Sie sind auf Seite 1von 89

C A R L

S C H M I T T

Ex Captivitate Salus

Erfahrungen der Zeit 1945/47

G R E V E N

1950

V E R L A G

K Ö L N

Bibliothek de

■ac№ereicti&

Jl W. Goethe-Uni versit Frankfurt/M.

Alle Rechte vorbehalten Copyright 1950 by Greven Verlag Köln Printed in Germany ■ Drude: Greven Sc Bechtold, Köln

KffiliUT i-VtNt.; - V ^SCHAFT

der UiiivetsilJ'^r r.^hk'yrt a. M.

TO

I N

M

E

M

О

R I A

M

WILHELM AHLMANN

t 7 . DEZEMBER 1 9 4 4

C ^ C U S

D E O

P R O P I V S

- I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Seite

Gespräch mit Eduard Spranger (Sommer 1945) . 9 Antwortende Bemerkungen zu einem Rundfunk- Vortrag von Karl Mannheim (Winter 1945/46)

Historiographia in Nuce: Alexis de Toequeville (August 1946) Zwei Gräber (Sommer 1946) Ex Captivitate Salus (Herbst 1946) Weisheit der Zelle (April 1947) Gesang des Sechzigjährigen

13

25

35

55 <

79

92

Gespräch mit Eduard Spranger

Wer bist du? Tu quis es? Das ist eine abgründige Frage. Ich stürzte Ende Juni 1945 tief in sie hinein, als Eduard Spranger, der berühmte Philosoph und Pädagoge, von mir die Beantwortung eines Fragebogens erwartete. Bei diesem Anlaß sagte er mir, meine Vorlesungen wären zwar überaus geistvoll, ich selber aber, meine Persönlichkeit und mein Wesen, undurchsichtig. Das war ein schlimmer Vorwurf, der besagte: was du denkst und sprichst, mag interessant und klar sein; aber was du bist, dein Selbst, dein Wesen, ist trübe und unklar. Ich bin darüber erschrocken. Was nützen die schönsten Vorlesungen, was helfen die klarsten Begriffe, was nützt der Geist? Auf das Wesen kommt es an. Oder auf das Sein und auf die Existenz. Kurz, ein schweres, von der Philosophie noch nicht gelöstes Problem fiel mir auf die Seele. Ist Durchsichtigkeit des Denkens mit Undurchsichtigkeit des Wesens überhaupt ver- einbar? Und wie sind solche Widersprüche möglich? Uralte und hochmoderne Gegensätze stachen mir heftig ins Bewußtsein: Denken und Sein, Wissen und Leben, Intellekt gegen In- stinkt, Geist wider Seele, ganze Reihen derartiger Antithesen überrollten mein Gemüt. Was sollte ich nun tun? Sollte ich mich anstrengen, durchsichtig zu werden? Oder sollte ich versuchen, den Nachweis zu liefern, daß ich in Wirklichkeit vielleicht doch gar nicht so undurchsichtig bin, sondern wenigstens für wohlwollende Durchleuchter — völlig trans-

, Ich sah

parent?

9

meinen Interrogator an und dachte: Wer bist Du denn eigentlich, der Du mich so in Frage stellst? Woher deine Überlegenheit? Was ist das Wesen der Macht, die dich ermächtigt und ermutigt, mir solche Fragen zu stellen, Fragen, die mich selbst in Frage stellen sollen und die infolgedessen in ihrer letzten Auswirkung nur Schlingen und Fallen sind? Solche Gegenfragen lagen nahe. Aber mir liegt es nicht, Gegenfragen zu stellen. Mein Wesen mag undurchsichtig sein, jedenfalls ist es defensiv. Ich bin ein kontemplativer Mensch und neige wohl zu scharfen Formulierungen, aber nicht zur Offensive, auch nicht zur Gegenoffensive. Mein Wesen ist langsam, geräuschlos und nachgiebig, wie ein stiller Fluß, wie die Mosel, tacito rumore Mosella. Aber auch in der Defensive bin ich schwach. Ich habe zu wenig praktisches Interesse an mir selbst und zuviel theoretisches Interesse an den Ideen meiner Gegner, auch wenn sie als Ankläger auftreten. Ich bin zu neugierig auf die gedanklichen Voraussetzungen jedes Vorwurfs, jeder Anklage und jedes Anklägers. Deshalb gebe ich weder einen guten Angeklagten noch einen guten Ankläger ab. Doch bin ich immer noch lieber Angeklagter als Ankläger. Die J'accuse-Typen mögen ihre Rolle auf der Weltbühne spielen. Mir ist das Prosekutorische noch unheimlicher als das Inquisitorische. Vielleicht geht das bei mir auf theologische Wurzeln zurüdc. Denn Diabolus heißt der Ankläger. Ich bin verloren, wenn mein Gegner ganz böse ist und ich nicht ganz gut. Aber so lag der Fall hier nicht. Mein Befrager meinte es streng, aber nidit böse. Ich

10

dagegen meinte gar nichts. Ich wollte und erwartete nichts von ihm. Ich freute mich, ihn wiederzusehen, weil meine alte Liebe zu ihm noch nicht erloschen war. Deshalb konnte ich ihn sehen, während er mich nicht sah. Er war ganz davon durchdrungen, Recht zu haben und behalten zu haben. Er war davon erfüllt, in jeder Hinsicht Recht zu haben, ethisch, philosophisch, pädagogisch, geschichtlich und politisch. Alles Recht, alles was es in dieser Hinsicht nur geben konnte, justa causa und res judicata, war auf seiner Seite.

11

Ich weiß als Jurist, was das bedeutet. Ich kenne die kleine Tragik menschlichen Rechthabens. Außerdem kenne ich das europäische Völkerrecht und seine Geschichte. Ich bin heute trotz stinkt, Geist wider Seele, ganze Reihen derartiger Antithesen überrollten mein Gemüt. Was sollte ich nun tun? Sollte ich mich anstrengen, durchsichtig zu werden? Oder sollte ich versuchen, den Nachweis zu liefern, daß ich in Wirklichkeit vielleicht doch gar nicht so un- durchsichtig bin, sondern — wenigstens für wohlwollende Durchleuchter — völlig transparent? Ich sah meinen Interrogator an und dachte: Wer bist Du denn eigentlich, der Du mich so in Frage stellst? Woher deine Überlegenheit? Was ist das Wesen der Macht, die dich ermächtigt und ermutigt, mir solche Fragen zu stellen, Fragen, die mich selbst in Frage stellen sollen und die infolgedessen in ihrer letzten Auswirkung nur Schlingen und Fallen sind? Solche Gegenfragen lagen nahe. Aber mir liegt es nicht, Gegenfragen zu stellen. Mein Wesen mag undurchsichtig sein, jedenfalls ist es defensiv. Ich bin ein kontemplativer Mensch und neige wohl zu scharfen Formulierungen, aber nicht zur Offensive, auch nicht zur Gegenoffensive. Mein Wesen ist langsam, geräuschlos und nachgiebig, wie ein stiller Fluß, wie die Mosel, tacito rumore Mosella. Aber auch in der Defensive bin ich schwach. Ich habe zu wenig praktisches Interesse an mir selbst und zuviel theoretisches Interesse an den Ideen meiner Gegner, auch wenn sie als Ankläger auftreten. Ich bin zu neugierig auf die gedanklichen Voraussetzungen jedes Vorwurfs, jeder Anklage und jedes Anklägers.

10

Deshalb gebe ich weder einen guten Angeklagten noch einen guten Ankläger ab. Doch bin ich immer noch lieber Angeklagter als Ankläger. Die J'accuse-Typen mögen ihre Rolle auf der Weltbühne spielen. Mir ist das Prosekutorische noch unheimlicher als das Inquisitorische. Vielleicht geht das bei mir auf theologische Wurzeln zurück. Denn Diabolus heißt der Ankläger. Ich bin verloren, wenn mein Gegner ganz böse ist und ich nicht ganz gut. Aber so lag der Fall hier nicht. Mein Befrager meinte es streng, aber nicht böse. Ich dagegen meinte gar nichts. Ich wollte und erwartete nichts von ihm. Ich freute mich, ihn wiederzusehen, weil meine alte Liebe zu ihm noch nicht erloschen war. Deshalb konnte ich ihn sehen, während er mich nicht sah. Er war ganz davon durchdrungen, Recht zu haben und behalten zu haben. Er war davon erfüllt, in jeder Hinsicht Recht zu haben, ethisch, philosophisch, pädagogisch, geschichtlich und politisch. Alles Recht, alles was es in dieser Hinsicht nur geben konnte, justa causa und res judicata, war auf seiner Seite. Ich weiß als Jurist, was das bedeutet. Ich kenne die kleine Tragik menschlichen Rechthabens. Außerdem kenne ich das europäische Völkerrecht und seine Geschichte. Ich bin heute trotz

11

Quincy Wright der einzige Rechtslehrer dieser Erde, der das Problem des gerechten Krieges, einschließlich leider des Bürgerkrieges, in allen seinen Tiefen und Gründen erfaßt und erfahren hat. Ich kenne also auch die große Tragik menschlicher Rechthaberei. So bin ich wehrlos. Wehrlos, doch in nichts ver- nichtet. Diesem Manne, dem ich jetzt als ein von ihm in Frage gestellter Mensch gegenüber saß, diesem Philosophen und Pädagogen, hatte ich vor Jahren alle Verehrung und Anhänglichkeit meiner Seele entgegengebracht. In der Erinnerung an diese Zeit und in dem Bewußtsein, ihm nichts Böses getan oder auch nur gewünscht zu haben, antwortete ich ihm wie einem Philosophen, nicht wie einem Fragebogen. Ich sagte ihm: Mein Wesen mag wohl nicht ganz durchsichtig sein; aber mein Fall läßt sich benennen, mit Hilfe eines Namens, den ein großer Dichter gefunden hat. Es ist der schlechte, unwürdige und doch authentische Fall eines christlichen Epimetheus. Aus dieser Antwort ist aber kein Gespräch mehr entstanden.

Sommer 1945.

Antwortende Bemerkungen zu einem Rundfunkvortrag von Karl Mannheim

" Karl Mannheim, der Soziologe, hat 1945 im Lon- doner Rundfunk das Programm einer neuen euro- päischen Universität entwickelt. Für ihn, wie für jeden ernsthaften Denker, versteht es sich von selbst, daß es ohne wissenschaftliche Freiheit keine Universität geben kann, wenigstens keine Institution,

12

die im Sinne der europäischen Tradition und des occidentalen Rationalismus diesen großen Namen verdient. Worin aber besteht diese wissenschaftliche Freiheit, und was ist ihre fundamentale Voraussetzung? Karl Mannheim gibt die Antwort: Voraussetzung der wissenschaftlichen Freiheit ist „eine fundamentale Neugierde, die jede andere Gruppe und jede andere Person in ihrem Anderssein begreifen möchte." An diese Antwort können wir sowohl in philosophisch-erkenntniskritischer wie auch in geschichtlicher und soziologischer Hinsicht anknüpfen. Wir können sie als die Voraussetzung eines sachlich-wissenschaftlichen Interesses deuten, das die Sackgassen vermeidet, in denen die Fronten und Anti-Fronten des offe- nen und des latenten Weltbürgerkrieges ihren geistigen Tod finden. Das zu vermeiden wäre in der gegenwärtigen Lage Europas die Hauptsache. Denn in mancher Hinsicht wiederholt sich heute, mit säkularisierten Parolen und in globalen Dimensionen, die Art von Bürgerkrieg, die in den konfessionellen Kriegen des 16. und 17. Jahrhunderts in Europa und auf kolonialem Boden ausgetragen wurde. Ohne die Voraussetzung einer „fundamentalen Neugierde" im Sinne eines niemals festgelegten Immer-Weiterfragens gibt es wirklich keine geistige Freiheit, wenigstens keine Freiheit der Wissenschaft. Kann nun das, was der deutsche Geist an wissenschaftlichen Leistungen in den zwölf Jahren von 1933 bis 1945 in Deutschland hervorgebracht hat, Anlaß zu einer solchen Neugierde geben? Oder ist das

13

Interesse, das deutsche Forscher und Gelehrte, aber auch deutsche Dichter, Maler und Musiker verdienen, für diese zwölf Jahre damit erledigt, daß man sich nur an die Kundgebungen und Enuntiationen hält, die über die Lautverstärker der damaligen Öffentlichkeit gingen? In einem totalitären Ein-Partei-System ist bekanntlich alles befohlen, was nicht verboten ist. Wenn also wirklidi eine hundertprozentige Totalität vorläge und nur das gelten sollte, was die Lautsprecher des damaligen Systems in die Welt stießen, dann wäre die Angelegenheit bereits erledigt. Wenn nur das Beachtung verdient, was im Scheinwerferlicht einer restlos erfaßten und lizenziierten Öffentlichkeit steht, und wenn es außerdem noch so aufgefaßt wird, als läge im Betreten dieser Öffentlichkeit bereits die vorbehaltlose geistige Unterwerfung, dann verdiente die wissenschaftliche Arbeit dieser zwölf Jahre allerdings keine besondere Beachtung. Dann ver- diente höchstens die soziologische und massen- psychologische Technik der Apparatur einiges Interesse, und zwar im Rahmen des nicht nur in Deutschland akuten soziologischen Problems der Massenlenkung mit Einsatz der Wissenschaft. Für die Wissenschaft selbst wird man sich jedoch nicht mit den Fassaden einer künstlich organisierten Publizität begnügen dürfen. In Wirklichkeit erheben sich gerade gegenüber der Situation, die im Innern eines Systems verschärfter Kontrolle eintritt, spezifisch neue Fragen. Vor allem die Frage nach dem Grad der prätendierten oder wirklichen Totalität, und die weitere Frage nach der Erfaßbarkeit des Bereiches, um den es sich hier

14

handelt. Es wäre zu fragen, wie weit es einem politischen Machthaber überhaupt möglich ist, die geistige Produktivität eines ganzen Volkes derartig in die Hand zu bekommen, daß tatsächlich kein freier Gedanke und kein Vorbehalt übrig bleibt. Die Möglichkeit einer totalen, hundertprozentigen Totalität ist ein soziologisches Problem ersten Ranges. Es mag in der Weltgeschichte öfters vorgekommen sein, daß ganze Zivilisationen ausgerottet wurden. Die europäische Geistesgeschichte kennt nicht viele solcher Fälle. Der Geist des occiden- talen Rationalismus hat bisher auch in schlimmen Fällen politischen Terrors bei jedem europäischen Volk seelische und intellektuelle Kräfte erweckt, die nicht an die Oberfläche drangen und zunächst auch gar nicht dorthin dringen wollten. Der Geist hat seinen Stolz, seine Taktik, seine unveräußerliche Freiheit und, verzeihen Sie, sogar seine Schutzengel, und er hat das alles nicht etwa nur in der Emigration, sondern auch im Innern, in den Fängen des Leviathan selbst. Bisher hat er in Europa noch stets seine Krypten und Katakomben, seine neuen Formen und Methoden zu finden gewußt. Tyrannum licet decipere. Dieser Satz steht groß am Anfang der ganzen Tyrannenlehre des Mittelalters, die zugleich eine Lehre von der potestas spiritualis war und ohne diese konkrete Voraussetzung nichts als eine gräßliche Bürgerkriegslehre ist. Nun stellt allerdings die moderne Naturwissenschaft den heutigen Machthabern ungeheuerliche Machtmittel zur Verfügung, und die legalen, paralegalen und illegalen Möglichkeiten eines modernen Systems sind mit den

