im sittlichen Leben des Menschen ruht der


Schwerpunkt seiner Weltanschauung. Ihm, dem
vielbeschäftigten, vom Tage vollauf in Anspruch
genommenen Herrscher, liegt es fern zu forschen,
dialektisch zu arbeiten oder überhaupt ein System
aufzustellen. Seine Weisheit ist Lebenskunst. Er
baut sie auf dem Wissen und den Erkenntnissen
seiner Zeit, wie ein Emerson, ein Lubbok, ein
Maeterlinck ihre Weltanschauung auf die
Wissenschaft ihres Jahrhunderts stellten, ohne in der
Theorie einen Fortschritt zu bedeuten. Vernünftige
Arbeit ist ihm das Ziel, das ein vernunftbegabtes
Wesen verfolgen muß und das allein Glück wie
zeitliche Güter zu bieten vermag. Aber nur wer sich
zu erheben vermag über jedes persönliche Interesse
an Dingen und Menschen, wer mit jedem Wunsch
und jeder Begierde fertig ist, mit der Gegenwart
zufrieden und mit dem Tode vertraut erscheint, zeigt
XI
sich mit der Natur im Einklang und erfüllt die stille
Pflicht, sich und sein Leben als belanglosen Teil des
Ganzen zu betrachten.

Was in den Selbstbetrachtungen mit feierlicher


Größe niedergelegt war, hat lange unbeachtet und
vergessen in stillen Büchersammlungen überwintert,
wie das Samenkorn im tiefgepflügten Feld. Unter
den Wirren der Völkerwanderung und während der
Jahrhunderte der Scholastik dachte niemand des
Kaisers, der als Gefolgsmann der Stoa mit dieser
Lehre christlicher Verachtung anheimgefallen war.
Erst als die geistige Bewegung der Renaissance mit
dem Humanismus einsetzte, begann außer Plato
auch die Stoa beachtet zu werden, wenn sich auch
die Wertschätzung zunächst auf Seneca
beschränkte. Doch es war noch ein weiter Weg
zurückzulegen, bis Spinoza in seinem Ideal des
Weisen eine Gestalt schuf, die sich wohl mit Marc
Aurel vergleichen läßt. In der Ethik sagt Spinoza
“Der Weise ... wird in der Seele kaum beunruhigt
sondern seiner selbst, Gottes und der Außenwelt mit
einer gewissen Notwendigkeit bewußt. Er hört
niemals auf zu sein und ist immer in tiefster Seele
wahrhaft befriedigt.” Auch Leibniz benutzte die
Gedankenreihen der Stoiker in der Theodizee,
deren Aussprüche manchmal stark an die
Selbstbetrachtungen anklingen. Daß Kant und
nach ihm Fichte den Pflichtgedanken ähnlich wie
ihn der kaiserliche Philosoph gefühlt, zu
synthetischer Entwicklung brachten, ist bekannt,
Verwandtes klingt in Schleiermacher, in
Schopenhauer und in den modernen Denkern an,
die abseits von dem Wirken der Fachphilosophen
XII
sich bemühen, der Gegenwart eine praktische Ethik
zu geben.

In deutscher Sprache ist Marc Aurels Büchlein


öfters an die Öffentlichkeit gekommen. Die
vorliegende Neuherausgabe schließt sich an
Schneiders vielgerühmte Übersetzung, die zum
erstenmal im Jahr 1864 erschien und mehrfach
aufgelegt wurde, die fehlenden Stellen (über 100
Nummern hat Schneider ausgelassen) sind zum Teil
nach der Ausgabe von Cleß (aus dem Jahr 1866)
ergänzt, zum Teil nach dem griechischen Text unter
Vergleichung der Cleßschen Übersetzung neu
hergestellt.

Der Gegenwart bietet das schlichte


Selbstbekenntnis eines großen Mannes aus dem
Altertum viel ernste Anregung und stärkt den
Wunsch, in wohlbegründeter Weltanschauung Halt
und Richtung zu finden.

Alexander v. Gleichen-Rußwurm

XIII
Erstes Buch
1. Von meinem Großvater [Verus] weiß ich, was
edle Sitten sind und was es heißt: frei sein von
Zorn.

2. Der Ruf und das Andenken, in welchem mein


Vater steht, predigen mir Bescheidenheit und
männliches Wesen.

3. Der Mutter Werk ist es, wenn ich gottesfürchtig


und mitteilsam bin; wenn ich nicht nur schlechte
Taten, sondern auch schlechte Gedanken fliehe;
auch daß ich einfach lebe und nicht prunke wie
reiche Leute.

4. Mein Urgroßvater litt nicht, daß ich die


öffentliche Schule besuchte, sorgte aber dafür, daß
ich zu Hause von tüchtigen Lehrern unterrichtet
wurde, und überzeugte mich, daß man zu solchem
Zweck nicht sparen dürfe.

5. Mein Erzieher gab nicht zu, daß ich mich an den


Wettfahrten beteiligte, weder in Grün noch in Blau,
auch nicht, daß ich Ring- und Fechterkünste trieb.
Er lehrte mich Mühen ertragen, wenig bedürfen,
selbst Hand anlegen, mich wenig kümmern um
anderer Leute Angelegenheiten und einen
Widerwillen haben gegen jede Ohrenbläserei.

6. Diognet bewahrte mich vor allen unnützen


Beschäftigungen; vor dem Glauben an das, was
Wundertäter und Gaukler von Zauberformeln, vom

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Geisterbannen usw. lehrten; davor, daß ich
Wachteln hielt, und vor andern solchen
Liebhabereien. Er lehrte mich ein freies Wort
vertragen; gewöhnte mich an philosophische
Studien, schickte mich zuerst zu Bacchius, dann zu
Tandasis und Marcian, ließ mich schon als Knabe
Dialoge verfassen und gab mir Geschmack an dem
einfachen, mit einem Fell bedeckten Feldbett, wie es
bei den Lehrern der griechischen Schule im
Gebrauch ist.

7. Dem Rusticus verdanke ich, daß es mir einfiel, in


sittlicher Hinsicht für mich zu sorgen und an meiner
Veredlung zu arbeiten; daß ich frei blieb von dem
Ehrgeiz der Sophisten; daß ich nicht Abhandlungen
schrieb über abstrakte Dinge, noch Reden hielt zum
Zweck der Erbauung, noch prunkend mich als
einen streng und wohlgesinnten jungen Mann
darstellte, und daß ich von rhetorischen, poetischen
und stilistischen Studien abstand; daß ich zu Hause
nicht im Staatskleid einherging oder sonst etwas
derartiges tat, und daß die Briefe, die ich schrieb,
einfach waren, so einfach und schmucklos, wie er
selbst einen an meine Mutter von Sinuessa aus
schrieb. Ihm habe ich´s auch zu danken, wenn ich
mit denen, die mich gekränkt oder sonst sich gegen
mich vergangen haben, leicht zu versöhnen bin,
sobald sie nur selbst schnell bereit sind,
entgegenzukommen. Auch lehrte er mich, was ich
las, genau zu lesen und mich nicht mit einer
oberflächlichen Kenntnis zu begnügen, auch nicht
gleich beizustimmen dem, was oberflächliche
Beurteiler sagen. Endlich war er´s auch, der mich
mit den Schriften Epiktets bekannt machte, die er
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mir aus freien Stücken mitteilte.

8. Apollonius zeigte mir, daß Geistesfreiheit eine


Festigkeit sei, die dem Spiel des Zufalls nichts
einräumt; daß man auf nichts ohne Ausnahme so
achten müsse, wie auf die Gebote der Vernunft.
Auch was Gleichmut sei bei heftigen Schmerzen,
bei Verlust eines Kindes, in langen Krankheiten,
habe ich von ihm lernen können. — ­Er zeigte mir
handgreiflich an einem lebendigen Beispiel, daß
man der ungestümste und gelassenste Mensch
zugleich sein kann, und daß man beim Studium
philosophischer Werke die gute Laune nicht zu
verlieren brauche. Er ließ mich einen Menschen
sehen, der es offenbar für die geringste seiner guten
Eigenschaften hielt, daß er Übung und Gewandtheit
besaß, die Grundgesetze der Wissenschaft zu
lehren; und bewies mir, wie man von Freunden
sogenannte Gunstbezeugungen aufnehmen müsse,
ohne dadurch in Abhängigkeit von ihnen zu
geraten, aber auch ohne gefühllos darüber
hinzugehen.

9. An Sextus konnt´ ich lernen, was Herzensgüte


sei. Sein Haus bot das Muster eines väterlichen
Regimentes und er gab mir den Begriff eines
Lebens, das der Natur entspricht. Er besaß eine
ungekünstelte Würde und war stets bemüht, die
Wünsche seiner Freunde zu erraten. Duldsam
gegen Unwissende hatte er doch keinen Blick für
die, die an bloßen Vorurteilen kleben. Sonst wußte
er sich mit allen gut zu stellen, so daß er denselben
Menschen, die ihm wegen seines gütigen und
milden Wesens nicht schmeicheln konnten, zu
XVI
gleicher Zeit die größte Ehrfurcht einflößte. Seine
Anleitung, die zum Leben notwendigen Grundsätze
aufzufinden und näher zu gestalten, war eine
durchaus verständliche. Niemals zeigte er eine Spur
von Zorn oder einer andern Leidenschaft, sondern
er war der leidenschaftsloseste und der
hingebendste Mensch zugleich Er suchte Lob, aber
ein geräuschloses; er war hochgelehrt, aber ohne
Prahlerei.

10. Von Alexander, dem Grammatiker lernte ich,


wie man sich jeglicher Scheltworte enthalten und es
ohne Vorwurf hinnehmen kann, was einem auf
fehlerhafte, rohe oder plumpe Art vorgebracht wird;
ebenso aber auch, wie man sich geschickt nur über
das, was zu sagen not tut, auszulassen habe, sei´s in
Form einer Antwort oder der Bestätigung oder der
gemeinschaftlichen Überlegung über die Sache
selbst, nicht über den Ausdruck, oder durch eine
treffende anderweite Bemerkung.

11. Durch Phronto gewann ich die Überzeugung,


daß der Despotismus Mißgunst, Unredlichkeit und
Heuchelei in hohem Maße zu erzeugen pflege, und
daß der Edelgeborene im allgemeinen ziemlich
unedel sei.

12. Alexander, der Platoniker brachte mir bei, daß


ich mich nur selten und nie ohne Not zu jemand
mündlich oder schriftlich äußern dürfe: ich hätte
keine Zeit; und daß ich nicht so, unter dem
Vorwande dringender Geschäfte, mich beständig
weigern solle, die Pflichten zu erfüllen, die uns die
Beziehungen zu denen, mit denen wir leben,
XVII
auferlegen.

13. Catulus riet mir, daß ich´s nicht


unberücksichtigt lassen sollte, wenn sich ein Freund
bei mir über etwas beklage, selbst wenn er keinen
Grund dazu hätte, sondern daß ich versuchen
müsse, die Sache ins reine zu bringen. Wie man
von seinen Lehrern stark eingenommen sein kann,
sah ich an ihm; ebenso aber auch, wie lieb man
seine Kinder haben müsse.

14. An meinem Bruder Severus hatte ich


häuslichen Sinn, Wahrheits- und
Gerechtigkeitsliebe zu bewundern Er machte mich
mit Thraseas, Helvidius, Cato, Dio und Brutus
bekannt und führte mich zu dem Begriff eines
Staates, in welchem alle Bürger gleich sind vor dem
Gesetz, und einer Regierung, die nichts so hoch hält
als die bürgerliche Freiheit. Außerdem blieb er, um
anderes zu übergehen, in der Achtung vor der
Philosophie sich immer gleich; war wohltätig, ja in
hohem Grade freigebig; hoffte immer das Beste und
zweifelte nie an der Liebe seiner Freunde. Hatte er
etwas gegen jemand, so hielt er damit nicht zurück,
und seine Freunde hatten niemals nötig, ihn erst
auszuforschen, was er wollte oder nicht wollte, weil
es offen am Tage lag.

15. Von Maximus konnte ich lernen, mich selbst


beherrschen, nicht hin-und herschwanken, guten
Mutes sein in mißlichen Verhältnissen oder in
Krankheiten auch wie man in seinem Benehmen
Weisheit mit Würde verbinden muß, und an ein
Werk, das rasch auszuführen ist, doch nicht
XVIII
unbesonnen gehen darf. Von ihm waren alle
überzeugt, daß er gerade so dachte, wie er sprach,
und was er tat, in guter Absicht tat. Etwas zu
bewundern oder sich verblüffen zu lassen, zu eilen
oder zu zögern, ratlos zu sein und niedergeschlagen
oder ausgelassen in Freude oder Zorn oder
argwöhnisch — ­das alles war seine Sache nicht.
Aber wohltätig zu sein und versöhnlich, hielt er für
seine Pflicht. Er haßte jede Unwahrheit und machte
so mehr den Eindruck eines geraden als eines
feinen Mannes. Niemals hat sich einer von ihm
verachtet geglaubt; aber ebensowenig wagte es
jemand, sich für besser zu halten als er war. Auch
wußte er auf anmutige Weise zu scherzen.

16. Mein Vater hatte in seinem Wesen etwas


Sanftes, aber zugleich auch eine unerschütterliche
Festigkeit in dem, was er gründlich erwogen hatte.
Er war ohne Ehrgeiz hinsichtlich dessen, was man
gewöhnlich Ehre nennt. Er arbeitete gern und
unermüdlich. Wer mit Dingen kam, die das
gemeine Wohl zu fördern versprachen, den hörte er
an und versäumte es nie, einem jeden die
Anerkennung zu zollen, die ihm gebührte. Wo
vorwärts zu gehen und wo einzuhalten sei, wußte
er. Er war herablassend gegen jedermann; erließ
den Freunden die Pflicht, immer mit ihm zu speisen
oder, wenn er reiste, mit ihm zu gehen; und stets
blieb er sich gleich auch gegen die, die er
notgedrungen zu Hause ließ. Seine Erörterungen in
den Ratsversammlungen waren stets sehr genau,
und er hielt aus und begnügte sich nicht mit Ideen,
die auf der flachen Hand liegen, bloß um die
Versammlung für geschlossen zu erklären. Er war
XIX
sorgsam bemüht, sich seine Freunde zu erhalten,
wurde ihrer niemals überdrüssig, verlangte aber
auch nicht heftig nach ihnen. Er war sich selbst
genug in allen Stücken und immer heiter. Er hatte
einen scharfen Blick für das, was kommen würde,
und traf für die kleinsten Dinge Vorbereitungen
ohne Aufhebens zu machen, so wie er sich denn
überhaupt jedes Beifallrufen und alle
Schmeicheleien verbat. Was seiner Regierung
notwendig war, überwachte er stets, ging mit den
öffentlichen Geldern haushälterisch um und ließ es
sich ruhig gefallen, wenn man ihm darüber
Vorwürfe machte. — ­Den Göttern gegenüber war
er frei von Aberglauben, und was sein Verhältnis zu
den Menschen betrifft, so fiel es ihm nicht ein, um
die Volksgunst zu buhlen, dem großen Haufen sich
gefällig zu erzeigen und sich bei ihm
einzuschmeicheln, sondern er war in allen Stücken
nüchtern, besonnen, taktvoll und ohne Sucht nach
Neuerungen. Von den Dingen, die zur
Annehmlichkeit des Lebens beitragen — ­und
deren bot ihm das Glück eine Menge dar —
­machte er ohne zu prunken, aber auch ohne sich zu
entschuldigen Gebrauch, so daß er, was da war,
einfach nahm, was nicht da war, auch nicht
entbehrte. Niemand konnte sagen, daß er ein
Krittler, oder daß er ein gewöhnlicher Mensch oder
ein Pedant sei, sondern man mußte ihn einen reifen,
vollendeten, über jede Schmeichelei erhabenen
Mann nennen, der wohl imstande sei, eigenen und
fremden Angelegenheiten vorzustehen. Außerdem:
die echten Philosophen schätzte er sehr, ließ aber
auch die andern unangetastet, obschon er ihnen
keinen Einfluß auf sich einräumte. In seinem
XX
Umgange war er ferner höchst liebenswürdig und
witzig, ohne darin zu übertreiben. In der Sorge für
seinen Leib wußte er das rechte Maß zu halten,
nicht wie ein Lebenssüchtiger oder wie einer, der
sich schniegelt oder sich vernachlässigt; sondern er
brachte es durch die eigene Aufmerksamkeit nur
dahin, daß er den Arzt fast gar nicht brauchte und
weder innere noch äußere Mittel nötig hatte. —
­Vor allem aber war ihm eigen, denen, die wirklich
etwas leisteten, sei´s in der Beredsamkeit oder in
der Gesetzeskunde oder in der Sittenlehre oder in
irgendeinem anderen Fach, ohne Neid den Vorrang
einzuräumen und sie wo er konnte zu unterstützen,
damit ein jeder in seinem Fache auch die nötige
Anerkennung fände. Wie seine Vorfahren
geherrscht, so herrschte er auch, ohne jedoch die
Meinung hervorrufen zu wollen, als wache er über
dem Althergebrachten. Er war nicht leicht zu
bewegen oder von etwas abzubringen, sondern
pflegte auch gern zu bleiben, wo er gerade war und
wobei. Nach den heftigsten Kopfschmerzen sah
man ihn frisch und kräftig zu den gewohnten
Geschäften eilen. Geheimnisse pflegte er nur
äußerst wenige und nur in seltenen Fällen zu haben
und nur um des allgemeinen Wohles willen.
Verständig und mäßig im Anordnen von
Schauspielen, von Bauten, von Spenden an das
Volk u. dgl. mehr, zeigte er sich als ein Mann, der
nur auf seine Pflicht sieht, sich aber um den Ruhm
nicht kümmert, den seine Handlungen ihm
verschaffen können. — ­Er badete nur zur
gewöhnlichen Stunde, liebte das Bauen nicht, legte
auf das Essen keinen Wert, auch nicht auf Kleider
und deren Stoffe und Farben, noch auf schöne
XXI
Sklaven. Seine Kleider ließ er sich meist aus
Lorium, dem unteren Landgute, oder aus Lanubium
kommen und bediente sich dazu des
Generalpächters in Tusculum, der ihn um diesen
Dienst gebeten hatte. — ­In seiner ganzen Art zu
sein war nichts Unschickliches oder gar
Ungeziemendes oder auch nur Ungestümes oder
was man sagt: “bis zur Hitze”, sondern alles war
bei ihm wohl überdacht, ruhig, gelassen, wohl
geordnet, fest und mit sich selbst im Einklang. Man
könnte auf ihn anwenden, was man vom Sokrates
gesagt hat, daß er sowohl sich solcher Dinge zu
enthalten imstande war, deren sich viele aus
Schwachheit nicht enthalten können, als auch daß
er genießen durfte, was viele darum nicht dürfen,
weil sie sich gehen lassen. Das eine gründlich
vertragen, und in dem andern nüchtern sein, das
aber ist die Sache eines Mannes von starkem,
unbesiegbaren Geiste, wie er ihn z.B. auch in der
Krankheit des Maximus an den Tag gelegt hat. — ­

17. Den Göttern habe ich´s zu danken, daß ich


treffliche Vorfahren, treffliche Eltern, eine treffliche
Schwester, treffliche Lehrer, treffliche Diener und
fast lauter treffliche Verwandte und Freunde habe,
und daß ich gegen keinen von ihnen fehlte, obgleich
ich bei meiner Natur leicht hätte dahin kommen
können. Es ist eine Wohltat der Götter, daß die
Umstände nicht so zusammentrafen, daß ich mir
Schande auflud. Sie fügten es so, daß ich nicht
länger von der Geliebten meines Großvaters
erzogen wurde; daß ich meine Jugendfrische mir
erhielt und daß ich meinem fürstlichen Vater
untertan war, der mir allen Dünkel austreiben und
XXII
mich überzeugen wollte, man könne bei Hof leben
ohne Leibwache, ohne kostbare Kleider, ohne
Fackeln, ohne gewisse Bildsäulen und ähnlichen
Pomp, und daß es sehr wohl anging, sich so viel als
möglich bürgerlich einzurichten, wenn man dabei
nur nicht zu demütig und zu sorglos würde in
Erfüllung der Pflichten, die der Regent gegen das
Ganze hat. Götter haben mir einen Bruder
gegeben, dessen sittlicher Wandel mich antrieb, auf
mich selber acht zu haben, und dessen Achtung und
Liebe mich glücklich machten. — ­Sie haben mir
Kinder gegeben, die nicht ohne geistige Anlagen
sind und von gesundem Körper. — ­Den Göttern
verdanke ich´s, daß ich nicht weiter kam in der
Redekunst und in der Dichtkunst und in den
übrigen Studien, welche mich völlig in Beschlag
genommen hätten, wären mir gute Fortschritte
beschieden gewesen. Ebenso daß ich meine
Erzieher frühzeitig schon so in Ehren hielt, wie sie´s
zu verlangen schienen, und ihnen nicht bloß
Hoffnung machte, ich würde das später tun, indem
sie zu der Zeit ja noch so jung seien. Ferner, daß
ich Apollonius, Rusticus und Maximus kennen
lernte; daß ich das Bild eines naturgemäßen Lebens
so klar und so oft vor der Seele hatte, daß es nicht
an den Göttern und an den Gaben, Hilfen und
Winken, die ich von dorther empfing, liegen kann,
wenn ich an einem solchen Leben gehindert
worden bin; sondern wenn ich´s bisher nicht geführt
habe, muß es meine Schuld sein, indem ich die
Erinnerungen der Götter, ich möchte sagen, ihre
ausdrücklichen Belehrungen, nicht beherzigte. Den
Göttern verdanke ich´s, daß mein Körper ein
solches Leben so lange ausgehalten hat; — ­daß ich
XXIII
weder die Benedicta noch den Theodot berührt
habe, und daß ich später überhaupt von dieser
Leidenschaft genas; daß ich in meinem heftigen
Unwillen den ich so oft gegen Rusticus empfand,
nichts weiter tat, was ich hätte bereuen müssen; und
daß meine Mutter, der ein früher Tod beschieden
war, doch noch ihre letzten Jahre bei mir leben
konnte. Auch fügten sie´s, daß ich, sooft ich einen
Armen oder sonst Bedürftigen unterstützen wollte,
nie hören durfte, es fehle mir an den hierzu
erforderlichen Mitteln, und daß ich selbst nie in die
Notwendigkeit versetzt wurde, bei einem andern zu
borgen; und daß ich ein solches Weib besitze: so
folgsam, zärtlich und in ihren Sitten so einfach, und
daß ich meinen Kindern tüchtige Erzieher geben
konnte. Die Götter gaben mir durch Träume
Hilfsmittel an die Hand gegen allerlei Krankheiten
so gegen Blutauswurf und Schwindel. Auch
verhüteten sie, als ich das Studium der Philosophie
anfing, daß ich einem Sophisten in die Hände fiel
oder mit einem solchen Schriftsteller meine Zeit
verdarb, oder mit der Lösung ihrer Trugschlüsse
mich einließ, oder mit der Himmelskunde mich
beschäftigte. Denn zu allen diesen Dingen bedarf
es der helfenden Götter und des Glückes.

Geschrieben bei den Quaden am Granna.

18

Man muß sich beizeiten sagen: ich werde einem


vorwitzigen, einem undankbaren, einem
schmähsüchtigen, einem verschlagenen oder
neidischen oder unverträglichen Menschen
XXIV
begegnen. Denn solche Eigenschaften liegen
jedem nahe, der die wahren Güter und die wahren
Übel nicht kennt. Habe ich aber eingesehen,
einmal, daß nur die Tugend ein Gut und nur das
Laster ein Übel, und dann, daß der, der Böses tut,
mir verwandt ist, nicht sowohl nach Blut und
Abstammung, als in der Gesinnung und in dem,
was der Mensch von den Göttern hat, so kann ich
weder von jemand unter ihnen Schaden leiden —
­denn ich lasse mich nicht verführen — ­noch kann
ich dem, der mir verwandt ist, zürnen oder mich
feindlich von ihm abwenden, da wir ja dazu
geboren sind, uns gegenseitig zu unterstützen, wie
die Füße, die Hände, die Augenlider, die Reihen der
oberen und unteren Zähne einander dienen. Also
ist es gegen die Natur, einander feindlich zu leben.
Und das tut doch, wer auf jemand zürnt oder ihm
entgegenwirkt.

19

Was ich bin, ist ein Dreifaches: Körper und Seele


und was das Ganze beherrscht. — ­Lege beiseite,
was dich zerstreut, die Bücher und alles, was hier zu
nichts führt; des Fleischlichen achte gering wie
einer, der bald sterben muß! Es ist Blut und
Knochen und ein Geflecht aus Nerven, Adern und
Gefäßen gewebt. Dann betrachte deine Seele, und
was sie ist: ein Hauch; nicht immer dasselbe,
sondern fortwährend ausgegeben und wieder
eingesogen. Drittens also das, was die Herrschaft
führt! Da sei doch kein Tor, du bist nicht mehr
jung: so laß auch nicht länger geschehen daß es
diene; daß es hingenommen werde von einem Zuge,
XXV
der dich dem Menschlichen entfremdet; daß es dem
Verhängnis oder dem gegenwärtigen Augenblicke
grolle oder ausweiche dem, was kommen soll!

20

Das Göttliche ist voll von Spuren der Vorsehung,


das Zufällige nach Art, Zusammenhang und
Verflechtung ist nicht zu trennen von dem durch die
Vorsehung Geordneten. Alles fließt von hier aus.
Daneben das Notwendige und was dem Weltall,
dessen Teil du bist, zuträglich ist. Jedem Teile der
Natur aber ist das gut, was seinen Halt an der Natur
des Ganzen hat und wovon diese wiederum
getragen wird. Die Welt aber wird getragen wie
von den Verwandlungen der Grundstoffe so auch
von denen der zusammengesetzten Dinge. — ­Das
muß dir genügen und feststehen für immer. Nach
der Weisheit, wie sie in Büchern zu finden ist, strebe
nicht, sondern halte sie dir fern, damit du ohne
Seufzer, mit wahrer Seelenruhe und den Göttern
von Herzen dankbar sterben kannst.

XXVI
Zweites Buch
1

Erinnere dich, seit wann du diese Betrachtungen


nun schon aufschiebst, und wie oft dir die Götter
Zeit und Stunde dazu gegeben haben, ohne daß du
sie nutztest. Endlich solltest du doch einmal
einsehen, was das für eine Welt ist, der du
angehörst, und wie der die Welt regiert, dessen
Ausfluß du bist; und daß dir die Zeit zugemessen
ist, die, wenn du sie nicht brauchst dich abzuklären,
vergehen wird, wie du selbst, und nicht
wiederkommen.

Immer sei darauf bedacht, wie es einem Manne


geziemt, bei allem, was es zu tun gibt, eine strenge
und ungekünstelte Gewissenhaftigkeit, Liebe,
Freimut und Gerechtigkeit zu üben, und dir dabei
alle Nebengedanken fernzuhalten. Und du wirst sie
dir fernhalten, sobald du jede deiner Handlungen
als die letzte im Leben ansiehst: fern von jeder
Unbesonnenheit und der Erregtheit, die dich taub
macht gegen die Stimme der richtenden Vernunft,
frei von Verstellung von Selbstliebe und von
Unwillen über das, was das Schicksal dir
beschieden hat. — ­Du siehst, wie wenig es ist, was
man sich aneignen muß, um ein glückliches, ja
göttliches Leben zu führen. Denn auch die Götter
verlangen nicht mehr von dem, der dies beobachtet.

XXVII
3

Fahre nur immer fort, dir selbst zu schaden, liebe


Seele! Dich zu fördern wirst du kaum noch Zeit
haben. Denn das Leben flieht einen jeglichen. Für
dich ist es aber schon so gut als zu Ende, der du
ohne Selbstachtung dein Glück aus dir heraus
verlegst in die Seelen anderer.

Trotz deines Bestrebens, an Erkenntnis zu wachsen


und dein unstetes Wesen aufzugeben, zerstreuen
dich die Außendinge noch immer? Mag sein, wenn
du jenes Streben nur festhälst. Denn das bleibt die
größte Torheit, sich müde zu arbeiten ohne ein Ziel,
auf das man all sein Dichten und Trachten lenkt.

Wenn man nicht herausbringen kann, was in des


andern Seele vorgeht, so ist das schwerlich ein
Unglück; aber notwendigerweise unglücklich ist
man, wenn man über die Regungen der eigenen
Seele im unklaren ist.

Daran mußt du immer denken, was das Wesen der


Welt und was das deinige ist, und wie sich beides
zueinander verhält, nämlich was für ein Teil des
Ganzen du bist und zu welchem Ganzen du
gehörst, und daß dich niemand hindern kann, stets
nur das zu tun und zu reden, was dem Ganzen
XXVIII
entspricht, dessen Teil du bist.

Theophrast sagt in seiner Vergleichung der


menschlichen Fehler — ­wie diese denn allenfalls
verglichen werden können — ­: schwerer seien die,
die aus Begierde, als die, welche aus Zorn
begangen werden. Und wirklich erscheint der
Zornige als ein Mensch, der nur mit einem gewissen
Schmerz und mit innerem Widerstreben von der
Vernunft abgekommen ist, während der aus
Begierde Fehlende, weil ihn die Lust überwältigt,
zügelloser erscheint und schwächer in seinen
Fehlern. Wenn er nun also behauptet: es zeuge
von größerer Schuld, einen Fehler zu begehen mit
Freuden als mit Bedauern, so ist das gewiß richtig
und der Philosophie nur angemessen. Man erklärt
dann überhaupt den einen für einen Menschen, der
gekränkt worden ist und zu seinem eigenen
Leidwesen zum Zorn gezwungen wird, während
man bei dem andern, der etwas aus Begierde tut, die
Sache so ansieht, als begehe er das Unrecht aus
heiler Haut.

Jegliches tun und bedenken wie einer, der im


Begriff ist, das Leben zu verlassen, das ist das
Richtige. Das Fortgehen von den Menschen aber,
wenn es Götter gibt, ist kein Unglück. Denn das
Übel hört dann wohl auf. Gibt es aber keine, oder
kümmern sie sich nicht um die menschlichen
Dinge, was soll mir das Leben in einer götterleeren
XXIX
Welt, in einer Welt ohne Vorsehung? Doch sie
sind und sie kümmern sich um die menschlichen
Dinge. Noch mehr. Sie haben es, was die Übel
betrifft, und zwar die eigentlichen, ganz in des
Menschen Hand gelegt, sich davor zu bewahren. Ja
auch hinsichtlich der sonstigen Übel, kann man
sagen, haben sie es so eingerichtet, daß es nur auf
uns ankommt, ob sie uns widerfahren werden.
Denn wie sollte etwas, wobei der Mensch nicht
schlimmer wird, sein Leben verschlimmern? Selbst
die bloße Natur — ­sei es, daß wir sie uns ohne
Bewußtsein oder mit Bewußtsein begabt vorstellen;
gewiß ist, daß sie nicht vermag, dem Übel
vorzubeugen oder es wieder gut zu machen —
­hätte dergleichen nicht übersehen, hätte nicht in
dem Grade gefehlt aus Ohnmacht oder aus Mangel
an Anlage, daß sie Gutes und Böses in gleicher
Weise guten und bösen Menschen unterschiedslos
zuteil werden ließe. Tod aber und Leben, Ruhm
und Ruhmlosigkeit, Leid und Freude, Reichtum
und Armut und alles dieses wird den guten wie den
bösen Menschen ohne Unterschied zuteil, als
Dinge, die weder sittliche Vorzüge noch sittliche
Mängel begründen: also sind sie auch weder gut
noch böse (weder ein Glück noch ein Unglück).

Wie doch alles so schnell verbleicht! In der


sichtbaren Welt die Leiber, in der Geisteswelt deren
Gedächtnis! Was ist doch alles Sinnliche, zumal
was durch Vergnügen anlockt oder durch Schmerz
abschreckt oder in Stolz und Hochmut sich breit
macht! Wie nichtig und verächtlich, wie schmutzig,
XXX
hinfällig, tot! — ­Man folge dem Zug des Geistes;
man frage nach denen, die sich durch Werke des
Geistes berühmt gemacht haben; man untersuche,
was eigentlich sterben heißt (und man wird, wenn
man der Phantasie keinen Einfluß auf seine
Gedanken verstattet, darin nichts anderes als ein
Werk der Natur erkennen: kindisch aber wäre es
doch, vor einem Werk der Natur, das derselben
ohnehin auch noch zuträglich ist, sich zu fürchten);
man mache sich klar, wie der Mensch Gott ergreift
und mit welchem Teile seines Wesens, und wie es
mit diesem Teile des Menschen bestellt ist, wenn er
Gott ergriffen hat.

10

Nichts Elenderes als ein Mensch, der alles wie im


Kreise durchläuft, die Tiefen der Erde ergründen
will, wie Pindar sagt, der um alles und jedes sich
kümmert, auch um das, woran sonst niemand denkt,
der nicht aufhört über die Vorgänge in der Seele des
Nächsten seine Gedanken zu machen und nicht
begreifen mag, daß es genug ist, für den Gott in der
eignen Brust zu leben und ihm zu dienen, wie
sich´s gebührt. Das aber ist sein Dienst: ihn rein zu
erhalten von Leidenschaft von Unbesonnenheit und
von Unlust über das, was von Göttern und
Menschen geschieht. Denn die Handlungen der
Götter zu ehren, gebietet die Tugend, und mit denen
der Menschen sich zu befreunden die Gleichheit der
Abkunft, obwohl die letzteren allerdings auch
zuweilen etwas Klägliches haben, weil soviele nicht
wissen, was Güter und was Übel sind, — ­eine
Blindheit, nicht geringer als die, wenn man Schwarz
XXXI
und Weiß nicht unterscheiden kann.

11

Und wenn du dreitausend Jahre leben solltest, ja


noch zehnmal mehr, es hat ja doch niemand ein
anderes Leben zu verlieren, als eben das, was er
lebt, so wie niemand ein anderes lebt, als was er
einmal verlieren wird. Und so läuft das längste wie
das kürzeste auf dasselbe hinaus. Denn das Jetzt ist
das Gleiche für alle, wenn auch das Vergangene
nicht gleich ist, und der Verlust des Lebens
erscheint doch so als ein Jetzt, indem niemand
verlieren kann weder was vergangen noch was
zukünftig ist. Oder wie sollte man einem etwas
abnehmen können, was er nicht besitzt? — ­An die
beiden Dinge also müssen wir denken: einmal, daß
alles seinem Wesen nach unter sich gleichartig ist
und von gleichem Verlauf, und daß es keinen
Unterschied macht, ob man hundert oder
zweihundert Jahre lang oder ewig ein und dasselbe
sieht. Und dann, daß auch der, der am längsten
gelebt hat, doch nur dasselbe verliert, wie der, der
sehr jung stirbt. Denn nur das Jetzt ist es, dessen
man beraubt werden kann, weil man nur dieses
besitzt, und niemand kann verlieren, was er nicht
hat.

12

Alles beruht auf der Ansicht! Dafür zeugen die


Aussprüche des Kynikers Menimus und für diesen
zeugt wieder die Brauchbarkeit des Gesagten, wenn
man es auf das Wahre darin einschränkt.
XXXII
13

Die Seele des Menschen tut sich selbst den größten


Schaden, wenn sie sich von der Natur abzusondern,
gleichsam aus ihr herauszuwachsen strebt. So,
wenn sie unzufrieden ist über irgend etwas, das sich
ereignet. Es ist dies ein entschiedener Abfall von
der Natur, in der ja diese eigentümliche Verkettung
der Umstände begründet ist. Ebenso, wenn sie
jemand verabscheut oder anfeindet oder im Begriff
ist, jemand weh zu tun, wie allemal im Zorn.
Ebenso wenn sie von Lust oder von Schmerz sich
hinnehmen läßt; oder wenn sie heuchelt,
heuchlerisch und unwahr etwas tut oder spricht;
oder wenn ihre Handlungen und Triebe keinen
Zweck haben, sondern ins Blaue hinausgehen und
über sich selbst völlig im unklaren sind. Denn auch
das Kleinste muß in Beziehung zu einem Zweck
gesetzt werden. Der Zweck aber aller
vernunftbegabten Wesen ist: den Grundsätzen und
Satzungen des ältesten Gemeinwesens Folge zu
leisten.

