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Jörg Huffschmid, geboren 1940, ist Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Universität Bremen und Mitglied der »Memorandum-Gruppe«. Buchveröffentlichungen unter anderem: »Die Politik des Kapitals. Kon- zentration und Wirtschaftspolitik in der Bundesrepublik«; (Hg. zus. mit Herbert Schui) »Gesellschaft im Konkurs? Handbuch zur Wirtschafts- krise 1973-76 in der BRD«; (Hg.) »Rüstungs- oder Sozialstaat?«.

Jörg Huffschmid

Wem gehört Europa?

Wirtschaftspolitik

und

Kapitalstrategien

Band 1:

Wirtschaftspolitik in der EG

Distel Verlag

DISTEL

HEFTE

Herausgegeben

von

Uli

Beiträge

Dieterich

und

©

Sonnengasse

1994

by DISTEL VERLAG,

11,

74072

Heilbronn.

zur

politischen

Marion

von

Hagen

Bildung

Alle

Rechte

vorbehalten.

 

Satz

(Berthold

Garamond):

Fotosatzservice

Feldhoffer G m b H ,

Heilbronn.

Druck und

Umschlagentwurf: Jürgen

Bindung:

Fritz

Steinmeier,

Nördlingen.

Knauer,

Heilbronn.

Inhalt

Band 1: Wirtschaftspolitik in der EG

Einleitung: Vollendung des Binnenmarktes - Krise der Europäischen Gemeinschaft - Neuordnung Europas

9

1. Kapitel: Politische Gründung - Ökonomischer Aufstieg - Politisch-ökonomische Doppelkrise:

Entwicklungsphasen der EG

23

1.1 Westeuropäische Wirtschaftsverflechtung statt gesamt-

europäischer Integration:

Politische Beschränkungen

der Gründungsphase

25

1.2 Marktintegration im Takt der Wirtschaftsdynamik:

Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG)

34

1.3 Von der Rivalität zum Abschluß: Die Marginalisierung der EFTA

45

1.4 Westeuropäische Erblasten und osteuropäische Umbrüche:

Die Doppelkrise der EG

52

2. Kapitel: Im Namen von Markt und Mark: Wirtschafts- politik in der EG

61

2.1 Von aktiver Steuerung zu marktradikaler Enthaltsamkeit:

Die Demontage wirtschaftspolitischer Programmatik

62

2.2 Deregulierung statt Gestaltung: Der unvollendete Binnenmarkt

77

2.3 Dominanz der DM statt europäischer Wirtschaftspolitik:

Das Europäische Währungssystem

90

2.4 Zwischen Enthaltsamkeit und Wirtschaftskrieg:

3. Kapitel: Stillstand, Zentralisierung oder gesamt- europäische Demokratisierung: Wohin treibt Europa?

141

3.1 Die Vertiefung der Integration: Kein vorrangiges Interesse

für das europäische Kapital

142

3.2 Stagnation der Integration

146

3.3 Hierarchische Integration

150

3.4 Demokratische Integration

174

Band 2: Kapitalstrategien in Europa

1. Kapitel: Konkurrenz, Konzentration, Vernetzung:

Positionskämpfe im Binnenmarkt - Uberblick

9

1.1 Die Spitzenkonzerne der Welt: Europa knapp behauptet

11

1.2 Strategische Neuformierung in Europa: Verflechtung im Binnenmarkt

14

1.3 Zwischenbilanz: Verflechtung und Vernetzung der Zentren - Aufkauf der Peripherie - Die europäische Dimension wirtschaftlicher Vermachtung 43

1.4 Europäische »champions« und »global players«:

Widersprüche der Formierung

48

2. Kapitel:

Der Kampf ums Telefon:

Globalisierung und

Neuordnung der Telekommunikation

51

2.1 Umbruch und Neuformierung: Ein Sektor in Bewegung

51

2.2 Vom gesellschaftlichen Versorgungsauftrag zur

Unternehmensförderung:

Telekommunikationspolitik

in Europa

58

2.3 Wem gehören die globalen Netze?: Die Entfesselung der Telefongesellschaften

67

2.4 Hoflieferanten unter Druck:

Der Kampf um die

Neuordnung der Geräteindustrie

73

2.5 Zwischenbilanz: Von der gesellschaftlichen Versorgung zum Kampf um den Weltmarkt

96

3. Kapitel: Show-down in Europa: Automobilstrategien

99

3.1 Fordismus in der Krise: Die Japaner kommen

99

3.2 Westeuropa als Schlachtfeld der 90er Jahre

104

3.3 Protektionismus und Subventionen:

Automobilpolitik

3.4

Positionen und Strategien:

Automobilkonkurrenz

 

in Europa

118

3.5

Zwischenbilanz:

Mehr Konkurrenz - weniger

Beschäftigung - mehr Autos

135

4.

Kapitel:

Bankenmacht im Binnenmarkt:

Die Neuformierung der Finanzdienstleistungen

139

4.1 Nationale Oligopole unter Internationalisierungsdruck:

 

Banken und Versicherungen

139

4.2 Privatisierung, Liberalisierung, Deregulierung:

Raum für das europäische Finanzkapital 144

4.3 Mehr Konzentration gegen mehr Konkurrenz:

 

Das Finanzkapital formiert sich

151

4.4 Zwischenbilanz: Mehr Bankenmacht im Binnenmarkt

189

5.

Kapitel:

Die Zubereitung des Hinterlandes: EG-Politik

und Westkonzerne im Osten

191

5.1 Nach dem Zusammenbruch: Abhängiger Kapitalismus

191

5.2 Halbherzige Hilfen zum eigenen Nutzen: Die Osteuropa- Politik der EG

198

5.3 Zurückhaltung und strategische Zugriffe: Westkonzerne

 

im Osten

206

5.4 Autos im Osten: Privatisierung durch Fiat und VW

216

5.5 Telekommunikation: Siemens in der Offensive

225

5.6 Banken: Viel Vorsicht und eine »führende Mittel- europabank«

237

5.7 Zwischenbilanz: Von der Konfrontation in die Abhängigkeit

244

9

Einleitung

Vollendung des Binnenmarktes - Krise der Europäi- schen Gemeinschaft - Neuordnung Europas

Das Jahr 1993 brachte zwei markante Einschnitte in der Geschichte der Europäischen Gemeinschaften (EG): 1 Am 1. Januar 1993 schlug offiziell die Stunde der »vier großen Freiheiten« in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Mit dem Jahreswechsel sollten die wirtschaftlichen Grenzen zwi- schen ihren Mitgliedsländern verschwunden, der einheitliche euro- päische Binnenmarkt vollendet sein: Alle Beschränkungen im zwi- schenstaatlichen Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr wür- den aufgehoben sein, die Menschen könnten überall in den 12 Mit- gliedsländern wohnen und arbeiten. So steht es seit 1986 im Vertrag über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft.

Am

1.

November 1993 trat der Vertrag von Maastricht 2 in Kraft,

durch

den eine »Europäische

Union« mit einer eigenen

Unionsbür-

gerschaft gegründet, eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik

1

Die Abkürzung EG wird im folgenden für die drei Organisationen »Europäische Wirtschaftsgemeinschaft« (EWG), »Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl« (EGKS oder Montanunion) und »Europäische Atomgemeinschaft« (Eura- tom) verwendet. Sie werden seit 1967 offiziell mit dem Sammelbegriff »Europäi- sche Gemeinschaften« bezeichnet. Der Begriff »Europäische Gemeinschaft« im Singular taucht erst im Maastrichter »Vertrag über die Europäische Union« vom Dezember 1991 auf (vgl. die folgende Fußnote). Dort wird u.a. die EWG in »Eu- ropäische Gemeinschaft« umbenannt. Daneben bestehen die Europäische Atom- gemeinschaft und die Mont anuni on als eigene Organisationen weiter. Da der Montanunion-Vertrag von 1951 (in Kraft seit 1952) für die Dauer von 50 Jahren geschlossen wurde, läuft er im Jahre 2002 aus. Der Euratom-Vertrag von 1957 dagegen ist - ebenso wie der EWG-Vertrag - für unbeschränkte Zeit geschlossen worden.

2

Es handelt sich um den »Vertrag über die Europäische Union« sowie 17 Proto- kolle und 33 Erklärungen, die ihm beigefügt sind. Sie wurden auf dem EG-Gip- feltreffen vom 9./10. Dezember 1991 in Maastricht von den Staats- und Regie- rungschefs der 12 Mitgliedsländer beschlossen und als »Schlußakte« am 7.2.1992 in Maastricht von den Außenministern unterzeichnet.

10

Einleitung

und mehr Kooperation in der Rechts- und Innenpolitik der Mit- gliedsländer eingeführt, die »Europäische Wirtschaftsgemeinschaft« in »Europäische Gemeinschaft« umbenannt und der Fahrplan für eine Europäische Währungsunion verabschiedet wurden. Ein Jahr großer institutioneller und politischer Fortschritte für die EG also. Allerdings ist der Ubergang zum Binnenmarkt nicht so ra- dikal ausgefallen wie Gesetzestext und politische Programme verkün- det haben. Grenzkontrollen wird es auch in Zukunft geben, Steuer- grenzen bestehen weiter. Viele Richtlinien zur Beseitigung von Beschränkungen im zwischenstaatlichen Handels-, Kapital- und Dienstleistungsverkehr sowie beim Grenzübertritt von Personen sind zwar von der EG verabschiedet, aber von den Mitgliedsländern noch nicht umgesetzt worden. Auch die »Europäische Union« ist nicht das geworden, was die Vertreter einer engeren »Politischen Union« sich vorgestellt haben; die Bestimmungen des Maastrichter Vertrages über die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik beispielsweise sind so vage, daß ihre Umsetzung zunächst kaum über die Versuche gemeinsamer Erklärungen hinausgehen dürfte.

Trotz dieser Abstriche sind beide Ereignisse aus der Sicht ihrer po- litischen Träger und Betreiber jedoch Fortschritte und Erfolge in hi- storischen Dimensionen. Zumindest für den europäischen Binnen- markt wird diese Sicht auch von den großen EG-Unternehmen ge- teilt: Zum einen hat das Programm zur Verwirklichung der vier Frei- heiten einen enormen Konzentrations- und Zentralisationsschub in Gang gesetzt, der regelmäßig mit dem Hinweis auf den großen Bin- nenmarkt politisch begründet und gefördert wurde und in der Öf- fentlichkeit weitgehend unbeanstandet blieb. Zum anderen befreit die mit dem Binnenmarktprogramm verbundene »größte Deregulie- rung in der Wirtschaftsgeschichte« die Unternehmen von lästigen Beschränkungen und zusätzlichen Ausgaben im innereuropäischen Handel und war von ihnen schon lange gefordert worden. Angesichts dieser Erfolgsgeschichte ist der fast vollständige Man- gel an Enthusiasmus bemerkenswert, mit dem das Herannahen bei- der Termine und der offizielle Beginn von Binnenmarkt und Euro- päischer Union in der Öffentlichkeit begleitet wurden. Zwar spra- chen der Präsident und verschiedene Mitglieder der Europäischen Kommission sowie führende Regierungspolitikerinnen der Mit- gliedsländer bei beiden Gelegenheiten von einem »historischen Au- genblick« und dem Übergang in eine »neue Epoche in der Ge-

Einleitung

11

schichte Europas«. Das aber waren wenig mehr als pflichtgemäße Er- klärungen von Amtsträgerinnen. In Presse, Funk und Fernsehen herrschten zurückhaltende und skeptische Kommentare vor; Umfra- gen brachten wenig Begeisterung und viele Fragezeichen zutage. Von der europäischen Aufbruchstimmung, die bis Anfang der 90er Jahre die veröffentlichte und wohl auch die öffentliche Meinung geprägt hatte, war nichts übrig geblieben. Sie hatte einer Ernüchterung Platz gemacht, die vielfach in Frustration und Ablehnung umschlug. 3 Dieser europapolitische Stimmungswechsel dauert schon länger an. Er hatte die Däninnen im Juni 1992 veranlaßt, den Vertrag von Maastricht abzulehnen. Die mit 50,5% denkbar knappe Zustim- mung bei dem Referendum vom September 1992 in Frankreich ist ebenfalls kein Zeichen für Europa-Euphorie. In Deutschland und England erbringen Meinungsumfragen kein besseres Bild. Nur in den Ländern, die von der EG viel Geld bekommen, gibt es noch eine deutlich überwiegende Europa-Sympathie. Auch die am 18. Mai 1993 wiederholte Volksabstimmung in Dänemark, bei der es zu 56% Ja-Stimmen kam, ist kein Zeichen für eine Wende: Dieses - immer noch recht knappe - Ergebnis kam nur unter einem fast ein Jahr lang dauernden Wechselbad von Drohungen und Lockungen zustande, und erst, nachdem Dänemark auf dem Gipfeltreffen der EG im Dezember 1992 in Edinburgh die Erlaubnis erhalten hatte, sich an wesentlichen weiteren Integrationsprojekten - vor allem an der Währungsunion und der militärischen Integration - nicht zu be- teiligen. 4 Schließlich: Das grüne Licht des deutschen Bundesverfas- sungsgerichtes im Oktober 1993 gegenüber dem Vertrag von Maas- tricht zieht der weiteren politischen Integration Europas sehr viel

3 Die Financial Times (im folgenden zitiert: FT) bemerkt in ihrer Beilage zum Bin- nenmarkt vom 19.1.1993, S. IV: »So hatte man sich das nicht vorgestellt. Der Einheitliche Binnenmarkt öffnete seine Geschäftstore genau in dem Moment, als die Wirtschaft schwächer wurde. Weit entfernt davon, eine neue wirtschaftliche Dynamik anzukündigen, fällt der Januar 1993 mit steigender Arbeitslosigkeit, Währungsturbulenzen und öffentlicher Unzufriedenheit zusammen. Die Euro- päische Gemeinschaft erlebt keinen Ausbruch von Zuversicht und Kreativität, sondern die Rückkehr zu jenem Trübsinn, der dem Binnenmarktprogramm vor- ausgegangen war.«

12

Einleitung

engere Grenzen, als dies bei Abschluß des Vertrages im Dezember

1991 von den meisten Regierungschefs - allen voran Helmut Kohl

und Francois Mitterrand - erwartet worden war. Für diese zunehmende Skepsis bis Ablehnung gegenüber der EG gibt es im wesentlichen drei Gruppen von Gründen:

Erstens fällt die wirtschaftliche und politische Vertiefung der euro- päischen Integration zeitlich mit der tiefsten Wirtschaftskrise der EG und in fast allen ihrer Mitgliedsländer seit dem Zweiten Weltkrieg zusammen. »Die Wirtschaftsaussichten der Gemeinschaft haben sich in den letzten Monaten dramatisch verschlechtert. Statt der erhoff- ten Erholung wird das Wachstum 1993 nun schon im dritten Jahr hintereinander schwach bleiben; frühestens 1994 ist mit einer Rück- kehr zu etwas höheren Wachstumsraten zu rechnen. Infolge dieser Wachstumsschwäche nimmt die Arbeitslosigkeit zu und dürfte sich allenfalls erst im Verlauf des Jahres 1994 stabilisieren; gleichzeitig sind die Haushaltsdefizite wieder so hoch wie zu Beginn der 80er Jahre.« 5 Auf der Grundlage dieser pessimistischen Einschätzung pro- gnostizierte die Europäische Kommission in ihrem Jahreswirtschafts- bericht 1993 ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum der EWG- Mitgliedsländer um 0,75%. Diese Prognose mußte schon im Mai

1993 als zu optimistisch korrigiert werden: Das Wachstum werde al-

lenfalls noch ein halbes Prozent betragen, es sei aber auch ein Rück- gang des Sozialproduktes um ein viertel Prozent möglich. 6 Doch auch diese pessimistische Variante war noch zu optimistisch: Der Rückgang wird wohl noch stärker sein. 7 Nicht besser sehen die Aus- sichten für die Arbeitslosigkeit aus: »Die Zahl der Arbeitslosen könnte 1993 etwa 17 Millionen erreichen (einschließlich der neuen deutschen Länder) oder, als Anteil an den zivilen Erwerbspersonen gemessen, ein Niveau in der Größenordnung von 1985 (11%). In diesem wichtigen Bereich werden somit die in der zweiten Hälfte der 80er Jahre erzielten Fortschritte in den ersten drei der 90er Jahre wie-

der verlorengehen.« 8 Wieder untertrieben: Bis September 1993 er- höhte sich die Zahl der Arbeitslosen auf 17,9 Millionen Personen,

5 Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Jahreswirtschaftsbericht 1993,

in:

Europäische

Wirtschaft,

Nr.

54/1993,

S.

3.

Vgl.

6 FT

vom

17.5.1993,

S.

1.

7 Vgl. Wirtschaftswoche (im folgenden: Wiwo), Nr. 44 vom 29.10.1993, S. 14.

8 Jahreswirtschaftsbericht

1993,

a.a.O.,

S.

6.

Einleitung

13

und schon im Herbst 1993 wurde für 1994 eine Rekordarbeitslosig- keit in Höhe von 20 Millionen erwartet. 9 Zweitens werden vielen Menschen jetzt auch die Schattenseiten des Binnenmarktes bewußt. Diese liegen nicht in erster Linie darin, daß einige Hindernisse beim Grenzübergang, im zwischenstaatli- chen Handelsverkehr oder bei der Niederlassungsfreiheit noch nicht beseitigt worden sind. Probleme bereiten vielmehr die Folgen der weitreichenden Deregulierungen, die der Binnenmarkt mit sich bringt. Er wird beispielsweise mit Sicherheit zu einer drastischen Zu- nahme des LKW-Verkehrs führen und damit die Zerstörung der Um- welt beschleunigen. Verbraucherverbände in einzelnen Ländern wei- sen darauf hin, daß mit dem Binnenmarkt bislang dort aus Gründen des Gesundheitsschutzes nicht zugelassene Lebensmittel in den Handel kommen. Gewerkschaften sehen die Gefahr des Sozialdum- pings und der Aushöhlung ihrer mühsam erkämpften sozialen Rechte. Selbst kleine und mittlere Unternehmen beklagen sich: Für sie nimmt - Deregulierung hin oder her - der bürokratische Auf- wand zu, den der Binnenmarkt ihnen beim Export auferlegt, weil die Mitgliedsländer sich nicht auf eine vernünftige Regelung der Umsatzsteuer in der EG einigen konnten.

Der dritte und vermutlich entscheidende Grund für die mangeln- de Begeisterung anläßlich des Übergangs zu Binnenmarkt und Euro- päischer Union liegt in der Tatsache, daß weitgehend unklar ist, wie es mit der europäischen Integration weitergeht. Wird in absehbarer Zeit ein neues Projekt auf den Weg gebracht werden, das eine ähnli- che politische und öffentliche Zugkraft entwickelt wie das beim Bin- nenmarkt zumindest in den ersten fünf Jahren der Fall war? Oder wird die EG so weiterwursteln wie in den letzten beiden Jahren, wird es in den 90er Jahren ein nach den 70er Jahren zweites Jahrzehnt der Integrationskrise geben - unter ganz anderen und sehr viel kompli- zierteren weltpolitischen Bedingungen als damals? Haben sich die Möglichkeiten der bisherigen Struktur und Funktionsweise der EG im Laufe der Zeit erschöpft, ist sie also historisch am Ende? Wird sie sich in Einzelstaaten oder Kleingruppen jeweils weniger Länder auf- lösen? Oder wird sie in einer größeren gesamteuropäischen Gemein- schaft aufgehen, und wie würde deren Struktur aussehen? Auf alle diese Fragen gibt es keine überzeugenden Antworten, jede enthält

9

Vgl.

Wiwo,

Nr.

44

vom

29.10.1993,

S.

21.

14

Einleitung

eine Entwicklungsrichtung, die kurz nach Beginn des Binnenmarktes und der Europäischen Union nicht ausgeschlossen werden kann. Für diese Unsicherheit über die Zukunft Europas sind vor allem zwei Bündel von Ursachen verantwortlich:

Zum einen nehmen die Widersprüche zwischen den einzelnen Mitglieds- ländern zu. Die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Unter- schiede zwischen ihnen und unterschiedliche Interessen waren durch die politische Dynamik des Binnenmarktprozesses zeitweise verdrängt oder verdeckt worden. Sie treten jetzt aber - auch als Folge des Binnenmarktes und der unter deutschem Einfluß betriebe- nen Wirtschaftspolitik - wieder stärker in den Vordergrund. Das führt zu neuen Spannungen und Konflikten. Der Versuch, diese durch das Projekt »Währungsunion« als neues integrationspolitisches Zugpferd für die 90er Jahre zu bändigen, ist gescheitert, wenige Mo- nate nachdem dieses in Maastricht beschlossen worden war: Das »Europäische Währungssystem« (EWS), auf dem die Währungsunion aufbauen sollte, ist im September 1992 in eine dramatische Krise ge- raten, von der es sich nicht wieder erholt hat. Im August 1993 wurde es faktisch weitgehend aufgelöst. Die finanziellen Kompromisse, die in Edinburgh im Dezember 1992 beschlossen worden sind, werden die Zunahme der regionalen Unterschiede und damit weiterer sozia- ler Sprengsätze in der EG nicht verhindern. Aus der Sicht der Grün- dungsmitglieder muß die Erweiterung der EG in den 70er und 80er Jahren im nachhinein als Irrweg erscheinen: Irland, Griechenland, Portugal und Spanien belasten die Gemeinschaft ökonomisch, Dä- nemark und England haben sich zu politischen Störenfrieden ent- wickelt.

Zum anderen hat sich das europäische und weltpolitische Umfeld der EG innerhalb kürzester Zeit radikal verändert: Der Wegfall der Ost-West- Konfrontation hat eine der wesentlichen Geschäftsgrundlagen für die EG beseitigt. Mit der deutschen Vereinigung hat ein anderes we- sentliches Fundament der EG - die Einbindung Deutschlands in eine westeuropäische Gesamtstruktur - dramatische Risse erhalten. Auf beides gibt es bislang keine überzeugende Antwort. Gegenüber Osteuropa unterstützt die EG vor allem rhetorisch und politisch eine marktradikale Schocktherapie, die zu ökonomischen und sozia- len Katastrophen führt. 10 Die ökonomische Aufbauhilfe ist demge-

Einleitung

15

genüber so gering, daß es 1992 zu einem Nettoabfluß von Kapital aus den meisten osteuropäischen Ländern kam. 11 Obgleich das reale Pro-Kopf-Einkommen dieser Länder weniger als die Hälfte des Durchschnitts für die vier ärmsten EG-Länder beträgt, erhalten letz- tere »15mal so viel unentgeltliche Hilfe wie die mittel- und osteuro- päischen Länder und diese wiederum 8mal soviel wie die Nachfolge- staaten der UdSSR«. 12 Auch die Marktöffnung der EG gegenüber ei- nigen osteuropäischen Ländern im Rahmen der sog. »Europa-Ver- träge« ist halbherzig und insbesondere bei denjenigen »sensiblen« Gütern wie Stahl, Textilien und landwirtschaftlichen Erzeugnissen, auf deren Ausfuhr diese Länder angewiesen sind, sehr gering. 13 Im übrigen schottet die EG sich vor allem gegenüber der Zuwanderung der Menschen aus den ehemaligen sozialistischen Ländern Osteuro- pas ab.

Für das Deutschland-Problem gibt es überhaupt keine europäische Konzeption mehr. Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten hat der Bundesrepublik zugleich die unbeschränkte nationale Sou- veränität beschert, die ihr bisher durch die westlichen Siegermächte des Zweiten Weltkrieges mit Billigung der anderen europäischen Staaten in einigen Teilen vorenthalten worden war. Die Bundesregie- rung redet seitdem häufig von größerem Gewicht sowie einer daraus folgenden größeren politischen Verantwortung Deutschlands in der Welt und natürlich besonders in Europa. In erster Linie betreibt sie dabei eine als »Normalisierung« bezeichnete Aufwertung ihrer mili- tärischen Position: Die Beschränkungen, die dem Einsatz der Bun- deswehr in der Verfassung auferlegt worden waren, sollen möglichst schnell beseitigt werden. In den »verteidigungspolitischen Richtli- nien« vom November 1992 14 bereitet die Bundesregierung die Bun- deswehr und die Öffentlichkeit auf die neue Rolle der Bundesrepu-

durch die Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen: Economic Commission for Europe (ECE): Economic Survey of Europe 1991-1992, New York 1992, S. 47ff.; ausführlicher und radikaler: Agenda 92 for Socio-Economic Reconstruction of Central and Eastern Europe, Wien 1992.

11 Vgl. ECE: Economic Survey of Europe 1992-1993, New York 1993, S. 247.

12 »Maastricht: Ausblendung Osteuropas ein Fehler«, in: DIW-Wochenbericht,

15/1992,

S.

189.

13 Vgl. »Zu den Assoziierungsabkommen mit Polen, Ungarn und der Tschechoslo- wakei«, in: DIW-Wochenbericht, 50/1991, S. 701 ff.

