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HILFEN AUF DEM INNEREN WEG

"Habe deine Freude am Herrn; und er wird dir geben, was Dein Herz begehrt.
Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn; er wird's wohl machen, und wird
deine Gerechtigkeit hervorbringen wie ein Licht." Ps. 37; 4 f.

Vom Wege nach innen und der rechten Hinwendung zu Gott handeln die Worte im
Psalter, die uns sagen, was wir tun sollen, um zum göttlichen Leben zu kommen.

Drei Dinge sind dazu dienlich:

Fasten, Wachen und Schweigen.

Was heißt Fasten?

Es heißt - äußerlich -, daß wir uns in der Nahrungsaufnahme


beschränken, morgens nur das Notwendige essen und abends nur wenig: das ist das
Beste zur Meisterung der Natur und zur Entfaltung des Geistes.

Man gehe zeitig schlafen, um so früh wie möglich wach und bereit zu sein, sich
zuerst und vor allem Gott zuzuwenden und sich ihm - im Sinne der Worte des
Propheten - offen zu halten.

Und tagsüber achte man darauf, daß man in allen Dingen und bei allen Aufgaben,
wie sie auch kommen, stets in Frieden bleibt und sein Herz und seinen Seelengrund
für Gott bereitet hält.

Wenn man sich müde fühlt, setze oder lege man sich hin, entspanne sich, wende
den Geist nach innen und öffne sein Gemüt Gott, suche Frieden in Gott, befehle
ihm seine Wege, lasse sich ihm und verlasse sich gänzlich auf ihn; dann wird alles
wohl gehen.

Um unsere Wege, unsere Vorhaben und Sorgen Gott anheim zu geben, müssen wir
uns selbst klar werden, welches eigentlich unsere Wege sind.

Wir werden dabei einsehen, wie unzulänglich und mangelhaft alles ist, was aus dem
Ich kommt, und wie ungewiß und unbestimmt die Ziele des Ich sind. Alles das gilt
es Gott anheim zu geben und zu vertrauen, daß er alles besser machen und zum
Besten wenden wird.

Dabei können wir Gott nie genug vertrauen. Wenn zwei Menschen Gott um etwas
bitten - der eine um etwas Großes, das dem Ich unmöglich scheint, aber mit
uneingeschränktem Vertrauen; der andere um etwas Kleines und Wertloses, aber
mit geringerem Vertrauen -, so wird der, der um das Unmögliche bat, wegen seines
völligen Vertrauens eher und vollkommener erhört als der andere, der nur um
wenig bat.

Dem Gläubigen, sagt Christus, sind alle Dinge möglich. Glaube, d. h. hoffe und
vertraue auf Gott -und er wird's wohl machen! Wie niemand Gott genug lieben
kann, so kann ihm auch niemand zu viel vertrauen.

Statt anderen Leuten Dein Leid zu klagen, übergib und überlasse es gänzlich Gott -
und er wird Dir aus Liebe das für Dich Beste zufügen, und zwar
hunderttausendmallieber, als Du es entgegennimmst. Willst Du von Deinen Sünden
und Schwächen frei sein, dann übergib und überlasse sie und Dich selbst Gott,
vertraue auf seine Hilfe und wende Dich - in diesem Vertrauen - dem rechten
Handeln zu. Dadurch werden die Tugenden gewonnen und die Untugenden
schwinden.

Doch geschehe all dies ohne Eigensucht! Wenn Gott einen nach innen zieht, soll
man ihm sofort folgen. Zieht Gott einen noch tiefer ins Allerinnerste, so soll man
nicht mit den Sinnen forschen und ergrübeln wollen, was da geschieht und wie,
sondern man soll seine Wege Gott befehlen und überlassen, sich auf ihn verlassen
und ihn wirken lassen.

Das ist der tiefere, innere Sinn des Fastens. Es bedeutet, daß Du nicht über den
Grund der Welt und des Daseins und die Beschaffenheit der höheren Welten
grübelst, sondern wachen Geistes Dir selber auf den Grund gehst und lernst, Dich
selbst zu erkennen.

Es bedeutet, daß Du nicht nach den Geheimnissen Gottes fragst, nach dem Anfang
und Ende allen Werdens, nach dem Etwas im Nichts, nach dem Wesen des
Gottfunkens im Seelengrund und nach tausend anderen Dingen, sondern daß Du
Dich mit Deinem ganzen Denken und Fühlen, Wollen und Glauben nach innen
wendest und innerlich auf Gott und seinen Willen achtest und auf das Wort, mit
dem er Dich ruft.

Und wenn Du nicht weißt, was Gottes Wille ist, so folge denen, die vom Heiligen
Geiste mehr als Du erleuchtet sind. Und steht Dir kein solcher zur Verfügung, dann
achte bei Zweifeln darauf, wozu Deine Natur am wenigsten geneigt ist, um dann
eben dies zu tun und dabei zu lernen, die Dinge zu lassen; dann werden Dir alle
Dinge zuteil - nämlich die Dinge, die Dir nötig sind zu einem wahren göttlichen
Leben und zur Erkenntnis der Wahrheit, die Dich frei macht.

Und laß bei alle dem niemals Schwermut über Dich kommen; denn sie hindert Dich
in allem Guten. Sei stets frohgemut und zuversichtlich, habe Freude an der
Gegenwart Gottes in Dir und vertraue ihm in allem; dann wird er's wohl machen.

Und sorge Dich nie, sondern überlasse es Gott. Und leuchtet Dir dabei etwas ein,
so
lasse es gleichfalls und überlasse es Gott. Habe nichts im Sinn als Gott und gib
Dich ihm völlig hin. Dann wirst Du aus dem Innenreich des Friedens in den Alltag
zurückkehren mit Frieden im Herzen, mit erhöhter Gelassenheit und mit neuen
Kräften, die Dir helfen, Dein Werk recht zu vollbringen und an allem zu wachsen.

