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Joannes Richter,

Der Brenner Codex

Abb. 1: Bernstein mit eingeschlossener Fliege


2
Joannes Richter

Der Brenner Codex


- die Bernstein-Straße -

Lulu Verlag

-2009-

3
© 2009 by Joannes Richter
Veröffentlicht bei Lulu
www.lulu.com
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 978-1-4092-9817-5

4
Inhalt
1 Einführung.............................................................................9
2 Bernstein..............................................................................11
Die Entstehungslegende................................................11
Der Zauber des Bernsteins............................................13
Die Handelswege...........................................................16
3 Die Etymologie des Bernsteins............................................18
Bernstein ......................................................................18
Etymologie des Wortes Amber......................................19
Etymologie der Wörter Rav und Raffer........................21
Übersichtstabelle der Bernsteinnamen..........................22
Ardennen.......................................................................26
4 Bernsteinvorkommen in Europa..........................................28
Die Succinumvorräte.....................................................29
Gagat (schwarzer Bernstein).........................................40
5 Die vorgeschichtliche Zeit ..................................................42
Die Bernsteinfunde in Mehzirich (18.JH v.C.).............42
Kännelkohle (ab 3150 v.C.)...........................................44
Bernsteinfunde in Bernstorf (1400 v.C.).......................46
Die Bernsteinfunde in Qatna (1850-1340)....................52
Die Fracht der Uluburun (1400 v.C.)............................53
6 Die Bernsteinhändler der Bronzezeit...................................55
Die Argonauten (1300 v.C.)..........................................57
Die Argonauten-Brücken auf der Alb............................68
Argonautenroute # 2 über Tieringen..............................69
Argonautenroute # 3 über Albstadt................................71
Argonautenroute # 4 über Burladingen.........................71
Argonautenroute # 5 über Heuneburg...........................72
Argonautenroute # 6 übers Remstal..............................72
Zusammenfassung.........................................................72
Griechische Händler (ab 480 v.C.)................................74
Die Keltenhändler.........................................................75

5
7 Der Bernsteinhandel der Neuzeit.........................................85
Die Germanenhändler (120-101 v.C.)...........................85
Römische Händler (ab etwa 12 v.C.).............................89
8 Bernsteinhandel im frühen Mittelalter.................................96
Der Tiefpunkt am Anfang des Mittelalters....................96
Die Bernsteinrouten der Normandie (800 AD).............96
Die Britische Fundstellen und Ortsnamen..................102
9 Die Händler der Hanse (ab 1143).......................................110
Die Routen in den Niederlanden.................................110
Der Deutsche Orden....................................................112
Die Korrespondenz von Veckinchusen.......................115
10 Der Gagathandel am Jakobsweg......................................118
Gagatfunde bei Backnang (ab 1425)...........................125
11 Der Gagathandel im Spätmittelalter.................................133
12 Bernstein im 17-19 Jahrhundert ......................................136
Der Bernstein bei Bad Schmiedeberg.........................136
Die Bernsteinvorkommen Brandenburgs....................136
13 Bernsteinfunde im 20.-21. JH..........................................140
Die Bernsteinfunde in Bitterfeld.................................140
Kiesgruben und U-Bahn-Baustellen..........................141
Großes Bernstein-Vorkommen in Spanien..................141
14 Etymologie der Ortsnamen .............................................143
Großbritannien ...........................................................143
Deutschland.................................................................145
Die Schweiz................................................................146
Italien...........................................................................146
Benelux.......................................................................147
Zusammenfassung der Etymologie.............................148
15 Zusammenfassung............................................................150
16 Literatur- und Quellenverzeichnis..................................152

6
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Bernstein mit eingeschlossener Fliege..........................1
Abb. 2: Bernstein mit eingeschlossener Fliege........................14
Abb. 3: Natürliche Bernstein-Vorkommen (Succinum)...........28
Abb. 4: „Bernsteingesicht“ (gefunden in Bernstorf)................47
Abb. 5: Rückseite Bernsteingesicht (Bernstorf)......................48
Abb. 6: Trans-kontinentale Bernstein-Straßen ........................56
Abb. 7: Panoramakarte der Argonautenroute #2 .....................70
Abb. 8: Rekonstruktion der Heuneburg (Pyrene) a.d. Donau .75
Abb. 9: Ortsschild Amfreville bei Cherbourg........................101
Abb. 10: Bernsteinorte in Großbritannien.............................104
Abb. 11: Bernsteinrouten der Niederlande (um ca. 1200).....111
Abb. 12: Bernsteinrouten in der Nähe Hamburgs..................113
Abb. 13: Strassenschild „Rua da Acibecheria“......................119

Tabellen
Tabelle 1: Etymologie der Bernstein-Wörter...........................26
Tabelle 2: Die Ortsnamen der Veneter/Wenden.......................34
Tabelle 3: Mögliche Landbrücken für die Argonauten............61
Tabelle 4: Streckenparameter der Argonautenroute.................68
Tabelle 5: Herrscherlisten nach Aventinus (1526)...................79

7
8
1 Einführung

D as Einzige, das uns im irdischen Leben


unerschütterlich begleitet und auch nach dem Tode
erhalten bleibt, ist unser Name. Geschenkt von
unseren Eltern und feierlich bestätigt in der Taufe, ist dies der
Hoffnungsträger und ein Ansporn auf dem Lebensweg
zugleich.

W ie den Kindern wurde auch den Siedlungen und


Dörfern von ihren Gründern beim ersten
Spatenstich ein Name gegeben. Und es sind in der
Regel die ersten Handelsgüter und religiösen Symbole, die
diese Siedlungsnamen geprägt haben.

I n Westeuropa wurde bereits früh im großen Stil mit


Bernstein gehandelt, so dass die strategisch günstig
gelegenen Seehäfen ihren Namen überwiegend dem
Bernsteinhandel entlehnen.

D ieses Buch rekonstruiert den Bernsteinhandel


Westeuropas aus den Bernstein- und
Siedlungsnamen. Die Namen der Städte und Dörfer
zeigen sich dabei als mindestens ebenso wertvoll wie die von
den Archäologen untersuchten Tonscherben und Grabbeigaben.
Und auch die alten Legenden der Argonauten, die Gesänge
Homers und das Siegfried- wie das Gudrunlied bestätigen die
hier vorgelegte These, die ein detailliertes Bild des
Bernsteinhandels im Altertum skizziert.

9
D ieses Werk1 dokumentiert die Rekonstruktion des
Bernsteinhandels Westeuropas. Die Ortsnamen der
Brenner-Siedlungen verraten uns die genaue Lage
und das relative Alter, die Namensdichte die Population und die
Erfolge der Handelswege. Vor unseren Augen entwickelt sich
die außerordentlich gut organisierte und selbstbewusste
Völkergemeinschaft, die den Bernstein als ihren ersten
Exportschlager entdeckt hat.

1
Eine frühere Version dieses Manuskripts wurde veröffentlicht unter dem
Titel: “Der Brenner & Tuisc Codex” ISBN 3-8301-0965-2 im R.G. Fisher
Verlag, Frankfurt/Main.

10
2 Bernstein

Die Entstehungslegende

A ngefangen hat die Geschichte des Bernsteins


offensichtlich mit einem Verkehrsunfall. Phaeton,
der Sohn des griechischen Sonnengottes Helios,
wollte den Sonnenwagen für eine Spritztour leihen und bat
seinen Gottesvater vorsichtshalber um Erlaubnis. Trotz aller
Bedenken gab Helios nach. Phaeton verlor jedoch die
Kontrolle über die Rosse, sie brachen aus der Bahn und die
Sonne drohte die Erde zu verglühen. In seiner Not schleuderte
Zeus, der oberste Gott, einen Blitz, der Phaeton aus dem
Wagen warf und seinen Leichnam in den Fluss Eridanus
stürzte. Phaetons Schwestern, die Heliaden, beweinten am
Flussufer ihren toten Bruder. Sie wurden in Pappeln
verwandelt, aber auch als Bäume weinten sie weiter. Und aus
ihren Tränen entstand der Bernstein.

S o überliefert der griechische Dramaturg Euripides als


Erster die Entstehung des Bernsteins in seinem 428
vor Christus veröffentlichten Drama Hippolytos. Aus
dieser Beschreibung können wir ablesen, dass die Griechen
bereits damals den wahren Werdegang des fossilen Harzes
geahnt haben müssen.

Die Entstehungsgeschichte

V or 30 bis 50 Millionen Jahren begann sich im Tertiär


die heutige Gestalt der Kontinente zu bilden. In jener
Zeit gab es noch einen nadelwaldreichen Kontinent,
dessen Südküste quer durch die Ostsee verlief.

11
I n diesem Bereich hat lange Zeit ein Wald der Kiefernart
Plinus succinifera existiert und große Harzmengen
angehäuft, die jedoch vor etwa einer Million Jahren in
der Diluvialzeit2 von Gletschern nach Süden verteilt wurden. In
mehreren Eiszeiten wurden die Bodenschichten und das Harz
außerdem umgeschichtet. Bis nach Polen und Russland, in die
Flussgebiete von Narew, Bug und Donetz wurde der Bernstein
verteilt. Andere tektonische Kräfte verfrachteten ihn an die
Nordseeküste der dänischen Provinz Jutland und der Deutschen
Bucht. Weiter westlich folgten Ablagerungen an der britischen
Ostküste. In Schlesien und Sachsen hat man ebenfalls
geringere Mengen an Bernstein gefunden.

D ie ergiebigsten Bernsteinlager blieben jedoch an der


samländischen Küste bei Palmnicken-Kraxtepellen
an der Ostsee erhalten. Heute heißt dieser Ort
Jantarny und ist russisches Staatsgebiet. Diese Vorkommen
sind im Alluvium3 bei einer letzten Umschichtung entstanden.
Hier erreicht die „Blaue Erde“ eine Schichtstärke von 7 Metern
und liegt etwa 50 Meter unter der Erde. Es handelt sich um
eine Schicht aus Sand und Ton, die eher grünlich-grau bis
dunkelgrün ist und deren Färbung vom beigemischten Mineral
Glaukonit stammt. Seit 1912 wird dieses Lager auch im
Tagebau mit Baggern ausgebeutet. Die hier geförderten
Mengen sind beachtlich. Die höchste Gewinnung an der
Ostseeküste vor dem 2. Weltkrieg betrug im Jahre 1926 mehr
als 499 Tonnen Bernstein. Im Altertum hat man die Steine
natürlich nicht aus 50 Metern Tiefe ausgegraben. Sie wurden
einfach im Wasser aufgelesen, mit Netzen „herausgefischt“
oder an der Küste gefunden.
2
Eiszeit
3
Anschwemmung der obersten Erdschicht aus der erdgeschichtlichen
Gegenwart (ca. 20.000 v.C. - heute).

12
U m 1860 hat Oberbergrat Runge errechnet, dass im
Lauf der letzten 3000 Jahre etwa 1,2 Millionen
Kilogramm nur durch Auflesen am Strand und
Schöpfen (mit Keschern) gesammelt worden sein müssen.
Allein beim Badeort Rauschen (heute Svetlogorsk bei
Kaliningrad) im nördlichen Samland wurden 1931 an zwei
stürmischen Tagen mehr als 15 Zentner Bernstein geschöpft4.

Der Zauber des Bernsteins

B ernstein wird heute fast ausschließlich zu Schmuck


verarbeitet. Das war nicht immer so. Früher war
Bernstein etwas Besonderes: ein oft durchsichtiger,
gelber glasiger „Stein“, der vom Meer angespült wird und
deshalb „Gläsum“ genannt wurde oder ein ebenfalls
geheimnisvoller schwarzer Stein, der in Großbritannien auch
am Meeresufer gefunden wurde. Allgemein gilt er jedoch als
ein Stein, der brennbar ist und dabei wohlriechenden Rauch
verbreitet. Daher wird auch der Name abgeleitet: Bernstein =
„Brennstein”. Hinzu kommt eine weitere merkwürdige
Eigenschaft, denn mit Wollstoff gerieben, ziehen die Steine
kleine Papierfetzen an. Diese magische Anziehungskraft führt
zur Entdeckung der Elektrizität und Elektronik, die ihren
Namen dem griechischen Wort „Aelektron“ für Bernstein
verdanken.
Gemahlener Bernstein, gelöst in Rosenöl und Honig, gilt im
Altertum als Medizin gegen Augenleiden und ist in einer
Lösung ein Gurgelwasser gegen Halsentzündungen.

4
Die Fundorte und Mengenangaben zum Bernstein in diesem Buch basieren
auf der Veröffentlichung „Bernstein - Das Gold des Nordens“ von Karl
Jülicher, in der Zeitschrift Pan, Ausgabe 4 / April 1982

13
D er Rauch des Brennsteins ist auch ein Heilmittel
gegen Bronchialinfekte. Lupenreiner Bernstein wird
später geschliffen und als Lupe oder Brille
verwendet. Schmuckstücke sind beliebte Amulette gegen
Prostataleiden und Geistesstörungen. Manche Bernsteine
enthalten unvergängliche Lebewesen und gelten daher als
Amulette zum ewigen Leben, die dem Körper durch Reiben eine
ewige Jugend verleihen. Die baltischen Völker nennen den
leichten Stein das göttliche Auge und schützen mit diesem
Schmuckstück ihre Kinder.

Abb. 2: Bernstein mit eingeschlossener Fliege

14
G rabbeigaben in Form von Bernsteinperlen wurden
von Schliemann bei Ausgrabungen5 in Griechenland
in den Königsgräbern in Mykäne gefunden. Und
auch im schwäbischen Hochdorf wurden im Grab eines
Keltenfürsten aus dem 5. Jahrhundert vor Christus einige
Bernsteinringe ausgehoben. Diese Grabbeigaben sollen den
Toten vor bösen Geistern schützen. Die Beschreibung der
heilenden Wirkung des Bernsteins wird sogar bis in einem
Nachschlagewerk aus 1822 vertreten. Er wirke gegen
Erbrechen, Wadenschmerz, Rheuma, Gicht, Rachitis,
Schwindsucht, Typhus, Lähmungen, Frauenleiden usw. Man
kann somit von einem wahrhaft universellen Gottesgeschenk
an die Menschheit reden, brauchbar als Heilmittel, Prothese,
Brennstoff, Luftreiniger, Lichtquelle, Kapitalanlage,
Tauschmittel und Schmuck.

D ie Anwohner der Fundorte haben den Bernstein


zunächst jedoch weitaus profaner benutzt. Der
griechische Forschungsreisende Pytheas von
Massilia suchte im Auftrag von Alexander um 350 bis 320 vor
Christus nach den Quellen des Bernsteins. Sein Weg führte an
einer Bernsteininsel vorbei, die in der Nordsee lag und die er
Abalus nannte6. Die Einwohner haben den Bernstein
ursprünglich anstelle von Holz als Brennstoff verwendet und
ihn aber auch den benachbarten Teutonen verkauft. Diodorus
Siculus nennt diese Insel Basilia, Abalcia, Balcia, Glesaria
oder Glaesaria. Während der Zeitenwende nannte man die
Ostfriesischen Inseln die Electriden nach dem griechischen
Wort für Bernstein, und die friesische Küste an der Nordsee
war zur damaligen Zeit das Bernsteinland.

5
Die Ausgrabungen in Mykäna fanden im Zeitraum 1874-1876 statt.
6
http://www.balteringe.de

15
I m Jahre 12 v.C. führte Drusus eine Expedition nach
Ostfriesland und besuchte das vorgelagerte Inselreich.
Plinius der Ältere beschreibt als Expeditionsteilnehmer
23 Inseln vor der Küste Jütlands und benennt drei Inseln auf
einer Reihe: Burcania (Borkum), Glaesaria und Actania.
Glaesaria ist der römische Name für eine Insel, die von den
Barbaren Austeravia genannt wurde. Im Namen Austeravia
begegnen wir auch das Wort Rav, das in der modernen
dänischen Sprache immer noch Bernstein bezeichnet.

I m Ammerland bei Oldenburg wird auch heute noch


Bernstein gefunden. In einem Steinbruch bei der Stadt
Leer fördert ein Saugbagger normalerweise kleine
Kieselsteine aus einer Tiefe von 25-30 Metern zutage.
Manchmal jedoch erscheinen im Auswurf auch Holzstücke, die
in der Regel mit größeren Bernsteinen vermischt sind. Die hier
gefundenen Bernsteine wurden im Tauschhandel auch
verhandelt. In der Nähe wurde im niederländischen Ort Exloo
eine Halskette mit Bernsteinperlen, Zinnperlen und ägyptischer
Fayence gefunden. Diese Beschreibungen und die modernen
Fundorte deuten auf einen Handelsplatz in Norddeutschland,
der um Christi Geburt einen umfangreichen Export des
Bernsteins organisiert haben muss.

Die Handelswege

F unde in Jütland zeigen, dass Bernstein bereits in der


jüngeren Steinzeit, um 4000 vor Christus, in
Gebrauch war. Die ältesten Bernstein-Gegenstände,
die man in Mittel- und Südeuropa gefunden hat, werden auf
den Zeitraum 1500 v.C. – 500 v.C. datiert. Nach Südeuropa
führten Fernhandelswege, die in erster Linie für den Transport
von Zinn und Bernstein angelegt worden sind.

16
N icht nur an der Ostsee und in Jütland wird seit alter
Zeit Bernstein gewonnen. In vorchristlicher Zeit
wird das Material auch von der Nordsee in den
Süden und aus Russland nach Westen exportiert. Zudem wurde
auch im europäischen Inland flächendeckend Bernstein
gefunden. Ehe wir uns den Handelswegen zuwenden, ist
deshalb eine Analyse der Bernsteinnamen und eine Übersicht
der natürlichen Bernsteinvorkommen angebracht.

