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Kunst & Wissenschaft

Der lange Weg zum frühen Armenien

VON STEI"HAN KROLL

Bis etwa Mille des 7. Jh. v. Chr. waren große Teile Ostanatoliens. Anne- niens. acxC\'ans und Nordwest-Irans Bestandteil des Königreichs \'on Urartu.

dem sich dic Forschung in & lctzIen

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JahrLehmet1 bcsondcß gewidmet hat. In ArnlCnicn sind besonders zu nennen die PUltze Karnlir Blur und Arinbcrd (heute innerhalb des Stadtgebietes VOll Jerewan). Annavir. Oshakan. Horom und neuerdings Aramus. die eindeutige Funde und Inschrillen erbrachten. die man dem Königreich von Ur.anu zuord- nen kann. Charakteristisch sind die großen und kleinen Fcstungen. die im ganzen Land errichtet wurden. um Schutz vor Fcinden zu gewßhrleisten. Die Festungen wurden mit wohlgesetz· ten Mauem aus Bruchsteinen errichtet. rechtcckige Mauervorsprünge (Risalite) und rechtcckige Türme waren das Er· kennungszcichen dieser Arehitektur· konzeption. Öffentliche Gebäude im Inneren der Festungen besaßen u.a. Hai· Jen mit 2 Reihen \'on Pfeilern oder SlI.ulen. In \'iden Festungen wurden dem Sta:ltsgoll Haldi kleine quadratische Tempel errichtet. In der Hauptsache dienten aber diese Fesrungl"ll dazu. in riesigen Magazinen die landwinschaft- lichen Enrtlge in großen Vorratsgeffißcn zu speichern: viele Millionen Liter an Getreide. Wein und Öl vCf5uchte man so vor eventucllen feindlichen Übcrl:1llen zu schUtzen. In Kannir Blur und Amm· vir kann man heute noch diesc Magazinc schen. Herrscher und lokale FOrsten wurden in aufwändigen Felsgrljbcm bestattet Am bekanntesten sind die GrlI- ber am Felsen der Hauptstadt Tushpa (Van) in Ostanatolien: aber auch in Armenien oder Iran wurden viele dcrnr- tige Fclsgräbcr L'Cfundcn. Über die Geschichte des Reiches \'on Urartu sind wir gut unterrichtct aus vielen eigenen Inschriften in Keilschrift. alx.-r auch durch Berichte aus dem benachbarten (feindlichen) Assyrien. Elwa ab der Mitte des 7. Jh. v. Chr. brechen jedoch alle Quellen ab. die urar- Uiischcn Festungen im ganzen Land gehen fast sllmtlich in einem Feucrstunn untl'r. die Ursachen. die dazu fllhnen. sind bis heute nicht ausreichend bekannt. Ob cs innere UnnlhclI oder AUacken von Reitemoll",1den (Skythen. Meder) waren.

Jg.200K/tIcItJ

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Abb. 1; Karte von SüdkaukasIen mit wichtigen Im Te., erwlhntltn Orten (Karte S. Ktoll auf
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Vorlage von C. WoIff)

wie sie z. B. die Grabung in Kannir Blur \'ennuten lässt. I!lsst sich bis heute nichl letztendlich klären. Was jedoch in den Jahrhun<k.'!1cn da- nach kornrni. ist ein noch größeres Rät- sel. In den Inschriften der achä- menidischcn Großkooige wird seil dem Ende des 6. Jh. v. ehr. nicht mehr Urartu erwähn!, sondern in etwa dem gleichen Gebiet nun Annenien. Unlx.'Streitbar gehön die Region des ehem.1ligen Urar· tu. das jetzt AmlCnien genannt wird. zum Großreich der PerscrkÖrligc. Eine Inschrift des Xcrxcs am Felscn von Van oder achämenidischc Bauten und Funde in Arinberd und Annavir zeugen davon. In Arinberd (Erebuni) wird die alte um- Uiische Anlage weiter gcnulZl und nun eine große Halle in persischem Stil mit 5 mal 6 Säulen errichtet. die mall heute rekonslrUiert gut besuchen kann. Offen· sichtlich ist die militärische Lage so un- tcr Kontrolle. dass im ganzen Land ein Fcstungsbau wie zu Zeiten Uranus nicht mehr nötig ist. Dafür finden s'ch nun kleine unbefestigte Paillste lokaler Machthaber oder Satrapen. wie z. B. in Beniamin bei Giumri. Sari Tepe und Gumbati in Georgicn. Karacamirli in Aserbaidschan oder Corbulaq in Iran. Insgesami ist die Fundsituation jedoch sehr unbefriedigend. allein im ordwcst- Iran. der sicherlich ein bedeutender Teil des Achämenidenreichl"S war. sind nörd- lich von Hamadall bisher keine sicheren