14

Das menschliche Leben ist, was seine Dauer betrifft,


ein Punkt; des Menschen Wesen flüssig, sein
Empfinden trübe, die Substanz seines Leibes leicht
verweslich, seine Seele — ­einem Kreisel
vergleichbar, sein Schicksal schwer zu bestimmen,
sein Ruf eine zweifelhafte Sache. Kurz, alles
Leibliche an ihm ist wie ein Strom, und alles
Seelische ein Traum, ein Rauch: sein Leben Krieg
und Wanderung, sein Nachruhm Vergessenheit.
XXXIII
Was ist es nun, das ihn über das alles zu erheben
vermag? Einzig die Philosophie, sie, die uns lehrt,
den göttlichen Funken, den wir in uns tragen, rein
und unverletzt zu erhalten, daß er Herr sei über
Freude und Leid, daß er nichts ohne Überlegung
tue, nichts erlüge und erheuchele und stets
unabhängig sei von dem, was andere tun oder nicht
tun, daß er alles, was ihm widerfährt und was ihm
zugeteilt wird, so aufnehme, als komme es von da,
von wo er selbst gekommen, und daß er endlich den
Tod mit heiterem Sinn erwarte, als den Moment der
Trennung aller Elemente, aus denen jegliches
lebendiges Wesen besteht. Denn wenn den
Elementen dadurch nichts Schlimmes widerfährt,
daß sie fortwährend ineinander übergehen, weshalb
sollte man sich scheuen vor der Verwandlung und
Lösung aller auf einmal? Vielmehr ist dies das
Naturgemäße, und das Naturgemäße ist niemals
vom Übel.

XXXIV
Drittes Buch
1

Wir müssen uns nicht bloß bedenken, daß das


Leben mit jedem Tage schwindet und ein immer
kleinerer Teil davon übrigbleibt, sondern auch
beherzigen, daß es ja ungewiß ist, wenn man ein
längeres Leben vor sich hat, ob sich die
Geisteskräfte immer gleichbleiben und zum
Verständnis der Dinge, so wie zu all den
Wahrnehmungen und Betrachtungen hinreichen
werden, die uns auf dem Gebiete des Göttlichen
und Menschlichen erfahren machen. Denn wieviele
werden im Alter nicht kindisch! Und bei wem ein
solcher Zustand eingetreten ist, dem fehlt es zwar
nicht an der Fähigkeit zu atmen, sich zu nähren,
sich etwas vorzustellen und etwas zu begehren; aber
das Vermögen, sich frei zu bestimmen, die Reihe
der Pflichten, die ihm obliegen zu überschauen, die
Erscheinungen sich zu zergliedern und darüber,
ob´s Zeit zum Sterben sei oder was sonst einer
durchaus geweckten Denkkraft bedarf, sich klar zu
werden — ­das ist bei ihm erloschen. Also eilen
muß man, nicht bloß weil uns der Tod mit jedem
Tage näher tritt, sondern auch weil die Fähigkeit,
die Dinge zu betrachten und zu verfolgen, oft vorher
aufhört.

Merkwürdig ist, wie an den Erzeugnissen der Natur


auch das, was nur beiläufiges Merkmal ist, einen

XXXV
gewissen Reiz ausübt. So machen z.B. die Risse
und Sprünge im Brot, die gewissermaßen gegen die
Absicht des Bäckers sind, die Eßlust besonders
rege. Ebenso geht es mit den Feigen, die, wenn sie
überreif sind, aufbrechen, und den Oliven, die
gerade wegen der Stellen geschätzt werden, wo sie
nahe daran sind, faul zu werden. Die
niederhängenden Ähren, die Stirnfalte des Löwen,
der Schaum am Munde des Ebers und manches
andere dergleichen hat freilich keinen Reiz, wenn
man´s für sich betrachtet; aber weil es uns an den
Werken der Natur und im Zusammenhange mit
ihnen entgegentritt, erscheint es als eine Zierde und
wirkt anziehend. Fehlt es uns also nur nicht an
Empfänglichkeit und an Tiefe des Blicks in die Welt
der Dinge, so werden wir kaum etwas von solchen
Nebenumständen auffinden, was uns nicht
angenehm deuchte. Ebenso werden wir dann aber
auch z.B. wirkliche Tierkämpfe nicht weniger gern
ansehen, als die Darstellungen, die uns Maler und
Bildhauer davon geben; und unser keusches Äuge
wird mit gleichem Wohlgefallen auf der würdigen
Gestalt des Greises wie auf der liebreizenden des
Mädchens ruhen. Doch gehört dazu eben eine
innige Vertrautheit mit der Natur und ihren Werken.

Hippokrates hat viele Krankheiten geheilt, dann ist


er selbst an einer Krankheit gestorben. Die
Chaldäer weissagten vielen den Tod, dann hat sie
selber das Geschick ereilt. Alexander, Pompejus,
Cäsar — ­nach dem sie so manche Stadt von Grund
aus zerstört und in der Schlacht soviele Tausende
XXXVI
ums Leben gebracht, schieden selbst aus dem
Leben. Heraklit, der über den Weltbrand
philosophiert, starb an der Wassersucht, den
Demokrit brachte das Ungeziefer um, den Sokrates
— ­ein Ungeziefer anderer Art. Kurz, zu einem
jeden heißt es einmal: du bist eingestiegen,
gefahren, im Hafen eingelaufen: so steige nun aus!
Geht´s in ein anderes Leben — ­gewiß in keins, das
ohne Götter ist. Ist´s aber ein Zustand der
Unempfindlichkeit — ­auch gut: wir hören auf von
Leid und Freude hin gehalten zu werden und
verlassen ein Behältnis von um so schlechterer Art
je edler der Eingeschlossene, denn er ist Geist und
göttlichen Wesens, jenes aber Staub und
verweslicher Stoff.

Verschwende deine Zeit nicht mit Gedanken über


das, was andere angeht, es sei denn, daß du jemand
damit ersprießlich sein kannst. Du versäumst
offenbar notwendigere Dinge, wenn dich nichts
weiter beschäftigt, als was der und jener macht und
aus welchem Grunde er so handelt, was er sagt oder
will oder anstellt. So etwas zieht den Geist nur ab
von der Beobachtung seiner selbst. Man muß alles
Eitle und Vergebliche aus der Kette der Gedanken
zu entfernen suchen, vorzüglich alle müßige und
nichtswürdige Neugier, und sich nur an solche
Gedanken gewöhnen, über die wir sofort, wenn uns
jemand fragt, was wir gerade denken, gern und mit
aller Offenheit Rechenschaft geben können, so daß
man gleicht sieht: hier ist alles lauter und gut und
so, wie es einem Gliede der menschlichen
XXXVII
Gesellschaft geziemt, hier wohnt nichts von
Genußsucht und Lüsternheit, nichts von Zank oder
Neid oder Mißtrauen, nichts von alle dem, wovon
der Mensch nur mit Erröten gestehen kann, daß es
seine Seele beschäftige. Und ein solcher Mensch
— ­dem es nun ja auch nicht an dem Streben nach
Auszeichnung fehlen kann — ­ist ein Priester und
Diener der Götter, der Gewinn aus dem inneren
Gottesbewußtsein zu ziehen weiß, so daß ihn keine
Lust beflecken, kein Schmerz verwunden, kein
Stolz berücken, nichts Böses überhaupt reizen kann;
er ist ein Held in jenem großen Kampf gegen die
Leidenschaft und eingetaucht in das Wesen der
Gerechtigkeit vermag er jegliches Geschick von
ganzer Seele zu begrüßen. Ein solcher Mensch
aber denkt selten und nur, wenn es das allgemeine
Beste erfordert, an das, was andere sagen oder tun
oder meinen. Sondern die eigene Pflicht ist der
einzige Gegenstand seines Tuns, so wie, was ihm
das Schicksal gesponnen im Gewebe des Ganzen,
der Hauptgegenstand seines Nachdenkens. Dort
hält er Tugend, hier den guten Glauben. Und in der
Tat ist jedem zuträglich, was sich mit ihm zuträgt
nach dem Willen des Schicksals. Stets ist er
eingedenk, daß alle Vernunftwesen einander
verwandt sind, und daß es zur menschlichen Natur
gehört, für andere zu sorgen. Nach Ansehen strebt
er nur bei denen, die ein naturgemäßes Leben
führen, da er ja weiß, was die, die nicht so leben,
sind, wie sie´s zu Hause und außer dem Hause, am
Tage und bei Nacht und mit wem sie ihr Wesen
treiben. Das Lob derer also, die nicht sich selber zu
genügen wissen, hat für ihn nicht den geringsten
Wert.
XXXVIII
5

Tue nichts mit Widerwillen, nichts ohne Rücksicht


auf das Gemeinwohl, nichts ungeprüft, nichts wobei
du noch ein Bedenken hast. Drücke deine
Gedanken aus ohne Ziererei. Sei kein Schwätzer
und kein Vielgeschäftiger. Sondern mit einem
Worte: der Gott in dir führe das Regiment,
welchem Geschlecht, Alter, Beruf, welcher Abkunft
und Stellung du nun auch angehören magst, so daß
du immer in der Verfassung bist, wenn du abgerufen
werden solltest, gern und willig zu folgen. —
­Eidschwur und Zeugenschaft mußt du immer
entbehren können. — ­Innerlich aber sei heiter,
nicht bedürfend, daß die Hilfe von außen dir
komme, auch nicht des Friedens bedürftig, den
andere uns geben können. — ­Steh aufrecht, heißt
es, nicht: lasse dich stellen!

Kannst du im menschlichen Leben etwas Besseres


finden als Gerechtigkeit, Wahrheit,
Selbstbeherrschung, Tapferkeit oder mit einem
Wort: als den Zustand der Seele, wo du in allem,
was eine Sache der Vernunft und Selbstbestimmung
ist, mit dir selbst, in dem aber, was ohne dich
geschieht, mit dem Schicksale zufrieden bist; kannst
du, sage ich, etwas entdecken, was noch besser ist
als dies, so wende dich dem mit ganzer Seele zu
und freue dich, daß du das Beste aufgefunden hast.
Sollte es aber in Wahrheit nichts Besseres geben,
als den in dir wohnenden Gott, der deine Begierden
sich untertänig zu machen weiß, der die Gedanken
XXXIX
prüft, den sinnlichen Empfindungen, wie Sokrates
sagt, sich zu entziehen sucht, und der sich selbst —
­den Göttern unterwirft und für das Wohl der
Menschen Sorge trägt: solltest du finden, daß
gegen dieses alles andere gering ist und
verschwindet, so folge nun auch keiner anderen
Stimme und laß in deine Seele nichts eindringen,
was, wenn es dich einmal angezogen, dich an der
ungeteilten Pflege jenes herrlichen Schatzes, deines
Eigentums, hindert. Denn diesem Gute, dem
höchsten nach Wesen und Wirkung, irgend etwas
anderes wie Ehre, Herrschaft, Reichtum, Genuß an
die Seite setzen zu wollen, wäre Torheit, weil uns all
dieses, selbst wenn wir es nur ein wenig anziehend
finden, dann mit einem Male ganz in Beschlag
nimmt und verführt. Darum sage ich, man solle
einfach und unbedingt das Bessere wählen und ihm
anhängen. Das Bessere ist aber auch immer
zugleich das Zuträgliche, sei es, daß es uns frommt
als denkenden oder als empfindenden Wesen.
Finden wir nun etwas, das uns als Vernunftwesen zu
fördern verspricht, so müssen wir´s festhalten und
pflegen. Ist es aber nur für unser Empfinden
zuträglich, so haben wir es mit Bescheidenheit und
schlichtem Sinn hin zunehmen, und nur dafür zu
sorgen, daß wir uns unser gesundes Urteil bewahren
und fortgesetzt die Dinge gehörig prüfen.

Bilde dir nie ein, daß etwas gut für dich sein könnte,
was dich nötigt, einmal die Treue zu brechen, die
Scham hintanzusetzen, jemand zu hassen,
argwöhnisch zu sein, in Verwünschungen
XL
auszubrechen, dich zu verstellen oder Dinge zu
begehren, bei denen man Vorhänge und
verschlossene Türen braucht. Derjenige, welcher
die Vernunft, seinen Genius und deren Dienst
jederzeit die erste Rolle spielen läßt, wird nie zu
einer Tragödie Anlaß geben oder seufzen oder die
Einsamkeit oder große Gesellschaft suchen; er wird
leben im höchsten Sinne des Worts und weder auf
der Jagd noch auf der Flucht. Ob seine Seele auf
lange oder kurze Zeit im Leibe eingeschlossen
bleiben soll, kümmert ihn wenig; er würde, auch
wenn er bald scheiden müßte, sich dazu ganz
ebenso auf den Weg machen, wie wenn es gelte,
irgend etwas anderes mit Anstand und mit edlem
Wesen auszuführen; sondern wofür er durchs ganze
Leben Sorge trägt, ist nur das, daß seine Seele sich
stets in einem Zustande befinde, der einem auf das
Zusammenleben mit andern angewiesenen
vernünftigen Wesen geziemt.

In der Seele eines Menschen, der in Zucht und


Schranken gehalten worden und so gehörig
geläutert ist, findet man nun auch jene Wunden und
Schäden nicht mehr, die so häufig unter einer
gesunden Oberfläche heimlich fortwuchern. Nichts
Knechtisches ist in ihm und nichts Geziertes; sein
Wesen hat nichts besonders Verbindliches, aber
auch nichts Abstoßendes; ihn drückt keine Schuld
und nichts, was ihn zu Heimlichkeiten nötigte.
Auch hat ein solcher Mensch wirklich “vollendet”,
wenn ihn das Schicksal ereilt, was man von andern
oft nur mit demselben Rechte sagt, wie von dem
XLI
Helden eines Dramas, daß er ein tragischer sei,
noch ehe das Stück geendet hat.

Was die Fähigkeit zu urteilen und Schlüsse zu


machen anbetrifft, so mußt du sie in Ehren halten.
Denn es wohnt ihr die Kraft bei, zu verhüten, daß
sich in deiner Seele irgendeine Ansicht festsetze,
welche widernatürlich ist oder einem
vernunftbegabten Wesen unangemessen. Ihre
Bestimmung ist, uns geistig unabhängig zu machen,
den Menschen zugetan und den Göttern gehorsam.

10

Alles übrige ist Nebensache. Das Wenige, was ich


gesagt habe, reicht völlig hin. Dabei bleibe man
sich bewußt, daß jeder eigentlich nur dem
gegenwärtigen Augenblick lebe. Denn alles übrige
ist entweder durchlebt oder in Dunkel gehüllt. Also
ein Kleines ist´s, was jeder lebt, und ein Kleines, wo
er lebt — ­das Winkelchen Erde, und ein Kleines
der Ruhm, auch der größte, den er hinterläßt: damit
er sich forterbe in der Kette dieser Menschenkinder,
die so geschwind sterben müssen und die nicht
einmal sich selbst begreifen, geschweige denn einen
längst vor ihnen Gestorbenen!

11

Den aufgestellten Lebensregeln ist aber noch eine


hinzuzufügen. Von jedem Gegenstande, der sich
deinem Nachdenken darbietet, suche dir stets einen
XLII
klaren und bestimmten Begriff zu machen, so daß
du weißt, was er an sich und was er nach allen
seinen Beziehungen ist, damit du ihn selbst sowohl
wie seine einzelnen Momente nennen und
bezeichnen kannst. Denn nichts erzeugt in dem
Grad hohen Sinn und edle Denkungsart, als wenn
man imstande ist, sich von jeder im Leben
gemachten Erfahrung, dem Wesen ihres
Gegenstandes und ihrer Vermittlung nach,
Rechenschaft zu geben, und alle Begebenheiten so
anzusehen, daß man bei sich überlegt, in welchem
Zusammenhang sie erscheinen und welche Stelle
sie in demselben einnehmen, welchen Wert sie für
das Ganze haben und was sie dem Menschen
bedeuten, diesem Bürger eines höchsten Reiches,
zu dem sich die übrigen Reiche wie die einzelnen
Häuser zu der ganzen Ortschaft verhalten daß man
weiß, was man jedesmal vor sich hat, wo es sich
herschreibt und wie lange es bestehen wird, und wie
sich der Mensch dazu zu verhalten habe, ob milde
oder tapfer, zweifelsüchtig oder vertrauend voll,
hingebend oder auf sich selbst beruhend; so daß
man sich von jedem Einzelnen sagen muß,
entweder: es kommt von Gott, oder: es ist ein
Stück jenes großen Gewebes, das das Schicksal
spinnt, und so und so gefügt, oder endlich: es
kommt von einem unsrer Genossen und Brüder, der
nicht gewußt hat, was naturgemäß ist. Du aber
weißt es, und darum begegnest du ihm, wie es das
natürliche Gesetz der Gemeinschaft fordert, mit
Liebe und Gerechtigkeit. Und auch in
gleichgültigen Dingen zeigst du ein ihrem Wert
entsprechendes Verhalten.

XLIII
12

Wenn du der gesunden Vernunft folgst und bei


dem, was dir zu tun gerade obliegt, mit Eifer, Kraft
und Liebe tätig bist, ohne daß dich ein anderer
Gedanke dabei leitet, als der, dein Inneres rein zu
erhalten, als solltest du bald deinen Geist aufgeben;
wenn du dich auf diese Weise zusammennimmst
und dabei weder zögerst noch eilst, sondern dir
genügen lässest an der dir von Natur zu Gebote
stehenden Energie und an der Wahrhaftigkeit, die
aus jedem deiner Worte hervor leuchten muß, so
wirst du ein glückliches Leben führen. Und ich
wüßte nicht, wer dich daran hindern sollte.

13

Wie die Ärzte zu raschen Heilungen stets ihre


Instrumente und Eisen zur Hand haben, so mußt du
behufs der Erkenntnis göttlicher und menschlicher
Dinge die Lehren der Philosophie in steter
Bereitschaft halten, damit du in allem, auch im
Kleinsten, immer so handelst wie einer, der sich des
Zusammenhangs beider bewußt ist. Denn
Menschliches läßt sich ebensowenig richtig
behandeln ohne Beziehung auf Göttliches als
umgekehrt.

14

Höre endlich auf, dich selbst zu verwirren! Es ist


nicht daran zu denken, daß du dazu kommst, was
du dir für spätere Zeiten deines Lebens aufbehalten
hattest, dies und jenes zu treiben und zu lesen und
XLIV
wieder hervorzusuchen. Darum gib solche törichte
Pläne auf, und wenn du dich selber lieb hast, schaffe
dir — ­noch vermagst du´s — ­eiligst die Hilfe,
deren du bedarfst!

15

In manchem Wort, das unbedeutend scheint, wie


z.B. Stehlen, Säen, Kaufen, Ruhen, Sehen, was es
zu tun gibt, liegt oft ein tieferer Sinn. Wie mancher
sagt: “ich will doch sehen, was es gibt”, und denkt
nicht daran, daß es dazu eines anderen Schauens
bedarf, als das der Augen.

16

Leib, Seele, Geist — ­das war jene Dreiheit: der


Leib mit seinen Empfindungen, die Seele mit ihren
Begierden und der Geist mit seinen Erkenntnissen.
Aber Bilder und Vorstellungen haben auch unsere
Haustiere; von Begierden in Bewegung gesetzt
werden auch die wilden Tiere oder Menschen, die
nicht mehr Menschen sind, ein Phalaris, ein Nero; in
allem, was vorteilhaft scheint, sich vom Geiste leiten
zu lassen, ist auch die Sache solcher, die das Dasein
der Götter leugnen, das Vaterland verraten und die
schändlichsten Dinge tun, sobald es nur niemand
sieht. Wenn soweit also jenes etwas allen
Gemeinsames ist, so bleibt als das dem Guten
Eigentümliche nur übrig, das ihm vom Schicksal
Bestimmte willkommen zu heißen, das Heiligtum in
seiner Brust nicht zu entweihen, sich nicht durch
Gedankenmenge zu verwirren, sondern im
Gleichmaß zu verharren, der Stimme des Gottes zu
XLV
folgen, nichts zu reden wider die Wahrheit und
nichts zu tun wider die Gerechtigkeit. Und daß
man dabei ein einfaches, züchtiges und
wohlgemutes Leben führt, daran sollte eigentlich
niemand zweifeln. Geschähe es aber, wir würden
deshalb doch keinem zürnen, noch von dem Wege
weichen, der an das Ziel des Lebens führt, bei
welchem wir unbefleckt, gelassen, wohlgerüstet und
willig dem Schicksal gehorchend ankommen
müssen.

Viertes Buch
XLVI
1

Wenn der in uns herrschende Geist seiner Natur


folgt, kann es uns — ­den Ereignissen gegenüber
— ­nicht schwer fallen, auf jede Möglichkeit
vorbereitet zu sein und das Gegebene
hinzunehmen. Das Festbestimmte, Abgemachte ist
es dann überhaupt nicht, wofür wir Interesse haben,
sondern: was uns gut und wünschenswert scheint,
ist doch immer nur mit Vorbehalt ein Gegenstand
unseres Strebens; was sich uns aber geradezu in den
Weg stellt, betrachten wir als ein Mittel zu unsrer
Übung — ­: der Flamme gleich, die sich auch
solcher Stoffe zu bemächtigen weiß, deren
Berührung ein kleineres Licht verlöschen würde,
aber ein helles Feuer nimmt in sich auf und verzehrt,
was man ihm zuführt, und wird nur größer dadurch.

Bei allem, was du tust, gehe besonnen zu Werke


und so, daß du dabei die höchste Lebenskunst im
Auge hast!

Man liebt es, sich zuzeiten aufs Land, ins Gebirge,


an die See zurückzuziehn. Auch du sehnst dich
vielleicht dahin. Im Grunde genommen aber steckt
dahinter eine große Beschränktheit. Es steht dir ja
frei, zu jeglicher Stunde dich in dich selbst
zurückzuziehn, und nirgends finden wir eine so
friedliche und ungestörte Zuflucht als in der eignen
Seele, sobald wir nur etwas von dem in uns tragen,
XLVII
was wir nur anzuschauen brauchen, um uns in eine
vollkommen ruhige und glückliche Stimmung
versetzt zu sehn — ­eine Stimmung, die nach
meiner Ansicht freilich ein anständiges, sittliches
Wesen bedingt. Auf diese Weise also ziehe dich
beständig zurück, um dich immer wieder auf
zufrischen. Einfach und klar und bestimmt aber
seien jene Ideen, die aus deiner Seele so manches
hinweg spülen, wenn du sie dir vergegenwärtigst,
und dir eine Zuflucht schaffen sollen, aus der du
nicht übel launisch zurückkehrst. Und was sollte
dich auch alsdann verdrießen? “Die Schlechtigkeit
der Menschen?” Aber wenn du bedenkst, daß die
vernünftigen Wesen füreinander geboren sind, daß
das Ertragen des Unrechts zur Gerechtigkeit gehört,
daß die Menschen unfreiwillig sündigen, und dann
— ­wie viel streitsüchtige, argwöhnische, gehässige
und gewalttätige Menschen dahin gemußt haben
und nun ein Raub der Verwesung sind — ­wirst du
da deine Abneigung nicht los werden? “Oder ist es
dein Schicksal?” So erinnere dich nur jenes
Zwiefachen: entweder wir sagen: es gibt eine
Vorsehung, oder: wir sehen uns als Teile und
Glieder eines Ganzen an, und unserer Betrachtug
der Welt liegt die Idee eines Reiches zugrunde.
“Oder ist es dein Leib, der irgendwie schmerzt?”
Aber du weißt ja, der Geist, wenn er sich selbst
begriffen und seine Macht kennen gelernt hat, hängt
nicht ab von sanfteren oder rauheren Lüften; auch
weißt du, wie wir über Schmerz und Freude denken,
und bist einverstanden damit. “Oder macht dir der
Ehrgeiz zu schaffen?” Aber wie schnell breitet
Vergessenheit über alles ihren Schleier! wie
unablässig drängt eins das andere in dieser Welt
XLVIII
ohne Anfang und ohne Ende! Wie nichtig ist jeder
Nachklang unseres Tuns! wie veränderlich und wie
urteilslos jede Meinung, die sich über uns bildet
und wie eng der Kreis, in dem sie sich bildet! Die
ganze Erde ist ja nur ein Punkt im All, und wie
klein ist nun wieder der Winkel auf ihr, wo von uns
die Rede sein kann! Wie viele können es sein, und
was für welche, die unsern Ruhm verkünden? In
der Tat also gilt es sich zurückzuziehen auf eben
diesen kleinen Raum, der unser ist, und hier sich
weder zerstreuen, noch einspannen zu lassen,
sondern sich frei zu bewegen und die Dinge
anzusehen wie ein Mensch, wie ein Glied der
Gesellschaft, wie ein sterbliches Wesen. Unter allen
Wahrheiten aber, die dir am geläufigsten sind,
müssen jedenfalls die beiden sein: die eine: daß
Außendinge die Seele nicht berühren dürfen,
sondern wirklich Außendinge sein und bleiben
müssen. Denn Widerwärtigkeiten gibt es nur für
den, der sie dafür hält. Die andere: daß alles, was
du siehst, sich bald verwandeln und nicht mehr sein
werde, wie du selbst schon eine Menge
Wandlungen durchgemacht hast. Mit einem Wort:
die Welt ist ein ewiger Wechsel, das Leben ein
Wahn!

Haben wir alle das Denkvermögen gemein, dann


auch die Vernunft? dann auch die Stimme, die uns
sagt, was wir tun und lassen sollen; dann auch eine
Gesetzgebung; wir sind also alle Bürger eines und
desselben Reiches. Und so würde folgen, daß die
Welt ein Reich ist. Denn welches Reich wäre sonst
XLIX
dem menschlichen Geschlecht gemein? — ­Stammt
nun etwa jene Denkkraft, jenes Vernünftige und
Gesetzgebende aus diesem uns allen gemeinsamen
Reiche oder sonst woher? Denn gleichwie bei
verschiedenen Stoffen jeder seine besondere Quelle
hat (denn es ist Nichts, was aus dem Nichts
entstände, so wenig wie Etwas in das Nichts
übergeht), so muß auch das Geistige irgendwoher
stammen.

Mit dem Tode verhält sich´s wie mit der Geburt:


beide sind Geheimnisse der Natur. Dieselben
Elemente welche hier sich einigen, werden dort
gelöst. Und das ist nichts, was uns unwürdig
vorkommen könnte. Es widerspricht weder dem
vernünftigen Wesen selbst, noch der Art und Weise
seiner Einrichtung.

Es liegt freilich in der Natur der Sache, daß gewisse


Leute einen solchen Widerspruch darin finden.
Aber wer dies nicht will, will nicht, daß der
Feigenbaum Saft habe. Überhaupt aber sei dessen
eingedenk, daß ihr beide, du und er, in kürzester
Zeit sterben werdet, und daß bald nicht einmal euer
Name übrigbleibt.

Laß deinen Wahn schwinden, du hörst auf dich zu


beklagen. Beklagst du dich nicht mehr, ist auch das
L
Übel weg.

Der Begriff des Heilsamen und des Schädlichen


schließt es schon in sich, daß, was den Menschen
nicht verdirbt, auch sein Leben nicht verderben oder
verbittern kann weder äußerlich noch innerlich.

Weil es nützlich ist, handelt die Natur


notwendigerweise so, wie sie handelt.

10

Alles, was geschieht, geschieht mit Recht; einer


genauen Beobachtung kann das nicht entgehen.
Auch sage ich nicht bloß: es ist in der Ordnung,
sondern: es ist recht, d.h. als käme es von einem,
der alles nach Recht und Würdigkeit austeilt. Setze
deine Beobachtungen nur fort, und du selbst —
­was du auch tust, mache gut! gut im eigentlichsten
Sinne des Worts! Denke daran bei jeder deiner
Handlungen!

11

Wie derjenige denkt, der dich verletzt, oder wie er


will, daß du denken sollst, so denke gerade nicht.
Sondern sieh die Sache an, wie sie in Wahrheit ist.

12

LI
Zu zweierlei müssen wir stets bereit sein: einmal,
zu handeln einzig den Forderungen gemäß, welche
das in uns herrschende Gesetz an uns stellt — ­und
das heißt immer auch zugleich zum Nutzen der
Menschen handeln. Sodann: auf unserer Meinung
nicht zu beharren, wenn einer da ist, der sie
berichtigen und uns so von ihr abbringen kann.
Doch muß jede Sinnesänderung davon ausgehen,
daß die neue Ansicht die richtige und gute sei, nicht
davon, daß sie Annehmlichkeiten und äußere
Vorteile verschaffe.

13

Wenn du Vernunft hast, warum gebrauchst du sie


nicht? Tut sie das ihrige, was kannst du mehr
verlangen?

14

Was du bist, ist doch nicht das Ganze. So wirst du


denn auch einst aufgehen in dem, der dich erzeugte;
oder vielmehr, nach geschehener Wandlung wirst
du wieder aufgenommen werden in seine
Erzeugernatur.

15

Viele Weihrauchkörner fallen auf denselben Altar


der Gottheit — ­das ist des Menschen Leben.
Wieviel davon schon gestreut ist, wieviel noch nicht,
was liegt daran?

16
LII
Sobald du dich zu den Grundsätzen und dem
Dienst der Vernunft bekehrst, kannst du innerhalb
zehn Tagen denen ein Gott sein, denen du jetzt so
verächtlich erscheinst wie ein Affe oder ein wildes
Tier.

17

Richte dich nicht ein, als solltest du hundert Jahre


alt werden. Denn wie nahe ist vielleicht dein Ende!
Aber solange du lebst, solange es in deiner Macht
steht — ­sei gut!

18

Welch ein Gewinn, wenn man auf anderer Leute


Worte, Angelegenheiten und Gedanken nicht
achtet, sondern nur merkt auf das eigene Tun, ob es
gerecht und fromm und gut sei,

“ — ­das Auge abgewendet vom Pfuhl des Lasters,


nur der eignen Bahn nachgehend, grad und
unverrückt.”

19

Der Ruhmbegierige bedenkt nicht, daß auch die in


aller Kürze nicht mehr sein werden, die seiner
gedenken, und daß es sich mit jedem folgenden
Geschlecht ebenso verhält, bis endlich die
Erinnerung, durch solche fortgepflanzt, die nun
erloschen sind, selber erlischt. Aber gesetzt auch,
sie wären unsterblich, die deinen Namen nennen,
und unsterblich dieses Namens Gedächtnis: was
LIII
nützt dir´s? dir, der du bereits gestorben bist? Aber
auch, was nützt dir´s bei deinem Leben? Es sei
denn, daß du zeitliche Vorteile dabei hast. Sind also
Ruhm und Ehre dir zuteil geworden, achte dieser
Gabe nicht! sie macht dich eitel und abhängig vom
Geist und Wort der andern.

20

Jegliches Schöne ist schön durch sich selbst und in


sich vollendet, so daß für ein Lob kein Raum in ihm
ist. Wird es doch durch Lob weder schlechter noch
besser. Dies gilt auch von dem, was man in der
Regel schön nennt, von dem körperlich Schönen
und den Werken der Kunst. Das wahrhaft Schöne
bedarf des Lobes ebensowenig als das göttliche
Gesetz, die Wahrheit, die Güte, die Scham. Oder
vermag daran etwa das Lob zu bessern oder der
Tadel zu verderben? Wird die Schönheit des
Edelsteins, des Purpurs, des Goldes, des Elfenbeins,
die Schönheit eines Instruments, einer Blüte, eines
Bäumchens geringer dadurch, daß man sie nicht
lobt?

21

Wenn die Seelen fortdauern, wie vermag sie der


Luftraum von Ewigkeit her zu fassen? Aber wie ist
denn die Erde imstande, die Leichname sovieler
Jahrtausende zu fassen? Die Leiber, nachdem sie
eine Zeitlang gedauert haben, verwandeln sich und
lösen sich auf, und so wird andern Leibern Platz
gemacht. Ebenso die in den Äther versetzten
Seelen. Eine Zeitlang halten sie zusammen, dann
LIV
verändern sie sich, dehnen sich aus, verbrennen und
gehen in das allgemeine Schöpferwesen auf, so daß
ein Raum für neue Bewohner entsteht. So etwa
ließe sich die Ansicht von der Fortdauer der Seelen
erklären. Was aber die Leiber betrifft, so kommt
hier nicht bloß die Menge der auf jene Weise
untergebrachten, sondern auch die der täglich von
uns und von den Tieren verzehrten Leiber in
Betracht. Welch eine Menge verschwindet und
wird so gleichsam begraben in den Leibern derer,
die sich davon nähren, und immer derselbe Raum
ist´s, der sie faßt, durch Verwandlung in Blut, in
Luft- und Wärmestoffe. Das Prinzip oder die
Summe aller dieser Erscheinungen ist also: die
Auflösung in die Materie und in den Urgrund aller
Dinge.

22

Stets entschieden, gilt es, zu sein und das Rechte im


Auge zu haben bei jeglichem Streben. In dem
Gedankenleben aber sei das Begreifliche dein
Leitstern.

23

Was mit dir zusammenstimmt, o Welt, ist auch für


mich angemessen! Nichts kommt zu früh für mich
und nichts zu spät, wenn´s bei dir heißt: “Zu guter
Stunde.” Eine süße Frucht ist mir alles, was du
gezeitigt hast, Natur. Von dir und in dir ist alles und
zu dir kehrt es zurück. — ­Als Aristophanes
Theben wiedersah, rief er: “Du liebe Stadt des
Kekrops!” und ich, ich sollte mit dem Blick auf
LV
dich nicht sagen: “Du liebe Stadt des höchsten
Gottes?”

24

Nur auf wenig Dinge, heißt es, darf sich deine


Tätigkeit erstrecken, wenn du dich wohl befinden
willst. Aber wäre es nicht besser, sie auf das
Notwendige zu richten? auf das, was wir als Wesen,
die auf das Leben in Gemeinschaft angewiesen sind,
tun sollen? Denn das hieße nicht bloß das Vielerlei,
sondern auch das Schlechte vermeiden und müßte
uns also doppelt glücklich machen. Gewiß würden
wir ruhiger und zufriedener sein, wenn wir das
meiste von dem, was wir zu reden und zu tun
pflegen, als überflüssig ließen. Ist es doch durchaus
notwendig, daß wir in jedem einzelnen Falle, ehe
wir handeln, eine Stimme der Warnung vernehmen;
und sollte die von etwas ausgehen können, das an
sich selbst unnötig ist? Zuerst aber befreie deine
Gedanken von allem, was unnütz ist, dann wirst du
auch nichts Unnützes tun.

25

Mache den Versuch — ­vielleicht gelingt dir´s —


­zu leben wie ein Mensch, der mit seinem Schicksal
zufrieden ist, und, weil er recht handelt und liebevoll
gesinnt ist, auch den inneren Frieden besitzt.

26

Willst du? so höre noch dies: Rege dich nicht


selbst auf, und bleibe immer bei dir. Hat sich
LVI
jemand an dir vergangen: an sich selbst hat er sich
vergangen. Ist dir etwas Trauriges widerfahren: es
war dir von Anfang an bestimmt; was geschieht, ist
alles Fügung. Und im Ganzen: das Leben ist kurz.
Die Gegenwart ist´s, die wir nutzen sollen, durch
rechtschaffenes und überlegtes Handeln, und wenn
wir ausruhen wollen, durch ein besonnenes
Ausruhen. Auch in Erholungsstunden bleibe
nüchtern!

27

Entweder ist die Welt ein wohlgeordnetes Ganzes


oder ein zufälliges Gemenge, das man aber doch
eine Weltordnung nennt. Doch wie? Kann in dir
eine gewisse Ordnung herrschen, wenn im
Weltganzen Unordnung herrscht? Und das könnte
sein bei der ineinandergestimmten Vereinigung aller
möglichen Kräfte, die einander widerstreiten und
zerteilt sind?

28

Es gibt schwarze Charaktere, weibische,


halsstarrige, tierische, viehische, kindische, träge,
zweideutige, geckenhafte, betrügerische, tyrannische
Charaktere.

29

Wenn der ein Fremdling ist in der Welt, der nicht


weiß, was auf ihr ist und geschieht, so nenne ich den
einen Flüchtling, der sich den Ansprüchen des
Staates entzieht; einen Blinden, der das Auge seines
LVII
Geistes schließt; einen Bettler, der eines andern
bedarf und nicht in sich alles zum Leben Nötige
trägt; einen Auswuchs des Weltalls, der von dem
Grundgesetz der Allnatur abweicht und — ­mit
dem Schicksal hadert! als hätte sie, die dich
hervorgebracht, nicht auch dieses erzeugt; ein
abgehauenes Glied der menschlichen Gesellschaft,
der mit seiner Seele von dem Lebensprinzip der
einen alle Vernunftwesen umfassenden Gemeinde
geschieden ist.

