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Sonnabend/Sonntag, 3./4. November 2012, Nr. 256 junge Welt

Kein zweiter Roosevelt

Ökonomie u Vier Jahre Obama-Krisenmanagement (Teil 1): Die Widersprüche des Konjunkturprogramms und des neuen Staatsinterventionismus. Von Ingar Solty

I n den USA wird in drei Tagen ein neuer

Präsident gewählt. Die Zeit ist reif, Obamas

erste Amtsperiode zu resümieren. Zu den

Politikfeldern seiner Regierung gehörten

die Gesundheitsreform, die noch unter Bush

einsetzende Bankenrettung, das Konjunkturpro- gramm, die Finanzmarktreform, die (Teil-)Ver- staatlichung der Automobilindustrie, die Auswei- tung der US-Kriege auf sechs Länder (Irak, Afgha- nistan, Pakistan, Jemen, Libyen, Somalia) sowie eine neue aggressive Geopolitik in Zentralasien, im Mittlerem Osten und im asiatisch-pazifischen Raum, die die neue exportorientierte Wachstums- strategie der USA flankiert. War die an anderer Stelle ausführlich analysierte, unzureichend verwirklichte Gesundheitsreform die Einlösung eines Wahlversprechens, 1 ist der zentrale Baustein von Obamas Krisenmanagement das kurz nach seinem Amtsantritt verabschiedete Konjunk- turprogramm im Umfang von 787 Milliarden US- Dollar. Bei Beobachtern, die unter dem Neolibera- lismus lediglich eine politische Regulationsweise verstehen, führte dieses Vorgehen zur voreiligen Proklamation des Endes vom Neoliberalismus. Das Wort von der »Keynesianismus-Rückkehr der späten 2000er Jahre« machte die Runde und verstärkte Vergleiche zwischen Obama und dem früheren Präsidenten Franklin Delano Roosevelt

(1933–1945).

Obamas Konjunkturprogramm unterschied sich von den in den 1930er Jahren ergriffenen Maß- nahmen jedoch in drei entscheidenden Aspekten:

Es war erstens vom Umfang her der Aufgabe, die Krise und die Massenarbeitslosigkeit zu be- kämpfen, nicht gewachsen. Zweitens scheiterte es beim Versuch, die schuldenbasierte und nur durch permanent verschobene Spekulationsblasen von »Dot.com« bis »Subprime-Hypotheken« aufrecht- erhaltene Ökonomie auf neue produktive Grund- lagen zu stellen, so wie Roosevelt seinerzeit im Zuge der Kriegsmobilisierung die Grundlagen des Fordismus als integriertes System von standardi- sierter Massenproduktion und Massenkonsumtion und Drittem Weg zwischen Faschismus und sowje- tischem Staatssozialismus gelegt hatte. Drittens unterschied sich Obamas Konjunkturprogramm von Roosevelts New Deal vor allem in seinem Vertrauen auf die privatkapitalistische Initiative, in- dem es auf öffentliche Beschäftigungsprogramme verzichtete.

Das Volumen des Programms …

Wie aber ist es möglich, ein Konjunkturprogramm im Umfang von knapp 800 Milliarden US-Dollar als zu klein zu bezeichnen, das mit dazu beitrug, die Staatsschulden in vier Jahren Obama um fast 50 Prozent zu vergrößern? Der Grund, warum Oba- mas Versuch, mit keynesianischen Mitteln die Kri- se zu beheben, zu zögerlich war, hängt mit der Tat- sache zusammen, daß das Programm nicht nur den gigantischen konjunkturellen Schaden auszuglei- chen hatte, der aus der finanziellen Kernschmelze und der Liquiditätskrise im Privatsektor entstanden war, sondern eben auch mit jenen Gegentendenzen zu kämpfen hatte, die von den Sparmaßnahmen auf der kommunalen und regionalen Ebene herrührten. Denn insofern die Einzelstaaten – mit der Ausnah- me des Bundesstaats Vermont – über eine »Schul- denbremse« gesetzlich verpflichtet sind, alljährlich einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen, der nur in äußersten Notfällen vom Bundesstaat ausgegli- chen wird, kam es hier zwangsweise zu massiven Stellenstreichungen, Gehalts- und unfreiwilligen Arbeitszeitverkürzungen im öffentlichen Sektor. Mit anderen Worten: Zur selben Zeit, als der Natio- nalstaat klassisch-keynesianisch konjunkturell ge- gensteuerte, schränkten sich alle darunterliegenden Verwaltungsebenen finanziell drastisch ein. Über dieses Problem war man sich zwar bewußt. Die im Konjunkturprogramm ausgewiesenen 53,6 Milliarden Dollar zur Verhinderung von Stellen- streichungen und Budgetkürzungen im Bildungs-

