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35 Tumorgewebe
Petro E. Petrides

35.1 Fehlregulation des Wachstums und der Differenzierung


bei Tumoren – 1142

35.2 Tumorentstehung (Cancerogenese) – 1143

35.3 Onkogene – 1143


35.3.1 Mechanismus der Onkogenwirkung – 1143
35.3.2 Protoonkogenaktivierung durch Mutationen – 1144

35.4 Antionkogene – 1145


35.4.1 Identifizierung von Antionkogenen – 1145
35.4.2 Funktionen von Antionkogenen – 1147
35.4.3 Inaktivierung von Antionkogenen durch Mutationen – 1149

35.5 Kumulative Aktivierung von Onkogenen


und Inaktivierung von Antionkogenen beim Mehrschrittprozess
der Tumorigenese – 1150
35.5.1 Familiäre adenomatöse Polyposis (FAP) – 1150
35.5.2 Hereditäre nicht-polypöse colorektale Tumoren – 1152
35.5.3 Sporadische colorektale Tumoren – 1152

35.6 Entstehung von Fusionsgenen durch Translokationen – 1154

35.7 Mechanismen der Invasion und Metastasierung – 1155


35.7.1 Invasion und Metastasierung – 1155
35.7.2 Wechselwirkungen von Tumorzellen mit der extrazellulären Matrix – 1156
35.7.3 Bedeutung von Proteinasen für Invasion und Metastasierung – 1156

35.8 Tumorentstehung durch Cancerogene – 1157


35.8.1 Chemische Cancerogenese – 1157
35.8.2 Physikalische Cancerogenese – 1158

35.9 Stoffwechsel von Tumorgeweben – 1159

35.10 Früherkennung von Tumoren – 1159

35.11 Krebstherapie – 1160

35.12 Gentherapeutische Ansätze bei Krebserkrankungen – 1161

Literatur – 1162
1142 Kapitel 35 · Tumorgewebe

> > Einleitung

Biochemische Untersuchungsmethoden wurden von Otto Warburg in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in die
Krebsforschung eingeführt. Dieser machte vor allem Störungen der Atmungskette und des Glucosestoffwechsels für die Mali-
gnität verantwortlich. Im Gefolge dieser Pionierforschungen suchte man seit Ende der 40er Jahre nach allen möglichen bioche-
mischen Unterschieden zwischen Krebs- und normalen Zellen. Diese Bemühungen haben erst seit Beginn der 80er Jahre des
vergangenen Jahrhunderts durch die Entdeckung von Krebsgenen zu ersten sichtbaren Erfolgen geführt.
Das Auffinden der molekularen Unterschiede zwischen Normal- und Krebszellen stellt nicht nur die Grundlage zum Ver-
ständnis der malignen Transformation dar, sondern eröffnet auch neue Wege zur Entwicklung von Krebstherapeutika. Denn das
Problem der dem Onkologen zur Verfügung stehenden Krebsmittel war bisher ihre mangelnde Spezifität, d.h. die Tatsache,
dass sie auch auf gesunde Gewebe wirken. Der Ansatz der zielgerichteten Tumortherapie (»targeted therapy«) auf der Basis
tumorbiochemischer Erkenntnisse hat zur Entwicklung neuer Krebsmittel wie monoklonaler Antikörper oder Tyrosinkinase-
Inhibitoren geführt, die bereits Eingang in die Tumorbehandlung gefunden haben. Die molekulare Dimension des Krebspro-
blems ist extrem vielschichtig, da es den Krebs par excellence nicht gibt: Tumoren der einzelnen Gewebe unterscheiden sich,
wie auch die normalen Gewebe, voneinander; in einem Gewebe entstehen unterschiedliche Tumoren, und viele Tumoren wei-
sen zudem Subpopulationen von Zellen auf (Tumorheterogenität). Darüber hinaus nehmen die Krankheiten bei einzelnen
Patienten einen sehr unterschiedlichen, individuellen Verlauf.

35.1 Fehlregulation des Wachstums ! Störungen des Gleichgewichts von Zellneubildung und
und der Differenzierung bei programmiertem Zelltod können zu Tumoren führen.
Tumoren Neben den Basalzellen der Haut und den Mukosazellen ha-
ben auch die Zellen des Knochenmarks eine dauerhaft hohe
! Störungen des Fließgleichgewichts zwischen Zellauf- Proliferationsrate. Daneben existieren Zellen mit nur zeit-
und -abbau führen zu Tumoren. weilig erhöhter Mitoserate wie Fibroblasten oder Endothel-
zellen, die bei Verletzungen aktiv werden, und Zellen endo-
Der menschliche Organismus besteht aus etwa 1013 Zellen, kriner Gewebe wie das Endometrium, die in Zyklen proli-
die in Organen und Geweben jeweils Funktionseinheiten ferieren. Insgesamt sollen während eines Menschenlebens
bilden. Diese bestehen aus verschiedenen Zelltypen in ge- 1016 Zellen unbrauchbar und durch neue Zellen ersetzt
nau festgesetzten Proportionen und mit definierter, räum- werden. Wie der Ausgleich des Zellverlusts durch entspre-
licher Anordnung. Die Entwicklung, die zu den einzelnen chende Zellproliferation reguliert wird, ist noch unbekannt.
Arten spezialisierter Zellen führt, wird als Differenzierung Die molekularen Grundlagen sind jedoch von großem
bezeichnet. Darüber gibt es praktisch in allen Geweben wei- praktischem Interesse, wenn bei Störungen des Fließgleich-
tere Spezialisierungen: So besteht die Population der Epi- gewichts die Zahl der neu gebildeten Zellen die der verloren
dermiszellen der Haut zu einen aus Basalzellen zum anderen gegangenen übersteigt. Die überzähligen Zellen können
aus Zellen verschiedener Keratinisierungs-Stadien (7 Kap. sich teilweise oder vollständig, zeitweilig oder auch immer
24.8.2). Die mitotische Aktivität ist auf die basalen Zellen der Regulation entziehen: die Folge sind harmlose Wuche-
beschränkt, bei deren Teilung jeweils wieder eine Basalzelle rungen (benigne Tumoren) oder bösartige Krebsge-
und eine Zelle entstehen, die sich weiter differenziert, d.h. schwulste (maligne Tumoren). Häufig ist mit der erhöhten
die Fähigkeit zur Teilung verliert, dafür aber die Fähigkeit Proliferation auch eine Unfähigkeit zur Differenzierung
gewinnt, Keratin zu produzieren. Während Zellen der Epi- verbunden. Deshalb zielen Therapieansätze nicht nur auf
35 dermis ständig abgebaut und durch neue ersetzt werden, eine Hemmung der Proliferation, sondern auch auf eine
bleiben andere Zellen, wie z.B. der Großteil der Nervenzel- Induktion der Differenzierung.
len, als individuelle Einheit bis zum Tode des Menschen Je nachdem, ob die Tumoren von Mesenchym- oder
bestehen. Der Austausch der Epidermiszellen ist wohl orga- Epithelzellen ausgehen, wird zwischen Sarkomen und Kar-
nisiert: Die Stammzellen produzieren durch Replikation zinomen unterschieden. Tumoren der Blut bildenden Zel-
ständig Nachkommen, die nach mehreren Differenzie- len werden als Leukämien bezeichnet. Ein Tumor entsteht
rungsschritten den Platz der verlorenen Zellen einnehmen. aus einer neoplastisch veränderten Zelle und stellt damit
Zwischen Wachstum und Differenzierung einerseits und einen Klon dar.
dem programmierten Zelltod durch Apoptose (7 Kap. 7.1.5;
7 Kap. 25.8.2) andererseits besteht ein Fließgleichgewicht,
d.h. die Anzahl der neu produzierten Zellen entspricht ge-
nau der der abgebauten Zellen. Eindrucksvolles Beispiel ist
das Darmepithel, das beim Menschen wie die Epidermis
innerhalb von einigen Tagen regeneriert wird.
35.3 · Onkogene
1143 35
35.2 Tumorentstehung . Tabelle 35.1. Protoonkogene und verwandte Onkogene
(Cancerogenese) (Auswahl)
1. Wachstumsfaktoren
! Onkogene und Antionkogene sind die verantwortlichen PDGF (platelet derived growth factor) sis-Onkogen
Krebsgene. FGF (fibroblast growth factor) int 2-Onkogen
2. Transmembranäre Wachstums-
faktorrezeptoren
Krebs stellt eine genetische Erkrankung in dem Sinne dar,
EGF-Rezeptor erbB-Onkogen
dass das Genom der Krebszelle durch eine Akkumulation M-CSF-Rezeptor fms-Onkogen
von genetischen Veränderungen gekennzeichnet ist und 3. Membranassoziierte Tyrosinkinasen
dass diese Veränderungen von einer Krebszellgeneration Abl-Tyrosinkinase abl-Onkogen
auf die nächste übertragen werden. 4. Membranassoziierte Guanin-
Wesentliches Ziel der Krebsforschung ist die Identifi- nucleotid-bindende Proteine
zierung der für die Entstehung und Progression der einzel- Ras-Protein ras-Onkogen
nen Tumorerkrankungen beim Menschen verantwortlichen 5. Cytosolische Serin-Threoninkinasen raf-mil-Onkogen
Gene (nach den Sequenzdaten des menschlichen Genoms mos-Onkogen
etwa 900), der »Krebsgene«. Zu den »Krebsgenen« gehören 6. Cytosolische Hormonrezeptoren
die Onkogene und die Antionkogene, die die Tumorent- Schilddrüsenhormonrezeptor erbA-Onkogen
stehung fördern bzw. supprimieren. Diese Gene sind im 7. Transkriptionsfaktoren fos-, jun-, myc-, myb-,
normalen, d.h. genetisch nicht veränderten Zustand häufig rel-Onkogene

als Schlüsselgene für die Vorgänge der Signaltransduk- 8. Apoptosefaktoren bcl2-Onkogen


tion (7 Kap. 25) verantwortlich. Zwischen den Produkten
beider Gengruppen, den Onkoproteinen und Antionko- nimmt deswegen an, dass diese viralen Onkogene durch
proteinen, besteht ein fein reguliertes Gleichgewicht: Stö- Übernahme aus dem Genom der jeweiligen Wirtszelle des
rungen dieses Gleichgewichts durch die konstitutive Akti- Virus – eventuell in veränderter Form (z.B. ohne Introns)
vierung von Onkogenen und/oder die Inaktivierung von – entstanden sein müssen.
Antionkogenen begünstigen die Tumorentstehung. Wahr-
! Protoonkogene sind an der Transduktion von Wachs-
scheinlich sind verschiedene Mutationen in unterschied-
tumssignalen beteiligt.
lichen Genen für die Entstehung und Progression der
einzelnen Tumorerkrankungen verantwortlich und unter- Das Zellwachstum wird durch eine große Zahl von Wachs-
schiedliche Gene mit unterschiedlichen Mutationen beim tumsfaktoren reguliert. Diese sind Polypeptide, die von
einzelnen Patienten verändert, was den individuellen Ver- verschiedenen Zellen gebildet werden und u.a. den Über-
lauf der Erkrankung und das individuelle Ansprechen auf gang von Zellen aus der G0- bzw. G1-Phase in den Zell-
eine Behandlung erklärt. zyklus bewirken. Dieser Übergang erfolgt in zwei Schritten
(. Abb. 35.1): Zuerst muss die Zelle durch sog. Kompe-

35.3 Onkogene
35.3.1 Mechanismus der Onkogenwirkung

! Viele Onkogene leiten sich von den an der Wachstums-


regulation beteiligten Genen ab.