30

Es gibt Philosophen, die keinen Rock anzuziehen


haben und halbnackt einhergehen. “Nichts zu
essen, aber treu der Idee.” Auch für mich ist die
Philosophie kein Brotstudium.

31

Liebe immerhin die Kunst, die du gelernt hast, und


ruhe dich aus in ihr. Doch gehe durchs Leben nicht
anders wie einer, der alles, was er hat von ganzem
Herzen den Göttern weiht, niemandes Tyrann und
niemandes Knecht.

32

Betrachten wir die Geschichte, z.B. die Zeiten


Vespasians, so finden wir Menschen, die sich freien,
Kinder zeugen, krank liegen, sterben, Krieg führen,
Feste feiern, Handel treiben, Acker bauen; finden
Schmeichler, Freche, Mißtrauische, Listige, oder
solche, die ihr Ende herbeiwünschen, die sich über
LVIII
die schlimmen Zeiten beklagen; finden Liebhaber,
Geizhälse, Ehrgeizige, Herrschsüchtige. Nicht
wahr? Ihr Leben ist jetzt nirgends mehr zu finden.
Gehen wir über auf die Zeiten des Trajan: alles
ganz ebenso. Und auch diese Zeit ging zu Grabe.
— ­So betrachte die Grabschriften aller Zeiten und
Völker, damit du siehst, wie viele, die sich
aufschwangen, nach kurzer Zeit wieder sanken und
vergingen. Namentlich muß man immer wieder an
die denken, bei denen wir´s mit eignen Augen
gesehen haben, wie sie nach eitlen Dingen
trachteten, wie sie nicht taten, was ihrer Bildung
entsprach, daran nicht unablässig festhielten und
sich daran nicht genügen ließen. Und fällt uns dann
die Regel ein, daß die Behandlung einer Sache
ihren Maßstab in dem Wert der Sache selbst hat, so
wollen wir sie doch ja beobachten, damit wir uns
vor dem Ekel bewahren, der die notwendige Folge
davon ist, daß man den Dingen mehr Wert beilegt,
als sie verdienen.

33

Worte, die ehemals im Gebrauch waren, sind nun


veraltet. So sind auch die Namen einst
hochberühmter Männer, eines Camill, Scipio, Cato,
dann eines Augustus, dann Hadrians, dann
Antoninus Pius, später gleichsam veraltete Worte.
Sie verbleichen bald und nehmen das Gewand der
Sage an, bald sind sie gar versunken in
Vergessenheit. Dies gilt von denen, die ehemals so
wunderbar geleuchtet haben. Denn von den andern,
sind sie nur tot, weiß man nichts mehr, hat man nie
etwas gehört. Also ist Unvergeßlichkeit ein leeres
LIX
Wort. Aber was ist es denn nun, wonach sich´s
lohnt zu streben? Nur das eine: eine tüchtige
Gesinnung, ein Leben zum Besten anderer,
Wahrheit in jeder Äußerung, ein Zustand des
Gemüts, wonach dir alles, was geschieht, notwendig
scheint und dir befreundet, aus einer Quelle
fließend, mit der du vertraut bist.

34

Gib dich dem Schicksal willig hin, und erlaube ihm,


dich mit den Dingen zu verflechten, die es dir
irgend zuerkennt.

35

Eintagsfliegen sind beide, der Gedenkende und der,


dessen gedacht wird.

36

Alles entsteht durch Verwandlung, und die Natur


liebt nichts so sehr, als das Vorhandene
umzumodeln und Neues von ähnlicher Art zu
erzeugen. Jedes Einzelwesen ist gewissermaßen der
Same eines zukünftigen, und es wäre eine große
Beschränktheit, nur das als ein Samenkorn
anzusehen, was in die Erde oder in den
Mutterschoß geworfen wird.

37

Wie bald wirst du tot sein, und noch immer bist du


nicht ohne Falsch, nicht ohne Leidenschaft, nicht
LX
frei von dem Vorurteil, daß Äußeres dem Menschen
schaden könne, nicht sanftmütig gegen jedermann,
und noch immer nicht überzeugt, daß Gerechtigkeit
die einzig wahre Klugheit sei.

38

Mache dich mit den herrschenden Gesinnungen der


Menschen bekannt, mit ihren Sorgen und mit dem,
was sie fliehen und was sie erstreben.

39

In der Seele eines andern sitzt es nicht, was dich


unglücklich macht, auch nicht in der Wendung
deiner äußeren Verhältnisse. Wo denn, fragst du?
In deinem Urteil! Halte es nicht für ein Unglück,
und alles steht gut. Und wenn, was dich zunächst
umgibt, deine Haut verwundet, geschnitten,
gebrannt wird, muß der Teil deines Wesens, der
über solche Dinge urteilt, in Ruhe sein, d.h. er muß
denken, daß das, was ebenso den Guten wie den
Bösen treffen kann, unser Unglück oder unser
Glück unmöglich ausmacht. Denn was bald der
erfährt, der gegen die Natur lebt, bald wieder der,
der ihrer Stimme folgt, das kann doch selbst nicht
widernatürlich oder natürlich heißen.

40

Die Welt ist ein einziges lebendiges Wesen, ein


Weltstoff und eine Weltseele. In dieses
Weltbewußtsein wird alles aufgenommen, so wie
aus ihm alles hervorgeht, so jedoch, daß von den
LXI
Einzelwesen eines des anderen Mitursache ist und
auch sonst die innigste Verknüpfung unter ihnen
stattfindet.

41

Nach Epiktet ist der Mensch — ­eine Seele mit


einem Toten belastet.

42

Was zu dem Wandlungsprozeß gehört, dem wir alle


unterworfen sind, das kann als solches weder gut
noch böse sein.

43

Ein Strom des Werdens, in dem eins das andre jagt,


ist die Zeit. Denn ein jegliches Ding —
­verschlungen ist´s, kaum da es aufgetaucht. Aber
kaum ist das eine dahin, trägt die Woge schon
wieder ein anderes her. Doch auch dieses wird
weggeschwemmt.

44

Wie die Rose die Vertraute des Sommers und die


Früchte die Freunde des Herbstes sind, so ist das
Schicksal uns freundlich gesinnt, mag es nun
Krankheit oder Tod oder Schimpf und Schande
heißen. Denn Kummer machen solche Dinge nur
dem Toren.

45
LXII
Das Folgende entspricht immer dem
Vorangehenden, nicht nur in der Weise des
Nacheinander mit bloß äußerer Verknüpfung,
sondern durch ein inneres geistiges Band. Denn
wie im Reiche des Gewordenen alles harmonisch
gefügt ist, so tritt uns auch auf dem Gebiete des
Werdens keine bloße Aufeinanderfolge, sondern
eine wunderbare innere Verwandtschaft entgegen.

46

Mag es richtig sein, was Heraklit sagt, daß in der


Natur das eine des andern Tod sei, der Erde Tod
das Wasser, des Wassers die Luft, der Luft das
Feuer und umgekehrt; doch hat er nicht gewußt,
wohin alles führt. Aber es läßt sich auch von
solchen Leuten lernen, die das Ziel ihres Weges aus
dem Gedächtnis verloren haben, auch von solchen,
die, je mehr sie mit dem alles beherrschenden
Geiste verkehren, tatsächlich sich desto mehr von
ihm entfernen, auch von denen, welchen gerade das
fremd ist, was sie täglich beschauen, oder die wie im
Traume handeln und reden (denn auch das nennt
man noch Tätigkeit), oder endlich von solchen, die
wie die kleinen Kinder alles nachmachen.

47

Wenn dir ein Gott weissagte, du werdest morgen,


höchstens übermorgen sterben, so könntest du dich
über dieses “Übermorgen” doch nur freuen, wenn
gar nichts Edles in dir steckt. Denn was ist´s für ein
Aufschub! Ebenso gleichgültig aber müßte es dir
sein, wenn man dir prophezeite: nicht morgen,
LXIII
sondern erst nach langen Jahren!

48

Bedenke, wie viele Ärzte sind gestorben, nachdem


sie an wie vielen Krankenbetten bedenklich den
Kopf geschüttelt; wie viele Astrologen, die erst
andern mit großer Wichtigkeit den Tod
verkündigten; wie viele Philosophen, nachdem sie
über Tod und Unsterblichkeit ihre tausenderlei
Gedanken ausgekramt; wie viele Kriegshelden mit
dem Blute anderer bespritzt; wie viele Fürsten, die
ihres Rechtes über Leben und Tod mit großem
Übermute brauchten, als wären sie selbst nicht auch
sterbliche Menschen; wie viele Städte — ­Helion,
Pompeji, Herkulanum und unzählige andere —
­sind, daß ich so sage, gestorben! Dann die du
selbst gekannt hast, einer nach dem andern! Der
jenen begrub, wurde dann selbst begraben, und das
binnen kurzem. Denn alles Menschliche ist nichtig
und vorübergehend, das Gestern eine Seifenblase,
das Morgen — ­erst eine einbalsamierte Leiche,
dann ein Haufen Asche. Darum nutze das Heute so
wie du sollst, dann scheidet sich´s leicht: wie die
Olive, wenn sie reif geworden abfällt — ­preisend
den Zweig, an dem sie hing, dankend dem Baum,
der sie hervorgebracht!

49

Wie der Fels im Meere, an dem die Wellen


unaufhörlich rütteln, steht, so daß ringsum der
Brandung Ungestüm sich legen muß, so stehe auch
du! Nenne dich nicht unglücklich, wenn dir ein
LXIV
“Unglück” widerfuhr! Nein, sondern preise dich
glücklich, daß, obwohl es dir widerfahren ist, der
Schmerz dir doch nichts anhat und weder
Gegenwärtiges dich mürbe machen, noch
Zukünftiges dich ängstigen kann. Jedem könnt´ es
begegnen, aber nicht jeder hätte es so ertragen.
Und warum nennst du das eine ein Unglück, das
andere ein Glück? Nennst du nicht das ein
Unglück für den Menschen, was ein Fehlgriff seiner
Natur ist? Aber wie sollte das ein Fehlgriff der
menschlichen Natur sein können, was nicht wider
ihren Willen ist? Und du kennst doch ihren
Willen? Kann dich denn irgendein Schicksal
hindern, gerecht zu sein, hochherzig, besonnen,
klug, selbständig in deiner Meinung, wahrhaft in
deinen Reden, sittsam und frei in deinem Betragen,
hindern an dem, was, wenn es vorhanden ist, so
recht dem Zweck der Menschennatur entspricht?
So oft also etwas Schmerzhaftes dir nahe tritt:
denke, es sei kein Unglück; aber ein Glück ist, es
mit edlem Mut zu tragen.

50

Es ist zwar ein lächerliches aber wirksames


Hilfsmittel, wenn man den Tod verachten lernen
will, sich die Menschen zu vergegenwärtigen, die
mit aller Inbrunst am Leben hingen. Denn was war
ihr Los, als daß sie zu früh starben? Begraben
liegen sie alle, die Fabius, Julianus, Lepidus oder
wie sie heißen mögen, die allerdings so manche
andere überlebten, dann aber doch auch an die
Reihe mußten. — ­Wie klein ist dieser ganze
Lebensraum, und unter wieviel Mühen, mit wie
LXV
schlechter Gesellschaft, in wie zerbrechlichem
Körper wird er zurückgelegt! Es ist nicht der Rede
wert. Hinter dir eine Ewigkeit und vor dir eine
Ewigkeit: dazwischen — ­was für ein Unterschied
ob du drei Tage oder drei Jahrhunderte zu leben
hast?

51

Immer wandle den kürzesten Weg, den du zu gehen


hast! Er ist der natürliche. Man folgt da im Reden
und Tun nur der gesunden Vernunft. Du wirst dich
auf diese Weise von mancher Sorge und von
manchem Ballast befreien.

LXVI
Fünftes Buch
1

Früh, wenn´s dir leid tut schon aufgewacht zu sein,


sage dir gleich, du seist erwacht, dich menschlich zu
betätigen. Um der Tätigkeit willen bist du geboren
und in die Welt gekommen, und du wolltest
verdrießlich sein, daß du ans Werk gehen mußt?
Oder bist du dazu geschaffen, in den Federn liegend
dich zu pflegen? Freilich ist dies angenehmer; aber
bist du um des Vergnügens willen da, nicht
vielmehr um etwas zu schaffen und dich
anzustrengen? Sieh alle Kreaturen, die Sperlinge,
die Ameisen, die Spinnen, die Bienen, wie jedes
sein Werk vollbringt und jedes in seiner Weise an
der Aufgabe des Ganzen arbeitet! Und du wolltest
das deinige nicht tun? nicht den Weg laufen, den
die menschliche Natur dir vorschreibt? — ­Man
muß doch auch ausruhen, sagst du. Freilich muß
man. Doch in dem Maße, das die Natur dir selbst
an die Hand gibt, ebenso wie für das Essen und
Trinken. Darin aber willst du die Grenze
überschreiten und mehr tun als nötig ist, nur in der
Tätigkeit zurückbleiben? Da sieht man, daß du
dich selbst nicht lieb hast, sonst würdest du die
menschliche Natur und deren Willen lieb haben.
Andere, die mit Liebe die Kunst betreiben, die sie
gelernt haben, sind oft so versessen darauf, daß sie
darüber vergessen, sich zu waschen oder zu
frühstücken. Du aber ehrst die Menschheit in dir
nicht einmal so hoch wie jene ihre Kunst, wie der
Drechsler seine Drechselei, der Tänzer seine

LXVII
Sprünge, der Geizhals sein Geld, der Ehrgeizige
seinen Ruhm. Denn sobald solche Leute ihrem
Beruf mit Eifer hingegeben sind, liegt ihnen am
Essen und Schlafen weit weniger, als daran, daß
sie´s weiter bringen in dem, was ihres Amtes ist.
Und du bist imstande, das für andere Tätigsein
niedriger zu stellen und eines solchen Eifers nicht
für wert zu halten?

Es ist wahrlich nicht so schwer, jeden


beunruhigenden und unziemlichen Gedanken, der
sich aufdrängt, wieder loszuwerden und
hinwegzutilgen, so daß die vollkommene Stille und
Heiterkeit des Gemüts gleich wiederhergestellt ist.

Erkenne, daß du jeder echt menschlichen Äußerung


in Wort und Werk würdig bist, und laß dich von
keinem Tadel oder Stichelrede, die andere dir
nachsenden, beschwatzen. Was edel ist zu sagen
und zu tun, dessen bist du niemals unwürdig. Jene
haben ihre eigenen Grundsätze, denen sie folgen,
und ihren eigenen Sinn. Darauf darfst du keine
Rücksicht nehmen, sondern mußt den geraden Weg
gehen, den deine und die allgemein menschliche
Natur dir vorschreibt. Und es ist in der Tat nur ein
Weg, den diese beiden dir weisen.

So laß uns durchs Leben gehen, bis wir verfallen


LXVIII
und uns zur Ruhe begeben, den Geist dahin
aushauchend, von wo wir ihn tagtäglich eingesogen,
dahin zurücksinkend, woher der Keim zu unserm
Dasein stammt, woher wir durch so viele Jahre
Speise und Trank nahmen, was uns durchs Leben
trug und wovon wir oft genug einen schlechten
Gebrauch gemacht haben.

Dein Scharfsinn ist es nicht, weswegen man dich


bewundern muß. Aber gesetzt auch, er könnte dir
nicht abgesprochen werden, so wirst du doch
gestehen müssen, daß vieles andere mehr in deiner
Natur liegt. Und dies ist es nun, was du vor allem
pflegen und kundgeben mußt, z.B. deine Lauterkeit
und deinen Ernst, deine Sündhaftigkeit und deine
Abneigung gegen sinnlichen Genuß, deine
Zufriedenheit mit deinem Schicksal, deine
Mäßigkeit, Güte, Freisinnigkeit Einfachheit, dein
gesetztes würdevolles Wesen. Und fühlst du nicht,
was du alles hättest sein können? was deine Natur
und angeborenes Geschick so wohl zugelassen
hätten, und bist es dennoch schuldig geblieben?
Oder war es die Mannhaftigkeit deiner Naturanlage,
was dich zwang, mürrisch zu sein und knickerig
und ein Schmeichler, ein Feind oder Sklave deines
eigenen Leibes, ein eitler und ehrgeiziger Mensch?
Wahrlich, nein. Du könntest längst von diesen
Fehlern frei sein. Ist es aber wahr, daß du von Natur
etwas schwerfällig bist und langsam von Begriffen,
so gilt es auch darin sich anzustrengen und zu üben,
nicht, diese Schwäche unberücksichtigt zu lassen
oder gar sich darin zu gefallen.
LXIX
6

Es gibt Menschen, die, wenn sie jemand einen


Gefallen getan haben, dies gleich als eine
Gunstbezeigung angesehen wissen wollen; ferner
solche, die, wenn sie auch nicht gerade solche
Ansprüche erheben, doch sehr genau wissen
wollen, was sie getan haben, und den, dem sie
wohlgetan, bei sich selbst wenigstens als ihren
Schuldner betrachten; endlich solche, die
gewissermaßen nicht wissen, was sie taten — ­dem
Weinstock gleich, der seine Trauben trägt und
nichts weiter will, nachdem er die ihm
eigentümliche Frucht einmal hervorgebracht hat.
Das Pferd, das seinen Weg gelaufen ist, der Hund,
der das Wild erjagt, und die Biene, die ihren Honig
bereitet hat, erhebt kein Geschrei, ruft niemand zu:
seht, das hab´ ich getan, sondern geht gleich zu
etwas anderem über, wie der Baum wieder neue
Früchte ansetzt zu seiner Zeit. Und so soll´s auch
beim Menschen sein, wenn er ein gutes Werk
vollbracht hat. — ­Also wirklich, zu denen soll man
gehören, die, was sie tun, gleichsam auf
unbegreifliche Weise tun? Ja; aber daß wir zu
ihnen gehören, soll man begreifen! Du sagst: ein
Wesen, das zur Gemeinschaft geboren ist, müsse
doch wissen, wenn es seiner Bestimmung gemäß,
d.i. wenn es für andere handelt, und wahrlich doch
auch wollen, daß dies der andere merke. Wohl
wahr, aber du machst davon nicht die richtige
Anwendung, und darum bist du nun einmal einer
von denen, die ich eben beschrieben habe, denn
auch bei jenen ist es der Schein von Wahrheit, der
sie irre leitet. Jedenfalls aber würdest du mich
LXX
mißverstehen, wenn du aus irgendeinem Grunde es
unterlassen wolltest, etwas zum Wohle anderer zu
tun.

Die Athener beteten: “Regne, regne, lieber Zeus,


auf die Äcker und Wiesen der Athener!” Und man
bete entweder gar nicht oder nur in dieser Weise,
einfältig und ohne Kunst.

Gerade, wie man sagt, daß der Arzt dem einen das
Reiten, dem andern kalte Bäder, dem dritten barfuß
zu gehen verordnete, ebenso muß man auch sagen,
daß die Natur bald Krankheit, bald Verletzung, bald
schmerzliche Verluste zu verordnen pflegt. Dort
wendet man den Ausdruck an, um zu bezeichnen,
daß er den Menschen jene Mittel als der
Gesundheit entsprechend gegeben habe, und hier
gilt es ja auch, daß alles das, was einem widerfährt,
ihm als dem allgemeinen Schicksal entsprechend
gegeben wird. Ebenso brauchen wir von unsern
Schicksalen den Ausdruck “sich fügen”, wie ihn
die Baumeister brauchen von den Quadern, die bei
Mauer- oder Pyramidenbauten sich schönstens
zusammenordnen. Denn durch alles geht eine
große Harmonie. Und wie im Reiche der Natur die
Natur eines Einzelwesens nicht begriffen werden
kann außer im Zusammenhange aller andern
Einzelwesen, so auch auf dem Gebiete des
Geschehens kein einzelner Umstand und Grund
abgesehen von allen übrigen: was denn auch der
LXXI
Sinn jener vulgären Ausdrucksweise ist, wenn man
sagt: es “trug sich zu”, oder, es war ihm
“beschieden”. Lasset uns also dergleichen
hinnehmen, gleichwie jene nahmen, was Äskulap
ihnen verordnet; denn auch davon war manches
bitter und wurde süß nur durch die Hoffnung auf
Genesung. Dieselbe Bedeutung aber, welche für
dich deine Gesundheit hat, muß auch die Erfüllung
und Vollendung dessen für dich haben, was im
Sinne des Universums liegt, und du mußt alles, was
geschieht, und wäre es auch noch so wenig
freundlich, willkommen heißen, weil sein Ziel ja
nichts anderes ist als die Gesundheit der Welt, das
Glück und Wohlbefinden des höchsten Gottes.
Hätte es sich doch gar nicht zugetragen, wenn es
nicht für das Ganze zuträglich gewesen wäre; hätte
es doch kein Zufall so gefügt, fügte es sich nicht
harmonisch in die Verwaltung aller Dinge. Also
zwei Gründe sind, weshalb dir dein Schicksal
gefallen muß. Der eine: weil es dein Schicksal ist,
weil es dir verordnet ward mit Rücksicht auf dich —
­von oben her in ursächlicher Verkettung mit dem
ersten Grunde. Der andere: weil es der Grund des
vollkommenen Glückes, ja fürwahr auch des
Bestehens dessen ist, der alles regiert. Denn es ist
eine Verletzung des Ganzen in seiner
Vollständigkeit, wenn du den geringsten seiner
Bestandteile — ­und seine Bestandteile sind immer
auch zugleich Ursachen — ­aus seiner Verbindung
und seinem Zusammenhange reißest. Und —
­soweit das in deiner Hand steht, reißest du wirklich
los und trennst das Zusammengehörige, sobald du
murrst über dein Schicksal.

LXXII
9

Du darfst nicht unwillig werden, den Mut nicht


sinken lassen oder gar verzweifeln, wenn es dir
nicht vollständig gelingt, immer nach richtigen
Grundsätzen zu handeln. Bist du von deiner Höhe
heruntergefallen, erhebe dich wieder, sei zufrieden,
wenn nur wenigstens das meiste an dir nach echter
Menschenart ist, und laß dich beglücken von dem,
was dir von neuem gelang. Meine nicht, daß die
Philosophie ein Zuchtmeister sei. Greife zu ihr nur
so wie die Augenkranken zum Schwamm oder zum
Ei, wie andere zum Pflaster oder zum Guß. Denn
nichts wird dich zwingen, der Vernunft zu
gehorchen. Man muß sich ihr viel mehr
vertrauensvoll hingeben. Du weißt die Philosophie
will nichts anderes, als was deine Natur auch will.
Du aber hast etwas anderes gewollt, etwas ihr
Widerstreitendes, weil es dir angenehmer schien.
Die Lust macht uns solche Vorspiegelungen. Aber
besinne dich, ob Hochherzigkeit, Freiheit des
Geistes, Einfalt, Gleichmut, Sittenreinheit nicht doch
das Angenehmere sind. Oder was ist angenehmer
als Weisheit, wenn man darunter das nie
Anstoßende, glatt Hinfließende der geistigen Kraft
versteht?

10

Das Wesen und die Bedeutung der Verhältnisse


dieses Lebens sind im allgemeinen in ein solches
Dunkel gehüllt, daß sie nicht wenig Philosophen
und nicht bloß den gewöhnlichen als völlig
unbegreiflich erscheinen Auch die Stoiker
LXXIII
bekennen, daß sie sie kaum verstehen. Dann sind
auch unsere Ansichten so höchst veränderlich. Es
gibt ja keinen Menschen, der sich in seinen
Ansichten gleich bliebe. Ferner was nun die
“Güter” dieses Lebens anlangt, wie vergänglich
und nichtig sind sie! Können sie doch das
Eigentum jedes Nichtswürdigen werden! Aber
nicht minder elend steht es mit dem Geist der Zeit.
Selbst die beste seiner Äußerungen, welche Mühe
hat man sie, zu ertragen, ja es kostet nicht wenig,
sich selber zu ertragen. Bei solcher Taubheit und
Verkommenheit der Zustände, bei diesem ewigen
Wechsel des Wesens und der Form, bei dieser
Unberechenbarkeit der Richtung, die die Dinge
nehmen — ­was da der Liebe und des Strebens
noch wert sein soll, vermag ich nicht zu sehen. Im
Gegenteil, es ist der einzige Trost, daß man der
allgemeinen Auflösung entgegengeht. — ­Drum
trage geduldig die Zeit, die noch dazwischen liegt,
und beherzige nur das, daß nichts dir widerfahren
kann, was nicht in der Natur des Ganzen begründet
liegt, und dann: daß du die Freiheit hast, alles zu
unterlassen, was wider die Stimme deines Genius
ist. Denn die zu überhören kann dich niemand
zwingen.

11

Wozu gebrauchst du jetzt deine Seele? So muß


man sich bei jeder Gelegenheit fragen. Oder, was
geht jetzt vor in dem Teile deines Wesens, den man
den vornehmsten nennt? Oder was für eine Seele
hast du jetzt, die eines Kindes oder eines Jünglings,
eines Weibes, eines Tyrannen, eines zahmen oder
LXXIV
eines wilden Tieres?

12

Wie es im Grunde damit steht, was bei der Menge


als das Gute gilt, kann man auch daraus erkennen,
daß jenes Wort eines alten Komikers: “denn für
den Edlen ziemt sich solches nicht” auf alle diese
Scheingüter, wie Reichtum Luxus, Ehre, anwendbar
ist (wiewohl die Leute das allerdings nicht gelten
lassen wollen), während es auf wahre Güter, wie
Klugheit, Mäßigkeit, Gerechtigkeit, Tapferkeit,
angewendet vollkommen widersinnig wäre.

13

Woraus wir bestehen, ist Form und Inhalt. Keins


von beiden aber wird ins Nichts verschwinden, so
wenig wie es aus dem Nichts hervorgegangen ist.
Sondern jeder Teil unseres Wesens wird durch
Verwandlung übergeführt in irgendeinen Teil des
Weltganzen dieser geht dann wieder in einen
andern über und so ins Unendliche. Durch diesen
Verwandlungsprozeß erhalte ich mein Dasein,
durch ihn erhielten es auch die, die mich erzeugten,
und so wieder rückwärts ins Unendliche. Denn
“ins Unendliche” darf man wirklich sagen, wenn
auch der Weltlauf seine fest begrenzten Zeiträume
hat.

14

Die Vernunft und die Lebenskunst sind Kräfte, die


sich selbst genügen und die keinen andern Richter
LXXV
über ihre Äußerungen haben als sich selbst. Sie
haben ihr Prinzip und ihre Ziele in sich, und richtig
heißen ihre Handlungen, weil durch sie der rechte
Weg offenbar wird.

15

Nichts ist Sache des Menschen, was ihn als


Menschen nichts angeht, was von der menschlichen
Natur weder gefordert noch verheißen wird, und
was zu ihrer Vollendung nichts beiträgt — ­was
also auch kein Ziel menschlichen Strebens sein
oder ein Gut d.i. ein Mittel zu diesem Ziele zu
gelangen genannt werden kann. Wäre dies nicht, so
hätten wir unrecht, es als eine Pflicht des Menschen
anzusehen, dergleichen Dinge zu verachten und
sich ihnen zu widersetzen, und dürften den nicht
loben, der ihrer nicht bedarf. Auch könnte, wenn
dies Güter wären, der nicht gut sein, der freiwillig
dem Genusse solcher Dinge entsagt. Nun aber sind
wir in der Tat um so viel besser, je mehr wir solcher
Dinge uns enthalten, und je leichter wir ihren
Mangel ertragen.

16

Wie die Gedanken sind, die du am häufigsten


denkst, ganz so ist auch deine Gesinnung. Denn
von den Gedanken wird die Seele gesättigt. Sättige
sie also mit solchen wie die: daß man, wo man
auch leben muß, glücklich sein könne; daß alles um
irgendeiner Sache willen gemacht sei, und wozu es
gemacht sei, dahin werde es auch getragen, und
wohin es getragen werde, da liege auch der Zweck
LXXVI
seines Daseins, wo aber dieser, da sei auch das ihm
Zuträgliche und Heilsame. Das den vernünftigen
Wesen Heilsame aber ist die Gemeinschaft. Denn
zur Gemeinschaft sind wir geboren. Oder liegt es
nicht auf der Hand, daß das Geringere um des
Besseren willen, die besseren Dinge aber
füreinander da sind? Besser aber als das
Unbeseelte ist das Beseelte, und besser als dieses
das Vernünftige.

17

Nach dem Unmöglichen streben ist wahnsinnig;


unmöglich aber ist es, daß der gemeine Mensch
anders als gemein handelt.

18

Nichts geschieht uns, was zu ertragen uns nicht


natürlich wäre. Bei manchen Schicksalen sind wir
freilich nur aus Stumpfsinn oder aus Prahlerei
standhaft und unverwundbar. Und das ist eben das
Traurige, daß Gefühllosigkeit und Gefallsucht
stärker sein sollen, als Einsicht!

19

Die Umstände sind es nun einmal durchaus nicht,


wodurch die Seele berührt wird; sie haben keinen
Zugang zu ihr und können sie weder umstimmen,
noch irgend bewegen. Die Seele stimmt und
bewegt sich einzig selber, und je nach dem Urteil
und der Auffassung zu der sie´s bringen kann,
gestaltet sie die Dinge, die vor ihr liegen.
LXXVII
20

Das Gesetz, das uns vorschreibt, den Menschen


wohl zu tun und sie zu ertragen, macht sie uns zu
den befreundetsten Wesen. Insofern sie uns aber
hinderlich werden können, das uns Gebührende zu
tun, ist mir der Mensch etwas ebenso Gleichgültiges
wie die Sonne, der Wind, das Tier. Nur daß sich
ihrem verderblichen Einflusse ja eben
entgegentreten läßt. Man entziehe sich ihnen oder
suche sie umzuwandeln, so geschieht unserm
Streben und unserer Neigung kein Eintrag. Auf
diese Weise verwandelt und bildet die Seele ein
Hindernis unseres Willens um in sein Gegenteil:
was unser Werk aufhalten sollte, gestaltet sich selbst
zum guten Werke, und ein Weg eröffnet sich eben
da, wo uns der Weg versperrt ward.

21

Dem, was das Beste in der Welt ist, dem Wesen


nämlich, das alles hat und alles verwaltet, gebührt
unsere Ehrfurcht. Nicht minder aber auch dem, was
das Beste in uns ist. Es ist jenem verwandt, da ja
auch in uns etwas ist, was alles andere hat und
wovon dein ganzes Leben regiert wird.

22

Was dem Staate nicht schadet, schadet auch dem


Bürger nicht. Diese Regel halte fest, sooft du dir
einbildest, daß dir ein Schaden geschieht. Ist´s
keiner für die Gemeinschaft, der du angehörst, dann
auch keiner für dich. Und wenn´s für jene keiner ist
LXXVIII
— ­kannst du dem Menschen zürnen, der nichts
getan hat, was dem Ganzen schadet?

23

Denke recht oft daran, wie alles, was ist und was
geschieht, so schnell wieder hinweggeführt wird
und entschlüpft. Die ganze Materie ist ein ewig
bewegter Strom, alles Gewirkte und alles Wirkende
ein tausendfacher Wechsel, eine Kette ewiger
Verwandlungen. Nichts steht fest. Vorwärts und
rückwärts eine Unendlichkeit in der alles
verschwindet. Wie töricht also jeder, der mit irgend
etwas groß tut, oder von irgendeiner Sache sich hin-
und herreißen läßt oder darüber jammert, als ob der
Kummer nicht nur kurze Zeit währte.

24

Denke, welch ein winziges Stück des ganzen


Weltwesens du bist, wie klein und verschwindend
der Punkt in der ganzen Ewigkeit, auf den du
gestellt bist, und dein Schicksal — ­welch ein
Bruchteil des gesamten!

25

Hat mich jemand beleidigt — ­mag er selbst


zusehen. Es ist seine Neigung, seine Art zu
handeln, der er folgte. Ich habe die meinige, so wie
die Natur des Alls sie mir gegeben, und ich handle
so, wie meine Natur will, daß ich handeln soll.

26
LXXIX
Der die Herrschaft führende Teil deines Wesens
bleibe stets ungerührt von den leisen oder heftigen
Regungen in deinem Fleisch. Er mische sich nicht
hinein, beschränke sich auf sein Gebiet und
umgrenze jene Reize in den Gliedern. Steigen sie
aber auf einem anderen Wege der Mitleidenschaft
zur Seele auf, die ja doch immer mit dem Leibe in
Verbindung bleibt, dann ist die Empfindung eine
naturgemäße, und man darf ihr nicht entgegen sein,
nur daß die Vernunft nicht komme und ihr Urteil
hinzufüge, ob hier etwas gut oder böse sei.

27

Lebe mit den Göttern! D.h. zeige ihnen, daß deine


Seele zufrieden sei mit dem, was sie dir beschieden,
daß sie tue, was der Genius will, den uns der
höchste Gott als ein Stück seiner selbst zum Leiter
und Führer gegeben hat. Dieser Genius aber ist der
Geist, die Vernunft eines jeden.

28

Kannst du jemand zürnen, der ein körperliches


Gebrechen hat? Er kann nichts dafür, wenn seine
Nähe dir widerwärtig ist. Ebenso betrachte nun
auch die sittlichen Mängel. Allein der Mensch,
sagst du, hat seine Vernunft, und kann erkennen,
was ihm fehlt. Sehr richtig. Folglich hast du deine
Vernunft auch und kannst durch dein vernünftiges
Verhalten deinen Nächsten zur Vernunft bringen,
kannst dich ihm offenbaren ihn erinnern, und so,
wenn er dich hört, ihn heilen, ohne daß du nötig
hättest zu zürnen oder zu seufzen oder hoffärtig zu
LXXX
sein.

29

Wie du beim Abschied vom Leben über das Leben


denken wirst, so darfst du schon jetzt darüber
denken und danach leben. Hindert man dich, dann
scheide freiwillig, doch so, als erführst du dabei
nichts Übles. “Ein Rauch ist alles? laßt mich
gehen!” Warum scheint dir das so schwer?
Solange mich jedoch nichts dergleichen wirklich
zwingt, die Welt zu verlassen, will ich auch frei
bleiben und mich von niemand hindern lassen zu
tun, was ich will. Denn was ich will, ist
entsprechend der Natur eines vernünftigen, für das
Leben in der Gemeinschaft bestimmten Wesens.

30

Der Geist des Alls ist gesellig. Er hat die Wesen


niederer Gattung um der höheren willen erzeugt
und die der höheren zueinander gefügt. Man kann
es deutlich sehen, wie all sein Tun im Unterordnen
und im Beiordnen besteht, wie er einem jeglichen
die Stellung gab, die seinem Wesen entspricht, und
die Wesen der höchsten Ordnung durch gleichen
Sinn einander einte.

31

Prüfe dich, wie du bis dahin dich verhalten hast


gegen Götter, Eltern, Brüder, Weib, Kinder, Lehrer,
Erzieher, Freunde, Genossen und Diener; ob du bis
dahin keinem unter ihnen auf ungebührliche Weise
LXXXI
begegnet bist mit Wort und Werk. Erinnere dich,
was du schon durchgemacht, und was du imstande
gewesen bist zu tragen. Wie leicht ist´s möglich,
daß die Geschichte deines Lebens bereits vollendet,
dein Dienst vollbracht ist; und wie viel Schönes hast
du schon gesehen wie oft ist´s dir vergönnt
gewesen, Freud und Leid gering zu achten, deinen
Ehrgeiz zu unterdrücken und gegen Unverständige
verständig zu sein!

32

Warum betrüben rohe unerfahrene Gemüter die


gebildeten und erfahrenen? Aber welche Seele
nennst du gebildet und erfahren? Die, welche
denUrsprung und das Ziel der Dinge und die
Vernunft kennt, die das ganzeUniversum
durchdringt und durch die ganze Ewigkeit in
bestimmtenPerioden alles verwaltet.

33

Wie lange noch, und du bist Staub und Asche!