von Stellen- streichungen und Budgetkürzungen im Bildungs- Das Fresko »The New Deal« von Conrad Albrizio (1934):

Das Fresko »The New Deal« von Conrad Albrizio (1934): Kaufkraft stärken, Infrastruktur entwickeln – Mit dem Bau von Straßen und Staudämmen sorgte Präsident Franklin D. Roosevelt (in der Mitte stehend) in den 30er Jahren für ein erfolgreiches Krisenmanagement

bereich blieben jedoch Tropfen auf dem heißen Stein der kommunalen und regionalen Austerität. Denn insofern die Schulen wesentlich über kom- munale Immobiliensteuern finanziert werden, führten die millionenfachen Zwangsversteigerun- gen von Privathäusern und der Wertverlust der Im- mobilien in Folge der Subprime-Hypothekenkrise hier zu dramatischen Einnahmeausfällen. Des- halb verpufften auch Obamas Steuersenkungen für Einkommen unter einem Jahresverdienst von 250 000 Dollar (ebenfalls ein Wahlversprechen), denn die moderaten Konjunktur- und nach unten hin abebbenden Wohlstandseffekte dieser Maß- nahme wurden durch unausweichliche Steuer- und Gebührenerhöhungen auf der kommunalen Ebene weitgehend nivelliert. Kurzum, schon lange vor der national vollzogenen austeritätspolitischen Wende Obamas vom Sommer 2010 war auf der Ebene der Kommunen und Einzelstaaten das »Zeitalter der Austerität« (David McNally) Realität. Die Tatsache, daß das Konjunkturprogramm der zu lösenden Aufgabe nicht gewachsen war, eine Ökonomie durch staatliche Zufuhr zu stabilisie- ren, die einer Badewanne mit gezogenem Stöpsel glich, hatte dabei auch entscheidende hegemonie- politische Konsequenzen: Denn insofern der Staat plötzlich gigantische Summen in die Hand nahm und die Arbeitslosigkeit parallel trotzdem anstieg und auch später nicht auf das Vorkrisenniveau zu- rückging, war Wasser auf die Mühlen der rechten Tea-Party-Mittelklassebewegung und der hinter

ihr stehenden Finanziers aus der kapitalistischen Klasse. Für sie war es nun ein leichtes, das alte Märchen von der Effizienz des Marktes und der In- effizienz des Staates aufzuwärmen und über die in den Kongreßwahlen 2010 überraschend reüssierten Republikaner jede Diskussion über neue Konjunk- turprogramme zu ersticken. Die Wahlen gingen als »Tea-Party-Wahlen« in die Geschichte ein (vier von zehn Wählern bekundeten Sympathien für die Rechtspopulisten), klopften nicht zuletzt mit dem neuen Tea-Party-Caucus im Kongreß die neuen Machtverhältnisse fest und bedingten Obamas Ein- schwenken auf den Austeritätskurs. Der Niedergang der Regierung nach nur zwei Amtsjahren kam jedoch nicht überraschend. Der keynesianische Wirtschaftsnobelpreisträger und regierungskritische NewYorkTimes-Kolumnist Paul Krugman hatte diesen Ausgang frühzeitig prognostiziert, als er kurz nach Obamas Wahl- sieg ein dem späteren Endergebnis sehr ähnliches, hypothetisches Konjunkturprogramm analysierte und schrieb: »Ich sehe das folgende Szenario: ein schwaches Konjunkturprogramm (…) wird ge- schnürt, um ein paar Extra-Republikanerstimmen zu gewinnen. Das Programm begrenzt den Anstieg der Arbeitslosigkeit. Die Lage bleibt aber weiterhin ziemlich mies. Die Arbeitslosigkeit erreicht mit etwa neun Prozent ihren Höhepunkt und schwillt danach nur langsam wieder ab. Und dann sagt Mitch McConnell: ›Da schaut her, Staatsausgaben funktionieren nicht‹« (New York Times, 6.1.2009).

