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APuZ

Aus Politik und Zeitgeschichte


26/2009 · 22. Juni 2009

Geld
Hans Christoph Binswanger
Die Rolle von Geld und Kapital in unserer Gesellschaft

Stephan Schulmeister
Der Boom der Finanzderivate und seine Folgen

Harald Klimenta
Probleme und Chancen der deutschen Bankenlandschaft

Frank Bertsch · Werner Just


Suche der Verbraucher nach verantwortlichen Kreditinstituten

Dieter Korczak
Der öffentliche Umgang mit privaten Schulden

Stefan Hradil
Wie gehen die Deutschen mit Geld um?

Michael-Burkhard Piorkowsky
Lernen, mit Geld umzugehen

Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament


Editorial
Seit Beginn der 1990er Jahre haben sich Real- und Finanzwirt-
schaft auseinander entwickelt, seit 2000 in zunehmendem
Tempo. Wissenschaftler sprechen von einer Entwicklung des
„Realkapitalismus“ zum „Finanzkapitalismus“. Ursächlich
dafür ist eine Verlagerung des Gewinnstrebens auf den Finanz-
sektor. Diese führt dazu, dass das Wachstum der Real- zuneh-
mend hinter dem der Finanzwirtschaft zurückbleibt: mit allen
negativen Folgen für die Gesamtwirtschaft.

Banken – die Akteure von Finanztransaktionen – sind für das


Funktionieren des Wirtschaftssystems unerlässlich. Deshalb
greifen ihnen die Regierungen im Schadensfall unter die Arme.
Die Bundesregierung hat am 13. Mai 2009 einen Gesetzentwurf
zur Gründung staatlich gestützter Zweckgesellschaften (bad
banks) zur freiwilligen Auslagerung „toxischer“ Bankpapiere
verabschiedet. Ziel ist es, das Kreditgeschäft wieder zu beleben.
Die Banken sollen für die staatlichen Garantien Gebühren zah-
len. Dass sie unter diesen Bedingungen die faulen Papiere tat-
sächlich auslagern werden, wird von Kritikern bezweifelt.

Banker tragen für ihr risikobehaftetes Tun außerordentlich


hohe gesellschaftliche Verantwortung, wofür sie entsprechend
entlohnt werden. Dass sie im Schadensfall von dieser befreit wer-
den sollen, zumal dann, wenn der Schaden durch fahrlässige Spe-
kulationsgeschäfte entstanden ist, und dass sie obendrein auch
noch Boni erhalten, stößt in der Gesellschaft zunehmend auf
Unverständnis. Der nicht immer rationale, mitunter allzu sorglo-
se Umgang der Bevölkerung mit Geld spiegelt sich hier wider.
Kompetentes und verantwortungsvolles Umgehen mit Geld
sollte ein breites Lernziel sein – auch für jene, die professionell
damit zu tun haben: die Banken und ihre Banker.

Katharina Belwe
Hans Christoph Binswanger tergehen, ohne an Grenzen zu stoßen, die
früher durch die begrenzten Goldvorräte ge-

Die Rolle von geben waren. – Heute sind ca. 95 Prozent der
Geldmenge Buchgeld und 5 Prozent Bankno-
ten inkl. Münzen.
Geld und Kapital Die Geldschöpfung erfolgt durch die Kre-

in unserer
ditgewährung der Banken an Unternehmen,
an den Staat und an die Haushalte – zur
Hauptsache an Unternehmen. Die Banken

Gesellschaft sind Produzenten von Geld. Sie schaffen


Geld – Buchgeld – durch die Gewährung von
Krediten. Dies geschieht, indem die Banken

Essay den Kreditnehmern einen dem Kredit ent-


sprechenden Betrag auf einem Girokonto bei
sich gutschreiben. Diese Gutschrift ist Buch-
geld. Es ist zu 100 Prozent neues Geld, denn

D ie Entwicklung der modernen Gesell-


schaft wird geprägt durch die ständige
Tendenz zum Wirt-
es wird kein Betrag auf einem anderen Konto
dadurch reduziert. Nur ein kleiner Teil davon
– eben ca. 5 Prozent – wird in Banknoten ein-
Hans Christoph Binswanger schaftswachstum. Sie gelöst. Diesen Teil müssen die Banken daher
Dr. oec., geb. 1929; emerit. Pro- ist zur Generallinie in genügender Menge bereithalten. Die Zen-
fessor für Volkswirtschaftslehre der Entwicklung ge- tralbanken können sie den Banken stets nach-
an der Universität St. Gallen; worden. Das Wachs- liefern, indem sie von den Banken Kredite,
1967 bis 1992 Direktor der For- tum beruht in einem die diese gegeben haben, und unter Umstän-
schungsgemeinschaft für Natio- wesentlichen Ausmaß den auch andere Aktiva der Banken, überneh-
nalökonomie (FGN-HSG); 1992 auf der sich ins Un- men, und dafür den Banken die Banknoten,
bis 1995 Direktor des Instituts endliche fortsetzen- das Papiergeld, in gewünschter Menge zur
für Wirtschaft und Ökologie den Geldschöpfung Verfügung stellen.
(IWÖ-HSG), Tigerbergstrasse 2, und des Einsatzes des
9000 St. Gallen/Schweiz. Geldes zur Kapitalbil- Weil die Vermehrung der Geldmenge
hans-christoph.binswanger dung. Um die sich durch Vermehrung der Kredite erfolgt, und
@unisg.ch daraus ergebende Dy- die Unternehmen das Geld, das sie als Kredit
namik zu verstehen, von den Banken erhalten, also das Buchgeld,
ist es notwendig, die Funktionsweise des Gel- investieren: es ausgeben, um damit Produkti-
des genauer unter die Lupe zu nehmen. onsleistungen zu kaufen – Arbeitsleistungen,
Energie, Rohstoffe – und mit diesen die Pro-
Zuerst muss man wissen, was Geld ist, was duktion zu erhöhen, steigt damit auch die
heute Geld ist. Geld ist alles, womit man zah- Produktion von Gütern. Auf diese Weise
len kann: Banknoten, also Papiergeld, sowie wird das neu geschöpfte Geld doch einlösbar,
Sichtguthaben bei den Banken, das heißt Gut- allerdings nicht mehr in Gold, sondern
haben, die auf den Girokonten bei den Ban- – auch wenn erst nachträglich – in zusätzlich
ken verbucht werden; man spricht daher auch produzierte Güter. Die Geldschöpfung, die
von Buchgeld. Es kann in Banknoten einge- durch Kreditschöpfung erfolgt, führt daher
löst, aber die Banknoten können nicht mehr zu einer realen Wertschöpfung. Dies ist der
wie früher in Goldmünzen umgetauscht wer- Weg, auf dem das Bruttoinlandprodukts, das
den. Die letzten Reste einer solchen Einlö- BIP, wächst.
sungspflicht sind anfangs der 1970er Jahre
dahin gefallen. Seither kann die Zentralbank Das Wachstum hat sich zu einem Perpe-
ohne Rücksicht auf irgendwelche Goldreser- tuum mobile entwickelt, zu einem Prozess,
ven den Banken Papiergeld in beliebiger der sich selbst in Gang hält, indem er selbst
Menge zur Verfügung stellen. Auf diese die Voraussetzung schafft, die seine ständige
Weise kann die Menge des Geldes – des
Buchgeldes und des Zentralbankgeldes – von Der Essay basiert auf dem Buch des Autors Hans-
Jahr zu Jahr erhöht werden. Man spricht von Christoph Binswanger, Die Wachstumsspirale, Mar-
Geldschöpfung. Diese kann unendlich wei- burg 2006.

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Fortsetzung ermöglichen. Wie geschieht haben und machen, also aus der Summe von
dies? Gewinnen und Verlusten aller Unternehmen
ein Gewinnüberschuss resultiert.
Um dies zu erklären, gilt es, in einem ersten
Schritt die Notwendigkeit der Kapitalbildung In einem zweiten Schritt ist nun erklären,
zur Gründung und Erweiterung der Unter- wie ein solcher gesamtwirtschaftlicher Ge-
nehmungen und der Erzielung von Gewin- winnüberschuss entstehen kann. Die Ge-
nen, die die Kapitalbildung rechtfertigen, auf- winne der Unternehmungen sind grund-
zuzeigen. Zu beachten ist, dass die Unter- sätzlich gleich der Differenz zwischen den
nehmen die Güter – die Produkte – erst Einnahmen und den Ausgaben der Unterneh-
verkaufen können, wenn sie produziert wor- mungen – genauer: zwischen den Einnahmen
den sind. Die Produktion braucht Zeit. Die und den Ausgaben der Unternehmungen für
Unternehmen müssen aber die Produktions- die Herstellung der Produkte, aus denen die
leistungen schon zu dem Zeitpunkt bezahlen, Unternehmungen die Einnahmen erzielen,
zu dem sie eingesetzt werden. Sie benötigen also gleich der Differenz zwischen Ertrag
daher einen Vorschuss an Geld. Dieser Vor- und Kosten. Damit die Unternehmungen zu-
schuss ist das Kapital der Unternehmung. Es sammen im Saldo stets Gewinne erzielen
setzt sich zusammen aus Fremdkapital – das können, müssen daher die Einnahmen der
sind die Kredite, die vor allem die Banken Unternehmungen zusammen stets größer sein
geben – und aus Eigenkapital. Es wird den als die Ausgaben der Unternehmungen. Wie
Unternehmen von den Haushalten zur Verfü- soll dies vor sich gehen? Es ist offensichtlich
gung gestellt, heute vor allem durch Kauf von nicht möglich, dieses Ziel zu erreichen, wenn
Aktien; es ist entweder erspartes Geld oder das Geld nur im Kreis läuft, das heißt wenn
der Teil des Gewinnes, der reinvestiert wird. das Geld, das die Unternehmungen den
Haushalten für ihre Produktionsleistungen
Das Kapital beansprucht einen Gewinn. bezahlen, einfach wieder von den Haushalten
Warum? Weil der Einsatz des Kapitals ein Ri- dazu verwendet wird, um die Produkte zu
siko birgt, das entgolten werden muss. Das kaufen, welche die Unternehmungen mit
Risiko ergibt sich daraus, dass die Kapitalge- ihrer Hilfe hergestellt haben. Denn dann wür-
ber – die Banken und die Haushalte – im Mo- den sich Einnahmen und Ausgaben der Un-
ment, da sie das Kapital, das heißt den Geld- ternehmungen nur immer gerade ausgleichen.
vorschuss zur Verfügung stellen, um es den Es ergäbe sich also in der Summe von Gewin-
Unternehmen zu ermöglichen, die benötigten nen und Verlusten kein positiver Gewinnsal-
Produktionsleistungen zu kaufen, nicht wis- do. Ein solcher kann somit gesamtwirtschaft-
sen können, in welchem Ausmaß dieses Geld lich nur entstehen, wenn ständig Geld zu-
durch den Verkauf der Produkte wieder zu- fliesst.
rückfließt. Denn der Rückfluss erfolgt erst in
der Zukunft. Damit die Kapitalgeber das ent- Wie fließt aber in der modernen Wirtschaft
sprechende Risiko eingehen, müssen sie – be- Geld zu? Wir wissen es bereits: indem die
rechtigterweise – einen Gewinn erwarten Unternehmungen bei den Banken Kredite
dürfen, aus dem sowohl der Zins für das aufnehmen, welche die Banken mindestens
Fremdkapital bezahlt werden kann als auch zum Teil durch Geldschöpfung bereitstellen,
ein genügend großer Reingewinn für das Ei- also durch Vermehrung der Geldmenge auf
genkapital übrig bleibt. dem Kreditweg. Die Unternehmungen brau-
chen die Kredite – es sei wiederholt –, um zu
Dies muss im Durchschnitt für alle Unter- investieren, um das aufgenommene Geld, zu-
nehmungen gelten, wenn die Wirtschaft funk- sammen mit dem reinvestierten Reingewinn,
tionieren soll. Das heißt: Die Chance eines für den Kauf von zusätzlichen Produktions-
Gewinns muss stets grösser sein als das Risi- leistungen zu verwenden: um zu wachsen.
ko eines Verlusts. Der Erwartungswert des Die Einkommen der Haushalte als Anbieter
Gewinns in der Gesamtwirtschaft muss also dieser Arbeits- und Produktionsleistungen,
positiv sein. Dies ist nur dann der Fall, wenn als Arbeitskräfte, steigen auf diese Weise mit
die Häufigkeit des Gewinns insgesamt stets dem Wachstum des BIP, und die Gewinne der
größer war und weiterhin größer ist als die Unternehmungen mit dem Wachstum der
Häufigkeit des Verlusts, wenn also die Unter- Einkommen der Haushalte, indem diese das
nehmungen im Saldo stets Gewinne gemacht Einkommen für den Kauf der Produkte aus-

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geben, die die Unternehmungen mit ihrer kulativen Kredite aufgeblähten Geldmenge
Hilfe hergestellt haben. eine inflationäre Entwicklung befürchten,
und, um dies zu verhindern, die Zinsen erhö-
Der „Trick“ dabei ist: Die Haushalte geben hen. Dann kommt es, weil sie Zinsen zu hoch
ihr Einkommen für den Kauf der Produkte, werden, um die spekulativen Kredite zu
welche die Unternehmungen mit ihrer Hilfe rechtfertigen, zur Finanzkrise.
herstellen, sofort aus, denn die Haushalte
müssen ja überleben. Sie werden daher sofort Was ist aber, wenn es keine Finanzkrisen
zu Einnahmen der Unternehmungen. Zu die- geben würde? Wäre dann alles in Ordnung?
sem Zeitpunkt können die Unternehmungen Nein, weil sich der Wachstumstendenz nur
aber nur die Produkte verkaufen, die schon durchsetzen lässt, wenn genügend natürliche
produziert worden sind, die sie also vor der Ressourcen vorhanden sind, aus denen die
neuen Investition hergestellt haben. Dies be- Rohstoffe und die Energie gewonnen wird,
deutet, dass die Einnahmen der Unterneh- welche die Basis der Mehrproduktion bilden.
mungen vor den Ausgaben für die Produkte, Mehr und mehr wird das Wirtschaftswachs-
die sie verkaufen, steigen und so die Erträge tum mit der langfristigen Knappheit der
größer sind als die Kosten. So entsteht in der Natur konfrontiert. Ihre Nutzung kann daher
Volkswirtschaft gesamthaft im Saldo von Ge- nicht beliebig ausgeweitet werden. Es entsteht
winnen und Verlusten immer ein Gewinn, eine kontinuierlich akuter werdenden Um-
wenn sich das Wachstum der Wirtschaft fort- weltkrise. Der Mensch sollte daher haushälte-
setzt. risch mit der Natur umgehen, das heißt die
Natur nachhaltig bewirtschaften. Diesem Im-
Auf diese Weise entwickelt sich der Wirt- perativ steht aber die im Geldsystem veran-
schaftskreislauf zu einer Wachstumsspirale, kerte Wachstumstendenz entgegen.
zu einem Perpetuum mobile, indem das
Wachstum der Produktion mit Hilfe der Was ist angesichts dieser doppelten Krisen-
Geldschöpfung die Voraussetzung dafür anfälligkeit unserer Wirtschaft zu tun? Den
schafft, dass Gewinne entstehen, und mit den Wachstumsdrang kann man nicht grundsätz-
Gewinnen wieder die Voraussetzung dafür, lich beseitigen, solange wir aus guten Grün-
dass Geld als Kapital eingesetzt und so ein den eine Wirtschaft aufrechterhalten wollen,
weiteres Wachstum möglich wird. Die Vor- die auf selbständigen Unternehmungen ba-
aussetzung für das Funktionieren des Perpe- siert, welche im Markt auf eigene Initiative
tuum mobile ist allerdings, dass sich ihm investieren, dafür aber auch einem Risiko
keine Hindernisse entgegenstellen. Dies ist ausgesetzt sind. Niemand wird Geld als Kapi-
nicht garantiert. Es wird durch Krisen gefähr- tal, das heißt als Vorschuss zur Verfügung
det, die immer akuter werden, je stärker sich stellen, wenn er nur gerade erwarten darf,
die Dynamik des Wachstums entwickelt. dass er gleich viel zurückerhält als er einge-
setzt hat. Dann behält er doch lieber gleich
Im Vordergrund steht die Gefahr von Fi- das Geld in der Hand als es einem Risiko aus-
nanzkrisen. 1 Sie sind eine Folge einer über- zusetzen!
triebenen Geldschöpfung, die nicht zur
Finanzierung realer Produktionszuwachse Wir sollten aber die Geld- und Kredit-
dient, sondern zum spekulativen Kauf von schöpfung durch entsprechende Reformen
Vermögenswerten – in Erwartung, dass deren soweit kontrollieren können, dass die Aufblä-
Preise gerade wegen der ständigen Geldver- hung der Geldmenge zu einer Spekulations-
mehrung steigen werden. Wenn die erwartete blase verhindert und zudem die Wachstums-
künftige Preissteigerung höher ist als der tendenz soweit in Grenzen gehalten werden,
Zins, nimmt man auch Kredite auf, um die dass eine ökologische Qualifizierung des
Vermögenswerte zu kaufen und sich so quasi Wachstums möglich ist. Die Schaffung ent-
umsonst bereichern zu können. Die Spekula- sprechender Reformen des Geldsystems wird
tion ist aber dadurch gefährdet, dass die Zin- die große Aufgabe unserer Gesellschaft in der
sen steigen können. Dies tritt dann ein, wenn Zukunft sein.
die Zentralbanken wegen der durch die spe-

1 Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den

Beitrag von Stephan Schulmeister in diesem Heft.

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Stephan Schulmeister che Rolle als Vermittler von Finanz- und
Realkapital, allerdings ist ihre Rolle im Ver-

Der Boom der hältnis zur Realwirtschaft eine dienende. Ich


nenne die „Spielanordnung“, in der die Rah-
menbedingungen den „Vermehrungsdrang“

Finanzderivate von Finanzkapital systematisch auf die Real-


akkumulation lenken, „Realkapitalismus“
(typisch für die erste Hälfte der Nachkriegs-
und seine Folgen zeit).

Versucht man, Geld „selbstreferentiell“ zu


vermehren, also durch Tausch unterschiedli-

F inanzvermögen – von Wertpapieren bis


zu Bargeld – kann auf zweierlei Weise
verwendet und vermehrt werden: als Transak-
cher „Geldarten“ (Bankguthaben, Devisen,
Aktien, Anleihen, Rohstoffderivate etc.), so
wird es Mittel zum Selbstzweck. Dabei sind
tions- und Finanzie- zwei „Arbeitsformen“ zu unterscheiden: Ers-
rungsinstrument in der tens: Das „schnelle Geld“ vermehrt sich
Stephan Schulmeister
Realwirtschaft oder als durch das „trading“ von Finanzinstrumenten
Dr. jur., Mag. rer. soc. oec.
Mittel zur Finanzver- wie Aktien, Anleihen oder Devisen, insbe-
(Univ. Wien), geb.1947; Austrian
anlagung und -spekula- sondere aber durch den Handel mit den auf
Institute of Economic Research
tion, also (nur) in der Aktienkurse, Zinssätze, Wechselkurse und
(WIFO), PF 91,
Finanzwirtschaft: Rohstoffpreise bezogenen Finanzderivaten
1103 Wien/Österreich
(Futures, Optionen, Swaps, etc.). Zweitens:
Stephan.Schulmeister
Im ersten Fall dient Das „langsame Geld“ vermehrt sich durch
@wifo.ac.at
Geld als „Schmiermit- „holding“ solcher Finanzinstrumente, deren
www.gp-f.com
tel“ realwirtschaftlicher Wert während eines „bull market“ über einen
stephan.schulmeister.
Aktivitäten im Raum längeren Zeitraum steigt. Beispiele sind der
wifo.ac.at/
(insbesondere für den Aktienboom der 1990er Jahre, der Anstieg
Handel) und in der Zeit der US-Immobilienpreise sowie der Boom
(insbesondere für Investitionen), im zweiten der Rohstoffpreise zwischen 2005 und Mitte
Fall wird versucht, Geld durch häufigen 2008. In analoger Weise kann man durch
Tausch einer bestimmten Geldform (Finanz- „short positions“ bei Finanzderivaten von
instrument) gegen eine andere zu vermehren, einem fallenden Kurstrend profitieren („bear
also durch kurzfristiges „trading“, oder durch market“).
langfristiges „holding“ eines Finanzinstru-
ments während eines Trends. Das „schnelle trading“ eines bestimmten
Finanzinstruments stellt ein Null-Summen-
Die typische Form der Vermehrung von spiel dar, das heißt, es werden keine (realen)
Geld in der Realwirtschaft ist die Finanzie- Werte geschaffen, sondern (monetäre) Werte
rung von Investitionen: Jemand legt etwa sein umverteilt: Die Summe der Gewinne ist
Geld auf einem Sparbuch an, die Bank ver- immer gleich der Summe der Verluste. Für
leiht es an einen Unternehmer, der den Kredit einen einzelnen, „tüchtigen Spieler“ kann das
für den Erwerb eines Investitionsgutes ver- Geld auf diese Weise viel mehr Gewinn brin-
wendet (Finanzkapital wird gewissermaßen gen („arbeiten“) als bei realwirtschaftlicher
in Realkapital verwandelt). Aus dem Mehrer- Veranlagung, aber nur deshalb, weil andere
trag durch die Investition bezahlt der Unter- verlieren.
nehmer den Zins, den sich Bank und Sparer
teilen. Wenn sich das Geld durch das „Ausreiten“
eines Preistrends nach oben („bull market“)
Dominiert diese „Arbeitsform“ von Geld, vermehrt, so entstehen Bewertungsgewinne:
so entwickelt sich ein Positiv-Summenspiel: Alle, die das entsprechende „asset“ besitzen,
Indem sich das Profitstreben auf die Realka- werden reicher und niemand wird ärmer. Al-
pitalbildung konzentriert, wächst die Ge- lerdings hat diese wundersame Geldvermeh-
samtproduktion (das Bruttoinlandsprodukt/ rung zwei Haken: Erstens sind die Bewer-
BIP) stetig. In einem solchen „Regime“ spie- tungsgewinne sehr ungleich verteilt: Wer früh
len Finanzsektor und -märkte eine wesentli- einsteigt (tendenziell die „Profis“), gewinnt

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mehr als die „Späteinsteiger“ (tendenziell die wirbt jemand das Recht, das zu Grunde lie-
„Amateure“). Zweitens, jeder Boom, der über gende Asset innerhalb einer Frist zu einem
den realwirtschaftlich („fundamental“) ge- bestimmten (Ausübungs-)Preis zu kaufen
rechtfertigten (Gleichgewichts-)Preis „hin- (Call) oder zu verkaufen (Put). Erwartet ein
ausschießt“, zieht früher oder später einen Trader einen Anstieg des Eurokurses, so
Abwärtstrend nach sich, durch den die „über- wird er eine Call-Option kaufen. Trifft
schießenden“ Bewertungsgewinne wieder eli- seine Prognose zu, so wird der Preis der
miniert werden. Option viel stärker steigen als jener des Ba-
siswerts (der Eurokurs). Die Bandbreite des
Beide „Arbeitsweisen“ von Geld stellen Hebels ist bei Optionen größer als bei Fu-
daher im Wesentlichen kurz- bzw. längerfris- tures, da sie von verschiedenen Faktoren ab-
tige Nullsummenspiele dar, wobei die Um- hängt (Differenz zwischen aktuellem Kurs
verteilung in der Regel von den Amateuren und Ausübungspreis, Stärke des Kurstrends,
zu den professionellen Akteuren stattfinden. Volatilität des Kurses, Restlaufzeit der
Das ökonomische Gesamtsystem gewinnt Option).
nicht nur nicht, sondern es wird verlieren,
und zwar deshalb, weil Spekulation die wich- Während die börsennotierten Derivate
tigsten Preise wie Wechselkurse, Rohstoff- auch von Amateuren gehandelt werden, sind
preise und Aktienkurse destabilisiert und dies die bilateralen Finanzgeschäfte („over-the-
wiederum dazu beiträgt, dass die Unterneh- counter-transactions“ – OTC) den professio-
men ihr Profitstreben von Real- zu Finanzin- nellen Tradern vorbehalten. Dies betrifft ins-
vestitionen verlagern. Diese „Spielanord- besondere Spot- und Terminkontrakte sowie
nung“ in ihrer Gesamtheit nenne ich „Fi- Swaps bezogen auf Wechselkurse, Rohstoff-
nanzkapitalismus“. preise, Aktienkurse und Zinssätze. Dabei
gilt: Bei einem Spotgeschäft kaufe (oder ver-
Im Folgenden möchte ich an Beispielen kaufe) ich ein („echtes“) Finanzinstrument
zeigen, wie Geld durch kurzfristige Spekula- (etwa Devisen) heute zum heutigen Kurs, bei
tion „arbeitet“. einem Termingeschäft verpflichte ich mich,
zum heute fixierten (Termin-)Kurs, aber zu
einem späteren Termin zu kaufen (oder zu
Spekulation mit Finanzderivaten verkaufen). Ist der (Spot-)Kurs bis dahin ge-
stiegen, so mache ich im Falle eines Termin-
Der größte Anteil aller Finanztransaktionen kaufs einen Gewinn, und zwar im Ausmaß
entfällt auf den Handel mit Derivaten, ins- der Differenz zwischen dem aktuellen
besondere mit Futures und Optionen. Dies (Spot)Kurs und dem Terminkurs. Ein Swap
sind Wetten auf die künftige Entwicklung kombiniert ein Spot- und ein Terminge-
eines Preises/Kurses, sei es von Anleihen, schäft; dadurch wird die Abwicklung eines
Aktien, Rohstoffen oder Devisen. Dabei Spekulationsgeschäfts extrem vereinfacht:
macht der „Wetteinsatz“ nur einen Bruchteil Sobald jene Entwicklung auf oder gegen die
des (Basis-)Werts aus. 1 Mit einer Option er- gewettet wurde, eintritt, überweist der Ver-
1 Dazu ein Beispiel: Jemand erwartet einen Anstieg
lierer seinen „Wettverlust“ direkt an den Ge-
der Rohölpreise und kauft deshalb – über einen Broker winner (Swapverluste trugen wesentlich zu
– einen an der „New York Mercantile Exchange“ den größten „Betriebsunfällen“ im Finanz-
(NYMEX) gehandelten „Crude Oil Future“. Der Wert sektor bei).
des „Wettscheines“ (Kontrakt) beträgt 1 000 Barrel Öl
zum jeweiligen Preis, bei einem Ölpreis von 100 $ also Das Trading auf Finanzmärkten ähnelt
100 000 $. Hinterlegen muss er beim Kauf nur eine
Casino-Spielen wie Roulette, die auch Null-
Margin (Sicherstellung) von etwa 7 Prozent, also 7 000
$. Steigt nun der Ölpreis um 10 Prozent und damit der summenspiele sind. Allerdings bestimmt
Wert des Future auf 110 000 Prozent, so macht der hier der Lauf der Kugel die wichtigsten
„Spieler“ einen Gewinn von 143 Prozent (10 000 Pro- Preise in der Weltwirtschaft. Überdies folgt
zent bei einem Einsatz von 7 000 $ – da auch der Ein- er keinem Zufallsprozess, sondern hängt
satz rückerstattet wird, ist die Profitrate eigentlich un- vom Spielverhalten der Teilnehmer ab. Wird
endlich). Sinkt der Ölpreis aber um 10 Prozent, so sind
mehr Kapital auf Rot (Kurssteigerung) ge-
die 7 000 $ futsch und der Spekulant muss noch 3 000 $
nachzahlen. Die Hebelwirkung („leverage effect“) von setzt als auf Schwarz (Kursrückgang), so
14,3 resultiert daraus, dass der Basis(Kontrakt)wert wird die Kugel mit größerer Wahrschein-
14,3 Mal so hoch ist wie der Wetteinsatz. lichkeit bei Rot landen.

