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1,50 EUR davon 90 CT für den_die Verkäufer_in Straßenzeitung für Berlin & Brandenburg No. 18,

1,50 EUR

davon 90 CT für den_die Verkäufer_in Straßenzeitung für Berlin & Brandenburg No. 18, September 2013
davon 90 CT für
den_die Verkäufer_in
Straßenzeitung für Berlin & Brandenburg
No. 18, September 2013
QUAL DER WAHL
WIE GEHT
DEMOSKOPIE?
Infratest dimap-Chef
Richard Hilmer & die
Wahlforschung (Seite 6)
»ARTE POSTALE«
Klaus Staeck über die
Kunst alternativer Post-
karten (Seite 16)
HOMELESS
WORLD CUP 2013
Die Fußall-WM der
Obdachlosen in Poznań
(Seite 24)
alternativer Post- karten (Seite 16) HOMELESS WORLD CUP 2013 Die Fußall-WM der Obdachlosen in Poznań (Seite

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INHALT

strassenfeger

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Nr. 18

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September 2013

QUAL DER WAHL

3

Wie das Wahlrecht in Deutschland funktioniert

4

Auch Obdachlose können wählen

6

»Wahlforschung ist keine Kaffeesatzleserei« Interview mit »Infratest dimap«-Chef Richard Hilmer

10 Kleines ABC zur Bundestagswahl

11 Wahlkampferinnerungen

12 Nichtwähler und ihre Gründe

13 Solidaritätszuschlag und kein Ende

14 »Die Welt will betrogen sein, also…«

15 Post von Klaus Staeck

TAUFRISCH & ANGESAGT

art strassenfeger

16 Ausstellung »Arte Postale« in der Akademie der Künste: Was sich so alles um die alternative Post- karte dreht - Interview mit Klaus Staeck

Literatur

18 Internationales Literaturfestival Berlin Gespräch mit Programmleiter Thomas Böhm

Brennpunkt

20 Viola V. hat alles verloren Skandal: Bezirksamt räumt Obdachlose aus dem öffentlichen Raum

strassenfeger tv

21 »Haase und Band« kommen mit ihrer neuen Platte »Alles was gut ist« in die TV-Show »kaffee- bankrott«

Kulturtipps

22 skurril, famos und preiswert!

Sport

24 Homeless World Cup 2013 in Poznań Deutschland gewinnt „Cup of Tolerance“

AUS DER REDAKTION

Hartz IV-Ratgeber

29 Neue Mietobergrenzen

Kolumne

30 Aus meiner Schnupftabakdose

Vorletzte Seite

31 Leserbriefe, Vorschau, Impressum

Liebe Leser_innen,

in drei Wochen haben wir sie wieder – die Qual der Wahl. Damit verbunden sind viele Fragen. Wollen wir, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer schwarz-gelben Regierungskoalition weitermacht wie bisher? Wollen wir den möglichen Wandel zu Rot-Grün mit Peer Steinbrück von der SPD im Kanzleramt? Würde sich durch so einen Wechsel überhaupt etwas verändern? Oder wird es sein wie immer: Die Politiker_innen versprechen uns Wähler_innen vor der Wahl immer viele schöne Dinge, die sie nach der Wahl sowieso nie einhalten? Wie funktioniert Wahl in Deutschland überhaupt? Warum gehen immer weniger Men- schen wählen? Wie geht Wahlkampf? Und was ist eigentlich mit dem Wahlrecht für Menschen ohne festen Wohnsitz, für Obdach- lose und Wohnungslose? Und dann ist da die Frage: Ist die Wahl vielleicht längst entschieden? Auf all diese Fragen versuchen wir eine Antwort zu geben, im Rahmen unserer bescheidenen Mög- lichkeiten versteht sich.

Dazu haben wir den Chef des Meinungsforschungsinstituts »In- fratest dimap«, Richard Hilmer, befragt (S. 6). Wir liefern Ihnen ein Kleines Wahl-ABC (S. 10), erklären wie obdachlose Men- schen ihr Wahlrecht ausüben können (S. 4) und berichten über Wahlkampf (S. 11) und gebrochene Versprechen (S. 13).

Am 30. August wurde in der Akademie der Künste die neue Ausstellung »Arte Postale« eröffnet. Im Interview erzählt AdK- Präsident Klaus Staeck, was es mit dieser Exposition auf sich hat, bei der sich alles um die alternative Postkarte dreht (S.16). Au- ßerdem in dieser Ausgabe – ein Gespräch mit Thomas Böhm, Pro- grammleiter des Internationalen Literaturfestivals Berlin (S. 18).

Im Brennpunkt berichten wir über einen handfesten Skandal:

Am 19. August wurde die 55-jährige Obdachlose Viola V. vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg aus dem öffentlichen Raum vertrieben. Ihr wurde alles genommen, was sie besaß. Ihre bei- den Hunde, Beschützer und Familie zugleich, wurden ihr ein paar Tage zuvor weggenommen. Jetzt ist Viola verschollen (S. 20).

Last but not least: In Polen fand vor ein paar Tagen die Fußball- Weltmeisterschaft der Obdachlosen statt. Auch ein Team aus Deutschland nahm am Homeless World Cup in Poznań teil. Wir stellen diese großartigen Jungs vor und geben ihnen damit ein Gesicht (S. 24).

Ich wünsche Ihnen, liebe Leser_innen, wieder viel Spaß beim Lesen! Andreas Düllick

strassen|feger

Die soziale Straßenzeitung strassenfeger wird vom Verein mob – obdach- lose machen mobil e.V. herausgegeben. Das Grundprinzip des strassenfeger ist: Wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe! Der strassenfeger wird produziert von einem Team ehrenamtlicher Autoren, die aus allen sozialen Schichten kommen. Der Verkauf des stras- senfeger bietet obdachlosen, wohnungslosen und armen Menschen die Möglichkeit zur selbstbestimmten Arbeit. Sie können selbst entschei- den, wo und wann sie den strassenfeger anbieten. Die Verkäufer erhalten einen Verkäuferausweis, der auf Verlangen vorzuzeigen ist. Der Verein mob e.V. finanziert durch den Verkauf des strassenfeger soziale Projekte wie die Notübernachtung und den sozialen Treffpunkt »Kaffee Bankrott« in der Prenzlauer Allee 87. Der Verein erhält keine staatliche Unterstützung.

sozialen Treffpunkt »Kaffee Bankrott« in der Prenzlauer Allee 87. Der Verein erhält keine staatliche Unterstützung.

strassenfeger

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Nr. 18

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September 2013

QUAL DER WAHL | 3

strassenfeger | Nr. 18 | September 2013 QUAL DER WAHL | 3 Der (Wahl)-Kampf um den

Der (Wahl)-Kampf um den Einzug in den Bundestag ist in vollem Gange (Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)

Wahlrecht in Deutschland

Wie das Wahlrecht in Deutschland funktioniert

BERICHT:

Detlef

Flister

A m 22. September ist es wieder ein- mal soweit. Wir dürfen und kön- nen wieder unseren Bundestag für vier Jahre wählen. Der wird dann

die/den Bundeskanzler(in) wählen. Die/der Bundeskanzler(in) darf dann Minister vorschla- gen, die vom Staatsoberhaupt ernannt werden. Aber wie wird gewählt und wer darf wählen? Welche Bedeutung haben Erst- und Zweit- stimme, und wie wird das Wahlergebnis schließ- lich in Abgeordnetenmandate umgerechnet?

Wer darf wie wählen?

Das ist in Artikel 38 im Grundgesetz gere-

gelt. »Die Abgeordneten des deutschen Bundes- tages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier,

gleicher und geheimer Wahl gewählt (Abs. 1).

Es gibt aktives (=wählen gehen) und passi-

ves Wahlrecht (=sich wählen lassen), was eben- falls durch das Grundgesetz geregelt ist.

»Wahlberechtigt ist, wer das achtzehnte Le-

bensjahr vollendet hat, wählbar ist, wer das Alter erreicht, mit dem die Volljährigkeit eintritt« (Abs.

2).

Nach der Wahl muss der Bundestag spätes-

tens innerhalb von dreißig Tagen zusammentreten (Art 39, Abs. 2). Wenn innerhalb von dreißig Ta- gen keine Regierung gebildet werden kann, hat der Bundespräsident Neuwahlen auszurufen.

We l c h e s Wa h l re c h t

Bundesrepublik Deutschland?

In unserem Staat gilt das sogenannte persona- lisierte Verhältniswahlrecht. Hier werden zwei Wahlsysteme miteinander verbunden, das Ver- hältniswahlrecht und das Mehrheitswahlrecht. Weil der Wähler Personen direkt in den Bundes-

g i l t

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d e r

tag wählen und dadurch auch auf die personelle Zusammensetzung des Bundestages Einfluss nehmen kann, spricht man man von persona- lisiertem Wahlrecht. Es wird dadurch gewähr- leistet, dass im Bundestag ein Abbild der Bevöl- kerung entsteht. Nur die Stimmen der Parteien gehen verloren, die bundesweit nicht fünf Pro- zent der Stimmen erhalten haben (Fünf-Prozent- Klausel). Diese Klausel wurde eingeführt wegen der Erfahrungen in der Weimarer Republik, in der es wegen der vielen Splitterparteien schwie- rig war, Mehrheiten bei Wahlen oder Beschlüs- sen zu finden. Und: Dieses Wahlrecht wurde ins- talliert, um den Wählerwillen möglichst genau in der Sitzverteilung des Bundestages abzubilden, was bei einer reinen Mehrheitswahl nicht mög- lich ist. Bei der geht es nur um die Entstehung klarer Mehrheiten.

Wa s h a t e s m i t d e r E r s t- und Zweitstimme auf sich?

Mit der Erststimme entscheidet der Wähler aus- schließlich über die Kandidaten seines Wahlkrei- ses. Der Kandidat, der die einfache Mehrheit der Stimmen auf sich vereint hat, die Wahl gewon- nen und zieht über ein Direktmandat in den Bun- destag ein. Mit der Stärke der einzelnen Parteien hat dies erst einmal nichts zu tun. Das ist nur dann der Fall, wenn die Partei des siegreichen Direktkandidaten bundesweit die Fünf-Prozent- Klausel nicht erfüllt und durch drei Direktman- date trotzdem in den Bundestag einzieht. Ohne den Sieg des Direktkandidaten wäre sie schließ- lich im Bundestag nicht vertreten. Mit der Zweitstimme wird die Landesliste einer Partei gewählt. Die Zweitstimme ist letzt- lich für die Zusammensetzung des Bundestages entscheidend, weil durch sie entschieden wird, welche Partei die meisten Sitze in Parlament und damit die Macht hat, den Bundeskanzler stellt, der die Regierung bildet und die Richtlinien der Politik festlegt.

S i t ze

an die Parteien verteilt?

Die Verteilung der Sitze erfolgt in mehren Schritten.

1. Zuerst werden die regulären 598 Sitze

des Bundestages auf die 16 Bundesländer so verteilt, dass jedes Bundesland entsprechend seiner Bevölkerungsgröße eine feste Anzahl von Sitzen erhält. Parteien, die innerhalb des ge- samten Wahlgebietes die Fünf-Prozent-Klausel nicht erfüllen, werden bei der Verteilung nicht berücksichtigt. Hierbei behalten aber die Ge- winner von Direktmandaten in den Wahlkreisen ihren Abgeordnetensitz. Weiterhin gilt, dass für eine Partei, die mindestens drei Direktmandate errungen hat, die Fünf-Prozent-Klausel nicht an- gewendet wird.

W i e

we rd e n

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d e r Wa h l

2. Nach der Wahl wird in jedem Bundesland

berechnet, wie viele Mandate jede Partei nach Zweitstimmenanteil in diesem Land nach der Divisionsmethode mit Standardrundung erhält. Auch hier wird die Fünf-Prozent-Klausel ange- wendet, die nur dann nicht entscheidend ist, wenn von einer Partei mindestens drei Direkt- mandate erobert wurden.

3. Von der Anzahl der Sitze, die eine Par-

tei erhält, wird die Anzahl der Direktmandate abgezogen. Die verbliebenen Sitze werden mit Listenkandidaten besetzt. Hat eine Partei mehr Direktmandate gewonnen, als ihr Mandate nach Zweitstimmenergebnis zustehen, erhält sie die entsprechende Anzahl Überhangmandate.

4. Da Überhangmandate das Zweitstim-

menverhältnis verfälschen können, wird dies mit sogenannten Ausgleichsmandaten begradigt, da- mit die Sitzverteilung den Anteil der Zweitstim- men der einzelnen Parteien richtig widerspiegelt. Die sich auf diese Weise auf Bundesebene erge- benen Mandate werden auf die Landeslisten der Parteien verteilt.

4 | QUAL DER WAHL

strassenfeger

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Nr. 18

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September 2013

Auch Obdachlose können wählen

Rechtsanspruch für Menschen am Rand der Gesellschaft

01
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01 Auch Verkäufer des strassenfeger haben das Recht zu wählen!

02 Obdachlose brauchen nicht nur

03 Kleidung und Essen, sie wollen auch wählen!

BERICHT:

Jan

Markowsky

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FOTOS:

Andreas

A ls Bürger mit deutscher Staatsbür- gerschaft und Meldeadresse in Berlin erhalte ich automatisch von meinem Wahlamt in Spandau die Benachrich-

tigung, wann ich in welchem Wahllokal meine Kreuzchen machen darf. Menschen ohne Mel- deadresse können nicht angeschrieben werden. Menschen, die nicht polizeilich gemeldet sind, können trotzdem von ihrem Wahlrecht Ge- brauch machen. Sie müssen allerdings ihr Recht

einfordern und aktiv werden.

Rückblick

Ich war einige Jahre ohne festen Wohnsitz. In diesen Jahren wurde mir kein amtlicher Brief zugestellt, indem geschrieben steht, in welchem Wahllokal ich wann mein Kreuz machen kann. Und doch hätte ich in ein Wahllokal gehen kön- nen. Als grundsätzlich neugieriger Mensch ist mir als Besucher von niedrigschwelligen Einrichtun- gen der Wohnungslosenhilfe der Aushang nicht entgangen, in dem darüber informiert wurde, dass ich mich als Mensch ohne Meldeadresse bis zu einem bestimmten Datum bei dem Wahlamt melden kann, in dessen Zuständigkeitsbereich

ich mich zu einem bestimmten Zeitpunkt aufge- halten hatte. Als regelmäßiger Besucher der 2002 geschlossenen Wohnungslosentagesstätte am Kurt-Schumacher-Platz wäre das kein Thema ge- wesen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt einen gültigen Personalausweis, und so hätte ich von meinem Wahlrecht Gebrauch machen können. Ich fragte mich: Lohnt sich der Aufwand und habe das ge- lassen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass ich dieses Mal zur Wahl gehen werde.

Ko m m u n e n

o h n e

gewähren!

Ich war nicht überrascht, als ich eine Mail mit einer Erklärung der Bundesarbeitsgemeinschaft

Wohnungslosenhilfe e.V. erhielt, in der Ein-

richtungen der Wohnungslosenhilfe bundes- weit dazu aufgerufen wurden, die Menschen

m ü s s e n

M e n s c h e n

fe s t e n Wo h n s i t z

i h re Re c h t e

Düllick

©VG

Bild-Kunst

ohne Meldeadresse zu informieren, wie sie ihr Wahlrecht wahrnehmen können. Es sind dabei bestimmte Fristen zu wahren. Der Antrag muss im Wahlamt mindestens 21 Tage vor der jeweili-

gen Wahl eingegangen sein. Das ist für die Wahl zum Bundestag am 22. September theoretisch

wegen

schon der 30. August. Die BAG appelliert an die Kommunen, den sich in ihrer Kommune auf- haltenden Menschen ohne festen Wohnsitz ihre Rechte zu gewähren. Berlin hat eine zweigliedrige Verwaltung mit Senat und den begrenzt eigenständigen Bezir- ken. Jeder Bürger Berlins wird vom Wahlamt des Bezirks benachrichtigt, in dem er gemeldet ist. Das Wahlamt im jeweiligen Bezirk organisiert den Wahlablauf in seinem Bezirk, es sorgt für ge- eignete Wahllokale, Wahlhelfer etc. Ein Mensch ohne Meldeadresse, aber mit deutscher Staats- bürgerschaft, muss sich, wenn er an der Wahl teilnehmen will, bei dem Wahlamt eintragen las- sen, in dessen Bezirk er sich aufhält.

Wochenendes

der

1. September,

des

Das Dilemma mit den Fristen

Jeder Mensch geht mit dem Umstand, nicht mehr in einer Wohnung zu leben, anders um. Viele Ob- dachlose richten sich in ihrem Kiez ein. Andere sind mobil, halten sich heute in Kreuzberg auf, morgen in Charlottenburg. Als ich den o. g. Flyer gelesen habe, stieß ich auf den Stichtag. Bei der Wahl am 22. September wurde mir am Telefon von einer Mitarbeiterin des Landeswahlleiters der 18. August als Stichtag genannt. Nachgewiesen werden muss die Identität. Normalerweise wird der Personalausweis gezeigt oder der Reisepass. Viele Menschen, die auf der Straße leben, haben weder Ausweis noch Pass. Niedrigschwellige Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe können Besuchern, die sie zum Teil seit Jahren kennen, Name und Aufenthalt bescheinigen. Beim Wahl- amt ist dann zu erklären, dass sie nicht oder nicht durchgängig im Melderegister registriert sind und sie sich gewöhnlich in Deutschland aufhalten. Auch hier gibt es für die Wahl zum 18. Deutschen Bundestag eine Frist: den 22. Juni 2013.

strassenfeger

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Menschen ohne Wohnung und ihre Dokumente

Menschen ohne festen Wohnsitz müssen ihren Ausweis beim Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten LABO beantragen. Als ich keinen festen Wohnsitz hatte, habe ich ein Mal vom LABO meinen Ausweis erhalten. Ich bezog damals Arbeitslosenhilfe und konnte die Gebühr begleichen. Ich hätte als Mittelloser meinen Ausweis auch so erhalten. Seit einigen Jahren wird die Befreiung von den Gebühren nur ein Mal im Leben gewährt. Das ist unverständlich, kollidiert diese Ent- scheidung doch mit der Lebenswirklichkeit von Wohnungslo- sen. Wer auf der Straße lebt, ist in Gefahr, seine Dokumente zu verlieren. Da sind einmal die persönlichen Umstände. Wer suchtkrank und obdachlos ist, ist hier besonders gefährdet. Ebenso sind hier Obdachlose mit starken psychischen Pro- blemen gefährdet. Der Verlust des Personaldokuments trifft Menschen ohne festen Wohnsitz dann besonders hart, wenn sie Geld haben wollen. Sowohl in den Jobcentern als auch in den Sozialämtern muss Personalausweis oder Pass mit Meldebestätigung vorgelegt werden. Auch bei Einlösen von Barschecks sind diese Dokumente notwendig.

Ta g

d e r Wo h n u n g s l o s e n

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S e p t e m b e r

Die Entscheidung, mittellosen Menschen das Personaldoku- ment nicht mehr grundsätzlich gebührenfrei auszustellen, zeigt, dass Belange wohnungsloser Menschen bei Entscheidun- gen von Politik und Verwaltung keine Rolle spielen. Das ist ein Problem, das nicht auf Berlin begrenzt ist. Den Vertretern von Politik und Verwaltung ist ins Bewusstsein zu bringen, dass Wohnungslose Menschen mit eigenen Problemen und Ansprü- chen sind. Der strassenfeger unterstützt als soziale Straßenzei- tung den Tag der Wohnungslosen am 11. September.

Wo h n u n g s l o s e kö n n e n wä h l e n – Was ist mit Menschen mit Behinderungen?