16

Einleitung

blik als militärische Ordnungs- und weltweite Interventionsmacht vor: Zu den Ansprüchen an das Militär gehöre in Zukunft »nicht mehr die alleinige Fähigkeit zur umfassenden Verteidigung gegen eine ständig drohende Aggression, sondern flexible Krisen- und Konfliktbewältigung im erweiterten geographischen Umfeld.« 15 Da- bei geht sie von einem weiten Begriff »vitaler Sicherheitsinteressen Deutschlands« aus, die notfalls auch durch militärische Gewalt zu schützen seien. Dazu gehörten u.a. die »Aufrechterhaltung des frei- en Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt im Rahmen einer gerechten Weltwirtschafts- ordnung.« 16 Dieser »Wunsch nach Weltmacht« 17 wird die Einbin- dung und Kontrolle Deutschlands in einen europäischen Zusam- menhang schwieriger machen.

Das gilt trotz der großen und gegenwärtig die anderen Aspekte überlagernden wirtschaftlichen Probleme, die die deutsche Vereini- gung und das daran anschließende wirtschaftspolitische Versagen der Bundesregierung in diesem Zusammenhang mit sich gebracht ha- ben: 18 In Ostdeutschland ist die Zahl der Arbeitsplätze in kurzer Zeit halbiert, sind ganze Industrieregionen deindustrialisiert worden. Im Westen ist der kurze Vereinigungsboom ausgelaufen und von einer tiefen Rezession abgelöst worden. Die finanziellen Belastungen auf- grund der hemmungslosen Vereinigungspolitik werden überall spür- bar und führen zu dramatischem Sozialabbau. Soziale Spannungen und politische Aggressivität nehmen zu, aber die deutsche Bundesre- gierung unternimmt nichts, um die Ursachen für beides wirksam zu bekämpfen. Die allgemeine Frustration richtet sich in dieser Situa- tion auch gegen die europäische Integration, deren Krise als Quelle weiterer Unsicherheit erscheint und von der eine Schwächung der DM und neue soziale Zumutungen erwartet werden. Diese Anti-EG- Stimmung ihrerseits wird von den Kräften aufgegriffen und demago- gisch angeheizt, die keine europäische Integration wollen, sondern

15 Ebenda,

S.

26.

16 Ebenda,

S.

5.

17 Wolfram Wette:

Vgl.

»Der Wunsch

nach Weltmacht«,

in:

Die Zeit,

Nr.

31

vom

30.

Juli

1993,

S.

4.

18 Vgl. hierzu Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik: M e m o r a n d u m 93:

Beschäftigungspolitik statt Sozialabbau - industrielle Kerne sichern, Köln 1993; Herbert Schui: Die ökonomische Vereinigung Deutschlands. Bilanz und Perspek- tiven, Heilbronn 1991.

Einleitung

17

die Wiederherstellung deutscher Großmachtposition und -politik in Europa betreiben. Der Vertrag von Maastricht vom Dezember 1991 war im wesentli- chen eine überhastete, fast panikartige Reaktion auf die unerwartete neue Situation. Er enthält hauptsächlich zwei Großprojekte, die sich auf die beiden Hauptprobleme beziehen:

Mit der Währungsunion sollen die Unterschiede und Widersprü- che zwischen den Mitgliedsländern überbrückt und der innere Zu- sammenhalt der EG gestärkt werden. Dieses Vorhaben ist nicht trag- fähig: Es zwingt der EG einen wirtschafts- und währungspolitischen Kurs auf, der vor allem durch das Expansionsinteresse des deutschen Kapitals bestimmt ist und diesem dauerhafte Konkurrenzvorteile im Kampf um höhere Weltmarktanteile gegen amerikanische und japa- nische Konzerne verschaffen soll. Von den weniger entwickelten EG- Mitgliedsländern verlangt dieser Kurs enorme Anpassungsopfer in Form niedrigerer Einkommen und höherer Arbeitslosigkeit. Dies dürfte innenpolitisch kaum durchsetzbar sein. - Seit Beginn der 90er Jahre nahmen die Widersprüche und Interessengegensätze zwi- schen den Mitgliedsländern der EG zu. Der Austritt Italiens und Englands aus dem EWS im September 1992 war ein erheblicher inte- grationspolitischer Rückschritt. Im August 1993 folgte die »Rettung« des EWS durch seine faktische Suspendierung.

Sinn der Politischen Union soll es sein, der Gemeinschaft größere Einheitlichkeit nach außen zu geben, sie als gleichberechtigten Part- ner gegenüber den USA und Japan zu profilieren und geschlossenes Auftreten gegenüber Osteuropa zu ermöglichen. Die Bestimmungen des Vertrages von Maastricht über eine »Gemeinsame Außen- und Si- cherheitspolitik« (GASP) leisten dies jedoch nicht. Sie sind vielmehr außerordentlich dünn und dokumentieren vor allem die Unsicher- heiten und unterschiedlichen Interessen hinsichtlich einer solchen gemeinsamen Politik. Es besteht allerdings die reale Gefahr, daß die EG versucht, ihre europapolitische Konzeptionslosigkeit durch den schnellen Aufbau einer europäischen Militärmacht zu überdecken. Schon 1988 hatten die Regierungen Frankreichs und Deutschlands eine »deutsch-französische Brigade« gebildet. Im Vorfeld zum Gip- feltreffen in Maastricht ernannten sie diese zur Keimzelle einer künf- tigen europäischen Streitmacht. Mittlerweile haben auch Belgien und Spanien Truppen für dieses »Eurokorps« zur Verfügung gestellt, das am 5. November 1993 in Straßburg offiziell in Dienst gestellt

18

Einleitung

wurde. 19 In die gleiche Richtung einer Militarisierung europäischer Außenpolitik zielt die »Erklärung zur Westeuropäischen Union«, die zum Vertragswerk von Maastricht gehört. Die Mitgliedsländer beto- nen dort ihre Absicht, die Westeuropäische Union (WEU) »als Ver- teidigungskomponente der Europäischen Union« zu entwickeln. Die WEU ihrerseits kündigte in ihrer »Petersberger Erklärung« vom 19. Juni 1992 an, einen Planungsstab zur »Vorbereitung von Eventual- plänen für den Einsatz von Streitkräften unter der Ägide der WEU« einzurichten. 20 Die Umsetzung der angeblichen »Notwendigkeit, spezifische europäische militärische Optionen zu ermöglichen«, 21 ist inzwischen weit fortgeschritten. Daß die EG sich gegenwärtig in einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise befindet, ist unübersehbar. Weitgehend unklar sind jedoch der Charakter dieser Krise, damit auch die weiteren Perspekti- ven der EG und die Handlungsmöglichkeiten, die aus der Krise her- ausführen. Grundsätzlich sind drei sehr unterschiedliche Interpreta- tionen möglich:

Die erste versteht die aktuellen Probleme weitgehend als »zykli- sche Integrationskrise«, vergleichbar dem Abschwung in einem Kon- junkturzyklus, dessen wesentliche Grundlagen und Mechanismen hierdurch nicht beeinträchtigt werden. In dieser Sicht ist die politi- sche Dynamik der EG-Integration weitgehend an die wirtschaftliche Großwetterlage in den Mitgliedsländern gebunden. Diese Deutung kann durch Hinweise auf die Geschichte der EG gestützt werden:

Nach einem stürmischen Integrationsfortschritt während des Nach- kriegsbooms in den 60ern geriet die EG während und im Gefolge der Weltwirtschaftskrise in den 70er Jahren in ein anhaltendes politi- sches Tief. Öffentliche Zweifel an ihrer Zukunftsperspektive waren an der Tagesordnung. Mit der wirtschaftlichen Belebung in den 80er Jahren gab es jedoch wieder einen Integrationssprung - am deutlich- sten verkörpert im Projekt Binnenmarkt 1993. Wenn jetzt in den 90ern - angesichts der neuen Wirtschaftskrise - wieder die Probleme in der Gemeinschaft dominieren und Stillstand droht, so folgt das dem früheren Muster. Für grundlegende Zukunftszweifel besteht demnach kein Anlaß. Es ist vielmehr zu erwarten, daß nach der -

19 Vgl.

Bulletin,

Nr.

98

vom

10.11.1993,

S.

1100.

20 Vgl.

Bulletin,

Nr.

68

vom

23.6.1992,

S.

649ff.

21 Bulletin,

Nr.

106

vom

1.12.1993,

S.

1181.

Einleitung

19

möglicherweise etwas länger dauernden - Krise wieder ein neuer Fortschritt der europäischen Integration folgen wird. Die zweite Interpretation geht ebenfalls davon aus, daß die Inte- grationskrise vor allem auf die schwache wirtschaftliche Entwicklung und das damit verbundene Auseinanderdriften der Mitgliedsländer zurückzuführen ist. Sie sieht - und propagiert - jedoch eine andere Entwicklung für die 90er Jahre: In dieser Sicht werden die integrati- onshemmenden Wirkungen der Wirtschaftskrise durch die mit dem Vertrag von Maastricht beschlossene intensivere politische Integra- tion mehr als ausgeglichen werden. Das ökonomische Zyklusmuster wird also durch einen neuen integrationspolitischen Wachstums- schub überlagert. Dessen treibenden Kräfte sind die beiden in Maas- tricht beschlossenen Hauptprojekte der EG für die 90er Jahre: Die schrittweise Herstellung der Wirtschafts- und Währungsunion sowie die zunehmend engere Politische Union.

Eine dritte, grundsätzlich andere - und hier vertretene - Interpre- tation versteht die aktuellen Probleme der EG als Hinweis auf eine sehr viel weiter reichende Krise. 22 In dieser Sicht ist die politische und gesellschaftliche Grundlage, auf der die EG-Integration in den letzten 40 Jahren stattgefunden hat, mittlerweile teils verschwunden, teils historisch erschöpft und nicht mehr tragfähig: Zum einen ist mit dem Kalten Krieg die politische Basis für die territoriale Be- schränkung der europäischen Integration auf Westeuropa entfallen. Zum anderen hat die konzeptionelle Verengung der Integration auf Marktverflechtung im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte zu einer Anhäufung von Problemen geführt, die nicht in einem periodischen Abschwung mit anschließendem Aufschwung zu bereinigen sind. Sie signalisieren vielmehr eine Transformationskrise der EG. Die territoria- len, institutionellen und politischen Grundlagen der bisherigen Inte- gration müssen grundlegend verändert werden. Diese Transformati- onskrise hat gerade begonnen. In ihr stehen die Brüche und Risse der alten Struktur im Vordergrund. Welche neuen Konstellationen und Strukturen sich im Laufe der 90er Jahre herausbilden werden, ist noch nicht erkennbar.

Mit der Krise

Neuformierung

Sie findet als Kampf um europäische Hegemonie und Do-

der EG

beginnt

aber zugleich

die

Europas.

22

Vgl.

NATO,

hierzu

auch

Hans

Arnold:

1993.

München/Zürich

Europa

am

Ende?

Die Auflösung von

EG

und

2 0

Einleitung

minanz statt und ist eingebettet in die zunehmende globale Konkur- renz zwischen den drei großen kapitalistischen Blöcken Amerika, Pa- zifikraum und Europa. Auf beiden Ebenen hat es schon in den 70er und 80er Jahren zunehmende Rivalitäten und Kräfteverschiebungen gegeben. Global waren letztere vor allem zugunsten Japans und zu Lasten der USA erfolgt, während die Position (West-)Europas in der Welt sich seit den 60er Jahren nur wenig verändert hat. Innereuro- päisch war die Entwicklung vor allem durch das Heranwachsen Deutschlands zum wirtschaftlich stärksten und wirtschaftspolitisch tonangebenden Land der EG geprägt. Der Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa betrifft in erster Linie Europa, und zwar auf beiden Ebenen: Er könnte zum ei- nen Europas Stellung in der Welt entscheidend verändern, wenn der Wegfall der Ost-West-Spaltung dazu genutzt wird, einen einheitli- chen gesamteuropäischen Block zu bilden, der ein größeres Gewicht im Kampf um Weltmacht und Weltmärkte erhalten würde. Zum an- deren steht allerdings die - innereuropäische - Frage, ob und wie ein solcher Block zustandekommt, unter wessen Führung er steht und wie stark sein innerer Zusammenhalt ist. Wird das ökonomische Gewicht und die wirtschaftspolitische Führungsrolle Deutschlands zu einer gesamteuropäischen Hegemonie und Vormachtstellung aus- gebaut? Kommt es zum weiteren Ausbau der bereits bestehenden »kleinen« deutsch-französischen Führungsallianz, oder werden die traditionellen innereuropäischen Konflikte und Rivalitäten eine neue europäische Formierung verhindern? Welche Rolle spielen die europäischen und globalen Strategien der führenden europäischen Konzerne bei der Herausbildung und für die Ausrichtung und Fe- stigkeit eines einheitlichen europäischen Kapitalismus? Schließlich:

bietet die Aufgabe einer Neuordnung Europas möglicherweise auch die Chance einer Entwicklung, die statt auf Hegemonie und autori- tärer Formierung auf demokratischer Integration beruht und statt auf aggressive Vorherrschaft auf den Weltmärkten auf friedliche in- ternationale Kooperation setzt?

In diesem Buch soll den wesentlichen Kräften, Strategien und Konstellationen nachgegangen werden, die einerseits zu dem merk- würdigen Zusammentreffen von Erfolg des Binnenmarktes und Krise der EG geführt haben und andererseits auch die möglichen Entwick- lungen der europäischen Integration in den 90er Jahren weitgehend bestimmen. Dabei spielen wirtschaftliche Faktoren zwar nicht die

Einleitung

2 1

ausschließlich bestimmende, aber doch eine ganz entscheidende Rolle. Auf sie konzentriert sich daher die Analyse. Da die gesamt- wirtschaftliche Entwicklung, Strukturen und Kräfteverhältnisse in der EG und ihren Mitgliedsländern - auf der Grundlage einer be- stimmten Ausstattung mit Boden, Rohstoffen und Menschen - im wesentlichen das Ergebnis der jeweiligen Wirtschaftspolitik und der Strategien von Unternehmen, hierbei in erster Linie der führenden Konzerne, sind, stehen diese im Mittelpunkt. Der Gesamttitel der folgenden Darstellungen, Analysen und Überlegungen, die Frage »Wem gehört Europa?« thematisiert also die bestimmenden Interes- sen und Kräfte der Wirtschaftspolitik in Europa und die Strukturen und Strategien europäischer Konzerne bei der Neuformierung des europäischen Kapitals.

Der erste Band behandelt die Entwicklungsphasen der europäi- schen Integration (1. Kapitel), die Ausgangsposition und allmähliche Veränderung der wirtschaftspolitischen Programmatik und wesentli- che aktuelle Felder und Projekte europäischer Wirtschaftspolitik:

Binnenmarkt, Währungsunion, Industriepolitik (2. Kapitel; auf die Behandlung der Agrarpolitik wird dagegen ganz verzichtet, Regional- und Sozialpolitik werden nur am Rande gestreift). Er schließt mit Überlegungen zur weiteren Perspektive der europäischen Integration unter dem Einfluß der dominierenden wirtschaftspolitischen For- mierungstendenzen (3. Kapitel). Im zweiten Band stehen die Strategien der großen Konzerne in Eu- ropa sowie ihre Flankierung durch die EG zur Diskussion - als bran- chenübergreifende Konzentrations-, Kooperations- und Konkurrenz- strategien (1. Kapitel) und als branchenbezogene Neuformierung von Marktstrukturen, Unternehmensnetzen und privat-staatlichen Verflechtungen: Telekommunikation (2. Kapitel), Automobilbau (3. Kapitel), Finanzdienstleistungen (4. Kapitel). Er schließt mit ei- ner Bestandsaufnahme und einem Ausblick auf die gerade erst be- gonnene Besetzung strategischer Startpositionen westeuropäischer Konzerne in Osteuropa (5. Kapitel). Aus den Analysen beider Bände ergibt sich ein widersprüchliches Bild: Während in der Wirtschaftspolitik das Binnenmarktprogramm zu einer Verdichtung der wirtschaftlichen Integration beigetragen hat und sich allmählich auch ein protektionistisch-expansionistischer Konsens in der »Festung Europa« herstellt, hemmen die unzurei- chende Bekämpfung regionaler Disparitäten, die Vernachlässigung

2 2

Einleitung

ökologischer und sozialer Probleme und die Unfähigkeit zur wirksa- men Bekämpfung der Arbeitslosigkeit die Fortführung der Integra- tion, und die im Vertrag von Maastricht verordnete Austeritätspoli- tik zur Verwirklichung der Währungsunion vertieft die Spannungen zwischen den Mitgliedsländern. Die Unternehmensstrategien führen zu großen europäischen Konzernen und Komplexen, die einerseits versuchen, die europäischen Märkte zu beherrschen und vor Kon- kurrenz aus den USA oder Japan abzuschotten, andererseits aber als global operierende Gesellschaften oder Gruppen überseeische Märkte anpeilen und daher globale Marktöffnungsstrategien betrei- ben und ihrerseits mit derartigen Strategien konfrontiert werden. Die Frage »Wem gehört Europa?« ist noch nicht abschließend beantwortet. Wesentliche Marktformierungen, wirtschaftspolitische Hegemoniemuster und Formierungstendenzen sind erkennbar, ohne sich jedoch bereits fest etabliert und für die absehbare Zeit durchge- setzt zu haben. Sie werden in den folgenden Kapiteln nachgezeich- net. Die Analyse der realen wirtschaftlichen und wirtschaftspoliti- schen Entwicklungstendenzen in Europa soll zugleich Hinweise und Ansatzpunkte für den Versuch liefern, die dominierenden Formie- rungsmuster zu durchbrechen, eine alternative Konzeption europäi- scher Integration zu entwickeln und reale Eingriffsperspektiven auf- zuzeigen.

2 3

1. Kapitel

Politische Gründung - Ökonomischer Aufstieg - Politisch-ökonomische Doppelkrise: Entwicklungs- phasen der EG

Am Anfang der Europäischen Gemeinschaften stand das Scheitern einer gesamteuropäischen Integrationspolitik (Abschnitt 1.1). Sie ging in den ersten Gefechten des Kalten Krieges unter. Europäische Integration wurde Westintegration und Ostintegration. Westeuropäi- sche Integration blieb auf die Wirtschaft beschränkt. Um engere ge- sellschaftliche und kulturelle Verflechtungen kümmerte sich die eu- ropäische Politik allenfalls am Rande. Und es blieb auch nicht bei einer, es wurden zwei rivalisierende Integrationsstrukturen geschaf- fen. Nach diesen politischen Weichenstellungen entwickelte sich die Europäische Gemeinschaft im Takt des wirtschaftlichen Wachstums (Abschnitt 1.2). Im Boom vedichteten sich die gegenseitigen Ver- flechtungen, in der Krise wurden sie dünner. Wirtschaftliche Inte- gration wurde auf Marktdurchdringung, Wirtschaftspolitik auf re- striktive Geldpolitik reduziert. Solange das Wirtschaftswachstum an- hielt, erschienen derartige Verflachungen und Verengungen als inte- grationspolitische Weisheit. Ihr Zwischenziel war der einheitliche Binnenmarkt. Die Wirtschafts- und Währungsunion sollte dem Gan- zen die Krone aufsetzen. Daß die EWG auf dem Weg dorthin die EFTA an den Rand des Geschehens gedrängt und als Rivalen ausge- schaltet hat, gehört zu ihrer Erfolgsgeschichte (Abschnitt 1.3). Ende der 80er Jahre gerät die EWG jedoch in eine doppelte Krise (Abschnitt 1.4): Zum einen bleiben die segensreichen Wirkungen des Binnenmarktes aus. Statt dessen machen sich die Folgen einer marktideologisch bornierten Integrationspolitik störend bemerkbar:

Die Arbeitslosigkeit steigt, aber die EG kann sich nicht zu einer ge- meinsamen wirksamen Beschäftigungspolitik aufraffen. Die regio-

2 4

Entwicklungsphasen

der

EG

nale Polarisierung nimmt trotz europäischer Regionalpolitik nicht ab. Von europäischer Sozialpolitik kann nach mehr als dreißig Jah- ren EWG immer noch nicht die Rede sein. Die Umweltpolitik bleibt notorisch unterbelichtet. Zu den traditionellen Defiziten gehört es auch, daß die europäischen Institutionen immer noch nicht nach demokratischen Spielregeln arbeiten. Dazu kommen plötzlich völlig neue Probleme: Die Bundesrepu- blik schluckt die ehemalige DDR und wird noch größer. Die Verdau- ungsprobleme sind riesig, und sie führen zu Rechtsradikalismus und Ausländerfeindlichkeit. Politik und Wirtschaft in Osteuropa brechen zusammen. Die dortigen Länder drängen in die EG; Jugoslawien zer- fällt, die Nachfolgestaaten zerstören sich in blutigen Kriegen. Die EG hat nichts getan, um die Konflikte im Vorfeld einzudämmen und den Krieg zu verhindern. Wenn sie nach seinem Ausbruch für militärische Intervention plädiert, dann zeigt dies nur ihre politische Konzeptions- und Hilflosigkeit. Auch der Vertrag von Maastricht ist Ausdruck dieser Hilflosigkeit. »Business as usual« lautet die Durchhalteparole. Unterschiedliche wirtschaftliche, soziale und ökologische Probleme nehmen zu, aber die EG beschließt ungerührt die Wirtschafts- und Währungsunion. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts ist die politische Geschäfts- grundlage der EG entfallen; diese aber tut so, als wäre nichts gesche- hen und betreibt weiter die politische Union der Zwölf. Es werden Dämme gegen Flüchtlinge gebaut. Schließlich erinnert sich die EWG der militärischen Karte: die Westeuropäische Union (WEU) wird aus ihrem 40jährigen Randdasein hervorgeholt. Sie soll der mi- litärische Arm der EG werden.

Politische

Beschränkungen

der

Gründungsphase

2 5

1.1 Westeuropäische Wirtschaftsverflechtung statt gesamt-

europäischer Integration:

Gründungsphase

Politische Beschränkungen der

Fünf Jahre und einen Tag nach der bedingungslosen Kapitulation der faschistischen deutschen Wehrmacht - am 9. Mai 1950 - ver- kündete der französische Außenminister Robert Schuman den Plan, »die Gesamtheit der französisch-deutschen Kohle- und Stahlproduk- tion einer gemeinsamen Hohen Behörde zu unterstellen, in einer Organistion, die den anderen europäischen Ländern zum Beitritt of- fensteht.« 1 Noch am gleichen Tag stimmte Konrad Adenauer dem Vorschlag uneingeschränkt zu. Die Vertragsverhandlungen begannen am 20. Juni 1950. An ihnen nahmen auch Vertreter Belgiens, der Niederlande, Luxemburgs und Italiens teil. Am 18. April 1951 wurde der Vertrag zur Gründung einer »Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl« (EGKS - Montanunion) unterschrieben. Er trat nach der Ratifikation durch die sechs Mitgliedsländer am 23.7.1952 in Kraft. 2

Nach den Bestimmungen des Montanunion-Vertrages 3 sollen die Grundstoffindustrien der beteiligten Länder weitgehend miteinander verflochten und einheitlich reguliert werden. Dem sollen ein ge- meinsamer Markt und gemeinsame politische Steuerung durch eine supranationale zentrale Institution dienen. Diese »Hohe Behörde« koordiniert die Produktion und Verteilung von Kohle, Eisen und Stahl, hat aber auch weitergehende Befugnisse: Sie kann im Fall ei- ner »manifesten Krise« Produktionsquoten für die einzelnen Mit-

1 Vgl. Pascale Fontaine: Eine neue O r d n u n g für Europa. Vierzig Jahre Schuman- Plan (1950-1990), in: Europäische Dokumentation, 3/1990, S. 46.

2 Vgl. zu dieser ersten Phase Wilfried Loth: Der Weg nach Europa. Geschichte der europäischen Integration 1939-1957, Göttingen 1991; Ludolf Herbst: Option für den Westen. Vom Marshallplan bis zum deutsch-französischen Vertrag. Deut- sche Geschichte der neuesten Zeit, München 1989; Albert Statz: Zur Geschichte der westeuropäischen Integration bis zur Gründung der EWG, in: Frank Deppe (Hg.): Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Zur politischen Ökonomie der westeuropäischen Integration, Reinbek 1975, S. 110-174.

3 Bundeszentrale

Vgl.

für

politische

Bildung:

Europa - Verträge und Gesetze,

Bonn

1975,

S.

3-69.