APuZ 26/2009 7
Ursprünglich sind Terminkontrakte zur „trend-following models“ mit unterschiedli-
Absicherung gegen das Risiko von Preis- chen Parametern operieren (jeder Trader hat
schwankungen landwirtschaftlicher Pro- „sein“ Geheimmodell), so folgen sie alle der
dukte entstanden (Hedging). Mit der Auf- gleichen Logik: In der ersten Phase eines
gabe fester Wechselkurse (1971/73), den Aufwärts(Abwärts)trends produzieren sie
nachfolgenden Schwankungen von Dollar- eine Sequenz von Kauf(Verkauf)signalen,
kurs und Erdölpreis sowie mit dem Zinsan- deren Exekution die Preisbewegung ver-
stieg Ende der 1970er Jahre stieg die Be- stärkt.
deutung von Finanzderivaten. Die Einfüh-
rung von immer mehr Instrumenten, Diese „Rückkoppelungen“ bewirken, dass
welche auf Futures und Optionen beruhen ein starker und nachhaltiger Anstieg des
(z. B. Zertifikate), gab dem Derivathandel Trading Preisschübe nach oben (oder unten)
in den 1980er einen enormen Auftrieb. verlängert, welche sich in einem stufenwei-
Treibende Kraft ist die Spekulation gewor- sen Prozess zu „bull markets“ (oder aber zu
den, Hedging hat im Vergleich dazu nur „bear markets“) akkumulieren. Ein markan-
geringe Bedeutung. tes Beispiel dafür ist der enge Zusammen-
hang zwischen der massiven Zunahme von
Handelsaktivitäten auf den Märkten für
Rohstoffderivate und dem Anstieg der Roh-
Spekulationsstrategien stoffpreise seit zwischen Anfang 2005 und
Mitte 2008.
Die Entscheidungen professioneller Trader
basieren auf der Interpretation neuer Infor-
mationen („news“), dem „Ausreiten“ von Expansion
Trends („trend-followers“) oder dem Wech- der Finanztransaktionen
sel in der Trendrichtung („contrarian tra-
ding“). Im ersten Fall geht es darum, in Se- Fasst man die Transaktionen auf allen Arten
kunden abzuschätzen, wie die anderen von Finanzmärkten und in allen Regionen
Marktteilnehmer auf eine Nachricht reagie- der Welt zusammen, so ergibt sich folgendes
ren werden, die auf den Bildschirmen er- Bild (Abbildung 1): Im Jahr 2007 war das
scheint. Ist sie überraschend oder war sie Volumen der Finanztransaktionen 73,5 Mal
schon „eingepreist“? höher als das nominelle Welt-BIP. 1990
hatte diese Relation „lediglich“ 15,3 betra-
Beginnt der Kurs auf Grund „echter“ gen – seither sind somit die Finanztransak-
News zu steigen, so generieren zuerst die tionen fast fünf Mal rascher expandiert als
verschiedenen „trend-following systems“ die globale Wirtschaft. Diese Wachstumsdif-
auf der Basis von Hochfrequenzdaten (z. B. ferenz hat sich seit 2000 erheblich beschleu-
10-Sekunden-Kurse) eine Sequenz von nigt.
Kaufsignalen. Ihre Exekution treibt den
Kurs weiter nach oben, es folgen die Kauf- Spot-Transaktionen auf den Devisen-,
signale der „langsameren“ technischen Mo- Aktien- und Anleihenmärkten haben seit
delle auf Basis von Stunden- oder Tages- 1990 annähernd gleichschrittig mit dem
daten, u. s. f. Welt-BIP zugenommen, der enorme An-
stieg der gesamten Finanztransaktionen ist
Auch der bis Mitte 2008 anhaltende Boom ausschließlich eine Folge der (noch stärke-
der Rohstoffpreise konnte von einfachen Spe- ren) Expansion der Aktivitäten auf den De-
kulationssystemen profitabel „ausgebeutet“ rivatmärkten (Abbildung 1). Von diesen
werden. Nach einem Kaufsignal (wenn der sind die Transaktionen im Börsehandel (Fu-
aktuelle Preis eines Rohöl-Future oder eines tures und Optionen) seit 2000 bei Weitem
Reis-Future den gleitenden Durchschnitt von am stärksten gewachsen (daran beteiligen
unten schneidet) geht der Trend steigender sich immer mehr Amateure): 2007 war das
Preise weiter. Volumen des Börsehandels mit Futures und
Optionen bereits 43,4 Mal so hoch wie das
Gleichzeitig verstärkt die Verwendung Welt-BIP, im Jahr 2000 hatte dieser Faktor
technischer Spekulationssysteme das „tren- lediglich 14,2 betragen. Mittlerweile ist das
ding“ spekulativer Preise: Auch wenn diese Volumen des Derivathandels auf Börsen an-

8 APuZ 26/2009
Abbildung 1: Transaktionsvolumen auf den globalen Finanzmärkten

80 45 Aktien und Anleihen (Spot)


Insgesamt
Devisen (Spot)
70 Kassamärkte 40 Börsenderivate (Futures und Options)
Derivatmärkte OTC-Derivate
60 35

30
50
Welt-BIP=1

Welt-BIP=1
25
40
20
30
15
20
10
10 5

0 0
1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007

Quelle: Bank for International Settlement (BIS), World Economic Forum (WEF), Austrian Institut of Economic Research (WIFO).

nähernd doppelt so hoch wie jenes der OTC-Trans- Die Gewinner und die Verlierer
aktionen (Abbildung 1). 2
im „schnellen“ Finanzhandel
Das Volumen des Handels mit Finanzderivaten und
sein exorbitanter Anstieg lässt zwei Schlussfolgerun- Wer sind die Gewinner und Verlierer im kurzfristigen
gen zu: Erstens, der größte Teil der Handels entfällt „trading“, insbesondere von Finanzderivaten? Die
auf Transaktionen zwischen Spekulanten mit unter- Banken und Hedge Fonds machen Gewinne, zwar
schiedlichen Preiserwartungen. Stammten nämlich die nicht jede(r) einzelne, wohl aber in ihrer Gesamtheit.
Transaktionen primär aus der Absicherung (Hedging) Daher müssen die Amateurspekulanten in ihrer Ge-
realwirtschaftlicher Aktivitäten wie künftiger Export- samtheit die Verlierer sein. Dafür sprechen vier Unzu-
erlöse oder Rohstoffausgaben, dann dürfte das Trans- länglichkeiten auf Seiten der Amateure: Sie können
aktionsvolumen die nominelle Welt-Produktion nicht nicht permanent auf das Marktgeschehen reagieren,
nennenswert übersteigen. Zweitens, die Preiserwartun- haben nicht genügend Kapital, um Verlustphasen
gen der Marktteilnehmer müssen in hohem Maß von- durchzustehen, sind zu einem Risikomanagement
einander abweichen. Denn bei ähnlichen und im weder finanziell noch intellektuell in der Lage, und
Grenzfall homogenen Erwartungen ergäben sich nicht schließlich haben sie viel schlechteren Zugang zu Insi-
so viele „trading opportunities“ und damit kein so derinformation als etwa Investmentbanken.
hohes Handelsvolumen wie empirisch beobachtet. 3
Wenn die Amateure in ihrer Gesamtheit die Verlierer
sind, warum expandiert das Spiel weiter? Warum zie-
2 Das (monetäre) Handelsvolumen mit Finanzderivaten ergibt
hen sich die geschorenen Schafe nicht zurück und
sich aus der Summe aller Transaktionen, bewertet mit dem Basis- dämpfen so das Geschäftsvolumen?
wert des jeweiligen Kontrakts; man spricht daher vom Transak-
tionsvolumen in „notional values“. Die Basiswerte von Derivaten Erstens: Für viele vermittelt das Spiel an sich Span-
sind relativ hoch: Ein DAX-Future hat den Wert von 25 E je In- nung. Schließlich verlieren auch die meisten Lottospie-
dexpunkt, steht der DAX bei 6 000, so hat der Future einen Wert ler oder Casinobesucher ihren Einsatz und machen
von 150 000 Euro. Eine Übersicht über die Kontraktwerte wich- doch weiter.
tiger Futures bezogen auf Aktienindizes, Zinsinstrumente (An-
leihen, Schatzscheine), Devisen und Rohstoffe findet sich in: Ste- Zweitens: Wenn auch ein Spekulationsverlust Leiden
phan Schulmeister/Margit Schratzenstaller/Oliver Picek, A hervorruft, so fordert er gleichzeitig heraus, das nächs-
General Financial Transaction Tax – Motives, Revenues, Feasibi- te Mal den Markt zu besiegen.
lity and Effects, Study of the Austrian Institute of Economic Re-
search (WIFO) Vienna, April 2008, (http://www.wifo.ac.at/wwa/ Drittens: Die meisten Amateurspieler verfügen über
jsp/index.jsp?fid=23923&id=31819&typeid=8&display_mode=2). genügend (Normal)Einkommen, um das verlorene
3 Vgl. Stephen F. LeRoy, Efficient Capital Markets and Mar-
Spielkapital zu ersetzen.
tingales, Journal of Economic Literature, 27 (1989) 4, S. 1583–1621.

APuZ 26/2009 9
Abbildung 2: Aktienkurse in Deutschland, Großbritannien und den USA

400
FTSE DAX S&P 500
350

300

250
1995=100

200

150

100

50

0
01/1980 01/1984 01/1988 01/1992 01/1996 01/2000 01/2004 01/2008

Quelle: Yahoo Finance (http://de.finance.yahoo.com/m8).

Viertens: Die Information über Gewinne und zenverdienern stellt kein gravierendes Problem dar.
Verluste ist asymmetrisch verteilt. Die Speku- Zwei andere Effekte sind allerdings die wichtigsten
lationsmagazine sind voll von Artikeln „How langfristig wirksamen Ursachen für Arbeitslosigkeit
I made a million“ mit diesem oder jenem Sys- und Staatsverschuldung in Europa: Erstens: Die Speku-
tem, wer hingegen verspielt hat, behält es für lation auf den Derivatmärkten sowie im Devisenhan-
sich. del destabilisiert die wichtigsten Preise in der Welt-
wirtschaft wie Wechselkurse, Rohstoffpreise (insbe-
Fünftens: Die Kunde von den Gewinnen und sondere den Ölpreis), Aktienkurse und Zinssätze
das Schweigen der Lämmer über ihre Verluste (Abbildung 2). Zweitens: Die Unsicherheit über die
führen den Märkten stetig „frisches Blut“ zu. Entwicklung dieser Preise und die hohen Finanzrendi-
Einzelne Verlierer lernen zwar das Richtige ten dämpfen die realwirtschaftlichen Aktivitäten von
und ziehen sich zurück, der Zustrom an Ele- Unternehmen, insbesondere Investitionen und (damit)
ven ist aber die längste Zeit viel größer gewe- die Schaffung neuer Arbeitsplätze.
sen.
Auf welche Weise destabilisiert der Handel mit De-
Dies hat sich mit Ausbruch und Vertiefung der rivaten ihre Preise und jene der zu Grunde liegenden
Finanzkrise seit Mitte 2007 grundlegend ver- Assets? Unterschiedliche Spieler benützen unter-
ändert: Weltweit ziehen sich derzeit die Ama- schiedliche Spekulationssysteme, angewendet auf un-
teure von den „Finanzspielen“ zurück, auch an terschiedlichen Zeitskalen (von 10-Sekunden-Kursen
eine Ausweitung der kapital„gedeckten“ Al- bis zu Tageskursen). Die Konzentration von Kaufsig-
tersvorsorge ist nicht (mehr) zu denken. Der nalen von „news-based traders“ am Beginn eines Auf-
Mangel an „frischem Blut“ verstärkt den Nie- wärtstrends, gefolgt von Kauforders der „trend-fol-
dergang des Systems des „arbeitenden Gelds“. lowers“ verstärkt und verlängert den Trend. Hat dieser
an Dynamik verloren, so lassen ihn die Verkaufssignale
der „contrarians“ kippen. 4
Destabilisierung der wichtigsten
Preise in der Weltwirtschaft
4 Vgl. Stephan Schulmeister, The Interaction between Technical
Die Umverteilung durch den Derivathandel Currency Trading and Exchange Rate Fluctuations, in: Finance
von der gehobenen Mittelklasse zu den Spit- Research Letters, 3 (2006) 3, S. 212–233.

10 APuZ 26/2009
Abbildung 3: Rohölpreisschwankungen und Dollarkurs

Effektiver Dollarkurs (linke Skala) 1)


Rohölpreis (rechte Skala)
130 70

120 60

110 50
1986=100

In $
100 40

90 30

80 20

70 10

60 0
1966 2002 1996 1990 1984 1978 1972 2008

1
) Gegenüber DM, Französischem Franc, Pfund, Yen.
Quelle: OECD, International Monetary Fund.

Das Phänomen solcher Kursschübe lässt gen. So senken massive Abwertungen des
sich auf jeder Zeitskala beobachten. Aus US-Dollar wie zwischen 1971 und 1973, 1977
ihrem Zusammenwirken ergeben sich mehr- und 1979 sowie seit 2002 „ceteris paribus“
jährige Trends: Minutentrends in die gleiche den realen Wert von Erdölexporten, da Erdöl
Richtung, unterbrochen von kürzeren Ge- ausschließlich in Dollar notiert. Dementspre-
genbewegungen, addieren sich zu einem chend hoch ist der Anreiz für die Rohstoffex-
Stundentrend, mehrere Stundentrends zu Ta- porteure, den Preis ihres wichtigsten Export-
gestrends, u.s.f. Insgesamt ergibt sich daraus guts zu erhöhen wie 1973, 1979 und seit 2004
die für alle „asset prices“ typische Abfolge (Abbildung 3 – natürlich spielen noch andere
von Kursschüben, welche für einige Zeit in Faktoren eine Rolle). Umgekehrt konnten die
eine Richtung länger sind als die Gegenbewe- erdölexportierenden Länder den Rückgang
gungen, also ein stufenweiser Auf- oder Ab- des Ölpreises in der ersten Hälfte der 1980er
wärtsprozess (Abbildung 3). Langfristige Jahre leichter hinnehmen, da gleichzeitig der
Trends von Wechselkursen, Rohstoffpreisen Dollar stark an Wert gewann.
und Aktienkursen („bull markets“ und „bear
markets“) sind daher das Resultat der Akku- Der Boom zunehmend kurzfristiger Spe-
mulation kurzfristiger Preisschübe, welche kulation hat in den vergangenen Jahren die
ihrerseits in erster Linie durch spekulative Aktienkurse, Rohstoffpreise und den Euro-
Aktivitäten hervorgebracht werden, insbe- kurs in die Höhe getrieben („manische“
sondere auf Basis technischer Modelle (Abbil- Phase) und so das Potential für die neue Welt-
dung 3). wirtschaftskrise „aufgebaut“ (gemeinsam mit
dem Boom der Immobilienpreise). Diese
Die Abfolge der „bull markets“ und „bear breitet sich durch den „synchronen“ Entwer-
markets“ ergibt das typische Muster der lang- tungsprozess dieser Vermögen immer mehr
fristigen Dynamik spekulativer Preise: Sie aus („depressive“ Phase).
schwanken in irregulären („manisch-depres-
siven“) Zyklen um den Bereich des realwirt- Da die Profitabilität von „trend-following
schaftlichen Gleichgewichts ohne eine Ten- technical trading systems“ in erster Linie von
denz, zu diesem Gleichgewicht zu konvergie- der Dauer und Stärke der Preistrends abhängt
ren. Das „Überschießen“ in einem Markt (ganz gleich, ob nach oben oder nach unten),
kann sich auf einen anderen Markt übertra- sind die Renditen von „trend-following“

APuZ 26/2009 11
Abbildung 4: Netto-Renditen von „trend-following“ Hedge Fonds

100 Annualisierte Monatsrenditen


(gleitender 5-Monatsdurchschnitt)
80
60
40
In %

20
0
-20
-40
-60
1m 98

1m 9

1m 1

1m 2

1m 3

1m 4

1m 5

1m 6

1m 7
08
1m 0
9

0
0
19

19

20

20

20

20

20

20

20

20
20
1m

60
Jahresrenditen 1)
50

40

30
In %

20

10

-10
1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008

Quelle: www.turtletrader.com.
Arithmetisches Mittel der Netto-Renditen (nach Abzug der Gewinnbeteiligung und sonstiger Gebühren der
Fonds sowie Transaktionskosten) folgender Fonds: Dury Capital Inc., Chesapeake Capital Corporation, Eck-
hardt Trading Company, Clark Capital Mgt Inc, Winton Capital Mgt Ltd, Transtrend BV, Clark Capital Mgt Inc,
Abraham Trading Company, Hymen Beck, Lost Atlantis Capital Management LACM Trend Following Diversi-
fied Share Class G-2, Dunn Capital Management Inc. D’Best Futures, EMC Capital Management Inc., Eclipse
Capital und ab 2003 Pardo Capital Limited XT-99 Diversified Trading Program, Superfund Series A und
Series B.

12 APuZ 26/2009
Übersicht: Geschätzte Einnahmen aus einer Finanztransaktionssteuer auf Basis von Daten
für 2007 (in Prozent des nominellen BIP)
Deutschland Großbritannien Europa Welt
Steuersatz 0,1 0,05 0,01 0,1 0,05 0,01 0,1 0,05 0,01 0,1 0,05 0,01

Reduktion
des Transak-
tionsvolumens
Spot-Transaktionen auf Börsen
Niedrig 0,133 0,068 0,014 0,480 0,246 0,050 0,242 0,124 0,025 0,204 0,104 0,021
Mittel 0,126 0,067 0,014 0,459 0,240 0,050 0,231 0,121 0,025 0,194 0,102 0,021
Hoch 0,119 0,064 0,013 0,434 0,233 0,048 0,219 0,117 0,024 0,183 0,099 0,020
Derivat-Transaktionen auf Börsen
Niedrig 1,711 1,113 0,429 6,825 4,540 1,810 1,413 0,934 0,369 1,330 0,878 0,345
Mittel 1,196 0,855 0,377 4,571 3,412 1,584 0,958 0,707 0,323 0,906 0,665 0,303
Hoch 0,681 0,511 0,326 2,317 1,738 1,359 0,504 0,378 0,278 0,482 0,362 0,260
OTC-Transaktionen
Niedrig 0,553 0,369 0,148 6,306 4,204 1,682 1,667 1,111 0,444 0,878 0,585 0,234
Mittel 0,369 0,277 0,129 4,204 3,153 1,471 1,111 0,833 0,389 0,585 0,439 0,205
Hoch 0,184 0,138 0,111 2,102 1,577 1,261 0,556 0,417 0,333 0,293 0,220 0,176
Alle Transaktionen
Niedrig 2,397 1,550 0,590 13,612 8,990 3,542 3,321 2,169 0,838 2,412 1,568 0,601
Mittel 1,691 1,199 0,520 9,234 6,806 3,106 2,301 1,661 0,737 1,685 1,206 0,529
Hoch 0,985 0,713 0,450 4,853 3,547 2,668 1,278 0,911 0,635 0,958 0,680 0,456

Hedge Fonds im Zuge des Aktien- und Roh- che Steuer würde spezifisch die extrem kurz-
stoffbooms nach einem Verlustjahr 2005 fristigen Transaktionen mit Finanzderivaten
merklich gestiegen. Wegen des besonders stei- verteuern und so einen Beitrag zur Stabilisie-
len Abwärtstrends von Rohstoffpreisen und rung von Wechselkursen, Rohstoffpreisen
Aktienkursen sind die Renditen seit Mitte und Aktienkursen leisten. Dies gilt insbeson-
2008 nahezu „explodiert“. Gleichzeitig dere im Hinblick auf die trendverstärkenden
wurde der Kursverfall (und damit auch die Wirkungen des „schnellen“ Handels mit
Entwertung des Pensionskapitals von Millio- Hilfe technischer „trading systems“.
nen Menschen) durch die Spekulation der
„trend-followers“ verschärft (Abbildung 4). In einer kürzlich publizierten Studie wur-
den Preiseffekte und Erträge einer generellen
Finanztransaktionssteuer (FTS) untersucht. 5
Eine generelle Besteuerung Ihre wichtigsten Ergebnisse sollen abschlie-
von Finanztransaktionen ßend zusammengefasst werden.

Die bisher dokumentierten Beobachtungen Die Studie schätzt das Aufkommen einer
weisen auf folgenden Zusammenhang hin: generellen FTS für drei mögliche Steuersätze,
Spekulatives „Trading“ auf Finanzmärkten nämlich 0,1, 0,05 und 0,01 Prozent. Bei Fi-
erhöht die kurzfristige Volatilität von Wech- nanzderivaten wird der „notional value“ der
selkursen, Rohstoffpreisen und Aktienkursen Transaktion zugrunde gelegt, also etwa bei
und verstärkt damit gleichzeitig auch die län- einem Future sein Kontraktwert. Dies bedeu-
gerfristigen Abweichungen dieser Preise von tet, dass die FTS solche Transaktionen stärker
ihren „fundamentalen“ Gleichgewichtswer- belastet, für die relativ wenig Bargeld einge-
ten. Anders gesagt: „Exzessive“ Liquidität ist setzt werden muss, insbesondere Derivate
ein typisches Merkmal von „asset markets“ mit hoher Hebelwirkung. Auch ist klar, dass
geworden. eine FTS den Handel mit Finanztiteln umso
stärker belastet, je größer die Transaktions-
Dieser Befund stellt die wichtigste Begrün- häufigkeit ist. Daraus folgt, dass die FTS in
dung für die Einführung einer generellen Fi-
nanztransaktionssteuer mit einem niedrigen 5 St. Schulmeister/M. Schratzenstaller/O. Picek
bis minimalen Steuersatz dar. Denn eine sol- (Anm. 2).

APuZ 26/2009 13
erster Linie (spekulative) Transaktionen mit Harald Klimenta
einem hohen Risiko spürbar verteuert.

Das potentielle Steueraufkommen wird


unter der Annahme geschätzt, dass das Han-
Probleme und
delsvolumen als Reaktion auf die Einführung
einer FTS zurückgeht. Die Größe dieses Ef-
fekts hängt vom Steuersatz, den Transakti-
Chancen der
onskosten und dem Hebel („leverage“) ab.
Für jeden Steuersatz und jeden Typ von Fi- deutschen
nanzinstrument wird dementsprechend ein
niedriges, mittleres und hohes „transactions-
reduction-scenario“ (TRS) spezifiziert.
Bankenlandschaft
Das Steueraufkommen wurde für einzelne „Die Politik des Staates sollte darauf gerichtet
europäische Länder, große Regionen sowie sein, wirtschaftliche Machtgruppen aufzulösen
für die Welt insgesamt geschätzt. Für oder ihre Funktionen zu begrenzen. Jede Fes-
Deutschland beliefen sich die Erträge bei tigung der Machtgruppen verstärkt die neu-
einem Steuersatz von 0,1 auf 1,69 Prozent des feudale Autoritätsminderung des Staates.“
BIP und bei einem Steuersatz von 0,01 auf Walter Eucken 1
0,52 Prozent des BIP (56,1 bzw. 17,3 Milliar-
den Euro – dabei wird jeweils das mittlere
TRS unterstellt). Der weitaus größte Teil der
Erträge käme von der Derivatbörse EUREX, M it zunehmender Tiefe und Tragweite
der gegenwärtigen Krise sind plötzlich
Gedanken erlaubt, die noch vor Jahresfrist
der Handel mit „echten“ Aktien bzw. Anlei-
hen würde kaum belastet (Übersicht/S. 13). töricht oder illusionär erschienen wären. So
wird öffentlich dar-
Auf Grund der hohen Konzentration von über diskutiert, die Harald Klimenta
Transaktionen auf den Finanzplatz London Finanzmärkte radikal Dr. rer. nat., geb. 1968; Autor,
stellt Großbritannien einen „Sonderfall“ dar. zu verschlanken, Publizist und Referent u. a. für
Dementsprechend hoch wären die Einnah- nicht nur bei den Attac Deutschland, Mitglied des
men aus einer generellen Transaktionssteuer. Landesbanken wer- wissenschaftlichen Beirats
In Europa erbrächte eine generelle FTS einen den ganze Geschäfts- von Attac Deutschland.
Ertrag zwischen 2,30 und 0,74 Prozent des bereiche abgewickelt. info@harald-klimenta.de
BIP (bei einem Steuersatz von 0,1 bzw. 0,01 Im folgenden Text
Prozent und der Annahmen des mittleren wird die These vertre-
TRS). Damit könnte ein großer Teil des Bud- ten, dass das Bankenwesen aus Gründen der
gets der EU finanziert werden. Kontrollierbarkeit, der Transparenz, der Sta-
bilität und der ökologischen Nachhaltigkeit
Für die Weltwirtschaft insgesamt ergäbe auf seinen produktiven Kern gestutzt werden
sich ein Steuerertrag zwischen 1,69 und 0,53 muss. Dabei unterlässt es der Verfasser, sich
Prozent des Welt-BIP bei einem Steuersatz Gedanken über die Durchsetzbarkeit oder
von 0,1 bzw. 0,01 Prozent (mittleres TRS). Anschlussfähigkeit seiner Thesen zu machen,
Zumindest ein Teil davon sollte für die Ent- da die Krise täglich alte Gewissheiten zu Ma-
wicklungszusammenarbeit verwendet wer- kulatur erklärt.
den.
Banken sind „nur“ Makler
Der Daseinszweck von Banken wird verne-
belt, wenn von „Produkten“ gesprochen
wird, die von ihnen „vertrieben“ würden.
Ihre Rolle besteht nicht darin, alltägliche
Dienstleistungen zu produzieren, sondern
1 Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik,

Tübingen 1990, S. 334 (Original 1952).

