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Martin Bondeli Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten und seine Vorgeschichte
Martin Bondeli
Das Verhältnis
Hegels
zu Kant in den frühen Jenaer
Texten und seine Vorgeschichte in der Frankfurter Zeit
In der , Vorerinnerung'
Fortentwicklung der
der Differenzschrift von 1801 spricht Hegel davon, dass in der
Kantischen Philosophie deren ,Geist vom Buchstaben geschieden'
werden
musste.1
Mit diesem Diktum wird eine für die
Systemansätze
des deutschen
Idealismus typische Ansicht zum Ausdruck gebracht: Die nach der Ära Kants in Er-
scheinung
tretende eigentliche Philosophie soll als Resultat der Befreiung des Geistes
der
gel
Kantischen Philosophie von ihrem Buchstaben begriffen werden. Dabei macht He-
Geist und Buchstaben der Kantischen Philosophie an bestimmten Begriffen oder
Argumentationsschritten der transzendentalen Deduktion der Verstandesbegriffe aus der
Kritik der reinen Vernunft fest. Den Geist des ,ächten Idealismus' der Philosophie
Kants verkörpert seines Erachtens besonders das ,Princip' dieser Deduktion, wird darin
doch ,das Princip der Spekulation, die Identität des Subjekts und Objekts, aufs be-
stimmteste ausgesprochen.'
Den Buchstaben der Kantischen Philosophie dagegen er-
kennt Hegel in erster Linie in der ,Form' wieder, in welcher die Deduktion der Katego-
rien durchgeführt
worden ist; in dieser Form spiegelt sich seiner Meinung nach der fa-
tale Versuch, die
auf der Stufe der Vernunft verortete spekulative Identität von Subjekt
und Objekt mittels bloßer Verstandesbestimmungen
zu artikulieren.
Im Kant-Abschnitt des 1802 publizierten
Aufsatzes ,Glauben und Wissen'4 dient
Hegel diese Kontrastierung von Prinzip und Form der Kategoriendeduktion als Leitfa-
den einer umfassenderen kritischen Stellungnahme zur Kantischen Philosophie. Unter
Heranziehung einschlägiger Ergebnisse aus allen drei Kritiken wird exemplifiziert, dass
der Begründer
des Kritizismus das Prinzip der Deduktion in stets neuen Anläufen treff-
lich
ausgesprochen, schließlich aber auf Grund seiner räsonierenden und formalisti-
schen Denkart nicht richtig zur Entfaltung gebracht hat. Im Rahmen des Naturrechts-
aufsatzes von 1802/03 behandelt Hegel nochmals und in erweiterter Form die Haupt-
Differenz des Fichte'sehen und
Schelling'sehen Systems
der
Philosophie,
GW4,5.
2
S. u.a. R.-P. Horstmann, ,The early philosophy of Fichte and Schelling', in: The Cambridge
Companion to German Idealism, hg. von K. Ameriks, Cambridge 2000, 117ff.
3
GW4.6.
4
GW4, 325-346.
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26 Martin Bondeli thesen der praktischen Vernunftkritik nach diesem kritischen Denkmuster. Kants Be- streben, das
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Martin Bondeli
thesen der praktischen Vernunftkritik nach diesem kritischen Denkmuster.
Kants Be-
streben, das .erhabene Vermögen der Autonomie der Gesetzgebung der reinen Ver-
nunft' zur Geltung zu bringen, wird zu den großen Leistungen der neueren Philosophie
gezählt, seine Aufstellung eines kategorischen Imperativs
jedoch als Herabsetzung die-
ses Vermögens zu einer .Production von Tavtologien'
moniert.6
Die doppelperspektivische Beurteilung von Kants Philosophie, die hiermit in Hegels
früher Jenaer Phase manifest wird, ist nicht von episodischer Natur. Im Gegenteil: Sie
ist Wesen und Konstante von Hegels Kant-Kritik. In allen weiteren Phasen seines Den-
kens hält er an ihr fest. Nicht zu übersehen ist allerdings, dass sie im Gefolge der Aus-
arbeitung einer der Idee der absoluten Identität gemäßen Begriffs- und Wissensform
modifiziert wird. Nach der frühen Jenaer Zeit generiert Hegel unter den Termini Sub-
jektivität' und ,Geist' logisch-dialektische Strukturen des Begriffs und expliziert damit
die als intellektuelle Anschauung gefasste spekulative Identität von Subjekt und Objekt
gleichfalls als ein Wissen diskursiver Art.
Zudem macht er spätestens mit der Einlei-
tung' in die Phänomenologie des Geistes kenntlich, dass das Bedürfnis der Philosophie
nicht mehr nur, wie noch in der Differenzschrift behauptet wurde, dort entsteht, wo
Denkformen der ,Entzweiung' ein flüssiges
intelligentes
Anschauen oder
Begreifen
der
Sache verhindern, sondern auch dort, wo das Bestreben ausbleibt, sich zu einer mit
dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit und Wahrheit auftretenden Form von Wissen
zu erheben. Diese Veränderungen ziehen verständlicherweise Präzisierungen der Kritik
an Kants Deduktionsverfahren nach sich; sie führen dazu, dass strukturelle Probleme,
welche die Auffassungen von Subjektivität und erfahrungsbezogenem Erkennen auf-
werfen, größere Aufmerksamkeit erfahren.
Kein Zweifel besteht auch darüber, dass Hegel zu seiner doppelperspektivischen Be-
urteilung Kants nicht unvorbereitet gekommen ist, dass er sie vielmehr in einem Denk-
prozess, der sich über die Ausbildungs- und Hauslehrerjahre der Tübinger, Berner und
Frankfurter Zeit erstreckt, erarbeitet hat. Dabei gehört zu den wesentlichen Merkmalen
,Ueber die wissenschaftlichen Behandlungsarten des Naturrechts, seine Stelle in der praktischen
Philosophie, und sein Verhältniß zu den positiven Rechtswissenschaften', GW4, 417^485, s. bes.
434-^t43.
6
Ebd., 435.
Zu dieser Veränderung, die sich in mehreren Schritten vollzieht und für die der
Dialektik-Begriff
im ,Naturrechtsaufsatz' einen ersten wichtigen Anstoß gibt, vgl. M. Baum, Die Entstehung der
Hegelschen Dialektik, Bonn
1989, 2. Aufl., 225 ff.
8
Vgl.GW4,
12.
9
Zu den Hintergründen von Hegels Zuwendung zur Frage nach dem .wahren Wissen' vgl. M.
Bondeli, .Hegel und Reinhold ', in: Hegel-Studien 30 (1995), 73ff.
Belegt wird dies durch Hegels spätere Stellungnahmen zu Kants
Apperzeptionsbegriff
und Para-
logismus-Kritik (vgl. Wissenschaft der Logik. Zweiter Band. GW 12, 17 ff., 192 ff.) sowie durch
spätere Reflexionen zum Verhältnis von Kategorien und
Erfahrung (vgl. Enzyklopädie der philo-
sophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830). GW20, 78ff.).
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Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten 27 dieses Denkprozesses, dass Hegel,
Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten
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dieses Denkprozesses,
dass
Hegel,
ehe er sich gegen Kant zu wenden beginnt, mit des-
sen Position längere
Zeit Übereinstimmung
bekundet. Auffällig ist zudem, dass er in
der Periode seiner Anlehnung an
Kant nicht darum bemüht ist, das Gesamtgebäude der
Vernunftkritik eingehend zu rezipieren, kommentieren und in verbesserter Form darzu-
stellen - ein Unternehmen, für das seit Anfang der 90er Jahre des 18. Jahrhunderts ins-
besondere Jacob Sigismund Beck und Karl Leonhard Reinhold stehen. Hegel geht es
um eine selektive und vornehmlich auf Fragen der praktischen Vernunft konzentrierte
Aneignung Kantischer Resultate, und seine philosophische Ambition erstreckt sich
hauptsächlich auf einen in seiner Anwendung zu erweiternden praktischen Kantianis-
mus. Wie ich in einem ersten Teil der folgenden Ausführungen zeigen möchte, ist He-
gels Jenaer Kant-Kritik das Resultat einer
Überwindung
ebendieses Typs des Kantia-
nismus. Hegel versteht ihn von einem bestimmten
Zeitpunkt an als eine unvollständige
und überdies in grundlegenden Aussagen inkonsistente Position innerhalb des neueren
Denkens von Vernunft und Freiheit und gelangt schließlich zur
Überzeugung, dass er
durch eine neue, höhere philosophische Formation, eine Formation,
zu der sich vor al-
lem in Jacobis Glaubensphilosophie und in den nachkantischen Systemansätzen Fichtes
und Schellings wichtige Ressourcen finden, abgelöst werden muss.
Dass dieser Entstehungszusammenhang von Hegels Jenaer Kant-Kritik auf deren in-
haltliche Ausrichtung abfärbt, ist unverkennbar. Hegel ist in den ersten Jenaer Jahren
vor allem ein eifriger Verfechter seines neu gewonnenen Standpunktes und negiert
dementsprechend heftig die überwundene Kantische Position. Er meldet sich somit kei-
neswegs als Kritiker zu Wort, der auf eine zuverlässige Präsentation und immanent an-
setzende Erörterung Kantischer Thesen und Argumente aus ist. Aus diesem Grund ist,
wie ich in einem zweiten Teil meiner Ausführungen darlegen möchte, Hegels Kant-Kri-
tik allerdings auch problematisch: Kantische Ansichten werden zu unspezifisch und zu
einhellig durch den eigenen Standpunkt gezeichnet wiedergegeben. Erst wenn man ge-
wisse argumentative Schritte hinzudenkt, vermag Hegels Kritik auf Probleme, die sich
aus Kantischen Voraussetzungen ergeben, aufmerksam zu machen.