Knapp zwei Wochen nach der Annahme des Kon- junkturprogramms durch das Repräsentantenhaus urteilte Krugman: »Das ursprüngliche 800-Mil- lionen-Programm war also zu klein (…). Es hätte wenigstens 50 Prozent größer sein müssen (…). Die zentrale Frage ist, ob Obama später noch einen Nachschlag vereinbaren kann, wenn sich zeigt, daß das Programm völlig unzureichend gewesen ist. Ich vermute nein. Das ist wirklich schlimm« (New York Times, Blog, 7.2.2009). Krugman sollte Recht behalten. Die mangelnde Ausstattung war jedoch nicht durch intellektuelle Fehleinschätzungen, sondern die politischen Kräfteverhältnissen und Obamas Politikansatz bedingt. So hatten am 16.12.2008 Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz und Obamas Vorsitzende des Council of Economic Advisers, Christina Romer, in einem Treffen mit Obamas Wirtschaftsminister Lawrence Summers ihre Kalkulationen vorgelegt und zu Konjunktur- programmen im Umfang von wenigstens ein (Stig- litz) bzw. 1,2 Billionen Dollar (Romer) gedrängt. Wie der New Yorker am 30.1.2012 aufdeckte, lehn- ten Summers, Obamas Strategiechef David Axel- rod und Rahm Emanuel, Stabschef im Weißen Haus, diese Vorschläge jedoch mit der Begründung ab, die Überschreitung der Billionengrenze sei politisch nicht durchzusetzen. Zudem argumentier- ten sie, das Konjunkturprogramm solle nicht die gesamten krisenbedingten Ausfälle und Arbeits- platzverluste kompensieren, sondern lediglich eine

AP/FRANK FRANKLIN II

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finanzielle Kernschmelze und allzu dramatische Wertvernichtung in der produktiven Basis vermei- den. Weitere Nachforschungen von The New Repu- blic (22.2.2012) enthüllten, daß Summers Romers Memo an den Präsidenten, in dem die 1,2 Billio- nen Dollar bereits als realpolitische Minimallö- sung gedacht gewesen waren – zur nachhaltigen Bekämpfung der Krise sah Romer 1,8 Billionen vonnöten –, nicht an Obama weitergereicht hatte. Statt dessen wurden diesem zwei Optionen vorge-

Wende und die anvisierte »post-bubble economy« blieben nur geringe staatliche Anschubfinanzierun- gen. Mit 27,2 Milliarden Dollar flossen lediglich 3,5 Prozent des Programms in Forschung und In- vestitionen im Bereich Energieeffizienz und er- neuerbarer Energien, womit die USA sowohl im Hinblick auf Volumen als auch prozentualem An- teil hinter Chinas Konjunkturprogramm von 2008 zurückblieben, dessen ökologietechnologischer Anteil mit 30,8 Milliarden immerhin 5,3 Prozent des Gesamtumfangs betrug.

Milliarden immerhin 5,3 Prozent des Gesamtumfangs betrug. Kein Weg aus der Krise: Ohne Beschäftigungsförderung

Kein Weg aus der Krise: Ohne Beschäftigungsförderung verschärft das Konjunkturprogramm von Präsident Barack Obama die Lage auf dem Arbeitsmarkt

legt, die bei knapp 600 und 900 Milliarden lagen. Sollte Obama also trotz seines auf Kompromisse mit den Republikanern angelegten, zentristischen Politikstils eventuell aus politischen Überlebenser- wägungen mit der Überlegung gespielt haben, sein auf seinem Charisma und seiner Unterstützungsbe- wegung beruhendes politisches Kapital einzuset- zen, um ein ausreichendes Konjunkturprogramm gegen den Widerstand von Republikaner und kapi- talistischen Think-Tanks durchzukämpfen, so war solchen unwahrscheinlichen, aber theoretisch we- nigstens denkbaren Überlegungen schon vorab ein Riegel vorgeschoben.

