Die Logik des Algorithmus

Kulturelle Bildung im Zeitalter digitaler Verflüssigung Allyson Braithwaite Condie, kurz Ally Condie, ist eine amerikanische Romanautorin. Ihre Sci-Fi Romantrilogie Matched stand lange auf der Bestseller-Liste der New York Times. Worum geht es in dem Buch, dass auch in Deutschland viele, vor allem junge, Leserinnen und Leser und sogar einen Jugendbuchpreis gefunden hat? Eigentlich geht es um eine Liebesgeschichte, deren Inhalt und Verlauf aber in unserem thematischen Zusammenhang wenig Bedeutung hat. Der Kontext ist jedoch interessant. Die Autorin konstruiert eine Dystopie, eine strikten Regeln unterworfene Gesellschaft. Im Gegensatz zu ähnlichen Werken, wie beispielsweise Orwells 1984, wird das Kollektiv in Matched kulturell reglementiert. Die beschriebenen zukünftigen Menschen sind weder Armut noch Krankheit ausgesetzt. Die Biographie inklusive Familie, Heirat und Tod wird staatlich reguliert. Kriterium ist der optimale Wert eines jeden Menschen. Um dieses Konstrukt aufrechtzuerhalten, wird die Kultur stark eingeschränkt. 100 Werke - das ist, was es von jeder Gattung geben darf, Gemälde, Gedichte oder Lieder. Lesen und Schreiben ist verpönt und eigentlich verboten. Warum sollte man auch, es wird ja für jeden gesorgt. In die Schusslinie der Aufsichtsbehörde kommt, wer seinen Verstand gebraucht. Man wird beobachtet und kontrolliert, „weil“, wie die Protagonistin in einem Gespräch mit ihrem Freund konstatiert, „ich etwas lese, was ich nicht lesen sollte, und etwas lerne, das ich nicht können sollte …“.i Kreativität wird zur Subversion und als solche für das Gedeihen der Gesellschaft gefährlich. Wer sich nicht mit der geregelten Welt in kompetenter und adäquater Weise auseinandersetzt, die Prozesse und Spielregeln infrage stellt, unterwirft sich der Logik des Algorithmus. Um dieser Logik zu entkommen, braucht es die kulturelle Bildung, die in Matched als so gefährlich angesehen wird, weil sie es auch ist. Sie mehr als nur ästhetische Erziehung, nämlich die Entwicklung von Kompetenzen zur Gestaltung und Vergewisserung unserer Gesellschaft. Das Verhältnis von Kultur und Bildung Dem ehemaligen Präsidenten des Deutschen Kulturrates Max Fuchs zufolge, ist Bildung die subjektive Seite von Kultur und Kultur die objektive Seite von Bildung. Kultur wie Bildung sind aufeinander bezogen und kaum in eigenen engen Grenzen zu fassen. Eine fast wegweisende Äußerung angesichts der Veränderungen mit denen wir es heute im Zusammenleben und Zusammenwirken zu tun haben. Die Frage nach dem, was Kultur ausmacht, ist nicht einfach zu beantworten. Wir leben im Zeitalter der Ununterscheidbarkeit von Kopie und Original, von Breitbandanschlüssen und synchronen Ereignissen, in Zeiten der Posts und Likes, im Zeitalter des globalen CoWorking Space, in dem sich ein fulminanter Bedeutungswandel von Kreativität ereignet. Wenn zu sondieren ist, was Kultur heute ausmacht, so kann dies nicht unabhängig von