14 APuZ 26/2009
dafür Sorge zu tragen, dass jene in einer ar-
beitsteiligen Gesellschaft produziert werden In Deutschland existieren drei völlig unter-
können. Banken haben die öffentliche Aufga- schiedlichen Arten von Banken parallel ne-
be zu erledigen, die Versorgung der Gesell- beneinander („Drei-Säulen-Modell“): 2
schaft mit Krediten sicherzustellen; sie sind
keine gewöhnlichen Unternehmen. Hierzu . Genossenschaftliche Institute haben einen
organisieren sie den Geldkreislauf: Geld wird Anteil von ca. 15,5 Prozent an der Bilanz-
von Menschen, die im Moment zu viel, an summe aller Banken. Hierzu zählen die ca.
Menschen umverteilt, die zu wenig davon 1 300 Raiffeisen-, Volks-, und Spardaban-
haben. Mit anderen Worten: Banken sind in ken, deren Zentralinstitute Westdeutsche
allererster Linie Makler, das heißt, sie bringen Genossenschafts-Zentral- (WGZ) und die
einen Überschuss- mit einem Defizitsektor Deutsche Zentral-Genossenschaftsbank
zusammen. Überschüsse sammeln sich zu- (DZ), Union Investment, genossenschaftli-
meist auf Seiten der privaten Haushalte an, che Hypothekenbanken, die VR Leasing,
Defizite beim Staat und bei (vor allem kleinen die R+V Versicherung sowie kirchliche Ge-
oder neu gegründeten) Unternehmen, die In- nossenschaftsbanken und Spezialinstitute.
vestitionen vorfinanzieren müssen. Deshalb
funktionieren Banken umso effizienter, je rei- . Öffentlich-Rechtliche Institute sind für ca.
bungsloser das Geld durch sie hindurchge- 45,5 Prozent der Bankbilanzen verantwort-
reicht wird. Je mehr auf dem Verwaltungswe- lich. Das sind ca. 500 Sparkassen und deren
ge verloren geht, desto weniger Kredit wird Zentralinstitute, die Landesbanken und die
geschöpft. Deka-Bank, hinzu kommen die Kreditan-
stalt für Wiederaufbau (KfW) und zehn
Beim Kreditgeschäft, dem Durchreichen Landesbausparkassen (LBS).
des Geldes durch die Bank, hat jene aller-
hand Probleme zu meistern. Bei der Fristen- . Privatbanken sind kleine, häufig exklusive
transformation hat die Bank mit den relativ Privatbanken wie Sal. Oppenheim oder Be-
kurzen Einlagehorizonten ihrer Sparer im renberg, Pfandbriefbanken wie die Hypo
Vergleich mit den deutlich längeren Kredit- Real Estate sowie private Bausparkassen.
laufzeiten von Unternehmen zu kämpfen Von ehemals fünf großen Privatbanken
und trägt deshalb ein erhebliches Zinsände- (mit einem Marktanteil von knapp 25 Pro-
rungs- und Refinanzierungsrisiko. Und mit- zent an der Bankenbilanz) bleiben nach
tels der Risikotransformation versucht die den aktuellen Übernahmen (Deutsche
Bank zu garantieren, dass die Spareinlagen Bank und Postbank, Commerz- und
ihrer Sparer zu 100 Prozent sicher sind, ob- Dresdner Bank) nur drei, wobei die Hypo-
wohl Kredite immer mit einem Ausfallrisiko vereinsbank seit 2005 eine Tochter der ita-
behaftet sind, weil sie erst in prinzipiell un- lienischen Unicredit ist. Hinzu treten wei-
sicherer Zukunft bedient werden. Banken tere ausländische Privatbanken wie die
müssen also Informationen sammeln – sie City-Bank oder Fortis.
müssen kreditwürdige Investitionen erken-
nen und fragen: Welcher Kredit wird mit
maximaler Wahrscheinlichkeit selbst bei
Jede Säule bietet alles
möglichst hohen Zinsen zurückbezahlt?
Das Besondere an diesem System ist, dass jede
Dieses ureigenste Interesse der Banken ge-
der drei Säulen alle Bankangebote für Sparer
hört zum Kern des Kapitalismus: Investitio-
und Unternehmer bereithält. Vom Börsengang
nen werden so gelenkt, dass sie dem Ban-
über Währungsgeschäfte bis zur Immobilienfi-
kenwesen maximal nutzen. Im Folgenden
nanzierung – alles ist überall möglich, zwar
wird ebenfalls die Frage zu erörtern sein, ob
nicht in der Raiffeisenbank vor Ort, aber in-
dies auch maximalen gesellschaftlichen Nut-
nerhalb der Säule durch die im Besitz der Ge-
zen spendet.
nossenschaftsbanken befindliche DZ- oder
WGZ-Bank. Dasselbe gilt für Sparkassen mit
Ein Blick auf die deutsche Bankenlandschaft
ihren Zentralinstituten. Durch die Parallel-
offenbart, dass die Banken sich in ihrem Selbst-
verständnis und in ihren Organisationsformen 2 Aktuelle Zahlen in: Sachverständigenrat, Das deut-
und damit auch in der Effizienz ihrer Makler- sche Finanzsystem: Effizienz steigern – Stabilität er-
tätigkeit deutlich unterscheiden. höhen, Juni 2008.

APuZ 26/2009 15
struktur erhofft man sich bei hoher Wettbe- mit den Kernaufgaben von Banken wenig bis
werbsintensität niedrige Preise für Bank- nichts zu tun, sondern erhöhte systemisch Ri-
dienstleistungen. Gleichzeitig wird etwa vom siken bei gleichzeitiger Verringerung von
Sachverständigenrat eine starke Fragmentie- Transparenz und Kontrollmöglichkeiten.
rung bei nur geringer Rentabilität beklagt. 3
Doch die regionale Struktur der ersten beiden Leider ist es nicht nur ein Problem der Ban-
Säulen führe zu einer ausreichenden Mittel- ken, wenn sie sich verspekulieren. Großban-
standsfinanzierung in den Regionen, und im ken sind regelmäßig „too big to fail“: zu groß,
erwähnten Gutachten heißt es: „In der aktuel- um untergehen zu dürfen. Nach den Kettenre-
len Krise haben sich diese lokale Bindung und aktionen, die auf die Pleite von Lehman Bro-
die geringe Größe der Institute als Risiken ab- thers folgten, werden Großbanken auch de
schirmend und damit stabilisierend erwie- facto nicht mehr fallengelassen werden, trotz
sen.“ 4 Leider werden die ersten beiden Säulen Heerscharen radikalliberaler Wirtschaftsbera-
schwächer, aufgrund von Filialschließungen ter, deren Zenit überdies überschritten sein
und Fusionen sinkt die Kundennähe, und der dürfte. Deshalb wird es in den nächsten Jahr-
Wegfall der Gewährträgerhaftung bei Landes- zehnten ein Wunschtraum bleiben, Banken
banken und Sparkassen hat deren Refinanzie- wie gewöhnliche Unternehmen zu behandeln.
rungskosten erhöht, was gerade im Hinblick Vergleichbar den Wasserwerken einer Kom-
auf die von lokalen Sparkassen vorwiegend fi- mune steht im Hintergrund der Banken ein
nanzierten klein- und mittelständischen Un- Gemeinwohl, das deren Verschwinden verhin-
ternehmen (KMU) unter dem Basel-II-System dern wird, weil ihr Vorhandensein und Funk-
kreditverknappend wirkt. tionieren von grundlegendem gesellschaftli-
chem Interesse ist. Alle müssen dem Banken-
Too big to fail – Große Banken wesen vertrauen können, damit es überhaupt
funktionieren kann. 7 Dieses Wissen ist nicht
machen große Probleme neu, es manifestierte sich in der Gewährträger-
haftung: Das Land oder die Kommune stehen
Die gegenwärtige Art, die Finanzkrise zu ein, wenn es zur Überschuldung von Landes-
meistern, ist Ausdruck gesellschaftlicher banken bzw. Sparkassen kommt. Weil sie sich
Grundüberzeugungen und Machtverhältnisse. so billiger refinanzieren konnten und dies
So verwundert es nicht, dass auf eine Wieder- Wettbewerbsnachteile für andere Banken zur
herstellung des Status quo, wie er vor der Ban- Folge hatte, durfte die Gewährträgerhaftung
kenkrise bestand, hingewirkt wird. Beherzte nicht länger auf Landesbanken und Sparkassen
Restrukturierungen, die auf ernsthaften Kon- angewandt werden. Doch die Krise brachte
sequenzen aus den Ursachen der Krise beru- das Instrument jäh zurück – jetzt gilt die Ge-
hen, bleiben aus: Durch Fusionen irreal ge- währträgerhaftung für alle systemrelevanten
wachsene, weltweit operierende Banken haben Banken, und zu solchen werden praktisch alle
in der Vergangenheit via politischem Lobbying Großbanken ernannt. Zu fragen ist eben nicht,
mit großem Erfolg staatliche Regulierungen was in einer Schönwetterperiode effizient ist,
geschliffen oder dabei mitgeholfen, sie zu um- sondern welchen Regeln während einer Krise
gehen. 5 Sie operierten mit großen Kredithe- gefolgt wird. So lernen wir gegenwärtig, dass
beln und erreichten auf diese Weise enorme Großbanken ohne Gewährträgerhaftung eine
Kapitalrenditen für ihre Eigentümer, die sich Illusion sind. Die jetzige Realität der öffentli-
daran gewöhnten und immer noch mehr ver- chen Haftung gilt es auf ein vernünftiges Fun-
langten – nicht nur in den USA. 6 All das hatte dament zu stellen.
3 Vgl. ebd., S. 6.
In einem zukunftsfähigen Bankensystem
4 Ebd., S. 21.
5 Einen Überblick bietet „Finanzkrise und Lobbyis- werden von vornherein Regulierungen und
mus“ unter www.lobbycontrol.de/blog/index.php/ Kontrollen festgeschrieben sein, die eine mögli-
2008/10/finanzkrise-und-lobbyismus (18. 3. 2009); die che Sozialisierung von Verlusten im Krisenfall
Schweizer UBS hat Beihilfe zur Steuerflucht auch zu- regeln – was nichts anderes bedeuten kann, als
gegeben, vgl. „UBS verrät Geheimdaten Hunderter die Möglichkeiten der privaten Aneignung der
Kunden an US-Justiz“, www.spiegel.de/wirtschaft/
0,1518,608573,00.html, 19.2.09, (18. 3. 2009).
6 Das Verhältnis von Bilanzsumme zu Eigenkapital 7 Der Zusammenbruch des Interbankenhandels oder

(Leverage Ratio) der Deutschen Bank beträgt 55 (Bi- das private Horten von Geld sind Ausdruck mangel-
lanz 2007). haften Vertrauens in das Finanzsystem.

16 APuZ 26/2009
Überschüsse von Banken deutlich zu begrenzen schaften werden Banken somit sicher nicht
und unter Vorbehalt zu stellen. (Das kann etwa länger firmieren dürfen.
bedeuten, das Salär des Führungspersonals zum
Teil unter Vorbehalt auszubezahlen.) Dagegen
wird eine Unternehmensform, in der die Maxi- Hiesiges Bankenwesen prädestiniert
mierung und private Aneignung von Gewinnen
erklärtes Ziel ist, im Krisenfall stets zu Unge- Es mag illusionär klingen, doch das deutsche
rechtigkeiten führen, weil die privatisierten Ge- Bankenwesen wäre für diese Entwicklungs-
winne nicht mehr zur Begleichung von Verlus- richtung prädestiniert, denn Genossen-
ten zur Verfügung stehen. schaftsinstitute und Sparkassen sind schon
heute kleinteilig organisiert und keinen Ge-
Die gegenwärtige Krise zeigt, dass selbst die winnmaximierungsinteressen unterworfen.
Einlagensicherungsfonds – die gesetzlichen Die regionalen Banken erfreuen sich reich-
bei der KfW, beim Sparkassen- und Girover- lich neuer Kunden und Kundeneinlagen, und
band, beim Bundesverband der Deutschen wenn sie nicht für Verluste von deren Zen-
Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) ebenso tralinstituten einstehen müssen, wird die ge-
wie beim privaten Bankenverband – Schön- genwärtige Krise an ihnen vergleichsweise
wetterveranstaltungen sind. Sie werden zwar glimpflich vorüber gehen. 8 Die Kleinbanken
bei einem Missmanagement einzelner Banken weisen viele weitere Vorteile für die Gesell-
Sparguthaben retten, aber eine umfassendere schaft auf: Sie sind übersichtlich und kon-
Krise können sie nicht abfedern. Kommt es trollierbar und entfalten vergleichsweise
hart auf hart, muss immer der Staat einsprin- wenig politische Macht. Der allein von den
gen, genauer: der Steuerzahler. kleinen Sparkassen und Genossenschaftsban-
ken ausgegebene Anteil an Krediten ist weit-
Doch nicht erst in der Krise, schon beim aus höher als ihr Anteil an der konsolidierten
täglichen Bankengeschäft ist die Gewinnma- Bankbilanz: Sie vergeben fast 50 Prozent
ximierungsabsicht problematisch. Nimmt aller Kredite an inländische Nichtbanken –
man die eingangs dargestellte Maklertätigkeit bei einem Anteil an der Bilanzsumme aller
der Banken ernst, so muss das Kreditgeschäft Banken von ca. 30 Prozent –, was zugleich
im Zentrum ihrer Tätigkeiten stehen. Dabei die Vernachlässigung des Kreditgeschäfts
erfüllt eine Kreditbank ihre Maklertätigkeit durch die Privatbanken dokumentiert. 9 Und
umso besser, je geringer ihr Zinsüberschuss gleichzeitig zeigt sich, dass sie bei weitem
aus Krediten und Spareinlagen sein muss, nicht so leicht und so schnell ein Eigenleben
um alle Kosten der Banktätigkeit (Löhne, neben ihren eigentlichen Aufgaben entwi-
Rücklagenbildung) zu decken. Millionenboni ckeln (können) wie Großbanken. Das führt
oder Dividendenausschüttungen erhöhen den im gegenwärtigen Bankensystem allerdings
notwendigen Zinsüberschuss, eine schlanke zu erheblichen Wettbewerbsnachteilen,
Verwaltung verringert sie. In diesem einfa- bringt doch das Kreditgeschäft nur kleine
chen Bild ist eine Bank vergleichbar mit Margen.
einem karitativen Verein, bei dem umso
mehr Hilfsgelder bei Bedürftigen ankom- Von Vorteil ist auch die Konzentration
men, je geringer der Verwaltungsaufwand ist. des Geschäftsbetriebs der Kleinbanken auf
Eine Bank, die dem Anreiz der Gewinnma- eine Region: Sie dient der Regionalentwick-
ximierung folgt, kann kein guter Makler lung. Die Beschränkung der Bewegungsfrei-
sein: Entweder ihre Kredite werden teuer, heit von Sparkassen aufgrund des Regional-
oder sie versucht, Geld in anderen Bereichen prinzips führt dazu, dass sie gar nicht an-
zu verdienen, etwa durch den Kauf riskanter ders können, als ihre Region zu entwickeln.
Wertpapiere – eine Ursache der gegenwärti- Dieses Ziel im Blick, werden Regionalban-
gen Probleme, die zur Vernachlässigung des ken die Akkumulation von Wissen bezüg-
Kreditgeschäfts führte. Soll die Konzentrati- lich der örtlichen Gegebenheiten, der Stabi-
on auf das Kreditgeschäft in Zukunft ein Po- lität und Struktur der örtlichen Wirtschaft
litikziel sein, so bedeutet dies nebst einer be- 8 Vgl. kritisch zu Sparkassen: Arne Storn, Kassensturz
herzt anzugehenden Schrumpfung der Ban-
auf dem Dorf, in: Die Zeit Nr. 14 vom 26. 3. 2009.
ken vor allem auch deren Organisation in 9 Vgl. Sachverständigenrat (Anm. 2)., S. 91. Mit
einer Rechtsform, die sie nicht zur Gewinn- „Nichtbanken“ sind alle Unternehmen gemeint, die
maximierung verleitet. Als Kapitalgesell- nicht in der Kreditwirtschaft tätig sind.

APuZ 26/2009 17
oder der Kenntnis öffentlicher Belange auch nanz Zentrums Wolfgang Gerke) 13 von den Landesre-
in wenig profitablen Bereichen vorantreiben. gierungen zugleich kontrolliert und für eigene Zwecke
genutzt werden. Es bleiben Zweifel daran, ob die Kon-
trolleure tatsächlich Alarm geschlagen hätten, selbst
Probleme der Landesbanken lösen wenn sie die Geschäfte der Banker verstanden hätten.

Systemische Risiken aus dem Bankensystem Die konsequente Lösung: Entweder Landesbanken
zu eliminieren und die Bankentätigkeit auf werden nicht von Landespolitikern kontrolliert – oder sie
das Kreditgeschäft zu fokussieren, legt die dürfen ihnen keinen Nutzen spenden. Mögliche Abhilfe:
Entwicklung und Stärkung einer kleinteilige-
ren Bankenlandschaft nahe. Vor diesem Hin- . Die Unterstützung der Landespolitik nebst Landes-
tergrund war es unverantwortlich der Deut- wirtschaftsförderung wird bei genau auf diese Auf-
schen Bank eine Übernahme der Postbank zu gaben zugeschnittenen Spezialinstituten gebündelt,
gewähren; das gilt auch für die Fusion zwi- wie z. B. der LfA Förderbank Bayern. Dabei dürfen
schen Commerz- und Dresdner Bank. Viel- Förderbanken allerdings keine Gewinne ausschüt-
mehr müssen Großinstitute konsequent zer- ten, das wäre widersinnig.
legt und gestutzt werden – ein Prozess, der
bei der BayernLB auch schon auf den Weg . Zukünftige Kernaufgabe der Landesbanken ist
gebracht wird. 10 (nebst dem Geschäft mit Gewerbeimmobilien und
Großkundenkrediten) 14 die Erbringung von Dienst-
Das Desaster der Landesbanken hängt ers- leistungen für Sparkassen. Die Landesbanken sind
tens mit deren Geschäftsmodell zusammen. vollständig den Sparkassen zu unterstellen und dür-
So ist zum Beispiel bei der BayernLB weniger fen – wie die Sparkassen selbst – zukünftig keine Ge-
als ein Fünftel der Bilanzsumme dem öffentli- winne mehr ausschütten. 15
chen Auftrag, das heißt der Wirtschaftsförde-
rung bei Auslandsengagements, Aufgabener- Immerhin gehen die Schrumpfungspläne der Bay-
füllung für das Land Bayern oder Unterstüt- ernLB ein kleines Stück in diese Richtung: Abbau des
zung von Kommunen und Sparkassen, Auslandsgeschäftes, Abbau riskanter Positionen, Kon-
zuzurechnen. 11 Der überwiegende Rest ent- zentration auf den regionalen Mittelstand und Service
spricht Tätigkeiten einer Großbank, die bei für Sparkassen. Denn selbst in normalen Zeiten ist es
wenig Privatkundengeschäft und seit 2005 Unfug, US-Immobilien statt regionale Anliegen zu
ohne Gewährträgerhaftung ihren Finanzbe- fördern, was in dem Stoßseufzer eines Landrats zum
darf relativ teuer am Kapitalmarkt decken Ausdruck kommt: „Unsere Mittelständler haben um
muss und dieses Geld aus Mangel an gewöhn- Kredite betteln müssen, und in Übersee hat man das
lichen Kreditnehmern postwendend auf den Geld zum Fenster hinausgeworfen.“ 16
weltweiten Finanzmärkten möglichst hoch
verzinst anlegt („Kreditersatzgeschäft“). 12
Diese Bankenbereiche könnten aufgelöst wer- Nachhaltigkeit und Transparenz
den; der öffentliche Auftrag verbietet jedoch
eine Auflösung oder Privatisierung der Lan- Da Kredite im Allgemeinen Investitionen zur Folge
desbanken. haben, gestalten Banken unsere Zukunft. Vergangene
Investitionen hatten diese Gegenwart zur Folge, was
Das Desaster hat zweitens seine Ursache in schon angesichts der offenkundigen Umweltprobleme
der mangelhaften Kontrollierbarkeit der Lan- dazu zwingt, die Grundlage der Kreditentscheidungen
desbanken, die als „verlängerter Arm der Po-
13 „Hier wird Steuergeld verschwendet“, www.sueddeutsche.de/
litik“ (so der Präsident des Bayerischen Fi-
wirtschaft/217/449941/text/, in: Süddeutsche Zeitung (SZ) vom
2. 12. 2008 (17. 3. 2009).
14 Zu den Problematik der LBBW mit dem Großkunden Merckle
10 Vgl. BayernLB: Zukunftsfähiges Fundament steht, vgl. Thomas Fromm, Zocker in Not, in: SZ vom 19. 11. 2008.
Presseinformation vom 25. 3. 2009. 15 Die „Modernisierung“ der Sparkassengesetze, welche Stamm-
11 So der bayerische Landtagsabgeordnete und Mit- kapitalbildung ermöglicht und so deren Gewinnausschüttungs-
glied in der Krisenbewältigungskommission der Bay- verbot schleift (Hessen, Rheinland-Pfalz, z. T. NRW), wird auf
ernLB Eike Hallitzky von B 90/Die Grünen in einem kommunaler Ebene dieselben Begierden zur Folge haben wie bei
Vortrag, vgl. www.eike-hallitzky.de/html/Reden/Lan- den Landesbanken und ist deshalb eine schlechte Lösung zur
desbank-Vortrag Stand 080828.pdf (29.. 2009). Stärkung der Eigenkapitalbasis der Sparkassen.
12 Vgl. z. B. Hanno Mußler, Am Abgrund, in: Frank- 16 Zitat in: Thomas Fromm/Klaus Ott, BayernLB vor radikalem

furter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 12. 10. 2008. Umbau, in: SZ vom 1. 12. 2008.

18 APuZ 26/2009
von Banken zu überdenken. 17 Unsere Gegenwart ent- dite werden komplett in der vierteljährlich er-
stand auf Basis von Investitionsentscheidungen, die auf scheinenden Kundenzeitschrift veröffentlicht,
Gewinnmaximierungsabsicht und Rückzahlungssi- gewerbliche Kredite inklusive Namen des
cherheit beruhten; die Überprüfung der Zukunftsver- Darlehensnehmers, Summe und Verwen-
träglichkeit von Investitionen ist allerdings keine Auf- dungszweck. Damit geht die GLS-Bank weit
gabe der Banken. 18 über die von vielen Banken angebotenen ethi-
schen Investmentfonds hinaus.
Die Annahme, dass die rentabelste Investition auch
der Gesellschaft maximal nutzt, weil sie das Wachstum Warum sollten nicht alle Banken dazu ver-
des Bruttoinlandsprodukts maximiert, ist ein Funda- pflichtet werden, ihr Anlageportfolio detail-
ment des Kapitalismus. Andere, etwa ökologische Kri- liert, übersichtlich und leicht auffindbar im
terien, könnten danach das Wachstum verringern. Es Internet zu veröffentlichen? Dies könnte
gibt jedoch zahllose Belege dafür, dass die Lebenszufrie- dazu beitragen, wenig nachhaltige Geschäfts-
denheit der Menschen in den Industriestaaten trotz un- praktiken schnell publik werden zu lassen
gebrochenen Anstiegs des Bruttoinlandsprodukts seit und die Kontrolle der Banken zu erleichtern.
Jahrzehnten in etwa konstant geblieben ist. 19 Allein Vielleicht würde es sogar Kunden zu kriti-
schon vor diesem Hintergrund ist es für unsere Gesell- schen Nachfragen ermuntern und dazu füh-
schaft nicht sinnvoll, den Fokus weiter auf Wachstums- ren, dass sie ihr Geld den Banken weniger
maximierung zu richten. Eine Erweiterung der Investi- aufgrund der gebotenen Zinsen, sondern stär-
tionskriterien käme jedoch einer Zäsur in unserem Wirt- ker aufgrund der getätigten Zukunftsinvesti-
schaftssystem gleich. Als fehlgeleitet wird man diesen tionen anvertrauen.
Vorschlag aber nur bezeichnen, wenn man die Brisanz
der ökologischen Krise leugnet oder nicht sieht, welch Die notwendigen Veränderungen, um zu-
enorme Bedeutung der Bankensektor für unsere Zu- kunftsfähige Kreditvergabe zur Normalität
kunft hat. Dabei geht es nicht um Corporate Social Re- werden zu lassen, sind natürlich weitaus tief
sponsibility. Dass Banken ökologische Leitlinien beim greifender und damit schwieriger umzusetzen
Gebäudemanagement beachten oder Bankenstiftungen als etwaige Transparenzverpflichtungen. Nur
nachhaltige Projekte unterstützen, ist angesichts der all- ein kleiner Schritt in diese Richtung wird bis-
täglich anstehenden Kreditentscheidungen, die unter her getan: Die Kreditanstalt für Wiederaufbau
Rentabilitätsgesichtspunkten gefällt werden, nachran- stellt Förderkredite zur Verfügung, wenn
gig. Ein zukunftsfähiges Bankenwesen muss bei der zum Beispiel Kommunen oder Unternehmen
Kreditvergabe transparente und nachprüfbar nachhalti- ihre Energieeffizienz (etwa durch Sanierun-
ge Projekte favorisieren. gen) erhöhen oder Privathaushalte ökologisch
bauen wollen. Das heißt, sie subventioniert
Leider gibt es nur sehr wenige Banken, die sich Nach- Kredite, indem sie diese unterhalb der markt-
haltigkeit und Transparenz als Geschäftsprinzip auf die üblichen Zinssätze anbietet, und fördert auf
Fahnen geschrieben haben – was natürlich auch mit diese Weise nachhaltige Investitionen. Zu-
mangelhaftem Interesse von Bankkunden zu tun hat. 20 künftig wird es um eine Ausweitung dieser
Die älteste Bank in diesem kleinen, aber stark wachsen- Praxis der Zinssteuerung auf möglichst viele
den Sektor ist die Bank für sozial-ökologische Geldanla- umweltsensible Investitionsvorhaben gehen –
gen (GLS-Bank). Diese ist seit 1974 als Vorkämpferin nicht nur im Hinblick auf eine Verbilligung
der sozial-ökologischen Kreditvergabe erfolgreich. Er- nachhaltiger, sondern auch um die Verteue-
folg bedeutet dabei für die GLS-Bank, eine wachsende rung umweltschädigender Investitionen. Den
Anzahl sinnvoller Projekte mit möglichst geringen Zinssatz als Ordnungsinstrument zur Förde-
Zinssätzen zu unterstützen – nicht, Überschüsse auszu- rung einer nachhaltigen Entwicklung zu nut-
schütten. Die von der Bank jeweils neu vergebenen Kre- zen, könnte der Einstieg in ein anderes
Gesellschaftsmodell sein, indem nicht mehr
17 Das gilt natürlich auch für die von Banken organisierten zielblind Individuen ihren Eigennutz maxi-
Aktienemissionen und deren Anlageentscheidungen. mieren, sondern eine Gemeinschaft entschei-
18 Zum Privatunternehmer als Entscheider über Zukunfts- det, welche Investitionen zukunftsträchtig
investitionen vgl. Peter Ulrich, Integrative Wirtschaftsethik, Bern und damit Gewinn bringend sind.
20084, S. 431 ff.
19 Vgl. u. a. Stefan Bergheim, BIP allein macht nicht glücklich,

Deutsche Bank Research, Aktuelle Themen 367 vom 4. 10. 2006;


Richard Layard, Die glückliche Gesellschaft, Frankfurt/M. 2005.
20 Einen Überblick gibt de.wikipedia.org/wiki/Ethisches_In

vestment (19. 3. 2009).

APuZ 26/2009 19
Frank Bertsch · Werner Just bleiben müssen. Während sich die Probleme
des Finanzmarkts in den Jahren 2007 und

Die Suche der 2008 von den USA aus weltweit ausbreiteten,
setzte die Rezession der Realwirtschaft –
nach einer konjunkturellen Abschwächungs-
Verbraucher nach phase – in den führenden Volkswirtschaften
fast simultan im vierten Quartal 2008 ein.

verantwortlichen
Der tiefgreifende wirtschaftliche Abschwung
wird die Weltwirtschaft im Jahr 2009 prägen
und sich auch 2010 auswirken. Die Erholung

Kreditinstituten von der globalen Krise wird länger dauern.


Staatsverschuldung wird nicht zu vermeiden
sein. Eine prozyklische Politik wie in der
Weltwirtschaftskrise der Jahre 1929/30 wäre
vor heutigen und künftigen Generationen
D ie globale Finanzmarkt- und Wirt-
schaftskrise setzt einen Schlusspunkt
hinter das 20. Jahrhundert. Sie kann als End-
nicht zu verantworten.

phase von Entwicklungen in der zweiten Das Versagen der Selbstregelungskompe-


Hälfte des 20. Jahrhunderts und nach dem tenz der Finanzmärkte und der Verlust ihrer
Ende des Ost-West-Konflikts verstanden Funktionssicherheit verdeutlichen, dass so-
werden. 1 In der Welt- wohl auf nationaler wie auf transnationaler
Ebene staatliche Ordnungskompetenzen er-
Frank Bertsch wirtschaft sind große
forderlich sind. Es gilt, neue Regeln für alle Be-
Diplomvolkswirt, geb. 1937; Pu- Ungleichgewichte der
reiche, Geschäfte und Produkte der Finanz-
blizist, Ministerialrat a.D.; Dah- Handels- und Finanz-
wirtschaft auszuhandeln und eine zweckmäßi-
lienweg 4, 53639 Königswinter. ströme entstanden. Sie
ge Aufteilung der Kontrollkompetenzen auf
frank.bertsch@gmx.de rufen protektionisti-
sche Bestrebungen her- nationale und transnationale Instanzen vorzu-
nehmen. Die Treffen der weltwirtschaftlich
Werner Just vor. Zugleich nähren
einflussreichsten Ländergruppe der G 20 in
Dipl. Sozialarbeiter, geb. 1955; sie eine Geld-
Washington (November 2008) und London
Fachbereichsleiter beim schwemme, die das
(April 2009) haben gezeigt, dass die Regierun-
SKM Köln, Entstehen einer speku-
gen in der globalen Krise Handlungsfähigkeit
Große Telegraphenstr. 31, lativen Desorganisation
besitzen. Von Bedeutung ist auch, dass sich die
50676 Köln. von Anlagemärkten be-
Vereinigten Staaten und China darauf verstän-
wju@skm-koeln.de günstigt hat und be-
günstigt. Es wird zu digt haben, ihre ungleichgewichtigen Handels-
einer grundlegenden und Finanzbeziehungen zu ordnen. Die Lon-
Korrektur der globalen wirtschaftlichen Rah- doner Beschlüsse zur Aufsicht über Finanz-
menbedingungen kommen müssen – zu- märkte und finanzwirtschaftliche Unterneh-
nächst auf den Finanzmärkten. Die Be- men (Banken, Hedge-Fonds, Rating-Agentu-
wältigung der Krise wird eine andere Groß- ren u. a.) sowie zur Eigenkapitalausstattung
wetterlage im 21. Jahrhundert schaffen. Öko- und Bilanzierung der Institute leiten einen Re-
nomen erwarten einen neuen langwelligen formprozess ein. Die Etablierung eines sys-
Zyklus ökonomischer und ökologischer temischen Überwachungs- und Warnsystems
Entwicklungen, den fünften Kondratieff- durch das neue Financial Stability Board
Zyklus. 2 (FSB) und den International Monetary
Fund (IMF) kann die Entwicklung der Fi-
nanzmärkte und Volkswirtschaften nachhal-
Transnationale Antworten tig beeinflussen. Die Umsetzung der Lon-
auf die globale Krise doner Beschlüsse in Regelwerke wird einige

Die Bundesrepublik erweist sich mit dem Fi-


1 Vgl. Helmut Schmidt, Wie entkommen wir der De-
nanzmarkt-Stabilisierungsfonds Soffin, dem
pressionsfalle?, in: Die Zeit Nr. 4 vom 15. 1. 2009.
Wirtschaftsfonds Deutschland und den Kon- 2 Kondratieff-Zyklen sind Schübe wissenschaftlich-
junkturprogrammen in der Krise als hand- technisch-wirtschaftlicher Innovationen, die mehrere
lungsfähig, und sie wird dies auch in der an- Jahrzehnte (etwa 40 – 60 Jahre) wirken und im Wirt-
haltenden Strukturkrise der Märkte weiter schaftsprozess seit etwa 1790 beobachtet werden.