Das Recht, seine Stimme bei einer offiziellen Wahl abzuge- ben, haben alle wahlberechtigten Bürger. Die Frage ist, wie die Menschen mit Behinderung ihr Wahlrecht ausüben kön- nen. Der Bundeswahlleiter hat in der Presseerklärung Nr. 15 am 14. August 2013 Hinweise für blinde und sehbehinderte Wahlberechtigte gegeben. Seit der Bundestagswahl 2002 können blinde und sehbehinderte Wahlberechtigte mit Hilfe von Stimmzettelschablonen eigenständig, d.h. ohne Hilfe ei- ner Vertrauensperson, ihre Stimme abgeben. Die Schablonen werden über die Landesvereine des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes e.V. (DBSV) kostenfrei ausgege-

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ben. Zu den Schablonen gibt es Hinweise in behinderten- gerechter Form. Blinde und sehbehinderte Menschen, die nicht Mitglied in dem Verband sind, können die Schablonen trotzdem kostenfrei von ihrem Landesverband abfordern. Außerdem hat der Deutschen Blinden- und Sehbehinderten- verband e.V. die bundesweite Hotline 01805/66 64 56 einge- richtet, über die diese Hilfsmittel ebenso angefordert werden können.

Barrierefreiheit ist extrem wichtig!

Für Wahlberechtigte mit Mobilitätseinschränkung ist der bar- rierefreie Zugang wichtig. Nicht jedes Wahllokal ist barrie- refrei zu erreichen. Mit der Wahlbenachrichtigung wird der Wahlberechtigte informiert, ob das entsprechende Wahllokal barrierefrei zugänglich ist. Wenn ein mobilitätsbeschränkter Wahlberechtigter einem Wahllokal mit Barriere zugewiesen wird, dann kann er in einem anderen, barrierefreien Wahl- lokal in seinem Wahlkreis sein Recht ausüben oder auch per Briefwahl. In diesem Fall ist ein Wahlschein zu beantragen. In besonderen Härtefällen können sich Wahlberechtigte durch eine frei bestimmte Person unterstützt werden. Die Hilfsperson kann in diesen Ausnahmefällen mit in die Wahl- kabine gehen. Dabei sind ausdrücklich die Wünsche des Wäh- lers oder der Wählerin zu erfüllen und die Kenntnisse hat die Hilfsperson geheim zu halten. Das gilt auch bei notwendiger Unterstützung bei der Briefwahl.

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September 2013

Wahlforschung ist keine Kaffeesatzleserei

»Es lohnt es sich natürlich für alle Parteien, noch mal in die Vollen zu gehen und Wahlkampf zu machen!« (Richard Hilmer, Infratest dimap)

INTERVIEW

&

FOTOS:

Andreas

Düllick

©VG

Bild-Kunst

D rei Wochen vor der Bundestagswahl hat die

schwarz-gelbe Koalition weiter eine hohe Zu-

stimmung. Im ARD-»DeutschlandTrend« er-

reichen Union und FDP mit 47 Prozent wei-

terhin eine eigenständige Mehrheit. In der

Sonntagsfrage vom 23. August kommt die CDU/CSU un- verändert auf 42 Prozent. Die FDP erreicht fünf Prozent. Auch die SPD verliert, sie kommt auf 24 Prozent. Die »Grü- nen« bleiben bei 13 Prozent. Die »Linke« gewinnt dazu und kommt auf neun Prozent. Die Piratenpartei verliert und liegt bei zwei Prozent. Die Alternative für Deutschland erreicht

derzeit drei Prozent.

Erhoben wurden dieses Zahlen vom Meinungsforschungsin- stitut »Infratest dimap«, das vor allem durch die Hochrech- nungen und Prognosen an Wahlabenden bekannt ist. Wahl- forschung beinhaltet eine hohe Kunst der Einordnungs- und Interpretationsleistung und die verständliche Vermittlung an ein breites Zielpublikum. Diese Kunst beherrscht der Chef von Infratest dimap, Richard Hilmer, exzellent. Der »Berufs- verband Deutscher Markt- und Sozialforscher«(BVM) verlieh ihm dafür 2013 den Preis »Forscherpersönlichkeit des Jahres« für seine herausragenden Leistungen für die Markt- und So- zialforschung. strassenfeger-Chefredakteur Andreas Düllick sprach mit Richard Hilmer über …

Andreas Düllick: Ist die Bundestagswahl 2013 schon ent- schieden? Richard Hilmer: Nein, die Bundestagswahl ist bei wei- tem noch nicht entschieden. Unsere Befunde zeigen, dass die schwarz-gelbe Koalition zwar wieder Chancen hat, die Wahl zu gewinnen, in anderen Umfragen ist sie dagegen noch mehr oder weniger entfernt von einer Mehrheit. Ungeklärt bleibt vor allem nach wie vor, ob der FDP überhaupt der Einzug in den Bundestag gelingt. Sie hat sicherlich Chancen, soweit sie gebraucht wird von der CDU. Aber wenn die CDU-Wähler das Gefühl haben, die FDP ist verzichtbar, dann wird es schwierig für die FDP, weil sie es aus eigener Kraft zurzeit kaum schafft. Dafür hat sie derzeit zu wenig Profil. Und wir haben ja noch eine wichtige Wahl unmittelbar vor der Bundestagswahl, die Landtagswahl in Bayern. Und deren Ausgang kann natürlich auch unkalkulierbare Einflüsse auf das Ergebnis der Bundes- tagswahl haben.

Wer gewinnt denn die Wahl am 22. September, lesen sie doch mal aus dem Kaffeesatz?! Angela Merkel hat sicherlich nach wie vor gute Chancen, wieder Kanzlerin zu werden, weil die Bürger insgesamt relativ zufrieden sind mit ihrer Amtsführung, insbesondere mit ihrer Haltung in der Eurokrise. Es wird ihr auch gutgeschrieben, dass es uns in Deutschland derzeit etwas besser geht als in anderen Ländern. Aber, ob das alleine reicht, ist die Frage, denn es gibt eine ganze Reihe von anderen relevanten Themenfeldern, die die Bürger umtreiben. Das sind insbesondere die Arbeitsbedin- gungen und soziale Fragen, und da haben die Bundesregierung und auch die Bundeskanzlerin derzeit nicht die besten Karten.

auch die Bundeskanzlerin derzeit nicht die besten Karten. Richard Hilmer kennt sich aus mit Demoskopie Es

Richard Hilmer kennt sich aus mit Demoskopie

Es gibt also durchaus Angriffsmöglichkeiten für die Opposi- tion. SPD und Grüne haben allerdings noch nicht den Schlüs- sel gefunden, um Rot-Grün entscheidend nach vorne zu brin- gen. Aber wir messen in unseren Umfragen noch ein hohes Maß an Ambivalenz, denn viele Wahlberechtigten haben sich noch nicht endgültig festgelegt. Entschieden hat sich noch nicht mal jeder Zweite, und deswegen lohnt es sich natürlich für alle Parteien, noch mal in die Vollen zu gehen und Wahl- kampf zu machen und für ihre Konzepte zu werben.

Wie kommen die Zahlen für den ARD-DeutschlandTrend zustande? Für den DeutschlandTrend werden einmal im Monat – jetzt unmittelbar vor der Wahl wöchentlich –1500 Wahlbe- rechtigte befragt. Die Auswahl der Befragten erfolgt repräsen- tativ, das heißt jeder Befragte muss die gleiche Chance haben, in die Befragung einbezogen zu werden. Nur so ist gewähr- leistet, dass wir aus den Antworten der 1500 Schlussfolgerun- gen auf Einstellungen und auf das Wahlverhalten aller Bun- desbürger ziehen können. Wir führen den Großteil unserer Befragungen per Telefon durch, weil diese Erhebungsart ein Höchstmaß an Präzision gewährleistet, sehr aktuelle Ergeb- nisse liefert und zudem recht kostengünstig ist. Dazu wird in einem ersten Schritt eine Zufallsstichprobe aus existierenden Telefonverzeichnissen gezogen. In einem zweiten Schritt wer- den dann die letzten beiden Ziffern dieser ausgewählten Num- mern wiederum per Zufall bestimmt, damit auch jene Teilneh- mer erfasst werden, die sich nicht in Telefonverzeichnissen aufnehmen lassen. Da zudem immer mehr Leute nur noch per Handy erreichbar sind, schließt unsere Befragung seit Januar auch Mobiltelefone ein. Für den DeutschlandTrend befragen wir immer einen 30 Prozent Handynutzer und 70 Prozent Festnetznutzer. Dieses Verfahren versetzt uns in die Lage, weitestgehend alle Bürger zu erreichen.

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QUAL DER WAHL | 7

strassenfeger | Nr. 18 | September 2013 QUAL DER WAHL | 7 Angela Merkel hat die

Angela Merkel hat die Wahl noch längst nicht gewonnen!

Wenn Demoskopen widersprüchliche Umfrageergebnisse für die Parteien und Kandidaten haben gibt es oft Kritik. Nach dem Motto: »Diese Zahlen bilden nicht das Meinungs- bild der Bevölkerung ab.« Ist Wahl-Demoskopie nur Kaffee- satzleserei? Die Ergebnisse der Wahlumfragen der verschiedenen Institute liegen derzeit sehr eng beieinander. Es gibt ja Web- seiten, da werden alle Wahlumfragen aufgelistet, etwa auf www.wahlrecht.de, dort kann man sich davon überzeugen. Natürlich gibt es Unterschiede, denn es handelt sich ja um unabhängige Stichproben, und bei solchen Stichproben gilt es immer eine Schwankungsbreite einzukalkulieren, die bei großen Parteien bei 2,5 bis 3 Prozent liegt. Wenn sie die ak- tuellen Ergebnisse nehmen, liegen die Abweichungen für die einzelnen Parteien alle in diesem Bereich. Manchmal haben allerdings auch kleine Unterschiede große Wirkung, wenn sich dadurch Mehrheiten verändern.

In der aktuellen Woche liegen zum Beispiel bei der For- schungsgruppe Wahlen die Werte für die CDU/CSU einen Punkt unter unseren Werten, die für SPD hingegen um einen Punkt darüber. Wahlen haben nun mal in Demokratien einen sehr hohen Stellenwert und in Deutschland gehen sie in der Regel zudem ziemlich knapp aus. Deshalb ist es auch so wich- tig, dass die Wahlforschungsinstitute sehr sauber und gewis- senhaft arbeiten, was durch einen harten Wettbewerb noch befördert wird. Gleichwohl muss man immer wieder drauf hinweisen, dass noch so gewissenhaft durchgeführte Vorwah- lerhebungen keine präzise Prognose des Wahlausgangs er- lauben. Denn sie können immer nur Wahlabsichten erheben, und diese Wahlabsichten können sich ändern, weil die Wähler in ihrer Entscheidung völlig frei sind. Eine verlässliche Prog- nose des Ausgangs einer Wahl können erst die Befragungen am Wahltag selbst liefern, denn dann haben die Wähler ihre Entscheidung getroffen. Deshalb sind die 18-Uhr-Prognosen in der der ARD und im ZDF erfahrungsgemäß auch so genau.

Bei der Bundestagswahl 2005 gab’s Vorhersagen die um fünf Prozent und mehr differierten. Wie kann es dazu kommen? Das betraf damals die Vorwahlerhebungen, die zeitweise für die SPD deutlich unter der 30-Prozentmarke und für die Union bis wenige Tage vor der Wahl bei über 40 Prozent lagen – und am Ende lagen bei nur einen Prozentpunkt auseinander. Eine der Schwierigkeiten lag damals darin, die SPD richtig einzuschätzen. Nachdem Schröder nach der Landtagswahl in Nordrheinwestfalen völlig überraschend Neuwahlen ausge-

rufen hat, rechnete fast jeder damit, dass Schwarz-Gelb die Wahl klar gewinnen würde. Kaum jemand traute es Schröder im Sommer noch zu, seine Anhänger zu mobilisieren. In den Umfragen lagen die Sozialdemokraten zu diesem Zeitpunkt noch bei etwa 25 Prozent. Und dann hat Schröder es doch noch mal geschafft, seine Klientel zu mobilisieren und seine SPD erreichte immerhin einen Stimmanteil von 34,2 Prozent. Die CDU/CSU lag umgekehrt bis kurz vor der Wahl bei über 40 Prozent. Am Ende gaben aber viele unionsgeneigte Wähler der FDP ihre Zweitstimme, um eine sich abzeichnende große Koalition zu verhindern. Am Ende kam die Union nur auf 35,2 Prozent. Wir haben seinerzeit immerhin noch rechtzeitig erkannt und vermeldet, dass Schwarz-gelb über keine Mehr- heit mehr verfügte, und wir haben sehr deutlich auf die Un- sicherheit vieler Wähler hingewiesen. Aber das Wahlergebnis der CDU/CSU in den Vorwahlbefragungen einigermaßen richtig abzubilden ist uns seinerzeit auch nicht gelungen.

Bei der letzten Bundestagswahl lag die Schwierigkeit eher darin, die Wahlbeteiligung richtig einzuschätzen. In Deutsch- land gibt es so etwas wie eine »Wahlnorm«: von den Bundes- bürgern wird eigentlich erwartet, dass sie sich an der Wahl, der wichtigsten Institution in der Demokratie, beteiligen. Und deswegen geben auch viele Bürger bei Umfragen an, sie würden zur Wahl gehen, die dann aber letztendlich zu Hause bleiben. Das einzuschätzen, ist schwierig, für den Wahlaus- gang kann es aber von ganz enormer Bedeutung sein, wenn es den Parteien sehr unterschiedlich gelingt, ihre Wählerschaft zu mobilisieren. Bei der letzten Wahl verzeichneten wir ei- nen Rückgang der Wahlbeteiligung um über sieben Prozent- punkte, worunter insbesondere die SPD zu leiden hatte, deren Wähler massenweise zu Hause blieben. Die Güte der Vorwah- lerhebungen hängt demnach nicht zuletzt davon ab, ob und wie weit die Nichtwähler auch richtig eingeschätzt wurden. Aber auch aktuelle Ereignisse oder auch taktisch-strategische Erwägungen können immer wieder zu kurzfristigen Änderun- gen der Wahlabsicht führen. Zuletzt haben wir das bei der letzten Landtagswahl in Baden-Württemberg gesehen, wo der Gau in Fukushima den Ausgang der Wahl stark zugunsten der Grünen beeinflusste und wo infolgedessen erstmals ein grü- ner Politiker das Amt eines Ministerpräsidenten bekleidete.

Diese große Gruppe Nichtwähler bzw. der Unentschlos- senen ist oft das Zünglein an der Waage. Im Vorfeld von Wahlen hört man von dieser Gruppe extrem wenig von den Wahlforschungsinstituten. Warum?

8 | QUAL DER WAHL

strassenfeger

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Nr. 18

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September 2013

8 | QUAL DER WAHL strassenfeger | Nr. 18 | September 2013 Jörg Schönenborn präsentiert den

Jörg Schönenborn präsentiert den ARD-DeutschlandTrend (Quelle: wikipedia)

Wir weisen in unseren Tabellenbänden schon immer auch die Gruppe der Nichtwähler aus. Und beim letzten Deutsch- landTrend hat WDR-ChefredakteurJörg Schönenborn in den ARD-Tagesthemen noch mal explizit auf die hohe Zahl der Unentschiedenen hingewiesen. Nichtwähler spielen eine zu- nehmende Rolle für den Ausgang von Wahlen, vor allem auch bei Landtagswahlen, wo die Wahlbeteiligung viel, viel gerin- ger ist als bei Bundestagswahlen. Aber, letztlich entscheiden eben bei allen Wahlen nur diejenigen über die Regierung, die an der Wahl teilgenommen haben. Das ist dann völlig egal, ob das eben wie früher bei Bundestagswahlen über 90 Prozent waren oder wie zuletzt nur noch um die 70 Prozent. Da aber die Gefahr besteht, dass mit weiter sinkenden Wahlbeteili- gungsraten auch die Legitimität von gewählten Regierungen leidet, bemühen sich im Vorfeld dieser Bundestagswahl eine ganze Reihe von Institutionen und Personen – darunter zu- letzt auch der Bundespräsident-, möglichst viele Bürger zur Wahlteilnahme zu bewegen.

Muss der Staat nicht darüber nachdenken, eine generelle Wahlpflicht einzuführen? Das wird zum Teil ernsthaft diskutiert. Es gibt einige de- mokratische Länder, bei denen eine Wahlpflicht gilt, die gute Erfahrungen damit gemacht haben – etwa Belgien und Lu- xemburg. Bislang stellte sich in Deutschland diese Frage nicht, weil die Wahlbeteiligung so hoch war. Bei Bundestagswahlen betrug sie zwischen 1990 bis 2005 immer um die 80 Prozent. Seit der letzten Bundestagswahl 2009, wo sie auf 70,7 Prozent eingebrochen ist, gibt es verstärkt eine Diskussion darüber, ob auch in Deutschland eine Wahlpflicht sinnvoll wäre. Man wird jetzt abzuwarten haben, wie die Wahl 2013 ausgeht und v. a., wie hoch die Beteiligungsrate sein wird.

Um wieder mehr Bürger zur Wahlteilnahme zu motivieren, sind alle politischen Akteure gefordert. Die wichtigsten Ak- teure dabei sind sicherlich die Parteien. Wenn es den Parteien nicht mehr gelingt, bestimmte Gruppen zu erreichen, wird sich wenig ändern. Das eigentlich problematische an der sin- kenden Wahlbeteiligung ist ja, dass die Nichtwähler nicht gleichmäßig über alle Bevölkerungsgruppen verteilt sind. Es sind vor allem die unteren Einkommens- und Bildungsschich- ten, die sich in den letzten Jahren der Wahl enthalten haben. Das ist natürlich insofern bedenklich, weil sich hier manche Probleme kumulieren und diese Gruppen deshalb der politi- schen Vertretung vielleicht sogar mehr bedürfen als andere. Die Parteien sind also gefordert, sich diesen Bevölkerungs- gruppen wieder stärker zu widmen, ihre Probleme und die

daraus ableitbaren Interessen zu ermitteln und in entsprechende Politikangebote umzusetzen, die diese Bevölkerungsgruppen letztlich so über- zeugt, dass sie wieder zur Wahl gehen. Denn wenn es die etablierten Parteien nicht tun besteht die Gefahr, dass es radikale Parteien versuchen.

Die Aufgabe der Demoskopen ist es, die ermit- telten Zahlen auch richtig zu deuten. Die Daten müssen gewichtet werden, jedes Institut hat da seinen eigenen Schlüssel? Welche mathemati- schen Erfahrungswerte nutzen sie? Umfragen basieren in der Regel auf einer repräsentativen Zufallsauswahl. Wir bitten jede Woche tausend, zweitausend nach Zufallsprin- zip ausgewählten Menschen um ein Interview. Bei korrektem Verfahren muss die Struktur der befragten Stichprobe in Hinblick auf Alter, Geschlecht etc. der Gesamtstruktur der Bevöl- kerung entsprechen. Dabei gibt es allerdings immer leichte Abweichungen, die per »Gewich- tung« ausgeglichen werden müssen. Wenn wir etwa feststellen, wir haben zu viele ältere Bürger, dann erhalten die älteren Personen in der Stich- probe ein etwas geringeres Gewicht, die jünge- ren und mittleren Jahrgänge ein etwas höheres. Aber nicht alles kann man mit diesem Verfah- ren ausgleichen. Wir stellten etwa fest, wenn bei Telefonbefragungen nicht auch Mobiltelefone einbezogen werden, haben wir ein wachsendes Problem, junge Wahlberechtigte Wähler zu er- reichen. Deshalb werden seit Januar im Rahmen des ARD-DeutschlandTrends auch Mobiltelefon in die Befragung einbezogen – mit großem Er- folg: Seither erreichen wir auch wieder in dem erforderlichen Umfang jüngere Personen.

Weitere Herausforderungen bei der Ermittlung der Parteipräferenz, also der Sonntagsfrage sind Fragen wie: Wie festgelegt sind die Wähler auf die jeweils genannte Partei? Gehen sie überhaupt zur Wahl? Und bei wahlwilligen aber noch un- entschiedenen Wählern stellt sich die Frage, ob nicht doch eine gewisse Präferenz für eine Partei feststellbar ist. Über die genannte Parteipräfe- renz hinaus können also solche Informationen über Parteibindung, Wahlbereitschaft und Wahl- alternativen in der Sonntagsfrage Berücksichti- gung finden. Welche dieser Indikatoren wie in die Berechnung einfließt, kann aber von Institut zu Institut variieren. Dabei spielen nicht zuletzt auch Erfahrungswerte eine Rolle. So ist beispiels- weise bekannt, dass sich Wähler rechtsradikaler Parteien nur ungern outen. Deshalb können die Wahlchance rechtsradikaler Parteien nicht nur über die Frage der Parteipräferenz, sondern durch Einbezug weitergehender Indikatoren ermittelt werden. Das gelang uns in der Ver- gangenheit sehr gut wie etwa in Sachsen oder in Mecklenburg-Vorpommern, wo die NPD zuletzt tatsächlich den Sprung ins Parlament schaffte.