17
3 Die Etymologie des Bernsteins

E in Zitat aus Georgius Agricola (1494-1555)


beschreibt die bergmännische Gewinnung des
Bernsteins in De natura fossilium libri X, 1546, Buch
IV, S. 237-246, "Über den Bernstein" und lautet:
Andere Namen für Bernstein sind: in Griechisch: Harpax
(Raffer), die Mauren mit einem persischen Wort, das
dasselbe bedeutet: Carabes, wenn es deutscher war, wenn
arabischer oder indischer, dagegen mit einem arabischen
Ambra. Gleichwohl scheint Serapion auch den deutschen
Ambra zu nennen. Die alten Griechen bezeichneten das in
Stein umgewandelte Bitumen jeder beliebigen Farbe, mit
Ausnahme des Schwarzen mit Elektron, das schwarze aber
mit den obengenannten Wörtern. Die Germanen nannten es
Glessum (Glas), die Griechen nannten den durchsichtigen
Stein "hüalos". Die Landsleute verwenden zwei Namen:
Gagatstein = Agtstein und Bernstein (Brennstein).

Bernstein

D as deutsche Wort „Bernstein“ stammt vom Börn-


Stein, oder Burn-Stein, und bedeutet brennbarer
Stein. „Burn” ist ein altes indo-europäisches Wort
und der Eintrag in YourDictionary lautet:
[Middle English burnen, from Old English beornan, to be
on fire, and from bærnan, to set on fire; see gwher- in Indo-
European roots.]

18
Etymologie des Wortes Amber

D ie Engländer nennen Bernstein „Amber”, wobei man


normalerweise annimmt, dass damit eine
Ausscheidung (Ambre gris) der Wale gemeint wäre,
und offiziell leiten die Etymologen den Wortstamm vom
Arabischen Wort anbar = Ambre gris ab.

I n Anbetracht der Brennbarkeit ist jedoch die


Übersetzung „Amb-urus” = „der Brennende” wohl
vielsagender. Dieses Wort stammt vom Lateinischen
Verb „amburo” mit dem Wörterbucheintrag: amb-uro, ambussi,
ambustum - „verbrennen”. In der Bedeutung Bernstein wurde
Amburus nur in der Volkssprache verwendet und wird in dieser
Form nicht in den historischen Lateinschriften gefunden.
Historiker verwendeten in der Regel das germanische Wort
„Glaesum”.

D ie Etymologie des Verbs „amburo” ist komplex.


Amburo stammt ursprünglich vom Lateinischen
Verb „uro”:
Latein: uro – ussi - ustum, aus: ouso euso[1], Griechisch
ευω, W. e-u-(e)
1. Etwas oder jemanden verbrennen,
2. austrocknen, versengen („an“-brennen)
3. glühen, verzehren
Neben uro hat sich später auch auch buro durchgesetzt, z.B. in
comburo, bussi, bustum in der Bedeutung verbrennen,
versengen oder zu Grunde richten. Daneben existiert jedoch
auch de-uro in der Bedeutung abbrennen. Darin kann man
ablesen, dass uro und nicht buro der ursprüngliche Wortstamm
ist.

19
H einrich Tischner hat am 18.12.2007 die etymologie des
Wortes Amber untersucht:

Die älteste nachweisbare Bedeutung des Wortes


'Ambra' ist in Europa nicht 'Bernstein', sondern
'Duftstoff' ist. Beispiel mittelhochdeutsch 'amber', um
1200 in Wolframs Parcival 789,29, wo 'Ambra'
ausdrücklich mit anderen Substanzen zusammen
genannt wird, die einen üblen Geruch vertreiben sollen.
Stattdessen taucht aus dem Nichts ital. 'ambra', frz.
'ambre', span, port. 'ambar', auch 'alambar', 'alambre'
auf. Das iberische 'al' ist natürlich der arabische
Artikel, den man aus Unkenntnis mit dem Wort
übernahm. Das ist aber auch ein schlagender Beweis,
dass das Grundwort aus dem Arabischen kommt. Damit
schließt sich der Kreis: arab. ‫ عن برال‬al-canbar 'der
Duftstoff' > roman. (al)ambar > frz. ambre > engl.
amber '1. Duftstoff, 2. Bernstein'.

M eine Erklärung zur zur Verknüpfung Bernstein =


Duftstoff: In den mittelalterlichen Kathedralen
(z.B. zu Santiago de Compostela) lebten im
Mittelalter viele Pilger und arme Bettler und benutzten die
Kirche als Wohnort. Deshalb wurde zur Geruchsverbesserung
nebst Weihrauch auch den vielleicht damals preiswerteren
Bernstein in den Kirchen verbrannt. Dieser Zusammenhang
erklärt die Benutzung des Wortes arab. ‫ عنبرال‬al-canbar 'der
Duftstoff' '1. Duftstoff, 2. Bernstein'.

20
Etymologie der Wörter Rav und Raffer

Heinrich Tischner hat auch den Wortstamm „Rav“ untersucht:

dän., norweg. rav, isländ. raf bedeutet 'Bernstein'.


Hvalrafr ist also 'Wal-Bernstein'.
Grimm, deutsches Wörterbuch 27,1325 setzt Walrat mit
Ambra gleich und schreibt, dass - rat < - ram von dän.,
norw. -rav kommt und dies wiederum von altnord. rafr
'Ambra'. Dieses Wort bedeutet aber nach Bartke,
Wörterbuch zur altnordischen Prosaliteratur 484
'gedörrter Streifen Heilbuttfleisch'.
Grimm ging also von älteren Wörterbüchern aus, die
- rav mit - rafr gleichsetzten.

F •
ür die Gleichsetzung -rav mit -rafr gibt es eine
Erklärung, die auf einen Zusammenhang zwischen
Bernstein = Rav und Raffer = Anzieher deuten:

Deutsch: raffen = an sich reißen, z.B. in Raffgier


• Englisch: raven = verschlingen, an sich reißen, Rabe,
rabenschwarz.
• Griechisch: Harpax = Bernstein, Raffer

Der Vogel Rabe ist so glänzend schwarz wie der schwarze


Bernstein (Gagat, Git), der hauptsächlich an der englischen
Ostküste bei Ravenscar gefunden wurde. Ggf. wurde Rav
zumindest in England für den schwarzen Bernstein reserviert.

21
D as Wort „Amber” wird in vielen Sprachen
verwendet, u.a. in Französisch (ambre jaune), in
Italienisch (ambra gialla), und in Spanisch (el
ambar). Im Gegensatz zu den Engländern haben diese Völker
früher kaum Kontakt zu den Walfängern gehabt und müssen
das Wort aus einer gemeinsamen Quelle bezogen haben, d.h.
vermutlich aus dem Lateinischen „amburo”.

Übersichtstabelle der Bernsteinnamen

F ür Bernstein hat man in Europa vielerlei


Bezeichnungen verwendet, die sich jeweils auf eine
spezielle Materialeigenschaft beziehen.
ungeheure Zahl der Bezeichnungen für Bernstein mag die
Die

Bedeutung dieser Handelsware illustrieren. Die wichtigsten


Namen für Bernstein sind in der nachfolgenden Tabelle 2
aufgeführt.

22
Übersetzung Sprache Etymologie
für das Wort
„Bernstein“
Aelektron Griechisch von: Aelektoor ( „hell erstrahlend”,
der strahlende Sonnengott)
Agstein, Deutsch Von Althochdeutsch „aiten“ =
Aigtstein Griechisch „brennen“7. Augstein, Ackstein,
αιθω Latein Agststein. (ahd. Agistein, mhd.
Aestus Agestein, Agetstein, nhd. Agtstein8)
-> ggf. in Ortsnamen, z.B. Aitra,
Aitrach, Aichen, Aichelberg,
Haithabu (Hedeby bei Schleswig),
ggf. auch Aken, Aachen, usw.
Amber Englisch Offiziell von Arab. Anbar =
Ambre jaune Französisch Ambergris9
Ambra (gialla) Italisch
Ambar Spanisch Alternative Etymologie10: vom
amarillo Deutsch Lateinverb amburo –ambussi -
Ambur ambustum = brennen, anbrennen
Ardennen, Französisch Ableitung: vom Lateinischen verb
Ardeche Englisch ardeo – brennen, glühen
ardent Spanisch und Französisch/Englisch: ardent –
ardientes Italisch feurig, nur in Gebirgsnamen
ardente Latein (Ardennen) und ggf. in einigen
Lapis Ardens Ortsnamen z.B. Arden, Ardentinny in
Großbritannien erhalten
Lapis Ardens = Bernstein11
7
Gr. αιθω : "brennen", Lat. aestuo = „glühen“
8
Quelle: Wörterbuch Gebr. Grimm
9
Ambergris (Ambre gris) ist eine Ausscheidung der Wale, die in der
Parfümindustrie Anwendung findet
10
Deutsches Ambur ist nur in den Ortsnamen erhalten
11
Bernstein-Tränen der Götter von M. Ganzelewski und R. Slotta

23
Bernstein, Deutsch Börn-Stein, oder Burn-Stein,
Brenner Niederländ. vom niederdeutschen bernen =
Barnsteen, Schwedisch brennen
Brander Yiddisch -oder-
Bernsten, Griechisch Englisch: beornan, bærnan = brennen
Bärnsten Ungarn,
Barnsten Ukraine,
Berenikis Poland
Borostyan
Bursztyn
Phryges, Griechisch Phryges (Griechisch: Φρυγες,
Bruges Latein Altlatein Bruges)
Bruciare Italienisch vom Gr. Verb φρυγω = erhitzen,
anbrennen, braten
sowie italisches Verb „bruciare“
(„brennen”)
Carabes Persisch (aufgrund der Anziehungskraft ?) wie
Carabé12 Französisch „Raffer“
Eolhsand Angel- Mögliche Erklärung: Öl-Sand oder
sächsisch Sand aus Öl (?)
Glesum, Germanisch, Bedeutung ursprünglich Baumharz;
Glaesum Latein das Wort wurde dann von den
Glisis Wendisch Germanen auf das ihnen bisher
unbekannte Glas übertragen.
Vielleicht wurde Glesum aber auch
nur als Bezeichnung für die
hochwertigen, transparenten, Ambur
dagegen für die einfacheren
Bernsteine verwendet13.
Harpax Griechisch (aufgrund der Anziehungskraft ?)
Raffer14
12
Encyklopädisches Wörterbuch, Sachs-Vilatte (1896)
13
Von Glüzen = mittelhochdeutsch: glitzern

24
Hüalos Griechisch die Griechen nannten den
durchsichtigen Stein "hüalos"
Jet Englisch Reserviert für den schwarzen
Git Niederländ. Bernstein, Kohlestein
Gagat Deutsch Gitzwart bedeutet „pechschwarz“
Azabach Spanisch (Lt. Plinius benannt nach dem
kleinasiatischen Fluss Gages)
Lyncurium, Deutsch, Früher hat man geglaubt, dass der
Luchsstein Latein Bernstein aus Luchsharn entstanden
(Lynkurion) sei und ihn deshalb Luchsstein
(Lyncurium oder Lynkurion15)
genannt
Raffer, Rafr, Dänisch, Ein altnordischer (isländische) Name
Rav, Raf Schwedisch für Bernstein lautet Rafr,
Indisch Schwedisch Raf, Dänisch Rav,
Rav Nordfriesisch Indisch Rav
Reav Deutsch Für die Gleichsetzung -rav mit -rafr
Raffer gibt es eine Erklärung:
Zusammenhang zwischen Bernstein =
Rav und Raffer = Anzieher
Siehe auch: Harpax (Raffer,
Anzieher)
Sacrium Skytisch Sakari = Feuer16
Sucinum, Nordisch Wort für Harz
Succinum Französisch Anlehnung (Saftstein) an lat. „sucus”
14
Quelle: Seite 403 Bernstein, Tränen der Götter - von Rainer Slotta und
Michael Ganzelewski) (Zitat aus: Georgius Agricola (1494-1555) beschreibt
die bergmännische Gewinnung des Bernsteins in De natura fossilium libri X, 1546,
Buch IV, S. 237-246, "Über den Bernstein").
15
Früher hat man geglaubt, dass der Bernstein aus Luchsharn entstanden sei
und ihn deshalb Luchsstein (Lynkurion) genannt. (Zitat aus: C. Plinius
Secundus d. Ä., Naturalis Historia, Naturkunde, Buch 37, 30-53).
16
Bernstein-Tränen der Götter von M. Ganzelewski und R. Slotta

25
Succin Spanisch = Saft.
Succino
Yantar oder Russisch Jantarnyi (Dt. Palmnicken) ist der
Jantar Hauptfundort für den Baltischen
Bernstein und bedeutet
„Bernsteinhügel“.
Žar Slawisch Das slawische Žar (Feuer) hat nichts
mit dem Zar (Kaiser) zu tun. Žar wird
mit stimmhaften Sch gesprochen. Der
Zar mit Ts und leitet sich vom Cäsar
ab.
Der Wortkern Žar wird überwiegend
in Baden-Württemberg und im
Baltikum gefunden, was vielleicht
damit zusammenhängt, dass die
Schwaben ursprünglich am Baltikum
gelebt haben. Die Ostsee hieß im
Altertum Mare Suebicum.

Tabelle 1: Etymologie der Bernstein-Wörter

Ardennen

D ie Ardennen sind ggf. zwar vom Lateinischen Verb


ardeo und Lapis Ardens (Bernstein) abgeleitet, aber
andererseits gibt es auf der westlichen Seite am sog.
Kohlenwald, das vielleicht so heißt, weil man dort früher den
brennbaren Kohle gefunden hat. In diesem Fall wären die
Ardennen eher ebenfalls ein Kohlenberg. Eine Google-Maps-
Karte dokumentiert die Lage des Der Kohlenwaldes (Silva
Carbonaria).

26
W ir werden jetzt untersuchen in wieweit diese
Bezeichnungen für den Bernstein sich noch in den
Ortsnamen der früheren Handelsrouten
nachweisen lassen und ob sich die Bernsteinrouten aus diesen
Namen rekonstruieren lassen.

27
4 Bernsteinvorkommen in Europa

Abb. 3: Natürliche Bernstein-Vorkommen (Succinum)

N atürliche Bernsteinvorkommen17 sind großflächig


über Europa verteilt. Eine genaue und detaillierte
Übersicht der Bernsteinvorkommen haben M.
Ganzelewski und R. Slotta im Standardwerk der
Bernsteinverarbeitung18 veröffentlicht19.

17
Die dokumentierte Fundstellen stammen aus: http://www.bernsteine.com
18
"Bernstein-Tränen der Götter" (1997 - ISBN 3-7739-0665-X). Das Werk
dokumentiert jedoch ausschließend Succinum.
19
Die Abbildung wurde erstellt nach Schlee & Glöckner - 1978

28
Die Succinumvorräte

A us heutiger Sicht liegen die größten


Succinumvorräte an der Ostseekuste des Baltikums.
Die Hauptlagerstätte ist die berühmten Blaue Erde
von Palmnicken, also im Samland, im ehemaligen Ostpreußen.
Es wurden jedoch auch an anderen Stellen beträchtliche
Mengen gefunden.

B ernstein findet man nicht nur an den Stränden der


Küsten, sondern überall dort, wo er in den letzten
Millionen Jahren hin transportiert worden ist. Wenn
man sich das vor Augen führt, erschließt man sich auch Fund-
Stellen, die äußerst unwahrscheinlich klingen. Aus tiefen
Erosionsrinnen ist der Bernstein zum Teil heraus gewaschen
und ins Meer20 geschwemmt worden. Große Teile des heutigen
Norddeutschland und Polen lagen unter diesem Meer. Und der
Bernstein hat sich an den tiefer gelegenen Stellen und an den
Küsten abgelagert, wie es auch heute geschieht. Entstanden ist
der baltische Succinum im Alttertiär vor ca 40-50 Millionen
Jahren im Raum Mittelschweden/Finnland. Die genauen
Grenzen des Entstehungsgebiets sind nicht bekannt, da durch
die nachfolgenden erdgeschichtlichen Ereignisse keine
primären (autochthonen) Lagerstätten mehr existieren. Als
Harz-Lieferant diente Pinus succinifera, eine
Sammelbezeichnung für die Harz-liefernden Kiefernarten. Das
Harz strömte aus diesen Kiefern, vermutlich nach vorheriger
Verletzung der Borke, trocknete ein und verhärtete sich.

20
das war nicht die heutige Ostsee!

29
Das Baltikum

N ach Erschöpfen der Bernsteinvorkommen in


Schwarzort auf der Nehrung richtete die Firma
Stantien & Becker 1827 bei Palmnicken ein
Bernsteinwerk ein. Am Strand von Palmnicken ist in zwei
Gruben Bernstein gefördert worden; nur eine ist noch in
Betrieb. 1896 nahm man die Grube Anna am Strand von
Kraxtepellen in Betrieb. 1913 übernahm der Staat die
Förderung. In einer dritten Grube mehrere Kilometer
landeinwärts wird Bernstein im Tagbau gefördert. Dazu musste
man erst eine 40 m dicke Tonschicht abtragen.

I m Grubenbereich stehen rund um die Uhr etwa zwanzig


Bernstein-Fischer in gelben Ölmänteln und -stiefeln im
Halbkreis um das Abflussrohr der Bernstein-Mine am
Strand. Mit Netzen fischen sie faustdicke Bernstein-Stücke aus
dem schwarzen Abwasser, das aus dem 40 Zentimeter dicken
Rohr schießt. In nur wenigen Stunden fischen die arbeitslosen
Dorfbewohner hier Bernstein-Stücke im Wert von rund DM
750. Die örtlichen Behörden haben versucht, den Bernstein-
Rausch mit einer jährlichen Fisch-Lizenz von 170.000 Rubel
zu kontrollieren, doch ohne Erfolg.

