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Ingar Solty Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keine Linkspartei?

I.

Die Geschichte der Vereinigten Staaten ist die Geschichte eines historischen Sonder- wegs: die USA sind das einzige fortgeschritten kapitalistische Land der westlichen Zivilisation, das keine institutionalisierte Arbeiterbewegung hervorgebracht hat, die mit den sozialdemokratischen und kommunistischen Traditionen Europas vergleichbar wäre. Sozioökonomisch korrespondierte der den singulären Konsti- tutionsbedingungen der amerikanischen kapitalistischen Entwicklung geschuldete amerikanische Sonderweg mit einer Rassifizierung der Klassenkämpfe (D’Eramo 998, 6-75) und einer Klassenfragmentierung, die von C. Wright Mills in dem Diktum zusammengefasst worden ist, in den Vereinigten Staaten gebe es keine »working class«, sondern bloß eine »working mass«. Ideologisch korrelierte mit dieser Entwicklung ein ausgeprägter radikaler Individualismus, der sich nicht nur als ontologischer Gründungsmythos bezüglich des amerikanischen Nationalcha- rakters von de Crevecoeur über Frederick Jackson Turner bis zu den merkwürdig antimodern-konservativen und dabei gleichzeitig ausgesprochen liberalen Trans- zendentalisten (Emerson/Thoreau) zieht, sondern auch in der starken liberalen bis anarchistischen Tradition innerhalb der amerikanischen Linken tiefe Spuren hinterlassen hat. 2 Hinzu gesellt sich eine tiefsitzende Ideologie des Privateigentums, welche die Zerstörung des amerikanischen Idealtypus einer nivellierten konkurrenz- kapitalistischen Agrargesellschaft von Kleineigentümern bis heute überdauert hat, während sich zugleich eine früher von links und heute von rechts angegriffene urban- kapitalistische Aristokratie (genteel tradition) herausbilden konnte. Der deutsche

Vgl. Sombart 969, Lipset 970, Laslett/Lipset 974, Debouzy 984, Lipset/Marks 2000.

Der Bourdieu-Schüler Marco D’Eramo hat diesen Charakterzug, der durch den individualistischen Exodus-Gründungsmythos genährt wird, als eine Art Exit-Option des Protests beschrieben, d.h. der Lösung sozialer Zwangslagen durch den Exodus aus der »Gemeinschaft« (D’Eramo 1998, 78ff). Dieser am besten von Thoreaus Biographie symbolisierte Zug findet sich auch in zahlrei- chen Initiationsgeschichten der amerikanischen Literaturtradition (z.B. Moby Dick, Huckleberry Finn, Catcher in the Rye, The Awakening). Sie reflektieren die mit Ausnahme der 1930er Jahre ver- gleichsweise isolierte Existenz und den überdurchschnittlich starken Hang zur inneren Emigration in der Geschichte der amerikanischen Kulturproduktion (vgl. Brüning 1979). – John Sanbonmatsu hat gezeigt, dass sich diese Strömung in Form des antihegemonialen, psychoanalytisch aufge- ladenen und individualistischen Expressivismus schon 965 gegen die strategisch orientierten gegenhegemonialen Fraktionen innerhalb der amerikanischen Linken durchsetzte (004, 34-54). Vgl. hierzu auch Williamson 995 und Epstein 996.

Howard Zinn zufolge kann eine solche kapitalistische Aristokratie im nichtfeudalen Amerika schon für das späte 17. Jahrhundert nachgewiesen werden (003, 40ff). Tocqueville, der in seiner Schrift über die Demokratie in Amerika die Ideologie des Privateigentums eindrucksvoll beschreibt, zeigt auch, dass die kapitalistische Aristokratie schon vor der eigentlichen amerika- nischen Hochindustrialisierungsphase deutliche Konturen angenommen hat (1985, 88f). In der

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sozialkonservative Exilant Rudolf Meyer (1839-1899) hat die stärker unmittelbare Form der Klassenherrschaft in einem Brief an seinen langjährigen Freund Friedrich Engels dahingehend zusammengefasst, dass in Amerika die sozialen Übel Europas deshalb potenziert erscheinen, »weil die classe dirigeante in Europa unter demselben Staatsdruck seufzt, wie die unterworfene, hier aber bildet und schafft sie den Staat, der, soweit er existiert, natürlich ihr unbedingter Diener ist und auf ihren Befehl rücksichts- und rechtlos mordet wie in Chicago [während des Haymarket-Vorfalls]« (9. Jan. 1889). Nicht zufällig führte diese von Meyer beschriebene Besonderheit des amerika- nischen politischen Systems zu einer langen fruchtbaren Tradition der soziologischen Elitenforschung und der ideologiekritischen Auseinandersetzung mit pluralistischen Staatstheorien, welche von Gustavus Myers und Thorstein Veblen über Charles Beard und C. Wright Mills bis zu G. William Domhoff reicht. Die häufig mit ihr einhergehenden instrumentalistischen Staatsauffassungen gerieten jedoch im Zuge der Gramsci-Rezeption des westlichen Marxismus’ der späten 1960er und frühen 970er Jahre zunehmend in die Kritik. In der von der New Left Review veröffentlichten Miliband-Poulantzas-Debatte zeigte sich der Bedarf an einer Theorie des Staates, die neben der bisher betrachteten Akteursebene auch seine regulierende Einbindung in die ökonomischen Strukturen kapitalistischer Akkumulation berücksichtigte und den Staat strukturalistisch in seiner Funktionsbestimmung auch logisch-theoretisch erfasste (Block 1987, 4ff; Panitch 00, 90). Nichtsdestotrotz zeigte sich später deut- lich, dass die Debatte für beide Seiten in eine Sackgasse gemündet war, indem sie in Form der postmarxistischen Staatsautonomietheorie zu einem »neuen Pluralismus« und der Rehabilitierung des im Marxismus überwunden geglaubten liberalen dualis- tischen Staatsverständnisses führte, in dem Staat und Markt zunächst essentialisiert und dann dichotomisiert werden. 4 Ferner korrespondierte mit der Debatte und ihrer Furcht vor dem Gespenst des Ökonomismus auch eine Vernachlässigung empirischer Forschung, die erst später mit der akteurszentrierten Projekt- und Strategienanalyse und der Realität einer direkteren Form der kapitalistischen Einflussnahme auf die Staatshandlungen wiederentdeckt wurde. 5 Vor diesem Hintergrund sollen in der Folge schlaglichtartig die Möglichkeiten einer neuen Linkspartei für die USA diskutiert werden, deren Gründung zuletzt Rick Wolff am Ende seines Aufsatzes in Das Argument 262 in Aussicht gestellt hat. Es wird dargelegt werden, warum es, anders als in Deutschland, in den USA keinen Sinn macht, derlei Hoffnungen zu hegen. Die Frustrationen angesichts der jahrzehnte- langen kontinuierlichen Rechtsentwicklung der Demokratischen Partei hat historisch zu einer immensen Anzahl von Parteigründungen zu ihrer Linken geführt. Die Zahl nominell »(demokratisch)-sozialistischer«, »sozialdemokratischer«, kommunisti- scher« oder »Arbeiterparteien« ist selbst für den sektierergeschulten europäischen

