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Ekelvideo der Mitarbeiter eines US-Pizzarestaurants (youtube.com) Aufruf zur Demonstration (youtube.com)

Islamistische Propaganda (Globale Islamische Medienfront) Portal zum Download urheberrechtlich geschützter Dateien (thepiratebay.org)

Download-Seite für das Online-Spiel „World of Warcraft“ (trywarcraft.com) Selbstdarstellung des It-Girls Paris Hilton (myspace.com)
Marktplatz Internet, Surferin in Berliner Café: Während an der Oberfläche des digitalen Reichs tausend bunte Blumen blühen, wuchert im

freiheit@unendlich.welt
Längst ist das Internet ein Paralleluniversum. Die Refugien der Diebe, Rufmörder, Kinderschänder
entziehen sich weitgehend der Kontrolle des Rechtsstaats. Nur einer transnationalen
Instanz kann es gelingen, Ordnung zu schaffen. Das Ziel: die globale Netzdemokratie.

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STEFFEN KUGLER / DPA
Wurzelwerk darunter ein Pilzgeflecht aus Intrigen, Täuschung und Terror

D
er Kampf ums Netz findet im Ver- nation aus Buchstaben und Ziffern ein, Sie sind ganz schön weit, die Kämpfer
borgenen statt. In einem gesichts- darunter eine 3. „Enter“. Schon erscheinen um die staatliche Hoheit im Cyberspace.
losen Verwaltungsbau im Stuttgar- auf seinem Monitor 329 aktuelle Angebo- Die an der anderen Front aber auch. Die
ter Stadtbezirk Bad Cannstatt sitzt im Halb- te über Sexszenen mit Dreijährigen. Flagge mit dem schwarzen Segel auf weißem
rund aus fünf Flachbildschirmen Achim Spurensicherung im digital-sterilen Raum: Grund weht schon in unmittelbarer Nähe
Traichel, 47, Jeans, offenes Hemd, und Wenn die Software auf die Daten schmutzi- des Berliner Regierungszentrums: Die Pira-
sucht im Dickicht der digitalen Datensätze ger Bilder stößt, erstellt sie automatisch eine tenpartei hat Ende Juni ihr Wahlkampfbüro
nach den Zahlenkolonnen des Bösen. Dokumentation, die Sekunden später in für die Bundestagswahl eröffnet.
Mit seinen Filterprogrammen durchfors- Traichels Postfach landet – als Vorlage für „Für den gläsernen Staat und nicht den
tet der Fahnder des Landeskriminalamts eine Strafanzeige. Innerhalb von zwei Mo- gläsernen Bürger“, für die „Freiheit des
(LKA) die Tauschbörsen nach Kinderpor- naten generierte seine Software Beweismit- Wissens“, für die Freiheit im Netz und ge-
nografie. „Wir machen jetzt mal eine Stich- tel für rund 9000 Ermittlungsverfahren, da- gen die Bevormundung durch staatliche
probe“, sagt er. Er gibt eine kurze Kombi- von 1000 gegen Netznutzer in Deutschland. Aufpasser – so tritt eine Gruppierung an,
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PLANET PHOTOS / COLOURPRESS.COM
Sängerin Perry: Ließen sich nicht alle Kunst und alle Klänge beflügeln zum Nutzen neuer Schönheit?

die vor Monaten noch belächelt wurde. Im Netz tost nicht nur Karneval, es Mehr als vor einem „Großen Bruder“ muss
„Wir müssen die Demokratie reparieren“, herrscht auch Krieg. Der Cyberspace des 21. der unschuldige Besucher sich fürchten vor
bekundet nun der Pirat Florian Bischof, Jahrhunderts ist in der Hand von globalen dem Heer der kleinen Brüder, vor der Ge-
31, Software-Entwickler und Spitzenkan- Playern des Kommerzes, Finanzjongleuren, meinheit und Missgunst im Netz.
didat auf der Berliner Landesliste. Die Leu- wirtschaftlichen und politischen Tyrannen. Viele Einträge in den rund 200000 aktiven
te hören ihm zu. Die Grauzonen dieser neuen Weltordnung deutschsprachigen Blogs enthalten Pöbe-
Mit ihrer These, dass sich an der Freiheit werden vom organisierten Verbrechen leien, Vulgäres, das die Bürger im Land der
des Internets die Freiheitlichkeit der Ge- genutzt. Während an der Oberfläche des Dichter und Denker sich nicht einmal unter
sellschaft entscheide, haben die meist jun- digitalen Reichs tausend bunte Blumen vier Augen sagen würden. „Die Chefin von
gen Netizens bereits bei der Europawahl blühen, Shopping, Chats, Schöngeistiges, dem Laden ist ’ne Nazi-Schlampe“, hinter-
überzeugt: 0,9 Prozent im Bundesschnitt wuchert im Wurzelwerk darunter ein Pilz- ließ ein Netzbürger über seine Bekannte auf
erhielten die Netzretter, in einem Wahl- geflecht aus Intrigen, Täuschung und Terror. einer Nachbarschaftsseite mit dem Google-
kreis der Hauptstadt kamen sie sogar auf Das Netz, so sehen es manche, bedroht Luftbild des Hamburger Nordens.
mehr als fünf Prozent. den Frieden der Welt. Vor wenigen Wochen In dieser Parallelwelt haben sich jun-
„Hände weg vom Internet“ lautet die erst hat der US-Verteidigungsminister ge Leute jeder Geisteshaltung, die „Ge-
Forderung der Protestierer an alle, die wie Robert Gates die Schaffung eines Cyber neration Internet“, an Umgangsformen
Bundesfamilienministerin Ursula von der Command bekanntgegeben: Hightech-Of- gewöhnt, die früher nur als Unterschich-
Leyen („Zensursula“) mit staatlicher Ge- fiziere sind nun damit beschäftigt, die rund tenphänomen von Jugendschützern und
walt und Rechtsvorschriften die Nutzer vor tausend Attacken abzuwehren, die Hacker Bildungspolitikern besorgt beobachtet wur-
den Gefahren des Cyberspace schützen, aus aller Welt täglich auf die Netzwerke des den. Unverschämtheiten, Rufmord, Mob-
ein bisschen Ordnung in den schier un- amerikanischen Imperiums vornehmen. bing sind in den Foren deutscher Schüler
endlichen Kosmos bringen wollen. In dieser jungen, unübersichtlichen Welt weit verbreitet.
Niemand, auch nicht die radikalsten geht es mancherorts zu wie im Dickicht Die Geschichte vom „dog shit girl“ zeigt,
Netzbefreier, würde Freiheit für Kinder- amerikanischer Städte der zwanziger Jahre. wie Menschenjagd im Cyberspace funk-
pornos fordern. Eine ganz große Koalition Soziale und moralische Verwahrlosung er- tioniert: Eine junge Südkoreanerin, deren
aller politischen Parteien und Richtungen stickt in weiten Teilen der neuen Galaxie Schoßhündchen ein Häufchen in die U-
ist sich einig, dass die Freiheit des Netzes den Freiheitsgeist der Gründergeneration. Bahn von Seoul setzte, musste erleben, wie
Verbrechen, Schmutz und Schund gerade- ein Bild davon um die Welt gepostet wur-
zu anzieht. Die Frage, über die alle strei- de. Als die ersten Blogger warnten, dass
ten: Wie ist das zu verhindern? Die fatale man die Frau in den Selbstmord treibe,
Idee, das Bundeskriminalamt (BKA) zur antwortete einer: „Sie hat verdient, dass
Sperre von Kinderporno-Seiten zu er- ihr Leben zerstört wird, und sie wird sich
mächtigen, die Versuche, das Netz mit im- schon nicht umbringen, sie ist eine dick-
mer neuen Kontrollvorschriften in den häutige Schlampe.“
Griff zu bekommen, haben einen Konflikt So ist das Internet zwar die größte Be-
angeheizt, der schon lange schwelt – wie freiung des Geistes seit der Erfindung der
viel Freiheit geht im Internet? Buchdruckerkunst, aber zugleich ein Mas-
Kann der Staat das Netz sich selbst über- senspeicher für alle Übel, die Menschen sich
lassen? Ist der Cyberspace ein riesiger Raum ausdenken, vom schlichten Schmutz bis zu
der Unabhängigkeit, der Emanzipation von den schlimmsten Auswüchsen der Phanta-
Staat und Bevormundung, ein Raum der Illegale Bombenzündung sie. Es ist ein Beschleuniger für Innovatio-
Freiheit, des Glücks und der Gerechtigkeit? Karneval und Krieg nen, aber eben auch für kriminelle Ener-
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ADVANTAGE MEDIA SERVICES
Islamistisches Terrorvideo*: Massenspeicher für alle Übel, die Menschen sich ausdenken