Polen

D ie polnischen Vorräte werden auf 12000 t geschätzt,


vor allem in Mozdzanowo. Ein Fundort liegt an der
Mündung der Wisla/Weichsel. Bernstein kommt
auch an der Verbindungsstelle der Halbinsel Hel/Hela/ mit dem
Festland vor, allerdings in 130 m Tiefe. Kürzlich wurden auch
in der Lubliner Hochebene interessante Bernsteinvorkommen
entdeckt.

30
Rußland und Ukraine

D ie weiss-russischen Bernstein-Gebiete erstrecken


sich in einem breiten Streifen von Brest im Westen
bis zum Pripjat-Bogen und waren bereits in der
Altsteinzeit bekannt. Die Pripjatmoraste bilden die Urheimat
der Slawen (wobei Slovene von Slovo = das Wort stammt)21.
Später umfasst das von Slawen besiedelte Gebiet Teile Polens,
Weißrusslands und der Ukraine. Von Plinius der Ältere, von
Tacitus und dem Geographen Ptolemaios werden sie als Venedi
oder Veneti (den Deutschen als Wenden bekannt) bezeichnet.
Seit dem 6. Jahrhundert sprechen die byzantinischen
Schriftsteller Prokopios und Jordanes von Sklavenoi, die zuerst
an der unteren Donau, dann auch in den Ostalpen ansässig sind.
Ab 600 siedeln slawische Völker (Abodriten, Sorben, Veneter
und Pomoranen) östlich der Elbe in den von den Germanen
verlassenen Gebieten. Dazu gehören auch Brandenburg und die
Bernsteinfundstelle Potsdam, Berlin.

D ie Urheimat der Slawen sind die Pripet- oder


Pripjetsümpfe. Da diese Region als
Bernsteinfundort gilt, stellen wir uns die Frage, ob
die über Europa verstreute Slawen vielleicht bei ihrer
Siedlungswahl Bernsteinfundorte bevorzugt und sich als
Bernsteinhändler spezialisiert haben. Die Verbreitung der
Veneter und die ug. Namensvergabe wird in im Internet
dokumentiert und diskutiert. Es kann darin eine Korrelation
zwischen Slawen und Bernstein festgestellt werden.
Als Zeugnisse der alten Ortsnamen (Toponymen) gelten
insbes.:

21
Karte auf Seite 110 im dtv-Atlas der Weltgeschichte (Ausgabe 2006)

31
Nr. Toponymen
1 Als Venetische Alpen gelten die Julische Alpen (Ammian
Marcelino)
2 Die benachbarte Dolomiten und Karpaten heißen bei den
Römern Venetische Berge.
3 Das Ostdeutsche Gebirge hieß einmal Venetisches Gebirge.
4 Die Hohen Tauern (Österreich) nannte man Windische Berge
(Montes Veneti, u.a. Venediger Gruppe mit der höchsten Spitze
Grossvenediger).
5 Die Stadt Venedig und die Region Veneto an der Po-Mündung
(Bernsteinfundgebiet) bekamen ihre Namen von den dort
ansässigen Veneti.
6 Vindobona ist der römische Name der heutigen Stadt Wien.
Bei Bratislawa (in der Nähe Wiens) kreuzt die Bernsteinroute
vom Baltikum nach Aquileia die Donau.
7 In der Schweiz findet man Wenedenstock, Wendenwasser,
Wendenalm, Wendengletscher, und die Gegend Windisch. In
römischer Zeit gab es einen Soldatenlager Vindonissa.
8 Bei Pomponius Mela, De Corographia III, ca. 44 v.u.Z. hieß
der obere teil des Bodensees einmal Venetischer See (Lacus
Venetus).
9 Die deutschen Bundesländer Sachsen, Brandenburg,
Mecklenburg-Vorpommern und Bayern wurden als Wendische
Länder bezeichnet, d.h. Wendland oder Wiendland, Latein:
Vindelicia. Diese Länder verfügen alle über
Bernsteinvorkommen.
10 Alte Hansestädte, z.B. Lübeck, heißen in lateinischen Quellen
"urbs slavica", auf hanseatischen Karten "urbs vandalica", d.h.
Wendische Städte. Diese Städte liegen überwiegend im
Urstromdelta mit seinen zahlreichen Bernsteinvorkommen.
11 Bis zum 15. Jahrhundert wurde das Land im Urstromdelta mit
den vielen Bernsteinfundstellen zwischen Elbe und Weichsel

32
als Sclavania, Vanalia oder Wendenland bezeichnet, z.B. in der
geographischen Karte von Claudius Clavus (Florenz, 1467).
12 Pommern, ebenfalls Bernsteinfundgebiet im Urstromdelta,
hieß zu dieser Zeit Wandalien. Die Skandinavier, z.B. Olaf
Trygveson in der Sage vom ersten Norwegischen König,
nannten das benachbarte Bernsteinfundgebiet der baltischen
Slawen Vindland.
13 Das Baltische Meer mit Bernsteinvorkommen war das
Venetische Meer (Venedos kolpos, Wendile Mare). Das
Finnische Venäjä, Estnisch Venemaa bedeutet Rußland. Die
Russen und die russische Sprache werden dabei Venäläinen,
Venelane und im Altpreußischen Vena (aus Wenidiz oder
Wenediz) genannt.
14 Julius Cäsar berichtet im Dritten Buch des "Gallischen
Krieges" über Venetisches Gebiet in der Bretagne. Es gab dort
eine Venetische Bucht, eine Insel Vindilis. Die dort ansässige
Veneter hatten Handelsbeziehungen mit dem britischen
Venedotien (heute Gwynnedd, eine gebirgige Region im
Nordwesten von Wales gegenüber Anglesey). Die bretonischen
Veneter leben nördlich der Loiremündung, wo sich
Bernsteinvorkommen befinden. Auch im Land der
Handelspartner in Südwestengland gibt es
Bernsteinvorkommen.
15 Das heutige Andalusien in Südspanien hat seinen Namen wohl
von den Wandalen oder Wenden erhalten. Auf der Karte von
Anville aus dem Jahr 1761 ist der Name Vandalitia
eingezeichnet.
16 Das Slowenische land zwischen den Flüssen Mur und Raabe
hieß Vendisches Land oder Venség. Die slowenischsprachige
Bevölkerung wurden Wenden, in Latein auch Vandalen
genannt.
17 Im Jahr 613 wird das Land der Vineder oder Wenden, Marca
Vinedorum erwähnt. In der Zeit von Kaiser Josef I wird ein

33
Teil Sloweniens als Windische Mark bezeichet.
18 Windisch liegt bei Zürich (Bernsteinfundort)
19 Windischbuch liegt bei Heilbronn in Baden-Württemberg
20 Windisch Eschenbach liegt bei Bayreuth am Fuße des
Fichtelgebirges.
21 Windischgarsten liegt am Pyhrnpass in Österreich
22 Windischleuba liegt bei Leipzig.

Tabelle 2: Die Ortsnamen der Veneter/Wenden

U krainische Bernsteinfundorte sind ebenfalls seit


langer Zeit bekannt. Man handelte in Bernstein mit
Skythien, später auch in der Kiewer Rus. Das
nordukrainische Fundgebiet wird der Balto-Dnjepro-, der
westukrainische Fundort der Karpatischen Bernprovinz
zugeordnet. Ein neues Bernsteinvorkommen wurde bei der
Siedlung Chrabrowo im Rayon Selenogradsk entdeckt. Das
Vorkommen ist amtlich nicht registriert, sein Bernsteingehalt
ist aber sehr hoch, ca. 500 g/cbm.

P .A. Tutkovski22 dokumentiert die nordukrainische


Bernstein-Vorkommen im Gebiet Shitomir (in den
Dörfern Baraschi, Guljanka, Kapitsche und Sbranki),
im Gebiet Rovno (in den Ortschaften Klesov, Berezno,
Dubrovica, Bereshniza und Berestje), im Gebiet Wolhynien (in
den Dörfern Kidry, Medweshje und Shurawitschi) in der
Urkaine sowie in der Umgebung von David-Gorodok in
Belorußland.

22
P.A. Tutkovski (1894-1910), zitiert in Bernstein-Tränen der Götter von M.
Ganzelewski und R. Slotta (ISBN 3-7739-0665-X)

34
D ie weißrussischen Bernstein-Vorkommen teilt man
in zwei Gruppen ein: in einem Nord- und in einem
Südterritorium. Die nördlichen
Vorkommen liegen bei Polozk, Vitebsk am Fluß Dvina, des
Bernstein-

Weiteren auch bei Klezk und Minsk. Südliche Fundorte liegen


bei Berestje, Baranzov, Pinsk an dem Fluß Pripjat, Volkovysk,
Novogrudok, sowie teilweise auch bei Klezk und Minsk. Dabei
ist auffällig, dass die Bernsteinvorkommen im Nordgebiet
offensichtlich zu historischer Zeit als Ergebnis einer Zerstörung
größerer Stücke durch Menschenhand entstanden sind23.

Deutschland

V or erdgeschichtlich gar nicht langer Zeit bedeckte Eis


unseren Norden. Nach dem Abschmelzen entstand
das große Urstromtal der Elbe, viele Kilometer breit,
mit einem riesigen Delta. Große Mengen Bernstein wurden mit
dem Wasser des abschmelzenden Eises gen Westen gerissen
und gelangten in die heutige Nordsee, lagerten sich aber auch
an den Rändern und im breiten Delta ab. So finden wir heute lt.
Hinweis im Internet im gesamten ehemaligen Urstromtal-
Bereich Stellen mit erheblichen Mengen Bernstein: sowohl im
Weser-/Emsgebiet als auch rund um und in Berlin wird man
fast in jeder Kiesgrube ab einer gewissen Tiefe fündig.
Schwarze, kohlige Bänder im hellen Kies: da sollte man
suchen!

D
23
ie Übersicht der Fundstellen im Bereich Deutschlands
lautet:
Die weißrussischen Bernsteinvorkommen wurden erarbeitet von A.A. und
M.A. Bogdasarov (1993), zitiert in Bernstein-Tränen der Götter von M.
Ganzelewski und R. Slotta

35
• Braunkohlegruben bei Bitterfeld/Leipzig24. Der
Bitterfelder Bernstein ist erst 22 Mio Jahre alt und
stammt ggf. nicht vom Baltikum. Der Bitterfelder
Bernstein befindet sich unterhalb der Braunkohle, so
dass die Braunkohle aufgrund des geringen
Bernsteingewichts erst später entstanden sein muss. Der
Bitterfelder Bernstein wurde erst 1669 gefunden, war
im Altertum nicht bekannt und trägt deshalb wohl auch
keinen Brennernamen. Auch in der Nähe von Bad
Schmiedeberg und Leipzig befinden sich
vergleichbaren Bernsteinvorkommen.
• Das sog. Helmstedter-Fundgebiet zwischen Brunswick
(Braunschweig), Magdeburg, Bernburg und Halle
beherbergt eine große Zahl an Bernsteinvorkommen.
• Kiesgruben um/in Berlin, vornehmlich im Norden.
Nördlich von Berlin liegen die Fundstellen im Barnim
und Berlin ist vielleicht "Bernli". Westlich von Berlin
liegt Brandendurg. Im Internet berichtet ein
Bernsteinschürfer, wie er vor dem Reichstagsgebäude
in den tiefen Gruben, die für die U-Bahn gebaggert
wurden, in ca. 7-12 m Tiefe diese schwarzen Bänder
gefunden, natürlich mit Bernstein.
• Distrikt Glindow westlich von Potsdam in
Brandendurg25. Nach Aussagen Fontanes sind reichlich
bernsteinhaltigen Tonschichten in etwa 10 m Tiefe
verfügbar. Südlich neben Potsdam befindet sich der
Ravensberg (116 m hoch), der im Namen den Wortkern
„Rav“ = Bernstein führt.
24
heute geflutet
25
Ggf. Brennerburgland, weil Brandenburg ursprünglich Brenna hieß.

36
• Kiesgruben im Weser-/Emsgebiet (z.B. Leer). An den
Kiesgruben im Uferbereich der Eems wird immer noch
Bernstein gefunden. Deshalb solle man die Eems als
Ammer (=Amber) lesen. Die Gegend heißt wg. der
Bernsteinfunden auch Ammerland. Oldenburg hieß im
Altertum auch Branesia.
• Siegburg und Troisdorf am Niederhein bei Bonn
• Schlämmflächen an der Elbe, wo ausgebaggerter
Elbegrund gelagert wird.
• Württemberg: mehrere Fundorte für Gagat (Holzmaden,
Bernhalden), der im Mittelalter als Pilgerstein
verwendet wurde.
• Die Arbeit Stahl26 dokumentiert auch
Bernsteinvorkommen beidseitig der Oder bei Breslau
(Wrocłav). Der Name war ursprünglich wohl
„Brennslau“.
• Nordsee: Die Doggersbank, sowie Wattflächen im
Norden von Neuwerk, Watt vor St.-Peter-Ording, Insel
Fanö/Esbjerg, Blavand und die gesamte Küste hoch bis
Agger (meist im Bereich der Molen/Faschinen).
• Ostsee: an der Schleswig-holsteinischen Küste fast
nichts, aber je östlicher desto besser: Fischland/Darß,
Rügen, Usedom, Polens Küste, vor allem Hela und
natürlich die gesamte Küste des Samlandes und
Litauens, einschließlich der Nehrungen.

26
Mitteleuropäische Bernsteinfunde von der Frühbronze- bis zur
Frühlatenezeit, Christa Stahl, Verlag J.H. Röll, Dettelbach

37
Tschechien

M ährischer Bernstein wird gefunden in Mähren,


Boskovice bei Brünn. Das Alter wird auf ca. 100
Mio Jahre geschätzt.

Ungarn

D as erste Bernsteinvorkommen befindet sich lt. Karte


in der Stahl-Arbeit westlich, nahe an der Donau bei
Veszprém oder Szekes Fehervar. Zwei oder drei
weitere Bernsteinquellen befinden sich nördlich der Drava,
nordwestlich des Bereichs Barany zwischen Barcs, Berzence,
und bei Maribor/Ptuj. Bekanntlich ist Ptuj eine Station der
klassischen Ostroute von der Ostsee nach Aquileia. Das
ungarische Komitat Baranya (rund um Pécs), mit dem
veralteten deutschen Namen Braunau, verdankt somit seinen
Namen ggf. den Bernsteinquellen in dieser Region.

Rumänien

I m Vorgebirge der Karpaten wird rumänicher Bernstein,


Rumänit, gefunden. Der Rumanit ist eine spröde,
während ihrer Ablagerungsgeschichte erhitzte Varietät
aus Rumänien, der eine genetische Verwandtschaft zum
baltischen Bernstein nachgesagt wird. Die natürliche
Bernstein-Vorräte liegen bei Braşov (dt. Kronstadt, ung.
Brassó, lat. Brassovia, Corona)

38
Dänemark, Dänische Inseln

J ütland liefert den Jütländischen Bernstein. Fundorte sind


die Halbinsel Skallingen westlich von Esbjerg, Insel
Fanö und Römö.

Großbritannien

I n Großbritannien werden nach Angaben in der Arbeit


Stahl natürliche Bernsteinvorkommen dokumentiert bei
Perth und Prestwick in Scotland, bei Burnley in
Nordengland, in Norfolk bei den Burnhams, nahe London und
nahe Dover in Südostengland. In Anbetracht der Fundorten in
der Nähe Glasgows müssen wir annehemen, dass auch
Glasgow (Glascove=Glaesumbucht) ursprünglich ein Fundort
des Rohbernsteins gewesen sein mag. Auch die Burnhams,
Prestwick und Burnley sind Brennernamen. Bei Whitby (und
dem Nachbarort Ravenscar) werden die hochwertigsten
Gagatfunde registriert.

Spanien und die Pyrenäen

I n Spanien werden nach Angaben in der Arbeit Stahl


Bernsteinvorkommen (Succinum und Gagat)
dokumentiert im Baskenland an der Nordküste Spaniens
und im französischen Distrikt Bearn am Fusse der Pyrenäen.

Sizilien

F undort: Catania, Simeto -> Sizilianischer Bernstein,


Simetit. Die gesamte Südküste Siziliens wird in der
Arbeit Stahl als Fundort deklariert. Der Sizilianische
Bernstein ist erst 10-20 Mio Jahre alt.

39
Frankreich

F undort: Provence (Durtal bei Fouras), Alter ca. 100 Mio


Jahre. Weitere Fundorte befinden sich lt. Abbildung 1 im
Seine-Becken und in der Bretagne.

Österreich

F
Jahre.
undort: 16 Succinum- und Gagat-Fundstellen, u.a.
Gölling (bei Salzburg) und Schliersee, und an
mehreren Stellen nahe der Donau. Alter 225-231 Mio

Schweiz

F undort: Nordrand der Alpen, nahe Zürich und nördlich


der Rhone im Schweizer Juragebirge. Die
Vorkommen liegen verteilt auf einer von Nordosten
nach Südwesten verlaufenden Strecke von 150 km Länge in
Flyschsedimenten des Alpenrandes. Das Alter liegt zwischen
55-200 Mio Jahre.

Gagat (schwarzer Bernstein)

D ie populärste Bernsteinart ist Succinum oder Harz-


Bernstein, aber eine größere Zahl Fundstellen für
den schwarzen Bernstein oder Gagat wurde
ebenfalls registriert. Die hochwertigsten Gagatobjekte stammen
zur Zeit aus Nord-Yorkshire an der englischen Ostküste und
befinden sich in der Umgebung vom Fischerort Whitby
zwischen Ravenscar und Saltburn-by-the-sea.