amerikanischen Literatur hat die genteel tradition jener Zeit in Nathaniel Hawthornes diesbezüg- lich kritischem Roman The House of Seven Gables bemerkenswerte Spuren hinterlassen.

4 Vgl. Domhoff 1996, 53ff; Panitch 000 u. 00; Deppe u.a. 004, 97f; Barrow 005.

5 Vgl. Block 1987, 8; Aglietta 001, 9; Hirsch 001, 1; Krysmanski 004.

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Betrachter verwirrend und deutet auf die lange Geschichte des linksradikalen Schei- terns in den Vereinigten Staaten hin. Dieses Scheitern ist im Kontext derjenigen Hindernisse zu betrachten, welche historisch den Aufstieg einer subalternen Klas- senpolitik be- oder verhindert haben und die Geschicke der amerikanischen Linken auch heute noch bestimmen.

II.

Das erste der zwei zentralen strukturellen Hindernisse für die Organisierung der subalternen Klassen in den Vereinigten Staaten ist das amerikanische, auf die Direktwahl des Präsidenten bezogene Mehrheitswahlrecht (»first past the post«), das prinzipiell als Zweiparteiensystem konzipiert ist und es Drittparteien so gut wie unmöglich macht, mehr als bloß regionalen Status zu erlangen. Selbst in den Hochzeiten der amerikanischen Arbeiterbewegung waren die People’s Party, die Debs’sche Sozialistische und später die stark von Intellektuellen und Künstlern frequentierte Kommmunistische Partei weit davon entfernt, zu einer Zweitpartei zu avancieren. 6 Die Gründung einer neuen Linkspartei wäre gerechtfertigt, wenn man auf die soziale Kohäsion und ein korrespondierendes Klassenbewusstsein der ameri- kanischen Arbeiterklasse zurückgreifen könnte. So wurde nach dem Zweiten Weltkrieg lange über die Bildung einer Gewerkschaftspartei nach dem Vorbild der britischen Labour Party diskutiert, welche an die Stelle der Unterstützung der histo- risch von einer Koalition aus Südstaaten-Sklavenhalter/Großgrundbesitzern und Nordstaaten-Handels-/Immobilieninteressen dominierten Demokratischen Partei treten sollte. 7 Realiter entbehrten solche Diskussionen seinerzeit insofern nicht einer gewissen rationalen Grundlage, als der gewerkschaftliche Organisierungs- grad einer noch vergleichsweise homogenen Arbeiterklasse auf seinem Höhepunkt 1953 noch bei 3,5 % lag. Seit 1975 befindet sich dieser jedoch im freien Fall und liegt heute noch bei lediglich 2,5 %. Davon ist fast die Hälfte im mehr als viermal so stark organisierten öffentlichen Sektor beschäftigt, in dem der höchste Organisierungsgrad wiederum nicht bei der städtischen Müllbeseitigung festzu- stellen ist, sondern unter den Wissenschaftlern und Lehrern, die ungeachtet ihrer zunehmenden Prekarisierung insgesamt noch über ein vergleichsweise hohes Maß an Organisations- und Marktmacht verfügen (vgl. Silver 005, 30f, 146ff). Damit ist die Kohäsion dieses stetig schwindenden Gewerkschaftsmilieus der Infragestellung durch eine radikalindividualistische Mittelklassetradition ausgesetzt, die sich im Zuge des konsumkapitalistischen Fordismus und der kulturellen Rebellion gegen

6 Historisch hat es mit dem besonderen Bedingungen geschuldeten Aufstieg der abolitionistischen Republikanischen Partei nur einen einzigen solchen Fall gegeben.

7 Tatsächlich gab es seit Mitte der 990er Jahre im Zuge der »New-Voice«-Reformbewegung in den amerikanischen Gewerkschaften eine Partei unter eben jenem Namen, die aber die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen konnte (vgl. M. Meyer 00).

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seine disziplinierenden Aspekte noch verschärft hat. 8 Die einzige politisch wirksame Form von »Klassenbewusstsein« – oder vielmehr instinktivem Klassenressentiment

– unter der weißen Arbeiterschaft findet sich stattdessen überwiegend im Teil dessen,

was man als christlich-fundamentalistische Volksbewegung von rechts unten bezeichnen könnte. 9 Aussichten auf eine Reform dieses Wahlsystems scheinen insofern nicht zu bestehen, als dies sowohl den Interessen der beiden großen Parteien als auch der kleinen Bundesstaaten widerspräche. De facto sind die Diskussionen um eine Wahlrechtsreform seit den 970er Jahren vom Tisch und lediglich in San Francisco existiert eine Bewegung, die sich für ein instant-run-off-voting-System 0 einsetzt. Somit sind die Drittparteien, sofern sie sich nicht als lockere Strömungen innerhalb der beiden großen Parteien organisieren (wie die Moral Majority auf der Seite der Republikaner oder die American Civil Liberties Union und die Working Families Party bei den Demokraten), stets gezwungen, mit ihren Stimmen genau derjenigen Partei zum Wahlsieg zu verhelfen, der sie am entferntesten sind – ein weiterer zur Stärkung des Zweiparteiensystems drängender Faktor (Domhoff 1990, 9).