Und nur der Name lebt noch, ja nicht einmal der
Name; denn was ist er? — ­Ein bloßer Schall und
Nachklang. Und was im Leben am meisten
geschätzt wird, ist nichtig, faul, von größerer
Bedeutung nicht, als wenn sich ein paar Hunde
herumbeißen oder ein paar Kinder sich zanken,
jetzt lachend und dann wieder weinend. Glaube
aber und Ehrfurcht, Gerechtigkeit und Wahrheit —
­

— ­“zum Olymp, der weitstraßigen Erde


LXXXII
entflohen!” Was also hält dich hier noch fest? Alles
sinnlich Wahrnehmbare ist unbeständig und fort
und fort der Verwandlung unterworfen, die Sinne
selbst sind trüb und leicht zu täuschen und was man
Seele nennt, ein Aufdampfen des Bluts. Ein
Berühmtsein in solcher Welt, wie eitel! So bleibt
nur übrig, geduldig zu warten bis wir verlöschen
und unsere Stelle wechseln, und bis das geschieht,
die Götter zu ehren und zu preisen, den Menschen
wohl zu tun, sie zu ertragen oder sich ihnen zu
entziehen. Was aber außerhalb der Grenzen deines
Körper- und Seelenwesens liegt, kann weder dein
werden, noch dich irgend angehen.

34

Stets kann es dir gut gehen, wenn du richtig


wandelst, rechtschaffen denkst und tust. Denn von
jedem denkenden Wesen, sei es Gott oder Mensch,
gilt dieses Zwiefache: einmal, daß es in seinem
Laufe von einem andern nicht aufgehalten werden
kann, und zweitens, daß sein größtes Gut in der
gerechten Sinnes- und Handlungsweise besteht, und
sein Streben darüber nicht hinausgeht.

35

Wenn dies oder jenes, das sich ereignet, nicht meine


Schlechtigkeit noch die Folge meiner Schlechtigkeit
ist, noch ein Schaden, der das Ganze trifft, was kann
es mir verschlagen? Nur muß man darüber im
klaren sein, in welchem Falle das Ganze betroffen
wird.

LXXXIII
36

Nie darfst du dich mit deinen Gedanken von den


andern losmachen, sondern mußt ihnen helfen nach
besten Kräften und in dem rechten Maße. Sind sie
freilich nur in unwesentlichen Dingen
heruntergekommen, so dürfen sie das nicht für einen
wirklichen Schaden halten. Es ist nur eine
schlimme Gewohnheit. Du für deine Person mache
es also immer wie jener Greis, der beim Weggehen
von einem spielenden Kinde sich dessen Kreisel
geben ließ, obwohl er recht gut wußte, daß es nur
ein Spielzeug war. Oder wolltest du, ständest du
vor dem Richterstuhl und hörtest die Frage, ob du
nicht wüßtest, was es mit diesen Dingen auf sich
habe, antworten: “Ja, aber sie schienen doch dem
und jenem so wünschenswert?” und dann den
wohlverdienten Spruch empfangen: “Also, darum
mußtest auch du ein Narr sein!” — ­So sei denn
endlich einmal, und gerade wenn du recht verlassen
bist, ein glücklicher Mensch, d.i. ein Mensch, der
sich das Glück selbst zu bereiten weiß, d.i. die guten
Regungen der Seele, die guten Vorsätze und die
guten Handlungen.

LXXXIV
Sechstes Buch
1

Der Stoff der Welt ist bildsam und gefügig, aber


etwas Böses kann der ihn beherrschende Geist
damit aus sich selbst heraus nicht vornehmen, weil
Schlechtes in ihm gar keine Statt hat. Durch ihn
kann nichts zu Schaden kommen, und es ist nichts,
was sich nicht ihm gemäß gestaltete und vollendete.

Darauf darf dir nichts ankommen, ob du vor Kälte


klappernd oder im Schweiß gebadet deine Pflicht
tust; ob du dabei einschläfst oder des Schlafes
überdrüssig wirst; ob du dadurch in schlechten oder
in guten Ruf kommst; ob du darunter das Leben
einbüßest oder sonst etwas leiden mußt. Denn auch
das Sterben ist ja nur eine von den Aufgaben des
Lebens. Genug, wenn du sie glücklich lösest,
sobald sie dir vorliegt.

Sieh auf den Grund jeder Sache! Ihre


Eigenschaften dürfen deinem Blick ebensowenig
wie ihr Wert entgehen.

In der Sinnenwelt verwandelt sich alles sehr schnell


und löst sich entweder auf, wenn die Körperwelt ein

LXXXV
Ganzes bleibt, oder zerstreut sich in Atome.

Die alles beherrschende Vernunft weiß wohl, in


welcher Stellung sie sich befindet und auf welche
Art von Stoff sie wirkt.

Die beste Art, sich an jemand zu rächen, ist, es ihm


nicht gleich zu tun.

Darin allein suche deine Freude und Erholung, mit


dem Gedanken an Gott von einer Liebestat zur
andern zu schreiten!

Das nenne ich die Seele oder das die


Herrschaftführende im Menschen, was ihn weckt
und lenkt, was ihn zu dem macht, was er ist und
sein will, und was bewirkt, daß alles, was ihm
widerfährt, ihm so erscheine, wie er´s haben will.

Jegliches Ding vollendet sich gemäß der Natur des


Ganzen, nicht in Gemäßheit eines andern Wesens,
das etwa die Dinge von außen umgebe oder
eingeschlossen wäre in ihrem Innern oder gar völlig
getrennt von ihnen.
LXXXVI
10

Entweder es ist alles ein Gebräu des Zufalls,


Verflechtung und Zerstreuung, oder es gibt eine
Einheit, eine Ordnung, eine Vorsehung. Nehm ich
das erstere an, wie kann ich wünschen in diesem
planlosen Gemisch, in dieser allgemeinen
Verwirrung zu bleiben? Was könnte mir dann
lieber sein, als so bald wie möglich Erde zu
werden? Denn die Auflösung wartete meiner, was
ich auch anfinge. Ist aber das andere, so bin ich mit
Ehrfurcht erfüllt und heiteren Sinnes und vertraue
dem Herrscher des Alls.

11

Wenn in deiner Umgebung etwas geschieht, was


dich aufbringen und empören will, so ziehe dich
rasch in dich selbst zurück, und gib den
Eindrücken, die deine Haltung aufs Spiel setzen,
dich nicht über Gebühr hin. Je öfter wir die
harmonische Stimmung der Seele
wiederzugewinnen wissen, desto fähiger werden
wir, sie immer zu behaupten.

12

Wenn du eine Stiefmutter und eine rechte Mutter


zugleich hättest, so würdest du zwar jene ehren,
deine Zuflucht aber doch stets bei dieser suchen.
Ebenso ist es bei mir mit dem Hofleben und der
Philosophie. Hier der Ort, wo ich einkehre, hier
meine Ruhestätte. Auch ist es die Philosophie, die
mir jenes erträglich macht und die mich selbst
LXXXVII
erträglich macht an meinem Hofe.

13

Es ist gar nicht so unrecht, wenn man sich beim


Essen und Trinken sagt: also dies ist der Leichnam
eines Fisches, dies der Leichnam eines Vogels,
eines Schweines usw. und beim Falernerwein: dies
hier der ausgedrückte Saft einer Traube, oder beim
Anblick eines Purpurkleides: Was du hier siehst,
sind Tierhaare in Schneckenblut getaucht — ­denn
solche Vorstellungen geben uns ein Bild der Sache,
wie sie wirklich ist, und dringen in ihr inneres
Wesen ein. — ­Man mache es nur überhaupt im
Leben so, entkleide alles, was sich uns als des
Strebens würdig aufdrängt, seiner Umhüllung, und
sehe von dem äußeren Glanze ab, mit dem es
wichtig tut. Der Schein ist ein gefährlicher
Betrüger. Gerade wenn du glaubst mit ernsten und
hohen Dingen beschäftigt zu sein, übt er am meisten
seine täuschende Gewalt.

14

Die Menge legt den höchsten Wert auf den Besitz


rein sinnlicher Dinge. Teils sind es Dinge von
festem und natürlichem Zusammenhalt, wie Steine
und Holzarten, z.B. Feigenbäume, Weinstöcke und
Ölbäume. Höher hinauf fängt man an den Nutzen
einzusehen, den uns die belebte Natur leistet, wie
Herden von Groß- oder Kleinvieh, und noch eine
Stufe höher die Brauchbarkeit der in unserm Dienst
stehenden Einzelvernunft. Wer aber nichts Edleres
und Höheres kennt, als das allgemeine
LXXXVIII
Vernunftwesen, dem ist jenes alles geringfügig und
unbedeutend. Er hat kein anderes Interesse, als daß
seine Vernunft der allgemeinen Menschenvernunft
entspreche und so sich jederzeit bewege, und daß er
andere seinesgleichen ebendahin bringe.

15

Hier ist etwas, das im Werden begriffen ist, dort


etwas, das geworden sein möchte; und doch ist
jedes Werdende zum Teil auch schon vergangen.
Dieses Fließen und Wechseln erneuert die Welt fort
und fort, wie der ununterbrochene Schritt der Zeit
die Ewigkeit erneuert. Wolltest du nun auf etwas,
das diesem Strome angehört der nimmer still steht,
einen besonderen Wert legen, so würdest du einem
Menschen gleichen, der eben anfinge, einen
vorüberfliegenden Sperling in sein Herz zu
schließen, gerade wenn er seinen Blicken auch
schon entschwunden ist. Ist doch das Leben selbst
nichts anderes als das Verdunsten des Bluts und das
Einatmen der Luft. Und sowie du, was du
eingezogen hast, im nächstfolgenden Augenblick
immer wieder hingibst, so wirst du auch dieses
ganze Atmungsvermögen, das du gestern oder
vorgestern empfingst, wieder hingeben.

16

Nicht das ist das Wichtige, daß wir ausatmen wie


die Pflanzen, einatmen wie die Tiere, oder daß wir
die Bilder der Dinge in unserer Vorstellung haben,
daß wir durch Triebe in Bewegung gesetzt werden,
daß wir uns zusammenscharen, oder daß wir uns
LXXXIX
nähren — ­denn dieselbe Bedeutung hat auch das
Ausscheiden der überflüssigen Nahrung; auch nicht,
daß wir beklatscht werden — ­und die Ehre ist
größtenteils nichts anderes. Sondern daß man der
uns eigentümlichen Bildung gemäß sich gehen
lasse oder an sich halte, worauf ja jedes Studium
und jede Kunst gerichtet ist. Denn jede Arbeit will
nichts anderes als die Dinge ihrem Zweck gemäß
gestalten, wie man am Weingärtner, am
Pferdebändiger, am Lehrer und Pädagogen sehen
kann. In dieser gestaltenden Tätigkeit liegt der
ganze Wert unseres Daseins. Steht es damit gut bei
dir, so brauchst du dir um andere Dinge keine
Sorge zu machen. Hörst du aber nicht auf, auf eine
Menge anderer Dinge Wert zu legen, so bist du
auch noch kein freier, selbständiger,
leidenschaftsloser Mensch, sondern stets in der
Lage, neidisch und eifersüchtig und hinterlistig zu
sein gegen die, die besitzen, was du so hochstellst,
und argwöhnisch, daß es dir einer nehmen möchte,
und in Verzweiflung, wenn es dir fehlt, und voll
Tadel gegen die Götter. Ist es aber die Gesinnung
allein, die deinen Wert und deine Würde in deinen
Augen ausmacht, so wirst du dich selber achten,
deinen Nebenmenschen gefallen und die Götter
loben und preisen können.

17

Aufwärts und niederwärts — ­ein Kreislauf ist die


Bewegung der Urstoffe. Auch die Tugend geht
ihren Gang, doch er ist ganz anderer Art, mehr so
wie der Lauf, den das Göttliche nimmt. Mag er
auch schwer zu begreifen sein: das sieht man, daß
XC
sie vorwärts schreitet.

18

Was tut man? Die Zeitgenossen mag man nicht


rühmen, aber von den Nachkommen, die man nicht
kennt noch jemals kennen wird, will man gerühmt
werden. Ist das nicht gerade so, wie wenn´s dich
schmerzte, daß deine Vorfahren nichts von dir zu
rühmen hatten?

19

Denke nicht, wenn dir etwas schwer fällt, es sei


nicht menschen-möglich. Und was nur
irgendeinem Menschen möglich und geziemend ist,
davon sei überzeugt daß es auch für dich erreichbar
sein wird.

20

Wenn uns in der Fechtschule jemand geritzt oder


beim Ringen einen Schlag versetzt hat, so tragen
wir ihm das gewiß nicht nach, fühlen uns auch nicht
beleidigt und denken nichts Übles von dem
Menschen; wir nehmen uns wohl vor ihm in acht,
aber nicht als vor einem Feinde, der uns verdächtig
sein müßte, sondern nur so, daß wir ihm ruhig aus
dem Wege gehen. Machten wir es doch im Leben
auch so! Ließen wir doch da auch so manches
unbeachtet, was uns von denen widerfährt, mit
denen wir ringen. Es steht uns ja immer frei, den
Leuten, wie ich´s genannt habe, aus dem Wege zu
gehen, ohne Argwohn und ohne Groll.
XCI
21

Wenn mich jemand überzeugen und mir beweisen


kann, daß meine Ansicht oder meine
Handlungsweise nicht die richtige sei, so will ich sie
mit Freuden ändern. Denn ich suche die Wahrheit,
sie, die niemand Schaden zufügt. Wohl aber nimmt
Derjenige Schaden, der auf seinem Irrtum und
seiner Unwissenheit beharrt.

22

Ich suche das meinige zu tun: alles übrige, alles


was leblos oder vernunftlos oder seines Weges
unkundig und verirrt ist, geht mich nichts an und
kann mich nicht irremachen.

23

Die unvernünftigen Tiere und alle vernunftlosen


Dinge, die dir, dem Vernunftbegabten zu Gebote
stehen, magst du mit edlem, freiem Sinn
gebrauchen. Die Menschen aber, die ebenso
vernunftbegabten, brauche so, daß du auf die
Verbindung Rücksicht nimmst, in der du von Natur
mit ihnen stehst. Und bei allem, was du tust, rufe
die Götter an, ohne dir Sorge zu machen um das
“Wie lang?”, denn selbst drei Stunden Lebensfrist
genügten!

24

Alexander der Große und sein Maultiertreiber sind


beide an denselben Ort gegangen. Entweder
XCII
wurden sie beide in dieselben Kräfte der zu immer
neuen Schöpfungen bereiten Welt aufgenommen,
oder sie lösten sich beide auf gleiche Weise in ihre
Atome auf.

25

Bedenke, wie vielerlei in einem jeden unter uns in


einem und demselben Augenblick zugleich vorgeht,
sei´s Leibliches, sei´s Geistiges. So kannst du dich
nicht wundern, wenn so viel mehr, wenn alles, was
geschieht in dem einen und allen, das wir Welt
nennen, zugleich vorhanden ist.

26

Wenn jemand dich fragte, wie der Name Antonin


geschrieben wird, würdest du da nicht jeden
Buchstaben deutlich und mit gehaltener Stimme
angeben? Warum machst du´s nicht auch so, wenn
jemand mit dir zankt? Warum zankst du wieder
und bringst deine Worte nicht ruhig und gemessen
vor? Auf die Gemessenheit kommt´s an bei jeder
Pflichterfüllung. Bewahre sie dir, laß dich nicht
aufbringen, leide den, der dich nicht leiden kann,
und gehe ruhig deines Weges.

27

Welch ein Mangel an Bildung, wenn du den


Menschen verbieten willst, nach dem zu streben,
was ihnen gut und nützlich scheint! Und doch tust
du´s gewissermaßen immer, wenn du darüber Klage
führst, daß sie unrecht handeln. Denn auch dabei
XCIII
sind sie doch stets um das bemüht, was ihnen gut
und nützlich ist. Du sagst, es sei nicht so, es sei
nicht das wahrhaft Nützliche. Darum belehre sie
und zeige es ihnen, ohne darüber zu klagen.

28

Der Tod ist das Ausruhen von den Widersprüchen


der sinnlichen Wahrnehmungen, von den Regungen
unserer Leidenschaften, von den Entwicklungen
unseres Geistes und von dem Dienst des Fleisches.

29

Schändlich ist es, wenn die Seele in deinem Leben


eher den Dienst versagt, als der Leib ermüdet ist.

30

Nimm dich in acht ein Tyrann zu werden, es liegt


etwas Ansteckendes in dieser Hofluft. Bewahre
deine Einfalt, Tugend, Reinheit, Würde, deine
Natürlichkeit, Gottesfurcht, deine
Gerechtigkeitsliebe, deine Liebe und Güte und
deinen Eifer in Erfüllung der Pflicht. Ringe danach,
daß du bleibst, wie dich die Philosophie haben will.
Ehre die Götter und sorge für das Heil der
Menschen! Das Leben ist kurz. Daß es dir eine
Frucht nicht schuldig bleibe: die heilige
Gesinnung, aus der die Werke für das Wohl der
andern fließen! Drum sei in allen Stücken ein
Schüler deines Vorgängers Antonin! so beharrlich
und fest wie er im Gehorsam gegen die Gebote der
Vernunft, so gleichmütig in allen Dingen, so
XCIV
ehrwürdig und heiter und warm, auch im Äußeren,
so freundlich, so fern von jeder Ruhmbegier und
doch so eifrig, alles zu begreifen und in sich zu
verarbeiten! Unterließ er doch nichts, wovon er sich
nicht zuvor gründlich überzeugt hätte, daß es
untunlich sei; ertrug er doch geduldig alle, die in
ungerechter Weise tadelten, ohne sie wieder zu
tadeln. Nichts betrieb er auf eilfertige Manier, und
niemals fanden Verleumdungen bei ihm Gehör.
Wie selbständig war sein Urteil über die Sitten und
Handlungen seiner Umgebung! Darum war er
auch gänzlich fern von Schmähsucht oder von
Ängstlichkeit, von Mißtrauen oder von der Sucht,
andere zu meistern. Wie wenig Bedürfnisse er
hatte, konnte man sehen an seiner Art zu wohnen,
zu schlafen, sich zu kleiden, zu speisen und sich
bedienen zu lassen. Und wie geduldig war er und
langmütig! Seine freundschaftlichen Verbindungen
hielt er fest; er konnte die gut leiden, die seinen
Ansichten offen widersprachen, und sich freuen
über jeden, der ihm das Bessere zeigte. Dabei hat
er die Götter geehrt, ohne in Aberglauben zu
verfallen. Und so nimm ihn dir zum steten Vorbild,
damit du so wie er dem Tode mit gutem Gewissen
entgegengehen kannst.

31

Besinne dich, komm wieder zu dir. Wie du beim


Aufwachen gesehen, daß es Träume waren, was
dich beunruhigt hat: siehe auch das, was dir im
Wachen begegnet, nicht anders an!

32
XCV
Für den Leib des Menschen ist alles gleichgültig,
d.h. eine unterschiedslose Masse, denn er hat die
Fähigkeit nicht zu unterscheiden. Aber auch für die
Seele ist alles gleich, was nicht ihre eigene Tätigkeit
betrifft. Alles aber, was eine Wirkung der Seele ist,
hängt auch lediglich von ihr ab, vorausgesetzt, daß
sie sich auf etwas Gegenwärtiges bezieht. Denn
was sie zu tun haben wird oder getan hat, ist auch
kein Gegenstand für sie.

33

Keine Arbeit für meine Hände oder meine Füße ist


widernatürlich, solange sie nur in den Bereich
dessen fällt, was Hände und Füße zu tun haben.
Ebenso gibt es für den Menschen als solchen keine
Anstrengung, die man unnatürlich nennen könnte,
sobald der Mensch dabei tut, was menschlich ist. Ist
sie aber nichts Unnatürliches, dann ist sie gewiß
auch nichts Übles.

34

Was sind´s für Freuden, die der Ehebrecher,


Räuber, Mörder, der Tyrann empfindet?

35

Siehst du nicht, wie der gewöhnliche Künstler sich


zwar nach dem Geschmack des Publikums zu
richten weiß, aber doch an den Vorschriften seiner
Kunst festhält und ihren Regeln zu genügen strebt?
Und ist es nicht schlimm, wenn Leute wie der
Architekt, der Arzt das Gesetz ihrer Kunst besser
XCVI
im Auge behalten, als der Mensch das Gesetz
seines Lebens, das er gemein hat mit den Göttern?!

36

Was ist Asien und Europa? ein paar kleine


Stückchen der Welt. Was ist das ganze Meer? ein
Tropfen der Welt. Und der Athos? eine
Weltscholle. Alles ist klein, veränderlich,
verschwindend. Aber alles kommt und geht hervor
oder folgt aus jenem allwaltenden Geiste. Und das
Schädliche und Giftige ist nur ein Anhängsel des
Wohltätigen und Schönen. Denke nicht, daß es mit
dem, was du verehrst, nichts zu schaffen habe;
sondern siehe bei allem nur immer auf die Quelle!

37

Wer sieht, was heute geschieht, hat alles gesehen,


was von Ewigkeit war und in Ewigkeit sein wird.
Denn es ist alles von derselben Art und Gestalt.

38

Alle Dinge stehen untereinander in Verbindung und


sind insofern einander befreundet. Eines folgt dem
andern und bildet mit ihm eine Reihe, durch die
Gemeinschaft des Ortes oder des Wesens vermittelt.

39

Schmiege dich in die Verhältnisse, die dir gesetzt


sind, und liebe dieMenschen, mit denen du
verbunden bist, liebe sie wahrhaft!
XCVII
40

Jedes Werkzeug und Gefäß ist gut, wenn es imstand


ist zu leisten, wozu es gemacht wurde, wenn auch
der, der es verfertigte, längst fort ist. In der Natur
aber tragen alle Dinge die sie bildende Kraft in sich
und behalten sie, solange sie selber sind. Und um
so ehrwürdiger erscheint diese Kraft, je mehr du
ihrem Bildungstriebe folgst, d.h. je mehr sich alles
in dir nach dem Geiste richtet. Denn im Universum
richtet sich auch alles nach dem Geiste.

41

Solange du etwas, was keine Sache des Vorsatzes


und des freien Willens ist, für gut oder böse hältst,
so lange kannst du auch nicht umhin, wenn dich ein
Unfall betrifft oder das Glück ausbleibt, die Götter
zu tadeln oder die Menschen zu hassen als die
Urheber deines Unglücks, die — ­vermutlich
wenigstensschuld sind, daß du leidest. Und so
verführt uns dieser Standpunkt zu mancher
Ungerechtigkeit. Wenden wir dagegen die Begriffe
Gut und Böse nur bei den Dingen an, die in unserer
Macht stehen, so fällt jeder Grund weg, Gott
anzuklagen und uns feindlich zu stellen gegen
irgendeinen Menschen.

42

Wir alle arbeiten an der Vollendung eines Werkes,


die einen mit Bewußtsein und Verstand, die anderen
unbewußt. Sogar die Schlafenden nennt, wenn ich
nicht irre, Heraklit Arbeiter, Mitarbeiter an dem, was
XCVIII
in der Welt geschieht. Aber jeder auf andere Art.
Luxusarbeit ist die Arbeit des Tadlers, dessen, der
den Ereignissen entgegenzutreten wagt und das
Geschehene ungeschehen machen will. Denn auch
solche Leute braucht das Weltganze. Und du mußt
wissen, zu welchen du gehörst. Er, der alles
Verwaltende wird sich deiner schon auf
angemessene Weise bedienen und dich schon
aufnehmen in die Zahl der Mitarbeiter und
Gehilfen. Du aber sorge dafür, daß du nicht bist wie
jener schlechte Vers im Gedicht, dessen Chrysipp
gedenkt!

43

Will denn die Sonne leisten, was der Regen leistet?


Will Äskulap als Fruchtspender etwas
hervorbringen? Will auch nur einer von den
Sternen ganz dasselbe, was der andere will? Und
doch fördern alle dasselbe Werk.

44

Wenn die Götter überhaupt über mich und über das,


was geschehen soll, ratschlagen, dann ist ihr Rat
auch ein guter. Denn einmal, einen ratlosen Gott
kann man sich nicht leicht vorstellen. Und dann,
aus welchem Grunde sollten sie mir weh tun
wollen? Was könnte dabei für sie oder für das
Ganze, dem sie besonders vorstehen,
herauskommen? Betreffen ihre Beratungen aber
nicht meine besonderen Angelegenheiten so doch
gewiß die allgemeinen der Welt, aus denen dann
auch die meinigen sich ergeben, und die ich
XCIX
willkommen heißen und lieben muß. Kümmern sie
sich aber um gar nichts, was wir jedoch nicht
glauben dürfen — ­und was würde dann aus unsern
Opfern, unsern Gebeten, unsern Eidschwüren und
aus alle dem, was wir lediglich in der
Voraussetzung zu tun pflegen, daß die Götter da
sind und daß sie mit uns leben? — ­aber gesetzt, sie
kümmerten sich nicht um meine Angelegenheiten
so liegt es doch mir selbst ob, mich darum zu
kümmern. Denn dazu habe ich meine Vernunft daß
ich weiß, was mir dienlich ist.

45

Was überall und jedem geschieht, ist dem Ganzen


zuträglich. Schon dies wäre hinreichend. Doch bei
genauer Beobachtung wirst du überall auch das
noch finden: Was dem einen widerfährt, ist auch
dem andern zuträglich. Hier ist nämlich das Wort
“zuträglich” allgemein zu verstehen, auch von den
gleichgültigsten Dingen.

46

Was du im Theater und an ähnlichen Orten


empfindest, wo sich deinem Auge ein und dasselbe
Schauspiel immer wieder darbietet bis zum Ekel,
das hast du im Leben eigentlich fortwährend zu
leiden. Denn alles, was geschieht, von welcher
Seite es auch kommen mag, ist doch immer
dasselbe. Wie lange wird´s nur noch dauern?

47

C
Stelle dir beständig die Gestorbenen jeden Standes,
jeder Berufsart und jeden Stammes vor, steige in
dieser Reihe bis zu einem Philistion, einem Phöbus
und Origanion hinunter! Dann gehe zu den
anderen Klassen über! Auch wir müssen ja unsere
Wohnung dorthin verlegen, wo so viele gewaltige
Redner, so viele ehrwürdige Philosophen, wie
Heraklit, Pythagoras und Sokrates, ferner so viele
Helden der Vorzeit, so viele Heerführer und
Gewaltherrscher späterer Tage und außer diesen
Eudorus, Hipparch, Archimedes und andere
scharfsinnige, hochherzige, arbeitslustige, gewandte,
selbstgefällige Geister, ja selbst jene spöttischen
Verächter des hinfälligen kurzdauernden
Menschenlebens, wie ein Menippus und so viele
andere seiner Art verweilen. Von diesen allen stelle
dir vor, daß sie längst beigesetzt sind. Was liegt nun
für sie Furchtbares darin? Was denn für jene, deren
Namen überhaupt nicht mehr genannt werden? Da
ist eines nur von hohem Wert, nämlich Wahrheit
und Gerechtigkeit getreu durchs ganze Leben zu
üben, auch im Kampf gegen Lügner und
Ungerechte.

48

Willst du dir eine Freude bereiten, so richte deinen


Blick auf die trefflichen Eigenschaften deiner
Zeitgenossen und siehe, wie der eine ein so hohes
Maß von Tatkraft, der andere von Bescheidenheit
besitzt, wie freigebig der dritte ist usf. Denn nichts
ist so erquicklich als das Bild von Tugenden, die
sich in den Sitten der mit uns Lebenden offenbaren
und reichlich unserm Blick sich darbieten. Darum
CI
halte es dir nun auch beständig vor Augen!

49

Ärgert´s dich, daß du nur so viel Pfund wiegst und


nicht mehr? So sei auch nicht ärgerlich darüber,
daß dir nicht länger zu leben bestimmt ist. Denn
wie jeder zufrieden ist mit seinem Körpergewicht,
so sollten wir alle auch zufrieden sein mit der uns
zugemessenen Lebensdauer.

50

Komm, wir wollen versuchen sie zu überreden!


Handle aber auch gegen ihren Willen, wenn es
Gerechtigkeit und Vernunft gebieten. Hindern sie
uns mit Gewalt, so benutzen wir dieses Hemmnis
zur Übung in einer andern Tugend, im Gleichmut
und in der Seelenruhe. Denn alles, was wir
erstreben, erstreben wir ja nur unter gewissen
Voraussetzungen. Halten diese nicht Stich — ­wer
wird das Unmögliche wollen? Nur daß unser
Streben ein edles war! Denn ein solches trägt
seinen Lohn in sich selbst — ­wie alles, was wir tun,
wenn wir unserer innersten Natur gehorchen.

51

Der Ehrgeizige setzt sein Glück in die Tätigkeit


eines andern, der Vergnügungssüchtige in die
eigene Leidenschaft, der Vernünftige in seine
Handlungsweise.

52
CII
Du hast es gar nicht nötig, dir über irgendeine
Sache Gedanken zu machen und deine Seele zu
beschweren. Denn eine absolute Notwendigkeit
zum Urteil liegt niemals in den Dingen.

53

Gewöhne dich, wenn du jemand sprechen hörst, so


genau als möglich hinzuhören, und dich in seine
Seele zu versetzen.

54

Was dem Schwarm nicht zuträglich ist, taugt auch


nichts für die einzelneBiene.

55

Dem Gelbsüchtigen schmeckt der Honig bitter; der


von einem tollen Hunde Gebissene scheut das
Wasser; das Kind kennt nichts Schöneres als seinen
Ball. Wie kannst du zürnen? Verlangst du, daß der
Irrtum weniger Einfluß haben soll als eine kranke
Galle, als ein dem Körper eingeflößtes Gift?

56

Niemand kann dich hindern, dem Gesetze deiner


eigensten Natur zu folgen. Was du im Widerspruch
mit der allgemeinen Menschennatur tust, wird dir
nicht gelingen. — ­

57

CIII
Wollten die Schiffsleute den Steuermann, die
Kranken den Arzt schmähen, würden sie dann sonst
noch auf jemand achten? Aber wie sollte jener der
Mannschaft eine glückliche Landung oder dieser
den Leidenden Genesung verschaffen?

58

Wie viele von denen, mit denen ich zusammen die


Welt betreten habe, sind schon wieder daraus
geschieden!

59

Wer sind die, denen man gefallen möchte, und um


welcher Vorteile willen und durch welcherlei
Mittel? Wie schnell wird die Zeit alles verschlingen
und wie vieles hat sie schon verschlungen!

CIV
Siebentes Buch
1

Was ist Schlechtigkeit? Nichts anderes, als was du


schon oft gesehen hast. Und so halte bei jedem
Zufall den Gedanken bereit: “Es ist nur etwas, das
du schon oft gesehen hast.” Dann wirst du
erkennen, daß alles, wovon die Geschichte alter,
mittlerer und neuer Zeit handelt, und womit sich der
Staat wie die Familie jetzt beschäftigt, in jeder
Beziehung das nämliche sei. Nichts Neues, alles
gewöhnlich und von kurzer Dauer.

Deine Lebensgrundsätze werden stets ihre


Gültigkeit für dich behalten, solange dir die ihnen
entsprechenden Grundbegriffe nicht abhanden
gekommen sind. Das aber kannst du verhindern,
indem du dieselben immer wieder zu neuem Leben
in dir anfachst und über das, was notwendig ist,
nicht aufhörst nachzudenken — ­: wobei dich
nichts zu stören vermag, weil alles, was zu deinem
Gedankenleben von außen hinzutritt, als solches
keinen Einfluß auf dasselbe hat. Halte dich also nur
so, daß es dir äußerlich bleibt! Hast du aber deine
Lebenshaltung einmal eingebüßt: Du kannst sie
wieder gewinnen. Sieh die Dinge wieder gerade so
an, wie du sie angesehen hattest! Darin besteht
alles Wiederaufleben.

CV
Das Leben ist freilich weiter nichts als ein eitles
Jagen nach Pomp, als ein Bühnenspiel, wo Züge
von Last- und anderem Vieh erscheinen, oder ein
Lanzenrennen, ein Herumbeißen junger Hunde um
den hingeworfenen Knochen, ein Geschnappe der
Fische nach dem Bissen, die Mühen und Strapazen
der Ameisen, das Hin- und Herlaufen unruhig
gemachter Fliegen, oder ein Guckkasten, wo ein
Bild nach dem andern abschnurrt: aber mitten in
diesem Getreibe festzustehen mit ruhigem und
freundlichem Sinn, das eben ist unsere Aufgabe.

Bei einer Rede gilt es achtzuhaben auf die Worte,


bei einer Handlung auf den erstrebten Erfolg. Dort
ist die Frage nach der Bedeutung jedes Ausdrucks,
hier handelt sich´s um den Zweck, der verfolgt wird.

Die Frage ist, ob meine Einsicht ausreicht, was ich


mir vorgenommen, auszuführen oder nicht. Genügt
sie, so brauche ich sie als ein Werkzeug, das die
Natur mir an die Hand gegeben. Reicht sie nicht
aus, dann überlasse ich entweder das Werk dem, der
besser imstande ist es zu vollbringen, wofern dies
nicht für mich geradezu unziemlich ist, oder ich
handle so gut ich kann mit Zuziehung dessen, den
zur Vollendung eines gemeinnützigen Werkes eben
meine Einsicht als Ergänzung bedarf. Denn alles,
was ich tue, mag ich es nun durch meine eigene
Kraft oder mit Hilfe eines andern zustande bringen
— ­dem Wohl des Ganzen muß es immer dienen.
CVI
6

Wieviel Hochgepriesene sind bereits der


Vergessenheit überantwortet und wie viele, die
ihnen Loblieder sangen, sind schon
hinweggeräumt!

Du hast dich nicht zu schämen, wenn du Hilfe


brauchst. Tu nur dein Mögliches! wie bei der
Erstürmung einer Mauer jeder Soldat eben auch nur
sein Möglichstes tun muß! Denn wenn du gelähmt
auch die Brustwehr allein nicht erklimmen kannst,
bist du es mit Hilfe eines andern wohl imstand.

Laß dich das Zukünftige nicht anfechten! Du wirst,


wenn´s nötig ist, schon hinkommen, getragen von
derselben Geisteskraft, die dich das Gegenwärtige
beherrschen läßt.

Alles ist wie durch ein heiliges Band miteinander


verflochten. Nahezu nichts ist sich fremd. Eines
schließt sich dem anderen an und schmückt mit ihm
vereint dieselbe Welt. Aus allem, was ist, bildet sich
doch nur die eine Welt; in allem, was ist, lebt nur
der eine Gott. Es ist nur ein Stoff und ein Gesetz, in
den vernunftbegabten Wesen die eine Vernunft.
Nur eine Wahrheit gibt´s und für die Wesen
derselben Gattung auch nur eine Vollkommenheit.
CVII
10

Alles Stoffliche verschwindet gar bald im Urstoff


des Ganzen und jede wirkende Kraft wird gar bald
in die Vernunft des Ganzen aufgenommen. Aber
ebenso schnell findet die Erinnerung an alles ihr
Grab im ewigen Zeitlauf.

11

Für die vernünftigen Wesen ist eine naturgemäße


Handlungsweise auch immer zugleich eine
vernunftgemäße.

12

Von selbst stehe aufrecht — ­nicht aufrecht


gehalten!

13

Was in dem einzelnen Organismus die Glieder des


Leibes, das sind in dem Gesamtorganismus die
einzelnen vernunftbegabten Wesen. Auch sie sind
zum Zusammenwirken geschaffen. Sagst du dir nur
recht oft: Du seist ein Glied in dem großen System
der Geister, so kann ein solcher Gedanke nicht
anders als dich aufs tiefste berühren. Siehst du dich
aber nur als einen Teil dieses Ganzen an, so liebst
du die Menschen auch noch nicht von Herzen, so
macht dir das Gutestun noch nicht an sich selbst
Freude, so übst du es nur als eine Pflicht, so ist es
noch keine Wohltat für dich selber.

CVIII
14

Mag den Teilen, die durch den Stoß berührt werden


können, von außen her zustoßen, was da will, dann
mögen sich die beschädigten Teile, wenn sie wollen,
beschweren. Ich habe jedoch, solange ich ein
Ereignis nicht für ein Übel halte, noch nicht dabei
gelitten. Es aber nicht dafür zu halten, steht mir ja
ganz frei.

15

Der Smaragd spricht: was auch einer tun oder


sagen mag, ich muß Smaragd sein und meine Farbe
bewahren. So sprech auch ich: mag einer tun und
sagen, was er will, ich muß die Tugend bewahren.

16

Die Seele beunruhige und erschrecke sich nicht.