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achämenidischcn Fundorte bekannt geworden. Ähnlich \'erh11l es sich in OstanalO!icn. '0'0 nur der Allintepc bei Erzincan eim."ll Palast mit Säulenhalle im persischen Stil aufweist. Insbesondere aus den FurKk."ll dieser Grobungen oder aus zeitgleichen Grobfundcn können wir nicht herauslesen. ob hier bereits elwas vorhanden ist. wa<; wir ganz typisch mit Anncnien oder den frühen Armeniern verbinden könnten. Alles sicht nur ein- deutig achämenidisch aus. so z. B. Grob- funde aus dem Dorfe No\'emberian im Nordosten Anneniens an der Grenze zu Azarbaidschun oder aus SUdannenien. Sehen wir die Situation aus einem ande- ren Blickwinkel. von der historischcn Überlieferung hl'f'. so iSI alles ganz an- dCf5. Sowohl sp5tere mittelalterliche anncnische Quellen wie auch antike griechische und römische Autoren ver· mitteln uns eine FOlie an Informationen über das vorchristliche Armenien. denen wir in der Archllologie jedoch kaum CI- was enlgegenSl.'1ZC!l können. Erst in hellenistisch-romischer Zeit wird Anncnien auch \'00 der Sachkultur her nun greifbarer und das besonders wegen dl'f' reichen Funde in einer Au.Y grabung in Annenien selbst. in Anashal. der antiken KÖrligsstadl ArtaXata Die Ausgrabung dan. die noch hauptsächlich zu Sowjctzeiten durchgefUhn wurde, hat eine FOlie an Materi<!l erbracht (leider großteils noch unpublizien). die das

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o lO .. = Artashat Hügel I in Hellenistischer Zeit (A. Tonikian) Abb. 2: Artashat Hügel
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Artashat Hügel I in Hellenistischer Zeit (A. Tonikian)
Abb. 2: Artashat Hügel I in hellenistisch-frühannenischer Zeit (nach A. Tonikian: The layout
of Artashat and its historical development" Mesopotamia, 1992, vol. 27, p. 161-87)

friihe KÖlligreieh Anllenien in hdle- nistischer Zeit beleuchtet. Die Ergeb- nisse der Ausgrabung Artash3t. insbe· sondere die Architektur. lasscn nun auf einmal fiiihere Forschullgsbefunde in

anderen Regionen in einem ganz ande-

ren Licht erscheinen. insb

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'SOnderc

auch

deswegen. da diese Ergebnisse fiiiher unzugänglich warcn und erst mil der Önllung Amlelliens nach Westen mehr lind mehr bekannt wurden. Bei einer Forschungsreise. die Wolt:

mm Kleiss mit mir im Jahre 1970 in

Nordwest-Iran IIlltenmhm. gerieten wir im Gebirge am Araxes in ein Gewiller LInd verbrachten unfreiwillig die Nacht

auf den kargen l-Iol7

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sitzen

IIllscn..'S

Land-

ro"ers. Doch die Emschiidigung erhiel-

ten wir am nächsten Tag. als wir einen halsbrecherischen unbefestigten Weg zwischen Ahar und Djulfa entlang des Arnxes auf der iranischen Seite entlang fuhren. Auf einmal stoppten wir ganz überrascht. mhrte der Weg doch mitten

durch eine antike

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'Stung.

"on der die

Festungsmauem zum Teil noch meter·

hoch anstanden. Von der gan7

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Teeh·

nik und "on den Oberfliichentimden her war dies eine urnrtiiisehe Festung. direkt am Am-.:es gelegen. der Name: Q:I1ch Ga"ur (am Arnxes). Aber erstmalig hal- ten wir hier nicht nur eine urnrtiiische Festung vor uns. eindelllig war die Fes- tung auch spüler benutzt und ausgebaut worden. da f1n die umrtäischen Mauem ein Mauerwerk in ganz unterschiedlicher

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Bautt>chnik angesetzt war: Rundtünm:

lind Mauerabschnille in einer Art Siige-

schnill oder Zick7':ICk Muster. In Er-

milnglung eilll~r lx

..

'Sscrcn

Erkliinmg da-

ticrten wir diese Erweitcnmgcn in Illedisch-achämenidische Zeit. die Rund- tünne wurden von W. Kleiss in die Zeit f1b dem Hellenismus gesetzt. In spüteren Jahren fanden wir noch mehr derartige Architektur. insbesondere in der Ebene von Khoy ein weiteres Gavur Qateh. wo man die neu ange- setzten Rundliinne und die Sägeschniu- Technik besonders gut lassen konme.

