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Leistungsnachweis AVM Thema: "Verherrlichung von Magersucht im Internet"

Im Netz der neuen Medien:

Heemeier, Yvonne

FSU3

Chancen und Risiken für Kinder und Jugendliche

Verherrlichung von Magersucht im Internet Pro Ana - Bewegung

1. Themenwahlbegründung Ich habe lange überlegt welches Thema ich behandeln möchte. Das es ein Thema aus dem Bereich "Gefahren von Medien" sein sollte, war mir sehr schnell bewusst. Da ich denke, dass es wichtig ist über die Gefahren informiert zu sein um kompetenten Umgang mit ihnen pflegen zu können. Da ich in meiner Freizeit viel mit dem Internet arbeite, lag es auch nahe das ich einen Bereich dort beleuchten möchte. Fast jeder Jugendliche hat heutzutage Zugriff auf das Internet und hat somit auch Zugriff auf jugendgefährdende Inhalte. Zu diesen jugendgefährdenden Inhalten gehören auch seit einiger Zeit sogenannte Pro Ana - Forum, welche in den Medien schon länger sehr kritisiert werden. Da ich persönlich auch mit dieser Bewegung zu tun habe, bietet es sich an dort drüber zu schreiben. Zunächst möchte ich allgemein darüber informieren was man unter "Pro Ana" versteht, welche Gefahren in den Medien aufgezeigt werden, aber auch welche Chancen ich persönlich in einem Pro Ana - Forum sehe. Da dieses Thema ein sehr privates Thema ist, sehe ich davon ab inhaltlich aus meiner Arbeit in der Klasse zu referieren und meinen Klassenkameraden nur einen groben Auszug daraus zu geben.

2. Definition des Begriffs "Pro Ana" Pro Ana (von pro: für und Anorexia: Magersucht) und Pro Mia (Bulimia Ess-Brechsucht) sind Bewegungen von Mager- bzw. Ess-Brechsüchtigen Menschen im Internet.

nervosa:

Sie entstanden Anfang des 21. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten und breitet

sich von dort auch nach Europa aus. [

Die Assoziation von "Ana" mit dem Namen "Anna" ist gewollt und steht für eine

idealisierte Personifikation der Magersucht. [

Die Zahl der Pro Ana -Seiten im deutschsprachigen Raum wurde 2007 auf mehrere hundert geschätzt.

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2. Pro Ana - Foren, Intentionen und Inhalte Es gibt verschiedene Blickwinkel aus denen Pro Ana - Foren. gesehen werden.

Zum einen wird häufig behauptet, dass Essgestörte ihre Krankheit in solchen

Foren als erstrebenswerten Lebensstil propagieren und andere Benutzer

Genesung abhalten. Allerdings haben die Foren andere Intentionen. Sie dienen als Austauschplattform über eine psychische Krankheit, welche Nicht-Betroffene nur schwer nachvollziehen können. Junge Mädchen und Frauen finden in Pro Ana - Foren andere Betroffene, mit denen sie reden können und welche ihren Alltag, ihre Gedanken und Probleme verstehen können. Die Kontakte in solchen Foren sind häufig die einzigen sozialen Kontakte die diese jungen Mädchen haben. Inhaltlich sind Pro Ana - Foren oft ähnlich aufgebaut. Es gibt Bereiche in denen die Nutzer Tagebücher online schreiben können, Bereiche für Bilder, eventuell können Essprotokolle geführt werden. Dies alles geschieht allerdings auf freiwilliger Basis und ohne Zwang. Dennoch werden gerade diese Bereiche werden häufig kritisiert. Weshalb dies so ist werde ich im nächsten Punkt darstellen.

von der

3. Pro Ana - ein jugendgefährdendes Phänomen der neuen Medien

Pro Ana Foren werden als jugendgefährdend eingestuft, wenn sie konkrete Anleitungen enthalten, Essstörungen glorifizieren oder gefährdete Jugendliche zu weiterem Abnehmen auffordern.