gien, vom Trickbetrug mit der erfundenen mit dem Laisser-faire in der Online-Welt rung verlangt, von jeder einzelnen Post-
Geschichte einer nigerianischen Diktato- um. „Im Internet weiß niemand, dass du sendung eine Kopie anzufertigen und die-
renwitwe, die dringend ein Konto braucht, ein Hund bist“, kalauerte man früher. se in riesigen Archiven aufzubewahren, um
auf das sie ein paar Millionen Euro über- Doch diese Ära scheint zu Ende zu gehen. sie bei Bedarf lesen zu können“, schreiben
weisen kann, bis zu den härtesten Formen Die Große Koalition, allen voran Bun- die Autoren Juli Zeh und Ilija Trojanow in
der Organisierten Kriminalität. desinnenminister Wolfgang Schäuble, ihrem Buch „Angriff auf die Freiheit“, das
Der sogenannte Kannibale von Roten- machte immer neue Vorstöße, den digita- sie am Mittwoch in Berlin vorstellen. „Eine
burg fand sein Opfer in einem Internet- len Verkehr zu überwachen, frei nach dem derartig umfassende Kontrolle hat es noch
forum. Es gibt Selbstmordtreffs, Folter- und Motto: „Datenschutz ist Täterschutz.“ Seit nie gegeben, nicht unter Nero, Henry VIII,
Snuffvideos zuhauf, es gibt Amokforen, 2008 ist die sogenannte Vorratsdatenspei- Louis XIV, Napoleon, Franco, nicht einmal
Anleitungen zum Mixen von Medikamen- cherung Pflicht, also das Vorhalten aller unter Hitler oder Stalin.“
ten- und Drogencocktails und natürlich Verbindungsdaten bei Internet- und Tele- Was ist erlaubt im Internet? Um die
Bombenbastelseiten. Sowohl die sogenann- fon-Providern: Wer hat wann wem eine Antwort ringen alle mit allen. Die Neti-
ten Kofferbomber als auch die Sauerland- E-Mail geschickt? Wer wurde wann von zens wollen ihre Unabhängigkeit verteidi-
gruppe hatten die Instruktionen für ihre wem angerufen, und wie lange haben sie gen. Filmproduzenten, Verlage und Musik-
Höllenmaschinen aus dem Internet. gesprochen? Multis sehen in der Freiheit des Welt-
Pornografie ist mit großem Abstand der Alsbald folgte die nächste Maßnahme, netzes eine Einladung an Piraten, ihre
gefragteste Inhalt der Netze, zig Millionen die heimliche Online-Durchsuchung, auch Verwertungsrechte zu kapern. Magnaten
Mal am Tag werden Suchmaschinen von Bundestrojaner genannt: Das Bundeskri- des Cyber-Kommerzes wie Google und
ihren Nutzern mit Stichworten wie „xxx“ minalamt darf mit Hackertechnik in die Amazon rangeln mit dem Staat um die Da-
gefüttert. Nach vorsichtigen Schätzungen Privatrechner Verdächtiger eindringen, ten der User und sind sich zugleich – zu
existieren weltweit rund 160 Millionen dort heimlich Spitzelprogramme installie- Lasten ihrer Klientel – mit den hoheit-
Pornoseiten. ren, die jeden Tastendruck mitprotokollie- lichen Ordnungshütern einig: Datenschatz
Die polizeiliche Kriminalstatistik ver- ren – etwa um Passwörter und andere Ge- geht vor Datenschutz.
zeichnet für 2008 rund 167 000 Fälle, drei heiminformationen auszuspionieren. Der Staat schließlich ringt mit sich
Viertel davon Betrug, bei denen das „Tat- „Man stelle sich vor, zu Zeiten des guten selbst: Soll er, kann er für dies alles die
mittel Internet“ eine Rolle spielte. Auch alten Briefgeheimnisses hätte eine Regie- Verantwortung übernehmen?
Computerkriminalität, besonders das Aus- Hinter dieser unübersichtlichen Ausein-
spähen und Abfangen von Daten, hat im andersetzung verbergen sich, so der Frank-
Vergleich zum Vorjahr massiv zugenom- furter Rechtssoziologe und Netzrechts-
men – plus 60 Prozent. experte Gunther Teubner, „verfassungs-
Waren die neunziger Jahre von der Ex- politische Konflikte ersten Ranges“. Zur
pansion des Netzes geprägt, so stehen die Disposition steht nicht nur die Rolle des
nuller Jahre des neuen Jahrhunderts im Staates als Ordnungsmacht der neuen
Zeichen der Begrenzung der unendlichen Internetgesellschaft. Es geht um die Mög-
Freiheit. Diktaturen wie in China bauen lichkeit, gesellschaftliche Entwicklungen
machtvolle Zensurbehörden auf. Spätes- weiterhin friedlich, also durch Recht, zu
tens seit dem 11. September 2001 gehen ordnen. Ist es möglich, Menschenwürde,
auch die westlichen Demokratien strenger Freiheitsrechte, den Schutz des Eigentums,
also all jene Grundwerte der in diesem
* Nach der Entführung der Deutschen Hannelore und Porno-Website Jubiläumsjahr so pompös gefeierten Ver-
Sinan Krause im Irak 2007. Schmutzige Wörter im Verkehr fassungsordnung, im Netz zu bewahren
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ZHANG HONGWEI / SINOPICTURES (L.); ZHOU JUNXIANG / IMAGINECHINA (U.)
Polizeikontrolle in chinesischem Internetcafé: Mit „198964“ zum Platz des Himmlischen Friedens

oder durchzusetzen? Oder zerfällt das umzustellen, dass er ohne Umleitung in Kraft getreten, sondern liegt bei der EU-
Recht im Cyberspace? jede Schmuddelecke kommt. Kommission zur Begutachtung.
„Ein Alptraum des Rechtsstaats“, so Zugleich soll das Bundeskriminalamt Ob man so mit den Gefahren des Inter-
drückt es Netzforscher Teubner aus, sei der eine gefährliche Blanko-Ermächtigung be- nets fertig werden kann, bezweifeln auch
„Code“, das Geflecht der technischen Kon- kommen: Die Befugnis der Wiesbadener immer mehr SPD-Politiker. Björn Böhning,
strukte und Regeln, die das Leben im Netz Fahnder, schwarze Listen über kriminelle Mitglied des Parteivorstands, sammelt
bestimmen – schon deshalb, weil die digita- Inhalte zu erstellen und sie den Providern schon Dissidenten gegen die „Zensur-In-
len Möglichkeiten nationale Rechtsordnun- als Vorgabe für deren Stoppschilder aufzu- frastruktur“, die mit dem neuen Gesetz
gen einfach überwuchern. Das Netz macht, geben, ist ein Sündenfall. Erstmals in der geschaffen werde. Wenn die Partei da wei-
was es will, und das ist kein Ausdruck von Geschichte des Grundgesetzes würde ge- ter mitmache, werde sie die „digitale Mit-
Freiheit, sondern von Gefahr: „Der Cyber- setzlich eine Art Zensurbehörde eingerich- te“ verlieren. Ihre digitale Kompetenz ha-
space, sich selbst überlassen, kann das Ver- tet. Vergebens warnte Bundesjustizministe- ben die Sozialdemokraten schon verloren:
sprechen der Freiheit nicht erfüllen“, warnt rin Zypries: „Die Verfassung sagt uns, dass in Gestalt ihres langjährigen Vormanns für
Lawrence Lessig, Stanford-Rechtsprofessor jeder das Recht hat, sich auch im Internet liberale Netzpolitik, Jörg Tauss (siehe Sei-
und der weltweit bekannteste Prediger einer frei zu bewegen.“ Gegen diese „gravieren- te 43). Er geriet in Verdacht, zum Kreis
neuen Netzordnung. de Änderung unserer Medienordnung“ der Kinderpornografie-Liebhaber zu ge-
Wolfgang Schäuble würde das nicht an- protestiert nicht nur der Bundesdaten- hören – eine prekäre Situation für die SPD,
ders sehen. Es muss etwas passieren im schutzbeauftragte Peter Schaar. die Tauss auch dadurch löste, dass er sich
Netz. Nur: Wer soll das Notwendige in Im Ernst rechnet kaum jemand damit, aus „Enttäuschung“ über die von seinen
Gang setzen – und wie? dass ein derart zusammengestoppeltes Genossen mitbeschlossene Netzsperre der
Der Vorstoß Ursula von der Leyens, Vor- Gesetz vor dem Bundesverfassungsgericht Piratenpartei anschloss.
kehrungen gegen die Netzaktivitäten von Bestand haben kann. Einstweilen ist es, Zwietracht und Rechtsstreit: Das ist
Kinderschändern zu treffen, hat die Hilf- anders als geplant, nicht zum 1. August in meist alles, was dabei herauskommt, wenn
losigkeit der traditionellen Ordnungsmacht, die Politik versucht, in die Netzwelt ein-
des Staates, erst richtig deutlich werden las- zugreifen. Das Internet bändigen zu wollen
sen. Ihr Versprechen „Wir schließen die scheint sinnlos, diesen Ozean aus Daten
Datenautobahn der Kinderpornografie“ mit seiner Flut von über 200 Milliarden
hat sich nicht nur als unrealistisch erwiesen. E-Mails pro Tag und mehreren Millionen
Die Aktion hat auch, dilettantisch ange- neuen Webpages – wie viele genau, weiß
packt, Netzbefreier genauso auf die Palme niemand. Allein in der Minute, die man für
gebracht wie Verfassungsrechtler. das Überfliegen einiger Absätze dieses
Tatsächlich entfernt die Ministerin mit Texts braucht, sind wohl Zehntausende
dem Gesetz die inkriminierten Angebote neue Seiten freigeschaltet worden. Wer
nicht aus dem Netz, sie macht sie besten- ernsthaft glaubt, diese Ströme ließen sich in
falls schwerer erreichbar – allerdings mit Bahnen lenken, erinnert an den Perserkö-
Sperren, die leicht zu „umsurfen“ sind. nig Xerxes, der, so die Legende, das Meer
Ganze 20 Sekunden dauert es, so ergaben Warnsymbol der Internetpolizei in China auspeitschen ließ, weil seine Truppen an
Tests mit Laien, den eigenen Browser so Die drei verbotenen T den Dardanellen aufgehalten wurden.
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Titel