Zwei kleine Fcstungen in der Region Maku. die 1977 "emlcsscn wurden. wie- sen wir dann :lUfgnmd der Sägl.'Schniu- Technik dem 6. Jahrhundert v. Chr zu und nannten sie ganz cinlach ohne wie- tere Begtiindung fiiihanllenisch. Wie falsch. aber :lllch wie ein wenig richtig wir lagen. wurde erst fast 20 Jah- re spüler klar, als ich zum ersten Mal in Annenien Annen Tonikian traf. Annen Tonikian war Gmbungsarchitekt in Arta- shat gewesen und publizierte damals zum ersten Mal einen Bericht über die Architektur von Artashflt. Er sprach mich dar'dllf an. dass Artashat fmp- pierende Ähnlichkeit zu der Architektur von Qa1ch Gavur arn Araxcs habe. nüm·

lieh Siigeschniu-Technik lind Rund- tümle. Und dann wurde langsalll alles klar. Nicht nur in Qaleh Gavur am Araxcs hallen wir derartige Mauem gefunden. sondem auch anderswo. In Ennangetung von gut datierten. ausgegrabenen Objek- ten hatten wir die Fundorte immer un- mittelbar naehumrtiiisch datiert. in die Zeit des llledisch·pcrsischell Reiches. Dass es ein lllcdisehes Reich wohl nie gab. wurde crst "iel spiiter flur einer Konlerenz in Padua e"ident. Jetzt wurde auf einmal klar. alt diese Fundorte muss- ten Ulndatiert werden. in hellenistische Zeit. in die Zeit des ersten annenischen Königreiches. [n Annenien sclbst gab es dicse Architektur nicht nur in Anashal. sondem sie war auch in Arinberd zu beobachten und wir entdeckten sie im Jahre 2000 in Uyts in Südamlenien.

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Kunst & Wissenschaft Abb. 5: Plan der früharmenisch bis mittelalterlichen Festung Hadjestan Qale nahe Maku/lran, das
Kunst & Wissenschaft Abb. 5: Plan der früharmenisch bis mittelalterlichen Festung Hadjestan Qale nahe Maku/lran, das

Abb. 5: Plan der früharmenisch bis mittelalterlichen Festung Hadjestan Qale nahe Maku/lran, das in armenischen Quellen Ha1;iwn oder Hadzun genannt wird (Plan erstellt von W. Kleiss)

Abb. 4: Plan der urartäischen Festung Qaleh Gavur/Khoy mit der Festungserweiterung In früharmenischer-hellenistischer Zeit (Plan erstell! von W. Kleiss)

Nachdem ich dann zum ersten Mal alle diesc Fundorte in eine Karte ein- getragen halte. war zu sehen. dass alle Pliitze in dem Bereich lagen. VOll dem wir aus historischen Quellen wussten. dass er zum fruhen Königreich Amle· nien im 3.-1. Jh. v. ehr. gehört halle. insbesondere zur Provinz Vaspurakan. Bisher haben wir nur Funde aus Nord- west-Iran (Gavur Qaleh Araxes. H31aqu Qaleh. Gavur Qaleh Khoy. Bamn. Hadzun. lIan Qara) und Amlcnien (Artashat. Arinberd. UylS). Wahr- scheinlich wcist auch Oglan Qaleh in Naxcevan diese Mauertechnik auf. Ein- deutige Befunde aus Ostan3tolien liegen noch nicht vor. das m3g damn liegen. dass von dort sehr wenig an St3dl- oder Festungspllincn publiziert ist. Die Skiz- zen. die Charles Bumey vor 50 Jahren von Kcfkalesi lind Kclirkalesi bei Adil- ce"az publizierte. lassen jedoch ver- muten. dass wir auch dort ähnliches Mauerwerk vorfinden könnten. So ftiihe amlenische Befunde bereiten sicherlich weder in Iran. noch in Naxcevan oder in der Osttürkei reine Freude.

Der

Weg

in der Erforschung des

ftiihell vorehristlichen Annenien ist noch lan!,\. 3ber langsam entsteht doch ein Bild. wo wir es zu suchen haben. welche archiiolo!,\ischcn Pliitze dem ftiihen Annenien zuzuweisen sind. nicht

nur im heuligen Ar-

mcniell selbst:

Ar-

beit flir klinfiige Ge·

nerationcn.

Zur P.'rsun:

!'ro[ Dr. Sll'Phan Kroll

iSI als

Dyson Iksc,m:h Fellow ,111 der Uniwrsity of I'cnnsylvania. Museum of Archat'Ology and

t\l1lhropology. Philadelphia Pt\. USA. tiitig. adzun , ' anJ~'llaleh./ ....-.. _--,~.ÄZAR8.ÄYJA ARSi ~..,. '-r __ .~.
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Abb. 6: FrUharmenisehe Festungen mit Sägeschnittmauerteehnik im heutigen Annenien und Norttwest-lran (Karte S. Kroll auf Basis des Encarta WeltatJas)

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