Viele Onkogen-Proteine weisen Strukturähnlichkeiten mit


an der Wachstumsregulation beteiligten Proteinen auf. On-
kogene sind durch Mutationen aus diesen normalen, für
den Fortbestand einer Zelle notwendigen Genen ent-
standen. Die letzteren werden dementsprechend auch als
Protoonkogene, d.h. Vorläufer von zellulären Onkogenen
(c-Onkogene) bezeichnet. . Tabelle 35.1 gibt eine Zusam-
menstellung der wichtigsten Protoonkogene und der da-
raus abgeleiteten zellulären Onkogene. Die Analyse Tumor
bildender Gene aus Retroviren zeigt darüber hinaus, dass
. Abb. 35.1. Beeinflussung des Zellzyklus durch Kompetenz- und
auch diese als virale Onkogene (v-Onkogene) bezeich-
Progressionsfaktoren. Kompetenzfaktoren wie EGF, PDGF oder FGF
neten Gene in vielen Fällen Sequenzhomologie zu den an können durch bestimmte Onkogene substituiert werden; die Wirkung
der Wachstumsregulation beteiligten Genen zeigen. Man von Progressionsfaktoren ist z.B. durch TGF-β antagonisierbar
1144 Kapitel 35 · Tumorgewebe

. Abb. 35.2. Ras-Inaktivierung durch


Bindung des GAP-Proteins. Das mutier-
te Ras-Protein kann das GAP-Protein nicht
mehr binden, sodass das Ras-Protein
daueraktiviert bleibt

tenzfaktoren von der G0- in die G1-Phase überführt wer- 35.3.2 Protoonkogenaktivierung
den und anschließend unter dem Einfluss von Progres- durch Mutationen
sionsfaktoren mit der DNA-Synthese beginnen. Zur
Gruppe der Kompetenzfaktoren zählen der epidermale ! Onkogenmutationen wirken dominant.
Wachstumsfaktor (EGF), der transformierende Wachs-
tumsfaktor-D (TGF-D), der Fibroblastenwachstumsfak- Onkogene werden bei menschlichen Tumoren durch Mu-
tor (FGF) und der Plättchenwachstumsfaktor (PDGF) tationen aktiviert. Die Wirkung aktivierter Onkogene ist
(7 Kap. 7.1.4, 25.1.3). Der insulinähnliche Wachstums- dominant, d.h. sie wird bereits manifest, wenn das zweite
faktor-1 (IGF-1) oder Insulin in hohen Konzentrationen Allel noch nicht aktiviert ist. Onkogen-Mutationen kön-
sind wichtige Vertreter der Progressionsfaktoren (. Abb. nen ständig in somatischen Zellen auftreten. Da sie nicht
35.1). Der Durchtritt durch die G1-Phase erfordert die kon- in Keimbahnzellen beobachtet worden sind, wirken On-
tinuierliche Wachstumsfaktor-Stimulation über mehrere kogenmutationen während der Embryonalentwicklung
Stunden, da die Zellen sonst wieder in den G0-Zustand offenbar letal. Punktmutationen verursachen den Aus-
zurückkehren. Während eines bestimmten Abschnitts der tausch einer Aminosäure, so z.B. in den Positionen 12, 13
G1-Phase müssen sowohl Kompetenz- als auch Progres- oder 61 des Ras-Onkoproteins bei Patienten mit Colontu-
sionsfaktoren anwesend sein, anschließend nur noch Pro- moren. Chromosomale Translokationen wie bei der
gressionsfaktoren. Einige Cytokine wie der transformieren- chronischen Leukämie (9/22) führen zum Bruch von On-
de Wachstumsfaktor-E (TGF-E), Interferone oder Tumor- kogenen und zur anschließenden Fusion der Bruchstücke
nekrosefaktor D (TNF-D) antagonisieren die Wirkung von mit Ausbildung von Fusionsgenen, die in ihrer Funktion
Wachstumsfaktoren. verändert sind. Durch andere Translokationen (t8/14) ge-
Der erste Schritt in der Wechselwirkung von Wachs- rät ein Onkogen unter den Einfluss eines neuen regulato-
tumsfaktoren mit der Zielzelle ist die Bindung an einen rischen Systems (wie z.B. das c-myc-Onkogen beim Bur-
spezifischen Membranrezeptor, meist aus der Familie kitt-Lymphom unter den Einfluss des Immunglobulin-
35 der Rezeptoren mit Tyrosinkinaseaktivität (7 Kap. 25.5.1). locus). Folge der Onkogenmutation ist die konstitutive
Eine wichtige Funktion bei dieser Signaltransduktion Anschaltung eines Signaltransduktionswegs, auch wenn
kommt dem G-Protein Ras zu, das, das nach Aktivierung kein exogenes Wachstumssignal vorliegt. Sie macht die
durch Rezeptoren mit Tyrosinkinaseaktivität GTP bindet Zelle also vom Liganden unabhängig. Alternativ kann
und damit die Signaltransduktionskaskade weiterleitet. eine Daueraktivierung auch durch die konstitutive Pro-
Zur Signallöschung dient das GAP-Protein (GAP, GTPase duktion eines Wachstumsfaktors hervorgerufen werden,
activating protein). Dies fördert die GTPase-Aktivität von für den die Zelle einen Rezeptor besitzt. Diese auto-
Ras und leitet damit dessen Inaktivierung ein (. Abb. 35.2). krine Stimulation der Proliferation (7 Kap. 25.1.1) ist
Es gibt Mutationen, die einen Aminosäureaustausch im demnach ligandenabhängig. Darüber hinaus können
Ras-Protein auslösen, der die Bindung des GAP-Protein auch Gene, die am programmierten Zelltod (Apoptose)
und damit die Ras-Inaktivierung unmöglich macht. Dies beteiligt sind, durch eine veränderte Expression zu einer
führt zu einer Arretierung des durch den Wachstums- Verlängerung der Überlebenszeit der Zelle (ohne Pro-
faktor aktivierten Zustands der Zelle und wirkt damit liferationssteigerung) führen. Dies kann z.B. durch eine
mitogen. Erhöhung der bcl 2-Konzentration oder den Verlust von
35.4 · Antionkogene
1145 35

Caspase-Inhibitoren hervorgerufen werden (7 Kap. 7.1.5, dass es sich bei den beiden postulierten Mutationen um die
7 Kap. 9.3.1, 9.3.5). Inaktivierung der beiden Allele dieses Gens handelte. Es
wurde auch klar, dass das Rb-Gen rezessiv wirkte, da Kin-
der mit nur einem defekten Allel eine normale Entwicklung
35.4 Antionkogene erfahren. Nur die Zelle, die auch das normale Wildtyp-Allel
zusätzlich verliert, ist wachstumsgestört.
35.4.1 Identifizierung von Antionkogenen
! Eine somatische Mutation ist an dem Verlust der Hete-
rozygotie erkennbar.
! Bei familiären Tumoren liegt bereits eine Keimbahnmu-
tation vor. Zur Identifikation chromosomaler Regionen, die Anti-
onkogene enthalten, dient die DNA-Sequenzverlust-Ana-
Wesentliche Anstöße erhielt die Antionkogenforschung lyse, die am Beispiel des Retinoblastoms veranschaulicht
durch das Postulat von Alfred Knudson von der University werden soll (. Abb. 35.4), das – wie besprochen – als here-
of Texas in Houston zu Anfang der 70er Jahre des ver- ditäre und sporadische Form vorkommt. Geht man von der
gangenen Jahrhunderts, nach dem das Retinoblastom Annahme aus, dass der hereditären Form eine Keimbahn-
(RB), ein Augentumor bei Kindern, durch zwei konseku- mutation des Retinoblastomlocus zugrunde liegt, dann
tive Mutationen im Genom entsteht. wird das mutierte Allel bei einem Nachfahren des Patienten
4 Danach treten bei der sporadischen Form des Retino- in allen seinen Keimzellen und somatischen Zellen vor-
blastoms beide Mutationen in der Retinazelle als soma- kommen. Der Nachkomme ist also heterozygot für den
tische Mutationen nach der Konzeption auf Locus, da er auf einem Chromosom das normale und auf
4 wohingegen bei der familiären Form eine Mutation dem anderen das mutierte Allel aufweist. Tritt nun in einer
als Keimbahnmutation von einem Elternteil ererbt Retinazelle eine somatische Mutation auf, die zum Verlust
und die zweite als somatische Mutation erworben wird des normalen Allels führt, so verliert die entstehende Tu-
(. Abb. 35.3) morzelle ihren heterozygoten Zustand (loss of heterozygosi-
ty, LOH). Die Mutation, die zum Verlust des zweiten Allels
Diese Hypothese geriet in Zusammenhang mit den Anti- führt, kann mit einer Frequenz von 10–6 pro Zellgeneration
onkogenen, als die Natur dieser Keimbahn- und soma- auftreten, sodass zwei nicht-funktionierende Allele entste-
tischen Mutationen erkannt wurde: Sie führen nämlich hen, die jedoch Mutationen in unterschiedlichen Regionen
zur Inaktivierung eines Gens auf Chromosom 13, das als aufweisen können (gemischte Heterozygotie). Wesentlich
Rb-Gen (7 Kap. 7.1.3; 35.4.2) bezeichnet wird. Grundlage häufiger (mit 10–3 bis 10–4 pro Zellgeneration) erfolgt der
für diese Identifizierung waren cytogenetische Analysen, Verlust des Wildtyp-Allels jedoch durch andere Mechanis-
die ein gelegentliches Fehlen der Bande q14 des Chromo- men wie chromosomale non-disjunction, meiotische Re-
soms 13 bei Retinoblastomtumorzellen ergeben hatten. An- kombination oder Genkonversion, sodass die meisten Tu-
schließende genetische Analysen erbrachten den Beweis, moren, die beide Allele des Antionkogens verloren haben,
identisch mutierte Allele aufweisen. Ist eine solche Mutati-
on mit dem Verlust einer chromosomalen Bande (7 oben)
oder gar des gesamten Chromosoms verbunden, so ist sie
entsprechend einfach unter dem Mikroskop mit Hilfe der
Cytogenetik zu erkennen (ohne dass dadurch der genaue
Locus definiert wäre). Die meisten Mutationen liegen je-
doch auf submikroskopischer Ebene. Da aufgrund des oben
geschilderten Mechanismus der Entstehung der Heterozy-
gotie die chromosomalen Regionen, die das mutierte Allel
flankieren, oft ebenfalls betroffen sind, können polymor-
phe Marker, die in der Nähe der mutierten Region liegen
und ebenfalls vor der Tumorentstehung heterozygot waren,
einen parallelen Verlust der Heterozygotie aufweisen.
Zur Identifizierung bisher noch nicht bekannter Anti-
onkogene werden auch sog. anonyme Sonden (da zwar ihr
Bindungsort an einen Chromosomenabschnitt, nicht aber
ihre Struktur bekannt ist) als Marker für Polymorphismen
verwendet: Mehrere Hundert solcher anonymen DNA-
. Abb. 35.3. Vergleich der zeitlichen Mutationsabfolge bei fami- Sonden für alle Chromosomen mit einem mittleren Ab-
liären und sporadischen Tumoren. Gezeigt sind die beiden Allele, stand von etwa 10 Millionen Basen stehen für diese Unter-
die nacheinander durch Mutationen geschädigt werden müssen suchungen zur Verfügung. Um den Verlust von Allelen zu
1146 Kapitel 35 · Tumorgewebe

