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HUMBOLDT – UNIVERSITÄT ZU BERLIN

Vorderasiatisches Institut - Iranistik -

Kurs: Zeitgeschichte Afghanistans seit 1945


Lesende: Dr. Helga Singh-Meier

Semesterarbeit: „Zur Lage afghanischer Flüchtlinge


in der Islamischen Republik Iran
*
seit 1979“
Von Student Ralph Kühn

Berlin, 1992

*
1:1-Abschrift der handschriftlichen studentischen Semesterarbeit bei gleichzeitiger, stillschweigender
Korrektur von grammatikalisch-orthographischen Fehlern (inkl. Anpassung an die neue deutsche Recht-
schreibung sowie der seinerzeit verwendeten Umschrift an aktuelle Standards, sofern keine Zitate betrof-
fen sind) durch den Verfasser. Die ursprünglichen Seitenangaben wurden in tiefgestellten Klammern
vermerkt. Keine inhaltliche Aktualisierung oder Änderung am Originaltext.
-1-

[2]Noch immer steht Afghanistan, eines der ärmsten Länder der Erde, im
Blickpunkt der Weltöffentlichkeit als ein von politisch-religiösem und Bruder-
zwist hin- und her gerissenes Land im Herzen Asiens. Der blutige Krieg, der
seit 1978/1979 dort tobt, hat auch nach der Unterzeichnung der Genfer Ver-
träger am 14.04.1988, dem damit verbundenen Abzug der sowjetischen
Truppen zum 15.02.1989, dem Fall von Präsident Najibullah im April 1992
und dem darauf folgenden Einmarsch der Mujahedin in Kabul kein Ende ge-
funden. Im Gegenteil, die Kämpfe gehen trotz verschiedentlicher Waffenstill-
standserklärungen weiter, nun aber zwischen den untereinander rivalisieren-
den Mujahedin-Gruppen, abwechselnd als Rebellen, (islamische) Opposition
und Widerstandskämpfer bezeichnet. Da sie es nicht vermochten, vor dem
Sturz Dr. Najibullahs, ihrem einzigen sie einigenden Ziel, sich auf für alle ver-
bindliche Leitlinien einer Form der Regierung und Verwaltung des Landes
„danach“ zu verständigen, tragen sie nun einen erbitterten Machtkampf aus,
der Afghanistan nicht zur Ruhe kommen lässt. Einmal mehr ist die (Zivil-
)Bevölkerung Opfer derartiger Auseinandersetzungen und der daraus resultie-
renden, teilweise nicht zu überschauenden Verhältnisse.
Der Krieg in Afghanistan hat die seit dem 2. Weltkrieg weltgrößte Flüchtlings-
bewegung ausgelöst, die insgesamt etwa ein Drittel der gesamten Landesbe-
völkerung erfasste. Der größte Teil dieser Menschen flüchtete nach Pakistan,
eine weitere sehr große Anzahl in den Iran. Andere ins Auslande geflüchtete
Menschen leben heute in Indien, den USA, Schweden, Australien und anderen
Staaten. Hunderttausende Menschen sind darüber hinaus im Lande selbst als
Kriegsopfer und Flüchtlinge unterwegs.
Während die Situation der Flüchtlinge in Pakistan in der (westlichen) Öffent-
lichkeit nicht zuletzt durch die Tätigkeit zahlreicher internationaler Hilfsorga-
nisationen gut bekannt gemacht wurde1, sind die Informationen über die La-
ge afghanischer Flüchtlinge im Iran vergleichsweise spärlich. Die Gründe hier-
für sind wohl in der [2]Besonderheit der Dynamik der islamischen Revolution
im Iran, den angespannten Beziehungen zwischen Teheran und Kabul sowie
den USA und ihren Verbündeten, dem eigenen iranischen Engagement in Af-
ghanistan und dem irakisch-iranischen Krieg zu suchen, während dessen
Dauer die iranische Politik andere Schwerpunkte aufwies sowie in außenpoliti-
scher Situation zu handeln hatte. Lange Zeit war der Besuch afghanischer
Flüchtlingslager bzw. ähnlicher Siedlungen im Iran durch ausländische Beob-
-2-

achter unerwünscht. Mitarbeiter des UN-Flüchtlingskommissariats (UNHCR)


konnten erst ab 1984 im Iran eine ständige Tätigkeit beginnen.
Anliegen der vorliegenden Arbeit sollen Lage und Schicksal der afghanischen
Menschen sein, die auf der Flucht vor Krieg und Verfolgungen in der Islami-
schen Republik Iran Aufnahme fanden. Dies geschieht auf der Grundlage von
einigen verschiedenen, leider nur wenigen Berichten sowie aus Presse und
Reisebeschreibungen zusammengetragener Fakten, wobei ein Anspruch auf
Vollständigkeit nicht erhoben werden kann, da zu viel Details noch immer
nicht oder nur unzureichend bekannt bzw. veröffentlicht sind.