2 6

Entwicklungsphasen

der

EG

gliedsländer und Unternehmen festsetzen (Art. 58), im Falle einer Mangellage die Prioritäten bei der Verwendung der Produktion be- stimmen und das Produktionsaufkommen entsprechend verteilen (Art. 59). Auch Höchst- und Mindestpreise kann sie zentral festset- zen (Art. 61). In dieser - noch heute bestehenden - weitreichenden Lenkungskompetenz unterscheidet sich der Montanunions-Vertrag vom späteren Vertrag über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Die enge wirtschaftliche Integration entsprach dem Zwang zu größe- ren Märkten, den die Großproduktion gerade im Grundstoffbereich mit sich brachte. Sie traf auch die Interessen der beteiligten Kon- zerne an einer politisch sanktionierten kartellartigen Organisation ihrer Geschäfte. Die entscheidende Bedeutung der Montanunion liegt jedoch nicht in ihrer wirtschaftlichen Substanz, sondern in ihrem doppelt politischen Charakter: Als erste supranationale europäische Organi- sation stellt sie einerseits einen Erfolg europäischer Integrationsbe- mühungen dar. Die kleine Zahl der teilnehmenden Länder und die Beschränkung auf wirtschaftliche Fragen markieren andererseits aber auch das Scheitern aller weitergehenden Vorstellungen von europäi- scher Integration. Diese Beschränktheit der Montanunion, die im späteren Vertrag über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) modifiziert, aber nicht überwunden wird, durchzieht die ge- samte Geschichte der europäischen Gemeinschaften - trotz Erweite- rung der Mitgliederzahl von 6 auf 12 und trotz verschiedener Versu- che, über die wirtschaftliche Integration hinauszukommen. Sie ist ein wesentlicher Grund für die aktuelle Krise der EG.

Dabei hatte es in den 40er Jahren nicht an ernsthaften Plänen für umfassendere europäische Vereinigungen gefehlt, die sich nicht al- lein, in der Regel nicht einmal primär auf die wirtschaftliche Integra- tion richteten. 4 Sie wurden vor allem durch Angehörige von Wider- standsbewegungen in den vom Faschismus besetzten Ländern und in Deutschland sowie von Mitgliedern verschiedener Exilgruppen

4

, a . a . O . , S. 9-47) Walter Lipgens

(Hg.): Europa-Föderationspläne der Widerstandsbewegungen 1940-1945, Mün- chen 1968; ders. (Hg.): 45 Jahre Ringen um die europäische Verfassung. Doku- mente 1939-1984. Von den Schriften der Widerstandsbewegung bis zum Ver- tragsentwurf des Europäischen Parlaments, Bonn 1986, S. 191ff.; Wilfried Loth (Hg.): Die Anfänge der europäischen Integration 1945-1950, Bonn 1990.

Vgl.

hierzu

außer Wilfried

Loth

(Der Weg

Politische

Beschränkungen

der

Gründungsphase

2 7

entwickelt. Sie sahen teils regionale osteuropäische oder westeuro- päische Verbindungen, teils gesamteuropäische Föderationen vor. Bezüglich der Herkunft ihrer Träger und des Inhaltes ihrer gesell- schaftspolitischen Ziele unterschieden sie sich teilweise erheblich. Fast alle aber hatten aus den Erfahrungen des Weltkrieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit zwei Leitvorstellungen abgeleitet: 5 Erstens müsse die nationalstaatliche Anarchie überwunden und durch ein System kollektiver Sicherheitsstrukturen ersetzt werden. Denn die innereuropäische Nationalstaatlichkeit sei die Quelle von Aggressivität, Konflikten und Kriegen. In ein System kollektiver eu- ropäischer Sicherheit müsse auch das besiegte Deutschland einbezo- gen werden; nur so sei zu verhindern, daß die ökonomische Potenz Deutschlands sich erneut in aggressiver Expansion entlade. Die Ver- treter sozialdemokratischer und sozialistischer Positionen betonten überdies die Anarchie und Aggressivität nationalstaatlich gestützter imperialistischer Expansionsstrategien; sie verbanden mit der Vor- stellung eines integrierten Europas zugleich die Vision eines demo- kratischen Sozialismus in Europa.

Zweitens müsse etwas gegen den Machtverlust der europäischen Staaten getan werden, der im Verlaufe des Krieges offensichtlich ge- worden war. Die Rolle weltpolitischer Führungsmächte war schon während des Krieges an die USA und die Sowjetunion gefallen und wurde unmittelbar danach gefestigt: erstere als militärische, politi- sche und wirtschaftliche Supermacht, letztere als zwar ökonomisch in kaum vorstellbarem Ausmaß zerstörte, aber militärisch ungebro- chene und politisch gestärkte Weltmacht. Um nach wie vor eine maßgebliche Rolle in der Weltpolitik spielen zu können, müsse Eu- ropa seine Ressourcen zusammenlegen und einen dritten weltpoliti- schen Machtblock bilden. Die breite europäische Einigungsbewegung fand in den ersten Nachkriegsjahren einen Kristallisationspunkt im Konzept der »Drit- ten Kraft« zwischen Ost und West. Ihr gemeinsamer Nenner kommt in der programmatischen Erklärung zum Ausdruck, die die - im De- zember 1946 gegründete - »Union Européenne des Féderalistes« im April 1947 verabschiedete: »Wir wollen nicht ein dahinsiechendes Europa als Spielball widerstreitender Interessen, beherrscht durch

5 Vgl.

Wilfried

Loth:

Der

Weg

,

a . a . O . ,

S.

28ff.

2 8

Entwicklungsphasen

der

EG

entweder einen angeblich liberalen Kapitalismus, der die menschli- chen Werte der Macht des Geldes unterordnet, oder einen Staatsto- talitarismus, dem jedes Mittel recht ist, sein Gesetz auf Kosten der Menschenrechte und der Rechte der Gemeinschaften durchzuset- zen. Wir wollen ein Europa als offene Gesellschaft, d. h. dem Osten wie dem Westen gegenüber freundschaftlich gesinnt, bereit, mit al- len zusammenzuarbeiten.« 6 Derartige Konzeptionen hatten spätestens 1947 aber bereits keine Durchsetzungschancen mehr. Sie zerbrachen an den neuen weltpoli- tischen Konfliktlinien, die im Jahre 1917 entstanden und durch die Anti-Hitler-Koalition nur zeitweise überlagert worden waren. Nach dem militärischen Zusammenbruch des Faschismus wurde der Sy- stemgegensatz zwischen Kapitalismus und Sozialismus, geographisch stilisiert als Ost-West-Gegensatz, für über 40 Jahre zur beherrschen- den Achse und zum strukturierenden Moment der Weltpolitik. Da die Grenze zwischen den Systemen mitten durch Europa lief, muß- ten Versuche einer gesamteuropäischen Vereinigung scheitern:

Stalin lehnte jede Einbeziehung Osteuropas in eine gesamteuro- päische Integration ab, weil er davon überzeugt war, daß sich Deutschland in einer solchen Formation aufgrund seiner wirtschaft- lichen Stärke schnell wieder zur Hegemonialmacht und erneut zur lebensbedrohenden Gefahr für die Sowjetunion entwickeln würde. Sein Interesse und seine Politik richteten sich darauf, einen der So- wjetunion vorgelagerten osteuropäischen Einflußbereich als Schutz- gürtel vor neuen Aggressionen aus dem Westen zu schaffen. Bei die- ser Politik konnte er sich auf die politische Anerkennung und Veran- kerung stützen, die kommunistische und sozialistische Gruppen sich durch ihren Widerstandskampf gegen den Faschismus bei der Bevöl- kerung geschaffen hatten. Die sowjetische Regierung unterstützte - teilweise mit massiven politischen Interventionen und mit Hilfe der Roten Armee - die Gründung von sowjetfreundlichen Volksdemo- kratien in fast allen Ländern Osteuropas.

Die Vereinigten Staaten und England als die beiden führenden westliche Mächte erkannten zwar zunächst - besonders in der Kon- ferenz von Jalta vom Februar 1945 - das sowjetische Bedürfnis nach einer europäischen Sicherheitszone an. Zugleich aber mußten sie be- fürchten, daß mit dem Ende des Krieges die Positionen des soziali-

6

Zit.

nach

ebenda,

S.

32.

Politische

Beschränkungen

der

Gründungsphase

2 9

stischen Lagers in der Welt erheblich gestärkt würden. Das empfan- den sie als Bedrohung kapitalistischer Grundstrukturen im Westen. Hiergegen machten sie bereits mobil, als die Vorgänge in Osteuropa, die später als Belege für den sowjetischen Expansionismus angeführt wurden, noch gar nicht geschehen waren. Schon weniger als ein Jahr nach dem Kriegsende, am 5. März 1946, prägte der englische Pre- mierminister Winston Churchill den Begriff des »Eisernen Vor- hangs«, der sich durch Europa ziehe. Im September des gleichen Jahres forderte er »eine Art Vereinigte Staaten von Europa zu schaf- fen«; gemeint war eine Verbindung westeuropäischer Staaten gegen- über der Sowjetunion und den unter ihrem Einfluß stehenden Län- dern. 7 Im März 1947 eröffnete dann der amerikanische Präsident Harry Truman auch offiziell den Kalten Krieg: In einer Botschaft an den Kongreß ließ er wissen, daß die Welt in zwei Lager zerfalle, die freie Welt auf der einen und die totalitäre auf der anderen Seite. Die Völker der Welt müßten sich entscheiden, auf welcher Seite sie ste- hen wollten. 8

Die Menschen und Völker in Europa konnten die verbreiteten Ideen einer gesamteuropäischen Vereinigung als »Dritte Kraft« und Mittler zwischen Ost und West nicht verwirklichen. Statt dessen wurden sie in das Politikmuster des Kalten Krieges hineingepreßt und selbst zu Objekten der Ost-West-Konfrontation. Statt gesamteu- ropäischer Föderation gab es Westintegration unter Aufsicht und An- leitung der USA und Ostintegration unter Führung der Sowjetunion. Vor diesem Hintergrund des Kalten Krieges beeinflußte eine wi- dersprüchliche Interessenkonstellation den konkreten Gang der westeuropäischen Integration, die 1952 zur Montanunion führte. In ihr hatten drei Gruppen von Interessen maßgebliches Gewicht:

Erstens die Interessen der amerikanischen Regierung: Sie richteten sich in erster Linie und fast ausschließlich auf die Eingrenzung (Contain- ment) und das Zurückdrängen (roll-back) des kommunistischen Ein- flußbereiches. Militärische Hebel hierzu waren einerseits der - aller- dings schon bald gescheiterte - Versuch zum Ausbau der atomaren Überlegenheit und andererseits die Gründung der NATO als westli-

7 Vgl.

8 Vgl. z.B. Ludolf Herbst: O p t i o n

ebenda,

S.

44.

,

a . a . O . ,

S.

35ff.

- Zur Geschichte des Kal-

ten Krieges vgl. Helmut Wolfgang Kahn: Der Kalte Krieg, 3 Bde., Köln 1986, hier besonders Band 1.

3 0

Entwicklungsphasen

der

EG

ches Militärbündnis unter dem Oberkommando der USA. Eine ei- genständige spezifisch europäische Westintegration auf militäri- schem Gebiet lag nicht im Interesse der USA und fand daher nicht statt. Der Brüsseler Vertrag von 1948 zur Gründung der später so ge- nannten Westeuropäischen Union, der auch eine Koordination auf sicherheits- und militärpolitischem Gebiet vorsah, 9 blieb daher bis Ende der 80er Jahre weitgehend irrelevant. Wirtschaftlich sollte Westeuropa nach den Interessen der USA jedoch zum starken und attraktiven Gegenpol des osteuropäischen Sozialismus gemacht wer- den. Der wirtschaftliche Wiederaufbau wurde durch die 1948 ge- gründete »Organization for European Economic Cooperation« (OEEC) und die Marshallplanhilfe unterstützt - und natürlich auch im Sinne amerikanischer politischer und wirtschaftlicher Interessen gesteuert. Insofern stellte er auch ein gutes Geschäft für die amerika- nischen Konzerne dar. 10 Dabei war es von Anfang an - oder zumin- dest seit der Ablehnung des Morgenthau-Planes durch die amerika- nische Regierung schon 1945 - klar, daß dieser Aufbau nicht an Westdeutschland vorbeigehen konnte: Die spätere Bundesrepublik mußte sowohl aufgrund ihrer zentralen geographischen Lage als auch wegen ihrer wirtschaftlichen Stärke eine zentrale Rolle in der antikommunistischen Globalpolitik der USA spielen - und insofern natürlich auch politisch und wirtschaftlich gestärkt werden.

Dieser sich aus der Logik des Kalten Krieges ergebende schnelle Wiederaufstieg Westdeutschlands stieß sich aber - zweitens - hart mit den Interessen Frankreichs. Dort waren die Erfahrungen des deutsch-französischen Krieges, des Ersten Weltkrieges und zuletzt des faschistischen Überfalls und der deutschen Besetzung großer Teile Frankreichs von 1940 bis 1945 sehr lebendig. Sie hatten zu der Forderung geführt, Deutschland für immer kriegsunfähig zu ma- chen. Dazu sollte dem Land die Verfügung über die kriegswichtigen Grundstoffindustrien entzogen werden. Dieser Forderung war un- mittelbar nach Kriegsende durch alliierte Verfügungen Rechnung ge- tragen worden. Am 28.12.1948 unterzeichneten die drei westalliier- ten Siegermächte und die Benelux-Staaten das »Ruhrstatut«, auf des- sen Basis am 28.4.1949 die »Ruhrbehörde« errichtet wurde. Diese hatte weitgehende Eingriffskompetenzen bei der Steuerung der

9

Vgl.

Wilfried

Loth:

Der

Weg

,

a.a.O.,

S.

5Off.

10

Vgl.

hierzu

besonders

eingehend

Albert

Statz,

a . a . O . ,

S.

118ff.

Politische

Beschränkungen

der

Gründungsphase

3 1

Montanindustrie des Ruhrgebietes. 11 Ende der 40er Jahre zeichnete sich jedoch ab, daß die enge Einbindung Westdeutschlands in den antikommunistischen Block über kurz oder lang zu mehr wirtschaft- licher Souveränität Deutschlands führen müßte. Die von den Alli- ierten verfügten Demontagen und Produktionseinschränkungen für Westdeutschland wurden zunächst gebremst und schließlich ganz aufgegeben. Damit begann für die Bundesrepublik der Wiederauf- stieg zur stärksten Wirtschaftsmacht Europas. Der französische Vorschlag zur Verflechtung und Unterstellung der Kohle-, Eisen- und Stahlindustrie - als Grundlage wirtschaftli- cher Stärke und als militärische Basisindustrien - unter gemeinsame französisch-deutsche Regie muß daher als eine Art Notbremse ange- sehen werden: Die deutsche Wirtschaftsmacht und das sich daraus ergebende Aggressionspotential sollten durch die Einbindung in gemeinsame Entscheidungsstrukturen wenigstens teilweise kontrol- liert werden. Im Vordergrund des Schuman-Planes standen daher nicht spezifisch wirtschaftliche Interessen, sondern eindeutig der Ge- danke der Friedenssicherung. 12 Das konnte nach Lage der Dinge aber nur heißen: Schutz vor einer erneuten Auflage deutscher Groß- macht- und Aggressionspolitik.

Was für Frankreich eine Rückzugsposition war, bedeutete - drit- tens - für die Interessen der Bundesrepublik einen großen Schritt nach vorne: Der Vorschlag zur Gründung der Montanunion bot dem noch nicht ein Jahr alten deutschen Weststaat die Chance, aus der internationalen Isolierung als Aggressor und Kriegsverbrecher her- auszutreten und einen gleichberechtigten Platz in einem Teilbereich der westlichen »Wertegemeinschaft« einnehmen zu können. 13 Es war absehbar, daß dieser Weg schon bald zu einer weitgehenden Rück- gabe der nationalen Souveränität und zur Aufhebung der meisten

11 Vgl. Ludolf Herbst: Die Bundesrepublik in den Europäischem Gemeinschaften, in: Wolfgang Benz (Hg.): Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt a.M. 1989, S. 215f.; Hans Dichgans: Montanunion. Menschen und Institutionen, Düsseldorf/Wien 1980, S. 39ff. 12 »Durch die Zusammenlegung der Grundindustrien und die Errichtung einer neuen Hohen Behörde, deren Entscheidungen für Frankreich, Deutschland und die anderen teilnehmenden Länder bindend sein werden, wird dieser Vorschlag den ersten Grundstein einer europäischen Föderation bilden, die zur Bewahrung

des Friedens unerläßlich ist.« Aus der Erklärung vom 9. Mai 1950, in: Pascale Fontaine, a.a.O., S. 47.

3 2

Entwicklungsphasen

der

EG

Produktionsbeschränkungen führen würde. Diese Aussichten ließen die Regierung Adenauer ohne Zögern die erheblichen »planwirt- schaftlichen« Elemente des Montanunion-Vertrages akzeptieren, die schon damals in der wirtschaftspolitischen Debatte von Ludwig Er- hard als systemfremde Störfaktoren der Marktwirtschaft kritisiert wurden. 14 Daß die wirtschaftliche Westintegration in der Tat zunächst der einzig gangbare Weg zur Wiederaufwertung Westdeutschlands in Westeuropa war, erwies sich wenig später: Schon zu Beginn der 50er Jahre hatten die Regierung der USA und Adenauer die Remilitarisie- rung der BRD ins Gespräch gebracht. Der französische Verteidi- gungsminister Pleven griff die Idee - wiederum in einem Akt unfrei- williger Umarmung - auf und entwickelte das Konzept einer »Euro- päischen Verteidigungsgemeinschaft« (EVG), in die auch deutsche Truppen integriert werden sollten. Die Regierungsvertreter der sechs Montanunions-Mitglieder unterzeichneten im Mai 1952 einen ent- sprechenden Vertrag. Seine Ratifizierung scheiterte jedoch im Som- mer 1954 in der französischen Nationalversammlung. 15 Die Wieder- aufrüstung der Bundesrepublik wurde erst 1955 durchgesetzt. Im gleichen Jahr wurde Westdeutschland auch Mitglied der NATO.

Neben der EVG blieben auch verschiedene Versuche erfolglos, die Montanunion um weitere Sektoren zu erweitem und zu einer Art Politischen Union zu vertiefen. 16 Dabei waren die politischen Trieb- kräfte, die zu ihrer Gründung geführt hatten, auch Mitte der 50er Jahre noch aktuell: Gegenüber dem kommunistischen Block im Osten sollte eine starke westeuropäische Front gebildet werden. Das Problem, die ökonomisch stärker werdende und selbstbewußter auf- tretende Bundesrepublik in europäische Strukturen einzubinden, war nach wie vor ungelöst. Darüber hinaus wuchs mit den Jahren das Bedürfnis der westeuropäischen Regierungen, gegenüber der

14 »Ludwig Erhard betrieb seine erfolgreiche Wirtschaftspolitik in einem entschiede- nen planfeindlichen Sinne. Selbst das Wort 'Plan' blieb für ihn lange Zeit ver- pönt. Ludwig Erhard hatte stets eine Sammlung spektakulärer Fehlprognosen greifbar, wenn er auf 'Plan' angesprochen wurde. Die Bearbeitung des Themas Schumanplan wurde deshalb ins Bundeskanzleramt gelegt. In einem Kabinetts- ausschuß übernahm Adenauer selbst das Wort.« Hans Dichgans, a.a.O., S. 57.

15

16

Vgl.

Vgl.

dazu

Walter

Wilfried

Lipgens

Loth:

(Hg.):

Der

45

Weg

Jahre

a . a . O . , Ringen

,

,

S.91ff.

a . a . O . ,

S.

316ff.

Politische

Beschränkungen

der

Gründungsphase

3 3

westlichen Vormacht USA mehr ökonomisches Gewicht und politi- sche Eigenständigkeit zu entwickeln. Ein Fortschritt des politischen Projektes der westeuropäischen Eini- gung konnte unter diesen Bedingungen nur in der Fortführung und Erweiterung der wirtschaftlichen Integration bestehen. Nach mühsa- men Verhandlungen einigten sich die sechs Mitgliedsländer der Montanunion schließlich in den am 25. März 1957 unterzeichneten und am 1. Januar 1958 in Kraft getretenen »Römischen Verträgen« auf zwei neue Projekte: die »Europäische Atomgemeinschaft« (Eura- tom) und die »Europäische Wirtschaftsgemeinschaft« (EWG). Die er- ste knüpft insoweit an die Montanunion an, als es sich um eine sek- torale Integration handelt. Im Unterschied zur Montanunion sind die supranationalen Kompetenzen von Euratom jedoch sehr gering. Für die Weiterentwicklung der Europäischen Gemeinschaften hat die Atomgemeinschaft kaum eine Rolle gespielt. Deshalb wird sie hier nicht weiter behandelt. Mit der EWG dagegen wurde eine neue, sek- torübergreifende und ganz anders als die Montanunion funktionie- rende Organisation geschaffen. 17 Sie hat die weitere Entwicklung der westeuropäischen Integration entscheidend geprägt.

Im Hinblick auf eine gesamteuropäische Perspektive, die in den letzten Jahren unerwartet neue Aktualität gewonnen hat, stand die Entstehungsgeschichte der europäischen Integration nach dem Zwei- ten Weltkrieg also unter einem ausgesprochen ungünstigen Stern. Sie war durch drei wesentliche politische Beschränkungen geprägt:

Europäische Integration fand erstens als getrennte Ostintegration und Westintegration jeweils innerhalb der beiden antagonistischen Systemblöcke statt. Im Westen blieb sie zweitens auf die wirtschaftli- che Seite beschränkt. Auch diese ausgedünnte Version der wirtschaft- lichen Westintegration umfaßte drittens aber nicht einmal alle oder auch nur die Mehrheit der westeuropäischen Staaten, sondern nur sechs Länder. Dies lag vor allem an den Rivalitäten zwischen Frank- reich und England, die beide die politische Führung in Westeuropa anstrebten. 18

17 Zur Entstehungsgeschichte der EWG vgl. Hanns Jürgen Küsters: Die Gründung

der

Europäischen

Wirtschaftsgemeinschaft,

Baden-Baden

1982.

18 Dieser Aspekt wird hier nicht weiter behandelt. Vgl. hierzu ausführlicher Wilfried

Loth:

Der

Weg

,

a.a.O.,

S.

76ff.

3 4

Entwicklungsphasen

der

EG

1.2 Marktintegration im Takt der Wirtschaftsdynamik:

Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG)

Auch der Vertrag zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsge- meinschaft vom 25. März 1957 19 beschränkt die europäische Eini- gung auf wirtschaftliche Integration. Er bezieht sich jedoch nicht auf einzelne Sektoren, sondern auf die gesamte Wirtschaft, geht in- sofern weiter als der Montanunion-Vertrag. Andererseits bleibt er hinter diesem zurück, denn er enthält nur wenige und schwache Be- stimmungen zur wirtschaftspolitischen Steuerung. Eine Ausnahme hiervon bildet die Landwirtschaft, für die eine dichte sektorale Regu- lierung vorgesehen ist. Zwar bestimmt der Vertrag in Artikel 2, daß die Integrationsziele »durch die Errichtung eines Gemeinsamen Marktes und die schrittweise Annäherung der Wirtschaftspolitik der Mitgliedstaaten« erreicht werden sollen. Diese grundsätzliche Paral- lelität und Gleichrangigkeit von Marktintegration und wirtschaftspo- litischer Integration wird jedoch im weiteren Vertragstext nicht durchgehalten: Es gibt dort umfangreiche und detaillierte Bestim- mungen zur Öffnung der Märkte und Sicherung des Wettbewerbs zwischen den Mitgliedsländern. Die wenigen Ausführungen über die wirtschaftspolitische Koordinierung bleiben demgegenüber allge- mein und unbestimmt.

Der EWG-Vertrag setzt in erster Linie auf die integrativen Wirkun- gen des gemeinsamen Binnenmarktes. Trotz verschiedener Versuche, diese konzeptionelle Schlagseite durch die Ausarbeitung wirtschafts- politischer Programme zu überwinden, setzte sich diese Linie auch in der integrationspolitischen Praxis durch. 20 Integration sollte im wesentlichen als Marktintegration stattfinden. Diese Weichenstellung brachte es mit sich, daß der Verlauf der In- tegration eng an die ökonomische Gesamtdynamik der EWG gebun- den blieb: Aufschwungsphasen brachten Fortschritte der Integra- tion, Abschwünge und Krisen führten zu Stagnation und Auflö- sungserscheinungen. Dies läßt sich deutlich an den vier Hauptpha- sen der wirtschaftlichen Entwicklung in Westeuropa nach dem Zwei-

19 In

Kraft

getreten

am

1.1.1958.

Vgl.

Bundeszentrale

für

politische

Bildung:

Europa

,

a.a.O.,

S.

74-174

 

20 Vgl.

ausführlicher

unten,

Kapitel

2.1.