Wenn man ihren Zahlen glauben darf, ist es momentan so: 67 Prozent der Deutschen sind mit der Arbeit der Bundeskanzlerin zufrie- den. SPD Kanzlerkandidat Peer Steinbrück gewinnt zwar dazu, liegt aber bei 35 Prozent. Was macht Angela Merkel richtig und Peer Steinbrück falsch? Sowohl Angela Merkel als auch Peer Stein- brück werden als kompetente Politiker ge-

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schätzt. Die Bundeskanzlerin hat allerdings den großen Vorteil, dass sie ihre Kompetenz täglich im Amt bestätigen kann. Das ist ihr insbeson- dere im Bereich der Außen- und Europapolitik sehr gut gelungen. Dabei spielte insbesondere ihre Rolle bei der Bewältigung der Eurokrise eine maßgebliche Rolle. Vor zwei Jahren, als die Eurokrise ihren Anfang nahm, lagen ihre Zustimmungswerte zum Teil noch deutlich un- ter 50 Prozent. In dem Maße wie sich die Eu- rokrise aber in den Fokus der Politik schob, in dem Maße stieg die Zustimmung zur Merkels Politik. Diese Zustimmung fußt ganz wesentlich auf dem mehrheitlichen Vertrauen, dass Merkel die Eurokrise erfolgreich eindämmt. Natürlich spielt dabei auch eine Rolle, dass die deutsche Wirtschaft trotz Krise deutlich besser dasteht als in den meisten anderen EU-Staaten. Dies wird auch Merkels CDU zugutegehalten, der in Sachen Wirtschaftskompetenz weit mehr Ver- trauen geschenkt wird als anderen Parteien. In vielen anderen Politikfeldern überwiegt aber die Kritik an der Bundesregierung, denken Sie nur an das Betreuungsgeld oder der Umgang mit den Banken. Merkels Ansehen konnte das allerdings wenig anhaben.

Steinbrück hatte lange Zeit durchaus vergleich- bare Zustimmungswerte wie Merkel. Nicht zu- letzt deswegen hat sich die SPD ja auch für ihn als Kanzlerkandidaten entschieden. Er hatte in der großen Koalition ja auch bewiesen, dass er als Krisenmanager mit schwierigen finanziellen Situationen umgehen kann. Er hatte allerdings einen etwas unglücklichen Start als Kanzlerkan- didat, was bis heute nachwirkt. Es ist nicht ein- fach, da wieder langsam nach oben zu kommen, aber, es scheint jetzt langsam zu gelingen. Die Kanzlerin wird allerdings immer einen gewis- sen Bonus haben, das ist normal in der Politik. Aber, es gibt für die Opposition, ausreichend Möglichkeiten, auf Schwächen der Regierung hinzuweisen und Gegenkonzepte vorzulegen. Es gibt ja momentan eine Reihe aktueller Pro- blemfelder: die Diskussion um den Datenschutz und NSA, die Drohnen-Affäre oder den Umgang mit Steuerflüchtlingen. Daraus ergeben sich Angriffsmöglichkeiten für die Opposition, und wir haben noch sieben Wochen intensiven Wahl- kampf vor uns. Jetzt beginnt die heiße Phase des Wahlkampfes und dann steigt erfahrungsgemäß auch die Wahrnehmungsbereitschaft der Bürger für Politik.

Ich habe mit der Spitzenkandidatin der Grü- nen, Katrin Göring-Eckardt, gesprochen, die war sehr optimistisch! Die Grünen haben ein Themenfeld, das die Bürger seit langem ziemlich umtreibt, und wo sie den Grünen nach wie vor die weitaus größte Kompetenz zuschreiben: der Umweltschutz. Hinzu kommt die Energiewende, eine giganti- sche Aufgabe, die sich die deutsche Politik ge- stellt hat. Das wird sich nicht von alleine regeln, da muss die Politik die richtigen Weichen stellen. Und da haben die Grünen eine große Chance, denn auch in diesem Bereich werden ihnen die größten Kompetenzen zugeschrieben.

Darf ein Meinungsforscher parteiisch sein?

Als

Person

natürlich,

als

Wahlforscher

parteiisch sein? Als Person natürlich, als Wahlforscher Peer Steinbrück will ins Kanzleramt nicht. Infratest dimap

Peer Steinbrück will ins Kanzleramt

nicht. Infratest dimap und die Forschungsgruppe Wahlen, die ja für die öffentlich-rechtlichen An- stalten die Wahlberichterstattung begleiten, tun sicherlich gut daran, eine deutliche Parteiferne an den Tag zu legen. Ich denke, das gelingt uns auch ganz überzeugend, und das ist auch richtig so. Allerdings ist es natürlich nichts Schlimmes, wenn man als Forscher für Regierungen oder für Parteien arbeitet. Parteien sind wichtige Träger der politischen Willensbildung in einer Demo- kratie. Und insofern ist es absolut legitim, dass man auch Parteien beispielsweise dabei unter- stützt, Wähler zu motivieren, zur Wahl zu gehen.

Wie läuft der 22. September bei »Infratest di- map« ab? Das ist ein bis ins Detail sehr festgelegter Tagesablauf bei uns. Der beginnt schon sehr früh. Von 8 Uhr morgens an werden den gan- zen Tag über die Wähler_innen nach dem Ver- lassen der ausgewählten Wahllokale befragt. Wir führen diese Wahltagsbefragungen durch, damit die ARD am Abend um Punkt 18 Uhr das Wahlergebnis sehr, sehr präzise vermelden kann. Diese 18-Uhr-Prognose und die nachfolgenden Hochrechnungen von Infratest dimap und der Forschungsgruppe Wahlen bilden eine wichtige Grundlage für die gesamte Wahlberichterstat- tung am weiteren Wahlabend. So eine Wahlbe- richterstattung muss von den Forschungsinstitu- ten gut und vor allem lange im Vorhinein geplant werden. Bei einer Bundestagswahl müssen im- merhin 100.000 Interviews innerhalb von nur zehn Stunden durchgeführt werden. Diese In- terviews müssen in Echtzeit übermittelt, geprüft und die Daten rechtzeitig zu einer Prognose ver- arbeiten werden. Das ist alles andere als trivial, denn es setzt eine präzise Vorbereitung und eine

aufwendige Logistik voraus. Also, dieser Tag ist gut gefüllt bei mir, und es ist vor allem für alle Beteiligte ein sehr, sehr langer Tag. Das geht bis weit über Mitternacht hinaus. Denn wir müssen das amtliche Wahlergebnis auf jeden Fall abwar- ten, und das kann dann schon mal bis ein, zwei oder drei Uhr frühmorgens dauern.

Kaufen und lesen sie soziale Straßenzeitungen wie z. B. den strassenfeger? Ja, nicht nur den strassenfeger. Ich finde die Lektüre auch immer ganz spannend. Diese Zeitungen geben Einblick in eine Bevölke- rungsgruppe, die bei uns Wahlforschern ein wenig aus dem Blickfeld zu geraten droht, weil viele Obdachlose nicht an Wahlen teilnehmen. Hinzu kommt, dass diese Gruppe für uns mit- tels Umfragen nur schwer erreichbar ist. Aber es ist trotzdem eine sehr wichtige Gruppe, weil sich dort eine ganze Reihe von sozialen Pro- blemen zusammenballt. Und soziale Probleme sind natürlich auch der Nährboden für Politik, da sind Regierung und Parteien gefordert. Und insofern ist das natürlich auch für uns eine spannende Klientel.

Können sie sich vorstellen, eine repräsentative Leserumfrage zum Thema strassenfeger oder generell zu Straßenzeitungen zu machen? Eine Umfrage zum Thema Obdachlosigkeit gehört sicherlich zu den komplizierteren Aufga- ben, denn das erfordert eine besondere Zugangs- weise. Es gibt leider sehr wenige Umfragen, die sich mit Obdachlosen auseinandersetzen. Eine Befragung bei Lesern von Straßenzeitungen durchzuführen, das wäre ebenfalls eine Heraus- forderung, aber eine machbare, und auch ein ganz spannendes Feld für uns.

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Von Ausweispflicht bis Zweitstimme

Ein kleines ABC zur Bundestagswahl

ZUSAMMENSTELLUNG:

Jutta

H.

01
01

01 Glocke am Platz des Bundestagspräsidenten

im Bundestag (Quelle: wikipedia)

02 Wahlkämpfer Ulrich Klose (SPD) verschenkt Blu- men an weibliche Passanten (Quelle: Monika Schlecht)

Ausweispflicht:

Wer zur Stimmabgabe am Wahltag seine Wahl- benachrichtigung mitbringt, muss in der Regel keinen amtlichen Ausweis vorlegen. Hat der Wahlberechtigte diese allerdings vergessen, hat er ein Ausweispapier vorzuzeigen.

Briefwahl:

Jeder Wahlberechtigte kann auch per Brief wäh- len. Ein entsprechender Antrag ist bis zum Frei- tag vor der Wahl zu stellen. Der Brief muss dann bis zur Schließung der Wahllokale die zuständige Stelle erreichen, sonst ist die Stimme ungültig. Seit der Europa- und Bundestagswahl 2009 ist es nicht mehr erforderlich, einen Grund für die Abwesenheit am Wahltag anzugeben.

B u n d e s t a g :

Er ist das Parlament der Bundesrepublik Deutsch- land und hat seinen Sitz im Berliner Reichstag. Zu seinen wesentlichen Aufgaben gehören die Gesetzgebung, die Wahl des Bundeskanzlers, die Kontrolle der Bundesregierung und die Bewil- ligung des Staatshaushalts (Budgetrecht). Der noch amtierende Bundestag bestand zunächst aus 622 Abgeordneten. Seit dem Verzicht der Abgeordneten Karl-Theodor zu Guttenberg und Julia Klöckner im Jahr 2011 sind es noch 620 Abgeordnete.

D i re k t m a n d a t :

Der Kandidat, der in einem Wahlkreis die meis- ten Erststimmen gewinnt, zieht mit einem Direkt- mandat in den Bundestag ein (Prinzip der Mehr- heitswahl). Dies gilt auch, wenn seine Partei bei den Zweitstimmen unter fünf Prozent liegt. Über die Direktmandate wird sichergestellt, dass jede Region Deutschlands im Bundestag vertreten ist.

Erststimme:

Bei der Bundestagswahl hat jeder Wahlberech- tigte zwei Stimmen. Mit der Erststimme wählt er den Direktkandidaten seines Wahlkreises.

Obdachlose Menschen:

Wer wahlberechtigt ist und keine Wohnung hat, kann sich auf eigenen Antrag in ein Wählerver- zeichnis eintragen. Zuständig ist die Gemeinde oder der Bezirk, in der oder dem der Wohnungs- lose seinen Antrag stellt. Der Antrag muss spä- testens drei Wochen vor der Bundestagswahl gestellt worden sein.

02
02

S i t z ve r t e i l u n g :

Grundsätzlich werden die 598 Bundestagsman- date entsprechend den gewonnenen Zweitstim- menanteilen verteilt. Bei der Vergabe der Sitze werden zunächst die 299 Abgeordneten berück- sichtigt, die die Direktmandate ihrer Wahlkreise gewonnen haben. Die übrigen Sitze werden dann an die Kandidaten auf den vorher festgelegten Landeslisten der Parteien vergeben.

Ü b e r h a n g m a n d a t e :

Sie entstehen, wenn eine Partei in einem Bundes- land per Erststimme mehr Direktmandate erzielt, als ihr nach Zweitstimmen zustehen. Da die ge- wonnenen Direktmandate erhalten bleiben, er- höht sich die Gesamtzahl der Abgeordneten im Parlament. Bei der Bundestagswahl 2009 wurden insgesamt 24 Überhangmandate erzielt. Im Juli 2012 monierte das Bundesverfassungsgericht die Praxis der Vergabe von Überhangmanda- ten. Ab einer Zahl von etwa 15 Überhangman- daten bestehe die Gefahr, dass der Grundcha- rakter der Bundestagswahl als Verhältniswahl aufgehoben würde.

Wahlgeheimnis:

Der Wähler muss seine Stimme am Wahltag so abgeben, dass niemand erkennen kann, für wen er gestimmt hat. Im Wahllokal gibt es deshalb sichtgeschützte Kabinen und gefaltete Stimm- zettel. Vor und nach der eigentlichen Wahl- handlung ist der Wähler nicht verpflichtet, seine Wahlentscheidung für sich zu behalten.

Wahlbezirk:

Ein Wahlkreis wird in Wahlbezirke, auch Stimm- bezirke genannt, unterteilt. Dabei soll es grund- sätzlich nicht mehr als 2.500 Wahlberechtigte in einem Wahlbezirk geben. Kleinere Gemeinden bilden in der Regel einen Wahlbezirk, größere werden aufgeteilt. Für einen Wahlbezirk wird ein Wählerverzeichnis erstellt, ein Wahlraum eingerichtet, ein Wahlvorstand berufen und ein Wahlergebnis ermittelt.

Wahlpflicht:

besteht in Deutschland nicht.

Wahlkreis:

Das Bundesgebiet ist für Bundestagswahlen derzeit in insgesamt 299 Wahlkreise eingeteilt. Die Anzahl der Wahlkreise eines Bundeslandes richtet sich nach der jeweiligen Einwohnerzahl. Nordrhein-Westfalen verfügt über 64 Wahl- kreise, Mecklenburg-Vorpommern über sechs. Berlin besteht aus zwölf Wahlkreisen.

Zweitstimme:

Mit dieser Stimme entscheidet sich der Wähler für eine Partei. Der Zweitstimmenanteil, den eine Partei erzielt, ist entscheidend dafür, mit wie vielen Sitzen sie im nächsten Bundestag ver- treten sein wird. Die Zweitstimme wird auch als »Kanzlerstimme« bezeichnet, weil sie festlegt, welche Fraktion oder Parteienkoalition später die Mehrheit hat, um ihren Spitzenkandidaten zum Bundeskanzler zu wählen.

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QUAL DER WAHL | 11

strassenfeger | Nr. 18 | September 2013 QUAL DER WAHL | 11 Tausende dieser »wunderbaren« Wahlplakate

Tausende dieser »wunderbaren« Wahlplakate »verzieren« derzeit unsere Städte

(Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)

Wahlen sind das Hochamt der Demokratie

Wahlkampferinnerungen

BERICHT:

Manfred

Wolff

W ahlkampf ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Es gibt nicht mehr die großen Emotionen, die große Teile der Bevölkerung er-

fassten, die witzigen Einfälle, die die Aufmerk- samkeit auf sich zogen, die feierlichen Rituale, die Begeisterung und Ergriffenheit weckten. Die Fernsehspots und Kandidatenduelle buhlen nicht um Meinungen, sondern um Sympathien. Auf der Couch entsteht keine politische Leiden- schaft. Internetauftritte in Facebook und Twitter erzeugen nur eine momentane Aufmerksamkeit, die schnell verfliegt, und die weichgespülten Pla- kate mit den netten Gesichtern sind nicht mei- nungsbildend – sie erinnern nur daran, dass dem- nächst Wahlen sind. Wenn ich auf mehr als 50 Jahre Wahlkamp- ferfahrung zurückblicke, fallen mir viele anek- dotische Erlebnisse ein, bunte Bilder und große Stimmungen. Vieles war einfach lustig, trotz des Ernstes, der damit verfolgt wurde. Manches schoss über das Ziel hinaus, und anderes ging einfach daneben.

Wahlkampf auf der Straße

Weil Plakate schon immer recht teuer waren, wurden in den 50er Jahren in der kleinen Stadt, in der ich zuhause war, in der Nacht die Paro- len des Wahlkampfs mit Schlämmkreide auf das Straßenpflaster geschrieben, wo sie bei günsti- gem Wetter mehrere Tage lesbar waren. Es gab ja nur wenig Straßenverkehr. Weil sich bei Re- gen sowieso alles in Wohlgefallen auflöste, erhob auch die Obrigkeit keinen Einspruch. Eine starke Nummer war die Wahlwerbung auf dem Fußball- platz. In der Nacht zum Sonntag vor der Wahl wurde mit Düngekalk der Rasen mit den riesen- großen Buchstaben SPD geschmückt. Die Fuß- baller konnten das nicht stehen lassen und haben mit dem Gartenschlauch rechtzeitig zum Anpfiff alles wieder getilgt. Aber noch lange danach wa- ren die drei Buchstaben als besonders saftiges Grün zu erkennen – nachhaltiger Wahlkampf. Kundgebungen der Parteien unter freiem Himmel waren ein Herzstück der Wahlkämpfe.

Sie fanden auf den großen Plätzen mitten in der Stadt statt. Ehe der Hauptredner ans Mikrofon trat, spielte eine Musikka- pelle, Ordner mit Armbinden sorgten dafür, dass jeder einen Platz fand, vor dem Podium standen Bänke für Alte und Inva- liden. Ehe sich der Hauptredner ins Zeug legte, brachte lokale Parteiprominenz ihre Huldigungen vor, und zum Abschluss wurde gesungen. »Brüder zur Sonne« bei der SPD und die Nationalhymne bei der CDU. Natürlich waren nicht nur Sym- pathisanten auf dem Platz. Es wurde immer dafür gesorgt, dass auch Pfiffe und Buhrufe und witzige Zwischenrufe die Gegenseite präsent machte.

Plakate überall

Das Plakatieren zog sich immer über mehrere Abende hin. Zu- erst traf man sich in einem Schuppen, um die Plakate auf die Hartfaserplatten zu tapezieren. Das war immer ein geselliges Ereignis. Am nächsten Abend machten sich dann drei bis vier Leute ans Aufhängen der Plakate. Mit einem Bollerwagen und einer langen Leiter ging es durch das Städtchen, von einem La- ternenpfahl zum andern. Manche waren schon »besetzt«. Dann musste man darüber sein Plakat anbringen. Einige fühlten sich wohl immer provoziert, diesen Schmuck zu zerstören. Also gab es jeden Abend Rundgänge, um eventuelle Vandalen zu ertap- pen. Kommerzielle Großplakate, die von Werbefirmen betreut wurden, gab es nur in einigen Großstädten. Besonderes Engagement wurde bei den Verteilaktionen verlangt. Da standen wir bei Wind und Wetter am Morgen vor Schichtbeginn vor den großen Betrieben und drückten den Arbeitern unsere Flugblätter und Zeitungen in die Hand. Wenn wir Glück hatten, kam jemand vom Betriebsrat raus und brachte einen Becher heißen Kaffee. Auch das Verteilen der Wahlzeitung in den Haushalten an den vier Sonntagen vor der Wahl verlangte Opfer. Man musste früh aufstehen, damit die Zeitung vor der BamS bei den Leuten war. Am Wahltag achteten alle Parteien darauf, dass sie mit wenigstens einem Mitglied in den Wahlvorständen der einzel- nen Wahllokale vertreten waren. So konnte man überwachen, dass die Wahl ordnungsgemäß ablief und auch die Stimmen korrekt ausgezählt wurden. In dem Wahllokal, in dem ich 20 Jahre lang tätig war, hatten wir immer einen ungültigen Stimmzettel dabei. Auf den schrieb ein Wähler jedes Mal »Al- les Postenjäger« in Sütterlinschrift, offensichtlich ein älterer Mitbürger. Einmal fehlte dieser Zettel, und wir machten uns Sorgen, dass dieser Wähler wohl verstorben sei. Aber beim nächsten Mal war er wieder dabei! Er war wohl nur krank.

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Nichtwähler und ihre Gründe

Es ist nicht der Verlust des Vertrauens in die Demokratie, die die Menschen bewegt, nicht wählen zu gehen.