Kann´s ein anderer, mag er´s tun. Sie selbst für sich
sei solchen Regungen unzugänglich. Daß aber der
Leib nichts leide, dafür mag er, wenn er kann, selbst
sorgen, und wenn er leidet, mag er´s sagen. Doch
die Seele, der eigentliche Sitz der Furcht und jeder
schmerzlichen Empfindung, kann nicht leiden,
wenn du ihr nicht die Meinung, daß sie leide, erst
beibringst. Denn an und für sich, und wenn sie sich
nicht selbst die Bedürfnisse schafft, ist die Seele
bedürfnislos und deshalb auch, wenn sie sich nicht
selbst beunruhigt, unerschütterlich.

17

CIX
Glücklich sein heißt einen guten Charakter haben.
Was machst du also hier, Einbildung? Geh um der
Götter willen, wie du kamst, denn ich brauche dich
nicht! Du bist gekommen nach deiner alten
Gewohnheit Ich zürne dir nicht, nur geh fort!

18

Wäre es möglich, daß dir der Wechsel, dem alles


unterworfen ist, Furcht einjage? Was könnte denn
geschehen, wenn sich die Dinge nicht veränderten?
Was gibt es Angemesseneres für die Natur als diese
Veränderung? Könntest du dich denn nähren,
wenn die Speisen sich nicht verwandelten?
Überhaupt hängt von dieser Eigenschaft der Nutzen
jedes Dinges ab. Und siehst du nun nicht, daß die
Veränderung, der du unterworfen bist, von
derselben Art und ebenso notwendig ist für das
Ganze?

19

Alle Körper nehmen durch das Weltall, wie durch


einen reißenden Strom, ihren Lauf und sind, wie die
Glieder unseres Leibes untereinander, so mit jenem
Ganzen innig verbunden und wirken mit ihm. Wie
manchen Chrysipp, wie manchen Sokrates, wie
manchen Epiktet hat schon die Welle
verschlungen! Diesen Gedanken hege beim
Anblick jedes Menschen und jedes Gegenstands.

20

Das eine liegt mir am Herzen, daß ich nichts tue,


CX
was dem Willen dermenschlichen Natur zuwider ist,
oder was sie in dieser Art oder was sie gerade jetzt
nicht will.

21

Bald wird alles bei dir und bald wirst auch du bei
allen vergessen sein.

22

Es ist ein dem Menschen eigentümlicher Vorzug,


daß er auch die liebt, die ihm weh getan haben.
Und es gelingt ihm, wenn er bedenkt, daß
Menschen Brüder sind, daß sie aus Unverstand und
unfreiwillig fehlen, daß beide, der Beleidigte und
der Beleidiger nach kurzer Zeit den Toten
angehören werden, und vor allem: daß eigentlich
niemand ihm schaden, d.h. sein Inneres schlechter
machen kann als es vorher gewesen.

23

Wie man aus Wachs etwas formt, so formt die


Allnatur aus den Urstoffen die verschiedenen
Wesen; jetzt das Roß, dann, wenn dieses
zerschmolz, den Baum, bald den Menschen, bald
etwas anderes, und ein jegliches nur zu kurzem
Bestand. Aber wie es dem Kistchen gleichgültig
war, daß man´s gezimmert, so auch, daß man es nun
wieder auseinander nimmt.

24

CXI
Ein zorniges Gesicht ist widernatürlich. Wenn die
Sanftmut im Innern erstirbt, erlischt auch die äußere
Zier, daß sie nicht überall wieder angefacht werden
kann. Schon daraus geht hervor, daß jeder
grollende Blick vernunftwidrig ist. Wem das
Gewissen ausgegangen, der hat keine Ursache zu
leben.

25

In kurzem wird die allwaltende Natur alles, was du


siehst, verwandeln und aus demselben Stoff andere
Dinge bereiten und aus deren Stoff wieder andere
Dinge, damit sich die Welt immer verjüngt.

26

Sobald dir jemand weh getan hat, mußt du sogleich


untersuchen, welche Ansicht über Gut und Böse
ihn dazu vermochte. Denn sowie dir dies klar
geworden wirst du Mitleid fühlen mit ihm und dich
weder wundern noch erzürnen. Entweder nämlich
findest du, daß du über das Gute gar keine
wesentlich andere Ansicht hast als er; und dann
mußt du ihm verzeihen. Oder du siehst den
Unterschied; dann aber ist´s ja nicht so schwer,
freundlich zu bleiben dem, der — ­sich geirrt hat. —
­

27

Denke nicht so oft an das, was dir fehlt, als an das,


was du hast. Und wenn dir bewußt wird, was von
diesem das Allerbeste sei, mußt du dir klarmachen,
CXII
wie du´s gewinnen könntest, im Fall du es nicht
besäßest. Je zufriedener dich aber sein Besitz
macht, um so mehr mußt du dich hüten, ihn mit
einem solchen Wohlgefallen zu betrachten, daß dich
sein Verlust beunruhigen könnte.

28

Ziehe dich in dich selbst zurück! Die uns


beherrschende Vernunft ist ja so beschaffen, daß sie
am Rechttun und an der daraus hervorgehenden
Ruhe Genügen findet.

29

Mache den Einbildungen ein Ende! Hemme den


Zug der Leidenschaften! Behalte die Gegenwart in
deiner Gewalt! Mache dich mit dem vertraut, was
dir oder einem anderen begegnet. Trenne und
zerlege alles in seine Urkraft und seinen Stoff.
Gedenke der letzten Stunde! Fehler, die andere
begehen, laß ruhen, wo sie begangen sind.

30

Richte deine ganze Aufmerksamkeit auf das, wovon


gesprochen wird, versenke deinen Geist in die
Betrachtung der Begebenheiten und ihrer Ursachen.

31

Dein Schmuck sei Einfalt, Bescheidenheit und


Gleichgültigkeit gegen alles, was zwischen Tugend
und Laster in der Mitte liegt. Liebe das
CXIII
Menschengeschlecht, folge der Gottheit! Alles, sagt
jemand, geschieht nach bestimmten Gesetzen, ob
Götter sind oder ob aus Atomen alles entsteht,
gleichviel. Genug eben, daß alles gesetzmäßig ist.

32

Vom Tod: Der Tod ist Zerstreuung oder Auflösung


in Atome oderVernichtung, ein Auslöschen oder
ein Versetzen.

33

Vom Schmerz: Ist er unerträglich, führt er auch den


Tod herbei; ist er anhaltend, so läßt er sich auch
ertragen. Wenn nur die Seele dabei an sich hält,
bewahrt sie auch ihre Ruhe und leidet keinen
Schaden. Die vom Schmerz getroffenen Glieder
mögen dann, wenn sie können, sich selbst darüber
aussprechen.

34

Vom Ruhm: Betrachte die Gesinnungen der


Ruhmsüchtigen, von welcher Art sie sind und was
sie einerseits meiden und andererseits suchen!
Bedenke ferner: Wie bei den
übereinandergewirbelten Sandhügeln, die früher
hergewehten von den später aufgehäuften bedeckt
werden, so wird auch im Leben das Frühere vom
Späteren bedeckt.

35

CXIV
Plato fragt: “Wem hoher Sinn und Einsicht in die
Zeiten und in das Wesen der Dinge verliehen ward
— ­glaubst du, daß der das menschliche Leben für
etwas Großes halten kann?” und er antwortet:
“Unmöglich kann ich´s.” Nun, und ebenso
unmöglich ist´s, daß ich den Tod für etwas
Furchtbares halte.

36

Ein Ausspruch des Antisthenes: “Königlich ist´s,


wohlzutun undSchmähungen ruhig über sich
ergehen zu lassen.”

37

Schändlich ist´s, wenn die Seele nur Macht hat über


unsere Mienen, nicht über sich selbst, wenn sie nur
jene, nicht aber sich selber umzugestalten vermag.

38

Wie kann dich denn bald dies, bald jenes ärgern,


das dich doch nichts angeht?

39

Freude den ewigen Göttern! doch uns auch Freude


verleihe!

40

Die Früchte sind zum Pflücken, so das Leben auch.


Hier keimt das Leben, dort der Tod.
CXV
41

Wenn ich samt Kind von den Göttern einmal


verlassen bin, Grund ist auch dafür. — ­

42

Was recht und gut, trag´ ich mit mir herum.

43

Mit andern weinen oder jubeln, nicht geziemt´s.

44

Blicke oft zu den Sternen empor — ­als wandeltest


du mit ihnen. SolcheGedanken reinigen die Seele
von dem Schmutz des Erdenlebens.

45

Platonische Aussprüche: “Diesem würde ich mit


Recht antworten: du urteilst unrichtig, o Mensch,
wenn du meinst, daß ein Mann, der auch nur
einigen Wert hat, die bedenkliche Wahl zwischen
Leben und Sterben ins Auge fassen und nicht
vielmehr nur das erwägen soll, ob, was er tue, recht
oder unrecht und die Tat eines Guten oder
Schlechten sei.”

46

“So verhält es sich in der Tat, ihr Männer von


Athen. Den Posten, auf den einer, in der Meinung,
CXVI
daß es der beste sei, sich selbst gestellt hat oder auf
den er von seinem Feldherrn gestellt worden ist,
muß er — ­dünkt mich — ­auch in Gefahr
behaupten und dabei weder Tod noch irgend etwas
anderes mehr in Betracht ziehen, als die Schande.”

47

“Sieh gut zu, mein Freund, ob das Edle und Gute


nicht in etwas anderem bestehe als in Erhaltung
eines fremden oder des eigenen Lebens! Denn wer
wirklich ein Mann ist, soll nicht wünschen, so oder
so lange zu leben, noch mit feiger Liebe am Leben
hängen, sondern die Bestimmung hierüber Gott
überlassen und glauben, was selbst die Weiber
wissen, daß auch nicht einer seinem Schicksal
entrinne, er denke nur daran, wie er die ihm noch
beschiedene Lebenszeit so gut als möglich
verbringe.”

48

Schön ist, was Plato gesagt hat, daß, wer vom


Menschen reden wolle, das Irdische gleichsam von
einem höheren Standpunkt aus betrachten müsse.
So die Versammlungen, Kriegszüge, Feldarbeiten,
Ehen, Friedensschlüsse, Geburten, Todesfälle,
lärmenden Gerichtsverhandlungen, verödeten
Ländereien, die mancherlei fremden Völkerschaften,
ihre Feste, Totenklagen, Jahrmärkte, diesen
Mischmasch aus den fremdartigsten Bestandteilen.

49

CXVII
Betrachte die Vergangenheit, den steten Wechsel
der Herrschaft. Daraus kannst du auch die Zukunft
vorhersehen, denn sie wird durchaus gleichartig sein
und kann unmöglich von der Regel der Gegenwart
abweichen. Daher ist es auch einerlei, ob du das
menschliche Leben vierzig oder zehntausend Jahre
hindurch erforschest. Was wirst du mehr sehen?

50

“Zur Erde muß, was von der Erde stammt;Doch zu


des Himmels Pforte drängtJegliche Art, die seiner
Flur entsprossen — ­”Was nichts anderes besagt,
als daß sich die ineinander verschlungenenAtome
trennen und die empfindungslosen Elemente sich
zerstreuen.

51

“Durch Essen, Trinken und durch andres


Gaukelwerk Sind wir bemüht, den Tod uns fern zu
halten. Doch müssen wir den Fahrwind, der von
oben streicht, Sei´s auch zu unserm Leid,
hinnehmen ohne Weh.”

52

Mag jemand immerhin kampfgeübter sein als du!


Er sei nur nicht menschenfreundlicher, nicht
anspruchsloser, nicht ergebener in das Schicksal,
nicht nachsichtsvoller den Fehlern der
Nebenmenschen gegenüber.

53
CXVIII
Bei einer Wirksamkeit, die sich nach göttlichem
und menschlichem Gesetz vollzieht, ist niemals
Gefahr. Nichts hast du zu befürchten, sobald deine
Tätigkeit, ihr Ziel in aller Ruhe verfolgend, sich nur
auf eine deiner Bildung angemessene Art entfaltet.

54

Immer steht es bei dir, das gegenwärtige Geschick


zu segnen, mit denen, die dir grade nahe stehen,
nach Recht und Billigkeit zu verfahren, und die
Gedanken, die sich dir eben darbieten, ruhig
durchzudenken, ohne dich an das Unbegreifliche zu
kehren.

55

Sieh dich nicht nach den leitenden Grundsätzen


anderer um, sondern halte den Blick auf das Ziel
gerichtet, worauf dich die Natur hinweist, sowohl
die Allnatur durch das Schicksal als deine eigene
durch deine Pflichten. Jeder aber hat die Folgen
seiner Natur zu tragen. Nun sind aber die übrigen
Wesen wegen der Vernünftigen geschaffen, wie
überhaupt alles weniger Edle für das Edlere. Die
Vernunftwesen aber sind eines um des anderen
willen da. Der erste Trieb des Menschen ist sein
Trieb zur Geselligkeit, das zweite in ihm die
Überlegenheit gegenüber sinnlichen Reizen. Denn
vernünftiger und verständiger Tatkraft ist es eigen,
sich selbst zu beschränken und weder den
Anforderungen der Sinne noch der Triebe je zu
unterliegen. Beide sind tierisch. Die Vernunft will
aber den Vorrang haben und sich nicht von jenen
CXIX
meistern lassen und das mit Recht. Denn sie ist von
Natur dazu da, sich jener überall zu ihren Zwecken
zu bedienen. Der dritte Vorzug in der Einrichtung
eines vernünftigen Wesens besteht darin, nicht
blindlings beizupflichten, noch sich täuschen zu
lassen. Mit diesen Vorzügen ausgestattet, gehe die
herrschende Vernunft vorwärts. Und sie hat, was ihr
gebührt.

56

Lebe so, als solltest du jetzt scheiden und als wäre


die dir noch vergönnte Zeit ein überflüssiges
Geschenk.

57

Liebe das, was dir begegnet und zugemessen ist,


denn was könntest du ziemlicher tun?

58

Bei allem, was dir widerfährt, stelle dir diejenigen


vor Augen, denen dasselbe widerfahren ist, und die
sich dabei widerwillig, voll eitler Verwunderung
oder höchst vorwurfsvoll bewiesen haben. Denn
wolltest du diesen wohl gleichen? oder wolltest du
nicht lieber solche ungehörige Eigenschaften
anderen überlassen, selbst aber nur darauf achten,
wie du deine Erfahrungen zu benutzen hast? Und
du wirst sie aufs beste benutzen, sie werden dir
einen herrlichen Stoff liefern, wenn du keine andere
Absicht hast, als dich bei allem, was du tust, als
edler Mensch zu zeigen, dessen eingedenk, daß
CXX
alles andere gleichgültig für dich ist nur nicht, wie
du handelst!

59

Blicke in dein Inneres! Da drinnen ist eine Quelle


des Guten, die nimmer aufhört zu sprudeln, wenn
du nur nicht aufhörst nachzugraben.

60

Auch der Körper muß eine feste Haltung haben und


weder in der Bewegung noch in der Ruhe diese
Festigkeit verleugnen. Denn wie deine Seele auf
deinem Gesicht zu lesen ist und eben darum deine
Mienen zu beherrschen und zu formen weiß, so soll
auch der ganze Körper ein Ausdruck der Seele
sein. Aber wohlgemerkt! ohne gesuchte Pose!

61

Dieselbe Kunst, die in den Kampfspielen gilt, wo


man gerüstet sein muß auch auf solche Streiche, die
unvorhergesehen, plötzlich kommen, herrscht auch
im Leben.

62

Kenntest du die Quellen, aus denen bei so vielen


Urteile und Interessen fließen, du würdest nach der
Menschen Lob und Zeugnis nicht begierig sein.

63

CXXI
Keine Seele, heißt es irgendwo, kommt anders um
die Wahrheit als wider ihren Willen. Nicht anders
also auch um die Gerechtigkeit und Mäßigkeit und
Güte, um alle diese Tugenden. — ­Je mehr man das
beherzigt, desto milder wird man gegen alle.

64

Bei jeder Unlust sei dir der Gedanke zur Hand, daß
sie nichts Entehrendes sei, noch die herrschende
Denkkraft verschlimmere. Denn weder an und für
sich als etwas Körperliches betrachtet, noch in
ihrem Verhältnis zur Gesellschaft, kann diese von
jener zerrüttet werden. Doch möge dir bei den
meisten schmerzlichen Empfindungen der
Ausspruch Epikurs dienlich sein, daß sie
ebensowenig unerträglich als ewig dauernd sind,
wofern du nur ihrer Grenzen eingedenk bist und
nichts hinzudichtest. So manches ist dem Schmerze
eng verwandt, was nur mehr auf verborgene Weise
lästig wird, z.B. Schläfrigkeit, innere Glut,
Appetitlosigkeit. Drum sage dir, wenn so etwas
dich trifft, nur geradezu: du erliegst ja dem
Schmerz.

65

Hüte dich selbst gegen Unmenschen so gesinnt zu


sein, wie Menschen gegenMenschen gesinnt zu sein
pflegen.

66

Woher wissen wir, ob nicht Telauges eine edlere


CXXII
Denkungsart hatte, als Sokrates? Denn hier ist es
nicht genug, daß Sokrates auf ruhmvollere Art starb,
daß er in seinen Unterredungen mit den Sophisten
größere Gewandtheit zeigte, daß er mit mehr
Geduld die Nacht unter dem eiskalten Himmel
zubrachte, daß er dem Befehle, den Salaminier
herbeizuführen, sich, wie es schien, mit noch
größerer Seelenstärke widersetzte, daß er, was man,
selbst wenn es wahr wäre, allermeist bezweifeln
möchte, auf den Straßen stolz einherschritt, sondern
man muß vielmehr folgende Fragen in Erwägung
ziehen: Wie war Sokrates´ Seele beschaffen?
Genügte ihm die Gerechtigkeit gegen Menschen
und die Frömmigkeit gegen die Götter? Hat er sich
nie ohne Grund über die Schlechtigkeit anderer
geärgert, nie ihrer Unwissenheit nachgegeben? Hat
er die vom Ganzen ihm zugeteilten Geschicke nie
mit Befremden ausgenommen oder unter sie, als
unter ein unerträgliches Joch, sich gebeugt? Nie
seine Vernunft zur Genossin der Leiden des
armseligen Fleisches gemacht?

67

Die Natur hat dich nicht so dem großen Teig


einverleibt, daß du dich nicht eingrenzen und das
deinige allein aus dir selbst heraus tun könntest. Du
kannst fürwahr ein göttlicher Mensch sein, ohne von
irgendeiner Seele gekannt zu werden. Und magst
du daran verzweifeln, in der und jener Wissenschaft
oder Kunst jemals dich auszuzeichnen: ein freier,
edler, hilfreicher, gottesfürchtiger Mensch kannst du
immer werden.

CXXIII
68

Unverrückt kannst du dein Leben in höchster


Geistesfreudigkeit hinbringen, wenn auch alle
Menschen nach Herzenslust ein Geschrei wider
dich erheben und wenn auch wilde Tiere die
schwachen Glieder dieses um dich angesammelten
Fleischgemenges zerreißen sollten. Denn was
hindert dich, deiner denkenden Seele trotz alledem
ihre Heiterkeit, ein richtiges Urteil über die
Umstände und eine erfolgreiche Benutzung der ihr
dargebotenen Gelegenheiten zu bewahren? Dann
sagt das Urteil zum Ereignis: “Das bist du dem
Wesen nach, auch wenn du der Meinung nach
anders erscheinst!” und die Benutzung spricht zur
Gelegenheit: “Dich suchte ich eben; denn immer
bietet mir die Gegenwart Stoff zur Ausübung einer
vernünftigen und staatsbürgerlichen Tugend und
überhaupt einer Kunst, die eines Menschen oder
Gottes würdig ist.” Steht ja doch jedes Begegnis
im innigsten Bezuge zu Gott oder zum Menschen
und ist mithin nichts Unerhörtes oder schwer zu
Behandelndes, sondern vielmehr etwas Bekanntes
und Leichtes.

69

Die sittliche Vollkommenheit bringt es mit sich, daß


wir jeden Tag leben können, als wäre er der letzte,
frei von Zorn, Schlaffheit und Verstellung.

70

Den unsterblichen Göttern ist es keine Last, die


CXXIV
ganze Ewigkeit hindurch fortwährend eine solche
Masse Nichtswürdiger zu dulden — ­vorausgesetzt,
daß sie sich um sie kümmern. Und du — ­du
wolltest ungeduldig werden? und bist vielleicht gar
selbst einer von den Bösen?

71

Lächerlich ist es, der Schlechtigkeit anderer aus


dem Wege gehen zu wollen, was unmöglich ist,
aber der eigenen nicht, was doch möglich ist.

72

Was die vernünftige und zu staatsbürgerlicher


Tugend berufene Tatkraft nicht vernünftig, noch
gemeinnützig findet, das hält sie mit gutem Grund
unter der Würde.

73

Wenn du ein gutes Werk getan und dem anderen


wirklich wohl getan hast, warum bist du dann gar so
töricht, ein Drittes zu begehren, nämlich den Ruhm
ob solcher Tat oder irgendeine Vergeltung?

74

Niemand wird es überdrüssig, sich Vorteile zu


verschaffen. Vorteil verschaffen aber ist eine
Tätigkeit an die wir von Natur gewiesen sind.
Darum werde nie müde, dir Vorteile zu verschaffen,
indem du selber Vorteil schaffst.

CXXV
75

Die Allnatur fühlte den Drang zur Weltschöpfung.


Nun aber geschieht alles, was geschieht, nach dem
Gesetz der notwendigen Folge, oder es ist auch das
Wichtigste dessen Verwirklichung die
weltbeherrschende Vernunft eigens anstrebt, ohne
Grund vorhanden. In vielen Fällen wird es deine
Seelenruhe erhöhen, wenn du dessen eingedenk
bist.

CXXVI
Achtes Buch
1

Mag es immerhin deinen Ehrgeiz herabdrücken,


daß du nicht allezeit, daß du zumal in deiner Jugend
nicht wie ein Philosoph gelebt hast, sondern vielen
anderen und dir selbst auch als ein Mensch
erschienen bist, der von der Philosophie weit
entfernt ist, so daß es dir nicht leicht sein dürfte, dir
noch das Ansehen eines Philosophen zu
verschaffen. Ein solcher Strich durch deine
Rechnung ist nur heilsam. Genügen muß es dir
nun, von jetzt an so zu leben, wie es deine Natur
vorschreibt. Achte also darauf, was sie will, und laß
dich durch nichts davon abbringen. Du hast so
manches versucht, dich hierhin und dorthin
gewendet, aber nirgends dein Glück gefunden, nicht
im Spekulieren nicht im Reichtum, nicht in der
Ehre, nicht in der Sinnenlust, nirgends. Wo ist es
denn nun wirklich? Nur im Tun dessen, was die
menschliche Natur begehrt. Und wie gelangt man
dazu? Dadurch, daß man die Grundsätze festhält,
aus denen ein solches Streben und Handeln mit
Notwendigkeit hervorgeht, die Grundsätze, daß dem
Menschen nichts gut sei, was ihn nicht gerecht,
mäßig, standhaft und frei macht, und daß nichts
böse sei, was nicht das Gegenteil von alledem
hervorbringt.

Bei jeder Handlung frage dich: wie steht es

CXXVII
eigentlich damit? wird es dich auch nicht gereuen?
Eine kurze Zeit nur noch, und du bist tot und alles
hat aufgehört. Wenn aber das, was du vorhast,
einem Wesen geziemt, das Vernunft hat, auf die
Gemeinschaft angewiesen ist und nach denselben
Gesetzen wie die Götter leben soll, was verlangst du
mehr?

Was sind Alexander, Cajus und Pompejus gegen


Diogenes, Heraklit und Sokrates? Denn diese
hatten die Welt der Dinge erforscht und kannten
den Grund und die Weise ihres Bestehens, und ihre
Seelen blieben sich immer gleich. Bei jenen aber,
welche Furcht vor den Dingen und welche
Abhängigkeit von ihnen!

— ­Nur fein ruhig und gelassen: sie werden


dasselbe tun, auch wenn du dich zerrissest!

Zunächst laß dich nicht beunruhigen, alles geht


seinen Gang, wie es der Natur gemäß ist. Noch
eine kurze Frist und du bist nirgends mehr, wie
Hadrian und Augustus. Dann fasse deine
Lebensaufgabe unverwandten Blicks ins Auge und
denke daran, daß du ein guter Mensch sein sollst.
Was die menschliche Natur von dir fordert, tue
unbeirrt, sage nur, was dir durchaus gerecht
erscheint und dies auf wohlwollende, bescheidene
CXXVIII
und offenherzige Art.

Es ist Aufgabe der großen Natur, das Vorhandene


von einer Stelle zur anderen zu versetzen, es
umzumodeln wegzuräumen und neu einzupflanzen.
Alles ist Wechsel! Man darf also das Neue nicht
bang erwarten. Alles ist Gewohnheit, aber auch
alles gleichmäßig verteilt.

In der gesamten Natur liegt die Tendenz, sich


wohlzuverhalten. Die Natur der vernunftbegabten
Wesen ist aber nur dann in ihrem normalen
Zustande, wenn sie, was das Gedankenleben betrifft,
weder der Unwahrheit, noch dem Unerkannten
beifällt, wenn sie die Strebungen der Seele nur auf
gemeinnützige Werke richtet, unseren Neigungen
und Abneigungen nur solche Gegenstände gibt, die
in unserer Macht stehen, und wenn sie alles billigt,
was die gesamte Natur über uns verhängt. Denn sie
ist ein Teil dieser Allnatur, wie die Natur des Blattes
ein Teil der Baumnatur ist, nur daß diese als
fühllose und vernunftlose in ihrem Bestehen
gehemmt werden kann, während die menschliche
Natur ein Teil der ungehinderten, vernünftigen und
gerechten Natur ist, vor der die zu ihr gehörigen
Einzelwesen untereinander gleich sind, indem sie
jedem von Zeit und Stoff und Form und Fähigkeit
so viel gibt, als seinem Wesen entspricht, eine
Gleichheit, die wir freilich nicht sehen, wenn wir die
Einzelwesen untereinander vergleichen, sondern
CXXIX
nur, wenn wir deren Gesamtheit mit der der andern
Ordnung zusammenhalten.

So manches geziemt sich nicht zu jeder Zeit. Wohl


aber geziemt sich´s immer, den Stolz
zurückzudrängen, Freud und Leid gering zu achten,
über ehrgeizige Gelüste erhaben zu sein,
gefühllosen und undankbaren Menschen nicht zu
zürnen, ja vielmehr sich ihrer anzunehmen.

Niemand höre hinfort von dir, daß du das Leben am


Hofe überhaupt oder nur das deinige tadelst.

10

Die Reue ist eine Selbstanklage darüber, daß man


sich einen Vorteil hat entgehen lassen. Das Gute
aber ist notwendigerweise vorteilhaft und somit
auch die Sorge des guten und edlen Menschen.
Dagegen hat wohl noch nie der edle Mensch
darüber Reue gefühlt daß er sich ein Vergnügen hat
entgehen lassen; woraus zu entnehmen ist, daß die
Lust nichts Vorteilhaftes und nichts Gutes ist.

11

Was ist dieser Gegenstand hier seinem Wesen und


seinen Eigenschaften nach? Was ist er nach seinem
Stoff? Welche Kraft wirkt in ihm? Was tut er in
der Welt und wie lange ist seine Dauer?
CXXX
12

Sooft du verdrossen vom Schlaf erwachst, bedenke,


daß gemeinnützige Handlungen deinen Anlagen
und deinem Charakter entsprechen, der Schlaf dir
aber mit den vernunftlosen Tieren gemeinsam ist.
Was nun der Natur eines jeden Wesens entspricht,
ist demselben verwandter, angemessener, ja sogar
angenehmer.

13

Ohne Unterlaß und womöglich bei jedem


Gedanken wende die Lehren derPhysik, der Ethik
und der Dialektik an!

14

Sobald du weißt, was für Ansichten und Grundsätze


einer hat über Gut und Böse, über Lust und
Schmerz und über die Wirkungen beider, über Ehre
und Schande, Leben und Sterben, kann dir nicht
wunderbar und fremdartig vorkommen, was er tut;
du weißt alsdann: er ist gezwungen, so zu handeln.
Und ferner wenn sich doch kein Mensch darüber
wundert, daß der Feigenbaum Feigen trägt, und der
Arzt nicht, wenn jemand das Fieber hat, noch der
Steuermann wenn der Wind entgegensteht; warum
also befremdlich finden, daß das Weltganze
hervorbringt, was dem Keime nach in ihm liegt?

15

Seine Meinung zu ändern, und dem, der sie


CXXXI
berichtigt, Gehör zu schenken, ist nichts, was unsere
Selbständigkeit aufhebt. Es ist ja doch auch dann
dein Trieb und Urteil, dein Sinn, aus welchem deine
Tätigkeit hervorgeht.

16

Lag´s an dir, warum hast du´s getan? War ein


anderer schuld, wem willst du Vorwürfe machen?
Den Atomen oder den Göttern? Beides ist Unsinn.
Du hast niemand Vorwürfe zu machen. Suche den,
der schuld war, eines Besseren zu belehren, oder
wenn dies nicht möglich, bessere an der Sache
selbst. Aber auch, wenn dieses nicht angeht, wozu
dienen die Vorwürfe? Man muß eben nichts ohne
Überlegung tun.

17

Was stirbt, kommt darum noch nicht aus der Welt.


Aber wenn es auch hier bleibt, verändert es sich
doch und löst sich auf in seine Grundstoffe, in die
Elemente der Welt und in deine. Und auch diese
ändern sich — ­ohne Murren.

18

Jedes Wesen, z.B. ein Pferd, ein Weinstock, dient


irgendeinem Zweck. Was Wunder? Auch die
Sonne wird dir sagen: “Ich muß wirken” und
ebenso die übrigen Gottheiten. Wozu gibt´s dich?
Etwa zu sinnlichen Freuden? Sieh doch einmal zu,
ob vernünftiges Nachdenken das gestattet!

CXXXII
19

Es ist mit jedem Dinge, seinem Ende, Ursprunge


und Bestehen nach nicht anders wie mit einem Ball,
den jemand wirft. Ist´s etwas Gutes, wenn er in die
Höhe steigt, oder etwas Schlimmes, wenn er
niederfährt und zur Erde fällt? Was ist´s für eine
Wohltat für die Wasserblase, wenn sie
zusammenhält, und was für ein Leid, wenn sie
zerplatzt? Und ebenso das Licht, wenn es brennt
und wenn es verlischt?

20

Drehe einmal das Innere deines Körpers nach


außen und sieh, welcher Art es ist, wenn Alter,
Krankheit Ausschweifung ihn aufreiben! Kurz
dauert sowohl das Leben dessen, der lobt, als
dessen, der gelobt wird, dessen, der eines anderen
gedenkt und dessen gedacht wird. Überdies
geschieht dies ja nur in einem kleinen Winkel der
Erde und selbst da stimmen nicht alle überein. Und
die ganze Erde ist nur ein Punkt.

21

Was du tust, setze stets in Beziehung auf der


Menschen Wohlfahrt; was dir widerfährt, nimm hin
und beziehe es auf die Götter, als auf die Quelle
aller Dinge, aus der jegliches Geschehen
herausfließt.

22

CXXXIII
Habe acht auf das, was dir gerade vorliegt, sei es
eine Ansicht oder ein Geschehnis oder ein
Ausdruck! Sonst geschieht dir ganz recht. Du
willst lieber erst morgen gut werden, als es heute
schon sein.

23

Was siehst du beim Baden? Öl, Schweiß, Schmutz,


klebriges Wasser — ­lauter ekelerregende Dinge.
Von ebender Art ist jeder einzelne Teil des Lebens
und was darin vorkommt.

24

Lucilla sah den Verus sterben, nachher starb auch


Lucilla, Secunda den Marimus und dann folgte ihm
Secunda, Epitynchanus den Diotimus und bald
folgte diesem Epitynchanus, Antoninus die Faustina
und dann folgte ihr Antoninus nach, Celer den
Hadrian und dann starb auch Celer. So ging´s mit
allen.

25

Jene scharfsinnigen Menschen, jene Zukunftsdeuter,


jene Hohlköpfe — ­wo sind sie? Wo, z.B., die
scharfsinnigen Männer wie Charax, Demetrius, die
Platoniker, Eudämon und andere der Art? Alle
vergänglich und längst schon tot. Von einigen hat
sich nicht einmal auf kurze Zeit ein Andenken
erhalten. Aus anderen wurden Helden der Fabel;
andere wiederum verschwanden bereits aus dieser
Reihe. Gedenke also dessen, daß auch dein
CXXXIV
Körperbau sich auflösen, sein Lebensgeist
erlöschen oder auswandern oder sich versetzen
lassen muß.

26

Die Freude der Menschen besteht darin, wahrhaft


menschlich zu handeln. Wahrhaft menschlich ist
aber das Wohlwollen gegen
seinesgleichen,Verachtung der Sinnenreife,
Unterscheidung bestechender
Vorstellungen,Betrachtung der Allnatur und ihrer
Wirkungen.

27

Für den Menschen sind dreierlei Beziehungen


wichtig, erstens die zu seiner eigenen, ihn
umgebenden Körperhülle, zweitens die zu seinem
göttlichen Ursprung der alles bewirkt, und drittens
zu den Zeitgenossen.

28

Der Schmerz ist entweder für den Leib ein Übel —


­dann geht er nur diesen etwas an — ­oder eines für
die Seele. Die Seele kann aber ihre Heiterkeit und
Ruhe bewahren und den Schmerz deshalb für kein
Übel nehmen. Denn Urteil, Trieb, Neigung und
Abneigung haben sämtlich ihren Sitz im Innern.
Und kein Übel kann da eindringen.

29

CXXXV
Unterdrücke deine Einbildungen und sage dir bei
jeder Gelegenheit: Nun steht es doch bei mir allein,
keine Bosheit, keine Begierde und überhaupt keine
Leidenschaft in der Seele aufkommen zu lassen.
Dagegen will ich alles nach seinem Wesen
betrachten und seinem Wert entsprechend
benutzen. Vergiß nicht diese dir von der Natur
geschenkte Gabe!

30

Rede würdevoll im Senat wie im geselligen


Verkehr, ohne affektiert zu werden. Rede mit
gesunder Vernunft!

31

Der Hof des Augustus, seine Gemahlin, seine


Tochter, seine Enkel, seine Stiefsöhne, seine
Schwester, Agrippa, seine Verwandten,
Hausgenossen und Freunde, Arius, Mäcenas, seine
Leibärzte und Priester, kurz sein ganzer Hof —
­eine Beute des Totes! Von da geh weiter, nicht
etwa zum Tod eines Einzelmenschen, sondern zum
Aussterben ganzer Familien, wie der der Pompejer.
Manches Grabmal trägt die Aufschrift: “Der Letzte
seines Stammes.” Und nun stelle dir vor, wie sehr
sich die Vorfahren bemühten, einen Stammhalter zu
hinterlassen und doch mußte einer notwendig der
letzte sein. Überdies denke an das Vergehen ganzer
Geschlechter.

32

CXXXVI
Wir müssen in unser Leben Ordnung und
Planmäßigkeit bringen, und jede unserer
Handlungen muß ihren bestimmten Zweck haben.
Wenn sie den erreicht ist es gut; und eigentlich kann
sie niemand daran hindern. Äußere Hemmnisse
können wenigstens nichts tun, um sie minder
gerecht, besonnen, überlegt zu machen, und wenn
sie sonst deiner Tätigkeit etwas in den Weg legen,
bietet sich wohl gerade durch ein Hindernis, wenn
man´s nur gelassen aufnimmt und begierig acht hat
auf das, was zu tun übrigbleibt, ein neuer
Gegenstand der Tätigkeit, dessen Behandlung sich
in die Lebensordnung fügen läßt, von der wir reden.

33

Sei bescheiden, wenn du empfangen, und frisch bei


der Hand, wenn du etwas weggeben sollst!

34

Solltest du einmal eine abgehauene Hand, einen


Fuß, einen Kopf, getrennt vom übrigen Körper zu
sehen bekommen: siehe, das sind Sinnbilder
solcher Menschen, die nicht zufrieden sein wollen
mit ihrem Schicksal, oder deren Handlungsweise
bloß ihrem eigenen Vorteil dient, ein Sinnbild auch
deines Wesens, wie du manchmal bist. Doch sieh,
es steht dir frei, dich wieder mit dem großen Ganzen
zu vereinigen, von dem du dich geschieden hast.
Anderen Gliedern des Weltalls verstattet die
Gottheit nicht, nachdem sie sich abgelöst haben,
wieder zusammenzukommen. Aber dem Menschen
hat es ihre Güte gewährt. Sie legte es von Haus aus
CXXXVII
in des Menschen Hand, in dem Zusammenhang mit
dem Ganzen zu verbleiben und wenn er daraus
geschieden war, zurückzukehren, aufs neue mit ihm
zu verwachsen und den alten Platz wieder
einzunehmen.