Wie ernst und wie teuer es wird, wenn erst gescheitert: China wollte die IT-Indu- den Datenschatzkammern des Internets.
ein Staat sich daranmacht, das Netz zu strie zwingen, jeden neuen PC mit Soft- „Das Maß an Überwachung auf Schritt und
kontrollieren, hat die Supermacht der Un- ware auszuliefern, der es der Zensur- Tritt, das Sie im Netz erdulden, würden Sie
terdrückung und größte Nutzermacht des behörde erlaubt hätte, zentral Filter-Up- sich im richtigen Leben niemals gefallen
Internets gezeigt: China. Die Regierung in dates in die Rechner der User zu senden. lassen“, hält Lessig seinen Lesern vor.
Peking führte der staunenden Welt vor, Nach Widerstand von allen Seiten „ver- Mächtige Anbieter wie Google verfü-
wie man, statt einzelne missliebige Seiten tagte“ die Diktatur ihren Plan. gen zudem über Möglichkeiten, den Zu-
zu sperren, über eine Viertelmilliarde In- Doch das chinesische Vorbild macht gang zu Informationen je nach regionalen
ternetnutzer einsperrt – hinter einer digi- Schule. Zensur wird zum Exportschlager. Empfindlichkeiten und Vorlieben zu zen-
talen chinesischen Mauer. „Heute sehen wir eine zunehmende Bal- sieren. Wer in Deutschland nach Pornos
The Great Firewall of China wird das chi- kanisierung des Internets“, schreibt Jona- sucht, dem wird vieles vorenthalten, was
nesische Zensursystem inoffiziell genannt, than Zittrain von der britischen University anderswo zu sehen ist. Und schon um den
und es gilt als das ausgefeilteste der Welt. of Oxford, der die moderne Zensur er- Kreis der seriösen Nutzer nicht zu ver-
Der euphemistische Parteijargon dagegen forscht. Statt des einen weltweiten Web prellen, beschäftigen hochwertige Anbie-
nennt es Golden Shield, errichtet, um die beobachte er heute eher „ein Usbekistan ter Mitarbeiter, die illegale Beiträge per
Bürger zu schützen. Wide Web, ein Pakistan Wide Web, ein Mausklick aus ihren Foren werfen.
Im Internetreich der Mitte herrschen Thailand Wide Web“. Doch so leicht hat es der Staat nicht. Die
andere Regeln als im Rest des Netzes. Das Und die westlichen Internetkonzerne, Kontrolle von Kommunikation, sei es durch
Grundprinzip ist einfach: An den Rändern Cisco, Microsoft, Google und Co., wollen Zugriff auf die Inhalte, sei es durch Mani-
des Binnennetzes überwachen Zensursyste- nicht auf lukrative Aufträge verzichten und pulation am Code, ist in allen freiheitlichen
me den Datenstrom, der über Glasfaserkabel kooperieren intensiv mit den Zensoren. Demokratien nur in besonderen Ausnah-
aus dem Rest der Welt hereinfließt. Auch IT-Unternehmen mit deutscher Be- mefällen akzeptabel. Briefzensur, Lausch-
Unliebsame Web-Seiten, auch Umge- teiligung wie etwa Nokia Siemens Net- angriffe, das ganze Instrumentarium des
hungsprogramme, werden ausgesperrt. Ein works, so wurde kürzlich bekannt, liefern Schnüffelstaats ist ein Sündenfall im libera-
Heer von wohl zigtausend Zensoren und nur zu gern Kontrolltechnologie etwa nach len Staat; „freedom of speech“, das unge-
Spitzeln ist rund um die Uhr unterwegs, Iran. Nichts ist unmöglich – wenn es poli- hinderte Kommunizieren der räsonieren-
um die Kommunikationskanäle zu kon- tisch gewollt ist. den Bürger, ist auch nach Auffassung des
trollieren. Wer eines der drei verbotenen T Wer, durch Grenzwälle oder Einfluss auf Bundesverfassungsgerichts „schlechthin
aufruft – Tibet, Tiananmen, Taiwan – wird die Netzmachthaber, Teile des Internets konstituierend“ für eine Demokratie.
geblockt. Dazu kommen Reizwörter wie schließt, kann künftig bestimmen, was dort „Ein Zugriff auf die Inhalte im Internet
„Falun Gong“, „Mein Kampf“ oder „De- geschieht. Lawrence Lessig, dessen Ab- gefährdet dessen freiheitliche Strukturen“,
mokratie“. Dann taucht meist eine Mel- handlung „Code“ mittlerweile zum Cyber- analysiert der Medienrechtsexperte Wolf-
dung auf: technische Störung. Kanon gehört, hat vorgeführt, wie sich gang Hoffmann-Riem, der als Bundesverfas-
Eine Minderheit von Oppositionellen jedes beliebige Bedürfnis nach Kontrolle sungsrichter entscheidend die deutsche Kul-
nimmt das Katz-und-Maus-Spiel sportlich durch Änderung des Netzdesigns befriedi- tur der Redefreiheit mitgeformt hat. „Wenn
und kaschiert die Inhalte mit immer neuen gen lässt. Man muss nur über die Produk- es ausnahmsweise Gründe dafür gibt, muss
Codewörtern. Wer etwa nach Diskussio- tionsmittel der Kommunikation verfügen. strikt auf Rechtsstaatlichkeit und demokra-
nen zum Massaker auf dem Platz des So ist es technisch möglich, Europa vom tisch legitimierte Kontrolle geachtet wer-
Himmlischen Friedens sucht, gibt das Da- Rest der Welt zu isolieren, Jugendliche den.“ Stattdessen doktert eine ominöse Al-
tum ein: „198964“. Mittlerweile wird auch jedes Alters von der Nutzung beliebiger In- lianz aus Bundeskriminalamt und privaten
diese Ziffernfolge geblockt. Stattdessen halte im Netz abzuklemmen, die Identifi- Anbietern in einer Grauzone herum.
erscheint oft eine putzige Manga-Figur in zierung jedes Nutzers mit Namen, Adresse, Doch wo genau lassen sich die Grenzen
Polizeiuniform – vom Ansatz her ganz ähn- Hautfarbe und Einkommen sicherzustel- staatlicher Polizeiarbeit im Netz verorten?
lich wie das Stoppschild, das der deutschen len. Private Mächte, die tatsächlich über Schon das, was im dunklen Stuttgarter
Familienministerin vorschwebt. Teile des Netzes bestimmen, machen es Büro der LKA-Fahnder Achim Traichel
Der letzte größenwahnsinnige Versuch, vor: Wer sich bei Google oder Amazon be- macht, ist zwar effektiver als jedes Sperr-
auch die Computer jedes Bürgers unter dient, wer sich bei Facebook registriert und gesetz, aber gemessen an den Begrenzun-
Kontrolle zu bekommen, ist allerdings vor- bei Ebay handelt, ist für immer gefangen in gen des Grundgesetzes schon durchaus

Gekapptes Netz
‣ Zensur von Internetseiten nach sozialem Inhalt ‣ Zensur von Internetseiten nach politischem Inhalt
(Sexualität, Glücksspiele, Drogen, Alkohol etc.) (Opposition, Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Minderheiten, Religion etc.)

