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Bilingualismus (Christiane Beecken)

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1 WER IST BILINGUAL (ZWEISPRACHIG)?

Zuerst muss der gesellschaftliche Bilingualismus / Multilingualismus vom individuellen unterschieden werden:

Man spricht davon, dass Länder, wie z.B. die Schweiz, Belgien, Kanada oder viele afrikanische Länder offiziell mehrsprachig sind.

„In such contexts the labels ‘bilingual’ and ‘multilingual’ reflect official policies towards some, or all, of the countries’ minorities. On the whole, however, they say nothing about the degree or the extent of bilingualism among the inhabitants of these areas.” 1

Inwieweit nun der oder die Einzelne als bilingual oder multilingual einzustufen ist, ist hier eher von Bedeutung. Mit dieser Frage habe sich einhellig alle Autoren beschäftigt, die die Zweisprachigkeit untersucht haben. Dabei stößt man auf zwei verschiedene Definitionsmodelle, die diskutiert worden sind: Zum einen die eher geschlossene Definition, wie sie auch landläufig eher verstanden wird, (bilingual ist derjenige, der zwei Sprachen fließend sprechen kann), zum anderen das offene Modell.

1.1 Geschlossenes vs. Offenes Definitionsmodell

Uriel Weinreich, selbst bilingual, der als ein „Vater“ für bilinguale Studien angesehen wird und durch sein Buch „Languages in Contact“ sehr bekannt wurde, gibt folgende kurze, eindeutig erscheinende Definition an:

„The practice of alternately using two languages will be called bilingualism, and the person involved, bilingual.“ 2

Auch Leonard Bloomfield begrenzte die Zweisprachigkeit schon 1933 mit der Terminologie „native-like control of two languages“. Er weist darauf hin, dass dies nicht nur Immigratenkindern gelingen kann, sondern auch Erwachsenen, die eine Fremdsprache studieren. Dabei räumt er ein, dass es keinen Perfektionsgrad gibt, an dem man einen Fremdsprachensprecher messen könne, um ihn als bilingual einstufen zu können und dass eine Unterscheidung relativ sei. 3

1 Hoffmann 1991, 13 [Deutsch: „In solchen Kontexten spiegelt die Bezeichung ‚zwei- oder mehrsprachig’ die offizielle Linie gegenüber einigen oder allen Minderheiten des Landes wieder. Insgesamt sagt sie jedoch nichts über den Grad oder die Ausprägung von Zweisprachigkeit der Einwohner dieser Regionen aus.“]

2 Weinreich 1968, 1 nach Hoffmann 1991, 15 [Deutsch: „Der abwechselnde Gebrauch von zwei Sprachen wird als Bilingualismus bezeichnet und die betreffende Person als bilingual.“]

3 vgl. Hoffmann 1991, 15

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Diese Problematik macht deutlich, dass sich ein Sichtwechsel hin zu einer zunehmend offeneren Definition anbahnte. Baker und Prys Jones sprechen von „fractional view vs. holistic view of bilingualism“, d.h. viele Lehrer, Politiker und auch Sprachforscher sehen den Zweisprachigen als doppelten Einsprachigen an und messen ihn am sprachlichen Leistungsverhalten eines Einsprachigen, was häufig zu defizitären Ergebnissen führt. Francois Grosjean führte 1982 erstmals eine vermehrt positive, bzw. ganzheitliche Sichtweise an, die die Gesamtkompetenzen des Zweisprachigen betrachtet . 4

Folgende Fragen konnten und können nicht zur Zufriedenheit geklärt werden:

Was heißt genau fließende Beherrschung einer bzw. beider Sprachen? Wo und wie kann der Leistungsstand gemessen werden? Gibt es überhaupt den zu jeder Zeit wechselbaren Sprachgebrauch? Wie müssen die verschiedenen Entwicklungsstufen im Erlernen einer Sprache eingestuft werden? Was ist mit denjenigen, die z.B. nur den mündlichen Gebrauch beider Sprachen beherrschen, aber keine oder nur eine Sprache schriftlich umsetzen können?

All diese Fragen machen deutlich, dass eine eindeutige Festlegung auf eine

Dies wird in der neueren Literatur immer wieder

Definition nicht möglich ist. untermauert:

has to accept, that there can be no-clear cut-off points. As

one ”

bilingualism defies delimitation, it is open to a variety of descriptions, interpretations and definitions.” 5

“The above questions indicate that there is no simple definition of bilingualism. Bilingualism involves a number of dimensions” 6

Und doch versucht man eine vorsichtige Unterscheidung insofern vorzunehmen, dass von einem ausgeglichenen Bilingualismus gesprochen wird, wenn die Person sich gleichermaßen in zwei Sprachen bewegen kann, d.h. z.B. Kinder dem Unterricht ohne Einschränkung in beiden Sprachen folgen können.