[3]Die Flüchtlinge und deren Fluchtgründe

Die meisten afghanischen Flüchtlinge, die im Iran aufgenommen wurden,


stammen aus den westlichen Provinzen Afghanistans, wie etwa Nimroz, Herat
und Farah bzw. sind „... mit den Iranern ethnisch oder religionsverwandte
Gruppen aus anderen Teilen Afghanistans (Tajiken und schiitische Hazara).“2
Die Angaben über ihre Anzahl sind nicht immer genau bzw. schwanken. Zu-
verlässig erscheinen folgende Angaben:
▪ 1984/85: ca. 1,655 Millionen Flüchtlinge3;
▪ 1985 (Jahresende): ca. 1,9 Millionen Flüchtlinge4.
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete am 08.09.1992 von ca. 2,2
Millionen afghanischen Flüchtlingen im Iran, von denen nach Angaben der
Internationalen Organisation für Migration (IOM) ca. 800.000 „echte Flücht-
linge“, also offensichtlich politisch Verfolgte, seien.5 Auf die Zahl von 2,5 Mil-
lionen Flüchtlingen aus Afghanistan im Iran, welche im „Nahost-Jahrbuch“ für
1991 angegeben wird6, dürften die Bemerkungen von E. Grötzbach ebenso
zutreffen, wie auf die offiziellen iranischen Angaben von „über zwei Millio-
nen“7. Letzterer zweifelt die Höhe dieser Zahlen an, da die afghanischen
Westprovinzen, aus denen die Flüchtlinge meist stammten, Ende der siebzi-
ger Jahre, (d. h. 1978 und 1979) nur etwa 2,3 Millionen Einwohner gehabt
hätten. Dies beträfe die Provinzen Herat, Nimroz, Farah, Badghis, Ghor und
Helmand.8 Ein Argument, welches schlüssig erscheint, wenn die Angaben, auf
die sich Grötzbach bezieht, stimmen sollten.
Wichtiger erscheint mir, die Gründe, die zum Verlassen der afghanischen
Heimat führten zu analysieren, um diese Entscheidung sachlich bewerten und
-3-

Schlüsse auf die Bedingungen und den Ablauf des Krieges ziehen zu können.
Dazu sei allerdings noch eine Bemerkung von Michael Pohly vorangestellt:
„Pakistan und Iran, Hauptbetroffene des Flüchtlingsproblems, waren die Pa-
ten der islamistischen [4]Bewegungen und Nutznießer - in unterschiedlichem
Maße - der internationalen Hilfe. Beide diktierten den internationalen Hilfsor-
ganisationen, wie, in welcher form und an wen Hilfe zu leisten war und be-
schränkten die Selbstorganisation der Flüchtlinge. Flüchtlinge wurden zu Ge-
genständen des nationalen und regionalen Machtanspruchs des jeweiligen
Exillandes. Dies ist bei der Betrachtung der Flüchtlingssituation mit einzube-
ziehen.“9

Im Grunde lassen sich alle Fluchtgründe auf einen wesentlichen Ursprung zu-
rückführen: den Eingriff von oben (auf verschiedene Weise - von Beschrän-
kung bis hin zur Zerstörung) in das soziale Gefüge, welches bisher das Leben
des Großteils der (vor allem ländlichen) Bevölkerung Afghanistans sicherte,
ohne Rücksicht zu nehmen auf traditionelle und religiöse Strukturen und In-
stitutionen, welche bis dahin die Existenz der Bevölkerungsmehrheit be-
stimmten. Dies begann mit solchen politischen Beschlüssen, wie dem Dekret
über die Landreform, welches zwangsläufig die Strukturen des dörflichen
bzw. ländlichen Kollektivs mit seinen Klientel- und Abhängigkeitsverhältnissen
beseitigt hätte, ohne an seiner Stelle eine ähnlich funktionierende Struktur zu
schaffen bzw. schaffen zu können. Weiterhin gilt dies für ein solch sensibles
Problem wie die Achtung von Glauben und Freiheit, einer der wichtigsten
Fluchtbegründungen. Dazu zählt die Furcht vor ökonomischen Schwierigkei-
ten infolge der Vernichtung von Ernten und der Zerstörung von Bewässe-
rungsanlagen und Siedlungen nach Kampfhandlungen, wobei besonders die
Flächenbombardements durch Luftstreitkräfte der UdSSR genannt wurden.
Eine große Rolle spielte auch die Angst, zwischen den Frontlinien stehend
Kämpfen zwischen sowjetisch-afghanischen Einheiten und Mujahedin-
Gruppen bzw. den Mujahedin-Gruppen untereinander zum Opfer zu fallen. Ein
weiterer Fluchtgrund wurde mit Rekrutenaushebungen für die afghanischen
regulären Streitkräfte genannt.10 Ein besonders kompliziertes Problem ist die
zum Teil künstliche Schaffung und Manipulierung von Flüchtlingen durch ver-
schiedene [5]Oppositionsgruppen, um zum einen politisch-militärischen Ein-
fluss über diese Menschen zu erreichen (d. h., sie faktisch zum Spielball eige-
-4-

ner Interessen zu machen), zum anderen, um einen besonderen „Anspruch“


auf Unterstützung von außerhalb zu formulieren.11 Dies ist ein auch aus an-
deren Konfliktregionen der Welt bekanntes Phänomen. Fachleute sprechen
hier vom so genannten pull factor bzw. assistance syndrome. Der Mitarbeiter
an der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Generalmajor d. R.
V. N. Spol’nikov, äußerte 1988 in einem Interview: „Mit voller Überzeugung
kann man sagen, dass die massenhafte Emigration von Bauern nach Pakistan
und Iran direkte Folge der zielgerichteten Tätigkeit der Konterrevolution bei
aktiver Unterstützung der Gutsbesitzer, Khane und Mullahs ist.“12 Ich denke,
dass diese Meinung in ihrer derart absoluten Form nicht aufrecht zu erhalten
ist. Spol’nikov scheint hier die Folgen einer Entwicklung, an der die Sowjet-
union leider maßgeblichen Anteil hat, ein wenig aus den Augen verloren zu
haben und unterschätzt die enorme Wichtigkeit der Funktion z. B. des khan
innerhalb des ländlichen Kollektivs. Allerdings soll eine Diskussion hierüber
nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein.