Die

Europäische

Wirtschaftsgemeinschaft

3 5

ten Weltkrieg nachzeichnen, die in Schaubild 1 - das sich auf den groben Indikator des Wachstums des Bruttoinlandsproduktes der heutigen 12 EG-Mitgliedsländer bezieht - erkennbar sind:

Bis 1973 lagen die Steigerungsraten auf einem sehr hohen Niveau. Dann folgte ein tiefer Einbruch, der 1975 erstmals zu einer absolu- ten Abnahme der gesamtwirtschaftlichen Produktion führte und nach einer kurzen Erholung ab 1979 erneut deutlich sinkende Wachstumsraten brachte. Seit dem Beginn bis fast zum Ende der 80er Jahre stiegen die Wachstumsraten im Zeichen einer weltweiten Revitalisierung des Kapitalismus auch in der EG acht Jahre ununter- brochen an - wenn sie auch das Niveau der 50er Jahre nicht mehr erreichten. Ende der 80er Jahre kündigte sich ein neuer konjunktu- reller Abschwung an, der mittlerweile in eine tiefe Wirtschaftskrise übergegangen ist.

In der ersten Phase des relativ lange Nachkriegsaufschwungs ging die Marktintegration stürmisch voran. Bereits am 1. Juli 1968, an- derthalb Jahre früher als im EWG-Vertrag vorgesehen, hatten die Mitgliedsländer der EWG die Zollunion verwirklicht: die letzten Zollschranken untereinander waren beseitigt, gemeinsame Zölle ge- genüber Drittländern waren eingeführt. Die gegenseitige Markt- durchdringung nahm erheblich zu: 1958 hatte der Anteil der Intra- EWG-Exporte 21 an den gesamten Ausfuhren der Gemeinschaft bei ei- nem knappen Drittel (30,1%) gelegen. Er stieg bis 1969 auf knapp die Hälfte (48,2%). Bei den Einfuhren entwickelte sich der Intra- EWG-Anteil von 29,6% auf 48,1%. 22

Weniger deutlich als diese Zunahme der Marktverflechtung ist al- lerdings die Wohlstandssteigerung, die hierdurch bewirkt wurde. Das gilt auch dann, wenn man/frau die Entwicklung des Wohlstandes ausschließlich an der gesamtwirtschaftlichen Wachstumsrate mißt. Wo - methodisch sehr schwierige und immer angreifbare - Versuche unternommen wurden, die »handelsschaffenden« und dadurch wohl- standssteigernden Wirkungen der Marktverflechtung von der allge- meinen, also auch ohne diese Verflechtung zustandegekommenen Wachstumsdynamik zu trennen, sind die Resultate ernüchternd. Die

21 Dabei handelt es sich um den Anteil der Ausfuhren der 6 EWG-Mitglieder, der in die Mitgliedsländer geliefert wird. 22 Vgl. Statistisches Amt der Europäischen Gemeinschaften: Statistische Grundzah- len der Gemeinschaft, Brüssel 1966, S. 111 und 114; dto. 1970, S. 83 und 87.

36

Schaubild

1:

Wirtschaftswachstum

in

der

Entwicklungsphasen

EG*,

1961-1993

der

EG

in der Entwicklungsphasen EG*, 1961-1993 der EG *Bezogen auf die 12 Mitgliedsländer der EG. Quelle:

*Bezogen auf die

12 Mitgliedsländer der EG.

Quelle: Europäische Wirtschaft, Nr. 54/1993, S. 207.; DIW-Wochenbericht, 11/1994,

S.

155.

ausgefeilteste dieser Studien 23 kommt zu dem Ergebnis, daß die Er- richtung einer Zollunion der EWG das Wachstum des Sozialproduk- tes um insgesamt nicht mehr als 0,15 Prozentpunkte erhöht habe. Gegenüber der Marktverflechtung blieb die wirtschaftspolitische Integration der EWG deutlich zurück. Zwar wurde 1965 der »Fusi- onsvertrag« geschlossen, der vorsah, daß die Organe der drei Ge- meinschaften - EGKS, Euratom, EWG - ab 1967 weitgehend zusam- mengelegt wurden. Zu einer »Annäherung der Wirtschaftspolitik« kam es jedoch nicht, weder gesamtwirtschaftlich noch strukturpoli- tisch. Im Gegenteil: Auf dem einzigen Feld, auf dem eine dichte gemeinsame Regulierung vorgesehen war - bei der Landwirtschaft - häuften sich die Konflikte. Sie eskalierten dramatisch, als die franzö- sische Regierung 1965 zur »Politik des leeren Stuhls« überging und den gemeinsamen Beratungen fernblieb. Sie kehrte erst zurück, als sich die Regierungen der anderen Mitgliedsländer im »Luxemburger

Die

Europäische

Wirtschaftsgemeinschaft

Schaubild

2:

Arbeitslosigkeit

in

der

EG*,

1961-1993

3 7

Schaubild 2: Arbeitslosigkeit in der EG*, 1961-1993 3 7 *Bezogen auf die 12 EG-Mitglieder. Quelle: Europäische

*Bezogen auf die 12 EG-Mitglieder. Quelle: Europäische Wirtschaft, Nr. 54/1993, S. 200.

Kompromiß« darauf verständigt hatten, auch dann keine Mehrheits- entscheidungen zu fällen, wenn dies nach dem Wortlaut des EWG- Vertrages zwar möglich wäre, aber »vitale Interessen« eines Mitglieds- landes beeinträchtigen würde. Daß ein solcher Beschluß die Heraus- bildung einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik langfristig blockieren würde, war absehbar. Die zweite Phase der EWG-Integration dauerte von Mitte der 70er bis Anfang der 80er Jahre. Das Wachstum der Wirtschaft brach in Westeuropa (wie in den USA und in Japan) abrupt ab. Gleichzeitig nahm die Arbeitslosigkeit ebenso sprunghaft zu: Die Arbeitslosen- quote der 12 heute zur EG gehörenden Länder hatte zwischen 1960 und 1974 immer unter 3% gelegen. Von 1974 (2,8%) bis 1979 stieg sie auf fast das Doppelte (5,4%), und in den folgenden sechs Jahren bis 1985 verdoppelte sie sich noch einmal auf 10,8% (vgl. Schau- bild 2). Seit Mitte der 70er Jahre ist die anhaltende und trendmäßig steigende Massenarbeitslosigkeit das soziale Hauptproblem der EG. Die tiefe Krise der Weltwirtschaft - das durchschnittliche jährli- che Wirtschaftswachstum der 12 heutigen EG-Mitgliedsländer sank

3 8

Entwicklungsphasen

der

EG

von 4,8°/o in der ersten Phase auf 2,0% in der zweiten - brachte auch eine Krise der europäischen Integration mit sich. Zum einen nahm die Marktverflechtung wegen des schwachen Wirtschafts- wachstums 24 nicht mehr zu. Der Anteil des Intra-EG-Handels lag zu Beginn der 70er und zu Beginn der 80er Jahre bei gut 50%. 25 Zum anderen vertiefte sich das wirtschaftspolitische Integrationsdefizit. An- gesichts der allgemeinen Akkumulationsschwäche und der struktu- rellen Umbrüche vor allem im Energiebereich (Ölpreiserhöhungen) wäre eine gemeinschaftliche Politik zur gesamtwirtschaftlichen Stabi- lisierung, zur rationalen Steuerung des sektoralen Strukturwandels und zur Sicherung der Energieversorgung dringend erforderlich ge- wesen. Eine vorausschauende Gemeinschaftspolitik hätte darüber hinaus bereits Maßnahmen gegen die - Anfang der 70er Jahre bereits erkennbare und auch in der EG thematisierte 26 - Umweltzerstörung ergreifen und Weichen für einen ökologischen Umbau der westeuro- päischen Wirtschaft stellen können. Nichts von alledem geschah. 27 Dabei hatte es zunächst so ausgesehen, als könnten die 70er Jahre einen weiteren großen Sprung in der Wirtschaftsintegration bringen. Diesen Anschein weckte jedenfalls der Werner-Bericht und der darauf aufbauende Werner-Plan von 1970. Den Hintergrund von beidem bildete die Erkenntnis der Mitgliedsländer der EWG, daß die wirt- schaftspolitische Integration in den 60er Jahren unbefriedigend ge- blieben war: Auf der Haager Konferenz beauftragten sie daher im Dezember 1969 den luxemburgischen Ministerpräsidenten und Fi- nanzminister Pierre Werner, einen Bericht über die Lage der EG und

24 Das Wachstum des Bruttosozialproduktes der 6 EG-Gründungsmitglieder, das in den 60er Jahren im Jahresdurchschnitt bei 4,9% p.a. gelegen hatte, sank in den 70ern auf 3,2% p.a. Vgl. Europäische Wirtschaft, Nr. 54/1993, Tabelle 10, S. 207.

25 Ausfuhren 1970: 53,5%; 1980: 56,1%; Einfuhren 1970: 50,3%; 1980: 49,5%. Vgl. Europäische Wirtschaft, Nr. 52/1993, S. 25.

26 Schon auf dem Gipfeltreffen 1972 in Paris formulierten die Regierungschefs die Notwendigkeit einer gemeinsamen Umweltpolitik. 1973 verabschiedete der Mini- sterrat sogar das erste »Aktionsprogramm der Europäischen Gemeinschaft für den Umweltschutz«. Vgl. Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Die Umweltpolitik in der Europäischen Gemeinschaft, in: Europäische Dokumenta- tion, 5/1990, S. 9.

Die

Europäische

Wirtschaftsgemeinschaft

3 9

Vorschläge für ihre weitere Entwicklung auszuarbeiten. Der Werner- Bericht »über die stufenweise Verwirklichung der Wirtschafts- und Währungsunion in der Gemeinschaft« 28 kam erstens zu dem Schluß, daß der gemeinsame Binnenmarkt durch die Existenz »nicht-tarifärer Handelshemmnisse« (unterschiedliche Sicherheitsvorschriften, na- tionale Normen, Steuern etc.) behindert werde und drängte auf de- ren Beseitigung. Zweitens forderte er angesichts des wirtschaftspoliti- schen Integrationsdefizits, daß der Binnenmarkt durch ein höheres Maß an wirtschafts- und währungspolitischer Koordination und durch gemeinsame Aktivitäten ergänzt werden müsse. Er entwickelte einen Vorschlag, wie die wirtschafts- und währungspolitische Integra- tion in drei Stufen vorangebracht und nach 10 Jahren - also im Jahre 1980! - mit der Errichtung einer Wirtschafts- und Währungs- union abgeschlossen werden könnte.

Der Ministerrat der EWG akzeptierte die Diagnose des Werner- Berichtes zwar und schloß sich in allgemeiner Form auch den Forde- rungen an. Er zog daraus jedoch keine verbindlichen Konsequen- zen. Die theoretisch begrüßte gemeinschaftliche Politik blieb propa- gandistische Makulatur. Praktisch fand sogar eine stärkere Renatio- nalisierung der Wirtschaftspolitik statt:

Unter dem Druck der Wirtschaftskrise und der Forderungen der nationalen Unternehmen praktizierten die Regierungen der EG-Län- der - wie die anderer Länder - vorwiegend die traditionelle Politik nationaler Wirtschaftssteuerung zugunsten »ihrer« Unternehmen. Nach innen hieß das Einkommensumverteilung zugunsten der Ge- winne und anderer Subventionen. Nach außen wurden einerseits - vor allem in Frankreich und England - die nationalen Märkte stär- ker abgeschirmt - und in diesem Zusammenhang kam es zu einer Aufwertung und Ausweitung der nicht-tarifären Handelshemmnisse zwischen den EG-Staaten. Zum anderen betrieben einzelne Länder eine Politik der forcierten internationalen Expansion. In dieser Hin- sicht verhielt sich insbesondere die Bundesrepublik besonders rigo- ros. Der Erfolg ihrer »Beggar-my-neighbour«-Politik ging vor allem zu Lasten anderer europäischer Länder: Die BRD erzielte während der gesamten 70er Jahre hohe und steigende Außenhandelsüber- schüsse, die sich für das Jahrzehnt insgesamt auf 154,6 Mrd. US$

28

Vgl.

Amtsblatt

der

Europäischen

Gemeinschaften,

C 1 3 6

vom

11.11.1970.

4 0

Schaubild 3: Handelsbilanz 70er Jahren

der

großen

Entwicklungsphasen

europäischen

Länder

der

EG

der großen Entwicklungsphasen europäischen Länder der EG Quelle: SVR 1993/1994, S. 306. summierten. Für die vier

Quelle: SVR 1993/1994, S. 306.

summierten. Für die vier nächstgrößeren Länder Frankreich, Eng- land, Italien und Spanien 29 ergaben sich demgegenüber Handelsbi- lanzdefizite in Höhe von 8,6 Mrd. US$ (Frankreich), 48,4 Mrd. US$ (England), 16,3 Mrd. US$ (Italien) und 47,0 Mrd. US$ (Spanien) - vgl. Schaubild 3. 30 Trotz mehrerer Anläufe gelang es während der 70er Jahre auch nicht, nach dem Zerfall des Bretton-Wood-Systems die Währungspolitik wenigstens im Rahmen der EWG zu koordinieren. Erfolge in diesem Bereich stellten sich erst ein, nachdem 1979 das Europäische Währungssystem (EWS) geschaffen worden war. Das aber gehört schon in die nächste Phase.

wirtschaftlichen

Beitritt Griechen-

Diese

dritte

In

Phase

der

Integration

den

umfaßte

die

80er Jahre.

ihnen wurde

die

EWG

durch

29 England, Dänemark und Irland waren 1973 Mitglied der EG geworden, Spanien

1986.

30 Vgl. Jahresgutachten 1992/93 des Sachverständigenrates zur Begutachtung der ge- samtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR), Bundestagsdrucksache 12/3774, S. 284; eigene Berechnungen.

Die

Europäische

Wirtschaftsgemeinschaft

4 1

lands (1981) sowie Portugals und Spaniens (1986) erneut erweitert. Ökonomisch waren sie durch die Überwindung der tiefen Krise und eine deutliche Revitalisierung des Kapitalismus in den drei großen Zentren der Welt (Japan, Nordamerika, Westeuropa) gekennzeichnet. Die neue Dynamik beruhte vor allem auf vier Grundlagen. Diese sind: 31

- erstens umfassende Rationalisierungen sowie die Entwicklung und

Einführung neuer Technologien auf der Basis der Mikroelektronik;

- zweitens eine Welle von Konzentrations- und Zentralisationspro- zessen;

- drittens ein neuer Schub der Internationalisierung und Globalisie- rung, und

- viertens eine Deregulierungsoffensive, die auf Gewinnsteigerung

durch Sozialabbau und Einschränkung gewerkschaftlicher Positio- nen sowie auf die Privatisierung von Staatsvermögen zielte. Im Laufe der 80er Jahre hat sich das Wirtschaftswachstum in den meisten kapitalistischen Ländern wieder beschleunigt. 32 Das hat je- doch kaum Folgen für die Arbeitslosigkeit gehabt: Sie ist bis 1985 weiter stark gestiegen und hat dann nur wenig abgenommen. Ob- gleich die 80er Jahre überwiegend ein Jahrzehnt der wirtschaftlichen Erholung der EG waren, lag die durchschnittliche Arbeitslosenquote mit 9,6% mehr als doppelt so hoch wie im Jahrzehnt davor (4,1%), das wesentlich durch die Weltwirtschaftskrise Mitte der 70er Jahre geprägt war.

Auch die beschäftigten Arbeitnehmerinnen hatten wenig von dem neuen Wirtschaftswachstum. Seine Zuwächse sind als steigende Ge- winne vor allem den Kapitalbesitzern zugute gekommen. Die Netto- realeinkommen der Arbeitnehmer sind in den USA stark gesunken, in der EWG nur geringfügig gestiegen. Überall hat es eine teilweise drastische Umverteilung des Volkseinkommens zugunsten der Pro- fite und zu Lasten der Löhne und Gehälter gegeben. Der Anteil der Löhne und Gehälter am Volkseinkommen der 12 EG-Länder, der im

31 Vgl. Jörg Huffschmid: Das Binnenmarktprojekt 92 - Hintergründe und Stoßrich- tung, in: Frank Deppe/Jörg Huffschmid/Klaus-Peter Weiner (Hg.): 1992 - Pro- jekt Europa, Politik und Ökonomie in der Europäischen Gemeinschaft, Köln

1989,

S.

47ff.

32 Es hatte von 1974 bis 1982 im Jahresdurchschnitt 2,0% betragen und stieg von 1983 bis 1990 auf 2 , 8 % an. Vgl. Europäische Wirtschaft, Nr. 54/1993, Tabelle

4 2

Entwicklungsphasen

der

EG

Durchschnitt der Jahre 1974 bis 1982 bei 75,0% gelegen hatte,

der Zeit von 1983 bis 1990 auf 71,3% ab. 33 Gleichzeitig ha-

ben sich die weltwirtschaftlichen Polarisierungstendenzen weiter ver- stärkt: Ein großer Teil der Länder der Dritten Welt ist weiter an die Peripherie der Weltwirtschaft gedrängt worden. 34 Schließlich hat in den 80er Jahren die Zerstörung und Verschmutzung der Umwelt in einem dramatischen Maße zugenommen. 35 Der Marktintegration hat die allgemeine Wachstumsbelebung je- doch einen neuen Schub gegeben. Der Anteil des Intra-EG-Außen- handels, der - bezogen auf die mittlerweile 12 EG-Mitgliedsländer - 1985 bei rund 55% lag, stieg bis 1990 auf rund 60%. 36 Erstmals kam es auch zu einer bemerkenswerten Welle innergemeinschaftlicher Kapitalverflechtungen: Die Zahl der Fusionen innerhalb der EWG, an denen mindestens eins der 1000 größten Unternehmen der EWG beteiligt war, nahm von 116 im Jahre 1985/86 auf 511 im Jahre 1989/90 zu. 37 Auch bei der wirtschaftspolitischen Integration hat das vergan- gene Jahrzehnt einige Fortschritte gebracht. Sie bezogen sich aller- dings vor allem auf die Unterstützung und Begleitung der Marktin- tegration:

- Das bislang spektakulärste Integrationsprojekt der EG, die Vollen- dung des Binnenmarktes bis zum Jahresende 1992, wurde Mitte 1985 von der Europäischen Kommission auf den Weg gebracht und 1986 vom Ministerrat beschlossen. Es zielt auf die Beseitigung aller nicht- tarifären Handelshemmnisse und die Verwirklichung der vier »gro- ßen Freiheiten« des Binnenmarktes: Ungehinderter Waren-, Dienst- leistungs- und Kapitalverkehr sowie persönliche Niederlassungsfrei- heit in der gesamten EWG. Gegenstand auch dieses politischen Pro-

nahm in

33 Es handelt sich um die um Veränderungen in der Erwerbstätigenstruktur berei- nigte Lohnquote. Für die USA betrugen die entsprechenden Werte 72,4% für die 70er und 71,8°/o für die 80er Jahre. In Japan sank die Lohnquote von 79,6% auf 75,8% in den gleichen Zeiträumen. Vgl. ebenda, Anhang, Tabelle 31, S. 228.

34 Vgl. United Nations Development Programme, H u m a n Development Report

1992,

New

York

1992,

insb.

S.

34ff.

35 Vgl. Lothar Guendling/Beate Weber (Hg.): Dicke Luft in Europa. Aufgaben und Probleme der europäischen Umweltpolitik, Heidelberg 1988.

36 Er betrug 1990 bei den Exporten 61,2%, bei den Importen 59,0%; vgl. Europäi- sche Wirtschaft, Nr. 52/1993, S. 25.

Die

Europäische

Wirtschaftsgemeinschaft

4 3

jektes ist also die Marktintegration, nicht die Konzeption einer ge- meinsamen gestaltenden Wirtschaftspolitik. Es wurde zwar nicht wie die Zollunion vor 25 Jahren vorzeitig realisiert, aber wie die Zoll- union gehört es zu den wenigen politischen Erfolgsprojekten der EG.

- Einen ähnlichen Erfolgsanspruch hat bis vor kurzem auch das

1979 eingeführte Europäische Währungssystem erhoben. Es schreibt die gegenseitigen Wechselkurse der teilnehmenden Länder mit einer gewissen Bandbreite fest und verbindet dies mit einer Interventions- pflicht der zentralen Notenbanken, wenn der Marktkurs an die Grenzen dieser Bandbreite stößt. Im Herbst 1992 ist der Erfolgsmy- thos des EWS allerdings so nachhaltig zerstört worden, daß England und Italien das System verlassen haben. Immerhin konnte die Bun- desrepublik ihre Politik der Handels- und Leistungsbilanzüber- schüsse zu Lasten der europäischen Nachbarn auch in den 80er Jah- ren fortsetzen und sogar erheblich ausbauen. Hierauf wird im fol- genden Kapitel ausführlich eingegangen.

- Nach der neoliberalen Wirtschaftslehre brauchen Märkte zu ihrer

Entfaltung nicht nur ungehinderte Bewegungsfreiheit von Gütern und Produktionsfaktoren, sondern auch eine funktionierenden Geld- verfassung mit stabilen Preisen. Wenn diese beiden Voraussetzungen erfüllt sind, wird der ökonomische Prozeß optimal ablaufen. Weitere wirtschaftspolitische Interventionen sind nicht erforderlich. Wo sie dennoch erfolgen, stören sie den reibungslosen und effizienten Ab- lauf der Wirtschaft. Insofern gehören Marktradikalismus und mone- taristischer Geldradikalismus zusammen. Sie bilden den Kern des wirt- schaftspolitischen Paradigmenwechsels, der sich in den 80er Jahren weitgehend durchsetzte und wirtschaftspolitische Enthaltsamkeit in allen anderen Bereichen forderte: keine Beschäftigungs- und Arbeits- marktpolitik, keine Struktur-, Regional- und Sozialpolitik. Allge- mein: keine Politik, die Strukturen und Prozesse konkret gestalten will.

Dieses markt- und geldradikale wirtschaftspolitische Paradigma hat auch die Integrationspolitik der EWG in den 80er Jahren domi- niert. Es hat sich allerdings nicht vollständig durchgesetzt. In eini- gen Bereichen gab es zaghafte Ansätze, eine über die Marktliberali- sierung hinausgehende Gemeinschaftspolitik zu entwickeln: Die starke und zunehmende regionale Polarisierung - die durch die Er- weiterung der EWG um Griechenland, Portugal und Spanien akzen-

4 4

Entwicklungsphasen

der

EG

tuiert wurde - führte zur Herausbildung einer europäischen Regio- nalpolitik. Die akuten Probleme der Umweltzerstörung veranlaßten die EG, ihre bislang entwickelten Ansätze zu verstärken. Die Debatte um die europäische Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den USA und Japan war der Hintergrund für die Entwicklung einer gemeinsamen Forschungs- und Technologiepolitik. Alle drei Politikbereiche wur- den in der ersten größeren Revision des EWG-Vertrages, der »Ein- heitlichen Europäischen Akte« (EEA), die am 1.7.1987 in Kraft trat, zu Gegenständen gemeinschaftlicher Politik erklärt. Hinsichtlich der Prioritäten, der Verbindlichkeit und der Gemeinschaftskompetenz blieben sie freilich weit hinter den Bestimmungen über den Binnen- markt und hinter dem EWS-Mechanismus zurück.

Auch allgemeinere, über die Wirtschaft hinausgehende Dimensio- nen der westeuropäischen Integration wurden in den 80er Jahren er- neut aufgegriffen: Bereits 1979 wurden die Mitglieder des Europäi- schen Parlamentes erstmals direkt von den Bürgerinnen und Bürgern der EWG gewählt - was allerdings nichts an der im EWG-Vertrag festgeschriebenen Kompetenz- und Machtlosigkeit des Parlamentes änderte. Anfang der 80er Jahre lebte auch die Diskussion über eine europäische Verfassung wieder auf. 1984 billigte das Europäische Parlament sogar einen entsprechenden Verfassungsentwurf - konnte allerdings nicht verhindern, daß er weder von der Europäischen Kommission noch vom Ministerrat aufgenommen wurde und in der Versenkung verschwand. Immerhin wurden Ansätze einer stärkeren außenpolitischen Zusammenarbeit der Mitgliedsländer verstärkt und als Europäische Politische Zusammenarbeit (EPZ) in die Einheitliche Europäische Akte eingebracht.

Politische Aspekte haben die Diskussionen in den 80er Jahren über die Zukunftsperspektiven der EWG und der europäischen Inte- gration mehr als in den beiden vorangegangenen Jahrzehnten beein- flußt. Sie konnten aber keine eigenständige und tragfähige Dynamik entwickeln. Auch im vergangenen Jahrzehnt ist der Gang der euro- päischen Integration im wesentlichen durch ökonomische Prozesse bestimmt worden. Sie fand als wirtschaftliche Integration statt, und wirtschaftliche Integration beschränkte sich im wesentlichen auf Marktintegration. Am Ende der dritten Entwicklungsphase produzierte die EWG - wie am Ende der ersten Phase - einen Plan zur Weiterführung und Vertiefung der europäischen Integration - durch Errichtung einer

Die

Marginalisierung

der

EFTA

4 5

Wirtschafts- und Währungsunion. Die Ähnlichkeiten des im April 1989 vorgelegten Delors-Planes 3S mit dem Werner-Plan von 1970 sind bemerkenswert: Beide stellten fest, daß es im Zuge des kräftigen Wachstums des jeweils vergangenen Jahrzehntes Fortschritte bei der Marktintegration gegeben habe, hinter denen die wirtschaftspoliti- sche Integration zurückgeblieben sei. Beide wollten dies korrigieren und schlugen einen dreistufigen Übergang zu einer Wirtschafts- und Währungsunion vor. Diese sei jedoch nur möglich, wenn das Pro- duktivitätsniveau und die wesentlichen wirtschaftlichen Strukturen der Mitgliedsländer zuvor weitgehend aneinander angeglichen wür- den. Um diese »Konvergenz« zu erreichen, sei - neben der Vollen- dung der Marktintegration - eine schrittweise enger koordinierte oder gemeinsame makroökonomische Steuerung der Wirtschaft er- forderlich. In beiden Fällen ist diese Forderung weitgehend Rhetorik geblieben.