. Abb. 35.4. Verlust der Heterozygotie


(LOH) am Beispiel des Retinoblastoms. Oben
links: Vererbung eines Chromosom 13 mit
einem rezessiven Defekt am RB 1-Locus (als rb
bezeichnet) führt dazu, dass das Kind in allen
Zellen rb/+ ist. Das Retinoblastom kann durch
Verlust des dominanten Wildtyp-Allels durch
im unteren Abbildungsteil beschriebene
Mechanismen entstehen. Oben rechts: Eine
rezessive Mutation, die in einer einzelnen Zelle
auftritt, könnte ebenfalls durch einen der
angegebenen Mechanismen erkannt werden.
Unten: Der an der Tumorentstehung beteiligte
chromosomale Mechanismus kann durch den
Vergleich der Genotypen der Loci A und B auf
Chromosom 13 in Normal (N)– und Tumorge-
webe (T) analysiert werden: (α) Verlust des
Wildtypchromosoms, sodass ein Verlust dieser
Allele im Tumorgewebe auftritt, (β) Verlust des
Wildtypchromosoms und Duplikation des
mutierten Chromosoms, sodass die Intensität
der verbliebenen Allele doppelt so stark im
Tumor- wie im Normalgewebe ist, (γ) Rekombi-
nation unter Beteiligung eines Bruchpunkts
zwischen Locus A und rb1, sodass ein Locus im
Tumor heterozygot bleibt, während der andere
ein Allel verliert und das zweite verdoppelt,
und (δ) ist die Mutation spezifisch für den
rb1-Locus, dann zeigt die RFLP-Analyse keinen
Allelverlust im Tumor. (Nach Hansen u. Cava-
nee 1988)

entdecken, muss DNA von normalen und Tumorzellen ! Unterschiede in den genetischen Fingerabdrücken von
desselben Patienten verglichen werden. Die wiederholte Tumor- und Normalgewebe weisen auf somatische
Beobachtung des Verlusts der Heterozygotie eines spezi- Mutationen hin.
fischen chromosomalen Markers in Zellen eines be-
35 stimmten Tumortyps spricht dann für die Existenz eines in Ein ähnlicher Ansatz ist mit Hilfe der Sonden für Mikro-
der Nähe gelegenen Antionkogens, dessen Verlust an der satelliten möglich. Dazu werden kurze Nucleotidabschnitte
Tumorentstehung beteiligt ist. So findet sich z.B. ein Mar- wie (CAC)5 oder (CTGT)4, die mehrfach an bekannten
ker für Chromosom 18q, der hochpolymorph (und des- Stellen des Genoms vorkommen, als Sonden verwendet.
halb in den meisten Genomen heterozygot) ist, in 70% Bei diesem Ansatz werden bei einem Patienten der trans-
fortgeschrittener Colonkarzinome in einem homozygoten formierte und der noch verbliebene gesunde Anteil eines
Zustand. Dies spricht für die Gegenwart eines Antionko- Organs parallel untersucht. Dies ist z.B. beim Nierenkrebs
gens in der Nähe dieses Markers. Mit diesem Ansatz kann möglich, zu dessen Behandlung die erkrankte Niere durch
man das gesamte Tumorgenom systematisch auf die Ge- Operation entfernt wird. Solche als genetischer Finger-
genwart von LOHs untersuchen. Erschwert werden Inter- abdruck bezeichneten Analysen zeigen, dass bei Verwen-
pretation und Analyse von LOHs gelegentlich durch die dung der mit dem DNA-Abschnitt (CTGC)4 hybridisie-
Gegenwart stromaler und inflammatorischer Zellen in renden Sonde (GACA)4 nach Restriktionsenzymverdau
Tumorgewebeproben, d.h. von Zellpopulationen, die den bei einem Großteil der Patienten Bandenabschwächungen
normalen Genotyp aufweisen. erkennbar sind (. Abb. 35.5). Da die repetitiven Elemente,
35.4 · Antionkogene
1147 35

dung zusätzlicher Sonden kann die Zahl der Kandidaten-


gene von mehreren auf eines eingeengt werden, welches
dann sequenziert wird. Durch den Nachweis von Muta-
tionen bei Patienten mit der untersuchten Tumorerkran-
kung wird das Kandidatengen in den Stand eines Tumor-
gens erhoben.

35.4.2 Funktionen von Antionkogenen

! Tumorsuppressor-Gene regulieren den Zellzyklus.

Antionkogene bzw. Antionkoproteine wirken als Hemm-


stoffe des Zellwachstums (. Tab. 35.2): Die Antionkoprote-
ine Rb105 und p53 (7 Kap. 7.1.3, 10.3.2, 35.4.2) werden als
kernständige Proteine beim kritischen Übergang von der
G1- in die S-Phase benötigt, also zu dem Zeitpunkt, zu dem
auch TGF-E die Progression durch den Zellzyklus hemmen
kann. Die Hemmung durch TGF-E korreliert mit einer
Phosphorylierung des Rb-Genprodukts, welches dadurch
inaktiviert wird (7 unten). Für andere Antionkoproteine
werden eine Reihe von Funktionen (. Tabelle 35.3) disku-
tiert, zu denen auch DNA-Reparaturfunktionen zählen
(Mutator-Gene, 7 Kap. 35.5.2). Für ein weiteres Antionko-
. Abb. 35.5. Nachweis des Verlusts chromosomaler Abschnitte
gen, das BCRA1-Gen, dessen Ausfall mit einem deutlichen
bei 8 Patienten mit Nierenkrebs durch genetischen Fingerab- Risiko verbunden ist, ein familiäres Mammakarzinom zu
druck. Die Hybridisierung erfolgte mit der synthetischen Oligonu- entwickeln, sind Funktionen bei der Regulation der Trans-
cleotidsonde (GACA). N Normalgewebe; C Tumorgewebe; Hi Hinf I; H kription, der DNA-Reparatur sowie der Ubiquitierung von
Hae III. Die Pfeile zeigen die im Tumoranteil fehlenden Banden. (Nach
Proteinen nachgewiesen worden.
Bock et al. 1994)
! Das Rb-Genprodukt hemmt über die Inaktivierung der
Transkriptionsfaktoren E2F und DP1 den Eintritt in die
mit denen diese Sonde hybridisiert, auf den kurzen Armen
S-Phase.
der Chromosomen 13, 14, 15, 21 und 22 liegen, befinden
sich dort wahrscheinlich für die renale Tumorgenese kri- Der zeitliche Ablauf des Zellzyklus wird durch Synthese
tische Gene. Durch diese Techniken wird i.A. eine chro- und Abbau der Cycline bestimmt, deren Konzentration in
mosomale Region festgelegt, auf der sich eine Vielzahl einer Phase des Zellzyklus ansteigt und in einer anderen
von Kandidaten-Antionkogenen befindet. Durch Verwen- wieder abfällt (Einzelheiten 7 Kap. 7.1.2). Cycline regulieren

. Tabelle 35.2. Antionkogene (Auswahl)


Gen Protein Krankheit Lokalisation Funktion
rb Rb Retinoblastom, Osteosarkom 13q14 Reguliert Transkriptionsfaktoren
wt-1 WT-1 Wilms-Tumor 11p13 Transkriptionsfaktor
apc APC Familiäre Polyposis 5q21 β-Cateninbindung
dcc DCC Colorektale Tumoren 18q21 Adhäsionsprotein
p53 p53 Osteosarkom, Mamma, Gehirn 17p12–13 Transkriptionsfaktor
nf1 Neurofibromin Neurofibromatose 17q11.2 GTPase-aktivierendes Protein
nf2 Merlin Akustikusneurinom 22q Cytoskelett-Integration
mts1 p16 Melanom 9q21 Blockiert cdk4
mts2 p15 ? 9q21 Blockiert cdk
msh2 MSH2 Colorektale Tumoren 2p DNA-Reparatur
mlh1 MLH1 Colorektale Tumoren 3p DNA-Reparatur
brca1 BRCA1 Mamma-, Ovarialcarcinom 17q21 Transkriptionsfaktor
1148 Kapitel 35 · Tumorgewebe

lich sind (sog. S-Phase-Proteine). Damit besteht die normale


. Tabelle 35.3. Mögliche Funktionen von Antionkogenen
Funktion von Rb105 – nicht nur in Retinazellen – darin,
Induktion terminaler Differenzierung
den Eintritt in die S-Phase zu verhindern.
Aufrechterhaltung genomischer Stabilität (Mutator-Gene)
Triggerung des Alterungsprozesses ! p53 hemmt den Übergang in die S-Phase bei DNA-
Schädigungen.
Regulation des Zellwachstums
Hemmung von Proteinasen Wenn die DNA einer Zelle durch Carcinogene, UV-Licht
Modulation von Histokompatibilitätsantigenen oder γ-Strahlung beschädigt ist (7 Kap. 7.7.3), bedeutet dies
Regulation der Angiogenese bei einer Zellteilung das Risiko einer erhöhten Mutations-
Vermittlung der Zell-Zell-Kommunikation frequenz. Es existieren deshalb Mechanismen, mit denen
der Übergang in die S-Phase bei Schädigung des Genoms
verhindert wird. So steigt die p53-Konzentration als Ant-
Proteinkinasen, die deshalb als Cyclin-abhängige Protein- wort auf eine DNA-Schädigung an. Dadurch werden ver-
kinasen (cyclin dependent kinases, CDK 1, 2, 3 etc.) bezeich- schiedene Transkriptionsfaktoren wie z.B. das p21-Protein
net werden. Die Aktivierung von CDK 2 durch Cyclin E und vermehrt synthetisiert. p21 bindet die CDK 2 und 4 und
von CDK 4 durch Cyclin D führt zur Phosphorylierung des hemmt dadurch die Phosphorylierung ihrer Substrate, so
Retinoblastom-Proteins (Rb105), wodurch die Zelle in die z.B. des Rb105 (. Abb. 35.7). Dadurch bleibt der Rb105-
S-Phase eintreten kann. Rb105 bindet im dephosphory- E2F-DP1-Komplex intakt und die Zelle kann nicht von der
lierten Zustand zwei Transkriptionsfaktoren, E2F und DP1, G1- in die S-Phase übertreten. Dies verschafft der Zelle eine
die dadurch inaktiviert werden. Die Phosphorylierung von Gelegenheit, den DNA-Schaden zu reparieren. Anschlie-
Rb105 führt zu Freisetzung von E2F und DP1, die dann die ßend fällt der p53-Spiegel wieder ab, sodass p21 nicht län-
Transkription von Genen in Gang setzen (. Abb. 35.6). Dazu ger synthetisiert wird. Ist p53 mutiert (bei fast der Hälfte
gehören Proteine, die für die die DNA-Synthese verantwort- aller menschlichen Tumoren! siehe unten), so kann der

. Abb. 35.6. Wirkung von Cyclin


G0 Cyclin E CDK 2 E2F
E/CDK2 und Cyclin D/CDK4 auf
den Rb-E2F-DP1-Komplex. Nach p 53 Rb DP 1
Phosphorylierung des Rb 105 M
dissoziiert der Komplex, sodass die ATP
CDK 4
Transkriptionsfaktoren freigesetzt G2
werden und ihre Wirkung entfalten ADP
G1 P P
können
Cyclin D Rb + +
P P

S
Transkription von
S -Phase-Genen

35 . Abb. 35.7. Über p21 vermittel-


te Effekte von p53 auf die Cyclin
E/CDK2- und Cyclin D/CDK4-
Komplexe. (Einzelheiten 7 Text)
35.4 · Antionkogene
1149 35

Übergang in die S-Phase nicht verhindert werden. Darüber die S-Phase ermöglichen. Die Bindung von E7 an Rb105 ent-
hinaus supprimiert das p53-Protein die Entstehung von spricht der Phosphorylierung von Rb105 durch die CDKs
Tumoren noch über die Initiation der Apoptose (7 Kap. (. Abb. 35.6), sodass die Notwendigkeit für das normale
7.1.5). Somit überwacht p53 die Integrität des Genoms Signal umgangen wird. Unter diesen Umständen erkennt
durch Verhinderung der Zellteilung durch G1-Arretierung das p53-Kontrollsystem möglicherweise, dass etwas nicht
oder Aktivierung eines Suizidprogramms, wenn die DNA stimmt, sodass die Zelle der Apoptose anheim fallen würde.
eine Schädigung aufweist. Da jedoch das E6-Protein mit p53 assoziiert, wird sein Abbau
gefördert und seine Wirkung entsprechend geschwächt.
! Papillomvirus-Genprodukte können p53 und das
Rb105 inaktivieren.