BERICHT:

Manuela

B ald ist es wieder soweit. Die turnus- mäßige Bundestagswahl steht an. Die Straßen sind voll mit Wahlplakaten. Und wir Bürger sind aufgefordert, un-

ser Kreuzchen zu machen. Nicht alle folgen dem Aufruf. Die Zahl derjenigen, die kein Kreuzchen setzen, nimmt stetig zu. Für die diesjährige Wahl wird die niedrigste Wahlbeteiligung seit Grün- dung der Bundesrepublik erwartet. Grund genug für zahlreiche Wissenschaftler, diesem Umstand auf den Grund zu gehen. Woran liegt es also, dass immer weniger Bundesbürger zur Wahlurne gehen? Sind es so profane Gründe wie schlech- tes Wetter oder einfach keine Lust? Oder steckt mehr dahinter?

Schlechtes Wetter, Krankheit oder Urlaub sind in der Tat für einen nicht unerheblichen Teil der Nichtwähler ein Grund. Dies stellte das Forsa- Institut in einer in diesem Jahr veröffentlich- ten Umfrage fest. Der Grund »keine Lust« im weitesten Sinne wurde ebenfalls recht häufig angegeben, wobei die Motive, die die Unlust begründen, wesentlich vielschichtiger sind und je nach Umfrage und Fragestellung variieren. »Keine Lust« begründet sich in den Umfragen der verschiedenen Stiftungen, wie z. B. der Konrad-Adenauer-Stiftung, der Bertelsmann- Stiftung oder der Friedrich-Ebert-Stiftung, mit einem grundlegenden Wandel der Haltung der Bevölkerung den Politikern gegenüber. Politiker werden als zu weit weg vom eigenen Leben emp- funden, als jemand, der nicht weiß, wie es den Menschen »da unten« so geht. Sie können nicht erkennen, welchen Bezug politische Themen zu ihrem eigenen Leben haben. Dies führt schließ- lich dazu, dass das Interesse daran schwindet. Es wird sich an der politischen Willensbildung nicht beteiligt.

Ein erheblicher Teil der Bevölkerung glaubt auch, dass es den Politikern nur um den eigenen Machterhalt geht. Interesse am Gemeinwohl wird mit ihnen kaum in Verbindung gebracht. Der Zukunftsforscher Horst Opaschewski führt dies auf die Art der Selbstdarstellung der Politi- ker zurück. So sei immer weniger das Parlament die Bühne der Politik, sondern die Talkshows, in denen sie häufig anzutreffen sind.

Trotz aller Unzufriedenheit mit den politischen Akteuren, haben die Menschen den Glauben in das Gesellschaftssystem nicht verloren. Die Mei- nungsforscher stellten fest, dass nach wie vor ein Vertrauen in die Demokratie und in unser poli- tisches System an sich vorhanden ist. Doch das System ist in Gefahr, wenn die Zahl der Wahl- teilnehmer sinkt und es nur noch von einem be- stimmten Teil der Bevölkerung getragen wird. Die Bertelsmannstiftung und das Institut für De-

wird. Die Bertelsmannstiftung und das Institut für De- moskopie Allensbach betitelten daher ihre Studie

moskopie Allensbach betitelten daher ihre Studie »Gespaltene Demokratie«. Denn die Umfragen haben gezeigt, dass gerade Jüngere, Einkommens- schwäche, Bildungsferne, Nicht-Privilegierte und Unzufriedene den Weg zur Wahlurne nicht mehr gehen. Die Nichtwähler, die das Nicht-Wählen- Gehen als Haltung, sozusagen als Protest gegen das bestehende System verstehen, haben in der Nichtwähler-Gruppe keinen großen Anteil. Nach dieser Studie ist quasi ein Teil der Bevölkerung auf der politischen Bühne nicht mehr vertreten.

Um der steigenden Quote der Nichtwähler ent- gegenzutreten haben vor einiger Zeit 18 Journa- listen der Axel-Springer-Akademie ein Internet- Projekt initiiert, »Wahllos – Deutschland, deine Nichtwähler« (www.wahllos.de). Die Journa- listen wollen mit dieser Webseite Nichtwähler ansprechen, mit ihnen in Dialog treten und sie zum Wählengehen motivieren. Auf der Seite sind zahlreiche, ansprechend dargestellte Informatio- nen zum Thema »Wahl« präsentiert. Selbst seine eigene Nichtwählerwahrscheinlichkeit kann man sich errechnen lassen.

kann man sich errechnen lassen. Wenn man nicht hält, was man verspricht, gehen die Men-

Wenn man nicht hält, was man verspricht, gehen die Men-

schen nicht mehr zur Wahl! (Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)

Wer noch unentschlossen ist, ob er wählen geht, vielleicht auch, weil er nicht weiß, wen er wählen soll, dem sei der Wahl-o-mat auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung empfohlen. Mittels eines umfangreichen Fragekatalogs wird abgeglichen, welche Partei den politischen Ansich- ten des Teilnehmers am Nächsten kommt. Schließ- lich hat sogar ein Mann namens Dr. Werner Peters, früher einmal CDU-Mitglied, den Nichtwählern eine Partei gewidmet. Denn, würden alle Nicht- wähler die Nichtwähler-Partei wählen, wäre sie nach aktuellen Umfragen noch vor der SPD zweit- stärkste Kraft im Land. Hier wird das eigentliche Potential der Nichtwähler deutlich.

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Der Solidaritätszuschlag und kein Ende in Sicht

(Ein bisschen Meinungsmache vor der Wahl)

BERICHT:

Andreas

Peters

F reundlich blicken in diesen Tagen unsere Volksvertreter von den Laternenmasten auf uns Wahlvolk herab. Fast so, als ginge es für unsere gemeinsame Zukunft in die-

sem Land nur um die richtige Wahl der Personen. Auf einigen Plakaten ist zwar von Freiheit oder Revolution die Rede, aber insgesamt wirkt die Wahlwerbung genauso wenig aussagekräftig und langweilig wie die Wahl insgesamt. Dabei gäbe es Themen genug. Man denke nur an die Arbeit der Geheimdienste und deren eklatante Verletzung der Persönlichkeitsrechte oder die groß angekün- digte, aber immer noch nicht stattgefundene Ener- giewende. Als Entscheidungshilfe kann ebenso ein Blick zurück helfen. Schließlich warten einige Wahlversprechen der vergangenen Jahre immer noch auf ihre Einlösung durch die Politik. Ein gu- tes Beispiel dafür ist die für 1999 versprochene Aussetzung des Solidaritätszuschlags.

1999 versprochene Aussetzung des Solidaritätszuschlags. Der Soli, so die umgangssprachliche Abkürzung, wurde 1991

Der Soli, so die umgangssprachliche Abkürzung, wurde 1991 von der Bundesregierung eingeführt, um die Kosten der Deutschen Einheit stemmen zu können. Zunächst bis 1992 wurden 3,75 Pro- zent (für Einkommensteuer) und 7,5 Prozent (für Lohnsteuer) in die Bundeskasse gezahlt. 1993 und 1994 wurde der Solidaritätszuschlag zwar kurzzeitig ausgesetzt, doch 1995 wieder einge- führt. Er wird sowohl in West- als auch in Ost- deutschland erhoben. Mittlerweile beträgt der Solidaritätszuschlag 5,5 Prozent der Lohnsteuer / Einkommensteuer oder Körperschaftsteuer. Auf diesem Wege gelangten die letzten Jahre gut 14 Millionen Euro in die Haushaltskasse des Bun- des. Das ist ein nicht zu vernachlässigender An- teil am Gesamtvolumen des Bundeshaushaltes, der jedes Jahr bei der Verteilung der finanziellen Mittel bei vielen Begehrlichkeiten weckt.

Neben den offensichtlich berechtigten Zwei- feln an der Verfassungsmäßigkeit, steht die Verwendung der erzielten Einnahmen weiter in der öffentlichen Kritik. Weniger bekannte Verwendungszwecke waren zum Beispiel die Kosten des Golfkriegs sowie die finanzielle Un- terstützung von ost-, südost- und mitteleuro- päischen Ländern. Da der Solidaritätszuschlag letzten Endes in den großen Topf der Steuerein- nahmen des Bundes wandert und somit ein Teil des großen Haushaltsbudgets ist, lassen sich die Geldströme teilweise nur schwer nachvoll- ziehen. Allein aus diesem Grund wird die Kritik

nachvoll- ziehen. Allein aus diesem Grund wird die Kritik Ohne Worte! (Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)

Ohne Worte! (Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)

an dieser Abgabe immer lauter. Leider wird sie im jetzigen Wahlkampf nur wenig vernommen und aufgegriffen. Dabei ist die Bundestagswahl allemal geeignet, politische Entwick- lungen der vergangenen Jahre, gewissermaßen von der Basis aus, zu korrigieren.

Meiner Auffassung nach gehört der Soli in seiner jetzigen Form längst abgeschafft. Er ist, anders als sein Name ver- muten lässt, nicht solidarisch, sondern ungerecht und in- transparent. Ungerecht, weil damit neben den Kosten für die Solidargemeinschaft, zum Beispiel die Profite von (Landes-) Banken gesichert werden. Intransparent, da keiner weiß, wie lange noch. Dumm nur, dass sich lediglich die FDP und die Linke klar für eine Begrenzung der Laufzeit einsetzen. Das macht die (Wahl-) Entscheidung nicht gerade einfach. Laut einer aktuellen Emnid-Umfrage ist allerdings eine Mehrheit von 57 Prozent in der Bevölkerung für die Abschaffung des Solis. Nur 36 Prozent sprachen sich für die Beibehaltung des Steuerzuschlags aus. Die größte Unterstützung hat der Soli bei den Anhängern der Linkspartei mit 49 Prozent. Diese scheinen aber außer Acht zu lassen, dass sich die Linkspartei für eine schrittweise Senkung des Solis ausspricht. Die Links- partei weiß nur zu gut, dass der Soli unweigerlich in den Ge- samtbundeshaushalt einfließt und eher als »Solidarität« mit diesem zu verstehen ist. (s. a. online Focus vom 23.07.2013)

Dass dieses Thema von beiden Parteien nicht offensiver vertreten wird, lässt vermuten, dass sie fürchten, wichtige Stimmen im Osten zu verlieren. Bundeskanzlerin Merkel je- denfalls besteht darauf, dass »der Soli noch bis 2019 weiterge- hen« soll. Die SPD möchte diese Einnahmen vor allem für den Bau von Infrastrukturmaßnahmen im gesamten Bundesgbiet ausgeben, die Grünen für den Schuldenabbau. Ich hingegen würde mir wünschen, dass mit der Abschaffung des Solid- arzuschlages endlich die Wiedervereinigung, zu mindestens fiskalisch, vollzogen wird. Und, dafür gehe ich wählen.

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14 | QUAL DER WAHL strassenfeger | Nr. 18 | September 2013 Wahlkampfzentralen von CDU und
14 | QUAL DER WAHL strassenfeger | Nr. 18 | September 2013 Wahlkampfzentralen von CDU und

Wahlkampfzentralen von CDU und SPD

(Fotos: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)

»Die Welt will betrogen sein, also soll sie betrogen werden«

Es fehlt ein Welt- und Menschenbild

BERICHT:

Bernhardt

Die Welt will betrogen sein, …«. Als man neulich über die bevorstehende Bundestagswahl sprach, kam mir dieses geflügelte Wort in den Sinn. Laut Web weiß man damit nicht viel anzufangen. Es soll im Privat-

Persönlichen gelten (»Du siehst aber heute wieder gut aus…«, obwohl dem so Angesprochenen speiübel ist) als auch im öffentlichen Leben; vor allem in der Politik. Es soll dem Adressaten das Leben in einer schwierigen Situation er- leichtern oder ihn hinters Licht führen, um ihm das eigene Nachdenken zu ersparen; oftmals zum Vorteil des Schmeich- lers bzw. des Betrügers. Es hat eine innere Verwandtschaft mit der Notlüge und dem Glaubenssatz »Der Zweck heiligt die Mittel«.

»

So werden in der letzten Zeit vor der Wahl grundsätzlich keine die Bevölkerung belastenden Entscheidungen verkün- det; wie z. B. die, dass Griechenland ein weiteres Hilfspa- ket in Milliardenhöhe benötigt – das ist von der Bundesbank durchgesickert - , was aber erst nach der Wahl verkündet wird. Dann werden auch noch andere »Grausamkeiten« auf die Deutschen zukommen. Vorher gibt es Wahlgeschenke wie Betreuungsgeld, Gehaltserhöhung im öffentlichen Dienst, Steuergeschenke usw. Die Parteien buhlen um die Gunst der Wähler, und die Kandidaten loben sich und ihre Leistungen in höchsten Tönen, obwohl man solche Urteile lieber neutra- len Dritten überlassen sollte, weil, wie der Volksmund weis, »Eigenlob stinkt«.

Die Schmeicheleien und Täuschungen sind besonders wirk- sam, wenn die Kandidaten über ein gewisses Charisma und über Sex-Appeal verfügen sowie über die Kraft der sugges- tiven Rede. Die Suggestivkraft kann so groß sein, dass die Zuhörer fasziniert und emotionalisiert werden und aufhören, selber zu denken, und dem Redner blindlings folgen. Einen eigenen politischen Willen, der einigermaßen begründet ist, haben die meisten Menschen gar nicht, weil die einzelnen Probleme zu komplex und undurchschaubar sind und ohne umfangreiche Detailkenntnis gar nicht zu lösen sind. Inso- fern sind Wahlen eine Farce, weil die Wähler weitgehend im Dunkeln tappen.

Angesichts solcher Komplexität und Undurchschaubarkeit folgt das Wahlvolk der eigenen Trägheit und findet sich damit ab, mit nichtssagenden Phrasen und Plattitüden abgespeist zu werden, die zurzeit überall in den Ballungszentren auf gro-

ßen Plakaten prangen und zusammen mit den Pappköpfen der Kandidaten das Straßenbild verschandeln. Also trifft man seine Wahlentscheidung nach subjektiven Gesichtspunkten wie Zugehörigkeit zu einer politischen Partei, persönliche Bekanntschaft mit einem Kandidaten oder, weil man einen Politiker sympathisch findet.

Doch wo liegt der Kern des Problems? – Es fehlt eine Mess- latte, ein Bezugsrahmen. Wenn man eine Entscheidung treffen muss, braucht man einen Maßstab. Für das Messen einer Ent- fernung ist das ein Bandmaß, für das Wiegen einer Sache eine Waage. Für eine Entscheidung über eine gesellschaftspoliti- sche und damit die Gemeinschaft betreffende Frage braucht man ein allgemein anerkanntes Welt- und Menschenbild. Das mag vielen altmodisch und ideologieverdächtig erscheinen, ist aber ein Gebot der Logik. Es darf nicht aus der Luft gegrif- fen sein, das wäre Willkür, oder einer ausgeflippten Ideologie entstammen. Die Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme des Kapitalismus und des Sozialismus scheiden aus, weil sie im Begriff sind zu versagen bzw. bereits versagt haben. Das Welt- und Menschenbild muss vernünftig begründbar und an der Wirklichkeit festgemacht sein.

Aber auch bezüglich eines solchen Welt- und Menschenbildes ist Fehlanzeige zu vermelden. Die dafür vor allem zuständi- gen wissenschaftlichen Disziplinen der Philosophie und der Theologie versagen. Die Lehren und Weisheiten der Vergan- genheit, die wertvolle Erkenntnisse geben könnten, werden schon seit langem überdeckt und erstickt von einem geist- und gottlosen Materialismus, von einem Irrentanz der Egomanen, die die Gewinnmaximierung auf ihre Fahnen geschrieben ha- ben und die ahnungslose Menschheit in Not und Elend und schließlich in die Vernichtung führen – nur damit am Ende einer von ihnen sagen kann, er sei der Größte gewesen. Von den Natur- und Schöpfungsgesetzen hat man sich seit dem biblischen Sündenfall losgesagt. Man »tanzt (stattdessen) um das Goldene Kalb«.

So lange die Menschen nicht diese einfachen Erkenntnisse beherzigen, werden sie Opfer bleiben des selbst geschaffenen Systems von Ahnungslosigkeit, Irrglauben, Lügen und soge- nannten Sachzwängen. Und so lange es keine Kandidaten und Parteien gibt, die gemäß diesen Erkenntnissen denken und handeln, kann man sie nicht wählen, so dass sich ein Gang zu den Urnen erübrigt.

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Post von Klaus Staeck

Originalgrafik Serie A Nr. 90 302 Klaus Staeck (2013) Generalverdacht

Klaus Staeck / Götz Gramlich (2013) Reichtum

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Copyright und Vertrieb: Edition Staeck

Karikatur: OL
Karikatur: OL
Generalverdacht Klaus Staeck / Götz Gramlich (2013) Reichtum » Copyright und Vertrieb: Edition Staeck Karikatur: OL
Generalverdacht Klaus Staeck / Götz Gramlich (2013) Reichtum » Copyright und Vertrieb: Edition Staeck Karikatur: OL

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01 Einsendungen zur internationalen Mail Art-Aktion »Academy/Akademie« von Klaus Staeck und Lutz Wohlrab anlässlich der Akademie-Ausstellung

ARTE POSTALE, 2013 (Foto: Lutz Wohlrab)

02 Klaus Staek (Foto: Urszula Usakowska-Wolff)

03 Rupprecht Geiger, Freiheit statt Strauß, 1979

(Sammlung Staeck © VG Bild-Kunst, Bonn 2013)

04 A. R. Penck, Das Kapital, 1993

(Sammlung Staeck © VG Bild-Kunst, Bonn 2013)

05 Einsendungen zur internationalen Mail Art-Aktion

(Foto: Lutz Wohlrab)

Was sich so alles um die alternative Postkarte dreht

Prof. Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste Berlin, über seinen Beitrag zur Ausstellung »Arte Postale«

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INTERVIEW:

Urszula

Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: In der Ausstellung »Arte Postale« zeigen Sie einen Teil Ihrer Sammlung – Postkarten, die Sie in Ihrer Edition Staeck in Heidelberg veröffentlichten, Postkar- tenentwürfe, ferner originäre Künstlerpost, die Sie erhalten haben. Fangen wir mit den Post- karten an: Was hat Sie dazu bewogen, Postkar- ten zu drucken? Klaus Staeck: In Heidelberg, wo ich lebe, gab es wie in allen Touristenorten viele kitschige Postkarten. Ich dachte, es wäre eine schöne Idee, Künstler zu bitten, zu den jeweiligen Städten und Orten alternative Postkarten zu entwerfen. Ich wollte mit Kassel beginnen, wo 1968 die do- cumenta IV stattfand. Damals habe ich Joseph Beuys kennen gelernt. Er war der erste Künstler, mit dem ich eine Postkarte gemacht habe. Unser Pech war, dass wir auf ihre Rückseite »docu- menta IV« geschrieben hatten. Als der damalige Leiter der documenta, Arnold Bode, davon er- fuhr, sagte er uns, die Postkarten dürfen wegen dieses rückseitigen Zusatzes auf dem gesamten documenta-Gelände nicht vertrieben werden. So saß ich plötzlich mit zehntausenden von Postkar- ten da, die ich fast nirgendwo anbieten konnte. Der nächste Versuch, Postkarten von Beuys, Wolf Vostell, Dieter Roth und anderen zu verkaufen, war die Bahnhofsbuchhandlung in Köln, die mir der ideale Ort dafür zu sein schien. Doch dort sagte man mir, dass meine Postkarten für das touristische Publikum zu schön und zu gut sind. Trotzdem habe ich nicht aufgegeben. Es kam eine kurze Heidelberg-Serie, dann eine große Mün- chen-Serie heraus, eine New-York-Serie wurde begonnen. Das war´s dann aber auch.

Warum sind Postkarten für Sie so wichtig? Meine ganze Liebe gilt im Wesentlichen der Postkarte, denn darin sehe ich die Möglichkeit, Kunst auf eine sehr demokratische Art, ohne fi- nanzielle Barrieren zu verbreiten und das mit per- sönlichen Engagement zu verbinden, was schon immer meine Intention war. Es traf sich gut, dass viele, auch sehr bekannte Künstler, die ich an- gesprochen habe, offensichtlich Spaß hatten, eine Postkarte zu gestalten. Mein Ziel war aber nicht bloß die Abbildung von anderen Werken, sondern originäre Entwürfe, die von Künstlern stammen. In Beuys hatte ich einen kongenialen Partner gefunden und konnte über 80 seiner Ent- würfe in meiner Edition realisieren. Joseph Beuys wollte, dass wir das Jahr der Postkarte ausrufen, wozu es leider nicht mehr gekommen ist. Er sagte einmal, wenn jeder Chinese nur eine Postkarte kauft, würde das reichen, viele andere Dinge zu finanzieren. Und Beuys hat immer gefragt, wann die nächste Postkarte fertig ist. Für seine Korres- pondenz hat er sehr gern Postkarten verwendet, weil man dort ein, zwei Sätze schreiben und auf diese Weise viel Post erledigen konnte, ohne mit langen Briefen Zeit zu verlieren.