I.
Bei seinen Denkversuchen in Tübingen und Bern gab Hegel sich als Denker zu erken-
nen, der von der Anwendung Kantischer Resultate eine die
politische Umwälzung
in
Frankreich flankierende geistige
Revolution erwartet." Hegels Fragmente, Briefe und
andere Dokumente aus dieser Zeit
belegen,
dass er, dieser Erwartung
entsprechend,
für
ein philosophisches Konzept Partei nahm,
das man insgesamt als religionskritisch und
aufklärungspragmatisch ausgerichteten Kantianismus der moralisch-praktischen und
Vgl. Hegel an Schelling, 16. April 1795. Briefe von und an Hegel. Hg. von J. Hoffmeister. Vier
Bände, Hamburg 1969 (4. Auflage), Bd. 1, 23.
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28 Martin Bondeli ästhetischen Vernunft kennzeichnen kann. Markante Anknüpfungspunkte dieses Kan- tianismus waren
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Martin Bondeli
ästhetischen Vernunft kennzeichnen kann.
Markante Anknüpfungspunkte dieses Kan-
tianismus waren der der Methodenlehre der Kritik der praktischen Vernunft entnom-
mene Gedanke der Subjektivierung der Gesetze der praktischen
Vernunft13 sowie die
aus dem dritten Stück der Religion
innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft stam-
mende Idee der Verankerung
der individuellen Moral in einem ,ethischen Staat'.14
Diese Anknüpfungspunkte dienten Hegel zur Schärfung seines Verständnisses einer
-
gegen die damalige theologische Orthodoxie in Vorschlag gebrachten
subjektiven
-
Religion oder Volksreligion. Bedeutsam war überdies die seit 1795 einsetzende Be-
schäftigung mit der die Idee einer Welt moralischer Zwecke verteidigenden Postula-
tenlehre. Sie führte
Hegel,
entgegen jenen Autoren, die christliche Dogmen in Kanti-
sche Postulate verwandelten,15
zu einer autonomistischen
Auslegung
der Postulate des
Daseins Gottes und der Unsterblichkeit der Seele: Gott und Unsterblichkeit sollen als
Momente oder verwandte
Vorstellungen der Selbstrealisierung des moralisch handeln-
den Menschen aufgefasst werden.1
Zudem entsprang dieser Beschäftigung vermutlich
der Plan eines von Kantischen Prämissen
ausgehenden vollständigen
Systems
aller
Ideen' oder ,aller praktischen Postulate'.17 Dabei war um die Mitte der 90er Jahre aller-
dings weder die den Atheismusvorwurf evozierende autonomistische
Deutung
des Pos-
tulatbegriffs noch das Vorhaben eines beim Begriff moralischer Freiheit anhebenden
Systems der Ideen oder Postulate eine singuläre Erscheinung. Wer bei Fichte 1796 das
,Kollegium über die Moral'
und die Vorlesung zur ,Wissenschaftslehre nova me-
thodo' hörte, fand zu solchen Fortentwicklungen von Kants Postulatenlehre reichlich
Zu Hegels Kantianismus der Tübinger und Berner Zeit s. bes. H. Wacker, Das Verhältnis des jun-
gen Hegel zu Kant, Berlin 1932, 63 ff.; P. Kondylis, Die Entstehung der Dialektik. Eine Analyse
der geistigen Entwicklung von Hölderlin, Schelling und Hegel bis 1802, Stuttgart
1979,
235 ff.;
M. Bondeli, Der Kantianismus des jungen Hegel. Die Kant-Aneignung und
Kant-Überwindung
Hegels auf seinem Weg zum philosophischen System, Hamburg 1997, lOff.; R. Pozzo, ,Zu Hegels
Kantverständnis im Manuskript zur Psychologie und Transzendental-philosophie aus dem Jahre
1794 (GW 1, Text Nr. 27)', in: M. Bondeli und H. Linneweber (Hg.), Hegels Denkentwicklung in
der Berner und Frankfurter Zeit, München 1999, 15ff.; T. Pinkard, Hegel. A Biography, Cam-
bridge 2000,58 ff.
Vgl. Kritik der praktischen Vernunft, A 269.
Vgl. Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft' in: I. Kant, Akademie-Textaus-
gabe, Bd. 6,95 ff.
Siehe dazu Schelling an Hegel.
Dreikönigsabend 1795 sowie Hegel an Schelling, 30. August
1795. Briefe von undan Hegel. Bd. 1, 14 und 29f.
Diese Haltung kommt besonders im Fragment ,Ein positiver Glauben
'
aus der späten Berner
Zeit zum Ausdruck. Vgl. GW 1, 352ff.
Vgl. ,Das „älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus'"
- Kritische Edition in: Mytholo-
gie der Vernunft, hg. von C Jamme und H. Schneider, Frankfurt/M.
1984, 11, Z3-4.
.Kollegium über die Moral („Ethicen secundum dictata"), Sommer 1796'. S. dazu die Nachschrift
von O. Mirbach. J.G. Fichte, Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften,
Reihe IV, Bd. 1,9 ff.
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Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten 29 Anregung. Ebenso kursierten Ansätze
Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten
29
Anregung. Ebenso kursierten Ansätze dieser Art bei Kantianern, die von der
Äußerung
aus der .Vorrede' der Kritik der praktischen Vernunft, der
Begriff
den .Schlußstein' des .Systems der reinen, selbst der speculativen
der Freiheit mache
Vernunft aus',19 be-
flügelt wurden. In Bern beispielsweise schrieb 1792 Philipp Albert Stapfer, später Kul-
turminister der helvetischen Republik und nach 1800 zusammen mit Charles de Villers
ein Pionier des französischen Kantianismus, Gedanken zu einer Kantischen Freiheits-
lehre nieder, die als System von praktischen, theoretischen und ästhetischen Ideen aus-
geführt werden sollte.
Während für manche damaligen Kantianer die Anwendung von Resultaten ihres
philosophischen Helden bis ins erste Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts ein brisantes sozial-
20
reformerisches Projekt blieb, nahm Hegels philosophische Entwicklung in den Frank-
furter Jahren bekanntlich eine andere Richtung. Nicht mehr moralische Subjektivität,
nicht mehr subjektive oder Volksreligion, sondern dialektische
Vereinigung
von Sub-
jekt und Objekt lautete fortan die Losung. Dabei sind für diese Veränderung vor allem
zwei Gründe anzuführen. Dies ist erstens die Tatsache, dass Hegel in Frankfurt einem
Diskussionszirkel um Hölderlin angehörte, in dem nicht die Aneignung der Kantischen
Philosophie, sondern ein zu den gemeinsamen Tübinger Voraussetzungen
gehörendes
und durch das Studium von Quellen des Neuplatonismus und geläuterten Spinozismus
bereichertes Denken der Einheit von Einem und Vielem im Vordergrund
stand.21
Zweitens sind die Enttäuschungen hinsichtlich der revolutionären Wirkung, die man
sich vom Kantianismus erhofft hatte, zu nennen. Hegel sah offenbar sein philosophi-
sches Konzept der Berner Jahre als gescheitert an. Für gescheitert hielt er es dabei nicht
deshalb, weil es keinen revolutionären Impuls erbracht, sondern weil es sich als Aus-
druck einer falschen revolutionären Geisteshaltung erwiesen hatte. Wie man aus Hegels
Frankfurter Fragmenten ab 1798 herauslesen kann, verschrieb sich dieses
Konzept
ei-
nem Ideal der individuellen und gemeinschaftlichen Subjektivität, das sich von der be-
kämpften Objektivität nicht zu befreien vermochte. Eine Befreiung musste deshalb
misslingen, weil diesem Ideal zufolge das Subjekt das Objekt lediglich dominieren oder
vernichten, ihm nicht zugleich in der Absicht einer Vereinigung auf höherer Stufe ge-
genübertreten wollte. In der Tat kam dies einer durch ,Flucht' oder ,Furcht vor Vereini-
Vgl. Kritik der praktischen Vernunft, A 4.
Siehe M. Bondeli, Kantianismus und Fichteanismus in Bern. Zur philosophischen Geistesge-
schichte der Helvetik sowie zur Entstehung des nachkantischen Idealismus, Basel 2001, 194ff.,
205 ff.
Zu Hegels damaliger Aufnahme des Neuplatonismus siehe vor allem J. Halfwassen, ,Die Rezep-
tion des Neuplatonismus beim Frankfurter Hegel
Neue Quellen und Perspektiven', in: M. Bon-
-
deli und H. Linneweber (Hg.), Hegels Denkentwicklung in der Berner und Frankfurter Zeit, Mün-
chen 1999, 105ff.; zu Hegels frühem Spinozismus siehe M. Bondeli, .Spinozanische und anti-
spinozanische Denkfiguren in Hegels philosophischer Entwicklung bis 1800', in: Spinoza im
Deutschland des 18. Jahrhunderts. Zur Erinnerung an Hans-Christian Lucas, hg. von E. Schür-
mann, N. Waszek und F. Weinreich, Stuttgart 2002,503 ff.