Papillomviren (7 Kap. 10.3.2) benötigen für ihre Replikation 35.4.3 Inaktivierung von Antionkogenen
Nucleotidvorstufen. Aus diesem Grunde ist es für sie günstig, durch Mutationen
wenn die Wirtszelle in die S-Phase eintritt, in der die Bedin-
gungen für die Virusreplikation optimal sind. Die Virus- ! Antionkogenmutationen wirken rezessiv.
proteine E6 und E7 binden und inaktivieren p53 und Rb105.
Wenn E7 an Rb105 bindet, setzt das Rb105-Protein die Antionkogene wirken – im Gegensatz zu den Onkogenen
E2F-DP1-Transkriptionsfaktoren frei, die den Eintritt in – rezessiv, d.h. sowohl die vom Vater als auch die von

. Abb. 35.8. Verteilung somatischer Mutationen im p53-Gen. In risikoregionen. Unten Patienten mit Lungen- oder Darmkrebs. (Nach
der Mitte: Die Gesamtverteilung bei 1312 Patienten. Oben: Die unter- Harris u. Hollstein 1993)
schiedliche Verteilung bei Leberkrebspatienten in Hoch- und Niedrig-
1150 Kapitel 35 · Tumorgewebe

der Mutter ererbte Kopie des Gens muss inaktiviert sein, eine immer wieder beobachtete zeitliche Abfolge morpho-
damit die wachstumssupprimierende Funktion des Gens logischer Veränderungen vom Adenom bis zum Karzi-
aufgehoben wird. Prädispositionssyndrome resultieren nom auf, die auf molekulare Veränderungen untersucht
aus der Keimbahninaktivierung einer Kopie eines Anti- werden kann.
onkogens, der eine somatische Mutation auf dem anderen
Allel folgen muss, damit die Krankheit klinisch manifest
wird. Auch Antionkogene können über die bekannten 35.5.1 Familiäre adenomatöse Polyposis
Mechanismen inaktiviert werden: Punktmutationen (mit (FAP)
Aminosäuresubstitutionen oder vorzeitigem Transla-
tionsabbruch), Deletionen, Insertionen oder Spleißmuta- ! Werden Patienten mit der FAP nicht operiert, so entwi-
tionen. ckelt sich ein Dickdarmtumor.

! Somatische Mutationen des p53-Antionkogens sind


Die FAP manifestiert sich im 2.Lebensjahrzehnt und ist
häufig und bei den einzelnen Tumorerkrankungen
durch die Entstehung von Hunderten bis Tausenden von
unterschiedlich verteilt.
adenomatösen Polypen im Colon und Rektum gekenn-
Etwa 80% der Mutationen im p53-Gen bedingen Ami- zeichnet (. Abb. 35.9). Wird der Patient nicht behandelt,
nosäuresubstitutionen (Missense-Mutationen), die die so entsteht aus den Polypen im 4. und 5. Lebensjahrzehnt
Wechselwirkung mit anderen Proteinen in der Zelle oder immer ein colorektales Karzinom (obligate Präcancerose).
die Halbwertszeit verändern (. Abb. 35.8). Die Analyse Die Therapie besteht in der vorbeugenden, fast vollstän-
von über 30 Tumorerkrankungen des Menschen hat digen Entfernung des Dickdarms. Einzelne Patienten kön-
gezeigt, dass die meisten p53-Mutationen aufweisen nen auch andere Tumormanifestationen oder Verände-
und dass sich die Verteilung verschiedener Mutationen rungen am Retinaepithel entwickeln. Das bei der FAP
im p53-Gen von Erkrankung zu Erkrankung unter- veränderte Gen wird als APC-Gen (. Tab. 35.3) bezeich-
scheidet. Abbildung 35.8 zeigt die Verteilung von Muta- net. Es liegt auf Chromosom 5q21, hat eine Länge von
tionen bei verschiedenen Gruppen von Patienten. Hoch- 6,6 kb mit 15 Exons und codiert für ein Tumorsuppressor-
risikogruppen chinesischer Patienten mit Leberkrebs, Protein mit 2843 Aminosäuren. Eine Fülle unterschied-
die aus Gegenden stammen, in denen chronische Hepa- licher Keimbahnmutationen ist bei FAP-Patienten be-
titis B-Infektionen oder Belastung mit Aflatoxin B1 häu- schrieben worden, von denen die meisten Rasterschub-
fig sind, haben ein deutlich anderes Mutationsspek- mutationen sind, die einen vorzeitigen Abbruch der
trum als Patienten aus Gegenden mit geringem Erkran-
kungsrisiko. Deutliche Unterschiede finden sich auch
beim Vergleich von Lungen- und Darmkrebs. Im All-
gemeinen sind p53-Genmutationen mit einem schlech-
teren Ansprechen auf die Chemo- und Radiotherapie
verbunden. Die Zellen weisen ein labileres Genom auf,
sodass Mutationen akkumulieren können. Dagegen rea-
gieren Tumoren mit normalen p53-Genen gut auf die
therapeutisch induzierte DNA-Schädigung durch Cyto-
statika.

35 35.5 Kumulative Aktivierung von


Onkogenen und Inaktivierung
von Antionkogenen beim Mehr-
schrittprozess der Tumorigenese

Seit Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts sind


die Kenntnisse über die genetischen Grundlagen von
Krebserkrankungen, die den Dickdarm und das Rektum
betreffen (colorektale Tumoren) wesentlich weiterentwi-
ckelt worden. Dazu haben angeborene Erkrankungen (Prä-
dispositionssyndrome), die zu diesem Tumor führen, wie
. Abb. 35.9. Zahlreiche gutartige Polypen, aus denen sich bei
die familiäre adenomatöse Polyposis (FAP) oder die nicht- der familiären adenomatösen Polyposis obligat Karzinome ent-
polypösen colorektalen Tumorerkrankungen, beigetragen. wickeln. (Aufnahme von S.R.Hamilton, John Hopkins University
Außerdem tritt bei sporadischen colorektalen Tumoren School of Medicine)
35.5 · Kumulative Aktivierung von Onkogenen und Inaktivierung von Antionkogenen
1151 35

. Abb. 35.10. Die APC-mRNA: Darstellung der 15 Exons. In der dargestellt, die sowohl bei der FAP als auch bei sporadischen colorek-
unteren Hälfte sind die Keimbahnmutationen mit ihren klinischen talen Tumoren vorkommen
Manifestationen, in der oberen Hälfte die somatischen Mutationen

Translation mit Bildung eines verkürzten Proteins zur und Größe eine weitere (in diesem Fall somatische) Mu-
Folge haben. Über den Nachweis solch unterschiedlich tation in dem noch normalen Allel (Knudson-Hypothese,
verkürzter Proteine können etwa 80% der Mutationen 7 Kap. 35.4.1). Diese könnte durch Mutagene in der ver-
nachgewiesen werden. Dem APC-Protein wird eine Funk- dauten Nahrung verursacht werden oder dadurch, dass
tion als Zelladhäsionsmolekül durch Wechselwirkungen die Zellen eine Störung des DNA-Reparaturmechanismus
mit α- und ß-Catenin (7 Kap. 6.2.6) zugeschrieben. Zwi- aufweisen, sodass sie die Rasterschubmutationen nicht
schen Art der Mutationen (und damit der Länge des Pro- reparieren können. Die Folge ist ein Wachstumsvorteil
teinprodukts) und dem Auftreten klinischer Symptome durch die Mutation, sodass der betroffene Zellklon stark
besteht eine direkte Beziehung (. Abb. 35.10). Die Ade- expandiert.
nome bei FAP-Patienten erwerben mit zunehmender Zahl
1152 Kapitel 35 · Tumorgewebe

35.5.2 Hereditäre nicht-polypöse etwa 15% der Patienten mit sporadischen colorektalen
colorektale Tumoren Tumoren gesehen wird. Diese Mikrosatelliten-Instabilität
könnte für Mutationen anderer Gene verantwortlich sein,
! Mutationen in Genen für Reparaturenzyme können die an dem Mehrschrittprozess der Tumorentstehung be-
Tumorerkrankungen verursachen. teiligt sind.

Diese vererbbaren Darmtumoren (Lynch-Syndrom) zeich-


nen sich durch eine Disposition, einen colorektalen Tumor 35.5.3 Sporadische colorektale Tumoren
zu entwickeln, aus. Sie machen etwa 5 bis 15% der Dick-
darmkrebserkrankungen aus. Die Tumoren treten im mitt- Colorektale Tumoren stellen ein ausgezeichnetes Modell für
leren Lebensalter (mit etwa 45 Jahren) auf und liegen bevor- die molekulare Analyse des Mehrschrittprozesses der Tu-
zugt proximal der linken Colonflexur. Durch die Analyse morentstehung dar, da die meisten bösartigen Tumoren
von Familien (. Abb. 35.11), in denen die Krankheit ver- (Karzinome) aus gutartigen (Adenomen) entstehen. Damit
mehrt auftritt, gelang mit verschiedenen Methoden die lassen sich die einzelnen Schritte der Tumorigenese, d.h. die
Identifizierung der zugrunde liegenden genetischen De- Progression vom normalen Mukosaepithel über die Hyper-
fekte: Interessanterweise fand sich nicht der übliche Verlust plasie, die unterschiedlichen Adenomformen bis zum Kar-
von Genen, sondern es wurden Allele mit unterschiedlicher zinom (mit und ohne Metastasierung) auf molekularer Ebe-
Länge beobachtet. Dies ist auf veränderte (CA-) Dinucleo- ne verfolgen. Dazu werden Gewebeproben in den einzelnen
tidrepeats zurückzuführen. Veränderungen dieser Mikro- Krankheitsstadien mit Hilfe cytogenetischer und moleku-
satelliten (7 Kap. 5.4.3) wurden im gesamten Genom ge- larbiologischer Methoden mit gesundem Colongewebe ver-
funden, was dafür spricht, dass die an der angeborenen glichen und auf Änderungen (loss of heterozygosity (LOH)
Disposition für colorektale Tumoren beteiligten Gene und Mutationsanalyse) untersucht. Nach den Ergebnissen
etwas mit der fehlerfreien DNA-Replikation zu tun hat- dieser Analysen entstehen colorektale Tumoren als Folge
ten. So wurden mehrere Gene auf den Chromosomen 2, der kumulativen Aktivierung von Onkogenen bzw. Inakti-
3 und 7 (hmsh2, hmlh1, hpms1 und 2) identifiziert, die vierung von Antionkogenen durch Mutationen.
Homologe des bakteriellen muthls-Komplexes darstellen,
! Mutationen in den mcc- und ras-Onkogenen bestim-
der am genetischen Korrekturlesen, d.h. der Reparatur
men die frühe Phase des Adenom-Karzinom-Über-
von Basenfehlpaarungen, beteiligt ist (7 Kap. 7.3.1). Keim-
gangs.
bahnmutationen dieser Mutatorgene führen zu einem
Funktionsverlust mit Akkumulation von Fehlpaarungen Im Gegensatz zum normalen Epithelwachstum besteht in
mit DNA-Replikationsfehlern, der bei einem hohen Pro- der frühen colorektalen Tumorigenese ein hyperprolifera-
zentsatz von Patienten mit angeborenen, aber auch bei tiver Regenerationszustand von Colonepithelien. An die-

