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Stadtverband Bündnis 90 / DIE GRÜNEN Herford

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Hartz4 Betroffene Herford


Büro: Lokale Agenda
Alter Markt 2
32052 Herford

10.08.09

Ihre Forderungen an die kommunale Politik in der Stadt Herford


Ihr Schreiben vom 28.07.09

Sehr geehrte Damen und Herren,

für Ihr og. Schreiben dürfen wir uns bedanken und hierzu wie folgt Stellung nehmen:

Grundsätzlich begrüßen wir, dass Ihre Initiative sich in die kommunale Politik einmischt und
dabei entsprechende Forderungen zugunsten der Betroffenen formuliert.

Wir bedauern, dass Sie nicht am Runden Tisch zur Armutsbekämpfung beteiligt worden sind.
Es ist aus unserer Sicht zweifellos sinnvoll, dass Sie an künftigen Treffen beteiligt und Ihnen
zudem die bisherigen Arbeitsergebnisse vorgelegt werden. Eine entsprechende Anfrage von
Ihrer Seite würde durch uns unterstützt.

Hinsichtlich Ihrer Forderungen ist anzumerken, dass sie sich an unterschiedliche staatliche
Ebenen richten. Hierauf werden wir jeweils in unserer Antwort auf Ihre Fragen hinweisen.
Sofern entsprechende Möglichkeiten bestehen, werden wir unsere Positionen in den von
Ihnen angesprochenen Fragen auf allen politischen Einflussebenen inkl. des Deutschen
Städtetages einbringen. Dabei betonen wir, dass uns die inhaltliche Auseinandersetzung mit
Ihnen wichtiger ist als eine hundertprozentige Übereinstimmung mit jeder Ihrer Forderungen.

Grundsätzlich setzen wir uns mit unserer Forderung nach einem Green New Deal vor allem
für die Schaffung von mehr zukunftsorientierten Arbeitsplätzen ein (Bundestagswahlpro-
gramm ‚Der neue grüne Gesellschaftsvertrag’, S.16 und Kapitel Anders Wirtschaften, S. 24f.):
„Mit unserem Green New Deal schaffen wir ein stabiles Fundament für wirtschaftlichen
Aufschwung, von dem alle profitieren. Wir wollen nicht weniger als eine neue industrielle
Revolution einleiten und eine Million neuer Arbeitsplätze in Deutschland schaffen.“ (S. 16)

Stadtverband Bündnis 90 / Die Grünen Gehrenberg 25, 32052 Herford


Tel.: 05221/50850 Fax: 05221/56731
email: gruene-herford@teleos-web.de www.gruene-herford.de
Sparkasse Herford BLZ 494 501 20 Konto 1100 48057
Dieser Green New Deal steht im Zentrum unserer wirtschafts- und arbeitsmarktpolitischen
Programmatik.

Zu Ihren einzelnen bundespolitischen Forderungspunkten nachstehend folgende Aussagen:

Ihre Forderung nach „Abschaffung der Hartz4-Gesetze und ihrer Zwangsmittel“ ist ein
Bundesthema. Bündnis 90/DIE GRÜNEN haben die Hartz-Reformen im Bundestag
mitgetragen. Die Grünen in NRW waren in Hinblick auf diese Reformen immer skeptisch;
nach einiger Zeit hat aber auch die Bundespartei eine äußerst kritische Bewertung
vorgenommen, u.a. auf unserem Nürnberger Bundesparteitag 2007. Richtig bleiben die
Einbeziehung der ehemaligen SozialhilfeempfängerInnen in die Arbeitsmarktförderung, der
Ansatz der fachübergreifenden Hilfe und das Fallmanagements. Unsere kritische Position
wird in unserem Bundestagswahlprogramm ‚Der neue grüne Gesellschaftsvertrag’ im Kapitel
‚Anders wirtschaften’ deutlich, wo es heißt (S. 28):
„Wir wollen Gerechtigkeit: die gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstands und die
Chance jedes einzelnen auf Teilhabe. Dazu gehört auch, dass die Hartz IV-Regelsätze für alle
Erwachsenen sofort auf zunächst 420 Euro angehoben werden. Die Regelsätze für Kinder und
Jugendliche wollen wir auf eine neue Berechnungsgrundlage stellen, die ihre tatsächlichen
Bedarfe berücksichtigt und sie ebenfalls sofort anheben.“