4 vgl. Baker & Prys Jones 1998, 9-10

5 Hoffmann 1991, 14 [Deutsch: „…man muss akzeptieren, dass es keine eindeutigen eingrenzenden

Festlegungen

von Beschreibungen, Interpretationen und Definitionen offen.“]

6 Baker & Prys Jones 1998, 2-3

einfache Definition für Bilingualismus gibt. Zweisprachigkeit ist von einer Anzahl von unterschiedlichsten Dimensionen betroffen.“

gibt. Weil sich Bilingualismus einer Eingrenzung entzieht, ist es für eine Variationsbreite

[Deutsch: Die oben erwähnten Fragen machen deutlich, dass es keine

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1.2 Aspekte von Bilingualismus – verdeutlicht an persönlichen Beispielen

1.2.1

Dominanz

Das enge Definitionsmodell geht von dem Mythos aus, dass eine bilinguale Person konstant zwei gleichermaßen perfekt entwickelte Sprachen in Gebrauch hat, d.h. theoretisch zu jeder Zeit, an jedem Ort, in jeder Situation die eine oder die andere Sprache genutzt werden kann.

Forschung hat jedoch ergeben, dass sich eine Sprache je nach der Umgebung dominanter als die andere ausprägt, dies jedoch auch wieder wechseln kann. Dies hat schon die spektakuläre Studie von Werner Leopold (ein in die USA emigrierter deutscher Linguist) über die Sprachentwicklung seiner Tochter Hildegard in den 40-er Jahren ergeben. Je nach Umgebung (Aufenthalte entweder in Deutschland oder der USA für mehrer Monate) und nach der Art des Inputs (z.B. nur der Vater sprach Deutsch, alle anderen Englisch) wechselte die Dominanz der Sprache von Englisch zu Deutsch und zurück zu Englisch. 7

Dies konnte ich auch deutlich an unseren Kindern beobachten. Mit 5 Jahren besuchte S-A. schon die Vorschule und PSC in Pokhara unserem Wohnort für ca. ein Jahr, bevor wir einen 6-monatigen Heimataufenthalt antraten. Bis dahin war S-A.’s Englisch dominant, besonders als Spielsprache, da die Sprachwelt der Vorschule bzw. Schule und die der außerschulischen Kontakte vorwiegend das Englische war. In den 6 Monaten des Deutschlandaufenthaltes besuchte S-A. einen deutschen Kindergarten und hatte im Prinzip keine Gelegenheit mehr sein Englisch anzuwenden. Auch das Wohnen bei unseren Eltern verstärkte das deutsche Sprachumfeld. Nach unserer Rückkehr war S-A. scheinbar für ca. 2 Wochen verstummt, als es um den englischen Sprachgebrauch ging. Seine dominante Sprache war das Deutsche geworden. Er reagierte aber meistens korrekt auf den englischen Sprachinput, d.h. seine passive Sprache war erhalten geblieben. Nach ca. 2 Wochen begann S-A. sich wieder aktiv zu beteiligen und nach mehreren Wochen hatte er den alten Sprachstand vor dem Heimataufenthalt erreicht und baute ihn zunehmend weiter auf. Nun war das Englische wieder seine dominante Sprache.

7 Vgl. Baker & Prys Jones 1998, 39

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1.2.2

Funktionsbereiche 8

Der Gebrauch der Sprachen eines zwei- oder mehrsprachigen Sprechers hängt immer von bestimmten Funktionsbereichen ab, in denen sie evtl. erlernt wurden oder kommunikativen Zugang verschaffen. Dies entspricht dem allgemeinen Sprachgebrauch eines jeden, auch dem von monolingualen Sprechern, die aus mehreren sprachlichen Möglichkeiten auswählen müssen. Je nach der Situation, in der sich ein Sprecher befindet, orientiert er sich am Gesprächspartner, Ort und Inhalt des Gesprächs. Auch für Schriftlichkeit und Mündlichkeit gibt es Unterschiede, bei monolingualen sowie bei bilingualen Personen gleichermaßen.