15

Chancen einer mittelalterlichen Macht nicht zu vergleichen. Das wird sich in der Zukunft nur noch steigern. In Deutschland hat der Geist den Leviathan noch einmal überspielt. Ich entnehme daraus, daß die Geisteswissenschaften die Naturwissenschaften über- spielen und zwingen werden, sich in Geistes- wissenschaften zu verwandeln. Aus dem technisch gesteigerten Zwang und der technisch gesteigerten Kontrolle ergeben sich neue Formen des neuen, diesem Zwang und dieser Kontrolle sich entziehenden Denkens und Sprechens. Das gilt ganz allgemein, gegenüber jeder Art von Terror und Diskriminierung. Es gilt niclit etwa nur für Deutschland und nicht etwa nur für die zwölf Jahre. Deutschland ist seit langem ein verhältnismäßig kleiner, geistig nicht abgeschlossener und nicht abschließbarer Raum in der Mitte Europas, ein Schnittpunkt und Durchgangsland für Kräfte und Ideen aus Norden und Süden, Westen und Osten. Deutschland hat sich niemals eindeutig und ein- heitlich entschieden und konnte das auch nicht, weil es sich keiner der von außen eindringenden Fragestellungen unterwerfen konnte. Hier liegt das Geheimnis seiner Schwäche und seiner Über- legenheit. Infolge des unentschieden gebliebenen Kampfes zwischen Katholizismus und Prote- stantismus ist der deutsche Geist offen geblieben und hat er in dieser Schwebe eine große Tradition gründlichster Forschung und kühnsten Kritizismus entwickelt. Im 19. Jahrhundert trat der Hegelianismus hinzu. Er wurde im Marxismus ge- schichtsmächtig. Dadurch hat sich die Geöffnetheit noch

16

außerordentlich erweitert. Zwar wurde die deutsche Bildungsschicht seit 1848 von Generation zu Generation schwächer und sdiließlich fast zermürbt. Dennoch ist sie auch in den zwölf Jahren von 1933 bis 1945 keineswegs entseelt und vernichtet worden. Sie war voller Angst vor jedem Bürgerkrieg und zeigte wenig Begabung für Verschwörungen und Komplotte. So konnte sie leicht die Beute einer verschworenen Gemein- - schaft werden, eine leichte, aber schließlich doch auch nur oberflächliche Beute. Erobern kann nur derjenige, der seine Beute besser kennt als sie sich selbst. Auch gegenüber dieser oberflächlichen Eroberung behielt der unausrottbare Individualismus des Deutschen seine Kraft. Seine erstaunliche Organi- sierbarkeit ist nur der Vordergrund seiner er- staunlichen Ich-Verpanzerung. Es blieb die alt- bewährte, stille Tradition des Rückzuges auf eine private Innerlichkeit, bei größter Bereitschaft zu korrekter Mitarbeit mit allem, was die jeweils legale Regierung anordnete. Und darüber, daß eine Regierung, gegen die nicht einmal der Schatten einer Gegenregierung auftrat, legal war, konnten Positivisten und Pietisten leicht zu dem gleichen praktischen Ergebnis kommen. Nirgendwo anders ist die Trennung von Innen und Außen bis zu dieser Beziehungslosigkeit von Innen und Außen getrieben worden. Die innerliche, restlose Gleichschaltung einer derartigen Bildungsschicht ist ebenso schwierig, wie ihre äußerliche Gleichschaltung glatt und einfach vonstatten geht. Auf der Gegenseite war die geistige Grundlage der Gleichschaltung, die sogenannte

17

Weltanschauung, in sich selber gedanklich viel zu verworren, als daß sie eine folgerichtige Doktrin und damit die Norm einer totalen Erfassung hätte abgeben können. Das Parteiprogramm erlaubte nach seinem Wortlaut viele entgegengesetzte Interpretationen, die bei verschiedenen Ge- legenheiten und in verschiedenen Jahren auch in der verschiedensten Weise zum Zuge kamen. In Deutschland waren seit 1900, seit dem Beginn des inneren Protestes gegen das damalige offizielle Deutschland, zahlreiche Richtungen, Strömungen und Bewegungen, Gruppen, Kreise und Bünde entstanden. Sie haben alle irgendwie zu dem Erfolg der großen Massenbewegung, die in die Hände Hitlers geriet, beigetragen. Sie sind auch sämtlich irgendwie vereinnahmt worden. Aber sie waren entweder zu tief oder zu dumpf, zu mannigfaltig oder zu eigenbrödlerisch, als daß sie ein einigermaßen zusammenhängendes Ge- dankengebäude hätten werden können. Die be- stehenden christlichen Kirchen und die marxistische Doktrin wurden in ihrem geistigen Inhalt von der Schlagwort-Montage der Partei kaum getroffen. Die soziologische und geistesgeschichtliche Erklärung einer derartigen Partei ist ein Problem für sich. Jedenfalls ist es unwahrschein- lieh, daß ein solcher ideologischer Bovigus im Laufe von zwölf Jahren die Bildung und Intelligenz des ganzen deutschen Volkes hätte verschlingen können, und daß alle geistige Produktivität in dieser Kombination von freibleibender Undeutlichkeit und subalternster Eindeutigkeit absorbiert worden wäre.

18

Der äußere Terror wurde dadurch zwar krampf- hafter, aber die Chancen einer geistigen Totalität wurden nur umso schwächer. Jeder Lautverstärker bringt eine Sinnverfälschung mit sich, auch für denjenigen, der sich für den Herrn des Lautverstärkers hält. Die Gefahr weckt neue Kräfte bei denen, die ihr nicht erliegen. Dem Lärm des öffentlichen Betriebes setzen Geist und Intelligenz mannigfache Formen der Höflichkeit, der Korrektheit und der Ironiö entgegen, und schließlich ihr Schweigen. Das Urteil über Leistungen, die in einer solchen Situation entstehen, kann deshalb nicht einfach von außen gefällt werden. Der Beurteiler muß sich vor allem einiger soziologischer Grundwahrheiten bewußt bleiben, vor allen Dingen des ewigen Zusammenhanges von Schutz und Gehorsam. Auch ein Forscher und Gelehrter kann sich die politischen Regime nicht nach seinem Belieben aussuchen. Im allgemeinen nimmt er sie, wie jeder andere Mensch, als loyaler Staatsbürger zunächst einmal hin. Wird dann die Situation völlig abnorm, und schützt ihn niemand von

19

Außen gegen den Terror im Innern, so muß er die Grenzen seiner Loyalität selber bestimmen, namentlich dann, wenn die Situation so abnorm wird, daß man nicht einmal mehr die wirkliche Lage seines nächsten Freundes kennt. Die Pflicht, einen Bürgerkrieg zu entfesseln, Sabotage zu treiben und zum Märtyrer zu werden, hat ihre Grenzen. Hier wird man einiges dem Opfer solcher Situationen überlassen müssen und nicht nur von Außen urteilen dürfen. Plato war Mitarbeiter der Syrakuser Tyrannen und lehrte, daß man sogar dem Feinde einen guten Rat nicht verweigern dürfe. Thomas Morus, der Schutzheilige der geistigen Freiheit, hat viele Stadien durchlaufen und dem Tyrannen erstaunliche Kon- zessionen gemacht, ehe es soweit war, daß er zum Märtyrer .,und zum Heiligen wurde. Im Übrigen gilt zu allen Zeiten politischer Machtkonzentration für jeden Publizisten der alte Satz der Saturnalien des Macrobius: non possum scribere in eum qui potest proscrihere. Im Sommer 1938 erschien in Deutschland ein Buch, in dem es heißt: „Wenn in einem Lande nur noch die von der staatlichen Macht organisierte Öffentlichkeit gilt, dann begibt sich die Seele eines Volkes auf den geheimnisvollen Weg, der nach Innen führt; dann wächst die Gegenkraft des Schweigens und der Stille." Benito Cereno, der Held von Herman Melville's Erzählung, ist in Deutschland zu einem Symbol für die Lage der Intelligenz in einem Massen- System erhoben worden. Im September 1939 erschienen die „Marmorklippen", ein Buch, das die ( Abgründe, die sich hinter den Ordnungsmasken

20

des Nihilismus verbergen, mit großer Kühnheit schildert. Viele Werke echter Kunst sind selbst in der damals diskriminierten Richtung der Malerei trotz fanatischer Kontrolle entstanden und haben wirklichen Schutz und wahre Förderung gefunden. Auf allen Gebieten der Natur- und Geisteswissenschaft wird man große Leistungen entdecken, sofern nur die intellektuelle Neugierde hier nicht plötzlich versagt. Der Geist ist seinem Wesen nach frei und bringt seine eigene Freiheit mit sich. Er wird sie auch in den Gefahrensituationen moderner Massen- organisierung bewähren müssen. Nur darf der > Maßstab seiner Bewährung nicht allzuweit vom Schuß gesucht werden. Dieser Geistesfreiheit entspricht das unverlierbare Recht auf wissenschaftliches Gehör. Vor dem Forum des Geistes hat unsere wissenschaftliche Arbeit nichts zu fürchten, nichts zu verhehlen und nichts zu bereuen. Die Erörterung ihrer Fehler wird sehr aufschlußreich sein. Wir freuen uns auf die fundamentale Neugierde, von der oben die Rede war, und auf eine freie Öffentlichkeit. Wir können aber auch auf den Gewinn einer harten Probezeit nicht verzichten und werden nicht vergessen, was wir in der Gefahr jener zwölf Jahre erfahren haben: den Unterschied von echter und falscher Öffentlichkeit und die Gegenkraft des Schweigens und der Stille.

o

21

Ich will versuchen, diese antwortenden Bemerkungen an Karl Mannheim gelangen zu lassen 1 . Unter den Soziologen war so oft und so viel von „Verstehen" die Rede, daß es gut wäre, dieses Verstehen auch einmal in einer verzweifelten Situation zu erproben und nicht nur in der Atmosphäre gutorganisierter Soziologenkongresse. Ich erinnere mich mancher guten Gespräche mit Karl Mannheim. Vielleicht versteht er es, daß mich die wissenschaftliche Neugierde zu allen Zeiten und auch heute nicht weniger plagt als ihn, und daß die Lautsprecher von heute für mich ebensowenig eine Instanz sind wie die Lautsprecher von gestern. Vor allem aber wird er meine Anknüpfung an seine Formel von der wissenschaftlichen Neugierde nicht als einen Appell an den Sieger mißverstehen. Dafür enthält seine Formulierung zuviel von der Dialektik des objektiven Geistes. Er spricht vom Begreifen des Andern in seinem Anderssein. Wer sich solcher Wendungen bedient, weiß, daß der Weg des Geistes auch durch Irrtümer führt, in denen der Geist auch in seinem Irrtum noch Geist bleibt. So steht es an einer klassischen Stelle mit einem berühmten Satz geschrieben. Dieser Satz des Meisters ist kein Freibrief, am wenigsten für die Niedertracht, wohl aber ein Geleitbrief, dessen Schrift die Söhne der Freiheit zu lesen wissen.

Winter 1945/46

1 Das ist damals nicht gelungen und war später nicht iriehr möglich.

22

Historiographia in Nuce:

Alexis de Tocqueville

1.

Ein Spruch, den ich in meiner Jugend oft gehört habe, liegt mir noch heute im Ohr: Der Sieger schreibt die

Das klingt so klar wie Befehl und stammt

sicher von einem Soldaten. Das erste geschichtliche Buch, das ich als Knabe las, war Annegarns Weltgeschichte, ein gutes Hausbuch, das die deutsche Geschichte vom katholischen Standpunkt darstellt. Die Katholiken von damals, um 1900, waren in einem von Preußen regierten

Deutschland jedenfalls nicht die Sieger, und ihre Geschichtsschreiber standen in einer schwierigen Defensive. Davon habe ich als Junge nichts gemerkt. Ein Knabe, der begeistert in Geschichtsbüchern liest, macht sich keine Gedanken darüber, wer diese schönen Geschichten eigentlich schreibt. Ich war von dem wackern Annegarn hingerissen und dachte nicht an Probleme der Historiographie. Allmählich lernte ich dann die Sieger meiner Zeit und ihre Geschichtsschreiber kennen. Dadurch klärte sich mir der soziologische Sinn jenes Spruches vom siegreichen Geschichtsschreiber. Der Spruch besagte jetzt, daß die nationalliberalen Historiker des Bismarck-Reiches, Sybel, Treitschke und ihre Nachfolger die großen Geschichtsschreiber sind. Daneben kamen die besiegten Österreicher oder Franzosen nicht in Betracht, von den Dänen, den Polen und den Ultramontanen schon gar nicht zu

Geschichte

23

reden. Doch konnte man, als der erste Weltkrieg näher rückte, manchmal auch schon eine Warnung heraushören, nämlich daß wir uns zusammennehmen müssen, um nicht in die Rolle des Besiegten hineinzugeraten. Sonst käme zu allem sonstigen Unglück eines verlorenen Krieges noch hinzu, daß die Historiker des Siegers über unsere Historiker triumphierten. Bei allen solchen Sprüchen über den Krieg dachte man nur an den europäischen Landkrieg des 19. Jahrhunderts, an einen staatlich organisierten, militärischen Krieg. Man dachte nicht an einen Bürgerkrieg. Es gibt viele bedeutende Aussprüche über den Krieg im Allgemeinen. Dichter und Philosophen, Historiker und Soldaten haben vom Kriege gesprochen. Leider erhält alles, was man vom Kriege sagt, erst im Bürgerkrieg seinen letzten und bitteren Sinn. Viele zitieren den Satz des Heraklit: Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Wenige aber wagen es, dabei an den Bürgerkrieg zu denken.

24

Seit langem ist Alexis de Tocqueville für mich der größte Historiker des 19. Jahrhunderts. Er wirkt etwas altmodisch vornehm, aber dafür ist er auch einer der

2.

seltenen Historikar, die dem Histrionismus ihres Jahrhunderts nicht verfallen sind. Es ist wunderbar, wie sein Blick die Vordergründe der Revolutionen und Restaurationen durchdringt, um den schicksalhaften Kern der Entwicklung zu sehen, die sich hinter den widersprechenden Fronten und Parolen vollzieht, eine Entwicklung, die sich aller Parteien von Rechts und Links bedient, um die Dinge weiterzutreiben, zu immer weiterer Zentralisierung und Demokratisierung. Wenn ich sage, daß der Blick dieses Historikers durchdringt, so soll das nicht heißen, daß er einen angestrengt und angespannt durchdringenden Blick hat. Er hat nicht den Eifer eines soziologischen oder psychologischen Entlarvers, nicht die Eitelkeit der Skeptiker, aber auch keine metaphysisdien Ambitionen. Er will nicht ewige Gesetze des weltgeschichtlidien Prozesses finden, weder Drei-Stadien-Gesetze, noch Kulturzyklen. Er spricht nicht über Dinge, an denen er nicht existenziell beteiligt ist, nicht von Indern und Ägyptern, nicht von Etruskern und Hethitern. Er setzt sich nicht, wie der große Hegel und der weise Ranke, zum lieben Gott in

die Königsloge des Welttheaters. Er ist ein Moralist im Sinne der französischen Tradition, wie Montesquieu, und zugleich ein Maler im Sinne der französischen

Auffassung von peinture. Sein Blick ist milde und klar und immer etwas traurig. Er hat intellektuellen Mut,

25

aber aus Höflichkeit und Loyalität gibt er jedem eine Chance und zeigt er keine laute Verzweiflung. So wurde er 1849 für einige Monate der Außenminister des Präsidenten Louis Napoleon, den er als einen Histrionen wohl durchschaute. Das Kapitel, das er in seinen Memoiren dieser Erfahrung widmet, ist voller Aktualität. Überhaupt erkennt man ihn am besten in seinen Souvenirs. Kein Historiker hat etwas Ähnliches aufzuweisen wie Tocqueville mit diesem wundervollen Buch. Was ihn aber weit über alle andern Historiker des 19. Jahrhunderts erhebt, ist die große Prognose, die am Schluß des ersten Bandes seiner Démocratie en Amérique steht. Tocquevilles Prognose besagt, daß die Menschheit den Weg zur Zentralisierung und Demokratisierung, den sie seit langem geht, unweigerlich und unwiderstehlich weitergehen wird. Aber der vorausschauende Historiker begnügt sich nicht damit, eine allgemeine Entwicklungstendenz fest- zustellen. Er bezeichnet einfach und deutlich die konkreten geschichtlichen Mächte, die diese Ent- wicklung tragen und durchsetzen: Amerika und Rußland. So verschieden und entgegengesetzt beide sein mögen, sie kommen doch auf ganz verschiedenen Wegen, die eine mit freiheitlichen, die andere mit diktatorischen Organisationsformen, beide zu dem gleichen Ergebnis einer zentralisierten und demokratisierten Menschheit.