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30 Martin Bondeli gung' gekennzeichneten Abhängigkeit des Subjekts vom Objekt gleich. Genauer be- sehen war
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Martin Bondeli
gung' gekennzeichneten Abhängigkeit des Subjekts vom Objekt gleich. Genauer be-
sehen war die Diagnose einer gescheiterten revolutionären Subjektivität nicht nur ein
Grund für Hegels Distanzierung vom Kantianismus, sie bestimmte auch die Richtung
seiner Frankfurter Neuorientierung, ließ sie doch eine Denkfigur in den Mittelpunkt
treten, die sich für Hegels künftigen Begriff von dialektischer Vereinigung von Subjekt
und Objekt als grundlegend herausstellen sollte. Sie prägte die Vorstellung, eine Sub-
jektivität (Begriff, Denken), welche die Objektivität (Anschauung, Sinnlichkeit) unter-
drücke, ignoriere oder zu einem formlosen Stoff hinabsetze, sei Zeichen der Dualität,
der Nicht-Vereinigung, mithin einer Art von Herrschaft. Letztlich bedeute diese Sub-
jektivität aber auch Selbsttäuschung, zumal sie in der Tat nur ein Gedanke mit
partiku- 23
lärer Bestimmung, mit Gewalt, somit ohne Allgemeinheit, Macht, ohne Realität sei.
Es ist unschwer zu erkennen, dass Hegel diese Denkfigur nicht nur auf den revolutionä-
ren Zeitgeist und den entsprechenden Typ von Kantianismus, sondern gleichfalls auf
Kants Begriff moralischer Subjektivität anzuwenden begann.
Da Hegel seine Idee dialektischer Vereinigung von Subjekt und Objekt sowohl als
Gegenpol einseitiger Subjektivität als auch als höhere, vereinigungsphilosophisch ge-
läuterte Stufe der zuvor im Einklang mit Kant vertretenen Auffassung von moralischer
Subjektivität betrachtete, erscheint die am Anfang der Jenaer Jahre manifest werdende
doppelperspektivische Kant-Beurteilung nicht als zufällig. Der Versuch, eine Unter-
scheidung zwischen einer überholten und einer noch aktuellen Seite der Kantischen
Subjektivitätsidee zu treffen, war damit nahe liegend. Dabei arbeitete Hegel einer Kon-
kretisierung dieser Unterscheidung dadurch vor, dass er nach Widersprüchen in Kanti-
schen Thesen suchte. Die Jenaer Auffassung, es gelte einen Widerspruch zwischen In-
halt und Form Kantischer Bestimmungen aufzulösen, war vorgezeichnet. Hegel
gelangte im Laufe der Frankfurter Jahre nicht nur zur Ansicht, Kants Begriff der Mora-
lität sei Ausdruck einseitiger Subjektivität. Er war offenbar auch der Meinung,
gewisse
Kantische Bestimmungen des Moralitätsbegriffs seien inkonsistent. Der Gedanke einer
moralischen Freiheit im Sittengesetz widerspreche sich, da dieses de facto zugleich
ein
Herrschaftsgesetz sei, ein Gesetz, in dem die Sinnlichkeit ,unterjocht', ,Liebe' als
Pflicht ,geboten' werde; desgleichen widerspreche sich der allgemeine Gedanke der
moralischen Freiheit, zumal er auf der einen Seite als zwanglose Vernunfteinsicht, auf
der anderen als Gesetz, Gebot und dadurch als
Zwang
zu begreifen sei. Die Konse-
quenz, die es daraus nach Hegels Ansicht zu ziehen galt, war: dass die Begriffe des Sit-
tengesetzes und der Moralität fortan in den höheren Standpunkt der Sittlichkeit aufzu-
heben sind. Als widersprüchlich erachtete Hegel ferner Kants Vorschlag, das Dasein
Gottes als Postulat der praktischen Vernunft oder, mit anderen Worten, das ,Sein' als
Vgl.
G.W .F.
Hegel, Theologische Jugendschriften, hg. von H. Nohl, Tübingen 1907, 376.
Für
diese Überlegung
steht besonders Hegels Fragment von 1799/1800 ,Der immer sich vergrö-
ßernde Widerspruch
'
Vgl. H. Kimmerle, .Anfänge der Dialektik', in: Der Weg zum System.
Materialien zum jungen Hegel, hg. von C Jamme und H. Schneider, Frankfurt/M. 1990,274 ff.
Vgl. Theologische Jugendschriften, 267, 388.
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Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten 31 ,Sollen' oder ,Glauben' zu
Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten
31
,Sollen' oder ,Glauben' zu begreifen.25
legung, einerseits ein höchstes
Sein
Denn damit wird, so Hegels maßgebende Über-
supponiert, das ex definitione jenseits aller Unter-
scheidungen und damit auch jener von Sein und Sollen steht, andererseits dieses Prinzip
zugleich aber nur als etwas Gesolltes, Geglaubtes und damit Beschränktes begriffen.
Aus Hegels Sicht fiel Kant damit von einem als negativ theologisch zu benennenden
Glauben an das Sein zurück in einen Glauben an ein
Geglaubtes
und damit in eine Vari-
ante der positiven Theologie.
Wie Hegels 8. Habilitationsthese27 belegt, sollte auch
dieser Punkt konzeptuelle Folgen für sein weiteres Philosophieren haben. Kants Gottes-
Postulat wurde am Ende als Gedanke wahrgenommen, der sich mit dem besagten Wi-
derspruch selbst zerstört und der eine höhere Form des Denkens des Absoluten aufnö-
tigt. Und diese höhere Form wurde in einem neuen Spinozismus entdeckt.
Wenn Hegel sich von Kant distanzierte, indem er für eine dem Spinozismus ver-
gleichbare Auffassung des Glaubens an das höchste Sein eintrat, so versteht sich, dass
er nicht mehr bei der Vorstellung verweilen konnte, die dialektische Vereinigung von
Subjekt und Objekt erstrecke sich auf eine anti-dualistische Modifizierung von Kanti-
schen Bestimmungen der praktischen Vernunft. Mit der Auffassung des Glaubens an
das Sein wurde der Gedanke dialektischer Vereinigung von Subjekt und Objekt nun
folgerichtig auch als Prinzip
Sein sind gleichbedeutend',
und Synonym dieses Seins verstanden: Bereinigung und
28
schrieb Hegel in einer urteilslogischen Auslegung dieser
Verklammerung nieder. Er war somit dazu übergegangen, die Vereinigungsidee auf der
Basis einer Metaphysik des Seins auszuformulieren. Dabei war diese Metaphysik des
Seins, zumal der Gedanke der Vereinigung von Subjekt und Objekt jenen der Vereini-
gung von Freiheit und Natur einschließen sollte, eine in ihrem Prinzip neuartige, in ih-
rem Anspruch der Totalisierung, der Vereinheitlichung von theoretischer und prakti-
scher Vernunft aber wiederum klassische Metaphysik. Hegel konnte in diesem Stadium
seines Denkens deshalb nicht mehr mit Kants Reformulierung der metaphysica genera-
lis als Ontologie (d.h. Transzendentalphilosophie) und mit Kants Integration der me-
taphysica specialis in die Postulatenlehre übereinstimmen. Aber auch über eine Meta-
physik der praktischen Vernunft im Sinne der Fichteschen Wissenschaftslehre und über
die im
,Ältesten
Systemprogramm' festgehaltene These, der zufolge ,die ganze Meta-
29
physik künftig in die Moral fällt',
war Hegel hinaus, zumal ihm eine Idee der Vereini-
gung von Freiheit und Natur vorschwebte, in welcher die Natur zu ihrem ungeschmä-
lerten Recht kommen sollte.
Wie den beiden philosophisch aufschlussreichen Frankfurter Texten, dem Fragment
,Glauben und Sein' und dem ,Systemfragment von 1800', zu entnehmen ist, stand He-
Vgl.ebd.,382f.,385.
Vgl. ebd., 385.
, VIH. Materia postulad rationis, quod philosophia critica exhibet, earn ipsam philosophiam de-
struit, et principium est Spinozismï, GW 5, 227.
Theologische Jugendschriften, 383.
,Das „älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus'", Kritische Edition, 11, Z 1.
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32 Martin Bondeli gels Metaphysik des Seins im Banne eines - in erster Linie mit
32
Martin Bondeli
gels Metaphysik des Seins im Banne eines -
in erster Linie mit dem Neuplatonismus in
Verbindung zu bringenden
Denkens des überreflexiven Einen. Damit rückte er in die
Nähe der erklärtermaßen an
- die Tradition der docta ignorantia anschließenden Glau-
bensphilosophie Jacobis. Das Sein wird von Hegel ausdrücklich als ,Sein außer der Re-
30
flexion'
gefasst. Soweit es dabei als das in die Sphäre
der Reflexion eintretende Sein
schlechthin genommen wird, ist es ein Widersprüche
(.Antinomien') produzierendes
und auflösendes Verhältnis von Reflexivität und
Überreflexivität.