III.

Sicherlich kann das Kleinere-Übel-Argument zugunsten der Demokratischen Partei insofern infragegestellt werden, als z.B. die Unterschiede zwischen John Kerry und George W. Bush in den zentralen Fragen – neoliberaler Sozialabbau, Freihandel und Militärinterventionen – nur nuanciert gewesen sind und die letzte Demokratische Regierung unter Clinton mit der Temporary-Assistance-for-Needy-Families-Gesetz- gebung eine Reform der Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe vollzog, die den

vehementen Einstieg in ein System der Zwangsarbeit markierte (vgl. Platt 003). Die Demokratische Partei hat sich ungeachtet der Deklassierung eines großen Teiles der

– unter den Bedingungen des Fordismus noch in die »Mittelschicht« und ihre Ideo-

logie – aufgestiegenen Arbeiterklasse, deren Arbeitskraft nunmehr qua Outsourcing und Offshoring entwertet worden ist (Sylvers 00, 91-11; Schwemmle 005; Solty 2006), in der Tat zu einer Partei entwickelt, die nur noch »traditionelle Vorschläge für geringe soziale Erleichterungen in Umlauf« bringt, »an die eine Vielzahl von

Arbeiterinnen längst nicht mehr glaubt« (Wolff 005, 467). Jenseits ihrer Versuche,

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Vgl. Ewen 001; Hardt/Negri 00, 164ff, 83ff.

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Vgl. hierzu Frank 2004 u. 2005, 6, 0f, 9-224.

0 Bei diesem Wahlsystem wird neben der Erstwahl auch über die Präferenzen für die übrigen Kandidaten abgestimmt, womit eine nachfolgende Stichwahl überflüssig wird. Wenn keiner der Kandidaten mit den Stimmen der Erstwahl die absolute Mehrheit erreicht, werden Schritt für Schritt die Stimmen der zweiten, dritten etc. Präferenz hinzugezählt, bis einer der Kandidaten auf über 50 % der Stimmen kommt. So hätte es beispielsweise die Situation, in der George W. Bush 2000 vom Obersten Gerichtshof zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gekürt wurde, ohne die 2,74 % Wahlstimmen für den

Kandidaten der Green Party, Ralph Nader, genauso wenig gegeben wie aller Wahrscheinlichkeit nach die Präsidentschaft Bill Clintons ohne die Spaltung der Konservativen durch die Kandidatur Ross Perots.

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die aufgeklärten Teile des amerikanischen Bürgertums für sich zu gewinnen, exis- tiert die Demokratische Partei heute als eine »Randgruppen-Partei« (fringe party), die seit dem Zerfall der New Deal Koalition 964/68 versucht, ihre Mehrheiten auf den marginalisierten Gruppen der Gesellschaft aufzubauen (Afroamerikaner, Juden, Hispanics, aber auch Homosexuelle etc.). Zwar wählt das schwindende gewerk- schaftliche Milieu, in dem zudem Afroamerikaner proportional überrepräsentiert sind, auch heute noch demokratisch, jedoch wenden sich die sogenannten angry white men der unorganisierten weißen Arbeiterklassemajorität vor allem im Süden und im Mittleren Westen zunehmend von den Demokraten ab, da sie von ihnen ökonomisch nichts oder nur Negatives zu erwarten haben 2 , und sehen sie stattdessen als die Partei des »permissiven Werteverfalls« in Medien und Hollywood sowie als die Repräsentantin der spaltenden geschlechter- und rassebasierten, jedenfallls nicht klassenbezogenen Affirmative-Action- und anderer Gesetzgebungen. Die zunehmende Proletarisierung der Republikanischen Parteibasis hat zu einer Einbindungsstrategie geführt, die sich primär auf ideologische Konzessionen stützt. Dies steht im Zusammenhang mit dem Auftauchen eines neuen Wahlparadigmas im Zuge der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, der 960er-Kulturrevolution, dem (v.a. der Baby-Boomer-Generation geschuldeten) Anstieg der Kriminalitätsrate und dem »soldier/hippie«-Graben im Kontext des Vietnamkrieges: das von Scammon und Wattenberg schon 97 exemplarisch analysierte Paradigma der »Wertfrage«. Mithilfe der hierauf fußenden aggressiv-demagogischen Southern Strategy und Manö- vern wie der Silent Majority Speech lösten Barry Goldwater 964 und Richard Nixon 968 den traditionell wertkonservativen Süden aus der New Deal Koalition heraus und beendeten somit die über 0-jährige nationale Dominanz der Demokratischen Partei, was in eine seither fast 40 Jahre anhaltende Republikanerherrschaft und die »reagansche globale Konterrevolution« (Arrighi) mündete. Zunehmend ist es den Republikanern gelungen, die »Wertfrage« gegenüber der »sozialen Frage« zum wahl- entscheidenden Diskurs zu küren – ein Schachzug, dem die Demokratische Partei wenig entgegenzusetzen wusste, da für die Wählermobilisierung entlang der sozialen Frage eine Klassenmobilisierung von unten einerseits unerlässlich wäre, anderseits aber mit dem Niedergang der amerikanischen Arbeiterbewegung immer unwahr- scheinlicher geworden ist. Jedoch gibt es hierzu, wie im Folgenden gezeigt werden soll, für die Demokratische Partei bei Strafe ihres Untergangs keine Alternative.