„All we can say is

that they [ the two different languages] are different

tools for different purposes.” 9

Wie oben erwähnt, bewegte sich S-A. im schulischen Umfeld und Freundeskreis souverän auf Englisch. Wollte er zuhause, wo wir vorwiegend Deutsch sprachen, Inhalte aus der Schule vermitteln, fehlten ihm die Worte. Ebenso erging es unserer Tochter.

Auffällig war diese Begrenzung einer Sprache auf einen bestimmten Funktionsbereich auch im Arbeitsumfeld meines Mannes. Er lernte im Laufe der Zeit neu den Bereich des Projektmanagements im dortigen englischen Umfeld kennen sowie die spezifische Ausrichtung seiner Arbeit in der sozialen Rehabilitation von ehemaligen Leprapatienten. Sollte er seine Arbeit deutschen Besuchern dort erklären bzw. zu Beginn im Heimataufenthalt diese Arbeit in Vorträgen vorstellen, suchte er ständig nach passenden deutschen Worten und war sich sehr unsicher.

Mir ging es so in Bezug auf die Erklärungen über die nepalische Küche. Ich konnte mit Leichtigkeit den nepalischen Begriff für bestimmte Gemüse- oder Gewürzsorten nennen, auch noch den englischen, da wir Nepali über Englisch gelernt haben, aber mir fehlten vielfach die deutschen Begriffe; besonders dann, wenn ich mir Begriffe von mir bis dahin unbekannten Sorten angeeignet hatte.

Dieser zuerst als Begrenztheit wahrgenommene Sprachgebrauch ist ein typischer Bestandteil für Zwei-und Mehrsprachigkeit. Die Sprachauswahl richtet sich insgesamt nach zwei übergeordneten Faktoren: Dem Sprachziel (language target), also dem Angesprochenen und dem Sprachkontext oder Funktionsbereich (domain).

8 engl.: domains

9 Harding & Riley 1998, 22

unterschiedliche Werkzeuge für unterschiedliche Absichten sind.“]

[Deutsch: “Alles, was wir sagen können ist, dass die beiden Sprachen

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„A context or domain refers to a particular aspect, area or activity of a person’s life and experience.” 10

Wie erwähnt suchten wir in bestimmten Kontexten nach den passenden Worten der anderen Sprache. Dies führte häufig zum Codeswitching, einem Begriff, der auch im Deutschen in dieser Weise häufig gebraucht.

1.2.3

Codeswitching

Was beinhaltet dieser Begriff?

“The most general description of code-switching is that it involves the alternate use of two languages or linguistic varieties within the same utterance or during the same conversation.” 11

Linguisten unterscheiden Codeswitching von Codemixing; das Erste bezieht sich auf den Gebrauch von Phrasen und Sätzen, das Letzte auf einzelne Worte. Hinzu kommt eine Unterscheidung von Interferenzen oder Störungen (interferences) in der Aussprache oder in der Grammatik. Auch die Nutzung von Lehnwörtern (borrowing) gehört dazu. 12 Als Lehnwörter bezeichnet man aus einer anderen Sprache übernommene Wörter, die sich den lautlichen und grammatikalischen Prinzipien der Zielsprache unterworfen haben. Aber eine klare Unterscheidung dieser Begriffe ist im Einzelfall sehr schwer vorzunehmen, da sie im Sprachgebrauch eng miteinander verwoben sind.

Die Vermischung von zwei Sprachen im alltäglichen Gebrauch ist keine Seltenheit. Sie wurde früher und wird auch heute noch von monolingualen Sprechen oft als negativ bewertet, der oder die SprecherIn beherrsche die Sprache nicht ausreichend genug oder sei zu lässig und unkonzentriert. Jedoch haben Studien gezeigt, dass dem Codeswitching ein hoch einzuschätzende linguistische Strategie zu Grunde liegt. Der Auswahl von Begriffen der einen oder anderen Sprache, der Anpassung an grammatikalische Normen oder der Vermeidung bzw. häufigen Nutzung liegt immer ein Grund und eine Logik zugrunde.

10 Baker & Prys Jones 1998, 52 [Deutsch: “Der Kontext oder Dominanzbereich bezieht sich auf einen bestimmten Aspekt, ein Umfeld oder einen Tätigkeitsbereich im Leben und dem Erfahrungsbereich einer Person.”]