35

Wie die Natur jegliches Hindernis als solches zu


beseitigen, in ihre Notwendigkeit hereinzuziehen
und zu einem Bestandteil ihrer selbst zu machen
weiß, so kann auch das vernunftbegabte Wesen jede
Hemmung in seinen eigenen Stoff verwandeln und
sie benutzen zur Verwirklichung seines Strebens,
worauf dasselbe auch gerichtet sein möge.

36

Wenn du dein Leben im ganzen vor dir hättest,


wenn du sähest, was dir alles bevorsteht, welche
Entmutigung müßte dich ergreifen! Aber wenn du
ruhig wartetest, bis es kommt, und bei jedem
einzelnen, wenn es da ist, dich fragtest, was denn
dabei eigentlich nicht zu ertragen sei — ­du müßtest
dich deiner Verzagtheit schämen. Kümmern sollten
wir uns immer nur um das Gegenwärtige, da uns
nur dieses, nicht Zukünftiges und nicht
Vergangenes, wirklich lästig fallen kann. Und
unfehlbar wird diese Last gemindert, wenn wir das
Gegenwärtige rein so nehmen, wie es ist, ihm nichts
Fremdes hinzudichten und uns selber widerlegen,
wenn wir meinen, auch dies nicht einmal ertragen
zu können.

CXXXVIII
37

Sitzen etwa auch jetzt noch Panthea und Pergamus


am Sarge des Verus? Oder Chaurias und Diotimus
an Hadrians Grab? Das wäre lächerlich. Würden
es aber jene fühlen, wenn sie daneben säßen und,
wenn sie es fühlten, würden sie sich freuen, und
wenn sie sich freuten, würden diese dadurch
unsterblich sein? War es nicht auch ihre
Bestimmung zuerst, alte Frauen und Männer zu
werden und dann zu sterben? Und können denn
die Klagenden dem Tod entrinnen? Der ganze
Körper ist ein Schlauch voll Unrat und Moder.

38

Ist dir Scharfsinn eigen, verwende ihn zu klugem


Urteil.

39

Unter den Anlagen vernunftbegabter Wesen finde


ich keine, die derGerechtigkeit gegenübersteht,
wohl aber eine, die der Wollust dasGleichgewicht
hält: die Enthaltsamkeit.

40

Könntest du deine Ansicht über das, was dich zu


schmerzen scheint, ändern, so würdest du
vollständig in Sicherheit sein. Wer ist das du, frage
ich: die Vernunft. Aber ich bin nicht die Vernunft,
entgegnest du. Mag sein, wenn sich die Vernunft
nur eben nicht betrübt. Alles übrige, wenn es sich
CXXXIX
schlecht befindet, mag denken und fühlen, was es
will.

41

Jede Hemmung des Empfindungslebens sowohl,


wie die eines Triebes ist für die tierische Natur ein
Übel. Anders die Hemmungen und Übel im
Pflanzenleben. Für die geistbegabten Wesen aber
kann nur das ein Übel sein, was das Geistesleben
stört. Hiervon mache die Anwendung auf dich
selbst. Leid und Freude berühren nur die Sphäre
des Empfindens. Eine Hemmung des Triebes kann
allerdings auch schon für die vernünftige Kreatur
ein Übel sein; allein nur dann, wenn es ein absoluter
Trieb ist. Dann aber, wenn du so nur das
Allgemeine ins Auge fassest, was sollte dir schaden
und was dich hindern können? Denn in die dem
Geiste eigentümliche Sphäre kann nichts anderes
störend eingreifen, nicht Feuer, nicht Eisen, kein
Despot, keine Lästerung, nichts, was nicht vom
Geiste selber herrührt. Solange eine Kugel besteht,
so lange bleibt sie eben — ­rund nach allen Seiten.

42

Habe ich noch niemals einen andern absichtlich


betrübt so ziemt es mir auch nicht, mich selber zu
betrüben.

43

Mögen andere ihre Freude haben, woran sie wollen;


meine Freude ist, wenn ich eine gesunde Seele
CXL
habe, ein Herz, das keinem Menschen zürnt, nichts
Menschliches sich fernhält, sondern alles mit
freundlichem Blick ansieht und aufnimmt und
jedem begegnet, wie´s ihm gebührt.

44

Nütze die Gegenwart aus. Wer dem Nachruhm


lieber nachgeht, bedenkt nicht, daß die kommenden
Geschlechter ebenso beschaffen sein werden, wie
jene, unter denen er leidet. Auch sie sind ja
sterblich. Überhaupt was kümmert es dich, ob unter
ihnen diese und jene Stimmen über dich laut
werden oder ob sie diese und jene Meinung von dir
haben?

45

Nimm mich und versetze mich, wohin du willst!


Bringe ich doch überall den Genius mit, der mir
günstig ist, den Geist, der seine Aufgabe darin
erkennt, sich so zu verhalten und so zu wirken, wie
es seine Bildung verlangt. Und welche äußere
Lebensstellung wäre es wert, daß um ihretwillen
meine Seele sich schlecht befinde und
herabgedrückt oder gewaltsam erregt, gebunden
oder bestürzt gemacht ihres Wertes verlustig
ginge? Was kannst du finden, das solcher Opfer
wert wäre?

46

Keinem kann etwas begegnen, das nicht


Menschenschicksal wäre, so wenig als dem Stier
CXLI
etwas zustößt, das nicht der Stiernatur, oder dem
Weinstock etwas, das nicht dem Wesen des
Weinstocks, oder dem Stein etwas, das nicht der
Natur des Steins angemessen wäre. Wenn nun
jedem begegnet, was gewöhnlich oder natürlich ist,
warum solltest du dich darüber ärgern? Denn die
Natur durfte nichts Unerträgliches über dich
verhängen.

47

Wenn in deiner Gemütsverfassung etwas ist, was


dich bekümmert, wer hindert dich, den leitenden
Gedanken der die Störung verursacht, zu
berichtigen? Ebenso wenn es dir leid ist, das nicht
getan zu haben, was dir als das einzig Richtige
erscheint, warum tust du es nicht lieber noch,
sondern gibst dich dem Schmerz darüber hin? Du
vermagst es nicht, ein Hindernis, stärker als daß
du´s beseitigen könntest, hält dich ab? Nun so
wehre der Traurigkeit nur um so mehr: der Grund,
warum du´s unterließest, liegt ja dann nicht in dir!
Aber freilich, wenn man nicht so handeln kann, ist´s
nicht wert zu leben. Und darum scheide du aus
dem Leben mit frohem Mut und — ­da du ja auch
sterben müßtest, wenn du so gehandelt —
­freundlichen Sinnes gegen die, die dich gehindert!

48

Die Seele des Menschen ist unangreifbar, wenn sie


in sich gesammelt daran sich genügen laßt, daß sie
nichts tut, was sie nicht will, auch wenn sie sich
einmal unvernünftigerweise widersetzen sollte, am
CXLII
meisten aber, wenn sie jederzeit mit Vernunft zu
Werke geht. Darum, sage ich, ist die
leidenschaftslose Seele eine wahre Burg und
Festung. Denn der Mensch hat keine stärkere
Schutzwehr. Hat er sich hier geborgen, kann ihn
nichts gefangen nehmen. Wer dies nicht einsieht, ist
unverständig; wer es aber einsieht und dennoch
seine Zuflucht dort nicht sucht, unglücklich.

49

Zu dem, was dich ein erster scharfer Blick gelehrt,


füge weiter nichts hinzu. Du hast erfahren, der und
jener rede schlecht von dir. Nun gut. Aber, daß du
gekränkt seist, das hast du nicht gehört. Du siehst,
dein Kind ist krank. Nun gut. Aber daß es in
Gefahr schwebe, das siehst du nicht. Und so lasse
es immer bei dem ersten bewenden, und füge nichts
aus deinem Innern hinzu, so wird dir auch nichts
geschehen. Hast du aber dennoch deine weiteren
Gedanken dabei, so beweise dich hierin gerade als
ein Mensch, der, was im Leben zu geschehen pflegt,
durchschaut hat.

50

“Hier, diese Gurke ist bitter.” Lege sie weg! “Hier


ist ein Dornstrauch.” Geh ihm aus dem Weg!
Weiter ist darüber nichts zu sagen. Wolltest du
fortfahren und fragen: aber wozu in aller Welt ist
solches Zeug? so würde dich der Naturforscher
gründlich auslachen, ebenso wie dich der Tischler
und der Schuster auslachen würde, wenn du´s ihnen
zum Vorwurf machtest, daß in ihren Werkstätten
CXLIII
Späne und Überbleibsel aller Art herumliegen. Mit
dem Unterschiede, daß diese Leute einen Ort
haben, wohin sie diese Dinge werfen, die Natur aber
hat nichts draußen. Sondern das
Bewunderungswürdige ihrer Kunst besteht eben
darin, daß sie, die sich lediglich selber begrenzt,
alles, was in ihr zu verderben, alt und unnütz zu
werden droht, so in sich hinein verwandelt, daß sie
daraus wieder etwas anderes Neues macht, daß sie
keines Stoffes außer sich selbst bedarf und das faul
Gewordene nicht hinauswerfen muß. Sie hat an
ihrem eigenen Raume, an ihrem eigenen Material
und an ihrer eigenen Kunst völlig genug.

51

Sei in deinem Tun nicht fahrlässig, in deinen Reden


nicht verworren, in deinen Gedanken nicht zerstreut;
laß dein Gemüt nicht eng werden, noch
leidenschaftlich aufwallen, noch laß dich von
Geschäften vollauf in Beschlag nehmen. Mögen sie
dich ermorden, zerfleischen, verfluchen, was tut´s?
Deine denkende Seele kann dessenungeachtet rein,
verständig, besonnen und gerecht bleiben. Hört
denn die reine süße Quelle auf, rein und süß zu
quellen, wenn einer, der dabei steht, sie
verwünscht? Und wenn er Schmutz und Schlamm
hineinwürfe, würde sie´s nicht sofort ausscheiden
und hinwegspülen, um rein zu bleiben wie zuvor?
Du auch bist im Besitz einer solchen ewig reinen
Quelle, wenn du die Seele frei, liebevoll, einfältig
ehrfurchtsvoll dir zu bewahren weißt.

52
CXLIV
Wer nicht weiß, was die Welt ist, weiß nicht, wo er
lebt. Aber nur, der da weiß, wozu er da ist, weiß,
was die Welt ist. Wem aber eins von diesen
Stücken fehlt, der kann auch wohl seine eigene
Bestimmung nicht angeben. In welchem Lichte
erscheint dir nun der Mensch, der um den lauten
Beifall jener buhlt, die nicht wissen, wo noch wer
sie sind?

53

Soll dich ein Mensch loben, der sich in einer Stunde


dreimal verflucht? Wie oft strebst du danach, einem
Menschen zu gefallen, der sich selber nicht gefällt?
Oder kann sich der gefallen, der fast alles, was er tut,
bereut?

54

Hinfort verkehre du nicht bloß mit der dich


umgebenden Luft, sondern ebenso auch mit dem
alles umgebenden Geiste! Denn der Geist ergießt
und verteilt sich nicht minder überall dahin, wo
jemand ist, der ihn einzusaugen vermag, als die Luft
dahin, wo man sie atmen kann.

55

Im allgemeinen schadet das Böse der Welt nicht,


und im einzelnen Falle schadet es nur dem, dem es
vergönnt ist, sich frei davon zu machen, sobald er
nur will.

56
CXLV
Nach meinem Dafürhalten ist die Ansicht, die mein
Nächster hat, etwas ebenso Gleichgültiges für mich
als sein ganzes geistiges und leibliches Wesen.
Denn wenn es auch durchaus richtig ist, daß wir
einer um des andern willen da sind, so ist doch jede
unserer Seelen etwas Selbständiges für sich. Wäre
dies nicht, so müßte ja auch die Schlechtigkeit
meines Nebenmenschen mein Verderben sein, was
doch der Gottheit nicht gefallen hat, so einzurichten,
damit mein Unglück nicht von andern abhängig sei.

57

Die Sonnenstrahlen scheinen von der Sonne


herzuströmen, und wiewohl sie sich überallhin
ergießen, werden sie doch nicht ausgegossen. Denn
dieses Fließen und Gießen ist nichts als
Ausdehnung. Recht deutlich kann man sehen, was
der Strahl sei, wenn die Sonne durch eine enge
Öffnung in einen dunkeln Raum scheint. Ihr Strahl
fällt in gerader Richtung und wird, nachdem er die
Luft durchschnitten hat, an dem
gegenüberstehenden Körper gleichsam gebrochen.
Doch bleibt er an ihm haften und löscht nicht aus.
Ebenso müssen nun die Ausstrahlungen der Seele
sein, kein Ausgießen, sondern ein sich Ausdehnen,
kein heftiges und stürmisches Aufprallen auf die
sich entgegenstellenden Dinge, aber auch kein
Herabgleiten von ihnen, sondern ein Beharren und
Erleuchten alles dessen, was ihre Strömung
begegnet, und so, als beraube jegliches Ding sich
selbst ihres Glanzes, wenn es ihn nicht empfängt.

58
CXLVI
Wer sich vor dem Tode fürchtet, fürchtet sich
entwedervor dem Erlöschen jeglicher Empfindung,
oder vor einem Wechsel des Empfindens. Aber
wenn man gar nichts mehr fühlt, ist auch ein
Schmerz nicht mehr möglich. Erhalten wir aber ein
anderes Fühlen, so werden wir andere Wesen, hören
also auch nicht auf zu leben.

59

Die Menschen sind füreinander geboren. So


belehre oder dulde, die´s nicht wissen.

60

Anders ist der Flug des Geschosses und anders der,


den der Geist nimmt. Und doch bewegt sich der
Geist, wenn er Bedacht nimmt, oder wenn er
überlegt, nicht weniger in gerader Richtung und
dem Ziel entgegen.

61

Suche einzudringen in jedes Menschen Inneres,


aber verstatte es auch jedermann, in deine Seele
einzudringen!

CXLVII
Neuntes Buch
1

Wer unrecht handelt, handelt gottlos. Denn die


Natur hat die vernünftigen Wesen füreinander
geschaffen nicht daß sie einander schaden, sondern
nach Würdigkeit einander nützen sollen. Wer ihr
Gebot übertritt, frevelt demnach offenbar wider die
älteste der Gottheiten. Auch der mit Lügen umgeht,
ist gottlos. Denn die Natur ist das Reich des
Seienden. Alles aber, was ist, stimmt als solches
überein mit seinem Grunde. Und diese
Übereinstimmung nennt man Wahrheit. Auf ihr
beruht alles, was man wahr nennt im einzelnen
Falle. Der Lügner also handelt gottlos, weil er
andere betrügt und somit unrecht handelt, tut er´s
mit Absicht. Geschieht es unwillkürlich weil er
nicht mit der Natur im Einklang ist, handelt er
gottlos, weil er die Ordnung stört, indem er
ankämpft gegen das Ganze. Denn im Kampf ist
jeder, der sich wider die Wahrheit bestimmt, weil er
von Natur für sie bestimmt ward. Wer aber dies
außer acht läßt, ist schon so weit, Wahrheit und
Lüge nicht unterscheiden zu können. Endlich
handelt auch der gottlos, der dem Vergnügen
nachgeht als einem Gute und vor dem Schmerz als
einem Übel flieht, da ein solcher notwendig oft in
den Fall kommt, die Natur zu tadeln, als teile sie
den Guten und den Schlechten ihre Gaben nicht
nach Verdienst aus. Denn wie oft genießen böse
Menschen Glück und Freude, und haben, was ihnen
Freude schaffen kann, während die Guten dem Leid

CXLVIII
anheimfallen und dem, was Leiden schafft. Ferner
wird, wer sich vor dem Schmerze fürchtet, auch
nicht ohne Furcht in die Zukunft blicken können,
was schon gottlos ist, während der, der nach Lust
strebt, sich kaum des Unrechts wird enthalten
können, was offenbar gottlos ist. Und jedenfalls
muß doch, wer in Übereinstimmung mit der Natur
leben und ihr folgen will, gleichgültig gegen das
sein, wogegen sich die Natur gleichgültig verhält,
das aber tut sie gegen Lust und Schmerz, gegen
Tod und Leben, Ehre und Schande. Wer also alles
dies nicht gleichgültig ansieht, ist offenbar gottlos.
Die gemeinsame Natur aber, sage ich, bedient sich
derselben nach einerlei Regel (das heißt, sie
begegnet nach dem Gesetz der Aufeinanderfolge
den jetzigen wie den künftigen nach einerlei Regel)
kraft eines uranfänglichen Zuges der Vorsehung,
vermöge dessen sie von einem bestimmten Anfang
her zur gegenwärtigen Welteinrichtung fortschritt,
indem sie gewisse Grundstoffe des Werdenden
zusammenfaßte und die erzeugenden Kräfte der
Stoffe selbst, ihrer Verwandlungen und ihrer
derartigen Aufeinanderfolge abgrenzte.

Besser wär´s, wenn man die Welt verlassen könnte,


ehe man all die Lüge und Heuchelei, den Prunk
und Stolz geschmeckt. Hat man nun aber diese
Dinge einmal schmecken müssen, so ist´s doch
wohl der günstigere Fall, dann bald die Seele
auszuhauchen, als mitten in dem Elend sitzen zu
bleiben? Oder hat dich die Erfahrung nicht gelehrt,
die Pest zu fliehen? und welche Pest ist schlimmer,
CXLIX
die Verdorbenheit der uns umgebenden Luft, die
Pest, die nur das tierische Wesen als solches trifft,
oder die Verderbnis der Seele, die eigentliche
Menschenpest?

Denke nicht gering vom Sterben, sondern laß es dir


wohlgefallen wie eines der Dinge, in denen sich der
Wille der Natur ausspricht. Denn von derselben Art
wie das Kindsein und das Altsein, das Wachsen
und Mannbarwerden oder das Zahnen und
Bärtigwerden und Graues-Haar-Bekommen oder
das Zeugen und Gebären und alle diese Tätigkeiten
der Natur, wie sie die verschiedenen Zeiten des
Lebens mit sich bringen, ist auch das Sterben.
Daher ist es die Sache eines verständigen
Menschen, weder mit Gleichgültigkeit noch mit
heftiger Gemütsbewegung noch in übermütiger
Weise an den Tod zu denken, sondern auf ihn zu
blicken eben wie auf eine jener Naturwirkungen.
Und wie du des Augenblickes harrst, wo das
Kindlein der Mutter Schoß verlassen haben wird, so
erwarte auch die Stunde, da deine Seele dieser
Hülle entweichen wird. — ­Eindringlich ist auch
jene gewöhnliche Regel, die man gibt, um jemand
zur Zufriedenheit mit dem Lose der Sterblichkeit zu
stimmen: einmal, sieh dir die Dinge genau an, von
denen du dich trennen mußt, und dann in ethischer
Beziehung, welch ein Elend, womit du einst nicht
mehr verflochten sein wirst! Zwar ist es keineswegs
nötig, sich daran zu stoßen, Pflicht ist es vielmehr, es
zu lindern oder ruhig zu ertragen, allein man darf
doch daran denken, daß es nicht eine Trennung gilt
CL
von gleichgesinnten Menschen. Denn dies wäre
das einzige, was uns rückwärts ziehen und an das
Leben fesseln könnte, wenn es uns vergönnt wäre,
mit Menschen zusammenzuleben, die von
denselben Grundsätzen und Ideen beseelt sind wie
wir. Nun aber weißt du ja, welches Leiden der
Zwiespalt ist, der unter den Menschen herrscht, und
kannst nicht anders als den Tod anflehen, daß er
eilig kommen möge, damit du nicht auch noch mit
dir selbst in Zwiespalt gerätst.

Wer unrecht handelt, schadet sich selbst.

Oft tut auch der Unrecht, der nichts tut, nicht bloß,
der etwas tut.

Wenn du gesundes Urteil hast und die Gewohnheit,


für andere zu handeln, und ein Gemüt, das mit den
äußeren Verhältnissen zufrieden ist, so hast du
genug.

Unterdrücke die bloße Einbildung, trenne den


Trieb, dämpfe die Begierde; erhalte dem
herrschenden Teil deiner Seele die Herrschaft über
sich selbst!

CLI
8

Wie es nur eine Erde gibt für alles Irdische, ein


Licht für alles, was sehen, und eine Luft für alles,
was atmen kann, so ist es auch nur ein Geist, der
unter sämtliche Vernunftwesen verteilt ist.

Alle Dinge von derselben Art streben zueinander


als zu dem Gleichartigen hin. Alles, was von Erde
ist, gleitet zur Erde, alles Flüssige läuft zusammen,
und so auch das Luftige, so daß es der Gewalt
bedarf um solche Dinge auseinanderzuhalten. Das
Feuer hat zwar seinen Zug nach oben, vermöge des
Elementarfeuers, aber auch da erfaßt es alles ihm
Ähnliche und bringt die trockeneren Stoffe zum
Brennen, eben weil diesen weniger von dem
beigemischt ist, was ein Entflammen hindert.
Ebenso nun und noch mehr strebt auch alles, was
der vernünftigen Natur angehört, zueinander hin.
Denn je edler es ist als das übrige, um so bereiter ist
es auch, sich dem Verwandten zu einen und mit ihm
zusammenzugehen. Schon auf der Stufe der
vernunftlosen Wesen finden sich Scharen und
Herden, findet sich das Auffüttern der Jungen, eine
Art von Liebe. Denn schon hier ist Seele und jener
Gemeinschaftstrieb in höherer Weise, als er in der
Pflanzenwelt und im Gestein sich findet. Bei den
Vernunftbegabten nun kommt es zu Staaten,
Freundschaften, Familien, Genossenschaften, und in
den Kriegen selbst zu Bündnissen und
Waffenstillständen. Und wenn wir zu den noch
höheren Wesen fortschreiten, mögen sie auch um
CLII
Unendlichsten auseinander sein: auch da ist
Einheit, wie bei den Sternen; so daß, je höher wir
kommen, desto entschiedener die Sympathie sich
auch auf die Entferntesten erstreckt. Aber was
geschieht? Die vernünftigen Wesen allein sind es,
die dieses Zueinanderstrebens, dieses
Zusammenhaltens nicht eingedenk bleiben, und hier
allein vermag man jenes Zusammenfließen nicht
wahrzunehmen! Und dennoch — ­: mögen sie
sich immerhin fliehen, sie umschließen sich doch.
Die Natur zwingt sie. Man sehe nur genau! Eher
findest du Erde, die nicht an Erde hängt, als einen
Menschen vom Menschen abgelöst.

10

Frucht bringen Mensch und Gott und Welt, ein


jegliches zu seiner Zeit, in anderer Weise freilich als
der Weinstock und dergleichen Dinge. Auch die
Vernunft hat ihre Frucht, von allgemeiner und von
individueller Art. Und was aus ihr hervorgeht, ist
eben immer wieder — ­Vernunft.

11

Belehre den Fehlenden eines Besseren, wenn du es


vermagst. Wo nicht, erinnere dich, daß dir für
diesen Fall Nachsicht verliehen ist. Auch die Götter
sind nachsichtig, ja sie sind den Fehlenden zu
einigem, wie Gesundheit, Reichtum, Ehre
behilflich. So gütig sind sie! Auch du kannst es
sein. Oder, sage, wer hindert dich daran?

12
CLIII
Leide nicht mit der Miene eines Unglücklichen
oder in der Absicht, bewundert oder bemitleidet zu
werden. Wolle vielmehr nur das eine, deine Kraft in
Bewegung zu setzen oder zurückzuhalten, wie es
das Gemeinwesen erheischt.

13

Heut, sprichst du, bin ich aller meiner Plage


entronnen. Sag lieber: heut hab ich all meine Plage
abgeworfen. Denn in dir, in deiner Vorstellung war
sie, nicht außer dir.

14

Alles bleibt sich gleich. Gewöhnlich in Hinsicht auf


Erfahrung, vergänglich in Hinsicht auf Zeit,
schmutzig in Hinsicht des Stoffes. Alles, was jetzt
ist, war ebenso bei denen, die wir bestattet haben.

15

Die sinnlich wahrnehmbaren Gegenstände sind


außer uns. Einsam stehen sie sozusagen vor unserer
Tür. Sie wissen nichts von sich selbst, urteilen auch
nicht über sich. Wer urteilt also über sie? Der
herrschende Teil unserer Seele.

16

Gut und Böse, Tugend und Laster ruhen bei


vernunftbegabten Wesen nicht auf einem Zustande,
sondern auf einer Tätigkeit.

CLIV
17

Für den emporgeworfenen Stein ist es ebensowenig


ein Glück, in die Höhe zu fliegen, als ein Unglück
herabzufallen.

18

Dringe in das Innere der Seele bei den


Herrschenden und du wirst sehen, vor was für
Richtern du dich fürchtest und was für Richter sie
über sich selbst sind.

19

Alles wechselt stets. Auch du selbst bist im steten


Wechsel begriffen, um nicht zu sagen in
Verwesung. Ebenso die ganze Welt.

20

Das Vergehen eines anderen muß man bei ihm


lassen.

21

Das Aufhören der Tätigkeit, Stillstehen der Triebe


und der Vorstellungen — ­der Tod — ­ist kein
Übel. Denn wie ist es mit den verschiedenen Stufen
des Lebens, mit der Kindheit, der Jugend, dem
Mannes- und Greisenalter? ist nicht ihr Wechsel —
­Tod? und ist das etwas Schlimmes? Nicht anders
der Wechsel der Zeiten. Die Zeiten der Vorväter
hören auf mit dem Zeitalter der Väter usf. Ist bei
CLV
allen diesen Veränderungen etwas Schlimmes?
Also auch nicht, wenn dein Leben wechselt,
stillsteht und aufhört.

22

Forsche in deiner eigenen Seele, in der Seele des


Weltganzen und in der deines Nächsten. In deiner
eigenen, um ihr Sinn für Gerechtigkeit einzuflößen,
in der des Weltganzen, um dich zu erinnern, wovon
du ein Teil bist, in der des Nächsten, um zu
erkennen, ob er wissentlich oder unwissentlich
handelt und um zu fühlen, daß sie der deinigen
verwandt sei.

23

So wie deine ganze Persönlichkeit der ergänzende


Teil eines Gemeinwesens ist, so soll auch jede
deiner Handlungen das gemeinschaftliche Handeln
dieses Gemeinwesens ergänzen. Tut sie dies nicht,
ist sie mehr oder weniger diesen Absichten fern, so
zerstückelt sie dein Leben, hindert seine Harmonie,
ist aufrührerisch wie ein Mensch, der im Volke
seine Partei dem Zusammenwirken mit den andern
entfremdet.

24

Wie Knabenzänkereien und Kinderspiele, so


flüchtig sind unsere Lebensgeister, mit Leichen
belastet. Warum sollte da die Totenfeier einen
Eindruck auf uns machen.

CLVI
25

Gehe auf das Wesen der ursächlichen Kraft jedes


Gegenstandes ein und sieh bei deiner Betrachtung
von seinem Stoff ab und bestimme zum Schluß die
längste Spanne Zeit, die er in seiner ihm
eigentümlichen Art dauert.

26

Du hast unendlich gelitten lediglich deshalb, weil


deine Seele sich nicht begnügte zu tun, wozu sie
gemacht ist.

27

Wenn jemand dich tadelt oder haßt oder Schlechtes


von dir redet, so gehe heran an seine Seele, dringe
ein, und sieh, was er eigentlich für ein Mensch sei.
Du wirst finden, daß du dich nicht zu beunruhigen
brauchst, was er auch von dir denken mag. Du
mußt ihm jedenfalls wohlgesinnt bleiben, da er von
Natur dein Freund ist, und da ihm sicherlich auch
die Götter helfen, wie dir, in all den Dingen, um die
sie Sorge tragen.

28

Alles in der Welt dreht sich im Kreise, von oben


nach unten, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und doch
auch in jedes Einzelwesen dringt die Seele des
Alls. Ist dies, so nimm, was sie hervortreibt, mag sie
nun einmal nur sich schöpferisch bewiesen haben,
so daß nun eins aus dem andern mit Notwendigkeit
CLVII
folgt und alles eigentlich nur eines ist, oder mag
alles atomengleich entstehen und bestehen.
Gleichviel. Denn gibt es einen Gott, so steht alles
gut; ist aber alles nur von ungefähr, darfst du doch
nicht von ungefähr sein!

29

Einem reißenden Strom gleicht die Welt: Alles


führt sie dahin. Wie nichtig die Taten des
Menschen, die er politisch oder philosophisch
nennt, wie eitel Schaum! Aber was nun, lieber
Mensch? Tue, was die Natur gerade jetzt von dir
fordert. Strebe, wenn dir ein Gegenstand des
Strebens gegeben wird, und blicke nicht um dich,
ob´s einer sieht. Auch bilde dir den Platonischen
Staat nicht ein, sondern sei zufrieden wenn es nur
ein klein wenig vorwärts geht und halte solchen
kleinen Fortschritt nicht gering. Denn wer wird ihre
Gesinnung ändern? Ohne eine solche Änderung
der Gesinnung aber, was würde anderes daraus
entstehen, als ein Knechtsdienst unter Seufzen, ein
Gehorsam solcher, die sich stellen, als wären sie
überzeugt. Die Alexander, Philippus, Demetrius
von Phalerum mögen zusehen, ob sie erkannt, was
die Natur will, und ob sie sich selbst in Zucht
gehalten haben. Waren es aber Schauspieler, wird
mich doch niemand dazu verdammen, sie
nachzuahmen. Einfalt und Würde kennzeichnen
das Geschäft der Philosophie. Verführe du mich
nicht zur Aufgeblasenheit!

30

CLVIII
Betrachte wie von einer Anhöhe aus die unzähligen
Volkshaufen mit ihren unzähligen
Religionsgebräuchen, die Seefahrten nach allen
Windrichtungen unter Stürmen und bei ruhiger See
und die Verschiedenheiten zwischen den Dingen,
die werden, sind und vergehen! Betrachte auch die
Lebensweise, wie sie vormals unter anderen war,
wie sie nach dir sein wird und wie sie jetzt unter
fremden Völkern herrscht! Ferner wie viele nicht
einmal deinen Namen kennen, wie viele ihn bald
vergessen werden, wie viele jetzt vielleicht deine
Lobredner, nächstens deine Tadler sind und wie
weder der Nachruhm, noch das Ansehen, noch
sonst etwas von allem, was dazu gehört, der Rede
wert ist.

31

Ein unerschütterliches Herz den Dingen gegenüber,


die von außen kommen, ein rechtschaffenes in
denen, die von dir abhängen! Das heißt, dein
Streben und Tun finde Ziel und Zweck in
gemeinnütziger Tätigkeit; denn das ist deiner Natur
gemäß.

32

Viel unnötigen Anlaß zu deiner Beunruhigung, die


ganz und gar auf deinem Wahn beruht, kannst du
aus dem Weg schaffen und dir selbst unverzüglich
weiten Spielraum eröffnen. Umfasse nur mit
deinem Geist das Weltall, betrachte die Ewigkeit
und dann wieder die schnelle Verwandlung jedes
einzelnen Dings: welch kurzer Zeitraum liegt
CLIX
zwischen seiner Entstehung und Auflösung, wie
unermeßlich ist die Zeit vor seinem Werden, wie
unendlich nach seinem Ende.

33

Was du um dich siehst, wird bald zerstört und wer


dieser Zerstörung zuschaut, wird selbst auch sehr
bald zerstört und durch den Tod wird der älteste
Greis mit dem Frühverstorbenen in denselben
Zustand versetzt.

34

Wie ihr Inneres beschaffen ist, welche Interessen sie


verfolgen, um welcher Dinge willen sie Lieb und
Achtung zollen, das suche zu erforschen, mit einem
Wort: die nackten Seelen! — ­Wenn man glaubt,
durch Tadel Schaden und durch Lob Nutzen zu
stiften, welch ein Glaube!

35

Verlust ist nichts anderes als Veränderung, die die


Natur so liebt, wie wir wissen, — ­sie, die doch alles
richtig macht. Oder wolltest du sagen, alles, was
geschehen sei oder geschehen werde, sei schlecht?
Aber sollte sich dann unter so vielen Göttern nicht
wenigstens eine Macht finden, die es wieder
zurechtbrächte? und die Welt sollte verdammt sein,
in den Banden unaufhörlicher Übel zu liegen?

36

CLX
Der Stoff jeden Dinges ist Fäulnis: Wasser, Staub,
Knochen, Schmutz. Die Marmorbrüche sind
Verhärtungen der Erde, Gold, Silber ihr Bodensatz,
unsere Kleider — ­Tierhaare, Purpur, Blut und alles
übrige ist von der Art. Selbst der Lebensgeist ist
von solcher Art, denn er ist auch steter
Umwandlung unterworfen.

37

Genug des elenden Lebens, des Murrens und des


äffischen Benehmens! Warum bist du unruhig, was
findest du hier so unerhört? Was bringt dich außer
Fassung? Die ursächliche Kraft der Dinge?
Betrachte sie nur! Aber vielleicht der Stoff? Sieh
ihn nur an! Sonst gibt es aber nichts. Sei also doch
endlich argloser und freundlicher gegen die Götter!
Es ist ja einerlei, ob du diese Untersuchungen
hundert oder nur drei Jahre anstellst.

38

Hat sich jemand vergangen, trägt er den Schaden.


Vielleicht hat er sich aber gar nicht vergangen.

39

Entweder ist ein denkendes Wesen die Urquelle des


ganzen Weltalls, von der aus dem All als einem
Körper alles zuströmt. Dann darf sich der Teil über
das, was zum Nutzen des Ganzen geschieht, nicht
beklagen Oder das All ist ein Gewirr von Atomen,
zufällig gemischt und zufällig getrennt. Wozu dann
deine Unruhe? Sprich nur zu deiner Vernunft:
CLXI
“Du bist tot, schon in Verwesung und wie ein Tier,
das auf die Weide geht und seinen Hunger stillt.”

40

Entweder die Götter vermögen nichts, oder sie


haben Macht. Können sie nichts, was betest du?
Haben sie aber Macht, warum bittest du sie nicht
lieber darum, daß sie dir geben, nichts zu fürchten,
nichts zu begehren, dich über nichts zu betrüben, als
darum, daß sie dich vor solchen Dingen, die du
fürchtest, bewahren oder solche, die du möchtest, dir
gewähren? Denn wenn sie den Menschen
überhaupt helfen können, so können sie ihnen doch
auch dazu verhelfen. Aber vielleicht entgegnest du,
das hätten die Götter in deine Macht gestellt. Nun,
ist es denn da nicht besser, was in unserer Macht
steht, mit Freiheit zu gebrauchen, als mit
knechtischem gemeinem Sinn dahin zu langen, was
nicht in unserer Macht steht? Wer aber hat dir
gesagt, daß die Götter uns in den Dingen, die in
unserer Hand liegen, nicht beistehen? Fange nur
an, um solche Dinge zu bitten, dann wirst du ja
sehen! Einer bittet, er möchte frei werden von einer
Last? du bitte, wie du´s nicht nötig haben möchtest,
davon befreit zu werden. Jener, daß ihm sein Kind
erhalten werden möge? du, daß du nicht fürchten
mögest, es zu verlieren usf. Mit einem Wort, gib
allen deinen Gebeten eine solche Richtung, und
sieh, was geschehen wird.

41

Epikur erzählt: in meinen Krankheiten erinnere ich


CLXII
mich nie eines Gesprächs über die Leiden des
Menschen; nie sprach ich mit denen, die mich
besuchten, darüber. Sondern ich arbeitete weiter,
über naturhistorische Gegenstände im allgemeinen
und besonders nachdenkend, wie die Seele,
trotzdem, daß sie an den Bewegungen im Körper
teilhat, ruhig bleiben und das ihr eigentümliche Gut
bewahren möge. Auch gab ich den Ärzten niemals
Gelegenheit, sich meinetwegen zu rühmen, als
hätten sie etwas ausgerichtet, sondern lebte nachher
nicht angenehmer und besser wie vorher. So halte
es auch du, in Krankheiten nicht bloß, sondern in
jeder Widerwärtigkeit. Den Grundsatz haben alle
Philosophenschulen, gerade unter mißlichen
Verhältnissen der Philosophie sich treu zu zeigen,
mit Leuten, die dem wissenschaftlichen Denken
fernstehen, lieber nicht zu schwatzen und seine
Gedanken lediglich auf das jedesmal zu Tuende
und auf die Mittel zur Ausführung dessen, was uns
obliegt zu richten.