20 APuZ 26/2009
Zeit erfordern. Die G 20 wollen diesen Pro- der Bundesregierung weisen auf große Defi-
zess begleiten. Das Zeitfenster für eine in- zite an Teilhabe- und Verwirklichungschan-
ternational übereinstimmende Neuordnung cen und eine ganz ungleichgewichtige Ein-
der Finanzmarktverfassung wird nur für kommens- und Vermögensverteilung hin. Die
eine kurze Zeit unter dem Eindruck der Konsumfähigkeit wie die Konsumbereit-
Krise offen sein. Ermutigend ist, dass die schaft sind in großen Teilen der Bevölkerung
gemeinsamen ordnungspolitischen Bemü- beeinträchtigt. Kaufkraftrelevante Maßnah-
hungen Deutschlands und Frankreichs zur men (wie etwa die der Konjunkturpro-
Schaffung neuer Finanzmarktregeln interna- gramme) allein können die lange aufgestauten
tional Unterstützung fanden und finden. Probleme nicht auflösen.
Die Abstimmung beider Länder wird sich
bei der Steuerung der Finanzmärkte in den Staat und Wirtschaft sind weit davon ent-
Ländern der Euro-Zone und der Europäi- fernt, private Haushalte (in ihrer Rolle als
schen Union bewähren müssen. selbstorganisierte basale Wirtschaftssubjekte)
als einen konstituierenden Teil der Markt-
wirtschaft und langfristigen Partner im Wirt-
Verteidigung der Sozialordnung schaftsprozess zu sehen und dement-
sprechend zu behandeln. Nicht einmal die
Die hohe Exportorientierung der deutschen Verbraucherrolle wird funktional richtig ein-
Wirtschaft führt bei der nachlassenden Welt- geschätzt. Gegenüber der Kreditwirtschaft
marktnachfrage zu einem starken Beschäfti- versagt zudem der Verbraucherschutz. Dies
gungsrückgang. Auch wenn Staat und Wirt- hat zu Fehlentwicklungen in den marktwirt-
schaft Anstrengungen unternehmen, um Ar- schaftlichen Beziehungen beigetragen, mit
beitnehmer im Erwerbsprozess zu halten, der Folge einer Schwächung der Konsumnei-
wird die Zahl der Arbeitslosen deutlich anstei- gung der privaten Haushalte und Familien.
gen. In Deutschland wird es darauf ankom- Die Finanzmarktkrise gibt dazu Anlass, auch
men, nicht allein die wirtschaftlichen Fähigkei- in Deutschland die Marktbeziehungen zwi-
ten, sondern ebenso die sozialen Sicherungs- schen der Kreditwirtschaft und der Zivilge-
systeme als Kernbestandteile der Sozialord- sellschaft grundlegend zu überprüfen.
nung mit allen Kräften zu verteidigen. Sie sind
für die Demokratie wie für die Marktwirt-
schaft systemrelevant. Beunruhigend ist, dass
Verbraucher als selbstständige
die Auswirkungen der Krise bereits auf eine er- basale Wirtschaftssubjekte
schütterte Sozialordnung treffen. Fehlent-
wicklungen drohen zu kumulieren. Fundierte Einer gängigen Definition zufolge sind Ver-
Analysen weisen in Deutschland eine langfris- braucher ausschließlich Endverbraucher,
tig zunehmende Ungleichheit der Einkom- deren Konsum privaten Zwecken dient.
mens- und Vermögensverteilung aus. Die pri- Diese Interpretation erweist sich als überholt.
vaten Lebensverhältnisse gelten als segmen- Verbraucher sind private Haushalte und Fa-
tiert. Diese Entwicklung spiegelt sich in der milien mit ihren Mitgliedern in ihrer Eigen-
Auf- und Abwertung kommunaler Sozial- schaft als basale Wirtschaftssubjekte, die im
räume wider. Bund und Länder haben eine Rahmen ihrer Daseinsgestaltung konsumtive
nachhaltige Armutsprävention und -bekämp- und investive Entscheidungen treffen. Das
fung in den Kommunen versäumt. Ohne eine Rollenspektrum der Verbraucher hat sich er-
entschiedene politische Gegenwehr droht in weitert. Private Haushalte agieren heute nicht
der Bundesrepublik das Netz der solidarischen nur in ihrer privaten Lebenswelt. In vielen
gesellschaftlichen Beziehungen zu reißen. Fällen sind sie unmittelbar in das Betrei-
ben gemeinnütziger Selbsthilfeinitiativen und
In Phasen der wirtschaftlichen Schwäche freier sozialkultureller Träger sowie die
wird häufig auf eine konjunkturelle Belebung Gründung und den Aufbau selbständiger
durch privaten Konsum gesetzt. Vergebens: marktwirtschaftlicher Unternehmen invol-
Es gibt in Deutschland keine Konsumkon- viert. Die Projekte der privaten Lebensfüh-
junkturen. Das Konsumverhalten der priva- rung verbinden sich mit einer Mitgestaltung
ten Haushalte ist durch die Erfahrungen des und -verantwortung der ökonomischen und
20. Jahrhunderts geprägt, aber nicht nur da- ökologischen, sozialen und politischen Um-
durch. Die Armuts- und Reichtumsberichte gebungen.

APuZ 26/2009 21
Die Anforderungen an die Haushalte bei Niveau der Leistungserbringung und das
der Alltagsbewältigung und Lebensplanung Maß an Bedarfsdeckung. Ressourcenstruk-
haben sich erhöht. Wirtschaftlich sehen sich tur und -kombination eines Haushalts lie-
Verbraucher einer Ausweitung von Wahl- fern auch Indikatoren für dessen Kredit-
möglichkeiten bei Gütern und Dienstleis- würdigkeit.
tungen gegenüber, die sich beständig ändern
und deren Komplexität zunimmt. Die „Lebenslageindikatoren“ (wie Bildung,
Transparenz der Märkte nimmt ab. Hinzu Gesundheit, Erwerbsbeteiligung, Wohnver-
kommen Fehlentwicklungen auf Märkten hältnisse, die Nutzung sozialer und kultu-
(beispielsweise durch die Ausbreitung spe- reller Netzwerke, die gesellschaftliche und
kulativer Finanzprodukte). Haushalte erle- politische Partizipation) können die Beurtei-
ben die wirtschaftliche Globalisierung wie lung der Kreditwürdigkeit eines Haushalts
die gegenwärtige Finanzmarkt- und Wirt- ergänzen. 5 Lebensverläufe werden nicht sel-
schaftskrise als eine ernste Bedrohung ihrer ten von „kritischen Lebensereignissen“ be-
privaten Lebensführung und sozialen Teilha- gleitet. Krisensituationen, in die Menschen
be. 3 Der rasche Wandel der Verhältnisse geraten (etwa bei der Geburt eines Kindes,
überfordert vielfach die Anpassungsfähigkeit durch Arbeitslosigkeit oder infolge der
der Haushalte. Private Haushalte, die zu- Trennung von einem Partner, die zur Tei-
rückbleiben, verlieren zunehmend ihre Fä- lung eines Haushalts führt), sind häufig der
higkeit der Selbstbestimmung und Selbstor- Anlass für eine Kreditaufnahme. Die Theo-
ganisation. Es kommt zu einem Rückgang rie der „kritischen Lebensereignisse“ erlaubt
an wirtschaftlicher und gesellschaftlicher es, neben der Einordnung der Ereignisse die
Teilhabe. Deshalb auch entwickeln sich Bil- Chancen für deren Bewältigung zu beurtei-
dung und Beratung zu einem Schwerpunkt len. 6 Die Beurteilung der wirtschaftlichen
des Empowerments von Haushalten. Leistungsfähigkeit eines Haushalts setzt
Wissen über die Gesamtsituation des Haus-
halts voraus: über den Set und die Kombi-
Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit nation der Ressourcen, Lebenslagendimen-
sionen, das sozioökonomische Verhaltensre-
der privaten Haushalte pertoire der Mitglieder (auch deren protekti-
ve Resilienz) und das Krisenmanagement
Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der
des Haushalts bei gegebenen Herausforde-
Verbraucher hängt nicht allein von deren
rungen.
Einkommen ab. Sie basiert auf der Verfü-
gung über drei Gruppen von Ressourcen:
Auf eine sorgfältige Analyse ihrer Leis-
der humanen (Zeitbudgets und Kompeten-
tungsfähigkeit haben Haushalte als eigenstän-
zen), materiellen (Geldeinkommen und
dige Wirtschaftssubjekte und Marktpartner
Realeinkommen) und sozialen Ressourcen
einen originären Anspruch. Es ist nicht ein-
(den Angeboten und der Nutzung komple-
zusehen, dass diese erst im Überschuldungs-
mentärer Infrastrukturen). 4 Es sind die hu-
fall durch die Schuldner- und Verbraucherin-
manen Kompetenzen, welche die anderen
solvenzberatung vorgenommen wird – und
Ressourcen erschließen. Die Kombination
nicht schon bei der Kreditvergabe durch die
der Ressourcen generiert Nutzen stiftende
Kreditinstitute. Auf der Grundlage einer
Leistungen im Zuge der Alltagsbewälti-
haushaltsbezogenen Bonitätsprüfung könnte
gung. Bei einem gegebenen Set an Ressour-
eine für den einzelnen Haushalt zutreffende
cen entscheidet die Zweckmäßigkeit und
Kreditberatung bei der Kreditvergabe (res-
Nachhaltigkeit der Kombination über das
ponsible lending) erfolgen.

3 Vgl. Wissenschaftlicher Beirat für Verbraucher- und

Ernährungspolitik beim Bundesministerium für Er- 5 Vgl. Frank Schulz-Nieswandt/Clarissa Kurscheid,

nährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Die Schuld an der Schuld – Zur Überschuldung priva-
(BMELV): Stellungnahme „Verbraucherkompetenz für ter Haushalte, Hamburg 2007, S. 51,79, 80, 83, 85.
einen persönlich erfolgreichen und gesellschaftlich 6 Vgl. ebd., S. 53–55. Die Autoren weisen darauf hin,

verantwortlichen Konsum“, Kapitel III, Bonn 2008. dass Gerhard Reiter zwischen Krisenschuldnern, Ar-
4 Vgl. Michael-Burkhard Piorkowsky, Verarmungs- mutsschuldnern, Anspruchsschuldnern und Defizit-
gründe und Armutsprävention bei Privathaushalten, schuldnern unterscheidet. Krisenschuldner bilden den
Bonn 2000. häufigsten Typus.

22 APuZ 26/2009
Schutz der Verbraucher gegenüber der scheidung über den Vertragsschluss an sich –
nicht über dessen inhaltliche Ausgestaltung.
Marktmacht der Kreditinstitute Die darin liegende Freiheitsbeschränkung
wirft die Frage nach der Wirkung des Ver-
„Verbraucherschutz“, verstanden als ein braucherschutzrechts im Allgemeinen und
rechtlicher, wirtschaftlicher, sozialer und ge- der Grundrechte im Besonderen bei der Aus-
sundheitlicher Schutz der Verbraucher, ist in legung derartiger Verträge auf.“ 8
modernen Zivilisationen eine Zielsetzung der
staatlichen Politik, der Rechtsordnung und Marktwirtschaftliche Spielregeln gebieten
im Prinzip auch der marktwirtschaftlichen es, dass Kreditinstitute ihre asymmetrische
Wirtschaftsordnung. 7 Adressaten des Ver- Marktstellung erkennen und korrigieren. Der
braucherschutzes sind das Humanvermögen Schutz der Verbraucher erfordert es, dass die
der privaten Haushalte und Familien und Bundesregierung, die Deutsche Bundesbank,
das ihrer Mitglieder, Erwachsene wie Kinder. die Bundesanstalt für Finanzdienstleis-
Wenn man den Begriff des „Verbrauchers“ tungsaufsicht und die Kartellbehörden in
mit der Existenz und Lebensführung der pri- Wahrnehmung ihrer öffentlichen Verantwor-
vaten Haushalte und Familien verbindet, tung und Regelungskompetenz einen Aus-
gründet der Anspruch auf „Verbraucher- gleich der Interessen zwischen Kreditinstitu-
schutz“ auf Grundrechten, auf dem Anspruch ten und Verbrauchern aktiv moderieren. Im
auf Schutz und Förderung einer selbstbe- Zweifel muss sich der rechtliche Verbraucher-
stimmten privaten Lebensführung, der Ab- schutz gegenüber Freiheitsansprüchen des
wehr von Risiken und der Förderung von Markts, auch gegenüber der einseitigen Ver-
Chancen. Dies betrifft das Verhältnis des einnahmung der „Vertragsfreiheit“ durch
Staats zu seinen Bürgerinnen und Bürgern, Kreditinstitute, durchsetzen.
aber auch das Verhältnis von Unternehmen
der Marktwirtschaft gegenüber Konsumenten
(Consumer Citizens). Der Verbraucherschutz
Kreditinstitute im Konflikt
stützt sich auf das Rechtsstaats- und Sozial- mit der Zivilgesellschaft
staatskonzept der Demokratie.
Die vom amerikanischen Hypothekenmarkt
Die Beziehungen zwischen der Kreditwirt- ausgehende Finanzmarktkrise hat vor Augen
schaft und Kredit nehmenden Haushalten geführt, welchen Einfluss unverantwortliche
sind stark belastet. Das Gefälle von Verhand- Geschäftsbeziehungen zwischen Kreditinsti-
lungsmacht (eine strukturell ungleiche Ver- tuten und privaten Haushalten auf die Ent-
handlungsstärke) zwischen privaten Haushal- wicklung der Finanzmärkte haben können.
ten als Kreditnehmern und Kreditinstituten Dies sollte als Warnung verstanden werden.
als Kreditgebern ist umso größer, je geringer Auch in Deutschland sind die Beziehungen
die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von zwischen der Kreditwirtschaft und der Zivil-
Haushalten einzuschätzen ist. Es führt in der gesellschaft erheblich gestört. Auf der einen
Regel zu asymmetrischen Verhandlungslö- Seite besteht der Eindruck, dass die Kreditin-
sungen zu Lasten der Verbraucher mit Nied- stitute mit ihren Produkten und mit ihrem
rigeinkommen (mit einem materiellen Un- Marktverhalten dem sich vollziehenden Wan-
gleichgewicht der Verträge). Diese stellen in del der Gesellschaft nicht zu folgen vermö-
der Bundesrepublik eine breite Schicht. Ihnen gen. Auf der anderen Seite erfahren private
gegenüber spielen insbesondere Banken ihre Haushalte täglich, dass Kreditinstitute ihre
Marktmacht voll aus. „Bei Inanspruchnahme überlegene Marktstellung ohne hinreichende
eines Darlehens wird der Kreditnehmer zu- Selbstkontrolle und staatliche Aufsicht rigo-
meist mit komplexen (. . .) Vertragsgestaltun- ros ausnützen. Die beiden Einwände stehen
gen der Banken konfrontiert. Diese sind für in einem Zusammenhang: Der Wettbewerbs-
ihn als unerfahrenen Verbraucher oft nicht zu theorie zufolge nährt Marktmacht die Illusi-
durchschauen. Ihm bleibt häufig nur die Ent- on, auf Märkten das Verhalten nicht ändern
zu müssen.
7 Vgl. Die Zeit. Das Lexikon in 20 Bänden, Hamburg

2005. Es beschreibt den „Verbraucherschutz“ als 8 Kai-Oliver Knops, Verbraucherschutz und Kredit-

„Gesamtheit der rechtlichen Vorschriften, die den recht, in: Rechtpraktisch.de, Kategorie Zivilrecht, Für
Verbraucher vor Benachteiligungen im Wirtschafts- Private und Selbständige – Bank und Kredit, Köln 2000
leben schützen sollen“. (www.rechtpraktisch.de).

APuZ 26/2009 23
Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit: Haus- Auch die Beratung der privaten Geldanleger
halte mit niedrigerem Einkommen werden bedarf der Qualifizierung. Kreditinstitute
bereits bei der Prüfung ihrer Kreditwürdig- haben durch Anlage-Verkäufe unter Rendite-
keit benachteiligt, weil Scoring-Verfahren druck (u. a. in Verbindung mit Innenprovisio-
bisher die auf einem Bündel von Faktoren nen) viel Vertrauen eingebüßt. Das wirtschaft-
beruhende haushaltsindividuelle wirtschaftli- liche und finanzielle Wissen der privaten Kun-
che Leistungsfähigkeit der Kunden gar den reicht in der Regel nicht aus, um Risiken
nicht beurteilen können und wollen. Markt- und Chancen von Geldanlagen (etwa in In-
tests bestätigen dies. 9 Private Kunden haben vestmentfonds oder Derivaten) ausgewogen
aber als eigenständige Wirtschaftssubjekte beurteilen zu können. Dies gilt besonders für
und Marktpartner einen unabweisbaren An- sozial verletzliche Bevölkerungsgruppen.
spruch auf faire Beurteilung. Standardisierte
„Haushaltsanalysen“ (der Universitäten Gie- Transparenz: Einerseits fordern Kreditneh-
ßen, Hohenheim und Bonn) stehen zur Verfü- mer eine Offenlegung und Begründung ihrer
gung. Auch ein Vergleich haushaltsindividuel- Bonitätsprüfung durch Kreditinstitute. Sie wol-
ler Budgets mit Referenzbudgets privater len wissen, welche Daten Kreditinstitute über
Haushalte (in der EU werden zurzeit „Stan- sie erheben und speichern und in welcher Weise
dard Budgets“ entwickelt) könnte zur Beur- diese in den Bewertungsverfahren der Kredit-
teilung der wirtschaftlichen Leistungsfähig- würdigkeit genutzt werden. Aufgeworfen sind
keit von Kunden beitragen. Fehlt diese Prü- hier ebenso Fragen des Daten- wie des Verbrau-
fung, können Kunden nicht darin beraten cherschutzes. Andererseits argumentieren Kre-
werden, ob, in welchem Umfang und zu wel- ditgeber, dass die Kalkulation von Risiken,
chen Konditionen sie sich einen Kredit leisten Kosten und Preisangeboten Sache der Unter-
können. nehmen sei. Bei Prüfung der Kreditwürdigkeit
eines privaten Kunden wird jedoch mit der
Beratung: Es ist nicht sicher, ob die Um- wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zugleich
setzung der EU-Verbraucherkreditrichtlinie dessen personale Kompetenz und Lebensfüh-
in deutsches Recht eine verbesserte Bera- rung geprüft. Forderungen nach einer Offenle-
tung breiter Schichten privater Kunden gung und Erklärung der Kriterien, der Verfah-
durch Kreditinstitute bewirken wird. (Mög- ren und der Ergebnisse der Prüfung durch die
licherweise kommt es zu einer höheren Kreditinstitute sind deshalb begründet.
Transparenz hinsichtlich der Kreditkondi-
tionen, Kreditkosten und hauptsächlichen Kartellbildung: Bei Bonitätsprüfungen der
Vertragsmerkmale.) Die Beratung ist in vie- Kreditinstitute handelt es sich offensichtlich
len Fällen bereits bei der Kreditanbahnung um weitgehend standardisierte Verfahren
unzureichend. Später, bei sich ankündigen- eines Kollektivs von Unternehmen, die Ele-
den oder eingetretenen Zahlungsstörungen, mente eines Prüfungskartells aufweisen
führt dieses Versäumnis zu einer unmittel- (selbst wenn die Scoring-Verfahren von Kre-
baren Gefährdung der wirtschaftlichen ditinstitut zu Kreditinstitut leicht variieren).
Existenz der Kunden. Das Krisenmanage- Darauf weist auch die Rolle der Schutzge-
ment der Kreditinstitute hat sich als unzu- meinschaft für allgemeine Kreditsicherung
reichend erwiesen. In kritischen wirtschaft- (SCHUFA), eines Oligopolisten des Verbrau-
lichen Lagen der Kunden ist die Fähigkeit cherdatenmarktes, bei der Ermittlung der
der Institute zu einer qualifizierten Mode- Score-Werte hin. 10 Ein Scoring-Kartell der
ration unerlässlich. Dies gilt ebenso für Kreditinstitute aber bedarf schon aus Grün-
wirtschaftliche Krisen, die zu Umschuldun- den der Wettbewerbsordnung nicht allein der
gen, wie für Konfliktlagen, die zu Kredit- privaten, sondern auch der öffentlichen Hin-
kündigungen führen. In Krisen- und Kon- terfragung, insbesondere durch die Bundes-
fliktlagen ist die Einräumung von Zeit für anstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht und
eine professionelle interne oder externe Be-
ratung ein Teil der Problemlösung.
10 Bei Score-Werten handelt es sich um scheinbar ob-

jektive mathematisch-statistische Werte, die die Wahr-


scheinlichkeit ausdrücken sollen, mit der Kunden
9 Vgl. Beraten und verkauft, in: FINANZtest, Berlin Kredite zurückzahlen und mit deren Hilfe Kredit-
2/2007; Kunden in der Schufa-Falle, in: ebd., Berlin 2/ institute die Kreditwürdigkeit von Kunden aus einer
2008. asymmetrischen Marktstellung autonom benoten.

24 APuZ 26/2009
das Bundeskartellamt. Jedenfalls ist einer (ge- Die durch die Kostenaufblähung bewirkte
setzlichen) Legitimierung einseitig von der Belastung von Verbrauchern steht in keinem
Kreditwirtschaft zu etablierender Scoring- adäquaten Verhältnis zum gewährten Vorgriff
Verfahren aus Gründen des Verbraucher- auf Liquidität. Verbraucherkredite mit diesen
schutzes entschieden entgegenzutreten. Die Konditionen werden nicht nur Liquiditäts-
Ausgewogenheit der Prüfverfahren erfordert engpässe überbrücken, sondern zugleich die
zumindest eine Abstimmung mit der Ver- Ver- und Überschuldungsrisiken der Kredit-
braucherzentrale Bundesverband (vzbv) und nehmer erhöhen. Banken erzeugen mit ihrem
dem Bundesverbraucherministerium. Erst ein Vorgehen selbst hohe Kreditausfallrisiken.Ihr
Qualitätswettbewerb der Bonitätsprüfungen Vorgehen führt nicht selten zur Transformati-
wird zu einer Aufdeckung von Fehleinschät- on einer mittelfristigen Verschuldung in eine
zungen der Bewertung und zu einer Optimie- (von den Kreditinstituten möglicherweise er-
rung der Verfahren beitragen können. wünschte) langfristige Kreditabhängigkeit
(via Umschuldungen), welche die wirtschaft-
Kreditversicherungen: In vielen Fällen wer- liche Leistungsfähigkeit privater Haushalte
den den Kunden bei Verbraucherkrediten regelrecht „abschöpft“. Die Funktion des
Kreditversicherungen aufgedrängt, die – ge- Verbraucherkredits, Liquidität bei privaten
messen an den Risiken – in der Regel nicht er- Haushalten in Abstimmung mit ihrer wirt-
forderlich sind. 11 „Eine Auswahlmöglichkeit schaftlichen Leistungsfähigkeit kurz- oder
besteht für den Verbraucher nicht, womit mittelfristig vorzuziehen, wird durch die
auch ein Konditionenwettbewerb von vor- Ausnutzung einer überlegenen Marktstellung
neherein ausgeschaltet wird.“ 12 Kreditrisiken seitens der Banken erheblich beschädigt.
werden dem Kunden doppelt in Rechnung
gestellt: über höhere Kreditzinsen (die weit Ethische Grundsätze: Nach den Erfahrun-
über den günstigen Zinssätzen der Werbung gen der Finanzmarktkrise erwartet die Zivilge-
liegen) und über Versicherungsbeiträge (an sellschaft mehr denn je, dass Banken und
denen Kreditinstitute über Versicherungspro- Fonds ihre Geschäftspolitiken an ethischen
visionen partizipieren). 13 Mit diesem Koppe- Grundsätzen orientieren. Private Sparer und
lungsgeschäft unterlaufen Kreditinstitute das Anleger sind dabei, umzudenken. Sie verbin-
Verbot, mehr als das Doppelte der marktübli- den mit ihren Einlagen und Anlagen die Er-
chen Zinsen zu verlangen. Die Versicherungs- wartung, dass ihre Gelder nicht nur sicher und
kosten liegen in der Regel unverhältnismäßig wertbeständig, sondern auch ökonomisch,
hoch. Sie verteuern die Gesamtkosten eines ökologisch und sozial sinnvoll angelegt wer-
Verbraucherkredits oft bis über die Grenze den: nicht in spekulativen Finanzmarktpro-
der Sittenwidrigkeit. Bei der Prüfung der Sit- dukten, sondern in nachhaltigen Projekten der
tenwidrigkeit eines Darlehens die Kosten der realen Wirtschaft und Infrastruktur. Sie erwar-
Restschuldversicherung auszunehmen, ist ten eine Transparenz der Geschäfte. Private
ökonomisch unlogisch. Die der Prüfung zu- Kunden breiter Schichten fordern ein faires
grunde liegende rechtliche Fiktion ist deshalb Kundenmanagement der Kreditinstitute, wie
fragwürdig. etwa ein einwandfreies Kreditkartensystem
und ein funktionierendes Konfliktmanage-
ment bei Zahlungsstörungen. Es gilt, neue For-
11 Vgl. Beraten und verkauft (Anm. 9). Markttests der men der Partizipation von Kunden bei der Ge-
Zeitschrift FINANZtest bestätigen, dass Banken häufig staltung der Geschäftsbeziehungen zu finden.
nachdrücklich darauf hinwirken, zusammen mit einem
Verbraucherkredit eine Kreditversicherung (bezüglich Im Raum stehen Fragen und Infragestellun-
Todesfall, gegebenenfalls auch Arbeitsunfähigkeit und
gen. Die Zivilgesellschaft erwartet von der
Arbeitslosigkeit) abzuschließen.
12 Kai-Oliver Knops, Restschuldversicherung im Ver- Finanzwirtschaft schlüssige Antworten. Die
braucherkredit, in: Versicherungsrecht, Heft 31 (2006). Eule der Minerva fliegt immer erst in der Däm-
13 Vgl. ebd.: „Die Versicherungsprämie selbst wird dem merung der Zeiten. Wenn die Unternehmen
Nettokapital zugeschlagen, in die Gesamtsumme des der Finanzwirtschaft ihren Flug verstehen,
Kreditbetrags eingerechnet und die über die Laufzeit werden sie den wirtschaftlichen und gesell-
anfallende Zinsbelastung angegeben. (. . .) Der Kredit-
schaftlichen Gezeitenwechsel erfolgreich be-
nehmer nimmt somit einen erheblichen Teil des Kredits
für die Provision der Bank auf und muss diesen Betrag stehen können.
über die gesamte Laufzeit des Vertrags dieser auch noch
verzinsen.“

APuZ 26/2009 25
Dieter Korczak mit Konsequenzen und Sanktionen rechnen?
Die Antwort auf diese Frage soll durch den

Der öffentliche Vergleich der Ursachen von und den Umgang


mit individueller Überschuldung und der ak-
tuellen Situation von Banken gesucht werden.