2 So stammt der berüchtigte Freedom to Farm Act, der die erst im New Deal etablierten Preis-

kontrollen für Agrarprodukte zerschlug und binnen drei Jahren den Preis für ein Bushel Weizen von 6,50 auf 2,25 US$ drückte, von der Demokratischen Regierung Clintons, die somit einen großen Anteil an der massiven Enteignung der Familienhöfe und der Monopolisierung des Agrar- markts durch 4-6 Agrobusinessriesen im Süden und im Mittleren Westen trägt (vgl. hierzu näher Frank 2005, 64ff). Vgl. Scammon/Wattenberg 1971, 174ff; Teixeira/Rogers 000, 4ff. Die einzige Wahl eines Demo- kratischen Präsidenten zwischen 968 und 992, Carter, war zwei Sonderbedingungen geschuldet:

1. den Nachwirkungen der Watergate-Affäre und . der Inflation und der Wirtschaftskrise. Zudem war der Born-Again-Christ Carter alles andere als ein »Linker«, insofern als er es z.B. war, der den führenden Neoliberalen Paul Volcker ins Amt des Notenbankchefs hievte.

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III.

Die Ursachenforschung bezüglich der Entwicklung der Demokratischen Partei sollte nicht priestertrugstheoretisch im Sinne eines Verrats an der Arbeiterklasse vorgenommen werden. Stattdessen ist sie staatstheoretisch im Kontext des Befunds zu analysieren, dass ökonomisches Kapital in aller Regel »eine potenziell verall- gemeinerbare Quelle von Macht in kapitalistischen Gesellschaften« ist (Barrow 99, 5). Ein Teil dieser Machtausübung wird durch die eingangs angedeutete, vergleichsweise lockerere politische Organisation der Vereinigten Staaten begüns- tigt, die sich insbesondere . durch die Abwesenheit umfassender Parteiapparate auszeichnet, wodurch die parteiinterne »Ochsentour«, die eine gewisse personale Trennung zwischen der politischen und der ökonomischen Sphäre gewährleistet, verhindert wird und durch das Drehtür-Prinzip, d.h. den fliegenden Wechsel aus der Ökonomie in die Politik und zurück, inauguriert wird, sowie 2. der hiermit eng verknüpften Kandidatenfreiheit, welche die interne programmatische Kontrolle der Parteilinie verunmöglicht. 4 Das Mittel der besseren Einflussnahme und das zweite zentrale strukturelle Hindernis für die Erfolgsaussichten subalterner Politik ist das System der Kampag- nenfinanzierung. Dieses System sollte freilich nicht im Sinne einer ökonomistischen Staatsauffassung verstanden werden, wonach der Staat als ein Transmissionsriemen partikularer Kapitalinteressen fungiert. Auch in den Vereinigten Staaten ist es die »ideell-gesamtkapitalistische« Formbestimmung des Staates, als »Kohäsionsfaktor« die konfligierenden Kapitalfraktionen zu organisieren und die beherrschten Klassen zu desorganisieren, und zwar durch das in den politisch konstituierten Produkti- onsverhältnissen verankerte »Normalisierungsprinzip«, das die Individualisierung und Fragmentierung der beherrschten Klassen durchsetzt (Poulantzas 00, 90ff, 171ff). Wie Domhoff gezeigt hat (1990, 9ff), führt ein relativ weiter Weg von der Politics- zur eigentlichen Policy-Ebene, d.h. auch in den USA bewahrt sich der kapitalistische Staat als eine in die verschiedenen klassenfraktionsrepräsentativen Staatsapparate »gespaltene Einheit« Formen einer relativen Autonomie (Demirović u.a. ###Jahr, Seite?###). Gleichzeitig verdichtet der Staat jedoch die gesellschaft- lichen Kräfteverhältnisse in Gestalt dieses stetig mehr Geld verschlingenden Systems der Kampagnenfinanzierung, das sich mit der asymmetrischen Kapitaldistribution gegen die Organisierungschancen der subalternen Klassen, insbesondere in Form einer neuen Linkspartei, verschworen hat. 5

4 Eingehend beschrieben wurde das »Drehtür-Prinzip« zuletzt von John Saxe-Fernández (005), und zwar im Hinblick auf den Irakkrieg und die unternehmerischen Kriegsgewinnler. 5 Eine Aussicht auf eine ohnehin schwer zu regelnde Begrenzung der Kampagnenspenden besteht für die nächste Zeit nicht, insofern als der Oberste Gerichtshof in den letzten Jahren – häufig mit dem Verweis auf das First Amendment zur amerikanischen Verfassung – in der Mehrzahl seiner Entscheidungen dahingehend gewirkt hat, dass die Kampagnenfinanzierung von als juristische Personen behandelten privaten Konzernen durch das vom First Amendment garantierte Recht auf freie Meinungsäußerung garantiert wird, weshalb manche »Personen« in den Vereinigten Staaten schlicht und ergreifend mehr »sprechen« als andere.