42

Sooft dir jemand mit seiner Unverschämtheit zu


nahe tritt, lege dir die Frage vor, ob es nicht
Unverschämte in der Welt geben müsse? Denn das
Unmögliche wirst du doch nicht verlangen. Und
dieser ist nun eben einer von den Unverschämten,
die es in der Welt geben muß. Dasselbe gilt von
den Schlauköpfen, von den Treulosen, von jedem
Lasterhaften. Und sobald dir dieser Gedanke
geläufig wird, daß es unmöglich ist, daß solche
Leute nicht sind, siehst du dich auch sofort
freundlicher gegen sie gestimmt. Ebenso frommt es,
CLXIII
daran zu denken, welche Tugend die Natur jeder
dieser bösen Richtungen gegenüber dem Menschen
verliehen hat. So gab sie z.B. der Lieblosigkeit
gegenüber, gleichsam als Gegengift die Sanftmut.
Überhaupt aber steht dir frei, den Irrenden eines
Besseren zu belehren. Und ein Irrender ist jeder
Böse: er führt sich durch sein Unrecht selbst vom
vorgesteckten Weg ab. Was aber schadet dir´s?
Vermag er etwas wider deine Seele? — ­Und was
ist denn Übles oder Fremdartiges daran, wenn ein
zuchtloser Mensch tut, was eben eines solchen
Menschen ist. Eher hättest du dir selbst darüber
Vorwürfe zu machen, daß du nicht erwartet hast, er
werde solches tun. Deine Vernunft gibt dir doch
Anlaß genug zu dem Gedanken, daß es
wahrscheinlich sei, er werde sich auf diese Weise
vergehen, und nun, weil du nicht hörst auf das, was
sie dir sagt, wunderst du dich, daß er sich vergangen
hat! Jedesmal also, wenn du jemand der
Treulosigkeit oder der Undankbarkeit beschuldigst,
richte den Blick in dein eigenes Innere. Denn
offenbar ist es doch dein Fehler, wenn du einem
Menschen von solchem Charakter dein Vertrauen
schenktest oder wenn du ihm eine Wohltat
erwiesest mit allerlei Nebenabsichten und ohne den
Lohn deiner Handlungsweise nur in ihr selbst zu
suchen. Was willst du denn noch weiter, wenn du
einem Menschen wohlgetan? Ist´s nicht genug, daß
du deiner Natur entsprechend gehandelt? strebst du
nach einer besonderen Belohnung? Als ob das
Auge Bezahlung forderte dafür, daß es sieht, und
die Füße dafür, daß sie schreiten! Und wie Aug´
und Fuß dazu geschaffen sind, daß sie das Ihrige
haben in der Erfüllung ihrer natürlichen
CLXIV
Verrichtungen, so hat auch der Mensch, zum
Wohltun geschaffen, sooft er ein gutes Werk getan
und anderen irgendwie äußerlich beistand, eben nur
getan, wozu er bestimmt ist, und empfängt darin das
Seinige.

CLXV
Zehntes Buch
1

Wirst du denn, liebe Seele, wohl einmal gut und


lauter und einig mit dir selbst und ohne fremde
Umhüllung und durchsichtiger sein, als der dich
umgebende Leib? Froh werden eines
liebenswürdigen und liebenden Charakters? Wirst
du einmal befriedigt und bedürfnislos sein, nach
nichts dich sehnend, nichts begehrend, weder
Geistiges noch Ungeistiges, um daran eben nur
Genuß zu haben? weder mehr an Zeit, noch mehr
an Raum oder Gelegenheit, um den Genuß weiter
auszudehnen? weder eine günstigere Temperatur
der Luft, noch eine ansprechendere in deiner
menschlichen Umgebung? vielmehr zufrieden sein
mit eben der Lage, in der du dich befindest, dich
überhaupt des Vorhandenen erfreuen und dich
überzeugen, daß dir alles zu Gebote steht, daß sich
alles wohl verhält und daß es von den Göttern
kommt, sich also wohlverhalten muß, sofern es
ihnen selbst wohlgefällig ist und sofern sie´s ja nur
geben mit Rücksicht auf die Seligkeit des
vollkommensten Wesens, des guten und gerechten
und schönen, jenes Wesens, das alles dasjenige
erzeugt und zusammenhält und umgibt und in sich
faßt, was, wenn es sich auflöst, der Grund zur
Entstehung eines anderen von ähnlicher
Beschaffenheit wird? Wirst du mit einem Worte
wohl einmal eine Seele sein, die mit Göttern und
Menschen so verkehrt, daß du weder an ihnen etwas
auszusehen hast, noch daß sie dich beschuldigen

CLXVI
können?

Nachdem du erforscht, was deine Natur fordert, was


rein nur ihrem Gebot entspricht, so führe dasselbe
nun auch aus oder laß es zu, sofern dadurch das
Triebleben an dir nicht schlechter wird. Dann frage
dich, was ebendieser Seite deines Wesens entspricht
und vergönne es dir, sofern dadurch das Vernünftige
an dir nicht leidet — ­das Vernünftige, das immer
zugleich auch ein Geselliges ist. Und wenn du
diesen Grundsätzen folgst, bedarf es keines anderen
Bestrebens.

Entweder hast du von Natur die Kraft, jedes dir


begegnende Geschick zu ertragen oder es gebricht
dir an dieser natürlichen Kraft. Trifft dich nun ein
Schicksal, das zu ertragen du stark genug bist, sei
nicht ungehalten und ertrage es durch deine
natürliche Kraft. Übersteigt es aber diese natürliche
Kraft, sei auch darüber nicht unwillig. Was dich
zugrunde richtet, wird auch zugrunde gehen.
Jedoch vergiß auch nicht, daß du bestimmt bist,
alles zu ertragen, was erträglich und leidlich zu
machen deine Vorstellung die Macht hat, durch den
Gedanken nämlich, daß es dir heilsam oder daß es
deine Pflicht sei.

Irrt sich jemand, so belehre ihn mit Wohlwollen und


CLXVII
zeige ihm, was er übersehen hat! Vermagst du das
aber nicht, so klage dich selbst an oder auch dich
selbst nicht einmal!

Alles, was dir geschieht, ist dir von Ewigkeit her


vorausbestimmt. Jener große Zusammenhang von
Ursache und Wirkung hat beides, dein Dasein und
dieses dein Geschick, von Ewigkeit aufs innigste
verwoben.

Mag die Welt ein Gewirr von Atomen oder ein


geordnetes Ganzes sein, mein erster Grundsatz sei:
Ich bin ein Teil des Ganzen und stehe unter der
Herrschaft der Natur. — ­Der zweite: Ich hänge mit
allen gleichartigen Teilen eng zusammen.
Eingedenk des ersten Grundsatzes werde ich nicht
unzufrieden sein, was mir auch für Anteil am
Ganzen zugedacht ist. Es kann nichts einem Teil
schaden, was dem Ganzen zuträglich ist. Denn das
Ganze enthält nichts, was ihm nicht selbst zuträglich
wäre. Sämtliche Wesen haben das miteinander
gemein, daß sie von keinem ihnen äußerlichen
Umstande gezwungen werden können etwas
hervorzubringen, was ihnen selbst schädlich wäre.
Und dasselbe gilt natürlich auch von der ganzen
Welt. Was aber dem Ganzen nützt, kann dem Teile
nicht schädlich sein, d.h. ich darf nicht klagen über
das, was von dem All mir zugeteilt wird. Sofern ich
aber mit den mir gleichartigen Teilen
zusammenhänge, werde ich nichts gegen das
CLXVIII
Gemeinwohl unternehmen, vielmehr werde ich, mit
steter Rücksicht auf die mir gleichartigen Wesen,
mein Streben ganz auf das gemeine Beste richten
und vom Gegenteil ablenken. Führe ich diese
Vorsätze aus, muß mein Leben glücklich
dahinfließen, so glücklich, als nach Erfahrung das
Leben eines Bürgers verläuft, das von einer seine
Mitbürger beglückenden Tat zur anderen
fortschreitet und mit Freuden übernimmt, was ihm
der Staat auch auferlegt.

Alle Teile des Ganzen, das heißt die vom Weltraum


umschlossenen Dinge müssen notwendig zerstört
oder mit einem richtigen Ausdruck umgewandelt
werden. Wäre nun dies von Natur aus ein Übel für
sie, so stünde das Ganze bei dem steten Wechsel
der Teile und ihrem vorausbestimmten Untergang
unter keiner guten Leitung. Denn sollte die Natur
selbst die Einrichtung getroffen haben, ihren
eigenen Teilen Schlimmes zuzufügen, ja sie nicht
nur ins Unglück zu stürzen, sondern diesen Sturz
sogar notwendig machen? Oder sollte es ihr
verborgen sein, daß derartiges einträte? Beides ist
nicht zu glauben. Wollte nun jemand, von der
Allnatur absehend, diese Umwandlung nur aus dem
Wesen der Dinge ableiten, so ist es bei alledem
lächerlich, einerseits zu behaupten, daß die Teile des
Ganzen sich ihrer Anlage nach verwandeln müssen,
und andererseits sich über manches Naturereignis
zu verwundern oder zu ärgern, zumal die Auflösung
in jene Teile erfolgt, aus denen das Ding entstanden
ist, sei diese nun eine Zerstäubung der Grundstoffe,
CLXIX
woraus es zusammengesetzt war, oder ein
Übergang, z.B. der festen Teile in das Erdige, der
geistigen in das Luftige, so daß auch diese in den
Keimstoff des Weltganzen aufgenommen werden,
mag dieses nun nach einem bestimmten Kreislauf
der Zeit in Feuer auflodern oder sich in stetem
Wechsel wieder erneuen. Bilde dir aber nicht ein,
daß jene festen und geistigen Teile von Geburt an
dir kleben. Dies alles ist dir vielmehr erst von
gestern und vorgestern durch Speisen und
eingeatmete Luft zugeflossen. Mithin wird nur das,
was deine Natur auf solche Art angenommen, nicht
aber das, was von der Mutter Natur dir angeboren
ist, umgewandelt. Wolltest du aber auch vorgeben,
daß diese jenes mit deiner besonderen
Eigentümlichkeit so eng verflochten habe, so halte
ich dieses Vorgeben in der Tat für einen nichtigen
Einwurf gegen meine Behauptung.

Hast du die Namen: gut, ehrfürchtig, wahrhaft,


verständig, gleichmütig, hochherzig dir beigelegt, so
sorge dafür, daß du sie nie verlierst oder immer bald
wieder erwirbst. Aber bedenke auch, was sie
besagen! Verstand — ­ein sorgsam erworbenes,
gründliches Wissen um einzelnes? Gleichmut —
­ein bereitwilliges Aufnehmen des von der Natur
uns Zuerkannten? Hochherzigkeit — ­ein
Erhabensein des Geistes über jede leise oder laute
Regung im Fleisch, über das, was man Ehre nennt,
auch über den Tod und alles dieses. Vermagst du
nun, dich diesen Namen zu erhalten, ohne doch
gerade danach zu streben, daß andere dich bei
CLXX
ihnen nennen, so wirst du ein anderer Mensch sein
und ein anderes Leben anfangen. Bleibst du aber
noch ferner, wie du bisher warst, fährst fort in einer
Lebensweise, die dich befleckt und aufreibt, so bist
du ein gewissenloser Mensch, ein Mensch, der eben
nichts als leben will, und gleichst jenen
Halbmenschen, die man mit wilden Tieren kämpfen
läßt, die nämlich, wenn sie mit Wunden bedeckt
und mit Blut besudelt sind, inständigst bitten, man
möchte sie doch bis auf den folgenden Tag
aufheben, um — ­wieder vorgeworfen zu werden
denselben Krallen und denselben Zähnen. Also
tauche dein Wesen in jene wenigen Namen. Und
wenn du es nur irgend ermöglichen kannst, halte bei
ihnen aus, wie einer, der auf den Inseln der Seligen
gelandet. Merkst du aber, daß man dich
heraustreiben will und daß du nicht obsiegen wirst,
so ziehe dich eilig in einen Winkel zurück wo du
dich wahren kannst? oder — ­verlasse das Leben!
— ­Um jener Namen eingedenk zu bleiben, ist es
kein schlechtes Hilfsmittel, sich die Götter
vorzuhalten, die nicht sowohl begehren, daß man sie
schmeichelnd verehre, als daß alle vernunftbegabten
Wesen ihnen ähnlich werden, und daß der Mensch
tue, was des Menschen ist.

Hast du hohe und heilige Wahrheiten dir ohne


selbständiges Forschen eben nur eingebildet, so
werden sie dir auch wieder abhanden kommen, so
können Komödienspiel, Anfeindung, Furcht,
Schrecken, Knechtschaft sie dir täglich entreißen.
Es gilt aber, sich eine solche Anschauungs- und
CLXXI
Lebensweise anzueignen, daß man das Vorliegende
sofort abzutun jederzeit bereit ist und doch dabei
weder die geistige Ausbildung außer acht läßt, noch
das Vertrauen verleugnet, womit uns jede tiefere
Erkenntnis der Dinge erfüllt, das zwar an sich ein
innerliches ist, doch aber nicht verborgen bleiben
kann. Denn alsdann wirst du deiner Lauterkeit,
deiner Würde froh werden, was jedes Ding seinem
Wesen nach ist, welche Stelle es in der Welt
einnimmt, wie lang es seiner Natur nach dauern
wird, aus welchen Teilen es besteht, wem es
zufallen, wer es geben und rauben kann.

10

Eine kleine Spinne ist stolz darauf, wenn sie eine


Fliege erjagt hat, jener Mensch, wenn er ein
Häschen, dieser, wenn er in seinem Netz eine
Sardelle, ein dritter, wenn er einen Eber oder Bären,
und noch ein anderer, wenn er Sarmaten fängt.
Sind aber diese, wenn man die Triebfeder
untersucht, nicht insgesamt Räuber?

11

Erwirb dir die Kenntnis, die Art der Verwandlung


aller Dinge ineinander wissenschaftlich zu
untersuchen. Merke beständig darauf und übe dies
in diesem Fach! Denn nichts fördert so gut die
Hochherzigkeit. Wer diese besitzt, hat seinen Leib
schon abgestreift und wenn er bedenkt, daß er in
nicht gar langer Zeit dieses alles verlassen und aus
dem Menschenleben scheiden muß, so übergibt er
sich in betreff dessen, was er leistet, ganz allein der
CLXXII
Rechtschaffenheit, in betreff seiner Schicksale aber
der Natur. Was jedoch andere von ihm sagen oder
urteilen oder ihm zuleid tun mögen, das läßt er sich
nicht anfechten. Denn mit den zwei Punkten,
erstens das gut zu tun, was man zu tun hat, und
zweitens in Liebe hinzunehmen, was einem
beschieden ist, läßt er alle anderen Aufgaben und
Ziele fahren. Er will nichts, als auf dem Pfad des
Gesetzes seinen Zweck zu verfolgen und also der
Gottheit nachzustreben, die gleichfalls geraden
Wegs auf ihr Ziel zugeht.

12

Was für ein Bedenken hält dich ab, vor allem zu


sehen, was der Augenblick zu tun gebietet?
Freilich mußt du´s völlig erwogen haben, ehe du
getrost und unbeirrt daran gehen kannst. Ist dir also
noch irgend etwas daran unklar, so halte an und
ziehe die Besten zu Rat. Sonst aber, tritt auch ein
Hindernis dir in den Weg, schreite nur besonnen
vorwärts, den einmal empfundenen Antrieben
folgend und treu dich haltend an das, was dir als das
Rechte erschienen ist. Denn dies zu verfolgen
bleibt immer das Beste. Ihm untreu werden heißt
von seiner eigenen Natur abfallen. Darum sage ich,
daß wer in allen Stücken der Vernunft gehorcht,
ruhig und leicht bewegt, heiter und ernst zugleich
zu sein vermag.

13

Frage dich, sobald du des Morgens aufgestanden


bist: geht es dich etwas an, ob ein anderer das Gute
CLXXIII
und Rechte tut? Nichts geht´s dich an. Hast du
vergessen, was das für Leute sind, die ewig nur zu
loben oder zu tadeln wissen? wie sie´s treiben auf
ihrem Lager, bei Tafel, überall, was es für Diebe und
Räuber sind, nicht äußerlich mit Händen und
Füßen, sondern innerlich an dem kostbarsten Teile
ihres Wesens, mit dem sie sich doch, wenn sie
wollten, Glauben, Ehrfurcht Wahrheit, Sitte, den
guten Genius zu eigen machen könnten.

14

Der wohlgesittete und ehrfurchtsvolle Mensch sagt


zur Natur, der alles spendenden und wieder
nehmenden: gib, was du willst, und nimm, was du
willst. Er spricht´s nicht etwa, zu besonderem Mut
sich aufraffend, sondern aus reinem Gehorsam und
aus Liebe.

15

Du hast nur noch wenig zu leben. Lebe wie auf


einem Berge! Gleichviel wo in der Welt du lebst,
denn die Welt ist ein Menschenverein. Und die
Menschen sollen eben den wahren Menschen, den
der Natur gemäß lebenden schauen und beschauen.
Mögen sie ihn immerhin aus dem Wege räumen,
wenn sie ihn nicht vertragen können.

16

Nun gilt es nicht mehr zu untersuchen, was ein


tüchtiger Mensch sei, sondern einer zu sein.

CLXXIV
17

Der Gedanke an die Ewigkeit und an das Weltall


sei dir stets nahe: verglichen mit dem All wird dir
dann alles als ein Körnlein und mit der Ewigkeit
verglichen wie ein Handumdrehen erscheinen.

18

Jedes Sinnenwesen, das du betrachtest, stelle dir in


seiner Auflösung, Verwandlung, gleichsam
Verwesung oder Vernichtung vor oder von der
Seite, die ihm von der Natur gleichsam als die
vergehende bestimmt ist.

19

Was sind denn die Esser und Trinker und Schläfer


und Erzeuger und was sie sonst machen? was sind
sie, die sich aufblähen und so hoch drein schauen,
die so zornig sind und so von oben herab urteilen?
Vor kurzem — ­wem haben sie gedient und um
welchen Preis? Und wieder eine kleine Weile —
­wo sind sie dann?

20

Nicht bloß, was die Natur dem Menschen schickt,


ist ihm zuträglich, sondern es ist ihm auch gerade
dann von Nutzen, wann sie´s schickt.

21

Der Regen — ­ein Liebling der Erde; doch auch


CLXXV
des blauen Himmels Liebling. Das Weltall liebt zu
tun (sagt man nicht: “liebt, zu tun?”) alles, was
eben geschehen soll. Ich also sage zu ihm: deine
Liebe ist auch meine.

22

Entweder du lebst hier, wie du gewohnt bist, oder


du kommst anderswohin, wie du am Ende auch
gewollt oder du stirbst und hast ausgedient. Das ist
alles. Drum sei guten Muts!

23

Vergiß nicht, daß du da, wo du lebst, ganz dasselbe


hast, was du im Gebirge oder an der See oder
sonstwo, wohin du dich sehnst, haben würdest.
Dem Hirten, sagt Plato, der so bei seiner Hürde auf
dem Berge weidet, ist´s nicht anders zumute, wie
dem, den eine Stadtmauer umgibt.

24

Wozu das Herrschende in mir? Und was mache


ich jetzt selbst aus ihm? Oder wozu bediene ich
mich jetzt seiner? Ist es ohne Einsicht? Oder von
der Gemeinschaft getrennt und abgerissen? Oder
so an das Fleisch gekettet und mit ihm
verschmolzen, daß es alle seine Bewegungen teilen
muß?

25

Wer seinem Herrn entläuft, ist ein Ausreißer. Der


CLXXVI
Herr ist das Gesetz; wer also der Befolgung des
Gesetzes sich entzieht, ist ein Ausreißer. Nicht
minder aber verdient diesen schimpflichen Namen
auch der, der sich erzürnt oder betrübt oder
fürchtet. Denn er will nicht, daß geschehen wäre
oder geschehe oder geschehen soll, was der alles
Verwaltende, der allen Gesetz ist, bestimmt.

26

Der eine vertraut dem Mutterschoß den Samen und


geht dann fort. Dann nimmt eine andere wirkende
Kraft den Samen auf, verarbeitet ihn und vollendet
die Bildung des Kindes. Welch ein Wesen aus
solchem Stoff! Wieder schluckt die Mutter durch
den Schlund Nahrung. Dann nimmt diese eine
andere wirkende Kraft auf und bewirkt daraus
Empfindung, Reife und überhaupt Leben und
Stärke und wer weiß wieviele und welcherlei Dinge
sonst! Betrachte nur die verborgenen Wirkungen
und lerne die hierbei tätige Kraft kennen, wie wir
auch die Kraft, vermöge der die Körper sich senken
oder steigen, zwar nicht sichtbar aber doch geistig
wahrnehmen.

27

Denke stets daran, daß alles, wie es jetzt ist, auch


einst war und dann schließe, daß es künftig ebenso
sein werde. Stelle dir alle gleichartigen Schauspiele
und Auftritte vor, die du aus Erfahrung oder aus der
Geschichte kennst, z.B., den ganzen Hof Hadrians,
den ganzen Hof Antonins, den ganzen Hof Philipps,
Alexanders und den Hof des Krösus. Überall
CLXXVII
dasselbe Schauspiel, nur von anderen Personen
gegeben.

28

Ein Mensch, der seinem Unwillen über irgend


etwas Luft macht und sich beklagt, unterscheidet
sich im Grunde genommen gar nicht von — ­einem
Stück Vieh, das beim Schlachten mit allen Vieren
um sich stößt und dazu schreit. Und anders ist auch
nicht einmal der, der auf seinem Lager hingestreckt
stillschweigend seufzt, wenn man ihm den Verband
anlegt. Denn dem vernunftbegabten Wesen ist es
doch gegeben — ­und das ist seine Auszeichnung,
bereitwillig sich in das zu schicken, was ihm
geschieht. Sich schicken wenigstens ist notwendig
für alle.

29

Bei jeglichem Dinge, womit du beschäftigt bist,


frage dich, ob der Tod darum, weil er dich seiner
beraubt, etwas so Schreckliches ist.

30

Sooft du unter dem Fehler eines anderen zu leiden


hast, frage dich, ob du nicht auch in ähnlicher Weise
gefehlt, ob du z.B. nicht auch schon das Geld, das
Vergnügen, den Ruhm und ähnliches für ein Gut
gehalten hast. Dann wirst du deinen Zorn bald
lassen, zumal wenn dir dazu noch einfällt, daß er
gezwungen war. Denn was kann er tun? Aber
wenn es möglich wäre, befreie ihn von jenem
CLXXVIII
Zwang!

31

Siehst du, Satyrio, den Sokratiker, so stelle dir den


Eutyches oder Hymenes vor; siehst du den
Euphrates, so denke an Eutyches oder Silvanus und
auch an Alkiphron und Tropäophorus und auch bei
Xenophons Anblick falle dir Kniton oder Severus
ein, und indem du auf dich selbst zurückschaust,
stelle dir einen anderen Kaiser und bei jedem
wieder seinesgleichen vor! Dann falle dir zugleich
die Frage ein: “Wo sind nun jene?” Nirgends oder
wer weiß wo. Denn auf diese Art wird dir alles
Menschliche stets nur als ein Rauch, als ein wahres
Nichts erscheinen, zumal, wenn du dich zugleich
erinnerst, daß, was sich einmal verwandelt hat, in
der unendlichen Zeit nicht mehr sein werde. Wie
lange also du noch? Warum genügt es dir nicht,
diese kurze Spanne Zeit mit Anstand hinter dich zu
bringen? Was für schwierige Dinge und Aufgaben
sind es denn, denen du aus dem Wege gehen
möchtest? Aber was ist denn dies alles anders als
Übungen für die Vernunft, daß sie die Dinge des
Lebens immer tiefer und wahrer erschauen lerne?
Also verweile nur bei jeglichem Gegenstande so
lange, bis du ihn dir völlig zu eigen gemacht hast,
wie ein starker Magen sich alles zu eigen macht,
oder wie ein helles Feuer, was du hineinwerfen
magst, in Glanz und Flamme verwandelt.

32

Niemand müsse mit Wahrheit von dir sagen


CLXXIX
können, daß du nicht lauter, daß du nicht
rechtschaffen seist; vielmehr sei der ein Lügner, der
also von dir urteilen wollte. Das alles aber kommt
nur auf dich an. Denn wer will dich hindern,
rechtschaffen und lauter zu sein? Fasse nur den
Entschluß, nicht länger zu leben, ohne ein solcher
Mann zu werden. Auch die Vernunft billigt es
keineswegs, wenn du es nicht bist.

33

Ruhe nicht eher, als bis du es so weit gebracht hast,


daß ein der menschlichen Bestimmung
entsprechendes Handeln in jedem einzelnen Falle
dir ganz dasselbe ist, was ein Leben in Herrlichkeit
und Freude für die Genußsüchtigen. Denn eben als
einen Genuß mußt du es auffassen, wenn dir
vergönnt ist, deiner Natur gemäß zu leben. Und
dies ist dir immer vergönnt. Nicht so den Dingen
der unbeseelten Natur: der Walze ist es oft
verwehrt, sich in der ihr natürlichen Weise zu
bewegen und ebenso dem Wasser und dem Feuer
usf. Denn hier sind mannigfache Hindernisse.
Geist aber und Vernunft vermögen Kraft ihrer
natürlichen Beschaffenheit und in Kraft ihres
Willens alle Hindernisse zu überwinden. Drum gilt
es, nichts so lebendig vor Augen zu haben, als diese
Leichtigkeit, mit der die Vernunft sich
durchzusetzen vermag, mit der sie sich, wie das
Feuer nach oben, der Stein nach unten, die Walze
um ihre Achse, durch alles hindurch bewegt. Was
es auch für sie an Hindernissen gibt, das gehört
entweder dem toten Leibe an, oder es kann sie,
ohne Beihilfe des Gedankens und wenn sie nicht
CLXXX
selbst die Erlaubnis dazu gibt, nicht verwunden, ihr
überhaupt nichts Böses tun. Sonst müßte sie ja
dadurch notwendig schlechter werden, wie man dies
bei anderen Schöpfungen sieht, daß, wenn ihnen
etwas Übles widerfährt, sie wirklich darunter leiden,
d.h. dadurch schlechter werden. Beim Menschen
aber muß man vielmehr sagen, wenn er den
Hemmungen, auf die er stößt, richtig begegnet, wird
er besser dadurch und preiswürdiger. — ­Überhaupt
aber denke daran, daß dem eingesessenen Bürger
nichts schadet, was dem Staate nichts schadet, und
ebensowenig dem Staat, was dem Gesetz nichts
schadet. Von dem, was man Unglücksfall nennt,
schadet aber nichts dem Gesetz. Was also dem
Gesetz nichts schadet, schadet weder dem Staat
noch dem Bürger.

34

Für den, den wahre Philosophie erfüllt, reicht die


Erinnerung an jene Verse hin:

“Blätter verweht zur Erde der Wind nun,


andere treibt dann Wieder der knospende
Wald, wenn neu auflebet der Frühling. — ­ So
der Menschen Geschlecht.” — ­

um Traurigkeit und Furcht ihm zu verscheuchen.


Blätter sind auch deine Kindlein. Blätter alles, was
so laut schreit, um sich Glauben zu verschaffen, was
so hohes Lob zu spenden oder so zu verfluchen
oder nur so insgeheim zu tadeln oder zu spotten
liebt; Blätter auch, die deinen Ruhm verkünden
sollen. Denn um die Frühlingszeit keimt alles
CLXXXI
hervor. Dann kommt der Herbstwind und wirft
wieder alles zu Boden, damit anderes an seine Stelle
trete. Kurze Lebensdauer ist der Charakter aller
Dinge. Du aber fliehst und verfolgst alles, als sollte
es ewig dauern. Über ein Kleines, und auch deine
Augen schließen sich, und den, der dich bestattet,
beweint bald ein anderer.

35

Ein gesundes Auge muß jeden Anblick ertragen


können und darf nicht immer bloß Grünes sehen
wollen. Ein gesundes Ohr, eine gesunde Nase ist
auf jeden Schall und jeden Geruch gefaßt. Ein
gesunder Magen verhält sich gegen jede Speise
gleich, wie die Mühle eben alles mahlt, was zu
mahlen geht. Ebenso nun muß auch eine gesunde
Seele auf jedes Schicksal gefaßt sein. Wer aber
spricht: meine Kinder müssen am Leben bleiben,
oder: die Leute müssen stets billigen, was ich tue,
dessen Seele gleicht dem Auge, welches das Grüne,
oder den Zähnen, die nur Weiches haben wollen.

36

Niemand ist so glücklich, daß nicht einst an seinem


Sterbelager einige stehen sollten, die diesen Fall
willkommen heißen. Ist´s auch ein trefflicher und
weiser Mensch, so findet sich am Ende doch immer
jemand, der aufatmend von ihm sagt: nun werde
ich von diesem Zuchtmeister erlöst; er war zwar
keinem von uns lästig, aber ich hatte immer das
Gefühl, als verdamme er uns stillschweigend alle
miteinander! Und das ist beim Tode eines
CLXXXII
Trefflichen! Wie vieles mag unsereiner also an sich
haben, um deswillen so mancher wünscht, von uns
befreit zu werden. Daran denke in deiner
Sterbestunde! Denke, du sollst eine Welt verlassen,
aus der dich deine Genossen, aus der dich die, für
die du so vieles ausgestanden, soviel gebetet und
gesorgt hast, nun hinwegwünschen, indem sie aus
deinem Scheiden so manche Hoffnung schöpfen.
Was könnte dich also noch länger hier festhalten!
Und doch darfst du deshalb mit nicht geringerem
Wohlwollen von ihnen scheiden, sondern mußt um
deiner selbst willen ihnen Freund bleiben und
freundlich, sanft von ihnen Abschied nehmen,
ebenso sanft, wie sich die Seele dessen vom Körper
trennt, dem ein seliges Sterben beschieden ist.
Denn die Natur hat dich auch so mit deinen
Freunden verbunden. Und wenn sie dich jetzt von
ihnen ablöst, so geschieht dies eben als von deinen
Freunden, und nicht so, daß du von ihnen
fortgerissen würdest, sondern sanft von ihnen
scheidest. Es ist dies wenigstens auch eine von den
Forderungen der Natur.

37

Bei allem, was von anderen geschieht, suche


herauszubringen, welchen Zweck sie verfolgen.
Aber fange damit bei dir selbst an, erforsche zuerst
immer dich selbst!

38

Das, was dich bewegt, was dich mit unsichtbaren


Fäden hierhin und dorthin zieht, das ist in deinem
CLXXXIII
Innern. Hier schlummert das beredte Wort, hier
wurzelt das Leben, hier ist der eigentliche Mensch.
Nie schreibe diese Bedeutung dem Gefäße zu, das
dieses dein Inneres umgibt, oder den Organen, die
ihm angegliedert sind. Ohne bewegende Kraft sind
sie nicht mehr, als ein Weberschiff ohne Weber,
eine Feder ohne Schreiber, eine Peitsche ohne
Wagenlenker.

CLXXXIV
Elftes Buch
1

Wir betrachten noch einmal die Eigentümlichkeit


der vernünftigen Seele. Also: sie sieht sich selbst,
sie setzt sich selbst auseinander, die Frucht, die sie
hervorbringt erntet sie auch selbst (nicht wie bei den
Früchten, die die Pflanzen- oder Tiernatur
hervorbringt, die andere ernten). Ferner, sie erreicht
ihr Ziel, wann immer das Leben zu Ende sein mag;
anders als bei den Tanzstücken, und bei jedem
Schauspiel, wo die ganze Handlung zum bloßen
Stückwerk wird, wenn etwas dazwischen kommt.
Denn sie führt, was sie sich vorgesetzt, vollständig
und makellos zu Ende, an welchem Teile der
Handlung und wo überhaupt sie auch betroffen
werden mag, so daß sie sagen kann: “Ich habe das
Meinige beisammen.” Sie umfaßt ferner die ganze
Welt samt dem sie umgebenden Raume, und
vermag sich ein Bild von ihr zu machen; sie dringt
in die Unendlichkeit der Zeit, nimmt wahr die
periodisch stattfindende Wiedergeburt aller Dinge,
betrachtet sie und erkennt, daß, die nach uns
kommen, nichts anderes sehen werden, so wie auch
unsere Vorfahren nichts anderes sahen, sondern daß
der, der etwa vierzig Jahre alt geworden, wofern er
nur Geist hat, alles was gewesen und was sein wird,
gesehen hat. Endlich ist es der vernünftigen Seele
auch eigen, den Nächsten zu lieben, wahr zu sein,
Ehrfurcht zu haben und nichts höher zu achten als
sich selbst. Und in dem allen stimmt sie mit den
Forderungen des allgemeinen Weltgesetzes überein,

CLXXXV
so daß zwischen der gesunden Vernunft und dem
Wesen der Gerechtigkeit kein Unterschied ist.

Ein schöner Gesang, ein schöner Tanz, ein schönes


Spiel ist nur so lange schön, solange man das
Ganze anschaut. Zerlegt man aber jenen in seine
einzelnen Töne, diese in ihre einzelnen
Bewegungen, und hält dieselben für sich fest, so
verlieren sie ihren Reiz. Nur die Tugend und was
von ihr ausgeht, ist und bleibt immer schön. Daher
übe nur bei allem andern jene Zergliederung, auch
bei der Anschauung des Lebens.

Wann ist die Seele wahrhaft bereit, sich von dem


Leibe zu trennen und so entweder zu verlöschen
oder zu zerstieben, oder mit ihm fortzudauern?
Wenn diese Bereitheit aus dem eigenen Urteil
hervorgeht; wenn es nicht bloß aus Hartnäckigkeit
geschieht, wie bei den Christen, sondern mit
Überlegung und Würde und ohne Schauspielerei,
so daß auch andere dem Eindrucke sich nicht
entziehen können.

Hast du etwas getan zum Wohle anderer? Dann


hast du auch dein eigenes gefördert. Das kann man
gar nicht oft genug sich selber sagen.

5
CLXXXVI
Was treibst du für eine Kunst? Die Kunst, gut zu
sein. Wie könnte dies aber anders gelingen als
durch klare Einsicht in das Wesen der Natur und
des Menschen.

Zuerst entstanden die Tragödien, die uns erinnern,


daß alles, was geschieht, gerade so geschehen
müsse. Und dann wollen wir doch, was uns auf der
Bühne ergötzt, uns nicht zum Anstoß gereichen
lassen, wenn´s auf der größeren Bühne uns
entgegentritt. Auf die Tragödie folgt die alte
Komödie. Ihr Freimut war erzieherisch. Wir
wurden durch ihr offenherziges Wesen gemahnt,
Prunk und Stolz abzutun. Daher entlehnte sogar
ein Diogenes nicht selten aus ihr. Dann kam die
Komödie der mittleren Zeit und dann die neueste.
Sie artete bald in ein künstliches Wesen der
Nachahmung aus. Und wenn wir auch nicht
verkennen daß sie so manches Treffliche enthält, so
frage ich doch: welchen Zweck denn eigentlich
diese ganze dramatische Poesie verfolge?

Wie weit bist du in der Erkenntnis, daß keine


andere Lebensweise zumPhilosophieren so geeignet
sei, als die, die du jetzt gerade führst?

Ein Zweig von seinem Nachbarzweige losgehauen,


ist damit notwendig zugleich auch vom ganzen
CLXXXVII
Baume abgehauen. So auch der Mensch: hat er
sich nur mit einem einzigen zerspalten, so ist er von
der ganzen menschlichen Gesellschaft abgefallen.
Den Zweig nun haut ein anderer ab, der Mensch
aber trennt durch seinen Haß und seine Feindschaft
sich selbst von seinem Nächsten, freilich, ohne es zu
wissen, daß er sich damit auch vom Ganzen
losgerissen. Doch ist es ein Geschenk des Gottes,
der die menschliche Gesellschaft gründete, daß es
uns freisteht, mit dem, woran wir früher hielten,
wiederum zusammenzuwachsen und so zur
Vollendung des Ganzen wieder beizutragen, nur
daß, je öfter eine solche Lostrennung geschieht, die
Einigung und Wiederherstellung desto schwieriger
wird, und daß ein Zweig, der von Anfang an im
Zusammenhange mit dem Stamme blieb und mit
ihm verwachsen stets dasselbe ein- und aushauchte,
doch ein ganz ander Ding ist, als der Zweig, der erst
getrennt, dann wieder eingepfropft worden. Denn
was auch die Gärtner sagen mögen: er wächst wohl
an, doch nicht zu jener vollen Lebenseinheit.