Afghanische Flüchtlinge im Iran

Bei der Auswertung der verschiedenen Berichte lassen sich mehrere Etappen
in der iranischen Politik gegenüber der afghanischen Flüchtlingsbewegung
feststellen.
1. Die Jahre 1978 und 1979. Hierüber gibt es allerdings kaum bzw. keine
Angaben, zumindest konnte ich dergleichen nicht feststellen. Es be-
steht offensichtlich eine weitgehende Unklarheit, wie viele Afghanen
nach dem „Ereignis“ der Aprilrevolution 1978 in den Iran kamen.
2. Mit Ansteigen des Flüchtlingsstromes nach dem Einmarsch sowjetischer
Truppen in Afghanistan (Dezember 1979) bis zum Beginn des irakisch-
iranischen Krieges (September 1980).
[6] 3. 1980 bis 1988. D. h. während des Andauerns des irakisch-iran-
ischen Krieges.
4. Nach Beendigung des Krieges mit dem Irak (Inkrafttreten des unter
UNO-Vermittlung zustande gekommenen Waffenstillstandes am
20. August 1988).
Position und Verhalten der iranischen Regierung waren während dieser Zeit
Veränderungen unterworfen, die vor allem in der schwierigen politischen Si-
-5-

tuation Irans bezüglich des Verhältnisses zum Nachbarn Iran begründet ge-
wesen sein dürften. Der 1. Golfkrieg hatte für den Iran schwere ökonomische
und soziale Folgen. Dies führte zu teilweise strengen Regelungen und Maß-
nahmen der iranischen Regierung im Umfang bzw. in der „Verwaltung“ der
afghanischen Flüchtlinge.

Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen zeigte sich der Iran, der diese
Aktion verurteilte als gegen den Iran und alle Muslime gerichtete Einmi-
schungspolitik, gegenüber den eintreffenden Flüchtlingen relativ großzügig.
Sie wurden bereitwillig aufgenommen, erhielten in im Grenzgebiet eingerich-
teten Auffanglagern erste medizinische Betreuung. Wichtigste dieser Auffang-
lager waren Karkarah, Seidan, Sabzewar, Kerman und Tayyabad. Dort
verblieben die Flüchtlinge mehrere Tage bis zu etwa zwei Monaten, bevor sie
an andere Orte weitergeleitet wurden, dabei immer unter Kontrolle der irani-
schen Behörden stehend. Politische und arbeitsrechtliche Beschränkungen
existierten zunächst nicht, auch konnten sich die afghanischen Flüchtlinge
relativ frei im Lande bewegen. Insgesamt wurden sie in zwölf Provinzen an-
gesiedelt13, wobei die wichtigsten die Provinz Khorasan (zuletzt 600.000
Flüchtlinge), Mashhad (250.000), Isfahan, Teheran, Fars, Yazd, Kerman (je
150.000) sowie Sistan-Belutschistan (120.000) sind14. Die Angaben beruhen
vorwiegend auf verschiedenen Schätzungen. P. Schütt berichtet in einer 1988
veröffentlichen Reisebeschreibung über den Iran von etwa 500.000 Flüchtlin-
gen aus Afghanistan in der Umgebung von Mashhad und schreibt: [7]„Viele

der Flüchtlinge hausen, notdürftig ernährt und medizinisch betreut von der
UNO-Flüchtlingshilfe, in Zeltlagern, in selbstgebauten Lehmhütten ohne Was-
ser- und Stromanschluß oder in heruntergekommenen, von der einheimi-
schen Bevölkerung aufgegebenen Vorortsiedlungen.“15 W. Dietl berichtete
1984 von drei iranischen Flüchtlingslagern in Kashmar, Sabzewar und Kaen in
denen sich 30.000 Menschen, ausnahmslos Sunniten, befunden haben sol-
len.16 Ende August 1992 berichteten deutsche Journalisten von insgesamt 3
Millionen afghanischen Flüchtlingen im Iran und „Zehntausenden“, die in der
Hauptstadt der Provinz Sistan-Belutschistan Zahedan und deren Umgebung
lebten. In den Vorstädten von Zahedan betrage der Anteil von Afghanen teil-
weise bis zu 80%.17 Leider fehlen in der Regel genaue offizielle Berichte, die
derartige Berichte bestätigen oder u. U. korrigieren könnten.
-6-

Wie bereits erwähnt, wurden die afghanischen Flüchtlinge durch den Iran be-
reitwillig aufgenommen. In ihnen wurden vom Kommunismus unterdrückte
moslemische Glaubenskrieger gesehen, aber auch willkommene, billige
(Gast-)Arbeitskräfte. Arbeits- und Bewegungsbeschränkungen gab es zu-
nächst nicht, die iranische Regierung übernahm formale Gleichbehandlungs-
garantien, wie etwa für die Lohnauszahlungen an Afghanen, erlaubte den Be-
such von Hochschulen und Universitäten. Diese Haltung des Iran ermöglichte
auch die Betätigung afghanischer, nicht nur islamischer, sondern auch libera-
ler politischer Gruppierungen. Die liberalen unter ihnen wurden allerdings
bald verdrängt. Es ließen sich in der Folgezeit Vertreter von Widerstands-
gruppen bzw. Parteien mit Hauptsitz Peshawar im Iran nieder und arbeiteten
zum Teil sehr eng mit den iranischen Behörden zusammen, wie etwa die
Hizb-i islami (unter Hekmatyar), Jamiat-i islami (Rabbani), Hizb-i islami „2“
(Khalis).18 Jene hatten breite Möglichkeiten, im Namen des Heiligen Krieges
jihad gegen die sowjetischen Truppen und die Kabuler Regierung im Iran
Freiwilligen-Werbung zu organisieren, iranisches Territorium als Rückzugsge-
biet zu nutzen. Auch duldete die iranische [8]Regierung die Beschaffung von
Waffen (in der Regel über Pakistan) für die afghanischen Mujahedin.

