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e-paper für: 10216894 Wochenend−Ausgabe 1.Aug./2.Aug. 2009
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Wochenend−Ausgabe 1.Aug./2.Aug. 2009

für: 10216894 Wochenend−Ausgabe 1.Aug./2.Aug. 2009 Das Symbol der deutschen Teilung ist gefallen: Jubelnde

Das Symbol der deutschen Teilung ist gefallen: Jubelnde Berliner aus Ost und West am 9. November 1989 auf der Mauer.

Am Ende fiel die Mauer ganz schnell

HNA-Spezial über die innerdeutsche Grenze und das Leben im geteilten Deutschland vor 20 Jahren

Foto: dpa

VON WOLFGANG BLIEFFERT

E s begann mit einer Lüge:

„Niemand hat die Ab-

sicht, eine Mauer u er-

richten“, beteuerte der DDR-

Staatsrats orsit ende Partei- chef Walter Ulbricht noch im Juni 1961 angesichts des an- sch ellenden Flüchtlings- stroms gegen Westen – doch schon enige Wochen später, am Sonntag, dem 13. August, rollten Bautrupps an und rie- gelten – be acht on Volkspo-

li ei und Volksarmee Ost-

deutschland om freien Teil der Welt ab. 28 Jahre trennte die Mauer

die Deutschen. Und auf beiden Seiten schien man sich damit abgefunden u haben – trot

ahlreicher Toten an der in-

nerdeutschen Gren e. Die Mauer müsse durchlässiger gemacht erden, das ar die offi ielle Politik der Regieren- den in Bonn. An den Fall der Mauer oder gar die Wieder er- einigung glaubte kaum je- mand.

Noch 5 oder 1 Jahre

In Ost-Berlin schon gar nicht. Immer ieder beton- ten die SED-Machthaber die Not endigkeit des so ge- nannten antifaschistischen Schut alls. Und noch im Juni 1989 ersicherte Ulb- richt-Nachfolger Erich Hone- cker, bei Fortbestehen der Gründe für ihren Bau erde die Mauer „noch 5 oder 1 Jahre bestehen“. Er sollte sich ge altig irren, nur ein halbes Jahr später ar das monströse Bau erk gefal-

len, die deutsche Einheit stand be or. An diesem Wochenende sind es noch 1 Tage bis um 9. No ember, jenem Tag, an dessen Abend sich öllig über- raschend die Mauer öffnen sollte. Im Sommer or 2 Jah- ren rumorte es ar in der DDR, or allem angesichts des on Bürgerrechtlern aufge- deckten Betrugs bei den Kom- munal ahlen im Mai. Doch dass diese Unruhe enige Wo- chen später in einer friedli-

chen Re olution enden sollte, ahnte niemand. Zu uneinsich- tig eigten sich die Spit en

on Staat und Partei, als dass Ent icklungen ie in Polen möglich schienen, o erst- mals ein halb egs freies Parla- ment ge ählt orden ar. Oder ie in Ungarn, o man sich daran machte, die Gren- en u Österreich u öffnen. Oder ie der So jetunion, o Staats- und Parteichef Michael Gorbatscho eine Politik on Glasnost (Offenheit) und Pe- restroika (Umgestaltung) ein- geleitet hatte. So nimmt in Deutschland kaum jemand Noti da on, dass sich DDR-Bürger ieder einmal in estliche Botschaf-

ten geflüchtet haben, um ihre Ausreise aus der DDR u er- ingen. Doch es erden im- mer mehr. Am 5. August sieht sich die DDR-Führung ge- ungen, erstmals im Fernse- hen u den Botschaftsflücht- lingen Stellung u nehmen und Probleme ein uräumen. Drei Tage später muss die Ständige Vertretung in Ost- Berlin egen Überfüllung den Besucher erkehr einstellen. Vertreter on Kan leramt und DDR-Außenministerium neh- men Verhandlungen über die Situation der Ausreise illigen auf. Dann muss auch Bonns

Situation der Ausreise illigen auf. Dann muss auch Bonns Berlin, 13. August 1961: Ein Soldat der

Berlin, 13. August 1961: Ein Soldat der Nationalen Volksarmee (NVA) beaufsichtigt einen Maurer

beim Bau der Berliner Mauer.

Foto: dpa

Botschaft in Budapest ge- schlossen erden. Honecker bleibt uneinsichtig: „Den So- ialismus in seinem Lauf hält eder Ochs noch Esel auf.“

„Wer u spät kommt, den bestraft das Leben.“

MICHAEL GORBATSCHOW IM OKTOBER 1989 AN SEINE DDR-GENOSSEN

Ende August beginnen sich die Ereignisse u überschla- gen: In Sopron (Ungarn) kommt es ur größten Mas- senflucht on DDR-Bürgern seit dem Mauerbau. In der DDR gründen sich neue Oppo- sitionsgruppen ie das Neue

Forum und Demokratie Jet t. In Leip ig erden die Mon- tagsdemonstrationen immer macht oller. „Wir sind das Volk“, tönt es ernehmlich. Anfang Oktober feiert die SED mit großem Pomp den

4 . Jahrestag der Gründung

der DDR. Dabei mahnt ihr Gast Michael Gorbatscho die Parteiführung: „Wer u spät kommt, den bestraft das Le- ben.“ Aber es ist schon u spät. Auch der Stur Erich Hone- ckers kann das Ende nicht mehr aufhalten. Seine Nachfol- ger suchen er eifelt nach ei- nem Ventil für den nun um Ausbruch drängenden Unmut im Land. Und finden es in ei- nem neuen Reisegeset . Als Politbüromitglied Gün- ter Schabo ski es am 9. No- ember gegen 19 Uhr or der Presse erläutert, ist die Mauer

praktisch gefallen. Abends strömen die Menschen u Zehntausenden in die Freiheit. Und nur enig später be- ginnt auch schon das Ende der DDR. Auf den Straßen heißt es jet t: „Wir sind ein Volk“.

Aus dem Inhalt

Auf den nächsten sechs Seiten beschäftigen wir uns mit dem

Leben diesseits und jenseits der Mauer. Aus dem Inhalt:

• Süßes kam aus Hessen - die

ehemalige DDR-Bürgerin Clau-

dia Götze über Schlangestehen und Intershop.

• Besuch am Ende der Welt –

unser Redakteur Werner Keller über das Leben im Zonenrand- gebiet.

• Mauer, Stacheldraht, Selbst-

schussanlagen - wie die bestge-

sicherte Grenzanlage Europas funktionierte.

• Gedemütigt und gequält – ein DDR-Häftling berichtet über

Schikanen bei Verhören und in den Haftanstalten.

• „Ein Unrechtsstaat“ – der ehe- malige DDR-Anwalt Dieter Gräf über den Rechtsalltag in Ost- deutschland.

• Nackt vor ostdeutschen Zoll-

beamten - Berichte unserer Le- ser von Transitstrecken und Grenzübergängen.

• „Die Genehmigungen werden

kurzfristig erteilt“ – wie Günter Schabowski am 9. November 89 die Grenzöffnung mitteilte.

• Die Seiten dieser Beilage kön- nen ab Sonntag in unserem In- ternet-Angebot heruntergela- den werden unter:

www.hna.de/politik

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Samstag, 1. August 2 9

20 Jahre Mauerfall

SZ-ZG2

Vor 20 Jahren: Leben mit der Mauer

Geschichte der DDR

• Bereits vor Ende des Zweiten

Weltkrieges landet die Gruppe Ulbricht in Ost-Berlin. Sie be- stand aus Walter Ulbricht und anderen in die Sowjetunion emi- grierten und dort geschulten Mitgliedern der Kommunisti- schen Partei Deutschlands (KPD). Sie sollen der Roten Ar- mee beim Neuaufbau der Ver- waltung helfen. Die sowjeti- schen Kommandanten überge- ben zahlreiche Schlüsselpositio- nen innerhalb der Kommunal- verwaltungen an deutsche Kom- munisten. Ulbrichts Devise: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“ • 21. April 1946: KPD und SPD auf dem Gebiet der Sowjeti- schen Besatzungszone vereini- gen sich zur Sozialistischen Ein- heitspartei Deutschlands (SED). Die Vereinigung findet unter politischem Druck und ge- gen den Willen der großen Mehrheit der SPD-Mitglieder statt. Die stalinistisch geschul- ten Politfunktionäre der KPD las- sen Meinungsvielfalt nicht lange zu. In den Jahren 1948 bis 1951 kommt es zu regelrechten Säu- berungen. Die SED wird zur dik- tatorischen Kaderpartei.

berungen. Die SED wird zur dik- tatorischen Kaderpartei. Zwangsvereinigung zur SED: Wilhelm Pieck (links, KPD) und

Zwangsvereinigung zur SED:

Wilhelm Pieck (links, KPD) und Otto Grotewohl (SPD) im April 1946 in Berlin.

• 7. Oktober 1949: Der 2. Deut-

sche Volksrat erklärt sich zur Provisorischen Volkskammer und setzt die Verfassung der DDR in Kraft. Damit ist die Deut- sche Demokratische Republik gegründet. Der Ost-Berliner Ma-

gistrat erklärt Berlin zur Haupt- stadt der DDR.

• 11. Oktober: Wilhelm Pieck

wird Präsident der DDR, Otto Grotewohl Ministerpräsident.

• 17. Juni 1953: In der gesamten DDR brechen Demonstration

aus, die später als Aufstand des 17. Juni in die Geschichte einge- hen. Die SED strebt eine Stär- kung der Staatsmacht nach sow- jetischen Vorbild an. Bauern und Betriebe sollen durch erhöhte Abgaben zur Aufgabe ihrer Selbstständigkeit genötigt wer- den. Die Belegschaften treten in Streik und formieren sich zu De- monstrationszügen.

• 18. Januar 1956: Die Volkskam-

mer gründet die Nationale Volksarmee. Bis zum 1. März 1956 sollen die Stäbe und Ver- waltungen einsatzfähig sein. Die Gründung ist das Ergebnis einer

Entwicklung, die am 10. Juli 1952 mit der Proklamation der „Natio- nalen Streitkräfte“ begonnen hat.

• 31. Mai 1960: Die Kollektivie-

rung in der Landwirtschaft gilt als vollendet. 19 345 Genossen- schaften sind bis zu diesem Tag gegründet worden, die auf gut 84 Prozent der landwirtschaftli- chen Flächen produzieren.

84 Prozent der landwirtschaftli- chen Flächen produzieren. Mit Pflastersteinen gegen Sow- jetpanzer: Volksaufstand in

Mit Pflastersteinen gegen Sow- jetpanzer: Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953

Sow- jetpanzer: Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 Leben in der DDR: „In einem

Leben in der DDR: „In einem Stillen Land“ hat Roger Melis seinen melancholischen Bildband genannt, in dem er Aufnahmen aus den Jah-

ren 1965 bis 1989 zusammengestellt hat.