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Die Perpetuierung der ökonomischen Schwäche der fragmentierten amerika- nischen Arbeiterklasse und folglich der politischen Repräsentation ihrer Interessen in den Wahlkämpfen und den amerikanischen Staatsapparaten ist in einem spira- lenförmig nach unten verlaufenden Prozess zu suchen, der aus sich wechselseitig verstärkenden Mechanismen besteht, insofern als der Niedergang der Gewerk- schaften seit den 970er Jahren diese zunehmend aus der Gleichung der politischen Wahlkampfmittel der Demokratischen Partei getilgt hat, was wiederum zu einer Schlechterstellung der Arbeiterklasse im politischen System der USA führte. 6 Verstärkt wird diese Entwicklung durch den wachsenden Kostenaufwand eines verlängerten und mediatisierten Wahlkampfturnus’ bis zur eigentlichen Präsident- schaftswahl, insofern als allein die glaubwürdige Kandidatur für einen Sitz im Repräsentantenhaus i.d.R. 0,5 Mio. und ein erfolgreicher Wahlkampf ,0 Mio. US$ erfordert. Es ist offensichtlich, welche Kosten ein gewerkschaftlich-linksparteilicher Präsidentschaftswahlkampf mit sich bringen würde. Die Tatsache, »dass die Person mit dem meisten Geld nicht immer gewinnt, verbirgt das Faktum, dass es unmög- lich ist, überhaupt zu kandidieren, wenn man nicht über ein gewisses erforderliches Minimum verfügt« (Domhoff 1990, 5; Herv. IS), weshalb selbst vom Pluralismus in den USA überzeugte Staatstheoretiker zugeben müssen, dass die Erfolgsaus- sichten eines veritablen »Arbeiterklassekandidaten« sehr gering sind, zumal die Medienkonzentration und die diskursiven Machtmechanismen der »strukturellen Selektivität«, indem sie wahrheitspolitisch definieren, was und was nicht gesagt

werden darf, i.d.R. dafür Sorge tragen, dass »jeder Politiker, der einen auf einen neuen New Deal hinauslaufenden Maßnahmenkatalog vorschlagen würde, angesichts der

von der kapitalistischen Presse und ihren

überwältigenden Macht des Geldes [

Ideologen niedergebuht werden und genauso sicher jede Wahl verlieren dürfte« (Harvey 003, 76). Kurzum, das System der Wahlkampffinanzierung schränkt im Zusammenspiel mit der Schwäche der Gewerkschaften die Manövriermöglichkeiten eines alternativen Linkskandidaten erheblich ein. Warum sollte also im Kontext einer wie nie zuvor geschwächten linkspolitischen Arbeiterbewegung ausgerechnet eine neue Linkspartei diesmal alles besser machen als die zahlreichen gescheiterten Drittparteigründungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs?

]

6 In diesem allgemeinen Kontext ist auch die Spaltung des Dachverbandes der US-Gewerkschaf- ten AFL-CIO vom Sommer 2005 zu sehen, die in ihrer ganzen Ambivalenz als eine Spaltung innerhalb der gewerkschaftlichen (Links-)Reformer zu verstehen ist. Während die 1995 an die Macht gekommene Sweeney-Gruppe im Nach-Reaganschen Zeitalter vor allem ein politisches Ende des union-busting durch die Beeinflussung der Demokratischen Partei erwirken wollte, was als eine conditio sine qua non für Mobilisierungserfolge angesehen wurde, unterscheiden sich die Rebellen von der SEIU und den anderen abgespaltenen Gewerkschaften insbesondere in ihrer genau gegenteiligen strategischen Vorgehensweise, die – aus Enttäuschung über die NAFTA- Demokraten – die politische Lobbyarbeit zugunsten einer gewerkschaftlichen Basismobilisierung einschränken will, die als eine notwendige Voraussetzung für die wirkungsvolle Beeinflussung der Demokratischen Partei und eine Verbesserung des politischen und betrieblichen Klimas gesehen wird. Vgl. hierzu genauer Solty 2006.

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IV.

Es stellt sich nun die Frage, ob für einen Demokratischen Präsidentschaftskandidaten nicht auch gelten soll, was für einen glaubwürdigen Drittparteikandidaten vor dem Hintergrund der beschriebenen Entwicklung gilt. Schließlich bedeuten die geschmä- lerten ökonomischen, politischen und ideologischen Ressourcen der organisierten Arbeiterklasse ja gerade in Bezug auf die Demokratische Partei, dass sich mit dem Bedeutungsverlust ihrer Wahlkampfspenden auch ihre wahlpolitische Bedeutung als kollektiver Stimmenbeschaffer für die Demokratische Partei verringert. Tatsäch- lich wirkt die Aussicht auf eine Linkswende der Demokratischen Partei nicht nur von einer staatstheoretischen Warte unwahrscheinlich, sondern auch gemäß dem allgemeinen Menschenverstand. Und doch möchte ich im Folgenden skizzieren, warum ich die Strategie einer Linksverschiebung der Demokratischen Partei für die aussichtsreichste Option der amerikanischen Linken halte. Ich tue dies aus vier Gründen. Erstens wirkt nach wie vor die Zentrismustendenz des amerikanischen Wahl- systems. Die Position eines medial unterrepräsentierten und unterfinanzierten Linkskandidaten dürfte es für die Mehrheit der potenziellen amerikanischen Linkswähler immer als unattraktiv erscheinen lassen, einen Drittparteikandidaten zu wählen, der somit stets ein Stachel im Fleisch der Demokratischen Partei als der real existierenden Linkspartei in den USA sein wird, weshalb sich die Linken innerhalb und außerhalb der Demokratischen Partei untereinander mehr bekämpfen, als gemeinsam gegen den republikanischen Gegner vorzugehen. Zweitens wird ein und derselbe Präsidentschaftskandidat mit identischen Forderungen vor dem Hinter- grund der traditionellen Parteibindungen vieler Amerikaner immer in der Lage sein, mehr Ressourcen für seinen eigenen Wahlkampf zu akkumulieren, wenn er sich innerhalb der Demokratischen Partei aufstellt, als innerhalb einer dritten Partei. Das System der Kampagnenfinanzierung begünstigt automatisch die etablierten Parteien, insofern als aus guten Gründen nur Kandidaten dieser beiden Parteien veritable Siegeschancen eingeräumt werden. Die Schwäche der organisierten Arbeiterklasse bedeutet mithin auch nicht, dass es drittens nicht Formen klassenbewusster popularer Aufbrüche innerhalb der etab- lierten Corporate Parties geben kann. Tatsächlich zeigt gerade der Aufschwung der amerikanischen Rechten den möglichen Erfolg einer subalternen Volksbewegung, sich gegen die Machteliten durchzusetzen, und das, obwohl diese mit weitaus mehr ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital ausgerüstet sind. Das beste Beispiel hierfür ist der Putsch der christlich-fundamentalistischen Volksbewegung von rechts unten in den Republikanischen Parteien der einzelnen Bundesstaaten des Mittleren Westens, die wie in einem Lehrstück einer gramscianisch-stufenför- migen Hegemoniegewinnung im Anschluss an die ideologische Übernahme der regionalen Zivilgesellschaft ab 99 die Parteizentralen der etablierten liberaleren Mod-Republicans übernahm. Der offensichtliche Kontrast zwischen den phan- tomhaft als snobbistisch-liberal verteufelten und misstrauisch beäugten Eliten und