Eine allmähliche Wandlung des iranischen Verhaltens setzte mit dem Beginn
des 1. Golfkrieges ab September 1980 ein. Die im bzw. von Iran aus operie-
renden Peshawarer Gruppen mussten nunmehr Auflagen erfüllen, d. h., es
wurde ein Tätigkeitsnachweis von ihnen verlangt und ihre Möglichkeiten ein-
geschränkt.
Die afghanischen Flüchtlinge selbst unterlagen nun zunehmenden Beschrän-
kungen in ihrer Bewegungsfreiheit sowie der Lohnarbeit. Sie wurden zuneh-
mend in niederen Berufen eingesetzt, um an der Front befindliche Iraner fak-
tisch zu ersetzen. Die iranischen Revolutionswächter (pasdaran) richteten in
Flüchtlingslagern Werbebüros ein, um Afghanen als Freiwillige für den
Kriegseinsatz gegen den Irak anzuwerben. Die neue iranische Haltung ist of-
fenbar nicht weiter offiziell begründet worden, zumindest konnte ich in den
von mir herangezogenen Quellen keine Anhaltspunkte dafür finden. Zu erklä-
ren ist sie m. E. mit neuen Ansprüchen an innere Sicherheit, Stabilität sowie
Kontrolle infolge des Krieges gegen den Irak und wachsenden sozial-
-7-

ökonomischen Spannungen und Belastungen im Inland, bedingt zum einen


durch den Krieg, zum anderen die massenhafte Fluchtbewegung von Afgha-
nen in den Iran. Dies und die Idee des Exports der islamischen Revolution
dürfte auch die iranische Regierung dazu bewegt haben, sich selbst stärker
als bisher im Konflikt in Afghanistan zu engagieren. Es wurde etwa 1981 da-
mit begonnen, „eigene“ Organisationen schiitisch-islamistischer Prägung ins
Leben zu rufen, die ihre Mitglieder aus afghanischen Flüchtlingen rekrutier-
ten. Zu ihnen zählen die Sipah-i pasdaran, Nasr, Hizbullah, Pasdaran-i jihad,
Joudullah u. a.19 Bei der Gruppierung Joudullah handelt es sich angeblich um
eine (Tarn-)Organisation, die der Hizb-i islami unter Gulbuddin Hekmatyar
zugehörig sein soll.20 Im weiteren Zeitverlauf mussten die Peshawar-Gruppen
allerdings ihre Vertretungen im Iran wieder aufgeben, da sich die Bedingun-
gen für sie zunehmend verschlech[9]terten, davon unbetroffen waren nur Ja-
miat-i islami sowie Harakat-i inqilab-i islami, da sie weitgehend auf die irani-
sche Linie gewechselt waren. Dagegen konnten sich die neu entstandenen
Organisationen mit Unterstützung der iranischen Regierung schnell etablie-
ren, genossen relativ große Bewegungsmöglichkeiten und entfalteten rege
Aktivitäten unter den afghanischen Flüchtlingen. Weiterhin führte Iran eine
Meldepflicht für alle Waffen ein, die von Pakistan aus in die Hände der Muja-
hedin im Iran gelangten. Damit erhöhten sich die Kontrollmöglichkeiten über
die Widerstandsgruppen, welche inzwischen faktisch offiziellen Charakter und
Status erhielten.

Eine weitere Einschränkung erfuhren die afghanischen Flüchtlinge im Jahre


1982 mit der Bildung der Shura-i afghana durch die Regierung. Diese Behör-
de hatte zu Beginn einen Jahresetat von 40 Millionen Dollar21 und war die für
die Fragen bezüglich der afghanischen Flüchtlinge verantwortliche Stelle der
Regierung, formell dem Innenministerium unterstehend. Durch die Shura-i
afghana wurden den Flüchtlingen Inlandvisa erteilt, was deren Mobilität er-
schwerte. Das Regime in den Auffanglagern wurde stark reglementiert. Die
gesundheitlich zum Teil sehr geschwächten Flüchtlinge erhielten weiterhin
eine medizinische Grundbetreuung, unterlagen aber strengen Verhaltensvor-
schriften in den Lagern. Bekannt ist, dass Familien getrennt wurden; zum
einen, da Frauen und Kinder sowie Männer häufig in verschiedene Lager ge-
-8-