Umgang mit Daten zur Überschuldung


privaten Schulden Wie groß sind die finanziellen Schwierigkei-
ten? Wie viele Einzelpersonen und Privat-
haushalte, wie viele Banken sind überschul-
det? Es ist schwierig, genaue und verlässliche

Ü ber Gerechtigkeit beim Umgang mit


privaten Schulden (und deren Verursa-
chern) wird kaum nachgedacht. Die Krise des
Zahlen für beide Gruppen zu ermitteln.

Überschuldung ist in der Regel das Ergeb-


Finanzsystems und die nis eines schleichenden Prozesses. Wenn Pri-
Dieter Korczak damit einhergehende vatpersonen Schuldnerberatungsstellen aufsu-
Dr. rer. pol., Diplom-Volkswirt Wirtschaftskrise über- chen, um Hilfe bei der Regulierung und Be-
sozialwissenschaftlicher Rich- decken die Problematik wältigung ihrer Überschuldung zu erhalten,
tung, geb. 1948; Geschäftsfüh- der seit langem bekann- dann kämpfen sie meist bereits mehrere Jahre
rer und wissenschaftlicher Lei- ten Überschuldung damit, ihre Schulden in den Griff zu bekom-
ter der GP Forschungsgruppe, deutscher Privathaus- men. Nicht anders ist es bei Banken wie die
Institut für Grundlagen- und Pro- halte völlig. Dabei wei- Beispiele Barings Bank (Stichwort: Nick Lee-
grammforschung, Nymphenbur- sen Finanzkrise und son), Société Générale (Stichwort: Jérôme
gerstr. 47, 80335 München. private Überschuldung Kerviel), UBS, Hypo Real oder Bayerische
Dieter.Korczak@gp-f.com erstaunliche Parallelen Landesbank zeigen.
www.gp-f.com auf.
Bis zum Jahr 2002 wurde die Anzahl der
Verschuldet sich nicht fast jeder Mensch ir- überschuldeten Privathaushalte in Deutsch-
gendwann mit kleineren oder größeren Geld- land mit finanzieller Unterstützung des Bun-
summen? Lassen sich viele Dinge des Lebens, desfamilienministeriums mit einem Indikato-
angefangen bei der Wohnungseinrichtung ren-Modell wissenschaftlich ermittelt und
über das Auto bis hin zum eigenen Haus, regelmäßig publiziert. 1 Seit das Bundesfami-
nicht nur auf dem Wege der Kreditaufnahme lienministerium die Forschung zum Thema
und damit der Verschuldung erwerben? Und Überschuldung nicht mehr unterstützt, wer-
gehört es nicht elementar zu einer erwachse- den Zahlen zur Überschuldung von verschie-
nen Persönlichkeit, zu einem rationalen Kon- denen Institutionen der Kreditwirtschaft an-
sumenten, darauf zu achten, dass eine Ver- geboten. Die Ergebnisse sind sehr unter-
schuldung nicht in eine Überschuldung um- schiedlich. Der Schulden-Kompass der
schlägt? Überschuldung bedeutet die Schutzgemeinschaft für allgemeine Kredit-
Unfähigkeit, laufende und zukünftige Ver- sicherung (Schufa) schätzt für das Jahr 2007
pflichtungen selbst bei der Reduzierung aller die Anzahl der überschuldeten Privathaus-
Kosten auf lebensnotwendige Ausgaben aus halte mit Konsumenten- und/oder Hypothe-
dem Einkommen und Vermögen bedienen zu karkrediten auf 2,8 Millionen. Der Schulden-
können. Daraus folgend könnte die Annahme Atlas der Creditreform weist 6,9 Millionen
berechtigt sein, dass Überschuldung von überschuldete Privatpersonen über 18 Jahre
Haushalten durch schlechtes Wirtschaften aus. Dies entspricht einer Schuldnerquote
verursacht wird, dessen Konsequenzen Haus-
halte zu Recht zu tragen haben. 1 Vgl. Dieter Korczak, Überschuldung in Deutsch-

land zwischen 1988 und 1999, Gutachten im Auftrag


Doch nicht nur Einzelpersonen und Privat- des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen
haushalte können in die Überschuldung gera- und Jugend, Schriftenreihe Band 198, Stuttgart–Berlin,
Köln 2001; ders., Überschuldungssituation in
ten, sondern auch Banken und andere Unter- Deutschland im Jahr 2002, Aktualisierung der Daten
nehmen. Konnten diese ebenso wie die Ein- zur Überschuldung, in: Bundesministerium für Fami-
zelpersonen nicht wirtschaften? Und wenn lie, Senioren, Frauen und Jugend, Materialien zur Fa-
dies so ist, müssen sie in vergleichbarer Weise milienpolitik Nr. 19/2004, Berlin 2004.

26 APuZ 26/2009
von 10,1 Prozent, während die Schuldner- dass die durchschnittliche Schuldensumme
quote der Schufa bei 7,1 Prozent liegt. Eine dieser Klienten im Jahr 2007 36 000 Euro be-
Erklärung für die gravierenden Unterschiede trug, einschließlich Schulden aus früherer
bei der Bezifferung der privaten Überschul- Selbstständigkeit und aus Immobilienschul-
dung in Deutschland liefern weder Schufa den. 4 Die große Mehrheit der Klienten (84
noch Creditreform und auch nicht der 3. Ar- Prozent) ist jedoch weder ehemals selbststän-
muts- und Reichtumsbericht der Bundesre- dig noch hat sie Immobilienschulden. Werden
gierung. bei der Durchschnittsberechnung Selbststän-
dige und Immobilienschuldner ausgeklam-
Am Ende einer dauerhaften Überschul- mert, reduziert sich die Durchschnittsschuld
dung steht in Deutschland in der Regel die der Klienten auf 23 000 Euro. Eine grobe
Insolvenz. Eröffnungsgrund für ein Insol- Überschlagsrechnung (Durchschnittsschuld
venzverfahren sind entweder Überschuldung multipliziert mit Anzahl überschuldete Haus-
(§ 19 Insolvenzverordnung/InSo), das heißt, halte) ergibt ein Gesamtüberschuldungsvolu-
das Vermögen des Schuldners deckt die be- men der Privatpersonen und privaten Haus-
stehenden Verbindlichkeiten nicht mehr, oder halte von rund 70 bis 108 Milliarden Euro.
drohende (§ 18 InSo) bzw. tatsächliche Zah-
lungsunfähigkeit (§ 17 InSo). Seit 2006 bean- Wie hoch ist im Vergleich zur privaten
tragen jährlich rund 120 000 Privatpersonen Überschuldung die Überschuldung der Ban-
die Eröffnung eines Verbraucherinsolvenz- ken? Die Höhe der Überschuldung von Ban-
verfahrens. Im Jahr 2008 belief sich nach An- ken ist in der Öffentlichkeit gänzlich unbe-
gaben des Statistischen Bundesamtes die Zahl kannt. Es ist nach wie vor schlechte Praxis
der Verbraucherinsolvenzen auf 98 140, die von Banken, den Umfang der tatsächlichen
Zahl der Unternehmensinsolvenzen auf Überschuldung nur scheibchenweise und
29 291. Hinzu kommen 23 926 ehemals notgedrungen zu veröffentlichen. Leider lie-
selbstständig Tätige, die vom Statistischen fern auch die Aufsichtsbehörden, Deutsche
Bundesamt separat und nicht als Verbraucher- Bundesbank und Bundesanstalt für Finanz-
insolvenzen gezählt werden. 2 In den Veröf- dienstleistungsaufsicht (BaFin), keine ent-
fentlichungen der Wirtschaftsauskunftei Bür- sprechenden Informationen. Man könnte
gel werden die ehemals selbstständig Tätigen meinen, dass Zahlen zur Bankenüberschul-
jedoch zu den Verbraucherinsolvenzen ge- dung vom Sonderfonds Finanzmarktstabili-
zählt. 3 Es sei die Anmerkung gestattet, dass sierung (SoFFin) zur Verfügung gestellt wer-
hier eine Vereinheitlichung der Zuordnung den, da er immerhin rund 480 Milliarden
sinnvoll erscheint. Euro Steuergelder als Unterstützungsleistun-
gen auf der Basis der Höhe der Verbindlich-
Die voraussichtlichen Forderungen der keiten garantiert. Auf der SoFFin-Webseite
Gläubiger im Rahmen von Insolvenzen wer- sind jedoch keine präzisen Angaben über den
den von den Gerichten für das Jahr 2008 bun- Abfluss dieser Steuergelder zu finden. Aus
desweit mit rund 33 Milliarden Euro angege- Pressemitteilungen des SoFFin ist lediglich
ben. Die Schuldensummen aus Insolvenzen bekannt, dass sich das Antragsvolumen auf
bilden jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Stabilisierungshilfen des Sonderfonds im Fe-
bruar 2009 auf 294 Milliarden Euro erhöht
Dies wird deutlich, wenn man die Schul- hat. Von diesem Antragsvolumen sind 197
densummen aller überschuldeten Privatper- Milliarden Euro bewilligt worden, 178 Mil-
sonen betrachtet. Aus der Statistik der 2007 liarden Euro zur Gewährung von Garantien
von Schuldnerberatungsstellen an das Statisti- und 19 Milliarden Euro zur Vergabe von Ei-
sche Bundesamt übermittelten Daten von genkapital. 45 Milliarden Euro an Garantien
rund 57 000 beratenen Personen ist bekannt, sind bereits wieder ausgelaufen. Die Inan-
spruchnahme des SoFFin kann derzeit nur
2 Vgl. Pressemitteilung Nr. 081, in: www.destatis.de/ aus den Pressemitteilungen der Empfänger-
jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Con banken rekonstruiert werden. Aus diesen
tent/Statistiken/UnternehmenGewerbeInsolvenzen/
Tabellen/Content50/UnternehmenSchuldner,temp
lateID=renderPrint.psml. 4 Vgl. Jürgen Angele/Birgit Frank-Bosch/Jenny Neu-
3 Vgl. Bürgel, Schuldenbarometer 2008, in: www.buer häuser, Überschuldung privater Personen und Ver-
gel.de/presse/studien-analysen/396.html?task=view braucherinsolvenzen, in: Statistisches Bundesamt
(29. 3. 2009). (Hrsg.), Wirtschaft und Statistik, 11 (2008), S. 963 ff.

APuZ 26/2009 27
Verlautbarungen ergibt sich eine Inanspruch- losigkeit wie Scheidung, führen zu dras-
nahme bis Ende März 2009 in Höhe von rund tischen Einnahmeeinbußen. Für Geschiedene
150 Milliarden Euro. Welche Bank(en) für die erhöhen sich zudem aufgrund notwendiger
restlichen rund 50 Milliarden optiert haben, doppelter Haushaltsführung und der Kosten
ist der steuerzahlenden Öffentlichkeit nicht für die Scheidung die Ausgaben. Laufende
bekannt (Tabelle 1). Zahlungsverpflichtungen etwa für Miete,
Energie, Kredite, Versicherungen etc. können
Tabelle 1: Inanspruchnahme des SoFFin aus vertraglichen, aber auch aus psychologi-
(Stand: 26. März 2009) schen Gründen nicht unmittelbar vor oder
Bayern LB 15 Mrd. nach dem Eintreten des jeweiligen Ereignis-
Hypo Real 52 Mrd. ses gekündigt oder reduziert werden. In An-
Commerzbank 15 Mrd. betracht der Tatsache, dass 80 Prozent der
(Rekapitalisierung) (18 Mrd.) Klienten von Schuldnerberatungsstellen ein
HSH Nordbank 30 Mrd. monatliches Nettoeinkommen von unter
IKB-Bank 5 Mrd. 1 300 Euro haben, ist es nachvollziehbar,
Einlagensicherungsfonds 6,7 Mrd. dass eine Einnahmereduzierung infolge Ar-
Areal Bank 4 Mrd.
beitslosigkeit die Möglichkeiten der Erfül-
(Rekapitalisierung) (0,55 Mrd.)
Düsseldorfer Hypothekenbank 2,5 Mrd.
lung von Zahlungsverpflichtungen massiv
VW-Bank 2 Mrd. einschränkt. Das gilt ebenfalls für durch
Scheidungen hervorgerufenen finanziellen
Quelle: Eigene Darstellung.
Mehrfachbelastungen.

Ursachen von Überschuldung Niedrigeinkommen ist ein weiterer wichti-


ger Parameter der privaten Überschuldung.
Private Überschuldung: Bei der Bewertung Bei 56 Prozent der Klienten von Schuldner-
von Überschuldung ist die Suche nach deren beratungsstellen lag das monatliche Nettoein-
Ursachen von zentraler Bedeutung. Wie ein- kommen 2007 unter 900 Euro und damit
gangs erwähnt, stellt sich bei privaten Haus- unter der Pfändungsfreigrenze, die derzeit für
halten und bei Banken mit aller Macht die Alleinstehende ohne Unterhaltspflicht 990
Frage: Liegt die Ursache in schlechtem Wirt- Euro beträgt; 53 Prozent waren beim Erst-
schaften? kontakt mit einer solchen Stelle arbeitslos
oder erwerbsfähige Bezieher öffentlicher
Die Statistik der Schuldnerberatungsstellen Transferzahlungen. Männer und Frauen sind
legt eine eindeutige Verneinung dieser Frage annähernd gleichermaßen unter den Über-
für private Haushalte nahe, wie übrigens auch schuldeten vertreten. Besonders betroffen ist
alle vorausgegangenen Untersuchungen zu die Altersgruppe der 25- bis unter 55-Jähri-
diesem Thema. Die Überschuldung von Ein- gen, die sich zuerst in der Phase der Haus-
zelpersonen und privaten Haushalten wird standsgründung und dann in der Familien-
im Wesentlichen durch das Eintreten von Ar- phase befinden. Rund 44 Prozent sind Allein-
beitslosigkeit oder durch eine Scheidung bzw. lebende, rund 16 Prozent kinderlose Paare,
Trennung ausgelöst. Unwirtschaftliche Haus- rund 15 Prozent Alleinerziehende (überwie-
haltsführung trifft nach Angaben der Schuld- gend Frauen) und rund 21 Prozent Paare mit
nerberater nur auf 8,6 Prozent der Klienten Kindern. Zwei Drittel der Überschuldeten
zu – also auf eine verschwindend kleine haben eine abgeschlossene Berufsausbildung.
Gruppe. Gegen die beiden Hauptauslöser der Dies ist das konsistente Profil privater Über-
Überschuldung haben Privatpersonen kaum schuldungshaushalte, das sich seit 1990 in den
Handlungsmöglichkeiten. Arbeitslosigkeit verschiedenen Statistiken, Analysen und Gut-
kann nicht verhindert werden, denn die häu- achten zeigt.
figsten Gründe für die Entlassung von Perso-
nal sind Kosteneinsparungen seitens des Un- Überschuldung von Banken: Sind die Ursa-
ternehmens, oder Entlassungen sind das chen und Auslöser privater Überschuldung
Ergebnis von Firmenübernahmen und Fusio- vor allem externer Natur, so gilt für die Über-
nen. Auch Scheidungen sind in vielen Fällen schuldung von Banken das Gegenteil. Dort
nicht abwendbar wie die jährliche Anzahl sind die Ursachen hausgemacht und jeweils
von rund 200 000 Scheidungen in Deutsch- „bewusste“ Geschäftsentscheidung. Erst jetzt,
land demonstriert. Beide Ereignisse, Arbeits- zu einer Zeit, in der das Ausmaß der Finanz-

28 APuZ 26/2009
krise und deren Konsequenzen für die Welt- prüfergesellschaften. Eine besondere Variante
wirtschaft und die Zivilgesellschaften nicht der Kontrollumgehung bestand darin, Risi-
mehr beschönigt werden können, mehren ken in Milliardenhöhe an außerhalb der Bi-
sich die Stimmen derer, welche die eigentliche lanzen liegende Zweckgesellschaften auszula-
Ursache der Finanzkrise in der „Gier“ von gern, um sie nicht mit mindestens acht Pro-
Banke(r)n sehen und in einem (öffentlichen) zent Eigenkapital unterlegen zu müssen. Die
Umfeld, das nicht ausreichend regulierend Basel-II-Eigenkapitalregelung, zum Schutz
(re)agiert hat. Bundespräsident Horst Köhler von Sparern, Anlegern und anderen Gläubi-
hat in seiner Rede am 24. März 2009 die gern eingeführt, wurde dadurch bewusst aus-
Orientierung an der kurzfristigen Profitmaxi- gehebelt. Rating-Agenturen wie Standard &
mierung kritisiert. „Zu viele Leute mit viel zu Poor’s, Moody’s und Fitch übten eine mehr
wenig eigenem Geld konnten riesige Finanz- als zweifelhafte Rolle aus. Sie waren und sind
hebel in Bewegung setzen. Viele Jahre lang in die Konstruktion von so genannten kom-
gelang es, den Menschen weiszumachen, plexen Finanzprodukten involviert, die sie
Schulden seien schon für sich genommen ein dann mit Gütesiegeln wie beispielsweise
Wert; man müsse sie nur handelbar machen. einem AAA-Rating bewerten. Bis kurz vor
Die Banken kauften und verkauften immer dem finanziellen Crash wurden von den Ra-
mehr Papiere, deren Wirkung sie selbst nicht ting-Agenturen auch die Papiere der Lehman
mehr verstanden.“ 5 Brothers mit AAA bewertet. Hier gilt die
Volksweisheit, dass der Bock zum Gärtner
Die Gier, auch die der kleinen Aktienbe- gemacht wurde.
sitzer, war zusätzlich durch den Anspruch
des vormaligen Investmentbankers und ge- Neben den Faktoren Profitmaximierung,
genwärtigen Chefs der Deutschen Bank, Spekulation und fehlende Kontrolle spielt bei
Josef Ackermann, nach 25 Prozent Rendite der Überschuldung der Banken und Auslö-
befeuert worden: Banke(r)n stürzten sich in sung der Finanzkrise die Tatsache eine ent-
finanzielle Abenteuer, deren Folgen und scheidende Rolle, dass die mit Derivaten und
Konsequenzen sie offensichtlich ausblende- komplexen Finanzprodukten verbundenen
ten. Selbst warnende Stimmen aus dem eige- Risiken in Handelsgüter umgewandelt wur-
nen Lager wurden ignoriert, wie die Insider- den. So sind beispielsweise Risiken amerika-
Schilderung des finanziellen Desasters der nischer Subprime-Immobilien mit anderen
Schweizer Großbank UBS demonstriert. Be- Risiken vermischt, gebündelt, geteilt, neu ver-
reits im Mai 2002 warnten zwei Experten packt und dann als neue Produkte auf dem
der UBS ihren Vorstandsvorsitzenden vor Markt gehandelt worden. Das inhärente Risi-
dem hohen Risiko eines 24 Milliarden um- ko einer Kreditauslage für Immobilien an
fassenden Engagements der Bank in US- Personen ohne einen Cent Eigenkapital, die
amerikanische Immobilien. Ihre Warnung zudem weit über Wert bewertet wurden,
wurde ignoriert. Die Konsequenz war, dass blieb auf diese Art unsichtbar. Es verschwand
die UBS von der Schweizer Regierung mit nicht, es war immer da, aber es wurde bemän-
35 Milliarden Euro gestützt werden musste. telt mit mathematischen Modellen und tech-
Die hamburgisch-schleswig-holsteinische nischer Sprache wie fat tails, vola 30, vola
Nordbank HSH verzockte sich so gewaltig 250, skews – einer Insider-Sprache der Bör-
mit Papieren der Investmentbank Lehman senmakler, deren Bedeutung sich auch vielen
Brothers und anderen ,Wert‘papieren, dass Bankern entzog.
sie 30 Milliarden aus dem Garantiefonds der
SoFFin in Anspruch nehmen musste. Sanktionen
Es ist jedoch nicht nur die Gier nach Pro- Der kursorische Vergleich privater Über-
fitmaximierung als Ursache zu nennen, son- schuldung und Überschuldung von Banken
dern auch das Fehlen oder Versagen von macht deutlich, dass es zweierlei Arten des
Kontrollinstrumente und deren Anwendung Scheiterns gibt: das überwiegend von exter-
durch die Bankenaufsichten und Wirtschafts- nen Kräften verursachte Scheitern von Ein-
zelpersonen und Privathaushalten und das
5 Horst Köhler, Der Markt braucht Regeln und Moral, durch eigenes Agieren bewirkte Scheitern
Die „Berliner Rede“, in: Frankfurter Allgemeine Zei- von Banken. Es ist deshalb die Frage zu klä-
tung (FAZ) vom 25. 3. 2009, S. 8. ren, welche Konsequenzen das Eintreten von

APuZ 26/2009 29
Überschuldung jeweils für Personen und für kungsbescheiden 30 Jahre lang eine Zwangs-
Banken hat. vollstreckung betreiben. Im Rahmen der Ei-
desstattlichen Versicherung muss ein Schuld-
Privatpersonen haften mit Hab und Gut: ner ein vollständiges Verzeichnis seines ge-
Die Konsequenzen für Privatpersonen sind samten Vermögens vorlegen, aus dem sich
nicht nur finanzieller, sondern auch sozialer, Gläubiger im Rahmen von Vollstreckungs-
psychischer und gesundheitlicher Art. Kre- maßnahmen bedienen können. Abgesehen
dite, deren vertragsgemäße Rückzahlung von den finanziellen Konsequenzen, die eine
nicht mehr gewährleistet ist, werden im Kre- Überschuldung für die private Lebensfüh-
ditwesen als „notleidend“ bezeichnet. In die- rung, den Lebensstandard und die gesell-
ser Sprachregelung deutet sich ein grundsätz- schaftlichen Partizipationsmöglichkeiten hat,
liches Menschenbild an: Nicht der Mensch, zeitigt sie somit auch konkrete juristische
nein, der Kredit leidet Not. Schulden aus Folgen. Von diesen waren im Jahr 2008 1,33
Ratenkrediten sind vom finanziellen Volu- Millionen Personen betroffen, und zwar 826
men her die bedeutendste Überschuldungsart 475 durch abgegebene Eidesstattliche Versi-
(wenn ehemals Selbstständige und Immobili- cherungen und 504 674 durch Haftanordnun-
enschulden unberücksichtigt bleiben). Mit gen. 8
durchschnittlich 21 000 Euro stehen Klienten
von Schuldnerberatungsstellen mit gekündig- Die finanzielle Misere schließt überschul-
ten Ratenkrediten bei ihren Kreditinstituten dete Menschen teilweise vom üblichen Geld-
im Soll. Rund 2,5 Prozent aller bei der Schufa verkehr aus. Überschuldung hat bei 37 Pro-
gespeicherten Ratenkredite fallen im Durch- zent der Personen, die sich aktuell in einem
schnitt aus. 6 Wie hoch die Gesamtsumme der Insolvenzverfahren befinden, Kontolosigkeit
Ausfälle ist, wird nicht veröffentlicht. Durch zur Folge. Der durch Überschuldung ausge-
den intensiven Einsatz von Scoring-Verfahren löste Stress schlägt sich im familiären und so-
und Ratenkredit- und Restschuldversicherun- zialen Umfeld nieder und führt zum Rückzug
gen sowie die Hereinnahme von Kreditsi- von Freunden und bei rund jedem vierten
cherheiten und Bürgschaften wird von Seiten Mann und jeder vierten Frau zu Scheidung
der Kreditwirtschaft versucht, Forderungs- und Trennung. 9
ausfälle zu verhindern bzw. abzusichern. In-
wieweit Scoring-Verfahren ein probates Mit- Überschuldung hat auch Auswirkungen
tel dafür sind, ist an anderer Stelle bereits auf die körperliche und seelische Gesund-
stark in Zweifel gezogen worden. 7 heit. Depressionen, erhöhte Selbstmordge-
fahr, Sucht, innerfamiliäre Feindseligkeiten,
Wenn Zahlungsschwierigkeiten durch be- Apathie und Desorientierung sind bekannte
sondere Vereinbarungen wie zum Beispiel Krankheitsfolgen. Klienten von Schuldner-
Stundungen nicht aufgefangen werden, kön- beratungsstellen bezeichnen ihre Grundstim-
nen Kreditinstitute auf einen umfangreichen mung und ihre subjektive körperliche Ver-
Katalog von Maßnahmen zurückgreifen. fassung mehrheitlich als eher schlecht. 10
Dazu gehören Kündigung des Kredits, Sper- Knapp 80 Prozent sind von Erkrankungen
rung von Werten wie Sparkonten und Wert- psychischer Art oder Gelenk- und Wirbels-
papierdepots, Inanspruchnahme und Verwer- äulenerkrankungen, Bluthochdruck, Magen-
tung von Sicherheiten, Erlangung vollstreck- erkrankungen oder Suchterkrankungen be-
barer Titel, Zwangsräumungen und -ver- troffen. Jeweils ein Drittel der Klienten von
steigerungen, Sach- und Gehaltspfändungen Schuldnerberatungsstellen gibt an, dass es
oder die Abgabe einer Eidesstattlichen Versi- durch Erkrankung in die Überschuldung ge-
cherung (und bei Verweigerung derselben raten bzw. durch die Überschuldung krank
Haftandrohung). Gläubiger können anhand geworden sei. 11
von rechtskräftigen Urteilen und Vollstrek-
8 Vgl. Bürgel (Anm. 3).
9 Vgl. Götz Lechner/Wolfram Backert, Menschen in
6 Vgl. Schufa Holding AG (Hrsg.), Schuldenkompass der Verbraucherinsolvenz, in: Materialien zur Fami-
2008, Wiesbaden 2008. lienpolitik, (2008) 22.
7 Vgl. Dieter Korczak/Michael Wilken, Scoring im 10 Vgl. Astrid Kuhlemann/Ulrich Walbrühl, Wirk-

Praxistest: Aussagekraft und Anwendung von Sco- samkeit von Schuldnerberatung, in: ebd.
ringverfahren in der Kreditvergabe und Schluss- 11 Vgl. Eva Münster/Stephan Letzel, Überschuldung,

folgerungen, München 2008. Gesundheit und soziale Netzwerke, in: ebd.

