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Gedanken zum Bedingungslosen Grundeinkommen

(Petition von Susanne Wiest).

Von Uwe Habricht, Berlin 10/2010

Unser derzeitiges System basiert auf einer Ideologie der Arbeit. Tagtäglich wird uns der „Unwert der Arbeitslosigkeit“ um die Ohren geschlagen. Der Wert der Arbeit bleibt dabei auf der Strecke. Hauptsache, wir sind beschäftigt. Denn dann befinden wir uns in Abhängigkeit. Arbeit macht frei? Wen?

Grundlage dieser Ideologie wurde unfreiwillig Karl Marx und dessen Analyse der kapitalistischen Ausbeutung des Menschen durch den Menschen (eigentlich als Kritik des Kapitalismus), die nun in pervertierter Form durch die Hintertür wieder als (innerer und äußerer) Arbeitszwang herein kommt. Dabei wurde die Arbeit, eigentlich erkannt und verstanden als produktives Schaffen und als Teil des Mensch-seins, verzerrt und verformt zu einem „Arbeitsfetisch“, auf dessen Grundlage nun jeder Arbeitslose nicht mehr als vollwertiges Mitglied unserer „Leistungsgesellschaft“ gilt. Dabei erscheint es egal, ob dieser „Arbeitslose“ auch weiterhin produktiv ist, es reicht, dass dieser nicht von jemand anderen „beschäftigt“ wird.

Interessant in diesem Zusammenhang auch das Begriffspaar „Arbeitgeber – Arbeitnehmer“. In ihm wird suggeriert, dass der Arbeitgeber ein Gebender ist und der, der die Arbeit ausführt, ein Nehmender. Hier wird eine Eltern-Kind-Matrix eröffnet, die den Arbeitnehmer in ein Kind-Ich fixiert und den „Arbeitgeber“ in ein Eltern-Ich. Diese Komplementarität findet sich in allen Bereichen. Wenn Journalisten in Fernsehsendungen fragen, wer uns (Deutsche) „am besten regiert“, dann ist es die Frage eines Kindes nach seinen guten Eltern. Das Thema der Organisation von Arbeit tangiert also gewissermaßen auch Fragen des Erwachsen-werdens, der Verantwortung, die Menschen für sich und für die Gemeinschaft haben. Die Struktur der Gesellschaft, in der wir noch heute leben, ist eine Struktur von Abhängigen, nicht von freien Menschen.

Auch interessant zu beobachten, wie immer wieder die Attribute „sozial“ und „finanziell“ gleichgesetzt werden. Man denke an: „Soziale Absicherung“, „Soziale Armut“, die „Sozial Schwachen“, etc., bla bla.

Dabei ist es ganz klar. Jene Probleme,

angesprochen werden, sind nicht sozialer, sondern finanzieller

die

hier

mit

dem

Attribut

"sozial"

Natur.

Wenn mir das Arbeitsamt, die Renten-, die Krankenkasse, oder das „Sozialamt“ beispielsweise „verspricht“, mich „sozial abzusichern“, dann ist das eine Anmaßung, eine Unterstellung und eine Lüge!

Diese Behörden sichern mich lediglich finanziell ab. Ich brauche nicht „sozial abgesichert“ zu werden, denn das mache ich bitteschön selbst. Schließlich bin ich mündig und von Hause aus ein soziales Wesen.

Wem nützt es, den finanziellen und materiellen Aspekt mit dem Sozialen Aspekt des Lebens gleichzusetzen? Was für eine Realität wird geschaffen, wenn wir beides vermengen; was macht das mit unserem Selbst(Wert)Gefühl? Der Kapitalismus als Struktur basiert auf diese neurolinguistischen Abwertungen der menschlichen Natur, um den Wert des Menschen schon im Ansatz mit solchen Verzerrungen in der Amts- und Umgangssprache herab zusetzen und funktionell zu überformen!

Da kommt mir das Konzept eines „bedingungslosen Grundeinkommens“ wesentlich ehrlicher und menschenwürdiger daher; sowohl von seiner Implikation, als auch von der Wirkung. Denn in diesem Konzept wird das Soziale, also das, wofür jeder Mensch selbst die Verantwortung trägt und tragen sollte, von der Lebensgrundvoraussetzung des Materiellen/ Finanziellen getrennt. Es lässt dem Einzelnen seine Würde, seine Freiheit und seine individuelle und soziale Verantwortung!

Jeder entfaltet sein kreatives Potenzial doch am Besten, wenn er nicht mehr von der Angst beherrscht wird. Unsere Angstgesellschaft erzeugt Druck - daraus resultiert „technischer Fortschritt“. Macht der uns glücklicher? Um welchen Preis?

Im Grunde werden wir permanent genötigt, unsere Angst vor Arbeitslosigkeit zu händeln. Sie bestimmt unser Leben, ohne, dass wir es merken. Wir haben uns an die Abwehr dieser Angst gewöhnt. Es zählt nicht mehr die Arbeit, sondern die Erhaltung eines Arbeitsplatzes. Und Abwehrmöglichkeiten werden genug geboten, davon lebt das System: Von einer Ideologie, die einem Fortschritt hinterher jagt, der keiner ist:

Wir sind beschäftigt – nur nicht still stehen, nur nicht still sein, wir könnten mit dem Wesentlichen, jenseits aller Fortschrittsgläubigkeit, in Kontakt kommen.