40
G agat ist eine harte Lignietart (d.h. Braunkohle) der
hervorragend polierbar ist. Seit vorhistorischer Zeit
wird dieser schwarze Bernstein für die
Schmuckherstellung angewandt. Gagat wird unter Wasser an
der Meereskuste gewonnen und bei Ebbe eingesammelt. Die
Römer waren der Meinung dass Gagat magische Kräfte
bewirkt, denn wie Succinum weist das Material bei Reibung
eine anziehende elektrostatische Anziehungskraft auf. Der
römische Author Solinus hebt im 3. Jahrhundert die
ausgezeichnete Qualität des Bernsteins hervor, der bereits
damals an der britischen Küste gefunden wurde.

D eutsche

Bernhalden
Gagatvorkommen

bei
befinden

Backnang),
Asphaltbergbaurevier bei Eschershausen / Hils, bei
Dotternhausen, in an mehreren Stellen in Österreich,
sich
inbesondere in Württemberg (in Holzmaden und in
im

Südfrankreich und Nord-Spanien (z.B. in Villaviciosa).

41
5 Die vorgeschichtliche Zeit

Die Bernsteinfunde in Mehzirich (18.JH v.C.)

V or etwa 18000 bis 14000 Jahren wurden Dutzende


Jäger-Siedlungen verstreut auf den Flachländern von
Zentral- und West-Rusland errichtet. Die Bewohner
unterhielten Kontakte über riesiger Entfernung. Sie jagten
Mammuths, Bisons und andere Wildarten.

Z ur permanenten oder temporärer Bewohnung


benutzten die Jagdgruppen Höhlen, oder – wo die
Landschaft keinerlei anderen Unterkunft oder
Materialien zur Verfügung stellte – tierisches Material. Diese
Wohnungen wurden in den vergangenen Jahrzehnten von
Archäologen ausgegraben. Die Häuser mit einer Fläche von
etwa 79 Quadratmeter wurden in Ermangelung an Holz, Steine
und andere Baumaterialien aus Mammut-Knochen aufgebaut.

D ie russische Archäologen fanden in Mehzirich im


Dnjepr-Tal in diesen Siedlungen Muscheln und
Bernstein, die 350 bis 500 km entfernt gefunden
worden sind. Diese Jagdgruppen haben offensichtlich nicht nur
Mammuts und anderes Wild gejagt, sondern auch Bernstein
und Muscheln gesammelt.

D ie Bernstein-Route zwischen Ostsee und


Schwarzem Meer dürfte bereits seit 18.000 Jahren
bekannt und in Betrieb gewesen sein.

42
D er Fluss Dnjepr hieß im Altertum Borysthenes
(„Bernstein“) und wurde bereits auf der Landkarte
von Herodot, 440 v.C.) als Teil einer bedeutsame
Handelsstraße bzw. Bernstein-Straße eingezeichnet.

H erder beschreibt um 1780 die Bernstein-Straßen in


„Ideen zur Philosophie der Geschichte der
Menschheit“ 27:

„Insbesondere war der Bernstein das kostbare


Spielzeug, das Griechen, Römer und Araber anzog und
die Nordwelt der Südwelt bekannt machte. Durch
Schiffe aus Massilia28 ward er über den Ozean,
landwärts über Karnunt zum Adriatischen, auf dem
Dnjepr zum Schwarzen Meer in unglaublicher Menge
transportiert. Vor allen andern blieb der Weg zum
Schwarzen Meer die Straße des Völkerverkehrs
zwischen der Nord-, Süd- und Ostwelt. Am Ausfluss des
Dons und Dnjeprs gab es zwei große Handelsplätze:
Asow (Tanais, Asgard) und Olbia (Borysthenes,
Alfheim)”29.

Insbesondere der Name Borysthenes für den Fluss Dnjepr


deutet auf die besondere Bedeutung des Bernsteins, der bereits
zur Namensvergabe eine Rolle gespielt haben mag.

27
Entstanden zwischen 1782 und 1788
28
Marseille
29
Herders Fußnote zu diesem Text lautet: In Fischers „Geschichte des
deutschen Handels“ T. 1, ist hierüber viel zusammengestellt und
gesammelt.

43
Kännelkohle (ab 3150 v.C.)

D er Name Kännel-Kohle kommt aus dem Englischen.


„Candle“ heißt Kerze und somit hat man diese
Kohleart in der Antike als Leuchtmittel verwendet,
sicherlich auch in den Kohlegruben, wo man dieses Material
gefunden hat.

K ännelkohle und Gagat verfügen in der Steinkohle-


Übersicht über unterschiedlichen Fundstellen,
wobei Gagat sich vielleicht eher als Schmuck und
Kännelkohle eher als Leuchtmittel (mit einem fließenden
Übergangsbereich) geeignet hat. Einmal angezündet, brennt die
Kännelkohle wegen den vielen flüchtigen Bestandteilen,
lebhaft mit heller rußender Flamme. Kännelkohle wird viel in
Großbritannien gefunden und führt dort vielleicht aus diesem
Grund zu einer großen Zahl "Brenner"-Namen in den
Ortsbezeichnungen:
• Kännelkohle findet sich in eigenen Lagern oder in
Begleitung der Schieferkohle, besonders zu Wigan in
Lancashire, Whitehaven, Clee Hill in Shropshire,
Athercliff und anderen Orten Englands, in Clydesdale
und bei Edinburg in Schottland, Neukirchen bei
Saarbrücken, Waldenburg in Schlesien.
• Pechkohle (Gagat, Glanzkohle), findet sich in Lagern
zwischen Schieferkohle, bei Zwickau in Sachsen,
Waldenburg in Schlesien, England; bildet auch dünne
Lagen im Liasschiefer zu Ohmden, Bahlingen u.
anderen Orten in Württemberg, sowie in der
Wealdenformation in der Grafschaft Schaumburg und
im Bückeburgischen.

44
D er älteste bekannte Schmuck aus Kännelkohle ist ein
Ring, der in dem steinzeitlichen Kammergrab
Isbister auf den Orkneys bei Kirkwall im äußersten
Norden Schottlands gefunden wurde. Er wird dort im Museum
aufbewahrt30. Die Anlage des Grabes ist durch sonstige
Grabbeilagen zeitlich auf die Jahre um 3.150 vor Chr.
festgelegt worden. Das Grab wurde etwa zwei Jahrhunderte
lang belegt. Das Material für den Ring aus Kännelkohle
stammt aus der Kohlenlagerstätte von Brora in Schottland.
Diese uralte Abbaustelle für den schwarzen Bernstein an einer
abgelegenen Stelle im hohen Norden Europas ist sicherlich ein
Beweis für die Bedeutung des Bernsteins als wertvoller
Rohstoff, der sich als Schmuck gut verkaufen ließ. Man hat
aber Kännelkohle auch als Leuchtmittel und Waffe eingesetzt.
Der Römer Solinus schreibt in seinem Buch
‘Merkwürdigkeiten‘ von einem ewigen Tempelfeuer der Göttin
Minerva im Heiligtum von Bath (England), dessen Flammen in
felsigen Kugeln zergehen (2, 119). Außerdem schreibt Caesar
in seinem Buch ‘Über den gallischen Krieg‘ in Kapitel 43 : Als
im Lande der Nervier, im Jahre 54 vor Chr., das Lager kaum
aufgebaut war, haben die Kelten glühende Tonkugeln und
glühende Wurfspeere auf die Strohdächer des Lagers
geschleudert und sie angesteckt.

A uch im Saarland gibt es einen sehr spektakulären


Fund. Gagat - Schmuck wurde im Grab der Fürstin
von Rubenheim aus dem 7.- 6.Jahrhundert vor Chr.
gefunden. Es handelt sich also um ein Grab aus der
Hallstattzeit. Das Material aus dem die Perle hergestellt
ist,stammt aus der ehemaligen Grube Heinitz stammt.

30
Siehe eine sehr schöne Abbildung in der Homepage der Grube Heinitz.

45
Bernsteinfunde in Bernstorf (1400 v.C.)

A n der Glonn oder Glana, die bei Bernstorf nördlich


von München in die Amper mündet, befindet sich
eine alte Handelsstation, wo man gelben Bernstein
(Succinum) gefunden hat. Zur Bernsteinfundstelle Bernstorf
gab es jedoch bereits vor der Ausgrabung eine historische
Notiz31:
„Es gibt eine Sage, dass zwischen Tünzhausen,
Bernstorf und Kranzberg eine versunkene Stadt liegt“

Joseph Grassinger, 1864

B ernstorf erhält in der Bernstein-Handelskette eine


bedeutende Schlüsselrolle, als an dieser Stelle vor
einigen Jahren eine Siedlung aus der vortrojanischen
Zeit entdeckt wurde. Zum Vorschein kam eine bronzezeitliche
Wehrmauer, der ein fünf Meter breiter und knapp zwei Meter
tiefer Graben vorgelagert war. Dieser Wall umschloss eine etwa
1400 v. Chr. erbaute Stadt, reich an Gold und Bernstein, mit
einer Stadtfläche von ca. 14 Hektar. Vom Reichtum zeugen
Kostbarkeiten wie goldene Gürtel, Amulette, Schmucknadeln,
ein Krone-artiges Diadem mit Aufsätzen sowie mehr als 30
kunstvoll bearbeitete Bernstein-Objekte. Vor allem zwei
gravierte Bernstein-Stücke, das »Bernstein-Gesicht« und ein
Siegel mit Ritzungen in der mykenischen LinearB-Schrift
kommt eine Bedeutung zu. LinearB wurde zunächst
ausschließlich in Knossos auf Kreta gefunden, danach jedoch
auch auf dem griechischen Festland (und zwar in Pylos,
Theben, Mycene und Tiryns32).

31
Das Bernsteingesicht von Bernstorf, Manfred Moosauer (2005)
32
The Story of Writing, Andrew Robinson (1995)

46
Abb. 4: „Bernsteingesicht“ (gefunden in Bernstorf)

I nzwischen sind sich die Archäologen sicher: Die für die


damalige Zeit einzigartige Zusammensetzung des
verwendeten Goldes sowie die Art der Verzierungen
beweisen eine lange Zeit angezweifelte Verbindung zwischen
Händlern aus dem süd-bayerischen und dem mediterranen,
besonders dem mykenischen Raum. Manche Schmuckstücke
zeigen eine unverkennbare Ähnlichkeit zu Pretiosen, die
Heinrich Schliemann in Troja ausgegraben hat. Umstritten
bleibt dagegen die Deutung eines in Bernstein geritzten
Gesichts als Nachahmung einer trojanischen Agamemnon-

47
Maske. Nur ein halbes Jahrhundert soll die geheimnisvolle
Stadt an der Amper bestanden haben, ehe eine Feuersbrunst die
Festung in Schutt und Asche legte....

Abb. 5: Rückseite Bernsteingesicht (Bernstorf)

D ie Siedlung mit einer Fläche von 14 Hektar stammt


aus etwa 1400 v. Chr. Zur Befestigung wurde einen
großer Aufwand betrieben. Tiefe Gräben und eine
knapp 2 km lange, etwa 4,5 Meter hohe Stadtmauer umringen
die Siedlung, deren Umfang der Fläche der Burg und
Unterstadt Trojas entsprach und die Stadt Mykene überragte.

48
F ür Bernstorf mussten etwa 40.000 Eichen gefällt
werden. Die riesige Fläche für eine relativ geringe
Bewohnerzahl ist auffällig, denn bei Überfällen
musste nahezu die gesamte Mauer verteidigt werden. In der
Ausgrabung-Dokumentation33 heißt es:

"Gegen das Ampertal stürzt der Steilhang jäh ab, dort hat
er einen stumpfen Winkel. In diesem Winkel sind zwei
Trichtergruben, beide unmittelbar am Wallrand. Der eine
der beiden (die kleinere) zeigt vor Ort gebrannte
Ziegelstücke (oder besser gebrannte Lehmerde). In den
Trichtergruben beobachte bereits Prof. Josef Wenzl aus
Freising in 1904 eine Schichtung, die auch im Bereich der
Grabungsfläche zutage trat. Eine merkwürdige Bedeckung
des Bodens mit gebrannten Lehmziegeln zeigt sich. Diese
scheint sich der Trichtergrubenwand anzupassen, aber in
der Weise, dass sie in Stufen abwärts steigt, etwa in
folgender Art: Die Schicht ist stärker gebrannt, zeigt
allenthalben die Eindrücke von vielen Blättchen, von den
Balken, Baumrinde, usw. Stellenweise ist die Schicht 30-40
cm stark,. Unter ihr liegt ein Besatz 10 cm starker
Kulturschicht von schwärzlicher Erde. Ab und zu mit
schwachen Kohleresten dazwischen. ....".

D as hört sich m.E. so an, dass diese Trichtergruben


sehr tiefe Abbaustellen waren, deren Zielmaterial
nur mit aufwändiger Treppenkonstruktion erreicht
werden konnte. Das kann aber nicht Lehm sein, denn der Lehm
wäre auch mit einem Abbau an anderen, untiefen und
ungefährlichen Stellen möglich gewesen. Vielleicht war auch
33
Bernstorf - Das Geheimnis der Bronzezeit
von Manfred Moosauer und Traudl Bachmaier (2005)

49
eine Holzkonstruktion eingebaut, die beleuchtet werden musste
und eines Tages in Brand geraten ist. Wurde in diesen
Trichtergruben vielleicht Bernstein gefunden und abgebaut?

S ofern diese Funktion tatsächlich zutrifft, kann es sich


aber auch um eine Abbaustelle für ein natürliches
Bernsteinvorkommen am nördlichen Alpenrand
handeln. Bernstorf wäre dann keine Handelstation, aber
stattdessen eine Fundstelle für den Bernsteinhandel.

Der Brennerpass

F alls wir Bernstorf in eine Brenner-Route einbeziehen,


entsteht die Skizze der alten Amber-Route, die über
den Ammersattel und Cortina d’Ampezzo führt:

Manching – Bernstorf – Glonntal – Ammersee - Ampertal –


Unterammergau - Oberammergau - Ammersattel (1083 m) –
Ammerwald – Reutte – Bernpass/Fernpass (1209 m) –
Ampass-Amras (Innsbruck) – Brennerpass (1375 m) –
Cortina d’Ampezzo - ....

E in weiterer Beweis für diesen Routenverlauf: Der


Zirler Berg, der auf der Strecke über Garmisch zum
Brenner führt, ist zwar nur 1185 m hoch, weist aber
eine Steigung von 16 % auf, während der Fernpass bei 1210 m
nur 6-8 % Steigung verzeichnet und im Altertum für den
schweren Warentransport bedeutend attraktiver gewesen sein
muss. Zur Zeit verirren sich auf der Strecke von
Oberammergau zum Ammer-Sattel höchstens Touristen auf
dem Weg zum Linderhof, aber früher müssen die Kelten hier
einen Großteil der Handelswaren transportiert haben, allem
voran den Bernstein.

50
D er Brünerpass (ein weiterer Brenner-Pass) ist mit
1011 Meter Höhe eine gute Alternative für die
moderne Schnellstraße über die Teufelsbrücke zum
Gotthardpass. Die Teufelsbrücke war im Altertum natürlich
noch nicht verfügbar, und so war den Händlern die heutige
Gotthardstrecke wohl doch zu gefährlich. Bei einer Reise über
den Brünerpass muss man zwar noch den Grimselpass mit
2165 Höhenmetern überqueren, hat dann aber bereits die
Rhone und den Anfang des Gotthards erreicht.

Die Passhöhe Ad Pirum

D ie Alpenüberquerung in einer Passhöhe Ad Pirum34


von nur 883 m ist möglich auf der später von Kaiser
Tiberius ausgebauten römischen Via Gemina. Dass
der Birnbaumer Wald schon in der Antike ein wichtiger
Verkehrsweg von und nach Italien war, zeigt sich durch seine
Erwähnung in der griechischen Sagenwelt: Die Argonauten
sollen auf ihrer Flucht, die von Kolchis am Schwarzen Meer
die Donau aufwärts bis zur Adria führte, hier vorbei gekommen
sein.

H inter der Sage verbirgt sich die bei den alten


Griechen verbreitete Vorstellung einer Gabelung
(Bifurkation) der Donau. So lokalisiert der
griechische Geograph Strabon einen ihrer Quellflüsse nahe der
oberen Adria im Gebiet des Birnbaumer Waldes. Die Sage und
die Angaben Strabons verweisen auf einen alten Handelsweg.
Über die Region führte auch die Bernsteinstraße von der
Ostsee bis nach Aquileia in Nordostitalien. Aufgrund seiner
Lage in dem schmalen Gebiet zwischen der oberen Adria und
34
„Bei Birnbaum“.

51
dem südost- und mitteleuropäischen Binnenland bildete das
Plateau schon seit ältester Zeit einen wichtigen Pass im
östlichen Alpenraum. Der Pass liegt auf 883 m Höhe und
verbindet heute die slowenische Hauptstadt Laibach (slow.:
Ljubljana) über die Ortschaften Loitsch (Logatec), Podkraj,
Col und Haidenschaft (slow.: Ajdovščina) mit der Grenzstadt
Görz (Nova Gorica bzw. Gorizia) in Nordostitalien.

Die Bernsteinfunde in Qatna (1850-1340)

V ielleicht führt die Bernsteinroute von der Bernstorfer


Siedlung über den Brennerpass nach Qatna im
heutigen Syrien. Bis 2000 vor Christus is Qatna ein
unbedeutender Flecken am Wüstenrand, etwa 200 Kilometer
nördlich vom heutigen Damaskus. Doch dann folgt eine
Änderung des Welthandelssystems35. Mesopotamien öffnet sich
zu dieser Zeit dem West zu. Der Grund dazu liegt
hauptsächlich im Kupferabbau auf der Insel Zypern.