Stufen der umfassend vermutlich


Internet- weitreichend keine Anhaltspunkte für Zensur
zensur punktuell keine Daten erhoben Quelle: OpenNet-Initiative

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problematisch: Anlassunabhängige Re-
cherche nennt sich das Herumstreifen der
Ermittler im Netz – eigentlich ein Bruch
mit den Grundsätzen des Strafverfahrens,
das für Eingriffe stets einen „Verdacht“
verlangt. Erst recht für solche Eingriffe,
die sich vor Erfindung des Web 2.0 als Ver-
letzung des Fernmeldegeheimnisses dar-
gestellt hätten.
Die alten Sicherungen des Grundgeset-
zes scheinen nicht mehr zu gelten. Polizei-
rechtler wie der Bielefelder Professor Chris-
toph Gusy analysieren, wie die Bedrohung
durch das Internet die Welt verändert, vor
allem das Recht: Was Gusy „Entgrenzung“
nennt, ist für Juristen die größte Bedro-
hung, denn Recht besteht darin, anderen,
vor allem dem Staat, Grenzen zu setzen.
Entgrenzung: Wie das geht, hat Frede-
rick Töben vorgeführt, ein wichtigtuerischer
Nazi, der sich einen Spaß daraus machte,
die deutsche Justiz in die Klemme zu brin-
gen. Der gebürtige Deutsche tat in seiner
Wahlheimat Australien etwas, das hier straf-
bar ist, bei ihm zu Hause aber erlaubt war.
Er stellte eine Seite mit frechen Behaup-
tungen über die „Auschwitz-Lüge“ ins In-
ternet. Dann reiste er nach Deutschland
und ließ sich mutwillig verhaften.
Man tat ihm den Gefallen. Nach langem Protest gegen Sperrung von Internetseiten in Berlin im April: „Denken Sie an die Französische
Hin und Her entschied der Bundesge-
richtshof im Jahr 2000, dass deutsches ge – einfach weil sie kaum noch durch- Planck-Institut für Geistiges Eigentum, An-
Strafrecht verletzen könne, wer am ande- setzbar erscheint. fang Mai bei einer Konferenz zum Thema
ren Ende der Welt etwas ins Internet stellt: Recht, das sich nicht mehr durchsetzen „Zukunft des Urheberrechts“ mit Brigitte
Der Täter musste damit rechnen, „dass die lässt, löst sich von selbst auf. Was ursprüng- Zypries. „Manchmal“, so Hilty, „entsteht
Publikationen einer breiten Öffentlichkeit lich Diebstahl an geistigem Eigentum war, Fortschritt durch zivilen Ungehorsam.“
in Deutschland bekannt werden“. der illegale Download, ist für eine schnell Gewandet in feinen Zwirn schockte der
Seit diesem Karlsruher Machtwort ist wachsende Piratenbewegung zum Exempel als Sachverständiger geladene Copyright-
der Cyberspace in der Zuständigkeit der für die Befreiung der Gesellschaft geworden. Kritiker die versammelte Lobby des Ver-
deutschen Staatsanwaltschaft. Weil prak- Die private Aneignung von Information sei, wertungsrechts: „Das Urheberrecht darf
tisch jede Website jederzeit in Deutsch- so der revolutionäre Ansatz, nun mal nicht nicht zu einem Instrument gegen die Wis-
land aufrufbar ist, muss sich die Welt am angelegt in der Freiheit des Cyberspace. senschaft ausarten.“ Bisweilen diene es
bundesrepublikanischen Strafrecht messen Und wäre es nicht tatsächlich großartig, nicht der Produktion von Wissen, sondern
lassen. Und das hiesige Legalitätsprinzip grenzenlos verfügen zu dürfen über geis- seiner Blockade. Der Professor geißelte
verpflichtet deutsche Ermittler, jedem An- tige Werte? Ließen sich nicht alles Nach- überzogene Preise für Fachzeitschriften
fangsverdacht konsequent nachzugehen, denken und Aufschreiben, alle Kunst und und kritisierte, dass die Forscher oft nicht
jedem Link, jedem Schimmer von Unrecht alle Klänge, vom erdenschweren Eigen- genug Geld hätten, um die Zeitschriften zu
im Internet. Dabei sind die Wahrer der tumsrecht befreit, beflügeln zum Nutzen abonnieren, in denen sie ihre eigenen, öf-
einheimischen Gerechtigkeit schon jetzt neuer unendlicher Schönheit, neuer Er- fentlich finanzierten Ergebnisse publizieren.
mit ihren Kräften am Ende. Mehrere kenntnis? Solche Aussicht begeistert viele, Die Mehrheit der Wissenschaftsgesell-
Staatsanwaltschaften lehnen es mittlerwei- die nicht mit dem Verkauf geistiger Waren schaft, sowieso schon lange online, teilt die
le wegen Überlastung ab, die Flut der ihr Geld verdienen wollen. „Denken Sie an Gratismentalität der Downloader nicht
Strafanzeigen zu bearbeiten, die ihnen von die Französische Revolution“, warnte etwa ohne Grund. Viel Wissen entsteht durch
der Musik- und Filmindustrie wegen Ur- Reto Hilty, Direktor am Münchner Max- die Kooperation von Experten, die im Netz
heberrechtsverletzungen im Netz zugehen. so schwerelos, mühelos funktioniert. Das
Seit es möglich ist, Musik, Bilder, um- Urheberrecht ist ein Relikt der Alten Welt
fangreiche Bücher per Knopfdruck ohne – es knüpft an die persönliche Leistung,
Qualitätsverlust unendlich zu vervielfälti- die sich rentieren muss. Die neue Welt hat
gen und um die Welt zu verteilen, ist das diesem Prinzip das „Copyleft“ hinzuge-
Urheberrecht zum Problem vieler Künstler fügt, das Alternativregime zum Copyright.
geworden. Junge, internetbegeisterte New- Wie bei Wikipedia: Jeder kann mitmachen
comer wie die kalifornische Sängerin Katy – und jeder darf es gratis nutzen.
Perry bespielen das Netz zwar gern mit Die alte Welt kämpft indes weiter. Un-
kostenlosen Pröbchen ihres Könnens auf längst beschloss die französische National-
YouTube, um sich in Windeseile bekannt versammlung ein Gesetz, um die neuen
zu machen – oft pochen sie aber danach Revolutionäre in ihre Schranken zu weisen:
aufs Copyright. Doch die technische Inno- Wer beim dritten illegalen Download er-
vation stellt nun die alte Eigentumsord- Soziales Netzwerk Facebook wischt wird, dem sperrt der Staat den In-
nung für geistige Produkte komplett in Fra- Im Überschwang Anzügliches preisgeben ternetzugang.
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Titel

komplizierter. Wenn die Machthaber der ternehmen, die sich von Kunden in den
Welt dafür zuständig sind, den Autover- Schmutz gezogen fühlen.
kehr und den internationalen Luftverkehr, „Was Google an Ergebnissen liefert, ent-
den Verkehr auf den Weltmeeren und am spricht nicht dem wahren Bild unserer
Telefon in den Griff zu kriegen, warum, Kunden“, sagt Sgro.
zum Teufel, dann nicht den im Internet? Deshalb legt er für sie Profile in zahlrei-
Von der Piratenromantik der Gründer ist chen sozialen Netzwerken an, er gründet
das Netz mittlerweile so weit entfernt wie Websites in deren Namen, fahndet nach
die kriminellen Aktionen vorm Horn von positivem Material über seine Klienten und
Afrika vom „Fluch der Karibik“. Unüber- versucht, es im Ranking der Google-Treffer
sehbar ist, dass sich neben der wirklichen nach oben zu drücken. Zu diesem Zweck
Welt eine Parallelwelt im Internet entfaltet beschäftigt Sgro eine ganze Armee von
hat. Dies ist nicht der kontrollierte Kosmos Bloggern, die gegen Honorar positive oder
des digitalen Kommerzes, auch nicht der zumindest neutrale Kommentare über sei-
abgedunkelte Teil des Netzes, in dem LKA- ne Klienten veröffentlichen. 160 Blogger
Fahnder Traichel herumstreift – hier lebt aus allen Ecken des Web schreiben gele-
eine Gesellschaft, die sich selbstgerecht in gentlich für ihn, sagt er, noch in diesem
strahlender Öffentlichkeit sonnt. Jahr sollen es mehr als tausend werden.
Für den Ex-Verfassungsrichter und „Wenn ein New Yorker Chrysler-Händler
Kommunikationsrechtler Hoffmann-Riem von einem unzufriedenen Kunden diffa-
steckt hinter dem Internet „nicht nur eine miert wird, könnten meine Blogger dage-
technische, sondern auch eine soziale In- genhalten“, nennt Sgro als hypothetisches
novation“: Die Menschen, die sich hier Beispiel. Authentisch klingende Verbrau-
bewegen, entwickeln neue Einstellungen, cherurteile, in diesem Fall eben über einen
Kulturen, Verhaltensweisen und Organisa- Autohändler, können bestellt und bezahlt
AXEL SCHMIDT / DDP