Vor diesem Hinter-
grund stellte Hegel die dem Sein zugeschriebene Grundstruktur dialektischer Vereini-
gung von Subjekt und Objekt auch erstmals im Hinblick auf eine dialektische Denk-
form der Selbstnegation des Einen dar. Das Sein als das Verbindende von Subjekt und
Objekt
ist in seiner reflexiven Grundstruktur eine
.Verbindung
der
Verbindung
und der
NichtVerbindung'. ' Die Negation der Verbindung, die NichtVerbindung, führt, weil sie
von der Verbindung selbst gesetzt wird, zu dieser zurück, ist damit nun aber eine Ver-
bindung höherer Stufe. Der Meinung Jacobis, das größte Verdienst des philosophischen
Forschers bestehe darin, auf der höchsten Stufe der Reflexion über dieselbe hinauszu-
schreiten und im Medium des Glaubens oder der Anschauung ,Daseyn zu enthüllen',
32
hätte Hegel in dieser Phase beipflichten können. Damit ist zugleich gesagt, dass Hegel
damals mit einer Entgegensetzung von Reflexion als positivem Glauben einerseits und
Spekulation als negativem oder Seinsglauben andererseits operierte und somit noch ent-
fernt war von der im Aufsatz Glauben und Wissen in Vorschlag gebrachten Entgegen-
setzung von Reflexion als Glauben schlechthin einerseits und Wissen als Spekulation
andererseits. Erst Hegels Auffassung, der Glaube schlechthin sei eine Spielart der Re-
flexion, ermöglichte es ihm sodann, das Denken Kants und Jacobis als Varianten ein
und derselben Reflexionsphilosophie darzustellen.
Wie schließlich das ,Systemfragment von
1800'
verdeutlicht, hatte Hegel seine
Frankfurter Metaphysik des Seins über die Entfaltung dialektischer Vereinigungsstruk-
turen hinaus als einen zur Hauptsache naturphilosophisch ausgerichteten Systemansatz
fortzuentwickeln unternommen, wobei unverkennbar Anregungen durch Schellings
naturphilosophische Schriften von 1797 im Spiel waren. Das Sein in den Bedeutungen
von ,Leben' und ,Natur' wurde nun auch als Ausgangs- und
Endpunkt
eines
Systems
der Reflexion, der diversen Organisationen' des Lebendigen,
positioniert.33 Und dieses
System
seinerseits sollte als ein antinomisch fortschreitender,
zum Unendlichen stre-
bender
Prozess von raum-zeitlichen, physischen (die Himmelskörper betreffenden) und
geistig-religiösen Bestimmungen begriffen werden. Ausgehend von diesem Systeman-
satz war der
Übergang
zu Hegels naturphilosophisch orientierten Systemskizzen der
Theologische Jugendschriften, 348.
Ebd., 348.
Vgl. F.H. Jacobi, Schriften zum Spinozastreit, hg. von K. Hammacher und I.-M. Piske, Werke.
Gesamtausgabe hg. von K. Hammacher und W. Jaeschke, Bd. 1,1. Hamburg 1998,29.
Vgl. Theologische Jugendschriften, 345-351, passim.
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Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten 33 frühen Jenaer Zeit wie
Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten
33
frühen Jenaer Zeit
wie auch zu seinem ersten Logik-Konzept
präfiguriert. Wenn He-
gel 1801 an das echt idealistische Kantische Prinzip der Deduktion der Kategorien ap-
pelliert, so bedeutet dies, dass er nun auch den Plan eines geist- oder subjektphilosophi-
schen Systems in
Angriff nimmt.
Das
in
seinem obersten Reflexionsgesetz als
dialektische Vereinigung zu deutende Sein soll offenbar in Zukunft nicht nur im Hin-
blick auf ein System der Natur oder der Logik ausgefaltet werden, sondern auch im
Hinblick auf ein System, welches vom Prinzip der Kantischen Deduktion
ausgeht
und
in dessen Rahmen die Kantische Kategorienlehre auf neuartige Weise zu generieren ist,
namentlich in der Weise, dass die Kategorien, wie es in der Differenzschrift heißt, nicht
mehr zu ,ruhenden todten Fächern'
gemacht werden.
Es ist offensichtlich, dass Hegel bei der Aufstellung eines Systems dieser Art an eine
nachkantische Systemidee anknüpft, die hauptsächlich auf Reinhold, Beck, Fichte und
Schelling zurückgeht. Die genannten Autoren vertraten die These, Kants ursprüngliche
Apperzeption sei das Prinzip des vollständigen Zusammenhangs der Kategorien sowie
der entscheidende Ausgangspunkt für den Beweis synthetischer Erkenntnis a priori.
Und ihren Neudarstellungen eines Systems der Vernunftkritik ging die Meinung voraus,
das Prinzip der Apperzeption sei bei Kant nicht skeptizismusresistent und überdies in
bezug auf Ableitungen -
sowohl was die Herleitung der Kategorien (bzw. ihrer Voll-
ständigkeit) als auch was die Frage ihrer objektiven Gültigkeit betrifft
nicht durch-
-
sichtig dargestellt worden.
Infolgedessen
wurde ein evidenter ,Satz des Bewusstseins'
(Reinhold), ein als Erzeugen des a priori Synthetischen zu begreifendes ursprüngliches
Vorstellen' (Beck), ein nicht bezweifelbares tätiges ,Ich' (Fichte, Schelling) an die
Stelle von Kants ursprünglicher Apperzeption gesetzt und das erste Prinzip in seinem
Verhältnis zu den Kategorien und deren Erkenntnisleistung als eine Art Grund-Folge-
Verhältnis ausformuliert. Während Hegel diesen Weg der Fortentwicklung Kants
lange
Zeit für wenig sinnvoll hielt, ist er spätestens um 1800 davon überzeugt, dass die kom-
mende Philosophie diesen und keinen anderen weiter beschreiten muss. Und er erachtet
es als erforderlich, an die entwickeltste Gestalt dieses
Wegs
anzuschließen. Wie
Hegel
in der Differenzschrift konstatiert, ist Fichte derjenige, der mit der Auffassung eines tä-
tigen Ich den Geist des Kantischen Prinzips der Deduktion in .reiner und strenger Form
37
heraus gehoben'
hat. Der weitere Kontext zeigt allerdings, dass Hegel
Schelling
noch
über Fichte stellt. Denn seines Erachtens hat Schelling die besagte Denkrichtung nicht
nur zu Recht durch eine Naturphilosophie ergänzt, er hat sie ebenfalls vom Fichteschen
Mangel einer ungeschlossenen Systemgestalt befreit. Aus Hegels Sicht dürfte Schelling
Vgl. H. Kimmerle, .Hegels Naturphilosophie in Jena', in: Hegel in Jena, hg. von D. Henrich und
K. Düsing, Bonn 1980, 209ff.
Vgl. Schellings und Hegels erste absolute Metaphysik (1801-1802). Zusammenfassende Vorle-
sungsnachschriften von I.P.V. Troxler. Herausgegeben, eingeleitet und mit Interpretationen ver-
sehen von K. Düsing, Köln 1988,63ff.
GW4.5.
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34 Martin Bondeli schließlich auch deshalb der Maßstab sein, weil er das Prinzip der Kantischen
34
Martin Bondeli
schließlich auch deshalb der Maßstab sein, weil er das Prinzip der Kantischen Deduk-
tion in struktureller Hinsicht am reichsten entfaltet hat. Er hat dieses Prinzip, das für
Hegel wie erwähnt die ,absolute Identität von Subjekt und Objekt' ist, über die Idee der
Vereinigung von Denken und Anschauung sowie von praktischer und theoretischer
Vernunft hinaus mit Fichte auch als
Selbstbeziehung
des
Subjekts
oder als intellektuelle
Anschauung und schließlich als wahrheitstheoretische Vorstellung der ,Übereinstim-
38
mung eines Objektiven mit einem Subjektiven'
entfaltet. Dass Hegel fortan neben den
beiden Bedeutungen von Vereinigung auch die Identität im Sinne der Selbstbeziehung
des Subjekts in sein Verständnis des Prinzips der Deduktion aufnimmt, belegt die in der
39
Differenzschrift erfolgte Parteinahme für eine ,transcendentale Anschauung'.
II.
Die Kritik an der Kantischen Philosophie, die Hegel in den frühen Jenaer Texten äußert,
ist neben der erwähnten Prägung durch bestimmte
Charakteristika ihrer Vorgeschichte
in der Frankfurter Zeit durch die Polemik gezeichnet, die im
Zuge
der
Etablierung
des
gemeinsam mit Schelling herausgegebenen Kritischen Journals der Philosophie gegen
so genannte unphilosophische Strömungen geführt wird. Durch diese Polemik nimmt
Hegels Kritik zuweilen eine Form an, welche die zurückgewiesenen Positionen als
auswechselbar erscheinen lässt. So deckt sich die Kritik an Kant in ,Glauben und Wis-
sen' über weite Strecken mehr als nur dem äußeren Rahmen nach mit jener an Fichte
und Jacobi. Zudem treffen Hegels Abrechnungen mit Autoren, welche die Philosophie
ausgehend von empirischen oder psychologischen Tatsachen erklären, die
Philosophie
auf oberflächlichen Skeptizismus oder bloße Logik reduzieren oder sie in Lehrbüchern
zu Kants Kategorientafel breitschlagen, immer auch Kant. Auch beim Durchgang durch
die
Kantische Lehre spricht Hegel davon, dass diese über einen .psychologischen' und
.formalen
Idealismus' ebenso wenig hinauskommt wie über einen erweiterten ,Lockea-
< 40
nismus
.