Nein, ich rede nicht davon, still zu stehen. Aber Bewegung unter permanenten Druck ist auch Stillstand. Denn es ist Bewegung in immer denselben Bahnen; Bewegung, die ständig das Falsche wiederholt. Echte Bewegung, Veränderung, Wandel gelingt mit der Ruhe und Stille als Freund, nicht als Feind.

In einer Gesellschaft, in der wir längst die Ressourcen für ein Bedingungsloses Grundeinkommen haben, wird es Zeit, die Grundlagen echter Freiheit zu schaffen, anstatt "Freiheit" als Götze vor uns her zu schieben, der uns in Wirklichkeit versklavt.

Arbeit macht frei? Nein! Das Verwirklichen der eigenen Berufung und Lebensaufgabe macht frei. Um diese zu erkunden bedarf es echter positiver beziehungsorientierter und handlungsorientierter Erziehung. Eines Bildungssystems der Kreativität auf der Grundlage der Freude am Entdecken und Erschaffen, nicht der Angst vor schlechten Noten. Stattdessen werden unsere Kinder in „Informationsanstalten“ mit Theorien versorgt, deren Wiederkäuen mit Zensuren belohnt wird. Wir sind längst angekommen an den Grundlagen, die wir für die Befreiung aus der selbstgewählten Unmündigkeit und Knechtschaft brauchen.

Mein Plädoyer: Jeder soll ein Dach über den Kopf und genug zu essen haben. Die Voraussetzungen dafür sind gegeben, wenn auch nicht institutionaliert. Sogar ein Recht auf Faulheit wäre damit verwirklicht. Denn erst dann kann auch sie erfahren und höchstwahrscheinlich abgelegt werden. Denn Faulheit gehört eigentlich nicht zur menschlichen Natur. Wenn wir sie uns aber nicht erlauben als Option, dann lauert sie im Dunkel und treibt von dort aus Blüte. Dann erschaffen wir Institutionen, die sie, die Faulheit, bekämpfen wollen und sie permanent, weil nicht erlöst, neu erzeugen. Niemand lernt aus Bevormundung!

Dann liegt es in der Verantwortung eines jeden Einzelnen, was er aus seinem Leben macht. Das ist echte Freiheit ohne Bevormundung durch die gängelnde Schnüffelbürokratie, die sicherlich mehr kostet, als das BGE für jeden Bürger. Ehrliche Erziehung, die an den Stärken eines jeden Individuum ansetzt, ist dann Grundvoraussetzung für das Erlernen jener Kompetenzen, mit der der Einzelne seine Freiheit ausgestalten kann - im besten Falle zum Wohle der Gemeinschaft. Aber nicht als Ideologie, wie im Kommunismus. Der Erwachsene, der durch eine liebevolle und positive (ihn als Individuum bejahende) Erziehung sich und seine Fähigkeiten kennen gelernt hat, kann sie dann in den Dienst der Gemeinschaft stellen und dafür entsprechend bezahlt werden. Die Zeiten, in denen jeder zum Egoismus gezwungen wurde, sind dann vorbei. Jeder bestimmt dann selbst seinen Lebensstandard.

Das wäre für mich die Vision einer ideologiefreien Gesellschaft ohne Gängelung und ideologischer Bevormundung. Die gegenwärtige Gesellschaftsform der Erpressung und verlogenen "Erziehung" (eigentlich nur Manipulation zu Konsum, Theoriefressen und Verblödung) wäre dann überwunden.

Auch die Zeiten der Feindbilder wäre dann vorbei, da jeder in der eigenen Verantwortung für die Gestaltung seines Lebens steht. Keiner muss sich für das „Richtige“ des anderen zuständig fühlen. Wenn die Feindbilder abhanden kommen, dann verlieren Ideologien ihren Boden. Das Grundeinkommen macht Schluss mit diesen komplementären Ideologien, da es die Machtfrage sozusagen "nicht- ideologisch" löst und den Einzelnen die Verantwortung für sein Leben zurück gibt. Dadurch kann sich niemand mehr als Opfer der Umstände oder anderer Gruppen profilieren. Unmenschliche Konkurrenz wäre überwunden.

Schlimm für alle, die andere (Gruppen) gerne für ihre Misere verantwortlich machen und schlimm für alle, die nur in ideologischen Schablonen zu denken gelernt haben. Schlimm auch für alle "Befreier" und "Ankläger" - sie hätten nichts mehr zu tun! In letzter Konsequenz schlimm für die Demokratur (Parteiendiktatur), sie lebt ja von der Delegierung von Verantwortung und von der Simulation stellvertretender Auseinandersetzung.

Wenn die Menschen nun erkennen, dass jeder selbstverantwortlich ist und dafür die Voraussetzung eben durch ein Bedingungsloses Grundeinkommen gegeben ist - was für ein Grauen – es bestünde die Gefahr echter Demokratie!