11 Hoffmann 1991, 110 [Deutsch: „Die geläufigste Erklärung von Codeswitching ist ein abwechselnder Gebrauch zweier Sprachen oder sprachlicher Eigenheiten innerhalb ein und derselben Äußerung oder während des gleichen Gespräches.“]

12 Hoffmann 1991, 95-117

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Einige Varianten von Sprachvermischung haben sich in unserer Familie bisher hartnäckig gehalten:

S-A. und J-L. sprechen gleichermaßen häufig davon, dass sie „auf dem Computer spielen“ wollen, analog zu der von ihnen damals dominant beherrschten englischen Sprache, “to play on the computer“.

Auch die Aussage: „Ich bin schlecht,“ (=> “I am sick“) statt „mir ist schlecht“ hat sich bei S-A. bis heute gehalten. 13

Wenn S-A. oder J-L. von einer Landkarte oder einer Straßenkarte reden, ist es immer die Bezeichnung „Mappe“, die dafür verwendet wird ( => map) oder eine Jacke wird „zugesippt“ (=> to zip up). 14 Auch mein Mann und ich verwenden noch häufig Begriffe aus dem englischen, aber auch dem nepalischen Sprachschatz: „Das meeting 15 wurde gecancelled“, oder „Papa ist im office“ ist häufig anzutreffen. Ebenso „das verbraucht zu viel Bijuli (=> Elektrizität, Strom in Nepali) oder die Phrasen „ ké gorné“ für „da kann man nichts machen“ oder „so ist es eben“ oder „o ré“ für „das habe ich irgendwo gehört“ oder „das hat jemand gesagt“ sind aufgrund ihrer Kürze, Einfachheit und typischen Aussagekraft noch häufig bei uns im Munde.

Insgesamt beobachte ich in unserer Familie drei Beweggründe für das Codeswitching und –mixing:

Der Begriff im Deutschen ist zu lang (mehr Silben) oder zu kompliziert:

Landkarte vs. map bzw. Mappe, oder „den Reißverschluss zumachen“ vs. „zusippen“. Hierzu gehört ebenso der o.g. Gebrauch der nepalischen Phrasen. Hyltenstam & Obler reden in diesem Fall von „relief strategies“, die vom Sprecher unbewusst genutzt werden:

„Bilingual children often appear to use it [Codeswitching] as a kind of ‚relief strategy’ when the necessary linguistic material is more easliy available in the other language,” 16

13 Nach Hoffmann sind diese Varianten der grammatikalischen Interferenz zuzuordnen.

14 In diesen Beispielen wird deutlich, wie schwierig eine Einordnung wird. Hier kann man von lexikalischen Interferenzen ebenso wie von ‚mixing’ reden. Der häufige Gebrauch macht aber auch die Grenze zum Lehnwort unscharf, zumal der zweite Begriff durch typisch deutsche Morpheme für die Tempusbildung grammatikalisch angepasst wurde. Im ersten Begriff findet ein semantischer Wechsel des eigentlichen deutschen Begriffes Mappe statt. Dieser wird in phonologischer Analogie zu ‚map’ ausgewählt.

15 Lexikalische Interferenz

16 Hyltenstam & Obler 1989, 14

häufig als erleichternde Ersatz-Strategie, wenn das nötige sprachliche Material in der anderen zugänglichen Sprache leichter abrufbar ist.“]

[Deutsch: „Das Codeswitching erscheint bei zweisprachigen Kindern

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Das Englische als ehemalige Dominanzsprache hat immer noch starken Einfluss auf das Deutsche, besonders in grammatikalischer Hinsicht:

Gebrauch von Präpositionen und „ich bin“ vs. „mir ist“ bei S-A. und J-L.

Die Verwendung englischer oder nepalischer Worte und Phrasen ruft angenehme Erinnerungen hervor. Es verbindet uns als Sprecher auf sozialer Ebene. Besonders stark kommt dies in der Kommunikation mit anderen ehemaligen MitarbeiterInnen aus der Nepalzeit zum Ausdruck. Dann werden verstärkt Begrüßungsformeln und typische Phrasen und Begriffe eingesetzt, um die persönliche Verbindung zum Ausdruck zu bringen, auch in Abgrenzung zu Anderen.

„It can be seen that many instances of codeswitching are triggered by social and psychological factors, rather than linguistic factors.“ 17

In den vergangenen Jahren seit unserer Rückkehr aus Nepal haben einige Begegnungen mit ehemaligen nepalischen Mitarbeitern oder denen aus dem internationalen Umfeld stattgefunden. Hier hat es sehr schnell wieder zur Anpassung an die nötige Sprache geführt. War z.B. ein englischer Besucher für längere Zeit um uns und wir dem Englischen dadurch wieder vermehrt ausgesetzt, führte es dazu, dass das innerliche Sprechen bzw. Denken wieder im Englischen stattfand. Die eigene Identität wechselte zwar nicht vom Deutschsein zum Engländer o.ä., aber in diesen Tagen war die Rolle der deutschen Bekannten und Freundin im nahen Umfeld verdrängt. Sprachlich und emotional war ich wieder ein Mitglied des internationalen Mitarbeiterteams aus Nepal, wenn auch nicht auf nepalesischem Boden. Dies leitet über zum folgenden Punkt.

1.2.4 Persönlichkeit und Identität

Der Schweizer Sprachdidaktiker Basil Schader räumt der Sprache einen hohen Stellenwert für Identitätsbildung ein.

„Ein auch äusserlich markantes Merkmal der Identität ist die Sprache. Sie gibt Aufschluss über die regionale oder ethnische Zugehörigkeit, über den Bildungsstand, über die Differenziertheit eines Menschen.“ 18

Dies ist nicht das einzige Merkmal, aber eines, das am deutlichsten eine ethnische Zugehörigkeit kennzeichnet, bzw. somit auch eine Begrenzung oder Eingrenzung möglich macht. Die Sprecher einer Sprache symbolisieren darin ihre Zusammengehörigkeit. 19

17 Baker & Prys Jones 1998, 59

Situationen eher durch soziale und psychologische Faktoren als durch sprachliche ausgelöst wurde.“]

18 Schader 2000, 32

19 Baker & Prys Jones 1998, 113

[Deutsch: “Es kann beobachtet waren, dass das Codeswitching in vielen

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Sprache ist das Hauptmerkmal von kultureller Zugehörigkeit. Wenn dies so ist, so stellt sich die Frage , wie kann dann jemand mit zwei Sprachen leben ohne seine Identität zu verlieren oder zu halbieren bzw. wie kann er überhaupt eine Identität entwickeln? 20 Von daher hat sich teilweise bis heute das damalige Denken gehalten, wie es im folgenden Zitat zum Ausdruck kommt:

„For many decades, bilingualism was associated with (and even said to be the cause of) schizophrenia, mental confusion, identity crises, emotional problems, deficits in social attachment, conflicts of loyalty, conflicts of identity, low self-esteem and a poor self-concept. Problems as wide as stuttering and poor moral development were regarded as the likely consequences of being bilingual. […] The issue is whether bilingualism is the cause of the problems.” 21

Doch mit dem Wechsel zur offenen bzw. ganzheitlichen Perspektive hat sich ein neues Bild ergeben. Zweisprachigkeit führt nicht notwendigerweise zu Identitätskrisen, sondern zweisprachige Personen, besonders Kinder, bilden durch ihre Teilhabe an zwei Kulturen eine neue Identität aus, eine Mischidentität. 22

Das o.g. Zitat formuliert Probleme, die berechtigterweise empirisch belegbar sind, doch bleibt die Anfrage bestehen: Ist dafür allein die Zweisprachigkeit in einer Person verantwortlich? Teilhabe an zwei Kulturen bedeutet eben nicht allein den Gebrauch von zwei Sprachen. Dies hat für sich genommen vorerst positive Konsequenzen Ich kann Baker & Prys Jones insofern zustimmen, die sagen:

is not language per se that causes personality or social problems.

Rather, it is often the social, economic and political conditions surrounding the development of bilingualism that generate such problems.” 23

Die Mischkultur in allen Aspekten, in der sich diese Menschen bewegen ist ausschlaggebend für die Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung. Dabei ist es von großer Bedeutung, mit welchem Status diese Mischkultur belegt ist bzw.

it „

20 vgl. Luchtenberg 1995, 61

21 Baker & Prys Jones 1998, 22 [Deutsch: “Viele Jahrzehnte lang wurde Zweisprachigkeit mit Schizophrenie, geistiger Verwirrtheit, Identitätskrise, emotionalen Problemen, Defiziten in sozialer Bindungsfähigkeit, Konflikt von Zugehörigkeit und Identität, geringem Selbstwertgefühl und schwachem

Selbstvertrauen gekoppelt, (wenn nicht sogar als deren Grund angesehen.) Problemfelder von Stottern bis schwach ausgeprägter moralischer Entwicklung wurden als wahrscheinliche Konsequenzen von

Zweisprachigkeit

22 vg. Schader 2000, 28 u. 31

23 Baker & Prys Jones 1998, 27 [Deutsch: „… es ist nicht die Sprache an sich, die persönliche oder soziale Probleme verursacht. Es sind eher die sozialen, ökonomischen und politischen Umstände, die im Umfeld von Zweisprachigkeit anzutreffen sind, die solche Probleme hervorrufen können.“]

Die Frage ist, ob Zweisprachigkeit der Grund solcher Probleme ist.“]

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bewertet wird. Es ist aber festzuhalten, dass bilingual aufgewachsene Kinder und Jugendliche sich in einer solchen Mischkultur befinden, die auch als third culturebezeichnet wird. Kinder, die in zwei oder mehr Kulturen aufgewachsen sind, werden daher auch als Third Culture Kids (TCKs)“ bezeichnet.