Allerdings sind diese und ähnliche Angriffe gegen Kant ins
richtige
Verhältnis zu
setzen. Hegel geht im selben Atemzug davon aus, Kants Idealismus sei im Grunde
transzendental und überschneide sich somit auch mit dem echten Idealismus. Und diese
Überzeugung
erweist sich als entscheidend für die Art der Kritik, um die es
Hegel
in
der
Hauptsache zu tun ist: Es soll aufgewiesen werden, dass Kant nicht wegen, sondern
trotz seines transzendentalen Idealismus zu Ansichten
gelangt,
die auf der Stufe der
ge-
nannten zu verurteilenden unechten Idealismen stehen. Mit diesem Vorhaben steht die
Vgl. F.W.J. Schelling, System des transzendentalen Idealismus. Schellings Sämtliche Werke, hg.
von K.F.A. Schelling, 1/3, 339.
Vgl. GW4, 27 ff.
Vgl. GW4, 331-333.
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Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten 35 doppelperspektivische Kant-Kritik im Zentrum.
Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten
35
doppelperspektivische Kant-Kritik im Zentrum. Es soll darum gehen, den transzenden-
talen Idealismus auf seine Seiten des echten und des falschen Idealismus hin zu unter-
suchen.
Was die doppelperspektivische Kant-Kritik im Einzelnen betrifft, äußert Hegel sich
bei der Auseinandersetzung mit der Kritik der reinen Vernunft nun erstmals zur zentra-
len
Frage
nach der Möglichkeit von synthetischen Urteilen a priori. Zu Beginn des
Kant-Abschnittes von ,Glauben und Wissen' wird auf die große Bedeutung dieser Frage
hingewiesen und umgehend festgehalten, Kants Antwort darauf offenbare, dass der Ge-
danke einer apriorischen Synthesis im Grunde nichts anderes sei als die »ursprüngliche
absolute Identität' von
Subjekt
und Prädikat, Besonderem und
Allgemeinem,
Sein und
Denken.41 Die absolute Identität ihrerseits soll, wie in der Differenzschrift bereits gesagt
worden ist, von Kant am treffendsten in dem als ursprünglich-synthetische Einheit der
Apperzeption dargelegten Prinzip der Kategoriendeduktion zum Ausdruck gebracht
worden sein.
Auf dieser Basis werden im Durchlauf durch das Gebäude der theoreti-
schen Vernunftkritik jene Begriffe oder Denkfiguren herausgehoben, welche in die
Richtung der absoluten Identität weisen. Allem voran sind dies die als Vermittlung von
abstrakter Verstandeseinheit und bloßer
Mannigfaltigkeit aufzufassenden Vorstellungen
der .transzendentalen
Einbildungskraft'4
und der
vom bloßen .Ich denke' abzuhe-
-
benden
.synthetischen
Einheit'
der
Apperzeption.
Positiv vermerkt werden zudem
-
der in Anknüpfung
an Piaton
eingeführte, für das Denken des Unendlichen zentrale
Begriff der
transzendentalen ,Idee'45
sowie der Versuch, kosmologische Antinomien
aufzustellen und deren Auflösung in Erwägung
zu ziehen.
Ergänzt
wird diese Reihe
verdienstvoller Einsichten aus Kants erster
Kritik schließlich durch Hinweise auf die in
der Kritik der Urteilskraft näher entwickelten Ideen der .reflektierenden Urteilskraft'
und des .intuitiven Verstandes',
welche mit der Vereinigungsfunktion der Einbil-
dungskraft bzw. mit dem Bemühen, das Höchste zu denken, in Zusammenhang ge-
Vgl. ebd., 326-328.
Die Ansicht, Kants Frage nach der Möglichkeit synthetischer Urteile a pri-
-
ori sei im Grunde die Frage nach einem geeigneten Prinzip der Einheit, dürfte wesentlich auf
Maimón und Fichte zurückgehen. War Maimón der Meinung, die besagte Frage lasse sich nicht
unabhängig von der Vorstellung einer Einheit von Begriff und Anschauung, Geist und Materie
beantworten (vgl. S. Maimón, Versuch über die Transzendentalphilosophie mit einem Anhang
über die symbolische Erkenntnis und Anmerkungen, Berlin 1790, 62), war Fichte der Ansicht, sie
mit der
im dritten obersten Grundsatz der Wissenschaftslehre von 1794 formulierten
Synthesis
-
-
von Ich und Nicht-Ich beantwortet zu haben (vgl. J.G. Fichte, Grundlage der gesamten Wissen-
schaftslehre. J.G. Fichtes Sämtliche Werke, hg. von I. H. Fichte, Bd.I, 114).
Vgl.
.Glauben und Wissen', GW4, 329.
Vgl. ebd., 334, 341.
Vgl. ebd., 327 f.
Vgl. ebd., 336.
Vgl. ebd., 337 f.
Vgl. ebd., 335, 339, 341.
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36 Martin Bondeli bracht werden. Der negativen Seite der Kritik entsprechend, wird bei all diesen
36
Martin Bondeli
bracht werden.
Der negativen Seite der Kritik entsprechend, wird bei all diesen Be-
griffen oder Denkfiguren gleichzeitig behauptet, dass ein Rückfall auf die Stufe der
Reflexionsphilosophie stattfinde, dies weil sie bald mangelhaft ausformuliert, bald mit
gegenteiligen,
endlichen Bestimmungen vermischt worden seien. Dabei schälen sich
zwei zentrale
Vorwürfe heraus. Hegel wendet erstens ein, Kants ursprüngliche Apper-
zeption sei trotz ihrer identitätsphilosophischen Ausrichtung nur ein ,formales' Prinzip
der Subjektivität: ein ,leeres Ich', ein substanzloser ,intellectueller Punct'.
Zweitens
wird moniert, das mit dem Verfahren der transzendentalen Deduktion in Vorschlag ge-
brachte Verhältnis von Erkennen und zu erkennendem Gegenstand sei trotz identitäts-
philosophischer Stoßrichtung
dualistisch. Insbesondere sieht Hegel in ihm ein Erkennt-
nismodell, bei dem auf der
Seite des Denkens eine Form ohne Stoff, auf der Seite des
Gegenstandes ein Stoff ohne Form, ein ,formloser Klumpen', steht.
Im Blick auf Kants praktische Vernunftkritik ergibt sich dasselbe zwiespältige Er-
gebnis: Der Würdigung, dass Kant die vernünftige Auffassung von praktischer Auto-
nomie freigelegt hat, folgt die Klage über ihre reduzierte Auslegung. Autonomie werde
so gefasst, dass alles Sinnliche als heteronom, alles Vernünftige als .absolutes Jenseits'
des Sollens und Glaubens erscheine.
Über
die Frankfurter Kritik am Sittengesetz als
Herrschaftsgesetz hinaus erörtert Hegel nun auch erstmals genauer, was die Abstrakt-
heit oder Leerheit dieses Gesetzes bedeutet. Im ,Naturrechtsaufsatz' ist von ,Formalis-
mus' die Rede. Dieser entsteht nach Hegel dadurch, dass das Vermögen der Selbstge-
setzgebung mit dem Sittengesetz, d.h. der Aufforderung, Maximen unter einem Verall-
gemeinerungstest zu wählen, zu einem analytischen'
Satz, dem auf das Praktische
wird.53
übertragenen ,Satz des Widerspruchs', gemacht
Und er besteht eigens darin,
dass bei der Maximenwahl vom
.Inhalt' oder der .Materie' der Maxime völlig abgese-
hen wird, in Hegels Worten, dass eine ,absolute Abstraction von aller Materie des Wil-
lens' stattfindet.
Ferner wird die Frankfurter Kritik an Kants These, Moralität sei die
höchste Stufe der praktischen Vernunft, durch die Ansicht ergänzt, dass bei Kant Mora-
lität und Legalität gesamthaft und auch je für sich betrachtet ein verhängnisvolles kom-
plementäres
Gebilde von
freier Vernunft und Zwang darstellen und dadurch sittliches
Handeln
verunmöglichen.55
In der praktischen Philosophie Kants gibt es demgemäß
weder Zwang
noch Freiheit, sondern nur Zwitterformen von Zwang und Freiheit.
Mit diesem Hinweis gibt Hegel nicht zuletzt zu verstehen, dass Kants dritte Kritik rangmäßig die
höchste sein sollte.
49 Vgl.
ebd.,
328,336f.
50
Vgl. ebd., 332.
51
Vgl. ebd., 344f.
52 ,Ueber die wissenschaftlichen Behandlungsarten des Naturrechts', GW4,436.
53 Vgl. ebd., 435.
54
Vgl.
55
ebd.
Vgl. ebd., 442.
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Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten 37 Eine Grundschwierigkeit, die sich
Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten
37
Eine Grundschwierigkeit, die sich beim Versuch einer Beurteilung dieser Hegelschen
Vorwürfe gegen Kant ergibt, liegt darin, dass man es mit zu wenig differenziert wieder-
gegebenen und zum Teil durch Projektionen verzerrten Kantischen Ansichten zu tun
hat. Hegel kritisiert Kant, indem er ihn gleichsam als unglücklichen Vorläufer der eige-
nen Vereinigungsidee porträtiert. Wie erwähnt, kommt dieses Vorgehen nicht von un-
gefähr. Es hängt damit zusammen, dass Hegel sich einen Kant zurechtlegte, dessen
hauptsächliche Resultate bei konsequenter Ausdeutung zu einer Einheitsidee Spinozisti-
scher Natur führen. Und es wird auch dadurch befördert, dass Hegel sich einen durch
die nachkantische Systemidee interpretierten Kant zu eigen machte.