bracht wurden; zum anderen wurden Anfang der achtziger Jahre wehrfähige
Männer teilweise abgewiesen bzw. zurückgeschickt.
Beim Verlassen der Auffanglager erhielten die Flüchtlinge einen Gesundheits-
nachweis sowie ein Dokument, welches ihnen erlaubte, an bestimmte Orte zu
reisen, wo sie sich zu melden hatten. Allerdings wurden durch die Behörden
meist Sammeltransporte eingerichtet. An ihrem Bestimmungsort erhielten die
Flüchtlinge von der Ortsstelle der Shura-i afghana Identitätspapiere, Lebens-
mittelbezugsscheine sowie eine Wohnraumzuweisung etc.
Die Bestimmungen über die Bewegungsfreiheit wurden 1983 nochmals ver-
schärft, [10]als die bis dahin gültigen Personaldokumente durch neue Papiere
ersetzt wurden, die es nicht erlaubten, den Aufenthaltsort ohne weiteres zu
verlassen bzw. in einen anderen Ort zu wechseln. Dies machte die Mobilität
vieler afghanischer Flüchtlinge, die sich als Saison- bzw. Wanderarbeiter ver-
dingten, zunichte. Die iranische Regierung erließ darüber hinaus ein Verbot
für Taxi- und Omnibusfahrer, in ihren Fahrzeugen Afghanen zu befördern.
Dieses Vorgehen der Regierung Irans hatte vor allem handfeste sozial-
ökonomische Gründe, da sich die wirtschaftliche Situation durch den irakisch-
iranischen Krieg verschärfte und durch die Flucht vieler Iraner vor der islami-
schen Revolution ein enormer Geldabfluss ins Ausland zu verzeichnen war.
Hinzu kam, dass ca. eine Million Obdachlose und Flüchtlinge aus den Kriegs-
gebieten an der iranisch-irakischen Grenze umgesiedelt werden mussten.22
Inflation und Arbeitslosenrate stiegen drastisch an. Von Entlassungen infolge
der nachlassenden Wirtschaftsfähigkeit der Betriebe waren in der Regel zu-
erst Afghanen betroffen. Auch war das Verhältnis zwischen Iranern und Af-
ghanen durch die wachsenden sozialen Spannungen stark belastet. Im Laufe
der Zeit entspann sich eine regelrechte Kampagne gegen Afghanen, die von
der öffentlichen Meinung für die ökonomischen Probleme verantwortlich ge-
macht wurden. Offizielle iranische Behörden begünstigten direkt und indirekt
durch ihre Entscheidungen und Stellungnahmen eine derartige Entwicklung,
offenbar auch, um gezielt innenpolitische Schwierigkeiten und Zündstoff zu
kanalisieren bzw. zu verschleiern. Afghanen wurden in der Öffentlichkeit als
Diebe, Vergewaltiger und Mörder verunglimpft. Der iranische Generalstaats-
anwalt erklärte in einer Zeitung: „Afghanen sind Verbrecher.“23 Auch Ali Ak-
bar Rafsanjani, „zweiter Mann“ hinter Ayatollah Khomeini, äußerte sich 1984
dahingehend, dass die Afghanen Hauptverantwortliche für Arbeitslosigkeit
-9-

und ökonomische Krise, für das Zunehmen von Schmuggel und Verbrechen
seien.24 Die Folgen waren verheerend. Nach dieser Erklärung „... mußten
sämtliche afghanischen Flüchtlinge, die in einem Gebietsstreifen von 30 km
zur afghanisch-iranischen [11]Grenze lebten, dieses Gebiet räumen. Viele Af-
ghanen hatten sich bereits wieder eine kleine Existenz aufgebaut, Geschäfte
in Gang gebracht oder sich Häuser gebaut, Land gekauft oder gepachtet. All
dies mussten sie innerhalb einer Woche aufgeben, ihre Häuser und Sachen
verloren rapide an Wert, und oftmals wechselten diese den Besitzer zu 1/10
des üblichen Preises. Löhne sowie andere Außenstände wurden den Flüchtlin-
gen nicht mehr gezahlt, viele dieser Menschen verloren so innerhalb kurzer
Zeit zum zweiten Mal ihr Hab und Gut.“25 Als Folge davon flohen etliche Schii-
ten aus Zentralafghanistan nach Pakistan oder kehrten wieder in ihre Heimat
zurück. Gleichfalls erschwerte Iran damit im Westen Afghanistans operieren-
den unabhängigen Mujahedin-Verbänden den Zugang zu ihren Rückzugsmög-
lichkeiten auf iranischem Gebiet, was zum Teil zu großen Opfern und Verlus-
ten unter ihnen führte.

Die Lebensbedingungen für die afghanischen Flüchtlinge sowie ihr Verhältnis


zu den Iranern bargen außerordentlich großen sozialen Zündstoff. Er entlud
sich derartig, dass es seit 1985 in mehreren Städten zu offenen Auseinander-
setzungen zwischen Afghanen und Iranern kam, u. a. in Mashhad, Isfahan,
Shiraz und Qom. Frauen wurden gedemütigt und misshandelt, Männern Bärte
ausgerissen. Iranische Behörden sahen den Übergriffen gegen Afghanen in
der Regel tatenlos zu. Teilweise wurden Afghanen verhaftet, nicht selten spä-
ter afghanischen Behörden übergeben oder in das iranisch-afghanische
Grenzgebiet verbracht. Im Ergebnis solcher Ereignisse nahmen die Beschrän-
kungen für afghanische Flüchtlinge zu. Ihre Bewegungsfreiheit wurde auf
ausschließlich einen Ort festgeschrieben. Auch durften sie nur noch in be-
stimmten Berufen Lohnarbeit verrichten. Dieser Erlass betraf traditionell als
unrein angesehene Berufe, wie etwa als Arbeiter im Brunnenbau oder in
Steinbrüchen. Nachdem iranische Parlamentsabgeordnete gegen derartige
Praktiken protestierten, wurde dieser Erlass ersetzt durch eine Verordnung,
der Afghanen wieder die Arbeit in allen Berufen [12]formell erlaubte. Allerdings
musste dafür im Bedarfsfalle ein Gesundheitszeugnis vorgelegt werden, so
dass sich für die Afghanen selbst praktisch nichts änderte. 1985 wurde ver-
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ordnet, dass afghanische Flüchtlinge, die einer Beschäftigung nachgingen,


hierfür eine Arbeitserlaubnis benötigten, während iranische Bürger, welche
Afghanen zur Arbeit einstellten, zur Zahlung von 3.000 toman verpflichtet
wurden, die meist aber durch die Afghanen zu erbringen waren. Da die Ar-
beitserlaubnis ausschließlich auf den Arbeitgeber ausgestellt war, wurde ein
Wechsel der Arbeitsstelle, sofern man eine erhielt, sehr schwierig und war mit
erheblichem bürokratischen und zum Teil finanziellen Aufwand verbunden.
Dies führte oft dazu, dass afghanische Arbeiter ihrem Arbeitgeber faktisch
schutzlos ausgeliefert waren. Schlechte Arbeitsbedingungen und geringe Ent-
lohnung waren die Folge.