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den mit einem immensen Maß an Moral, Rechtschaffenheit und Uneigennützigkeit traditionelles »door-to-door-organizing« betreibenden subalternen Rechtsextremen, die sich »tatsächlich vor das Auto eines Abtreibungsarztes werfen würden«, schaffte hinreichende Bedingungen für einen politischen Sieg auch ohne maßgebliche Unter- stützung durch große Kapitalgesellschaften (vgl. Frank 005, 89-109). Die Frage ist nur, welche soziale und politische Strömung die sozialen und kulturellen Bedürfnisse dieser Menschen aufgreift und glaubwürdige Alternativen bietet. Die Demokratische Partei wird viertens aus objektiven Gründen dazu gedrängt, die egalitären Prinzipien einer »moralischen Ökonomie« (E.P. Thompson) aufzugreifen, zu verbinden und damit das diskursive Tor aufzustoßen, in das die weit- reichenden Frustrationen über die eigene soziale Misslage kanalisiert und in einem verdichtenden Kommunikationsprozess zusammengeführt werden können. Auch wenn dieser Prozess zunächst von oben angestoßen würde, könnte daraus eventuell eine neue Klassenbewegung gegen den neoliberalen Totalitarismus der Ökonomie hervorgehen. Dies wird nicht zuletzt dadurch zu einer objektiven Möglichkeit, dass die traditionelle wertkonservative Mehrheit in den USA, die sich durch die Dynamik der demütigenden Verelendung breiter Massen und der – religiöse Deutungsmuster begünstigenden – Teilprivatisierung der Sozialversicherung (Charitable Choice) zahlenmäßig aller Wahrscheinlichkeit noch verstärken dürfte, im Regelfall verhin- dern wird, dass die Demokratische Partei Mehrheiten erreichen kann, solange sie sich in ihrem zögerlichen sozialpolitischen Verhalten auf das von den Republikanern präparierte Terrain des Wertediskurses einlässt. Der Wahlsieg des sich glaubwürdig popular gerierenden Bill Clintons 992, der auf der Einsicht »It’s the economy, stupid!« und der Spaltung des konservativen Milieus durch die Kandidatur Ross Perots basierte, unterstützt die These, dass die Demokratische Partei Abstand von der Furcht nehmen sollte, einflussreiche Finanziers etc. zu verprellen, um stattdessen offensiv die soziale Frage, die »neue Unsicherheit« etc. zu thematisieren. Die Popularität Howard Deans, dem durch seine innovative Internetkampagne seinerzeit finanzkräftigsten Demokratischen Kandidaten des ersten Wahlgangs, deutet an, wie viele gerade junge Menschen für die Demokratische Partei mobilisiert werden können, wenn ein Kandidat einen offensiven Sozialwahlkampf verspricht. 7 Die objektive Lage der Demokratischen Partei wird zudem durch die Zuwanderung der Hispanics und die wertkonserva- tiveTendenz im amerikanischen Katholizismus bestimmt. Hierdurch schwinden die Erfolgsaussichten einer Demokratischen »Randgruppen«-Partei (fringe party), da die große Hispanic-Minderheit in den USA sich schnell assimiliert und so als Stammklientel für die Demokratische Partei zunehmend außer Reichweite gerät,

7 So hatte Dean zu Beginn seines Wahlkampfes eine vehemente Diskursverschiebung propagiert, indem er äußerte, dass es »in diesem Wahlkampf weniger um »God, Guns’n’Gays« gehen wird, sondern um »Jobs, Education and Health Care«. Von seiner ganzen Art Oskar Lafontaine nicht unähnlich, verfolgte Dean, was von manchen Puristen als Querfrontstrategie gegeißelt, in der Selbstsicht ihrer Protagonisten aber explizit als lediglich angewandter Gramscianismus verstan- den wird (vgl. Lafontaine 005).

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zumal der Übertritt einer Mehrheit der Hispanics zu den Republikanern durch den wertkonservativen Katholizismus in den USA überdeterminiert ist. Schon bei den Wahlen 2004 zeigte sich, dass mittlerweile beinahe die Hälfte aller Hispanics den Republikanern nahe steht. 8 Richard Wolff hat in Das Argument 262 angedeutet, wie eine Mobilisierung der amerikanischen Subalternen entlang der sozialen Frage über eine neue Form der sozialen Gegenmoral vonstatten gehen könnte. Die Erfolgsaus- sichten für ein solches innerhalb einer Drittpartei realisierten Projektes dürften aber erheblich geringer sein als in der Demokratischen Partei.

V.