… und dessen Qualität

Obamas Konjunkturprogramm war jedoch nicht bloß zu klein, sondern unterschied sich zweitens auch vom Inhalt her von Roosevelts Politik. Die schließlich verabschiedete Fassung des im Senat von einer republikanischen Sperrminorität verwäs- serten Konjunkturprogramms lief letzten Endes auf ein unausgegorenes Konglomerat von Infra- strukturinvestitionen (105,3 Milliarden an öffent- lichen Aufträgen an private Bauunternehmer etc.), zwangsläufig anstehenden Aufstockungen der Ar- beitslosenversicherung, Gesundheits- und Armen- fürsorgefonds (182,02 Milliarden) und angesichts der Überproduktion und des Nachfrageausfalles nicht verfangenden Steuersenkungen (288 Milliar- den) hinaus. Für die verkündete grünkapitalistische

Daß die Krise eine Chance ist und der neolibe- rale Finanzmarktkapitalismus, die »Blasenökono- mie« (Obama), keine Zukunft hat, wurde von den handelnden Akteuren zwar durchaus (an-)erkannt. Emanuel hatte anfänglich die Parole ausgegeben, daß »eine Krise niemals verschwendet« werden dürfe. Das Versagen des US-Staates, den Kapita- lismus im Zuge des neuen Staatsinterventionismus zu reformieren und auf stabile neue Akkumula- tionsgrundlagen zu stellen, kommt jedoch nicht von ungefähr. Es ist im Zusammenhang mit den Kräfteverhältnissen der Klassen einerseits und Ob- amas Zentrismus andererseits zu sehen. EinebemerkenswerteEpisode,diediesillustriert, ereignete sich im Mai 2009 während Romers Vor- trags vor dem Council on Foreign Relations, einer einflußreichen Institution der Finanz- und Handel- sinteressen des alten Oststaaten-Kapitals, die vom marxistischen Ökonomen Doug Henwood wie folgt zusammengefaßt worden ist: »Romer sagte, was die US-Wirtschaft bräuchte, sei ein kleinerer Finanzsektor, ein größeres Maß an Realinvesti- tionen und eine gleichere Einkommensverteilung. Sie betonte, daß die Überkonsumtionstage der US- Wirtschaft vorbei und neue Wachstumsquellen zu erschließen seien. Der Staat sei kein tragfähiges Beschäftigungsinstrument, nach Ende des Kon- junkturprogramms würde er sich zurückziehen. Immobilieninvestitionen seien nach der langen Spekulationsblase ausgeschöpft. Exporte würden voraussichtlich keine Abhilfe schaffen, da der Rest

der Welt ebenfalls nicht prosperiere. Damit blieben allein Investitionen der Wirtschaft, hauptsächlich grüne Technologien, übrig. Sie zeigte sich auch kritisch gegenüber dem Bedeutungswachstum des Finanzsektors in den letzten Jahrzehnten. Sie sagte, daß ›Blasen Talente verschwendeten‹ – Leute, die Ärzte, Ingenieure und Lehrer sein sollten, würden am Ende nur Finanztransaktionen machen. In der anschließenden Diskussionsrunde meldete sich ein Zuhörer mit der Bemerkung, daß die meisten der Anwesenden ihr Geld in den letzten 20 Jahren durch ›gigantische Renditen‹ in den Finanzmärk- ten gemacht hätten, ob sie jetzt etwas ganz ande- res machen sollten? Romer antwortete: ›Sachen produzieren‹, woraufhin ein lautes Zischen aus dem Zuhörerraum zu hören war« (Left Business Observer 125). Die Episode um Romers Vortrag illustriert, daß die relevanten gesellschaftlichen Mächte weder die Notwendigkeit eines Umbaus der US-Ökonomie sehen, noch das kurzfristige Interesse daran besit- zen, am Status quo etwas zu ändern, solange sie sich von keiner gesellschaftlichen Gegenbewegung dazu gezwungen sehen. Diese fehlt aber angesichts des durchschlagenden Sieges des transnationali- sierten US-Kapitals über die Arbeit im Zuge der neoliberalen Wende. Die US-Bourgeoisie hat sich in einem Wort zu Tode gesiegt, und die Tea-Party- Rechtspopulisten könnten von zukünftigen Histo- rikern womöglich als ein Ausdruck der Reformun- fähigkeit und des tendentiellen Niedergangs der US-Hegemonie interpretiert werden. Wenige Monate später – die Massenarbeitslo- sigkeit stagnierte auf hohem Niveau und lag mit 9,6 Prozent nur 0,4 Punkte unterhalb des Höchst- standes vom Oktober des Vorjahres und die sich abzeichnende Rückkehr der Republikaner ließ die massive Einschränkung der Handlungsfähig- keit der Obama-Administration in den nächsten zwei Jahren erwarten – trat die aus ihrer Enttäu- schung keinen Hehl machende Romer am 3.9.2010 zurück. Im noch im selben Monat erfolgenden Rücktritt Emanuels, dem »womöglich mächtig- sten Stabschef einer Generation« (New York Times, 16.8.2009), manifestierte sich ferner das Scheitern des auf Kompromissen mit den Republikanern und technokratischen Ausgleich der gesellschaftlichen (Kapital-)Mächte angelegten Regierungsstils. Sein enormes politisches Kapital hatte Obama verspielt. Von seiner vom Meinungsforschungsinstitut Gal- lup regelmäßig gemessenen Zustimmungsrate von 68 Prozent der Bevölkerung, mit der er Ende Januar 2009 in sein Amt gestartet war, blieben Mitte Au- gust 2010 noch 41 übrig. Hatten ihn seinerzeit nur zwölf von hundert abgelehnt, lehnte ihn nun eine Mehrheit von 52 ab. Ab jetzt machte das Wort vom »Einamtsperioden«- und »Lahme-Ente«-Präsi- denten die Runde. Von den Roosevelt-Vergleichen blieb nichts mehr übrig.