Joseph Beuys hat 1974 eine dreidimensionale Postkarte aus Fichtenholz entworfen. Sie hängt nun mehrfach an einer Wand in der Ausstellung »Arte Postale« und sieht wie ein Fries aus. Wur- den diese ungewöhnlichen Karten per Post ver- schickt? Ja, Beuys hat mir von der documenta 6 sogar 50, 60 Karten, also jeden zweiten Tag eine Post- karte geschickt. Die Post war ziemlich ratlos, als

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wir damit ankamen. Sie hatten keine Vorschrift über den Versand eines Holzstücks. Wir haben die Holzpostkarte dann mit einer Päckchen- briefmarke frankiert. Die Post hat sie befördert. Alle Holzpostkarten kamen an. Ich freue mich, dass die Deutsche Post ein Partner dieser Aus- stellung ist, sie nicht nur finanziell unterstützt, sondern auch zwei Briefmarken in großer Zahl gedruckt und uns zur Verfügung gestellt hat.

Wir sprachen über Postkarten, die zu den Mas- senprodukten gehören. Doch im Rahmen von »Arte Postale« zeigen Sie auch Unikate aus Ih- rer Sammlung. Welche? Mein Beitrag zu dieser Ausstellung sind drei große Blöcke. Das sind einmal die Entwürfe zu den realisierten Postkarten und ein paar nicht re- alisierte Entwürfe. Es war mir wichtig zu zeigen, was sich so alles um die Postkarte dreht. Dann gibt es ein breites Spektrum von Postkarten und Originalbriefen, die ich von Künstlern und Schriftstellern bekommen habe, zum Beispiel von Emil Schumacher, Peter Rühmkorf oder Hanne Darboven. Das Meiste, was ich jetzt in der Akademie zeige, wird zum ersten Mal öffent- lich ausgestellt. Es ist nur ein Bruchteil dessen, was ich in all den Jahren gesammelt habe.

Spielt denn die Postkarte in einer Zeit, in der fast alle ihre Korrespondenz elektronisch erle- digen, überhaupt noch eine Rolle? Gibt es noch Interesse an Postkarten? Ja, es gibt nach wie vor ein großes Interesse daran. Ich behaupte sogar, dass der Mensch, so lange er sich noch als ein analoges Wesen begreift, möglicherweise bald ein steigendes Bedürfnis nach Dingen haben wird, die man außerhalb des PCs anschauen, die man anfas- sen, die man weitergeben kann. Das sind al- les Dinge, für die sich eine Postkarte bestens eignet. Deshalb glaube ich an die Zukunft der Postkarte. Gerade im Zeitalter von NSA, wo alles Elektronische in Gefahr ist, abgehört zu werden, wird die Postkarte als archaisches Produkt wieder gefragt. Das zeigt auch unsere Mail-Art-Aktion zum Thema »Academy/Aka- demie«, die auf eine weltweite Resonanz stieß, sodass wir von Einsendungen fast überrollt wurden. Postkarten, die uns diese Mail-Artis- ten geschickt haben, sind ein Teil von »Arte Postale«. In einer Zeit, in der alles immer hö- her, immer schneller, immer weiter gehen soll, ist es eben das kleine Format, das uns in eine wunderbare Welt eintauchen lässt, die oft auf- regende, intime Geheimnisse enthält.

INFO

INFO
INFO
INFO

»ARTE POSTALE« – Bilderbriefe, Künstlerpostkarten, Mail Art

noch bis zum 8. Dezember in der Akademie der Künste am Pariser Platz 4, 10117 Berlin

Dienstag bis Sonntag 11-19 Uhr, Eintritt:

6/4 Euro, bis 18 Jahre, und am 1. Sonn- tag im Monat Eintritt frei

Katalog: ARTE POSTALE. Bilderbriefe, Künstlerpostkarten, Mail Art aus der Akademie der Künste und der Samm- lung Staeck. Rosa von der Schulenburg im Auftrag der AdK (Hrsg.) AdK, Archiv, Berlin 2013, Preis 20 Euro

Postkarten-Edition mit Reprints von ausgewählten Motiven aus der Ausstel- lung und einer hierfür von Klaus Staeck gestalteten Postkarte ist in der Ausstel- lung bzw. im Buchladen der Akademie käuflich zu erwerben.

www.adk.de

www.facebook.com/

akademiederkuenste

lung bzw. im Buchladen der Akademie käuflich zu erwerben. › www.adk.de › www.facebook.com/ akademiederkuenste

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Literatur

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»Es öffnet sich eine wunderbare Welt, wenn man liest«

Thomas Böhm ist seit Januar 2012 Programmlei- ter des Internationalen Literaturfestivals Berlin

Thomas Böhm – charmant und eloquent!

(Foto: ©Kristinn Ingvarsson/Morgunbla)

I N T E R V I E W :

U r s z u l a

U s a k o w s k a - W o l f f

Urszula Usakowska-Wolff: Was unterschei- det das Internationale Literaturfestival Berlin (ilb) von anderen Veranstaltungen dieser Art in Deutschland? Thomas Böhm: Es geht uns darum, Schrift- stellerinnen und Schriftsteller, die man nicht kennt, die aber wichtig sind, vorzustellen. Ul- rich Schreiber hat dieses Festival vor 13 Jahren gegründet und etwas geschaffen, was es bisher in Deutschland nicht gab: ein internationales Festival, das keine Rücksicht darauf nimmt, ob eine Autorin oder ein Autor in Deutsch- land schon veröffentlicht hat. Ob sie bekannt sind. Für uns spielt es auch keine Rolle, wenn sie noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Ist das der Fall, fertigen wir Übersetzungen an. Deshalb passiert es jedes Jahr, dass Verlage auf- grund unserer Probeübersetzungen auf Autoren aufmerksam werden, ihre Bücher übersetzen

auf Autoren aufmerksam werden, ihre Bücher übersetzen lassen und sie veröffentlichen. Die Frankfurter Allgemeine

lassen und sie veröffentlichen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat letztes Jahr geschrieben, dass wird das Entde- ckerfestival unter allen Literaturfestivals sind.

Doch es entsteht der Eindruck, das Publikum soll mit gro- ßen Namen angelockt werden, in diesem Jahr vor allem mit Salman Rushdie, John M. Coetzee und Daniel Kehlmann. Nein, nein, nein! Es geht uns vom Anfang an um literari- sche Vielfalt. Am diesjährigen Literaturfestival nehmen 164 Autorinnen und Autoren aus 47 Ländern der Welt teil. Wir laden niemanden ein, weil er oder sie ein Star ist. Uns geht es nicht um Prominenz, uns geht es um Relevanz. Salman Rus- hdie ist einer der Väter der Weltliteratur der Gegenwart. Wir machen eine Veranstaltung über die »Mitternachtskinder« und eine über seinen biografischen Roman »Joseph Anton«, weil es beim Internationalen Literaturfestival Berlin schon immer die Auseinandersetzung über Literatur und Religion gegeben hat. John M. Coetzee haben wir eingeladen, weil Südafrika eines der wichtigsten »Laboratorien« der Welt ist. Wenn es den Schwarzen und den Weißen dort gelingt, sich zu versöhnen, wird das ein Modell für die ganze Welt sein. Und Coetzee hat immer darüber geschrieben. Daniel Kehlmann ist auch ein sehr bekannter, aber auch ein sehr guter Autor, und wir haben am 4. September die Weltpremiere seines neuen Romans »F«. Doch die Eröffnungsrede wird Taiye Selasi hal- ten, deren Name vor einem Jahr niemand etwas sagte. Sie wird über afrikanische Literatur sprechen, denn sie hat einen bedeutenden Aufsatz über »Afropolitans«, über das Lebens- gefühl junger, von afrikanischen Migranten abstammender Menschen auf der ganzen Welt geschrieben.

Ist das Literaturfestival ein internationales Forum, wo sich Menschen treffen, die sich Gedanken darüber machen, auf welche Probleme der Gegenwart die Literatur aufmerksam machen und was sie bewirken kann? Genau, wir haben ein politisches Verständnis von Lite- ratur, wir gelten als das politischste Literaturfestival welt- weit. Wir laden Autorinnen und Autoren aus Kongo, aus Ägypten, Tunesien, aus Pakistan, aus China, aus Russland und aus vielen anderen Ländern ein, die in ihren literari- schen Werken ein differenziertes Bild der Kultur vermitteln. Dazu gehören auch Intellektuelle, welche das Bild, das hier in den Medien von diesen Ländern vorherrscht, erweitern. Für uns hat das Festival drei Ebenen, drei Faktoren, die für uns den Erfolg ausmachen. Zum einen ist es die Zahl der Besucher. Im vorigen Jahr waren es insgesamt 26.000. Zum

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Literatur

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18 | September 2013 Literatur TAUFRISCH & ANGESAGT | 19 anderen ist es die gleichzeitige Anwesenheit

anderen ist es die gleichzeitige Anwesenheit von Autorin- nen und Autoren sowie Intellektuellen aus der ganzen Welt, die sich hier in Berlin begegnen, was das Festival zum Treff- punkt der literarischen Community macht. Die dritte Ebene ist genauso bedeutend: Diese Menschen kommen nach Ber- lin, nach Deutschland. Wir sind das einzige Festival, das Au- torinnen und Autoren für eine längere Zeit einlädt: die inter- kontinentalen Gäste für fünf Tage, die europäischen Gäste für vier Tage. Sie haben eine oder zwei Veranstaltungen, darüber hinaus mindestens drei Tage Zeit, um sich die Stadt anzugucken. Was sich daraus entwickelt, weiß man ja nicht. Jemand geht in ein Museum, sieht ein Bild und schreibt dann seinen nächsten Roman oder ein Gedicht über dieses Bild. Es gibt kein anderes Kulturereignis in Deutschland, das so international ist wie unser Literaturfestival. In den 13 Jahren seines Bestehens hatten wir hier in Berlin 2.000 bis 3.000 Autorinnen und Autoren zu Gast, die seitdem ein weltweites Netzwerk bilden.

Wird es in diesem Jahr auch ein Angebot für junge Leserin- nen und Leser geben? Ja, letztendlich ist unser Kinder-und Jugendprogramm das Allertollste! Wir laden 20 internationale Kinder-und Jugend- buchautoren, die meisten davon wurden vorher noch nicht ins Deutsche übersetzt, mal auch Illustratoren ein. Diesmal ist das der berühmte polnische Künstler Józef Wilkoń. Wir ar- beiten auch mit der Freien Universität und mit der Humboldt- Universität zusammen, die das Material für die Lehrer zusam- menstellen. Das heißt, die Schüler bereiten sich im Unterricht auf die Autoren vor, und wenn sie sie dann treffen, können sie mit ihnen ausführlich sprechen. Die Autoren sind begeis- tert, die Schüler auch. Im vorigen Jahr waren 12.000 von den 26.000 Besuchern des Internationalen Festivals Berlin Kinder und Jugendliche.

Gehen die Schulklassen freiwillig zu den Lesungen? Wir veröffentlichen Mitte Mai das Kinder- und Jugend- programm. Einen Monat vor Eröffnung des Festivals ist es ausverkauft. Wir haben eine Auslastung von 96 Prozent. Die Lehrer wissen: »Ich bekomme Spitzenklasse« und buchen eine Lesung für ihre Klasse. Doch das Wichtigste ist: Sie gehen zum Beispiel zur Lesung eines Schriftstellers aus der Türkei. Was das für die türkischen Schüler bedeutet! Das ist für sie ein Schub an Selbstbewusstsein! Sie sitzen mit ihren deutschen Kameraden im Saal und können dann sagen: »Da komme ich her. Wir haben eine genauso gute Literatur, wir sind genauso

kultiviert wie ihr. Wir alle entstammen Kulturna- tionen«. Das ist wunderbar! Sie können Fragen in ihrer Muttersprache stellen, da ist plötzlich die Muttersprache eine Kompetenz. Die Autoren ge- hen mit leuchtenden Augen zu den Lesungen.

Der Leiter des Internationalen Literaturfesti- vals Berlin, Ulrich Schreiber, nannte Sie einen der renommiertesten Literaturvermittler in Deutschland. War die Bücherwelt schon immer Ihre Leidenschaft? Ich stamme aus einer Bergarbeiterfamilie im Ruhrgebiet. Es gab bei uns zu Hause keine Bücher, sodass ich die Literatur auf Umwegen entdeckt und gemerkt habe: Es öffnet sich eine wunderbare Welt, wenn man liest. Bevor ich Literaturvermittler wurde, gab es eine Zwi- schenstation. Ich habe eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht. Das war am Anfang ganz toll, doch mit der Zeit merkte ich, dass mein Denken sich immer mehr aufs Geld kon- zentrierte. Geld wurde zum Mittelpunkt meines Lebens. Das fand ich furchtbar, also habe ich Literaturvermittlung und Medienpraxis in Essen studiert. Als ich 1999 das Literaturhaus Köln übernommen habe, merkte ich, wie wenig sich die Leute mit Literaturvermittlung und Lesung befassen. Deshalb habe ich zwei Bücher über Lesungen als eigenständige Kunstform geschrie- ben. Deswegen kam Ulrich Schreiber darauf, mich so zu nennen. Meine intensive Beschäfti- gung mit diesen Themen kann ich jetzt ein biss- chen einbringen. Nichtsdestotrotz war alles, was ich vorher gelernt habe, zwar hilfreich, aber das Internationale Literaturfestival Berlin hat Ulrich Schreiber gegründet. Ich bewundere das, was da jedes Jahr stattfindet. Ich bin der erste Fan des Festivals. Das muss auch so sein. Wenn man selber keinen Spaß daran hat, was man macht, braucht man gar nicht antreten. Mit Literatur als Beruf zu arbeiten ist ein absolutes Geschenk. Ich lese Bücher und wenn ich sie für interessant, spannend und wichtig halte, kann ich Kontakt mit den Autorinnen und Autoren aufnehmen und sie einladen, nach Berlin zu kommen. Wenn das kein Traumberuf ist!

Thomas Böhm Programmleiter des Litera-

tur-Festival (Foto: Urszula Usakowska-Wolff)

INFO

13. ilb

vom 4. – 15. September

Hauptveranstaltungsort:

Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, 10719 Berlin

www.literaturfestival.com

www.berlinerfestspiele.de

der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, 10719 Berlin › www.literaturfestival.com › www.berlinerfestspiele.de

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TAUFRISCH & ANGESAGT

Brennpunkt

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Hoffnungsloser Fall?

Seit Jahren lässt sich Frau V. mit ihrem Hab und Gut an öffentlichen Plätzen nieder. Alle Versuche, sie dauerhaft in einer Wohnung unterzubringen, scheiterten. Gibt es Menschen, denen man nicht helfen kann?

TEXT:

Jutta

H.

A m 19. August rückten morgens um sie- ben Uhr die Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigung an und beseitigten das Wohnlager, in dem Frau V. das letzte

halbe Jahr gelebt hatte. In einem Schreiben vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg war sie zuvor aufgefordert worden, »das Straßenland bis zum 18.08.2013« zu räumen. Komme sie der »Ab- räumungsaufforderung« nicht nach, müsse sie die Kosten für die »Zwangsentledigung« selber tragen. Der Behörde lägen »zahlreiche Hinweise und Beschwerden« vor, man müsse deshalb jetzt handeln, »weil die Abfälle ansonsten das Wohl der Allgemeinheit, insbesondere der Umwelt, gefähr- den könnten (Gestank; Ungezieferproblematik)«. Mehrere Hilfsangebote wie eine »anderweitige Unterbringung« habe Frau V. abgelehnt.

Seit dem Winter hatte Frau V. unter der mäch- tigen Autobahnbrücke am Innsbrucker Platz in ihrer »Open-Air-Wohnung« gelebt, wie die 55-Jährige ihr Reich selber nannte. Diese bestand aus Möbeln, Einrichtungsgegenständen, vielen nützlichen und nicht nützlichen Dingen. Inner- halb ihres Wohnlagers gab es einen Wohn – und Schlafbereich und einen Bereich für ihre beiden Hunde. Frau V. trug stets schwere Hosenanzüge und Kleider, immer in mehreren Schichten über- einander. Sie trug Perücken, die sie täglich wech- selte, darüber große Hüte. Ihr gefiel die Aufmerk- samkeit, die sie mit ihrem Lager unter der Brücke erregte und sie war stolz, als Artikel über sie in der Zeitung standen. Doch man hörte auch Sätze wie »ich halte das hier nicht mehr lange aus.«

Man kann das Vorgehen des Bezirksamtes – die Räumung des Platzes – kritisieren. Kein Mitar- beiter der Behörde hat sich wirklich mit Frau

V. beschäftigt. Dass man ihr offensichtlich Hilfe

»unterbreitet« hat, ist löblich, dürfte aber Ali- bifunktion gehabt haben. Die Aufforderung, sie solle den Platz eigenständig räumen ist heuch- lerisch: Niemand konnte davon ausgehen, dass Frau V. – psychisch und körperlich – dazu in der Lage sein würde.

Die Frage, die sich stellt, ist allerdings, ob Frau

V. überhaupt irgendwie zu helfen wäre. Alle Ver-

suche der letzten Jahre, sie langfristig in einem Wohnraum unterzubringen, scheiterten. Mehrere Sozialarbeiter bissen sich die Zähne an ihr aus:

Frau V. kam, bat um Hilfe, doch als Termine an- standen, war Frau V. wieder verschwunden. Vor allem Termine beim Sozialpsychiatrischen Dienst seien »ein rotes Tuch« für die obdachlose Frau gewesen, sagt eine Sozialarbeiterin. Lieber schlief

Frau gewesen, sagt eine Sozialarbeiterin. Lieber schlief Autonomie vor allem anderen: Frau V. in ihrem Wohnlager

Autonomie vor allem anderen: Frau V. in ihrem Wohnlager am Innsbrucker Platz… (Foto: Antje Görner)

sie bei minus 20 Grad unter freiem Himmel, als sich in die Hände von Ämtern zu begeben. Ihre Autonomie kam vor allem anderen.

Vor Jahren hatte Frau V., die aus Chemnitz stammt und dort als junge Frau bei der Post tä- tig war, in einer eigenen Wohnung gelebt. Sie schaffte alle möglichen Gegenstände in die Woh- nung und bald war kein Durchkommen mehr. Sie stellte vollbepackte Einkaufswagen vor der Haustür ab und als es dort anfing zu stinken, kamen die ersten Beschwerden. Bald war Frau V. wieder obdachlos – und wieder auf der Suche nach einem öffentlichen Platz, wo man sie eine Zeit lang in Ruhe ließe.

»Ein Armutszeugnis für die Sozialarbeit und die beteiligten Behörden, wenn es ihnen nicht ge- lingt, dieser Frau zu helfen«, sagt Volker Busch- Geertsema aus Bremen. »Housing First mit einer sehr individuellen Begleitung ist der notwendige Lösungsansatz. Sicher nicht ganz einfach, aber machbar.« Der Sozialwissenschaftler war Koor- dinator von Housing-First-Studien in fünf euro- päischen Ländern. Hinter Housing First verbirgt sich ein Ansatz, bei dem wohnungslosen Men- schen, auch denen mit komplexen Problemlagen, Wohnraum zur Verfügung gestellt wird, ohne das an Vorbedingungen, wie zum Beispiel den Nach- weis von »Wohnfähigkeit« zu knüpfen. Erst im nächsten Schritt wird dann individuelle, wohn- begleitende Hilfe angeboten, die ausdrücklich freiwillig ist. »Die wesentliche Erkenntnis vieler

Studien zu Housing First ist, dass alle Menschen wohnfähig sind, sofern sie die entsprechende Unterstützung erhalten.«

Während in Berlin bislang ein Projekt mit Housing-First-Ansatz fehlt, existiert in München ein Haus, das im Groben der Grundidee von Housing First folgt. Langjährig wohnungslosen Frauen, bei denen alle bisherigen Versuche, sie langfristig in einem Wohnraum unterzubringen, scheiterten, wird im Haus »Lebensplätze für Frauen« ein eigenes Apartment mit regulärem Mietvertrag zur Verfügung gestellt, ohne dass sie vorher – zum Beispiel – der Betreuung durch ei- nen Sozialarbeiter zustimmen müssen. Beratung und Hilfe wird angeboten, sie anzunehmen ist keine Pflicht. Von den 25 Frauen, die vor knapp zwei Jahren in das Haus eingezogen sind, ist bis- lang keine wieder ausgezogen.