In Pro Ana -Foren knüpfen Essgestörte Kontakte mit Gleichgesinnten und

sich mit ihnen aus. Gegenseitige Stimulation zur weiteren Gewichtsreduktion, Austausch über Diäten, Abführmittelund Tipps, wie die Geheimhaltung der Essstörung vor

Bezugspersonen m ö glichst lange aufrecht erhalten werden kann, stellen zentrale Inhalte der Forenkom munikation dar. In den Foren werden sogar W ettbewerbe organisiert, bei denen die User um die W ette fasten. Gewonnen hat, wer am schnellsten abnim mt oder den niedrigsten B MI (Bodyma ßindex) hat. Die User schreiben ein Ess-Gewichts-

Tagebuch, in dem dokumentieren.

tauschen

sie ihr Essverhalten und den Gewichtsverlauf akribisch

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4. Pro Ana - (m)eine persönliche Sichtweise

Aus der Presse der letzten, sagen wir zwei bis drei Jahre kennt man es schon, das Unwort: "Pro Ana". Pro Anorexie, für Magersucht. Nicht dagegen. Nicht dagegen? Wer maßt sich an, für eine Krankheit zu sein? Und ist diese Ansicht nun selbst schlichtweg krank, oder bloß vermessen?

Seit über drei Jahren bin ich selbst Teil dieser geächteten Community, einer der Menschen, die jedenfalls nicht "contra Ana" sind. Ich habe ein Tagebuch in einem Forum, ich schreibe meinen virtuellen Freunden, erzähle von meinem Alltag und lese von ihrem, zähle Kalorien, rede mir den Ärger über Essänfälle von der Seele, tröste, denke nach, mache mir Sorgen und schmiede Pläne. Aber das alles ist Pro Ana, schlecht, böse, falsch. Die Presse zeigt es der Menschheit: Pro Ana ist der Inbegriff der Naivität, die Verharmlosung einer möglicherweise tödlichen Erkrankung. So sieht man "uns". Ich lese die Artikel darüber und weigere mich nicht, mir Fragen zu stellen. Langsam entsteht eine kontroverse Meinung und damit mein Bedürfnis, Stellung zu nehmen. Ich möchte hier und jetzt die Gegenseite der Öffentlichkeit darstellen. Ich möchte keine Werbung für einen angeblichen Kult machen, möchte nicht triggern und werde nicht lügen. Ich möchte nur erzählen, wie ich es selbst erlebt habe.

Es ist richtig. "Pro Ana" bedeutet "Für Anorexie". Unter diesem Überbegriff sammeln sich eine Reihe von Internetforen, in denen man die verschiedensten Mitglieder findet. Magersüchtige, die versuchen, mit ihrer Krankheit zu leben. Normalgewichtige, die vielleicht früher untergewichtig waren und es wieder sein wollen. "Ex-Magersüchtige", die mit ihrem Leben klarkommen wollen, weil sie immer noch anders sind als alle Anderen. Übergewichtige, die unter Bulimie leiden oder auch nicht. Und alle möglichen anderen Menschen, die von Essstörungen betroffen sind, sich damit beschäftigen, darunter leiden oder nicht nur leiden wollen. Ich bin wohl eine von denen, die nicht leiden wollen, sondern mit einer Krankheit leben. Nach Therapie, Auf und Ab des Gewichts, unterschiedlichsten Versuchen der Bewältigung und Besuchen im normalen Leben mit normalen Portionen bin ich hier angekommen. In einem Forum für Essgestörte. Einen Pro Forum. Es ist eine geschlossene Gesellschaft. Wir sind unter uns, schreiben viel Privates, das auch unter uns bleiben soll. Davon ein großer Teil natürlich über das Essverhalten. Genau das hatte ich gesucht, als ich vor fünf Jahren zufällig auf mein erstes Forum