1.3 Von der Rivalität zum Anschluß: Die Marginalisierung der EFTA

Bis Anfang Dezember 1992 schien es eine ausgemachte Sache, daß mit dem Beginn des Jahres 1993 nicht nur der EG-Binnenmarkt voll- endet sein würde. Gleichzeitig sollte der größere »Europäische Wirt- schaftsraum« (EWR) eröffnet werden. Ihm würden neben den 12 Mit- gliedsländern der EG die 7 Mitgliedsländer der Europäischen Freihan- delszone (EFTA) angehören: Österreich, Schweden, Finnland, Norwe- gen, Island, die Schweiz sowie Liechtenstein. Die Schweizer Bevölkerung hat den Beitritt ihres Landes am 6. Dezember 1992 jedoch mit deutlicher Mehrheit abgelehnt. Damit war der EWR zunächst auf Eis gelegt. Im Laufe des Jahres 1993 wurde der Vertrag noch einmal überarbeitet. Am 1.1.1994 trat er

38

Bericht zur Wirt-

schafts- und Währungsunion in der EG, Luxemburg 1989, in: Europa-Archiv,

Ausschuß zur Prüfung der Wirtschafts- und Währungsunion:

10/1989, S. D283-304.

4 6

Entwicklungsphasen

der

EG

ohne die Schweiz in Kraft. Faktisch handelt es sich dabei um einen Anschluß an die EG: Die EFTA übernimmt die Regeln des EG-Bin- nenmarktes, auf deren Ausarbeitung und Gestaltung sie keinen Ein- fluß hatte und weiterhin keinen Einfluß haben wird. 39 Faktisch wird der EWR keine politische Bedeutung mehr haben. Denn der schon vor längerer Zeit begonnene Zerfall der EFTA hat sich in den letzten drei Jahren rapide beschleunigt. Er wird in abseh- barer Zeit in das Ende dieser Organisation münden. Nach Öster- reich (1989) haben 1991 auch Schweden und 1992 Finnland, Norwe- gen und die Schweiz formelle Anträge auf Beitritt zur EWG gestellt. Mit den ersten vier Ländern haben die Verhandlungen Anfang 1993 begonnen. Sie wurden im März 1994 abgeschlossen und sollen - vorbehaltlich der Zustimmung durch Volksabstimmungen - 1995 zur EG-Mitgliedschaft führen. Die Schweizer Regierung hat ihren im Frühjahr 1992 gestellten Beitrittsantrag trotz des negativen Ausgangs des EWR-Referendums nicht zurückgezogen, nahm an den Verhand- lungen allerdings nicht teil.

Damit wird die rivalisierende Koexistenz zweier Integrationsge- bilde in Westeuropa zugunsten der EG beendet, an deren Beginn sehr unterschiedliche politische und wirtschaftliche Konzeptionen standen. 40 Politisch handelte es sich bei den Gründungsländern der EFTA 41 um eine merkwürdige Interessenkoalition: Österreich, die Schweiz und Schweden (sowie später Finnland) verband vor allem eine Posi- tion der politischen Neutralität. Sie fügte sich nicht in das Konfron- tationsschema ein, das den Gründungsprozeß von Montanunion, Euratom und EWG von Anfang an mit bestimmt hatte. England

39 »Mit dem EWR wird ganz Westeuropa noch stärker 'Einflußgebiet' der Europäi-

schen Union«, in: Handelsblatt (im folgenden zitiert: HB) vom 14.12.1993, S. 9.

Op-

tion

40 Vgl. hierzu Wilfried Loth: Der Weg

,

a . a . O . ,

S.

76ff.;

Ludolf Herbst:

S.

184ff.

,

41 Es handelte sich um England, Dänemark, Schweden, Norwegen, die Schweiz, Österreich und Portugal, deren Regierungschefs am 4. Januar 1960 die »Stockhol- mer Konvention« zur Schaffung einer »Europäischen Freihandelsassoziation« un- terschrieben. Diese trat am 3.5.1960 in Kraft. Vgl. Marcel A.G. v. Meerhaeghe:

International Economic Institutions, Dordrecht u.a. 1987, S. 316ff. - Mittler- weile sind 1972 England und Dänemark und 1985 Portugal aus der EFTA aus- und der EG beigetreten. Island schloß sich der EFTA am 1.3.1970 an, und Finn- land, das sich 1961 assoziiert hatte, wurde zum 1.1.1986 Vollmitglied.

Die

Marginalisierung

der

EFTA

4 7

und Portugal, die später aus der EFTA aus- und der EG beitraten, sa- hen demgegenüber in erster Linie ihre kolonialen Interessen und Po- sitionen in der EWG nicht ausreichend berücksichtigt. Ökonomisch waren die EFTA-Länder vor allem an einer Ausdeh- nung der Freihandels auf der Grundlage der Freihandelsregeln des »Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens« (General Agreement on Tariffs and Trade - GATT) von 1947 und im Rahmen der »Orga- nization for European Economic Cooperation« (OEEC, später: Or- ganization for Economic Cooperation and Development, OECD) interessiert. Die im EWG-Vertrag vorgesehene - wenn auch nicht realisierte - weitergehende wirtschaftspolitische Integration lehnten sie überwiegend ab. England schlug Ende der 50er Jahre vor, eine »großeuropäische Freihandelszone« zu schaffen. Sie hätte die Zoll- schranken zwischen den Mitgliedsländern beseitigt, ihnen aber die Möglichkeit gelassen, die Handelsbeziehungen zu Drittländern auto- nom zu gestalten. Dieser Vorschlag scheiterte am Widerstand Frank- reichs: Die französische Regierung befürchtete den Ruin der Land- wirtschaft, wenn die englischen Commonwealth-Importe Zugang zum kontinentalen Markt erhielten. Sie betrachtete England über- dies als trojanisches Pferd der USA, aus deren Vorherrschaft Westeu- ropa sich befreien müsse. So kam es nach der Gründung der EWG und dem französischen Veto nur zu einer »kleineuropäischen Frei- handelszone«.

Das ökonomische Potential der EFTA war zunächst durchaus be- achtlich. Die sieben Gründungsländer umfaßten eine Gesamtfläche von 1,3 Mio. km 2 und hatten eine Bevölkerung von 90 Millionen. Ihr zusammengefaßtes Sozialprodukt belief sich auf 112 Mrd. US$, ihr Export auf 26 Mrd. US$. 42 Im Vergleich zur EWG war die Fläche der EFTA-Länder um 10% größer, die Bevölkerung gut halb so groß (52,6%). Ihr Sozialprodukt lag bei 41% und ihr Export bei 47% der entsprechenden EWG-Werte. Dreißig Jahre später haben die sechs EFTA-Länder zwar immer noch 1,3 Mill. km 2 Territorium. Dies sind mittlerweile aber nur noch knapp 60% der Fläche der EG. Die Bevölkerung der EFTA betrug 1992 ca. 33,1 Mill. Einwohner, weniger als 10% der

42 Vgl. O E C D : National Accounts Statistics 1960-1971, o . O . , o.J.

S.

10

und

16;

eigene

Berechnungen.

[Paris

1973],

4 8

Entwicklungsphasen

der

EG

345 Mill. Menschen in der EG. Das EFTA-Sozialprodukt liegt bei

13,7%,

der

Export

bei

17,5%

der

EG-Werte. 43

Drastisch verändert hat sich auch die Weltmarktposition der beiden Organisationen. 1960 hatten ihre jeweiligen Anteile am Welthandel (gemessen am Export ohne Intra-Block-Handel) auf ungefähr glei-

chem Niveau gelegen: 15%

für die EWG, 13% für die EFTA. Bis

Ende der 80er Jahre stieg der EG-Anteil auf 18%, der EFTA-Anteil sank auf 6%. 44 Ohne Ausklammerung des Intra-Block-Handels brachte es die EFTA 1990 auf rund 7%, die EG dagegen auf rund 40% Welthandelsanteil. 45 Diese Gewichtsverschiebungen haben nichts mit der spezifischen ökonomischen Leistungskraft oder Produktivität in den EFTA-Län- dern zu tun. In dieser Hinsicht kann auch die marginalisierte EFTA es mit der EG gut aufnehmen: Ihr reales Pro-Kopf-Einkommen (auf der Basis von 1985) lag 1990 mit 13200 US$ im Durchschnitt um gut 30% höher als das der EG (9100 US$); es stieg in den 80er Jah- ren mit 2,1% pro Jahr geringfügig schneller als in der EG (2,0%). Die Arbeitslosenquote der EFTA lag 1990 bei 2,5%, die der EG be- trug mit 8;4% mehr als das Dreifache. 46 Der weltwirtschaftliche Bedeutungsverlust der EFTA ist auf den er- sten Blick offensichtlich vor allem auf die Übertritte Englands (so- wie Dänemarks und später Portugals) von der EFTA zur EG zurück- zuführen. Ihm liegen aber strukturelle Faktoren zugrunde, die die Positionen der EFTA-Länder in der Weltwirtschaft und in Westeu- ropa langfristig unterhöhlt und damit auch die Übertritte veranlaßt haben. Drei Einflüsse sind hier besonders hervorzuheben:

Erstens waren von Anfang an die regionalen und sektoralen Struk- turen der EFTA-Länder sehr viel ungünstiger als die der EWG: Terri- torial bildete letztere (mit Ausnahme Italiens) den relativ kompakten Kern Westeuropas; die EFTA dagegen zerfiel in verschiedene Teile, die (mit Ausnahme der Schweiz und Österreichs) an der europäi-

43 Vgl. European Free Trade Association: EFTA Trade 1992, Genf 1994, Anhang, Tabelle 1.

44 Vgl. Reinhard Senti: Ausbau der Beziehungen EFTA - EG aus der Sicht der EFTA-Staaten, in: Reinhard Rack (Hg.): 30 Jahre danach: Neue Perspektiven für die Beziehungen der EFTA-Staaten zur Europäischen Gemeinschaft, Baden- Baden 1987, S. 25 f.

45 Vgl. FT vom 23.10.1991, S. 2.

46 Vgl. J. T h a l m a n n : Europäischer Wirtschaftsraum: Die Quadratur des Kreises, in:

Die

Marginalisierung

der

EFTA

4 9

schen Peripherie lagen. 47 Sektoral handelte es sich bei der EG um traditionelle entwickelte Industrieländer. Bei der EFTA reichte die Palette von einem ganz unterentwickelten Land wie Portugal über agrarische (Dänemark) oder im wesentlichen vom Fischfang lebende Staaten (Norwegen, später Island) bis zu einem hochentwickelten In- dustrieland wie England und einem Finanz- und Tourismuszentrum wie der Schweiz. Nach der Außenhandelstheorie David Ricardos - die ja auch an den beiden Ländern England und Portugal demon- striert wurde - wären damit die besten Ausgangsbedingungen für ei- nen regen Handelsaustausch innerhalb der EFTA gegeben. Dieser fand auch statt: Die Intra-EFTA-Verflechtung stieg von 11,1% in 1959 auf 19,1% in 1972. 48 Sie sank dann allerdings bis Ende der 80er Jahre wieder auf rund 14%. 49 Dies reichte nicht zur Formierung eines lebensfähigen Wirtschaftsblockes. Denn:

Zweitens war und ist die wesentliche außenwirtschaftliche Bezugs- region der EFTA die EWG. Schon 1973 exportierten die Länder der Freihandelszone 51% ihrer Gesamtausfuhr in die EWG, dreimal so- viel wie in die anderen EFTA Länder (17,5%). 1992 war der EWG- Anteil auf 60% gewachsen, der EFTA-Anteil auf 12% gesunken. Die Intra-Block-Verflechtung hat sich in den 80ern gegenüber den 70er Jahren verringert, die Verflechtung mit - und Abhängigkeit von - der EWG - genauer den vier großen EWG-Ländern 50 - vertieft. Hier- zu haben auch die Freihandelsabkommen beigetragen, die im Laufe der Jahre 1972 und 1973 - im Zusammenhang mit dem EG-Beitritt Englands, und Dänemarks - zwischen der EWG und allen EFTA- Ländern abgeschlossen und bis Anfang der 80er Jahre umgesetzt wurden. Diese zunehmende ökonomische Verflechtung dürfte der wesentliche Grund dafür gewesen sein, daß England und Dänemark die EFTA verließen und der EWG beitraten. Dies hat seinerseits na- türlich zur weiteren Verdichtung der ökonomischen Beziehungen beigetragen. »Der Zusammenhalt der EFTA wurde schwächer, und

47 Vgl. hierzu Per Magnus Wijkman: Patterns of Production and Trade in Western Europe: Looking Forward After Thirty Years, EFTA Economic Affairs Depart- ment, Occasionsl Papers, Nr. 32, Geneva 1990, S. 9ff.

48 Vgl. Philippe G. Neil: »EFTA in the 1990s: The Search for a New Identity«, in:

Journal of C o m m o n Market Studies, Vol. XXVIII, Nr. 4, June 1990, S. 328.

49 Vgl. GATT: International Trade 1988-89, Geneva 1989, Anhang, Tabelle A3; ei- gene Berechnungen.

5 0

Entwicklungsphasen

der

EG

ihre Abhängigkeit von der vergrößerten EG nahm zu.« 51 Immerhin ist auch für die EWG die EFTA mit einem Anteil von rund einem Viertel ihrer Ex- und Importe der wichtigste Außenhandelspartner. Drittens stellte das Binnenmarktprojekt die EFTA-Länder vor neue Probleme: Die nicht-tarifären Handelshemmnisse in der EWG ha- ben bisher (nach Abschluß der Freihandelsabkommen) den Intra- EG-Handel genauso behindert wie den zwischen EG und EFTA. Das ändert sich mit der Vollendung des Binnenmarktes: Innerhalb der EG werden die Barrieren beseitigt, gegenüber der EFTA würden sie bestehen bleiben. Faktisch würde das eine Diskriminierung der EFTA bedeuten. 52 Dieses Problem hätte dadurch gelöst werden können, daß die EFTA an der Beseitigung der nicht-tarifären Handelshemmnisse von vornherein beteiligt worden wäre. Dies sah die im April 1984 - also noch vor dem Beginn des Binnenmarktprojektes - gemeinsam von EWG und EFTA abgegebene »Luxemburger Erklärung« 53 vor: Die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen beiden Organisationen sollte über den Bereich des Freihandels ausgedehnt und dadurch ein »dynamischer europäischer Wirtschaftsraum« geschaffen werden. Das Interesse der EWG, dieses Abkommen zügig umzusetzen, war jedoch gering und hat von Jahr zu Jahr abgenommen. Mit dem Bin- nenmarkt-Projekt hatte sich ihre strategische Konzeption offensicht- lich geändert: Sie lief jetzt darauf hinaus, die Zwölfergemeinschaft zunächst als Block zu konsolidieren und erst auf dieser Grundlage die Außenbeziehungen neu - und dann mit größerer Autorität - zu gestalten. Diese Strategie ist rational, wenn das ökonomische und politische Gewicht des Blocks ausreicht, wesentliche Bedingungen der Erweiterung zu diktieren. Das war offensichtlich seit Mitte der 80er Jahre aufgrund der strukturell schwachen Position der EFTA der Fall. Im Juni 1990 begannen die formellen Verhandlungen über den

51 Per Magnus Wijkman, a.a.O., S. 17.

52 »Auf dem EG-Markt droht somit erstmals seit dem Freihandelsabkommen 1972

eine deutliche Benachteiligung für EFTA-Firmen

EFTA im »Europäischen Warteraum«, in: EG-Magazin, 1-2/1993, S. 21; vgl.

auch Nikolaus van der Pas: Konzept und Realisierungschancen für eine Vertie- fung der Beziehungen zwischen EG und EFTA, in: Reinhard Rack (Hg.), a.a.O.,

« Otmar Lahodynsky: Die

S. 15 f.

Die

Marginalisierung

der

EFTA

5 1

EWR. Die Vertreter der EG vertraten dabei harte Positionen. Sie lie- fen letzlich darauf hinaus, daß die Bedingungen für den EWR von der EG formuliert und von der EFTA akzeptiert werden. »Die EFTA- Länder, die den Anschluß an den Binnenmarkt wirklich nicht verlie- ren wollen, müssen der Gemeinschaft also folgen und deren Bestim- mungen übernehmen.« 54 Die EFTA-Länder hatten wenig Handlungsspielraum. Sie waren nicht in der Lage, sich aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit und der daraus folgenden politischen Bevormundung durch die EG zu befreien. Sie hatten aber auch nicht die Option, beides durch schnellen Beitritt zur EG zu unterlaufen. Die ungleichen Kräftever- hältnisse prägten auch die Einigung vom Oktober 1991 und den endgültigen - fast 1000seitigen - Vertrag, der Anfang Mai 1992 in Lissabon unterzeichnet wurde: 55 Erstens übernimmt die EFTA den bereits bestehenden - gut 1400 Rechtsakte umfassenden - Rechts- und Regelungsbestand der EG fast vollständig und setzt ihn in den Mitgliedsländern um. Zweitens werden von dieser Übernahme die Agrarpolitik und die Bestimmungen über Freizügigkeit weitgehend ausgenommen. In den umstrittenen Fragen des Alpentransits und der Fischereizonen macht die EG befristete Zugeständnisse. Für einige weniger bedeutende Be- reiche gelten verlängerte Übergangsfristen.

Kohäsions-

fonds zugunsten Portugals, Griechenlands, Spaniens und Irlands in- nerhalb von fünf Jahren einen Betrag von 425 Mill. ECU an Zu- schüssen und 2,0 Mrd. ECU an zinsverbillgten Darlehen. 56 Viertens wird die EFTA auch künftig nur mitreden, nicht aber mit- entscheiden dürfen, wenn neues europäisches Recht geschaffen wird. Die EG bleibt bei ihrer ausschließlichen Entscheidungskompetenz. Die EFTA kann EG-Regeln dann akzeptieren oder ablehnen. Im er- sten Fall werden sie zum Recht für den EWR, im anderen Fall nicht. »Die EFTA-Staaten, die die größten Handelspartner der EG darstel- len, müssen neue EG-Regeln im wesentlichen ohne Mitspracherecht übernehmen. Bei Ablehnung, die kollektiv möglich wäre, kann die EG als Ausgleichsmaßnahme ganze Vertragsteile zum Schaden der

Drittens zahlen

die

EFTA-Länder in

den europäischen

54 Nikolaus

von

der

Pas,

a . a . O . ,

S.

19.

55 Vgl.

HB

vom

24.10.1991,

S.

12.

56 Vgl.

FT

vom

23.10.1991,

S.

2.

5 2

Entwicklungsphasen

der

EG

Für demokratische Staaten kann der EWR nur

als Übergangslösung akzeptabel sein.« 57 Der EWR-Vertrag hat die ökonomische Marginalisierung der EFTA in politische Unterordnung umgesetzt. In dem neuen Europäischen Wirtschaftsraum gibt es auch formell eine Hierarchie zugunsten der EG. Ihre Grundlage ist nicht eine höhere ökonomische Produktivität oder Leistungsfähigkeit, sondern in erster Linie die schiere Größe der EG.

EFTA aufkündigen

In einer EFTA-Veröffentlichung aus dem Jahre 1990 heißt es:

»Durch ihre bloße Größe übt die EG eine starke Anziehungskraft

Die Ge-

meinschaft ist zum europäischen Hegemon geworden. Die EG do- miniert jetzt den Verlauf der europäischen Integration, bestimmt ihre Richtung und ihr Tempo. Wohin die EG führt - wie zur Vollen- dung des Binnenmarktes - sehen sich die anderen veranlaßt zu fol- gen. Begeistert oder zögernd - andere Länder stellen fest, daß ihre Kooperation mit der EG zu den Bedingungen der EG erfolgt.« 58

und starken Einfluß auf alle Länder in ihrer Nähe aus

1.4 Westeuropäische Erblasten und osteuropäische Umbrüche: Die Doppelkrise der EG

Seit Beginn der 90er Jahre befindet sich die Europäische Gemein- schaft in einer für sie völlig neuen und sehr prekären Situation. Es handelt sich um ein unübersichtliches Gemisch brisanter Probleme:

alter und neuer, wirtschaftlicher und politischer, interner und von außen kommender. 59 Zu ihrer Lösung hat die EG kein Konzept. Statt dessen betreibt sie eine Durchhaltepolitik, die den neuen Reali- täten nicht gerecht wird.

57 Otmar Lahodynsky, a.a.O., S. 19f.

58 Per Magnus Wijkman, a.a.O., S. 19.

Die

Doppelkrise

Problemlage

der

1:

EG

Die

Marktfixierung

bedroht

die

5 3

Lebensqualität

Ökonomisch steht am Beginn dieses Jahrzehnts eine deutliche Ab- schwächung der Dynamik, die die 80er Jahre prägte. 1993 herrschte in den meisten Mitgliedsländern Rezession. Die wirtschaftliche Ge- samtentwicklung scheint dem groben Zehnjahresrhythmus treu zu bleiben: Aufschwung in den 60ern, Krise in den 70ern, Revitalisie- rung in den 80ern. Jetzt kommt wieder ein Jahrzehnt Stagnation und Krise. Ob der erreichte Stand der Integration das besser aushal- ten wird als in den 70er Jahren, ist fraglich. Immerhin hat eine der als besonders fest gepriesenen Säulen der EG, das Europäische Wäh- rungssystem, im Herbst 1992 dramatische Risse erhalten und ist im Sommer 1993 zusammengebrochen.

Außerdem hat der Problemdruck seit den 70er Jahren erheblich zugenommen. Ende der 60er Jahre waren in den 12 Ländern, die heute zur EWG gehören, 3,1 Millionen Menschen arbeitslos, die Ar- beitslosenquote lag mit 2,5% auf einem sehr niedrigen Niveau. 60 Im September 1993 gab es 17,9 Millionen Arbeitslose, die Quote betrug gut 11%. 61 Langzeitarbeitslosigkeit und Armut sind Massenerschei- nungen in der europäischen Wohlstandsgesellschaft geworden.

Die Bereitschaft und Kompetenz der EG, hiergegen eine wirksame Wirtschaftspolitik zu betreiben, sind jedoch nicht vorhanden. Die Beschränkung der Integration auf Marktliberalisierung und Deregu- lierung hat die ökonomischen Probleme vergrößert und gleichzeitig die Fähigkeit vermindert, sie durch eine geeignete Politik zu lösen oder zumindest zu vermindern. Weder gibt es eine breit angelegte Beschäftigungspolitik der EG noch ist eine solche geplant. Die im Dezember 1992 mit großem propagandistischem Aufwand

beschlossene

Gemeinschaftsinitiative

zur Förderung von

Wachstum

und

Beschäftigung kommt

nach wie vor nicht

zustande.

Zwar for-

dert die EG-Kommission in ihrem Jahreswirtschaftsbericht

1993 mit

Köln

Integrationspolitik, S. 197-244; Jörg Huffschmid: Überwindung oder Vertiefung

Für eine gesamteuropäische

1992,

7.

Kapitel:

Europa

in

den

90er Jahren:

der Spaltung Europas? Plädoyer für eine andere Integrationspolitik der EG, in:

 

Blätter für deutsche und

internationale

Politik,

Nr.

3/1992,

S.

316-328; Hans

Arnold:

Europa

am

Ende?

Die

Auflösung von

EG

und

Nato,

München

1993.

60

Vgl.

O E C D :

Labour

Force

Statistics

1970-1990,

Paris

1992,

S.

32.

61 Vgl.

Eurostat:

Themenkreis

3,

Reihe

B,

Arbeitslosigkeit,

Nr.

11/1993,

S.

8.