3.

26

Es ist in der Tat außerordentlich, daß ein junger europäischer Jurist vor über hundert Jahren, um 1835, eine solche Prognose konzipieren konnte, während das herrschende Weltbild seines Zeitalters noch ganz Europa-zentrisch war. Hegel ist wenige Jahre vorher, 1831, gestorben, ohne die beiden neuen Weltmächte als Träger einer neuen Entwicklung bemerkt zu haben. Am erstaunlichsten ist, daß der französische Historiker die neuen, damals beide noch nicht industrialisierten Mächte Amerika und Rußland in dieser konkreten Weise zusammen nennt. Zwei aufsteigende Riesen, beide vom europäischen Geist geprägt und doch nicht europäisch, werden sich über die Grenzen und über die Köpfe des kleinen Europa hinweg unmittelbar treffen. Was Tocqueville in dieser Weise voraussagte, war kein vages Orakel, keine prophetische Vision und auch keine allgemeine geschichtsphilosophische Konstruktion. Es war eine wirkliche Prognose, gewonnen auf Grund sachlicher Beobachtungen und überlegener Diagnosen, erfaßt mit dem Mut einer europäischen Intelligenz und ausgesprochen mit aller Präzision eines französischen Geistes. Mit dieser Prognose veränderte sich das europäische Selbstbewußtsein und begann ein neuer Abschnitt der geschichtlichen Selbstverortung unseres Geistes. Breiteren Schichten ist das erst später zum Bewußtsein gekommen, durch den Scheinwerfer der offenen Not und den Lautverstärker der deutlichen Überschrift Untergang des Abendlandes. Das Problem ist nicht von heute und nicht von gestern. Der erste moderne Beitrag zu dem säkularen Thema stammt von Tocqueville. Bis auf den heutigen Tag ist

27

das zugleich der bedeutendste Beitrag geblieben, weil es der konkreteste ist. Tiefe geschichtliche Wahrheiten finden ihr klarstes Wort im Augenblick ihres Aufgangs.

4.

Tocqueville war ein Besiegter. In ihm sammelten sich alle Arten von Niederlagen, und das nicht zufällig und nur unglücklicherweise, sondern schicksalhaft und existenziell. Als Aristokrat war er ein Besiegter des Bürgerkrieges, das bedeutet: der schlimmsten Art von Krieg, die auch die schlimmste Art von Niederlagen mit sich bringt. Er gehörte zu der sozialen Schicht, die durch die Revolution von 1789 besiegt worden war. Als Liberaler hat er die nicht mehr liberale Revolution von 1848 vorausgesehen und wurde er durch den Ausbruch ihres Schreckens tödlich getroffen. Als Franzose gehörte er zu der Nation, die nach einem zwanzigjährigen Koalitionskrieg von England, Rußland, Österreich und Preußen besiegt worden war. Dadurch war er der Besiegte eines außenpolitischen Weltkrieges. Als Europäer geriet er ebenfalls in die Rolle des Unterlegenen, denn er sah die Entwicklung voraus, die zwei neue Mächte, Amerika und Rußland, über den Kopf Europas hinweg zu Trägern und Erben einer unwiderstehlichen Zentralisierung und Demokra- tisierung machte. Als Christ endlich, der er nach dem Glauben seiner Väter, durch Taufe und Tradition

28

geblieben ist, erlag er dem wissenschaftlichen Agnostizismus des Zeitalters. Darum ist er nicht das geworden, wozu er mehr als jeder Andere prädestiniert schien: ein christlicher Epimetheus. Ihm fehlte der heilsgeschichtliche Halt, der seine geschichtliche Idee von Europa vor der Verzweiflung bewahrte. Europa war ohne die Idee eines Katechon verloren. Tocqueville kannte keinen Katechon. Statt dessen suchte er kluge Kompromisse. Er selbst fühlte die Schwäche dieser Kompromisse ebenso wie seine Gegner, die ihn deshalb verlachten. So wurde er ein Besiegter, der seine Niederlage akzeptiert. C'est un vaincu qui accepte sa défaite. Das hat Guizot von ihm gesagt und Sainte-Beuve hat es eifrig kolportiert. Es war böse gemeint. Der literarische Kritiker benutzt es als einen Giftpfeil, um den berühmten Historiker tödlich zu treffen. Aber Gott wandelt den Sinn solcher Bosheiten und macht sie zum Zeugnis eines ungewollten und unerwarteten Tiefsinns. Auf diese Weise kann der böse gemeinte Satz sogar dazu dienen, das Arcanum der Größe ahnen zu lassen, das den besiegten Franzosen über alle andern Geschichtsschreiber seines Jahrhunderts erhebt.

5.

29

Im Herbst 1940, als Frankreich besiegt am Boden lag, hatte ich ein Gespräch mit einem Jugoslaven, dem serbischen Dichter Ivo Andric, den ich sehr liebe. Wir waren uns in einer gemeinsamen Kennerschaft und in der Verehrung für Léon Bloy begegnet. Der Serbe erzählte mir folgende Geschichte aus dem Mythos seines Volkes: Marko Kraljevié, der Held der serbischen Sage, kämpfte einen ganzen Tag mit einem mächtigen Türken und streckte ihn nach hartem Kampf zu Boden. Als er den besiegten Feind getötet hatte, erwachte eine Schlange, die auf dem Herzen des Toten schlief, und sprach zu Marko: Es war dein Glück, daß ich während

eures Kampfes geschlafen habe. Da rief der Held:

Weh mir, ich habe einen Mann getötet, der stärker war als ich! Diese Geschichte habe ich damals einigen Freunden und Bekannten weitererzählt, auch Ernst Jünger, der als Offizier der Besatzungsarmee in Paris stand. Wir waren alle tief beeindruckt. Aber wir waren uns alle auch darüber klar, daß die Sieger von heutzutage sich von solchen mittelalterlichen Geschichten nicht beeindrucken lassen. Auch das gehört noch zu deinem großen Prognostikum, armer, besiegter Tocqueville!

Sommer 1946.

3

33

Zwei Gräber

Vierzig Jahre lang hat mich eine starke Strömung immer wieder aus dem Westen Deutschlands nach Berlin geworfen und dort festgehalten bis auf den heutigen Tag, gegen alle meine Neigungen und Instinkte, gegen alle Pläne und Vorsätze. Seit achtzehn Jahren habe ich in Berlin meinen Wohnsitz, ohne es recht zu wollen und ohne doch davon loszukommen. Vielen Deutschen meiner Zeit und meiner sozialen Schicht ist es ähnlich gegangen. Eine Riesenturbine hat uns hierhin gezogen. Ein Malstrom hat uns hier abgesetzt. Berlin ist uns zum Schicksal geworden, und wir, seine Opfer, wurden zum Schicksal Berlins. Uns war diese problematische, aufbrecherische Hauptstadt mehr eine Passage als eine wirkliche Stadt oder ein Domizil. Für zahlreiche ihrer Bewohner war sie tatsächlich nichts als ein ruheloser Arbeitsplatz, mit guten Theatern und viel Nachtbetrieb, erträglich durch viele Reisen an die See oder ins Gebirge, ein neuerungsbesessener Termitenhaufen, ein prometheischer Feuerofen und schließlich ein Krematorium. War sie auch im Ganzen geschichtlich gesehen nicht mehr als ein Krematorium und zuletzt nicht einmal mehr das, sondern nur noch ein Mülleimer und ein Schutthaufen? Sie war weit mehr und etwas ganz anderes. Es gibt in ihr nicht nur Schutt und Trümmer, sondern auch Gräber. Eine Stadt erhält ihren geschichtlichen Rang durch ihre Gräber. Es mag sein, daß Kirchen und Paläste das Bild beherrschen, aber die tiefere Wirkung geht von den Gräbern aus. Sie senden unhörbar und unfaßbar ihre Totengesänge. Rom ist

33

eine heilige Stadt durch seine Gräber, dann erst durch seine Kirchen und Paläste. Berlin hat nichts von einer heiligen Stadt. Von seinen Kirchen wollen wir hier nicht sprechen. Aber es gibt wirkliche Gräber in Berlin. Nicht nur einfache, anständige, ehrliche Gräber, die durch keine kunstgewerblichen Experimente zerstört sind; nicht nur Gräber von Armen, Fremden und Unbekannten, die einen tiefer rühren, als falsche Mausoleen, sondern auch Gräber, die eine geschichtliche Würde begründen. Ich denke hier nicht an die berühmten Philosophen Fichte und Hegel. Ihre Gräber sind nicht berühmt geworden. Solche idealistischen Denker haben eine zu fragwürdige Beziehung zur Auferstehung des Fleisches, als daß ihr eigenes Grab die Keime geschichtlicher Erwartungen in sich bergen könnte. Fichtes unsterbliches Ich wird sich schon irgendwie ein neues Nicht-Ich anbändigen, und Hegels absoluter Geist wird sich schon irgendwo in neuen Residenzen freibleibend niederlassen. Es gibt in Berlin manche schönen und würdigen Gräber von Künstlern und Gelehrten. Das Humboldt-Grab in Tegel ist das vollendete Dokument eines wohlgelungenen Klassizismus. Daneben gibt es hilflose Gräber, die ein letzter Ausdruck hilflos isolierter Existenz sind, wie das Grab Bruno Bauers auf dem Friedhof im früheren Rixdorf, ein Stein mit dem falschen Titel Dr. Bruno Bauer, über den der alte Licenciât der Theologie verständnisvoll gelächelt hätte. Aber was wird durch solche Gräber konstituiert, und was geht mit ihnen unter, wenn sie zerstört oder verlagert werden? Auf dem Invalidenfriedhof sind echte Gräber von Soldaten,

34

insbesondere von Trägern des Pour le mérite. Soviel ich weiß, hat Ernst Jünger sich früher einmal sein Recht in dieser Reihe vorbehalten. Ich weiß nicht, ob er heute noch daran festhält. Es ist schwer, über solche Dinge zu sprechen, denn wir Lebenden dieser Erde wissen von unserem wirklichen Grab nicht mehr als vom Leben nach dem Tode. Das Grab gehört aber noch zum Gesamtbild unserer irdischen Erscheinung. Wir lernen als Knaben und erleben als Greise den Ausruf Solons: Nemo ante mortem beatus. Ergänzen wir: ante sepulcrum, und sagen wir: beatus vel miser. Davon darf man wohl sprechen. Wir sind sogar verpflichtet, uns eines neuartigen Gegenwartsproblems bewußt zu werden. Die modernen, dem Zeitalter des Fortschritts angemessenen Verfahren haben auch die Methoden der Beseitigung von Leichnamen politischer Feinde vervollkommnet und das antike Thema der Antigone modernisiert. Ich kenne in Berlin zwei Gräber, die etwas bezeugen und die es für mich bewirken, daß diese zerstörte Stadt nicht nur die Asche eines prometheischen Feuerofens ist. Zwei deutsche Dichter haben hier ihr Grab gefunden, und zwar. so, daß diese beiden Gräber für unsere wahre, das ist unsere Leidensgeschichte mehr besagen als die Gräber in der Fürstengruft zu Weimar: das Grab Kleists am Wannsee und das Grab Theodor Däublers auf dem Friedhof an der Heerstraße. Schon ihretwegen ist Berlin kein bloßes Krematorium und kein Schutthaufen.

35

Heinrich von Kleist trug den Zwiespalt von Westen und Osten in seinem Wesen. Als junger Mann dachte er daran, Soldat unter Napoleon zu werden; später hat die Feindschaft gegen den fremden Eroberer seine Seele in Besitz genommen. Napoleon, das war der Westen. Kleist hätte Geduld haben und warten können. Der Osten hat bisher mehr Geduld gehabt als der Westen. Die slawische Geduld wird Herrin unserer Schuld. In Berlin freilich war schon zuviel Geist, als daß hier noch viel Geduld hätte sein können. Aber auch vom Geist her hätte Napoleon Preußen nicht dauernd erobert. Erobern kann nur derjenige, der seine Beute besser kennt, als sie sich selbst, und es ist keine Frage, daß die damaligen preußischen Philosophen von den Ideen des Westens mehr gewußt haben, als der damalige Westen von den Kräften des Ostens auch nur ahnte. Kleists Franzosenhaß war noch keine Option für den Osten, den es im heutigen Sinne damals überhaupt noch nicht gab. Aber in der konkreten weltpolitischen Lage war der Franzosenhaß doch schon eine Option für Rußland, für die Landmacht, von der Napoleon zu Boden geworfen wurde, mit allen Folgen, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts daraus ergaben, sowohl für Preußen und das von Preußen aus regierte Deutschland, wie auch für das von einem mächtigen Deutschland überschattete Europa. Es war auf jeden Fall eine Aktualisierung der starken östlichen Elemente innerhalb des eigenen preußischen Wesens. Ein Jahr vor seinem Tode hat Kleist den unerschöpflichen, immer von neuem erstaunlichen Aufsatz „über das Marionettentheater" geschrieben. Darin erscheint am Schluß ein Bär, der

36

mit unbeirrbarem Instinkt jeder, auch der intelligentesten Technik überlegen ist. Er ermüdet die besten Florettfechter, einfach weil er auf Finten nicht reagiert. Dieser Träger unbewußter Kräfte ist ein mythisches Symbol und steht bereits in den Linien eines tiefen Gegensatzes von Osten und Westen. Der Gegensatz geht mitten durch Deutschland hindurch, mitten durch das Herz Deutschlands. Bei den Klassikern der deutschen Literatur ist er in dieser Gestalt noch ganz undenkbar. Doch taucht er vom Osten her schon im 18. Jahrhundert auf. Ein merkwürdiges Dokument aus dieser Zeit ist der Appell, den der eigentlichste Philosoph des deutschen Ostens, Johann Georg Hamann, im Jahre 1776 aus Königsberg an Friedrich den Großen gerichtet hat. Gegen den Philosophen von Sanssouci appelliert der größere Philosoph Hamann an den König von Preußen. Der Philosoph von Sanssouci, das war der Westen, der König von Preußen der Osten. Aber wer sollte im Zeitalter Voltaires einen solchen Brief lesen und einen solchen Appell verstehen? Dagegen konnte im folgenden Jahrhundert ein Linkshegelianer wie Bruno Bauer in voller weltgeschichtlidier Bewußtheit für den Osten optieren. Ich war im Herbst 1935 mit dem Dichter Konrad Weiß und zwei westfälischen Freunden in Wannsee am Grabe Kleists. Konrad Weiß hat darüber einen herrlichen Aufsatz veröffentlicht. In dem Geschichtsbild von Weiß, das ganz marianisch ist, werden die Frauengestalten Kleists wunderbar christlich, während die Frauen Goethes entweder idealistisch-blaß oder mignonhaft-romantisch

37

werden. Über den Tod Kleists haben wir nicht gesprochen. Im Oktober 1944 besuchte ich das Grab zusammen mit meiner Tochter Anima. Der alte, bescheidene Grabstein, der schon eine gewisse Tradition hatte, war beseitigt worden und durch einen modernen einfachen Stein ersetzt. Die alte, spruchhafte Inschrift hatte einem Vers aus dem Prinzen von Homburg weichen müssen:

Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein!, was an diesem Platz allzu anspruchsvoll klang. In der Luft schwirrten schon die Todesvögel der herannahenden Selbstmordepidemie. Es war eine schreckliche Stunde. Aber mit dem dreizehnjährigen Kind wollte ich nicht darüber sprechen. Inzwischen haben mich die eigenen Erfahrungen getrieben, weiter nachzudenken und auszusprechen, was mir deutlich geworden ist. Kleists Grab ist das Grab eines Selbstmörders. Er hat sich, planmäßig und mit Überlegung, selbst mit eigener Hand getötet. Keine idealistische Rhetorik kann das verblümen oder zer- reden. Auf dem alten Grabstein stand der Vers:

Er suchte hier den Tod und fand Unsterblichkeit. War es wirklich der Tod, den er gesucht hat? Die Todeslust ist nicht der Tod. Und will jemand wissen, was er wirklich gefunden hat? Ich denke heute mit Schrecken daran, daß dieser Selbstmord, der im November 1811 begangen wurde, schon ein Vorbote der Selbstmorde gewesen sein könnte, die im Frühjahr 1945 gerade in diesem Teil Berlins und gerade in einer bestimmten sozialen Schicht verübt worden sind. Von einem modernen Dichter, sogar

38

dem modernsten unter ihnen, von Theodor Däubler, stammt der Vers:

Die Pflanzen lehren uns der Heiden sanftes

Sterben. Ich glaube nicht an dieses sanfte Sterben der Heiden und auch nicht an ihre Pflanzenhaftigkeit. Was die Heiden in dieser Hinsicht vor uns voraushatten, und was ein Europäer des 20. Jahrhunderts ihnen vergeblich nachzumachen sucht, ist etwas anderes, nämlich die Kraft, aus dem Selbstmord ein Sakrament zu machen. Das hat nur ein Einziger in einer für uns verstehbaren Weise zustande gebracht, der stoische Philosoph, der feierlich den Schritt ins Reich der Freiheit tat und darin die letzte, im Grunde sogar die einzige Möglichkeit erblickte, seine menschliche Würde zu beweisen und seine moralische Freiheit zu bewähren. Ich habe in meinem Leben zwei Männer gekannt, die sich möglicherweise unter Mitwirkung solcher Motive das Leben ge- nommen haben: Otto Baensch, ein neukantianischer Philosoph, der 1936 in der Verzweiflung starb, und Wilhelm Ahlmann, der sich und seine Freunde im Dezember 1944 weiteren polizeilichen Vernehmungen durch den Tod entzog. Nur in Zeiten des Bürgerkrieges erwächst die beispielhafte Bedeutung dieser Todesart. Ein be- rühmter geschichtlicher Fall ist das Ende des Philosophen Condorcet, der während des Terrors von 1793 Gift nahm und auf solche Weise dem Terror entging und zugleich erlag. Doch ist das schon modern. In Wahrheit bleibt Seneca der einzige Priester dieses hochphilosophischen Sakraments. Er war Zeitgenosse sowohl des heidnischen Kaisers

39

Nero wie des christlichen Apostels Paulus. Seine Sprache hat schon etwas vom Wachstum des Fleisch gewordenen Wortes. Auf seiner Tat ruht schon ein Strahl aus der Weihe, die nur der Kreuzestod des Gottmenschen verleihen konnte. Auch Senecas Neffe Lucan muß hier genannt werden, denn er ist der Dichter des Bürgerkrieges. Beide waren Zeitgenossen der einmaligen, unwiederholbaren, stets gegenwärtigen Ereignisse, die unsern Aeon begründet haben und erhalten. Für uns kommt das schimmernde Licht des stoischen Selbstmordes von dort, aus dem Ursprung unseres Aeons. Es ist nur ein mondhaftes Licht, wie das aller humanistischen Religionsversuche, und ist sakramentaler Formen nicht imstande. Kleist war kein Stoiker. Sein Selbstmord war auch keine Kampfhandlung eines Bürgerkrieges. Die Todeslust hat ihn ergriffen. Er kannte die Angst und suchte die Wollust des Grabes. Er suchte das Bett der Kaiserin. Er ist aber kein Euphorien der Todeslust geworden. Er war kein Heide, weder ein ungebrochener, vorchristlicher Heide, noch ein gewollter Heide im Sinne moderner Lebenssucht und verzweifelter Diesseitigkeit. Es trieb ihn weit hinaus über die Elemente von Tod und Grab. Er wollte sich die Pforten eines Jenseits öffnen, gewaltsam öffnen und wollte dabei nicht allein sein. Er nahm eine Begleiterin mit, ein Opfer, das sich ihm anbot. Als er unter feierlichen Beteuerungen seiner Heiterkeit in den Tod ging, mit einer Frau als Begleiterin, Opfer und Zeugin, suchte er den Weg in ein anderes Reich und versuchte er den Ritus der Eröffnung dieses Weges. Seine Tat überhöhte das Element und

40

versuchte ein Sakrament. Allein er fand kein Sakrament für sich bereitet. Er fand nicht einmal mehr das Zeichen des Kreuzes im Namen der heiligsten Dreifaltigkeit, ein Zeichen, dessen rettende Kraft Annette von Droste-Hülshoff erfahren und in einem ihrer stärksten Gedichte bezeugt hat. Kleists Sprung ins Reich der Freiheit wurde dadurch zu einer Gewalttat, und die Begleiterin war statt einer Zeugin nur noch das hilflose Echo männlicher Verzweiflung. Es war die Gewalttat eines deutschen Dichters, den der Humanismus der deutschen Klassiker und der Idealismus der deutsdien Philosophie unerlöst gelassen hatten, weil beide ihm kein Sakrament und nicht einmal ein Zeichen geben konnten. Beide, Humanismus und Idealismus, sind, wie Konrad Weiß sagt, lichtvoll aber luftleer. Dagegen ist von Maria, der Immaculata, ein Glanz auf die Frauengestalten Kleists gefallen, auf seine Amazonen wie seine traumwandelnden Mädchen, und Maria, die hilfreiche Mutter, kann den Dichter solcher Frauenbilder nicht ohne ihre Hilfe gelassen haben. Ein Hauch ihrer himmlischen Milde löst die starre Klage dieses Grabes.

o

Das andere Grab liegt in den Reihen eines indi- vidualistisch gepflegten Großstadtfriedhofes am Reichssportfeld. Es ist das Grab des Dichters, dessen Vers von „der Heiden sanftem Sterben" ich soeben zitierte. Theodor Däubler kam aus dem Süden, aus Triest, über Rom, Florenz und Paris nach Berlin. Als er hier eintraf, 1912, lagen schon die Schatten des nahenden Weltkrieges auf dem Wilhelminischen Deutschland und seiner Hauptstadt. Der neugierige

41

Intellektualismus dieses Berlin konnte auf dem Gebiet der Musik Richard Strauß noch gut folgen. In der Malerei reagierte er lebhaft auf die Problematik neuer Raumbegriffe. In der Sprache und Literatur war er zu selbstgefällig, als daß er hellhörig hätte sein können. Junge Todesvögel, wie Georg Heym und Georg Trakl, blieben nicht unbemerkt. Nichts blieb unbemerkt, auch Däubler nicht. Aber was sollte man mit diesem armen, ungepflegten Bohemien anfangen? Er war ein Koloß von Mensch und hatte einen Koloß von Werk bei sich, das dickleibige, dreibändige Epos vom Nordlicht. Johannes Schlaf, mit seinen kosmisdien Witterungen, signalisierte es sofort als das Epos Europas. Aber wer sonst konnte um 1912 in Berlin glauben, daß dieses der große europäische Dichter war, der die geistige und artistische Vollendung französischer und italienischer Kunst in sich aufgenommen hatte, unendlich moderner als alle Aestheten und Literaten, deren ganzer Stolz es war, modern zu sein? Der ungepflegte Koloß war in Wirklichkeit ein Genius europäischer Sensibilität, ein Genius der Sprachen, wie es nur ein Illyrer sein kann. Insofern war er ein modernes, artistisches Gegenbild zu seinem theologischen Landsmann aus dem 4. Jahrhundert, Hieronymus, dem Vater der latei- nischen Vulgata, deren phonetische Schönheit wir seit Charles Péguy hören und fühlen. Was der europäische Impressionismus des 19. Jahrhunderts, was Futurismus, Kubismus und Expressionismus in vielen chaotischen Ansätzen aufgebrochen hatten, fand in der deutschen Sprache eine unerwartete Erfüllung. Das deutsche Gedicht wurde ein neues

42

Wunderwerk von Klang und Farbe und Gedanke. Es wurde zu einer Partitur, deren tonale und koloristische Fülle durch den Leser und Hörer fortwährend intoniert, interpretiert und und dirigiert wird. Viele Dichter waren an der sprachlichen Wandlung beteiligt, darunter große Namen, wie Stefan George und Rainer Maria Rilke. Aber erst durch Däubler ist die deutsche Sprache zu dem reinen Wunderinstrument einer neuen Tonalität geworden. Däubler war oft in Berlin, obwohl er dort weder ein Domizil noch eine Heimat hatte. Er liebte diese Passage ins Unabsehbare, trotz ihrer auf- brecherischen Neuerungsbesessenheit und trotz häßlicher Erfahrungen mit ihren Menschen. Er hat keine Hymne an Berlin gedichtet, wohl aber eine Ode an Rom, einen Sang an Mailand, Hymnen an italienische Städte und herrliche Ansätze zu einem Hymnus an den Kölner Dom und andere deutsche Stätten. Aber er wollte in Berlin begraben sein, nachdem er den weiten Weg vom Mittelmeer durch Westeuropa gewandert war.

Es will sich der Wandrer zu Wartenden legen.

Rilke und Stefan George haben sich in die Schweiz begeben und dort ihr Grab gefunden. Däubler, der Dichter gnostisch leuchtender Verse über die Auferstehung des Fleisches, hat sich in Berlin im Sande der Mark Brandenburg zu den Wartenden gelegt. Auf seinem Grabstein steht der Vers:

Die Welt versöhnt und übertönt der Geist. Müssen wir fragen: welcher Geist? Der absolute Geist Hegels, der solange in Berlin residierte, oder der Geist der christlichen Trinität, an dessen Zeichen sich

43

Annette geklammert hat, oder einer der vielen anderen Geister, an deren Unterscheidung wir uns bewähren sollen? Der dichterische Pantheismus Däublers umfaßt sie alle mit gleicher Begeisterung und reißt sie alle in den Strom seiner Rhythmen. Er kann alles gut heißen. Er kann in grenzenloser Simultanität jedes Wort und jeden Begriff leuchten und erklingen lassen. „Alles wird zu eines Balles Urversuchtem Rundungstraum." Dieser Dichter lebt mit allen religiösen und philosophischen Entitäten wie der große Pan mit allen Pflanzen und Tieren. Er lagert sich zu ihnen wie in der berühmten antiken Plastik der Vater Nil zu seinen Kindern. Aber ein Vers, der auf einem Grabstein steht, verbleibt nicht in dem Bereich einer nur poetischen Unverbindlichkeit. Er nimmt unvermeidlich etwas von religiösem oder metaphysischem oder philosophischem Bekenntnis und von einer Entscheidung an.

44

Jener Vers von dem Geist, der die Welt versöhnt, ist der letzte Vers von Däublers großem Epos Das Nordlicht, sein Schluß, seine Conclusion. Das Werk

selbst ist so voller Leben und Seele, daß wir uns hier mit polemischen Antithesen von Geist und Leben und Geist und Seele nicht aufzuhalten brauchen. Das war mir von Anfang an klar. Aber der eigentlich

geschichtsphilo-

sophische Sinn des Nordlicht-Symbols ist mir lange verborgen geblieben. Ich habe, in einer noch sehr jugendlichen Schrift aus dem Jahre 1916, eine christliche Deutung gegeben, und Däubler, in seiner grenzenlosen Großzügigkeit, hat das ohne Widerspruch hingenommen. Heute weiß ich, daß das Nordlicht in dem fahlen Schein einer Menschheits-Gnosis leuchtet. Es ist das meteoro- logische Signal einer sich selbst rettenden Mensch- heit, eine autochthone Strahlung, die von den Promethiden der Erde in den Kosmos hineingesendet wird. Der geistesgeschichtliche Zusammenhang, in dem Däublers Idee vom Nordlicht zu verstehen ist, wurde mir erst deutlich, als ich einen Aufsatz von Proudhon kennen lernte, mit einer längeren Anmerkung über das Schicksal der Erde und ihrer Menschen. Der ideenreiche französische Revolutionär, der solche Spekulationen liebte, spricht davon, daß es das Schicksal der Erde ist, allmählich zu erkalten und wie der Mond zu sterben. Die Menschheit muß dann mit ihrem Planeten sterben, wenn es ihr nicht gelingt, sich zum Geist •—- Spiritualité, Conscience, Liberté — zu sublimieren. Für Däubler ist das Polarlicht der tellurische Zeuge und Bürge eben dieser Rettung der Menschheit durdi den Geist und im Geist. Proudhons kosmisch-geschichtsphilosophische Phan- tasie vom Schicksal der Erde und ihrer

4

49

48

Müssen wir fragen: welcher Geist? Der absolute Geist Hegels, der solange in Berlin residierte, oder der Geist der christlichen Trinität, an dessen Zeichen sich Annette geklammert hat, oder einer der vielen anderen Geister, an deren Unterscheidung wir uns bewähren sollen? Der dichterische Pantheismus Däublers umfaßt sie alle mit gleicher Begeisterung und reißt sie alle in den Strom seiner Rhythmen. Er kann alles gut heißen. Er kann in grenzenloser Simultanität jedes Wort und jeden Begriff leuchten und erklingen lassen. „Alles wird zu eines Balles Urversuchtem Rundungstraum." Dieser Dichter lebt mit allen religiösen und philosophischen Entitäten wie der große Pan mit allen Pflanzen und Tieren. Er lagert sich zu ihnen wie in der berühmten antiken Plastik der Vater Nil zu seinen Kindern. Aber ein Vers, der auf einem Grabstein steht, verbleibt nicht in dem Bereich einer nur poetischen Unverbindlichkeit. Er nimmt unvermeidlich etwas von religiösem oder metaphysischem oder philosophischem Bekenntnis und von einer Entscheidung an. Jener Vers von dem Geist, der die Welt versöhnt, ist der letzte Vers von Däublers großem Epos Das Nordlicht, sein Schluß, seine Conclusion. Das Werk selbst ist so voller Leben und Seele, daß wir uns hier mit polemischen Antithesen von Geist und Leben und Geist und Seele nicht aufzuhalten brauchen. Das war mir von Anfang an klar. Aber der eigentlich

geschichtsphilo-

sophische Sinn des Nordlicht-Symbols ist mir lange verborgen geblieben. Ich habe, in einer noch sehr jugendlichen Schrift aus dem Jahre 1916, eine christliche Deutung gegeben, und Däubler, in seiner grenzenlosen Großzügigkeit, hat das ohne Widerspruch hingenommen. Heute weiß ich, daß das Nordlicht in dem fahlen Schein einer Menschheits-Gnosis leuchtet. Es ist das meteoro- logische Signal einer sich selbst rettenden Mensch- heit, eine autochthone Strahlung, die von den Promethiden der Erde in den Kosmos hineingesendet wird. Der geistesgeschichdiche Zusammenhang, in dem Däublers Idee vom Nordlicht zu verstehen ist, wurde mir erst deutlich, als ich einen Aufsatz von Proudhon kennen lernte, mit einer längeren Anmerkung über das Schicksal der Erde und ihrer Menschen. Der ideenreiche französische Revolutionär, der solche Spekulationen liebte, spricht davon, daß es das Schicksal der Erde ist, allmählich zu erkalten und wie der Mond zu sterben. Die Menschheit muß dann mit ihrem Planeten sterben, wenn es ihr nicht gelingt, sich zum Geist — Spiritualité, Conscience, Liberté — zu sublimieren. Für Däubler ist das Polarlicht der tellurische Zeuge und Bürge eben dieser Rettung der Menschheit durch den Geist und im Geist. Proudhons kosmisch-geschichtsphilosophische Phan- tasie vom Schicksal der Erde und ihrer