Was Hegels Wiedergabe der Hauptgedanken der theoretischen Vernunftkritik anbe-
langt, führt seine eigenwillige Kant-Deutung dazu, dass eine apperzeptionstheoretische
Lesart der transzendentalen Deduktion in den Vordergrund tritt. Bei dieser Lesart fällt
die Argumentation, die Kant mit der für ihn wesentlichen, objektiven Seite seines De-
duktionsverfahrens verbindet, weg. Kant geht es in erster Linie um den Nachweis, dass
es bestimmte Bedingungen der sinnlichen Anschauung und des Verstandes gibt, die
notwendig und hinreichend für das Gegebensein von Erfahrungssätzen sind, und dass
diese Bedingungen ebendeshalb als objektiv gültig oder als Bedingungen der Gegens-
tände von Erfahrung aufzufassen sind. Dagegen spielt für Hegel ein Nachweis dieser
Art keine Rolle, und dementsprechend bezieht Hegel sich bei seiner Rede von Kants
Prinzip der Deduktion offenkundig
,Principium' der Deduktion aus §
auch nicht auf das diesen Nachweis kennzeichnende
14 der Kritik der reinen Vernunft.57 Umso mehr wer-
den Ansichten hervorgehoben, die man Kant zufolge der subjektiven Seite der trans-
zendentalen Deduktion zuzurechnen hat. Zum einen favorisiert Hegel die Idee, das Ur-
teil sei Produkt einer Setzung
tet, dass er an Kantische
aus der
ursprünglichen Apperzeption,
was darauf hindeu-
Äußerungen zur objektiven Einheit
der Apperzeption
anschließt und dass er unter dem Prinzip der Deduktion den ,obersten Grundsatz' der
ursprünglichen Apperzeption aus § 16 und § 17 der Kritik der reinen Vernunft versteht.
Zum anderen ist die Ansicht dominant, ein entscheidendes Kriterium gültiger Urteile sei
die gelungene Einheit von Denken und Anschauung sowie von gedachtem und wirkli-
chem Gegenstand. Das Prinzip der Deduktion wird dadurch ausdrücklich ein Prinzip
der Vereinigung, zu dem man bei Kant eine Parallele in der Hypothese über die allge-
meine Wurzel' der zwei ,Stämme' der Erkenntnis, des Rationalen und Empirischen,
findet. Genau dieses Prinzip der Vereinigung ist es, so unterstellt Hegel schließlich, das
Kant mit den Auffassungen der Einbildungskraft bzw. der synthetischen Einheit der
Apperzeption vorbildlich auf den Begriff gebracht hat.
Diese apperzeptionstheoretische Lesart von Kants transzendentaler Deduktion ist fol-
genreich. Aus ihr ergibt sich eine sehr fragwürdige Ansicht darüber, welche Bedeutung
Siehe dazu besonders Kritik der reinen Vernunft, A 93f., B 126; A 156-158, B 195-198.
Vgl. ebd., A 94, B 126.
Vgl. ebd., B 140-142.
Vgl. ebd., A 835, B 863.
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38 Martin Bondeli und Funktion Kant der ursprünglichen Apperzeption und der Einbildungskraft zuge- schrieben habe
38
Martin Bondeli
und Funktion Kant der ursprünglichen Apperzeption und der Einbildungskraft zuge-
schrieben habe und was in diesem Punkt sodann mangelhaft geblieben sei. Für Kant
selbst ist die ursprüngliche Apperzeption insofern höchste Bedingung von Erkenntnis,
als sie die grundlegende Funktion einer bestehenden Einheitsinstanz des Denkens hat.
Ohne diese Instanz könnte das unter Raum und Zeit gegebene Mannigfaltige nicht ge-
dacht werden, was nicht heißt, dass mit ihr schon etwas erfahren oder erkannt wird, und
was auch nicht heißt, dass sie zu den deduzierbaren Bedingungen von Erkenntnis ge-
hört. Die Bedingungen, die Erfahrungsaussagen ermöglichen und sich deshalb auch als
deduzierbar herausstellen, sind vielmehr die Kategorien. So wie Hegel die Sache dar-
stellt, hat Kant die ursprüngliche Apperzeption dagegen im Sinne eines selbstbezügli-
chen Prinzips in Vorschlag gebracht; und aus dieser Sicht wird gleichzeitig der Ein-
wand erhoben, Kant habe allerdings diese selbstbezügliche Struktur der Apperzeption
nicht zureichend expliziert. In der Wissenschaft der Logik wird Hegel diesen Einwand
konkretisieren: Kant, so wird dort erklärt, hätte die als Selbstrealisierung des Begriffs
zu verstehende Apperzeption als Ausgangspunkt der Ausfaltung der Kategorien und der
Konstitution eines Erkenntnisobjekts darstellen sollen.
Nun ist zwar nicht auszuschlie-
ßen, dass Kant die unter anderem als ,Selbstbewusstsein' gekennzeichnete ursprüngli-
'
che Apperzeption als eine Art von Selbstbeziehung denkt.
Sicher ist aber, dass er mit
einer solchen Auslegung der Apperzeption nicht der Ansicht ist, diese sei als einheits-
stiftendes Prinzip zugleich Bewegungsprinzip für die Entwicklung der Kategorien so-
wie der mit ihnen verbundenen Konstitution eines Erkenntnisobjekts. Und es gibt von
Kants Denkvoraussetzungen her auch keinen Grund dafür, eine solche Ansicht zu ver-
treten. Wenn Hegel an dieser Stelle eine Leerheit oder fehlende Entwickeltheit des
Kantischen Apperzeptionsbegriffs diagnostiziert, so greift er zumindest kein Problem
3
auf, das sich Kant-immanent plausibel machen lässt.
Es ist nicht ersichtlich, weshalb
Kants Annahme, Apperzeption und Kategorien seien Erkenntnisbedingungen unter-
Dazu besonders GW 12,17 ff.
Kants berühmtes Diktum über den .Zirkel', der sich einstellt, sobald das Ich sich selbst denkt, et-
was über sich aussagt (vgl. Kritik der reinen Vernunft, A 346, B 404), will nicht besagen, jedwe-
der Versuch, ein selbstbezügliches Ich zu denken, sei sinnlos. Vielmehr steht es im Kontext von
Kants Kritik an Vorstellungen über die Erkennbarkeit des Ich an sich. In diesem Punkt stimme ich
mit Düsing überein; vgl. K. Düsing, Subjektivität und Freiheit. Untersuchungen zum Idealismus
von Kant bis Hegel, Stuttgart-Bad Cannstatt 2002,114ff., 161 f.
Dass Hegel damit eine Auffassung von Kategorienentwicklung vorschwebt, die mit Kants Kate-
gorienlehre kaum verträglich ist, zeigt K. Cramer, .Kant oder Hegel
Entwurf einer Alternative',
-
in: Kant oder Hegel?
Über
Formen der Begründung in der Philosophie, hg. von D. Henrich,
Stuttgart 1983, 140-148.
Anderer Meinung ist hier offenbar K. Düsing (Subjektivität und Freiheit, 160ff., 171 ff., 179).
Düsing geht davon aus, dass Hegel mit der Forderung nach Vermittlung von Apperzeption
(Struktur der Selbstbezüglichkeit) und Objektkonstitution eine ,Lücke' in Kants Deduktionsver-
fahren aufdeckt. Meines Erachtens handelt es bei dieser Lücke nicht um eine echte Lücke im Sin-
ne Kants.
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Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten 39 schiedlicher Natur und Funktion,
Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten
39
schiedlicher Natur und Funktion, inkonsistent sein sollte. Was die Einbildungskraft be-
trifft, ist es zwar nicht
abwegig, sie mit der synthetischen Einheit der Apperzeption in
Verbindung zu
bringen.64
Jedoch macht es ausgehend von Kants Problemlage wenig
Sinn, die Einbildungskraft bzw. synthetische Einheit der Apperzeption im Hinblick auf
eine Einheit von Begriff und Anschauung zu interpretieren, wie Hegel sie mit seiner
Idee von Vereinigung
von Subjekt und Objekt vertritt. Bei Kant hat die Einbildungs-
kraft, d.h. die Auffassung
schematisierter Kategorien, unterschiedliche Funktionen. Sie
dient der Bedeutungs-
und Objektbildung eines Begriffs und ist, wenn man sie im Zu-
sammenhang von Kants Diktum liest, wonach die synthetische Einheit der Apperzep-
tion dasjenige
ist, was die analytische Einheit möglich macht, nichts anderes als der Ga-
rant dafür,
dass das ,Ich denke' kein ,zerstreutes' oder .vielfarbiges' Selbst ist.
Zudem
ist sie Bestandteil der Erklärung, wie durch Kategorien Erfahrungsaussagen über raum-
zeitliche Gegebenheiten
trotz der Heterogenität von Denken und sinnlicher Anschauung
möglich
sind. Dass
dabei nie prinzipiell erklärt werden kann, weshalb heterogene Be-
stimmungen wie Anschauung und Denken übereinstimmen, wie Heterogenes aus einem
gemeinsamen Ursprung entsteht, war für Kant klar. Deshalb wird auch der Vorwurf,
Kant zernichte seine eigene Idee der Einbildungskraft bzw. synthetischen Einheit der
Apperzeption durch einen Form-Stoff-Dualismus, für eine Kritik, welche die Kantische
Perspektive einbezieht, gegenstandslos.