Jahren in das Haus eingezogen sind, ist bis- lang keine wieder ausgezogen. …das nun geräumt wurde.

…das nun geräumt wurde. (Foto: Jutta H.)

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»Die Irren sind nicht die, die sich irren!« Christian Haase

Der Weg ist auch ein Ziel

REZENSION:

Guido

Fahrendholz

Haase Der Weg ist auch ein Ziel REZENSION: Guido Fahrendholz » Alles was gut ist« heißt

» Alles was gut ist« heißt der fünfte echte Longplayer des eigenwilligen Rockpoe- ten. Ab 30. August steht die Platte in den Regalen des gut sortierten Plattenhandels.

Leicht und bequem hat es sich Christian Haase damit sicherlich nicht gemacht. Komponieren, arrangieren, texten, diesen musikalischen Mehr- kampf beherrscht Haase wie kaum ein Zweiter. Doch bevor im Independent-Bereich eine Plat- tenfirma mit der Pressung der CD, der Promo- tion bei TV, Radio und Printmedien sowie dem Vertrieb einsteigt, müssen u. a. Studio, Pro- duktion und Artwork einer Scheibe finanziert sein. Dafür beschritten er und seine Bandkolle- gen vollkommen neue Pfade. Mit der Idee des Crowdfunding und, wie er es nennt, der nicht zu unterschätzenden Macht der Fans, wurde das Projekt gemeinsam gestemmt.

Alles was gut ist

Auf dem Album finden sich 13 knackig rockige Songs. Wie gewohnt klingt bei Haase keiner wie der andere. Und: Zwei Lieder sind länger als die unsinnige (ungeschriebene) »Drei-Minuten- Dreißig-Vorgabe« der Plattenfirmen! Der Sound klingt gereifter, handgemacht auf jeden Fall, ir- gendwie auch ein wenig größer im Vergleich zu Haases viertem Album »die besseren Zeiten«. Da haben Christian selbst, im Wesentlichen wohl aber auch sein Gitarrist, ausführender Produ- zent und langjähriger Freund, René Schostak, noch einmal ordentlich am Arrangement-Reg- ler geschraubt. Das Bett ist bereitet für Haases Texte, seine Paradedisziplin. Verständlich bis zum letzten Punkt. Mal wirkt er wie ein Erzähler, dann wieder fühlt man sich durch ihn wie der zufällige Teilnehmer an einem Gespräch. Er lädt seine Hörer regelrecht ein, sich an unterschied- lichen Stellen seines Albums selbst wieder zu

finden, manchmal auch ganz anders zu entde- cken. Christian Haase besitzt das Privileg einer großartig alltäglichen Eloquenz, die niemals zum Selbstzweck wird. Ein verstehendes Mitsingen wird nach absehbar kurzer Zeit garantiert. Oder wie er selbst es ausdrückt: »Keine Tralala-Musik mit Blabla-Poesie!«

D a s

aber auch sehen lassen.

Wer sich noch nicht mit dem komprimierten Hör(un)vergnügen der MP3-Online-Shops ab- gefunden hat, erhält mit dem Erwerb der CD so- wohl in der Haptik, aber vor allem auch inhalt- lich eine nicht zu unterschätzende Zugabe. Das hat dann auch weniger mit der Frage nach dem persönlichen Geschmack zu tun, als vielmehr mit der Freude am Lesen, dem Entdecken von Bildern und einer nicht erwarteten Widmung an einen gewissen Udo L.

E rg e b n i s

k a n n

s i c h

h ö re n ,

H a a s e

TV-Show »kaffeebankrott«

»Das Leben ist wie Tomatensaft im Flugzeug. Selten, aber wenn dann ist es Pflicht!« lautet eine Textzeile aus Christian Haases neuem Al- bum. Persönlich vermute ich darin ein Bewusst- sein für die Eigenverantwortung an dem Mitei- nander zu erkennen. Ich werde Christian Haase danach fragen, wenn er am 5. Februar 2014 bei uns im TV-Studio musikalischer Gast bei kaffee- bankrott sein wird.

&

B a n d

z u

G a s t

b e i

d e r

Wenn sie bei der Aufzeichnung der Show mit Haase & Band ebenfalls dabei sein wollen, lesen sie regelmäßig den strassenfeger oder senden sie mir eine E-Mail mit Ihren Kontaktdaten an radio@strassenfeger.org.

s t ra s s e n fe g e r ra d i o m a c h t keinen Wahlkampf

Trotzdem stellen sich Abgeordnete unseren Fragen Gerade auch der mediale Wahlkampf ist alle Jahre wieder ein interessantes und widersprüchliches Phänomen. Man sollte meinen, sämtliche Fraktionen und ihre Abgeordneten umkreisten die sich für diese Phase anbietenden Radio- und TV-Redaktionen wie Motten das Licht. Wir luden uns also Vertreter jedweder politischer Couleur ein ins strassenfeger radio-Studio.

Aber Wahlkampf ist in einem hohen Maße weitaus zielgruppenorientierter, als wir vermutet hatten. Die etablierten, sogenannten Volksparteien zogen sich entschuldigend, mit dem Hinweis auf zu geringe Zeitreserven, aus der Affäre während die »Liberalen« es nicht einmal für nötig hielten, uns überhaupt zu ant- worten! Dennoch finden immerhin zwei Abgeordnete des Bundestags ihren Weg in unser Studio. Den Anfang macht Ste- fan Liebig von der Fraktion »Die Linke« am 11. September. Ihm folgt am 18. Sep- tember Lisa Pauns von den »Bündnis- Grünen«. Beide stellen sich jeweils ab 17 Uhr eine Stunde lang unseren und auch ihren Fragen.

Guido Fahrenholz

INFO

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strassenfeger Radio Mittwochs 17 – 18 Uhr auf »88vier - kreatives Radio für Berlin«

UKW-Frequenzen 88,4 MHz (Berlin), 90,7 MHz (Potsdam & Teile Brandenburgs)

»88vier - kreatives Radio für Berlin« UKW-Frequenzen 88,4 MHz (Berlin), 90,7 MHz (Potsdam & Teile Brandenburgs)

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TAUFRISCH & ANGESAGT

Kulturtipps

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September 2013

skurril, famos und preiswert!

Kulturtipps aus unserer Redaktion

ZUSAMMENSTELLUNG :

1 AUSSTELLUNG

Laura

»Puro Pueblo«

Anlässlich des 40. Jahrestages des Militärput- sches in Chile zeigt der Freundeskreis Willy- Brandt-Haus die Ausstellung »PURO PUE- BLO«. Sie widmet sich den 1.000 Tagen der Unidad Popular Regierungszeit. Die Fotografien von John Hall und Michael Ruetz vermitteln einen Eindruck von der aufwühlen - den Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs, von den Straßen- festen und Demonstrationen und vom Streben nach einem sozial gerechteren Chile. Zwischen 1970 und 1973 durchlebte Chile eine einzigar- tige Phase in seiner Geschichte. In den Präsi- dentschaftswahlen im September 1970 siegte zum ersten Mal ein Kandidat, Salvador Allende, der einen friedlichen Weg zum demokratischen Sozialismus einschlagen wollte. Seine Botschaft hatte die Massen erobert.

Noch bis zum 18. September, Eintritt frei!

Von Dienstag bis Sonntag von 12 Uhr bis 18 Uhr

Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V. Stresemannstraße 28, 10963 Berlin Info & Bild: www.freundeskreis-wbh.de

2 FAMILIE

»Familienwerkstatt:

Nanu, wie geht das?”

»Nanu«, das Gummibärchen, hat im Museum ein großes Dampfschiff entdeckt. Es ist aus Eisen und wiegt bestimmt ziemlich viel. Müsste das nicht eigentlich untergehen? »Warum schwimmt ein Schiff?«, fragt sich »Nanu«. Das können neugierige Kinder und ihre erwachsenen Begleiter in der Familienwerkstatt erforschen. Gemeinsam wird zum Thema Wasser und Auftrieb experimentiert. Die Familienwerkstatt »Nanu, wie geht das?« ist für Kinder ab vier Jahren und deren Familien. Die Werkstatt dauert circa 30 Minuten. Eine Anmeldung ist nicht notwendig.

7. September, 14.30 Uhr, 15.15 Uhr & 16 Uhr

Eintritt: 6 € / ermäßigt: 3,50 €, Mini-Familienkarte (ein Erwachsener, zwei Kinder) 7 €, Maxi-Familien- karte (zwei Erwachsene, drei Kinder) 13 €

Deutsches Technikmuseum Bildungsraum, Trebbiner Straße 9, 10963 Berlin

Info & Bild: www.sdtb.de

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MUSIK

»Labelnacht«

Das Berliner Label »Fortschritt Musik« lädt anlässlich zweier Neuveröffentlichungen zur Labelnacht ein. Die Berliner Band »Yellowback« bringen an diesem Abend ihre neuen Aufnah- men »Wer hat Angst vor Rot, Grün, Gelb und Blau?« zu Gehör. »Yellowback« entwerfen mit Schlagzeug, Bass, Gitarre, Laptop und mehr- stimmigem Gesang eine Mischung aus Instru- mental- und klassischer Rock-Popmusik, Soundcollagen und Elemente aus Funk, Jazz, Soul keine Fremdworte sind, so wie in ihrem Stück 20minutes. Danach spielt die Band »Postmodern Orchester«. Drums, Bass, Gitarre und Piano geleiten, vocalfrei durch emotionalen Jazzrock. Mit dabei sind auch die Musiker der Bands »Hands up-excitement« um deren Frontmann Hans Narva, der für die »Inchtabo- katables« spielte und den eher als Schauspieler bekannten Gitarristen August Diehl. »Me to my wall« werden mit ihren popmusikalischen Perlen das Publikum bezaubern.

7. September, Einlass 20 Uhr, Beginn 21 Uhr

Eintritt: 12€ / ermäßigt: 9€

Berghain / Panorama Bar Am Wriezener Bahnhof, 10243 Berlin

Info & Bild: www.berghain.de

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FILMFESTIVAL

»Down Under Berlin«

Das Ziel von »Down Under Berlin – Australian Film Festival« ist die multiperspektivische Vermittlung von australisch-asiatischer Kultur und Filmkultur in Deutschland. Das Moviemento zeigt dazu Kurz- und Langfilme, Dokumenta- tionen und Spielfilme, Mainstream und Independent-Produktionen. Gemeinsam mit dem Festivalpubli- kum vergibt der Veranstalter die »Down Under Berlin Audience Awards« in den Kategorien Kurzfilm, Langfilm und New Talents Showcase, der neuen Sektion mit Debutfilmen der australischen Filmhochschulen. Mit der Sektion New Zealand erweitert das Moviemento in diesem Jahr das Festivalprogramm und präsentiert Filme aus Neuseeland. »Down Under Berlin« zeigt 63 Filme, darunter zehn Weltpremieren, 25 Europapremieren, 51 Deutschland- premieren und 56 Berlinpremieren. Alle Filme laufen in ihrer Originalversion.

12. - 15. September, Eintritt: 7,50 €/Film

Ticketvorbestellung: per Telefon unter

030 - 6924785

Moviemento Kino Kottbusser Damm 22, 10967 Berlin

Info & Bild: www.downunderberlin.de

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Kulturtipps

TAUFRISCH & ANGESAGT

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VORSCHLAGEN Sie haben da einen Tipp? Dann senden Sie ihn uns an: redaktion@strassenfeger.org Je skurriler,
VORSCHLAGEN
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redaktion@strassenfeger.org
Je skurriler, famoser und
preiswerter, desto besser!
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6 FESTIVAL
»Moabiter Musiktage«
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5 RELEASE PARTY

»Die Preziöse«

Das geschriebene Wort steht im Zentrum der Release Party für »Die Preziöse«. Die neue Zeitschrift für anspruchsvolle, queere Publizistik richtet sich an alle, die sich jenseits heteronor- mativer Kriterien definieren. Vor allem will die »Die Preziöse« eine Zeitschrift für die Frau sein, die sich gegen die Heteronormativität definiert. Ob sie sich nun lesbisch, bi, queer, asexuell oder undefined nennt, die Macher von »Die Preziöse« wollen ihre Zeitschrift zum Medium dieser Frauen machen. Die Zeitschrift wird sich mit sexueller Orientierung und Identität und mit gesellschaftlichen und kulturellen Aspekten der Welt befassen. Anhand von Texten und Fotogra- fien wollen die Macher das ganze Spektrum des »normalen« Lebens zeigen. Mit Performances und DJs wird am 14. September das Erscheinen der zweiten Ausgabe gefeiert.

Am 14. September, ab 23 Uhr, Eintritt: Bitte selbst erkundigen!

Kontakt: 030 - 609 418 53 Südblock, Admiralstr. 1-2, 10999 Berlin

Info: www.startnext.de/die-prezioese / www.diepreziöse.de Bild: www.diepreziöse.de

Am ersten Tag der Moabiter Musiktage finden auf der Turmstraße zwischen Oldenburger Straße und Waldstraße kleine akustische Straßenmusikkonzerte auf dem Gehweg statt. Mit Hilfe eines Rotationssystems werden 13 verschiedene Ensembles aller möglichen Musikrichtungen an 13 Spielorten insgesamt 39 Sets spielen. Darbietungen von Pop über Swing und Folk bis hin zu Klassik verwandeln den Abschnitt der Turmstraße in einen Ort, an dem sich Straßengeräusche mit Musik mischen und ergänzen. Am zweiten Tag wird es überall im Hof des »Berlin Kollegs« in der Turmstraße 75 ein schillerndes Programm geben. Von Live- Konzerten verschiedenster Musikrichtungen, diversen Musikinstrumenten-Bastelstationen, über interaktive Sound-Installationen bis hin zu der Teilnahme zahlreicher Initiativen aus Moabit wird einiges zu bestaunen sein.

13.9. 16-18 Uhr & 14.9. 15-21 Uhr, Eintritt frei!

Am 13. September auf der Turmstraße, 10559 Berlin.

Am 14 September auf dem Hof des »Berlin Kollegs«, in der Turmstraße 75, 10559 Berlin.

Info & Bild: www.moabitermusiktage.de

8 LESUNG & DISKUSSION

»Clarice Lispector «

Mit der mutigen, radikal subjektiven Erfor- schung der inneren Wirklichkeit ihrer Protago-

nistinnen beschritt Clarice Lispector, die von

1920 bis 1977 lebte, ungewohnte Wege in der

brasilianischen Literatur. Die Lesung stellt die ersten beiden Romane »Perto do coração selvagem« / »Nahe dem wilden Herzen«, der

1943

erschien und »O lustre« / »Der Lüster« von

1946

in deutscher Übersetzung vor und zeigt

den sprachlichen Reichtum der latein-amerikani- schen Ikone. Der US-amerikanische Literatur- wissenschaftler Dr. Benjamin Moser, Autor einer neuen Biografie Lispectors, wird Stationen des wechselvollen Lebens und die Grundmotive des Schreibens dieser faszinierenden und wider- sprüchlichen Persönlichkeit erläutern.

10. September, 19 Uhr, Eintritt frei!

Ibero-Amerikanisches-Institut Simón-Bolívar-Saal, Potsdamer Str. 37, 10785 Berlin

Info: www.iai.spk-berlin.de Bild: © Paulo Gurgel Valente

7 PERFORMANCE

»Politisches Solo«

Im Kontext der anstehenden Bundestagswahl eröffnet das Theater- und Performancela- bel »müller*****« mit der Produktion »Politisches Solo« den Diskursraum Theater. Welchen Wert oder Nutzen hat das politische Instrument »Wählen«? Auf der Suche nach konventionellen und unkonventionellen Partizipationsformen setzt sich Elisa Müller in ihrer Performance Politisches Solo einer radikalen Selbstbefragung aus und überprüft ihr bisheriges und ihr noch nicht getätigtes, mögliches und notwendiges, zukünftiges, politisches Handeln. »Politisches Solo« ist Performance und zugleich interdisziplinäre Aktionsform. Im Anschluss an die Aufführung sind Experten zu Gast, um aus ihrer Perspektive darüber zu sprechen, welchen Sinn oder welche Funktion Wahlen zugeschrieben werden und welche Möglichkeiten der Partizipation uns das System Demokratie bietet oder bieten könnte.

5. & 7. September, 20 Uhr, Eintritt: 13 €, ermäßigt: 8€ / 3€

Kartenbestellung: 030 – 4098395 oder tickets@ehrlichearbeit.de

Vierte Welt, Adalbertstr.4, Galerie, 10999 Berlin

Info & Bild: www.viertewelt.de

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TAUFRISCH & ANGESAGT

Sport

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& ANGESAGT Sport strassenfeger | Nr. 18 | September 2013 Diese großartigen Jungs haben den »Cup

Diese großartigen Jungs haben den »Cup of Tolerance« geholt!

D eutschland ist eine Turniermannschaft! Das be- wies die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Obdachlosen beim Homeless World Cup 2013 in Poznan. Das Team von Trainer Jiří Pa- courek steigerte sich von Spiel zu Spiel und be-

siegte im Finale des »Cup of Tolerance« die Mannschaft aus Norwegen mit 3:1. Für das ganz große Finale beim Homeless World Cup hatte es nicht gereicht, dafür war die Qualität ei- niger Mannschaften einfach zu groß. Doch darum ging es vor- dergründig auch nicht. Stattdessen soll der Fußball die Teil- nehmer inspirieren, ihr eigenes Leben zu verändern. Wenn Obdachlose Fußball spielen, müssen sie kommunizieren. Sie bauen Beziehungen zu anderen Menschen auf, sie werden Teamkollegen. Sie lernen, anderen Menschen zu vertrauen, sie übernehmen Verantwortung. Sie fühlen sich als Teil von etwas Großem.

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C h i l e .

Nachfolgend stellen sich die Spieler und der Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft der Obdachlosen selbst vor. Dann berichtet Hary Milas, einer der Schieds- richter beim Turnier, über die Herausforderungen beim Homeless World Cup. Und schließlich erzählt der Teamma- nager Lars Wehrmann über seine Beweggründe, sich für den Obdachlosenfußball zu engagieren.

Homeless World Cup 2013 in Poznan

Deutschland gewinnt »Cup of Tolerance« bei der Obdachlosen-Fußball-WM in Polen

Daniel »Danny« Malter:

Ich komme aus Nürnberg, bin 28 Jahre alt und obdachlos. Ich schlafe mal bei einem Kollegen, mal beim Onkel. Eine Wohnung zu finden auf dem freien Wohnungsmarkt ist sehr schwer. Das Jobcenter Nürnberg will einfach keine Maklergebühren bezahlen. Ich habe zwei Jahre eine Lehre zum Maler und Lackierer gemacht. Dann hätte ich einen Ausbildungsbetrieb fin- den müssen, der mich anlernt. Das hat nicht ge- klappt, deswegen gelte ich jetzt beim Jobcenter als Lehrabbrecher.

Seit drei Jahren bin ich beim Obdachlosenfußball dabei. Erst habe ich mittrainiert, dann habe ich angeboten, den Torwart zu machen. Letztes Jahr habe ich mir ‘nen Kreuzbandriss zugezogen und einen Meniskusschaden. Und jetzt bin ich Torhü- ter in der deutschen Nationalmannschaft. Geil!

Ich find‘s total in Ordnung, was die Leute in Poznań geleistet haben, angefangen vom Aufbau des Turnierplatzes bis hin zu unserer Versorgung. Mit meiner Leistung hier bin ich bis jetzt ganz zu- frieden. Ich stehe hinter meiner Mannschaft, egal ob wir verlieren oder gewinnen. Jeder steuert auf seine Art und Weise zum Team bei.