Wer dich auch hindern möchte in der Befolgung


rein vernünftiger Grundsätze — ­, wie es ihm nicht
gelingen soll, dich deiner gesunden Lebensweise
wirklich abwendig zu machen — ­, so soll er noch
viel weniger deinem Herzen die freundliche
Gesinnung entreißen. Verrät es doch dieselbe
Schwäche, wenn man solchen Leuten gram wird,
wie wenn man seinem Vorsatz untreu wird, sich
niederschlagen läßt und vom Platze weicht. Den
Fahnenflüchtigen gleichen beide, der sowohl der
CLXXXVIII
aus Furcht zurücktritt, wie der, der mit seinem
natürlichen Freund und Bruder verfeindet ist.

10

Kein Naturprodukt steht einem Erzeugnisse der


Kunst nach, denn die Künste sind Nachahmer der
Natur. Darum dürfte denn wohl dem
vollkommensten und umfassendsten Naturwesen
die künstlerische Geschicklichkeit nicht fehlen.
Und wie die Künste das Geringere nur leisten um
des Besseren willen — ­darin der Natur selber
ähnlich — ­: so auch der Mensch, wofern
Gerechtigkeit entstehen soll, aus der dann weiter
alle übrigen Tugenden sich entwickeln. Denn
wollten wir uns nur mit sittlich gleichgültigen
Dingen zu schaffen machen, wollten wir
leichtgläubig, voreilig, wetterwendisch sein, so
stände es schlecht um die Gerechtigkeit.

11

Nicht kommen die Dinge, die du mit Leidenschaft


suchst oder fliehst, zu dir, nicht sie drängen sich dir
auf, sondern du drängst dich ihnen auf. Kannst du
das Nachdenken über sie nur lassen, so bleiben sie
auch ruhig wo sie sind, und man wird dich alsdann
nicht ihnen nachlaufen oder auf der Flucht vor
ihnen sehen.

12

Die Seele gleicht einer vollkommenen Kugel,


insofern sie sich weder nach etwas hindehnt, noch
CLXXXIX
nach innen einläuft, weder zerstreut wird, noch
zusammenschmilzt. Sie wird von einem Licht
erleuchtet, bei dem sie die allgemeine Wahrheit und
die eigene erkennen kann.

13

Wenn ich bereit bin, einem Irrenden das Rechte zu


zeigen, so soll ich das nicht etwa tun aus Begierde,
ihn bloßzustellen, auch nicht, um mit meiner
Langmut zu prahlen, sondern in Liebe und
Aufrichtigkeit, wie die Geschichte von Phokion
erzählt, wofern dieser Mann nicht etwa wieder mit
seiner Aufrichtigkeit geprahlt hat. Es muß ein
innerliches Tun sein, die Götter müssen einen
Menschen sehen, der nichts mit Ärger aufnimmt,
niemals sich beklagt. Denn was gäbe es auch wohl
Schlimmes für dich, wenn du das stets freiwillig tust,
was deiner Natur entspricht, das Gemeinwohl auf
jede mögliche Weise zu fördern, was der Allnatur
gerade dienlich ist.

14

Die einander verachten, sind gerade die, die


einander zu gefallen streben; und die sich
untereinander hervortun wollen, gerade die, die sich
voreinander bücken.

15

Wie zweideutig und schmutzig ist jeder, der zu


einem andern sagt: sprich, meine ich´s nicht
wirklich gut zu dir? So etwas zu sagen! Es muß
CXC
von selber klar werden. Auf deiner Stirn muß es
geschrieben stehen: so ist´s; aus den Augen muß es
hervorleuchten, wie des Liebenden Blick die Liebe
gleich verrät. Geheuchelte Aufrichtigkeit ist wie ein
Dolch. Nichts häßlicher als Wolfsfreundschaft.
Meide sie allermeist! Der Gutgesinnte, Aufrichtige
und Wohlwollende zeigt sich unverkennbar schon
in seinen Augen.

16

Wahrhaft gut zu leben — ­das ist eine Kraft und


Fertigkeit der Seele? und sie verfügt darüber, wenn
sie gegen das, was gleichgültig ist, sich wirklich
auch gleichgültig verhält. Diese Gleichgültigkeit
aber beruht wieder darauf, daß man die Dinge sich
genau und von allen Seiten ansieht. Denn wir sind
es selbst, die ihnen eine uns ängstigende Bedeutung
unterlegen und sie uns so ausmalen, während es
doch in unserer Macht steht, sie nicht so
auszumalen, oder wenn sich ein solches Bild einmal
unvermerkt in unsere Seele geschlichen hat, es
sofort wieder auszulöschen. Auch braucht es
solcher Vorsicht ja nur kurze Zeit! das Leben geht
zu Ende! — ­Was hat demnach dies richtige
Verhalten für große Schwierigkeiten? Denn ist es
naturgemäß, so freue dich und nimm es leicht, ist´s
naturwidrig, untersuche, was deiner Natur gemäß
ist, strebe danach, auch wenn es dir keinen Ruhm
einbringt. Jedem ist gestattet, sein eigenes Wohl zu
suchen.

17

CXCI
Untersuche, woher jedes Ding seinen Ursprung
nimmt und aus welchen Stoffen es besteht und in
welche Form es sich verwandelt, wozu es durch die
Umwandlung wird und daß ihm damit kein kein
Übel widerfährt.

18

Das Wichtigste ist immer zu wissen, in welchem


Verhältnisse ich zu anderen stehe, nämlich, daß wir
alle, einer um des anderen willen da sind (wobei
sich das Verhältnis näher auch so gestalten kann,
daß einer der Vorgesetzte der andern ist, wie der
Widder der Schafherde, der Stier der Rinderherde).
Dann, daß man die Menschen beobachtet, wie sie´s
daheim, bei Tische oder sonstwo zu treiben pflegen,
und welche Grundsätze als treibende Kraft in ihnen
liegen. Und zumeist, welche Gewalt haben ihre
Grundsätze über sie und mit wieviel Eigendünkel
verrichten sie ihre Handlungen? Drittens, daß man
bedenkt, daß alle, die unvernünftig handeln,
unfreiwillig und unwissend so handeln — ­und
Schmerz genug für sie liegt schon darin, daß sie
eben Ungerechte, Undankbare, Geizige oder mit
einem Worte Übeltäter heißen. Ferner, daß auch du
so manchen Fehler hast und von derselben Art bist
wie sie? daß, wenn du dich von gewissen
Vergnügungen fern gehalten hast — ­vielleicht
war´s Feigheit oder Ehrgeiz oder etwas dem
Ähnliches, was dich fernhielt — ­du doch auch den
Charakter hast, aus dem jene Vergehungen
entspringen. Ferner, daß es gar nicht immer so
feststeht, ob sie gefehlt haben, wenn es dir auch so
scheint. Denn vieles geschieht aus einer weisen
CXCII
Berechnung der Umstände, die uns verborgen sein
können. Man muß überhaupt erst so manches
gelernt haben, ehe man über die Handlungsweise
eines anderen richtig urteilen kann. Dann denke
man doch immer wieder an die Kürze des
menschlichen Lebens, zumal wenn man so recht
aufgelegt ist, unwillig zu werden und aufzubrausen.
Und weiter, daß es ja eben nicht jene Handlungen
sind, die uns Beschwerde machen, sondern unsere
Vorstellungen, die wir uns über sie machen.
Schicke sie heim, und dein Zorn wird sich legen.
Aber wie? Durch die Erwägung daß, was dir durch
jene widerfährt, in Wahrheit nichts Schlechtes sei.
Wäre es schlecht, dann wärst du ja notwendig
selber dadurch schlecht geworden. — ­Und weiter,
daß Zorn und Unwille über solche Dinge uns doch
viel mehr beschweren, als die Dinge, über die du
dich erzürnst. Und endlich, daß ein liebevolles
Gemüt, wenn seine Liebe wirklich echt und
ungeheuchelt ist, durch nichts kann überwunden
werden. Auch dein allerärgster Feind kann dir
nichts anhaben, wenn du auf deiner Liebe zu ihm
beharrst, wenn du bei Gelegenheit ihn ermahnst und
gerade, wenn er im Begriff ist, dir weh zu tun, ihm
freundlich zusprichst: nicht doch, Lieber; wir sind
zu etwas anderem geboren; mir schadest du ja nicht,
du schadest dir selber, Kind! wenn du ihm so in
sanfter Weise und alles wohlerwogen zeigst, daß
sich dies so verhalte, und daß nicht einmal die Tiere
so verfahren, die in Herden beisammen leben.
Freilich muß dies ohne alle Ironie geschehen, nicht
mit dem versteckten Wunsche, ihn zu demütigen,
sondern aus reiner Liebe und ohne das Gefühl
erlittener Kränkung, auch nicht im Schulmeisterton
CXCIII
oder im Beisein eines andern, sondern mit ihm
allein, selbst wenn andere gegenwärtig wären. —
­Diese neun Punkte also erwäge fleißig, laß sie
Eingang bei dir finden, als wären es ebensoviele
Gaben der Musen und fange einmal an, ein Mensch
zu sein, solange du noch lebst. Sanftmut und Milde
— ­das ist das echte Menschliche und Männliche;
hierin liegt Kraft und Tapferkeit und Stärke, nicht
im Zorn und im beleidigten Wesen. Denn je näher
etwas an die völlige Leidenschaftslosigkeit grenzt,
desto näher kommt es wirklicher Macht. Und wie
die Traurigkeit ein Zeichen der Schwäche ist, so ist
es auch der Zorn. In beiden sind wir verwundete,
geschlagene Leute. Aber freilich, vor Kriecherei
muß man sich ebensosehr hüten, wie vor dem Zorn,
da sie ebenso gegen die Grundbedingungen der
Gemeinschaft ist und ebenso verderblich wirkt. —
­Willst du, so nimm vom Musageten noch ein
Zehntes: Wahnsinnig ist´s zu fordern, daß
schlechte Menschen nicht fehlen sollen, unbillig
aber und willkürlich, zu verstatten, daß sie sich
gegen andere vergehen, nicht aber, daß sie dich
verwunden.

19

Viererlei Verirrungen des Geistes gibt es, vor denen


man sich stets in acht zu nehmen hat, und denen
man, sobald sie ausgespürt sind, ausbiegen muß,
indem man sich bewußt wird: dies ist ein Gedanke,
zu dem dich nichts zwingt; dies ist etwas, wodurch
die menschliche Gesellschaft aufgelöst wird; dies
redest du nicht von dir selbst (und es gibt nichts
Törichteres, als nicht aus sich selbst heraus zu
CXCIV
sprechen). Endlich, eine Schmach ist es, die du dir
selber zufügst, sooft das göttlichere Teil an dir
erniedrigt und herabgewürdigt ist von dem
geringeren und sterblichen und dessen groben
Lüsten.

20

Alles Luftige und Feurige, was deinem Wesen


beigemischt ist, obwohl es von Natur nach oben
strebt, gehorcht doch der Anordnung des Alls und
bleibt hier ruhig in der gesamten Masse. Ebenso
alles Erdige und Feuchte, das nach unten strebt,
wird doch fortwährend gehoben und behauptet den
seiner Natur nicht zukommenden Ort. So
gehorchen die Stoffe der Natur, wenn sie gewaltsam
irgendwohin gestellt sind, und verweilen hier, bis
das Zeichen zu ihrer Auflösung gegeben ist. Ist es
nun nicht schlimm, wenn die Vernunft allein nicht
gehorsam sein will und die ihr zugewiesene Stelle
mit Unwillen betrachtet? Und das, wiewohl ihr
nirgend Zwang auferlegt wird, sondern nur das, was
ihrer Natur entspricht? Denn jede ihrer
Bewegungen nach dem Unrecht oder nach dem
Sinnenreiz, nach dem Zorn, nach dem Schmerz und
nach der Furcht ist nichts anderes, als ein solches
Fortstreben von dem ihr zugewiesenen Orte, als ein
Abfall von der Natur. Und sooft deine Vernunft
über irgendein Ereignis mißmutig wird, verläßt sie
ihren Posten. Du bist zur Gleichmütigkeit und
Gottesfurcht nicht weniger als zur Gerechtigkeit
geschaffen. Der Begriff des Gemeingeists enthält
noch jene Tugenden ja sie sind sogar älter als das
Recht.
CXCV
21

Wer nicht im Leben einen und denselben Zweck


verfolgt der ist auch eigentlich nicht ein und
derselbe Mensch. Doch kommt es vor allem darauf
an, von welcher Art dieser Zweck ist. Es hängt dies
genau mit dem Begriff der Güter zusammen, der
schwankend und unbestimmt bleibt, solange es sich
darum handelt, was jedem einzelnen gut ist, und der
zur Klarheit und Bestimmtheit nur gebracht werden
kann, wenn man das Ganze, die Gemeinschaft aller
ins Auge faßt. Und so muß auch der Zweck des
Lebens eines jeden sich nach dem Ganzen richten,
mit dem Zweck der Gemeinschaft, der man
angehört, harmonisch wirken. Wer nun alle seine
besonderen Neigungen diesem Zweck unterordnet
und ihm gemäß gestaltet, der wird dadurch auch
Konsequenz in seine Handlungsweise bringen und
so immer derselbe Mensch sein.

22

Das menschliche Leben gibt mir oft nichts weiter,


als das Bild einerHaus- oder Feldmaus, die
erschrocken hin und her läuft.

23

Sokrates nannte die Meinungen der Menge Lamien,


Schreckgestalten fürKinder.

24

Die Lakedämonier stellten bei ihren Schauspielen


CXCVI
die Sitze für Fremde in den Schatten. Sie selbst
setzten sich an den ersten besten Platz.

25

Als Sokrates sich bei Perdikkas entschuldigte,


warum er seine Einladung nicht angenommen habe,
sagte er: damit ich nicht vor Schimpf und Schande
zu vergehen brauche als einer, der Wohltat
empfängt, ohne sie mit Wohltat vergelten zu
können.

26

In Epikurs Schriften war die Lebensregel


aufgezeichnet, daß man aus der Reihe der alten
Tugendfreunde beständig einen im Andenken
behalten solle.

27

Die Pythagoräer sagen, man müsse früh zum


Himmel aufblicken, damit wir derer gedenken, die
immer eines und dasselbe, und die ihr Werk stets
auf dieselbe Weise treiben, damit wir ihrer Ordnung,
ihrer Reinheit, ihres unverhüllten Wesens
gedenken. Denn die Gestirne haben keine Hülle.

28

Was für ein Mann war Sokrates, der ein Fell


umgürtete, als Xanthippe in seinem Obergewand
ausgegangen war! Und was sagte er zu seinen
Freunden, als sie ihn in diesem Aufzug erblickten
CXCVII
und entsetzt zurücktraten? Nicht das Kleid macht
den Mann!

29

Weder im Schreiben noch im Lesen kannst du


Vorschriften erteilen, ehe du mit deren Befolgung
vorausgegangen bist. Im Leben noch viel weniger.

30

“Der Sklavenseele ziemt es mitzusprechen nicht.”

31

“Laß sie die Tugend schmähen, mit was für


Worten sie wollen” — ­ “ — ­Und es lachte das
Herz mir im Busen.”

32

Lästern werden die Schwätzer mit harten Worten


die Tugend.

33

Wer im Winter eine Feige sucht, ist wahnwitzig.


Ebenso wer sich nach einem Kind sehnt, wenn ihm
ein solches nicht mehr vergönnt ist.

34

Nach Epiktet soll jeder, der sein Kind küßt, bei sich
denken: morgen vielleicht ist es tot. Das klingt wie
CXCVIII
eine Lästerung. Aber, sagt er, kann das eine
Lästerung genannt werden, womit ich etwas rein
Natürliches bezeichne? wenn ich z.B. sage: die
Ähren werden abgemäht?

35

Jetzt unreife Traube, dann reif, dann getrocknet —


­lauter Wandlungen, doch nicht etwa in ein Nichts,
sondern in ein Etwas, das jetzt noch nicht ist.

36

Einen Räuber des Willens gibt es nicht, sagt


Epiktet.

37

Du mußt, sagt derselbe, mit dem Beifall


kunstgerecht umgehen lernen und bei deinen Zielen
die Vorsicht beobachten, daß sie an Bedingungen
geknüpft sind, sich aufs Gemeinwohl richten und
durch den Wert der Dinge bestimmen lassen. Aber
der Begierden mußt du dich enthalten und meiden,
was nicht in deiner Gewalt steht.

38

Der Streit betrifft also (sagt Epiktet) nicht eine


Alltagsangelegenheit, sondern vielmehr die Frage,
ob man wahnsinnig sei oder nicht. Denn nach
stoischer Anschauung sind alle Lasterhaften
wahnsinnig.

CXCIX
39

Sokrates sagte: Was wollt ihr? wollt ihr Seelen


vernünftiger oder unvernünftiger Wesen?
Vernünftiger. Welcher Vernünftigen? Gesunder
oder verderbter? Gesunder. Nun, warum sucht ihr
sie nicht auf? Suchen? weil wir sie haben! Also
warum zankt und streitet ihr euch?

CC
Zwölftes Buch
1

Alles, was du jetzt auf Umwegen zu erreichen


wünschest, könntest du schon besitzen, wenn du
nicht mißgünstig gegen dich selber wärest. Es wäre
dein sobald du imstande wärst, was hinter dir liegt,
auf sich beruhen zu lassen, was vor dir, der
Vorsehung anheimzustellen, und nur das
Gegenwärtige der Frömmigkeit und Gerechtigkeit
gemäß zu gestalten; der Frömmigkeit, indem du
dich deines Schicksals freust, der Gerechtigkeit,
indem du freimütig und ohne Umschweif die
Wahrheit redest und tust, was das Gesetz und was
der Wert jeder Sache erfordern, unbeirrt von
anderer Schlechtigkeit, von irgendwelchen
übelangebrachten Vorstellungen, von dem Gerede
anderer und von den Empfindungen deiner
fleischlichen Hülle. Denn wenn du so deinem
Lebensende entgegengehst, alles andere mit
Gleichgültigkeit betrachtest, nur das Göttliche in dir,
die herrschende Vernunft verehrend, und nicht
sowohl das Aufhören des Daseins als vielmehr das
Nichtbeginnen eines naturgemäßen Lebens
fürchtest, dann darfst du auch ein Mensch heißen,
der würdig ist der Welt, die ihn hervorgebracht, und
wirst aufhören, ein Fremdling zu sein in deinem
Vaterlande.

Nackt und von dem Gefäß, der Schale, dem

CCI
Schmutz des Körpers entblößt sieht Gott die Seele.
Denn die eigentliche Berührung zwischen ihm und
seinen Werken findet nur vermittelst seines Geistes
statt. Mach es ihm nach und du befreist dich von so
mancher Last und Sorge. Denn wer erst absehen
gelernt hat von seinem Leibe, der ihm das Nächste
ist, der achtet dann gewiß auch nicht mehr auf
Kleidung, Häuslichkeit, Ansehen bei den Leuten
und all dergleichen Äußerlichkeiten.

Du bestehst aus drei Teilen: Leib, Seele und Geist.


Leib und Seele sind dein, nur soweit es deine Pflicht
ist, für sie zu sorgen. Der Geist aber ist ganz
eigentlich dein. Doch nur, wenn du ihn frei zu
machen weißt von allen Einflüssen der Außenwelt,
des eigenen Leibes und der dem Leibe
eingepflanzten Seele, so daß er ein Leben aus sich
und für sich selber führt, vollbringt, was die
Gerechtigkeit gebietet, will, was das Schicksal
auferlegt und wahr ist in seinen Reden, nur dann
kannst du die noch übrige Zeit ruhig und heiter
leben und wirst treu bleiben deinem Genius.

Ich wundere mich oft darüber, wie derselbe Mensch,


der sich mehr liebt als alle anderen, dennoch mehr
Gewicht auf das Urteil anderer über ihn, als auf das
eigene legen kann. Bedenkt man freilich, daß kein
noch so bedeutender Lehrer, ja daß kein Gott es
auch nur einen Tag lang von uns erreichen würde,
gleich zu sagen, was wir denken, so wie wir den
CCII
Gedanken nur gefaßt, so ist´s auch wiederum
natürlich, daß wir eine weit größere Scheu vor dem
haben, was andere von uns denken, als vor unserer
eigenen Meinung.

Wie mag es nur kommen, daß die Götter, die doch


alles so schön und menschenfreundlich eingerichtet
haben, das eine übersehen konnten, daß selbst die
wenigen trefflichen Menschen, die mit dem
Göttlichen aufs innigste verkehrten und sich ihm
durch fromme Werke und heiligen Dienst zu
besonderen Freunden gemacht haben, wenn sie
einmal tot sind, nicht wiederkommen, sondern ganz
und gar verschwunden sind? Allein, wenn sich die
Sache wirklich so verhält, so wisse, daß, wenn es
anders hätte sein sollen, sie´s auch anders gemacht
hätten. Wäre es gut gewesen, hätte es auch gewiß
geschehen können; wäre es natürlich, so würde es
die Natur auch einrichten. Daraus also, daß es nicht
so ist, wofern es nämlich nicht so ist, erkennst du,
daß es nicht so sein darf. Und — ­würdest du denn
überhaupt auf diese Weise mit den Göttern rechten,
wenn nicht die stillschweigende Voraussetzung
wäre, daß sie die besten und gerechtesten sind?
Und daraus folgt ja schon von selbst, daß sie in
ihren Anordnungen nicht ungerecht und gegen die
Vernunft verfahren konnten.

Auch daran kann man sich gewöhnen, was einem


anfangs verzweifelt erscheint. Die linke Hand, die
CCIII
zu so vielen Dingen unbrauchbar ist aus Mangel an
Gewöhnung, ist doch z.B. zur Führung des Zügels
weit geschickter als die rechte. Weil sie´s gewohnt
ist.

Denke an die Beschaffenheit des Leibes und der


Seele, worin du dich vom Tod ergreifen lassen
mußt, sowie an die Kürze des Lebens, an den
unermeßlichen Zeitraum hinter dir und vor dir, an
die Gebrechlichkeit jeden Stoffes.

Betrachte die wirkenden Kräfte der Dinge, von ihrer


Hülle entkleidet, ebenso den Zweck jeden
Geschehens! Frage, was Unlust, was Lust, was
Tod, was Ruhm sei, an wem die Schuld der eigenen
Ruhelosigkeit liege, wie niemand von einem
anderen gehindert werde und daß alles auf die
Vorstellung ankomme.

Bei der Anwendung unserer Grundsätze aufs Leben


gilt es mehr dem Ringer, als dem Fechter ähnlich zu
sein. Der nämlich ist verloren, sobald ihm das
Schwert abhanden kommt. Jenem aber steht die
Faust immer zu Gebot; er braucht sie eben nur zu
ballen.

10

CCIV
Sieh zu, wie die Dinge in der Welt beschaffen sind,
und unterscheide an ihnen Stoff, wirkende Kraft,
Zweck.

11

Welche Gewalt hat doch der Mensch, der nichts tut,


als was Gott loben kann, und der alles hinnimmt,
was Gott ihm sendet!

12

Über das, was eine Folge des natürlichen Verlaufs


ist, soll man weder Göttern noch Menschen
Vorwürfe machen. Jene verfehlen sich weder
willkürlich noch unwillkürlich, diese nur
unwillkürlich. Also gibt´s keinen Anlaß, ihnen
etwas vorzuwerfen.

13

Was für ein lächerlicher Fremdling auf Erden ist


der, der über irgendeinEreignis in seinem Leben
erstaunt.

14

Ist alles eine unabänderliche Notwendigkeit, wie


kannst du widerstreben? Gibt´s aber eine
Vorsehung, die sich versöhnen läßt, so mache dich
des göttlichen Beistands würdig! Ist aber auch
dieses nicht das Richtige, ist vielmehr alles nur die
planloseste Verwirrung, dann sei froh, daß du selbst
mitten in diesem Wirrwarr an deinem Geiste ein
CCV
leitendes Triebrad besitzest. Wohin dich nun auch
jene Strömung treiben mag — ­mag sie den Leib,
die Seele, alles mit hinwegführen, den Geist wird sie
nicht mit sich fortführen!

15

Das Licht der Lampe scheint, bis man es auslöscht;


nicht eher gibt es seinen Strahl ab. Soll denn die
Wahrheit, die Gerechtigkeit und Besonnenheit in
dir eher verlöschen?

16

Wenn jemand dir die Meinung beigebracht, er habe


sich vergangen, weißt du auch gewiß, ob es ein
Vergehen ist? und wenn er sich wirklich vergangen
hat, ist er selber auch der Meinung? Oder gliche er
dann nicht einem Menschen, der sich selbst das
Auge auskratzt? Wer überhaupt verlangt, daß der
Lasterhafte nicht fehlen soll, kommt mir vor wie
einer, der nicht will, daß der Feigenbaum den
Feigen Saft gibt, daß die Kinder schreien, daß
Pferde wiehern und dergleichen natürliche Dinge
mehr. Denn was soll er tun, hat er die Anlage
dazu? Hast du den Mut, heile ihn!

17

Was sich nicht ziemt, das tue auch nicht, und was
nicht wahr ist, sage nicht. Dein Hauptbestreben sei
jederzeit, das Ganze im Auge zu haben.

18
CCVI
Sieh immer auf das Ganze und mache dir klar, was
in dir gerade die Vorstellung erzeugt, indem du
daran die Urkraft, den Stoff, den Zweck, die Zeit, in
der etwas wieder aufhören muß, unterscheide.

19

Merkst du endlich, daß etwas Besseres und


Göttlicheres in dir ist, als das, was die
Leidenschaften hervorruft und was dich bald hierin,
bald dorthin zieht, gleich einer Puppe? Was waltet
jetzt in meinem Denken? Ist´s Furcht, Argwohn
oder Begierde oder etwas anderes?

20

Fürs erste: Handle nicht ohne Ursache, nicht ohne


Zweck! Zum anderen: Suche nichts anderes als
den allgemeinen Nutzen zu erreichen!

21

Binde dich an keinen Ort, an nichts von dem, was


du jetzt siehst, an keinen derer, die jetzt leben.
Denn das alles ist wandelbar und wird vergehen, um
anderen Platz zu machen.

22

Alles ist Vorstellung, und diese hängt von dir ab.


Räume, wenn du willst, die Vorstellung aus dem
Weg, und du wirst wie ein Seefahrer, der das
Vorgebirge umschifft hat, auf ruhiger See in die
windstille, wogenfreie Bucht einfahren.
CCVII
23

Jegliche Tätigkeit, die zur bestimmten Zeit ihr Ende


erreicht, leidet dadurch, daß sie es wirklich erreicht
hat, keinen Schaden. Ebensowenig erleidet der,
welcher sich hierbei tätig erwiesen hat, durch diese
Beendigung einen Nachteil. Gleichfalls nun leidet
der Inbegriff aller dieser Tätigkeitsäußerungen, das
heißt das Leben, durch ebendieses Ende keinen
Nachteil, und so ist auch der, welcher zu seiner Zeit
die Reihe geschlossen hat, hierdurch in keine
schlimme Lage versetzt worden. Jene Zeit aber und
diese Lebensgrenze weist die Natur ab, und zwar
zuweilen, wenn sie erst im Greisenalter eintritt,
zugleich die eigene Natur des Menschen, jedesmal
aber jene Allnatur; denn durch Umwandlung ihrer
Teile wird das ganze Weltgebäude stets verjüngt
und wieder in volle Blüte versetzt. Alles aber, was
dem Ganzen zuträglich, ist jederzeit auch schön
und zeitgemäß. So ist auch das Aufhören des
Lebens für niemand nachteilig, zumal da es auch,
weil von unserer Willkür unabhängig und dem
Gemeinwohl nicht zuwider, niemand Schande
macht; vielmehr ist dasselbe ein Gut, insofern es für
das Ganze zeitgemäß nützlich und zuträglich ist.
So ist auch der ein von Gott Geführter, der sich von
Gott auf dessen Wegen und mit seiner Gesinnung
zu gleichen Zielen führen läßt.

24

Folgende drei Grundsätze mußt du stets vor Augen


haben: Erstens nämlich in Ansehung dessen, was
du tust, nie ohne Grund noch anders zu verfahren,
CCVIII
als die Gerechtigkeit selbst verfahren haben würde;
in Ansehung dessen aber, was dir von außen
zustößt, mag es nun von einem glücklichen Zufall
oder von der Vorsehung herrühren, dich weder über
den Zufall zu beschweren, noch die Vorsehung
anzuklagen. Zweitens, bei jedem Wesen darauf zu
achten, wie es von seiner Empfängnis an bis zu
seiner Beseelung und von seiner Beseelung an bis
zu seiner Entseelung beschaffen sei, desgleichen aus
welcherlei Bestandteilen es zusammengesetzt und
in was für welche es wieder aufgelöst werde.
Drittens, daß, wenn du, plötzlich über die Erde
emporgerückt, auf die Menschenwelt herabschauen,
den großen, vielgestaltigen Wechsel in derselben
wahrnehmen und zugleich den ganzen Umkreis
luftiger und ätherischer Wesen mit einem Blicke
überschauen könntest, daß du dennoch, sage ich,
sooft du emporgerückt würdest, immer wieder
dasselbe, nämlich alles gleichförmig und
kurzdauernd finden müßtest. Und hierauf dürftest
du stolz sein?

25

Mache dich nur von deinem Wahne los, und du bist


gerettet! Wer hindert dich denn, ihn abzutun?

26

Trägst du an irgend etwas schwer, so hast du


vergessen, daß alles sich der Allnatur gemäß
ereignet und daß fremde Vergehungen dich nicht
anfechten sollen, ferner vergessen, daß alles, was
geschieht, immer so geschehen ist, immer so
CCIX
geschehen wird und überall jetzt so geschieht,
vergessen, welch innige Verwandtschaft zwischen
dem einzelnen Menschen und dem ganzen
Menschengeschlecht besteht; denn hier ist nicht
eine Gemeinschaft von Blut oder Samen, sondern
der Vernunft. Du hast aber auch das vergessen, daß
der denkende Geist eines jeden ein Gott und ein
Ausfluß der Gottheit ist, vergessen, daß niemand
etwas ihm ausschließlich Eigenes besitzt, sondern
sein Kind sowohl als sein Leib und selbst seine
Seele aus jener Quelle ihm zugekommen ist,
vergessen endlich, daß jeder nur den gegenwärtigen
Augenblick lebt und folglich auch nur diesen
verliert.

27

Rufe dir immerfort diejenigen wieder ins Andenken


zurück, die sich über irgend etwas gar zu sehr
betrübt oder die durch Unglücksfälle, Feindschaften,
durch die größten Ehrenstellen oder durch andere
Glücksumstände großes Aufsehen erregt haben.
Dann lege deinem Nachdenken die Frage vor:
“Wo ist jetzt das alles?” Rauch ist´s und Asche,
eine Märe oder auch nicht einmal eine Märe.
Daneben laß dir auch so vieles andere der Art
einfallen, zum Beispiel was Fabius Catullinus auf
seinem Landgut, Lusius Lupus in seinen Gärten,
Stertinius in Bajä, Tiberius auf Capri, Rufus in Velia
getrieben haben und alle jene, die auf Meinungen
beruhendes Interesse für irgend etwas hatten.
Bedenke, wie geringfügig jeder Gegenstand ihrer
Bestrebungen gewesen sei und wieviel
philosophischer es wäre, sich bei jeder
CCX
dargebotenen Gelegenheit als gerecht, besonnen,
den Göttern folgsam, ohne Gleißnerei zu zeigen.
Denn der Hochmut, der sich mit Demut brüstet, ist
der allerunerträglichste.

28

Die dich etwa fragen möchten, wo du denn


eigentlich die Götter gesehen, und woraus du
entnommen habest, daß sie sind, so daß du sie
verehren magst, denen gib zur Antwort: Einmal, sie
sind wirklich mit Augen zu sehen. Dann, auch
meine Seele habe ich ja noch nie gesehen, und halte
sie doch in Ehren. Daraus, daß ich ihre Macht
immer gespürt, habe ich entnommen, daß die Götter
sind, und darum verehre ich sie.

29

Bei jedem Gegenstand zu sehen, was er im ganzen,


was er nach seinem Stoff, was nach seiner Kraft sei,
von ganzer Seele das Rechte tun und das Wahre
reden, darauf beruht das Heil des Lebens. Eine gute
Tat der andern so anreihen, daß auch nicht der
kleinste Zwischenraum bleibt, was heißt das anders,
als das Leben genießen?

30

Es gibt nur ein Sonnenlicht, obwohl gebrochen


durch Mauern, Berge, tausend anderes. Ein
gemeinsamer Stoff, obwohl hindurchgehend durch
tausend eigentümliche Bildungen. Ein Leben,
obwohl verteilt auf unzählige Wesen, deren jedes
CCXI
seine Besonderheit hat. Eine Vernunft, obwohl
auch sie zerteilt erscheint. Alles übrige, die Welt
der Dinge, der empfindungslosen, ist ohne
Zusammenhang in sich, obgleich auch hier der
Geist waltet und alles in seine Wagschale fällt, nur
das Menschenherz hat seinen ihm eigentümlichen
Zug nach dem, was ihm verwandt ist, und läßt sich
diesen Gemeinschaftstrieb nicht nehmen.

31

Was wünschest du? Bloß fortzudauern? Nein,


vielmehr zu empfinden, dich zu bewegen, zu
wachsen, wiederum stille zu stehen, deine Stimme
zu gebrauchen, nachzudenken. Was von allem
diesem scheint dir noch wünschenswert? Ist aber
eines wie das andere geringfügig, so wende dich
dem zu, was zuletzt allein noch übrigbleibt: dem
Gehorsam gegen die Vernunft und gegen die
Gottheit. Der Verehrung von diesen widerspricht es
jedoch, wenn man sich vom Gedanken gedrückt
fühlt, durch den Tod der erstgenannten Dinge
beraubt zu werden.

32

Welch kleines Teilchen der unendlichen und


unermeßlichen Zeit ist jedem von uns zugemessen!
So schnell wird es ja von der Ewigkeit
verschlungen. Welch kleines Teilchen von der
ganzen Wesenheit! Welch kleines Teilchen von der
ganzen Weltseele! Wie klein ist das Erdklümpchen,
auf dem du umherschleichst! Dies alles bedenke
und halte dann nichts für groß als das: zu tun, wie
CCXII
deine Natur dich leitet, und zu leiden, was die
Allnatur mit sich bringt.

33

Welchen Gebrauch macht die herrschende Vernunft


von sich selbst? Hierauf kommt ja alles an. Das
übrige aber, mag es von deiner Willkür abhängen
oder nicht, ist nur Totenstaub und Dunst.

34

Der zur Verachtung des Todes dienlichste Gedanke


ist der, daß selbst diejenigen, welche Sinnenlust für
ein Gut und Unlust für ein Übel erklärten, ihn doch
verachtet haben.

35

Wer nur das, was zur rechten Zeit geschieht, für ein
Gut hält, wem es gleichgültig ist, ob er eine größere
oder kleinere Zahl vernunftgemäßer Handlungen
aufzuweisen habe, wer zwischen einer länger oder
kürzer dauernden Betrachtung der Welt keinen
Unterschied macht, für den ist auch der Tod nichts
Furchtbares.

36

So hast du denn dein Bürgerrecht gehabt, o


Mensch, in diesem großen Reiche. Wie lange es
gedauert, darauf kommt´s nicht an. Was den
Gesetzen gemäß ist, ist auch jedem billig. Was also
wäre Schlimmes daran wenn du entlassen wirst?
CCXIII
entlassen ja nicht von einem Despoten oder
ungerechten Richter, sondern von der Natur,
derselben, die dich eingeführt. So darf ja wohl der
Schauspielleiter, der einen Schauspieler angestellt,
ihm wieder kündigen. Aber, sagst du, von fünf
Akten sind ja erst drei abgespielt! Sehr gut. Doch
sind im Leben auch drei Akte das ganze Stück.
Der ehemals die Stoffe zusammenfügte und der jetzt
sie wieder löst, der hat das Ende zu bestimmen. Du
bist unschuldig an beidem. So gehe denn versöhnt!
Der dich abspannt, ist´s auch.

CCXIV