30 APuZ 26/2009
Die Konsequenzen für Privatpersonen sind die sie repräsentierenden Akteure durch Ver-
beim Eintreten einer Überschuldung somit antwortungsübernahme und Haftungsüber-
ersichtlich dramatisch. Selbst der gegenwärtig nahme Vertrauen erzeugen.
wichtigste Ausweg aus der Überschuldung,
das Verbraucherinsolvenzverfahren, ist mit Es stellt sich zudem die Frage, wohin die
großen Einschnitten in das private Leben ver- Milliarden Dollar und Euro entschwunden
bunden, bis sich nach sechs Jahren der sind. Liegen sie wohlverwahrt in Tresoren auf
„Wohlverhaltensphase“ Licht am Ende des den Cayman Islands, auf den Bahamas oder
Überschuldungstunnels zeigt. Durch die an- auf der Insel Guernsey und allen anderen
schließende Restschuldbefreiung können Steueroasen dieser Welt? Sind sie in Grund-
Überschuldete auch gegen den Willen von und Firmenbesitz, Gold und Juwelen ange-
Gläubigern schuldenfrei werden und somit legt worden? Wurden sie in einer rauschen-
die Chance auf einen echten Neuanfang nut- den Dauerparty verprasst? Oder handelt es
zen. sich letztlich nur um ein virtuelles Phänomen,
um virtuelles Geld, das auf Schuldverschrei-
Banke(r)n erhalten öffentliche Finanzhilfen bungen und Risikobewertungen global um
und Boni: Ganz anders gestaltet sich dagegen die Welt zirkuliert, aber ganz konkrete Aus-
die Situation für die Verursacher der Finanz- wirkungen auf Arbeitsplätze und die Zukunft
krise, vornehmlich die von Brokern und von Generationen hat?
Bankvorständen. Zwar wird seit Monaten der
Begriff des Vertrauens strapaziert, das wie- Wie immer es auch sei, es ist ungerecht.
dergewonnen werden soll. Der großzügig mit Es kann in einer demokratisch verfassten Zi-
öffentlichen Geldern gespannte „Rettungs- vilgesellschaft nicht angehen, dass Bürger,
schirm“ soll eine Renaissance des Vertrauen Verbraucher und Steuerzahler beim Eintre-
der Öffentlichkeit gegenüber den Banken be- ten einer Überschuldung Verantwortung
wirken. Aber offensichtlich vertrauen selbst übernehmen müssen und hart angefasst wer-
die Banken einander nicht, und dringend er- den und im Gegensatz dazu Spekulanten,
forderliche Finanzströme für die Realwirt- Broker und Banker geradezu mit Samthand-
schaft sind blockiert. Wie kann man dann er- schuhen. Aus gesamtgesellschaftlicher Sicht
warten, dass die Bevölkerung diesen Banken kommt hinzu, dass die Übernahme der
vertraut! Die sich selbst in der Finanzkrise enormen Schulden durch die öffentliche
großzügig mit Bonuszahlungen bedenkenden Hand wie selbstverständlich erwartet wird,
Banker liefern ihr darüber hinaus keinen An- während Gewinne privat angeeignet wurden
lass, weiterhin vertrauensselig zu sein, fehlt und werden.
ihnen doch offensichtlich das Gespür für An-
stand und Moral. Wie eine repräsentative Be- Bundespräsident Horst Köhler hat in sei-
völkerungsbefragung im November 2007 ner erwähnte Rede mehr Verantwortung und
ergab, waren damals bereits 74 Prozent der Respekt vor dem Grundgesetz gefordert: „Ei-
Befragten der Auffassung, dass Banken durch gentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll auch
unverantwortliche Kreditpolitik viele ihrer dem Allgemeinwohl dienen“ (Art. 14 GG),
Kunden in die Überschuldung treiben. Noch und er hat eine nachhaltige und zukunftsfähi-
wesentlich mehr Befragte, nämlich 89 Pro- ge Definition von Eigennutz geliefert: „Ei-
zent, sprachen sich für eine Haftung der Ban- gennutz im 21. Jahrhundert heißt: sich um-
ken aus, wenn diese zu riskanten Kreditauf- einander kümmern.“ Ein früherer Bundesprä-
nahmen oder Geldanlagen raten. 12 Begriffe sident, Roland Herzog, hat dagegen mit einer
wie toxische assets, „giftige Papiere“ oder fatalen „Ruck“-Rede 1997 die Büchse der
Bad Bank sind auch nicht dazu angetan, das Pandora weit aufgemacht, als er forderte, die
Vertrauen der Verbraucher zu erhöhen, son- amerikanische Variante der Deregulierung,
dern wirken eher wie die Verlagerung von auch von Finanzdienstleistungen, als gezielte
Verantwortung auf die Sondermülldeponie Strategie neuartigen Wachstums zu überneh-
des Finanzwesens, die von Steuergeldern be- men.
trieben werden soll. Statt über Vertrauen zu
reden, wäre es an der Zeit, dass Banken und Deregulierung im Herzog’schen Sinne be-
deutet letztlich nichts anders als Privatisie-
12 Vgl. GP Forschungsgruppe, ODC, Zeitsensor Nr. 4 rung des Gewinns und Sozialisierung des
Geld und Kredit, München 2008. Schadens, also genau das, was gegenwärtig

APuZ 26/2009 31
zur Überwindung der Finanzkrise erfolgt. Steuer, verschärfte Haftung für Banker, Bro-
Der Isländer Einar Mar Gudmundsson hat ker und Rating-Agenturen, Boykott oder
deshalb in einem bemerkenswerten Zeitungs- Austrocknen von Steueroasen, stärkere per-
artikel die Frage aufgeworfen, warum diejeni- sonelle Berücksichtigung von Verbrauchern
gen, die vorher angeblich so viel Verantwor- in den Aufsichtsbehörden, gesicherte und
tung trugen, dass sie für ihre Tätigkeit monat- ausreichende Finanzierung von Schuldnerbe-
liche Beträge in Höhe des Nobelpreises ratungsstellen, öffentliche Förderung von
kassierten, nun keine Verantwortung für den Überschuldungsforschung, gleiche Behand-
von ihnen angerichteten Schaden überneh- lung von überschuldeten Privathaushalten
men wollen. 13 Die Bevölkerung hat auf diese und überschuldeten Banken.
Frage eine klare Antwort: 75 Prozent der Be-
fragten einer repräsentativen Stichprobe emp- Die gegenwärtige Bilanz des öffentlichen
finden es als ungerecht, wenn die Verluste der Umgangs mit privaten Schulden, des Soll
Banken aus deren Immobilienspekulationen und Haben zwischen überschuldeten Banken
in den USA aus Steuergeldern bezahlt wer- und überschuldeten Haushalten, zeigt ein-
den. 14 Die Menschan haben offenbar das deutig, dass überschuldete Banken selbst
Prinzip der Leistungsgerechtigkeit internali- durch die Finanzkrise noch profitieren. Hier
siert: Schlechte Leistungen sollten nicht noch sollte die alte Regel gelten, dass schlechtem
zusätzlich belohnt werden. Die Hypo Real Geld nicht noch gutes hinterhergeworfen
Estate ist eine Bank mit nachweisbar werden sollte. Überschuldete Haushalte
schlechten Leistungen, die mittlerweile mit müssen mit jedem Euro haften. Dies gilt es
100 Milliarden Steuergeldern gestützt wird, abzustellen (Tabelle 2).
weil sie angeblich eine systemrelevante Bank
ist. Ohne hier darauf eingehen zu wollen,
was es heißt, eine systemrelevante Bank zu Tabelle 2: Ungerechte Haftungs- und Ver-
sein, und was das für ein System ist, das sich antwortungsaufteilung
eine solche Bank leistet und diese Bank nicht Überschuldete Überschuldete
pleite gehen lassen kann, stellt sich dennoch Banken Haushalte
die Frage, warum 3,5 Millionen überschulde- Ursachen Spekulation Arbeitslosigkeit
te Haushalte nicht so systemrelevant sind, Verantwor- Scheidung
dass sie in gleicher Weise gestützt und geret- tungslosigkeit Niedrigeinkom-
tet werden? Gier men
Risikoverhalten sehr hoch sehr gering
Schuldensum- Milliarden Euro ~ unter 10 000
In seinem weltweit beachteten Klimareport men Euro
hat der ehemalige Chefvolkswirt der Welt- Konsequenz Keine Haftung
bank Nicolas Stern darauf hingewiesen, dass Eidesst. Versi-
der Klimawandel die Folge des größten cherung
Marktversagens ist, welches die Völkerge- Verbraucher-
meinschaft je in Kauf genommen hat. Damit insolvenz
Unterstützung SoFFin Keine
zukünftige Gutachter zu späteren Zeiten
Schuldenregu- Steuerzahler jeder selbst
nicht ebenfalls die aktuelle Finanzkrise als lierung
größtes Versagen der führenden Industriena- Verantwor- keine voll und ganz
tionen bezeichnen, muss eine Rückbesinnung tungsüber-
erfolgen. Die Anfang April 2009 beim G-20- nahme
Treffen beschlossenen Regeln für die Weltfi- Quelle: Eigene Darstellung.
nanzmärkte sollten daher um folgenden Kata-
log erweitert werden: stärkere Kontrolle der
Finanzdienstleistungsströme, weiter gefasste
Aufsichtspflichten über Finanzdienstleister,
Einführung einer Mehrgeldsteuer oder Tobin

13 Vgl. Einar Mar Gudmundsson, Darf ich Ihnen das

Einwohnerverzeichnis anbieten?, in: Süddeutsche Zei-


tung (SZ) vom 17. 2. 2009, S. 3.
14 Vgl. GP Forschungsgruppe, ODC, Zeitsensor Nr. 6

„Gerechtigkeit“, März 2008.

32 APuZ 26/2009
Stefan Hradil der Mensch als rational kalkulierendes Wesen
gesehen, das seinen Nutzen mehrt.

Wie gehen die Mit dieser Sichtweise verbunden ist übli-


cherweise eine Uniformierungsthese: Das

Deutschen mit Denken und Verhalten der vielen Menschen


in einer Gesellschaft im Hinblick auf Geld
werde im Laufe der Zeit gleichförmiger. In

Geld um? einer Gesellschaft, in der fast alle materiellen


und viele immateriellen Bedürfnisse auf
Märkten durch Kaufakt zu befriedigen seien,
in der Geld eine so prominente Rolle spiele,
sei jeder von uns gezwungen, sein Verhalten
G eld spielt in modernen, privatwirt-
schaftlichen Gesellschaften eine zentra-
le Rolle. Jeder geht
zu rationalisieren.

Stefan Hradil tagtäglich und selbst-


Rationales Umgehen mit Geld und ent-
Dr. Dr. h.c. 1946; Professor verständlich mit Geld
sprechendes Konsumverhalten vereinheitli-
an der Johannes Gutenberg- um. „Es hat eine hö-
chen der Uniformierungsthese zufolge auch
Universität, FB 02 – here Auflage als das
unsere Kultur. Eine „McDonaldisierung“ 2
Institut für Soziologie, gängigste Druckwerk,
ebnet kulturelle Vielfalt ein: „Zumindest
55099 Mainz. eine größere ,Ein-
oberflächlich wird behauptet, dass die Öko-
hradil@uni-mainz.de schaltquote‘ als die
nomie langfristig in der Lage ist, innerhalb
beliebteste Sendung einer standardisierten Kultur des Konsums
und eine Spannbreite über Generationen und eine wachsende Verbundenheit und Unifor-
soziale Gruppen, die ihresgleichen sucht.“ 1 mität hervorzubringen.“ 3

Wie wir mit Geld umgehen, hat Folgen: Er- Aus Sicht von Systemtheoretikern handelt
folg, Zufriedenheit, vielleicht sogar Glück – der Mensch jedoch nicht in allen Bereichen
obschon Geld allein ja nicht glücklich ma- gleich. Denn Subsysteme differenzieren sich
chen soll – kann der erlangen, der Geld sou- aus. Im Wirtschaftssystem ist Geld das zen-
verän einsetzt. Wer dazu nicht in der Lage ist, trale Medium; eine entsprechende Rationali-
wird zum Opfer seiner Lebensumstände, sei- tät wird vorausgesetzt. Es gibt jedoch auch
nes Verhaltens, mitunter auch seiner Anhäu- andere Subsysteme, in denen etwa Macht
fung von Finanzmitteln. Obwohl, oder viel- oder Liebe zentrale Medien sind, in denen
leicht gerade weil uns das so selbstverständ- also ganz andere Rationalitäten und Kommu-
lich erscheint, hält sich das sozialwissen- nikationsweisen herrschen. Mit dieser Sicht
schaftlich gesicherte Wissen darüber, wie wir geht die Behauptung einer funktionalen Dif-
mit Geld umgehen, in Grenzen. Im folgenden ferenzierung der Gesellschaft einher, wonach
Beitrag sind einige dieser Bestände zusam- die „Geldsphäre“ scharf getrennt von und
mengetragen. Der Blick richtet sich dabei auf häufig unvereinbar mit anderen Bereichen ist,
die Einstellungen, das Handeln und das etwa mit Liebesbeziehungen.
Kommunizieren der Einzelnen. Diese Per-
spektive wird nur dann verlassen, wenn wir Wer das Umgehen mit Geld aus der Sicht
übergreifende Strukturen (etwa Sparquoten) wirtschaftlicher Theorien betrachtet, konzen-
kennen müssen, um das individuelle Umge- triert sich auf die ökonomischen Standard-
hen mit Geld zu verstehen. funktionen. Geld ist hiernach ein Mittel,
Werte zu standardisieren oder zu bemessen,

Erklärungsansätze 1 Rainer-W. Hoffmann, Der schwierige Abschied von

der D-Mark. Sozialwissenschaftliche Aspekte der


Ökonomische Theorien: Das Umgehen mit Europäischen Währungsunion (EWU), WSI-Mit-
Geld ist aus der Sicht ökonomischer Theorien teilungen, 3 (1996), S. 176.
2 George Ritzer, Die McDonaldisierung unserer Ge-
eine Frage der Rationalität. Gerade Geld ist sellschaft, Frankfurt/M. 1995.
ein Medium dafür, die eigenen Zielsetzungen 3 Viviane A. Zelizer 2000, Die Farben des Geldes.
mit möglichst geringen Kosten zu erreichen. Vielfalt der Märkte, Vielfalt der Kulturen, in: Berliner
Im Hinblick auf dieses Zahlungsmittel wird Journal, 10 (2000) 3, S. 316.

APuZ 26/2009 33
ein Tausch- oder Zahlungsmittel sowie ein gerade Geldkulturen diefferenzieren sich, sind
Mittel, Werte aufzubewahren oder zu übertra- pluralistische Kulturen. Insbesondere die ka-
gen. Wir werden sehen, dass andere Erklä- pitalistischen modernen Märkte haben diese
rungsansätze weitere Funktionen hervorhe- Vergößerung der Vielfalt bewirkt. Geld er-
ben. möglicht es uns zum Beispiel, Statusansprüche
freier, unabhängig vom ererbten Status, zu er-
Soziologische Theorien: Ökonomische Er- heben. Nicht mehr adliger Besitz, Familienge-
klärungsansätze betonen die effiziente und schichte oder Privilegien sind entscheidend,
Nutzen maximierende Verwendung von sondern die zur Verfügung stehende Geld-
Geldmitteln, sind theoretisch also vor allem menge und unser Geschmack bestimmen un-
von den „objektiv“ verfügbaren Ressourcen seren Lebensstil. Ähnlich wirkt der Massen-
her konstruiert. Dagegen konzentrieren sich konsum: „Jeder Schritt in Richtung weiterer
genuin soziologische Erklärungsansätze auf Standardisierung und Vereinheitlichung
die Bedeutungen, die Dinge für Menschen bringt auf der Gegenseite Menschen hervor,
haben. Sie handeln subjektiv sinnvoll in vie- die sich absondern und sich in begrenzte Zu-
lerlei, auch in irrationaler Hinsicht, sie han- sammenhänge begeben.“ 7
deln Werten und Normen gemäß oder setzen
sich mit ihnen auseinander. An dieser Stelle kann noch nicht entschieden
werden, ob die ökonomischen oder die soziolo-
Wie schon der Klassiker Georg Simmel 4 gischen Erklärungsansätze zutreffen, ob beide
hervorhob, ist Geld aus soziologischer Sicht ein Stück weit realistisch sind, oder ob sie in
kein neutrales Tauschmittel, sondern ein einem Wechselverhältnis stehen, wie es das zu-
Symbol und daher mit Bedeutungen verse- letzt aufgeführte Zitat nahe legt. Diese Fragen
hen, die ihm kulturell und kommunikativ können erst nach Interpretation der empiri-
zugeschrieben werden: „Geld ist durch die schen Befunde beantwortet werden, die im drit-
menschlichen Interaktionen geprägt, es hat ten Teil des Beitrags vorgetragen werden.
aber auch eine enorme Auswirkung auf die
menschlichen Formen des Zusammenlebens.“ 5 Vom Umgehen mit Geld in der Belletristik:
In zahlreichen Werken der schönen Literatur
Aus dieser Sicht ist die Uniformierungs- (von Honoré de Balzac, Gustave Flaubert,
these fehl am Platze. Wie Viviane Zelizer Theodor Fontane, Jules Verne, Thomas
immer wieder betonte, hindern Normen und Mann, Elias Canetti, John Updike und vielen
kulturelle Definitionen das Geld daran, anderen) geht es – keineswegs nur am Rande
„überall dieselben rationalen Funktionen zu – um Einstellungen zum Geld und dessen
erfüllen. Wenn das Geld die Hände wechselt, Verwendung. Die betreffenden Werke enthal-
wird seine Bewegung mit Sinn belegt. Wenn ten erkenntnisreiche Theorien und informati-
ein falsches Quantum gegeben wird, wenn es ve „empirische Befunde“. Die Romanautoren
an die falsche Person oder zu einem falschen schürfen oft tiefer, unterscheiden genauer und
Zeitpunkt gegeben wird, kann eine soziale schildern ohnehin weit anschaulicher als die
Beziehung irreparabel zerstört werden.“ 6 So Verfasser der weithin dürren wirtschafts- und
gesehen sind zum Beispiel auch Geld und sozialwissenschaftliche Werke.
Liebe keine funktional getrennten, sondern
miteinander verwobene Sphären. Auch der erwähnte Gegensatz zwischen
der ökonomisch-rationalen Uniformierungs-
Aus der Sicht dieser soziologischen Erklä- sicht und der soziologisch-bedeutungsgelade-
rungsansätze erscheinen Gesellschaften weder nen Pluralisierungsperspektive findet sich in
uniform noch funktional differenziert, son- der Belletristik wieder. Die erstgenannte
dern soziokulturell unterschiedlich. Auch und Sichtweise geht oft mit Pessimismus und
scharfer Kritik einher. So war beispielsweise
4 Vgl. Georg Simmel, Philosophie des Geldes, Frank- Jules Verne um 1860 der Meinung, Paris
furt/M. 19012. werde in 100 Jahren von der Macht des Gel-
5 Helena Flam/Gunter Göbel, Soziologie des Geldes:
des und der Technologie vollkommen be-
Arbeit Staat und Geld, in: Regina Metze/Kurt Mühler/
herrscht sein. „Liebespaare“ würden sich in
Karl-Dieter Opp (Hrsg.), Der Transformations-
prozess. Analysen und Befunde aus dem Leipziger In- interessengetriebene indifferente Partner ver-
stitut für Soziologie, Bd. 1, Leipzig 1998, S. 54.
6 Vgl. ebd., S. 55. 7 Vgl. V. A. Zelizer (Anm. 3), S. 328.

34 APuZ 26/2009
wandelt haben, denen sogar das Vokabular Deutsche Besonderheiten: Verglichen mit
für Zuneigung verloren gehen werde. Die anderen Nationen haben die Deutschen einen
zweitgenannte Sichtweise finden wir unter ausgeprägten Hang zur Sparsamkeit, zumin-
anderem in den Romanen Flauberts, Fonta- dest was ihre Normen und Einstellungen be-
nes und Thomas Manns. Sie führen uns die trifft. Diese Neigung ist zwar zurückgegan-
Kultur des Bürgertums und die Bedeutung gen, aber im internationalen Vergleich immer
bzw. Verwendung von Geld für bzw. durch noch stark ausgeprägt. Der Hintergrund
die Angehörigen dieser Kultur eindringlicher dafür ist die oben angesprochene Erfahrung
vor Augen, als es ein Soziologe je könnte – mit Inflationen und Geldentwertung. 12 Das
und sie kritisieren diese Kultur schärfer, als es Wollen und Sollen der Deutschen unterschei-
ein Soziologe dürfte. det sich jedoch mittlerweile von ihrem Tun.
Die Sparquote ist zwar relativ hoch, interna-
tional aber keineswegs überragend. 2008
Empirie haben die Deutschen 11,6 Prozent ihres ver-
fügbaren Einkommens gespart, und für 2009
Erfahrungen im 20. Jahrhundert und Genera-
wird wegen der Verunsicherung durch die Fi-
tionenunterschiede: Das 20. Jahrhundert war
nanzkrise eine noch höhere Sparquote erwar-
ein auch „in Geldangelegenheiten“ sehr be-
tet. In Österreich, Frankreich, Irland, Spanien
wegtes Jahrhundert. Erfahrungen mit zahlrei-
und der Schweiz wurde aber 2008 gleich viel
chen Finanzkrisen und Währungsreformen
oder sogar mehr gespart. 13
haben Einstellung und Verhalten der deut-
schen Bevölkerung maßgeblich geprägt. Viel-
Alt und Jung: Unabhängig vom Geburts-
fach mussten herbe Verluste hingenommen
zeitraum und den oben dargestellten histori-
werden. Die vordem sicher geglaubte Zukunft
schen Erfahrungen der einzelnen Generatio-
großer Bevölkerungsteile wurde zerstört. Das
nen (Kohorten) ist der Umgang mit Geld
starke Streben der Deutschen nach Stabilität
aber auch eine Frage des Lebensalters. Unter-
und Sicherheit hat hier seine Wurzeln. Nach
suchungen 14 belegen, dass ältere Menschen
der Währungsreform von 1948 wurde die D-
im Vergleich zu jüngeren weniger gern Schul-
Mark zum Symbol dafür. 8 Seither haben die
den machen, zufriedener mit der eigenen fi-
Realeinkommen und der Wohlstand in West-
nanziellen Lage und mit dem erreichten Be-
deutschland stetig zugenommen. Ende 1949
sitzstand sind, weniger Risikolust verspüren,
lag das Geldvermögen der privaten Haushalte
sparsamer mit Geld umgehen, ihren Finanz-
bei 20,6 Milliarden DM; bis 2000 war es
haushalt disziplinierter führen und Geld
schon auf fast 18 Billionen DM 9 und bis 2006
strenger kontrollieren, ehrlicher in Geldge-
auf 10,4 Billionen Euro 10 angestiegen.
schäften sind, mit Geld positivere Assoziatio-
nen verbinden. 15
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Spar-
samkeit eine Pflicht, Verschuldung tabu. Ent-
Im Alter nimmt der Wunsch nach Sicher-
sprechende Einstellungen und ein entspre-
heit und Risikovermeidung zu: Ältere Men-
chendes Verhalten sind bis heute in der älte-
schen kaufen daher preiswerte Qualitätspro-
ren Generation weit verbreitet. In den
dukte, Produkte mit Garantiezertifikaten,
jüngeren Kohorten haben sie sich indes relati-
möglichster einfacher Bedienung und Ge-
viert. Verschuldung und Ratenkäufe sind weit
sundheitsprodukte. Demgegenüber nimmt
verbreitet und gelten nicht mehr als anstößig.
Hedonistische Einstellungen und „Geld als
Gräbe, Vom Umgang mit Geld. Finanzmanagement in
Mittel zu Konsum und Lebensgenuss“ 11 Haushalten und Familien, Stiftung der privaten Haus-
spielen heute eine größere Rolle. halte, Frankfurt/M. 1998, S. 23.
12 Vgl. Tilman Heisterhagen/Rainer-W. Hoffmann/
8 Vgl. R.-W Hoffmann (Anm. 1). Frank Mußmann/Marc Pleimann/Sybill-Anett Stre-
9 Vgl. Manfred Weber, Finanzmarkt und Finanz- cker, Geld-Krise-Generation. Soziomonetäre Streifzü-
kultur, in: Karl-Rudolf Korte/ Werner Weidenfeld ge im 20. Jahrhundert, Soziale Welt, 51 (2000), S. 463–
(Hrsg.), Deutschland Trend Buch. Fakten und Orien- 486.
tierungen, Bundeszentrale für politische Bildung, 13 Vgl. OECD, Database Economic Outlook 84, 2008.

Bonn 2001, S. 330. 14 So schon Günter Schmölders, Psychologie des Gel-


10 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, Die so- des, Reinbek 1966.
ziale Situation in Deutschland, CD, 2008. 15 Vgl. Hans-Georg Häusel, Der Umgang mit Geld
11 Vgl. Rainer-W. Hoffmann, Geldkultur in Haushalt und Gut in seiner Beziehung zum Alter, Manuskript,
und Gesellschaft. Ausgewählte Facetten, in: Sylvia 2001.

APuZ 26/2009 35
für sie die Bedeutung von Gütern mit hohem auch, dass die Überschuldung meist vorüber-
Prestigewert ab: Weniger gekauft werden so gehend war: eine Übergangsphase im Leben
beispielsweise teure modische Kleidung und der Jugendlichen. Je höher sich die Einkünfte
große Autos. Die Lust an Genuss und Reizen von Jugendlichen beliefen, insbesondere die
bleibt indessen auch im Alter lange erhalten: selbst verdienten, desto rationaler war ihr
Genuss vermittelnde Lebensmittel, Reisen Konsumverhalten. 20
und der Besuch gepflegter Gaststätten dürfen
daher ruhig Geld kosten. 16 Geld als Tabu-Thema: Der richtige Um-
gang mit Geld ist auch von Normen geprägt,
Jugendlichen wird heute oft nachgesagt, sie etwa Normen, wie über Geld zu sprechen
gäben sehr viel Geld für unvernünftige Dinge (oder nicht zu sprechen) ist. Zahlreiche
aus (insbesondere für das Telefonieren, für Sprichworte wie „Über Geld spricht man
Computerspiele etc.), sie könnten nicht mit nicht, man hat es,“ sind ein Hinweis darauf,
Geld umgehen und gerieten daher oft in dass das Thema Geld in Deutschland weitge-
Schulden. Hier träfen sich, so eine verbreitete hend tabuisiert ist.
Meinung, der generelle Leichtsinn der Jugend
mit den spezifischen, oft technologischen Jeder empirische Sozialforscher weiß, dass
Versuchungen unserer Zeit. Fragen zum persönlichen Einkommen von
großen Bevölkerungsteilen nicht beantwortet
Demgegenüber bescheinigten Studien 17 werden, vor allem dann, wenn die genaue
2002 drei Viertel der Jugendlichen ein weit- Einkommenshöhe genannt werden soll. Auch
gehend rationales und marktkonformes wenn dieser Tabuisierungsnorm nicht durch-
Konsumverhalten. Dieser Anteil der „ver- gehend gefolgt wird, ist sie noch lange außer
nünftigen“ Jugendlichen hat seit 1990 zuge- Kraft. Bittet man Befragte, sich in Einkom-
nommen. Ein „demonstratives“, also schon mensklassen einzuordnen, ist die Antwortbe-
recht kostspieliges Kaufverhalten, wies etwa reitschaft etwas höher.
ein Fünftel der Jugendlichen auf. Dieser
Prozentsatz hatte sich seit 1990 kaum verän- In Familien ist das Thema Geld kein abso-
dert. Ein „kompensatorisches“, also weitge- lutes Tabuthema. Mindestens zwei Drittel der
hend „unvernünftiges“ Konsummuster ließ Eltern geben an, häufig oder zumindest
2002 jeder siebte Jugendliche erkennen. Die manchmal über Geld zu sprechen, ein Drittel
Hälfte (etwa sieben Prozent) musste als in Westdeutschland tut dies auch im Beisein
„kaufsüchtig“ eingestuft werden. Dieser An- ihrer Kinder. 21 Wenn in Familien über Geld
teil von Jugendlichen mit problematischem gesprochen wird, geht es allerdings haupt-
Verhalten ist seit den 1990er Jahren konstant sächlich um Ausgaben und finanzielle Pro-
geblieben. bleme. „Konstruktive“ Gespräche über das
Haushaltsbudget, Anlage- und Versiche-
Verschuldet waren 2002 etwa 20 Prozent, rungsmöglichkeiten oder bestehende Schul-
überschuldet ca. 7 Prozent der Jugendlichen. den und deren Bewältigung kommen demge-
Damit konnten etwa gleich viele Jugendliche genüber selten vor. „Nur die wenigsten (Kin-
wie Erwachsene ihre Verbindlichkeiten in ab- der) wissen, was ihre Eltern genau verdienen
sehbarer Zeit nicht begleichen. 18 Entgegen oder wie deren Vermögen aufgebaut und an-
vieler Befürchtungen nahm die Überschul- gelegt ist“. 22
dung von Jugendlichen seit 1990 ab – nicht
etwa zu. Mobiltelefone waren übrigens nur Paare unterhielten sich im Verlauf des
zu einen minimalen Anteil die Ursache für Jahres an 40 Prozent der Tage, an denen sie
Überschuldungen. 19 Die Ergebnisse zeigen miteinander sprachen, über das Thema
„Ausgaben“. Über „Sparen“ wurde an 5
16 Vgl. ebd. Prozent der Tage gesprochen. Andere Geld-
17 Vgl. Elmar Lange, Jugendkonsum im 21. Jahr-
hundert. Eine Untersuchung der Einkommens-, Kon- 20 Vgl. E. Lange (Anm. 17), S. 168f
sum-, und Verschuldungsmuster der Jugendlichen in 21 Vgl. Tatjana Rosendorfer, Kinder und Geld. Geld-
Deutschland, Wiesbaden 2004, S. 167 ff. erziehung in der Familie, Stiftung der privaten Haus-
18 Vgl. ebd., S. 168 f. halte, Frankfurt/M. 2000.
19 Vgl. Karin R. Fries/Peter H. Göbel/Elmar Lange, 22 Marc Brost/Marcus Rohwetter, Das große Unver-

Teure Jugend. Wie Teenager kompetent mit Geld um- mögen. Warum wir beim Reichwerden immer wieder
gehen, Opladen–Farmington Hills 2007, S. 145–157. scheitern, Manuskript, Weinheim 2003.