35

. Abb. 35.11. Familienstammbaum mit hereditärem, nicht- me (rote Symbole), einzelne aber auch andere Tumoren z.B. des Nieren-
polypösem, colorektalem Karzinom (CRC). Die Zahl gibt das Mani- beckens oder Dünndarms (grüne Symbole). ○ Frau; □ Mann; ø □/ ver-
festationsalter an. Die meisten Betroffenen haben colorektale Karzino- storben; CRC colorektales Karzinom
35.5 · Kumulative Aktivierung von Onkogenen und Inaktivierung von Antionkogenen
1153 35

. Abb. 35.12. Genetische Veränderungen bei der Progression vom Colonadenom zum Colonkarzinom. (Einzelheiten 7 Text)

sem Zustand ist das mcc-Gen (mutated in colon carcinoma) dukt übrig bleibt, so erwirbt die Tumorzelle einen weiteren
auf Chromosom 5q21 beteiligt. Das Auftreten des Adenom- Wachstumsvorteil.
phänotyps wird von einer Hypomethylierung (verringerte Der zweite wichtige Allelverlust betrifft Chromosom
DNA-Methylierung, 7 Kap. 8.5.1) mit genomischer Insta- 18q21–22, das bei etwa 70% der Tumoren und etwa 50%
bilität begleitet (. Abb. 35.12). Diese hemmt die Chromo- der späten Adenome verloren ist. Das dort gelegene dcc-
somenkondensation. Bei einem Drittel der untersuchten Gen (deleted in colorectal carcinomas) codiert für ein Pro-
DNA-Abschnitte konnten bereits bei Grad I/II-Adenomen tein, das eine signifikante Homologie zur Familie der Zell-
Hypomethylierungen festgestellt werden. Im weiteren Ver- adhäsionsproteine aufweist. Das dcc-Gen wird in normaler
lauf der Tumorigenese treten ras-Mutationen auf. Bis zu Colonschleimhaut exprimiert, jedoch nicht oder nur in
10% der Colonadenome (Polypen) mit einer Größe von reduzierter Menge in der Mehrzahl (etwa 75%) der colorek-
weniger als 1 cm, aber bereits etwa die Hälfte der Adenome talen Tumoren. Das Gen könnte durch Veränderungen von
mit einer Größe von mehr als 1 cm und die Hälfte aller Zell-Zell-Wechselwirkungen oder Zell/extrazelluläre Ma-
Karzinome weisen ras-Mutationen auf (. Abb. 35.13). Da- trix-Wechselwirkungen eine Rolle bei der Tumorigenese
neben können andere Onkogene wie z.B. das neu-, c-myc- spielen. Im Gegensatz zu Allelverlusten auf Chromosom
oder c-myb-Onkogen aktiviert sein. 17p bestehen 18q-Verluste bereits in etwa 15% sog. Grad
! Mutationen in den dcc- und p53-Antionkogenen be-
stimmen die späte Phase des Adenom-Karzinom-Über-
gangs.

Im weiteren Verlauf kommt es zum Verlust verschiedener


Regionen (LOH, 7 Kap. 35.4.1) im Bereich des kurzen
Arms von Chromosom 17: Sie sind zwar selten bei Pa-
tienten mit Adenomen und nehmen mit zunehmender
Größe, villösen Anteilen bzw. Dysplasie (Grad I bis III, also
zunehmend undifferenzierter) auf etwa 25% zu, treten aber
bei etwa 75% aller Patienten mit Karzinomen auf (. Abb.
35.13). Allen Verlusten gemeinsam ist die Region p12–13,
die das p53-Antionkogen enthält. Außerdem wurden
Punktmutationen in dem zweiten p53-Allel in Zusammen-
hang mit dem Verlust des anderen Allels häufig bei colorek-
talen Tumoren gefunden. Bereits die Mutation eines Allels
bewirkt einen selektiven Wachstumsvorteil der betroffenen
Zelle, da offenbar das mutierte Genprodukt mit der Funk-
tion des noch gesunden durch Komplexbildung interferiert . Abb. 35.13. Prozentsatz von ras-Mutationen und -Allelverlus-
(dominanter Effekt). Geht in einem weiteren Schritt das ten auf Chromosom 17p in Abhängigkeit vom Tumorstadium.
normale Allel verloren, sodass nur das mutierte Genpro- (Einzelheiten 7 Text)
1154 Kapitel 35 · Tumorgewebe

. Abb. 35.14. Entstehung verschie-


dener Formen des BCR-ABL-Fusions-
gens durch Chromosomen-Trans-
lokation bei der chronisch mye-
loischen Leukämie. (Einzelheiten
7 Text)

I–II-Adenome und nehmen mit weiterer Dysplasie (Grad kämie (CML), war die Voraussetzung für die Klonierung
III) auf 47% zu. Bei diesen molekularen Veränderungen der beteiligten Gene.
handelt es sich um häufige, in der Adenom-Karzinom-Se-
! Patienten mit chronisch myeloischer Leukämie weisen
quenz anzutreffende Veränderungen, deren dargelegter
eine reziproke Translokation zwischen den Chromo-
Zeitablauf bevorzugt auftritt, aber nicht auftreten muss. So
somen 9 und 22 auf.
sind 17p-Allelverluste in frühen Adenomen selten und ver-
gleichende Untersuchungen zwischen Adenomen und Kar- Die chronische myeloische Leukämie (CML) ist eine Leu-
zinomen zeigen, dass der Unterschied nicht durch die Qua- kämie, bei der Granulozyten und ihre unreifen Vorstufen
lität der Veränderungen, sondern ihre Quantität bedingt ist. unreguliert produziert und ins Blut freigesetzt werden. Bei
Daraus kann man schließen, dass die Akkumulation gene- Patienten mit CML waren im Jahre 1960 ein verkürzter lan-
tischer Veränderungen und nicht ihr zeitlicher Ablauf für ger Arm des Chromosoms 22 (22q- oder Philadelphia-
die Progression vom Adenom zum Karzinom verantwort- Chromosom) und als dessen Ursache im Jahre 1973 eine
lich ist. Mit Sicherheit sind noch Allelverluste in anderen Translokation beschrieben worden, die durch eine Aus-
chromosomalen Regionen (so z.B. auf 1q, 4p, 6p, 8p, 9q, tausch von Bruchstücken zwischen den Chromosomen 9
22q) für die colorektale Tumorigenese von Bedeutung, so- und 22 charakterisiert ist. Dabei ist jeweils eines der beiden
dass man davon ausgehen kann, dass mindestens 6 bis 10 Chromosomen der Zelle betroffen. An der reziproken
genetische Veränderungen die colorektale Tumorigenese Translokation sind das Abl-Onkogen auf Chromosom 9
bedingen. und das Breakpoint Cluster Gen (BCR) auf Chromosom 22
beteiligt. Das Abl-Onkogen kodiert für eine Nichtrezeptor-
Tyrosinkinase mit einem Molekulargewicht von 145 kd
35.6 Entstehung von Fusionsgenen (p145ABL) (. Abb. 35.14).
durch Translokationen Der Bruchpunkt im ABL-Gen tritt in Richtung 5c (zum
Zentromer hin) des Exon 2 (von insgesamt 11 Exons) auf . Die
35 Jede Änderung des Tumorzellgenoms kann (muss aber Exons 2–11 des ABL-Onkogens werden in die sog. Major
nicht) eine makroskopisch sichtbare Veränderung der Breakpoint-Cluster Region (M-bcr) des BCR-Gens trans-
Chromosomen bedingen und damit mit Hilfe der Cytoge- poniert: die dabei entstehende Fusions-mRNA wird in ein
netik erkennbar werden. Daraus folgt, dass die molekulare chimäres Protein transkribiert, das als p210BCR-ABL bezeich-
Charakterisierung der chromosomalen Veränderung zur net wird. In seltenen Fällen liegt der Bruchpunkt auf Chromo-
Identifikation der an der Erkrankung ursächlich beteiligten som 22 an anderen Stellen, den Minor- bzw. Mikron-Break-
Krebsgene führen kann. In der Tat zeigte die Identifizierung point Cluster Regionen. Dabei entstehen das p190BCR-ABL-
von Genen, die an Rearrangements beteiligt sind, dass es (m-bcr) bzw. p230BCR-ABL-(μ-bcr) Fusionsprotein.
sich in einzelnen Fällen um Onkogene handelt. Dadurch, Die mit der Bildung der Fusionsproteine verbundenen
dass Onkogene an der Translokation beteiligt waren, war strukturellen Änderungen rufen die Charakteristika der
belegt, dass sowohl Translokationen als auch Onkogene CML (Transformation, vermehrte Proliferation, gestörte
entscheidend an der Tumorentstehung beteiligt sein müs- Adhäsion) hervor: vermittelt wird diese durch konstitutive
sen. Die chromosomale Analyse, d.h. z.B. der Nachweis der Aktivierungen der RAS- , JAK-STAT-, FAK und Pl-3-Kina-
9/22 Translokation bei der chronischen myeloischen Leu- se-Signalwege (7 Kap. 25).
35.7 · Mechanismen der Invasion und Metastasierung
1155 35

Durch die auf diesen biochemischen Kenntnissen beru- zen und die die Proliferation im Zielorgan der Metastasie-
hende Entwicklung eines spezifischen BCR-ABL-Tyrosin- rung ermöglichen. Diese Proteine werden auch von nicht-
kinase-Inhibitors (STI 571) können Patienten mit CML transformierten Zellen gebildet, werden aber durch Proteine
heute sehr gut behandelt werden (7 Kap. 35.11). antagonisiert, die ihre Produktion, Regulation oder Wir-
kung blockieren können. Störungen dieses Gleichgewichts
führen zur Aktivierung der Bewegung (Motilität) und Pro-
35.7 Mechanismen der Invasion teolyse als Voraussetzung für Invasion und Metastasie-
und Metastasierung rung.
! Die Neubildung von Gefäßen ist ein kritischer Schritt
Solange ein Tumor auf seinen Ausgangspunkt beschränkt
bei der Tumorbildung.
ist (Primärtumor), kann die Erkrankung durch einen ope-
rativen Eingriff geheilt werden. Viele Tumoren weisen je- Invasives Verhalten und Metastasierung beruhen auf einer
doch die Tendenz auf, lokal invasiv zu wachsen und nach Kaskade von miteinander verbundenen und nacheinander
Einbruch in die Gefäßbahn sekundäre Tumoren (Metasta- ablaufenden Schritten, die viele Wirt-Tumor-Wechselwir-
sen) zu bilden. kungen beinhalten. Für die erfolgreiche Metastasierung
muss eine Zelle oder eine Gruppe von Zellen imstande sein,
den Primärtumor durch Überwindung der Basalmembran
35.7.1 Invasion und Metastasierung zu verlassen, in das örtliche Stroma einzudringen, An-
schluss an die Zirkulation zu gewinnen, im entfernten Ge-
! Invasion und Metastasierung erfordern zusätzliche fäßbett stecken zu bleiben, in das Zielorgan zu auszuwan-
genetische Veränderungen in Tumorzellen. dern (Interstitium und Parenchym) und als sekundäre
Kolonie zu proliferieren (. Abb. 35.15). Dabei stellt die
Verschiedene koordiniert ablaufende Prozesse stellen die Neubildung von Gefäßen, die Angiogenese, die Vorausset-
Voraussetzung für Invasion und Metastasierung dar. Dabei zung für die Größenzunahme des Primärtumors über einen
sind – wie im Falle der Onko- und Antionkoproteine – ne- Durchmesser von 2 mm dar; diese Größenzunahme ver-
gative und positive regulatorische Elemente von Bedeutung. ursacht eine Hypoxie, die zur Bildung des Hypoxie-indu-
Die bisher beschriebenen genetischen Veränderungen füh- zierbaren Transkriptionsfaktors I (HIF) führen (7 Kap.
ren zu einer Störung der Proliferation. Das fehlregulierte 28.1.10). Diese führt zur Expression des vaskulären endo-
Wachstum ruft jedoch nicht per se Invasion und Metasta- thelialen Wachstumsfaktors (VEGF). Auf parakrinem
sierung hervor, d.h. diese Prozesse bedürfen zusätzlicher Weg stimuliert VEGF die Proliferation von Gefäßendothel-
genetischer Veränderungen. Mutationen können entweder zellen. Diese Wirkung wird über spezifische VEGF-Rezep-
nacheinander und völlig unabhängig voneinander auftre- toren (VEGF-R1 und VEGF-2 oder KDR) vermittelt, die
ten oder – was wahrscheinlicher ist – durch zeitlich über- Tyrosinkinaseaktivität aufweisen. An der Gefäßneubildung
lappende Prozesse. Invasion und Metastasierung kommen sind auch andere Cytokine wie TGF-E, FGF und Angio-
durch Proteine zustande, die die Anhaftung von Tumorzel- genin beteiligt. Über die neu gebildeten Blutgefäße, die den
len an zelluläre oder extrazelluläre Matrixbestandteile des Tumor durchdringen, treten die Tumorzellen häufig in die
umgebenden Gewebes fördern, die die Proteolyse von Zirkulation ein. Eine Neubildung von Gefäßen ist ebenso
Wirtsbarrieren wie z.B. Basalmembranen durch Tumorzel- für die Vergrößerung der metastatischen Kolonie erforder-
len stimulieren, die die Tumorzellfortbewegung unterstüt- lich. Nur ein sehr kleiner Prozentsatz, d.h. weniger als 0,01%