tionsformen. „Das Recht, wie wir es ken- sein, ohne dass es jemand merkt. „Ich kann
nen, kann darauf nur begrenzt einwirken.“ gleich nach diesem Interview ins Netz ge-
Diese rechtlose Gesellschaft ist zuerst in hen und Sie anonym als Vergewaltiger und
den Vereinigten Staaten aufgeblüht. Die Kinderschänder diffamieren, und Sie kön-
Revolution“ neue Welt, in deren Verfassungsordnung nen nichts dagegen machen“, rechtfertigt
die „freedom of speech“ einen noch höhe- der Leumund-Bastler sein Tun.
Die Deutschen setzen lieber auf den ren Rang genießt als in Deutschland, war Tatsächlich war es noch nie so einfach,
nicht weniger problematischen Weg, der von Beginn an der ideale Nährboden für vor weltweitem Publikum seine Meinung
geschädigten Musik- und Filmindustrie eine Gegenwelt unter der Flagge der über Einzelpersonen oder Unternehmen
weitreichende Selbsthilfebefugnisse ein- Meinungsfreiheit. Facebook, Twitter, You- zu verbreiten, ganz gleich, wie begründet
zuräumen. So dürfen die Firmen zur Ver- Tube, Blogs und ständig neue Online-Com- oder wie haltlos bis heimtückisch sie ist.
folgung von Schadensersatzansprüchen munities prägen darin den Alltag. Wer sich über seine Nachbarn ärgert,
seit kurzem bei den Providern mit richter- Eine ganze Branche lebt hier bereits von kann auf rottenneighbor.com ungezügelt
licher Erlaubnis die Daten Verdächtiger der Einsicht, dass schärfere Vorschriften und anonym über die „hässliche fette
verlangen, die zuvor von Netzpatrouillen oder Klagen gegen vermeintliche oder ech- Frau“ oder den „Drogen-Dealer“ nebenan
bei ihrem Tun beobachtet worden sind. te Übeltäter wenig bringen: Sogenannte ablästern, Adresse und Satellitenbild vom
Um einzelne Delikte zu beweisen, können Reputation Manager haben es sich zur Auf- Haus inklusive. Auf Seiten wie Ripoff Re-
die privaten Copyright-Cops neuerdings gabe gemacht, den angeschlagenen Ruf port oder My3cents finden sich endlose
sogar, mit Hilfe der Polizei, in die Woh- von Privatpersonen, Firmen und Marken Listen mit negativen Verbraucherkom-
nungen mutmaßlicher Verletzer eindrin- im Netz zu reparieren. mentaren über rohes Fleisch im Restau-
gen und deren Computer durchsuchen. Carl Sgro ist einer von ihnen. Vor etwa rant oder verdreckte Hotelzimmer.
Der Streit um das einstmals in der Öf- zwei Jahren gründete er die Firma Internet Das Image selbst großer Firmen kann in
fentlichkeit kaum beachtete Urheberrecht Reputation Management in der Nähe von kürzester Zeit argen Schaden nehmen. Bei
erscheint mittlerweile manchen als Hebel, New York. Zu seinen Kunden gehören ein der Fast-Food-Kette Domino’s Pizza zum Bei-
die Welt, die alte, aus den Angeln zu he- Tierhandel, der von einer Tierschutzorga- spiel reichte ein Videoclip auf YouTube aus,
ben. Schließlich sind die neuerdings par- nisation im Internet fortwährend mit Vor- produziert von zwei Mitarbeitern aus North
teipolitisch tätigen Netzpiraten aus der würfen überhäuft wird, der Sohn eines Carolina: Einer von ihnen stopfte sich darin
Anti-Urheberrechtsbewegung hervorge- ehemaligen afrikanischen Staatschefs, der Käse erst in die Nase und dann auf ein Sand-
gangen. Deren Botschaft lautet, nach wie sich als Playboy diffamiert sieht, oder Un- wich, danach wurde es noch unappetitlicher.
vor: Im Cyberspace hat der Staat ausge- Domino’s reagierte zügig, der USA-Chef
dient. Das Netz ist unregierbar. schaltete ein Entschuldigungsvideo auf You-
Alles hängt davon ab, ob die Idee, die Tube. Doch da war das Malheur schon ge-
solchen Eifer treibt, richtig ist: Aus Sicht schehen, zwei Millionen Menschen sahen
der Eingeweihten ist das Web ein Univer- sich das Video der beiden Scherzbolde an.
sum eigener Art, eine zweite Welt, die „Vor 15 Jahren schalteten Konzerne
ihren eigenen Gesetzen folgt und der Ers- große Werbekampagnen zur Imagepflege,
ten Welt eine kaum tragbare Argumenta- und das war’s. Heute müssen Sie unmittel-
tionslast aufbürdet: Warum, zum Teufel, bar auf einen Blog-Beitrag oder ein Video
wollt ihr euch einmischen? reagieren können“, sagt Leslie Gaines-
Ratlos stehen Juristen und Politiker vor Ross. Sie ist Chief Reputation Strategist
dieser Frage. Für sie ist das Internet eine der internationalen PR-Agentur Weber
von vielen Strukturen der ihnen anver- Shandwick und seit 20 Jahren im Geschäft.
trauten Wirklichkeit, eine Regelungsauf- Website der „Piratenpartei Berlin“ Zurzeit hat sie besonders viel zu tun, zum
gabe wie jede andere auch, wenn auch viel „Fortschritt durch Ungehorsam“ Beispiel durch Wall-Street-Kunden, die
d e r s p i e g e l 3 3 / 2 0 0 9 75
Titel