Dass eine solche Gesamtstrategie Aussicht auf Erfolg haben kann, zeigt die Geschichte der Vereinigten Staaten selbst. Der Wertkonservatismus in den USA ist keine neue Erscheinung, neu ist bloß seine erneute Politisierung als einer Form der »Würdebewahrung« (Sennett 005) inmitten entwürdigender Lebensumstände. 9 Scammon und Wattenberg haben gezeigt, dass selbst zu den Zeiten der überwälti- genden Demokratischen Dominanz eine Mehrheit der US-Bevölkerung sich als (wert)konservativ bezeichnete, was sie aber nicht daran hinderte, das sozialpolitische Projekt der New-Deal-Demokraten zu unterstützen. Tatsächlich war es der religiös gespeiste Moralismus des Mittleren Westens, der sich besonders kompatibel mit der amerikanischen Tradition des religiösen Sozialismus zeigte. 20 Es ist kein Zufall, dass sich viele populare oder sozialistische Protagonisten hier rekrutierten, wo die größte sozialistische Massenzeitschrift, Appeal to Reason, ihre Wurzeln und Hauptleser- schaft hatte. Eine christlich-fundamentalistische Grundorientierung ist in den USA immer auch ein Klassenlagenindiz gewesen. Das heutige verquere Klassenbewusst- sein der amerikanischen christlich-fundamentalistischen Volksbewegung von rechts unten gleicht in seiner antiintellektualistischen Anti-Ostküsten-Rhetorik verblüffend und fast bis aufs Wort der Rhetorik der Populist Movement des späten 9. Jahrhun- derts – allerdings mit dem Unterschied, dass sich diese streckenweise durchaus äußerst rückwärtsgewandte Bewegung in ein größeres gegenhegemoniales Projekt innerhalb der Demokratischen Partei einbinden ließ und mit dafür sorgte, dass die Theodor Rooseveltschen Anti-Trust-Gesetze durchgesetzt werden konnten. 2

8 Während 2000 nur 40 % der Hispanics Bush wählten, stieg diese Zahl bei den Wahlen von 2004 auf 44 %.

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20 So hat z.B. Kurt Vonnegut auf seiner Preisrede des Carl Sandburg Literary Award herausgestri- chen, wie stark der Sozialismus des aus Indiana stammenden Debs einen religiös-moralischen Hintergrund hatte. Eines von Vonneguts Lieblingszitaten von Eugene Debs ist das der Bergpredigt sehr verwandte: »As long as there is a lower class, I am in it. As long as there is a criminal element, I’m of it. As long as there is a soul in prison, I am not free.« (Vgl. Vonnegut 001) 2 Vgl. hierzu z.B. die Rede des Führers der Populist Movement und mehrfachen Demokratischen

Präsidentschaftskandidaten William Jennings Bryan auf der Democratic National Convention von 1896 (Bryan 1896).

Vgl. Barrow 004; Holmes 001, 106.

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Die Kunst dürfte für eine amerikanische Linke, die diesen Namen verdient, heute darin bestehen, die wertkonservative, kopflose – und bisweilen anomische Züge tragende – amerikanische Arbeiterklassemajorität, die in den meisten diffe- renzierten Umfragen bspw. hinsichtlich der neoliberalen Steuersenkungspolitik oder öffentlicher Beschäftigungsprogramme eine bemerkenswerte soziale Progressivität offenbart, in ein Projekt einzubinden, das die wirtschaftlichen Sorgen dieser Mehr- heit ernst nimmt und ihnen glaubwürdige soziale Alternativen zur neoliberalen Informalisierung, Prekarisierung und sozialen Polarisierung anbietet. Der sozial progressive Pol könnte so mittelfristig gegen den wertkonservativen Pol ausgespielt werden bzw. dem wertkonservativen Pol den alleinigen Anspruch auf das Moralische streitig machen. Freilich ist die Demokratische Partei von einem solchen Projekt sehr weit entfernt. Jedoch kann die letzten Endes bloß auf eine weitere Exit-Option hinauslau- fende Drittparteienstrategie in den USA nur bedeuten, dass diejenige Politik an der Macht bleibt, welche die zivilgesellschaftliche Desintegration am vehementesten vorantreibt und die Kohäsion der amerikanischen Gesellschaft nur aufrechterhalten kann, indem sie die aufbrechenden Widersprüche exterritorialisiert und das interne Regime dadurch extern absichert (Deppe u.a. 004, 16f), dass sie die inneren Risse einerseits durch eine neue volksgemeinschaftlich-nationalistische Freund/ Feind-Unterscheidung nach außen und andererseits eine Verfolgung des inneren Sündenbocks – einem effeminierten, permissiven, arroganten »Limousine Liberal« – kittet. Dieser wird für den »Kulturverfall« verantwortlich gemacht, der mit der Unterordnung des journalistischen und kulturellen Feldes unter das ökonomische Feld zussammenhängt (Bourdieu 1998). Eine sektiererische Politik, die eine sowohl innen- wie auch außenpolitisch gefährliche ideologische Überdeterminierung beför- dert, ist unverantwortlich. Die objektive Zwangslage einer Demokratischen »Randgruppen«-Partei (fringe party), der neben der sich desintegrierenden Arbeiterklasse zunehmend auch eine der zentralen Randgruppen (fringe constituencies), die »Hispanics«, abhanden kommt, deutet darauf hin, dass es Chancen gibt, die Demokratische Partei nach links zu verschieben und zum Forum einer neuen, insgesamt internationalistisch ausge- richteten Klassenbildung auf nationaler Ebene zu machen. Bemühungen in diese Richtungen werden paradoxer Weise gerade durch die ansonsten eher schädliche lockere Parteiorganisation begünstigt. Wie Domhoff (004) gezeigt hat, könnte eine zielgerichtet arbeitende politische (und nicht lokalistisch-kulturelle Gesinnungs- )Linke mittelfristig durchaus in der Lage sein, zentralen sozialistischen Forderungen in einem langsamen Transformationsprozess politische Wirksamkeit zu verleihen, sobald sie sich innerhalb der Demokratischen Partei als egalitaristische Bewegung institutionalisiert und von diesen Machtpositionen aus zu einem ernstzunehmenderen Machtfaktor in der gesamten Partei heranreift. Nach Auffassung von Sanbonmatsu besteht der erste Schritt in Richtung einer Erneuerung der politischen Linken in der selbstkritischen Aufarbeitung der sowohl im »Westlichen Marxismus« als auch in den liberalen Strömungen der Neuen