4

49

50

Menschen fand ich in seinen kunstphilosophischen Aufsätzen, die 1865 als Buch in Paris erschienen sind. Sie fielen mir erst im Jahre 1938 in die Hände, vier Jahre nach dem Tode Däublers, volle 28 Jahre, nach- dem ich mit meinen Studien über das Symbol des Nordlichts begonnen und dabei anfangs auch einige Bemerkungen von Charles Fourier und Gustave Flaubert gefunden hatte. Die geheimnisvolle Hand, die unsern Griff nach Büchern lenkt, hat mir jene Stelle bei Froudhon erst spät zugeführt und aufgeschlagen. Ich vermute, daß die promethidische Nordlicht-Idee aus Saint-Simonistischen Kreisen stammt. Jedenfalls wird sie dort ihre geistesgeschichtliche Virulenz empfangen haben. Wie weit Theodor Däubler in ihre Esoterik eingeweiht war, ist mir nicht bekannt. Seine intuitive Kenntnis antiker Mysterien war erstaunlich, doch betreffen die antiken Mysterien Sonne, Mond, Erde und Gestirne. Dabei ist nach der von Bachofen behandelten Schrift des Plutarch die Seele dem Monde, der Geist der Sonne und der Leib der Erde zugeordnet. Das Nordlicht ist kein antikes Mysterien-Symbol. Däubler kannte und wußte unendlich Vieles aus Gesprächen und auch aus scheinbar zufälligen, phonetischen Begegnungen, die seinen Witterungen immer neue Nahrung gaben. Der genius loci von Florenz, die unabsehbare Wirkung Bachofens und andere Ideenherde des 19. Jahrhunderts haben auch ihn erfaßt. Er machte öfters Andeutungen eines eso- terischen Wissens, sprach aber niemals über die geistesgeschichtlichen Zusammenhänge, deren

51

Kenntnis für mich den Zugang zum Wissen bedeutet. Mir hat jene Begegnung mit der Anmerkung Proudhons den Sinn des Nordlicht-Symbols enthüllt. Ich erkannte jetzt den Ursprung von Däublers Geist-Begriff, der sich aus metaphysisch-deutschen Quellen, aus esoterisch-mediterranen Zisternen und aus prometheisch-atlantischen Golfströmen nährt. Dabei wurde mir nachträglich ein langsames, langjähriges Wachstum bewußt, das mich von

Däubler innerlich entfernt hat. Ich hatte mich seit

1910 mit großem Eifer in den Dienst seines Werkes

gestellt. Fritz Eisler hat mich darin mit seiner großen Klugheit und Feinfühligkeit bestätigt. Eislers

Andenken habe ich die Nordlicht-Broschüre von

1916 gewidmet, nachdem er im September 1914 in

Frankreich gefallen war. Aus alledem war eine innige persönliche Freundschaft mit Däubler entstanden. Nach dem ersten Weltkrieg ließ sie nach. Däublers Name hatte sich durchgesetzt. Mir kam jetzt Konrad Weiß näher, ein katholischer Schwabe, der Dichter der Cumäischen Sibylle (1921), des Tantalus (1929) und des Christlichen Epimetheus (1933). Das alles ist ohne Trennungen oder Er- klärungen vor sich gegangen, ohne Optionen und Dezisionen, ohne Beredungen oder Diskussionen, so,

wie die Maser des Holzes in einem Baume wächst. Es gehört zu den Linien unseres Lebens, die wir wohl nachzeichnen, aber nicht voraussehen oder während ihres Wachstums bestimmen können. Konrad Weiß ist im Januar 1940 in München gestorben und dort begraben. Ich für meine arme

52

Person habe die Hoffnung aufgegeben, in den Bergen über der Mosel begraben zu werden, im Lande meiner - Väter. Aber ich hoffe immer noch, ein Grab im westfälischen Sauerland zu finden, auf dem katholischen Friedhof in Eiringhausen, wo meine Eltern ruhen, über der Lenne, einem saarländischen Fluß, der in meiner Kindheit noch schönes, stolzes Bergwasser führte und den ich im Laufe meines Lebens zu einem armen Kanal für Industrie-Abwässer habe werden sehen. Doch würde ich es auch nicht als Degradierung empfinden, wenn sich meine leiblichen Reste im Sande der Mark Brandenburg mit der Erde vereinigten, in der Erwartung des jüngsten Tages und der Auferstehung der Toten. Ich entwerfe keine Grabinschrift. Nicht einmal „Hic et Nunc" soll dort stehen. Wenn aber mein Kind etwas von dem Arcanum im Fatum seines Vaters wissen möchte und mich nach Worten fragt, die den innersten Kern meines Lebens be- rühren, so kann ich ihm keinen Vers von Däubler zitieren. Ich kann ihm nicht promethidisch antworten, sondern nur als ein christlicher Epime- theus, mit einer Strophe von Konrad Weiß:

So wird der Sinn, je mehr er sich selber sucht, Aus dunkler Haft die Seele geführt zur Welt. Vollbringe, was du mußt, es ist schon Immer vollbracht und du tust nur Antwort.

Für meine Tochter Anima Louise zum 25. August 1946.

53

I

I

К

<.

>

I.

Iwll

fïtes

wî' j

I

, J;. ^

l;SÉf
l;SÉf

'WM.

Ж

т&ё&ш

ш

55

Ex Captivitate Salus 1.

Unser Leben erhält Furchen und Linien durch unser Werk, durch unsere Produktivität in Arbeit und Beruf. Ich bin als Lehrer und Forscher in zwei rechtswissenschaftlichen Gebieten beheimatet, im Völkerrecht und im Verfassungsrecht. Beide Disziplinen gehören zum öffentlichen Recht. Die Arbeit auf diesen Gebieten ist publizistisch im stärksten Sinne des Wortes. Sie betrifft Fragen von innen- und außenpolitischer Tragweite. Infolgedessen ist sie der Gefahr des ' Politischen unmittelbar ausgesetzt. Dieser Gefahr kann der Jurist solcher Fächer nicht entgehen, nicht einmal dadurch, daß er in dem Nirwana des reinen Positivismus verschwindet. Er kann die Gefahr höchstens mildern, entweder indem er sich in abgelegenen Randgebieten mit historischer oder philosophischer Schutzfärbung ansiedelt, oder aber dadurch, daß er die Kunst der Vorbehalte und Verschleierungen zur höchsten Vollkommenheit entwickelt. In ruhigen Zeiten bilden sich neutrale Zonen und angenehme Parks für Natur- und Geist- und

56

Denkmalschutz. In unruhigen Zeiten hört das auf. Dann wird die Gefahr akut, die allem freien Denken immanent ist. Der Forscher und Lehrer des öffentlichen Rechts sieht sich dann plötzlich mit irgendeinem freien Wort und irgendeinem freien Gedanken festgelegt und rubriziert, und zwar von Menschen, die niemals in ihrem Leben einen freien Gedanken gehabt haben, und denen jede Freiheit des Geistes wesensmäßig fremd ist. Aber nicht nur das. Die wissenschaftliche Arbeit eines Gelehrten des öffentlichen Rechts, sein Werk selbst verortet ihn in einem bestimmten Land, bei bestimmten Gruppen und Mächten und in einer bestimmten Zeitlage. Der Stoff, aus dem er seine Begriffe bildet, und auf den er für seine wissenschaftliche Arbeit angewiesen ist, bindet ihn an politische Situationen, deren Gunst oder Ungunst, Glück oder Unglück, Sieg oder Niederlage auch den Forscher und Lehrer erfaßt und sein persönliches Schicksal entscheidet. In Zeiten des offenen oder latenten Bürgerkrieges wird diese Wirklichkeit am stärksten fühlbar. Der Bürgerkrieg hat etwas besonders Grausames. Er ist Bruderkrieg, weil er innerhalb einer gemeinsamen, auch den Gegner umfassenden politischen Einheit und innerhalb derselben Rechtsordnung geführt wird, und weil beide kämpfenden Seiten diese gemeinsame Einheit gleichzeitig absolut behaupten und absolut verneinen. Beide setzen den Gegner absolut und unbedingt ins Unrecht. Sie heben das Recht des Gegners auf, aber im Namen des Rechts. Zum Wesen des Bürgerkrieges gehört die Unterwerfung unter die Jurisdiktion des Feindes. Dadurch hat der Bürgerkrieg eine enge, spezifisch dialektische Beziehung zum Recht. Er kann

57

nicht anders als gerecht im Sinne von selbstgerecht sein und wird auf diese Weise zum Urtypus des gerechten und selbstgerechten Krieges überhaupt. Gefährlicher als bei jeder anderen Art von Krieg ist jede Partei gezwungen, unbarmherzig ihr eigenes Recht und ebenso unbarmherzig das Unrecht des Gegners vorauszusetzen. Die eine Seite macht ein legales Recht geltend, die andere ein natürliches Recht. Jenes verleiht ein Recht auf Gehorsam, dieses ein Recht zum Widerstand. Die Einmischung von Argumentationen und Institutionen rechtlicher Art vergiftet den Kampf. Sie steigert ihn zur äußersten Härte, indem sie die Mittel und Methoden der Justiz zu Mitteln und Methoden der Vernichtung macht. Man sitzt zu Gericht, ohne aufzuhören, Feind zu sein. Die Errichtung von Revolutionstribunalen und Volksgerichtshöfen soll den Schrecken nicht mildern, sondern verschärfen. Die öffentlichen gesetzlichen Diffamierungen und Diskriminierungen, öffentliche oder geheime Proskriptionslisten, Erklärungen zum Feind des Staates, des Volkes oder der Menschheit haben nicht den Sinn, dem Gegner die Rechtsstellung eines Feindes im Sinne einer kriegführenden Partei zu verleihen. Sie sollen ihm im Gegenteil auch dieses letzte Recht noch nehmen. Sie haben den Sinn einer totalen Entrechtung im Namen des Rechts. Die Feindschaft wird so absolut, daß selbst die uralte, sakrale Unterscheidung von Feind und Verbrecher im Paroxysmus der Selbstgerechtigkeit zergeht. Der Zweifel am eigenen Recht gilt als Verrat; Interesse für die Argumentation des Gegners ist Heimtücke; und der Versuch einer Diskussion wird zum Einvernehmen mit dem Feinde.

58

Alles das sind Ausdrücke und Erscheinungsformen der dialektischen Beziehung des Bürgerkriegs zum Recht. Es gibt verschiedene Arten von Kriegen. Es gibt heilige Kriege, gerechte Kriege und Duellkriege. Der heilige Krieg und der Duellkrieg bewahren beide etwas von dem ursprünglichen Charakter eines Gottesurteils. Der gerechte Krieg dagegen legt das Urteil in die Hände der Menschen. Im Zeitalter des modernen Positivismus hat es damit seine besondere Bewandtnis. Der moderne Positivismus verwandelt das Recht in ein von Menschen für Menschen gemachtes Gesetz. Er macht aus dem Recht eine Setzung von Setzungen. In demselben Grade nimmt er dem gerechten Krieg die letzten Reste eines sakralen Gedankens. Die Göttin der Gerechtigkeit öffnet ihre Pandora-Büchse, und es erscheinen nicht nur die Fallstricke verzwickter Prozesse, sondern auch die justizförmigen Schrecken blutiger Bürgerkriege,

2.

Was wird aus der Rechtswissenschaft in dieser wahrhaft tragischen Dialektik des Rechts? Was wird aus dem Rechtsgelehrten, wenn jeder Macht- haber ein erbarmungsloser Rechthaber wird? Unter dem Aspekt der großen, heroischen Weltgeschichte

ist diese schwere Frage leicht zu beantworten. Im

12. und 13. Jahrhundert wurde aus fürchterlichen

Parteikämpfen in den Städten Mittel- und Oberitaliens der Geist des römischen Rechts neu

geboren. In den konfessionellen Bürgerkriegen des

16. Jahrhunderts leuchten unter den Verfolgten und

Vertriebenen Namen wie der des John Story auf katholischer und der des Donellus auf

59

evangelischer Seite. Die Kirche hat uns jetzt in Thomas Morus einen Schutzheiligen gegeben. Von den Begründern des öffentlichen Rechts, des jus publicum Europaeum, werde ich noch sprechen. Nach ihrem Heldenzeitalter freilich und seit dem 18. Jahrhundert sind die Juristen stark verbeamtet und embourgeoisiert. Im 19. Jahrhundert schien ihr Berufsrisiko sogar noch geringer zu werden als das jeder andern Tätigkeit. So betrachtet ist die Antwort der großen Weltgeschichte ziemlich einfach. Sie lautet kurz gesagt: die Zeiten wechseln; in schlimmen Zeiten gehen viele zugrunde; einige werden Märtyrer und sogar Heilige, und aus Leid und Not empfangen neue Generationen den Antrieb zu einer neuen Leistung. Diese Antwort ist grausam und tröstlich zugleich. Sie trägt das Doppelantlitz, das alle Antworten und Orakel des Hegelischen Weltgeistes tragen. Wir wissen es. Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Wir wollen ihren Trost nicht verschmähen, aber er ist summarisch und pauschal. Die Leiden, die sich die Menschen gegenseitig zufügen, sind furchtbar. Wir können uns nicht einfach von ihnen abwenden. Aber wie sollen wir ihren Anblick ertragen? Wie soll insbesondere ein Mensch, für den das Wissen vom Recht zu einem Teil seiner Existenz geworden ist, das bloße Faktum, ja die bloße Möglichkeit einer totalen Entrechtung ertragen, gleichgültig, wen sie im einzelnen Falle trifft? Und wenn sie ihn selber trifft, dann enthält die Lage des entrechteten Juristen, des zum outlaw gemachten lawyers, des hors-la-loi gesetzten Legisten doch wohl noch einen besonders herben Zusatz, der zu allen andern physischen und psychischen Qualen hinzutritt,

60

einen Stachel des Wissens, der die brennende Wunde immer von neuem entzündet. Groß, ihr Götter, sind eure Gaben, doch der Schmerz, der sie begleitet, lastet allzu schwer auf mir.

3.

