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DSH – SoSe 2008 (01.04.

2008) Leseverstehen und wissenschaftssprachliche Strukturen

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Lesen ohne Limit
Das E-Buch boomt, zumindest in Japan - dort finden Handyromane Millionen Käufer Lesefeindlichkeit wird der „Generation Maus“ nachgesagt, die ohne Bildschirm und Klick nicht mehr leben kann. Was sich nicht bewegt und mehr als ein paar Sekunden braucht, um verarbeitet zu werden, wird gar nicht mehr wahrgenommen. Das Ende der Buchkultur, oh weh! Das Buch war auch nur ein Mittel zur Aufbewahrung und Weitergabe von Fakten und Fiktionen. Jetzt tritt etwas anderes, wenn nicht an seine Stelle, so doch neben es. Auf dem japanischen Markt ist es nicht mehr zu übersehen: Das E-Buch ist da, und zwar massiv. Als die ersten Tageszeitungen ihren Lesern vor rund zehn Jahren die Online-Lektüre auf einem Lesegerät anboten, hatten sie damit wenig Erfolg. Das Gerät war zu teuer und zu speziell. Der Fortschritt der Technik hat alles viel einfacher und billiger gemacht, kann man doch mittlerweile riesige Textmengen auf sein Mobiltelefon herunterladen, das sowieso jeder immer bei sich hat. Die Entwicklung wird von eben dieser Bücher nicht liebenden Generation vorangetrieben. Mit ihrem Mobiltelefon wollen sie keineswegs nur Musik hören, Videos angucken und E-Mails austauschen, sie wollen auch lesen, und zwar Bücher oder was einmal so hieß. Dass hier viele Millionen Kunden darauf warten, bedient zu werden, ist den großen japanischen Verlagen nicht entgangen. Sukzessive gehen sie dazu über, ihre gesamte Kollektion online abrufbar zu machen. Kadokawa Digix hat sich mit anderen Verlagen zusammengetan und bietet zum Pauschalpreis von 315 Yen, knapp zwei Euro, monatlich „Lesen ohne Limit“ an. Hinzu kommen die von Telefonfirmen erhobenen Gebühren fürs Herunterladen. Maho no Shotenkan, die „magische Bücherei“ (http://4646.mapo.jp - für Abenteuerlustige) ist ein virtueller Buchladen, in dem man sich tummeln kann: 700.000 Titel sind im Angebot. Die Kunden sind jung, mehr Frauen als Männer, viele von ihnen gehen nie in normale Buchläden. E-Bücher kann man auch im Dunkeln lesen. Sie beschweren einem nicht zusätzlich die Taschen. Und man braucht keinen Umweg zu machen, um sie sich zu besorgen. Das sind ihre wichtigsten Vorzüge für die Leser. Überraschend für die Verlage war die Wirkung des interaktiven Charakters des Mediums. Wer auf seinem Mobiltelefon E-Mails empfängt, verschickt auch solche, und wer darauf Romane liest, der schreibt auch welche. Das Medium hat den

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Aber ihre Zeiteinteilung ist anders. schon. wandert es in den Müll. Das Lesen auf dem kleinen Display muss doch für Lesebegeisterte eine Zumutung sein. Warum aber ist dieser Boom gerade in Japan so ausgeprägt? Mehrere Faktoren kommen zusammen. wenn man es selber ausprobiert.2 Millionen Käufer gefunden. Den Anfang machte vor sechs Jahre der Schriftsteller Yoshi. um in Kontakt zu bleiben und seine Zeit sinnvoll zu verbringen.000 Leser. erfährt man nur. die Hardware und 2 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 . Dazu braucht man natürlich auch Zeit. Naives.2008) Leseverstehen und wissenschaftssprachliche Strukturen Mobiltelefonschriftsteller hervorgebracht. bei rund 2400 Einsendungen keine leichte Aufgabe. Und das tun die meisten Japaner ausgiebig. hat aber mit einer anderen japanischen Eigenheit zu tun: der enthusiastischen Technikfreundlichkeit. Jedes neue Spielzeug muss ausprobiert werden. auf seinem Mobiltelefon den Roman "Ich will dich wiedersehen" und erreichte 100. gewiss nicht mehr haben als andere. Seither sind viele Laien ohne jede Erfahrung seinem Beispiel gefolgt. Ein Telefon zum Lesen und Schreiben. der vorher freiwillig nie mehr als zwei Zeilen geschrieben hatte. wenn es nichts taugt. Mag sein. In den Pausen während seiner Arbeit als Gebrauchtwagenverkäufer tippte Sinka. Wenn man im Zug sitzt oder steht. Professionelle Schriftsteller rümpfen über diese Art Literatur die Nase. was aber offensichtlich fesselt und zum Lesen reizt“. Ihr „Liebeshimmel“ hat über 1. Schreiben in der Mittagspause Die Amateurschriftsteller schreiben ihre biographischen Geschichten auf dem Mobiltelefon. Die Sorge zum Sklaven der Maschine zu werden. kompakt und hastig. Ein Buch.DSH – SoSe 2008 (01. behaupten sie. geschweige denn schreiben. der einen Roman als Blog veröffentlichte. über 17 Millionen Besucher zählt ihre Webseite. In Japan wird viel gelesen. aber die Technik spielt auch eine Rolle. Wenn man mit dem Auto fährt. dem Medium entsprechend. warum nicht! Welche neuen Möglichkeiten sich damit eröffnen. Verglichen mit Mika ist das bescheiden. plagt die Japaner nicht. wovon die Japaner. Kürzlich hat die „magische Bücherei“ unterstützt von Telecom-Gigant NTT DoCoMo den weltweit ersten Preis für den besten Mobiltelefonroman verliehen. Das Mobiltelefon ist das für den japanischen Lebensstil ideale Instrument. Das Mobiltelefon ist da tatsächlich nur eine neue Verpackung. Kunstloses. kann man keinen Roman lesen. ist normal. eine Zeitung bei sich zu haben. die fleißig arbeiten. „Aber wir lernen von ihr auch das Fürchten.04. Sie hat etwas Unmittelbares. Sich seiner so vorbehaltlos zu bedienen.

Die Zeit. Man braucht nicht nach jedem Satz umzublättern und liest überdies schneller.04. Süddeutsche Zeitung vom 17. die Technik und die japanische Schrift wirken zusammen und sind der E-Lektüre förderlich. schärfer und lichtstärker als bisher. was je nach Textsorte einem Drittel oder halb so vielen Wörtern entspricht.04. Die Displays der heutigen japanischen Mobiltelefongeneration sind größer. Auf eine Displayseite passen ungefähr 100 Zeichen. Nach: Florian Coulmus.DSH – SoSe 2008 (01. Unterdessen nimmt die Medienrevolution weiter ihren Lauf.2007 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 3 .2008) Leseverstehen und wissenschaftssprachliche Strukturen die Software. Die Informationsdichte ist erheblich größer als die alphabetisch geschriebener Texte. der nach wie vor kulturell geprägt ist.