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gestoßen bin. Ich habe im Internet nach Anorexie gegoogelt, wie so oft. Ich wusste gar nicht, dass es auch Pro Anorexie gibt. Den Gedanken fand ich zunächst schockierend. Ich las all die Triggersprüche wie "Es gibt nichts, was so gut schmeckt, wie sich dünn sein anfühlt." und konnte nicht verstehen, wie man so etwas quasi öffentlich schreiben kann. Aber im Prinzip war es genau das, was ich dachte. Es stand einfach so da. Neben dem übrigen Ana-Kram. "10 Gebote" für die richtige "Ana" (also eine Person, die "pro Ana" ist) gab es auch, allesamt ziemlich überspitzt. Ich fand sie v.a. abstoßend. Mein Leben war mir wichtiger, als dünn sein, aber die Wahrheit ist auch, dass man nicht mehr viel präsenten Lebenswillen hat, wenn man erst dünn genug ist. Er verschwindet nach und nach und macht Platz für Kalorienwerte und andere Dinge, mit denen man sich so beschäftigt, wenn man eben essgestört ist. So war das auch bei mir: erst mal abnehmen, ich werde schon nicht ernsthaft krank werden. Ich bin doch jung und zäh. Und vorallem übergewichtig. Mit einer Körpergröße von 1,57 m und über 70 kg war das damals auch so. Ich übergab mich zwar regelmäßig, aber den ernst des Ganzen haben ich wohl nicht begriffen. Ich war ja nicht dünn!

Ich kam also dorthin und stellte mich vor. Schrieb ein bisschen über meine Geschichte und bekam viele Fragen zu meinem Gewicht, Leben, Gedanken gestellt. Wie das Essen mein Leben bestimmt? Schon sehr, ich denke ständig darüber nach, was ich esse, wann, wie viel. Was mein Zielgewicht ist? Was bei 38, unter 40 auf jeden Fall, die 4 ist hässlich. Ich bin hässlich. Ich erzählte also von mir. Zunächst dachte ich, es käme darauf an, die Anderen davon zu überzeugen, dass man es ernst meint mit dem Abnehmen. Und das tat ich ja. Sie nahmen mich also auf in ihre kleine Gemeinschaft. Ich war etwa ein Jahr Mitglied, nahm ab, und wieder zu. Und ging. Wollte doch gesund sein, noch ein Versuch. Nun ja, er scheiterte nach ein paar Monaten. Ich fühlte mich einsam, der Austausch mit den anderen Forenmitgliedern fehlte mir. Ich suchte also nach einer neuen Gemeinschaft. Über verschiedenste Foren, auch hungrig-online und dergleichen, kam ich zu einem kleinen Pro-Forum. Mit den Selbsthilfe-Foren konnte ich im Großen und Ganzen nichts anfangen. Worüber soll man auch schreiben, wenn man keine Zahl nennen darf, alles tabu ist, was wirklich mit der Essstörung zu tun hat? Das neue Forum nahm mich freundschaftlich auf und ich bin bis heute dort. Ich möchte deshalb ein bisschen darüber schreiben, wie es wirklich ist "pro Ana" zu sein. Ich lese so oft all diese Kommentare von Menschen, die uns verurteilen, als Sekte bezeichnen und so weiter. Mag sein, dass es Menschen gibt, die dem Bild aus den Medien entsprechen,

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ich kenne keinen einzigen. Ich war in meiner Anfangszeit in den verschiedensten Foren, krasse und weniger krasse. Nirgendwo gab es Leute, die die "10 Gebote" auswendig konnten oder danach lebten. Die meisten machten sich eher darüber lustig oder konnten es einfach nicht mehr hören. Der sog. "Ana-Stuff" (Ana-Kram) ist eher eine Satire als ein Konzept. In Wirklichkeit - warum können sich Außenstehende das eigentlich so schwer vorstellen - sind wir alle einfach nur Menschen, und die passen nicht in eine einzige strikt geordnete Kiste.