Rufmörders“ heißt das Buch, das der Ver-


Die größten Internetnationen Netznutzung
folgte – offline – schließlich über sein
Stand: 31. März 2009
2008, Datenvolumen Schicksal geschrieben hat.
in Prozent Blut spritzt aus dem Kopf eines Lehrers,
22 ein Schüler hat ihn mit mehreren Schüssen
Internetnutzer Anteil der niedergestreckt, so scheint es. Über dem
Bevölkerung Web ......................... 45 Bild die Nachricht: „Zum Tode verurteilt“.
China in Prozent Das Opfer, ein bayerischer Lateinlehrer,
298 fand keinen Weg, sich gegen das Cyber-
Mobbing bei YouTube zu wehren. Die
Millionen
Schüler waren begeistert, der virtuelle Mör-
Rechnernetzwerke der wurde nie gefunden.
Peer-to-Peer .............. 25 Das Internet – ein Polizeistaat ohne
75 Staat: Wer sich in das soziale Netzwerk
Facebook einklinkt, das tun zurzeit etwa
USA Streaming 250 Millionen Menschen, geht seiner Per-
227 z. B. Web-Radio
und Web-TV.................. 8
sönlichkeitsrechte oft verlustig. Der Welt-
konzern der freien Kommunikation behält
E-Mail ......................... 6 sich vor, sämtliche Infos und Bilder, die
74 Internettelefonie ..... 3 von der Gemeinde in die Foren eingestellt
Spiele ......................... 2 werden, zu verwenden und auch an Dritte
Japan Sonstiges ................11 zu lizenzieren, bis der Nutzer sie „löscht“.
Doch auch nach dem „Löschen“ bleiben
94 7 72 die Daten auf den Servern als Sicherungs-
Quelle: New
Scientist, kopie erhalten. Oftmals sind peinliche
Indien 34 67 Internet Fotos zu diesem Zeitpunkt längst reprodu-
44 World Stats
ziert und an anderen Stellen im Netz ver-
81 Brasilien öffentlicht worden. Menschen verkaufen
55 Groß- ihren Schatten – umsonst und für immer.
Nutzer weltweit 68 britannien Leute, die im Überschwang Anzügliches
1,6 Milliarden Deutschland
über sich oder andere preisgegeben haben,
können dies niemals wieder zurückrufen.
Mit den leichtfertig an das Paralleluni-
versum verratenen Informationen ist es
sich um das Ansehen ihrer Häuser und alle“ ist die Seite überschrieben, auf der die schlimmer als mit Atommüll. Sie haben
Führungskräfte sorgen. Rechtsaktivisten bis heute Steckbriefe ihrer nicht einmal eine Halbwertszeit. Im Inter-
Ihren Kunden empfiehlt sie, mindestens Gegner sammeln. Verboten oder erlaubt? net gibt es keine Zeit und keinen Zerfall.
einmal täglich das Meinungsbild über ihren Die Frage stellt sich nicht. Denn der Autor „Netzwerke wie studiVZ oder Facebook
Konzern im Internet zu erfassen, in Blogs, der Seite ist unbekannt, der Server steht in protokollieren einfach alles mit, jede Nach-
auf Facebook oder wo auch immer Firmen- Aserbaidschan, die Domain gehört einem richt, jedes Foto, jedes Gruscheln“, sagt der
name oder -produkte auftauchen. „Das ist Rechtsanwalt in Liechtenstein. Kaiserslauterner Informatikprofessor Hen-
absolut entscheidend“, sagt sie, „Sie können Seit sieben Jahren hetzen zwei Brüder drik Speck, „aber es gibt ein Problem. Die
zwar nichts auslöschen, aber Sie können den anerkannten Musiktherapeuten Hans- meisten Netzwerke sind unterfinanziert
manches tiefer im Internet vergraben.“ Helmut Decker-Voigt durchs Netz. In immer und verramschen daher diesen einmaligen
Anders als in Europa gibt es keinen neuen Interneteinträgen verunglimpfen sie Datenschatz zu Schleuderpreisen.“
grundsätzlichen Schutz der Privatsphäre ihn und ziehen seine wissenschaftlichen Im Kleinen wird mit dem Datenschatz
oder personenbezogener Informationen. Titel in Zweifel. Rechtliche Gegenwehr war schon rege geschachert. „Zurzeit ist ein
Leute, die im Netz beschimpft oder belästigt zwecklos: Gut beraten, tauschten die bösen Profil etwa einen Cent wert“, sagt Speck.
oder deren Informationen weiterverkauft Kollegen ihre Formulierungen geschwind Er ruft am Notebook das Entwicklerforum
werden, können dagegen juristisch oft we- gegen harmlos klingende aus, wenn juristi- von Facebook auf. Dort treffen sich die
nig tun. Nur bestimmte Berichte – Arztak- sche Schritte drohten. Schließlich sah sich Autoren kleiner, lustiger Spielereien, so-
ten oder Bankdokumente – sind geschützt. die Leitung der Musikhochschule genötigt, genannter Applications, mit denen sich
Dass im Netz das Recht nichts wert sei, für den Mann eine öffentliche Ehrener- zum Beispiel virtuelle Blumen verschicken
ist diesseits des Atlantiks für die deutsche klärung abzugeben. „Vom Selbstmord des lassen. Doch viele davon sind Danaer-
Justizministerin nicht nachvollziehbar: geschenke, die im Grunde nur dazu die-
„Glasklar“ sei doch die Rechtslage, so Zy- nen, Daten von Kunden auszuschnüffeln.
pries: „Was offline verboten ist, ist online Im Forum geht es zu wie auf einem Ba-
ebenso verboten.“ sar: „Ich verkaufe über 13 000 Oxford-Stu-
Das mag so sein, doch es mangelt ganz denten“, schreibt einer. Ein anderer bietet
offensichtlich am Vollzug. „10 K active users“ an: 10 000 aktive Nut-
KARSTEN SOCHER / KS-FOTOGRAFIE

Denn auch im überregulierten Europa, zer, also keine Karteileichen, für 121 Dollar.
auf dem Kontinent des Persönlichkeitsrechts Und ein Programm zum Verschicken von
und der verfassungsrechtlich garantierten Grußkarten steht für 50 000 Dollar zum
Menschenwürde, ist der Schutz von Opfern Verkauf – eine halbe Million Facebook-
der Netzwelt schwer durchzusetzen. Nutzer haben es installiert. Um sein Ange-
In Dortmund fanden junge Leute, aktiv in bot tobt eine Diskussion im Forum: 10 Cent
der linken Szene, ihr Konterfei mit Anga- pro Nutzerdatensatz? Wucher.
ben zu Familie, Freunden und Adresse auf Denunziations-Website (rottenneighbor.com) Zunehmend machen sich die Datenkra-
einer Neonazi-Seite wieder: „Wir haben sie „Die Chefin ist ’ne Nazi-Schlampe“ ken sogar an Kinder heran. Soziale Netze
76 d e r s p i e g e l 3 3 / 2 0 0 9
Titel

Ministerinnen Zypries, von der Leyen


Kämpfer um die Hoheit im Cyberspace

ren der Netzwelt nicht wirklich näher. Die


Verursacher des Netzmülls dingfest zu ma-
chen ist nahezu unmöglich. Eine Art In-
haltspolizei müsste in die Lage versetzt
werden, elektronisch die Spuren des Mobs
zu seinen Äußerungen zu sichern, also In-
halte und Personaldaten zuzuordnen und
zu registrieren. Einzelne Staaten können
dies nur unter Abschottung ihres Netzes
versuchen – sie müssten ihre Bürger vom
globalen Internet abhängen.
Je wilder und gefährlicher das Netz