Das letzte Asyl für einen von Menschen gequälten Menschen ist immer ein Gebet, ein Stoßgebet zu dem gekreuzigten Gott. In der Schur des Schmerzes erkennen wir ihn und erkennt er uns. Unser Gott wurde nicht als Jude von Juden gesteinigt und nicht als Römer von Römern enthauptet. Er konnte nicht enthauptet werden. Ein Haupt im Rechtssinne hatte er nicht mehr, weil er kein Recht mehr hatte. Er starb den Sklaventod der Kreuzigung, den ein fremder Eroberer über ihn verhängte. Manchmal öffnen sich plötzlich die Tore unserer Gefangenschaft, und ein geheimnisvoller Weg bietet sich dar. Er führt nach innen, zu vielen Formen des Schweigens und der Stille, aber auch zu neuen Begegnungen und zu einer neuen Gegenwart. Solange unser Bewußtsein noch mit der Arbeit unseres irdischen Daseins verbunden bleibt, entsteht daraus eine neue Verbindung mit der Vergangenheit, eine persönliche Koexistenz mit den Denkern, deren Situation unserer eigenen Lage entspricht. Es entstehen Kontakte und Gespräche, deren Kraft die Berge ganzer Bibliotheken versetzt, und deren Feuer die falsche Echtheit riesiger Materialhaufen verbrennt. Seelen und Geister sprechen zu uns persönlich, von uns und von sich selbst. Ich meine hier nicht die Ge- nien und Geister der Renaissance und des Huma-

61

nismus, keinen Parnaß und keinen Olymp. Auch nicht den schäumenden Kelch des Geisterreiches, aus dem die Philosophie des deutschen Idealismus die Unendlichkeit zu trinken dachte. Das alles ist nicht das, wovon ich spreche. Ich habe arme, leidvolle Menschen im Sinn, Menschen in einer einsamen Gefahrenlage, die meiner eigenen verwandt ist, und deren Denken in dieser Lage steht, so daß ich sie gut verstehe und sicher sein kann, daß sie mich verstehen. Meine Arbeit ist der wissenschaftlichen Klärung des öffentlichen Rechts gewidmet. Das ist ein Gebiet, das weit über den Rahmen einer Nation und erst recht über die positive Legalität einer Generation hinausreicht. Doch ist es trotzdem keine situationslose Allgemeinheit und keine unterschiedslose Angelegenheit aller Welt und aller Zeiten. Es ist eine Schöpfung europäischen Geistes, ein jus publicum Europaeum und bleibt an eine bestimmte Epoche gebunden. Es ist im 16. und 17. Jahrhundert aus entsetzlichen europäischen Bürgerkriegen hervorgegangen. Das ist sein Anfang und sein Principium. In dieser Anfangslage liegt seine Verwandtschaft mit der Lage unserer heutigen Gegenwart, eine geistige Verwandtschaft, die mehr ist als eine geschichtliche Parallele, auch mehr als eine Analogie und etwas anderes als das, was Oswald Spengler eine Homologie nannte. Es gibt Identitäten der geistigen Existenz, die bis in die persönlichsten Schicksale hineingehen, ja bis in die Seele aller derjenigen Menschen, die mit ihrem Denken und ihren Begriffen einer solchen Lage geistig Herr zu werden suchen und die ganze Last dieses Versuches zu tragen haben.

62

4.

Aus dem 16. und 17. Jahrhundert, der Anfangszeit des jus publicum Europaeum, sind manche Lehrer des Völkerrechts so berühmt geworden, daß ihr Ruhm schon wieder seine eigene Geschichte hat und ein interessantes eigenes Thema für eine geistesgeschichtliche Betrachtung bietet. Dazu gehören Francisco de Vitoria, Albericus Gentiiis und Hugo Grotius. Ich kenne sie, ihr Werk, ihr Leben und ihre Schicksale, auch die Geschichte ihres Ruhms bis auf den heutigen Tag. Ich liebe sie. Sie gehören durchaus zu unserem Camp. Sie gehören aber nicht zu meiner Stube. In meiner nächsten, alltäglichen Nähe befinden sich zwei andere, die vom Staatsrecht her das Völkerrecht begründet haben: Jean Bodin und Thomas Hohbes. Diese beiden Namen aus dem Zeitalter der konfessionellen Bürgerkriege sind für mich zu Namen von lebendigen und gegenwärtigen Menschen geworden, zu Namen von Brüdern, mit denen ich über die Jahrhunderte hinweg in eine Familie hineingewachsen bin. Die unsichtbare Hand, die unsern Griff nach Büchern lenkt, hat mir seit dreißig Jahren immer wieder ihre Bücher und immer wieder an der prägnanten Stelle aufgeschlagen, damals, als mir meine Bibliothek noch nicht weggenommen war. Heute bin ich auf mein Gedächtnis angewiesen. Aber die Gedanken und Formulierungen der beiden sind mir geläufig, wie die Denk- und Redeweise eines Bruders. Sie haben mein Denken wachgehalten und vorwärtsgetrieben, als der Positivismus meiner Jahrgänge mich bedrückte und ein blindes Sekuritätsbedürfnis mich lähmen wollte. Bei ihnen habe ich aktuellere Antworten auf völkerrechtliche

63

und verfassungsrechtliche Fragen meiner Zeit gefunden, als in den Kommentaren zur Bismarckschen oder zur Weimarer Verfassung oder in den Publikationen der Genfer Liga. Sie stehen mir näher als alle Positivisten des jeweiligen status quo der jeweiligen Legalitätsfassaden. Deshalb möchte ich hier einen Augenblick bei ihnen verweilen. Beide sind ganz vom Bürgerkriege her geprägt. Aber untereinander sind sie so verschieden, wie es zwei menschliche Individuen nur sein können.

64

Bodin ist ein eifriger Legist, manchmal zu eifrig und etwas humorlos. Er ist sehr gelehrt, sowohl als Jurist der Sehule des Bartolus wie auch als Humanist der Schule des Cujaz, doch bleibt er in seinem praktischen Beruf. Von dort her kommt er zu ökonomischen,

5

6.

philosophischen und theologischen Fragen. Er begibt sich oft in die innerpolitische Feuerlinie seines Landes und seines Zeitalters, läßt sich auf gefährliche Situationen ein, gerät oft in Lebensgefahr und wechselt noch kurz vor seinem Tode im falschen Augenblick auf die falsche Seite über. So hat er sich den praktischen Gewinn seiner Lebensarbeit verdor- ben. In dem hoffnungslosen Nahkampf des theo- logischen Streites wird er neutral. Er sieht zwischen den Parteien des konfessionellen Bürgerkrieges das spezifisch Politische in einer vermittelnden Neutralität und Toleranz. Aus dem Drang nach öffentlicher Ruhe, Sicherheit und Ordnung entstehen in seinem Kopf die ersten juristisch klaren Begriffe des europäischen Staatsrechts. Er wird der erste moderne Religions- und Bibelkritiker. Aber für seine Person bleibt er fromm und gläubig bis zum Aberglauben, soweit ihm die Rechthaberei der streitenden Theologen den Glauben nicht allzuschwer macht. Er glaubt an Hexen und Dämonen und hat sogar einen geheimnisvollen Schutzgeist, einen spiritus familiaris, der ihn vor den Mördern warnt und beschützt. Den entscheidenden Begriff des jus

65

65

publicum Europaeum, den innen- und außenpolitisch souveränen Staat, hat er mit unvergleichlichem Erfolg herausgestellt. Br ist einer der Geburtshelfer des modernen Staates. Aber den modernen Leviathan, der in vier Gestalten erscheint, die vierfache Kombination von Gott und Tier und Mensch und Maschine, hat er noch nicht begriffen. Dafür war seine Verzweiflung noch nicht groß genug. Hobbes dagegen hat ihn umso besser begriffen. Nach einem weiteren Jahrhundert theologischer Streitigkeiten und europäischer Bürgerkriege ist seine Verzweiflung unendlich tiefer als die von Bodin. Hobbes gehört zu den großen Einsamen des 17. Jahrhunderts, die sich alle gegenseitig kannten. Er hat nicht nur das vierfältige Wesen des modernen Leviathan, sondern auch den Umgang mit ihm begriffen und das Verhalten, das sich für ein unabhängig denkendes Individuum empfiehlt, wenn es sich auf ein so gefährliches Thema einläßt. Für Hobbes ist das Politische nicht mehr Neutralität, sondern die klare Abgrenzung der Freundschaftslinie. Er lebt bereits im Zeitalter der arnity line, ün Zeitalter der erfolgreichen Piraten und Buccaneers. Er hat über diese gefährlichen Dinge nachgedacht, gesprodien und geschrieben, stets in unverlierbarer Freiheit des Geistes und immer in guter persönlicher Deckung, immer entweder auf der Flucht oder in einer unauffälligen Verborgenheit. Er war kein

66

Praktiker und kein Mann des öffentlichen Lebens und hat sich nicht ein einziges Mal persönlich exponiert. Auch für seine private Person blieb er sich der Grundlage allen Rechts bewußt, und das war für ihn die gegenseitige Beziehung von Schutz und

Gehorsam. In diesem Punkt ließ sich der illusionslose Mann noch weniger als sonst betrügen. Er ging dorthin, wo er mit dem Aufhören des Bürgerkrieges rechnen konnte und effektiv Schutz fand. Er dachte nicht daran, den Macht- und Rechthabern seines Zeitalters ins Messer zu laufen. So sicherte er sich seinen Beobachtungsposten und brachte er ein systematisches Gebäude von klarster gedanklicher Geschlossenheit zustande. In Furcht und Vorsicht wurde er über 90 Jahre alt und hat er das Leben eines unabhängigen Geistes geführt. Von ihm wie von Bodin sind starke Anstöße zur modernen Religions- und Bibelkritik ausgegangen. Aber während Bodin theologisch fromm und sogar abergläubisch blieb, ist Hobbes bereits Aufklärer und Agnostiker. Man soll nicht zuviel von seinen Freunden sprechen. Jeder dieser beiden ist mein Freund, so verschieden sie im übrigen sein mögen, so fromm und abergläubisch der eine, so desillusioniert und aufklärerisch der andere. Ich lasse es mir auch nicht verwehren, für ihre Seele zu beten. Jean Bodin, der selber soviel und inständig gebetet hat, wird das selbstverständlich finden. Er würde sich verwundern, wenn ich es nicht

täte. Aber auch Thomas Hobbes wird es mir nicht verdenken. Er hat darauf verzichtet, von solchen Dingen zu sprechen, aber er war für das Beten, wenn es nur wirklich zum Frieden führt. Der von Theologen und Sektierern geschürte Bürgerkrieg hat ihn zur Verzweiflung getrieben. Trotzdem ist er kein

6.

67

Aufklärer im Stil des 18. oder gar des 19. Jahrhunderts geworden. Sein Aufklärertum ist noch nicht über- heblich. Es ist eine bittere, in Furcht und Sorge gepflückte Frucht, die Frucht eines Zeitalters kon- fessioneller Bürgerkriege und mörderischer Recht- haberei.

5.

Manchmal befällt uns in der tiefsten Erniedrigung der Stolz unserer göttlichen Herkunft. Das ist ein glückseliger Moment. Nicht Traum oder Kindheitserinnerung und kein Paradies, wohl aber ein Bild der intensivsten Gleichzeitigkeit von Jahrhunderten geschichtlicher Mühen, in denen wir selbst mit unserer armen Lebensarbeit stehn. Wir hören den Inhalt der Diskussionen einer ganzen Epoche in einfachen deutlichen Worten und sehen unsere eigene Wirklichkeit in einem Augenblick konkreter Verortung und Angulierung. Eine einzige Sekunde belehrt uns darüber, wo wir eigentlich sind, woher wir kommen und wohin unser Leidensweg geht. Ich will versuchen, von einem solchen Augenblick zu sprechen, obwohl ich weiß, daß ich das Bild der sekundenhaften Gleichzeitigkeit nicht wiedergeben kann. Ich muß es in geistesgeschichtliche und wissenssoziologische Linien diskursiv auseinanderlegen und seine Worte in eine ganz andere Sprache übersetzen als die einer unmittelbaren Simultaneität. Wir sind uns der Rechtswissenschaft als einer spezifisch europäischen Erscheinung bewußt. Sie ist nicht nur praktische Klugheit und nicht nur Handwerk. Sie ist in das Abenteuer des occidentalen

68

Rationalismus tief verstridct. Sie stammt als Geist von

edlen Eltern. Ihr Vater ist das wiedergeborene römische Recht, ihre Mutter die römische Kirche. Die Trennung von der Mutter wurde nach mehreren Jahrhunderten schwieriger Auseinandersetzungen im Zeitalter des konfessionellen Bürgerkrieges endlich vollzogen. Das Kind hielt sich an seinen Vater, das römische Recht, und verließ die Wohnung der Mutter. Es suchte ein neues Haus und fand es im Staat. Die neue Wohnung war fürstlich, ein Palast der Renaissance oder des Barock. Die Juristen fühlten sich stolz und den Theologen weit überlegen. So entstand aus den konfessionellen Bürgerkriegen des 16. und 17. Jahrhunderts das jus publicum Europaeum. An seinem Anfang steht eine theologen-feindliche Parole, eine Aufforderung zum Schweigen, die ein Begründer des modernen Völkerrechts an die Theologen richtete:

Silete, theologi, in munere alienol Das hat ihnen Albericus Gentiiis entgegengerufen, und zwar im Zusammenhang der Erörterung des gerechten Krieges. Ich höre ihn heute noch rufen. Der Auszug der Juristen aus der Kirche war keine Sezession auf einen heiligen Berg, eher umgekehrt, ein Exodus von einem heiligen Berg in den Bereich des Profanen. Beim Auszug nahmen die Juristen, offen oder heimlich, manche Heiligtümer mit. Der Staat schmückte sich mit manchem Simulacrum kirchlicher Herkunft. Die Macht der weltlichen Fürsten wurde durch Attribute und Argumentationen geistlicher Herkunft erhöht. Die Juristen des jus publicum Europaeum rückten in Positionen ein, die bisher von Theologen besetzt waren. Sie erbten manches von der potestas spiritualis der christlichen Kirche des Mittelalters. In langem Streit mit weltlichen Machthabern hatten mittelalterliche Kleriker gut durchdachte Lehren vom

69

gerechten Krieg und vom gerechten Widerstand gegen den Tyrannen entwickelt. Sie fanden Sätze von so unzerstörbarer Aktualität, daß man sie nur lateinisch zitieren kann, wie die großartigen Kapital- überschriften des Policraticus: tyrannum licet adulari; tyrannum licet decipere; tyrannum licet occidere. Die Reihenfolge sagt genug. Diese Theologen des christlichen Mittelalters haben späteren, ganz anders gearteten Zeiten die antiken Formeln vom Feind des Menschengeschlechts, vom hostis publicus und hostis generis humani überliefert. Aber sie standen mit solchen Lehren und Begriffen ganz auf dem Boden und in den Institutionen der wohlorganisierten Ordnung einer auctoritas und sogar potestas spiritualis. Sie waren selber, mit ihrer ganzen Existenz, Träger der potestas spiritualis der römischen Kirche. Ihre Lehren vom Widerstandsrecht, vom gerechten Krieg und vom Tyrannenmord waren dem Sinne nach Mittel nicht des Bürgerkrieges, sondern einer bestehenden, anerkannten, überragenden Ordnungsmacht, die sich ihrer Ordnungspflicht auch keineswegs entzog. Mit der Trennung von der römischen Kirche ging das verloren. Doch führten die Juristen des öffentlichen Rechts die Lehren und Begriffe vom souveränen Staate her weiter. So gelang es ihnen, die Lehre vom gerechten Krieg von den Elementen des Bürgerkrieges zu reinigen, indem sie die Frage der justa causa belli von der des justus hostis abtrennten und die alte Unterscheidung von Feind und Verbrecher wieder zum Bewußtsein brachten. Das war ihre große Lei- stung und wurde der Kern eines neuen Völkerrechts, des jus publicum Europaeum,

