Sie sind auf Seite 1von 2

Welturaufführung am 12.10.2013 auf Burg Grünsberg im Nürnberger Land

Das letzte Konzert für dieses Jahr war der absolute Höhepunkt der diesjährigen Grünsberger Konzertreihe mit einer Welturaufführung einer Kurzoper von einem portugiesiche- amerikanischen Komponisten, Patricio da Silva. Aber der Reihe nach:

Der Liederabend begann mit den Wesendonck-Liedern von Richard Wagner. Julia Oesch, Mezzosopran, und Jens Barnieck, Klavier, brachten einige der Lieder in der Sopran-, andere in der Mezzosopran-Ausgabe dar, beides der wunderbaren Stimme der Sängerin hervorragend angepasst. Von zartestem pianissimo bis kräftigstem fortissimo erklang ihre Stimme makellos, jede einzelne Silbe völlig verständlich und mit einem wunderbaren Schmelz, vom perfekten legato ganz zu schweigen. Ganz zarte bis schwülstig-erotische Stimmungen im „Treibhaus“klima waren zu hören, ein „Engel stieg hernieder“ und „Blumen rankten“. Wenn uns auch in der heutigen Zeit die Texte eher merkwürdig anmuten, spiegeln sie doch die damalige Gefühlswelt genau wieder. Zwei der Lieder nehmen die Klangwelt des „Tristan“ bereits vorweg. Jens Barnieck als hervorragender Begleiter holte alle Farben aus dem Flügel, wußte genau, wann er sich gegenüber der Sängerin zurückzunehmen, wann er vorzustürmen hatte und erfreute besonders durch sein ganz dezentes Pedalspiel, nie zuviel, immer dem Raum und der Gelegenheit angemessen.

nie zuviel, immer dem Raum und der Gelegenheit angemessen. Es folgte ein Liederzyklus des dänischen Komponisten

Es folgte ein Liederzyklus des dänischen Komponisten Peter Arnold Heise, eines Wagner- Zeitgenossen. Dieser Zyklus, auf Gedichten der Edda beruhend, ist in Deutschland weitgehend unbekannt. Julia Oesch sang ihn im ursprünglichen Dänisch, sehr beeindruckend und fremdartig. Der Liederzyklus erzählt, wie Gudrun nach Sigurds Tod erst einmal unfähig ist, ihre Trauer in Tränen aufzulösen, und wie die anderen Frauen am Hof versuchen, durch die Erzählungen ihrer eigenen tragischen Geschicke Gudruns Erstarrung zu lösen. Erst als der Leichnam ihres Geliebten enthüllt wird, bricht sie in einen Tränenstrom aus, verflucht ihren Bruder Gunnar und verlässt den heimatlichen Hof. All das konnten die Zuhörer, ohne die

Worte zu verstehen, dem Gesang Julia Oeschs entnehmen, die die dänischischen Texte sang, als sei es ihre eigene Muttersprache. Die Musik enthält viele dänische Elemente, ist andererseits deutlich von der deutschen Spätromantik beeinflußt.

Nach der Pause folgte der Liederzyklus „Die Entsagende“ von Hans von Bülow. Dieser, bester Freund von Wagner und erster Ehemann von Cosima Liszt-Bülow-Wagner, schrieb den Zyklus im selben Jahr, als seine Ex-Frau Wagner heiratete. Dieses Geschehen ist meinem Empfinden nach deutlich Text und Musik zu entnehmen, Bülow steht hinter Wagner zurück, indem er der geliebten Frau entsagt, wenn auch der Text im Sinne einer Frau erdichtet wurde. Leider ist der Zyklus wenig bekannt und wird nur selten aufgeführt. Die beiden Künstler vermittelten sehr verständlich die Empfindungen von stiller Zurückziehung (und der „Schuld“ bei sich selber suchend), wildem Schmerz, dann sich Schicken in sein Schicksal und letztlich sehnsuchtsvollen Erwartens des Todes . Nach einer kurzen Unterbrechung, die Julia Oesch zum Kostümwechsel nutzte, und Jens Barnieck, um den extra aus Amerika angereisten Komponisten und sein Werk vorzustellen, wurde „Never to late to lie“ nach einem Text von Irene Dische aus der Taufe gehoben. Patricio da Silva hat die Oper Julia Oesch und Jens Barnieck gewidmet. Die Oper erzählt die Geschichte einer Frau, die ihrem Ehemann berichtet, sie habe sich gerade von ihrem Liebhaber getrennt. Sie sei ja so dumm gewesen, ihre perfekte Partnerschaft zu riskieren. Sie verabredet sich zwar mit ihrem Mann, doch in diesem Augenblick erhält sie eine e-mail vom nächsten Liebhaber, mit dem sie sich ebenfalls verabredet, und dafür ihren Mann belügt. Da fallen Schüsse, sie ist schockstarr, da sie glaubt, ihre Liebhaber und ihr Mann hätten sich gegenseitig erschossen. Sie überlegt, wenn sie wohl am meisten vermissen werde und welches Kleid sie nun tragen solle. Doch nein, der Schütze war einfach nur irgendein Irrer auf der Straße. Da trauert sie um ihr verpasstes „Date“ und um ihre verblühende Jugend. Man hört es klopfen und sie begrüßt, scheinbar freudig überrascht, ihren Ehemann, dem sie, eine schwüle Melodie der Oper summend, die Treppe hinauf entgegengeht. Patricio da Silva gibt genaue Kenntnis davon, wann die Akteurin sie selber ist und wann sie lügt. Die Lüge ist stes durch einen schwülen, schweren, sehr erotischen Blues gekennzeichnet. Wenn die Figur sich aber mit ihren Liebhabern verabredet, gibt es schnellste Läufe, größte Sprünge und ungeheuer vertrackte rhythmische Verschiebungen. Die ganze Oper ist ausgesprochen sanglich und melodisch und verstört das Publikum nicht, wie frühere neue Musik. Die Sängerin hatte über Tage hinweg sich eine der Burgkapelle angepasste Inszenierung ausgedacht und einstudiert, die nun zum Zuge kam. Hier bewies es sich auf´s Deutlichste, wie sehr Julia Oesch und Jens Barnieck auf einander eingespielt und eingehört sind, die verschiedensten Tempie und Tempo-Wechsel ohne Blickkontakt von einander abnehmen können und wie genau sie die Interpretation des Textes miteinander vorgenommen haben. Auch das „Timing“ der szenischen Darstellung, beispielsweise das Zusammenklappen zahlreicher Notenständer, um das Aufschlagen einer neuen Seite im Lebensbuch der Protagonistin zu symbolisieren, klappte synchron zur Musik, so dass die Sängerin am Ende rechtzeitig wieder bei ihrem „Notebook“ ankam. Einfach total begeisternd! Das Publikum dankte den beiden ausführenden Künstlern und dem Komponisten mit frenetischem Beifall und erklatschte sich noch eine Zugabe in Form eines Liedes von Samuel Barber. Ein höchst eindrucksvoller Abend! Mein Dank gilt Julia Oesch und Jens Barnieck, Patricio da Silva, der der Stiftung noch zusätzlich CDs seiner Werke zum freien Verkauf schenkte, und dem Film-Team der Georg- Simon-Ohm-Hochschule, die diesen Abend für die „Ewigkeit“ festhielten

Rotraut v.Stromer-Baumbauer