„Ein Third Culture Kid (TCK) ist eine Person, die einen bedeutenden Teil ihrer Entwicklungsjahre außerhalb der Kultur ihrer Eltern verbracht hat. Ein TCK baut Beziehungen zu allen Kulturen auf, nimmt aber keine davon völlig für sich in Besitz. Zwar werden Elemente aus jeder Kultur in die Lebenserfahrung des TCKs eingegliedert, aber sein Zugehörigkeitsgefühl bezieht sich auf andere Menschen mit ähnlichem Hintergrund.“ 24

Es besteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl mit denen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Bilinguale Menschen entwickeln zueinander oft eine schnelle Sympathie, da sie im Gegensatz zu Monolingualen mit einer anderen Art von Weltoffenheit und kultureller Vielfalt wie selbstverständlich umzugehen gelernt haben.

Unsere Kinder hatten nach unserer Rückkehr einen Trauerprozess zu bewältigen, bevor sie sich als Deutsche gefühlt haben. Obwohl wir ihnen auch in Nepal deutsche Kultur nahe gebracht haben, nicht zuletzt in Sprache, aber auch durch Essen, Feste und Traditionen, fühlten sie sich nicht eindeutig als Deutsche. Dies hat sich mittlerweile geändert. Und doch stelle ich fest, wie stark die emotionale Bindung an das Erlebte in der Kindheit ist. Bei Begegnungen mit „alten“ Freunden bedarf es nur wenige Augenblicke, bis eine alte Vertrautheit und somit auch der selbstverständliche Gebrauch des Englischen wieder vorhanden ist. Im Gegensatz dazu steht die Welt der hiesigen Schule. J.-L. empfindet es als peinlich im Englischunterricht als Expertin erscheinen zu müssen. Auch der Besuch von Austauschschülern aus England an der Schule führte nicht dazu, dass sie wie selbstverständlich mit ihnen Kontakt aufgenommen hatte. Hier ist sie nun Teil einer anderen Welt, die eher monokulturell, deutsch geprägt ist und von der sie sich nicht im Beisein ihrer Klassenkameraden abheben möchte.

Eine solche Unterscheidung hat es im schulischen Alltag unserer Kinder in Nepal nie gegeben. Wie selbstverständlich wurde dort Englisch als Spiel- und Kommunikationssprache gewählt bzw. auch mit deutschsprachigen MitschülerInnen ins Deutsche gewechselt. Aber es gab für die Kinder keine kulturellen Unterscheidungen. Im Gegensatz dazu war meinem Mann und mir eine gewisse kulturelle Neigung bewusst. Wir sind in den für die identitätsheranbildenden Entwicklungsjahren eher monokulturell als Deutsche geprägt worden. Obwohl wir uns im Alltag recht fließend auf Englisch bewegt haben, war uns bewusst, dass der Umgang mit Deutschen bzw.

24 Pollock, Reken, Pflüger 2003, 31

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Deutschsprachigen (u.a mit Schweizern und Österreichern) einen Raum der Entspannung bot. Dies lag sicher nicht nur an der deutschen Sprache, sondern auch an anderen kulturell verankerten Gepflogenheiten, aber Sprache an sich und in ihrer Anwendungsweise spielte eine hervorragende Rolle; z.B. der nicht so, wie im Englischen übliche formale und höfliche Sprachgebrauch und das lockere Flaxen und Spaßen im Deutschen.

Hier in Deutschland tritt ein umgekehrter Effekt auf. Der Gebrauch des Englischen, besonders auch des Nepalischen, löst angenehme Erinnerungen aus und wird gerne genutzt.

Hinzu kommt ein Effekt, der im Folgenden näher beleuchtet werden soll. Die Fähigkeit als Deutsche eine andere Sprache sprechen zu können verschafft Ansehen, besonders die Kompetenz von Englisch als eine so genannte „prestigious language“.

