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SHAREHOLDER VALUE

Zur Logik der Privatisierung von Gewinnen


– und Sozialisierung von Verlusten
Von Anselm Stieber

Der ökonomische Leitbegriff der letzten Jahre ist


wie von Geisterhand aus den Überschriften ver-
schwunden: der „Shareholder Value“. Für immer? Oder
diteerwartungen von 15% und mehr, stimuliert und inten-
siviert die Suche nach „Werttreibern“. Richtigen Schub
bekommt das Ganze durch die Verknüpfung der Höhe von
überwintert er nur? Gehaltsanteilen der Manager mit den Kurswerten der eige-
Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Alfred nen Aktien. Das alles in internationalem Maßstab.
Rappaport, er ist emeritiert und lebt in La Jolla, Kalifor- Es lassen sich bei der laxen internationalen Aufsicht ja
nien, ist 1986 mit einem Buch bekannt geworden, dessen zum Beispiel auch Gewinne über Transferpreisgestaltung
Inhalt das Denken in den Manageretagen korrumpiert, nein, oder über in Steueroasen ansässige Holdings an der hei-
eigentlich müsste man sagen mit einem gefährlichen Virus mischen Gewinnbesteuerung vorbeijonglieren und damit
infiziert hat. Sein Titel: „Shareholder Value“. Das Buch den Aktienkurs nach oben drücken. Es gibt prominente
wurde 1999 auch in deutscher Übersetzung publiziert. Beispiele deutscher Großunternehmen, die keinen Euro an
Das Konzept von Rappaport propagiert die Forderung, den deutschen Fiskus abführen, aber sonst an allem gerne
dass die Unternehmensführung allein die Aufgabe hat, den profitieren, was der Standort zu bieten hat bis hin zu Sub-
Wert eines Unternehmens für den Eigenkapitalgeber, d.h. ventionen. In jedem Fall ist der Großaktionär der Groß-
den Aktionär, zu maximieren. Der Shareholder Value drückt profiteur. Man darf annehmen, dass auch Machenschaf-
sich im Aktienwert aus, also im Wert eines Unternehmens ten am Rande des Börsenschwindels zum Repertoire man-
an der Börse. Im feineren deutschen Wirtschaftsjargon cher besonders cleverer Führungsriegen gehören. Von den
nennt man das Verhalten den Aktienwert zu steigern „wert- sog. innovativen Finanzprodukten der Investmentbanker
orientierte Unternehmensführung“. und der Arbeit mancher Rating-Agenturen brauchen wir gar
Daraus hat sich ein Wertmanagement entwickelt, das nicht erst zu reden.
den gesamten Betriebsablauf einbezieht. Eine permanente Nach dieser Beschreibung der Rappaport’schen Krank-
Suche nach Umstrukturierungs- und Optimierungspoten- heit ist es nicht verkehrt einmal zu fragen, was denn der
tialen ist die Regel. Wie weit das führt kann man erahnen, Sinn des Wirtschaftens ist. Warum kombinieren wir die Pro-
wenn die Unternehmen in der Zuspitzung ihres Wertma- duktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital? Mit Sicherheit
nagements sogenannte „Werttreiber“ ausfindig machen, nicht, um zum Nachteil von Arbeit (Menschen) und Boden
mit denen sich weitere Wertsteigerungen für die Aktionäre (Umwelt) allein Kapitalvermögen verantwortungslos aufzu-
erreichen lassen. blähen. Nein, wir wirtschaften, um uns mit qualitativ hoch-
Allein der Druck von international agierenden instituti- wertigen und preiswerten Gütern und Dienstleistungen
onellen Anlegern, Hedge Fonds und große amerikanische zu versorgen. Und der Gewinn ist kein Ziel, sondern eine
Pensionsfonds, oder Private-Equity-Gesellschaften zum Bei- Bedingung, um diesen Auftrag langfristig und nachhaltig zu
spiel mit ihren jedes vernünftige Maß übersteigenden Ren- erfüllen. (Götz W. Werner)

48 www.humane-wirtschaft.de – 03/2009
Buch
vorstellung
Zum 65. Geburtstag von Erich Gutenberg, einem Nestor
der Betriebswirtschaftslehre, legte der deutlich jüngere Kol-
lege Edmund Heinen 1962 eine kleine Festschrift mit dem Dirk Müller – genannt
Titel „Die Zielfunktion der Unternehmung“ vor. Wer das Heft „Mister Dax“, bekannt aus den
durchblättert wird schnell bemerken, dass zwischen der abendlichen Börseninformatio-
nen vor der ARD-Tagesschau.
damaligen Unternehmenstheorie und der heutigen Unter-
nehmenspraxis ein fundamentaler Teil der Rolle eines Unter- „Crashkurs“,
nehmens in der Gesellschaft abhanden gekommen ist. 2009, 256 S., 18,00 Euro
In einer behutsamen Betrachtung fügt Heinen den Dieses Buch können Sie bei uns
monetären Zielen, Gewinn- und Umsatzstreben eines Unter- per Postkarte (am Ende dieser
Ausgabe) oder online bestellen.
nehmens in seiner multivariablen Zielfunktion weitere Ele-
mente an, nämlich nichtmonetäre Ziele, wie Streben nach
Auszüge:
Prestige und Macht, sowie solche, die ethischen und sozi-
alen Prinzipien folgen. Und bei der Bewertung trennt er mit „Wir bewegen uns in einer Wirtschaftswelt, die davon lebt,
Nachdruck die optimale (nicht maximale!) Zielsetzung, zu dass die Menschen immer schneller immer mehr konsumie-
Gunsten der (nur) befriedigenden, allein mit der Begrün- ren. Nur so kann diese Wirtschaftsform, die wir zum Leben
dung, dass die Unsicherheit und das Risiko die Hypothese erweckt haben, funktionieren. Gut, eines Tages muss das in
der Gewinnmaximierung zwangsläufig einschränkt. der Katastrophe enden, aber bis dahin wird alles unternom-
men, damit das System funktioniert... „Da Ihr Einkommen,
Heute ist das Produzieren von Geld das Ziel. Und das
so gut es auch sein mag, nicht ausreicht, um den zusätz-
um jeden Preis. Die Folgen: bedenkenlose Risikovermeh- lichen Konsum zu erzeugen, den das Zinseszinssystem be-
rung, oft durch erzwungene Minimierung des Eigenkapitals, nötigt, muss das System dafür sorgen, dass Sie Kredite auf-
kurzfristige, rein spekulative Anlagestrategien, aggressive nehmen, um schneller konsumieren zu können.“ (3. 169)
Geschäftsmodelle mit Zerschlagung und Ausplünderung
von Unternehmen, risikovermehrende Anreize bei der Ver- „Der Grund dieses Konsumwahnsinns liegt in unserem
Wirtschaftssystem. Ein Wirtschaftssystem, das auf Zins und
gütung von Führungskräften, Verzicht auf qualitative, mora-
Zinseszins aufgebaut ist. Das Geld verzinst sich und wird
lische Argumente bei Unternehmensentscheidungen zu mehr und mehr – und das geschieht durch den Zinseszins-
Gunsten von manipulierbaren Zahlen, skrupelloses Ausnut- effekt immer schneller. Der Zinseszinseffekt bedeutet, dass
zen der liberalen Marktverfassung u.s.w. sich in den kommenden Jahren ja nicht nur das ursprüng-
Die Strategie des hochgelobten Shareholder Value mit liche Geld verzinst, sondern auch die Zinsen, die man in
seinem die Wirklichkeit missachtenden Dogma mag zwar den Jahren zuvor kassiert hat.“ (S. 195)
über befristete Zeit zu einer Maximierung der Aktienwerte
„In einem begrenzten System, wie unsere Erde es nun ein-
führen. Das Schlimme aber, es bleibt dadurch, ob man will mal ist, kann ein unendiches exponentielies Wachstum wie
oder nicht, ein immenser Bereich der unternehmerischen ein Zinseszinssystem schon rein logisch nicht funktionieren.
Verantwortung eben brach liegen. Nach dem Strohfeuer Unser Wirtschaftssystem wird irgendwann kollabieren... Das
kommt ein Trümmerfeld aus Firmenpleiten, entlassenen ist mathematisch gar nicht anders möglich.“ (S.196)
Mitarbeitern, beschädigten Standorten, Vertrauensver-
Auf den Seiten 200 bis 203 heißt ein (nicht allzu gründ-
lust usw. zum Vorschein. Die bittere Logik einer notorisch
lich aufgearbeiteter) Artikel „Die Freiwirtschaft“. Neben
gewordenen Geldgier: alles, was Manager in ihrer Führungs- ausführlicheren Rückblicken auf „die Blütezeit des Mit-
verantwortung an sozialen und kulturellen Pflichten versäu- telalters“ und Hinweisen auf die kirchlichen Zinsverbote,
men, häuft sich, über die Wirtschaft eines Landes integriert, schreibt Müiler gegen Ende: „Ein Wirtschaftssystem ohne
schnell zu einem volkswirtschaftlichen Schaden in Billio- Zinseszins ist ein ausgesprochen komplexes Thema, das
nenhöhe an. Wir erleben es gerade. Es ist das, was der Bür- heutzutage sehr kontrovers diskutiert wird. Sicherlich müs-
sen viele Details durchdacht werden... Aber ist es nicht
ger und Steuerzahler mit seinen Beiträgen und vor allem
eine Überlegung wert, einmal über Alternativen nachzu-
durch seinen Verzicht auf einen leistungsfähigen Staat wie- denken?... Ob es die Freiwirtschaft ist, vermöge ich nicht
der in Ordnung bringen muss. zu sagen. Sie hat sicherlich bestechende Vorteile. Vielleicht
Rappaport, der Vater des Shareholder-Value-Gedankens, gibt es aber auch ganz andere Varianten. Ich bin nur von
steht allerdings weiter zu seinem Konzept. Hätten Unterneh- einem überzeugt: Unser aktuelles Zinseszinssystem ist
mer sein Prinzip stets praktiziert, gäbe es keine Finanzkrise, nicht die beste aller Welten. Wenn am Ende wenige Men-
schen alles besitzen, und der Rest nur noch für die Zinsen
eröffnete er kürzlich dem „Manager Magazin“. Wie weit sein
arbeitet – und das ist nun mal die logische mathematische
geistiger Zustand gediehen ist, lässt sich an seiner Prognose Konsequenz – kann das nicht richtig sein,“ (S. 203)
erkennen: „Die nächste Krise wird kommen“. Sollte er Recht
behalten, dann sind offensichtlich wir die Idioten. Zusammenstellung: Helmut Creutz, April 2009

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