Wenn Du bei Deiner Nach-Innen-Wendung und Versenkung gegen Deinen Willen


einschläfst, so wehre Dich nicht. Eine schlummernde Einkehr ist oft besser als
viel
äußere Übung im Wachen. Wenn Du wieder wach bist, fange einfach von neuem
an, wende Dich mit ungemindertem Vertrauen zu Gott und befiehl ihm Deine
Wege. Senke Dich aufs neue in Deinen Seelengrund und öffne ihn ganz Gott.

Wenn so Dein innerster Grund sich Gott darbietet, schenkt sich der namenlose Gott
wiederum im Seelengrund dem Menschen und erfüllt ihn mit seinem Geiste,
seinem Wesen und Willen.

Dazu ist unerläßlich, daß der äußere Mensch in Ruhe sei, daß Körper und
Gedanken entspannt sind und der innere Mensch ganz Schweigen geworden ist.

Um dieses Schweigens willen gibt Gott dem inneren Menschen sein Reich und sich
selbst. Und dann erleuchtet er ihn und "bringt seine Gerechtigkeit hervor wie ein
Licht".
Worin besteht diese Gerechtigkeit? Sie besteht zuerst und vor allem darin, daß wir
uns selbst erkennen, wie der Heilige Bernhard sagt: "Die höchste, beste und
unmittelbar in die Nähe Gottes führende Erkenntnis ist, daß wir uns selbst
erkennen."

Unsere ,Gerechtigkeit', die Gott mit seinem Licht erleuchtet, wird gemessen an
unserem Schweigen. Darum sollen wir uns im Schweigen üben zu allen Zeiten und
an allen Orten, und sollen uns abgeschieden halten von den Kreaturen und Dingen,
wo immer dies möglich ist, insbesondere von denen, die ganz nach außen gewendet
sind und uns mit sich nach außen ziehen wollen. Mit denen sollen wir freundlich
umgehen, innerlich aber abgeschieden bleiben.

Wird uns das übel genommen, sollen wir das gelassen hinnehmen und niemanden
in uns hineinlassen, dessen Gesinntheit wir nicht kennen.

Besser als der Umgang mit solchen Menschen ist der mit Büchern, soweit sie nicht
nur schöne Worte enthalten und uns zerstreuen, sondern uns helfen, bei uns selbst
zu bleiben, mit unserem inneren Menschen eins zu sein, uns Gott im Stillesein
offen zu halten, schweigend auf sein Licht und sein Wort zu warten und bereit zu
sein, Gott in uns und durch uns wirken zu lassen.

Hierzu noch ein Wort des Heiligen Augustinus: "Erblickst Du einen guten
Menschen, einen Engel oder den Himmel, so zieh den Menschen ab, zieh den
Engel und den Himmel ab - und was dann bleibt, das ist das Wesen des Guten, das
ist Gott; denn er ist alles in allen Dingen und zugleich weit über allen Dingen."

Alle Kreaturen haben wohl Gutes, haben wohl Liebe; sie sind aber nicht das Gute,
die Liebe an sich; sondern das Wesen des Guten, der Liebe ist Gott. Ihm soll der
Mensch sich zukehren und in ihm entsinken mit allen seinen Kräften in wirkender
und lassender Weise, so daß seine Nichtigkeit ganz erfüllt und erneuert werde und
im göttlichen Wesen, das allein Wesen, Leben und Wirken in allen Dingen ist,
Wesen annehme.

"Wahrlich, Du bist ein verborgener Gott", sagt Moses. Er ist in der Tat
verborgener, als irgendein Ding oder Wesen sich selbst im Grunde der Seele ist,
verborgen allen Sinnen und im Grunde unerkennbar und unerkannt. Dorthin dringe mit
allen Kräften, über alles Denken, über den äußeren Menschen hinaus, der sich
selbst und seinem inneren Wesen so fern und fremd ist wie ein Tier, das ganz den
Sinnen lebt.

Dorthin, in den göttlichen Grund, senke Dich hinein und entwerde in der
Verborgenheit Gottes allem Ichsein und Kreatursein, nicht nur in gedanklicher oder
bildlicher Weise, sondern in wesentlicher wirkender Weise - mit allen Kräften und
Strebungen in völligem Lassen.

Sodann magst Du die Eigenschaft der göttlichen Einöde in der stillen Einsamkeit
anschauen, in der nie ein Wort dem Laut nach gesprochen noch ein Werk gewirkt
ward: so still ist es da, so heimlich und einsam. Da ist nichts als lauter Gott.

Dahinein kam nie etwas Fremdes, keine Kreatur, kein Bild, keine Weise.

Diese Einöde meinte Gott, als er durch den Propheten sprach: "Ich will die Meinen
in die Einöde führen, und da will im zu ihren Herzen sprechen." In diese Stille
und
Einsamkeit der Gottheit führt er alle die, die für die Stimme Gottes empfänglich
werden sollen, nun und in der Ewigkeit. In diesen einsamen, stillen, freien
Gottesgrund trage Deinen einsamen, von allem, was nicht Gott ist, völlig geleerten
Seelengrund.

Dann wird die göttliche Finsternis, die vor lauter Lichtheit für Dein Erkennen
Finsternis ist, sich in die Leere und Dunkelheit Deines Seelengrundes ergießen und
die Helle des göttlichen Lichts wird darin aufbrechen.

Daß wir zu solcher Hinwendung und Einswerdung gelangen, dazu helfe uns Gott!

Aus: Johannes Tauler, Das Reich Gottes ins in uns