70

Diese Juristen erwiesen sich als Hüter einer eigenen Tradition. Sie bildeten einen eigenen Stand mit einer wenn nicht geistlichen so doch geistigen Autorität. Sie waren nicht nur technische Spezialisten der Macht- und Rechthaber ihres Zeitalters. Auf diese Weise gerieten sie in eine gefährliche Zwischenlage. Sie beseitigten den Einfluß der Theologen und lösten sich aus den kirchlichen Institutionen. Dadurch gerieten sie auf die Seite der Aufklärung und des Fortschritts. Aber sie blieben Hüter einer eigenen Tradition und Autorität, und in dieser Hinsicht waren sie konservativ. Ihre Autorität war säkularisiert, aber bei weitem noch nicht profaniert. Als sie die Heiligtümer aus der Kirche in den Staat trugen, hatten sie nicht die Absicht, Heiligtümer zu profanieren und zu zerstören; sie wollten vor der Wut des konfessionellen Bürgerkrieges retten, was zu retten war. Sie wollten keinen Kirchenraub begehen. Sie dachten nur an die Bergung kostbaren Gutes. Aber wir wissen ja, wie es bei Bergungen zugeht. Ihre Intention war gut und ehrlich, wenn auch die geschichtlichen Auswirkungen anders verliefen. Sie waren Rationalisten, aber nicht im Sinne der folgenden Jahrhunderte und nicht im Sinne des Positivismus und der reinen Technizität. Die beiden großen Begründer des öffentlichen Rechts, Bodin und Hobbes, sind hervorragende Figuren und Träger dieses Wandels einer potestas spiritualis und einer Zwischenlage. Beide stehen in erbittertem Streit mit den Theologen. Beide sind aus diesem Streit heraus zu den wirksamsten Begründern der Religions- und Bibelkritik geworden. Dennoch halten beide am Glauben ihrer Väter fest, und das nicht nur äußerlich. Sie sind nicht aus Ubermut zum Staat gegangen, sondern aus Verzweiflung, als sie sahen, daß die

71

Rechthaberei der Theologen und Sektierer den Bürgerkrieg immer von neuem schürte. Sie sind nicht auf den Gedanken gekommen, eine neue Religion zu gründen, am wenigsten eine solche des Laizismus und des Positivismus. So ergab sich ihre Zwischenlage. Sie standen zwischen dem ganz Alten und dem ganz Neuen und wurden deshalb von beiden Seiten her beschimpft und diffamiert. Für die Theologen waren sie Atheisten und für die radikalen Aufklärer nur opportunistische Heuchler. Victor Hugo, der Groß- kophta des Laizismus, hat den armen Bodin ein Krokodil genannt. Hobbes galt als der Prophet des Leviathan und war schon deshalb verrufen und verfemt, weil die meisten viel zu primitiv sind, um einen Diagnostiker von einem Propheten zu unterscheiden. Die Zwischenlage blieb nicht auf die Gegensätze zwischen den christlichen Konfessionen, nicht auf Rom und Genf beschränkt. Sie dehnte sich aus und vertiefte sich zu dem Gegensatz von Tradition und Revolution und blieb auch dort nicht stehen. Ihr letzter Sinn war die Alternative einer restlosen Profanierung. Freilich kam das nicht so schnell zum Bewußtsein, weil eine liberale Zwischenepoche eintrat, eine Zeit märchenhafter Prosperität, die sich den Luxus konser- vativer Gefühle und Haltungen wohl leisten konnte. In ihr ging es den Juristen ganz vorzüglich. Sie wohnten jetzt nur noch zum Teil im Hause des Staates. Die besser Situierten waren bei der Gesellschaft einquartiert, nicht mehr in einem Palast, dafür aber in einem um so komfortableren Hotel. Die Heiligtümer verblaßten zu philosophischen oder historischen Schmuckstücken. Doch fanden sie noch antiquarisches oder dekoratives Interesse, und in dem großen Hotel

72

fand sich auch noch Raum für gewisse Traditionen, Talare und Perücken. Erst das konsequent technische Zeitalter räumte mit ihnen auf und vollendete die restlose Profanierung. Es ließ mit unerbittlicher Folgerichtigkeit erkennen, wo die Rechtswissenschaft als Wissenschaft steht, nämlich zwischen Theologie und Technik, und stellte die Juristen vor eine harte Wahl, indem es sie in die neue Sachlichkeit der reinen Technizität hineinzog. Die traditionellen Heiligtümer werden jetzt unsachlich und altmodisch. Statt eines komfortablen Hotels öffnen sich die Bunker und Baracken des technischen Zeitalters. Jetzt sind es die Juristen, die eine Aufforderung zum Schweigen erhalten. Ihnen könnte jetzt — wenn es noch soviel Latein gäbe — von den Technikern der Macht- und Rechthaber zugerufen werden: Silete jurisconsuliil Das sind zwei merkwürdige Scbweigebefehle am Anfang und am Ende einer Epoche. Am Anfang steht eine Aufforderung zum Schweigen, die von den Juristen ausgeht und an die Theologen des gerechten Krieges gerichtet ist. Am Ende steht eine an die Juristen gerichtete Aufforderung zur reinen, das heißt restlos profanen Technizität. Wir wollen den Zusammenhang der beiden Schweigebefehle hier nicht erörtern. Es ist nur gut und heilsam, sich daran zu erinnern, daß die Lage am Anfang der Epoche nicht weniger grauenhaft war, als sie es am Ende ist. Jede Situation hat ihr Geheimnis, und jede Wissenschaft trägt ihr Arcanum in sich. Ich bin der letzte, bewußte Vertreter des jus publicum Europaeum, sein letzter Lehrer und Forscher in einem existenziellen Sinne und erfahre sein Ende so, wie Benito Cereno die Fahrt des Piratenschiffs erfuhr. Da ist das Schweigen am Platz und an der Zeit. Wir brauchen uns nicht davor zu

73

fürchten. Indem wir schweigen, besinnen wir uns auf uns selbst und auf unsere göttliche Herkunft. Ich habe hier von mir selbst gesprochen, eigentlich zum erstenmal in meinem Leben. Ein wissenschaftlich denkender Mensch spricht lieber von sachlichen Problemen. Ein geschichtlich beobachtender Forscher sieht sich selbst im Rahmen und in den Wellen geschichtlicher Kräfte und Mächte, in Kirche, Staat, Partei, Klasse, Beruf und Generation. Ein Jurist, der sich selbst und viele andere zur Objektivität erzogen hat, geht psychologischen Selbstbespiegelungen aus dem Wege. Die Neigung zu literarischen Beichten und Bekenntnissen ist mir durch häßliche Beispiele wie Jean Jacques Rousseau und den armen August Strindberg verleidet. Als Experte des Verfassungs- rechts habe ich allerdings einen hochinteressanten Schicksalsbruder in constitutionalibus, der 'in per- sönlichen Beichten und Bekenntnissen Erstaunliches geleistet hat, den Protagonisten der Doktrin des liberalen Konstitutionalismus, Benjamin Constant. Er war nicht nur ein glänzender Verfas- sungskonstrukteur, sondern auch der Autor des ersten psychologischen Romans, Adolphe, außerdem eines überraschenden journal intime und zahlloser ebensolcher Briefe. Ich finde ihn sympathischer als die beiden eben genannten Selbstquäler. Doch könnte mich auch sein Vorbild nicht zu literarischen Beichten veranlassen. Wer beichten will, gehe hin und zeige sidi dem Priester. Im übrigen haben wir heute genug uns selber betreffende Fragen zu beantworten, die uns von den verschiedenartigsten Stellen her gestellt werden. Das Motiv der Fragestellung ist meistens, uns selbst in unserer Existenz in Frage zu stellen. Ich

74

spreche dabei nicht einmal von Behörden und Stellen, die uns vielerlei fragen, was nicht an unser Wesen herankommt, sondern nur Zurechnungspunkte für Haftungen und Verhaftungen betrifft. Ich spreche auch nicht von den Fragen, die uns gestellt werden, wie man Schlingen und Fallen stellt. Dergleichen gehört teils noch zum Bereich des alten Leviathan, den ich ja gut kenne, teils ist es schon das Jagdrevier des Oberförsters, den wir durch Ernst Jünger kennen. Wie sich ein Mensch in der Lage des gehetzten Wildes zu verhalten hat, ist ein trauriges Problem für sich. Ich will nicht weiter darüber sprechen. Was ich hier sage, ist weder publizistisch noch apologetisch gemeint. Es gehört nicht auf die Straße und nicht auf die Bühne, auch nicht auf das Forum oder das Katheder. Ich spreche, weil ich einigen verstorbenen Freunden ein Wort nachrufen will, solange ich selber noch in den Fängen dieses irdischen Lebens sitze; weil ich einigen lebenden Freunden, von denen ich getrennt bin, und treuen Schülern in allen Ländern ein Zeichen geben möchte, und schließlich, weil ich an meine Tochter Anima und mein Patenkind Carl Alexander denke. Mit ihnen zu sprechen, verletzt kein Arcanum. Uns alle verbindet die Stille des Schweigens und das unverlierbare Geheimnis der göttlichen Herkunft des Menschen.

Sommer 1946

Weisheit der Zelle

Du möchtest dich selbst und (vielleicht ■ noch mehr) deine wirkliche Lage erkennen? Dafür gibt es einen guten Prüfstein. Achte darauf, welche von den

75

tausend Definitionen des Menschen dir unmittelbar einleuchtet. Ich achte also darauf in meiner Zelle, und mir leuchtet unmittelbar ein, daß der Mensch nackt ist. Am nacktesten ist der Mensch, der entkleidet vor einen bekleideten Menschen gestellt wird, entwaffnet vor einen Bewaffneten, machtlos vor einen Mächtigen. Das alles erkannten ja schon Adam und Eva bei der Vertreibung aus dem Paradiese. Sofort erhebt sich die Frage: Bei wem hat die Definition des Menschen anzusetzen, beim nackten oder beim bekleideten Menschen? Beim Entwaffneten oder beim Bewaffneten? Beim Ohnmächtigen oder beim Mächtigen? Und wer von beiden ist näher dem Paradiese? In den Paradiesen des heutigen Diesseits gehen die Menschen bekleidet umher. Unmittelbar leuchtet mir ein, daß ich selber nackt bin. Nun stehst du nackt, geburthaft nackt, in wüsten Weiten. In den wüsten Weiten einer engen Zelle. Die Kleidungsstücke, die man mir gelassen hat, bestätigen nur die objektive Nacktheit. Sie unterstreichen sie sogar auf eine höchst ironische, unangenehm betonte Weise. Du siehst dich ganz auf dich selbst und auf deine letzten Reserven zurückgeworfen. Was sind meine letzten Reserven? Ein Rest von physischer Kraft. Der ist freilich leicht abzudrehen. Aber immerhin, im Augenblick ist er noch vorhanden. Unmittelbar leuchtet mir ein:

Einzig erbt ich den eigenen Leib, lebend zehr ich ihn auf. Diesen Satz singt Richard Wagners Siegfried, zu einem wunderbar auf- und abstürzenden Intervall. Ein aufschäumendes, physisches Glücksgefühl scheint sich darin einzufangen. Kein späterer Musiker oder Lyriker hat soviel physisches Glücksgefühl zum

76

6

Ausdruck gebracht. Die Kraft dieses künstlerischen Ausdrucks fährt offenbar noch auf den Wellen, auf denen die Revolution des Jahres 1848 in Deutschland fuhr. Das musikalische Intervall stammt von Richard Wagner. Der Satz selber aber geht auf Max Stirner zurück. Damit nähern wir uns einem Paradiese, in dem etwas von paradiesischer Nacktheit leuchtet. # Max Stirner kenne ich seit Unterprima. Dieser Bekanntschaft verdanke ich es, daß ich auf manches vorbereitet war, was mir bis heute begegnete, und was mich sonst vielleicht überrascht hätte. Wer die Tiefen des europäischen Gedankenganges von 183048 kennt, ist auf das meiste vorbereitet, was heute in der ganzen Welt laut wird. Das Trümmerfeld der Selbstzersetzung deutscher Theologie und idealistischer Philosophie hat sich seit 1848 in ein Kraftfeld theogonischer und kosmogonischer Ansätze verwandelt. Was heute explodiert, wurde vor 1848 präpariert. Das Feuer, das heute brennt, wurde damals gelegt. Es gibt gewisse Uran-Bergwerke der Geistesgeschichte. Dazu gehören die Vorsokratiker, einige Kirchenväter und auch einige Schriften aus der Zeit vor 1848. Der arme Max gehört durchaus dazu. Im ganzen genommen ist er scheußlich, lümmelhaft, angeberisch, renommistisch, ein Pennalist, ein verkommener Studiker, ein Knote, ein Ich- Verrückter, offenbar ein schwerer Psychopath. Er kräht mit lauter, unangenehmer Stimme: Ich bin Ich, Mir geht nichts über Mich. Seine Wort- Sophismen sind unerträglich. Das Zazou seiner zigarrenrauchenden Stammtisch-Boheme ist eklig. Aber Max weiß etwas sehr Wichtiges. Er weiß, daß das Ich kein Denkobjekt ist. So hat er den schönsten,

81

77

jedenfalls deutschesten Buchtitel der ganzen deutschen Literatur gefunden: Der Einzige und sein Eigentum. In diesem Augenblick ist Max der Einzige, der mich in meiner

78

Zelle besucht. Das rührt midi tief bei einem so rabiaten Egoisten. Seinen letzten Antrieb hat er in einem Brief ausgesprochen, in dem er sagt: Dann werden wir wieder wie die Tiere des Waldes und die Blumen des Feldes. Das ist die wahre Sehnsucht dieses Ich-Verrückten. Das ist das neue Paradies. Das ist die Natur und das Naturredit, die Aufhebung der Selbstentfremdung und der Selbstentäußerung in einer problemlosen Leibhaftigkeit. Das adamitische Glück des Gartens der Lüste, den Hieronymus Bosch in weißer Nacktheit auf eine Tafel geworfen hat. Dazu aber noch die Tiere des Waldes und die Blumen des Feldes. Der Mückenflug im Sonnenstrahl. Die ganz natür- lidie Natur und das Naturrecht der tiefsten Sphären tellurischen Daseins. Das völlig unbelastete Gezwitscher von Rossinis diebischer Elster. Die reine Identität mit sich selbst im Glücksgefühl eines selig beschleunigten Blutkreislaufs. Der F a n erwacht und tritt nun auf im erdbewußten Kreis. Max ist einer der ersten Panisken, die später das Feld der deutschen Literatur und die Paradiese ihrer Entproblematisierungen bevölkert haben. Aber dieser arme Pan war der modernen Natur- wissenschaft nicht gewachsen. Sein Glück ist heute nicht einmal mehr Illusion. Es ist das Glücksgefühl des armen Großstadt-Urlaubers auf dem Lande, das flüchtige Erwachen heiterer Gefühle im Ferienkind, meinetwegen auch die Seligkeit eines Lyrik-Preisträgers. Seine Lust will gar nicht mehr Ewigkeit. Sie bewegt sich im Rahmen des Rechts auf Urlaub. Sie schmeckt natürlich immer noch nach mehr, aber sie unterwirft sich resigniert der Tatsache, daß der Urlaub nicht ewig sein kann. Dieses arme Ich

79

kann sich nur noch mit seinem eigenen Echo vermählen, und in dieser unfruchtbaren, selbstgenießerischen Ehe ist es nicht mehr vereinsamt, sondern längst organisatorisch vereinnahmt. Die Planung hat es längst vereinnahmt. Der Plan erscheint, und Pan hört auf zu schmunzeln. Der Pan versinkt, der Plan tritt auf den Plan. Schönes Beispiel der immanenten Orakelhaftigkeit unserer deutschen Sprache.