Nach der WM hoffe ich, dass sich das Jobcen- ter endlich um meine Lehrstelle kümmert. Dann will ich mich intensiv um die Wohnungssuche bemühen. Vielleicht hat meine Verlobte bis da- hin schon eine Wohnung gefunden für uns.

PROTKOLLE,

INTERVIEWS

&

FOTOS:

Andreas

Düllick

©VG

Bild-Kunst

INTERVIEWS & FOTOS: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst Thomas »Tommi« Tomsa Daniel »Danny« Malter T h o

Thomas »Tommi« Tomsa

Daniel »Danny« Malter

Bild-Kunst Thomas »Tommi« Tomsa Daniel »Danny« Malter T h o m a s »To m m

T h o m a s »To m m i « To m s a :

Ich bin 21 und komme aus Kaiserslautern. Ich bin obdachlos. Bei uns in der Einrichtung, dem Caritas-Förderzentrum St. Christophorus, gibt’s ‘ne Fußballmannschaft. »Lautrer Buwe« heißt die. Ich selbst bin Abwehrspieler. Mein Lieb- lingsverein ist natürlich der 1. FC Kaiserslautern. Mein Lieblingsspieler ist Zinédine Zidane.

Hier in Polen bei der WM ist es eine ganz coole Atmosphäre. Ich fühl mich hier richtig wohl, es macht riesigen Spaß. Und es ist alles eini- germaßen gut organisiert. Passt. Die anderen Mannschaften hier sind ganz schön stark hier. Aber ich meine, wenn man auf eine Weltmeis- terschaft geht, muss man das auch erwarten. Deshalb haben wir im Trainingslager auch viel taktisches Training gemacht. Körperlich waren wir recht fit.

Wie es bei mir persönlich nach der WM weiter- geht, weiß ich noch nicht so genau. Ich muss einige private Sachen regeln. Doch darüber möchte ich nicht reden.

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Enrico Denker:

Ich bin 22 Jahre alt, komme aus Celle und lebe in einem Ob- dachlosenheim, dem »Kalandhof«. Durch meine Spielsucht und Drogenmissbrauch bin ich aus meiner Pflegefamilie raus- geflogen.

Ich bin sehr stolz darauf, Nationalspieler zu sein! Ich kann mal sagen, dass ich bei der WM mitgespielt habe. Das ist eine sehr große Ehre für mich. Mein Lieblingsverein ist Bayern München, mein Lieblingsspieler ist Sebastian Deisler. Ich selbst spiele im Sturm, meine Lieblingsposition ist Linksau- ßen. Wie viele Tore ich schieße, ist mir egal. Hauptsache die Mannschaft gewinnt. Die Mannschaften hier sind richtig gut. Damit habe ich aber gerechnet. Hier wird extrem guter Fuß- ball gespielt. Aber unser Team ist auch gut. Wenn man weiß, dass wir erst seit zwei Wochen zusammen trainieren und uns vorher gar nicht kannten. Ich muss ehrlich sagen: Ganz gro- ßer Respekt für unsere Mannschaft, den Trainer, das Manage- ment, das ist wirklich prima.

Nach der WM mache ich eine Ausbildung zum Landschafts- gärtner. Lernen ist für mich das Wichtigste. Ich habe auch eine Freundin, zu der will ich auf jeden Fall den Kontakt halten. Zu meiner Pflegefamilie will ich den Kontakt wieder aufnehmen und versuchen, halt das Beste aus allem machen.

aufnehmen und versuchen, halt das Beste aus allem machen. Enrico Denker Sven Nörenberg: Ich bin 35

Enrico Denker

Sven Nörenberg:

Ich bin 35 Jahre alt und komme aus Berlin-Neukölln. Ich musste vor einigen Monaten nach Rostock ziehen, weil ich obdachlos bin. In Berlin war mir alles durcheinandergekom- men. Ich hatte einen Job und eine Wohnung, bei mir war alles toll. Aber dann musste ich meinen Job kündigen, musste alles aufgeben und aus Berlin raus. In Rostock wohne ich im Wohn- heim. Ich will versuchen, irgendwo wieder Fuß zu fassen, eine Wohnung zu kriegen und einen Job.

Ich liebe Fußball, schon als kleiner Junge habe ich Fußball geguckt. Über das 6:1von Hertha BSC gegen Eintracht Frank- furt habe ich mich gefreut. Mein Lieblingsspieler ist Zinedane Zidane. Ich selbst spiele auch eher defensiv.

Unser Team ist schon eine zusammengewürfelte Truppe. Je- der hat seine speziellen Probleme. Im Trainingslager konn- ten wir uns ein wenig vorbereiten. Aber damit alles perfekt läuft, braucht man einfach mehr Zeit, die hatten wir eigent- lich nicht. Trotzdem ist die Atmosphäre hier bei uns ganz gut, trotz einiger miserabler Spiele von uns. Unser Trainer ist in Ordnung, der ist einer von uns. Er versteht uns, der hat selber Dinge wie wir durchgemacht. Die Atmosphäre und die Orga- nisation hier beim World Cup finde ich ganz toll.

Adley Kölsch:

Ich bin 22 Jahre alt. Geboren bin ich in Brasi- lien, jetzt lebe ich seit zehn Jahren in Hamburg und bin in einer Drogentherapie. Da haben wir eine Mannschaft, »Jugend hilft Jugend«, die kickt jeden Sonntag. Ich spiele im Mittelfeld, das ist meine Lieblingsposition. Als mich unser Natio- naltrainer fragte, ob ich Lust hätte, in der Natio- nalmannschaft zu spielen, da habe ich natürlich ja gesagt. Ich spiele gerne für Deutschland, das ist eine Ehre für mich! Einen Lieblingsverein habe ich keinen. Mein Lieblingsspieler ist der Brasilianer Neymar.

Mit den Jungs im Team komme ich gut klar. Sie sind ein bisschen kompliziert, aber jeder Mensch ist anders. Das ist kein Problem für mich. Die Mannschaften hier sind echt stark, aber wir sind auch stark. Die Jungs aus Mexiko haben uns zwar weggeballert, aber es war sehr cool, gegen sie zu spielen. Es geht hier nicht immer nur ums Ge- winnen, es geht um den Spaß. Und, dass wir alle zusammenwachsen, eine Mannschaft werden, das ist das Wichtigste für mich.

Nach der Weltmeisterschaft geht es wieder zur Therapie. Ich bin noch bis Februar 2014 dort. Dann kann ich mir eine eigene Wohnung suchen. Ich will auch anfangen zu arbeiten. Ich habe ei- nen Praktikumsplatz als Maler in Aussicht. Und:

Ich will eine Familie haben. Ich habe eine Toch- ter, die ist jetzt ein Jahr und drei Monate alt. Ich will alles auf die Reihe bekommen, was ich vor- her nicht hingekriegt habe, weil ich Drogenprob- leme hatte. Jetzt geht es mir gerade sehr gut, mit Fußball ist alles möglich.

Tim Bauer:

Ich bin 21 Jahre alt und komme aus Heppenheim. Ich hatte Schwierigkeiten mit meiner Mutter. Nachdem ich zweieinhalb Jahre in einem Heim untergebracht war, ging es dann wieder bergauf. Ich habe mein Leben in die eigenen Hände ge- nommen und mir das, was ich jetzt wieder bin, Stück für Stück aufgebaut. Zum Straßenfußball gekommen bin ich über die soziale Einrichtung, in der ich lebe, gekommen. Ich bin stolz drauf, bei den »Bensheim Panthern« mitzumachen. Ich bin Stürmer, Abwehr ist nicht so mein Ding.

Die Jungs, mit denen ich hier bin, die sind alle gute Spieler. Wir halten richtig gut zusammen, wir trainieren zusammen, es ist alles perfekt. Unser Trainer ist einer, der weiß, wie man eine Mannschaft wie uns führt. Hier bei der Welt- meisterschaft haben wir bisher durchwachsen gespielt. Aber in jeder Mannschaft gibt es mal ein Tief, das ist normal. Da geht auf jeden Fall noch mehr, und das werden wir im nächsten Spiel ver- suchen zu beweisen.

In Heppenheim fange ich jetzt eine Ausbildung als Landschaftsbauer an. Und ich mache viel mit meiner Frau zusammen. Wir werden Ende November heiraten und uns hoffentlich etwas Gemeinsames aufbauen. Gerade läuft alles ganz gut für mich.

hoffentlich etwas Gemeinsames aufbauen. Gerade läuft alles ganz gut für mich. Adley Kölsch Sven Nörenberg Tim

Adley Kölsch

hoffentlich etwas Gemeinsames aufbauen. Gerade läuft alles ganz gut für mich. Adley Kölsch Sven Nörenberg Tim

Sven Nörenberg

hoffentlich etwas Gemeinsames aufbauen. Gerade läuft alles ganz gut für mich. Adley Kölsch Sven Nörenberg Tim

Tim Bauer

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O l i ve r

» O l l i «

B a c h m a n n :

Ich bin 22 Jahre alt und komme aus Augsburg, vorher wohnte ich in Lutherstadt Wittenberg. Bis zum 1. Juli war ich in einer Drogentherapie. Jetzt bin ich in einer Adaption, das ist eine Nachsorge, um mich zu stabilisieren. Zum Obdachlosenfuß- ball kam ich über den Kompass Hof in Mindelheim, das ist eine Einrichtung der Drogenhilfe. Normalerweise spiele ich vorne in der Spitze. Als ich in die deutsche Nationalmannschaft be- rufen wurde, das war ein Hammergefühl. Als wir uns dann zur Vorbereitung getroffen haben, da war der erste Eindruck schon komisch. Alles war so neu. Aber das hat sich sehr schnell gelegt. Wir haben uns eigentlich alle von Anfang an gut verstanden. Unser Trainer ist sehr professionell und erwartet Leistungen von uns. Wir gucken uns jeden Abend die Spiele noch mal an und sprechen drüber. Dass unsere Mannschaft jetzt so gut zu- sammenspielt, dass ist einfach gute Arbeit von ihm.

Mein Lieblingsverein ist Borussia Dortmund, meine Lieb- lingsspieler sind Christiano Ronaldo, Mario Götze und Ro- bert Lewandowski.

Wenn ich jetzt zurückkomme, habe ich noch zweieinhalb Mo- nate in der Adaption. Es war nicht ganz einfach, neu anzufan- gen, mein ganzes Umfeld zurückzulassen. Ich werde versu- chen, eine Wohnung zu finden. Und ich will eine Ausbildung anfangen als Garten-Landschaftsbauer.

will eine Ausbildung anfangen als Garten-Landschaftsbauer. Oliver »Olli« Bachmann Kai-Uwe Weber K a i - U

Oliver »Olli« Bachmann

als Garten-Landschaftsbauer. Oliver »Olli« Bachmann Kai-Uwe Weber K a i - U we We b e

Kai-Uwe Weber

K a i - U we We b e r :

Ich bin 26 Jahre alt und komme aus Hamburg. Seit April werde ich von der »rue 66« betreut, das ist eine Einrichtung für Menschen in beson- deren sozialen Schwierigkeiten, unter anderem auch Wohnungslosigkeit. Vorher war ich fünf Jahre lang ohne festen Wohnsitz. Mit neun Jah- ren kam ich durch einen Freund zum Fußball, in der E- Jugend habe ich bei »Blau-Weiß Schene- feld« in Schleswig-Holstein gespielt.

Hier beim Welt Cup habe ich mich sehr wohl ge- fühlt. Organisation, Verpflegung und Unterkunft waren wirklich gut. Insgesamt hat es mir großen Spaß gemacht. Leider konnte ich mich mit den Spielern anderer Mannschaften nicht so gut ver- ständigen, weil mein Englisch nicht so gut ist.

Nach der WM will ich mich auf die Arbeits- suche konzentrieren, langfristig möchte ich in Hamburg eine eigene Wohnung beziehen. Viel- leicht spiele ich auch wieder im Verein Fußball. Das ist eine schöne Ablenkung und eine gute Möglichkeit, mit meiner ADHS- Erkrankung umzugehen.

J i ř í

Pa co u re k ( Tr a i n e r ) :

Ich bin 32 Jahre alt und komme aus Karlsbad in Tschechien. Vor acht Jahren kam ich nach Deutschland, weil ich spiel- süchtig war. Ich war wirklich auf der Straße, ohne Wohnung und Notschlafstelle. Ich habe ein Fachabitur in Tschechien gemacht, damit konnte ich gut arbeiten. Aber der Spielsucht ist es egal, wie viel Geld man verdient.

Jetzt lebe ich in Nürnberg. Ich habe selber 2010 bei der Fuß- ball-Weltmeisterschaft der Obdachlosen in Brasilien gespielt für die Nationalmannschaft. Danach habe ich angefangen, so- ziale Projekte zu machen. Jetzt habe ich ein offenes Projekt für Nürnberg, das heißt »KIBA«(»Körper in Bewegung Aktiv«). Und ich arbeite mit der Beratungsstelle »Rampe e. V.« an der sozialen Stabilisierung von jugendlichen Obdachlosen bzw. Menschen aus schwierigen Verhältnissen.

Jetzt bin ich Trainer der Nationalmannschaft der Obdachlo- sen und arbeite mit dem Team von »»Anstoß! e.V.«« sehr gut zusammen. Ein Team zu trainieren, das sich überhaupt nicht kennt, das ist sehr schwer. Wir haben Leistung trainiert,

aber auch Spiel und Spaß, haben kommunika- tive Spiele für die Gruppendynamik gemacht. Jetzt halten wir super zusammen und machen jeden Tag kleine Fortschritte. Unser Ziel war nicht, hier herzukommen und Weltmeister zu werden. Wir wollen einfach Deutschland gut repräsentativeren mit Fair Play. Mir ist es am wichtigsten, mit acht zufriedenen Menschen nach Hause zu kommen, die dann sagen: »Fuß- ball war das Schönste, und wir haben etwas ganz Besonderes erlebt.

Nach der WM habe ich große Pläne: Ich habe durch die Arbeit in den sozialen Projekten viele pädagogische Erfahrungen sammeln können. Jetzt kann ich an der evangelischen Fachhoch- schule in Nürnberg einen Bachelor of Arts in So- zialarbeit machen. Das macht mich unglaublich stolz. Und es beweist auch, dass der Fußball wirk- lich viel bewegen kann.

auch, dass der Fußball wirk- lich viel bewegen kann. Jiří Pacourek Stefan Huhn und Katrin Kretschmer

Jiří Pacourek

der Fußball wirk- lich viel bewegen kann. Jiří Pacourek Stefan Huhn und Katrin Kretschmer vom Anstoß!

Stefan Huhn und Katrin Kretschmer vom Anstoß! e.V

An die Adresse des DFB

Wir freuen uns alle sehr darüber, dass der uns der Deutschen Fußball-Bund über die Sepp-Herber- ger-Stiftung und die Egidius-Braun-Stiftung bei einzelnen Projekten in Deutschland unterstützt. Das betrifft die Deutschen Meisterschaften und auch die Fortbildung der Sozialarbeiter. Das ist wirklich toll.

Aber: Leider hat sich bei diesem herausragen- den Ereignis– es war immerhin eine Fußball- Weltmeisterschaft, an der 13 Frauen- und 46 Männer-Teams aus Europa, Afrika, Asien, Amerika und Lateinamerika teilgenommen haben – kein Vertreter des DFB sehen lassen.

Dabei wäre es für diese großartigen Jungs so wichtig ge- wesen, Unterstützung und Wertschätzung seitens des DFB bei diesem Turnier zu erfahren. Der größte Sportverband der Welt hätte diese Mannschaft mit schicken Nationaltri- kots, mit Hosen, Trainingsanzügen, Stutzen, Fußballschu- hen und Taschen ausstatten können. Diese Jungs hatten ein einziges Trikot (!), ein Trikottausch mit den gegneri- schen Spielern, wie wir es ja von der Nationalmannschaft kennen, war nicht drin. Schade! Für den DFB mit seinen Großsponsoren wie Adidas etc. ein Klacks – für die Jungs und deren Betreuer eine ganz tolle Sache. Vorschlag an den DFB-Präsidenten: Laden Sie diese Jungs und deren Be- treuerteam von »»Anstoß! e.V.«« zum nächsten Spiel der deutschen Nationalmannschaft in ein!

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Nr. 18 | September 2013 Sport TAUFRISCH & ANGESAGT | 27 Fair geht vor: Sven Nörenberg,

Fair geht vor: Sven Nörenberg, Hary Milas und Jiří Pacourek

Interview mit dem Schiedsrichter Hary Milas, 48, aus Melbourne (Australien)

Andreas Düllick: Wie wird man Schiedsrichter beim Homeless World Cup? Hary Milas: 2008 in Melbourne wurden Schiedsrichter für den Homeless World Cup ge- sucht. Die lokale Föderation wollte keine Schieds- richter bereitstellen, weil kein Geld gezahlt wurde. Ich betreibe eine Website für Schiedsrichter und einer meiner Freunde erzählte mir vom Cup. Ich dachte, das ist eine fantastische Idee. Also habe ich Schiedsrichter gebeten, mitzumachen. Innerhalb von zwei Tagen hatten wir dann 35 Schiedsrichter zusammen. Ich war einer davon. Wir organisier- ten dann, dass die internationalen Schiedsrichter mit Turniererfahrung die lokalen Schiedsrichter prüfen: Wer ist ein guter Schiedsrichter, kommu- nizieren sie mit den Spielern, gehen sie auf die Spieler und auf die Teammanager ein, hören sie zu? Ich war glücklich, dass ich ausgewählt wurde und mitmachen durfte. Seitdem bin ich beim Homeless World Cup dabei.

Wir müssen begreifen, dass viele der Spieler Probleme haben. Aggressivität, Alkohol, Drogen und andere Probleme. Man muss den Grat finden, man kann nicht zu hart sein, wenn man ein Urteil abgibt. Man muss behutsam mit diesen Spielern sprechen, und auch die Sprachverständigung kann ein Problem sein. Die größte Herausforde- rung ist, einfach nur deinen Job zu tun, ohne dass die Spieler sich schlecht fühlen. Du trägst zwar eine Uniform, aber manche der Spieler reagieren aggressiv darauf. Die größte Herausforderung ist, jemanden mit Respekt und Behutsamkeit klarzumachen: Du hast etwas falsch gemacht.

Wie schätzen Sie das Turnier hier in Poznan ein?

Die Organisatoren haben gute Arbeit geleis- tet. Es ist schön, dass viele Zuschauer gekommen sind. Die Wettbewerbe waren gut. Es gab sehr viel Respekt zwischen den Teams. Und die Spiele sind wirklich sehr gut. Das Turnier war nicht ganz so groß wie in Mexiko, aber ich glaube, es gab hier mehr Zusammenhalt.

Was ist die größte Herausforderung für einen Schiedsrichter bei einem solchen Turnier?

Gespräch mit Lars Wehrmann, dem Teammanager der deutschen Nationalmannschaft

Andreas Düllick: Lars, wie wird man denn Teammanager? Lars Wehrmann: Ich habe 2006 mit Katrin Kretschmer, zwei weiteren Kommilitonen und Jo Tein von Hempels in Kiel die deutsche Meister- schaft angefangen. Seit dem ist sie auch das Sich- tungsturnier für den Homeless World Cup. Alle, die bei »»Anstoß! e.V.«« arbeiten haben bis auf die letzten drei Jahre, wo es eine Förderung durch die »Aktion Mensch« gab, immer ehrenamtlich gearbeitet. Insofern mussten wir die Aufgaben aufsplitten. Und solche Sachen wie der Homeless World Cup sind zwar megaanstrengend, aber ein super gutes, zeitlich begrenztes Projekt, für das man sich frei nehmen kann. Insofern ist das einfach so, dass wir angefangen haben, uns das aufzuteilen. Mal ist Katrin als Team-Managerin mitgefahren, mal bin ich mitgefahren, Wenn es in der Nähe stattgefunden hat, waren wir beide da.

Was machst Du im Hauptberuf? Ich bin Fotograf und betreibe einen Surf- shop.