der Frage nach der Bildung erfolgen, zumal wir nach dem zukünftigen Weg der kulturellen Bildung suchen. Die Redaktion der Sendung „Breitband“ des Deutschlandradios Kultur konstatiert in einer Selbstdarstellung im Rahmen des Programmheftes des Senders treffend: „Die digitale Welt ist längst keine Sphäre mehr, die unabhängig neben einer ‚realen‘ Welt existiert. Der ‚Internetexperte‘ ist ebenso widersinnig wie ein Gesellschaftsexperte. Vielmehr sind es ziemlich alte Fragen in neuen Ausprägungen: der vermeintliche Gegensatz von Freiheit und Sicherheit, Privatheit und Öffentlichkeit, die Balance zwischen Urhebern, Verwerten und Nutzern, das Verhältnis von Mensch und Technik.“ Weil Gesellschaft heute nicht mehr ohne Digitalisierung gedacht werden kann, muss auch die Trias von Digitalisierung, Kultur und Bildung gedacht werden. In Abwandlung des bereits genannten Zitates muss man schreiben: Die digitale Welt ist längst keine Sphäre mehr, die unabhängig neben einer ‚realen‘ Welt in der Kultur existiert. Vielmehr handelt es sich um ziemlich alte Fragen von Kultur und Bildung in neuen digitalen Ausprägungen: der vermeintliche Gegensatz von Freiheit und Wahrheit, Kreativität und Rezeption, die Balance von Kulturschaffenden und Kulturnutzern, das Verhältnis von Kultur, Bildung und Technik und die gegenseitige Interdependenzen. Kultur und Verflüssigung Einen interessanten Baustein für die Diskussion lieferte jüngst der Journalist Dirk von Gehlen mit seinem Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“. Eine wichtige Grundlage für die hier zu führende Diskussion liefert von Gehlen gleich zu Beginn seines Projektes: „In einer kulturellen Welt, in der die Ereignisse kopierbar sind, könnte der Blick auf das Erlebnis neue Perspektiven eröffnen.“ Was für den konservativen Kulturtheoretiker wie Blasphemie erscheinen mag, nämlich die Fokussierung der Kulturproduktion auf ein „Event“, eröffnet ungeahnte Möglichkeiten. Denn wer Kultur als Erlebnis, also als Prozess versteht, bekommt, auf der Folie des Zitates von Max Fuchs, einen neuen Zugang zur aktuellen Frage der kulturellen Bildung. Aus Zygmunt Baumans pessimistisch formulierter Culture in a Liquid Modern World, ist mittlerweile die positiv konnotierte Liquid culture geworden, wenn auch nicht bei Bauman, aber bei denen, die sich auf sie beziehen, wie Jörg Blumtritt und Benedikt Köhler. Wir möchten hier aus der Terminologie ein Wortspiel machen. Den Autoren der Deklaration of Liquid culture geht es eben nicht um Kultur im engeren Sinne, sondern in einem umfassenden. Das, was wir in Deutschland als Kultur betreiben, fördern und verwalten, scheint im gesamten Deklarationstext nur an einer Stelle hervor, im Zusammenhang mit der Frage nach dem geistigen Eigentum. Dort heißt es: „Die Symbole unseres Kultes sind nicht religiös. Es sind die Zeichen, die wir teilen, um uns miteinander zu verbinden.“ Kultur ist Leben, und sie ist mehr als Museen, Theater und Orchester. Kultur ist das, was unsere demokratische Gesellschaft ausmacht. Zielen Blumtritt/Köhler zunächst darauf ab, die gesellschaftlichen Verflüssigungen als einen eigenen Kult-Status zuzugestehen, so möchte ich den Begriff umkehren. Kultur an sich,

im umfassenden, aber eben auch im engeren Sinne, ist liquide geworden. Kultur, so kann man im übertragenden Sinne formulieren, um sich aus der Definitionsfalle zu befreien, sind die Zeichen, die wir teilen, um uns miteinander zu verbinden. Die Zeichen sind heterogen, und kulturelle Bildung ist die Kompetenz der Zeichendeutung und auch der eigene Anwendung, vielleicht gar Kreation solcher Zeichen. Kultur und Bildung als lebenslange Prozesse Allein in den Zeiten der Verflüssigungen wird sich die Bildung den Prozessen anpassen müssen Heute ist alles medial verfügbar. Was fehlt, ist der adäquate Umgang mit dem Verfügbaren. Dirk von Gehlen versteht deswegen Kultur als Software, sie zu verstehen, heißt Programmieren zu lernen. Das ist die Aufgabe der Bildung. Ihr Ziel muss die aktive und kreative Teilhabe an Kultur sein. Indem Kultur als Prozess gesehen werden muss, was sie, seien wir ehrlich, schon immer gewesen ist, man lese nur Norbert Elias‘ Prozess der Zivilisation, ist sie anschlussfähig an ein modernes Bildungsverständnis, bei dem heute von Kompetenzentwicklung und nicht mehr von statischem Wissen gesprochen wird. Bildung verflüssigt sich wie Kultur und wird zum unabgeschlossenen Begriff. Werfen wir nochmals ein Blick in die Declaration of liquid Culture, die dazu passend formuliert: „Unser Wissen fließt. Alles, was wir über die Welt wissen, ist im stetigen Fluss. Wir passen unsere Modelle der sich verändernden Welt an – und nicht die Welt unseren Modellen. Wie sich unsere Timeline ständig erneuert, so fließen neue Daten in unser Wissen und verändern unsere Modelle von der Welt.“ Wer so vom lebenslangen Lernen spricht, konzediert, dass Bildung nicht als final betrachtet werden kann. Insofern suggeriert der Ansatz „Kultur macht stark“ etwas, was es nicht mehr geben kann. Nämlich den Umgang mit Kultur und Kulturtechniken, vermutlich sind eher Kreativtechniken gemeint, die ein Ergebnis haben könnte – eben Stärke – welches wiederum auf dem Arbeitsmarkt von Vorteil sein könnte. Was, überdies, ein stark utilitaristisches Moment darstellt. Die Erläuterung müsste anders laufen. Kultur macht nur dann stark, wenn sie fluide verstanden wird, als eine innere Überzeugung, die sich verändernde Gesellschaft aktiv, konstruktiv und, wo nötig destruktiv anfragend, mit gestaltet werden muss. Bildung muss sozial interpretiert und angewandt werden. Gerade kulturelle Bildung löckt den Stachel wider reines Nützlichkeitsdenken. Zur Einführung der G8-Gymnasien 2011 schrieb der ZEIT-Autor Henning Sußebach seiner kleinen Tochter einen offenen Brief, in dem er genau diese Gedanken auf den Punkt gebracht hat und sich gegen eine reine Verzweckung des Lernens wandte: „Es wäre schön, wenn Ihr später nicht nur Zahlen lesen könntet. Sondern auch die Menschen hinter den Zahlen erkennen würdet. Wenn Bildung hieße: mit Wissen vernünftig umgehen. Der Schriftsteller Erich Kästner, von dem Du Das doppelte Lottchen kennst, hat das viel schöner gesagt: ‚Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln.‘ Wir haben Eure