Bei den Einlassungen
zur praktischen Vernunftkritik gelangt Hegel mit seiner eigen-
willigen Kant-Deutung
zu einer Ideologischen Lesart des Sittengesetzes. Es ist eine
Lesart, in welcher nicht Kants Sittengesetz in der Bedeutung der Maximenwahl im
Mittelpunkt steht, sondern ein zum Sittengesetz erhobenes Postulat der Realisierung des
höchsten Gutes. Dieser Lesart, die einer Umgewichtung des Kantischen Verhältnisses
von Sittengesetz
und Postulat des höchsten Gutes gleichkommt, hat zweifelsohne Fich-
tes Sittenlehre
mit ihrer Herleitung des Sittengesetzes aus dem Begriff der Selbsttätig-
keit entscheidend vorgearbeitet.
Hegel steht der Vorstellung eines sich selbstmächtig
realisierenden Sittengesetzes seit der späten Berner Zeit nahe, in der Naturrechtsschrift
bringt er sie auf den Punkt: Er spricht von der ,großen Seite der Kantischen und Fichte-
schen Philosophie',
die darin bestehe, das .Wesen des Rechts und der Pflicht' mit dem
.Wesen des
denkenden und wollenden Subjekts' gleichgesetzt zu haben. 7 Allerdings,
so umgehend der Einwand, habe Kant sich mit dem kategorischen Imperativ im Sinne
der Maximenwahl auf eine typische Verstandesbestimmung festgelegt, so dass die
Gleichsetzung von freiem, vernünftigem Wollen und dem Wesen von Pflicht und Recht
wiederum aufgelöst werde. Es besteht kein Zweifel, dass Hegel hier Kants Vorgehen
mit jenem Fichtes zusammenwirft. Kant hat die besagte Gleichsetzung nie vertreten.
Vgl. Kritik der reinen Vernunft, A 78, B 103.
Vgl. ebd., B 133 f.
Siehe J.G. Fichte, Das System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre. J.G. Fich-
tes Sämtliche Werke, hg. von I. H. Fichte, Bd.4,54ff.
Vgl.
.Ueber die wissenschaftlichen Behandlungsarten des Naturrechts', GW4,441.
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40 Martin Bondeli Davon abgesehen ist auch Hegels detailliertere Kritik an Kants Sittengesetz sehr zwei-
40
Martin Bondeli
Davon abgesehen
ist auch Hegels detailliertere Kritik an Kants Sittengesetz sehr zwei-
felhaft. Der
Allgemeinheitscharakter dieses Gesetzes ist nicht, wie Hegel meint, ver-
gleichbar mit einer Form, bei der von aller Materie der Willkür abstrahiert worden ist,
so dass nun jede beliebige Materie hinzukommen kann. Er entspricht vielmehr einer
Form, welche bestehende Materien der Willkür auswählt, so dass gerade nur bestimmte
Materien für sie in Frage kommen. Schließlich trifft Hegel mit seiner kritischen Refle-
xion über die unsittliche Vorstellung eines freien Zwanges oder einer zwanghaften
Freiheit erneut Fichte und nicht Kant. Hegel wendet sich in dieser Sache gegen die dop-
pelte Konzeption des Rechts aus Fichtes Naturrechtslehre. Attackiert wird die Auffas-
sung, es bestehe auf der einen Seite ein auf freier Anerkennung zwischen selbstbe-
wussten Individuen beruhendes ,Rechtsgesetz' oder .Utrecht', auf der anderen Seite ein
die institutionelle Gewalt repräsentierendes .Zwangsgesetz' oder
.Zwangsrecht'.
Für
Kant gibt es kein doppeltes Recht (keine ,zwei Stücke' des Rechts); Recht besteht we-
sentlich in der .Befugnis zu zwingen'. Der moralische Gehalt des so verstandenen
Rechts beschränkt sich darauf, dass ein Recht bestehen soll, das nicht nur legal, sondern
auch moralisch legitim ist. Obschon nun Hegels Kant-Kritik mit dieser identitätsphilo-
sophischen Skizzierung der Kantischen Philosophie der Sache
wenig gerecht
wird und
sich deshalb vielfach als haltlos erweist, ist sie in ihren zentralen Angriffspunkten be-
denkenswert. Werden diese präziser ausformuliert, verweisen sie am Ende auf Schwie-
rigkeiten, die nicht mehr nur mit Hegels Kant-Bild, sondern durchaus auch mit Kants ei-
gener Argumentation zusammenhängen. Dies sei abschließend an drei Beispielen
gezeigt.
(1) Wie erwähnt, gibt es keinen einsichtigen Grund, weshalb Kant die ursprüngliche
Apperzeption in ihrem Verhältnis zu den Kategorien und zur Konstitution des Erkennt-
nisobjekts als Prozess der Selbstbeziehung oder Selbstrealisierung hätte darstellen sol-
len. Es gibt aber einen guten Grund für die Forderung, Kant hätte klären müssen, wel-
cher epistemische Status der ursprünglichen Apperzeption zukommt. Die ursprüngliche
Apperzeption in ihrer Funktion als Einheitsgarant des Denkens kann für Kant vor dem
Hintergrund der Paralogismus-Kritik
einerseits nur ein ausschließlich
.logischer' Beg-
riff oder eine Bestimmung des
.bloßen Denkens' sein.7
Denn im Unterschied zu den
Kategorien ist sie keine logische Bedingung der Erkenntnis, die auch deduzierbar ist
und auf diese Weise
zugleich als objektiv gültig angesehen werden kann. Andererseits
ist ebenfalls offensichtlich,
dass Kant die ursprüngliche Apperzeption als ein intelli-
gibles Vermögen begreift, dessen Existenz nicht zu bestreiten ist. Andernfalls wäre die
transzendentale Deduktion ohne sicheres Fundament. Doch wie lässt sich die ursprüng-
liche Apperzeption mit Kantischen Mitteln als etwas Existierendes ausweisen? Es war
Gottlob Ernst Schulze, der dieses Problem 1792 im Aenesidemus und sodann erneut in
der Kritik der theoretischen Philosophie von 1801 eindringlich zur Debatte stellte. Nach
Vgl. J.G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre. J.G. Fichtes
Sämtliche Werke, hg. von I.H. Fichte, Bd.III, 11 ff., 112ff., 145 f.
Vgl. Metaphysik der Sitten, in: Akademieausgabe, Bd. VI, 231 f.
Kritik der reinen Vernunft, B 135,404-407,409,428.
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41 Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten Schulze bleibt es völlig
41
Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten
Schulze bleibt es völlig unentschieden, ob Kant die ursprüngliche
Apperzeption als
,Ding
an sich', ,Noumenon' oder transzendentale Idee'
(psychologische
Idee)
begrif-
fen
hat.71 Zudem ist Schulze zufolge Kants Behauptung, die analytische Einheit der
Apperzeption sei nur unter der Voraussetzung der synthetischen Einheit möglich, nicht
einsichtig,
zumal Einheit durch das Bestehen von Synthesis (Verbindung, Hinzufügung)
nicht
begreiflich gemacht werden kann und deshalb in der Vorstellung von syntheti-
72
scher Einheit je schon vorausgesetzt wird.
Kant selber ist nicht verborgen geblieben,
dass hier ein gravierendes Problem seines Deduktionsverfahrens besteht. Seinem Ver-
such, dieses zu bewältigen, fehlt allerdings ein klares und einheitliches Profil. Er mani-
festiert sich zum einen im Bestreben, die Frage nach der Existenz der ursprünglichen
Apperzeption dahingehend zu beantworten, dass wir ein allem Denken zugrunde lie-
gendes Ich-Gefühl haben, ein Gefühl, das sich mit dem Aktus der Intelligenz äußert.
Zum anderen deutet er sich im Bemühen an, die als intelligibel gefasste synthetische
Einheit der ursprünglichen Apperzeption zugleich als Datum des inneren Sinnes, als
zeitliches Ereignis, zu begreifen und damit als empirisch gehaltvollen Begriff der Ich-
Einheit auszuweisen, was schließlich, da ein solcher Begriff einer Idee oder Hypothese
der theoretischen Vernunft gleichkommt, in der These kulminiert, die Einheit der ur-
sprünglichen Apperzeption lasse sich letztlich nur durch die aus dem Sittengesetz
fol-
gende apodiktisch gewisse Forderung der Einheit der moralischen Person
sichern.73 In
Bezug
auf diesen Befund ist Hegels Vorwurf, Kant sei über die Vorstellung einer for-
malen
Subjektivität nicht hinausgekommen, zumindest insofern triftig, als Kant mit ei-
nem reduzierten Verständnis von inhaltlicher Subjektivität operiert. Kant denkt die Ein-
heit (d.h. Nicht-Zerstreutheit) des Ich nach dem Modell eines beharrenden Dinges
(einer kontinuierlichen Linie). Weil die Einheit des Ich aber kein beharrendes Ding in
Raum und Zeit sein kann, ist sie als ideelles zeitliches Ding (kontinuierlich bestehende
Seele) zu fassen, dessen Dasein durch die praktische Vernunft gefordert wird. Hegel
dagegen
denkt die Einheit des Ich nach dem Modell eines sich ins
Allgemeine und Ge-
genständliche entäußernden formalen und einzelnen Fürsichseins.74
Die Einheit des Ich
oder das ,Selbstgefühl' wird dadurch als etwas vorgestellt, was sich mittels Bezug auf
den ,Leib' und in einem Prozess des ,Anerkennens' herausbildet. Mit diesem Zugang
besteht die Möglichkeit, die Einheit des Ich ohne Rückgriff auf einen vor-kritischen
Substanzgedanken wie auch ohne die Reduktion auf eine Forderung durch die prakti-
sche Vernunft geltend zu machen.