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Linken verankerten und in den USA verschärften Trennung von Theorie und Praxis (004, 76ff). Seines Erachtens hatten die linken Theoretiker nach der eigenen Abkopplung von den sozialen Bewegungen der neoliberalen Transformation der

Hochschulen in den USA und dem Zur-Ware-Werden des Wissens selbst wenig entgegenzusetzen (81ff). Statt einer kollektiven Politik wurden individuelle Durchset- zungsstrategien verfolgt, was in dem von immensen Professionalisierungszwängen gekennzeichneten akademischen Feld vor allem bei der postmodernen Linken mit ihrem besonderen idealistisch-expressiven und nihilistischen Hintergrund zu einem warenästhetischen Jargon permanenter Innovation geführt hat, in dem in den

Kulturwissenschaften kaum ein Text mehr ohne ein »after

auskommen mag (90ff; zu den Auswirkungen

auf College Studenten vgl. Sanbonmatsu 2005). Insbesondere in den USA wird die Linke heute weniger mit dem Sozialismus als mit den anti- statt gegenhegemonialen Formen der Postmoderne identifiziert, was sich in dem wirksamen Stereotyp des europäisierten arroganten College Boys oder Ivy-League-Absolventen widerspie- gelt, der die Mehrheitsgesellschaft, die seinen Weizen und seinen Mais produziert, verachtet und als abergläubisch, bigott und »reaktionär« bekämpft. Gerade so konnte es den Republikanern gelingen, sich auch noch in der Regierungsverantwortung als die Protestpartei des »kleinen Mannes« zu gerieren. Bis auf den heutigen Tag hält sich an den Universitäten der USA, tatsächlich mehr noch als in Europa, eine Wissenschaftstradition, die sich der Arbeiterbewegung und dem Marxismus verpflichtet fühlt. Umfragen zeigen, dass sich innerhalb des riesigen Pools an »liberals« auch noch eine beinahe zweistellige Prozentzahl von »radicals« befindet, welche die internationale marxistische Debatte in den letzten 0-40 Jahren immens nach vorne gebracht hat. Doch stimmt es nachdenklich, dass dieser akademische Marxismus so gut wie keinerlei Auswirkungen auf die sozialen Bewegungen in den Vereinigten Staaten zeigt. Eine Praxis ohne jede Philosophie ist schädlich, eine Philosophie ohne eine auf die Humanisierung der menschlichen Verhältnisse hinwirkende Praxis nutzt wenigen. Nicht akademische Marxistinnen und Marxisten sondern außer-universitäre Linke wie z.B. Robert Kuttner, Michael Moore und Zeitschriften wie The Nation können noch annähernd als organische Intellektuelle bezeichnet werden, die sich der kulturellen Hegemonie der Rechten in den USA entgegenstellen. Die universitären Schranken dessen, was im akzeptablen Bereich des noch Sagbaren liegt, sind enorm, insofern als die akademischen Linken erst dann in einer verständlichen Sprache sprechen »dürfen«, sobald sie sich, wie z.B. Noam Chomsky, Howard Zinn und Frances Fox Piven, zu einer Autorität in ihrem angestammten Feld entwickelt haben. Ob sie das dann aber noch können oder wollen steht auf einem anderen Blatt. Ohne eine selbstkritische Auseinandersetzung dürfte es kaum zu einer Transformation universitärer Theoretiker zu »öffentlichen Intellektuellen« kommen.

oder »enlarging the boundaries of

«

«,

»beyond the limits

«

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VI.

Einer der führenden Köpfe des antisektiererischen Geistes in den Vereinigten Staaten, der Trotzkist Max Shachtman, der als der zentrale konzeptive Ideologe der Idee gilt, sich innerhalb der Demokratischen Partei politisch als Flügel zu organi- sieren, und damit einen verblüffend starken Einfluss auf Teile der sozialpolitischen Gesetzgebung der Great Society und des War on Poverty von Lyndon B. Johnson gewinnen konnte, formulierte kurz vor seinem Tod: »Die amerikanische Linke ist ein Nichts, verglichen mit ihrer Rolle in den europäischen Ländern. Nichts bricht mir mehr das Herz als dies auszusprechen: Unsere Torheit, die Bedeutung der [New Deal] Koalition nicht zu erkennen, unser Versagen, uns mit dieser Gruppe zu identi- fizieren, unsere Isolation vom Mainstream des amerikanischen politischen Denkens, unsere spezielle Sprache, die niemand versteht. Es ist traurig. Ich erwarte nicht, dass unsere Machtstruktur eine linke Bewegung ins Leben rufen wird, ich erwarte das von den Linken.« (Shachtman 1970, 301) Freilich läuft das linke Amerika heute mehr denn je Gefahr, aus dem »leben- digen Fluss (herausgeschleudert)« zu werden, »keinen mehr verstehend und von keinem verstanden«, und »den Kontakt zur Masse der Geselllschaft zu verlieren« (Brecht 1935, 678). Seine Position wird sich nicht verbessern, wenn es sich auf die aussichtslose Reise ins linksradikale Niemandsland begibt, denn von dieser Spre- cherposition aus muss seine Antwort im Lärm der christlich-fundamentalistischen Volksbewegung von rechts unten im Verbund mit dem neoliberalen Klassenkampf von rechts oben allein schon akustisch untergehen. Noch 958 traute der Vordenker des Neoliberalismus und Hayek-Lehrer Ludwig von Mises gerade den amerika- nischen Intellektuellen einen besonderen Antikapitalismus zu, weshalb er diese auch für besonders verachtenswert und gefährlich hielt (1958, 6ff). Vielleicht sollte man ihn beim Wort nehmen und zum Anlass des baldigen 50. Jubiläums dieses Pamphlets dort wie hierzulande »die Gemeinwirtschaft« auf eine gegenhegemoniale Weise und dann vielleicht auch mit Erfolg vorantreiben.

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