54

Entwicklungsphasen

der

EG

Bezug auf diese Initiative, »die im Haushaltsbereich vorhandenen

zur Förderung von Investitionen der Privatwirtschaft

und zur Verlagerung öffentlicher Ausgaben auf Infrastrukturmaßnah- men und andere wachstumsstützende Vorhaben« zu nutzen. 62 Sie stellt aber im gleichen Bericht fest, daß der »unbefriedigende Zu- stand der öffentlichen Haushalte in den meisten Mitgliedstaaten auch den haushaltspolitischen Spielraum im gegenwärtigen Kon- junkturabschwung stark eingeschränkt« habe. 63 Die Beschäftigungs- initiative erschöpft sich also in der Einrichtung eines »Europäischen Investitionsfonds«, in Höhe von 2 Mrd. ECU, aus dem Bürgschaften und Subventionen für Zuschüsse an kleine und mittlere Unterneh- men finanziert werden sollen. Im übrigen konzentriert sich die Kommission auf die Forderung nach Lohnzurückhaltung, Deregulie- rung des Arbeitsmarktes und Subventionsabbau. Das zum Brüsseler Gipfeltreffen im Dezember 1993 von Kommis- sionspräsident Delors vorgelegte Weißbuch über »Wachstum, Wett- bewerbsfähigkeit, Beschäftigung« 64 enthält allerdings zusätzlich den Vorschlag für ein umfangreiches öffentliches Investitions- und Be- schäftigungsprogramm. Über dessen Finanzierung konnten sich die Regierungen der Mitgliedsländer jedoch nicht einigen; daher wurde der Vorschlag an die Finanzminister zur weiteren Prüfung überwie- sen und wird damit faktisch auf absehbare Zeit nicht umgesetzt. Die Fixierung der Integration auf die Marktperspektive rächt sich jetzt auch in anderen Bereichen der gesellschaftlichen Reproduk- tion:

- Die regionalen Unterschiede in der Wirtschaftskraft und in den Le- bensverhältnissen sind während des letzten Jahrzehnts durchweg nicht kleiner, in einigen Fällen sogar größer geworden. Die Pro- Kopf-Einkommen der 10 ärmsten Regionen betragen weniger als ein Drittel derer in den 10 reichsten Regionen. 65 Derartige Unterschiede

Spielräume

62 Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Jahreswirtschaftsbericht 1993, Kom(93) 44 endg. vom 3.2.1993, S. 24.

63 Ebenda, S. 31

64 Vgl. Kom(93) 700 endg. vom 5.12.1993.

Die

Doppelkrise

der

EG

5 5

sind mehr als doppelt so hoch wie in den USA. 66 Sie widersprechen dem Programm und dem gesetzlichen Auftrag der EG. Die europäi- sche Regionalpolitik hat die Wohlstandskluft in Europa im ökonomi- schen Aufschwung der 80er Jahre nicht vermindern können; die Wahrscheinlichkeit, daß sie dazu in dem gesamtwirtschaftlich schwä- cheren Umfeld dieses Jahrzehnts fähig sein sollte, sind gering.

- Von einer europäischen Sozialpolitik kann nach vierzig Jahren eu-

ropäischer Integration nach wie vor kaum die Rede sein. Zwar haben 11 Mitgliedsländer - alle außer England - im Dezember 1989 eine feierliche, aber rechtlich unverbindliche »Gemeinschaftscharta der sozialen Grundrechte der Arbeitnehmer« 67 angenommen. Das auf dieser Grundlage ausgearbeitete Aktionsprogramm 68 blieb jedoch ebenso wie die die Charta selbst weitgehend Makulatur. Den weni- gen und bescheidenen Fortschritten z.B. bei der Arbeitssicherheit stehen anhaltende Blockaden in fast allen anderen Bereichen gegen- über: vom Kündigungsschutz über Mindesturlaub und -entlohnung bis zu den bescheidensten Formen der betrieblichen und überbe- trieblichen Mitbestimmung. 69 Auch der Versuch, in den Maastrichter Vertrag über die Europäische Union neue sozialpolitische Bestim- mungen einzuführen, scheiterte am Widerstand Englands und lan- dete in einem Protokoll zum Vertrag.

- Ähnlich verhält es sich mit der Umweltpolitik. Die EG hat das Thema Umwelt zwar in der »Einheitlichen Europäischen Akte« zum Gegenstand gemeinschaftlicher Politik erklärt. Faktisch bleibt diese - von wenigen Ausnahmen abgesehen - jedoch nachrangig gegenüber

66 Vgl. ebenda.

67 Abgedruckt in: Soziales Europa, Nr. 1/1990, S. 51 ff.

68 Vgl. Aktionsprogramm zur Anwendung der Gemeinschaftscharta der sozialen Grundrechte der Arbeitnehmer, Kom(89) 568 endg. vom 29.11.1989, abgedruckt in: Soziales Europa, Nr. 1/1990, S. 57ff.

69 Vgl. Kommission der EG: Erster Bericht über die Anwendung der Gemein-

schaftscharta der sozialen Grundrechte der Arbeitnehmer, in: Soziales Europa,

über die

Anwendung der Gemeinschaftscharta der sozialen Grundrechte der Arbeitneh- mer, Kom (92) 562 endg. vom 23.12.1992, insbes. S. 29f.; vgl. auch Wolfgang

Däubler: Die soziale Dimension des Binnenmarkts - Realität oder Propagandafi- gur?, in: Wolfgang Däubler/Wolfgang Lecher (Hg.): Die Gewerkschaften in den 12 EG-Ländern. Europäische Integration und Gewerkschaftsbewegung, Köln

Die ökonomischen, ökologi-

schen und sozialen Perspektiven des einheitlichen Binnenmarktes, Köln 1992,

Nr. 1/1992, insbes. S. 14ff.; (Zweiter) Bericht der Kommission

1991, S. 2 8 5 f f ; Klaus Busch: Umbruch in Europa.

Kapitel 9: Die soziale Dimension des Binnenmarktes, S. 258 ff.

5 6

Entwicklungsphasen

der

EG

der Marktintegration. 70 Liberalisierung der Märkte und Deregulie- rung für die Privatwirtschaft, das sind die Prioritäten der Politik. Umweltschutz hat diesen Prioritäten zu weichen und wird daher - trotz der mittlerweile fünf verabschiedeten Umweltaktionspro- gramme - in den Hintergrund der europäischen Politik gedrängt.

Problemlage

2:

Der

Umbruch

im

Osten fordert

neue

Konzepte

für

die

europäische

Integration

Ende der 80er Jahre wurde die EG schlagartig mit ganz neuen, von außen kommenden Problemen konfrontiert, auf die sie in keiner Weise vorbereitet war. Die deutsche Vereinigung war die erste territoriale Erweiterung der EG, die das Gewicht Deutschlands nicht verringerte, sondern vergrö- ßerte. Ihre Schwierigkeiten, Kosten und Perspektiven belasten den inneren Zusammenhalt der EG in vierfacher Weise:

Erstens mußte die EG den neuen Bundesländern erhebliche Mit- tel - es handelt sich um 3 Mrd. ECU für die Zeit von 1991 bis 1993 und um weitere 14 Mrd. ECU für die anschließenden sechs Jahre bis Ende 1999 71 - aus dem EG-Haushalt zur Verfügung stellen. Zweitens sinkt die Bereitschaft der deutschen Bundesregierung, die erforderliche kräftige Aufstockung der Mittel für die europäi- schen Strukturfonds durchzusetzen. Von dieser Zurückhaltung sind in erster Linie die armen EG-Länder betroffen. Drittens schadet die Hochzinspolitik, die die Bundesbank mit der Begründung betreibt, dadurch die Finanzierung der deutschen Ein- heit ohne Inflationsdruck zu gewährleisten, allen anderen Mitglieds- ländern der EG, natürlich am meisten denen, die ihre Wirtschaft aus konjunkturellen Gründen ankurbeln wollen.

70 Vgl. »1992«. The Environmental Dimension. Task Force Report on the Environ- ment and the Internal Market, Brüssel 1989; Klaus Busch, a.a.O., S. 228ff., Kapitel 8: Die ökologische Dimension des Binnenmarktes; Manfred Vohrer (Hg.): Ökologische Marktwirtschaft in Europa, Baden-Baden 1992, insbes. die kritische Bilanz von Ernst Ulrich Weizäcker (S. 9ff.) und von dem bis Ende 1992 für Umweltschutz zuständigen Kommissar Carlo Ripa di Meana (S. 28ff.). 71 Vgl. Integration der ostdeutschen Wirtschaft in die Gemeinschaft, in: Europäi- sche Wirtschaft, Nr. 46/1990, S. 195ff., insbes. S. 205; Süddeutsche Zeitung vom 21.7.1993, S. 1.

Die

Doppelkrise

der

EG

5 7

Viertens steht hinter alldem die Perspektive, daß Deutschland, wenn die innerdeutschen Integrationsprobleme einmal überwunden sind, noch größer und einflußreicher sein wird als bisher und kaum daran gehindert werden kann, europäische Großmachtpolitik zu betreiben. Der Zusammenbruch der politischen Herrschafts- und wirtschaft- lichen Steuerungssysteme in Osteuropa hat die Geschäftsgrundlage von 40 Jahren europäischer Integration - die Spaltung Europas in zwei Systemblöcke - innerhalb weniger Monate hinfällig gemacht. Die EG ist plötzlich und unerwartet gefordert, ihre Strategie auf eine völlig neue gesamteuropäische Konstellation einzustellen und ein neues Verhältnis zu Osteuropa zu entwickeln. 72 Die Perspektive einer gesamteuropäischen Integration erscheint erstmals nach über 40 Jah- ren wieder am Horizont politischer Möglichkeiten. Vorerst aller- dings überwiegen die Schwierigkeiten und die akuten wirtschaftli- chen und politischen Probleme. Osteuropa braucht dringend finan- zielle Hilfe und politische Unterstützung. Die EG erscheint aus ost- europäischer Sicht als eine Insel wirtschaftlichen Wohlstandes und politischer Stabilität. Im Vergleich zu den Verhältnissen in Osteu- ropa ist sie das auch. Daher drängen die osteuropäischen Staaten in die EG, und die Menschen kommen, um in Westeuropa ihr materiel- les Auskommen zu sichern. Die Perspektiven der meisten osteuropäi- schen Länder ist unsicher: Fast nirgendwo ist politische Stabilität ge- währleistet, überall befindet sich die Wirtschaft in tiefer Krise, die Hoffnung auf Besserung ist dünn. Wirtschaftliches und politisches Chaos droht.

Die EG hat bislang weder eine angemessene noch eine erfolgver- sprechende Antwort auf die neuen Herausforderungen gefunden, die sich ihr seit Beginn dieses Jahrzehnts stellen. Ihre Reaktionen sind vielmehr eine Mischung aus trotziger Fortsetzung der bisherigen Po- litik, halbherzigen Hilfen und panikartigen Abwehr- oder zumindest Verdrängungsgesten.

72 Erste Ansätze dazu wurden 1991 von den außenpolitischen Forschungsinstituten der Mitgliedsländer vorgelegt. Vgl.: Die EG und die jungen Demokratien in Europa. Ein gemeinsamer Bericht westeuropäischer Außenpolitik-Institute, Baden-Baden 1991; dazu auch Christian Deubner (Hg.): Die Europäische Gemeinschaft in einem neuen Europa. Herausforderungen und Strategien, Baden-Baden 1991. Zur kritischen Auseinandersetzung mit diesen Ansätzen vgl. unten, Kapitel 3.

5 8

Fortsetzung

der

Währungsunion

Marktfixierung:

Die

Entwicklungsphasen

Wirtschafts-

und

der

EG

Trotz der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Krise über- wiegt in der EG die »Business-as-usual«-Haltung. In Maastricht wurde nicht die Korrektur, sondern die Fortsetzung der marktbor- nierten Integrationsstrategie beschlossen. Deren in den vergangenen Jahrzehnten angehäufte Probleme wurden nur nebenbei gestreift und haben im Vertrag kaum Niederschlag gefunden. Eine Ausnahme hiervon sind die Bestimmungen über einen »Kohäsionsfonds« zu- gunsten von Verkehrs- und Umweltinvestitionen in den vier ärmeren Ländern. Im Zentrum der Neufassung des EWG-Vertrages steht aber die europäische Wirtschafts- und Währungsunion (WWU). Insbe- sondere die Währungsunion soll als neues Zugpferd der EG in den 90er Jahren die Schubkraft bei der wirtschaftlichen Integration ent- wickeln, die das Binnenmarktprojekt ab Mitte der 80er Jahre ge- bracht hatte.

Damit wird das verengte Integrationskonzept der 80er auch für die 90er Jahre festgeschrieben. Wirtschaftspolitik, darauf läuft die Quintessenz der Maastrichter Beschlüsse hierzu hinaus, solle sich darauf konzentrieren und beschränken, Inflation und Haushaltsdefi- zite zu bekämpfen und den Wechselkurs stabil zu halten. Dies schaffe die Rahmenbedingungen, unter denen die Marktkräfte opti- mal zur Entfaltung kämen. Entsprechend sind auch die Kriterien ge- faßt, die ein Mitgliedsland erfüllen muß, um Zugang zur WWU zu erhalten. 73 Es ist absehbar daß diese Konzeption nicht aufgehen kann und statt zur Angleichung (Konvergenz) zu weiterer wirtschaftlicher und sozialer Polarisierung innerhalb der EG führen wird: Die ökono- misch schwächeren Länder, die versuchen, die Anforderungen für die WWU zu erfüllen, werden durch Antiinflations- und kontraktive Haushaltspolitik ihr Wirtschaftswachstum drosseln und zusätzliche Arbeitslosigkeit produzieren. Wer den Konvergenzkriterien nicht ge- nügt, darf nicht Mitglied der WWU werden und wird auf diese Weise von der Entwicklung des harten Kernes abgekoppelt. Die in Maastricht eingeschlagene wirtschaftspolitische Strategie verkennt,

73

Vgl.

dazu

unten,

Kapitel

2.3.

Die

Doppelkrise

der

EG

5 9

daß eine Angleichung der Wirtschaftskraft von Volkswirtschaften mit unterschiedlicher Struktur und Leistungsfähigkeit nicht durch eine einheitliche Politik herbeigeführt werden kann, die alle Pro- bleme über den Kamm der Inflationsbekämpfung und Haushaltsdis- ziplin schert. Unterschiedliche Ausgangslagen erfordern vielmehr unterschiedliche Strategien, damit ähnliche Ergebnisse erzielt wer- den.

Fortsetzung

der

Abgrenzung:

Politische

Union

als

Abwehrgeste

Mit Blick auf die Vergrößerung Deutschlands und die Zusammen- und Umbrüche in Osteuropa hat die EG das Konzept der Politi- schen Union (PU) forciert. Am 18. April 1990 schlugen der französi- sche Staatspräsident Francois Mitterrand und der deutsche Bundes- kanzler Helmut Kohl in einem Brief im Vorfeld des EG-Gipfels an den Präsidenten des Europäischen Rates vor, 74 die Wirtschafts- und Währungsunion sowie die »Politische Union« beschleunigt voranzu- treiben, mit dem Ziel, »daß diese grundlegenden Reformen - die Wirtschafts- und Währungsunion wie die Politische Union - am 1. Januar 1993 nach Ratifizierung durch die nationalen Parlamente in Kraft treten.« 75

Die Interessenkonstellation, die in diesem Vorschlag zum Aus- druck kommt, gleicht in verblüffender Weise der, die 1950 zur Gründung der Montanunion führte. Es handelt sich um

- erstens das Interesse an einer Abgrenzung gegenüber Osteuropa

(das 1950 zu Beginn des Kalten Krieges vor allem von den USA for- muliert, aber von den Montanunion-Ländern mitgetragen wurde);

- zweitens das Interesse Frankreichs an einer Einbindung der größer

gewordenen und daher auch - wenn auch erst nach einer Über- gangszeit - mächtiger werdenden Bundesrepublik in gemeinsame Po- litikstrukturen, und

- drittens das Interesse Deutschlands, durch eine solche Struktur je- des Störfeuer gegen die deutsche Einigung zu unterbinden. Obwohl die Konturen dessen, was eine Politische Union sein sollte, weitgehend unklar waren, wurde das Konzept vorangetrieben

74 Wortlaut

in:

Europa-Archiv,

11/1990,

S.

D283.

6 0

Entwicklungsphasen

der

EG

und fand im Dezember 1991 als »Europäische Union« seinen Nie- derschlag im Vertrag von Maastricht, der seit dem 1. November 1993 in Kraft ist. Was die Politische Union für die innere Struktur der EG genau be- deutet und wie sie die Prozesse der gemeinschaftlichen Politik verän- dern wird, ist bis heute nicht klar. Zur Kontrolle deutscher Groß- machtambitionen dürfte ihr institutionelles Gerüst kaum geeignet sein, da nationale Alleingänge in allen Fragen außerhalb der Wirt- schafts- und Währungspolitik nach wie vor möglich sein werden. Ob das politische Zusammenwachsen der Völker der EG durch die neu- geschaffene europäische Bürgerschaft - die neben die nationale Staatsbürgerschaft tritt - besonders gefördert wird, kann auch be- zweifelt werden.

Darauf kommt es aber auch nicht in erster Linie an. Die Signale der Politischen Union sind in erster Linie nach außen gerichtet; und in dieser Richtung sind sie glasklar. Die EG bringt damit unmißver- ständlich zum Ausdruck, daß sie auch unter den ganz neuen euro- päischen Konstellationen unverändert an ihrer Priorität für eine kleineuropäische Formierung und Festigung der alten EG - oder ei- ner verkleinerten Kern-EG - festhält. Insofern stellt der Maastrichter Vertrag eine Abwehr aller Überlegungen und Aufforderungen dar, die darauf hinauslaufen, angesichts der neuen Verhältnisse die Hauptrichtungen und -strukturen europäischer Integrationspolitik neu zu überdenken. Ergänzt wird dieses Signal nach außen durch die auch in den Vertrag eingegangene Absichtserklärung der EG, sich in absehbarer Zeit auch als Militärmacht zu etablieren und zu die- sem Zweck die Westeuropäische Union wiederzubeleben.

6 1

2. Kapitel

Im Namen von Markt und Mark: Wirtschaftspolitik in der EG

Nach der politischen Gründung ist die konkrete Ausformung der EG über 30 Jahre lang im wesentlichen durch die wirtschaftliche Ent- wicklung und die Wirtschaftspolitik geprägt worden. Dabei hat es ei- nen bemerkenswerten Wandel der Konzeptionen über die politische Steuerung ökonomischer Prozesse gegeben: Die Europäische Kom- mission hatte zunächst die Parallelität und Gleichrangigkeit zwi- schen der Etablierung des Binnenmarktes und aktiver gesamtwirt- schaftlicher und strukturpolitischer Steuerung vertreten und entspre- chende Programme vorgelegt. Diese Orientierung stieß auf heftigen Widerstand aus Deutschland und wurde relativ schnell zugunsten rein marktwirtschaftlicher Konzepte zurückgedrängt. Im Maastrich- ter Vertrag spielt sie keine Rolle mehr (Abschnitt 2.1). Statt dessen fi- xierte sich die EG unter deutschem Einfluß mehr und mehr auf Marktliberalisierung und Deregulierung. Diese Ausrichtung gipfelte Mitte der 80er Jahre in dem Programm zur Vollendung des EG-Bin- nenmarktes bis Ende 1992 (Abschnitt 2.2). Entsprechend wurde Wirtschaftspolitik beschränkt auf die Bereitstellung günstiger Entfal- tungsbedingungen für die Marktkräfte, und dies im wesentlichen durch eine Kombination von Anti-Inflationspolitik und Währungs- politik im Rahmen des Europäischen Währungssystems (EWS). Diese wirtschaftspolitische Strategie begründete zugleich die deut- sche Dominanz in der EWG (Abschnitt 2.3). Unter dem Druck här- terer internationaler Konkurrenz geht allerdings auch die EG zu ei- ner Industriepolitik über, deren ursprünglich »horizontaler« Ansatz zunehmend durch pragmatische neomerkantilistische Branchenpoli- tik ersetzt wird (Abschnitt 2.4).

6 2

Wirtschaftspolitk

in

der

EG

2.1 Von aktiver Steuerung zu marktradikaler Enthaltsamkeit:

Die Demontage wirtschaftspolitischer Programmatik

»Fusion

sion

von

der

1962

Wirtschaftspolitik«:

Das

Memorandum

der

Kommis-

In allen Gründungsländern der EWG hatte der Staat beim Wieder- aufbau der Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg eine wesentliche Rolle gespielt. Seine Bedeutung spiegelte sich auch in den vorherr- schenden wirtschaftspolitischen Konzeptionen wider, die weitge- hend durch sozialdemokratische und sozialistische Planungs- und Programmierungsvorstellungen geprägt waren. Auf die stärksten Vor- behalte stießen diese Tendenzen in der Bundesrepublik, insbeson- dere bei Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. Demgegenüber war der erste Präsident der Europäischen Kommission, der Deutsche Walter Hallstein, der aus dem Auswärtigen Amt kam, von der Notwendig- keit staatlicher Wirtschaftsregulierung überzeugt. Er ging davon aus, »daß die moderne freiheitliche Wirtschaftsordnung nicht bestehen kann ohne eine ständige Präsenz des Staates in der Wirtschaft«. Ge- naugenommen handelt es sich nach den Vorstellungen Hallsteins so- gar um eine doppelte Präsenz: »Einmal wird vom Staat ein rechtli- cher Rahmen auf allen Gebieten der Wirtschaft und auf allen Gebie- ten, die mit der Wirtschaft in Berührung stehen, gesetzt; zum ande- ren greift der Staat ein durch ständige Veränderung der Gegebenhei- ten, durch ein tägliches wirtschaftspolitisches Handeln in zahllosen Akten, kurz: durch eine 'Politik' im eigentlichen Sinne. Die in die- sen beiden Tatsachen sich manifestierende Präsenz des Staates ist speziell gemeint, wenn wir von der Wirtschaftsunion sprechen. Es gilt, diese Einwirkung der sechs Mitgliedstaaten auf die Wirtschaft so miteinander vereinbar zu machen, daß aus dem Gebiet der Mit- gliedstaaten ein neuer einheitlicher Wirtschaftsraum entsteht, in dem die sechs Staaten sich präsentieren in einer gemeinsamen wirt- schaftlichen Ordnung und in einer gemeinsamen Politik.« 1 Der EWG-Vertrag nennt in Artikel 2 die beiden Hauptinstru-

1

Walter

Hallstein:

Die

Europäische

Gemeinschaft,

Düsseldorf/Wien

5.

Aufl.

Die

Demontage

wirtschaftspolitischer

Programmatik

6 3

mente, mit deren Hilfe die Ziele der Wirtschaftsgemeinschaft er- reicht werden sollen. Es sind »die Errichtung eines Gemeinsamen Marktes und die schrittweise Annäherung der Wirtschaftspolitik der Mitgliedstaaten.« Hallstein und die erste EWG-Kommission verstan- den dies als doppelten Handlungsauftrag: Die Zollgrenzen zwischen den Mitgliedsländern sollten möglichst schnell abgeschafft, zugleich sollten Schritte für eine gemeinsame Wirtschaftspolitik gegangen werden, die über die Liberalisierung des innergemeinschaftlichen Handels hinausgingen. Am 24. Oktober 1962 legte die Kommission ein Memorandum vor, das ihre Vorstellungen über die wirtschaftli- che und wirtschaftspolitische Integration während der zweiten Ent- wicklungsphase der Gemeinschaft enthielt, die nach dem Vertrag

1962 beginnen sollte. 2 Das Memorandum beginnt mit der lapidaren Feststellung: »Die sogenannte wirtschaftliche Integration Europas ist wesentlich ein politisches Phänomen« (Tz. 1). Ziel dieser Integration sei erstens die »Verschmelzung der sechs Volkswirtschaften der Mit- gliedstaaten zu einer umfassenden Wirtschaftsunion« (Tz. 2) und zweitens eine über die Wirtschaftsunion hinausreichende »politische Union« (Tz. 3). Der Akzent der Wirtschaftspolitik liege jetzt - das war 1962, also 5 Jahre nach Gründung der EWG - »nicht mehr, wie

sondern auf et-

was Positivem: dem Handeln der öffentlichen Gewalt mit Bezug auf

bei der Zollunion, auf einem negativen Aspekt,

die Wirtschaft. Was noch zu verwirklichen ist, ist die fortschreitende Fusion der nationalen Wirtschaftspolitiken in eine gemeinsame kurzfristige und langfristige Politik« (Tz. 2). Denn: »Diese Zusam- menfassung oder Abstimmung der einzelnen wirtschaftspolitischen

Maßnahmen der Staaten oder der Gesetzesrahmen folgt Logik der Sache« (ebenda).

Auf dieser Basis schlug die Kommission drei Gruppen von Maß- nahmen zur wirtschaftspolitischen Steuerung vor:

Gesamtwirtschaftliche Steuerung: Die Haushalte der Mitgliedsländer sollten soweit angereichert und vervollkommnet werden, »bis von ei- nem einzigen Wirtschaftsbudget für die gesamte Gemeinschaft ge- sprochen werden kann« (Tz. 92). Ferner sei eine mehrjährige rich-

aus der

2 Vgl.

Europäische

Wirtschaftsgemeinschaft,

Kommission:

Kommission

über das Aktionsprogramm

der Gemeinschaft

M e m o r a n d u m der für die zweite Stufe,

Brüssel,

1962.