GERO BRELOER / AP
wird, desto deutlicher scheint sich die Fra-
ge nach dem Erlaubten zu verbieten. Mit
Gewalt ist nichts zu machen. Mit Recht
auch nicht. Wer will da noch aufräumen?
Es geht nicht.
Seiten blockiert DNS-Sperre
Steht die gesuchte Adresse auf einer schwarzen Liste,
Es muss aber.
Es muss vor allem eine Denkblockade
Mögliche Internetsperren leitet der DNS-Server den Nutzer zu einer Stoppschild- durchbrochen werden: Recht und Ordnung
1 Der Nutzer 2 Ein Namens- seite. Nachteil: leicht zu umgehen. ohne Staat scheinen bislang nicht vorstell-
tippt eine Web- server (DNS-Server) bar. Und ein Verzicht auf die herkömm-
Adresse ein, um ordnet der Adresse lichen Mechanismen der staatlichen Ho-
eine Internetsei- eine Zahlenabfolge Provider Zielrechner heitsgewalt in der Netzgesellschaft scheint
te aufzurufen. zu, die IP-Adresse. mit DNS- mit krimi-
nellen ins Chaos zu führen.
Server
Seiten Tatsächlich war es ja der exklusive Ho-
http://www......
heitsanspruch, der einst den Fortschritt der
Damit kann der Neuzeit eingeleitet hat. Seine Erfindung mit
Computer des IP- Sperre der Verkündung des ewigen Landfriedens
Nutzers den Der Datenverkehr zum Zielrechner wird direkt blockiert. im Heiligen Römischen Reich Deutscher Na-
Zielrechner direkt Schwerer zu umgehen. Nachteil: „Saubere“ Webpages tion und der Gründung des Reichskammer-
ansteuern. auf dem gleichen Rechner werden ebenfalls gesperrt. gerichts 1495 folgte kurz auf die Entwicklung
der beweglichen Lettern durch Johannes
wie webkinz.com locken Minderjährige sche Datenschützer; sie trafen sich zu ei- Gutenberg. So endete durch staatlich garan-
mit einem putzigen Layout und bieten nem Krisengipfel – nur um festzustellen, tiertes Recht und geistige Aufklärung das
ihnen an, digitale Tiere zu „adoptieren“. dass die Verletzung des Persönlichkeits- dunkle Zeitalter, in dem private Mächte,
„Komm rein und spiele“, so werden die rechts der Hauseigentümer nicht unmit- Kirchenfürsten, Aberglaube regierten.
Kinder von einer netten Gans begrüßt, telbar drohe. Immerhin setzten sie bei Der digitale Fortschritt könnte nun die
dann müssen sie anklicken „ich akzeptie- Google durch, dass Eigentümer, die ihr zivilisierte Welt in die Zeit der Selbstjustiz,
re die Geschäftsbedingungen“ und werden Haus durch die Digitalisierung in Gefahr des Faustrechts zurückführen. Der Staat,
aufgefordert, nur wirkliche Daten einzu- sehen, auf Nichtveröffentlichung des Ab- will er überhaupt noch ernst genommen
geben, mit der Drohung: „Möglicherweise bilds bestehen können. werden, muss sich, demütigend genug, mit
wirst du später aus Sicherheitsgründen Einem Staat, der die Kontrolle über die den selbstherrlichen Lehnsherren des Cy-
nach diesen Informationen gefragt.“ Fir- Parallelwelt des Internets zurückgewinnen berspace, den Googles und Facebooks, den
mensitz ist in Ontario, Kanada. will, bleibt ein letztes Mittel: Ausweiskon- Providern und der Lobby der IT-Industrie
Speck denkt über Selbsthilfe im rechts- trolle. Bevor die Staatsbürger in den Cyber- gemeinmachen.
freien Raum nach. Ein von seinen Studen- space abschweben, so könnte es gehen, Geistiges Eigentum, Computercodes, die
ten entwickeltes „Helloworld Network“ müssen sie sich mit Name und Adresse die Welt beherrschen, ja selbst die Privat-
soll all das bieten, was die sozialen Netze identifizieren. Die deutsche Justizministe- sphäre der Menschen – all dies ist fest in
groß gemacht hat: kuscheln und plaudern, rin, die solche Modelle prüfen lässt, hat den Händen digitaler Multis. Die greifen
Fotos tauschen, anstupsen und wegklicken. den großen Guru auf ihrer Seite. „Der ins Alltagsleben der Gesellschaft ein, ohne
Das Ganze allerdings ohne eine zentrale Trend zur Identifikation im Netz ist nicht
Datenspeicherung. zu stoppen“, das verkündet Lawrence Les-
Was darf, glasklar bitte, Google? Wenn sig seit langem.
die Akteure der digitalen Welt sich in die Schon jetzt macht der Staat erhebliche
analoge Welt der Wirklichkeit herablassen, Anstrengungen, Worte und Bilder im Netz
reagiert der Staat oft gar nicht mehr – oder ihren Autoren zuzuordnen; es hilft ihm
hilflos. Das müssen derzeit die Chauffeure etwa die nun gesetzlich vorgeschriebene
der Google-Autos erleben, die überall auf Vorratsdatenspeicherung bei den Provi-
der Welt, auch in deutschen Städten, mit dern. Sie macht es möglich, IP-Nummern
Kameras bestückt umherfahren, um für bis zum Anschlussinhaber zurückzuverfol-
Google Street View Echtbilder von Stra- gen. Auch ließen sich Surfprotokolle der
ßenzügen mit Häusern und Bäumen an- Web-Besucher anfertigen – Gesetze hierfür
zufertigen. sind bereits in Arbeit.
Die Idee, die ganze Welt zu fotografie- Gleichwohl kommt der Staat, der die „Zensursula“-Kritik
ren und ins Netz zu stellen, irritierte deut- Identität der User überwacht, den Gefah- Schnüffeln in der Grauzone
78 d e r s p i e g e l 3 3 / 2 0 0 9
weiter zu fragen. Jüngst erlebten so Kunden
von Amazon, dass sie ein dort erworbenes
digitales Buch in ihren Lesegeräten nicht
mehr vorfanden: Amazon hatte es wegen
Lizenzproblemen wortlos aus dem digitalen
Bücherregal der Kundschaft entfernt.
Es ist natürlich Zufall, dass der Titel des
Werks, das von der Cyber-Obrigkeit kon-
fisziert wurde, ausgerechnet George Or-
wells Polit-Fiktion „1984“ war. Tatsächlich
aber nähert sich die Internetgemeinde mit
großen Schritten dem Zustand, in dem –
wie einst bei Orwell – der Einzelne und
sein Privatleben nichts mehr gilt. Cloud
Computing ist der Name einer Technolo-
gie, die nun die IT-Märkte aufmischt: Glo-
bale Konzerne wie Google und Microsoft
bieten Plätze im siebten Himmel des In-
ternets an – in ihren gigantischen Server-
Farmen. Alles, was herkömmlich die User
in ihren eigenen Computern dezentral an
digitalem Aufwand treiben, könnte künftig
in sogenannten Wolken stattfinden. Bürger,
vergesst eure Festplatten, eure Videospie-
le, eure teuren Anwendungen, vergesst
eure elektronischen Briefkästen vor Ort,
eure Ordner mit Liebesbriefen und ver-
traulicher Geschäftskorrespondenz; Un-
ternehmer, vergesst jede teure Firmen-
Software, dies alles wird künftig zentral
vorgehalten. Die User der Welt brauchen
gar keinen Computer mehr, wie man ihn
bisher kannte – sie brauchen nur noch eine
Flatrate-Verbindung zur Wolke.
Das sei, sagt ganz offen Frank Fischer,
Manager bei Microsoft, nichts für Leute,
die Geheimnisse haben: „Wenn man Wis-
sen behalten will, darf man es nicht nach
außen geben.“ Das Modell wird sich trotz-
dem durchsetzen, einfach weil es viel ren-
tabler ist, Rechenleistung zu mieten, statt
sie milliardenfach daheim vorzuhalten wie
Kartoffeln im Keller.
Alles, was der Medienexperte Hoff-
mann-Riem aus dem Grundgesetz für die
Freiheit der Kommunikation herausgele-
sen hat, scheint in dieser wolkigen Gesell-
schaft in Frage gestellt. Das raffinierte Sys-
tem der deutschen Kommunikationsland-
schaft, der öffentlich-rechtliche Rundfunk,
die Ordnungsmacht der Landesmedien-
anstalten, die feinsinnig konstruierten Gre-
mien für Jugendschutz, die Datenschutz-
beauftragten: Die im Netz pfeifen drauf.
So sieht auch der Jurist Hoffmann-Riem
die Notwendigkeit, über die Rolle des
Rechts und des Staates neu nachzudenken.
„Neue rechtliche, aber auch nichtrechtliche
Regelungsmechanismen“, so denkt nicht
nur der ehemalige Verfassungsrichter, müss-
ten in der neuen Netzgesellschaft gefunden
werden. Tatsächlich hält das Netz solche
Mechanismen bereit. Der „Code“ (Law-
rence Lessig), das technische Design der
Netzwelt, ist beliebig einsetzbar, manipu-
lierbar. Mit Filter-Software lassen sich der
Input wie der Output an Informationen
steuern. Ein paar Stellschrauben im Cyber-
space gedreht – und schon ist die überprüf-
d e r s p i e g e l 3 3 / 2 0 0 9 79
MICHAEL KAPPELER / DDP
Kamerawagen von „Google Street View“ in Berlin: Der Staat reagiert gar nicht mehr – oder hilflos