Lebensläufe begradigt wie die Flüsse. Wo wir noch mäandern konnten, uns treiben ließen, rauscht Ihr geradeaus durch. Es wäre schade, wenn dabei alles an Euch glatt geschliffen würde, wenn von Eurer Persönlichkeit nicht mehr viel übrig bliebe. Das hört sich sehr hässlich an, Marie, aber: Ich habe nicht nur Mitleid mit Euch als Kindern. Ich habe auch ein bisschen Angst vor Euch als Erwachsenen.“ Einen ähnlichen Ansatz verfolgt der Dokumentarfilmer Erwin Wagenhofer mit seinem aktuellen Film „Alphabet“. Er kommt zu dem Schluss: „Was wir lernen, prägt unseren Wissensvorrat, aber wie wir lernen, prägt unser Denken.“ Die Aufgabe der kulturellen Bildung in diesem Zusammenhang ist eben Bewussteinsprägung und Kompetenzvermittlung – im übertragenen Sinne das „Programmieren-Lernen“ – für offene Prozesse, offene Fragen und die Herausforderungen, denn wir uns gemeinsam zu stellen haben. Je mehr sich verflüssigt, desto wichtiger sind die Kompetenzen, sich zurecht zu finden und den Mut und die Kenntnisse zu erlangen, sich ins Offene zu begeben. Kultur und die Suche nach Wahrheit Spannend wäre in diesem Zusammenhang noch die Frage, inwieweit sich Wahrheiten ebenso verflüssigen, oder ob sich im Zeitalter der Verflüssigungen sogar verfestigen, um Bojen im Bewusstseinsstrom zu sein. Paul Boghossian weist in seinem Aufsehen erregenden Buch „Angst vor der Wahrheit“ konstruktivistische Tendenzen in der Wissenschaft der vergangenen Jahrzehnte zurück und betont die Notwendigkeit von menschlicher Ansicht unabhängiger Wahrheiten. Selbst, wenn man diese Thesen an dieser Stelle nicht intensivieren kann, so liegt doch auch hierin eine Kulturaufgabe, Fragen zu stellen und Kriterien zu bilden, Wahrheit in einer liquiden Gesellschaft zu finden und zu präsentieren. Dirk Baecker vertritt dazu passend ein „Verständnis der Kultur als Ressource der Unverständlichkeit (der „Andere“, den wir verstehen sollen, um zu verstehen, dass wir ihn nicht verstehen können), derer wir dringend benötigen, um mit den zahllosen Missverständnissen der Weltkommunikation umgehen zu können und uns in Politik und Handel, Liebe und Wissenschaft nicht entmutigen zu lassen, wenn wir über die uns einst vertrauten Kreise hinausgehen“. Wer über die vertrauten Kreise hinausgeht, begibt sich in dialektische Prozesse auf der Suche nach dem Wahren. Kultur als Prozess zu verstehen, ist die suchende Art und Weise des positiven Umgangs mit dem Fremden auf der Suche nach Ästhetik und ihrer inhärenten Wahrheit. Bildung verhilft, dies sei zumindest als kleiner Exkurs erwähnt, zum Umgang mit der Frage nach dem Urheber, die ebenfalls in den Kontext der Suche nach Wahrheit gehört. Wer in Zeiten lebt, die die Kopie für authentisch erklärt, muss wissen, in welchem Verhältnis sie zum Original steht und wie kulturelle Rezeptions- und Interpretationsprozesse verlaufen. Die Urheberschaft verflüssigt sich im Zuge der Digitalisierung, was bleibt da als originäre Wahrheit im Kulturerlebnis? Starke Bildung hilft, Verunsicherungen angesichts von Kopie und Original offensiv zu thematisieren, im