A ufgrund der strategischen Lage wir Qatna reich und


erlebt einen ungeheuerlichen Aufschwung van
1850-1650 vor Christus. Ein neuer Königspalast mit
riesigen Abmessungen von 150 x 120 Meter und 100 Zimmern
entsteht. Das sagenhafte Gebäude wird erbaut mit
tausendjährigen Zedernbalken aus dem Libanon. In der
Grabkammer des Königs entdeckt der Archäologe neben
Schmuckstücken aus Alabaster und Elfenbein ein
Löwenköpfchen aus baltischem Bernstein., das auf einen 5000
km langen Handelsweg deutet.
35
Nach Aussage des Archäologen Peter Pfälzner, veröffentlicht in der
Backnanger Kreiszeitung vom Montag 7 September 2009

52
D er Reichtum Qatnas weckt jedoch Begehrlichkeiten.
1340 vor Christus erobern die Hethiter die Stadt,
plündern und zerstören den Palast. Die Königsgruft
jedoch finden sie nicht. Sie wird erst 2002 vom Pfälzer
Archäologen unversehrt entdeckt...

Die Fracht der Uluburun (1400 v.C.)

D as Wrack der Uluburun stammt aus 1400 v.C. Und


beteiligte sich an einem Fernhandel auf einer
Rundreise von 1700 Seemeilen. Zu den größten
Überraschungen der Fracht der Uluburun gehören die
azurblauen Glasrohlinge. Bis dahin konnten Archäologen nur
spekulieren, ob in der Bronzezeit überhaupt schon Glas
produziert wurde. An Bord waren mindestens 350 Kilogramm,
gefertigt in Ägypten. Auch die zwei Dutzend Keramikkrüge
aus dem griechischen Mykene sorgten für Aufsehen. Ein
einzigartiger entenförmiger Kosmetikbehälter zeugt von
filigraner Elfenbeinarbeit. Und nicht zuletzt der schimmernde
Bernstein ist bemerkenswert. Der Kupfer wurde laut Analyse
der Fracht der Uluburun in Zypern gefunden, der Zinn jedoch
in Usbekistan.

D ie insgesamt 20.000 Teile der Uluburun beweisen:


Das Schiff segelte von Ugarit über Zypern nach
Kreta und Mykene. Dann weiter nach Troja und ins
Schwarze Meer.

53
D anach steuerten die Seeleute Ägypten an, erwarben
dort Glasbarren und tauschten die in Ugarit gegen
Zinn. In diesem Kontext ist es sicherlich bedeutsam,
dass Schliemann in Troja nur zwei Bernsteinperlen gefunden
hatte, während die Archäologen in den Schachtgräbern
Mykenes viele Ketten aus Bernsteinperlen geborgen haben.

54
6 Die Bernsteinhändler der Bronzezeit

I n ihrer Dissertation36 dokumentiert Christa Stahl die


Handelsrouten der Bronzezeit (2000 v.C. bis 700 v.C.)
und unterscheidet die Routen der frühen, der mittleren
Bronzezeit und die Früheisenzeit. Die Karte dokumentiert nur
die deutschen Routen und übersieht die Englische Fund- bzw.
Handelswege. Demnach führte die Route zur Beginn der
Frühbronzezeit von der Elbe-Mündung (Hamburg) entlang der
Elbe und anschließend über den Brennerpass nach Norditalien.

I n der Mittelbronzezeit (etwa 1000 vor Christus) bildet


sich eine Verbindungsstrecke zwischen Saale und Rhein,
so dass die Händler nun in der Lage sind das Mittelmeer
auch über die Rhone zu erreichen. Etwa 600 vor Christus
gründen die Griechen die Handelsstation Massilia (Marseille)
an der Rhone-Mündung. Eine Alternativ-Verbindung zwischen
Rhein und Donau benutzt das Neckartal und erreicht die Donau
bei dem Keltenoppidum Heuneburg. Ein Zusammenhang
zwischen der Heuneburg und der historisch überlieferten Stadt
Pyrene konnte bisher nicht bewiesen werden. Pyrene wurde
jedoch vom griechischen Geschichtsschreiber Herodot im 5.
Jahrhundert v. Chr. als eine „an der Donau gelegene keltische
Stadt nahe der Donauquelle“ erwähnt.

Z u Beginn der Eisenzeit (700 vor Christus) bildet sich


eine Ostroute, die direkt von der Ostsee nach Süden
führt und die höchsten Teile Alpenkette auf der
Ostseite umgeht. Die Ostroute erreicht die Adriatischen Küste
bei der späteren Hafenstation Aquileia.

36
Mitteleuropäische Bernsteinfunde von der Frühbronze- bis zur Frühlatène-
Zeit - von Christa Stahl, J.H.Röll Verlag, 2006, ISBN 3897542455.

55
Abb. 6: Trans-kontinentale Bernstein-Straßen

56
Die Argonauten (1300 v.C.)

Z ur Erkundung der Handelsstraßen und zur


Kolonisierung der Küstenregion des Schwarzen
Meeres versammelte Jason einst fünfzig Fürsten-
Söhne aus Hellas und den umliegenden Inseln. Zu den Helden
gehören Heracles, Pereithous und Theseus, Castor und Pollux,
Admetus, Peleus, Amphion, zwei Söhne des Boreas und der
Sänger Orpheus. Auf einem Kiel aus einer Eiche des heiligen
Dodonischen Waldes ließ er ein schnelles Schiff bauen und
taufte es Argo, die „Schnelle“. Es war so leicht, dass die
Besatzung es zwölf Tagereisen weit auf ihren Schultern tragen
konnte. Die Helden, die sich nach dem Schiff Argonauten
nennen, segeln zuerst nach Troja. Nach einer Rast in diesem
Hafen durchrudern sie den Bosporus und erreichen das
Schwarze Meer, wo die Männer in Kolchis dem König Aeætes
ein Ram-Fell, das Goldene Vlies, rauben. Bei der Abfahrt
begleiten sie freiwillig die zaubernde Königstochter Medea, in
Liebe zu Jason, und auch ihr kleiner Bruder Absyrtus. Mit
Mühe und Not entkommen sie den Verfolgern, indem Medea
ihren kleinen Bruder tötet und den Verfolgern vorwirft. Aus
Angst vor der königlichen Rache siedeln sich die Kolcher nun
auf der Artemis-Insel in der Mündung des Isters37.
„Alsdann wirft Hera das Schiff auf die unwirtliche Insel
Elektris, und das weissagende Schiff spricht jetzt: Ihr
werdet die Irr-Fahrt nicht entgehen, bevor ihr nicht die
Schandtat gesühnt habt.

37
Ggf. eines der Flüssen Po oder Donau

57
Sie erreichen den Eridanos38 und bei Nacht hören sie ganz
deutlich das Wehklagen der Helladen und wie die Tränen
der Schwestern gleich Öltropfen ins Meer rollen39, wo die
Sonne die Tropfen trocknet und in Bernsteine verwandelt.“

An den Ufern des Eridanos hin kamen sie zu einer Mündung
des Rhodanos und wären hinein gerudert, von wo sie nicht
lebendig herauskommen sollten, wenn nicht Hera plötzlich
auf einer Klippe erschienen wäre und mit furchtbarer
Götterstimme sie abgemahnt hätte. Diese hüllten das Schiff
schirmend in schwarze Nebel und so fuhren sie an
unzähligen Kelten-Völkern viele Tage und Nächte vorbei...
aus „Argonautika40“

D ie Legende der Argonauten führt die Griechen


zuerst an die Küsten des Schwarzen Meeres, aber
die Beute reicht den Abenteurern nicht. Mit dem
Goldenen Vlies rudern sie einen Fluss hinauf nach
Nordwesten: in die Richtung der ergiebigsten Bernstein-
Quellen. Leider wissen wir nicht genau, welche Flüsse die
Argonauten befahren haben. Die Argonautika nennt die Donau
und ein Wasser, wo die Hitze der tief stehenden41 Sonne die
Steine gebildet haben soll.

38
Rhodanus = Rhone; Æridanus (Ηρδανος) = Myth. Name für Padus (Po).
39
Sagen des klassischen Altertums, Die Argonautensaga, Gustav Schwab
40
Argonautika, Appolonius Rhodios, etwa 295-215 v.Chr.
41
Die Sonne schien (im Altertum) am Rand der Erdplatte tiefer und der Erde
näher zu stehen und daher größere Hitze auszustrahlen. Diese Meinung
vertritt Tacitus in der Germania.

58
I n der Landkarte mit den natürlichen
Bernsteinvorkommen ihrer Dissertation dokumentiert
Christa Stahl drei Bernstein-Quellen an den südlichen
Ufern des Padus (Po) in Norditalien. Die Fundorte liegen nahe
Parma, Bologna und Ravenna, wobei Parma und Ravenna42
ggf. Brenner-Namen tragen.

H aben die Helladen dieser Sage an diesen Fundorten


vielleicht ihren toten Bruder Phaeton beweint? Die
Weiterfahrt zur Mündung des Rhodanos (Rhone)
deutet sicherlich daraufhin. Es gibt jedoch auch andere
Varianten der Argonauten-Saga, zum Beispiel die Variante
Ovids (aus Ovids Medea:43)

Der blinde Sänger Phineus schlägt ihnen nun aber vor,


eine andere Route zu wählen. In einer schwarzen Wolke
segeln die Argonauten an unzähligen Kelten-Völkern Tage
und Nächte vorbei. An einer Stelle, wo das Wasser zum
Rudern zu untief wird, gehen die Abenteurer von Bord und
tragen das Schiff zwölf Tage auf ihren Rücken, bis sie
westwärts fließendes Gewässer erreichen. Dieser Fluss
führt die Argo in ein kaltes Land, in dem die Mittagssonne
keine Wärme spendet. Eis bedeckt die Takelage und die
Männer erblicken das Inselreich am Rande der Erdscheibe,
wo das Tageslicht auch die Nächte erhellt. Fröstelnd
gewahren die Männer große, weiße Bären auf dem Eis.

42
Vielleicht abgeleitet von „Rav“
43
Aus einer (als Original verschollenen) Medea von Ovid,
zitiert in Tale of the Greek Heroes, Roger Lancelyn Green

59
Alsdann segelt die Argo über die Nordsee in den Atlantik
nach Süden und erreicht die atlantischen Säulen am
Eingang des Mittelmeers. Viele Monate verbleiben die
Argonauten in der Einsamkeit auf hoher See und kehren
dann wieder zurück in das hellenische Reich.

O vid beschreibt einen nord-westwärts führenden


Fluss, der in den Atlantik münden soll. Dabei sollte
man jedoch berücksichtigen, dass Herodot um 440
v.C. die Donau-Quellen an der Atlantikküste bei Spanien
ansiedelte. In die engere Wahl kommen (Tabelle 3):

60
Ausgangsfluss Landübergang Landübergang Landbrücke
zu: bei:
Donau und Inn Adige z.B. Brenner ca. 30 km
Donau Rhein Freiburg ca. 30 km
Donau Neckar und Schwenningen, ca. 5 km
Rhein Heuneburg
(Pyrene ?)
Dnjestr Bug Peremyslany nahe ca. 10 km
der Stadt L’vov
(Lemberg)
Bug 1 (südlich) Bug 2 (nördlich) Ternopol ca. 100 km
Dnjepr und Bug südlich von Brest ca. 7 km
Pripyat
Dnjepr und Nemunas Baranavicy ca. 5 km
Pripyat (Memel)
Dnjepr und Wolchow und Quellengebiet der einige km
Lowat Newa Wolga, Lowat,
Düna und Dnjepr
Don und Wolga Düna (-> Riga) Andropolis und ca. 25 km
Peno in den Valda
Hügeln westlich
von Moskau
Donau und Sava Isonzo (-> Predilpass in den ca. 30 km
Adria) Karawanken

Tabelle 3: Mögliche Landbrücken für die Argonauten

61
D ie Argonautika-Legende beschreibt die Fahrt der
Argonauten auf der Donau und einen Übergang zur
Adria. Auf dieser Route scheinen mir die einfachste
Überquerungen mit einem seetüchtigen Schiff auf dem Rücken
noch der Brennerpass oder der Predilpass in den Karawanken
zu sein.

A ls Alternativen kommen die Landbrücken zum


Rhein in Frage. Als Übergang kommen zwei Stellen
in die engere Wahl, die sich beide im Oberlauf der
Donau befinden. Es sind die Überquerung des Schwarzwaldes
bei Freiburg und der Übergang zum Neckar bei der Donau-
Versickerung. In beiden Fällen sind einige „Brenner“-
Siedlungen nachweisbar. An den Donauquellen liegen
Hammereisenbach, Brandkopf und Oberbrand an dem
Flüsschen Brandbach.

E ine Argonauten-Fahrt auf dem Neckar ist fraglich,


denn der Name Neckar ist keltischen Ursprungs und
bedeutet „Wildes Wasser”. Eine Landroute ist jedoch
ablesbar. Der Anschluss zum Neckar liegt bei Beuron und führt
vorbei an Bärenthal, Bärental-Hammer an der Bara (Karte 14).
Bis kurz vor Rottweil ist der Neckar ein kleiner Bach auf der
Hochebene der Baar. Erst durch Zufluss der Eschach und des
Flüsschens Prim wird er zum Fluss. Zugleich tritt er in ein
enges, waldreiches Tal, das seinen Lauf auf den nächsten etwa
80 Kilometern begleitet. In diesem Talabschnitt fehlen die
„Brenner“-Siedlungen und die Bernsteinroute verläuft weiter
östlich. Bei Hammerwasen (nahe Rottenburg) tritt der Fluss in
das weite Tübinger Becken ein. Nach Tübingen, wo sich der
Fluss Ammer, Ammern und Hammerwasen an einer Siedlung
Ammerbuch befinden, verengt sich das Neckartal wieder. Es ist
unklar, ob im Ammertal Gagat gefunden wurde.

62
A n den übrigen Argonauten-Flüssen finden wir
manchen Brenner-Namen, einige sogar in der Nähe
Moskaus. Vielleicht können wir aus den Ortsnamen
der Handelsstraßen feststellen, welche Ostroute die
Bernsteinhändler bevorzugt haben. Bei einer Analyse dieser
Routen fällt meine Wahl zunächst auf die Dnjestr, mit einem
Landübergang zur nördlichen Bug und Wista bei Peremyslany
nahe der Stadt L’vov (Lemberg). Diese Wegführung weist eine
geringe Landbrücke mit einer Mehrzahl an Brenner-Namen
auf. Leider liegt die Stelle ebenfalls in einer gebirgigen Gegend
und ist für den Transport eines Schiffs auf 50 Rücken ebenso
ungeeignet wie die Alpenrouten.

D ie nördlichste Strecke führt über Leningrad. Zu dieser


Route sagt Hendrik Willem van Loon44:
„Vom Ladagosee kann man sich nach Süden dem kleinen
Wolchow, dem Verbindungsglied zwischen Ladagosee und
Ilmensee, anvertrauen. Der Abstand zwischen dem Lowat-
Fluss und der Düna ist nicht sehr groß und das Land
dazwischen ist eben genug, um den Transport von Booten
von einem Wasserlauf zum anderen nicht so sehr zu
erschweren. Von dort erreicht man die Dnjeprquelle und
erreichen die Boote schließlich die Krim-Insel im
Schwarzen Meer.“

O bwohl diese Route in den ersten 600 Jahren unserer


Zeitrechnung sehr bekannt war, ist sie für die
Bernsteinhändler vielleicht doch nicht ideal, da sie
weiter als nötig nach Norden führt. Eine bessere Alternative ist
44
Du und die Erde, von Hendrik Willem van Loon (1932)

63
die Verbindung Pripyat – Bug, auf der Grenze zwischen Polen
und Ukraine. Am Länderdreieck südlich der Grenzstadt Brest
zwischen Belarusland und Polen ist der Landgang Pripyat-Bug
nur 7 km lang und befindet sich nahezu auf einer Ebene. Die
nördliche Bug fließt bei Warschau in die Wista, während der
Zufluss Pripyat bei Tschernobyl etwa 50 km nördlich von Kiew
in den Dnjepr mündet. Es handelt sich dabei übrigens um den
gleichen Fluss, dessen Wasser immer noch die
Kernreaktorruine in Tschernobyl kühlen muss.

I n der Nähe Kiews liegen einige Brenner-Siedlungen und


im Mündungsbereich am Schwarzen Meer finden wir
zwei Brenner-Städte: Beryslav und Hola Prystan. Diese
Route ist wohl die klassische Argonauten-Strecke aus Ovids
Medea. Es gibt nun mehrere Hinweise, die auf diese Route als
Bernsteinroute deuten:
• Die Stadt Brest am Übergang Pripyat – Bug
• Die kurze Landbrücke von nur 7 km Flachland
• Die Städte Peremoha, Berezan, Perejaslav-
Chmelnyckyj östlich von Kiew
• Die Hafenstädte Beryslav und Hola Prystan im
Mündungsbereich des Dnjeprs
• Das Zitat von Herder, in dem Herder auf die Bedeutung
des Dnjeprs als Bernsteinstrecke hinweist
• Der Name Borysthenes („Bernstein“) für den Dnjepr
im Altertum

64
E ine weitere alternative Route verbindet Klaipeda
(Memel) mit dem Pripyat. Für diese Route ist neben
einigen klassischen Brenner-Namen sogar eine Stadt
Elektrenai (nahe Vilnius) verzeichnet, und falls es sich dabei
um einen alten Namen aus der Zeit vor der Elektrifizierung
handelt, ist dieser Name ein sicheres Indiz für eine Bernstein-
Route. Zu allem Überfluss heißt gar eine Nachbarstadt
Birstonas (Bernstein). Die Landbrücke dieser Route befindet
sich bei Baranavicy, nördlich von Brest.

