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International

Foto: European Union 2013 - European Parliament / Pietro Naj-Oleari

Brüsseler Fallstricke

Auch wenn Berlin zu einer Art zweiten Hauptstadt der EU geworden ist, sollte man sich als Unternehmen oder Verband nicht allein auf das Kanzleramt verlassen. Doch um in Brüssel ERFOLGREICH ZU LOBBYIEREN, muss man die dortigen Spielregeln kennen.

VON DANIEL BRINKWERTH UND DANIEL FLORIAN

B ei Union und SPD spielte Europa im Wahlkampf kaum eine Rolle: Zu groß, so ein führender Genosse im kleinen

Kreis, sei die Gefahr, dass am Ende die Eu-

roskeptiker gewinnen und CDU und SPD den Kürzeren ziehen. Die Sorge ist nicht unberechtigt, schließlich verpasste die AfD nur knapp den Einzug in den Bundestag. Jenseits dieser Wahltaktik wird partei- übergreifend akzeptiert, dass der EU-Bin- nenmarkt für die Exportnation Deutsch- land von kaum zu überschätzender wirt- schaftlicher Bedeutung ist. Und umge- kehrt geht auch in Brüssel fast nichts mehr ohne Zustimmung des Kanzleramtes. Auf den Fluren der EU-Institutionen und in manchen Redaktionen ist zu hören, dass Berlin zu einer Art „zweiten Haupt- stadt“ der EU geworden sei. Gideon Rach- man, Kolumnist der „Financial Times“, ist überzeugt, dass der Preis für die deutschen Euro-Hilfen ein „deutsches Europa“ sei, in dem nichts mehr ohne die Zustimmung der Kanzlerin gehe. Nicht immer ist das als Kompliment gemeint, denn aus Sicht der anderen Mitgliedsstaaten steht Deutsch- land bei einigen Projekten – wie zum Bei- spiel der Bankenunion – allzu oft auf der Bremse. Manche Medien berichteten, EU- Diplomaten hätten Angela Merkels Eintre- ten für eine weniger strikte CO2-Richtlinie sogar als „erpresserisch“ bezeichnet. Im Auto-Land Deutschland ist das Wohlerge- hen der Automobilindustrie Staatsräson.

Reflexartige Abneigung

Merkels Bilanz in EU-Fragen ist durchaus gemischt: Zwar hat sie einerseits für eine stärkere „Vergemeinschaftung“ geworben (etwa mit Blick auf die Kontrollrechte der EU in Haushaltsfragen und rechtlich ver- bindliche „Reformverträge“ zwischen der Kommission und den Mitgliedsstaaten), andererseits hat sie sich aber auch gegen mehr Kompetenzen für EU-Institutionen ausgesprochen.

gegen mehr Kompetenzen für EU-Institutionen ausgesprochen. Martin Schulz (3. v. l.) will EU-Kommissionspr äs i d

Martin Schulz (3. v. l.) will EU-Kommissionspräs i dent werden

Das „Handelsblatt“ spekulierte deswe- gen kurz vor der Wahl über eine „Kehrt- wende“ in der deutschen Europapolitik nach der Bundestagswahl und auch die Auslandspresse zeigte sich in der ersten Pressekonferenz nach der Wahl besorgt, dass die Bundesregierung einen härteren Kurs in EU-Fragen einschlagen könnte. „Unsere Europapolitik wird sich nicht än- dern“, versicherte die Kanzlerin. Dennoch:

Es bleibt der Eindruck, dass Merkel einer- seits nicht führt, sich andererseits aber auch nicht die Zügel aus der Hand neh- men lässt. So entsteht ein Vakuum in Eu- ropa, das den Kontinent bremst. Jetzt, nach der gewonnenen Bundes- tagswahl, muss Merkel offenlegen, wel- ches Europa sie will. Denn in knapp acht

Monaten wird das Europaparlament (EP) gewählt. Diese Wahl ist eine wichtige Wei- chenstellung für die EU, denn erstmals werden die Parteien eigene Spitzenkan- didaten aufstellen, die zugleich auch Be- werber für das Amt des Kommissionsprä- sidenten sind. Die Sozialisten haben den Deutschen Martin Schulz zu ihrem Spit- zenkandidaten gekürt, die Konservativen könnten von der jetzigen Justizkommissa- rin Viviane Reding oder dem polnischen Premierminister Donald Tusk angeführt werden. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Regierungen der Mitgliedsstaaten dem EP in dieser Angelegenheit entgegen- kommen werden. Jedes neue Kommissi- onskollegium muss von den Europapar-

Fotos: Privat (2)

 

WAS MAN BEIM LOBBYING IN BRÜSSEL WISS EN S OLLTE

MA N BEI M LOBBYING IN BR ÜSS EL W I SS EN S OLL T
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DIE NATIONALSTAATEN WERDEN NICHT VERSCHWINDEN:

lamentariern bestätigt werden. Gelingt es ihnen, glaubhaft zu machen, dass sie be- reit sind, dieses Veto einzusetzen, würde ihnen das einen größeren Einuss bei der Auswahl der neuen Kommissare geben. Es würde aber auch zu Verzögerungen füh- ren, da die Komposition des Kollegiums ein Drahtseilakt ist, der die Interessen von 28 Mitgliedsstaaten zum Ausgleich brin- gen muss. Diese stärkere Anbindung der Kom- mission an das Parlament ist notwendig, denn bei Bürgern wie Unternehmen gibt es oft immer noch eine reexartige Abnei- gung gegen die „Brüsseler Bürokraten“. Da- hinter steckt oft eine gehörige Unkenntnis über die politische Kultur am „Rondpoint Schuman“. Unternehmen, die sich auf EU- Lobbying einlassen, sind oft überrascht, dass Sachlichkeit und konstruktive Mitar- beit bei Anhörungen in Brüssel wichtiger sind als Seilschaften und Netzwerke. Das liegt insbesondere daran, dass die Kommission – anders als eine „normale“ Exekutive – keine einfache Links-Rechts- Ausrichtung hat, sondern sich aus Kom- missaren unterschiedlichster politischer Couleur zusammensetzt. Sie gleicht damit eher einer permanenten „Allparteienregie- rung“, die sich für jedes Gesetzesvorhaben neue Mehrheiten in Parlament und Rat or- ganisieren muss.

Koalition der Willigen

In Brüssel warten dafür ganz andere Fall- stricke auf Unternehmen, denn die Inter- essenlagen – und damit auch das Lobbying – sind weitaus komplexer und vielschich- tiger als auf nationaler Ebene. Während Verbände und Unternehmen die Kommis- sion und das EU-Parlament in Brüssel und Straßburg überzeugen müssen, wird die Position der Bundesregierung selbstver- ständlich in Berlin formuliert. Entschei- dungen im Rat werden per Mehrheits- entscheidung getroffen, so dass es in der Regel ausreicht, eine „Koalition der Willi- gen“ aufzustellen, also diejenigen Staaten anzusprechen, die ein direktes Interesse an einem Thema haben. Die Konzentration auf eine „Kerngruppe“ erleichtert dabei die Kommunikation und Koordinierung. Dennoch: Es reicht nicht aus, sich al- lein auf die vertraute Hausmacht an der Spree zu verlassen. Deutschland sieht sich traditionell als Motor der europäischen In- tegration und die deutschen Vertreter im Rat treten nur ungern als Bremser auf. Das

Die Haup tstädte groß er E U-Mitg lieds- staaten bleiben w ich tig e Elemente einer euroisch en Lo bby-Strategie.

ist verständlich, weil Deutschland es sich im Rat der 28 nicht leisten kann, isoliert zu sein. Ratsverhandlungen sind ein Geben und Nehmen zwischen den Mitgliedsstaa- ten – daher ist es für Unternehmen wich-

tig, ein weitgespanntes Sicherheitsnetz an Kontakten zu haben, um zu verhindern, dass eine wichtige Position einem Kuh- handel zwischen vielleicht ganz unter- schiedlichen Gesetzgebungsvorschlägen zum Opfer fällt.

Chaotisches Parlament

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POLITIK IM MEHREBENENSYSTEM FORDERT STRATEGISCHES GESCHICK:

Relev ante Ge set zg e bun gsver fah ren müs- sen erkannt w erden , so b ald sie in Brüssel o der au f der Eb ene der M itg liedsstaaten entste hen , nich t er st wenn die ei gene nationale Eb ene erreich t w ird.

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KLEINE MITGLIEDSSTAATEN NNEN GROSSE WIR K UNG HA BEN:

N ämli ch dann , wenn es ihnen gelin gt , die A gend a d er EU- Kommission z u kap ern.

Das EP schließlich besteht wie auch der Bundestag aus verschiedenen Fraktio- nen; im Unterschied zum deutschen Par-

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DAS E P IST NICHT DER BUND ESTAG:

lament gibt es allerdings keine Trennung zwischen Regierungs- und Oppositions- fraktionen, somit fehlt eine echte Frakti- onsdisziplin. Dadurch entsteht häug der Eindruck eines „chaotischen“ Parlaments – zumal die Koniktlinien innerhalb des EU-Parlaments oft zwischen den Landes- gruppen verlaufen und nicht entlang der

Im U nterschied z um Bund e stag i st d as EP ein Red e parlament und d er Um gangs ton rauer al s in Berlin. A bstimmun gen verlau - fen oft nich t nach Parteiz uge rigkeit, sondern w erden v on nationalen Intere s- sen üb erlagert .

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DER BUN DESTAG WIR D ZU M EURO- PÄISCHEN AKTEUR :

Parteigrenzen. Je mehr neue Rechte dem EP zugesprochen werden – etwa bei der Kontrolle der Bankenaufsicht –, desto stär- ker wird sich auch das Verhalten der Ab- geordneten ändern. Diese Entwicklungen zeigen deut-

lich: Eine deutsche Firma, der in Berlin alle Türen offen stehen, kann in Brüssel

ziemlich verloren sein, wenn die Brüsseler „Spielregeln“ nicht beachtet werden oder wenn ein Thema zu spät erkannt wird. Eine gut funktionierende „Früherken- nung“ – sowohl innerhalb der Kommis- sion als auch mit Blick auf die wechseln- den Ratspräsidentschaften – ist essentiell für das Lobbying in der EU. Schließlich werden über 80 Prozent der Kommissi-

Umgekeh rt zei gen nationale Parlamente seit der G riech enland krise e ben falls ein g rößere s Interesse an d er EU – sie s in d d e swe g en ein w ich ti ger M achtfaktor auch b ei euro p a politisch en Fra gen .

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EINE EUROIS CHE Ö FFENTLICH- K EIT GIBT E S ( NOCH) NICH T:

Politisch e Prob leme werd en o ft entlang nationaler G renzen de b attiert es g ib t allerdin gs Ausna h men wie d ie euro p a- w eiten Prote ste g e g en d as ACTA-Abkom - men. B ürg erre ch ts th emen sch einen euro - p aweit e her kampagnenfäh ig zu s ein als d ie Fra ge , ob Frac king erlau bt sein sollte.

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DER T EUFEL ST ECKT I M DETAIL BZW. I M „DELEGIERTEN RECHTSAKT“:

onsvorschläge bereits in der ersten Lesung verabschiedet. Wer sich also nicht auf ein belgisches Hase-und-Igel-Spiel einlassen will, sollte in Brüssel genauso präsent sein wie in Berlin.

Strittige Punkte o der te ch nisch e Be stim- mung en w erden bei EU-Ge setz e svor- hab en o ft in sog enannten „d ele g ierten Rechts akten“ v er stec kt und k ö nnen da - mit jen seits d es Parlament s od er de s Rats

entsch ied en werd en . Das b irgt Risiken r Unterneh men .

i s t P artner b ei g+ un d b er ä t U nterne s t Partner b ei g+ und berä t U nternehmen und Ver n de in Brüss el.

Daniel Brinkw erth

Daniel F lorian

i s t A cc ount Dire c tor un d Leiter d e s Berliner s t Acc ount Direc tor un d Leiter des Berliner Bü ros v on g+.

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„PARLEZ -VOU S FRAN ÇAI S?“:

Die rich tigen Sp rach kenntnisse kö nnen in Br üssel Tü ren öff nen. Einen Parlamentari- er oder Beamten in s einer M utter sprach e anzusp rech en , brin g t of t wertvolle Sy m- p ath ie-Punkte und Ein uss.