. Abb. 35.15. Mehrschrittprozess der Metastasierung. (Einzelheiten 7 Text)


1156 Kapitel 35 · Tumorgewebe

der zirkulierenden Tumorzellen, ist schließlich imstande, Basalmembran findet sich an dieser Stelle eine umschrie-
metastatische Kolonien zu verursachen. Demzufolge wird bene lokalisierte Zone der Auflösung. Dies kommt dadurch
die Metastasierung auch als ein hochselektiver Wettbewerb zustande, dass Tumorzellen proteolytische Enzyme sezernie-
angesehen, der das Überleben einer Subpopulation von me- ren oder dass die Wirtszelle Proteinasen freisetzt, die die
tastatischen Tumorzellen favorisiert, die im heterogenen Matrix und ihre Adhäsionsmoleküle abbauen. Die Auflö-
Primärtumor präexistieren. sung der Matrix findet in einer umschriebenen Region in
der Nähe der Tumorzelloberfläche statt, in der die Mengen
aktiven Enzyms die natürlich vorkommenden Proteinase-
35.7.2 Wechselwirkungen inhibitoren im Interstitium und in der Matrix, die von nor-
von Tumorzellen mit der malen Zellen in der Nachbarschaft sezerniert werden, über-
extrazellulären Matrix schreitet.
! Tumorzellen müssen beweglich sein.
! Tumorzellen haben die Tendenz, Kompartimentgrenzen
zu überwinden. Die Motilität ist ein weiterer wichtiger Schritt der Invasion,
der dazu führt, dass die Tumorzelle gerichtet die Basal-
Im Zuge der Entwicklung zu invasiven Tumoren missach- membran überwindet und sich durch das Stroma nach re-
ten Tumorzellen die soziale Ordnung von Grenzen inner- gionaler Proteolyse der Matrix bewegt. Die Bewegung be-
halb von Geweben und dringen in fremde Organe ein. Der ginnt mit der Ausstreckung von Pseudopodien an der Front
Säugetierorganismus ist durch die extrazelluläre Matrix, die der wandernden Zelle. Die Tumorzellmotilität wird durch
aus der Basalmembran und dem darunter liegenden inter- Tumorzellcytokine (autokrine Motilitätsfaktoren) reguliert.
stitiellen Stroma (7 Kap. 24.1) besteht, in eine Reihe von Die ebenfalls erhöhte ungerichtete Motilität von Tumorzel-
Gewebekompartimenten aufgeteilt. Die basale Epithelzell- len führt zu einer Ausbreitung im Bereich des Primärtu-
schicht liegt auf dieser Basalmembran, auf der anderen mors. Zusätzlich können Ort und Richtung der Tumorzell-
Seite befindet sich das interstitielle Stroma mit stromalen bewegung durch von anderen Zellen gebildete Stoffe mit
Zellen wie z.B. Fibroblasten oder Myofibroblasten. Norma- chemotaktischer Wirkung beeinflusst werden.
lerweise mischen sich die Zellpopulationen auf den beiden
Seiten diesseits und jenseits der Basalmembran nicht. Beim
invasiven Tumor überwinden Tumorzellen jedoch die 35.7.3 Bedeutung von Proteinasen
Basalmembran, dringen in das darunter liegende inter- für Invasion und Metastasierung
stitielle Stroma ein und treten mit den stromalen Zellen in
Wechselwirkung. Demzufolge ist das metastatische Ver- ! Matrix-Metalloproteinasen besitzen eine Schlüsselfunk-
halten der Tumorzelle durch ihre Tendenz gekennzeichnet, tion beim Abbau der extrazellulären Matrix.
Gewebekompartimentgrenzen zu überwinden und sich mit
verschiedenen Zelltypen zu mischen. Die Basalmembran Verschiedene Familien proteolytischer Enzyme (Metallo-,
ist eine Matrix aus Kollagen, Glycoproteinen und Proteo- Cystein- und Serinproteinasen) sind am Abbau der Basal-
glykanen, die normalerweise keine zum passiven Zelltrans- membran bzw. der extrazellulären Matrix beteiligt. Serin-
port ausreichend großen Poren enthält. Aus diesem Grunde proteinasen wie t-Plasminogenaktivator aktivieren das
muss die Invasion der Basalmembran durch Tumorzellen Proenzym Plasminogen zu Plasmin, welches Matrixkom-
ein aktiver Vorgang sein. Sobald die Tumorzellen das ponenten abbaut. Cysteinproteinasen wie Kathepsin B
Stroma erreichen, können sie Anschluss an Lymph- und können bei transformierten Zellen in aktivierter Form mit
Blutgefäße zur weiteren Disseminierung gewinnen. Die der Plasmamembran assoziiert sein, von wo aus sie bei Kon-
35 Wechselwirkungen der Tumorzelle mit der Basalmembran takt mit einer Basalmembran darin enthaltenes Laminin
können in mehrere Schritte unterteilt werden: degradieren. Die wichtigste Gruppe Matrix-abbauender
4 die Herabsetzung der Wechselwirkungen zwischen den Enzyme stellen die Matrix-Metalloproteinasen (MMP) dar
einzelnen Tumorzellen (7 Kap. 9.3.3, 7 Kap. 24.6).
4 ihr Kontakt mit der Basalmembran Die Aktivität vieler Metalloproteinasen wird nach ihrer
4 die Auflösung der Matrix und Sekretion in den Extrazellulärraum auf verschiedenen Ebe-
4 die Wanderung (Motilität) nen reguliert (7 Kap. 9.3.3), entweder durch Aktivierung
mittels limitierter Proteolyse, durch Bindung an Zellmem-
Die Bindung der Tumorzelle an die Basalmembranoberflä- branen, durch Substratbindung und durch Wechselwir-
che wird durch Tumorzelloberflächenrezeptoren der Inte- kungen mit von Wirt- und/oder auch Tumorzellen gebil-
grin- und Nichtintegrin-Familien vermittelt. Diese Rezep- deten Metalloproteinase-Inhibitoren (tissue inhibitors of
toren erkennen Glycoproteine wie Laminin, Typ IV-Kolla- metalloproteinases, TIMPs). TIMP1, ein Glycoprotein mit
gen und Fibronektin in der Basalmembran (7 Kap. 24.5.3). einer Molekülmasse von 28,5 kDa, wird von vielen vom
Einige Stunden nach dem Kontakt der Tumorzelle mit der Mesoderm abstammenden Zellen und von Fibroblasten
35.8 · Tumorentstehung durch Cancerogene
1157 35

produziert. Es hemmt interstitielle und Typ IV-Kollagenase 35.8 Tumorentstehung durch


und damit auch die Invasion von Tumorzellen durch Am- Cancerogene
nionmembranen (ein experimentelles System zum Studi-
um der Invasion und Metastasierung), ohne dass dabei die 35.8.1 Chemische Cancerogenese
Wachstumstendenz oder Adhäsion der Zellen beeinflusst
wird. TIMP2 besitzt ein Molekulargewicht von 21 kD und ! Mutagene hinterlassen Fingerabdrücke im Genom.
ist nicht glycosyliert. Es wird ebenfalls von mesodermalen
Zellen produziert und bildet inaktivierende Komplexe mit Obwohl inzwischen nachgewiesen ist, dass Änderungen in
aktiven MMPs und ihren Proenzymen. Bei der Invasion bestimmten DNA-Sequenzen Krebs verursachen, sind die
muss das fein regulierte Gleichgewicht zwischen Proteina- Rolle der primären Faktoren, die diese Veränderungen her-
sen und ihren Inhibitoren als Voraussetzung für eine er- beiführen, und die Mechanismen, über die sie wirken, im
höhte Enzymaktivität gestört sein: Dies kann theoretisch Detail noch unklar. Sequenzänderungen in Genen können
durch vermehrte Expression des Proteinase-Gens, ver- nach Exposition mit Stoffen auftreten, die die DNA schädi-
mehrte Aktivierung des Proenzyms bzw. verringerte Ex- gen, wie z.B. elektrophile Mutagene oder auch spontan.
pression des Antiproteinase-Gens oder erhöhte enzyma- Auch die Zellproliferation als Reaktion auf einen Entzün-
tische Inaktivierung des Proteinaseinhibitors eintreten. dungsstimulus oder aufgrund der toxischen Wirkung von
Auch Cytokine beeinflussen die Aktivität von Proteinasen Carcinogenen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass gene-
und Antiproteinasen (. Abb. 35.16). tisch veränderte Zellen entstehen. Die Mutationen entste-
hen dabei nicht statistisch verteilt in einem bestimmten
Gen, sondern gehäuft in bestimmten Regionen. Jedes Mu-
tagen oder jeder mutagene Prozess hinterlässt einen cha-
rakteristischen Fingerabdruck von DNA-Veränderungen,
der sich hinsichtlich der Natur der Änderungen (d.h. wel-
che Nucleotide ein bestimmtes Basenpaar ersetzen), den
2 Ort der Änderungen und der Häufigkeit der Änderungen
in dem Gen unterscheiden. Durch Analyse des Spektrums
von Mutationen, wie z.B. beim p53-Gen (. Abb. 35.8), kön-
nen Arbeitshypothesen über die umweltinduzierten und
körpereigenen molekularen Vorgänge aufgestellt werden,
die zur Entwicklung der Krebserkrankung beitragen. So
wurde z.B. die Hypothese aufgestellt, dass die G o T-Mu-
tationen in Codon 249 des p53-Gens bei Patienten mit Le-
berkrebs, die in Hochrisikoregionen in China leben, auf ein
Aflatoxin in der Nahrung zurückzuführen sind, da dieses
Toxin eine starke mutagene Aktivität besitzt und nach Mu-
tagenesestudien vor allem diese Transversion hervorruft.
! Viele Cancerogene sind elektrophil.