G.E. Schulze, Aenesidemus oder über die Fundamente der von dem Herrn Professor Reinhold in
Jena gelieferten Elementar-Philosophie, hg. von M. Frank, Hamburg 1996, 113 ff.
G.E. Schulze, Kritik der theoretischen Philosophie, 2. Band, Hamburg 1801, 348-354.
Zu diesen Ansätzen bei Kant siehe Martin Bondeli, .Zum ontologischen Status von Kants „ur-
sprünglich-synthetischer Einheit der Apperzeption'", in: Interpretation und Argument, hg. von H.
Linneweber und G. Mohr, Würzburg 2002, 155-170.
Vgl. Enzyklopädie, GW20,429ff.
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42 Martin Bondeli (2) Es ist, wie erwähnt, ausgehend von Kants Problemlage wenig sinnvoll, auf
42
Martin Bondeli
(2) Es ist, wie erwähnt, ausgehend von Kants Problemlage wenig sinnvoll, auf die
Frage, wie Verstand und sinnliche Anschauung als heterogene Vorstellungen einander
dennoch entsprechen, mit der Annahme eines ursprünglichen Dritten zu antworten. Sinn-
voll, und dies auch vor
Kantischem Hintergrund, ist aber offenbar die Klärung der Frage,
wie das Verhältnis zwischen der
kategorial
erschlossenen (d. h.
möglichen)
und der gege-
benen, wirklichen Erfahrung genauer aufzufassen ist. Kant hat den nach dem
Prinzip der
Ermöglichung von Erfahrung
(der Form nach) geführten Beweis synthetischer
Urteile a
priori mit dem Verständnis von
.möglicher' Erfahrung
in
Verbindung
gebracht7 und die
davon unterschiedene gegebene, wirkliche Erfahrung nach der Seite
der empirischen
(nicht-apriorischen) Erfahrung
erörtert. Dadurch ergibt sich ein das Verhältnis von mögli-
cher und wirklicher Erfahrung
betreffendes Zirkel- oder Faktizitätsproblem, auf das erst-
hat.7
mals Maimón hingewiesen
Dieses Problem lässt sich folgendermaßen auf den Punkt
bringen:
Der nach dem Prin-
zip der Ermöglichung von Erfahrung geführte Beweis synthetischer Urteile a priori ist
überzeugend, erstreckt sich aber auf Gegenstände möglicher und nicht wirklicher Erfah-
rung. Dass die wirkliche
Erfahrung
unter der
möglichen Erfahrung
steht, ist damit eben-
falls bewiesen, zumal jene allein durch diese denkbar ist; nicht bewiesen ist damit
jedoch,
dass die wirkliche
Erfahrung auch genau der gesetzmäßigen Ordnung, welche durch die
mögliche Erfahrung vorgegeben wird, entspricht. Wenn eine Entsprechung von
möglicher
und wirklicher Erfahrung
angenommen wird - eine Annahme, die nahe liegend ist, weil
ansonsten die mögliche Erfahrung
als bloß konstruierte, nicht auf Wirklichkeit bezogene
Erfahrung bezeichnet werden könnte
Falle des Verhältnisses von möglicher
-, so wird dies als ein ,Faktum' vorausgesetzt. Im
und wirklicher Erfahrung ist Kants Beweis somit
zirkulär. Genau auf diese Problematik macht nun
gerade
auch
Hegel
aufmerksam, wenn
er Kant eine unzulässige Form-Stoff-Dichotomie anlastet. Denn diese Dichotomie ist für
Hegel nicht nur Zeichen eines Dualismus von
und Ding an sich, sondern auch einer schroffen
Denken und Anschauung, von Erscheinung
Trennung des Erfahrungsgegenstandes
in
eine gesetzmäßige, geordnete Formseite und eine völlig
formlose Stoffseite. In der Enzy-
klopädie wird Hegel den Vorwurf der Form-Stoff-Dichotomie
noch
präziser
in diese
Richtung explizieren und
ebenfalls zum Schluss gelangen, Kants Beweis sei nichts als die
.Erklärung' eines ,Faktums'.
Hegels
Kritik erweist sich dabei insoweit als fruchtbar, als
sie aufdeckt, dass der Kantische Beweis
Vermittlungen
im Verhältnis von
Kategorie
und
Erfahrung voraussetzt. Denn es muss erstens davon ausgegangen werden, dass Stufen der
wirklichen Erfahrung bestehen, die sich durch unterschiedliche Grade der
Annäherung
an
das Ideal möglicher Erfahrung auszeichnen. Zweitens wird bei der mit Kants Beweis ein-
hergehenden Ansicht, dass Kategorien Erfahrung (der Form nach) möglich machen und
Vgl. Kritik der reinen Vernunft, A 783, B 811.
Vgl. S. Maimón, Versuch über die Transzendentalphilosophie mit einem Anhang über die symbo-
lische Erkenntnis und Anmerkungen, Berlin 1790, 186; S. Maimón, Streifereien im Gebiete der
Philosophie, Erster Teil, Berlin 1793, 51.
Vgl. Enzyklopädie, GW20,78.
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Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten 43 dass Kategorien nur .Sinn'
Das Verhältnis Hegels zu Kant in den frühen Jenaer Texten
43
dass
Kategorien nur .Sinn' und .Bedeutung' haben, wenn sie sich auf Erfahrung bezie-
hen,78
unterstellt, dass Kategorie und Erfahrung je schon in einem Wechselverhältnis ste-
hen. Denn Kategorien können Erfahrung (der Form nach) nur ermöglichen, wenn sie Ka-
tegorien mit Sinn und Bedeutung
worden sein. Die Erfahrung, auf
sind; sie müssen somit schon auf Erfahrung bezogen
die Kategorien bezogen werden müssen, um Sinn und
Bedeutung
zu haben, muss ihrerseits schon kategorial vermittelt worden sein. Andernfalls
wüsste
man nicht, auf welche empirischen Daten Kategorien zu beziehen sind. Ist mit die-
sem kritischen Räsonnement zwar nicht aufgewiesen, dass Kants Beweis durch eine an-
dere Erkenntnismethode zu ersetzen ist, so ist doch gezeigt, dass er ergänzungsbedürftig ist.
(3) Was schließlich Hegels Einwände gegen die praktische Vernunftkritik betrifft, ist
mit dem wenig überzeugenden Formalismusvorwurf gegen das Sittengesetz noch nicht
gesagt, dass jedwede Kritik an einer Abstraktheit von Kants Moralitäts- und Rechtsver-
ständnis unangebracht ist. Eine Kritik dieser Art verfugt über einen besseren Ausgangs-
punkt, wenn das Problem der Durchsetzung der mittels Anwendung des Sittengesetzes als
gültig befundenen moralischen Gebote und juristischen Satzungen berücksichtigt wird.
Kant antwortet auf die Frage, was den realistischen Gehalt seiner Idee eines Zustandes der
Menschheit, in welchem legitime moralische Gebote und juristische Satzungen regieren,
ausmacht, mit einer Geschichtsphilosophie, bei der die Anschauung im Mittelpunkt steht,
dass die menschliche Naturgewalt sich durch innere Widersprüche zerreibt und dass da-
durch die intelligiblen, moralischen Anteile des Menschen sich entfalten und in der Bil-
79
dung moralisch-bürgerlicher Staaten und Staaten Verbindungen niederschlagen können.
Dadurch stützt Kant am Ende seine Moral- und Rechtsauffassung durch ein Geschichts-
konzept, das man als negativ oder instrumenten bezeichnen muss. Sie kennt keine posi-
tive, der nicht-instrumentellen Moral- und Rechtsauffassung korrespondierende Macht.
von moralischen Geboten und juristi-
Bei Hegel dagegen steht und fällt die Durchsetzung
schen Satzungen mit einer Verwirklichung des
Sittlichen. Nicht die Schwächung mensch-
licher Naturgewalten, sondern die Beförderung von Prozessen der Anerkennung und de-
Stabilisierung
in
Institutionen
soll
die
ren
Durchsetzung
Moral
von
und
Recht
ermöglichen.
Leider hat
Hegel
diesen Gedanken, der eine
unumgängliche
Konkretisie-
Kants Moral- und Rechtsverständnis darstellt,80 nur auf den einzelnen Staat und
rung von
nicht auch auf die von Kant geforderte Staatenföderation bezogen.
Kritik der reinen Vernunft, A 240f., B 299.
Das geschieht bekanntlich besonders in den Abhandlungen Idee zu einer allgemeinen Geschichte
in weltbürgerlicher Absicht (1784) und Zum ewigen Frieden (1795).
Dass Hegel im Rahmen dieser Konkretisierung auch Subjektprozesse beschreibt, die man unter
das Stichwort der Jntersubjektivität' subsumieren kann, ist wiederholt erörtert worden, zuletzt er-
neut bei J. Habermas, Wahrheit und Rechtfertigung. Philosophische Aufsätze, Frankfurt/M. 1999,
186ff. Erstaunlich ist allerdings, dass Hegel diesen intersubjektiven Ansatz in all seinen späteren
Stellungnahmen zur Philosophie Kant so gut wie gar nicht ins Spiel bringt. Die Kritik an Kants
abstrakter Subjektivität richtet sich nicht oder zumindest nur in vager Andeutung gegen das mo-
nologische Subjekt.
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