Foto: Lehmstedt-Verlag, Leipzig

Süßes kam aus Hessen

Leben in der DDR-Provinz: Sechs Schultage, fünf Noten und Urlaub nur im Osten

VON CLAUDIA GÖTZE

MÜHLHAUSEN. Die DDR in den 8 er-Jahren: Man hatte sich eingerichtet in einem All- tag aus Schichtarbeit, Platten- ohnung und eit eisem Mangel an Waschpul er, Reis oder Ketchup. Die Mieten a-

ren niedrig, Brötchen, Milch und Kindersachen stark sub- entioniert. Gurken gab es nur in der Saison. Weiß- und Rotkraut, Erbsen und Möhren kamen häufiger auf den Tisch. Beide Elternteile fuhren mit dem Bus ur Arbeit – fast alle Kinder besuchten den Kinder-

garten oder die Schule, o üb- rigens auch samstags unter- richtet urde und es nur fünf

Noten gab. Ihre durchaus or- handene Reiselust befriedigten die DDR-Bürger mit einem Fe- rienplat an der Ostsee oder im Gebirge, mit Zelt und Cam- pinganhänger. Firmeneigene Bungalo s aren sehr beliebt – und der Schrebergarten am

s aren sehr beliebt – und der Schrebergarten am Walter Ulbricht • 1893 in Leip ig

Walter Ulbricht • 1893 in Leip ig geboren. Er ar maßgeblich an der Grün- dung der SED beteiligt (1946) und urde ier Jahre später SED-Generalsekretär. 1953 urde er Erster Sekretär des Zentralkomitees der SED, as er bis 1971 blieb. 196 ählte man ihn um Vorsit enden des neugebildeten Staatsrats der DDR – dem Nachfolgeor- gan des Präsidentenamtes, mit dem der Staatsaufbau dem so jetischen Vorbild eiter angeglichen urde. Am 1. Au- gust 1973 erlag er in Berlin sei- nem chronischen Her - und Blutdruckleiden.

Stadtrand. Sommerferien a- ren immer gleich lang: om 1.Juli bis 31. August. Reise-Al- ternati en aren Ungarn, die Tschecheslo akei oder Bulga- rien, manchmal auch Russ- land. Über Jugendtourist, eine staatsnahe Gesellschaft, aren für ausge ählte Personen auch Reisen nach Kuba mög- lich. Der scheinbar dauerhafte Ver icht auf Reisen in ferne Länder urde uns or allem beim heimlichen Sehen des Westfernsehens deutlich. In Nord- und Westthüringen konnte man – enn auch mit teil eise schlechter Bildquali- tät – „Dallas“, „Hitparade“ oder „Der große Preis“ gut se- hen. Jeder hatte Arbeit – ein Arbeitsamt gab es nicht. Die meisten Menschen arbeiteten in großen Betrieben ie „Mü- lana“, „Röhren erk“ oder „Cottana“. Beim Fleischer, Bäcker oder in die Kaufhalle um die Ecke

ar das Sortiment sehr über- sichtlich. Von bestimmten Le- bensmitteln gab es nur ein ein iges Produkt – die Preise aren überall gleich, Verglei- che daher überflüssig. Spe iel- le preisgünstige Angebote und die da u gehörende Werbung gab es nicht. Wörter ie Ra- batt oder Sonderpreis aren für uns bedeutungslos. Dafür aber gab es Schlangen or den Geschäften – eindeutig das Signal für ein außerge öhnli- ches Angebot. Beim Anstellen usste man oftmals nicht, as es überhaupt gibt.

Suchen im Intershop

Da ir fast keine Ver and- ten im Westen hatten, be- stand auch das Problem der nicht immer einfachen Kon- taktpflege nicht. Über den so genannten Kleinen Gren er- kehr besuchte uns bis u sei- nem Tod Onkel Willi aus Esch ege regelmäßig in Mühlhausen. Eine Tafel „Sa-

rotti“ und eine Büchse „Kaba“ (Bananengeschmack) im Ge- päck. Die ein bis ei West-Mark, die er mir regelmäßig um Ab- schied in die Hand drückte, set te ich dann im „Inter- shop“ um. Drei bis ier Mal ging ich dorthin, um erst ein- mal u schauen und dann u entscheiden. Später konnte ich bestimmte West-Produkte u überteuerten Preisen im so genannten „Delikat-Laden“ kaufen. Dass Esch ege nicht mal eine Autostunde on Mühl- hausen entfernt ist, erfuhr ich erst nach Gren öffnung. Die Gren e und das da u ge- hörige Gren gebiet aren ein Tabu-Thema. Wollte man ei- nen Schulfreund et a in Len- genfeld unterm Stein besu- chen, musste man sich eine Sondererlaubnis für den be- treffenden Tag bei der Poli ei holen. Be ohner der Gren - gemeinden hatten einen dau-

Wer war wer in der DDR?

Von Ulbricht bis Krenz – die wichtigsten Politiker der SED

Von Ulbricht bis Krenz – die wichtigsten Politiker der SED Erich Honecker • 1912 in Neunkirchen

Erich Honecker • 1912 in Neunkirchen im Saarland geboren. Honecker urde am 3. Mai 1971 Nach-

folger Ulbrichts als Generalse- kretär des Zentralkomitees (ZK) der SED. Nachdem er

1971 auch im Nationalen Ver-

teidigungsrat Ulbrichts Nach-

folge als Vorsit ender angetre- ten hatte, ählte ihn die Volkskammer am 29. Oktober 1976 schließlich auch um Vorsit enden des Staatsrats. Honecker starb am 29. Mai

1994 in Santiago de Chile an

Leberkrebs.

starb am 29. Mai 1994 in Santiago de Chile an Leberkrebs. Margot Honecker • 1927 in

Margot Honecker • 1927 in Halle an der Saale ge- boren. Mit 22 Jahren schaffte sie den Sprung in die Volks- kammer. 195 urde Margot Honecker Kandidatin des ZK. Ein Jahr u or lernte sie Erich Honecker kennen, bekam mit ihm 1952 Tochter Sonja und heiratete ihn 1955. Margot Ho- necker urde oft „Miss Bil- dung“ genannt, eil sie on 1963 bis 1989 Volksbildungs- ministerin ar. Heute lebt sie in Santiago de Chile und be- acht Gerüchten ufolge noch immer die Urne ihres Mannes.

acht Gerüchten ufolge noch immer die Urne ihres Mannes. Erich Mielke • 19 7 in Berlin

Erich Mielke •19 7 in Berlin geboren. Als nach der DDR-Gründung Mitte Februar 195 das Ministerium für Staatssicherheit geschaf- fen urde, urde Mielke des- sen Staatssekretär und Mit- glied des Zentralkomitees der SED. Bis um Ende der DDR stand Mielke an der Spit e der Stasi. Mit dem Rücktritt des al- ten Politbüros der SED 1989, einen Tag or der Gren öff- nung, kam für ihn das politi- sche Aus. Mielke starb am 21. Mai 2 im Pflegeheim „Haus K rit “ in Berlin.

Mai 2 im Pflegeheim „Haus K rit “ in Berlin. Das Thema 28 Jahre lang –

Das Thema

28 Jahre lang – von 1961 bis 1989 – mussten die Deutschen mit der Mau- er leben, die das Land teilte und Familien trennte. Auf diesen bei- den Seiten schildern zwei Kollegen, wie es sich diesseits und jenseits der Grenze lebte. Claudia Götze berichtet aus dem Osten, Werner Keller aus dem Westen. Außerdem schauen wir auf diesen Seiten auf die Geschichte der DDR, die im Herbst vor 20 Jahren unterging.

Unsere Autorin

Claudia Götze, 1965 in Mühl- hausen geboren, hat nach dem Abitur Journa- listik in Leipzig studiert, 1991 folgte ein Vo- lontariat bei der HNA, bis 1997 war sie Redak- teurin der HNA- Tochter Mitteldeutsche Allge- meine. Seit 1999 ist Claudia Göt- ze selbstständig. Sie hat einen sechsjährigen Sohn.

Göt- ze selbstständig. Sie hat einen sechsjährigen Sohn. erhaft gültigen Stempel im Aus eis. Das Wendejahr

erhaft gültigen Stempel im Aus eis. Das Wendejahr 1989 habe ich in Leip ig und teil eise in Mühlhausen erlebt. Eine span- nende, un ergessliche Zeit. Nach Mühlhausen sprang der Funke der Re olution erst spät über, nämlich erst Anfang No- ember 1989. Da gab es Dis- kussions eranstaltungen in und um die Marienkirche. Es kam alles auf den Tisch – on der Reisefreiheit bis u den Wünschen nach Städtepart- nerschaften mit Münster und Mühlhausen.

nach Städtepart- nerschaften mit Münster und Mühlhausen. Egon Krenz • 1937 Kolberg/Pommern ge- boren. In der

Egon Krenz • 1937 Kolberg/Pommern ge- boren. In der SED stieg Kren 1973 um Zentralkomitee- Mitglied auf. Ein Jahr später übernahm er das Amt des Ers- ten Sekretärs des Zentralrates der Nach uchsorganisation „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ). 1983 rückte Kren in die Position eines ZK-Sekre- tärs und um Vollmitglied des SED-Politbüros auf. Im Oktober 1989 löste er Staats- chef Erich Honecker ab. Heu- te lebt der mittler eile 72- Jährige mit seiner Frau Erika im Ostseebad Dierhagen. (mac)

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20 Jahre Mauerfall

Samstag, 1. August 2 9

Vor 20 Jahren: Leben mit der Mauer

Samstag, 1. August 2 9 Vor 20 Jahren: Leben mit der Mauer Pioniereinsatz bei Asbach in

Pioniereinsatz bei Asbach in den 80er-Jahren: Angehörige der Grenztruppe setzten

mit großem Aufwand an Maschinen und Material einen neuen Zaun.

Foto: Keller

an Maschinen und Material einen neuen Zaun. Foto: Keller Asbach im Sommer 2009: ein Vorzeigeort mit

Asbach im Sommer 2009: ein Vorzeigeort mit 120 Einwohnern. Die Randlage ist ge- blieben. Eine Auskreisung nach Bad Sooden-Allendorf wurde abgelehnt. Foto: Forbert

Hilfe für die Randregion

Millionen für Verkehr und Gewerbe

Z ei Jahre or der Wen-

de, 1989, machte sich

der damalige Bundes-

kan ler Helmut Kohl (CDU) für die Beibehaltung der Zo- nenrandförderung stark: So- lange die deutsche Frage offen sei und die innerdeutsche Gren e ihren jet igen Charak- ter behalte, müsse die Förde- rung des Zonenrandgebietes fortgeset t erden, heißt es in einer Regierungserklärung om 18. Mär 1987. Die ersten bescheidenen Förderprogramme gingen be- reits auf die 5 er-Jahre urück. Später erhielt die Gren region im Bundesraumordnungsge- set eine besondere Stellung. Geset esauftrag urde die Zo- nenrandförderung aber erst 1971. Paragraph 1 bestimmte:

„Zum Ausgleich der Aus ir- kungen der Teilung Deutsch- lands ist die Leistungskraft des Zonenrandgebietes besonders u stärken.“ An erster Stelle stand die Steigerung der Leistungsfähig- keit der Wirtschaft. Mit Steu- ererleichterungen, In estiti- ons uschüssen und Zulagen so ie insgünstigen Krediten aus dem Europäischen Wie- deraufbauprogramm (ERP) urden ukunftssichere und standortgerechte In estitio- nen gefördert.