Grundsätzlich muss zwischen zwei eher gegensätzlichen Situationen bzw. Umgebungen zur Ausbildung von Zweisprachigkeit unterschieden werden: Einer additiv (hinzufügend / stärkend) und einer subtraktiv (mindernd / nicht unterstützend) bilingualen Umgebung. Dabei kann im Allgemeinen davon ausgegangen werden, dass TCKs eher in einer additiv bilingualen Umgebung aufwachsen.

1.3 Was beinhaltet eine additive bilinguale Umgebung?

Das sprachliche Umfeld wird überwiegend vom Kind als positiv erlebt. Die zwei sich parallel angeeigneten oder die hinzu gelernte Sprache sind wertgeachtet bzw. weisen einen hohen Status auf und gehören vorwiegend zu den Mehrheitssprachen. Eltern und Gesellschaft haben ein Interesse an der Erhaltung oder Schaffung der Bilingualität im Kind, d.h. die Kinder bekommen für den Gebrauch beider Sprachen viel motivationale Unterstützung entgegengebracht.

„An additive bilingual situation is where the addition of a second language and culture is unlikely to replace or displace the first language and culture.“ 25

1.3.1 Wen betrifft es vorrangig?

Kinder, die sich aufgrund verschiedensprachiger Eltern zwei Sprachen parallel aneignen („simultaneous bilingualism“), befinden sich meistens in solch einem, den Bilingualismus fördernden, Umfeld. Allerdings muss hier von beiden

25 Baker & Prys Jones 1998, 154 nach Lambert 1980 [Deutsch: “Eine additive bilinguale Situation zeichnet sich dadurch aus, dass es unwahrscheinlich ist, dass das Hinzukommen einer zweiten Sprache und Kultur einen Ersatz oder eine Minderung der ersten Sprache und Kultur zur Folge hat.“

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Elternteilen ein relativ sprachintensiver Umgang gepflegt werden, d.h. auch in beiden Eltern ein gesundes Selbstverständnis für ihren kulturellen und sprachlichen Hintergrund vorherrschen.

Kinder, die sich in ihren frühen Vorschul- oder Schuljahren automatisch eine zweite Sprache aneignen („consecutive, sequential or successive bilingualism“) sind nur dann solch einem Umfeld ausgesetzt, wenn sie dabei nicht ihre Muttersprache verlieren.

Es betrifft auch ältere Schulkinder, Jugendliche oder auch Erwachsene, die sich aufgrund beruflicher Weiterbildung ökonomische oder auch politische Vorteile durch die Zweisprachigkeit erhoffen. Die zweite oder sogar dritte Sprache wird als Bereicherung im Leben empfunden. Auffällig ist, dass dies oft auf Familien aus höheren Gesellschaftsschichten zutrifft.

D.h. nicht die sprachliche Umgebung allein, sondern familiär und gesellschaftlich hoher sozialer Status tragen vorrangig zu einer additiven Situation bei. Oft ist die Bilingualität bewusst und zielgerichtet herbeigeführt, um dem Kind verbesserte Berufschancen zu ermöglichen.

1.3.2 Kognitive und sprachliche Auswirkungen

Die ersten und bisher auch meisten Forschungsergebnisse über Bilingualität entstammen aus eher privilegierten Kreisen, d.h. studierte Linguisten erforschten das Sprachverhalten ihrer eigenen Kinder und derer aus ihrem Umfeld. 26 Diese Studien beziehen sich jedoch fast ausschließlich auf einen ausgeglichenen Bilingualismus. Es hat ein Perspektivenwechsel von einer negativ geprägten Sicht 27 hin zu der heutigen positiven Sicht stattgefunden. Forschungsergebnisse haben die Vorteile von bilingualen Menschen deutlich gemacht, die von mehr Weltoffenheit und kultureller Sensibilität, über verbesserte Berufschancen bis hin zu kognitiven Vorzügen reichen. 28 Es hat sich u.a. gezeigt, dass bilinguale Kinder im Durchschnitt höhere Intelligenzwerte erreichten, als vergleichbare monolinguale Kinder. Dazu haben besonders die Forschungsergebnisse von Peal und Lambert 1962 beigetragen Trotz mancher Begrenzungsfaktoren und

26 Den Beginn solcher Studien setzte W. Leopold;

27 z.B. von Professor Laurie (Cambridge University 1890): „by being bilingual intelligence would be halved“ vgl. Baker & Prys Jones 1998, 62

28 vgl. Baker & Prys Jones 1998, 7-8

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Kritik an dieser Studie 29 ., haben sich die vier Hauptargumente für einen höheren IQ bei bilingualen Kindern bis heute durchgesetzt:

„1. Greater mental flexibility.