B eide Routen verbinden über den Flüssen Wista, Bug


oder über die Neman (Memel), über Pripyat und
Dnjepr die Ostsee mit dem Schwarzen Meer, führen
durch den Bosporus mit der Hafenstadt Troja und entlang der
türkischen Küste nach Syrien. Diese Route entspricht genau
der Route der Argonauten, die im Jahrhundert vor dem
Untergang Trojas mit einem Schiff vom Schwarzen Meer zur
Ostsee und von dort über die Nordsee, den Atlantik und
Gibraltar nach Griechenland zurückgekehrt sind. Diese
Bernstein-Straße wird von Troja dominiert und stand mit den
übrigen Routen in Konkurrenz.

V iele Helden an Bord der Argo waren die Väter der


Hellenen, die gegen Troja gekämpft haben, und
bereits im ersten Satz der Odyssee wird der
Argonauten-Held Peleus als der Vater des berühmten Achilles
erwähnt. Aus diesem Detail leiten wir auch den Zeitpunkt der
Argonauten-Reise ab: Diese soll im Jahrhundert vor dem Fall
Trojas stattgefunden haben (1250 vor Christus). Unweit vom
Übergang Brindisi - Ambracia liegt auch der Wohnort des
Odysseus, Ithaka, so dass der trojanische Kampf in den

65
Gesängen Homers sehr wohl einen Verdrängungs-Wettbewerb
der Bernstein-Händler darstellen mag. In diesem Kontext ist es
sicherlich bedeutsam, dass Schliemann in Troja nur zwei
Bernstein-perlen gefunden hat, während die Archäologen in
den Schacht-Gräbern Mykenes viele Ketten aus Bernstein-
perlen geborgen haben. Mykene verfügt nördlich der Stadt
Sparta über einen Gebirgszug, der Parnon heißt und wie der
Gebirgszug Parnis bei Athen ggf. einen Hinweis auf eine
eigene Bernstein-route liefert.

D er Sieg der Mykener über die Konkurrenz Troja


markiert dann das Ende der trojanischen Routen
und eine Blüte-Phase für die hellenische Route. In
diesem Kontext ist es sicherlich wichtig, den etymologischen
möglichen Zusammenhang Trojas mit dem Bernsteinhandel zu
untersuchen. Troja liegt in einem Land, das Phrygia heißt. Die
Legende beschreibt, dass Kreter Troja gegründet haben und als
Gastgeschenk vom benachbarten König der Phrygier 50
Männer and 50 Frauen erhalten haben sollen45. Die Phryges
(Griechisch: Φρυγες) sind ab dieser Gründung die Trojaner und
deren Name ist in Lateinischer Sprache Bruges (Altlatein =
Phryges46). Dabei ist sehr wohl denkbar, dass das griechische
Wort Φρυγες vom Verb φρυγω = erhitzen, anbrennen, braten
abstammt. Demnach waren die trojanischen Phrygier
offensichtlich bis 1250 vor Christus die „Brenner“ - Händler,
die den Bernstein in den Süden verkauften. Das Wort Brügge
sowie das italische47 Verb „bruciare” („brennen”) hängen
andererseits dann vielleicht ebenfalls mit Phryges (Griechisch:
45
Sagen des klassischen Altertums, Die Argonautensaga, Gustav Schwab
46
Wörterbuch Latein-Niederländisch, Wolters, 1963
47
Italisch = Vorgängersprache für die Italiänischen Sprachen

66
Φρυγες) und dem Verb φρυγω zusammen. Und wohl bald wird
auch jemand aufstehen und behaupten, dass die belgische
Siedlungen Brügge und Bruxelles nach Trojas Untergang von
den geflohenen Trojanern gegründet worden sind.

D ie 5500 km lange Bernsteinroute von Dänemark


über Griechenland nach Syrien führt uns vorbei an
historisch bedeutsamen Ortschaften. In Italien führt
der Weg vorbei an Rom. Insbesondere aber in Griechenland
verläuft die Route vorbei an dem berühmten Zeus-Orakel
Dodona, an dem noch berühmteren Apollo-Orakel Delphi im
Nabel der Welt, an Athen, sowie an dem Bundesheiligtum
Delos. Der südliche Attisch-Delische Bund und die nördliche
Hanse basieren vielleicht sogar auf den Vertragskonstrukt der
älteren Bernsteinhändler.

D ie Lage an der bedeutsamen Handelsstraße hat


sicherlich beigetragen zur Entwicklung der
Hochkultur in Hellas, und nebst der Exportware bot
die Bernstein-Straße sicherlich genügend Gelegenheit zum
Austausch der religiösen und philosophischen Ansichten der
Handelspartner.

67
Die Argonauten-Brücken auf der Alb

I n 2010 wurde nochmals die Studie der Argonauten-


Brücken auf der Schwäbischen Alb in Angriff genommen.
Das Ergebnis dieser Untersuchung wurde in einem
separaten Manuskript dokumentiert48. Genau genommen gibt es
wohl vier „relativ“ kurze Wege, die von der Donau zum Neckar
führen.

Nr. Länge Brücke Scheitel Neckar Donau


-Punkt Anschluss Anschluss
#1 21km 21 km 700m 600m 670m
#2 50km < 1km 800m 600m 650m
#3 60km 4km 800m 400m 600m
#4 70km --- 800m 400m 600m
Tabelle 4: Streckenparameter der Argonautenroute
Die Argonauten-Routen wurden in Google-Maps digitalisiert
Argonautenrouten auf der Schwäbischen Alb

Argonautenroute # 1 über Würmlingen

D ie Wasserscheide befindet sich in Würmlingen,


beziehungsweise Egelsee auf ca. 700 m Höhe. Die
Anschlussstelle bei Tuttlingen zur Donau liegt auf 670
m Höhe, die Anschlussstelle zum Neckar (Bühlingen) liegt bei
600 m.

48
Das Geheimnis der Argonautenbrücken

68
D ie Argonautenroute 1 von Bühlingen am Neckar bis
nach Tuttlingen ist nur etwa 15 Meilen, d.h. etwa 21
km lang und weist einen Höhenunterschied van nur
etwa 100 Meter auf.
Bühlingen (Neckar) – Neufra – Neuhaus – Hofen –
Spaichingen – Balgheim – Egelsee – Höfle – Weilheim
– Wurmlingen – Tuttlingen (Am Lokschuppen)
Allerdings weist diese Strecke keine nennenswerte
Wasserläufe auf. Die Gesamtstrecke müsste das Schiff
geschoben werden.

Argonautenroute # 2 über Tieringen

D ieser Weg mit 28,3 Meilen (ca. 50 km) führt bei


Nusplingen direkt am Staufenberg (995 m hoch)
vorbei.
Die Wasserscheide liegt in etwa bei Tieringen.
Siehe die Panoramakarte der Argonautenroute #2 über die
Zuflüsse Hammer, Bära und Schlichem. Eine der Bärazuflüsse
reicht ziemlich weit an den Scheitelpunkt Tieringen heran. Die
genaue „Brückenlänge“ ist mir allerdings noch nicht bekannt.

E s gibt eine weitere Variante der Route 2, die dem


Schlichem-Lauf folgt und einige Abkürzungen, u.a. via
Vaihinger Hof. Der direkte Weg nach Rottweil führt
allerdings unmittelbar am Berner Feld vorbei. Der
Neckaranschluss der Route 2 liegt beim Berner Feld auf 600
Meter Höhe. Der Donauanschluss liegt bei Fridingen, wo die
Argonauten die Donau verlassen haben könnten, auf ca. 650 m
Höhe.

69
Fridingen (an der Donau) – Bärenthal am Zufluss
Hammer– Nusplingen – Unterdigisheim –
Oberdigisheim – Tieringen – Hausen (an der
Schlichem) – Ratshausen – Schömberg – Neukirch –
Rottweil (am Neckar).

Abb. 7: Panoramakarte der Argonautenroute #2

70
Argonautenroute # 3 über Albstadt

D iese Argonautenroute #3 mit einer Länge von 39


Meilen (ca. 60 km) führt direkt vorbei an der Burg
Stauffenberg-Schloss Albstadt – Lautlingen. Die
Wasserscheide befindet sich in Albstadt auf ca. 800 m Höhe.
Allerdings bieten die Zubringerflüsse Schmiecha und Eyach
noch eine ordentliche, vielleicht (?) schiffbare Strecke, so dass
lediglich ein Landweg von 4 km übrig bleibt, die zum Tragen
oder Schieben des Schiffes reserviert bleibt. Eine so kurze
Landverbindung weisen die übrigen Strecken abgesehen von
Route #2 nicht auf.

D ie Anschlussstelle zum Donau (Unterschmeien) liegt


bei 600 m, die Anschlussstelle Frundeckhof zum
Neckar liegt auf 400 m Höhe, sodass dieser Anstieg
recht steil ist.
Frundeckhof (Neckaer) - Kaiseringen – Strassberg –
Albstadt (an der Schiecha) – Lautlingen – Laufen –
Dürrwangen – Frommern – Balingen – Engstlatt –
Owingen – Haigerloch (an der Eyach ) – Bad Imnau –
Unterschmeien (Donau)

Argonautenroute # 4 über Burladingen

D iese längste Route Nr. 4 mit einer Länge von etwa 44


Meilen (70km) führt direkt vorbei an der Burg
Hohenzollern. Die Wasserscheide befindet sich in
Burladingen auf 800 m Höhe. Die Anschlussstelle
Sigmaringendorf zur Donau liegt auf ca. 600 m Höhe, die
Anschlussstelle zum Neckar (Bieringen) liegt bei 400 m,
sodass dieser Anstieg recht steil ist.

71
Sigmaringendorf (Donau) – Jungnau – Veringendorf –
Veringenstadt – Hermentingen – Neufra – Gauselfingen
(an der Fehla) – Burladingen – Starzeln (an der
Starzel) – Killer – Jungingen – Hechingen –
Rangendingen - Bieringen (Neckar)

Argonautenroute # 5 über Heuneburg

H euneburg an der Donau war ggf. eine alte


Handelsstadt, die etwa 600 vor Christus Pyrene
genannt wurde. Möglicherweise war eine ähnliche
Siedlung namens Berner Feld bei Rottweil Pyrene.

Argonautenroute # 6 übers Remstal

E ine spätere Alternativroute führt bei der Keltensiedlung


Asperg (bei Stuttgart) übers Remstal mittels einer
Bergüberquerung nach Giengen an der Brenz, wo man
die Donau erreicht. Von dort ist die Donau auch für größere
Schiffe schiffbar. Unweit von dieser Bergüberquerung befindet
sich die Keltensiedlung Ipf.

Zusammenfassung

D ie günstigste Route ist die Route #2, die lediglich etwa


1km Landweg erfordert. Zudem befinden sich auf
dieser Route ein Berner Feld an der Neckar-Endstelle
und den Namen Bärenthal (Bernthal ?) sowie Hammer
(abgeleitet von Amber = Bernstein?). Direkt neben dem
Seitental des Hammers befindet sich das Kloster Beuron, das
genau genommen auch „Bern“ heißen könnte.

72
D

ie Namen Brenz, Berner Feld, Bernthal sowie
Hammer und vielleicht auch Beuron sind m.E.
untrüglichen Anzeichen einer Bernstein-Handelsroute

Z ur Frage einer Siedlung im Berner Feld und


Verbindungen zu weiteren Argonauten-Stationen kann
man ggf. die Lage und Funktion der Argonauten-
Brücken vergleichen mit einer ähnlichen Situation an der
bayerischen Fundstelle Bernstorf, deren Merkmale in einem
Schlusskapitel dokumentiert werden.

73
Griechische Händler (ab 480 v.C.)

D er Sage nach entstand Bernstein aus den Tränen der


um ihren Bruder trauernden und in Bäume
verwandelten Töchter des Helios. Im Hippolytos des
griechischen Dramatiker Euripides (um 480 - 407 v. Chr.) ist
bereits die pflanzliche Herkunft des Bernsteins festgehalten.
wenngleich der Dichter, der diese Version des Mythos dichtete,
an Stelle der Koniferen die Pappel setzte. In den
Metamorphosen des römischen Dichters Ovid taucht dieser
aitiologische Mythos wieder auf.

D er griechische Forschungsreisende Pytheas von


Massila reiste im Auftrag des grossen Alexanders
um 334 v. Chr. zu den Bernsteininseln, das heißt die
west-, ost- und nordfriesischen Inseln, die in der Nordsee
liegen; er nannte eine der Inseln Abalus. Die Einwohner
würden den Bernstein anstelle von Holz als Brennstoff
verwenden und ihn den benachbarten Teutonen verkaufen
Andere Gelehrte wie Diodorus Siculus nennen diese Insel auch
Basilia oder Abalcia. Man nennt diese Inseln nach dem
griechischen Wort „Aelektron“ für Bernstein aber auch die
Elektriden. In der griechisch-römischen Antike wurde auch
erkannt, dass Bernstein sich elektrostatisch aufladen kann. Der
griechische Philosoph Aristoteles berichtet darüber.

74
Die Keltenhändler

E rstmals werden die Kelten in der Historie erwähnt in


einem Bericht des Griechen Herodot (486-425 v.C.),
wobei dieser als Zentrum die „Stadt Pyrene“ am
Oberlauf der Donau und das Hinterland von Marseille benennt.
Die Donauquellen liegen bekanntlich im süddeutschen
Schwarzwald. Südlich davon befindet sich die wichtige
Fundstelle einer keltischen Siedlung La Tène am Neuenburger
See und in unmittelbarer Nähe der Quellen liegt die
Heuneburg. In der Blütezeit von 600-400 vor Christus müssen
etwa 5.000-10.000 Einwohner die Stadt bevölkert haben. Aus
dieser Umgebung expandieren die Kelten in alle Richtungen.

Abb. 8: Rekonstruktion der Heuneburg (Pyrene) a.d. Donau

75
D ie Heuneburg ist um 600 vor Christus bereits eine
auf einer Hochebene mit einer Lehmziegelmauer
umgebene Stadt, die an der Donau genau dort
positioniert wurde, wo dieser Fluss für die kleineren Schiffe
befahrbar wurde. Die Lehmziegelmauer hat einen 3m breiten
Sockel aus Kalksteinen (0,3-1,1m hoch), das aufgehende
Mauerwerk wird mit mindestens 3m Höhe angegeben. Die
zugehörige Innenbebauung zeigt Häuserzeilen, die dicht
nebeneinander stehen. Bernsteinperlen und Zierknöpfe aus
Bernstein weisen auf Handelskontakte nach Norden. In der
Südostecke wurde Metall verarbeitet. Herodot dokumentiert
dazu:
„Denn der Istros49, der von den Kelten und der Stadt Pyrene
herkommt, nimmt seinen Lauf mitten durch Europa. Die
Kelten wohnen aber jenseits der Säulen des Herakles als
Grenznachbarn der Kynesier, die am weitesten gen
Sonnenuntergang von allen Bewohnern Europas sitzen.“

U m 550 vor Christus brennt die gesamte befestigte


Heuneburg und auch die Außensiedling im
nordwestlichen Vorfeld der Burg ab. Der
Wiederaufbau der Burg erfolgt nach völlig anderen Plänen, in
dem die Handwerkersbereiche fehlen. Fundstücke beweisen
jedoch, dass die Kontakte in den Süden nicht abgebrochen
werden.

D ie zugehörige Zivilisationsblüte wird als La-Tène-


Kultur bezeichnet. Das Keltengebiet ist den
Griechen lange Zeit Terra incognita, denn der
griechische Geograph Strabo50 schreibt zur Zeitenwende:
49
Donau
50
Strabo etwa 63 v.C. – 26 n.C. wird zitiert in Geschichte des Baltikums,

76
„Was jenseits der Elbe liegt zum Ozean hin, ist uns
vollkommen unbekannt, denn wir haben keinen getroffen,
der diese Küsten befahren hätte“.

I m Jahre 387 v. Chr. überquert eine Keltenarmee unter


der Leitung des Anführers Brennus den Brennerpass und
erobert in einem ersten furiosen Angriff die Stadt Rom.
Der Name Brennus lebt nach Ansicht der Historiker weiter im
bedeutendsten Alpenübergang Brenner. Für die religiösen
Marmorstatuen der Römer zeigen die Sieger keinen Respekt
und zerschlagen die Statuen einfach mit ihren Schwertern. Die
Kelten verehren in dieser Zeit keine Abbildungen. Sie sind sehr
religiös, aber der Gott, den sie verehren, ist eben andersartig.

D ie römischen Aristokraten nehmen diesen


bedrohlichen Überfall mit versteinerten Mienen zur
Kenntnis, schwören sich aber, dass ihre Stadt Rom
niemals mehr in eine solche Gefahr geraten darf. Es ist die
Geburtsstunde des römischen Pakts, der zum großen
Römischen Reich führen wird.

D er Brenner des Jahres 387 vor Christus ist jedoch


keineswegs der erste „Brenner“-General. In den
mittelalterlichen Annalen der Klösterbibliotheken
hat Aventinus51 weitere Einträge gefunden. Bereits zum
Trojanischen Krieg soll ein König Brenner als Herrscher
nördlich der Alpen regiert haben:

Alex Schmidt.
51
Quelle: "Bayerischen Chronik" und "Deutsche Chronik" von Johannes
Turmair, Abensberg, 1526, zitiert von Herman L. Hoeh in „Compendium
der Weltgeschichte“ (1963)

77
Nr. Deutsche Herrscher Periode
1 Tuitsch oder Tuisto: Herrscher über 32 2214-2038
Gräfen. bzw. das Land zwischen Don und (2214-1978)
Rhein.
2 Mannus oder Mann, der Sohn und 1978-1906
Nachfolger Tuistos (1978-1912)
3 Eingeb oder Ingaevon, Sohn des Mannus 1906-1870
oder Ninus -- Asshur – war der deutsche (1912-1872)
Merkur. (verheiratet mit Freia)
4 Ausstaeb oder Istaevon, Sohn des Eingeb. 1870-1820
Ausstaeb war der deutsche Mars. (1872-1820)
5 Herman, Sohn des Ausstaeb 1820-1757
6 Mers 1757-1711
7 Gampar 711-1667
8 Schwab, Vater des Schwabenvolkes 1667-1621
9 Wandler 1621-1580
10 Deuto, Vater der Teutonen 1580-1553
11 Alman (Allmann oderr Altman), der deutsche 1553-1489
Herkules.
12 Baier 1489-1429
13 Ingram oder Ingramus 1429-1377
14 Adalger oder Adelger 1377-1328
15 Larein 1328-1277
16 Ylsing oder Ulsing. Es handelt sich dabei um 1277-1224
den Trojanischen Ulysses des Tacitus; der
Grieche Odysseus, der die Atlantik bereist hat
und den Rhein besucht hatte.
17 Brenner oder Breno, Sohn des Ylsing. 1224-1186
18 Heccar (Hykar oder Highter), Brenners Sohn. 1186-1155
Er ist der berühmte Hektor aus dem ersten
Trojanischen Krieg.
19 Frank (Francus oder Franco) 1155-1114
20 Wolfheim Siclinger 1114-1056
21 Kels, Gal und Hillyr 1056-1006

78
22 Alber 1006-946
23 Walther, Panno und Schard 946-884
24 Main, Ängel und Treibl 884-814
25 Myela, Laber und Penno 814-714
26 Venno und Helto 714-644
27 Mader (Madyas) 644-589
28 Brenner II und Koenman. Nach dem Tod 589-479
Koenmans wurden die Baiern in Italien von
folgenden Königen angeführt: Zeck, Ber (der
Gründer von Bern oder Verona) und
Breitmar.
29 Landein mit seinen Söhnen 479-399
30 Brenner III 399-361
31 Schirm, Sohn des Brenners III. Er und sein 361-263
Sohn Brenner IV regierten bis 60 Jahren nach
Alexanders Tod. Brenner hat einen gewaltigen
Angriff nach Griechenland organisiert, dabei
Macedonien und das Orakel in Delphi
geplündert, wurde jedoch in 279 v.C. getötet.
32 Thessel, Sohn des Brenners IV. 279-194
33 Dieth I 194-172
34 Baermund und Synpol 172-127
35 Boiger, Kels und Teutenbuecher 127-100
36 Scheirer 100-70
37 Ernst (Arionistus) und Vocho 70-50
38 Pernpeist 50-40
39 Cotz, Dieth II und Creitschir circa 40-13
40 Ab dieser Zeit herrscht im deutschen Bereich
Anarchie, in dem sich die Herrscherfamilien
gegenseitig auslöschen. Die Franken
übernehmen anschließend die Führung52.
Tabelle 5: Herrscherlisten nach Aventinus (1526)

52
Siehe dazu: "Compendium der Weltgeschichte", Kapitel XII A. (1963)

79
D ie Namensliste wurde im Mittelalter allerdings von
den Mönchen an die damals gängigen Biblische
Zeitrechnung angepasst. Demnach wurde der erste
Deutsche Fürst „Tuisco“ kurzerhand als der Sohn Noahs
definiert. Nur eine alte Literaturstelle liefert uns den Namen
der Gottheit Tuisco, der im Buch Germania von Tacitus
folgendermassen dokumentiert wird53:

„In alten Liedern, der einzigen Art geschichtlicher


Überlieferung, die es dort gibt, feiern sie einen
erdentsprossenen Gott Tuisco und dessen Sohn Mannus, den
sie als den Stammvater und Begründer ihres Volkes preisen.
Dieser soll drei Söhne gehabt haben, nach deren Namen die
an der Nordsee wohnenden Germanen Ingävonen, die in der
Mitte Herminonen und die übrigen Istävonen genannt
wurden.“

Diesem Schöpfergott Tuisco wurden in den nachfolgenden


Jahrhunderten hauptsächlich am Niederrhein nun einige
Deutsche Siedlungsnamen gewidmet, zum Beispiel:
Duisburg54, Duisdorf (bei Bonn), Deutz (bei Köln), Doesburg55
(NL).

D er Überfall der Keltenarmee unter Führung des


Generals „Brenner” ist kein Eroberungsfeldzug,
sondern eher eine Strafexpedition. Vermutlich haben
die Römer die Handelsrouten der Kelten gestört und haben die
Kelten den freien Handel forcieren wollen, der ihnen in dieser
Zeit einen üppigen Reichtum bescherte.

53
Germania, Publius Cornelius Tacitus, 55-116 n.C.
54
Tuiscoburg – Quelle: Orbis Latinus (Dr. J. G. Th. Graesse, 1909)
55
Tuiscoburg Batavorum – Quelle: Orbis Latinus

80
D ie Kelten organisierten damals den europaweiten
Handel in Bernstein und kontrollierten die
Herrschaft der gesamten Handelsstrecke von der
Nord- und Ostsee über die Alpen und Po-Ebene an die
Adriaküste und nach Marseille. Der wachsende Einfluss der
Römer gefährdete diese Vormachtsstellung genauso wie etwa
100 Jahre später das Interesse der Griechen. In beiden Fällen
(387 und 278 v.C.) mussten die Kelten militärisch eingreifen
und in beiden Fällen hieß der General „Brenner”. Der erste
Angriff gilt als das erste geschichtlich sichere Ereignis in
Italien. Vor diesem Datum gibt es keine fundierte Geschichte
zu den Kelten- oder Römersiedlungen.

D er zweimal geschichtlich dokumentierte Name des


Generals Brennus ist kein normaler Familienname,
eher ein Projektname der Händler, welche die
Interessen des Berufszweiges mit militärischen Mitteln
durchsetzen wollten. Eine Art „Ölquellenkrieg” im Altertum
sozusagen.

Der Brennerpass

E rstaunlich viele Namen im Alpenbereich und


Deutschland erinnern an den Bernsteinhandel. Wir
werden unsere Analyse am wichtigsten Alpenpass
„Brenner” beginnen, denn dieser Gebirgspass war
jahrhundertelang Dreh- und Angelpunkt des Handels in
Brennstein56. Dieser Pass ist jedoch keine Einzelstation, denn
die Hälfte aller Alpenpässe und unzählige Ortsnamen enthalten
den Namenskern „Bern” des „Bernsteins”.

56
http://www.ancientroute.com

81
D ie vielen Namen, die auf Bernstein beruhen, liefern
eine bedeutende, neue Einsicht in die Geschichte
der prähistorischen, europäischen Handelswege.
Dazu werden wir zuerst die Alpenpässe analysieren, denn in
den Alpen sind die Namen besonders ausgeprägt und die
Reiserouten nachvollziehbar. Die meisten Namen beziehen sich
auf „Ammer”, „Bern” und „Brand”, nur wenige auf „Glas”,
oder gar auf „Elektron” beziehungsweise „Rav”. Zu diesen
letzten gehören zum Beispiel Ravenna in Italien und
Ravensburg nördlich des Bodensees.

A uf der Straße von Pyrna (bei Dresden) bis nach


Padua in Italien liegen zahllose Siedlungen, die eine
Brennerroute markieren. Sie folgen Gebirgsketten,
kreuzen oder folgen Flusstälern und verbinden kürzeste
Strecken mit optimaler Wegführung. Ich werde auf den
nachfolgenden Seiten die unterschiedlichen Varianten der
Brenner-Strecken von Pyrna bis Padua etwas genauer
spezifizieren.

Dresden / Pyrna – Ampertal – Brennerpass

V om Durchbruch der Tschechischen Elbe bei Pyrna


folgt der gemeinsame Weg zunächst die Elbe gen
Süden bzw. Westen, führt über Amberg, das Oppidum
Manching an der Donau nach München. Von Manching folgt
der Weg das Ampertal nach Süden. Südlich von München, das
damals Monacum hieß, sind drei Strecken möglich. Man kann
Ammersee, Ammer, Ammergau und Ammersattel folgen, oder
aber links beziehungsweise rechts am Starnbergersee entlang
direkt nach Garmisch reisen. Auf der Westseite dieses Sees
liegt nämlich Bernried, auf der Ostseite Ammerland und beide

82
sind „Brenner”-Siedlungen. Vom Ammersattel und von
Garmisch aus erreicht man Ampass-Amras (Innsbruck) und den
Alpenpass Brenner. Auf dieser Strecke muss man den Fernpass
passieren und vielleicht heißt dieser deshalb auch (analog zur
Namensgleichheit Berona = Verona) ursprünglich Bernpass.
Am Fernpass liegt die Ortschaft Fernstein, die sicherlich
ursprünglich Bernstein genannt wurde, und die alten Namen
für Innsbruck Ampass oder Amras beziehen sich wohl beide auf
den Amberhandel. Der ursprüngliche Name für Innsbruck muss
daher wohl Amberas gewesen sein.

Dresden / Pyrna – Passau57 – Brennerpass

D er zweite Weg von Pyrna und Beroun führt genau


nach Süden zum Grenzübergang Brennes bei
Zwiesel. Wie bei Karl Jülicher beschrieben, führt
der Weg über Padua/Passau entlang dem Inn nach Braunau.
Hier verlässt der Weg das Inntal und kürzt den Innbogen über
Berndorf nach Salzburg ab. Von dort geht es über Bernau,
Brannenburg, Kufstein, Brandenberg nach Ampass-Amras
(Innsbruck) und zum Brenner. Der etwas abseits gelegene
Brandenberg deutet auf eine merkwürdige Routenführung
abseits des Inns entlang einem Gebirgspfad, der heute als E4
Alpine entlang einer Eishöhle und Kaiserklamm führt. An
diesem Weg über den Ursprungpass (849 m) liegt neben
Brandenberg auch noch der große Brünnberg (1619 m), der
Brunftkopf (1417 m) und die Brandalm.
Das deutsche Passau (Padua) und das italienische Padua sind
die südlichen Exporthäfen: Passau als Tor zum Osten an der
Donau und Padua als Tor zum Mittelmeer.

57
Passau, Padua - Römischer Name = Castra Batava (Bataver-Lager)

83
Brennerpass – Padua

B ei Bressanone/Brixen teilt sich der Weg Richtung


Süden direkt am Gardasee entlang nach Berona,
nach Trento etwas weiter östlich am Flüsschen
Brenta nach Padova, oder aber über Bruneck und Cortina
d’Ampezzo ins italienische Padova.

84
7 Der Bernsteinhandel der Neuzeit

Die Germanenhändler (120-101 v.C.)

B edeutende Informationen zu den Handelsrouten der


Bernsteinhandelsrouten sind vielleicht den
germanischen Kriegszügen zwischen 120-101 v.C.
zu entnehmen. Dabei werden die geschichtlichen Rahmendaten
1:1 aus der römischen Geschichtsschreibung entnommen.

U m 120 vor Christus beginnen die Cimbern und


Teutonen, zusammen mit den Ambronen aus Jütland
einen Krieg gegen die Römer. Der Germanenstamm
Ambronen (oder Amburonen) aus Jütland ist zu dieser Zeit wohl
der Organisator für den Amber- oder Bernsteinhandel aus dem
Bereich der Bernsteininseln (Glaesaria). Der Name
Amburonen bezieht sich vielleicht auf den Namen Hamburg.

D ie gemeinsame Kriegsmacht der Germanen zieht im


Gebiet zwischen der Elbe und Oder gen Süden. Die
zugehörige Route58 folgt dabei eine alten
Bernsteinstrasse (vom Norden Jütlands bis Hamburg, dann von
Hamburg nach Berlin, Prag bis zum Mündungsgebiet der
Drawa in die Donau nahe Belgrad. Dort gründen die Teutonen
die Stadt Teutoburgium. Anschließend zieht die Kriegsmacht
entlang der Sava nach Norden. In der Schlacht von Noreia
(Zagreb, Kärnten, 113 v.C) besiegt die Germanenarmee die
Römer.

58
Quelle: Karte 88 im dtv-Atlas der Weltgeschichte (Ausgabe 2006)

85
D ie Germanen ziehen nun weiter nach Norden bis zur
Mainmündung in den Rhein, wenden sich dann
nach Süden in das Rhonetal. Dort besiegen sie es
109 und 105 v.C. bei Arausio die Römerarmee. In Rom bricht
Panik aus (2. Keltensturm). Der zum Konsul gewählte Marius
(104 v.C.) führt eine Heeresreform durch und bildet aus
Proletariern eine Berufsarmee.

D ie Teutonen und Ambronen ziehen durch Gallien


nach Paris. Von Paris folgt die Armee die
Bernsteinstrasse nach Bern, überquert die Alpen am
Bernhardpass und erreicht Aquae Sextiae bei Marseille um 102
v.C. Es kommt nun zur Schlacht mit den Römern. Mit der
reformierten Armee besiegt Marius die Teutonen und
Ambronen in der Schlacht bei Aquae Sextiae (102 v.C.).

D ie Cimbern ziehen dagegen weiter südlich durch


Spanien und wenden sich bei Barcelona nach
Norden, überqueren die Pyrenäen und ziehen 104
v.C. durch Gallien nach Paris. Von Paris folgt die Armee die
Bernsteinstrasse nach Bern, wendet sich ostwärts und überquert
den Brennerpass und zieht nach Mailand, wo die Kriegsmacht
auf die Römerlegionen stösst. Dort besiegen die Römer die
Cimbren in der Schlacht bei Vercellae (101 v.C.).

E s fällt auf, dass fast alle Armeebewegungen


Bernsteinrouten folgen, die zugleich
Flußüberquerungen soviel wie möglich meiden. Der
2. Keltensturm ist offensichtlich ein letzter Versuch der
Germanen, den Bernsteinhandel von den friesischen
die

Bernsteininseln (Glaesaria) und Dänemark in den Süden zu


sichern. Der Feldzug quer durch Europa streift alle zu dieser

86
Zeit wichtigen Bernsteinrouten nördlich der Alpen. Nach den
Niederlagen bei Aquae Sextiae und Vercellae geben die
Ambronen den norddeutschen Bernsteinhandel auf. Dadurch
verlagert sich der Bernsteinhandel von Friesland und
Dänemark in das Baltikum, wo sich weiter östlich die
klassische Ostroute von Pärnu/Klaipeda nach Aquileia bildet.

D iese Route wird bis zum Zusammenbruch des


Bernsteinhandels nach dem Kaiser Nero intensiv
betrieben. Die westlichen Bernsteinrouten (westlich
der Oder) werden vermutlich nach den Niederlagen um 100
v.C. vernachlässigt.

Oldenburg (Branesia) & Haithabu (Hedeby)

Z u den Schlüsselpositionen im antiken Handelsverkehr


gehören die Zollstationen und Verteidigungsanlagen
Oldenburg und Haithabu, die beide an strategischen
Stellen an einem Wasser und an einem Morast positioniert
wurden.

Oldenburg ("Alte Burg") liegt an der Hunte am Ipweger Moor.


Der römische Name für Oldenburg lautet Branesia und deutet
auf den Bernsteinhandel.

Haithabu59 (Hedeby) liegt südlich von Schleswig am Westrand


des Haddebyer Noors. Man hat den ursprünglichen
Stadtnamen abgelesen von zwei Runensteinen, den Erichstein
und den Siggtryggstein, die in der Nähe gefunden wurden.

59
Haithabu stammt wohl vom Althochdeutschen Verb „aiten“ = „brennen“:
Gr. αιθω : "brennen", Lat. aestuo = „glühen“

87
N ördlich der Stadt befindet sich ein natürlicher Hügel
mit einer Burg (Hochburg). Wasserseitig blieb die
Stadt offen, aber landseitig wurde die Stadt mit
einem halbkreisförmigen Wall umgeben. Der schmale Zugang
vom Schlei zum Noor konnte gut abgeschlossen werden. Der
Wall Haithabus ist zum Teil 12 m hoch und wurde in drei
Phasen immer wieder neu aufgebaut und erweitert. Das
Stadtgebiet umfasst etwa 28 Hektar Wohngebiet und wird in
der Nordsüdachse von einer breiten Hauptstrasse
durchschnitten, die mit zwei Toren abgeschlossen wurde. Die
Hauptstrasse überdeckt mehreren Strassen, die teilweise mit
Steinen gepflastert oder mit Planken überdeckt wurden. Die
Ostwestachse ist leicht gekrümmt und wird von einem
natürlichen Bachlauf geprägt. Am Noorufer befinden sich
hölzerne Kaimaueranlagen. Im Nordosten der Stadt befinden
sich die Wohnsiedlungen der Handwerker (Bronzegießer,
Glasbläser). Ursprünglich lagen die Grabfelder außerhalb der
Stadt. Der halbkreisförmige Damm wurde mit der
Margaretenwall zur Hauptstrasse des Danewerks verknüpft
und bildete somit eine Kontrollstation für die nordsüdlichen
Hauptverkehrsachse an der strategisch wichtigen, schmalsten
Durchgangsstelle zwischen Wasser und Morasten60.

60
Quelle: „Aus europäischer Vorzeit“ von Friedrich Behn, 1964

88
Das Danewerk

D as Danewerk war ein Mauersystem, das den


nördlichen Teil Schleswig-Holsteins wie eine Limes
an der einzigen trockenen Übergangsstelle zwischen
den Bachläufen Schlei und Treene verschloss und wurde
westlich der Stadt Schleswig aufgebaut aus mehreren
Wallanlagen (das große und das kleine Danewerk, Kograben,
Margaretenwall). Noch im Krieg von 1864 haben dänische
Truppen sich an dieser Stelle gegen deutsche Truppen
verteidigt. Das Danewerk wurde allerdings erst zur
Vikingerzeit angelegt. Zur Zeit werden die Siedlungen
teilweise auch "Dannewerk" genannt.