In dem Pro Ana Forum habe ich mehr Verständnis erfahren, als in vielen Jahren durch Eltern, Therapeuten und mein gesamtes Umfeld. Und dabei geht es nicht um "Wie kotze ich noch besser?" oder "Welche Abführmittel nehme ich wann?". Statt dessen sind solche Themen sogar oft zensiert. In vielen Foren wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es darum geht, andere Mitglieder nicht mutwillig zu triggern, Rücksicht zu nehmen, und juristisch grenzwertige Themen (wie Medikamentenmissbrauch) zu meiden. Das, was die Gemeinschaft ausmacht, ist in meinen Augen die gegenseitige Unterstützung. Jede Essstörung bring ihre ganz persönlichen Probleme mit sich. Warum habe ich heute zu viel gegessen? Warum nehme ich nicht ab? Meine Eltern zwingen mich zum Essen. Ich schaffe es nicht, mich mal einen Tag nicht zu übergeben. - Wem soll man das erzählen in der schönen heilen Welt da draußen? Dem nicht vorhandenen Therapeuten oder den Eltern? Warum suchen sich eigentlich nicht alle eine Klinik, werden gesund und glücklich und alles ist toll? - Nun ja, es könnte daran liegen, dass es sich bei Menschen nicht um reparable Maschinen handelt. Und dass sie vielleicht nicht repariert werden wollen. Sondern eine mündige Stimme haben, die ihnen in unserer Gesellschaft fehlt. Was die Gesellschaft den Essgestörten bietet, ist: hört damit auf, das geht schon irgendwie, legt doch mal euren pubertären Widerstand ab! Darauf werden wir nicht zu selten reduziert. Und damit sind wir unmündig. - In einem Forum ist man das nicht. Dort ist es normal, dass man so lebt. Mit der Essstörung. Was das allerdings nicht heißt, ist, dass sie verherrlicht wird. Man strebt sicherlich nach Extremen. Aber es geht nicht darum, sich gegenseitig zum Hungern zu animieren. Sicher würde dieses Bild besser in die Hexenjagd passen. Es passt aber nicht zu dem, was ich kenne, und deswegen möchte ich noch ein paar Sätze zur Realität verlieren.

Es ist sicher eine Gefahr, das Pro Ana Foren zu gegenseitigem Triggern führen können. Ob nun durch Fotos dünnerer Mitglieder, durch Berichte über das

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Essverhalten oder Gewichtsangaben. Man tauscht sich darüber aus. Aber es ist nicht wahr, dass niemand etwas sagt. Es gibt in diesen Foren Menschen, die sich umeinander sorgen. Wie sollte es auch anders sein, wenn man Tagebücher schreibt (was in der Tat viele tun, um sich den Alltag von der Seele zu reden), am Leben der Anderen, wenn auch nur virtuell, teil hat. Man lernt sich kennen, man kümmert sich gewissermaßen umeinander. In meiner Zeit dort habe ich Freunde gefunden, möchte ich sagen. Den meisten bin ich noch nie begegnet und werde es wahrscheinlich auch nicht, aber ich möchte sie nicht missen. Im Forum habe ich mehr über mich selbst gelernt, als in mancher Sitzung, und wie man damit umgeht. Ich habe nicht gelernt, wie man sich zu Tode hungert, und ohnehin wüsste ich das auch so. Ich bin froh, dort zu sein und ich will leben. Das ist alles, was ich sagen wollte. Wir sind krank, "Pro Ana" ist kein Lebensstil, sondern eine Idee. Der Versuch, mit der Krankheit klar zu kommen, ohne sich von unserer heilen-Welt-Gesellschaft, in der alles schön und glatt sein muss, entmündigen zu lassen. Ich möchte nichts verharmlosen. Essstörungen, sowohl die Magersucht als auch Bulimie sind gefährlich, ich weiß. Aber sie begleitet mich seit sieben Jahren und viele, die ich kenne, noch viel länger. Wenn wir nicht bereit sind, sie gehen zu lassen, dann müssen wir eine andere Lösung finden. Wenn ihr sie uns nicht bietet, dann schaffen wir sie selbst. Nicht mehr und nicht weniger passiert im Internet unter dem bösen Namen "Pro".

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Fazit Sicherlich ist es wichtig sich mit bestimmten Thematiken, gerade was die neuen Medien angeht, zu beschäftigen. Es ist natürlich sinnvoll und notwendig, sich darüber zu informieren wie Kinder und Jugendliche im Internet ihre Zeit verbringen. Allerdings finde ich es umso wichtiger, dass man nicht immer alles negativ bewertet, was man auf den ersten Blick nicht ganz versteht oder nachvollziehen kann. Man muss mit den Kindern über Inhalte ins Gespräch kommen, sich erklären lassen wieso sie solche Angebote aufsuchen - den das fördert die Medienkompetenz.

Das Thema "Pro Ana" bzw. die Forenthematik die dahintersteckt ist sehr weit gefächert. Ursprünglich hatte ich vor auch mehr kritische Sichtweisen in meinen Text einfliesen zu lassen. Dies ist mir leider nicht gelungen, vermutlich weil ich mich selbst zu wenig kritisch damit auseinander setzen kann und die genannten Kritikpunkte der Medien immer wieder für mich selbst relativieren kann.

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