Bei der Mehrzahl der chemischen Cancerogene handelt es


sich um organische Moleküle mit einem Molekulargewicht
von weniger als 500 kDa: Neben polycyclischen aroma-
tischen Kohlenwasserstoffen, die in Autoabgasen, Zigaret-
tenrauch oder Kaffee (. Abb. 35.17) vorkommen, sind dies
. Abb. 35.16. Regulation der Aktivität von Matrix-Metallopro- aromatische Amine und Amide, alicyclische Nitrosamine
teinasen durch TIMPs und Cytokine. PA = Plasminogen-Aktivator; und Nitrosamide, halogenierte aliphatische und alicyclische
PAI = Plasminogen-Aktivator-Inhibitor. (Einzelheiten 7 Text). (Nach Ries
Kohlenwasserstoffe sowie komplexe Pyrrolizidinalkaloide.
u. Petrides 1995)
Aber auch Metalle wie Cadmium, Beryllium, Kobalt, Blei
oder Nickel können cancerogen sein. Auffallende Gemein-
samkeit vieler organischer Cancerogene ist ihre Elektrophi-
lie, d.h. ihr Streben nach elektronenreichen Zentren ande-
rer Moleküle, die meist erst nach enzymatischer Aktivie-
rung der Cancerogene im Wirtsorganismus entsteht.
Elektronenreiche Zentren finden sich vor allem an Stick-
stoff-, Sauerstoff- und Schwefelatomen wie dem N7, dem C8
und dem Sauerstoffatom am C8 von Guanin, den Stickstoff-
1158 Kapitel 35 · Tumorgewebe

. Abb. 35.17. Chemische Cancerogene

atomen1 und 3 von Adenin sowie dem Stickstoffatom 3 von entsprechende Glutathion-S-Transferase reduziert, so ist
Cytosin in Nucleinsäuren. dies mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden (7 Kap.
15.3). Der oxidative Stoffwechsel chemischer Fremdsub-
! Die meisten Cancerogene sind Procancerogene, die
stanzen durch die Leber, der einen lebenswichtigen Ent-
durch Zellenzyme aktiviert werden müssen.
giftungsmechanismus darstellt (7 Kap. 33.2.1), macht somit
In allen Fällen wird dann eine stark elektrophile Verbin- die chemisch inerten Cancerogene erst zu Krebs auslö-
dung gebildet. Enzyme, die Cancerogene aktivieren, sind in senden Stoffen. Die Organspezifität bestimmter Cancero-
vielen Zellen mit unterschiedlicher Spezifität und Aktivität gene ist möglicherweise auf die unterschiedliche Ausstat-
35 vorhanden. Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe tung einzelner Gewebe mit diesen Enzymen zurückzu-
werden zu Epoxiden (cyclische Äther) oder Radikalen um- führen.
gewandelt: 3,4-Benzpyren wird unter Beteiligung von Cyto-
chrom P450 (Genfamilie I, 7 Kap. 15.2.2) im endoplasma-
tischen Retikulum zum Arenoxid oxidiert, das durch eine 35.8.2 Physikalische Cancerogenese
Epoxidhydratase in ein Transdihydrodiol überführt wird.
Durch erneute Epoxidierung dieses als vorläufig bezeich- Ultraviolettes Licht ist hoch mutagen, was zumindest teil-
neten Cancerogens entsteht das endgültige Cancerogen, weise auf die charakteristischen Pyrimidin-Dimerschäden
das covalent unter Öffnung des Epoxidrings mit nucleo- in der DNA zurückzuführen ist. Nicht reparierte Cytosin-
philen Basen wie der Aminogruppe von Guanin reagiert Dimere rufen Tandemmutationen hervor, bei denen zwei
(Bildung von Benzpyrendiolepoxid-DNA-DNA-Adduk- benachbarte Cytosinreste (Cytosin-Cytosin) durch zwei
ten). Entgiftungsreaktionen überführen vorläufiges und Thyminbasen (Thymin-Thymin) ersetzt werden. Diese
endgültiges Cancerogen in die entsprechenden Phenole Änderung tritt praktisch nur nach Exposition mit UV-
und Glutathionverbindungen. Ist durch eine Mutation die Strahlung auf (7 Kap. 7.3).
35.10 · Früherkennung von Tumoren
1159 35
35.9 Stoffwechsel von Tumorgeweben keit davon abgeleiteten Tumorgewebes nicht überrascht.
Die Hormone wirken dabei über die Induktion der Bildung
! Tumorzellen weisen oft einen erhöhten Glucosedurch- von Polypeptidwachstumsfaktoren wie IGF, EGF oder
satz auf. TGF-D. Die Antagonisierung von Östrogenen ist deshalb
ein wesentlicher Bestandteil der Therapie des Mamma-
Etwa vor 60 Jahren bemerkte Otto Warburg (1883–1970), karzinoms: diese kann entweder durch Antiöstrogene wie
einer der Begründer der heutigen Biochemie, dass verschie- Tamoxifen erfolgen, die Östrogen kompetitiv vom Östro-
dene Tumoren auch in Anwesenheit von Sauerstoff große genrezeptor verdrängen, durch Hemmstoffe der endogenen
Mengen von Lactat bilden. Er postulierte, dass die hohe Östrogensynthese, sog. Aromatasehemmstoffe oder durch
Glucoseabbaurate zu Lactat auch in Gegenwart von Sauer- Medikamente, die zu einem Abbau des Östradiolrezeptors
stoff die Folge eines Defekts der Atmungskette sei, und dass führen (7 Kap. 27.6.2).
Krebs entstehe, wenn die Zelle auf eine irreversible Schädi-
gung ihrer Atmung mit der Adaptation an die Glycolyse zu
Lactat antwortet. Nach Warburg können diese Zellen ihren 35.10 Früherkennung von Tumoren
differenzierten Zustand nicht aufrechterhalten und wach-
sen als entdifferenzierte Zellen unkontrolliert. Seine Beo- Zu den dringlichsten Problemen in der klinischen Onkolo-
bachtungen führten ihn zu der apodiktischen Aussage gie gehört die Früherkennung von Krebserkrankungen. Die
(1956), dass »die Ära vorbei sei, in der die Glycolyse zu ideale Substanz zur Früherkennung einer Tumorerkennung
Lactat in Tumorzellen und ihre Bedeutung für die Tumo- wäre ein stabiles Molekül, das ausschließlich von Tumorzel-
rentstehung diskutiert werden, und niemand heutzutage len (eines Gewebes) synthetisiert und sezerniert wird und
bezweifelt, dass wir den Ursprung der Tumorzellen erken- im Plasma und/oder Urin nachweisbar ist. Alle bisher be-
nen werden, wenn wir wissen, wie die hohe Glycolyserate kannten von Tumorzellen abgegebenen und als Tumor-
zu Lactat zustande kommt, oder um es vollständiger zu marker bezeichneten Moleküle werden jedoch auch von
fassen, wenn wir wissen, wie die gestörte Atmung und die gesunden Geweben produziert. Da von Tumoren abgege-
exzessive Lactatbildung zustande kommen«. Durch Unter- bene Moleküle in den Körperflüssigkeiten verdünnt wer-
suchungen seit Mitte der fünfziger Jahre sind die Ergeb- den, muss eine bestimmte Anzahl von Tumorzellen vor-
nisse von Warburg relativiert worden, da auch Tumoren handen sein, um nachweisbare Quantitäten zu bilden: Die
existieren, die Glucose in normalen Mengen oxidieren. chemische Grenze liegt etwa bei 104 bis 105 Zellen, das sind
Dennoch weisen viele Tumoren eine erhöhte Glucoseauf- vier bis fünf Zehnerpotenzen weniger als das Minimum
nahme auf, was auch die Grundlage der sog. Fluordesoxy- von 109 Zellen, welches 1 cm3 Tumormasse entspricht, das
glucose-(FDG)-Methode zur PET-Analyse von Tumoren zum radiologischen Nachweis (z.B. durch Computertomo-
darstellt. graphie) erforderlich ist. Aus diesem Grunde sind die Er-
krankungen bei dem erstmaligen Nachweis eines Tumor-
! Mammakarzinome sind in ihrem Wachstum auf Östro-
markers i.a. bereits in einem fortgeschrittenen Stadium.
gene angewiesen.
Tumormarker eignen sich deshalb weniger zur Früher-
Bereits normales Brustdrüsengewebe ist von weiblichen kennung als zur Verlaufsbeurteilung der Therapie einer
Sexualhormonen abhängig, sodass die Hormonabhängig- Krebserkrankung: klinisch wichtige Tumormarker sind

. Tabelle 35.4. Tumormarker (Auswahl)


Freigesetzte Substanz Vorkommen bei Tumoren Vorkommen bei nicht-malignen
Erkrankungen
Onkofetale Antigene
Carcinoembryonales Antigen (CEA) Carcinom (Colon, Rektum, Pankreas, Gewebenekrose, starkes Rauchen,
Gallenblase u. a.) Darmerkrankungen
α1-Fetoprotein Hepatom, malignes Teratom Lebercirrhose, Hepatitis
CA 19-9 Pankreascarcinom
CA 12-5 Ovarialcarcinom
Enzyme
Prostata-spezifisches Antigen (PSA) Prostatacarcinom Prostatitis
Alkalische Phosphatase Osteosarkom, Knochenmetastasen (besonders Osteomalazie
(Knochenisoenzym) Brust, Prostata, Schilddrüse)
Hormone
Choriongonadotropin (HCG) Choriocarcinom, Testiscarcinom
Calcitonin Medulläres Schilddrüsencarcinom
(Pro-)ACTH Lungentumoren
1160 Kapitel 35 · Tumorgewebe

das D-Fetoprotein, das carcinoembryonale Antigen (CEA), Proteine (Cetuximab bzw. Trastuzumab) sind therapeutisch
das Prostata spezifische Antigen (PSA) und Hormone, die wirksam und werden für die Behandlung dieser Krebsarten
von bestimmten Tumoren ektopisch produziert werden eingesetzt. Ebenso ist ein Antikörper gegen vEGF (Bevazu-
(. Tabelle 35.4). zimab), der die Angiogenese hemmt, für die Therapie von
Eine wichtige Früherkennungsmethode ist die Unter- Darmtumoren zugelassen.
suchung des Stuhls auf okkultes Blut (das aus Darmtumo- Tyrosinkinasen sind wichtige Vermittler der Signal-
ren stammen kann). Der auch als Haemokkult bezeichnete transduktion einer Vielzahl von Membranrezeptoren
Test nutzt die Pseudo-Peroxidaseaktivität von Hämoglobin (7 Kap. 25.5.1). Bei der chronisch myeloischen Leukämie
aus. Empfindlichere – in Entwicklung befindliche – Tests wird die BCR/ABL-Fusions-Tyrosinkinase (siehe oben)
versuchen, Mutationen in Tumor-DNA, die aus Stuhl extra- effektiv durch den Tyrosinkinase-Inhibitor STI 571 ge-
hiert wird, nachzuweisen. hemmt. Deshalb hat auch dieses Molekül Eingang in die
In der Diagnostik von Leukämien und Tumorerkran- Leukämietherapie gefunden. Die Tyrosinkinaseinhibitoren
kungen finden zunehmend Mikroarray- und Proteom- Erlotinib und Gefitinib hemmen über eine selektive Hem-
analysen Anwendung (Beispiel, 7 Kap. 7.4.4), bei denen die mung der ATP-Bindungsstelle die EGF-Rezeptor-Tyrosin-
Probe auf die unterschiedliche Expression von Tausenden kinase und werden zur Behandlung des Bronchialkarzi-
von Genen bzw. Proteinen untersucht wird. noms angewandt.
! Tumorzellen entwickeln Resistenzmechanismen gegen
35.11 Krebstherapie Cytostatika.