Die Eskalation des Krieges zwischen Iran und Irak 1986 führte zunächst zu
einer zeitweisen Veränderung des Engagements Irans bezüglich der afghani-
schen Flüchtlinge und im Konflikt in Afghanistan selbst. U. a. wurde das Jah-
resbudget der Flüchtlingsbehörde Shura-i afghana um 20 Millionen Dollar ge-
kürzt.26Die Aufmerksamkeit bei der Beobachtung der Ereignisse in Afghanis-
tan sowie der Einflussnahme auf afghanische schiitische Organisationen bzw.
Gruppierungen blieb ungebrochen groß. Wichtigstes politisches Motiv dürfte
auch hier die Verbreitung bzw. der Export der Idee von der islamischen Revo-
lution gewesen sein. Auch blieb die iranische Position zu einer politischen Lö-
sung des Konflikts in Afghanistan unnachgiebig in ihrem Beharren auf dem
schnellstmöglichen Abzug der sowjetischen Truppen, der Forderung nach
Rücktritt der afghanischen Regierung und dem Wunsch nach „... der Schaf-
fung eines blockfreien Staates, gegründet auf den Konsens und die Glau-
bensüberzeugung des moslemischen afghanischen Volkes.“27 Gleichfalls wies
Iran die Politik anderer Staaten in dieser Region, konkret waren die USA ge-
meint, zurück. Aus dieser Position heraus entwickelte die iranische Regierung
ihren Vorschlag zur politischen Lösung des Afghanistan-Konflikts durch eine
vierseitige Konferenz, [13]an der die UdSSR, Pakistan Iran sowie Vertreter der
afghanischen Mujahedin teilnehmen sollten, der jedoch nicht verwirklicht
wurde. Statt dessen waren die indirekten Verhandlungen zwischen Afghanis-
tan und Pakistan durch Vermittlung der Vereinten Nationen in Gang gebracht
worden. Ihnen jedoch stand die iranische Regierung weitgehend ablehnend
gegenüber. Nach Aussagen des damaligen afghanischen Außenministers Ab-
dul Wakil in einem Interview unmittelbar nach Unterzeichnung des Genfer
- 11 -

Vertragspaketes am 14.04.1988 hat die iranische Regierung dem UNO-


Vertreter Diego Cordovez jedoch mitgeteilt, dass sie in der Flüchtlingsfrage
bereit sei, teilweise ähnliche Verpflichtungen zu übernehmende wie Pakistan,
ohne sie allerdings konkreter zu benennen.28

Während die Lage der afghanischen Flüchtlinge im Iran weitgehend unverän-


dert blieb(allerdings begannen offenbar schon größere Gruppen mit ihrer
Rückkehr nach Afghanistan), stieg nach Unterzeichnung der Genfer Verträger
sowie dem Inkrafttreten des irakisch-iranischen Waffenstillstandsabkommens
im Sommer 1988 die Aktivität des Iran in der Afghanistan-Frage wieder an.
Die äußerte sich z. B. deutlich in mehreren Versuchen, zwischen den zerstrit-
tenen Mujahedin-Gruppierungen zu vermitteln, wenn auch dies mit Blick auf
eigene Interessen sowie die iranisch unterstützten Widerstandsorganisationen
und Parteien sicher nicht nur aus uneigennützigen Motiven geschah. Beispiel-
haft hierfür ist sicher die Reise von Irans stellvertretendem Ministerpräsiden-
ten Ali Reza Moajeri am 12.02.1989 nach Pakistan. Dort war es auf einer Be-
ratenden Versammlung der Mujahedin in Rawalpindi über eine etwaige Über-
gangsregierung für Afghanistan zum Eklat gekommen, als die schiitischen
Gruppierungen Forderungen nach mehr Einfluss und mindestens einhundert
der insgesamt 536 Delegiertenstimmen erhoben, was von der sunnitischen
Mehrheit abgelehnt wurde.29 Trotz aller Versuche der Einflussnahme, nicht
nur des Irans, gelang es auch 1989-1991 nicht, die oft nur bei Lippenbe-
kenntnissen [14]gemeinsame Sprache sprechenden Mujahedin-Führer tatsäch-
lich zu einigen, da jene im einzelnen zu sehr auf ethnisch und religiös be-
stimmten Positionen beharrten.
Darüber hinaus hat der 2. Golfkrieg das Seine getan, um den Widerstand in
verhärtete Fronten zu spalten, als sich die verschiedenen Parteien wiederum
nicht auf eine gemeinsame Position verständigen konnten. Der Iran setzte auf
strikte Neutralität. Pakistan beteiligte sich als Verbündeter der Alliierten ge-
gen den Irak, den wiederum Gulbuddin Hekmatyar unterstützte. Dennoch war
das weitere Jahr 1991 von Bemühungen Irans und Pakistans geprägt,, unter
Ausübung von Druck einigenden Einfluss auf die zerstrittenen Allianzen der
Mujahedin zu nehmen, wovon u. a. eine Reise von Irans Außenminister Ve-
layati nach Islamabad zeugt. Er übte scharfe Kritik an G. Hekmatyar und warf
ihm mangelnde Dialogbereitschaft vor, da er Verhandlungen mit der Regie-
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rung strikt ablehnte. Dagegen entspannten sich die Beziehungen zwischen