«

Jetzt locken aber wieder neue Paradiese. Dieses Mal die Paradiese einer durchgeplanten Welt, mit allen Herrlichkeiten einer entfesselten Produktivkraft und einer ins Unendliche gesteigerten Konsumkraft, dazu eine großzügig ausgedehnte Freizeit mit entsprechender Freizeitgestaltung. Das Paradies einer technisierten Erde und einer durch-organisierten Menschheit. Die Naturschranke fällt; dafür erfaßt uns die Sozialschranke. Sie erfaßt uns nicht nur, sie verändert uns. Es handelt sich ja nicht mehr darum, die Welt und den Menschen zu erkennen, sondern sie zu verändern. Seit zehn Jahren haben wir öfters erfahren, wie schnell die künstlichen Paradiese der Technik sich in echte Höllen verwandeln. Eine besonders deutliche Belehrung erteilte uns der kalte Winter in Berlin 1946/47, als die Rohrbrüche das Kanalisationssystem zerstörten und die Kehrseite des Paradieses sichtbar wurde. Aber das sind Störungen, die man verhindern kann. Sie treffen auch nur den Besiegten. Man braucht nur den Störer festzustellen und auszuschalten, dann ist das Problem gelöst. Den Störer werden wir schon finden. Der Störer ist der Schuldige, und der Schuldige ist der Störer. Wen das im konkreten Fall betrifft, wird

80

uns von zuständigen Stellen mitgeteilt werden. Das Ziel der Technik werden wir trotzdem erreichen. Wir? Vor fünfzig Jahren sagten unsere fortschrittlichen Großväter: In fünfzig Jahren werden wir fliegen. Tatsächlich wird heute geflogen. Aber weder unsere inzwischen verstorbenen Großväter, noch wir, ihre Enkel, dürfen fliegen. Nicht wir, sondern andere fliegen. Dieses Wir unserer fortschrittlichen Großväter hatte etwas Rührendes. Es beruhte auf einer naiven Identifikation mit den Herren der Welt, denen die technischen Mittel in fünfzig Jahren dienen und deren Wünsche die entfesselten Produktivkräfte erfüllen würden. Alle Fortschrittsmythen beruhen auf solchen Identifikationen, d.h. auf der kindlichen Annahme, daß man zu den Göttern des neuen Paradieses gehören werde. In Wirklichkeit aber ist die Auslese sehr streng, und die neuen Eliten pflegen schärfer aufzupassen als die alten. Warten wir also lieber ab, ehe wir uns für das neue Paradies begeistern. Mehr kann man vernünftigerweise heute noch nicht sagen. In fünfzig oder hundert Jahren sind die Menschen vielleicht frei von Not. Die heute Lebenden sowieso. Die Andern werden sich nicht mehr für unsere heutige Not interessieren. Darum wollen wir ihnen weder nachlaufen noch vorlaufen. Mich interessiert jetzt im Augenblick nur, ob der Mensch in dem neuen Paradies der Technik nackt oder bekleidet ist. Wahrscheinlich wird die Bekleidungsindustrie einen solchen Aufschwung nehmen und solche Produktivkräfte entfesseln, daß Wir uns täglich neue phantastische Kostüme leisten können. Charles Fourier mag sich das im einzelnen ausmalen. Die Prophezeihung der vierten Ekloge Vergils, daß die Wolle der Lämmer von selbst in schönstem Purpur

81

wachse, wirkt dann altmodisch und geradezu reaktionär. Aber vielleicht ist auch unser Traum von der phantastischen Menge ununterbrochen neuer Kostüme schon altmodisch und reaktionär. Vielleicht wird es gar keine Kleider und Kostüme mehr geben. Die Technik wird sich so steigern, daß wir uns mit Licht- und Wärmehüllen umgeben können. Wunderbar. Aber noch mehr. Wir werden die Materie unseres Körpers selbst in Strahlung umsetzen. Das ist dann der technisch verklärte Leib, so wie unsere Flieger die technisch vervollkommneten Engel sind. Wir, das sind dann natürlich nur die Auserwählten des neuen Paradieses, die neue Elite. Sie sind dann weder nackt noch bekleidet. Die Unterscheidung verliert ihren Sinn in einer neuen Daseinsstufe. Sie sind überhaupt keine Menschen mehr. Sie sind das ganz Andere. Einige Theologen sagen heute, Gott wäre das ganz Andere. Aber das ganz Andere ist ganz unberechenbar. Warum soll nicht der neue Mensch das ganz Andere sein? Der Mensch ist bekanntlich etwas, das überwunden werden muß. Warum soll er nicht auf diese Weise überwunden werden? Er wird dann nicht mehr gezeugt und nicht mehr empfangen und nicht mehr geboren. Auch die wackere neue Welt von Aldous Huxley mit ihrer folgerichtigen, hochwissenschaftlichen Nachwuchs-Planung ist dann altmodisch geworden. Auch unsere Frage nach der Definition des Menschen. Alles ist dann nur noch Strahlung. Bin ich auf Erden, um daran zu arbeiten, daß die Technik uns in Strahlung verwandelt? Wenn ja, unter wessen Kommando muß ich mich begeben, um meine Arbeit zu übernehmen? Denn ich bin ja

82

längst nicht mehr für mich allein und einsam, ich bin ja längst organisatorisch vereinnahmt. Das sind Fragen, die nicht einmal mehr gestellt werden dürfen. Du hast überhaupt nicht mehr zu fragen, sondern dir gestellte Fragen zu beantworten. Die Fragebogen machen nicht wir, sondern andere, die dich mitsamt deinen Fragen in Frage stellen. Begreife endlich, was das bedeutet. Es ist geschmacklos von dir, den Luxus der Einzelhaft zu benutzen, um dich der Illusion hinzugeben, du wärest nur vereinsamt und nicht schon längst vereinnahmt. Willst du von neuem dem Betrug erliegen?

o

Der Selbstbetrug gehört zur Einsamkeit. Der Einsame denkt mit sich selbst und spricht mit sich selbst, und im Selbstgespräch sprechen wir bekanntlich mit einem gefährlichen Schmeichler. Die Moralisten hatten Recht, die Selbstbiographie für ein Zeichen der Eitelkeit zu halten. Eitelkeit wäre übrigens noch das harmloseste und liebenswürdigste der hier in Betracht kommenden Motive. Die Heiligen schreiben keine Selbstbiographien. Im tiefsten Kern der Zelle steckt das Selbstgespräch und der Selbstbetrug. Grauenhaft ist die Angst des Descartes, der in seiner einsamen Stube am Ofen philosophiert und nur daran denkt, dem bösen, betrügerischen Geist zu entgehen, dem spiritus malignus, vor dessen Tücken wir niemals sicher sind, am wenigsten, wenn wir uns sicher fühlen. In der Angst vor dem Betrug wird Descartes zum Maskenmenschen, l'homme au masque. Er ist nicht mehr nackt, er ist aber auch nicht mehr bekleidet. Er ist maskiert. Larvatus prodeo. Die Angst ist um so grauenhafter, je mehr sie zur Quelle immer neuen

83

Betruges wird. Wer nur daran denkt, dem Betrug zu entgehen, läuft geradenwegs in ihn hinein. Betrug des Gefühls und des Verstandes, Betrug des Fleisches und des Geistes, Betrug des Lasters und der Tugend, Betrug des Mannes und des Weibes. Immer wieder bin ich dem Betrug erlegen. Immer wieder bin ich ihm entgangen. Auch der letzte Sprung wird mir gelingen. Komm, geliebter Tod. «

Auch der Tod kann uns betrügen. Sowohl der Tod als Sprung ins Reich der Freiheit, wie auch der Heiden sanftes Sterben. Aller Betrug ist und bleibt Selbstbetrug. Die Selbstverpanzerung Max Stirners ist höchster Selbstbetrug. Darum ist seine Mischung von Harmlosigkeit und Durchtriebenheit, von bierehrlicher Herausforderung und hinterlistigem Schwindel so häßlich. Wie jeder Ich-Verrückte sieht er im Nicht-Ich den Feind. So wird die ganze Welt sein Feind, und er bildet sich ein, sie müßte auf ihn hereinfallen, wenn er ihr, freibleibend, den Bruderkuß anbietet. Damit versteckt er sich vor der dialektischen Aufspaltungskraft des Ich und sucht er dem Feinde zu entgehen, indem er ihn betrügt. Aber der Feind ist eine objektive Macht. Ihr wird er nicht entgehen, und der echte Feind läßt sich nicht betrügen. Wer ist denn mein Feind? Ist der, der mich hier in der Zelle füttert, mein Feind? Er kleidet und behaust mich sogar. Die Zelle ist das Kleid, das er mir stiftet. Ich frage mich also: Wer kann denn überhaupt mein Feind sein? Und zwar so, daß ich ihn als Feind anerkenne, und es sogar anerkennen muß, daß er mich als Feind anerkennt. In dieser gegenseitigen Anerkennung der Anerkennung liegt die Größe des Begriffs. Er eignet sich wenig für ein Massenzeitalter mit pseudo-

theologischen Feind-Mythen. Die Theologen neigen

84

dazu, den Feind als etwas zu definieren, das vernichtet werden muß. Ich bin aber Jurist und kein Theologe. Wen kann ich überhaupt als meinen Feind aner- kennen? Offenbar nur den, der midi in Frage stellen kann. Indem ich ihn als Feind anerkenne, erkenne ich an, daß er mich in Frage stellen kann. Und wer kann mich wirklich in Frage stellen? Nur idi mich selbst. Oder mein Bruder. Das ist es. Der Andere ist mein Bruder. Der Andere erweist sich als mein Bruder, und der Bruder erweist sich als mein Feind. Adam und Eva hatten zwei Söhne, Kain und Abel. So beginnt die Ge- schichte der Menschheit. So sieht der Vater aller Dinge aus. Das ist die dialektische Spannung, die die Weltgeschichte in Bewegung hält, und die Weltgeschichte ist noch nicht zu Ende. Vorsicht also, und sprich nicht leichtsinnig vom Feinde. Man klassifiziert sich durch seinen Feind. Man stuft sich ein durch das, was man als Feindschaft anerkennt. Schlimm sind freilich die Vernichter, die sich damit rechtfertigen, daß man die Vernichter vernichten müsse. Aber alle Vernichtung ist nur Selbstvernichtung. Der Feind dagegen ist der Andere. Erinnere dich der großen Sätze des Philosophen: Die Beziehung im Andern auf sich selbst, das ist das wahrhaft Unendliche. Die Negation der Negation, sagt der Philosoph, ist keine Neutralisation, sondern das wahrhaft Unendliche hängt davon ab. Das wahrhaft Unendliche aber ist der Grundbegriff seiner Philo- sophie.

Der Feind ist unsre eigne Frage als Gestalt. Weh dem,

der keinen Freund hat, denn sein Feind wird über ihn

zu Gericht sitzen. Weh dem, der keinen Feind hat, denn

ich werde

sein Feind sein am jüngsten Tage.

85

#

Das ist die Weisheit der Zelle. Ich verliere meine Zeit und gewinne meinen Raum. Plötzlich übereilt mich die Ruhe, die den Sinn der Worte birgt. Raum und Rom ist dasselbe Wort. Wunderbar ist die Raumkraft und die Keimkraft der deutschen Sprache. Sie hat es zustande gebracht, daß Wort und Ort sich reimen. Sie hat sogar dem Worte Reim seinen Raum-Sinn bewahrt und erlaubt ihren Dichtern das dunkle Spiel von Reim und Heimat. Im Reim sucht das Wort den geschwisterlichen Klang seines Sinnes. Der deutsche Reim ist nicht das Leuchtfeuer der Reime Victor Hugos. Er ist Echo, Kleid und Schmuck und zugleich eine Wünschelrute der Verortungen des Sinnes. Jetzt ergreift mich das Wort sibyllinischer Dichter, meiner ungleichen Freunde Theodor Däubler und Konrad Weiß. Das dunkle Spiel ihrer Reime wird Sinn und Bitte. Ich horche auf ihr Wort, ich horche und leide und erkenne, daß ich nicht nackt bin, sondern bekleidet und auf dem Weg zu einem Haus. Ich sehe die wehrlos reiche Frucht der Jahre, die wehrlos reiche Frucht, aus der dem Recht der Sinn erwächst.

Echo wächst vor jedem Worte; wie ein Sturm vom offnen Orte hämmert es durch unsre Pforte.

April 1947 Gesang des Sedizigjährigen

Ich habe die Escavessaden des Schicksals erfahren, Siege und Niederlagen, Revolutionen und Restaurationen, Inflationen und Deflationen, Ausbombungen, Diffamierungen, Regimewechsel und Rohrbrüche, Hunger und Kälte, Lager und

86

Einzelhaft. Durch alles das bin ich hindurchgegangen, Und alles ist durch mich hindurchgegangen.

Ich kenne die vielen Arten des Terrors, Den Terror von oben und Terror von unten, Terror auf dem Land und Terror aus der Luft, Terror legal und außerlegal, Braunen, roten und gescheckten Terror, Und den schlimmsten, den keiner zu nennen wagt. Ich kenne sie alle und weiß ihren Handgriff.

Ich kenne die Sprechchöre der Macht und des Rechts, Die Lautverstärker und Sinnverfälscher der Regime, Die schwarzen Listen mit vielen Namen, Und die Kartotheken der Verfolger. Was soll ich nun singen? Den Hymnus Placebo? Soll ich problemlos werden und Pflanzen und Tiere beneiden? Panisch erbeben im Kreis der Panisken? Im Glück der Mücke, die nach innen hüpft?

Dreimal saß ich im Bauche des Fisches. Dem Freitod durch Henkershand sah ich ins Auge. Doch schützend umfing mich das Wort sibylli- nischer Dichter, Und rettend öffnet die Tore ein Heiliger mir aus dem Osten.

Sohn dieser Weihe, du sollst nicht erbeben Horche und leide!

11. Juli 1948

C. S.

87

Adam und Eva: 79, 89 Ahlmann, Wilhelm: 42 Andric, Ivo: 32 Anima,

Louise: 41,53,78 Annegarn:

25 Antigone: 38 Bachofen,

Joh. Jac. : 50 Bauer, Bruno:

37 Baensch, Otto: 42

Bismarck: 26 Bloy, Léon: 32

Bodin, Jean: 63,65,72 Bosch, Hieronymus: 82 Carl, Alexander: 78 Cereno, Benito:, 21, 75 Condorcet:

43 Constant, Benjamin: 76

Däubler, Theodor:

42, 45, 48, 91 Descartes: 87 Donellus: 59 Droste-Hülshoff, Annette: 44, 48 Eisler, Fritz: 51 Epimetheus: 12, 31 Fichte: 36 Flaubert: 50 Fourier, Charles: ,50, 85 Friedrich der Große: 40 Gentiiis, Albericus: 63,70 George, Stefan: 47 Goethe:

40 Grotius, Hugo: 63

Guizot: 32 Hamann, Joh. Georg: 40 Hegel:

17, 24, 27, 36, 48, 90 Heraklit: 26 Heym, Georg:

Namenverzeichnis

45 Hieronymus, St.: 46

Hitler: 19 Hobbes, Thomas:

63, 66, 72 Hugo, Victor:

73, 91 Humboldt, W. von:

37 Huxley, Aldous: 86

Jünger, Ernst:

22, 33, 37, 77 Kain und Abel: 89 Kat-echon: 31 Kleist, H. von: 38, 43

Leviathan: 16, 66, 73 Lucan:

43 Macrobius: 21

Bibl. FB 03

2000631113

88

Manko, Kraljevie: 32 Mannheim, Karl: 13, 23 Marx, Karl: 17 Melville, Hermann: 21 Mignon: 40 Montesquieu: 28 Morus,

Thomas: 21, 59 Napoleon I.:

38, 39 Napoleon III.: 28 Nero: 43 Pan: 82 Paulus, St. Ap.: 43 Peguy, Charles: 46 Plato: 21 Policraticus: 16, 70 Prometheus: 57 Proudhon:

49 Quincy, Wright: 12

Ranke: 27 Rilke, R.M.: 47

Rossini: 82 Rousseau, J. J.: 76 Sainte-Beuve: 32 Saint-Simon: 50 Schlaf, Joh.: 46 Seneca: 43 Solon:

37

Spengler, Oswald: 30,63-

Spranger, Eduard: 9 Stirner, Max: 8082, 88 Story, John: 59 Strauß, Richard: 45 Strindberg, August: 76 Sybel: 26 Tocqueville: 25, 27, 30

Trakl, Georg: 45 Treitschke:

26

63 Voltaire: 40 Wagner,

Richard: 80 Weiß, Konrad:

40, 45, 51, 52, 91

Vergil: 85 Vitoria, Fr. de:

I

89