Bescheidene Summen

Prominente Kinder der Zo- nenrandförderung aren in unserer Region in Esch ege der Landmaschinenhersteller Masse Ferguson, in Wit en- hausen die Papier erke im Gelstertal. In der Reihenfolge rangierte die Zonenrandförde- rung allerdings hinter der Hil- fe für Berlin. Gefördert urden aber auch der Bau on Verkehrs e- gen im Gren gebiet und kultu- relle Veranstaltungen: Die Hersfelder Festspiele ie auch die Europa-Woche auf Burg Lud igstein urden eit eise aus Bonner Töpfen unter- stüt t. Allein im Jahr 1986 erbrach- ten Förderprogramme Steuer- ersparnisse on einer Milliar- de Mark. Eine Summe, die sich im Vergleich u heutigen Kon- junkturprogrammen eher be- scheiden ausnimmt. ( ke) • Quelle: Die innerdeutsche Gren e, Bundesministerium für innerdeutsche Be iehun- gen, 1987.

Besuch am Ende der Welt

Leben im Zonenrandgebiet: Damals Armenhaus, heute wieder Problemregion

VON WERNER KELLER

WITZENHAUSEN. „Drüben steht kein Feind“. Der Te t auf den Info-Tafeln des Bun-

desgren schut es ist mir noch heute gegen ärtig. Weiß-rote Pfähle markierten in kur en Abständen den Gren erlauf:

Z ischen ihnen und dem Me-

tallgitter aun lag das Nie- mandsland. Wer sich hier auf- hielt, befand sich in Lebensge- fahr und konnte on Gren - aufklärern der DDR festge- nommen erden. Bis um Fall der Zäune 1989/9 aren die Gren sperr- anlagen in ge isser Weise Touristenattraktion: gruselig und an iehend ugleich. Die

Unser Autor

Werner Keller (58); in Eschwe- ge geboren, seit 1970 bei der HNA, seit 1977

in Eschwe- ge geboren, seit 1970 bei der HNA, seit 1977 Leiter der HNA- Redaktion Wit-

Leiter der HNA- Redaktion Wit- zenhausen. Von 1990 bis 1996 war er Ressort- leiter in Thürin- gen.

Dörfer und Städte jenseits a- ren so nah, aber nicht erreich- bar. Die Menschen, die hier leb- ten, kannten sich aus: Ihr Sonntagsspa iergang führte sie in die Nähe der Eichsfeld- Gemeinde Linde erra: Über die Werra drangen Stimmen aus den Gärten nach Hessen.

Liedgut als Propaganda

Von einem Beobachtungs- turm aus konnten die DDR- Gren soldaten die Lautspre- cher einschalten - und so ialis- tisches Liedgut als Propaganda in den Westen schicken. Noch martialischer irk- ten die Sperranlagen unter der malerischen Burgruine Hanstein: An Laufanlagen urden Hunde gehalten, die die Gren e be achen sollten. Mittags fuhr ein Gelände a- gen über den Kolonnen eg. Fleisch urde als Futter abge- orfen. Einblicke in einen DDR-Ort gab es bei Asbach un eit on Bad Sooden-Allendorf: Ein Dorf, das on ei Seiten om Zaun umgeben ar. Hier schien die Welt u Ende. Doch entgegen allen Unkenrufen urde das Leben in einem Zo-

nengren kreis on den meis- ten nicht als Schicksal oder Belastung empfunden: Die Randlage nahm man nicht ahr, das hässliche Attribut om Armenhaus mochte man sich nicht anheften. Den meis- ten Menschen ging es ja nicht irklich schlecht.

„Die Vopos kamen auch mal ins Dorf“.

LIESELOTTE ISECKE (87)

Mit dem Begriff Zonenrand- gebiet kam man schon in der Schule in Berührung: Hier muss der Staat Geld rein pum- pen, damit Betriebe bleiben oder neue kommen. Ansied- lungen sorgten dafür, dass Menschen aus anderen Regio- nen her ogen. Nordrhein- Westfalen aren stark ertre- ten. Nicht nur auf DDR-Seite, auch auf hessischer Seite a- ren entlegene Orte - um Bei- spiel auf dem Ringgau - on der Verödung bedroht. Andere ie Altenburschla (schönstes Dorf der Bundesrepublik 1959) urden mit Bürgerfleiß und öffentlicher Hilfe heraus-

geput t und suchten ihr Heil im Fremden erkehr. Rückblende: In den ersten Jahren nach dem Krieg ar die grüne Gren e, on Russen be- acht, noch einigermaßen durchlässig. Viele glaubten, die Aufteilung Deutschlands in Zonen sei nur eine orüber- gehende Erscheinung. Die Zeit eugin Lieselotte Isecke

(heute 87) aus Neuseesen: „Die Vopos kamen auch mal u uns ins Dorf.“ Das änderte sich

1952 schlagartig: Erste Abrie-

gelungsmaßnahmen liefen an. Im Gefolge des Mauerbaus

1961 urde die Teilung e-

mentiert: Ein Über inden der

Sperren ar nur noch unter Lebensgefahr möglich.

Z ischenfälle an der Gren-

e gab es ab und an: Mal gin- gen Minen hoch, mal urden die Sperranlagen om Früh- jahrshoch asser über- sch emmt. Mit Reporterglück konnte man sch ar ge an- dete Pioniereinheiten fotogra- fieren, die bei Bauarbeiten eingeset t aren. Folgensch er ar ein Ereig- nis am 3 . Mär 1982: Der DDR-Bürger Hein -Josef-Große starb im Kugelhagel on

DDR-Bürger Hein -Josef-Große starb im Kugelhagel on Schönstes Dorf der Bundesrepublik: Alt-Bürgermeister Karl

Schönstes Dorf der Bundesrepublik: Alt-Bürgermeister Karl Mon- tag in Altenburschla mit der Plakette aus dem Jahr 1959. Foto: sff

Gren posten, kur be or er hessischen Boden erreichte. Er dürfte der let te Gren tote im thüringisch-hessischen Gebiet ge esen sein. Die Gren e ar für die Be- ohner ständiger Begleiter:

Wer die B 27 ischen Wit- enhausen und Bad Sooden- Allendorf mit dem Auto be- fuhr, sah jenseits auf den Fel- dern die Traktoren der LPG Wilhelm Pieck Wahlhausen. Streifen on BGS und Zoll pa- trouillieren ständig und gaben ein Gefühl on Sicherheit. 1972 ar für die Menschen in den Gren kreisen ein be- sonderes Jahr. Der Grundla- gen ertrag bescherte den klei- nen Reise erkehr und usät -

liche Übergänge, so bei Duder- stadt. Mit einem Mehrfach-Vi- sum konnte man Ziele in den thüringischen Nachbarkrei- sen erreichen. Vereine und Bürger nut ten die Möglich- keit, um das Eichsfeld, Mühl- hausen oder Eisenach mit der Wartburg u besuchen. Eine einseitige Erleichterung, on der die Menschen in der DDR nicht profitierten.

Bewohner bodenständig

Die Gren landbe ohner sind bodenständig. Trot dem gingen iele aus dem Werra- Meißner-Kreis eg, aber nicht aus Angst or der Gren e, son- dern eil es u enig Arbeits- plät e gab. Die große Politik schaffte es kaum, die Gren e durchlässi- ger u machen. Im Kleinen ersuchte Neu-Eibenberg in den 8 er-Jahren, einen usät - lichen Übergang auf der Schie- ne u erreichen. Man ollte an die Glan eit als Ost-West- Drehscheibe anknüpfen. Die nördlichste Gemeinde des Werra-Meißner-Kreises muss- te sich noch gedulden: Die Lü- cke auf der Strecke Kassel-Hal- le urde erst am 26. Mai 199 geschlossen. Doch eine Blüte für den Bahnhof brachte das nicht. Das gilt insgesamt für die Ent icklung seit 199 : Von der iederge onnenen Lage in der Mitte Deutschlands konnte der Werra-Meißner- Kreis nicht irklich profitie- ren. Er kämpft mit den glei- chen Problemen ie or 1989:

Job erluste und Ab ande- rung. Verstärkt hat sich nur der Ost-West-Verkehr, der sich täglich über die Bundesstra- ßen 7 und 27 äl t.

Geschichte der DDR

• 13. August 1961: Wegen des

zunehmenden Flüchtlings- stroms besetzen DDR-Truppen den Sowjetsektor Berlins und

riegeln die Grenzen ab. An der Berliner Mauer wird der Schießbefehl ausgesprochen.

• 26. Juni 1963: US-Präsident

John F. Kennedy besucht West- Berlin und ruft vor dem Schöne-

berger Rathaus aus: „Ich bin ein Berliner“.

• Februar 1968: Bei den Olympi-

schen Winterspielen in Grenoble (Frankreich) erkämpft sich die erste eigenständige Olympia- DDR-Mannschaft fünfMedaillen. Nur noch eine gemeinsame Flag- ge und die Hymne verbindet die Ost- mit den Westsportlern.

• 19. März 1970: Das erste

deutsch-deutsche-Gipfeltref-

fen zwischen Bundeskanzler Willy Brandt und dem Vorsitzen- den des Ministerrates Willi

Stoph findet in Erfurt statt. Am 21. Mai reist Stoph zum Gegen- besuch nach Kassel.

• 9. April 1970: Nach einem

Volksentscheid tritt die neue Verfassung in Kraft: Die DDR de- finiert sich als „sozialistischer Staat deutscher Nation“ .

sich als „sozialistischer Staat deutscher Nation“ . Tod eines Flüchtlings: DDR- Grenzer bergen den 17-jähri-

Tod eines Flüchtlings: DDR-

Grenzer bergen den 17-jähri- gen Peter Fechter. Berlin,

17.

• 3. Mai 1971: Nachdem Erich

Honecker in einem Brief an die sowjetische Führung die Ablö- sung des Generalsekretärs des Zentralkomitees fordert, muss Walter Ulbricht sein Amt an Honecker abgeben.

• 7. Oktober 1974: Verfassungs-

änderung, die DDR definiert sich

August 1962. Fotos: dpa

als „sozialistischer Start der Ar- beiter und Bauern. Der Zusatz „deutscher Nation“ entfällt.