Keine Beschäftigungsprogramme

Der Unterschied zu Roosevelt trat aber nirgendwo so deutlich zutage wie in Obamas Vertrauen in jene kapitalistische Privatwirtschaft, die gerade so gran- dios gescheitert war, und seinem Versagen, den Staat als Arbeitgeber und Zentrale universalisti- scher und nicht warenförmiger Dienstleistungen zu rehabilitieren. Seine Konjunkturpolitik verzichtete drittens auf jene öffentlichen Beschäftigungspro- gramme, die unter Roosevelt in Gestalt der Works Progress Administration (WPA) und des Civilian Conservation Corps (CCC) den Arbeitslosen eine Perspektive schufen, die Massenkaufkraft stärkten und dabei das Bild der USA von den Nationalparks über die Staudammsysteme bis zu den Landstraßen in damals entlegenen Regionen bis heute prägen. So beschäftigte die zwischen 1935 und 1943 exi- stierende WPA auf ihrem Höhepunkt 1938 3,3 Mil- lionen Menschen und profitierten zwischen 1933 und 1942 insgesamt 2,5 Millionen junge Arbeitslo- se zwischen 17 und 23 vom CCC. Von Obama dagegen waren Beschäftigungspro- gramme trotz ansteigender Massenarbeitslosig- keit und entsprechendem Ausfall der aggregierten Nachfrage nicht vorgesehen. Allein als Teil des TANF Emergency Fund im Umfang von fünf Mil- liarden Dollar (0,6 Prozent des Konjunkturpro- gramms), der den Einzelstaaten finanzielle Hilfen anbot, konnten knapp 250 000 Stellen schaffen. Der Notfonds lief jedoch bereits im Februar 2010 aus. Statt einer Ausweitung der öffentlichen Beschäf- tigung erlebten die USA vielmehr einen nie zuvor gesehenen Kahlschlag. Die Zahl der öffentlich Be-