-

Die

Verweise

auf Textziffern

(Tz.)

beziehen

sich

auf diese Fas-

sung.

6 4

Wirtschaftspolitk

in

der

EG

tungweisende »europäische Programmierung« (Tz. 105) erforderlich, um »eine gerechtere Verteilung zu gewährleisten und dabei gleichzei- tig zwischen Verbrauch und Investitionen ein Verhältnis zu wahren, das die künftige Aufwärtsentwicklung der Wirtschaft nicht in Frage stellt« (Tz. 102). Regionalpolitik: Die Kommission ging davon aus, daß die »großen Unterschiede in den Lebensbedingungen und im wirtschaftlichen

im Rahmen einer

Entwicklungsstand der europäischen Regionen

liberalen Wirtschaftspolitik und mit Hilfe eines unverfälschten Wett- bewerbs nicht ohne weiteres ausgeglichen werden können«, sondern daß »zunächst eine Verstärkung der bestehenden Unterschiede be- fürchtet werden muß« (Tz. 121). Hiergegen sei eine aktive Regional- politik erforderlich.

Währungspolitik: Das Memorandum thematisierte bereits 1962 die immanenten Instabilitäten und Gefahren des Währungssystems von Bretton Woods (Tz. 129) und sprach sich für die Schaffung einer eu- ropäischen Reservewährung (Tz. 130) und die Einrichtung eines Ra- tes der Notenbankpräsidenten (Tz. 132) aus. Diese sehr weitgehenden Vorstellungen über die wirtschaftspoliti-

sche

rungswut« der EG-Kommission.

Sie entsprachen vielmehr dem vor-

Steuerung auf EG-Ebene waren nicht Ausdruck einer »Regulie-

herrschenden Verständnis von Wirtschaftspolitik in den meisten der

daher auch auf die eu-

ropäische Ebene übertragen.

Wirtschafts- und

In diesem Sinne äußerte sich auch der

sechs Mitgliedsländer der EWG

und wurden

Sozialausschuß. 3

Deutsche

Kritik:

»Weg

in

die

Planungsbürokratie«

Grundsätzliche und scharfe Kritik kam jedoch unmittelbar nach Er- scheinen des Memorandums von deutscher Seite, in erster Linie vom damaligen Wirtschaftsminister Erhard und seinen Spitzenbe- amten. 4 Vor dem Europäischen Parlament bestritt Erhard am 20. No-

3 Stellungnahme des Wirtschafts- und Sozialausschusses vom 29.1.1964 zu dem »Memorandum der Kommission über das Aktionsprogramm der Gemeinschaft für die zweite Stufe«, in: Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften (im fol-

genden

zitiert:

Abi.),

Nr.

38

vom

5.3.1964,

S.

644.

4 Vgl.

hierzu

die

Darstellung bei

Karl

Albrecht:

Planifikateure beim Werk. Wirt-

schaft zwischen Zwang und Freiheit, Düsseldorf/Wien 1964, S. 299ff.; Karl-

Die

Demontage

wirtschaftspolitischer

Programmatik

6 5

vember 1962 in einer harten Auseinandersetzung mit Walter Hall- stein und dem französischen EWG-Kommissar Robert Marjolin die Machbarkeit und Vernünftigkeit einer vorausschauenden volkswirt- schaftlichen Planung oder Programmierung. 5 Da das Verhalten der Menschen prinzipiell nicht im voraus erfaß-, prognostizier- und planbar sei, müsse jeder Versuch dazu in Behördenbürokratie enden. Diese Position wurde von dem damaligen deutschen Kommissions- mitglied Hans von der Groeben mit aller Härte in der Kommission vertreten. Das Hauptargument dabei war, daß die Programmierungs- vorstellungen mit einer wettbewerblichen Konzeption, die ja eben- falls im EWG-Vertrag enthalten war, nicht vereinbar seien. 6

Schon nach kurzer Zeit hatte sich die deutsche Position in der Kommission soweit durchgesetzt, daß von einer Programmierung der wirtschaftlichen Entwicklung nicht mehr die Rede und das Me- morandum der Kommission in der Sache weitgehend vom Tisch war. Am 26. Juni 1963 verabschiedete die Europäische Kommission eine Empfehlung an den Rat über die »Mittelfristige Wirtschaftspoli- tik der Gemeinschaft«, die den deutschen Vorstellungen weitgehend entsprach. 7 Statt von Programmierung der wirtschaftlichen Entwick- lung ist jetzt nur noch von Vorausschätzungen, Prognosen und Pro- jektionen die Rede, die für die private Wirtschaft keine Verbindlich- keit hätten. Weder über eine erwünschte wirtschaftliche Entwicklung noch über eine »akzeptable« Verteilung des Sozialproduktes sollten Aussagen gemacht werden. Gegenstand der gemeinsamen Program- mierung soll nicht mehr die wirtschaftliche Entwicklung, sondern nur die gemeinsame Wirtschaftspolitik sein. »Ein derartiges Pro- gramm würde sich an die Mitgliedstaaten und die europäischen In- stitutionen wenden. Es wäre ein Instrument zur Koordinierung der

heinz Kieps: Langfristige Wirtschaftspolitik in Westeuropa. Die neuen wirt-

schaftspolitischen Konzeptionen und ihre Problematik, Freiburg/Br. o.J. [1967],

S. 426ff.; Wolfgang Hielscher: Möglichkeiten und Probleme mittelfristiger Pla-

nung in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, Diss. Mainz 1967, S. 30ff.

5 Vgl. Ludwig Erhard: Planification - kein Modell für Europa, in: ders.: Gedanken aus fünf Jahrzehnten, Reden und Schriften, herausgegeben von Karl Hohmann, Düsseldorf u.a. 1988, S. 770ff.

6 Vgl. Hans von der Groeben: Aufbaujahre der Europäischen Gemeinschaft. Das Ringen um den Gemeinsamen Markt und die Politische Union (1958-1966), Baden-Baden 1982, S. 206 ff.

7 Abgedruckt in: Sonderbeilage zum Bulletin der Europäischen Wirtschaftsge- meinschaft, Nr. 8/1963; vgl. auch Hielscher, a.a.O., S. 34f.; und Kieps, a.a.O.,

S. 435ff.

6 6

Wirtschaftspolitk

in

der

EG

Wirtschaftspolitik und keinesfalls der Aktivität einzelner Wirt- schaftssubjekte.« 8 Im April 1964 beschloß der Ministerrat die Einrichtung eines »Ausschuß für mittelfristige Wirtschaftspolitik« 9 , dessen Aufgabe darin bestehen sollte, regelmäßig einen Vorentwurf für ein »Pro- gramm für die mittelfristige Wirtschaftspolitik« zu erarbeiten. Dieser habe »die großen Linien der von den Mitgliedstaaten und den Insti- tutionen der Gemeinschaft für die zugrunde gelegte Periode beab- sichtigten Wirtschaftspolitik darzulegen und darauf gerichtet zu sein, ihre Koordinierung zu gewährleisten.« 10 Mit diesen Program- men gäben die Regierungen »ihrer Absicht Ausdruck, auf dem vom Programm erfaßten Gebiet entsprechend den darin vorgesehenen Leitgedanken zu handeln.« 11 Aus europäischer Programmierung und Fusion der Wirtschaftspolitik waren Absichtserklärungen und Koor- dinierung geworden.

Trotz dieser Abschwächungen wurde das erste Programm dieser

Art erst im Frühjahr 1967 verabschiedet. Der Grund für die Verzöge- rung dürfte im anhaltenden deutschen Widerstand liegen, der erst nach der Regierungsbeteiligung der Sozialdemokratie im November

1966

aufhörte.

Die

»Programme für

mittelfristige

Wirtschaftspolitik«:

Chronik

eines

Verfalls

In der Zeit zwischen 1967 und 1982 hat die EWG fünf Programme zur mittelfristigen Wirtschaftspolitik verabschiedet. Ihr Umfang, ihre Struktur und ihr Inhalt sind symptomatisch für die wechselnde Bedeutung und schließliche Verdrängung einer zunächst breit ange- legten gemeinschaftlichen Koordination der Wirtschaftspolitik aus der Agenda der EWG. Dieser Prozeß verlief in auffälliger Parallelität zur politischen und wirtschaftspolitischen Entwicklung in Deutsch- land: Er beginnt zeitgleich mit der Beteiligung der SPD an der Gro-

8 Zitiert

bei

Hielscher,

a.a.O.,

S.

36f.

9

Vgl. Beschluß 6 4 / 2 4 7 / E W G vom 15. April 1964 über die

Einsetzung eines Aus-

schusses für mittelfristige Wirtschaftspolitik, in: Abi. vom 22.4.1964, S. 1031 ff.

10

Ebenda, S. 1032.

Die

Demontage

wirtschaftspolitischer

Programmatik

6 7

ßen Koalition im November 1966 und mit der Verabschiedung des »Gesetzes zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirt- schaft« im Sommer 1967, das die Instrumente makroökonomischer Steuerung bereitstellt. Er spiegelt die Änderung sozialdemokratischer Wirtschaftspolitik in der Folge der Wirtschaftskrise Mitte der 70er Jahre wider. Und er endet mit dem Sturz der Regierung Schmidt im Herbst 1982. In den ersten drei Programmen für mittelfristige Wirtschaftspolitik 12 wird die Erhardsche Grundsatzkritik an jeder Form der Programmie- rung und Planung deutlich abgeschwächt und durch das Konzept ei- ner umfassenden - wenn auch indikativen, also nicht gesetzesver- bindlichen - Steuerung der Wirtschaft überlagert. Sie soll in enger Abstimmung und Koordination zwischen den Mitgliedsländern, teil- weise auch direkt als gemeinschaftliche Politik durchgeführt werden. Die Steuerung soll sich zum einen auf die gesamtwirtschaftlichen Aggregate durch Beeinflussung der Angebots- und der Nachfragebe- dingungen beziehen. Sie strebt aber darüber hinaus auch eine ge- zielte Strukturpolitik für einzelne Sektoren - wie z.B. den Schiffbau oder die Elektronik im 2. Programm - oder Querschnittsbereiche - Regionalpolitik, Berufsausbildung und Forschungs- und Technolo- giepolitik - an und entwickelt (ebenfalls im 2. Programm) eine »ge- schlossene Konzeption der Grundsätze einer allgemeinen Struktur- politik«. 13 Den Höhepunkt der gesamtwirtschaftlichen und struktur- politischen Programmierungsambitionen stellt das 3. Programm für die Zeit von 1971 bis 1975 dar - zeitgleich mit der Diskussion des »Orientierungsrahmen 85« der deutschen Sozialdemokratie. 14 Es konzentriert sich auf »kompatible quantitative Orientierungsdaten für den Zeitraum 1971-1975 und legt die globale Wirtschaftspolitik sowie die wichtigsten strukturellen Maßnahmen fest, die sowohl auf einzelstaatlicher als auch auf gemeinschaftlicher Ebene durchzufüh- ren sind.« 15 Die Beschränkung der Wirtschaftspolitik auf die beiden Ziele Beschäftigung und Wachstum wird abgelehnt, ihre Ausweitung

12 Vgl. 1. Programm: Abi. vom 25.4.1967, S. 1513ff.; 2. Programm: Abi. L129 vom 30.5.1969, S. lff.; 3. Programm: Abi. L49 vom 1.3.1971, S. 5ff.

13 Abi. L129 vom 30.5.1969, S. 3.

14 Vgl. Peter von Oertzen/Horst Ehmke/Herbert Ehrenberg (Hg.): T h e m a : Wirt- schaftspolitik. Materialien zum Orientierungsrahmen 85. Text und Diskussion, Bonn-Bad Godesberg 1974.

6 8

Wirtschaftspolitk

in

der

EG

auf den Gesamtbereich »Verbesserung der Lebensbedingungen« ge- fordert. Dazu gehören insbesondere:

»- eine vermehrte Bereitstellung öffentlicher Leistungen

- energischere Bekämpfung der schädlichen Auswirkungen des

Wachstums auf die Umwelt

- größere Gleichheit der Startchancen

- eine gerechtere Einkommens- und Vermögensverteilung

;

;

;

;

- Anpassung des sozialen Schutzes an die gesellschaftspolitischen

Erfordernisse der Gegenwart , « Das vierte Programm 17 für die Zeit von 1976 bis 1980 steht ganz unter dem Eindruck der großen Wirtschaftskrise Mitte der 70er Jahre und des Scheiterns des Versuchs, eine gemeinschaftliche Anti-Krisen- Politik durchzuführen. »Die Bilanz für den Zeitraum des dritten Pro- gramms weist einen Mißerfolg aus. Das Ziel einer Wachstums- und Stabilitätsgemeinschaft wurde nicht erreicht, die Wirtschafts- und Währungsunion stagnierte, und die Gemeinschaft war unfähig, ge- meinsam konstruktive Antworten auf die mit der Krise zusammen- hängenden Fragen zu finden.« 18 Das Programm bezeichnet die Wie- derherstellung der Vollbeschäftigung in den kommenden vier Jahren als das »oberste Ziel für das wirtschaftspolitische Handeln der Ge- meinschaft und der Mitgliedstaaten«. 19 Hierzu seien ein hohes Wachstum (4,5%-5,0°/o p.a.) und eine niedrige Inflationsrate (4°/o-5%) in der Gemeinschaft erforderlich. Zur Stärkung der Ge- meinschaft sollten jährlich Geld-, Kredit- und Haushaltspolitik fest- gelegt werden. Sie könnten zwar für verschiedene Länder unter- schiedlich ausfallen, jedoch »sollte die Verpflichtung zu ihrer Einhal- tung für alle gleich sein.« 20

16

Diese guten Vorsätze sind in der Folge nicht verwirklicht worden.

In der zweiten Hälfte der 70er Jahre fand vielmehr in einigen Län-

ein durch-

dern der EG -

allen voran in England und in der BRD -

16

Ebenda, S. 10.

 

17

In: Abi. L101 vom 25.4.1977, S. lff.

18

Ebenda, S. 9 (Tz. 29). - In bemerkenswerter Schonungslosigkeit wird dieses Scheitern auf unterschiedliche institutionelle Regelungen und Interessen in den einzelnen Ländern zurückgeführt: »Die gemeinschaftliche Koordinierung stößt auf Prioritätsunterschiede, die der Wirtschaftspolitik der Mitgliedstaaten zug- runde liegen und die auf wirtschaftlichen, institutionellen und sozialen Unter- schieden beruhen« (Tz. 34).

19

Ebenda, S. 4 (Tz. 2).

 

20

Ebenda,

S.

28

(Tz.

130).

Die

Demontage

wirtschaftspolitischer

Programmatik

6 9

greifender Wechsel der wirtschaftspolitischen Grundorientierung - ein »Paradigmenwechsel« - statt. Der Einsatz eines differenzierten Instrumentariums zur makro- und strukturpolitischen Steuerung der Wirtschaft fiel fortan dem Verdikt der Vergeblichkeit, wenn nicht so- gar der Kontraproduktivität anheim. Damit wurde natürlich auch ei- ner gemeinschaftsweiten Koordinierung der Wirtschaftspolitik die politische Grundlage entzogen.

Das fünfte und letzte Programm 21 vom 28.6.1982 bringt diese Ab- kehr von der - schon zuvor erheblich ausgedünnten - Konzeption gemeinsamer Wirtschaftspolitik geradezu demonstrativ zum Aus- druck. Das gesamte Programm, das nicht für einen bestimmten Zeit- raum, sondern nur »mittelfristig« angelegt ist, besteht aus insgesamt eineinhalb Seiten und ist »kein qualifizierter Plan, sondern eine Art Orientierungsrahmen für die nationale Politik und für die Aktionen auf Gemeinschaftsebene«. 22 Die allgemeinen Ziele - »dauerhaftes

sowie

weitere Fortschritte in der Inflationsbekämpfung« 23 - werden akzep-

und ausgewogenes Wachstum und höhere Beschäftigung

tiert. Im übrigen aber konstatiert das Programm »unterschiedliche

Auffassungen

waren der Ansicht, daß mittelfristig die Beschäftigungslage nur

durch eine konsequente Stabilisierungspolitik (Geld-, Haushalts-

Andere Mit-

gliedstaaten vertraten dagegen die Auffassung, daß eine gezielte Stüt- zung der Inlandsnachfrage für eine raschere Besserung der Beschäfti-

gungslage ratsam sei

Außerdem sollten nach Auffassung dieser

und Einkommenspolitik) verbessert werden kann

Einige Mitgliedstaaten

bei den Zielprioritäten

Mitgliedstaaten die Bemühungen um eine wirtschaftliche Wieder- belebung durch eine aktive Strukturpolitik ergänzt werden.« 24 Un-

ter diesen Bedingungen blieb die Forderung, sich um eine stär-

21 In: Abi. L236 vom 11.8.1982, S. lOff.

22 Ebenda, S. 11 (Tz. 1).

23 Ebenda (Tz. 2).

24 Ebenda (Tz. 3). - Der von der Kommission erarbeitete Entwurf des 5. Program- mes war von der belgischen Delegation dahingehend kritisiert worden, daß er »zu ausschließlich den Akzent auf die Stabilisierungspolitiken (restriktive Geld- und Haushaltspolitik, Dämpfung der Löhne) und das natürliche Spiel der Markt- kräfte legt«. Demgegenüber enthielt die von den Belgiern vorgeschlagene »besser ausgewogene Strategie« als Schwerpunkte u.a. eine »gezielte Stützung der Inlandsnachfrage« und Maßnahmen zur »Arbeitsteilung und spezielle Beschäfti- gungspolitiken«. Diese Position wurde von der dänischen Delegation weitgehend geteilt. Vgl. Europäische Wirtschaft, Nr. 9/1981, S. 49f.

7 0

Wirtschaftspolitk

in

der

EG

kere Konvergenz zu bemühen, zwangsläufig folgenlose Deklama- tion. Weitere Programme zur mittelfristigen Wirtschaftspolitik sind nach 1982 nicht mehr verabschiedet worden. Der Ausschuß für mittelfristige Wirtschaftspolitik war schon 1974 mit dem Ausschuß für Konjunkturpolitik und dem Ausschuß für Haushaltspolitik zum Ausschuß für Wirtschaftspolitik zusammenge- legt worden. Dessen Vorentwurf für ein Programm mittelfristiger Wirtschaftspolitik ist - erstmals in der Geschichte der EWG - 1981 vom Ministerrat nicht übernommen worden. Seitdem spielt der Aus- schuß für Wirtschaftspolitik keine Rolle mehr. Die wirtschaftspoli- tisch relevanten Entscheidungen werden vielmehr in den 80er Jahren vom Ausschuß für Währungspolitik vorbereitet.

Von

der

»Konvergenz«

zur

»multilateralen

Überwachung«:

Die

Umorientierung

der

Wirtschaftspolitik

Am 12. März 1990 hob der EG-Ministerrat seine eigene Entschei- dung vom 18.2.1974 »zur Erreichung eines hohen Grades an Kon- vergenz der Wirtschaftspolitik der Mitgliedstaaten der EWG« 25 for- mell auf. Er setzte an ihre Stelle eine Entscheidung »zur Erreichung einer schrittweisen Konvergenz der Politiken und der wirtschaftli- chen Ergebnisse während der ersten Stufe der Wirtschafts- und Wäh- rungsunion«. 26 Das klingt nicht sehr anders. Es bringt aber eine praktisch längst erfolgte weitreichende wirtschaftspolitische Um- orientierung der EWG auch formell zum Ausdruck.

Die

Konvergenzentscheidung von

1974 war ein

Spätprodukt des

sog. Werner-Berichtes vom Oktober 19 7 0 27 und der dazugehörigen

Entschließung des Ministerrates vom 22.

März

1971. 28 Beide sahen

25 74/120/EWG, in: Abi. L63 vom 5.3.1974, S. 16ff.

26 Entscheidung des Rates vom 12.3.1990, in: Abi. L78 vom 24.3.1990, S. 23f.

27 Vgl. Bericht an Rat und Kommission über die stufenweise Verwirklichung der Wirtschafts- und Währungsunion in der Gemeinschaft, in: Abi. C136 vom 11.11.1970, S. l f f . Vgl. zum Hintergrund auch: Rainer Hellmann: Wirtschafts- und währungspolitische Zusammenarbeit zwischen EG-Staaten, in: Wolfgang Filc/Claus Köhler (Hg.): Autonomie, Kooperation und Devisenmärkte, Berlin 1990, S. 207ff.

Die

Demontage

wirtschaftspolitischer

Programmatik

7 1

vor, die EWG innerhalb der nächsten zehn Jahre zur Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) weiterzuentwickeln. Dabei werde sich

allerdings »die Schaffung der Währungsunion

insbesondere auf

parallele Fortschritte in der Konvergenz und später der Vereinheitli- chung der Wirtschaftspolitik stützen müssen«. 29 In der ersten Stufe,

die von 1971 bis 1973 geplant war, solle der Rat »Vorschriften für eine verstärkte und dadurch wirksamere Koordinierung der kurzfri- stigen Wirtschaftspolitik festlegen«. Ferner wurde beschlossen »die Grundzüge der Wirtschaftspolitik auf Gemeinschaftsebene sowie die quantitativen Orientierungen für die wichtigsten Elemente der öf- fentlichen Gesamthaushalte festzulegen« und »die Instrumente der Wirtschaftspolitik schrittweise zu harmonisieren«. 30

Die Umsetzung des Werner-Planes kam jedoch nicht voran. Der Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems in den Jahren 1971 bis 1973 und der Beginn der Ölpreissteigerungen 1973 waren Vorboten der Wirtschaftskrise und riefen bei den Mitgliedsländern unter- schiedliche Reaktionen hervor. Deshalb verabschiedete der Rat im Februar 1974 eine Richtlinie »über die Stabilität, das Wachstum und die Vollbeschäftigung in der Gemeinschaft« 31 und bekräftigte mit der Konvergenzentscheidung noch einmal seine grundsätzliche Orien- tierung auf wirtschaftspolitische und wirtschaftliche Konvergenz. Gleichzeitig gab er ein langsameres Tempo bei ihrer Verwirklichung vor. Nach wie vor hielt er aber fest: »Die schrittweise Verwirklichung der Wirtschafts- und Währungsunion setzt unbedingt voraus, daß die Konvergenz der Wirtschaftspolitik der Mitgliedstaaten bereits jetzt erreicht wird und in hohem Maße erhalten bleibt.« 32 Zu diesem Zweck soll der Ministerrat in jedem Jahr drei Sitzungen durchfüh- ren, auf denen die Leitlinien für die von der Gemeinschaft und in jedem Mitgliedstaat zu verfolgende Wirtschaftspolitik beschlossen werden (Artikel 1 der Konvergenzentscheidung). Grundlage für der- artige Entscheidungen sollten a. Fünfjahresprojektionen für die wichtigsten makroökonomischen Größen (Art. 2); b. kompatible Orientierungsdaten für die wesentlichen Elemente der Volkswirt- schaftsbudgets (Art. 3) und c. ein Jahreswirtschaftsbericht (Art. 4)

29

30

31

32

Ebenda,

S.

Ebenda.

3.

Vgl.

Ebenda,

R L 7 4 / 1 2 1 / E W G

S.

16.

vom

18.2.1974,

in:

Abi.

L63

vom

5.3.1974,

S.

19f.

7 2

Wirtschaftspolitk

in

der

EG

sein. Der Rat gibt mit der Annahme des Programms (für mittelfri- stige Wirtschaftspolitik) seiner »Absicht Ausdruck, auf dem vom Programm erfaßten Gebiet nach den dort vorgesehenen Leitlinien zu handeln« (Art. 6). Er kann sogar - allerdings nur einstimmig - Entscheidungen, Richtlinien oder Empfehlungen beschließen, die zur Verwirklichung des Programms erforderlich sind (Art. 6). In der Praxis wurde diese Entscheidung wenig später zu Makula- tur. Wirtschaftspolitik ist nicht koordiniert, sondern im wesentli- chen in nationaler Autonomie - oder Scheinautonomie - der Mit- gliedsländer betrieben worden. Dieser Zustand ist von Mitte der 70er bis Mitte der 80er Jahre wenig thematisiert und kaum beklagt worden. Er mußte sich aber störend bemerkbar machen, sobald auf anderen Gebieten Integrationsfortschritte stattfanden. Das war ab Mitte der 80er Jahre der Fall, als das Projekt zur Vollendung des Bin- nenmarktes auf den Weg gebracht wurde und der Grad gegenseitiger Marktdurchdringung sprunghaft anstieg. Der Rückstand der »positi- ven Integration« wirtschaftspolitischer Gestaltung gegenüber der »ne- gativen Integration« durch Liberalisierung und Deregulierung wurde in der zweiten Hälfte der 80er Jahre erneut auf wissenschaftlicher Ebene kritisiert - z.B. durch den Padoa-Schioppa-Bericht von 1988 33 und den Delors-Bericht vom April 1989. 34 Beide forderten mehr An- strengungen zur Herstellung wirtschaftspolitischer Konvergenz.