• Liedermacher und Regimekriti-

ker Wolf Biermann erhält eine Genehmigung für eine Konzert-

reise in der Bundesrepublik. Das erste Konzert findet am 13. No- vember 1976 statt. Es dient der SED als Vorwand für seine Aus- bürgerung.

• 26. August 1978: Sigmund

Jähn fliegt in der sowjetischen Sojus 31 zur Raumstation Saljut 6. Er ist der erste Deutsche im Weltall.

Saljut 6. Er ist der erste Deutsche im Weltall . Innerdeutscher Gipfel: DDR-Mi- nisterpräsident Willi Stoph

Innerdeutscher Gipfel: DDR-Mi- nisterpräsident Willi Stoph (links) und Bundeskanzler Wil- ly Brandt am 21. Mai 1970 in Kassel.

• Mai 1989: Bürgerrechtler de-

cken Fälschungen bei den Kom-

munalwahlen auf.

• Juni 1989: Nach der Nieder-

schlagung der Demokratiebe- wegung in China lobt Politbüro-

mitglied Egon Krenz das militäri- sche Vorgehen Pekings.

• 4. September 1989: In Leipzig

findet die erste Montagsde- monstration statt. Fortan wird

in vielen weiteren Städten de- monstriert. Die neu gegründete SDP und das Bündnis 90 sind maßgebend beteiligt.

• 9. November 1989: Maueröff-

nung.

• 3. Oktober 1990: Wiederverei- nigung.

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20 Jahre Mauerfall

SZ-ZG4

Vor 20 Jahren: Leben mit der Mauer

Die Mauer

in Zahlen

Anzahl der Toten bleibt unklar

Auch in nüchternen Zahlen ist die Mauer ein monströses Bau- werk. Die schrecklichste Bilanz ist die Zahl der Toten, die jedoch nicht genau feststeht, weil die Todesfälle an der Grenze von den Verantwortlichen der DDR- Staatsführung systematisch ver- schleiert wurden. Die Berliner Staatsanwalt- schaft gab im Jahre 2000 die Zahl der nachweislich durch ei- nen Gewaltakt an der Berliner Mauer umgekommenen Opfer mit 86 an. Wie schwierig genaue Aussagen auf diesem Gebiet sind, wird auch dadurch deut- lich, dass die „Arbeitsgemein- schaft 13. August“ ihre Zahl der Mauertoten von 2000 bis 2004 von 238 auf 190 korrigiert hat.

Betonmauern, Bunker und Hunde

Das Bauwerk bestand aus:

• 156,4 km Grenzbefestigung

um West-Berlin zwischen 3,40 und 4,20 m Höhe

• 111,9 km Beton- und Stein-

mauern und 44,5 km Metallgit- terzaun

• 112,7 km Grenzbefestigung im Bezirk Potsdam

• 43,7 km Grenzbefestigung in-

nerhalb von Ost- und West-Ber- lin (Sektorengrenze)

• 58,95 km Grenzmauer in Plat-

tenbauweisemit einer Höhe von 3,40 m

km Grenzmauer in Plat- tenbauweisemit einer Höhe von 3,40 m Patrouille an der Grenze • 68,42

Patrouille an der Grenze

• 68,42 km Streckmetallzaun

mit einer Höhe von 2,90 m als „vorderem Sperrelement“

• 161 km Lichttrasse

• 113,85 km Grenzsignal- und Sperrzaun

• 127,5 km Kontakt- und Signal- zaun

• 124,3 km Kolonnenweg

• 186 Beobachtungstürmen

(302 rund um West-Berlin)

• 259 Hundelaufanlagen

• 20 Bunkern

Sieben Regimenter an der Grenze

Für den Schutz der Grenze zu West-Berlin war in der DDR das Grenzkommando Mitte der Grenztruppen der DDR zustän- dig, dem im Frühjahr 1989 11 500 Soldaten und 500 Zivil- beschäftigte angehörten. Es bestand aus sieben Grenz- regimentern, von denen jedes fünf direkt geführte Grenzkom- panien besaß, außerdem je eine Pionier-, Nachrichten- und Transportkompanie, Granatwer- fer- und Artilleriebatterie, einen Aufklärungs- und einen Flam- menwerferzug sowie eine Diensthundestaffel und unter Umständen eine Bootskompa- nie und Sicherungszüge oder - kompanien für die Grenzüber- gangsstellen. Das Grenzkommando Mitte verfügte über 567 Schützenpan- zerwagen, 48 Granatwerfer, 48 Panzerabwehrkanonen und 114 Flammenwerfer sowie 156 ge- panzerte Fahrzeuge und schwe- re Pioniertechnik, und 2295 Kraftfahrzeuge. Zum Bestand ge- hörten außerdem 992 Hunde. An einem normalen Tag wa- ren etwa 2300 Soldaten direkt an der Grenze und im grenzna- hen Raum eingesetzt. Bei soge- nannter „verstärkter Grenzsi- cherung“waren es etwa 200 mehr.

Bestgesicherte Grenze Europas

Mit der Berliner Mauer wurde das letzte Schlupfloch der DDR-Bürger in den Westen geschlossen

VON SYLVIA GRIFFIN

D as erste Maueropfer heißt Ida Siekmann. Sie stirbt beim Sprung aus

ihrer Wohnung im dritten Stock der Bernauer Straße an der Sektorengren e ischen Berlin-Mitte und Berlin-Wed- ding. Es ist der 22. August 1961. Am nächsten Tag äre Ida Siekmann 59 Jahre alt ge- orden. Die Mauer ischen dem Osten und dem Westen Ber- lins gibt es da bereits seit ehn Tagen. Allerdings nicht in der perfiden, perfektionierten Form, ie sie in späteren Jah- ren um S mbol der Unfrei- heit urde. Gegen ein Uhr früh am 13. August riegeln Volkspoli isten die Gren en om so jetischen Sektor um Westen ab. Das Straßenpflas-

ter ird aufgerissen, Pressluft- hämmer rattern. Asphaltstü- cke und Pflastersteine erden

u Barrikaden aufgeschichtet, Betonpfähle eingerammt und Draht erhaue ge ogen. Ein

Rias-Reporter, der das Gesche- hen an der Bernauer Straße

erfolgt, spricht on „ erroste- tem Stacheldraht“.

Lange geplant

Der Staatsrats orsit ende der DDR, Walter Ulbricht, hat schon am 1. August dem so - jetischen Partei- und Regie- rungschef Nikita Chruschtscho berichtet:

„Der Stacheldraht ist bereits angeliefert. Das kann alles sehr schnell geschehen.“ Z i- schen 1945 bis um Bau der Mauer sind et a 3,5 Millionen Deutsche aus so jetischer Be- set ungs one und DDR geflo- hen. Die DDR-Führung ist er-

leichtert, dass die So jets ei- ner Abriegelung Berlins jet t ustimmen. Seit neun Jahren

DIE BERLINER MAUER Kontrollstelle Heiligensee/ Grenzmauer Laufanlage Beobachtungsturm Kontakt- Stolpe Dorf
DIE BERLINER MAUER
Kontrollstelle
Heiligensee/
Grenzmauer
Laufanlage
Beobachtungsturm
Kontakt-
Stolpe Dorf
Plattenbau
für Ketten-
Signalzaun
(Mitte 60-er
hunde
mehrere Draht-
Berlin-West
Berlin-Ost
Jahre)
reihen unter
Grenzverlauf
elektrischer
Kontrollstelle
Spannung
Bornholmer Str.
Heerstr./
(optische/akus-
Chausseestr.
Staaken
Invalidenstr.
Prinzenstr.
tische Signale bei
Berührung)
Oberbaumbrücke
Friedrichstr.
Checkpoint Charlie
(Grenzübergang für
Sonnenallee
Ausländer, Alliierte,
Diplomaten)
Kontrollstelle
Kontrollstelle
Waltersdorfer
Dreilinden/Drewitz
Chaussee
Mauerbau-Beginn: 13. 8. 1961
Öffnung: 9. 11. 1989
Gesamtlänge: 155 km
davon 43 km im
Stadtgebiet
Beobachtungstürme: 186
Führungsstellen: 31
Wachhunde: 484
Gelungene Fluchten über Mauer 5 075 davon 574
und Todesstreifen(1961 - 1989): Fahnenfluchten
Mauer aus
industriell -
gefertigten Beton-
segmenten, 3-4m
hoch, 10 cm dick
mit Rohranlage
(Mitte 70-er Jahre)
Hinterland-
sperrzaun
2-3mhoch
Kfz-Sperrgraben Lichttrasse
teilweise mit
Betonplatten
verstärkt
am „Todesstreifen“
garantiert gute Sicht
für Bewacher
Kolonnenweg
für motorisierte
Streifendienste
Qelle:DPA

ill die DDR-Führung auf die- se Weise das let te Schlupf- loch in den Westen schließen. Jet t hat sie die Erlaubnis. Die Pläne sind schon durch- gesickert. Auch die Alliierten in den Westsektoren sind on „drastischen Maßnahmen“ age in Kenntnis geset t or- den. Auf einer Pressekonfe- ren errät Ulbricht in einem Dementi ersehentlich, el- che Form sie annehmen sol- len: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer u errichten.“ Was unächst impro isierte Sperren sind, ird nach und nach auch um den gesamten Westen Berlins ur bestgesi-

cherten Gren e Europas aus- gebaut, mit Schießbefehl, Selbstschussanlagen und Mi- nen. Der Regierende Bürgermeis- ter Will Brandt hat sogleich heftig protestiert. Drei Tage nach Beginn der Abriegelung demonstrieren 3 West- berliner usammen mit Brandt gegen die Teilung. Bun- deskan ler Adenauer kommt erst ei Wochen später in die Stadt. Das haben ihm die Berli- ner nie er iehen. Ihr Durchhalte illen ird gestärkt durch den amerikani- schen Präsidenten John F. Ken- ned , der ihnen im Juni 1963

Mut uspricht und sich u ei- nem der Ihren erklärt: „Ich bin ein Berliner.“ Im gleichen Jahr ird auch erstmals die Mauer et as durchlässiger. Ein Passier- scheinabkommen ermöglicht Ver andtenbesuche on Westberlinern im Osten. In den Sieb igerjahren, im Zuge der Ostpolitik on Kan ler Brandt, gibt es auch Reiseer- leichterungen für Ostdeut- sche, or allem für Rentner. Und es gibt einen „kleinen Gren erkehr“ überall ent- lang der Zonengren e - In Richtung Osten. Die halb ersehentliche Öff-

nung der Mauer am 9. No em- ber 1989 ist der Schlussakt ei- nes bröckelnden Regimes, das sich nicht mehr halten kann. Ausreise ellen über Ungarn, die Tschechoslo akei und Po- len haben die Grundlagen der „so ialistischen Republik“ er- schüttert. Täglich ansch el- lende Massenproteste auf den Straßen machen die Macht er- hältnisse klar: Der Staat ist u sch ach ge orden, um sich u behaupten. Es ist ieder ein 13., dies- mal der 13. Juni, als 199 an der Bernauer Straße der offi- ielle Abbau der Mauer be- ginnt.