Ihrer Forderung nach Abschaffung der „Erreichbarkeitsanordnung“, die die


Freizügigkeit in verfassungswidriger Weise beschränkt, stimmen wir zu, deshalb dazu ein
weiteres Zitat aus dem Bundestagswahlprogramm (S. 86):
„Der Grundbedarf, der für eine Teilhabe an der Gesellschaft notwendig ist, darf nicht durch
Sanktionen angetastet werden. Die Frage nach der Gegenleistung darf nicht durch Zwang,
sondern muss durch faire Spielregeln und positive Anreize gelöst werden.“

Ihre Forderung nach einem bedingungslosen, angemessenen Grundeinkommen für jeden


und jede ist ein weiteres Bundesthema. Hier teilen wir ihre Position nicht uneingeschränkt,
dazu ein Zitat aus unserem Nürnberger Beschluss (S. 5):
„Uns Grüne einen Gerechtigkeitsvorstellungen, bürgerliche Gleichheitsideale und die
Förderung von Freiheit und Selbstbestimmung der Einzelnen. Die neoliberalen
Staatsabbauideologien einiger GrundeinkommensbefürworterInnen lehnen wir ab. Manche
BefürworterInnen sehen im bedingungslosen Grundeinkommen für alle die Lösung der
wirtschafts-, arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Probleme. Es wird das Bild eines einfachen
und fairen Sozialstaats gezeichnet, der den Individuen ein größtmögliches Maß an Freiheit,
Selbstbestimmung und Würde bei gleichzeitiger finanzieller Existenzsicherung einräumt. Eine
verbesserte Existenzsicherung kann aber letztlich nur einen Beitrag zur Erreichung dieser
Ziele leisten und muss in ein Bündel weiterer Maßnahmen eingebunden sein.“

Ihrer Forderung nach Arbeit fair teilen ist wieder Bundessache. Inhaltlich stimmen wir voll
zu, wichtig ist uns dabei auch die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern.

Ihre Forderung nach einem Verbot von Leiharbeit können wir nicht zustimmen, wir wollen
sie jedoch anders regulieren und fordern in unserem grünen Bundestagswahlprogramm auch
mehr Mitbestimmung:
„Betriebsräte müssen ein zwingendes Mitbestimmungsrecht beim Interessenausgleich
erhalten und über den Einsatz von Leiharbeitnehmerinnen und Leiharbeitnehmern
mitbestimmen können.“
Ihrer Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn von 15 Euro (Begründung: Brutto-
Mindestlöhne wesentlich unter diesem Betrag bedeuten nichts anderes als eine
Legalisierung von Hartz 4 mittels Tarifvertrag) möchten wir eine pragmatische
durchsetzbare Größe entgegenstellen: Wir haben uns der Forderung der DGB-Gewerkschaften
angeschlossen und fordern einen gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 7,50 € pro Stunde.
Höhere Mindestlöhne einzelner Branchen sollen davon unberührt bleiben, und der
Mindestlohn soll jährlich durch eine Kommission nach britischem Vorbild überprüft und
angepasst werden. Das Herforder Kreiswahlprogramm sagt hierzu (S. 9):

„Zur sozialstaatlichen Verpflichtung gehört es, ein ausreichendes Einkommen zur


Finanzierung einer angemessenen Lebensführung sicher zu stellen. Niedriglöhne, die mit
Arbeitslosengeld II/Sozialgeld aufgestockt werden müssen, werden von uns abgelehnt.“

Zu ihren Forderungen an Stadt und Kreis Herford nachstehende Anmerkungen:

Initiativen, die ein unabhängiges und selbstverwaltetes Erwerbslosenzentrum schaffen


wollen, werden von uns grundsätzlich begrüßt, zumal es ein fundamentales grünes
Selbstverständnis ist, Selbsthilfeinitiativen zu unterstützen. Ein solches Erwerbslosenzentrum
sollte sich vor allem an der Notwendigkeit orientieren, dass sich Betroffene in ihrer jeweiligen
schwierigen Lebenssituation gegenseitig Hilfestellung geben können. Hinsichtlich der
genauen Ausgestaltung eines solchen Zentrums sind aber noch weiter gehende Überlegungen
anzustellen – auch in Hinblick auf die Frage der erforderlichen sachlichen Mittel. Darüber
hinaus halten wir aber die professionelle Arbeitslosenberatung, die Beschäftigungs-,
Qualifizierungs- und Vermittlungstätigkeit von Maßarbeit im Kreis Herford für notwendig.
Die von dort ausgehenden Initiativen zur Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze für
langzeitarbeitslose Menschen werden von uns weiterhin unterstützt.

Ihre Forderung nach Wiederbelebung des „Wittekindpasses“ mit freier Fahrt für Bus und
Bahn, freiem Eintritt in Stadtbibliothek, Theater, Schwimmbad wird von uns
grundsätzlich mit der Maßgabe einer finanziellen Machbarkeit unterstützt. Wir werden
ausgehend von der Informationssammlung durch Maßarbeit politische Initiativen in diesem
Sinne entwickeln und vorantreiben; in unserem Kreiswahlprogramm (S. 9f.) fordern wir zur
besseren kreisweiten Nutzung eine Koordinierung durch den Kreis.

In Hinblick auf Ihre Aussage bzw. Forderung, „Sanktionen der ARGE treffen die
Menschen in ihrem Existenzminimum. Sie sind deshalb grundgesetzwidrig. Bei vom
Gesetz vorgeschriebenen Sanktionen muss das Sozialamt einspringen.“ verweisen wir auf
unsere obige Stellungnahme zur bundesgesetzlichen Erreichbarkeitsanordnung. Im Rahmen
der gegenwärtig geltenden gesetzlichen Rahmenbedingungen gibt es auf kommunaler Ebene
keine Handlungsmöglichkeiten; ein Ausgleich der sanktionsbedingten Minderauszahlungen
der ARGE durch kompensierende Leistungen des kommunalen Sozialamtes ist rechtlich nicht
zulässig.

Ihrer Forderung nach „Keine Ein-Euro-Jobs in der Stadt Herford!“ ist differenziert zu
betrachten. Einen Zwang zu einer solchen Tätigkeit wird von uns äußerst kritisch gesehen; er
gehört aber zZ. zu den bundesrechtlich zulässigen Instrumenten (s. unsere og.
Stellungnahmen zu Ihren auf die Bundespolitik gerichteten Fragen). Für wichtig und sinnvoll
halten wir allerdings ein ausreichendes freiwilliges Angebot von Tätigkeiten in verschiedenen
Arbeitsfeldern; daraus können gute Möglichkeiten für längerfristig arbeitslose Menschen
entstehen, wieder Kontakt zur Arbeitswelt, einem geregelten Tagesablauf und insbesondere
zum Erleben eigener Fähigkeiten zu bekommen. Wir werden politische Initiativen in diesem
Sinne in Richtung ARGE/Stadt Herford entwickeln. In unserem Wahlprogramm für die Stadt
Herford haben wir ausdrücklich aufgenommen (S. 13), dass wir weitere Anstrengungen zur
Schaffung von Arbeitsplätzen für langzeitarbeitslose Mensche erwarten.

Ihrer Forderung „Keine Aufträge der Stadt an Firmen, die elementare Sozialstandards
verletzen!“ stimmen wir grundsätzlich zu. Hier ist allerdings zu prüfen, welche rechtlichen
Handlungsmöglichkeiten im Rahmen kommunaler Vergabe von Aufträgen bestehen.