Was bedeutet der Homeless World Cup für Dich in sportlicher, sozialer und menschlicher Hin- sicht? Der Homeless World Cup ist für »Anstoß! e.V.« eine Art Leuchtturm-Event. Wo wir durch die mediale Aufmerksamkeit zeigen können, was wir machen, was unsere Spieler leisten, was das Ergebnis der Sozialarbeiter ist, die mit Sport So- zialarbeit machen.

Wie wird das Team Germany aufgestellt? Das ist ja wahr- scheinlich nicht ganz so einfach? Die deutsche Meisterschaft ist das Sichtungsturnier für das Team Germany. Alle Spieler, die dort hinkommen, werden genau unter die Lupe genommen, und dann stellt der Bun- destrainer aus den Kandidaten einen Kader zusammen. Im Trainingslager guckt man dann noch ein bisschen genauer.

Welche Kriterien gibt’s für eine Nominierung? Die Spieler müssen mindestens 16 sein und nach der of- fiziellen Definition zu einem Zeitpunkt innerhalb des letzten Jahres wohnungslos. Oder sie erzielen ihr Haupteinkommen aus dem Verkauf von Straßenzeitungen, sie sind Asylsuchende - mit weder positivem Asylstatus noch Arbeitserlaubnis. Oder sie befinden sich derzeit auf einem Drogen- oder Alkoholent- zug und waren nach der offiziellen Definition zu einem Zeit- punkt innerhalb der letzten zwei Jahre wohnungslos. Für uns ist wichtig, dass die Spieler mental dazu bereit sind und es für sie eine Art Belohnung ist, ein schaffbarer Schritt. So eine WM ist eine Megabelastung. Die Spieler müssen schon diesen Stress hier aushalten. Diese ganzen Konflikte, die aufkom- men, wenn man zwei Wochen lang mit Personen, die man noch nicht lange kennt, auf einem Zimmer wohnt. Wenn man vielleicht die Hälfte aller Spiele verliert, dann noch mal ein Drittel nur knapp gewinnt, das zehrt schon ganz schön an den Nerven. Und das sieht man auch immer wieder am Ende der zweiten Phase, wo eigentlich die ersten größeren Auffälligkei- ten auftreten, bei allen Teams.

Wie geht Ihr mit Konflikten im Team oder mit Disziplinver- stößen um? Wir haben wenig Mittel, darauf zu reagieren, weil wir die Spieler nicht langfristig betreuen, sondern nur dieses Event

Spieler nicht langfristig betreuen, sondern nur dieses Event Lars Wehrmann INFO › www.sozialsport.de ›

Lars Wehrmann

INFO

INFO
INFO
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www.sozialsport.de

www.homelessworld-

cup.org/poznan-2013

betreuen, sondern nur dieses Event Lars Wehrmann INFO › www.sozialsport.de › www.homelessworld- cup.org/poznan-2013

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& ANGESAGT Sport strassenfeger | Nr. 18 | September 2013 Fußball verbindet! haben. Hier gibt es

Fußball verbindet!

haben. Hier gibt es natürlich fußballerische Regeln, Spieler können gesperrt oder für einige Spiele ausgeschlossen wer- den. Wir versuchen, gemeinsam mit den Spielern ihre Prob- leme zu bewältigen. Wenn der Stress aus verlorenen Spielen kommt, dann versuchen wir ganz stark darauf hinzuwirken, dass die Spieler erkennen, dass man ein Spiel verlieren kann, aber dennoch seine persönlichen Ziele erreichen kann. Und wenn man die erreicht, dann ist man nicht der Verlierer, son- dern man hat nur ein Spiel verloren.

Wie ist es mit der Finanzierung des Team Germany hier beim Homeless World Cup und generell für den »Anstoß! e.V.« bestellt? Schwierig. Vielleicht dadurch, dass wir bundesweit agieren, müssen wir relativ große Firmen ansprechen. Das ist immer relativ schwierig. Wenn man dahin geht und sagt, wir brauchen zigtausende Euro, dann ist das wahrscheinlich leichter, aber für einen Homless Worldcup brauchen wir je nach Austragungsort nur ein einige Tausend Euro für die Anreise und Sportausrüstung. Der nächste Punkt ist, dass es natürlich Vorbehalte unseren Teilnehmern gegenüber gibt. Die Jungs haben sich aber aus großen Schwierigkeiten her- aus gekämpft und sind schon riesig weite Schritte gegangen. Trotzdem bleibt es schwer zu zeigen, dass ganz normale Jungs in die Wohnungslosigkeit geraten können, das ist der Grund warum ich die ganzen Fotos mache. Um zu zeigen, dass dieser pauschalisierte Eindruck, der in den Köpfen von den Men- schen existiert, diese Vorurteile, dass die nicht stimmen.

Was ist denn mit deutschen Sponsoren wie Adidas oder Mer- cedes Benz? Wie unterstützt Euch der DFB? Der DFB hilft uns über die Sepp-Herberger-Stiftung und die Egidius-Braun-Stiftung bei einzelnen Projekten in Deutschland. Das betrifft die Deutschen Meisterschaften und auch die Fortbildung der Sozialarbeiter. Das hat super begon- nen. Einen langfristigen Trikotsponsor haben wir bisher aber noch nicht.

Warum nicht? Das weiß ich nicht. Ich kann’s nicht genau sagen. Es gibt aber oft große Zurückhaltung bei dem Thema Obdachlosig- keit und dass es zusätzlich noch um Suchtkrankheiten geht macht es nicht leichter.

Würden Ihr Euch wünschen, dass da mehr kommt? Wenn es Partner gibt, die uns dauerhaft unterstützen können, würde ich mich natürlich freuen. Denn das würde zeigen, dass sie unsere Arbeit anerkennen. Und dass sie diese Arbeit für wichtig halten. Für die Spieler würde ein guter Ausrüstungs-Partner sehr, sehr viel bedeuten. Für die tut’s mir sehr leid, dass es da bisher nur wenig Unterstützung gab.

Hat sich jemand sehen lassen vom DFB hier beim Homeless World Cup in Poznan? Nein, ich glaube nicht. Wir hatten letztes Jahr beim Homel- ess World Cup in Mexiko Willy Lemke zu Besuch als UN-Bot-

schafter für Sport. Der hat dort eine offizielle Eröffnungsrede gehalten und sich später mit unseren Spielern getroffen.

Wäre es für Eure Spieler hier nicht schön, mal die »großen« Nationalspieler zu treffen? Ja, na klar! Deren Zeitplan ist aber, glaube ich, so voll, dass es schwer ist, so ein vermeintlich »kleines« Projekt wie uns zu berücksichtigen.

Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass der DFB die Na- tionalmannschaft der Obdachlosen zu einem Länderspiel einlädt. Schließlich hat der DFB auch eine große soziale Verantwortung! Es scheint augenscheinlich relativ schwierig zu sein. Vielleicht ist es so, dass uns noch nicht die richtigen Leute kennen. Wir sind aber auch alle Ehrenamtliche und müs- sen noch einen Job machen, um Geld zu verdienen. Wir können uns daher nicht genug ums Klinkenputzen küm- mern. Der DFB weiß aber offiziell über die UEFA um un- sere Arbeit. Die UEFA hat offiziell alle nationalen Fuß- ballverbände dazu aufgerufen, mit den Homeless World Cup-Projekten zusammenzuarbeiten. Aber, wenn da nicht der richtige Mensch an der richtigen Stelle sitzt und sagt:

»Wir finden das gut und wichtig, Sport als Mittel in der Sozialarbeit einzusetzen!« Und: »Ein einfaches Gewinnen, Gewinnen, Gewinnen ist uns nicht immer wichtig.«, dann bleibt schwierig. Unser Ziel bei »Anstoß! e.V.« ist es nicht, Weltmeister zu werden. Wir nehmen am Homeless World Cup teil, um zu zeigen, was mit Sport in der Sozialarbeit erreicht werden kann.

Zu Gewinnen, das wäre auch mal schön Wir gewinnen ja auch ab und zu. Wir spielen jetzt nach zwei Vorrunden im Cup of Tolerance, mit Mannschaften, die spielerisch auf Augenhöhe sind. Das ist das Schöne am Format des Homeless World Cup. Jetzt wird’s wirklich in- teressant. Wer strengt sich an, wer gibt sein Bestes, um zu gewinnen? Jetzt zeigt sich, ob jemand die Chancen nutzt, die er bekommt! Anders ist das zum Beispiel für Mexiko, die mit riesigen Ambitionen Homeless World Cup anreisen. Die haben mehrere tausend obdachlose Spieler, die sie betreuen. Aus denen haben sie acht Jungs ausgesucht, die extrem guten Fußball spielen. Das sind Jugendprojekte aus den Favelas, da herrscht so viel Armut. Da geht’s ungefähr jedem schlecht, wenn man es mal mit unseren europäischen Maßstäben misst. Eigentlich müssten wir dankbar sein, dass wir keine Chance gegen diese Teams haben. Da leben so viele Mädels und Jungs auf der Straße. Die haben alle irre Fähigkeiten, die bekommen nur nie eine Chance.

Was wünschst Du Dir für Deine weitere Arbeit? Ich persönlich wünsche mir, dass wir in Zukunft noch mehr Sozialarbeitern helfen können. Dass wir hinbekommen, dass Sport in der Sozialarbeit anerkannt wird. Dass Sozialar- beiter, die Sportprogramme anbieten, von ihren Trägern darin unterstützt werden.

strassenfeger

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Nr. 18

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September 2013

Ratgeber

AUS DER REDAKTION

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NEUE

MIETOBERGRENZEN

RATGEBER:

Jette

Stockfisch

| 29 NEUE MIETOBERGRENZEN RATGEBER: Jette Stockfisch A us aktuellem Anlass wird die Serie »Darlehen« für

A us aktuellem Anlass wird die Serie

»Darlehen« für diese Ausgabe unter-

brochen. Der Berliner Senat hat am

8. August 2013 die »Erste Fortschrei-

bung der Wohnaufwendungsverordnung«in sei- nen Newslettern veröffentlicht. Sie gilt rückwir- kend zum 1. August 2013. Da in Berlin 100 000 betroffene Haushalte einen Teil der Miete selbst zahlen müssen und bei anderen die Frist der Kos- tensenkungsaufforderung läuft, halte ich die so- fortige Veröffentlichung in diesem Ratgeber für so wichtig, dass ich es für gerechtfertigt halte, die laufende Serie zu unterbrechen.

Zur in Tabelle 1 aufgeführten Nettokaltmiete plus Betriebkosten (Bruttokaltmiete) kommen die Heizkosten. Diese werden nach Personen- zahl der Bedarfsgemeinschaft, Heizungsart und Quadratmeter der abgerechneten Gebäu- defläche (steht in der Regel in der Betriebskos- tenabrechnung) berechnet. Aus Platzgründen steht in Tabelle 2 nur die Gesamtmiete.

Zu diesen Richtwerten kommt noch ein Zu- schlag für zentrale Warmwasserversorgung.

1 Person

10 Euro

2 Personen

12 Euro

3 Personen

14 Euro

4 Personen

16 Euro

5 Personen

19 Euro

jede weitere Person zwei Euro

Die Jobcenter und Sozialämter werden eine ge- wisse Zeit benötigen, um die Änderungen bei allen betroffenen Mietern vorzunehmen. Wer dann einen rückwirkenden Änderungsbescheid erhält, sollte darauf achten, dass auch die Miete vom Amt entsprechend der Differenz nachge- zahlt wird. Das wird öfter vom Amt »vergessen«.

Tabelle 1

Personen-

qm

Nettokalt

Betriebskosten

Bruttokalt

Brutto-

zahl

pro qm

pro qm

gesamt pro

kaltmiete

 

qm

gesamt

1

50

5,44 €

1,43 €

6,87 €

343,50 €

3

75

5,01 €

1,43 €

6,44 €

483,00 €

5

97

5,30 €

1,43 €

6,73 €

652,81 €

Tabelle 2

Personen

Gebäudefläche

Heizöl mtl.

Erdgas mtl.

Fernwärme mtl.

in qm

in Euro

in Euro

In Euro

 

100

- 250

425,00

414,00

421,00

1

251

- 500

423,00

410,00

418,00

501

- 1000

419,00

407,00

415,00

über 1000

417,00

405,00

413,00

 

100

- 250

606,00

589,00

599,00

3

251

- 500

602,00

583,00

594,00

501

- 1000

597,00

579,00

591,00

über 1000

594,00

576,00

587,00

 

100

- 250

811,00

790,00

803,00

5

251

- 500

807,00

782,00

797,00

501

- 1000

800,00

776,00

792,00

über 1000

796,00

773,00

787,00

792,00 über 1000 796,00 773,00 787,00 INFO Mehr zu ALG II und Sozialhilfe Der neue Leitfaden

INFO

INFO
INFO
INFO

Mehr zu ALG II und Sozialhilfe Der neue Leitfaden ALG II/Sozialhilfe von A–Z (Stand Juli 2013)

erhältlich für 11 EUR im Büro des mob e.V., Prenzlauer Allee 87, oder zu bestellen bei: DVS, Schumanstr. 51, 60325 Frankfurt am Main,

Fax 069 - 740 169

www.tacheles-sozialhilfe.de

www.erwerbslosenforum.de

www.tacheles-sozialhilfe.de › www.erwerbslosenforum.de ALLGEMEINE RECHTSBERATUNG Rechtsanwältin Simone

ALLGEMEINE

RECHTSBERATUNG

Rechtsanwältin Simone Krauskopf Jeden Montag von 11.00 – 15.00 Uhr

im Kaffee Bankrott bei mob e.V. Prenzlauer Allee 87, 10405 Berlin

Bei Bedürftigkeit wird von der Rechtsanwältin ein Beratungsschein beantragt. Bitte die entsprechenden Nachweise mitbringen. (z.B. ALG II-Bescheid)

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AUS DER REDAKTION

Kolumne

strassenfeger

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Nr. 18

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September 2013

Aus meiner Schnupftabakdose

KOLUMNE:

Kptn

Graubär

E s scheint sich ein Mehltau der Langeweile über das Land zu legen. Es passiert wirklich nichts, was es wert wäre, sich hier ein paar Zeilen abzuringen. Al- les ist ganz normal – eben langweilig. Da finden in Moskau Leichtathletik-Weltmeisterschaften statt,

und es geht zu wie bei den Bundesjugendspielen. Die bekann- ten und üblichen Verdächtigen gewinnen. Der schräge Blick eines Kampfrichters beim Kugelstoßen wird umgehend per Fotobeweis korrigiert. Als so ein Fotobeweis erst nach Tagen aus der Dunkelkammer auftauchte, lag noch Spannung in der Luft: Hat er übergetreten oder nicht? Proteste der Verbände, pfeifende Zuschauer, aufgeregtes Gestikulieren, starke Kom- mentare in den Zeitungen – nichts dergleichen. Ein Blick auf die Mattscheibe, und alles ist klar. Einen Dopingskandal hat es auch nicht gegeben. Sind alle Spritzensportler zuhause geblieben? Oder sind die Methoden verfeinert worden? Vielleicht wird ja jetzt zu unverdächtigen Mitteln gegriffen. Ein Esslöffel Rizinus vor dem Start kann einen Sprinter zu Höchstleistungen treiben. Ein paar Tassen Kaffee halten einen Langstreckenläufer munter, wenn er seine Runden drehen muss. Ein bisschen Schnupfen rechtfertigt ein Nasenspray mit Ephedrin, und die meisten Supersportler sind heutzutage ja beglaubigte Asthmatiker, weil das die Anwen- dung von Cortison erlaubt. Beim FC Bayern war man mit Leistungsförderung schon immer nicht zimperlich. Breitner eilte an die Seitenlinie, um sich eine Prise Schnupftabak zu holen, Beckenbauer verkün- dete dieser Tage, dass es regelmäßig Vitaminspritzen gab. Ob da auch was anderes drin war, interessierte ihn nicht. Und dann war da ja auch dieser Fernsehspot, in dem der junge Franz verkündete: »Kraft in den Teller, Knorr auf den Tisch!« Was er da wohl alles gelöffelt hat … Ich finde die ganze Aufregung um Doping sowieso ziem- lich schräg. Warum soll gerade beim Sport verboten sein, was in unserem Alltag gang und gäbe ist? Ich bekenne mich zu meinem Doping! Morgens eine große Tasse koffeinhaltiges

Heißgetränk, im Laufe des Tages immer mal wieder ein Es- presso, Nikotin zur Steigerung der Aufmerksamkeit, ein biss- chen Alkohol zum Lockermachen – das brauche ich einfach, und damit stehe ich nicht alleine. Die kleinen bunten Helfer gehören zur Grundausstattung eines erfolgreichen Managers, und die Kinder werden mit Ritalin zu Höchstleistungen ge- trimmt. Wer ohne diese Hilfsmittel sein Glück im täglichen Wettbewerb versucht, ist bald auf der Verliererstraße, kann sich eine Beförderung aus dem Kopf schlagen und steht wo- möglich ganz auf der Straße. Es geht um Erfolg und Geld. Nur Gewinner dürfen das einstreichen. Genau das ist auch die Regel beim Sport. In drei Wochen ist Bundestagswahl. Da sollten eigentlich alle fieberhaft das Rennen der Parteien verfolgen, und aus den Parteizentralen sollte der Kampf um die Wählerstimmen mit scharfen Parolen eingeheizt werden. Stattdessen wird politi- sches Valium über der Republik ausgeschüttet. »Gemeinsam erfolgreich für Deutschland« ist ebenso wie »Das Wir ent- scheidet« eine große Baldrianwolke, die alle Unterschiede verschwimmen lässt. »Die Sozis haben keine Ahnung!« oder »Weg mit der unfähigen Kanzlerin!« wären Trompetensignale für einen feurigen Wahlkampf. So wundert es nicht, dass der Vorschlag eines Veggie-Tags die Gemüter für ein paar Tage in Wallung bringt, als ob das tägliche Eisbein das Wesen der Demokratie ausmacht. Die Langeweile hat sich auch über die Politik gelegt. Um was es nach der Wahl wirklich geht, sagt keiner, schon gar nicht, was das für den einzelnen Bürger bedeutet. Wir sollen nur nach Sympathie entscheiden, wer in den nächs- ten vier Jahren im Bundestag abstimmt, was ihm vorgelegt wird. Da hat die Bundeskanzlerin schon recht: Es ist alles ziemlich alternativlos. Eine Woge der Begeisterung durften wir dann doch noch erleben. Die gute alte Hertha war eine Woche lang fast Deut- scher Meister. Da jubelte ganz Berlin. Es geschehen noch Zei- chen und Wunder. Mal sehen, wie lange das anhält …

Karikatur: Andreas Prüstel

ganz Berlin. Es geschehen noch Zei- chen und Wunder. Mal sehen, wie lange das anhält …

strassenfeger

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Nr. 18

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September 2013

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H., Katrin Kretschmer (Anstoß! e.V.), Jan Markowsky,
Christoph Mews, OL, Andreas P., Manuela P., Andreas
Prüstel, Lars Wehrmann (Anstoß! e.V.), Urzsula-
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TITELBILD Das Janusgesicht: Angela und/oder Peer?
(Montage: Ins Kromminga)
KARIKATUREN Andreas Prüstel, OL
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DESIGNVORLAGE Thekla Priebst
ORTE
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erscheint am 16. September 2013
SCHRIFTEN Karmina Sans (mit freundlicher
Genehmigung von typetogether), Life
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GEHEIMNISVOLLER WESTHAFEN
»ARTE POSTALE« IN DER AKADEMIE DER KÜNSTE
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Ein Dach über dem Kopf Die stellvertretende SPD- Bundesvorsitzende Manuela Schwesig unterstützt die Kampagne »Ein
Ein Dach
über dem
Kopf
Die stellvertretende SPD-
Bundesvorsitzende Manuela
Schwesig unterstützt die Kampagne
»Ein Dach über dem Kopf«!
Foto: r.Werner Franke
Die Aktion »Ein Dach über dem Kopf« wurde vom Verein mob – obdachlose machen mobil e.V.
gestartet, um Menschen, die in tiefer Not und ohne eigene Bleibe sind, wirksam helfen zu
können. Damit wir diese Menschen dauerhaft unterstützen können, benötigen wir Ihre Hilfe.

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