Straße der offi- ielle Abbau der Mauer be- ginnt. Tod an der Mauer: Der 17-jährige Peter

Tod an der Mauer: Der 17-jährige Peter Fechter versuchte am 17. August 1962, über die Berliner Mauer zu klettern, wurde aber von DDR-Posten niedergeschossen. Mehr als 50 Minuten lag er blutend und schreiend am Grenzstreifen, bevor er geborgen wur-

de - zu spät.

Foto: dpa

bevor er geborgen wur- de - zu spät. Foto: dpa Sprung in die Freiheit: Der Berliner

Sprung in die Freiheit: Der Berliner DDR-Volksarmist Conrad Schu- mann flüchtet Anfang der 60er-Jahre in den Westteil der Stadt - dabei entstand das historische Foto. Schumann lebte später im oberbayerischen Kipfenberg, wo er sich im Sommer 1986 das Le-

ben nahm.

Foto: dpa

Die Reste

der Mauer

Nur drei Teilstücke der Grenz- mauer sind am Originalstandort

erhalten geblieben. Alle finden sich im Berliner Ortsteil Mitte:

• Der längste erhaltene Ab-

schnitt der Grenzmauer steht an der Bernauer Straße, ist aber durch größere Lücken unterbro- chen. Der östliche Teil dieses Mauerabschnitts wurde in die dort errichtete Gedenkstätte in-

tegriert und dafür ins ursprüngli- che Erscheinungsbild versetzt. Graffiti und Spuren von Mauer- spechten wurden beseitigt.

• Ein fast ebenso langer, nur von einer kleinen Lücke unterbro- chener Restabschnitt der Grenz- mauer steht an der Niederkirch- ner Straße am Ausstellungsge- lände der Topographie des Ter- rors, gegenüber dem Bundesfi- nanzministerium. Erwurde 1990 unter Denkmalschutz gestellt.

• Der dritte erhaltene, ebenfalls

denkmalgeschützte Abschnitt der Grenzmauer ist nur ca. 15 Meter lang und findet sich an der Liesenstraße.

Deutlich mehr und häufig län- gere Teilstücke sind von der Hin- terlandmauer erhalten geblie- ben, die den Grenzstreifen auf Ost-Berliner Seite abschloss. Sie liegen zumeist abseits von Stra- ßen und Plätzen und standen daher Bauvorhaben der Nach- wendezeit nicht im Wege. Diese Mauerreste sind nur zum Teil denkmalgeschützt. An vielen Stellen entlang der früheren Grenze deutet ein Pflasterstreifen auf dem Boden den früheren Mauerverlauf an.

e-paper für: 10216894

SZ-ZG5

20 Jahre Mauerfall

Samstag, 1. August 2 9

Vor 20 Jahren: Leben mit der Mauer

Mit Mördern in einer Zelle

Harry Santos wurde zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er die DDR verlassen und sich der Kunst widmen wollte

VON MARC RADKE

V

erfallene, farblose Stra- ßen, Tristesse und ein diktatorischer Un-

rechtsstaat. Das sind Harr Santos Erinnerungen an die DDR. Oft reichte ein kritisches Wort, ein erdächtiger Le- benslauf oder der Verrat eines Nachbarn, um festgenommen und inhaftiert u erden. Auch Santos urde Opfer des Stasi-Regimes. „Aber ich hatte noch Glück“, sagt er. Ein Sat , der noch häufiger u hören ist, ährend er über seine Vergan- genheit er ählt. Doch Glück ist in seinem Fall relati : Der damals 28-Jährige urde 1982 u einer einjährigen Haftstra- fe mit anschließender Poli ei- aufsicht erurteilt. Man arf ihm eine „Vorbereitung und Planung um illegalen Gren - übertritt im sch eren Falle“ or. Nach neun Monaten Haft urde Santos on der Bundes- republik freigekauft – ie et a 34 andere inhaftier- te DDR-Bürger. Was er jedoch bis dahin in der Stasi-Haft er- lebt hatte, ar reinster „Ps - choterror“, meint er. Santos ollte mit seiner da- maligen Lebensgefährtin in den Westen, um sich seiner Leidenschaft, der abstrakten Kunst u idmen. Schon als Ju- gendlicher interessierte er sich dafür. „Diese Kunstform ar in der DDR jedoch erdächtig, urde bearg öhnt“, sagt er. Sein Vater - ein höherer SED- Funktionär - ollte nicht, dass

Vater - ein höherer SED- Funktionär - ollte nicht, dass Harry Santos wurde zu einer einjährigen

Harry Santos wurde zu einer einjährigen Haftstrafe mit an- schließender Polizeiaufsicht verurteilt.

Foto: Gedenkstätte Hohenschönhausen

er eine künstleri- sche Ausbildung beginnt. Santos ent ickelte sich om Vor eige-Bür- ger um unliebsa- men Zeitgenosse. 1979 stellte er seinen ersten on drei Anträgen auf Ausreise in die Bundesrepublik – alle urden ohne Begründungen abgelehnt. „Dann machte ich den größten Fehler meines Lebens“, sagt er. Um eine

Ausreisegenehmi-

gung u bekom- men, über eugte er seine damalige Freundin da on, eine Scheinehe mit einem Ameri- kaner ein uge- hen, den er ufäl- lig in einer Knei- pe in Berlin-Pan- ko kennenlern- te. „Drei Monate später konnte Jut- ta tatsächlich aus- reisen.“ Von Westberlin aus, ersuchte sie, Harr Santos u sich u holen. „Es ar ein nai er Plan“, meint der gebürtige Leip i- ger heute. Seine Ausreise urde nicht be illigt, nachdem bekannt ge orden ar, dass die Ehe fin- giert ar. Santos:

„Meine Gespräche mit Jutta on ei- ner Telefon elle aus, urden abge-

hört.“ Also schmiedete er Flucht- pläne – und machte einen eiten großen Fehler: Er er- traute sich einer Bekannten an, die ihn an das Staatsminis- terium für Staatssicherheit er- riet. Wochenlang urde San- tos on der Stasi bespit elt und obser iert und Ende 1982 er- haftet. Der Terror begann.

iert und Ende 1982 er- haftet. Der Terror begann. Menschenunwürdige Zustände: Eine Zelle im Zellentrakt

Menschenunwürdige Zustände: Eine Zelle im Zellentrakt „Das U-Boot“ im ehe-

maligen Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen.

Foto: dpa

In Berlin urde Santos bei Außentemperaturen on mi- nus 2 Grad die Nacht über in einem unbehei ten Glaskäfig festgehalten. „Eine Decke be- kam ich nicht. Die Poli isten lachten nur“, erinnert sich der 54-Jährige. Einen Tag später begannen die Verhöre. „Weil ich mich eigerte, aus usa-

gen, sperrten sie mich in eine kleine dunkle Zelle im Keller.“ Von dort aus kam er in die so genannte grüne Hölle – eine Zelle, in der rund um die Uhr grelles Neonlicht brannte. „Später brachte man mich dann in eine überhit te, mit Häftlingen überfüllte Zelle. Man bekam dort kaum Luft.“

Während der Untersu- chungshaft in Berlin-Rum- melsburg sperrte man Santos usammen mit einem Mörder in eine Zelle und behandelte auch ihn ie einen solchen. Dann musste Santos seine ei- gentliche Haftstrafe antreten. Drei eitere Gefängnissum- üge folgten. In der Haftan- stalt in Neustrelit teilte er sich Zellen mit Kinderschän- dern und musste ie ein Sch er erbrecher ölf Stun- den am Tag im Außeneinsat Akkordarbeit leisten. „Sie er- passten einem Handschellen, drückten sie so fest u, dass sich das Blut staute.“ Von Neustrelit aus ging es eiter: „Ohne Kommentar steckten sie mich in einen als Lieferfahr eug getarnten Ge- fangentransporter ohne Fens- ter. Ich usste nicht, o sie mich hinbringen“, sagt San- tos. Es ar die berüchtigte Un- tersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicher- heit in Berlin-Hohenschön- hausen. „Aber ich hatte Glück. Ich urde dort in einer kleinen Ein el elle nur einige Tage ischengeparkt“, meint der mittler eile 54-Jährige. In ei- ner eiteren Nacht-und-Nebel- Aktion urde er dann in die Straf oll ugsanstalt nach Karl- Mar -Stadt, dem früheren und heutigen Chemnit , überführt. Von dort aus urden Stasi- Häftlinge on der Bundesregie- rung freigekauft. Am 4. August 1983 ar es auch für Santos so eit. Frei- heit. „Bis ur Gren e, o die ier Stasi-Männer den Bus er- ließen, hatte ich Angst. Als ich dann die Gren e überquerte, ar das ein unbeschreibliches Gefühl, mein eiter Geburts- tag“, erinnert er sich. Einsicht in seine Stasi-Akte hat Santos, der mittler eile in Westberlin lebt, nie bean- tragt. „Ich ill das nicht. Ich eiß, dass man in meinem In- timleben rum schnüffelte, das reicht mir“, sagt der heutige Künstler. Außerdem habe er ja noch Glück gehabt, andere hat es schließlich noch härter getroffen als ihn.

„Das war damals psychischer Terror“

Rechtsanwalt Dieter Gräf spricht über die Schwierigkeiten eines Strafverteidigers in der DDR

VON WOLFGANG BLIEFFERT

U nter dem SED-Regime urde die Rechtsspre- chung als schlagkräfti-

ges Instrument ur Sicherung des totalitären Machtapparats missbraucht. Darüber spra- chen ie mit Dieter Gräf, der – ob ohl parteilos – in der DDR selbst jahrelang als Rechtsan- alt tätig ar.

Herr Gräf, Sie schildern in Ih- rem Buch, wie die anwaltliche Tätigkeit durch die Staatsorga- ne massiv behindert wurde. War das der Normalfall? GRÄF: Wenn die Stasi ermit- telte, ar das so. Das Ministe- rium für Staatssicherheit (MfS) hatte die Rechte eines Ermittlungsorgans, bereitete Verfahren or und beeinfluss- te das gerichtliche Haupt er- fahren massi . Einem Ver- dächtigen urde es sch er ge- macht, überhaupt mit einem An alt Kontakt auf uneh- men. Und dem An alt ur- den Knüppel ischen die Bei- ne ge orfen beim Versuch, überhaupt eine An alts oll- macht u bekommen.

Können Sie ein Beispiel nen- nen? GRÄF: Man durfte mit dem Verhafteten unächst nicht über die Vor ürfe, sondern nur über die Person sprechen. Ich hatte den Fall eines Man- nes, der inhaftiert orden ar, der immer ieder er- nommen urde und dem man dann die Empfehlung gab, er solle einen An alt kontaktie- ren, um orsorglich ein Testa- ment aufset en u lassen. Das ist eine schlimme Situation, das nenne ich ps chischen Terror. Konnte Sie mit dem Mann ungestört sprechen? GRÄF: Nein. Es ar immer ein Vernehmer des MfS dabei. Und ie ir heute issen, sind ahlreiche Gespräche ischen An alt und Man- dant auch abgehört und ge- filmt orden. Waren die Angeklagten also rechtlos? GRÄF: Sie aren dem Minis- terium für Staatssicherheit quasi schut los ausgeliefert. Von einem irkungs ollen Recht auf Verteidigung konn- te keine Rede sein.