Zu ihrer Forderung „Keine Vermittlung von Arbeitslosen an Zeitarbeitsfirmen!“ stimmen


wir – unter Verweis auf unsere obigen grundsätzlichen Ausführungen – nicht zu. Der
Forderung „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!“ stimmen wir uneingeschränkt zu.

Ihre Forderung „Keine Aufträge der Stadt und Kreis an Firmen, die Leiharbeiter
beschäftigen oder Praktikanten schamlos ausnutzen.“ möchten wir differenziert
betrachten, denn wir lehnen den Einsatz von LeiharbeiterInnen und PraktikantInnen unter
geregelten Bedingungen nicht ab. Wenn Sie Praktiken des “schamlosen Ausnutzens“ von
PraktikantInnen beobachten sollten, bitten wir Sie, uns die entsprechende Informationen zu
übergeben, damit wir die politischen Handlungsmöglichkeiten prüfen können.

Zu ihrer Forderung „Schulmittelfreiheit! Freies Mittagessen für Kinder von Hartz4-


Empfängern und anderen Prekären in Kita, Kindergarten und Schule!“ sagen wir
grundsätzlich ja, verweisen aber darauf, dass es hier zumindest eine landespolitische
Mitverantwortung gibt. Unsere Landtagsfraktion wollte das Land NRW in die Pflicht nehmen,
die Kosten für eine Schulmahlzeit für alle Kinder aus armen Familien zu übernehmen - doch
die Landesregierung lehnte ab. Der Fonds "Kein Kind ohne Mahlzeit" ist aber auf Druck der
Grünen ins Leben gerufen worden; die Stadt Herford hat sich an der Finanzierung dieses
Programms beteiligt. Der politische Druck, endlich für eine Schulmahlzeit für alle Kinder zu
sorgen, sollte aber mit Unterstützung der Elternvertretungen weiter erhöht werden.

Zu ihrer Forderung nach „Strafrechtliches Vorgehen gegen Arbeitgeber, die Hungerlöhne


zahlen (z. B. Angebot von 5 Euro für Nachtarbeit in einem Callcenter…)“ verweisen wir
darauf, dass ein gesetzlicher Mindestlohn hier wenigstens klare Verhältnisse schaffen und den
Gewerkschaften eine Klage erleichtern würde. Arbeitsrecht ist in Deutschland als Privatrecht
gestaltet, und die Rechtsstellung von ArbeitnehmerInnen sollte verbessert werden. Insgesamt
handelt es sich hier aber im Wesentlichen um Bundesrecht, auf das die Kommunen keinen
Einfluss haben.

Ihre Forderung nach „Mehr und besser ausgebildetes Personal im Empfangsbereich und
in der Leistungsabteilung der ARGE. Wahrnehmung der Beratungspflicht durch die
Fallmanager.“ unterstützen wir uneingeschränkt, verweisen jedoch auch hier darauf, dass für
die erforderlichen Mittel die Bundesebene zuständig ist. In unserem Kreiswahlprogramm
fordern wir eine bürgernähere und menschlichere Arbeit der ARGE, auch mit besseren
Arbeitsbedingungen für die dort Beschäftigten (S. 10).

Über ihre Forderungen hinaus fordern wir auf Kreisebene eine zentrale Anlaufstelle
(Ombudsfrau/-mann) für alle BezieherInnen von Hilfeleistungen (S. 10).

Wir hoffen, dass wir Ihnen mit unserer Stellungnahme einen ersten Überblick über die
GRÜNE Programmatik in diesem Sachbereich geben konnten. Ergänzend empfehlen wir
Ihnen die Lektüre der beigefügten Programme und Beschlüsse.

Gern stehen wir Ihnen für weitere Erläuterungen zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen


Angela Schmalhorst, Spitzenkandidatin für den Stadtrat

Irene Broßeit, Sprecherin des Vorstandes des Stadtverbandes

Irmgard Pehle, Wahlkreiskandidatin für den Bundestag

Anlagen:
Bundestagswahlprogramm 2009
Nürnberger Beschluss im Rahmen des Bundesparteitages 2007
Kreiswahlprogramm 2009
Programm für Herford 2009