36 APuZ 26/2009
angelegenheiten standen an 15 Prozent der und den Verdienst werden in Paarbeziehun-
Tage zur Diskussion. 23 Geld ist in Partner- gen und Familien also durchaus geführt,
schaften und Familien ein brisantes Thema, vor allem dann, wenn das Geld knapp
das nicht selten zu Konflikten führt. Das ist. 28 Diese Befunde widersprechen keines-
Geld des eigenen Haushalts trat als Ge- wegs der Diagnose, wonach Geld ein „Ta-
sprächsthema zwar seltener auf als „Kin- buthema“ ist. 29
der“, „Freunde und Freizeit“, „Berufs- und
Hausarbeit“ und „Beziehungsprobleme“, Im Freundes- und Bekanntenkreis scheint
aber die Gespräche über Geld führten am Geld, vor allem das eigene, allerdings tatsäch-
häufigsten zu Konflikten. 24 lich ein Tabuthema zu sein. So stimmten 66
Prozent der Befragten der Aussage zu „Ich
Geld ist übrigens keineswegs jenes ökono- gewähre anderen Menschen nur ungern Ein-
mische neutrale Zahlungsmittel, das mit blick in meine Geldangelegenheiten“. 30 Das
Liebe nichts zu tun hat. In vielen Beziehun- Tabu wird auch dadurch genährt, dass es viele
gen wird Geld teils gemeinsam, teils getrennt Arbeitgeber verbieten, im Kollegenkreis über
verwaltet. Die Bedeutung von Geld ist dabei Gehalt oder Prämien zu sprechen. Die Aus-
je nach der jeweiligen Beziehung und den einandersetzung über Leistung und Lohn
darin ablaufenden Definitions- und Aushand- bleibt so im Bereich des Spekulativen, und
lungsprozessen der Partner sehr unterschied- damit auf der Gefühls- und nicht selten auch
lich. Wessen Geld wem gehört und wozu bei- der Neidebene.
trägt, das kann, ja muss durch „Bedeutungsar-
beit“ ausgehandelt werden. Daraus resultieren Es wird also sehr wohl über Geld gespro-
nicht selten Spannungen. 25 chen, allerdings bleiben das „eigene Geld“
und die Art und Weise des konstruktiven
„Das selbst verdiente Geld wird nicht Umgangs mit diesem außen vor, selbst im pri-
von selbst zum ,eigenen‘, individualisierten vaten Bereich, erst Recht im Bekannten- und
und individualisierenden Geld. Sondern es Kollegenkreis.
kann gerade in seiner spezifischen Verknüp-
fung mit Liebe immer schon als gemeinsa- Die Tabuisierung hat Folgen: Die Art und
mes Geld erscheinen (. . .), welches nur das Weise des Umganges mit Geld wird (objek-
Paar als Paar dann der individuellen Ver- tiv) immer wichtiger. Alters- und Gesund-
fügbarkeit zuordnen kann.“ 26 Auch ist das heitsvorsorge sind mittlerweile teilweise
von Männern verdiente Geld nicht unbe- davon abhängig, wie vorhandenes Geld ange-
dingt das finanzielle Fundament des Fami- legt wird. Sparbücher sind kaum noch renta-
lienhaushalts, jenes der Frau ist nicht unbe- bel. Die Fülle der sonstigen Geldanlagemög-
dingt „zusätzliches“ Geld. Das Geldverhält- lichkeiten wird immer unüberschaubarer. Die
nis resultiert aus komplexen wechselseitigen Finanzkrise hat viele der angepriesenen Mög-
und die Beziehung insgesamt charakterisie- lichkeiten als Fallen entlarvt. Kompetenz in
renden Zuschreibungen, zum Beispiel, was Gelddingen gilt daher immer mehr als (nor-
die Beziehung stiftet oder zusammenhält. 27 mative) Messlatte für eine souveräne Lebens-
Beim Reden über Geld in Partnerschaften gestaltung. Wer nicht mit Geld umgehen
zeigt sich vielleicht am deutlichsten, wie kann, fällt der Missachtung vieler Mitmen-
sehr das Umgehen mit Geld eine Frage der schen anheim, wird möglicherweise gar als le-
jeweiligen sozialen Beziehungen und der bensuntüchtig bezeichnet. Dessen ungeachtet
darin geltenden Werte ist. Gespräche über ist souveränes Umgehen mit Geld kein
verfügbares Geld, die Ausgaben der Familie Thema. Selbstzweifel und Unsicherheiten
müssen die betroffenen Menschen in der
23 Vgl. Erich Kirchler/Christa Rodler/Eric Hölzl/ Regel mit sich selbst austragen. Lernen, mit
Katja Meier, Liebe, Geld und Alltag. Entscheidungen Geld umzugehen und Geldkompetenz wer-
in engen Beziehungen, Göttingen 2000, S. 144. den so nicht gefördert.
24 Vgl. ebd., S. 147.
25 Vgl. Christine Wimbauer/Werner Schneider/ Wolf-

gang Ludwig-Mayerhofer, Prekäre Balancen – Liebe


und Geld in Paarbeziehungen, in: Leviathan, 21 (2002), 28 Vgl. T. Rosendorfer (Anm. 21).
S. 268. 29 Vgl. M. Brost/M. Rohwetter(Anm. 22).
26 Vgl. ebd., S. 282. 30 Vgl. Spiegel-Verlag, Soll und Haben 3, Hamburg
27 Vgl. ebd., S. 282 f. 1989.

APuZ 26/2009 37
Aber nicht nur die Tabuisierung trägt dazu bzw. als Opfer. Sie kümmern sich nicht um
bei, dass Wissen über kompetentes Umgehen Geldangelegenheiten, verdrängen oft sogar
mit Geld sich so zögernd verbreitet. Hinzu ihre finanziellen Probleme, und befassen sich
kommt: 31 nicht konstruktiv mit ihren Finanzen. In die-
ser Gruppe sind Frauen häufiger vertreten als
. Geld hat in bestimmten Bevölkerungsteilen Männer, eher junge Menschen und Menschen
ein schlechtes Image. Wer sich als „Finanz- mittleren Alters, besonders häufig Arbeiter
fuchs“ erweist, genießt einen eher schlech- und Arbeitslose, Bezieher niedriger Einkom-
ten Ruf. men.

. Die Beschäftigung mit Geld gilt als wenig Die Sorglosen und Leichtfertigen (16 Pro-
rentabel, sowohl was finanzielle Gewinne zent) leben „hier und jetzt“, haben Freude
als auch Lustgewinn und soziale Anerken- am spontanen Konsumieren. Trotz begrenz-
nung betrifft. ter Geldmittel denken sie nicht an die finan-
zielle Zukunft und verdrängen eventuelle
. Viele Menschen sind, möglicherweise be- Probleme. Sie kümmern sich nicht um Fi-
dingt durch paternalistische Traditionen nanzthemen und begegnen Finanzexperten
des „Versorgungsstaats“, im Bereich der mit großem Misstrauen. In diesem Milieu
persönlichen Finanzen unmündig. Sie sind sind Männer und Frauen gleichermaßen zu
es einfach nicht gewohnt, in diesen Berei- finden, meist Menschen mit einfacher Bil-
chen aktiv zu werden. dung, häufig Menschen im Alter von über 50
Jahre, relativ viel Arbeiter und Rentner, weni-
. Geld gilt in großen Bevölkerungsteilen als ge Bezieher überdurchschnittlicher Einkom-
schwierige Materie. Das schreckt ab, sich men.
damit zu befassen. Dass viele dieser Men-
schen sich in Beruf und Freizeit mit Die Bescheidenen (10 Prozent) weisen die
mindestens ebenso schwierigen Sachverhal- traditionelle Sparmentalität auf. Sie agieren
ten befassen, widerspricht dem nicht. sehr vorsichtig mit ihren Finanzen. An Fi-
nanzanlagen jenseits herkömmlicher Sparfor-
. Geld gilt weithin als abstrakte, lebensferne men wagen sie sich selten. Für sie ist Geld eine
Angelegenheit. Populär: Geld ist nicht sehr privates Thema, über das sie kaum spre-
„sexy“. chen. Unter den Bescheidenen sind meist älte-
re Menschen zu finden, häufig Menschen mit
einfacher Bildung, viele Rentner, aber auch
Geldmilieus und Geldtypen: Freilich treffen nicht wenige Arbeitslose, in der Regel Bezie-
diese Hindernisse nicht für alle Bevölke- her unterdurchschnittlicher Einkommen.
rungsteile gleichermaßen zu, für manche
überhaupt nicht. Dies ist eine Frage der je- Die Delegierer (10 Prozent) sind meist fi-
weiligen Geldkultur. In einer groß angelegten nanziell gesichert. Sie blicken unbekümmert
einschlägigen Untersuchung 32 werden acht und mit Zuversicht in die Zukunft und ver-
Geldmilieus bzw. acht Geldtypen mit unter- trauen die Verantwortung für das Manage-
schiedlichen Einstellungen in Deutschland ment ihres Geldes Familienangehörigen oder
unterschieden: Bankberatern an. Sie sehen keinen Grund,
sich selbst damit zu befassen. Delegierer sind
Die Resignierten und Überforderten (19 typischerweise Frauen, oft jüngeren bis mitt-
Prozent der Bevölkerung) sehen sich am leren Alters, Bezieher ausreichender Einkom-
Rand der Gesellschaft und ohne Möglichkei- men, versehen mit einer soliden Ausbildung,
ten, an ihrer finanziellen Situation selbst ausführende Angestellte bzw. Beamte und
etwas zu ändern. Sie grenzen sich stark nach Personen in Ausbildung.
oben ab und empfinden sich als „underdog“
Die Pragmatiker (16 Prozent) betrachten
31 Vgl. Sinus Sociovision, Die Psychologie des Geldes.
Geld ausschließlich als Mittel zum Zweck
und konzentrieren sich auf andere Lebens-
Qualitative Studie, Manuskript, Heidelberg 2004a.
32 Vgl. dies., Die Psychologie des Geldes. Die acht bereiche. Die öffentliche Diskussion über
Geldtypen und ihre Verteilung in Deutschland, Manu- die Sicherungssysteme hat ihnen zwar die
skript, Heidelberg 2004b. Notwendigkeit der aktiven Vorsorge vor

38 APuZ 26/2009
Augen geführt, der sie aber nur sehr zöger- Einstellungen zum Geld mehr oder weniger
lich Folge leisten. Unter den Pragmatikern erfolgsträchtig sind. Vieles spricht dafür, dass
finden sich Männer und Frauen gleicher- an der erstgenannten Kausalitätshypothese
maßen, eher junge Menschen mit mittlerer „mehr dran“ ist als an der zweiten, so ge-
und gehobener Bildung aus allen Berufs- nannten „Selektionshypothese“. Aber bewei-
gruppen, Bezieher sehr unterschiedlicher sen ließe sich das nur durch Längsschnittun-
Einkommenshöhen. tersuchungen, über die wir bislang auf diesem
Gebiet nicht verfügen.
Die Vorsichtigen (11 Prozent) legen beson-
deren Wert auf die Wahrung ihrer meist kom- Schwierig ist auch die Frage zu beantwor-
fortablen finanziellen Situation. Sie befassen ten, ob die zuletzt dargestellten Milieubefun-
sich mit den Entwicklungen auf dem Finanz- de die soziologischen Pluralisierungstheorien
markt. Das veranlasst sie auch zu Verände- oder die ökonomischen Theorien bestätigen.
rungen ihres Finanzverhaltens. Unter den Auf den ersten Blick scheinen die Spannweite
Vorsichtigen befinden sich Männer und Frau- und die Unterschiedlichkeit der gezeigten
en sowie Junge und Alte gleichermaßen; sie Geldkulturen klar für die soziologischen Plu-
weisen häufig mittlere und gehobene Bil- ralisierungstheorien zu sprechen. Aber die
dungsgrade auf und sind Bezieher gehobener Struktur der Milieus insgesamt zeigt auch,
Einkommen, typischerweise ausführende An- dass der Rationalitätsgrad des Umgehens mit
gestellte und Beamte sowie Hausfrauen. Geld stark damit einher geht, in welchem
Ausmaß über Geld verfügt werden kann. Das
Für die Ambitionierten (7 Prozent) ist kommt dem Geist der ökonomischen Geld-
Geld der zentrale Gradmesser persönlichen theorien wieder sehr nahe.
Erfolgs. Sie beschäftigen sich intensiv mit Fi-
nanzfragen. Das dient nicht allein der Vermö- Offene Fragen
gensmehrung, sondern hat für sie auch einen
hohen Freizeit- und Erlebniswert. Im Milieu Es wäre verfehlt, das Umgehen mit Geld vor
der Ambitionierten finden sich fast nur Män- dem bloßen Hintergrund eines Konkurrenz-
ner, oft recht junge mit mittelhohen Bil- kampfs zwischen einer ökonomischen und
dungsgraden und Einkommen, etwas häufiger einer kulturellen Sphäre bzw. zwischen öko-
Selbstständige, Freiberufler sowie leitende nomischen und soziologischen Perspektiven
Angestellte und Beamte. zu deuten. Viel aufschlussreicher scheint es,
den Wechselwirkungen nachzugehen, die
Souveräne (11 Prozent) sind in Finanzan- zwischen der expandierenden ökonomischen
gelegenheiten sehr kompetent und interes- Welt des Geldes und Konsums einerseits und
siert. Sie informieren sich regelmäßig über die den vielleicht gerade dadurch angeregten und
Finanzmärkte. Keine der oben genannten ermöglichten Kulturen von Partnerschaften,
Hindernisse, sich mit Geld zu befassen, tref- sozialen Milieus und Ethnien andererseits
fen auf sie zu. Souveräne sind meist Männer, entstehen. Darüber wissen wir noch nicht
meist im Alter zwischen 40 bis 59 Jahren, gut sehr viel.
ausgebildet, häufig Selbstständige, Freiberuf-
ler sowie leitende Angestellte und Beamte,
überwiegend Bezieher hoher Einkommen.

Es fällt auf, dass die Auflistung mit der


Stellung der einzelnen Milieus bzw. „Geldty-
pen“ im Gefüge sozialer Schichten zusam-
menfällt: Je positiver die „Geldeinstellung“
ist, desto höher ist die Stellung in der Rang-
ordnung von Qualifikation, beruflicher Stel-
lung und Einkommen. Reiche verachten das
Geld also nicht.

Es drängt sich die Frage auf, ob es die so-


ziale Stellung ist, welche die Einstellung zum
Geld prägt, oder ob – umgekehrt – bestimmte

APuZ 26/2009 39
Michael-Burkhard Piorkowsky bedingt durch den rasanten Wandel der Öko-
nomie des Alltags – fast alle Menschen. 1

Lernen, mit Geld Angesichts der Überfülle und der teils ag-
gressiven Bewerbung des Güterangebots ist

umzugehen die Selbstkontrolle der Bedürfnisse schwierig.


Das gilt auch für die Abstimmung zwischen
Kaufkraft und Kaufaktivität. Die steigende
Komplexität der produzierten Güter und die

W ozu und was lernen, um mit Geld um-


zugehen? Geld an sich hat heute
kaum einen Wert; der Materialwert ist gering.
Virtualisierung der Marktbeziehungen wir-
ken zusätzlich erschwerend. Das alles gilt
neuerdings auch für Finanzdienstleistungen,
Sein Wert besteht in seiner Funktion als Zah- was etwa in der Rede von der „Bank als Kre-
lungs- und Wertaufbe- ditfabrik“ und dem „Kreieren von Zertifika-
wahrungsmittel. Denn ten“ für spekulative Geldanlagen zum Aus-
Michael-Burkhard Piorkowsky Geld verbrieft An- druck kommt. 2 Die Erweiterung des kom-
Dr. rer. Pol., geb. 1947; sprüche auf die Güter merziellen Dienstleistungssektors durch
Professor für Haushalts- und des Sozialprodukts Deregulierung von Märkten und die Privati-
Konsumökonomik an der und dient in dieser sierung vormals öffentlicher Versorgungsbe-
Rheinischen Friedrich-Wilhelms- Funktion der eigenen reiche verschärft die Situation für alle. Die
Universität Bonn. Nussallee 21, Verwendung sowie Optionen und damit auch die Entscheidungs-
Haus 2, 53115 Bonn. der Übertragung von möglichkeiten und -zwänge, ob, wie und zu
piorkowsky@ilr.uni-bonn.de Kaufkraft zur Beglei- welchem Preis die Sach- oder Dienstleistung
www.huk.uni-bonn.de chung von Verpflich- beschafft werden kann, stellen Normalbürger
tungen und zur Gabe und -bürgerinnen vor Fragen, wie sie nach
von Geldgeschenken. Geld ist damit nicht herkömmlichem Verständnis in Unternehmen
nur ein Indikator für die Fähigkeit der Be- zu klären sind: Bahnfahrkarten, Strom- oder
schaffung von Marktgütern, sondern – davon Gastarife und Telefonverträge auszuwählen,
abgeleitet – auch von Einkommen und damit ist schwierig geworden. Noch schwieriger
zugleich ein Maßstab für die Bewertung von sind Entscheidungen für oder gegen Studien-
Leistungen, Investitionen, Berufspositionen, kredite, Bausparverträge und Altersvorsorge-
Macht: Deshalb ist es ein besonderes Objekt produkte. Ergebnisse der empirischen Verhal-
der Begierde, im Extrem sogar eine „heimli- tensforschung zeigen, dass ökonomisch ratio-
che Religion“ – wie der Soziologe Christoph nales Handeln, wenn es nicht gelernt werden
Deutschmann es formuliert. konnte, eher die Ausnahme als die Regel ist.

Zu wenig Kompetenz im Umgang mit Geld Lernen, mit Geld umzugehen, soll dazu be-
ist ebenso ungut wie zu viel davon: wenn, wie fähigen, Geld in seiner medialen Funktion als
in jüngerer Vergangenheit, von der Realwirt- Zahlungsmittel, als Wertmaßstab für Markt-
schaft abgehoben agiert wird. Das belegen Un- güter und als Wertaufbewahrungsmittel für
tersuchungen über die Gründe ungeplanter die erfolgreiche Gestaltung der persönlichen
Ver- und Überschuldung einerseits sowie Alltags- und Lebensökonomie zu nutzen.
spektakuläre Fälle und allgemeine Auswirkun- Dabei ist Geld nicht nur im Sinn von Bargeld
gen der gegenwärtigen Finanz- und Wirt-
schaftskrise andererseits. Um eine quasi reli-
1 Vgl. Marc Brost/Marcus Rohwetter, Wir alle – fi-
giöse Überbewertung von Geld, um hem-
nanzielle Analphabeten, in: Die Zeit vom 31. 10. 2002,
mungslose Einkommensmaximierung an der
S. 19 –20; dies., Das große Unvermögen. Warum wir
Steuerpflicht vorbei und damit gekauftes An- beim Reichwerden immer wieder scheitern. Mit einem
sehen darf es nicht gehen, wenn die Fähigkeit Vorwort von Helmut Schmidt, Weinheim 2003; Mi-
des Umgangs mit Geld erworben werden soll. chael-Burkhard Piorkowsky, Neue Hauswirtschaft für
Vielmehr muss gelernt werden, Geld als ein die postmoderne Gesellschaft. Zum Wandel der Öko-
Mittel neben anderen für die Alltags- und Le- nomie des Alltags, in: Aus Politik und Zeitgeschichte
(APuZ), (2003) 9, S. 7–13.
bensgestaltung nutzen zu können. Dieses 2 Vgl. Daniel Mohr, Produktion wie am Fließband.
Lernziel ist heute nicht mehr nur eine Heraus- Ein Zertifikat ist schnell kreiert, deshalb gibt es mitt-
forderung im Bemühen um Angehörige bil- lerweile mehr als 200 000 davon, in: Frankfurter All-
dungsfernerer Schichten, sondern es betrifft – gemeine Zeitung (FAZ) vom 29. 6. 2007, S. 20.

40 APuZ 26/2009
gemeint, sondern eingeschlossen sind die Orientierungen, Bestrebungen und Hand-
geldähnlichen Schuldverhältnisse und Fi- lungsmustern auf. Dieser Prozess wird mit
nanzdienstleistungen, wie Bürgschaften, Kre- zunehmendem Alter tendenziell bewusster,
dite und Vermögensanlageprodukte. Dieser also kognitiv angereichert und eigenständig
Umgang mit Geld wird den privaten Haus- gesteuert. 5 Das Lernen, mit Geld umzuge-
halten und Familien zugeordnet. Hierunter hen, beginnt (indirekt) bereits beim Säugling
können auch kleine, mit dem Haushalt ver- und Kleinkind. Denn es geht nicht um Geld
bundene Unternehmen fallen, so dass Investi- an sich, sondern um dessen mediale Rolle für
tionen für die eigene Unternehmenstätigkeit die Bedürfnisbefriedigung. In diesem Sinn be-
in Betracht zu ziehen sind. 3 Es geht dabei ginnt die „finanzielle Bildung“ in der Familie,
aber nicht nur darum, mit Geld und Finanz- in der das Kind aufwächst, lange bevor es
dienstleistungen die unmittelbar eigene Posi- weiß, dass es Geld gibt, woher es kommt und
tion zu sichern oder zu verbessern, sondern welche Funktionen es übernehmen soll.
zugleich darum, als Konsumbürger und -bür-
gerin in sozialer und ökologischer Verant- Bei Säuglingen und Kleinkindern überwiegt
wortung zu handeln. Richtiger Umgang mit naturgemäß ein stark reizabhängiger Wissens-
Geld hat folglich nicht nur eine ökonomisch- erwerb, der auf die Befriedigung der elementa-
finanztechnische, sondern auch eine ethische ren Lebensbedürfnisse gerichtet ist: Nahrung,
und moralische Dimension. Wärme, Geborgenheit. Das Kind lernt über
einen fast mechanischen Reiz-Reaktions-Zu-
Lernen, mit Geld umzugehen, heißt also ei- sammenhang, wie es seine Bedürfnisse befrie-
gentlich: lernen, mit seinen Bedürfnissen um- digen, also Defizit- oder Knappheitsempfin-
zugehen, sich als Akteur und Ressource zu dungen überwinden kann. 6 Hat er Hunger,
begreifen und umfassende wirtschaftliche schreit der Säugling, dann kommt die Mutter.
Handlungskompetenz in persönlicher und Später lernt das Kleinkind, dass Schreien nicht
sozialer Verantwortung zu erlangen. Und immer zum Erfolg führt. Es entwickelt Verhal-
weil der Umgang mit Geld weder genetisch tensweisen, die sich spontan ergeben oder von
programmiert noch trivial ist, muss er erlernt anderen abgeschaut worden sind, quasi experi-
werden. 4 Dies geschieht in informellen und mentell erprobt werden und als Handlungs-
in formalen Bildungsprozessen. muster gespeichert bleiben, wenn sie sich als
erfolgreich erwiesen haben, oft auch dann
noch, wenn sie überholt sind. Das Kind lernt
Informelles Lernen, mit Geld umzugehen auf diese Weise, sich zielgerichtet zu verhalten,
denn es möchte Lust empfinden und Schmerz
Lernen wird in der Psychologie als ein Pro- vermeiden. Säuglinge und Kleinkinder lernen
zess der sinnlichen Aufnahme und mentalen durch Handeln und verstehen durch erfolgrei-
Verarbeitung von Informationen erklärt: Das ches Tun. Aber die emotionalen Elemente im
Individuum setzt sich – teils von innen ange- frühen Lernprozess sind fundamental, weil
regt, teils von außen geleitet – mehr oder we- von der ersten Minute des Lebens an Informa-
niger bewusst mit sich und seiner Umwelt tionen aufgenommen und Wahrnehmungs-
auseinander und baut auf der Basis einer ge- strukturen aufgebaut werden. Dieser emotio-
gebenen körperlichen und geistigen Anfangs- nale Wissenserwerb kanalisiert vermutlich die
ausstattung zunächst unmittelbar erfahrungs- späteren kognitiven Bildungsprozesse.
basierte und später auch überlieferte Bestände
an Eindrücken, Einsichten, Erklärungen, Für die frühe Sozialisation im Umgang mit
3 Vgl. Michael-Burkhard Piorkowsky, Die Evolution
Geld sind die Eltern zwar eine sehr wichtige,
aber nicht die einzige Instanz. Daneben spie-
von Unternehmen im Haushalts- und Familienkontext
– Grundgedanken zu einer Theorie sozio- len die Verwandtschaft, die Medien, insbeson-
ökonomischer Hybridsysteme, in: Zeitschrift für Be-
triebswirtschaft, 72 (2002), Ergänzungsheft 5, S. 1–19. 5 Vgl. Jean Piaget, Das Erwachen der Intelligenz beim
4 Vgl. Bundesministerium für Ernährung, Landwirt- Kinde, Stuttgart 1969; Klaus Holzkamp, Sinnliche Er-
schaft und Verbraucherschutz/BMELV (Hrsg.), Ver- kenntnis. Historischer Ursprung und gesellschaftliche
braucherkompetenz für einen persönlich erfolgreichen Funktion der Wahrnehmung, Frankfurt/M. 1973.
und gesellschaftlich verantwortlichen Konsum. Stel- 6 Vgl. Birgit Weber/Reinhold Hedtke, Lernen, öko-

lungnahme des Wissenschaftlichen Beirats für Ver- nomisches, in: Reinhold Hedtke/Birgit Weber (Hrsg.),
braucher- und Ernährungspolitik beim BMELV, Wörterbuch Ökonomische Bildung, Schwalbach/Ts.
Bonn–Berlin 2008. 2008.