In dieser Situation ersetzte der Ministerrat im März 1990 die Kon- vergenzentscheidung von 1974 durch ein System der »multilateralen Überwachung«. Damit entfällt die Verpflichtung, wirtschaftliche Orientierungsdaten und Leitlinien sowie Projektionen für die Wirt- schaftspolitik zu erarbeiten. Ein Programm für mittelfristige Wirt- schaftspolitik - seit 1982 ohnehin nicht mehr vorgelegt - ist nicht mehr vorgesehen. Die Möglichkeit verbindlicher Entscheidungen und Richtlinien - bislang nie angewandt - wird gestrichen. Statt dessen überprüft der Ministerrat im Rahmen des neuen Sy-

stems der multilateralen Überwachung mindestens zweimal

»alle Aspekte der Wirtschaftspolitik sowohl in kurz- als auch in län-

im Jahr

33 Vgl. Tommaso Padoa-Schioppa: Effizienz, Stabilität und Verteilungsgerechtigkeit.

34

Eine Entwicklungsstrategie für das Wirtschaftssystem der Europäischen Gemein- schaft, Wiesbaden 1988. Vgl. Ausschuß zur Prüfung der Wirtschafts- und W ä h r u n g s u n i o n : Bericht zur Wirtschafts- und Währungsunion in der Europäischen Gemeinschaft, in:

Europa-Archiv, 10/1989, S. D283-304.

Die

Demontage

wirtschaftspolitischer

Programmatik

7 3

gerfristiger Perspektive« (Art. 1). Statt auf Programme und Leitlinien wird auf den Lernprozeß der Mitgliedsländer gesetzt. »Durch den Lernprozeß sollte die multilaterale Überwachung zunehmend zu kompatiblen Wirtschaftspolitiken mit entsprechenden konkreten Verpflichtungen der Mitgliedstaaten führen« (Art. 2). Äußerstenfalls kann der Rat (unverbindliche) Anregungen und Empfehlungen aus- sprechen. Indem die Mitgliedsländer den bislang möglichen institutionali- sierten Druck abschaffen und durch einen Konsens im Lernprozeß ersetzen, ziehen sie auf den ersten Blick eine vernünftige Konse- quenz aus den negativen Erfahrungen der Vergangenheit. Zugleich aber bringen sie damit eine grundlegende wirtschaftspolitische Um- orientierung zum Ausdruck. Es handelt sich nicht um eine Verabschie-

dung aus der Wirtschaftspolitik überhaupt, sondern vor allem um die Ein-

führung

eines

anderen

Konzeptes

von

Wirtschaftspolitik.

In der Entscheidung vom März 1990 heißt es weiter, es gehe darum, »den Konsens über die wirtschaftspolitischen Grundüberzeu- gungen weiter zu festigen« (Art. 2). Das könne nicht politisch er- zwungen werden, sondern erfordere die »Bereitschaft, aus Erfahrung zu lernen« (ebenda). Hiermit sind aber nicht die schmerzlichen Rückschläge gemeint, die der EWG durch nationale Alleingangspoli- tik entstanden sind. Vielmehr verweist der Text ausschließlich auf »die bei der Zusammenarbeit im Rahmen des Europäischen Wäh- rungssystems und bei der Entwicklung der ECU gesammelten Erfah- rungen« (ebenda). Damit erhält die Währungspolitik eine hervorra- gende Rolle im System der multilateralen Überwachung. Sie wird dadurch nachdrücklich unterstrichen, daß »die Arbeiten des Rates

zur multilateralen Überwachung

reitet« werden (Art. 3), nicht vom Wirtschaftsausschuß.

Die formale Änderung der Kompetenzen bringt die inhaltliche Veränderung der Konzeption von Wirtschaftspolitik zum Ausdruck:

Ein - nie realisiertes, aber immer mit guten Gründen program- matisch angestrebtes - System der differenzierten wirtschaftspoliti- schen Steuerung wird eingeschränkt auf die »Grundsätze der Preissta- bilität, eines gesunden öffentlichen Finanz- und Währungsgebarens, gesunder Zahlungsbilanzen und offener wettbewerbsfähiger Märkte« (Art. 1). Von makroökonomischer Steuerung, Beschäftigungs-, Regio- nal- oder Strukturpolitik ist nicht mehr die Rede. Diese inhaltliche Umorientierung entspricht in einer Hinsicht der

vom Währungsausschuß vorbe-

74

Wirtschaftspolitk

in

der

EG

Realität, nämlich den frustrierenden Erfahrungen, daß Versuche ko- ordinierter oder gemeinschaftlicher Wirtschaftspolitik immer wieder an den Gegensätzen der Interessen und der Unfähigkeit zu Kompro- missen auf der Seite der Mitgliedstaaten scheiterten. Die Illusion der neuen Konzeption liegt allerdings in dem Glauben, daß statt sich ge- genseitig blockierender Interessen und Kräfte nun ein System einfa- cherer, »unpolitischer« und sachneutraler Regeln der Wirtschaftspo- litik, nämlich Geld- (bzw. Wechselkurs-)Stabilität und Haushaltsdis- ziplin, die wirtschaftspolitische Steuerung übernehme. Tatsächlich werden hierdurch nur verwickelte und widersprüchliche Kräftever- hältnisse durch eindeutige Machtverhältnisse abgelöst: Die Deut- sche Bundesbank, deren Politik sich in den 80er Jahren zum »Anker« der Geldwertstabilität - bei anhaltender Massenarbeitslosigkeit - für die meisten Mitgliedsländer entwickelt hatte, schickt sich nun an, die Richtlinienkompetenz für die Wirtschaftspolitik insgesamt zu übernehmen.

Haushaltsaufsicht

Maastricht

statt

Wirtschaftspolitik:

Der

Vertrag

von

Die Demontage aller wirtschaftspolitischen Vorstellungen, die sich nicht auf restriktive Geld- und Währungspolitik beschränken, wird durch den Vertrag von Maastricht in Rechtsvorschriften umgesetzt. Von den vier Kapiteln des Abschnitts über »Wirtschafts- und Wäh- rungspolitik« im neuen EG-Vertrag 35 befassen sich drei mit Wäh- rungs-, eins mit Wirtschaftspolitik. Letzteres läßt sich weit ausführli- cher über das aus, was Wirtschaftspolitik nicht darf, als darüber, was sie darf oder gar soll:

der Ge-

meinschaft beitragen und »im Einklang mit dem Grundsatz einer of- fenen Marktwirtschaft mit freiem Wettbewerb« stehen (Art. 102 a). Ihre Koordinierung in der EG erfolgt durch das skizzierte Verfahren

Die

Wirtschaftspolitik soll

zur Verwirklichung der Ziele

35 Titel VI im Dritten Teil (Die Politiken der Gemeinschaft) des neuen EG-Vertra- ges, in: Europäischer Unionsvertrag. Vertrag über die Europäische Union (Maas- tricht-Vertrag) mit sämtlichen Protokollen und Erklärungen. Vertrag zur Grün- dung der Europäischen Gemeinschaft (EG-Vertrag), Beck-Texte im dtv, München

Die

Demontage

wirtschaftspolitischer

Programmatik

7 5

der multilateralen Überwachung. Der Rat verabschiedet Empfehlun- gen über die Grundzüge der Wirtschaftspolitik. Wenn er feststellt, daß ein Mitgliedstaat sich hieran nicht hält, kann er »die erforderli- chen Empfehlungen an den betroffenen Mitgliedstaat richten« (Art. 103). Es gibt aber weder inhaltliche Orientierungen - wie etwa die Konzeption einer Beschäftigungs- oder die einer Konjunkturpoli- tik - noch verbindliche Vorschriften für positive Gemeinschaftsak- tionen der Wirtschaftspolitik. Die Bestimmungen darüber, was Wirtschaftspolitik nicht darf, sind demgegenüber konkret, rigoros und verbindlich. Sie richten sich sämtlich auf die Finanzierung öffentlicher Haushalte: Öffentli- che Stellen dürfen weder von den nationalen Zentralbanken noch von einer zukünftigen europäischen Zentralbank Kredite erhalten (Art. 104), noch darf ihnen bevorrechtigter Zugang zu Finanzinstitu- ten eingeräumt werden (Art. 104a). Weder die EG noch einzelne Mitgliedstaaten haften für die öffentlichen Schulden eines anderen Mitgliedslandes (Art. 104 b). Vor allem aber sind »übermäßige« Haus- haltsdefizite zu vermeiden. In dem langen Artikel 104 c etabliert der neue EG-Vertrag ein Verfahren, durch das die »Übermäßigkeit« öf- fentlicher Defizite erstens festgestellt und zweitens abgebaut werden soll. Zu diesem Zweck »überwacht [die Kommission] die Entwick- lung der Haushaltslage und der Höhe des öffentlichen Schulden- standes in den Mitgliedstaaten im Hinblick auf die Feststellung schwerwiegender Fehler«. Die Feststellung solcher Fehler richtet sich im wesentlichen an zwei Kriterien aus, die in einem »Protokoll über das Verfahren bei einem übermäßigen Defizit« niedergelegt sind: 36 Ein übermäßiges Defizit wird vermutet, wenn die öffentliche Neu- verschuldung 3% oder der gesamte öffentliche Schuldenstand 60% des Bruttoinlandsproduktes (zu Marktpreisen) eines Mitgliedslandes übersteigt. In diesem Fall stehen dem Rat eine Reihe von eskalieren- den Maßnahmen zur Verfügung, um das Mitgliedsland zur Ordnung zu rufen: Zunächst spricht er eine interne Empfehlung aus, das De- fizit in einer bestimmten Zeit abzubauen. Dann wird diese Empfeh- lung veröffentlicht. Wenn auch die Festsetzung einer weiteren Frist nicht zu dem gewünschten Erfolg führt, können gegenüber beson- ders verstockten Haushaltssündern der Zugang zu Krediten von der

36 Vgl.

ebenda,

S.

46f.

7 6

Wirtschaftspolitk

in

der

EG

Europäischen Investitionsbank erschwert, die Hinterlegung be- stimmter unverzinslicher Depots verlangt und Geldbußen »in ange- messener Höhe« verhängt werden. Alle diese Maßnahmen kann der Rat mit Zweidrittelmehrheit verabschieden. 37 Anders als bei den an- deren Empfehlungen zur Wirtschaftspolitik gibt es bei den Maßnah- men für die Beseitigung von als übermäßig angesehenen Haushalts- defiziten durchaus Druckmittel, mit deren Hilfe sie tatsächlich durchgesetzt werden können. Diese Bestimmungen im Vertrag von Maastricht sind nicht Aus- druck eines Strebens nach Haushaltsdisziplin im Sinne eines Aus- gleichs zwischen öffentlichen Einnahmen und Ausgaben: Bestim- mungen für die Feststellung und Beseitigung eines übermäßigen Haushaltsüberschusses gibt es nicht, obgleich ein solcher ebenfalls ge- samtwirtschaftlich schädliche Folgen haben kann. Es geht also nicht um Gleichgewicht, sondern um die Einschränkung staatlicher Ausga- ben. Eine so verstandene Haushaltspolitik ist Teil einer Austeritäts- strategie, zu deren wesentlichen Zielen die Einschränkung der von Hallstein geforderten »Präsenz des Staates in der Wirtschaft« gehört. Damit sind die wirtschaftspolitische Phantasie und das wirt- schaftspolitische Arsenal der EG aber auch schon erschöpft. Von den ursprünglichen hochgesteckten Zielen einer gemeinsamen Gestal- tung der europäischen Wirtschaft durch gezielte politische Rahmen- und Struktursteuerung ist nichts geblieben. Sie wurden ersetzt durch das Vertrauen in die unbegrenzten, effizienz- und wohlstandsstei- gernden Kräfte des Marktes im Rahmen einer stabilen Geldverfas- sung. Die neuen Leitvorstellungen heißen deregulierter Binnenmarkt und restriktive Geldpolitik.

Der

unvollendete

Binnenmarkt

2.2 Deregulierung statt Gestaltung:

Binnenmarkt

Der unvollendete

7 7

Gut 10 Jahre nach der Gründung der EWG war die erste Hälfte des Weges zum Gemeinsamen Markt geschafft: Mitte 1968 hatten die Mitgliedsländer die Zölle und Mengenbeschränkungen im Handel untereinander beseitigt und gemeinsame Zölle gegenüber Drittlän- dern eingeführt. Die Zollunion war perfekt. 38 Für die zweite Hälfte des Weges brauchte die EG fast ein Viertel- jahrhundert. Am 1. Januar 1993 begann offiziell der große europäi- sche Binnenmarkt, ein »Raum ohne Binnengrenzen, in dem der freie Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital gewährleistet ist.« 39 In der Zwischenzeit hatte sich das Konzept des Binnenmarktes al- lerdings wesentlich verändert. Aus der Vorstellung eines gemeinsam gestalteten freien Marktes wurde die Orientierung auf einen weitge- hend deregulierten Wirtschaftsraum, in dem sich die »vier großen Freiheiten« ungehindert entfalten sollten.

Staatliche

Regulierungen

als

Handelshemmnisse

Der Unterschied liegt in der Behandlung der sog. »nicht-tarifären Handelsbeschränkungen«. Dabei handelt es sich um politisch-admi- nistrative Bestimmungen, die entweder ausschließlich für Importe oder für den gesamten Warenverkehr innerhalb eines Landes gelten. Sie betreffen z.B. die Zulassung von Arzneimitteln, die erlaubten oder verbotenen Zusätze in Lebensmitteln und Vorschriften über de- ren Kennzeichnung, bestimmte Normen etwa für Steckdosen, Zulas- sungsbestimmungen für Automobile oder die Geschäftstätigkeit von Banken usw.

38 Vgl.

Kommission

der

Europäischen

Gemeinschaften:

Der

Binnenmarkt

-

jetzt

aktiv,

Luxemburg

1992,

S.

6.

39 So die Definition in Art 8 a des EWG-Vertrages, der durch die »Einheitliche Euro- päische Akte« (EEA) 1986 in den ursprünglichen Vertrag von 1957 eingefügt wurde und in seinem ersten Satz auch die Terminsetzung enthält: »Die Gemein- schaft trifft die erforderlichen Maßnahmen, um bis zum 31. Dezember 1992 den Binnenmarkt schrittweise zu verwirklichen.«

7 8

Wirtschaftspolitk

in

der

EG

Derartige nationalstaatliche Bestimmungen werden in der Regel mit der Sicherheit, Gesundheit, Transparenz und sonstigem Arbeits- und Verbraucherschutz begründet. Sie haben sich in konkreten histori- schen Interessen- und Kräftekonstellationen herausgebildet und un- terscheiden sich daher von Land zu Land teilweise erheblich. Waren, die ausgeführt werden, müssen den Vorschriften des Importlandes angepaßt werden. Das verursacht zusätzliche Kosten und kann - als Nebeneffekt - ihre Markt- und Wettbewerbsfähigkeit beeinträchti- gen. Nationale Standards und Vorschriften können aber auch den Ne- beneffekt zum eigentliche Ziel haben, nämlich in der Absicht erlas- sen werden, ausländischen Konkurrenten den Zugang zum inländi- schen Markt zu erschweren. Dies wird nie offen gesagt, ist jedoch vielfach dennoch offensichtlich. Hierunter fällt etwa die von Frank- reich 1982 geübte Praxis, für alle importierten Videocassettenrecor- der eine Inspektion und Registrierung in Poitiers - weit abseits der wirtschaftlichen Zentren des Landes - zu verlangen 40 oder für Holz- bearbeitungsmaschinen besondere Sicherheitsvorschriften zu for- dern, die vom Arbeitsministerium in langwierigen und teuren Ver- fahren überprüft werden. 41 Wenn dann die Inspektions- und Regi- strierstellen auch noch schlecht ausgestattet sind und schleppend ar- beiten, verzögert, erschwert und verteuert das die Importe erheblich, und das ist ja auch der Zweck der Übung. Die Wirkung ist die glei- che wie die von Zöllen oder Mengenbeschränkungen an der Landes- grenze. Hinter dieser Art von Beschränkungen stehen in der Regel einflußreiche Wirtschaftsgruppen. Sie verbrämen ihre Interessen an geschützten Märkten als Gebote nationaler Sicherheit oder des Ver- braucherschutzes.

In allen entwickelten Ländern bestehen Tausende derartiger staat- licher Einzelregulierungen ökonomischer Prozesse. Auch marktwirt- schaftliche Systeme sind eben Produkte gesellschaftlicher Konstruk- tion, bei der Politik eine wichtige Rolle spielt. Hierin zeigt sich die »ständige Präsenz des Staates in der Wirtschaft«, von der Walter Hallstein sprach, ohne die »die moderne freiheitliche Wirtschafts- ordnung nicht bestehen kann.«

40 Vgl. Laura d'Andrea Tyson: W h o ' s Bashing W h o m ? Trade Conflicts in High-

Technology

Industries,

Washington

1992,

S.

222.

41 Vgl. Harry Flam: Product Markets and 1992: Full Integration, Large Gains?, in:

Journal

of Economic

Perspectives,

Vol.

6,

Nr.

4,

Fall

1992,

S.

16.

Der

Die

unvollendete

Binnenmarkt

Mühen

der

Harmonisierung

7 9

Für die Theorie und Politik des Binnenmarktes stellen die Unter- schiede bei den nationalen Vorschriften für Waren und Dienstlei- stungen unabhängig von ihrer mehr oder weniger ehrenhaften Be- gründung ein Problem dar: Sie verstoßen gegen den Grundsatz der unbeschränkten Handels- und Wettbewerbsfreiheit und sind insofern ein wesentliches Hindernis auf dem Weg zum einheitlichen Binnen- markt. Dieses Problem war auch den Verfassern des EWG-Vertrages von 1957 schon bekannt, und sie hatten den Weg zu seiner Lösung klar formuliert. Er besteht in der »Angleichung derjenigen Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedstaaten, die sich unmittelbar auf die Errichtung oder das Funktionieren des Gemeinsamen Mark- tes auswirken« (Art. 100 EWG-Vertr.). Dies wurde zunächst als Auf- trag verstanden, unterschiedliche nationale Bestimmungen zu än- dern und auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Das ehrgeizige Ziel derartiger Harmonisierungskonzepte. bestand in einer positiven gemeinsamen Gestaltung der europäischen Integration: An die Stelle der jeweiligen nationalen Rechtsvorschriften sollten für alle rege- lungsbedürftigen Gebiete einheitliche europäische Vorschriften tre- ten.

In der Praxis erwies sich die geplante Harmonisierung jedoch als außerordentlich schwierig, und in den 70er Jahren kam sie faktisch zum Stillstand. Dies lag vor allem an vier Gründen:

Erstens ist die Zahl der unterschiedlichen Regulierungen außeror- dentlich groß. Die EG Kommission ging Ende der 80er Jahre davon aus, daß sie noch immer bei über 100000 liege. 42 Ihre Harmonisie- rung würde den größten Teil der Arbeitskapazität der EWG bean- spruchen. Zweitens waren die Details der harmonisierungsbedürftigen Be- stimmungen oft so komplex, daß die Regierungsvertreter und erst recht der Ministerrat schlicht überfordert waren, mit ihnen kompe- tent umzugehen. Drittens ließ sich vielfach aufgrund unterschiedlicher Interessen der Mitgliedsländer kein gemeinsamer Nenner finden. Jedes Land

42

Vgl.

European

Economy,

Nr.

35/1988,

S.

49.

8 0

Wirtschaftspolitk

in

der

EG

versuchte, seine jeweiligen nationalen Regelungen als europäische Norm durchzusetzen und den eigenen Unternehmen dadurch einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Denn für sie würde jeder Anpas- sungsbedarf bei der Ausweitung des Marktes entfallen. Viertens erforderte jede Harmonisierung einstimmige Beschlüsse des Ministerrates. Jedes Land konnte also eine Entscheidung wirk- sam blockieren, die den eigenen Interessen zuwiderlief. Aufgrund dieser Rechts- und Interessenlage zogen sich Harmoni- sierungsverhandlungen über Vorschriften von vergleichsweise gering- fügiger wirtschaftlicher Bedeutung, wie z.B. über die Klassifikation des Umfangs und der Größe von EWG-Äpfeln oder die Kennzeich- nung von Textilien, außerordentlich lange hin. Verabschiedet wur- den dann oft mehrere Richtlinien als Pakete, in denen für jede Re- gierung und die hinter ihr stehende Interessengruppe etwas enthal- ten war. Zur Systematik, Einheitlichkeit und Transparenz des euro- päischen Rechtes trägt ein solches Verfahren natürlich nicht bei. In den 70er Jahren geriet das System von zwei Seiten so unter Druck, daß die Harmonisierung praktisch nicht vorwärts kam: Zum einen veranlaßte die ökonomische Krise verschiedene Regierungen zu nationalen Alleingängen in der Wirtschaftspolitik. Zum anderen entwickelte sich die Diskussion über Ressourcen- und Umweltzerstö- rung und die Ökologiebewegung in den Ländern mit sehr unter- schiedlicher -Intensität und ihre praktischen Folgen gingen entspre- chend unterschiedlich in nationale Politik ein. Zu den bestehenden Regulierungsunterschieden traten also neue hinzu. 43 Die Harmoni- sierungssackgasse war offensichtlich, der Binnenmarkt kam nicht voran.

43 »Während der Rezession vervielfachten sie [ = d i e nicht-tarifären Handelsbarrie- ren] sich jedoch, da jeder Mitgliedstaat - nicht nur gegenüber dritten Ländern, sondern auch gegenüber den Partnerstaaten in der Gemeinschaft - zu schützen

versuchte, was er als seine kurzfristigen Interessen ansah

EWG-Vertrags, daß die Beschränkungen des freien Dienstleistungsverkehrs 'wäh-

schrittweise aufgehoben werden' gelangte nicht nur in

der Übergangszeit, sondern in wichtigen Bereichen überhaupt nicht zur Anwen- dung. Bedauerlicherweise hat sich daran nichts geändert.« EG-Kommission: Voll- endung des Binnenmarktes. Weißbuch der Kommission an den Europäischen Rat (Mailand, den 28./29. Juni 1985), Kom(85) 310 endg. vom 14.6.1985, S. 5.

rend der Übergangszeit

Die Vorschrift des

Der

unvollendete

Binnenmarkt

8 1

Deregulierung

statt

Harmonisierung:

Integrationspolitischer

Strate-

giewechsel

Dieser Stillstand wurde Mitte der 80er Jahre durchbrochen. Auf dem Mailänder Gipfel Ende Juni 1985 legte die Kommission das mittler- weile berühmte »Weißbuch zur Vollendung des Binnenmarktes« 44 vor. Es enthielt eine schonungslose Bestandsaufnahme der noch bestehen- den zwischenstaatlichen Schranken im europäischen Markt - und ein neues Konzept für ihre Beseitigung. Die Hindernisse für den Gemeinsamen Markt teilte die Kommis- sion in drei Gruppen ein:

daß es nach wie

vor Grenzkontrollen zwischen den Mitgliedstaaten gibt.

Sie liegen in den unterschiedlichen

Rechtsvorschriften und betreffen nicht nur den Warenverkehr, son- dern auch das öffentliche Auftragswesen sowie die drei übrigen Frei-

heiten: Freizügigkeit, Dienstleistungen und Kapitalverkehr.

- Die »Steuerschranken«, die vor allem in der Existenz unterschiedli-

cher Mehrwert- und Verbrauchsteuern liegen und unterschiedliche Preise bei Gütern bewirken, deren Kosten und Preise ab Werk gleich sind. Damit diese Schranken bis Ende 1992 beseitigt werden könnten, schlug das Weißbuch vor, die bisherige Strategie für die Beseitigung der technischen Schranken radikal zu ändern. Die Erfahrung zeige, »daß eine Strategie, die gänzlich auf der Harmonisierung aufbaut, zu viel reglementieren würde, zu zeitraubend und unflexibel wäre und Innovationen ersticken könnte«. 45 Die hieraus gezogene Schlußfol- gerung läuft auf das Gegenteil des bisherigen Harmonisierungsansat- zes hinaus. Während bisher von der »Vereinheitlichung der Rechts- vorschriften« die Rede war, heißt es jetzt, der Gemeinsame Markt

»bedeutet nicht, daß überall die gleichen Regeln gelten müssen, son- dern daß sich Waren, Personen und Gesellschaften innerhalb der Gemeinschaft frei bewegen können sollten. Abgesehen von gewissen

zwingenden Ausnahmen

sollte allgemein folgender Grundsatz

Geltung erhalten: Wenn ein Erzeugnis in einem Mitgliedsland recht-

- Die »materiellen« Schranken,

- Die »technischen« Schranken:

die darin bestehen,

44 Ebenda.

45 Ebenda,

S.

18

(Tz.

64).

8 2

Wirtschaftspolitk