2. The ability to think more abstractly, less concretely, more independently

of words, resulting in superiority in concept formation.

3. A more enriched bicultural environment which benefits IQ.

4. Positive transfer between languages benefiting verbal IQ.” 30

Außerdem

Bereich, anerkannt:

Kenntnis

werden

einer

ihre

Sonderkompetenzen,

besonders

im

sprachlichen

weiteren

Sprache

in

Lautung,

Aussprache, Wortwissen,

Satzbau, evtl. Schriftzeichen, nicht sprachliche Mittel

Fähigkeit des Codeswitching und Beurteilung von Sprachsituationen

Die Möglichkeit zu dolmetschen

Fähigkeiten abstrakt über Sprache nachzudenken, unabhängig von ihrer inhaltlichen Bedeutung

Repertoire an Strategien, um Situationen mit Ausdrucks- und Verstehensnot zu meistern 31

29 vgl. Baker & Prys Jones 1998, 64,

werden, doch wird insbesondere auf das „chicken and egg problem“ aufmerksam gemacht: Was war zuerst da? Verbessert der Bilingualismus den IQ oder verhilft ein höherer IQ dazu einen ausgeglichenen Bilingualismus zu entwickeln? Zum anderen wird heute das Konzept der Intelligenz in der Psychologie und Pädagogik kontrovers diskutiert. Wer ist intelligent und warum? Ist es richtig Denken und Handeln in dieser wertenden Weise zu messen? Was ist mit sozialer, emotionaler Intelligenz? Wie sind diese einzuordenen?

30 Baker & Prys Jones 1998, 64 [Deutsch: „1. Größere geistige Flexibilität. 2. Die Fähigkeit eher abstrakt als konkret und eher unabhängig von Worten zu denken, was zu einer Überlegenheit im Aufbau von

Verstehenskonzepten führt.

kommt.

sprachlichen Anteil des IQ zugute kommt.“]

31 vgl. Schader 2000, 36 nach Gogolin / Neumann 1991, 9f

auf alle Kritikpunkte kann in diesem Rahmen nicht eingegangen

3. Eine bereichernde doppelt kulturelle Umgebung, welche dem IQ zugute

4. Günstige Übertragungen (positiver Transfer) von einer zur anderen Sprache, welches dem

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1.3.3 Das Selbstwertgefühl der Betroffenen

Kinder in einer additiven Umgebung bilden durch die positiven und unterstützenden Rückmeldungen zumeist ein gesundes Selbstwertgefühl auf. Je nach Umgebung empfinden sie sich weder als benachteiligt noch bevorzugt, besonders dann, wenn eine bilinguale Umgebung der Normalzustand ist, z.B. in den „Immersion-schools“ in Wales oder Kanada. In späteren gesellschaftlichen und beruflichen Kontexten sind sie sich ihrer Sonderkompetenzen bewusst, da sie ihnen in diesem Falle Vorteile verschaffen.

In einer subtraktiven bilingualen Situation hingegen befinden sich eher die Migrantenkinder als Minderheit in Deutschland. Dies beinhaltet eine eigene Thematik und soll hier nicht mehr zur Sprache kommen.

2

LITERATURVERZEICHNIS

BAKER, Colin & PRYS JONES, Sylvia (1998):

Bilingual Education, Multilingual Matters Ltd.,

Canada Toronto – Australia Artamon – South Africa Johannisburg,

HARDING, Edith & RILEY, Philip (1998): The bilingual family, Cambridge University Press, Cambridge

HOFFMANN, Charlotte (1991): An introduction to bilingualism, Longman Group UK Limited, Harlow

(1989): Bilingualism across the

HYLTENSTAM, Kenneth & OBLER, Loraine K. lifespan, Cambridge University Press, Cambridge

LUCHTENBERG, Sigrid (1995): Interkulturelle sprachliche Bildung, Waxmann, Münster / New York

Encyclopedia of Bilingualism and UK Clevedon – USA Philadelphia –

POLLOCK, David & VAN REKEN, Ruth & PFLÜGER, Georg (2003):

Third Culture Kids – Aufwachsen in mehreren Kulturen, Francke-Buchhandlung, Marburg

SCHADER, Basil (2000): Sprachenvielfalt als Chance, Orell Füssli Verlag AG, Zürich