Bewusstsein und mit dem Ziel der gesellschaftsprägenden Kraft des Diskurses auf der Suche nach dem Schönen und Wahren, der Substanz hinter Original und Kopie. Liquid culture und Liquid education Werfen wir abschließend nochmals einen Blick in die Thesen Dirk von Gehlens. Seine Konklusion lautet, in digitalen Zeiten verstärkt den Blick auf das Prozesshafte von Kulturproduktionen zu richten: „Wenn der Wert einen Produkts auch in seiner Entstehung liegen kann, verlangt dies eine neue Perspektive auf kulturelles Schaffen. Nicht mehr nur das, was am Ende herauskommt, schafft Werte, sondern auch der Weg dorthin. […] Die Dichterstube kann zur Bühne werden [wie es von Gehlen selber mit seinem Buch praktiziert, das mit Hilfe eines Crowdfundingprojektes auf startnext.de prozesshaft entstanden ist]. […] Der Weg von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt ist voller Wendungen und Probleme, birgt stets das Risiko des Scheiterns, aber die Chance, dabei sein zu können, lässt ein gemeinsames Erlebnis entstehen, eine Teilhabe am Schaffen und nicht nur an dessen Resultaten. […] Wer den Prozess zum Bestandteil des Produkts macht, wird als Gesprächspartner herausgefordert und muss sich auf den sozialen Aspekt von Kultur zurückbesinnen.“ Zu den Zeitzeichen gehört auch das Erlebnis, das Event, welches die Kultur in ihren übertragenen und neuen Formen darstellt. Ein zugegeben zugespitztes und amüsant anmutendes Beispiel dieser Entwicklung, sind Tweetups in leeren Museen. Notwendig sind auf jeden Fall Gespräche und Netzwerke, die mit diesen Gesprächen konstruiert werden. Kultur als Software wird Kultur als Open-Source-Software. In Zeiten digital bedingter Verflüssigung ist es Aufgabe der Bildung, mit Kultur sprech- und anschlussfähig zu machen. Denn selbst das Internet, mit selbsterklärend Wischtechnik und sich öffnenden und schließenden Fenster ist ohne Bildung nicht erschließbar, andernfalls bleiben Userinnen und Unser sprichwörtlich an der Oberfläche, wie Sascha Lobo in der FAZ vom 1. Oktober 2013 treffend feststellte. „Denn tatsächlich“, so der Blogger und Autor, „ist das Netz, anders als oft erwartet […] eben kein Bildungsautomat, sondern, ohne ein epistemologisches Fundament des Nutzers, eine Halbwissenmaschine, die das anstrengende Genre der Besserhalbwisserei hat allgegenwärtig werden lassen.“ Neben die Liquid culture gesellt sich folglich notwendigerweise Liquid education. Sie ist notwendig, um der Logik des Algorithmus zu entgehen. Die digitale Welt birgt Gefahren und Chancen. Diese optimal zu nutzen, ist unsere Aufgabe und kulturelle Bildung der Weg, weil es um die Kultur, ja, das Zusammenleben in unserer Gesellschaft geht. Die wird nur durch Verzicht auf Bequemlichkeit substanziell weiterentwickelt. Kulturelle Bildung muss unbequem sein, wenn sie gefährlich sein will. Wenn alles geordnet und reguliert ist, wie Ally Condie in Matched beschreibt, regiert der Algorithmus, nicht der Mensch. Die Logik des Algorithmus ist die Logik der Bequemlichkeit. Es gilt, wie John Cage einmal treffend postuliert hat, dem Erkenntnisgewinn durch Zufall eine Chance zu geben. Zufälle aber sind das Ergebnis von Prozessen, die nicht zur auf ein Ziel ausgerichtet sind. Bildung die subjektive Seite von Kultur und Kultur die objektive Seite von Bildung. Das bleibt in Zeiten der Verflüssigung

aktuell. Aufgabe der Kulturellen Bildung ist, unbequeme Neugier zu wecken, die wiederum selber Grundlage weiterer Bildung ist - zum Wohle einer unangepassten und lebendigen Gesellschaft. Kultur und Bildung müssen anschlussfähig sein, aneinander und unter Berücksichtigung der globalen Verflüssigungen, um sie zu verstehen, Gefahren zu erkennen, gute Entwicklungen zu befördern, und um auf ihren Wellen zu surfen. Wenn der Aufbau dieser Schnittstellen gelingt, dann ist die kulturelle Bildung auf dem richtigen Weg. © Martin Lätzel
i

Ally Condie, Die Auswahl, Frankfurt/Main 2011, 243.

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful