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Medien.

Basel
TEXT: MARKUS WIEGAND

Blutige Anfänger
Die „Tageswoche“ weckte bei ihrem Start wegen ihres einzigartigen Konzepts hohe Erwartungen. Zwei Jahre später ist die Bilanz ernüchternd. Ein grosser Teil der Redaktion ist frustriert, die Führung überfordert. Die sieben grössten Probleme des Newcomers.
1. Der Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit
sische Medienhäuser. „Die ,Tageswoche‘ ist ehrlich und authentisch. Sie setzt auf grösstmögliche Transparenz“, zitiert ein Schreiben der Redaktion die eigenen Leitlinien. Zwei Jahre später steht das Projekt vor einem Scherbenhaufen. Die wirtschaftliche Zukunft ist gefährdet, was aber noch mehr ins Auge sticht: Die „Tageswoche“ konnte ihrem Anspruch nicht gerecht werden, nach innen und aussen partizipativer aufzutreten. „Wir wollten die Guten sein“, sagt ein Mitarbeiter. „Das hat nicht geklappt.“ des 25. September eine ziemlich wörtliche Bedeutung. Redaktionsleiter Dani Winter, seit Mai im Amt, kündigte den Redaktoren Mathieu Klee und Monika Zech draussen vor der Redaktion. In einem Fall nutzte er gar eine Zigarettenpause zur Entlassung. Dieses Vorgehen war der Tropfen, der das Fass bei vielen zum Überlaufen brachte. Der Zorn war so gross, dass man einen Tag später eine Redaktionskommission bildete und ein saftiges Schreiben an die eigene Führung adressierte. „Die Art und Weise, wie die Entlassungen vorgenommen und kommuniziert wurden, macht uns ratlos“, heisst es darin. Darüber hinaus werden die Kündigungen grundsätzlich kritisiert. Klee galt als einer der besten Rechercheure des Blattes und Zech wurde

Die Euphorie war gross, als die „Tageswoche“ im Herbst 2011 startete, nicht nur in den eigenen Reihen. In der ganzen Branche fand die Idee, eine Wochenzeitung mit einem starken Onlineauftritt zu verknüpfen, viel Anklang. Auch die Anschubfinanzierung durch eine Stiftung galt als zukunftsweisend. Motto: Wenn der Markt Medien nicht mehr finanziert, sind andere Modelle gefragt. Sympathien schlugen dem Newcomer zudem entgegen, weil die „Tageswoche“ auch als Reaktion auf das unwürdige Versteckspiel um die Besitzverhältnisse der „Basler Zeitung“ gegründet wurde. Daraus resultierte ein moralischer Anspruch, offener zu sein als klas-

2. Der Zoff zwischen Führung und Redaktion

Bei der „Tageswoche“ erhielt die Floskel, jemanden auf die Strasse zu stellen, am Morgen

Die „Tageswoche“-Redaktion: 29 Mitarbeiter teilen sich 20 Vollzeitstellen, um eine hintergründige Wochenzeitung und ein ambitioniertes Onlineportal zu füllen.

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SCHWEIZER JOURNALIST #10-11/2013

FOTO: KEYSTONE/GAETAN BALLY

„Mich stört, dass aus dem begründeten Frust der Betroffenen nun eine real nicht existierende Krise der ,Tageswoche‘ herbeigeschrieben wird.“
Dani Winter, Redaktionsleiter „Tageswoche“

wegen ihrer Erfahrung als Aktivposten geschätzt. In ihrem Schreiben beklagt die Redaktion denn auch einen „enormen Verlust an Erfahrung und Know-how“. Ein weiterer Kritikpunkt: Die fehlende Härtefallregelung oder eine Abgangsentschädigung. Redaktionsleiter Dani Winter möchte zu den Kündigungen nichts sagen, äussert aber Verständnis für das Schreiben: „Es gab ein Kommunikationsdefizit zwischen der Stiftung für Medienvielfalt als Herausgeberin und der Redaktion. Daran arbeiten wir“, räumt er ein und kritisiert: „Mich stört, dass aus dem begründeten Frust der Betroffenen nun eine real nicht existierende Krise der ,Tageswoche‘ herbeigeschrieben wird.“ Allerdings spricht aus dem Schreiben der Redaktionskommission sehr wohl ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Führung. Die Redaktion fühlt sich „nicht ernst“ genommen: „Anscheinend besteht der partizipative Charakter unseres Projekts nur in der Theorie“, heisst es. Noch gravierender fällt die Kritik an einer fehlenden Strategie aus: „Was soll das Produkt ,Tageswoche‘ darstellen?“, heisst es. Oder: „Wir wissen weiterhin nicht, wohin unser Unternehmen steuert.“

Um das Budget einzuhalten, mussten entsprechend Stellen abgebaut werden.“ Seit dem Strategiewechsel sind die Zugriffe im Netz leicht angestiegen. Ob dies am veränderten Konzept liegt, kann niemand sagen, weil der Traffic in der gesamten Branche steigt. Die „Tageswoche“ ist mit 119.000 Unique Clients und 496.500 Besuchen im September aber nach wie vor ein Winzling. Zum Vergleich: Urs Gossweilers „Jungfrauzeitung“ erreicht in einem viel kleineren Raum mit einem lokalen Konzept die Hälfte der Zugriffe. „Derzeit arbeiten wir an einem konvergenten Newsroom“, sagt Dani Winter. Seine Idee ist, vom starren Print-Online-Denken wegzukommen. Es ist aber fraglich, ob 29 Mitarbeiter, die sich 20 Vollzeitstellen teilen, genug sind, um in einer Stadt wie Basel beide Ansprüche zu erfüllen.

dass die „Tageswoche“ ins Vermittlungsgeschäft für Anzeigen eingestiegen ist. VRPräsident Gelzer erklärt den Schritt so: „Wir hatten die Möglichkeit, das Team, das dieses Geschäft zuvor bei der ,BaZ‘ betrieben hatte, zu übernehmen. Nebst Anzeigen für die ,Tageswoche‘ können Kunden bei uns nun auch Inserate für andere Titel buchen. Für den Inserenten entsteht dadurch ein grosser Vorteil.“ Die „BaZ“ vermochte das Geschäft nicht kostendeckend zu betreiben. Trotz Millionenbeträgen, die an Anzeigen verkauft werden, bleibt nur eine kleine Prämie bei den Vermarktern, aus denen alle Kosten bezahlt werden müssen. Warum die „Tageswoche“ dieses Geschäft besser beherrschen sollte als die kühlen Rechner der „BaZ“, ist fraglich.

4. Das fehlende wirtschaftliche Konzept

5. Die fehlende Perspektive für die Zukunft

3. Der Konflikt zwischen Online und Print

Die „Tageswoche“ stellt einen besonders hohen Anspruch an ihre Mitarbeiter: nämlich gleichzeitig eine hintergründige Wochenzeitung zu produzieren und ein qualitativ hochstehendes Online-Portal zu bieten. Das erwies sich von Anfang an als zu ambitioniert. Bis zum Mai dieses Jahres stand denn auch die Wochenzeitung an erster Stelle, Online lief eher nebenher. Dann setzte man auf „die neue Strategie“. Und die besagt, den digitalen Kanälen mehr Priorität einzuräumen. Digitalexperte Dani Winter löste Urs Buess in der Redaktionsleitung ab, Co-Chef Remo Leupin blieb im Amt. „Wir verstärken unsere OnlineAktivitäten, allerdings ohne die Wochenzeitung zu vernachlässigen“, hält Winter heute fest. Dass allerdings beides nicht unbedingt geht, zeigen seine Personalentscheidungen. Klee und Zech wurden laut Redaktionsschreiben entlassen, weil sie sich „nicht mit der neuen Strategie identifizieren können“. Verwaltungsratspräsident Thomas Gelzer räumt ein, dass für die stärkere Konzentration auf Online „Mitarbeitende mit spezifischen Kompetenzen neu angestellt (z. B. CommunityRedaktorin, Multimedia-Redaktor)“ wurden.

Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist die neue Strategie der „Tageswoche“ abenteuerlich, denn noch sind die regionalen Anzeigenmärkte in der Schweiz nur schwach entwickelt. Darunter leiden alle regionalen Zeitungen. Die „BaZ“ etwa erzielt derzeit mit achtmal so vielen Besuchen pro Monat nur rund eine halbe Million Franken an Werbeerlösen im lokalen Markt. Die „Tageswoche“ konzentriert sich also auf einen Markt, der ihr derzeit schätzungsweise höchstens 100.000 bis 200.000 Franken im Jahr einbringen kann. Eine Paywall ist laut Dani Winter nicht vorgesehen. Daher ist völlig offen, wo im Netz eigentlich die Einnahmen herkommen sollen. „Wir tüfteln an neuen Erlösmodellen“, sagt dazu Dani Winter reichlich mirakulös. Mehr könne er leider nicht verraten. Da gebe es auch nichts zu verraten, frohlocken Führungskräfte der Konkurrenz unverhohlen. Erstaunlich ist hingegen, dass die „Tageswoche“ in den strategischen Überlegungen der „Basler Zeitung“ „gar keine Rolle“ spielt, wie ein Kadermann auf Anfrage sagt. Als ernsthaften Konkurrenten nimmt man in Basel lediglich Peter Wanners AZ Medien wahr und bereitet dem Vernehmen nach eine Attacke vor, die noch in diesem Jahr kommuniziert werden soll. Im Werbemarkt, wo die „Tageswoche“ ihre Erlöse im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt haben will, sei der Newcomer einfach „kein ernsthafter Player“. Für Kopfschütteln bei Verlagsfachleuten über die Grenzen Basels hinaus sorgte die Tatsache,