bare und öffentliche Identifizierung jedes die Hoheit der Staaten relativieren. Die eine Chance als eine Gefahr: Es kann als
Benutzers global möglich. Ordnung der Welt im Umgang miteinan- digitale Weltöffentlichkeit die Kontrolle je-
Doch solche Zensur, von welchem welt- der formiert sich um Instanzen der Fi- ner globalen Player innerhalb und außer-
weit installierten Mechanismus auch immer nanzwelt, aber auch um einflussreiche halb des Netzes ermöglichen, die von den
verfügt, ist schwer zu dosieren. Versuche, Non-Governmental Organizations (NGOs) nationalen Demokratien nicht mehr zu be-
per Filter schmutzige Wörter aus dem Ver- wie Greenpeace oder Menschenrechts- herrschen sind.
kehr zu verbannen, führen schnell zu ku- gruppierungen. Weltweite Handelsab- Aus der räsonierenden Öffentlichkeit
riosen Ergebnissen. So diskutiert die US- sprachen und dazugehörige Institute wie der Staatsbürger wird im Cyberspace die
Netzgemeinde den Fall, dass ein Chat über die Weltgesundheitsorganisation begren- kritische Öffentlichkeit der Netzbürger.
Brustkrebs unmöglich wird, weil „Brust“ zen staatliche Souveränität ebenso wie Dies allein ist kein Freibrief, der die Ak-
von amerikanischen Tugendwächtern zum Völkerrechtssysteme, die etwa staatliche teure von den nationalen Gesetzen ent-
verbotenen Wort erklärt worden ist. Und Machthaber, wenn sie Verbrechen gegen bindet, auch nicht vom Urheberrecht –
sollen tatsächlich alle Texte, in denen das die Menschlichkeit begehen, einer eigenen, vielmehr eine doppelte Verantwortung.
Wort Terror vorkommt, automatisch zum nichtstaatlichen Strafgerichtsbarkeit unter- Denn in dieser Weltsicht sind Staatsbür-
Bundeskriminalamt umgeleitet werden? ziehen. Der Nicht-Staat Europa gängelt ger und Netzbürger dieselben Personen.
Der Frankfurter Rechtssoziologe Gun- die Mitgliedstaaten bis an die Schmerz- So, wie jemand Deutscher und Europäer,
ther Teubner weist auf die „fundamentalen grenze. aber niemals nur Europäer ist, so kann er
Probleme“ einer digitalen Ordnung hin: Den Analysen Sassens zufolge gehen die Deutscher und Netizen sein, aber nicht nur
Anders als das Recht kann sie analoge Be- Staaten der alten Welt nicht etwa unter – Netizen.
griffe der alten Welt wie Verhältnismäßig- sie müssen ihre Macht nur teilen mit ande- Recht ohne staatliche Instanzen: Die
keit, Abwägung, Billigkeit, Ermessen nicht ren Instanzen der Globalisierung: „Der globale Welt wird zunehmend von Mäch-
verarbeiten. Die Guillotine der digitalen Staat ist nicht mehr denknotwendig für den ten in Ordnung gehalten, die Ursula von
Entscheidung vollstreckt mit elektronischer politischen Prozess.“ Entsprechend verliert der Leyens Ministerium eher als leer-
Präzision: ja oder nein, ein oder aus, tot er sein Monopol bei der Regelung und drehendes Miniaturrädchen in einer über-
oder lebendig. Für Gerechtigkeit, auch nur Durchsetzung einer politischen Ordnung. komplexen Maschine erscheinen lassen.
für Vernunft, ist da kein Platz. Doch eine Relativierung staatlicher Statt nationaler Räuber-und-Gendarm-
Die tödliche Automatik eines selbstexe- Macht muss kein zivilisatorischer Rück- Aktionen im Weltraum der Kommunika-
kutierenden Netz-Codes lässt sich nur schritt sein. In der Theorie Sassens jeden- tion braucht es ein postnationales Netz-
durch die altmodische Einrichtung mensch- falls ist das weltweit offene Internet mehr regime.
licher Entscheidung korrigieren. Einer Die Frage ist nur, wie Recht ohne Staat
muss entscheiden, auch im Netz. Wenn es entstehen und durchgesetzt werden soll. Als
nicht staatliche Instanzen allein sein kön- „Gutmenschentum“ verspottet Rechtsso-
nen – wer dann? ziologe Teubner die wiederholten vergeb-
Seit langem weisen Politikwissenschaft- lichen Versuche, dem Internet eine Art zi-
ler und Rechtssoziologen darauf hin, dass vilisierte Weltverfassung durch zwischen-
der Fall Internet so einmalig gar nicht ist. staatliche Verhandlungen zu unterlegen.
Die New Yorker Soziologin Saskia Sassen, Wie sollen sich auch maßgebliche Mächte
eine der zurzeit meistzitierten Analytike- wie China und Frankreich, Iran und Ame-
rinnen der politischen Globalisierung, sieht rika über gemeinsame Regeln allein zur
den transnationalen Cyberspace als eines Meinungsfreiheit, zum Recht der persön-
von mehreren Symptomen für die Entste- lichen Ehre, zum Schutz des geistigen Ei-
hung einer neuen politischen Ordnung. gentums einigen – oder gar über so deut-
Global und zumeist auch digital sind Interaktive Landkarte sche Spezialitäten wie die Strafbarkeit des
neue Mächte entstanden, die schon länger Datenschutz oder Datenschatz? Holocaust-Leugnens?
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GIULIO MARCOCCHI / SIPA PRESS (L.); MAURIZIO GAMBARINI / PICTURE-ALLIANCE/ DPA (U.)
Internettreffen beim Parteitag der US-Demokraten in Denver 2008: Gegenwelt unter der Flagge der Meinungsfreiheit

Doch nicht nur im Kriegsrecht oder im ner „digitalen Verfassung“ geführt haben, Freiheit zuerst – keine staatliche Verfas-
Handelsrecht gibt es eine normative Kraft die auch ohne völkerrechtliche Anerken- sung der Erde, nicht die Menschenrechte
des Faktischen. Ähnliches steht nun im nung Geltung gewonnen hat: ein faktischer und kein göttliches Gesetz haben die Juris-
Internet an. Die EU-Kommissarin Viviane Minimalkonsens. ten von Icann für diese Erkenntnis zitiert.
Reding forderte erst kürzlich eine pluralis- Da verklagte der Ölmulti TotalFinaElf Sie haben es einfach hingeschrieben. Weil
tisch organisierte Weltaufsichtsbehörde den Umweltschutzmulti Greenpeace, weil irgendjemand ja entscheiden muss.
über die gute Ordnung im Netz – mit die NGO unter der Domain oil-of-elf.de Recht ohne Staat: Möglicherweise ist das
„mehr Rechenschaftspflicht, mehr Trans- gegen den Konzern polemisiert hatte. Das allmächtige Netz die erste globale Entschei-
parenz, mehr Demokratie“. Landgericht Berlin entschied den Welt- dungsstruktur, die tatsächlich den interna-
Eine „Lex digitalis“, so etwas wie eine rechtsstreit nach Berliner Landrecht und tionalen Zirkus der von den Staaten ange-
Cyber-Verfassung, ist nach Teubners Be- verbot 2001 vorläufig die Greenpeace- triebenen Konsenssuche ersetzen kann. Nie
obachtungen auf dem Weg, analog zu einer Aktion, weil sie das Namensrecht des Öl- zuvor hat es ein Instrument der weltweit
„Lex mercatoria“, die den Weltmarkt der giganten missbrauche. Die nächste Instanz gleichberechtigten und diskriminierungs-
Waren regiert. Die ersten Spuren einer sol- entschied für Greenpeace: Das Grundrecht freien Teilhabe gegeben – an Diskussionen
chen Netzweltordnung wurden von der auf politische Äußerungsfreiheit gehe vor über die Netzgrundsätze, die die Welt be-
technischen Welt-Netzaufsicht, der Icann Namensrecht. herrschen.
(Internet Corporation for Assigned Names Weil das Kapern von Domain-Namen Die Icann, die sich als eine Art Betaver-
and Numbers), gelegt. wiederholt als Waffe im Meinungskampf sion einer Weltinternetregierung betrach-
Die Netzinstanz in einem Vorort von genutzt worden ist und weil umgekehrt ten lässt, hat die Chance, sich zu moderni-
Los Angeles ist ein Provisorium, das doch eine ganze Legion von Juristen weltweit sieren. Am 30. September läuft ihr umstrit-
zugleich ein anschaulicher Beweis für die solche Piraterie zu verhindern sucht, gibt tenes Memorandum mit der US-Regierung
normative Kraft tatsächlicher Entwicklun- es mittlerweile auch Entscheidungen des aus – ein idealer Zeitpunkt, das durchaus
gen ist. Weil es nichts Besseres gibt, re- Schiedsgremiums der Icann, einer Art zukunftsweisende Modell in eine suprana-
giert der ehemalige Freundeskreis von Welt-Netzgericht. Dort schrieben die Hü- tionale unabhängige Instanz zu verwandeln,
Computerwissenschaftlern der Universität ter des Cyberspace den folgenreichen Satz: ausgestattet mit weitreichenden Befugnis-
nun unter Obhut und Aufsicht des US- „Das Internet ist vor allem das Gerüst der sen und Mitteln. Es fehlt nicht an Vorschlä-
Handelsministeriums. Das Erstaunlichste globalen Kommunikation, und die Freiheit gen dafür.
an diesem Computerclub: Er funktioniert. des Wortes sollte eine der Grundlagen des Die Bundesregierung ist bislang nicht mit
Schon heute stellt Icann eine wichtige Internetrechts sein.“ wegweisenden Ideen zur künftigen Gestal-
Kontrollmacht für das Netz dar. Mit zu- tung der Internetgovernance hervorgetre-
nehmend umstrittener Autorität verwal- ten. Es mangelt nicht nur an einer umfas-
tet die Kommission die Domains. Und weil senden Strategie, sondern schlicht an Sach-
die Cyber-Behörde die Hoheit über alle verstand, wie der Vorstoß von der Leyens in
Top-Level-Domains – .org, .com, .net – Sachen Internetsperren wieder gezeigt hat.
hat, kann sie die Auffindbarkeit ungehor- „Von allein“, sagt Saskia Sassen, „funk-
samer Teilnehmer, etwa eines unseriösen tioniert die Demokratie im Netz nicht“, es
Finanzstandorts, im Netz deutlich er- werden Moderatoren gebraucht, Organisa-
schweren. toren, Vermittler, auch Aufpasser. Die er-
Der Besitz von Domains ist unersetzliche fahrensten Kräfte der Welt – der analogen.
Ressource für den Zugang zum Weltkom- Da wartet eine dringende Aufgabe auf
merz wie zur Weltöffentlichkeit im Netz. So den Club der guten alten Staaten.
sind es gerade Regeln und Rechtsstreitig- Thomas Darnstädt, Frank Hornig,
keiten über die Internetadressen, die nach Videobotschaft des US-Präsidenten Obama Martin U. Müller, Marcel Rosenbach,
Hilmar Schmundt
Beobachtungen Teubners zum Nukleus ei- Instrument der Teilhabe
d e r s p i e g e l 3 3 / 2 0 0 9 81