War das nur in politischen Fällen so? GRÄF: In Straf erfahren ohne politischen Hintergrund konn- te der Rechtsan alt den Be- schuldigten oder Angeklagten in der Regel ohne Vernehmer sprechen und dessen Rechts- ertretung übernehmen. Hatten Beschwerden - etwa gegen Behinderungen beim Mandantengespräch - über- haupt mal Erfolg? GRÄF: Kaum. Denn in der Strafpro essordung ar festge-

Zur Person

legt, dass die Staatsan alt- schaft Bedingungen für den Umgang ischen An alt und Mandant festlegen konnte. Wenn man dennoch ersuch- te, dem Inhaftierten in er- brämter Weise et as mit utei- len, machte man sich schnell unbeliebt. In dem er ähnten Fall urde der Häftling schließlich gedrängt, einen an- deren - dem S stem genehmen - Verteidiger u beauftragen. Was bedeutete das für den Angeklagten?

Dieter Gräf (65), geboren in Ronneburg (Thüringen), studierte Rechtswissenschaften an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und war von 1970 bis 1982 als Rechtsanwalt in Wei- mar tätig. Anschließend arbeitete er als Verwal- tungsjurist in einer kirchlichen Einrichtung in Mag- deburg und siedelte 1984 auf eigenen Antrag in die Bundesrepublik über. Zunächst seit 1988 wieder als Anwalt tätig, war Gräf dann von 1991 bis 2009 in einer Bundesober-

behörde tätig, die Restitutionsverfahren in den neuen Ländern bear- beitete. Er verfasste zudem Expertisen für die Enquete-Kommission des Bundestages zur „Aufarbeitung der SED-Diktatur“. Gräf ist verheiratet und lebt heute in Lübeck und Oranienburg. • „Im Namen der Republik - Rechtsalltag in der DDR“ von Dieter Gräf, Herbig-Verlag, 256 Seiten, 19,95 Euro

von Dieter Gräf, Herbig-Verlag, 256 Seiten, 19,95 Euro G RÄF : Das angebliche Recht auf Verteidigung

GRÄF: Das angebliche Recht auf Verteidigung urde u ei- ner Farce. Hatten Sie jemals das Gefühl, dass es bei Richtern, Staatsan- wälten oder Vernehmern Be- denken gegen ihr Handeln vor- handen waren? GRÄF: Es gab erein elt sol- che Fälle. Ich kenne einen Richter, der in einer Verkehrs- unfallsache nicht dem Staats- an alt folgte und eine Frei- spruch erkündete. Der Rich- ter musste sich dann bei der SED-Kreisleitung dafür erant- orten. Eine andere Richterin hat mal einen Haftbefehl ab- gelehnt - sie urde dann nicht mehr als Richterin eingeset t und urde umgeset t. Stimmen Sie nach Ihren Er- fahrungen der Charakterisie- rung der DDR als Unrechtsstaat zu? GRÄF: Ja, das muss man so sagen. Die gegen ärtige Ver- klärung der DDR halte ich für sehr bedenklich.

• Eine Lang ersion des Inter- ie s finden Sie in unserem Internetangebot unter www.hna.de/politik

Neue Bücher zu DDR und Mauer

Die SED-Nachfolger auf dem Weg zurück

Als die SED-Diktatur im friedli- chen Herbst 1989 in sich zusam- menbrach, hätte wohl niemand gedacht, dass die Staatspartei der DDR zwanzig Jahre später die Geschicke der Bundesrepu- blik mitbestimmen könnte. Doch nach mehrfachen Meta- morphosen, dubiosen Verschie- bungen ihres Milliardenvermö- gens und dem Zusammen- schluss mit westdeutschen Alt- linken drängt die Partei zurück an die Macht. Hubertus Knabe, Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohen- schönhausen, lässt das nicht ru- hen. In seinem Buch „Honeckers Erben“ zeigt er auf , in welch beunruhigendem Maße es eine personelle, programmatische, organisatorische und finanzielle Kontinuität von der SED zur Par-

tei „Die Linke“ gibt. Knabe analy- siert dabei in pointierter Weise die totalitäre Tradition der Par- tei und schaut zurück in die Ge- dankenwelt der alten SED.

Hubertus Knabe: „Honeckers

Erben - Die Wahrheit über Die Linke“ Propyläen-Verlag, 448 Seiten, 22,90 Euro

Die Geschichte vergeht nicht

Dezember 1977: Alles sollte an- ders werden, als Susanne Schäd- lich die DDR verließ. Doch es war der Beginn einer dramatischen Zerreißprobe: Der Westen war fremder als gedacht, und der lange Arm der Stasi verfolgte die

Familie auch hier. Erst Jahre spä- ter, im geeinten Deutschland, gelang es ihr, anzukommen. Aber Geschichte vergeht nicht, sie holt einen immer wieder ein. Susanne Schädlich legt ein scho- ckierendes Dokument über Ver- rat und Feigheit, Niedertracht und Verdrängung vor.

Susanne Schädlich: „Immer

wieder Dezember - Der Wes- ten, die Stasi, der Onkel und ich“, Droemer Sachbuch, 16,95 Euro

Der erste Riss in der Mauer

Im Sommer 1989 packten tau- sende DDR-Bürger die Koffer, um nach Ungarn zu reisen und von dort nie wieder in die DDR zurückzukehren. Man hatte ge- hört, dass der „Eiserne Vorhang“ zwischen Ungarn und Öster- reich durch den Abbruch der maroden Grenzbefestigungsan- lagen gefallen war, und man hoffte, dem DDR-Regime auf diese Weise endlich entrinnen zu können. Indessen waren we- der die DDR-Bürger noch die Ungarn darauf vorbereitet, was daraus werden würde. Andreas

Oplatka rekonstruiert die politi- sche und diplomatische Vorge- schichte der Entscheidung, dank der sich die ungarische Grenze zu Österreich schließlich für die fluchtwilligen Deutschen aus der DDR öffnete.

Andreas Oplatka: Der erste

Riss im Eisernen Vorhang - Sep- tember 1989: Ungarn öffnet die Grenze“, Zsolnay-Verlag, 304 Seiten, 21,50 Euro

Die dämonische Seite des Biedersinns

Die Drahtzieher leben bis heute

oft unbehelligt unter uns – Jür- gen Schreiber deckt persönliche Abgründe der Stasi-Agenten und ihrer Hintermänner, perfide Aktionen und geheime Opera- tionen des Ministeriums für Staatssicherheit auf. Es sind spektakuläre Enthüllungen über die dämonische Seite des sozia- listischen Biedersinns.

Jürgen Schreiber: „Die Stasi

lebt“, Knaur Verlag, 224 Seiten,

8,95 Euro

e-paper für: 10216894

Samstag, 1. August 2 9

20 Jahre Mauerfall

SZ-ZG6

Vor 20 Jahren: Leben mit der Mauer

Unsere Leser über die DDR

Anfang Juli hatten wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, gebeten, uns von Ihren Erinnerungen an die DDR und Mauer zu berich- ten. Hier Auszüge aus dem zahl- reichen Zuschriften, für die wir uns herzlichen bedanken.

Seltsame Schikanen beim Transit

„Als gebürtiger West-Berliner, Jahrgang 1950, habe ich viele Er- innerungen an die Zeit der Mau- er. Nach Einführung der Ver- wandtenbesuche aus West-Ber- lin in die DDR habe ich natürlich auch die Grenzkontrollen erlebt. Ebenso die Transitfahrten in die BRD mit den damit verbunde- nen Kontrollen und teilweise doch recht seltsamen Schika- nen. Da ich auch oft in der DDR zu Besuch war, bin ich heute froh dass ich die DDR erlebt habe wie sie wirklich war. Ich habe da- durch nicht die verklärte und seichte Ostalgiementalität.“ Gerhard Heintze, Witzenhausen

Die DDR war einfach Ausland

„Die damalige Ostzone war mir aus düsteren Schilderungen

Dritter bekannt, da wir keinerlei verwandtschaftliche oder freundschaftlicheVerbindungen dorthin hatten. Es war von Be- drohungen, Bespitzelungen und äußerst knappem Warenange- bot die Rede. Für mich war ein- fach Ausland, und zwar eines, in das ich nie reisen wollte. Bei Transitstrecken und Grenzkontrollen bot sich ein ähnlich finsterer Anblick: Ver- hangene Fenster, schroffe Be- handlung durch Grenzer, keine Stopps, Grenzkontrollen bis auf die bloße Haut und Durchsu- chen von PKW, die bis zu einer Demontage des Chassis führ- ten“. Und zur Wiedervereinigung:

„Wir konnten es lange nicht

glauben, was da passierte

die kilometerlangen Auto- schlangen, die sich aus Münden bis über Witzenhausen hinaus

bildeten, zeigten uns, es ist wahr, die Entwicklung wird sich nicht aufhalten lassen So ist es auch gekommen, aber der Preis dafür

Erst

ist hoch.