Einigermassen nebulös sind die Aussagen der Verantwortlichen, wenn es um die wirtschaftliche Zukunft der „Tageswoche“ geht. Klar sind zunächst nur zwei Tatsachen. Nummer eins: „Es ist die Vorgabe unserer Aktionärin, der Stiftung für Medienvielfalt, dass die ,Tageswoche‘ nach vier Jahren selbsttragend ist“, teilt VR-Chef Gelzer mit. Nummer zwei: Das Projekt ist derzeit noch deutlich defizitär. Was passiert eigentlich, wenn die „Tageswoche“ den Durchbruch nicht schaffen sollte? Georg Hasler von der Stiftung Levedo, der im Namen der reichen Roche-Erbin Beatrice Oeri spricht, die die Stiftung für Medienvielfalt mit Geld ausstattete, um die „Tageswoche“ zu finanzieren, hält auf Anfrage fest: „Ein weiterer Beitrag unsererseits ist nicht vorgesehen. Die Stiftung Levedo hat sich zu Beginn des Projektes vor zwei Jahren auf der Basis eines Businessplan für einen Beitrag zur Anschubfinanzierung entschieden. Alle weiteren Entscheidungen liegen vollständig bei der Stiftung für Medienvielfalt.“ Dazu kommt, dass das Mediengeschäft grossen Schwankungen unterworfen ist. Selbst wenn der Fall eintreten sollte, dass das Projekt dank der Anschubfinanzierung von konservativ geschätzten 12 bis 15 Millionen Franken bereits in zwei Jahren eine schwarze Null schreibt, was nicht involvierte Medienmanager als äusserst unwahrscheinlich einstufen, bleibt die Frage, wer etwaige Defizite deckt. „Nach vier Jahren wird die ,Tageswoche‘ selbsttragend sein. Unsere Businesspläne sind danach ausgerichtet“, hält dagegen VR-Präsident Gelzer fest.
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„Ein weiterer Beitrag unsererseits ist nicht vorgesehen.“
Georg Hasler, Levedo-Stiftung, die die Anschubfinanzierung der „Tageswoche“ leistete

6. Die mangelnde Transparenz

Die Finanzierungskonstruktion ist abenteuerlich kompliziert: Die „Tageswoche“ wird von der Neue Medien Basel AG herausgegeben. Die wiederum wird von der Stiftung für Medienvielfalt für vier Jahre alimentiert. Die wiederum wird von der Stiftung Levedo finanziert, die wiederum ihr Geld der reichen Roche-Erbin Beatrice Oeri verdankt. Letztlich bezahlt Oeri also die „Tageswoche“. Sie lehnt es aber dennoch ab, zu ihrer Rolle öffentlich Stellung zu nehmen. Wer Oeri aus der Redaktion traf, beschreibt sie als sympathisch, aber extrem scheu. Für die Stiftung Levedo kommuniziert daher Georg Hasler, den Christian Mensch in der „Schweiz am Sonntag“ zuletzt als „Digitalen Träumer“ aus einem anthroposophischen Umfeld charakterisierte. Hasler tritt öffentlich ebenfalls so gut wie nicht in Erscheinung. VR-Präsident Gelzer schreibt bei Fragen zu finanziellen Details: „Es ist eine Vorgabe unserer Aktionärin, keine Geschäftszahlen zu veröffentlichen.“ So eine Antwort könnte auch von Christoph Blocher kommen.

7. Die überforderte Führung

Brandbrief der Redaktion: „Über weite Strecken diffuse Strategie.“

Es fällt auf, dass die „Tageswoche“ trotz ihres Start-upCharakters und der bescheidenen Grösse bereits einen Wasserkopf an Strukturen mitschleppt (siehe 6.). Dazu kommt, dass viele Entscheider nur über wenig Erfahrung im Geschäft verfügen, sondern allenfalls einen Leistungsausweis in der Basler Kulturszene haben. VR-Präsident Gelzer hat als Anwalt nur wenig Erfahrung in der Branche. Von 30 aktuellen und früheren VR-Mandaten finden sich lediglich zwei im Mediengeschäft. So sitzt er aktuell im Aufsichtsgremium des Fachverlages Weka. Im Verlegerausschuss sitzen Unternehmer und Regisseur Nicolas Ryhiner sowie Schriftsteller Michael Theurillat und Urs Buess, der als einziger langjähriger Journalist fachliches Know-how ins Gremium einbringen kann. Es fragt sich, wie lange noch. Im Mai nämlich war er zum Herausgeber hochgelobt worden, um der neuen Online-Strategie Platz zu machen. Die im September gefeuerte Monika Zech ist seine Ehefrau. Laut Redaktionskreisen haben beide Vorgänge sein Vertrauen in den Arbeitgeber nicht unbedingt gestärkt. Dem „Journalisten“ wollte Buess dazu keine Auskunft geben. Besonders in der Kritik steht Geschäftsführer Tobias Faust. Ihm fehle schlicht das Know-how als Geschäftsführer, heisst es. Dazu kommt, dass die „Tageswoche“ sein erster Job im Mediengeschäft ist. Zuvor arbeitete er für ein Basler Kino. Zur Kritik teilt Faust schriftlich mit: „Dass die ,Tageswoche‘ so erfolgreich unterwegs ist, darf ich nicht für mich alleine beanspruchen. Dennoch hilft diese Bestätigung schwierige Entscheidungen zu treffen. Ich würde meine Arbeit nicht gut machen, wenn sie keine Kritik auslösen würde.“ Wenn das der Massstab ist, macht Faust tatsächlich einen Klassejob.
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