Teheran und Kabul in einer Weise, die es zuließ, dass iranisch Flugzeuge im
Herbst 1991 mit Duldung Kabuls Hilfsgüter in zentrale afghanische Landestei-
le (Hazarajat) transportieren konnten. Im Jahre 1992 kontrolliert Iran fak-
tisch „... über von ihm finanzierte Milizen weite Teile“ Afghanistans und Ka-
buls, „... die westafghanische Stadt Herat wird praktisch von iranischen Emis-
sären regiert. Teheran liefert Lebensmittel, Treib- und Brennstoffe, die Ver-
sorgung bräche sofort zusammen, sperrte Teheran der Nachschub.“ In ähnli-
cher Weise davon betroffen sind Bamyan, Band-i Amir und Chakcharan.30

Zusammenfassung und Ausblick

Die Aufnahme der afghanischen Flüchtlinge stellte für den Iran eine erhebli-
che sozial-ökonomische und politische Belastung dar. Die iranische Flücht-
lingspolitik war nicht zuletzt wegen dieser Schwierigkeiten Veränderungen
unterworfen, die der jeweiligen Situation Rechnung tragen sollten.
[15]Alle von mir herangezogenen Berichte sprechen von:
1. einer starken ideologischen Einflussnahme durch den Iran im Sinne der
islamischen Revolution bis hin zur Indoktrinierung von vom Iran aus
operierenden afghanischen Oppositions- und Widerstandsgruppen;
2. strengen Reglementierungen für Organisierung und Kontrolle des Auf-
enthaltes afghanischer Flüchtlinge im Iran;
3. von in ihrem Umfange nicht zu unterschätzenden materiellen und fi-
nanziellen Aufwendungen und Leistungen Irans für die afghanischen
Flüchtlinge, denen zumindest ein ausreichendes Minimum an Versor-
gung gewährt wurde.
Offiziellen Angaben zufolge wandte die iranische Regierung von 1980 bis
1986 120 Millionen Dollar für medizinische Behandlung und Erstversorgung
der Flüchtlinge in den Auffanglagern auf, darunter Mittel zur Malariabehand-
lung.31 Der Tätigkeit internationaler Hilfsorganisationen sowie der UNHCR zu-
gunsten der Flüchtlinge stand Iran lange Zeit skeptisch-ablehnend gegen-
über. Zwar erlaubte die Teheraner Regierung 1983 und 1984 einzelne Hilfs-
liefrungen, eine ständige UN-Vertretung zur Flüchtlingsbetreuung gestattete
sie erst ab Ende 1984.
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Die Lebensbedingungen der afghanischen Flüchtlinge gestalteten sich insge-


samt kompliziert. Der Verlust ihrer bisherigen Umwelt, die Begegnung mit
ihnen teilweise fremden politischen und ökonomischen Verhältnissen, gewisse
Unterschiede von Sitten und Gebräuchen ließen die Flüchtlinge Erfahrungen
sammeln, die mit ihren bisherigen Anschauungen relativ wenig gemein hatten
und unter Umständen nach ihrer Rückkehr in die Heimat und beim Wieder-
aufbau zum Tragen kommen können.
Aufgrund der ökonomisch stark angespannten Situation im Iran sowie politi-
scher Entscheidungen der iranischen Regierung war eine soziale und juristi-
sche Gleichberechtigung der afghanischen Flüchtlinge mit den Bürgern Irans
nicht gegeben, was zu Konflikten zwischen ihnen sowie zwischen Flüchtlingen
und der Staatsmacht führte. Nicht [16]wenige Afghanen verließen daraufhin
den Iran.
Die Genfer Verträge, der Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan
und schließlich der Sturz der Regierung Najibullah im Frühjahr 1992 ließen
eine etwaige Rückkehr der Flüchtlinge nach Afghanistan als realistisch und
möglich erscheinen. Die Frage der Flüchtlingsrückkehr war aber bereits eher
aufgeworfen worden. Die Politik der nationalen Aussöhnung sowie eine Erklä-
rung über eine halbjährige Waffenruhe (Januar 1987) der Kabuler Regierung
sollten bereits die Heimkehr von Rückkehrwilligen ermöglichen. Bis zum Früh-
jahr 1987 sollen über 40.000 Flüchtlinge davon Gebrauch gemacht haben.32
Zusätzlich setzte die UNHCR ein Programm für humanitäre und Wirtschafts-
hilfe in Gang, dessen Leiter, Sadruddin Aga Khan, im Dezember 1988 über
200.000 Rückkehrer (seit 1987) informierte, welche nach Aussagen der af-
ghanischen Regierung vorwiegend aus dem Westen des Landes, vor allem
den Gebieten um Herat, stammten33, während Anfang 1989 eine Zahl von
170.000 registrierten Rückkehrern veröffentlicht wurde.34 Eine Lösung des
Flüchtlingsproblems kann jedoch sicher erst jetzt ernsthaft in Angriff genom-
men werden, wobei internationale Hilfe unerlässlich ist. 200.000 sollen bis
Ende Juli 1992 aus dem Iran, 800.000 aus Pakistan zurückgekehrt sein.35 Die
UN-Flüchtlingskommission gewährt rückkehrwilligen Familien eine Über-
gangsunterstützung von umgerechnet ca. 200 DM sowie 300 kg Getreide.36
Der Erfolg der Rückführungsbemühungen dürfte aus mehreren Gründen zu-
mindest im Augenblick fraglich sein. Die anhaltenden Kämpfe zwischen rivali-
sierenden Mujahedin-Verbänden vor allem in und um Kabul (zwischen ira-
- 14 -