Irene Wegmann,

Hann.Münden

Jahreswechsel der Emotionen

Silvester 1989/90 hatte die DDR für kurze Zeit die Grenze bei Ho- hengandern geöffnet. Wildfrem- de Menschen aus beiden Teilen Deutschlands lagen sich in den Armen und begrüßten das Neue Jahr. Ein derartiges Silvester habe ich noch nie erlebt. Es war ein Jahreswechsel der Emotio- nen. Angst hatte ich nur, ob ich heil aus der DDR wieder raus- kommen würde. Als Bundes- wehrangehöriger war es mir strikt untersagt, den Boden der DDR zu betreten. Karl Wetzel, Calden

Zwei Deutschlands kommen zusammen

Mir fällt der Ausruf eines ägypti- schen Arbeitskameraden ein :

„Two Germanies come toget- her!“ Ich musste damals nach er- folgter Übergabe einer Stuck- gipsfabrik im Sinai ab Oktober 89 bis Weihnachten zur Einar- beitung der einheimischen Mannschaft an der Anlage blei- ben. Radio und TV hatte ich nicht. Ich konnte dem jungen Mann aus einem kleinen Bedui- nendorf nicht glauben. Es warfür mich unvorstellbar, das dieser Polizeistaat sang- und klanglos aufgeben sollte. Emil Bornemann, Bad Hersfeld

Der Blick nach drüben

Die Flucht aus der DDR als zentrale Erfahrung eines Lebens - eine persönliche Betrachtung

VON SYLVIA GRIFFIN

A meine Kindheit ende-

te, ar ich neun Jahre alt. Der Einschnitt

durch die Flucht aus der DDR ar so abrupt, dass damit ein öllig anderes Lebensstadium begann, das kein unbesch er- tes Heran achsen mehr ar. Ich ar Flüchtling. Außensei- ter. Anders als die anderen. Der Verlust on Freunden, om gesamten gesicherten Le- bens usammenhang, on dem ein Kind unbe usst aus- geht, ar unumkehrbar. Nicht das Fortgehen ar dra- matisch, sondern die Unmög- lichkeit der Rückkehr. Mein Anderssein eigte sich nicht nur in dem leichten Thü- ringer Dialekt, den ich bald erlor, sondern im Kontrast u frühen Erfahrungen. Man musste in der Schule nicht mehr ersch eigen, elcher Radiosender u Hause lief. Man urde nicht ausgefragt, elche Haltung die Eltern u bestimmten Themen hatten. Man musste sich nicht recht- fertigen, eil man sonntags in die Kirche ging.

ls

E s gab keine kollekti e Schulung im „richtigen“ Denken, mit blauem Pio-

nierhalstuch und langen, un- erständlichen Phrasen, die alle irgend ie mit So ialis- mus u tun hatten. Eine De- monstration ar et as, das auch gegen die Regierung ge- richtet sein durfte. Ich kannte Demonstrationen nur als An- treten in geordneten Fünfer- reihen mit Transparenten, die den Aufbau des So ialismus und die Staatsführung unter- stüt ten. Das Wirtschafts under ar nach dem Neuanfang mit dem bescheidenen Inhalt on ei Koffern für uns besonders fühlbar. Pflichtbe usst schickten ir Päckchen an Be- kannte „nach drüben“, eil on dort eiter Berichte der Mangel ersorgung kamen. Weihnachten stellten ir Ker- en ins Fenster, um an die Deutschen hinter dem Sta- cheldraht u erinnern. Mit Tränen in den Augen hörten ir Rundfunkreportagen über den Mauerbau. „Diese Sch ei- ne“ sagte mein ortkarger Va- ter ein ums andere Mal.

ne“ sagte mein ortkarger Va- ter ein ums andere Mal. Blick nach drüben: US-Präsident Kennedys Berlin-Berater

Blick nach drüben: US-Präsident Kennedys Berlin-Berater Lucius D. Clay im November 1962 am Bran-

denburger Tor.

Foto: dpa

Mein frühes Interesse für Politik ar Reaktion auf die Erfahrung erordneten Den- kens. Welcher Lu us, Bundes- tagsdebatten u hören, in de- nen Konrad Adenauer, Frit Erler und Fran Josef Strauß tatsächlich um Inhalte strit- ten! Keine heruntergeleierten Parolen um Fortschritt der Braunkohle- und Stahlproduk- tion!

D ie frühe Berührung mit

dem real e istierenden

So ialismus entfremde-

te mich ein Stück on meiner eigenen Generation. Die 68er hatten in ielem recht - aber gegen ihre Helden Mao und Ho Tschi Minh ar ich im- mun. Mein Blick nach drüben ar nüchterner: Ein kleiner Gemüsehändler ie mein Va- ter konnte über Nacht als „Ka- pitalist“ enteignet erden. Die Sch ester durfte nicht studieren, eil sie kein „Ar- beiter- und Bauernkind“ ar.

Also ist Ideologie kein Ersat für Freiheit. Mit heißem Her en unter- stüt te ich hingegen die Ost- politik Will Brandts. Endlich eine schritt eise Annäherung

on West und Ost. Endlich je-

mand, der nicht nur on den „Brüdern und Sch estern“ in der DDR sprach, sondern ihre

Bedürfnisse im Auge hatte. Je- mand, der für Be egung im erstarrten Nebeneinander der

S steme sorgte. Die mutige Re olution der Ostdeutschen ist eine Stern- stunde unserer Geschichte. Als kleinen Nebeneffekt hat sie mein Leben an manchen Bruchstellen ieder an ach- sen lassen, eil ich die er- trauten Wege der Kindheit, die erloren schienen, heute ieder gehen kann.

Unsere Autorin

Sylvia Griffin (61), in Weimar

geboren, verließ die DDR mit ih- rer Familie

1956. Das jour- nalistische Handwerk in Studium und Praxis lernte sie in den Vereinig-

ten Staaten. Seit 37 Jahren arbeitet sie für die HNA; seit 1991 als Hauptstadt- Korrespondentin.

sie für die HNA; seit 1991 als Hauptstadt- Korrespondentin. Beispiellos in der Geschichte Der Mauerfall sorgte

Beispiellos in der Geschichte

Der Mauerfall sorgte besonders bei Älteren für Gefühlsausbrüche

A eine Jahr ehnte lange

Trennung Deutschlands dachte nach Kriegsende

niemand on uns. Das ar Utopie. Aber die Welt ar im Umbruch, da konnte man sich als Kriegs erlierer keinen Illu- sionen hingeben und Progno- sen anstellen. Ich erinnere mich noch ge- nau an den Tag, als uns die

n

Meldungen om Mauerbau an der DDR-Gren e erreichten. Wir aren da on emotional

stark be egt, schockiert und maßlos empört über die Tei-

lung des Landes

ar es ein historischer Wider- sinn, ein Volk illkürlich über lange Zeit u teilen. Als ich später die DDR be- suchte, ar ich erschrocken

Für mich

später die DDR be- suchte, ar ich erschrocken Für mich Unvergessen der 3. Oktober 1990: Mit

Unvergessen der 3. Oktober 1990: Mit Fanfaren und Feuerwerken

feierten die Menschen die Wiedervereinigung.

Foto: dpa

über den Zustand des Landes, über die ollkommen unge- pflegten Städte und Dörfer. Aber ich ar immer on einer Wieder ereinigung über eugt – trot eisernen Vorhangs Nachdem ich 1987 Michail Gorbatscho s Buch „Peres- troika“ gelesen hatte, usste ich: das ist der Mann, der die Welt erändern ird Auch die DDR ar reif für einen Wandel. Aber die erkruste- ten SED-Gehirne klammerten sich an ihre Ideologie. Was dann jedoch geschah ist beispiellos in der Geschich- te. Ge altlose Aufstände brachten ein diktatorisches Regime um Stur . Atemlos haben ir dies erfolgt, und als die Mauer brach, ar eine Gefühlsflut die Folge. Beson- ders ir Älteren aren be- egt: Wir aren ieder ein ei- niges Deutschland, ie ir es als Kinder kannten. Horst Buchborn-Klos, Hatzfeld/Eder

Verspätet zum Fest

Erfahrungen mit sowjetischen Soldaten

W enige Jahre nach Kriegsende ollten ir - meine Frau, un-

ser kleiner Sohn und ich - die Weihnachtstage gemeinsam bei ihren Eltern in Halberstadt (so jetische Besat ungs one) erbringen. Frau und Sohn aren schon einige Tage or Weihnachten nach „drüben“ gefahren. Ich sollte am Heilig- abend nachkommen. Mit gemischten Gefühlen machte ich mich in aller Frü- he auf den Weg ur Gren - übergangsstelle Niedergan- dern/Kirchgandern. Innerhalb kur er Zeit hatten sich eit mehr als 1 Personen am

Schlagbaum eingefunden. Wir alle arteten auf die Einreise-

Kontrollabfertigung

Der

Gren übergang irkte ie ausgestorben. Plöt lich ar es mit der Ruhe orbei, denn einige Kriegs ersehrte (Beinampu- tierte) hoben den Schlagbaum hoch und alle Wartenden set -

ten sich in Richtung Abferti- gungsbaracke in Be egung da stürmten mehrere Solda- ten aus der Baracke und trie- ben uns mit orgehaltenen Maschinenpistolen ieder u- rück in die britische Besat-

ungs one, erschlossen die

Schranke und gingen ur Ba- racke urück. Ab sofort ur- den ir mit Lautsprecher mit Musik und politischen Parolen berieselt. Nach geraumer Zeit er- schien ein so jetischer Sol- dat, Alter et a 18 bis 2 Jahre, und hielt uns einen Vortrag über die „Dis iplin des So jet- menschen und des Deutschen Menschen“ Später urde der Schlagbaum geöffnet und die Gren -Übertrittspro edur konnte beginnen. Der Zug ab Arenshausen ar natürlich abgefahren, so bin ich erst am 1. Weihnachtstag spätnach- mittags in Halberstadt ange- kommen Karl Ebel, Hann. Münden

e-paper für: 10216894

SZ-ZG7

20 Jahre Mauerfall

Samstag, 1. August 2 9

Vor 20 Jahren: Leben mit der Mauer

Samstag, 1. August 2 9 Vor 20 Jahren: Leben mit der Mauer Die Mauer ist offen:

Die Mauer ist offen: Am Abend des 9. November strömen DDR-Bürger zu Fuß oder mit ihren Autos in den Westen.

Erste Schritte in die Freiheit

Als SED-Politbüromitglied Schabowski die neue Reiseregelung bekannt gab, war klar: Die Mauer ist offen

Foto: dpa

VON FRANK THONICKE

BERLIN. Es ist der 9. No em- ber 1989, 2 Uhr. Der Vol o on Günter Schabo ski pas- siert die Wache am Eingang ur Waldsiedlung Wandlit im Norden on Berlin. Hier ohnen die Mitglieder des SED-Politbüros in erschiede- nen Villen - heute ist es eine Reha-Klinik, in der unter an- derem Schlaganfall-Patienten behandelt erden. Günter Schabo ski be- kommt uhause on seiner Frau einen Topf Kaffee. Er ill sich entspannen nach einem turbulenten Tag - es ist der 24. seit der Entmachtung on Erich Honecker.

Loses Mundwerk

Schabo ski, als Parteichef der Hauptstadt ein hoher SED- Funktionär mit losem Berliner Mund erk, hat eine denk ür- dige Pressekonferen hinter sich. Später, im Rückblick, ird er in der „Zeit“ schrei- ben: „Wer on den Illumina- ten des Politbüros hat schon einen solchen un ensierten Auftritt or der Weltpresse ab- sol iert?“ Die Ant ort ist einfach:

Niemand. Denn nach der Pres- sekonferen ar die DDR end- gültig am Ende. Die Mauer fiel, die Menschen erließen ihr Land. Den Anstoß u den legendä- ren Folgen der Pressekonfe- ren hatte der Korrespondent der italienischen Nachrichten-

agentur Ansa geliefert. Der ollte on Schabo ski is- sen, ob nicht das or einer Wo- che eröffentlichte Reisege- set ein Fehler der DDR-Füh- rung ge esen sei.

„Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraus- set ungen, Reiseanläs- sen und Verwand- schaftsverhältnissen beantragt werden. Die Genehmigungen wer- den kur fristig erteilt“.