APuZ 26/2009 41
dere das Fernsehen und der Freundeskreis wirtschaftliche und finanzielle Bildung für
eine große Rolle. Sowohl die elterliche und die alle Schülerinnen und Schüler in allgemein
sonstige Gelderziehung als auch die kindliche bildenden Schulen durchgehend von der
Aufnahme von Informationen über Geld ge- Grundschule bis zum jeweiligen Schulab-
schieht teils bewusst, teils unbewusst; und nur schluss vermittelt werden könnte. In der
ein Teil der finanziellen Geschehnisse sind der Grundschule (Primarstufe) werden wirt-
kindlichen Wahrnehmung zugänglich. 7 Älte- schaftliche Themen nur aspekthaft vor allem
re Kinder lernen den Umgang mit Geld vor im Sachunterricht behandelt. In fast allen
allem durch Beobachtung der Eltern und der Bundesländern sind in den Lehrplänen für
älteren Geschwister, durch Zuhören bei Ge- Grundschulen Themen rund um das Taschen-
sprächen über Geld und Wirtschaft, durch geld verankert, aber über die Durchführung
Empfang von Taschengeld und Geldgeschen- des Unterrichts gibt es kaum gesicherte Er-
ken, durch eigenen Umgang mit Geld und kenntnisse. Etwas anders stellt sich dies in
durch soziale Vermittlung im näheren Um- den weiterführenden Schulen dar, wobei zwi-
feld. Die regelmäßige Gabe von selbst zu ver- schen Bundesland, Schulform und Schulstufe
waltendem Taschengeld gilt als positiv für die zu differenzieren ist. 8
Sozialisation im Umgang mit Geld. Zu viel
und zu wenig an Taschengeld kann, muss aber Die Situation in den Oberschulen (Sekun-
nicht gleichermaßen schlecht sein. darstufen) lässt sich kurz wie folgt beschrei-
ben: 9 Wirtschaftliche Inhalte finden sich in
Zu den Eindrücken und Erfahrungen ge-
der Regel in sozialwissenschaftlichen oder
hört etwa der Streit der Eltern über Geld, die
in wirtschaftlich-technischen Integrationsfä-
Zuschreibung symbolischer Bedeutungen,
chern und häufig nur im Wahlbereich. Das
wie Macht und Reichtum, die Gabe von Geld
Fach Arbeitslehre bzw. Arbeit-Wirtschaft-
als Belohnung und das Einbehalten von Ta-
Technik ist auf die Gegenstandsbereiche
schengeld als Bestrafung, das Führen eines
Beruf, Haushalt, Wirtschaft, Technik bezogen.
Haushaltsbuchs, das Bezahlen von Rechnun-
Es ist aber nur in der Hauptschule (Sekundar-
gen, das Reklamationsverhalten und der mehr
stufe I) als vorrangig berufsorientierender Un-
oder weniger reibungslose regelmäßige Geld-
terricht in allen Bundesländern verpflichtend
zugang bzw. die Verfügbarkeit für die Le-
und wird entweder als Fach oder in einem ko-
benshaltung. Verborgen bleibt zunächst alles,
operativen Fächerverbund – mit unterschied-
was nicht gesehen werden kann oder nicht
licher Schwerpunktsetzung, insbesondere auf
angesprochen wird, wie der bargeldlose Zah-
Technik, Wirtschaft oder Hauswirtschaft – an-
lungsverkehr, die Kreditgutschrift auf dem
geboten. In der Realschule, der Gesamtschule
Bankkonto, die Vermögensbildung für die
und im Gymnasium (Sekundarstufen I und II)
Alterssicherung, die Haben- und Sollzinsen
werden in vielen Bundesländern wirtschaftli-
für Guthaben und Schulden, das überzogene
che Inhalte vor allem im Fach Sozialkunde
Konto oder gar der Mahnbescheid.
bzw. Gemeinschaftskunde, Sozialwissen-
Auf den Bestand an erworbenem Wissen in schaften, Politik oder Politik-Wirtschaft ge-
der frühen Kindheit baut eine wirtschaftliche lehrt. Selten sind Fächer schwerpunktmäßig
und finanzielle Bildung im höheren Kindes- auf wirtschaftliche Phänomene bezogen, wie
und Jugendalter auf. Zunehmend durchdrin- in Bayern und Thüringen das Fach Wirtschaft
gen und beeinflussen sich dann informelle und Recht; und ebenso selten gibt es entspre-
und formale Bildungsprozesse im Umgang chende Wahlpflichtmöglichkeiten in Real-
mit Geld wechselseitig. schulen oder Gymnasien am Ende der Sekun-
darstufe I in den übrigen Bundesländern.
Schulfächer für wirtschaftliche
und finanzielle Bildung 8 Vgl. Klaus-Peter Kruber, Ökonomische Bildung –

ein Beitrag zur Allgemeinbildung? Eine immer wieder


neue Frage an den Wirtschaftsunterricht, in: Georg
Gegenwärtig gibt es in Deutschland kein Weißeno (Hrsg.), Politik und Wirtschaft unterrichten,
Fach und keinen Fächerverbund, in dem eine Bonn 2006.
9 Vgl. Birgit Weber, Ökonomische Bildung an Schulen
7 Vgl. Tatjana Rosendorfer, Kinder und Geld – Geld- und Hochschulen: Steigende curriculare Bedeutung an
erziehung in der Familie, in: Sylvia Gräbe (Hrsg.), Vom den Schulen bei schwerwiegenden Mängeln der Leh-
Umgang mit Geld. Finanzmanagement in Haushalten rerausbildung, im Internet: www.degoeb.de/oben1.
und Familien, Frankfurt/M. 1998. html (19. 3. 2009).

42 APuZ 26/2009
Insgesamt häufig genannte ökonomisch be- und Materialien mit Lehr-Lernmodulen an
deutsame Inhaltsfelder in Lehrplänen, ähnli- Schulen und andere Bildungseinrichtungen
chen Dokumenten und Schulbüchern sind (1) herangetragen. Über deren Umsetzung liegen
Haushalt und Konsum, (2) Berufsorientie- allerdings kaum Erkenntnisse vor. Viele Jahre
rung, Erwerbsarbeit und Unternehmen, (3) dominierten die Angebote aus dem Unter-
Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik nehmenssektor, insbesondere die Materialien
sowie (4) Internationale Wirtschaftsbeziehun- des Sparkassen-Schulservice und des Bundes-
gen. Die Schwerpunktsetzung und Ausfor- verbands deutscher Banken. Die Bildungsan-
mung hängt stark davon ab, ob die Inhalte in gebote aus dem Bereich und dem Umfeld der
wirtschaftlich-technische oder in sozialwis- Verbraucher- und Wohlfahrtsverbände erhiel-
senschaftliche Fächer eingebettet sind. Ten- ten ab 1998/99 wichtige Impulse durch das
denziell findet sich eine mehr einzelwirt- Armutspräventionsprogramm der Bundesre-
schaftliche Ausrichtung (Konsum, Haushalt, gierung unter der Federführung des Bundes-
Berufsorientierung, Erwerbsarbeit, Unter- familienministeriums. Es entstanden zahlrei-
nehmen) in den wirtschaftlich-technischen che Projekte und Materialien, und zwar nicht
und eine stärker gesamtwirtschaftliche Orien- nur für die Zielgruppe sozial benachteiligter
tierung (Wirtschaftsordnung, Wirtschaftspo- und bildungsferner Mitglieder privater Haus-
litik, Internationale Wirtschaftsbeziehungen) halte. 11 Außerdem gibt es ein sehr umfangrei-
in den sozialwissenschaftlichen Fächern. ches, ständig zunehmendes Angebot auf dem
Buch- und Zeitschriftenmarkt. 12
Die auf Wirtschaft und Geld bezogenen In-
halte der genannten Fächer stammen vor allem Eine Arbeitsgruppe der Professur für
aus der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre. Haushalts- und Konsumökonomik an der
Die betriebswirtschaftliche Betrachtungsweise Universität Bonn hat im Zusammenhang mit
ist allerdings vorrangig auf industrielle Unter- Forschungsprojekten und der Vorbereitung
nehmen ausgerichtet, und die volkswirtschaft- von Tagungen für das Präventionsnetzwerk
lichen Themen sind gesamtwirtschaftlich Finanzkompetenz 165 nicht kommerzielle
orientiert. Dies gilt auch für die mikroökono- Projekte und Materialien unterschiedlicher
mische Behandlung von Haushalten und Un- Anbieter identifiziert und 47 analysiert. 13
ternehmen, die – fachsystematisch korrekt – in Die weit überwiegende Zahl ist für die unmit-
erster Linie der Darstellung der Marktwirt- telbare Ansprache von Jugendlichen und jun-
schaft dient und sich weitgehend von der Per- gen Erwachsenen entwickelt worden. Ledig-
spektive der handelnden Haushaltsmitglieder lich 20 der 165 Projekte und Materialien rich-
als den basalen Akteuren in Wirtschaft und ten sich an Erwachsene; und nur sechs sind
Gesellschaft gelöst hat. Um die Lücke zu der vor- und frühschulischen Sozialisation im
schließen, werden ergänzende Materialien zur Umgang mit Geld gewidmet. Einige Projekte
finanziellen Bildung entwickelt, die je nach und Materialien werden im Folgenden einge-
Neigung, Kompetenz und Zeitbudget der hender betrachtet.
Lehrkraft im Unterricht eingesetzt oder nicht
eingesetzt werden. 10 11 Vgl. Frank Bertsch, Das neue Feld der wirtschaft-

lichen Bildung und Beratung, in: Hauswirtschaft und


Wissenschaft, 51 (2003) 1, S. 25–31; Udo Reifner, Fi-
Programme und Projekte nanzielle Allgemeinbildung. Bildung als Mittel der
Armutsprävention in der Kreditgesellschaft, Baden-
für Finanzkompetenz Baden 2003; Michael-Burkhard Piorkowsky, Präven-
tion der Verschuldung, in: Dieter Korczak (Hrsg.),
Von Banken und Sparkassen, Schuldnerbera- Geld und andere Leidenschaften. Macht, Eitelkeit,
tungen und Verbraucherzentralen sowie von Glück, Kröning 2006.
12 Vgl. Michael-Burkhard Piorkowsky, Finanzmana-
deren Verbänden, aber auch von einzelnen
Forschungs- und Beratungsinstituten und gement und Budgetverwaltung in privaten Haushalten,
in: Sylvia Gräbe (Hrsg.), Vom Umgang mit Geld. Fi-
Landesministerien werden schon lange Ange-
nanzmanagement in Haushalten und Familien, Frank-
bote zur wirtschaftlichen und finanziellen furt/M. 1998.
Bildung in Form von Programmen, Projekten 13 Vgl. Bericht über die Tagung vom 17. 11. 2008 und

Ankündigung der Tagung am 6. 5. 2009 im Internet


10 Vgl z. B. Hans Kaminski u. a., Unterrichtseinheit unter www.praeventionsnetzwerk-finanzkompetenz.
„Finanzielle Allgemeinbildung“. Eine Initiative von de/16897699140c97c01/1689769a5d0e8d10a/index.html
Handelsblatt und Deutsche Bank, o.O., o. J. (2005). (15. 3. 2009).

APuZ 26/2009 43
Zwei der sechs Projekte für die frühe Gemeinsam ist fast allen Projekten und
Gelderziehung richten sich an Eltern und Materialien für Jugendliche und Erwachsene
Erziehende von Kindern im Kindergarten die mehr oder weniger umfangreiche Thema-
und bieten auf einem Elternabend Informa- tisierung von Bedürfnissen und Wünschen,
tionen und Gespräche über „Süßes Leben, von Kosten der Lebenshaltung und „Kosten-
überquellendes Kinderzimmer“ bzw. „Kin- fallen“, von praktischen Fragen der Konto-
der, Kohle und Konsum“ an. Zwei weitere führung und Geldverwaltung sowie der Pla-
sind für Grundschulkinder entwickelt wor- nung und Kontrolle der Finanzen; in umfang-
den: „Kids & Knete“ und „Money & reichen Materialien und Projekten werden
Kids“. Weitgehend übereinstimmend sollen außerdem Fragen der Vermögensbildung,
die zuvor geschulten Lehrkräfte in einer Versicherung und Alterssicherung behandelt.
Reihe von Unterrichtseinheiten mit den Die Planung und Kontrolle der Einnahmen
Kindern reden, malen, singen und spielen, und Ausgaben mit einer Haushaltsbuchfüh-
um folgende Themen anzusprechen: Bedürf- rung findet sich häufig in den Projekten und
nisse und Wünsche, Umgang mit Geld, Materialien. Erwerbswirtschaftliche Selbst-
Geld in der Familie, Geld im Wirtschafts- ständigkeit wird nicht bzw. nicht angemessen
kreislauf, Werbung und Konsum. In beiden behandelt.
Projekten wird die Führung eines Taschen-
geldheftes als methodisches und didaktisches Über die Wirksamkeit von Maßnahmen zur
Hilfsmittel eingesetzt. An Grundschulkinder Vermittlung von Finanzkompetenz ist wenig
richtet sich auch das Material „Kinder, Verlässliches bekannt. Eine Evaluation im
Knete & Co.“, bestehend aus einem Heft strikten Sinn ist außerordentlich schwierig.
für Schüler und Schülerinnen und einem Um den Erfolg einer Bildungsmaßnahme ein-
Heft für die Lehrkraft. Neben den Themen deutig zuordnen zu können, wären Langzeit-
Bedürfnisse, Auskommen mit dem Einkom- beobachtungen auf der Individualebene und
men, Geld und Sparen geht es um die The- die Kontrolle von Einflüssen außerhalb des
men Güter und Produktion, Arbeit und Lehr-Lernprogramms erforderlich. Die weni-
Beruf sowie Verantwortung im Wirtschaf- gen veröffentlichten Evaluationsstudien und
ten. Ein weiteres Material für Grundschul- Sekundäranalysen lassen aber auf eine Zunah-
kinder ist inhaltlich auf Geld und Sparen me von Wissen und eine Förderung von Moti-
beschränkt. vation und Handlungsbereitschaft zur Befas-
sung mit den eigenen Finanzen schließen. 14
Die Projekte und Materialien für Jugendli-
che und Erwachsene unterscheiden sich er- Kritische Punkte in etlichen Konzepten der
heblich im Umfang und in der Didaktik. Ei- finanziellen Bildung sind scheinbar fehlende
nige Konzepte bieten umfangreiche Lehr-und theoretische Grundlagen, insbesondere verhal-
Lernmodule zum Umgang mit Geld und Fi- tenswissenschaftliche Erkenntnisse über die
nanzdienstleistungen, angefangen beim Ein- Entstehung von Bedürfnissen, deren Ausfor-
richten eines Girokontos bis zur Vermögens- mung in Wünsche und die Konkretisierung als
bildung für die Alterssicherung; andere be- Ziele des Handelns, sowie die offensichtliche
handeln lediglich und zudem vergleichsweise Verkürzung und Fokussierung des Wirtschaf-
kurz ausgewählte Beispiele, wie den Kauf tens auf geldvermittelte Aktivitäten und damit
eines Mobiltelefons mit und ohne Vertrag, die fehlende Einbettung des Umgangs mit Geld
oder sie thematisieren Aspekte wie Vertrauen in den hauswirtschaftlichen und den realen ge-
als Grundlage für Wirtschaft und Finanzen,
und, mit Blick auf bestimmte Zielgruppen
wie die der „50 plus“, private Vorsorge für 14 Vgl. etwa Gerhard Raab, Evaluation des Projekts
die Zusatzsicherung im Alter. Didaktische Bank und Jugend im Dialog, in: Helmut Peters/Ger-
Alternativen zum Vortrag durch eine Lehr- hard Raab (Hrsg.), Bank und Jugend im Dialog. Ein
kraft sind Vorträge durch Mitarbeitende aus Handbuch für Banken, Sparkassen, Schulen, Schuld-
Banken oder Schuldner- und Verbraucherbe- ner- und Verbraucherberatungsstellen, 2. erw. und
ratungsstellen, Übungen zur Befragung von überarb. Aufl., Oberhausen 2004; Dieter Korczak,
Schuldenprävention in Kindergärten und Berufs-
Mitarbeitenden in den genannten Einrichtun-
schulen, Abschlussbericht. Evaluation der Jahre 2005 –
gen, Besuche in Banken und die Nutzung 2006, GP-Forschungsgruppe München, März 2007,
sehr spezieller Lehr-Lernformen, etwa die im Internet: www.gp-f.com/de/pdf/sch_ikb.pdf (16. 3.
der Zukunftswerkstatt. 2009).

44 APuZ 26/2009
samtwirtschaftlichen Zusammenhang. 15 Kriti- Ergebnisse der empirischen Verhaltensfor-
siert wird auch, dass die Inhalte fast immer an schung zeigen, dass normales Handeln nicht
durchschnittlich gebildeten Menschen orien- den Modellannahmen der ökonomischen Ra-
tiert sind, aber das damit vorausgesetzte Lese- tionaltheorie entspricht, sondern kognitive
und Wortverständnis- sowie die Rechenfähig- Fehler eher die Regel als die Ausnahme sind.
keiten bei besonders Förderungsbedürftigen Dazu gehören die Vernachlässigung bzw. Un-
häufig fehlen. 16 Fraglich ist auch, ob bei Kin- terschätzung von Opportunitätskosten, ins-
dern und Jugendlichen kurze und verspielte, besondere des Zeitaufwandes, zum Beispiel
aber nicht umfassend wirtschaftlich eingebette- für die Suche nach Informationen und Wegen
te Projekte und Materialien eine tragfähige der Beschaffung, sowie die Überschätzung
Grundlage für die weitere Befassung mit dem geringer und die Unterschätzung mittlerer
Thema Wirtschaft und Finanzen legen können. und hoher Wahrscheinlichkeiten des Eintritts
von Ereignissen: So werden Gewinnchancen
oft über-, Unfallrisiken unterschätzt. Und
auch die von allen mehr oder weniger prakti-
Buchführung im Kopf, zierte Buchführung im Kopf ist unvollständig
und führt damit zu Entscheidungen, die mög-
mit dem PC und auf Papier licherweise anders ausfallen würden, wenn
die Fakten in Form „harter“ Zahlen bekannt
Ein bewährtes Mittel, zu lernen, kontrolliert wären. 18 Was etwa die Fahrt mit dem Privat-
mit Geld umzugehen, besteht darin, ein klei- wagen im Vergleich mit der Bahn kostet, er-
nes Haushaltsbuch zu führen. Beim Auf- schließt sich nicht aus einem Vergleich zwi-
schreiben der Einnahmen und Ausgaben geht schen dem Preis der Tankfüllung und der
es nur oberflächlich betrachtet um den tech- Fahrkarte. Zu den ökonomischen Kosten des
nischen Aspekt der Abbildung und Abstim- Autofahrens gehören außer den Ausgaben für
mung von Zahlungseingängen und -ausgän- den Treibstoff auch die Abschreibungen, also
gen. Tatsächlich zielt die Führung eines sol- die Verteilung der Anschaffungsausgabe auf
chen Büchleins auf die finanzwirtschaftliche die Zeit der Nutzung, sowie die Ausgaben
Kontrolle und Planung der „Übersetzung“ für Ersatzteile und Reparaturen, die Kfz-
von Bedürfnissen in Wünsche und Ziele, die Steuer und -Versicherung, die Autowäsche
kalkulatorische Abwägung von Alternativen und manches andere. Für die Kosten der Le-
und die zahlenmäßige Überprüfung der Er- benshaltung in anderen Bereichen gilt ähnli-
gebnisse, um Anhaltspunkte für die weitere ches.
Gestaltung zu gewinnen. Es geht also im
Kern um eine rationale Haushaltsführung, Auf dem Wege des Aufschreibens der Ein-
wie sie prägnant von Max Weber idealtypisch nahmen und Ausgaben können Höhe und
beschrieben worden ist: Die Grundlage des Struktur der Herkunft und Verwendung der
Haushalts bildet „im Rationalitätsfall der Geldmittel vollständig erfasst und die Ausga-
Haushaltsplan, welcher aussagt: in welcher ben hinsichtlich der Höhe und Verteilung auf
Art die vorausgesehenen Bedürfnisse einer die Bereiche der Lebenshaltung überprüft
Haushaltsperiode (nach Nutzleistungen oder werden. Wer nicht weiß, wo das Geld geblie-
selbst zu verwendenden Beschaffungsmitteln) ben ist, kann nicht zahlenmäßig fundiert über
durch erwartetes Einkommen gedeckt wer- Umschichtungs- und Einsparungsmöglich-
den sollen“. 17 keiten und auch nicht über Anlagealternati-
ven entscheiden. Die Zahlen sollen zum
15 Vgl. Michael-Burkhard Piorkowsky, Ignorieren
Nachdenken anregen und den inneren Mono-
hilft nicht. Ökonomische Bildung fängt zu Hause an,
log fördern sowie in Mehrpersonenhaushal-
in: Die Zeit vom 30. 1. 2003, S. 25; ders., Wirtschaften
als fundamentale Kompetenz, in: Päd Forum: unter- ten den Dialog mit den Haushaltsmitgliedern
richten erziehen, 34/25 (2006) 6, S. 342–349. fundieren. In dieser Selbstinformations- und
16 Vgl. Nicolas Mantseris, Finanzielle Bildung als Kommunikationsfunktion liegt der Wert der
Schuldenprävention. Zu einem Konzept „Finanz- Haushaltsbuchführung. Ergebnisse empiri-
kompetenz“, in: NDV – Nachrichtendienst des Vereins scher Untersuchungen zeigen, dass regelmä-
für öffentliche und private Fürsorge, 88 (2008) 5,
S. 220 –224.
17 Max Weber, Grundriss der Sozialökonomik. III. 18 Vgl. Richard H. Thaler, Mental accounting matters,

Abteilung. Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen in: Journal of Behavioral Decision Making, 12 (1999),
1921, S. 46. S. 183 –206.

APuZ 26/2009 45
ßig buchführende Haushalte ihre Ausgaben tags- und Lebensökonomie abbilden. Aber
besser im Gedächtnis haben als nicht bzw. sie dürfen auch nicht zu reduziert und nicht
nicht regelmäßig buchführende Haushalte. akademisch-modelltheoretisch verengt sein.
Rund 28 Prozent der Haushaltsführenden Eine lediglich vierstündige Veranstaltung
schreiben mehr oder weniger regelmäßig ihre oder ein einmaliges Wochenendseminar über
Einnahmen und/oder Ausgaben auf. Aber Geld und Finanzdienstleistungen und auch
nicht immer wird ein „klassisches“ Haus- ein Börsenspiel sind zu wenig, und sie sind
haltsbuch verwendet. Manche Haushalte nut- möglicherweise sogar kontraproduktiv, wenn
zen ein PC-Programm, und viele Haushalte sie die Illusion der Kontrolle nähren, also
entwickeln ein eigenes System für die Erfas- zur Überschätzung der eigenen Fähigkeiten
sung und Abbildung der Zahlungsvorgänge im Umgang mit Geld verführen.
nach ihren Bedürfnissen. 19
Projekte und Materialien zur Sozialisation
Lernen, mit Geld umzugehen, kann durch im Umgang mit Geld müssen auf die Ver-
einen kreativen Umgang mit der Haushalts- mittlung der Kompetenzen zielen, die zur
buchführung unterstützt werden. Das kann Gestaltung der Alltags- und Lebensökono-
und sollte mit der Gestaltung eines Taschen- mie befähigen. In diesem Sinn hat der Wis-
geldheftes und eines Haushaltsbuchs in der senschaftliche Beirat für Verbraucherpolitik
Schule beginnen und könnte sich dann wie beim Bundesministerium für Ernährung,
selbstverständlich fortsetzen in einer mehr Landwirtschaft und Verbraucherschutz die
oder weniger regelmäßigen Aufzeichnung Kompetenzen für den Umgang mit Geld in
der interessierenden Zahlungsvorgänge ein- den Zusammenhang mit den Kompetenzen
schließlich der Geldvermögensbildung und für die Gründung und Führung eines Haus-
ggf. der Verschuldung und Schuldentil- halts gestellt. 21 Ein Programm sowie Pro-
gung. 20 jekte und Materialien für die Umsetzung
eines solchen Konzepts der Vermittlung von
Wirtschafts- und Finanzkompetenz, um den
Lernen, die Ökonomie Umgang mit Geld als Mittel der persönlich
des Alltags zu gestalten erfolgreichen und gesellschaftlich verant-
wortlichen Lebensgestaltung zu lernen,
Weil der Umgang mit Geld in die Alltags- sowie gute Erfahrungen in der Umsetzung
und Lebensökonomie verwoben ist, wird in Schulen und in der Erwachsenenbildung
dies informell auch in dieser Einbettung ver- liegen bereits vor. An dessen Verbreitung in
mittelt. Für ein gelingendes Leben ist das oft der differenzierten Bildungslandschaft wird
nicht ausreichend und muss deshalb durch gearbeitet. 22
formale Bildung über Wirtschaft und Finan-
zen ergänzt werden. Es sollte also ein Schul-
fach oder Lernfeld im Pflichtbereich der all-
gemein bildenden Schulen vorhanden sein,
das Grundlagen über mehrere Jahre legt.
Formale Bildungsprogramme, wie sie in
Schulfächern geboten werden, können je-
doch nicht die ganze Komplexität der All-
19 Vgl. Petra Warnecke, Ökonomische Rationalität

und Haushaltsbuchführung. Kritik von Haushalts-


buchführungssystemen und Entwicklung eines Haus-
haltsbuchs auf empirischer Grundlage, Frankfurt/M. 21 Vgl. Bundesministerium für Ernährung, Landwirt-
1997; Befragungen durch TNS Infratest im Auftrag der schaft und Verbraucherschutz (Anm. 4), S. 16 –23.
Professur für Haushalts- und Konsumökonomik, 22 Vgl. Michael-Burkhard Piorkowsky, Alltags- und
März und April 2009. lebensökonomische Bildung, in: R. Hedtke/B. Weber
20 Vgl. Michael-Burkhard Piorkowsky, Household
(Anm. 6); ders./Katja Baumann/Heike Dennig, Wirt-
accounting in Germany. Some statistical evidence and schaften als Alltagshandeln verstehen. Neue ökonomi-
the development of new systems, in: Accounting, Au- sche Bildung im Unterricht, in: Schüler 2008. Auf-
diting and Accountability Journal, 13 (2004) 4; Luisa wachsen in der Konsumgesellschaft. Sonderheft
Braungardt, Den richtigen Umgang mit Geld lernen. Schüler – Wissen für Lehrer, Seelze 2008, S. 122– 125.
Ein Arbeitsbuch für Schule und Jugendarbeit, Mühl-
heim an der Ruhr 2006.

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3-5 Die Rolle von Geld und Kapital in unserer Gesellschaft
Die Aufblähung der Geldmenge zu einer Spekulationsblase sollte verhindert und
ihr Wachstum soweit in Grenzen gehalten werden, dass eine ökologische Qualifi-
zierung des Wachstums möglich ist. Reformen des Geldsystems sind unabdingbar.

Stephan Schulmeister
6-14 Der Boom der Finanzderivate und seine Folgen
In den vergangenen 15 Jahren hat die Spekulation mit Finanzderivaten als Form
der „Geldvermehrung“ größte Bedeutung erlangt. Zur ihrer Eindämmung wird
die Einführung einer generellen Finanztransaktionssteuer vorgeschlagen.

Harald Klimenta
14-19 Probleme und Chancen der deutschen Bankenlandschaft
Das deutsche Bankwesen mit seiner Drei-Säulen-Struktur erleichtert die notwen-
digen Schnitte, um Banken wieder auf diese Kernaufgabe zu schrumpfen,
Kapitalüberschuss- und Defizitsektoren zusammenzubringen.

Frank Bertsch · Werner Just


20-25 Suche der Verbraucher nach verantwortlichen Kreditinstituten
Vor dem Hintergrund der Auswirkungen der Finanzkrise auf die Wirtschafts- und
Sozialordnung wird die Kreditwirtschaft zu einem reiferen Marktverständnis der
Verbraucher und einem anderen Marktverhalten gegenüber diesen aufgefordert.

Dieter Korczak
26-32 Der öffentliche Umgang mit privaten Schulden
Die Überschuldung von Banken ist hausgemacht, jene von Privathaushalten über-
wiegend durch externe Faktoren bewirkt. Warum wird 3,5 Mio. überschuldeten
Haushalten nicht ebenso geholfen wie einer Handvoll überschuldeter Banken?

Stefan Hradil
33-39 Wie gehen die Deutschen mit Geld um?
Das Leben in modernen Gesellschaften ist stark davon abhängig, wie die Men-
schen mit Geld umgehen, wie sie darüber reden und schweigen. Einige Befunde
dazu werden im Beitrag vorgestellt.

Michael-Burkhard Piorkowsky
40-46 Lernen, mit Geld umzugehen
Für die erfolgreiche Vermittlung der Kompetenzen des Umganges mit Geld ge-
nügen informelle Bildungsprozesse nicht. Ein Schulfach oder Lernfeld in allen
Schulformen ist notwendig.