Werden Tumorzellen in vitro mit pflanzlichen Cytostatika


! Cytostatika hemmen die Zellteilung über eine Hem- wie Vincaalkaloiden, Actinomycin D oder Anthracyclinen
mung des DNA-Stoffwechsels. inkubiert, entstehen resistente Varianten. Im Allgemeinen
sind diese Zellvarianten nicht nur gegen das Medikament
4 Cytostatika greifen an definierten Stellen des Zellzyklus resistent, das sich in dem Inkubationsmedium befindet,
ein; sie können aber nur auf Zellen wirken, die sich in sondern auch gegenüber anderen aus natürlichen Pro-
Teilung befinden (was bei Tumorgewebe nicht für alle dukten. Deshalb wird dieser Zustand als Multidrug-Resis-
Zellen zutrifft): tenz (MDR) bezeichnet. Diese Resistenz erklärt, warum
4 Alkylanzien (wie z.B. Cyclophosphamid) führen über viele Tumorerkrankungen des Menschen nur schlecht auf
eine covalente Brückenbildung zwischen den DNA- die Behandlung mit Cytostatika ansprechen. Vermittelt
Strängen zu einer Hemmung der Replikation wird sie u.a. durch eine Familie membranständiger Trans-
4 Anthracycline interkalieren zwischen den DNA-Strän- portproteine, die die Cytostatika aus dem Cytosol wieder in
gen und verwehren der DNA-Polymerase damit den den Extrazellulärraum zurücktransportieren. Zu dieser Fa-
Zugang milie gehört auch das bei der cystischen Fibrose gestörte
4 Verschiedene Cytostatika hemmen für die DNA-Syn- Transportsystem. Beim Menschen gibt es zwei Mitglieder
these essentielle enzymatische Systeme wie die Topoi- der MDR-Familie (MRD-1 und -2). Beide Proteine weisen
somerase (so z.B. Etoposid) einen hohen Homologiegrad auf. Beim Menschen wird das
4 Vincaalkaloide wirken über eine Hemmung des Spin- MDR-1-Protein (. Abb. 35.18) in Nieren, Colon, Placenta,
delapparats in der M-Phase Nebennieren und spezialisierten Strukturen wie Endothel-
4 Antimetaboliten (wie Fluorouracil) hemmen spezifisch zellen, die an der Bildung der Blut-Gehirn- und Blut-Ho-
in der S-Phase die Thymidylat-Synthase und damit die den-Schranke beteiligt sind, gefunden. Es wird ihnen des-
DNA-Synthese (7 Kap. 19.1.5) halb eine physiologische Funktion beim ATP-abhängigen
35 4 Im Gegensatz dazu aktivieren die ebenfalls in der Transport von Steroidhormonen und der Ausscheidung
Krebstherapie eingesetzten Cytokine Interferon-α oder natürlicher Toxine zugeschrieben. Das MDR-1 codiert für
Interleukin-2 Immunvorgänge (7 Kap. 25.5; 34.6.2) ein Glycoprotein mit einem Molekulargewicht von 170 kD
(P-Glycoprotein, P-170), das MDR-2 ist offenbar am stär-
! Neue Therapieansätze entwickeln sich aus dem zuneh-
ksten in der Leber exprimiert. Interessanterweise sind Tu-
mend besseren Verständnis der Biochemie von Tumoren.
moren, die aus Geweben mit hoher MDR-1-Expression
Das zunehmend bessere Verständnis der biochemischen entstehen, chemotherapieresistent, wohingegen die initiale
Grundlagen von Tumorerkrankungen erlaubt die Entwick- Therapieempfindlichkeit von Leukämien und Lymphomen
lung einer zielgerichteten Tumortherapie: Schwerpunkt der mit einer niedrigen MDR-1-Expression normaler hämato-
bisherigen Entwicklung sind monoklonale Antikörper und poietischer Zellen einhergeht. Tumorzellen können offen-
Tyrosinkinaseinhibitoren: beim Darmkrebs wird der EGF- bar nicht nur dadurch, dass sie sich in der G0-Phase befin-
Rezeptor von einem Teil der Patienten überexprimiert, den, sondern auch durch eine vermehrte MDR-1-Expres-
beim Brustkrebs das HER2-Neu-Onkogen, ein Verwandter sion gegenüber der Chemotherapie resistent sein. Die
des EGF-Rezeptors. Monoklonale Antikörper gegen diese Isolierung des MDR-1-Gens hat somit einen molekularen
35.12 · Gentherapeutische Ansätze bei Krebserkrankungen
1161 35

. Abb. 35.18. Strukturmodell des MDR1-Proteins (P170-Glycoprotein), das als transmembranäres Protein in der Zellmembran ver-
ankert ist

Marker zur Verfügung gestellt, der zur Beurteilung der ! Mit der Anti-Gentherapie sollen Gene der Tumorzelle
Chemotherapieresistenz dienen kann. Daneben spielen gehemmt werden.
auch Änderungen der Expression anderer Enzyme wie der
Topoisomerase II (7 Kap. 7.2.3) oder der Glutathion-S- Andere Ansätze bedienen sich der Antisense-Oligonuc-
Transferase (7 Kap. 15.3) eine Rolle für die Chemothera- leotide, d.h. kurzen synthetischen Nucleotidsequenzen,
peutikaresistenz. die zu DNA- und RNA-Sequenzen komplementär sind
und diese durch Hybridisierung inaktivieren (7 Kap. 7.4.4).
Durch Bindung dieser Nucleotide an ihr jeweiliges Ziel-
35.12 Gentherapeutische Ansätze molekül können Transkription oder Translation des dazu-
bei Krebserkrankungen gehörigen Gens selektiv gehemmt werden. Wenn dieses
Gen ursächlich an der Entstehung der Tumorkrankheit be-
! Die Gentherapie von Krebserkrankungen steht am teiligt ist, könnte seine Inaktivierung zu einer Regression
Beginn ihrer Entwicklung. des malignen Phänotyps führen. Die mRNA im Cytosol
stellt ein geeigneteres Ziel als die DNA im Zellkern für
Die kausale Behandlung des durch Mutationen hervorgeru- diesen Ansatz dar, da die Antisense-Oligonucleotide –
fenen Gendefekts bei Tumorzellen ist die Einführung des neben der Zellmembran – nicht auch die Kernmembran
normalen Gens in die Tumorzelle. Bei Genverlusten oder permeieren müssen.
-störungen (wie z.B. solcher der Antionkogene) ist das Ziel,
! Der Einbau von Cytokingenen soll natürliche Abwehr-
durch Transfektion ein neues Gen in das zelluläre Genom
mechanismen stimulieren.
einzubringen (Additionstherapie) oder das defekte Gen
durch homologe Rekombination (7 Kap. 7.4.4) durch ein Cytokine können eine Wirkung auf das Tumorwachstum
neues zu ersetzen (Substitutionstherapie). Das ersetzte haben, besitzen jedoch bei systemischer Gabe Nebenwir-
fremde Genmaterial tritt dabei an die Stelle des defekten kungen und eine sehr kurze Halbwertszeit. Deshalb ver-
endogenen Gens und wird wie dieses reguliert. Die homo- sucht ein neuer Ansatz, Gene für Cytokine (Interleukin-2,
loge Rekombination gelang jedoch bisher nur an kulti- Interleukin-4, Interferone, Tumornekrosefaktor) in Zellen
vierten Zellen der Maus (7 Kap. 7.4.5). Die Transfektion, einzubringen, die spezifisch mit Tumorzellen in Wechsel-
d.h. die Einbringung eines zusätzlichen funktionellen Gens wirkung treten, wie z.B. tumorinfiltrierende Lympho-
in eine Zelle, kann durch die in Kapitel 7 (7 Kap. 7.4.1, 7.4.2) zyten (TIL). So wurden solche Zellen mit dem Gen für
besprochenen Methoden erreicht werden; dies funktioniert Tumornekrosefaktor transfiziert. Durch Markierung mit
in vitro zwar leicht, ist aber in vivo bei einem soliden Tumor einem Markergen wie Neomycinphosphotransferase konn-
bisher sehr viel schwieriger zu erreichen. Die Effizienz der te nachgewiesen werden, dass sich diese Zellen im Tumor
Transfektion ist immer noch sehr niedrig und auch von anreichern und dort bis zu 10 Monaten fremde Gene expri-
Zelle zu Zelle stark unterschiedlich. Die meisten mensch- mieren.
lichen Zellen können zudem nur kleine Mengen fremder
! Gentherapeutische Manipulation erlaubt die lokale
DNA integrieren (etwa 6 kb). Weiterhin wird das trans-
Produktion eines Cytostatikums.
fizierte Gen aus noch unbekannten Gründen nur für einige
Monate exprimiert. Daher versucht man, durch selektive Ein weiterer Therapieansatz ist die virusdirigierte Enzym-
Promotoren die Transkription der transfizierten Gene zu Medikamentenvorstufen-Therapie, die darauf beruht,
beeinflussen. dass ein Vektor spezifisch in Tumorzellen, aber nicht in
1162 Kapitel 35 · Tumorgewebe

normalen Zellen exprimiert wird. So wird ein Virusgen das Gen für Cytosin-Desaminase an einen derartigen
in der normalen Leberzelle nur dann exprimiert, wenn es selektiven Promotor, so führt die Expression dieses Gens
an den Albuminpromotor gekoppelt ist, aber nicht bei in der Zielzelle dazu, dass angebotenes 5-Fluorocytosin
Kopplung an den D-Fetoprotein-Promotor. In der Leber- intrazellulär in das Cytostatikum 5-Fluorouracil umge-
tumorzelle ist dies genau umgekehrt: Koppelt man z.B. wandelt wird.

In Kürze
Der programmierte Zelltod, die Apoptose, ist ein Vorgang, von Fusionsgenen und damit -proteinen mit veränderter
der im Zuge der Tumorentstehung fehlreguliert sein kann. Funktion führen. Invasion und Metastasierung erfordern
Onkogene und Antionkogene sind die Krebsgene, deren zusätzliche genetische Veränderungen. Expression von Pro-
Mutationen die Tumorentstehung verursachen. Mehrere teinasen und Neubildung von Gefäßen (Angiogenese) sind
Hundert dieser Gene sind inzwischen bekannt. Onkogene Schlüsselvorgänge in dem Mehrschrittprozess der Tumori-
und Antionkogene sind im nicht-mutierten Zustand an genese. MMPs und vEGF sind dabei von entscheidender Be-
der Regulation des Zellwachstums beteiligt. Onkogene deutung, sodass an der Entwicklung von Inhibitoren gear-
werden durch Mutationen aktiviert. Die mutierten Gene beitet wird. Mutagene Stoffe sind in unserer Umwelt und
werden auf die nächste Tumorzellgeneration weiter- Nahrung vorhanden.
gegeben. Die Inaktivierung von Antionkogenen trägt Die Krebstherapie entwickelt sich von einem empiri-
ebenfalls zur Tumorentstehung bei. Mutationen in Genen schen zu einem auf den Erkenntnissen der Biochemie ba-
für Reparaturenzyme verursachen Tumoren. Bei vielen sierenden Ansatz. Beispiele dafür sind monoklonale Anti-
Leukämien sind Translokationen bekannt, die zur Bildung körper und Tyrosinkinase-Inhibitoren.

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