GÜNTER SCHABOWSKI, POLITBÜROMITGLIED, AM 9. NOVEMBER 1989

Dieses Reisegeset ar ein Wortungetüm, das kaum je- mand erstand und das auf den DDR- eiten Montagsde- mos eine neue Protest elle ausgelöst hatte. Schabo ski ollte auf der Pressekonfe- ren nun die Absichten des Po- litbüros darstellen und die Reiseregelung auf eine ein- deutige, knappe Formel brin- gen. Er liest or: „Pri atreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen on Vorausset- ungen, Reiseanlässen und Ver andschafts erhältnissen beantragt erden. Die Geneh- migungen erden kur fristig erteilt.“ Überset t bedeutet dies: Die Mauer ar gefallen. Die Menschen haben das erstanden. Sie strömen u

den Gren übergängen - und erden unächst abge iesen. Bei Schabo ski in Wandlit klingelt das Telefon. Ein SED- Mann meldet sich om Über- gang Bornholmer Straße in Berlin: „Hunderte haben sich hier ersammelt. Aber die Pos- ten machen keine Anstalten, sie durch ulassen.“ Günter Schabo ski macht sich auf den Weg on der Waldsiedlung hinein nach Berlin. Überall sieht er Men-

schen, die in den Westen ol- len. Alle sind in aufgekrat ter Stimmung, der Funktionär bleibt unbehelligt. Schließlich die Meldung on der Gren e:

„Genosse Schabo ski, sie las- sen sie jet t durch. Keine be- sonderen Vorkomnisse.“ Es bleibt alles friedlich, es gibt keinen ge alttätigen Aus- bruch der aufgestauten Gefüh- le. Schabo ski fällt ein Stein om Her en. Die Gren öff- nung geht reibungslos über

Zur Person Günter Schabowski (80) war von 1978 bis 1985 Chefredak- teur des „Neuen Deutschland“.
Zur Person
Günter Schabowski (80) war
von 1978 bis 1985 Chefredak-
teur des „Neuen Deutschland“.
1984 wurde er Mitglied im Polit-
büro des Zentralkomitees der
SED. Ein Jahr später wurde er
SED-Chef von Berlin. Eine zeit-
lang war er als Honecker-Nach-
folger im Gespräch.
Nach der Wende arbeitete
Schabowski bei den „Heimat-
Nachrichten“ in Rotenburg an
der Fulda als Redakteur. Er sah
dies nicht als Abstieg an, sondern
als eine Arbeit, die „meine per-
sönliche Situation berücksich-
tigt“, sagte er in einem Interview

unserer Zeitung. 1997 wurde Schabowski zusammen mit Egon Krenz wegen Tot-

schlags zu drei Jahren Gefängnis verurteilt - er sei für den Schießbe- fehl an der Mauer mitverantwortlich. Schabowski erkannte sein mo- ralische Schuld an. Er akzeptierte - anders als Krenz - das Urteil so- fort. Schabowski trat seine Haftstrafe an, und wurde im September

2000 vom Berliner Bürgermeister Diepgen (CDU) begnadigt.

Schabowsi ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in Berlin. Dem Vernehmen nach ist er nach Herzattacken sehr krank. Er soll dem- nächst zu einer Reha nach Rotenburg kommen, heißt es. (tho)

die Bühne. Bei dem Funktio- när keimt sogar ieder die Hoffnung auf: Ist die Friedfer- tigkeit nicht auch ein Aus- druck dafür, dass die Men- schen die ruinierte DDR ir- gend ie doch respektieren? Die Reisefreiheit könnte dem Staat schließlich S mpathien einbringen.

Auf dem Holzweg

Später erkennt Schabo ski, damit auf dem Hol eg ge e- sen u sein. „So bin ich in die- ser Stunde ischen Bangen, Ängsten und Selbstbesch ich- tigung onen eit entfernt on den Gefühlen der Men- schen, die nur einige Meter on mir da on beseelt sind, endlich den Schritt in jene Freiheit u tun, die sie uns ab-

getrot t haben“, schreibt er in der „Zeit“ Und Schabo ski räumt spä- ter auch mit der Legende auf, der Mauerfall sei so usagen ein unge ollter Versprecher ge esen. Auf der ZK-Sit ung am 9. No ember habe Hone- cker-Nachfolger Egon Kren darauf gedrängt, die neue Rei- seregelung bekannt u geben. Eine entsprechende Durch- führungsbestimmung, die al- les genau regelte, sollte am

1 . No ember um ier Uhr

früh on einem Rundfunk- sprecher bekannt gegeben erden. Doch da u kam es nicht mehr. Am 1 . No ember ur- de schon längst in gan Deutschland gefeiert.

Mit den Eltern und Geschwistern wieder vereint

Westflüchtlinge mussten den Kontakt zur Familie aufrecht erhalten – 40 Jahre lang Kontrollschikanen an der Grenze

D er Mauerfall ar auch für unsere Familie ein Glücksfall. Nachdem

ich 1948 mit 2 Jahren aus Thüringen flüchten musste (ich hatte in den Semesterferi- en eine Z angsein eisung um Uranbergbau nach Aue erhalten), ar unsere Familie getrennt. Meine Eltern und drei Gesch ister mussten in der DDR bleiben. Der Kontakt u ihnen ar immer sehr in- tensi . Im Osten durfte man nicht sagen, as man gern gesagt hätte; man durfte nicht lesen, as man ollte, und konnte nicht reisen, ohin man oll-

te. Dinge, die für einen i ili- sierten Menschen auf Dauer unerträglich sind. Da u kam die Rechtsprechung, die on der SED gelenkt urde: Ein

Straftatbestand „Republik- flucht“ so ie der Verkauf on unliebsamen Bürgern ar menschenun ürdig. Weil nach dem Mauerbau

Bürgern ar menschenun ürdig. Weil nach dem Mauerbau Ungläubige Minen der DDR-Grenzer: Nach der Grenzöffnung

Ungläubige Minen der DDR-Grenzer: Nach der Grenzöffnung wur-

den provisorische Übergangsstellen eingerichtet.

Foto: dpa

die DDR-Bürger mit Stachel- draht, Minen und Selbst- schussanlagen om Westen abgeschnitten aren, muss- ten ir Westbürger den Kon- takt aufrecht erhalten. Das ar nicht immer einfach. Ein DDR-Besuch ar nicht güns- tig: Das Visum kostete 15 DM bis 25 DM pro Tag. Hin u kam - je nach Entfernung - eine Straßengebühr on bis u 3 DM. Auch beim Z angsum- tausch legte man drauf. Und dann kamen noch die unendli- chen Kontrollschikanen an der Gren e da u. Die DDR-Bür- ger bekamen ar eine Grund ersorgung, dennoch

ar der Arbeiter- und Bauern- staat nicht in der Lage, seine Bürger mit höher ertigen Gü- tern u ersorgen: Ein Pfund Kaffee kostete 4 Ostmark bei einem Monats erdienst on et a 5 Ostmark. Vor der Wende mussten ir, enn ir einen gemein- samen Urlaub erbringen ollten, diesen im Ostblock erbringen. Jet t nut en mei- ne Ver andten das freie Rei- sen aus Wenn auch heute iele Dinge nicht in Ordnung sind, iegen sie doch enig gegen die Freiheit, die jeder Ein elne nun hat. Anton Dressler, Kassel

Unsere Leser über die DDR

Hier weitere Auszüge aus den Zuschriften unserer Leser:

Keine Reiseerlaubnis zu Omas Beisetzung

Kurz nach dem Mauerbau ist die Großmutter, die in Ost-Berlin lebte, verstorben. Zu dieser Zeit bestand keine Möglichkeit, als Westberliner eine Besuchser- laubnis zu erhalten. Die Oma wurde ohne uns beigesetzt. Das war unmenschlich. Regelmäßig bin ich in dieser Zeit von Kassel nach Berlin mit dem Auto gefahren. Bei einer dieser Fahrten wurde ich in Mari- enborn aus der auf die Abferti- gung wartenden Autoschlange von Volkspolizisten heraus ge- wunken. Bei einer Halle mussten meine Frau und ich unser Auto - einen VW-Käfer - völlig ausräu- men und alles auf die Rampe stellen. Meine Frau musste sämt- liche Gepäckstücke auspacken, ich musste nicht nur die hintere Sitzbank, sondern auch die bei- den vorderen Sitze des Käfers ausbauen und ebenfalls auf die Rampe stellen. Eine Erklärung, warum wir kontrolliert wurden, ist uns nicht gegeben worden. Die einzige Er- klärung, die wir uns überlegt ha- ben, ist: Wir haben bei unseren häufigen Fahrten nach und von Berlin den am Rand der Auto- bahn stehenden Kindern immer kleine Geschenke, kleine Tüten mit Bonbon, Schokolade, im Vorbeifahren zugeworfen, denn anhalten durfte man nicht. Klaus-Jürgen Krasselt, Fuldabrück

Mit dem Gewissen nicht vereinbar

Von 1946 bis 1955 war ich im mecklenburgischen Schuldienst tätig, zuletzt als Leiter einer zweiklassigen Dorfschule im Landkreis Teterow. Anfang der 50iger Jahre waren die Anfein- dungen des Staates gegen alles, was Kirche hieß, bis in das dörfli- che Leben hinein zu spüren Ei- nes Tages fragte mich der Pastor, ob ich ihm für einen Diavortrag aus Schulbeständen eine Lein- wand leihen könnte ich konnte ihm eine alte Landkarte anbie- ten. Diese wurde - falsch herum - am hölzernen Kartenständer aufgehängt. Nach der Veranstal- tung, die in der kleinen Filialkir- che stattfand, brachte er Ständer und Landkarte ordnungsgemäß zurück. Es war jedoch nicht in Ord- nung. Irgendjemand hatte „nach oben“ berichtet, und ich wurde in die Kreisstadt, Schulabteilung, zitiert. Dort hieß es, wie ich es

verantworten könne, Volksei- gentum der Kirche zur Verfü- gung zu stellen. Es gab weitere bedrückende, mit dem Gewis- sen unvereinbare Vorfälle. Schweren Herzens habe ich da- mals mit meiner Familie Meck- lenburg verlassen. Gerhard Möller, Hann. Münden

Der DDR-Beamte schaute gar nicht hin

Eine sehr negative Kontrolle habe ich bei einem neu errichte- ten Übergang in Norddeutsch- land erfahren. Dort mussten wir alle unsere Taschen auf einer Theke ausleeren, der DDR-Be- amte aber sah gar nicht hin, was wir hatten, sondern sah aus dem Fenster. Auf seine Frage, ob wir fertig seien und wir dies bejah- ten, durften wir alles wieder ein- räumen Mir wurden 15 Musik- kassetten weggenommen, mit dem Hinweis, die dürften nicht mitgenommen werden. Als ich wieder zu Hause war habe, ich Honecker angeschrieben. Drei Wochen später hatte ich meine Kassetten wieder, ohne Kom- mentar und sehr unschön ver-

packt.

Manfred Dehn, Bebra