schäftigten sank zwischen 2008 und 2011 nach offi- ziellen Angaben von 21,3 auf 20,4 Millionen Diese Zahlen lesen sich umso dramatischer angesichts der Tatsache, daß auch im »antietatistischen« Neolibe- ralismus die Zahl der öffentlich Beschäftigten – mit Ausnahme der Jahre 1981, Ronald Reagans erstem Regierungsjahr, und 1994, 1996 und 1997, Clintons »Ende des Sozialstaats, wie wir ihn kennen« – par- allel zu den Bedürfnissen einer wachsenden Bevöl- kerung kontinuierlich gestiegen ist. Selbst unter George W. Bush wuchs die Zahl der öffentlichen Beschäftigten – und zwar ganz erheblich von 19 im Jahre 2000 auf 21,3 Millionen 2008. Nun ist Obama nicht persönlich für den Stel- lenabbau verantwortlich, der – wie die linksliberale The Nation (27.3.2012) vorgerechnet hat – sich nur zu einem geringen Anteil auf der bundesstaatlichen Ebene vollzogen hat und auf der kommunalen und regionalen Ebene zugleich überproportional in republikanisch dominierten Staaten. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß der Präsident in seinem Vertrauen in die profitorientierte Privatwirt- schaft eher Clinton ähnelt als Roosevelt. Zudem stimmt es nachdenklich, daß in sieben von acht Jahren öffentlichen Stellenabbaus nicht marktradi- kale Republikaner in Washington an der Macht wa- ren, sondern fiskalkonservative Demokraten – und davon entfallen vier allein auf Obama. Zu Recht kritisieren Ezra Klein (Washington Post, 11.6.2012) und Paul Krugman (Huffington Post, 11.6.2012) deshalb, daß die Arbeitslosigkeit ohne den Kahl- schlag mehr als einen Prozentpunkt niedriger sein würde.

Krise der »Commons«

Der Stellenabbau ist jedoch nicht bloß von kon- junkturpolitischer Bedeutung. In der Natur der Sache liegt es, daß die Streichungen von den öffent- lichen Schulen und Universitäten über die Brand- sicherung und Kriminalitätsbekämpfung bis zum Umweltschutz eine Krise der Commons zur Folge haben, also jener öffentlichen Güter, auf die die lohnabhängige Mehrheit der Bevölkerung, die sich keine Privatschulen, Sicherheitsdienste und priva- ten Brandschutz leisten kann, angewiesen ist. Satiriker vermögen aus den vielen Geschichten der Kommunen und Einzelstaaten, die nun mit we- niger Steuereinnahmen mehr Ausgaben tätigen sol- len, hervorragend sarkastische Geschichten spin- nen, um die Absurdität der Austeritätspolitik zu unterstreichen: Auf die vorzeitige Entlassung Hun- derttausender Kleinkrimineller folgt oft die Entlas- sung der nun ja überflüssigen Gefängniswärter, die nicht zuletzt deshalb entbehrlich scheinen, weil et- liche Kommunen von Hawaii bis Georgia nicht nur Teile ihrer Polizeibeamten zwangsentlassen haben, sondern auch die kostspielige nächtliche Straßen- beleuchtung ausknipsen, womit gewährleistet ist, daß die zwielichtigen Gestalten unbehelligt und ohne Kosten für den Steuerzahler ihrem Nachtwerk nachgehen können. Ein solcher Galgenhumor kann jedoch kaum die Realität verdecken, die sich etwa in regionalen Vier-Tage-Schulwochen und verlän- gerten Ferien oder verkürzten Öffnungszeiten bei Arbeits- und Sozialämtern just in dem Augenblick manifestiert, wo Millionen neue Arbeitslose auf deren Dienste angewiesen sind. Die dramatischen Konsequenzen der Austeritäts- politik illustriert das Beispiel Detroit. So wurden im April 2012 4 100 gewerkschaftlich organisierte Lehrer der Detroit Public Schools darüber infor- miert, daß sie sich im kommenden Herbst zu neu- en Konditionen auf ihre Stellen neu zu bewerben hätten. Zuvor hatte der »Sparbeauftragte« Robert Bobb eine Finanzierungslücke von 150 Millionen Dollar konstatiert und seinen Einsparungsplan vor- gelegt. Dieser sieht vor, die Klassengröße von jetzt maximal 35 Schüler auf 60 im Schuljahr 2012/13 und 62 im Schuljahr 2013/14 anzuheben.

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Anmerkung

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Ingar Solty: Kampf um Hegemonie. Die Gesundheitsreform in den USA, in: LuXemburg, 2/2009

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Ingar Solty ist Mitarbeiter am Fachbereich

Politikwissenschaften der York University in Toronto, Redakteur von Das Argument und Gründungsmitglied des »North-Atlantic Left

Dialogue«. Letzte Buchpublikationen: »Imperia- lismus« (zusammen mit Frank Deppe und David Salomon, 2011) und »Die USA unter Obama« (erscheint im Februar).

u Teil II (und Schluß) erscheint in der Montag-

Ausgabe