nisch unterstützten Schiiten und Sunniten) führten zu einer erneuten Flucht-


bewegung im Lande, vor allem aus dem Hauptstadtbereich. Die Wiederbe-
siedlung der verlassenen Dörfer und Siedlungen wird durch Minen, die UNHCR
spricht von über 10 Millionen im ganzen Land37, noch Hinterlassenschaft des
Krieges, behindert. Trotz der erheblichen Belastungen durch den Aufenthalt
von Flüchtlingen in Pakistan und Iran dürfte für beide [17]Staaten die massen-
hafte Rückkehr von Afghanen in ihre Heimat erneut erhebliche Schwierigkei-
ten mit sich bringen. Schließlich waren und sind sie eine nicht zu unterschät-
zende ökonomische Größe und ein plötzliches Abfließen der von ihnen im
Laufe der Jahre mühsam erarbeiteten Werte und Mittel dürfte wohl kaum im
Interesse Irans bzw. Pakistans liegen, so dass hier u. U. noch Maßnahmen
beider als wahrscheinlich erscheinen.
Eine wirklich umfassende und endgültige Lösung des Flüchtlingsproblems
kann allerdings nur mit einer tatsächlichen politischen Lösung für Afghanistan
einhergehen. Voraussetzung für beides ist ein baldiges Ende des sinnlosen
Blutvergießens in Afghanistan.

[18]Anmerkungen und Quellen

1
Vergleiche hierzu: Wiebe, Dietrich: Vom Flüchtlingslager zur Flüchtlingssiedlung. -
IN: Grötzbach, Erwin (Hrsg.): Neue Beiträge zur Afghanistanforschung. (Schriftenrei-
he der Bibliotheca Afghanica; Bd. 6). Liestal 1988. S. 47 ff.
2
Opitz, Peter J.: Das Weltflüchtlingsproblem. Ursachen und Folgen. München 1988.
S. 143.
3
Ermacora, Felix: Bericht über die Lage der Menschenrechte in Afghanistan. Bonn
1985. S. 22.
4
Nyrop, Richard F.; Seekins, Donald M.: Afghanistan - a country study. Washington
1986. S. 255.
5
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.09.1992.
6
Koszinowski, Thomas; Mattes, Hanspeter / Deutsches Orient-Institut (Hrsg.): Nah-
ost-Jahrbuch 1991. Opladen 1992. S. 80.
7
Grötzbach, Erwin: Afghanistan : eine geographische Landeskunde. (Wissenschaftli-
che Länderkunden; Bd. 37). Darmstadt 1990. S. 60.
8
Ebenda.
9
Pohly, Michael: Krieg und Widerstand in Afghanistan. Ursachen, Verlauf und Folgen
seit 1978. (Studien zum modernen islamischen Orient; Bd. 6). Berlin 1992. S. 391.
10
Pohly, Michael: a. a. O.; S. 387 ff.
11
Pohly, Michael: a. a. O.; S. 391.
12
Azija i Afrika segodnja, Moskva: 12/1988. S. 20.
13
Ermacora, Felix: a. a. O.; S. 22.
14
UNHCR-Schätzungen. Zitiert nach Pohly, Michael: a. a. O.; S. 415.
15
Schütt, Peter: ... wenn fern hinter der Türkei die Völker aufeinanderschlagen. Be-
richt einer Reise in den Iran. Köln 1988. S. 188.
- 15 -

16
Dietl, Wilhelm: Brückenkopf Afghanistan. Machtpolitik im Mittleren Osten. München
1984. S. 88.
17
Zweites Deutsches Fernsehen, Mainz: „Auslandsjournal“ vom 31.08.1992.
18
Zur Thematik der afghanischen Widerstandsorganisationen [19]siehe z. B.:
Samimy, S. M.: Hintergründe der sowjetischen Invasion in Afghanistan. Bo-
chum 1981.
Grevemeyer, Jan-Heeren: Religion, Ethnizität und Nationalismus im afghani-
schen Widerstand. -
IN: Leviathan - Zeitschrift für Sozialwissenschaft; 1/1985. S. 115-128.
19
Kutschera, Chris: Forgotten Refugees : Afghans in Iran. - IN: The Middle East; No.
142 (August) 1986. S. 47.
20
Pohly, Michael: a. a. O.; S. 417.
21
Kutschera, Chris: a. a. O.; S: 47.
22
Ebert, Hans-Georg; Fürtig, Henner; Müller, Hans-Georg: Die Islamische Republik
Iran. Berlin 1987. S. 175.
23
Zitiert nach: Dietl, Wilhelm: a. a. O.; S. 89.
24
Nach Pohly, Michael: a. a. O.; S. 418.
25
Ebenda.
26
Kutschera, Chris: a. a. O.; S. 46.
27
Irans Außenminister Velayati im Februar 1987 nach einer Moskau-Reise. Zitiert
nach: Braun, Dieter; Ziem, Karlernst: Afghanistan : Sowjetische Machtpolitik - Isla-
mische Selbstbestimmung. Innerafghanische Prozesse, regionale Konfliktfolgen, in-
ternationale Verflechtungen. (Aktuelle Materialien zur Internationalen Politik; Bd. 17).
Baden-Baden 1988. S. 193.
28
Interview mit Abdul Wakil: Novoe vremja, Moskva: 17/1988. S. 7.
29
Pravda; Moskva: 12.02.1989. Süddeutsche Zeitung: 14.02.1989. Die Zeit: Nr. 8,
17.02.1989.
30
Der Tagesspiegel: 25.07.1992.
31
Kutschera, Chris: a. a. O.: S. 44.
32
Novoe vremja, Moskva: 17/1987. S. 21.
33
Novoe vremja, Moskva: 51/1988. S. 25.
34
Exo planety, Moskva: 2/1989. S. 21.
35
Frankfurter Allgemeine Zeitung: 31.07.1992.
36
Ebenda.
37
Zweites Deutsches Fernsehen, Mainz: „Auslandsjournal“ vom 31.08.1992.