Römische Händler (ab etwa 12 v.C.)

U m Christi Geburt wurden die ostfriesischen Inseln


Elektriden genannt nach dem griechischen Wort
„elektron“ für Bernstein. In dieser Zeit verstand
man unter "Bernsteinland" nicht etwa das baltische Samland
(heute in Russland), sondern die friesische Küste der Nordsee.
Bei der Expedition des Drusus in Germanien im Jahre 12 vor
unserer Zeit werden auch einige Inseln besucht. Näheres
darüber erfahren wir bei Plinius dem Älteren, der als römischer
Reitoffizier unter anderem im Land der Chauken (heute
Ostfriesland) war. Bei Tacitus ist zu lesen, dass das hoch im
Norden lebende germanische Volk der Ästier den Bernstein
zwar kannte und zur Vermarktung nach Rom sammelte, ihn
selbst aber weder nutzte noch um seine Entstehung wusste.
Tacitus deutet das Material seinerseits als verfestigtes
Baumharz, worauf darin häufig befindliche Tierchen schließen
ließen .

89
D ie Römer Tacitus und Plinius schrieben auch über
den Bernstein sowie seine Herkunft und Handel.
Zur griechischen und römischen Zeit war der
Bernstein-Handel Chefsache. Kaiser Nero soll Bernstein in
großen Mengen zu Repräsentationszwecken genutzt haben. Im
Rom der Kaiserzeit trieb nicht nur der Kaiser, sondern auch das
Volk mit dem Bernstein einen ungeheuren Luxus. Man trank
aus Bernstein-Gefäßen, er zierte alles, was von Wert war, und
wohlhabende Frauen färbten ihr Haar in den Farben des
Bernsteins. In der römischen Antike wurde zudem der Handel
mit samländischen Bernstein erschlossen. Der römische
Historiker Plinius berichtet dazu:

„Man hat kürzlich erfahren, dass jene Küste Germaniens,


von der der Bernstein eingeführt wird, von Carnuntum in
Pannonien etwa 600 Meilen (600 röm. Meilen = ca. 888
km) entfernt ist. Auch lebt noch ein römischer Ritter, der
von Julianus, dem Unternehmer von Kaiser Nero
veranstalteten Gladiatorenspiele, zum Herbeischaffen von
Bernstein ausgeschickt worden war61. Dieser durchwanderte
sowohl jene Märkte als auch die Küsten und führte eine
solche Menge ein, dass die Netze zum Abhalten der wilden
Tiere und zum Schutz der Kaiserloge mit Bernstein-
Stückchen zusammen geknotet wurden, der Sand aber, die
Totenbahren und die ganz Einrichtung für einen einzigen
Tag aus Bernstein bestanden damit an jedem Tag ein
Wechsel des Prunkes stattfinden könne. Der größte Block
Bernstein, den er herbeischaffte wog 13 Pfund62.
61
Plinius, Nat. hist., 37, 42-5
62
Zur Umrechnung: 134 römische Pfunde sind ca. 4,3 kg

90
Es gibt mehrere Arten des Bernsteins. Der weiße hat den
vorzüglichsten Geruch, aber weder dieser noch der
wachsfarbene wird geschätzt; der rötliche hat größeres
Ansehen; dies ist noch größer, wenn er durchscheinend ist,
nur darf er nicht allzu feurige Beschaffenheit haben; man
schätzt darin das Bild des Feuers, nicht aber das Feuer. Das
höchste Lob gibt man dem Falerner Bernstein, der nach der
Farbe dieses Weines benannt ist, sein zarter Glanz ist
durchscheinend und es gefällt an ihm der Farbton von
abgekochtem Honig.
Es muss aber auch mitgeteilt werden, dass man den
Bernstein ganz nach Belieben färben kann, mit Bockstalg
und der Wurzel der Ochsenzunge, ja man färbt ihn auch mit
Muschelpurpur. Übrigens zieht Bernstein, wenn er durch
Reiben mit den Fingern Wärme erhalten hat, Spreu,
trockene Blätter und Baststückchen an sich, wie der
Magneteisen das Eisen. Auch brennen die Abfälle unter
Zusatz von Öl Heller und länger als Dochte aus Lein. Unter
den Luxusgegenständen schätzt man ihn so sehr, dass schon
ein kleines Bild eines Menschen den Preis lebender und
gesunder Menschen 63 übersteigt...
An den korinthischen Gefäßen gefällt die mit Silber und
Gold gemischte Bronze, bei getriebener Arbeit die Kunst
und Erfindungsgabe; von der Beliebtheit der murrinischen
und kristallenen Gefäße haben wir gesprochen; die Perlen
werden am Kopf, die Edelsteine an den Fingern getragen;
bei allen anderen Lastern schließlich gefällt das Zur-Schau-
Tragen oder der Gebrauch; beim Bernstein allein das
Wissen, man besitze einen Luxusgegenstand.

63
Sklaven

91
Domitius Nero hat unter den sonstigen Phantastereien
seines Lebens diese Bezeichnung auch auf die Haare seiner
Gattin Poppaea übertragen und sie sogar in einem Gedicht
'bernsteinfarben' genannt ... Eine gewisse sinnvolle
Verwendung findet der Bernstein jedoch in der Heilkunde;
doch gefällt er den Frauen nicht deshalb; für Kinder ist er,
in der Art eines Amuletts angebunden, von Nutzen.
Kallistratos sagt, er sei auch in jedem Alter gegen Wahnsinn
und bei Harnbeschwerden als Trank und angebunden von
Nutzen...“

Zitate aus "Naturalis Historia" von Plinius

E inige Orte mit Bernsteinvorkommen, namentlich die


Pyrenäen, Nordspanien, die Rhonemündung, die
Adriaküste, die Flüsse Po und Rhone, Ligurien (nahe
Genua und Piemont), Skythien (Ukraine, Krim, Russland),
Britannien, das Baltikum und die nordfriesische Inseln werden
bereits im Altertum abgebaut. Ggf. ist ein Küstenabschnitt
Karmanien mit einem Zedernwald (Libanon) auch bereits
korrekt erwähnt worden. Auch der Bernstein Siziliens wurde
möglicherweise bereits von Theophrastos (373-288 v.C.)
beschrieben.

92
D 65
er römische Schriftsteller Plinius Secundus der
Ältere64 dokumentiert nachfolgenden geschichtlich
dokumentierten Bernsteinvorkommen in seinem
Werk . Die von Plinius dokumentierten Fundstellen stimmen
erstaunlich gut überein mit den Bernsteinvorkommen im
Standardwerk von Ganzelewski und Slotta. Auch heute werden
an diesen Fundstellen noch geringe Mengen Bernstein
gefunden. Die Bernsteinquellen an den Flüssen Po und Rhone
werden auch in der Argonautensaga erwähnt.

• Viele Dichter (Aischylos, Philoxenos, Euripides,


Nikandros, Satyros) erwähnen die Bernsteinquellen an
den Ufern des Eridanos, den wir lt. Plinius als Po (Lat.
Padus) in Norditalien identifizieren können. Manche
Authoren erwähnen Bernsteinvorkommen auf den
Elektriden-Inseln im Adriatischen Meer vor der Po-
Mündung.
• Aischylos beschreibt die Lage der Bernsteinvorkommen
am Eridanos und Rhodanos (Rhone) in Iberia
(Spanien), aber Euripides und Appolonios verlagern die
Flüsse Padus (Po) und Rhodanos (Rhone) an die
Adriaküste. Einige Authoren vermuten
Bernsteinquellen an der Felsenküstenlinie der Adria.
• Theophrastos beschreibt wie Bernsteinfunde in
Ligurien ausgegraben werden.
• Chares dagegen beschreibt die Fundstelle auf der Insel
Ammon in Ethyopien.

64
geboren 23 n.C., gestorben 79 beim Ausbruch des Vesuvs
65
"Naturalis Historia", Buch 37 (30-53)

93
• Philemon dokumentiert, dass Bernstein an zwei Stellen
in Skythien ausgegraben wird.
• Zenothemis vermutet, dass Bernstein als Harn der
Lynxen in der Nähe des Padus (Po) entsteht.
• Sudines und Metrodoros dagegen erwähnen einen
Baum, der Lynx genannt wird, in Ligurien wächst und
Bernstein trägt.
• Sotacos dokumentiert, dass Bernstein aus Felsen fließt,
die Elektriden genannt werden und sich in Britannien
befinden.
• Pytheas beschreibt eine Insel Abalus in Germanien, wo
Bernstein aus dem Meer angelandet wird. Dem Pytheas
schenkt Timaios Glauben, nennt aber diese Insel
"Basilea".
• Nicias schreibt, dass Bernstein angelandet wird an den
Küsten Germaniens, aber auf ähnlicher Weise auch in
Ägypten und Indien.
• Theochrestos und Xenocratos behaupten, dass
Bernstein von der Brandung des Ozeans an die
Vorgebirge der Pyrenäen geworfen wird.
• Asarubas beschreibt einen See Cephisis in der Nähe des
Atlantischen Ozeans.
• Die Mauren nennen diesen See "Electron" und durch
Sonneneinstrahlung bringt das Wasser den Bernstein
hervor. Mnaseas erwähnt die Afrikanische Siedlung
Sicyon und einen nahegelegenen Fluss Crathis, wo der
Bernstein auf ähnlicher Weise entstehe.

94
• Themenes beschreibt den Garten der Hesperiden in der
Nähe der Großen Syrte und den See Elektron, an
dessen Ufern der Bernstein von den Bäumen fließt.
• Ctesias erwähnt den Fluss Hypobaros in Indien, der
von Norden her in den östlichen Ozean mündet, wo an
den Ufern Bernsteinproduzierende Bäume mit dem
Namen "psitthachores" wachsen.
• Mithridates dokumentiert Bernsteinvorkommen auf der
Insel Serita an der Küste Karmaniens, wo die
Zederbäume wachsen.
• Plinius Secundus bestätigt nochmals die
Bernsteinvorkommen an den Inseln der Nordsee,
welche Germanicus Cäsar als Glaesaria identifiziert
hat und von den Barbaren Austeravia genannt werden.
• Eboracum (York) in unmittelbarer Nähe der
Gagatvorkommen von Whitby war in der Römerzeit das
Zentrum der Besatzungsmacht.

95
8 Bernsteinhandel im frühen Mittelalter

Der Tiefpunkt am Anfang des Mittelalters

Der Handel erreicht seinen Höhepunkt unter Kaiser


Nero (54-68 n.C.), versinkt laut offizieller
Geschichtsschreibung jedoch bald darauf in
Bedeutungslosigkeit.

In einem Brief aus dem sechsten Jahrhundert n.C. dokumentiert


Magnus Aurelius Cassiodorus, Sekretär des Königs
Theodoricus, dass die Esten ohne Erfolg bis zum Mittelalter
versuchen, den Handel wieder zu beleben. Laut
Geschichtsschreibung organisieren die Kreuzritter erst im
späten Mittelalter den Handel erneut und bringen den
Bernsteinexport wieder zum Blühen. Diese These
berücksichtigt jedoch nicht die Aktivitäten der Normannen, die
um 800 n.C. Insbesondere im Seine-Bereich, in den
Niederlanden und in Großbritannien erfolgreich Handel
treiben. Es mag sogar angenommen werden, dass der
Bernsteinhandel niemals wirklich zum Erliegen gekommen ist
und lediglich die schriftlichen Nachweise fehlen.

Die Bernsteinrouten der Normandie (800 AD)

N ahezu alle normannischen Flüsse verfügen über


einen Hafen mit einem Brennernamen. Noch
deutlicher ist jedoch der Bernsteinhandel an der
Seine. Die Hälfte der 20 Seineschleifen zwischen Le Havre und
Paris sind von einer “Brenner“-Siedlung versehen.

96
I n der Normandie gibt es neun Ortschaften mit dem
Namen Amfreville66. Fünf davon befinden sich in
unmittelbarer Nähe der Stadt Rouen, zwei auf der
Halbinsel Cotentin und ein Amfreville liegt an der Mündung
des Flusses Orne bei Caen. Alle Dörfer sind „Ambrevilles“, d.h.
Bernsteinorte und befinden sich an strategischer Stelle auf
einem Handelsweg.
• Amfreville an der Mündung der Orne bei Caen bildet
die Anlegestelle für die Schiffe, die den Bernstein bei
Caen angelandet haben.
• Amfréville, eine kleine Vorstadt vom Hochseehafen
Cherbourg auf der Halbinsel Cotentin, liegt auf einem
etwa 100 m hohen Hügel westlich von Cherbourg. An
dieser Stelle befinden sich ein kleines Schloss und die
älteste Kirche des Cotentins.
• Ein drittes Amfreville befindet sich auf der Cotentin-
Halbinsel etwa 15 km entfernt von der Mündung der
Douze.

D ie bedeutendste Bernsteinroute bildet jedoch


sicherlich die Seine zwischen Le Havre und die
Mündung der Oise kurz vor Paris. Im
Mündungsbereich liegt zum Auftakt Barneville-le-Bertran.
Zwischen Mündung und Paris bildet die Seine etwa 20
Schleifen, die jeweils etwa 5-10 km groß sind. Parallel zur
Seine mündet bei Le Havre auch die Charentonne mit der
bedeutenden Stadt Bernay in den Kanal.
66
Amberstadt

97
A n der zweiten Schleife der Seine befindet sich das
Dorf Bourneville und südlich der vierten Schleife
liegt Barneville-sur-Seine. Innerhalb der fünften
Schleife liegt Ambourville.

I n der siebten Schleife liegt östlich von Rouen das


Städtchen Amfreville-la-Mi-Voie, das wohl die „Mitte
der Route“ nach Paris oder bis zur Oise-Mündung
markiert. In der achten Schleife liegt Freneuse (= Breneuse).
In der neunten Schleife mündet die Eure in die Seine bei
Amfreville-sur-les-Monts, und Amfreville-les-Champs. An
der Eure selbst markieren ebenfalls Orte Bernsteinsiedlungen:
Amfreville-sur-Iton - und vielleicht als Abkürzung des Weges
von der Mündung bis zur Eure - Amfreville-la-Campagne,
sowie im Oberlauf Fermaincourt und Berneuse.

I nnerhalb der elften Schleife kurz vor Les Andalys liegt


Bernières-sur-Seine. An der zwölften Schleife liegt
Vernon (Bernon) und an der 13e Schleife Bernecourt,
sowie Freneuse und in der 14e Schleife Verneuil.

D ie Reihe der Bernsteinsiedlungen reicht jedoch nicht


über Paris hinaus. Kurz vor Paris mündet jedoch die
Oise in die Seine und dieser Fluss setzt die Reihe
der Brennersiedlungen fort: Parmain, Bernes-sur-Oise,
Boran-sur-Oise, Brenouille, Verneuil-en-Halatte.

B ei Compiegne mündet die Aisne in die Oise und setzt


die reihe der Bernsteinsiedlungen fort:
Berneuil-sur-Aisne, Berny-Rivere, Pernant. Zum Schluss
übernimmt ein vierter Fluss Veste die Reihe: Brenelle, Braine,
Branscourt, Prunay. An dieser Stelle erreicht der Handelsweg
die Großstadt Reims.

98
H ier erreicht die Strasse im Quellgebiet der Aisne den
Oberlauf der Mosel und Maas mit dem Anschluss
auf den Fernhandelsweg zwischen Amberes
(Antwerpen) und Bern. Die Seine, Oise und Aisne sind als
Bernsteinrouten in Betrieb gewesen. Mindestens ein Dutzend
Siedlungen an der Küste der Normandie sind ebenfalls als
Bernsteinhafen kleinerer Flüssen identifizierbar, z.B. von West
nach Ost:
• Barneville-Carteret
• Amfreville (Vorstadtteil Cherbourgs)
• Amfreville-les-Ancres (etwa 15 km entfernt von der
Flussmündung der Douve)
• Bernesq (etwa 10 km entfernt von der Flussmündung
der Aure)
• Bernières-sur-Mer (an der Seulles)
• Amfreville (an der Orne, nördlich von Caen)
• Barneville-le-Bertran (Am Südufer der Seinemündung)
• Amvremesnil und Ambrumesnil (an der Saâne)
• Varengeville an der Scie bei Dieppe
• Embreville am Fluss Bresle
• Bernay-en-Ponthieu am Baie de Somme
• Ambleteuse an der Slack
• Pernes-les-B. bei Wimereux
• Brêmes bei Calais
• Und natürlich Amberes (Antwerpen) an der Schelde

99
H äufige Namen sind Ambreville, beziehungsweise
Bernières oder Barneville, die sich alle auf
Bernstein oder Amber beziehen. Die Handelsrouten
führen offensichtlich in das Ardennengebirge, das ebenfalls als
Bernsteingebiet identifizierbar ist (Lapis Ardens = „brennender
Stein“). Der Zeitraum des normannischen Bernsteinhandels ist
noch ungeklärt. Denkbar ist eine Periode der
Normanneninvasion um 900 nach Christus, die Invasion der
Franken um 400-500 nach Christus oder gar eine frühere
Handelsperiode vor der Römerzeit.

D er dort verhandelte Bernstein stammt entweder aus


lokalen Funden im Seinebecken und in der
Bretagne, eventuell auch aus Großbritannien, von
der holländischen Nordseeküste, bzw. von den deutschen oder
dänischen Küsten oder aus dem Baltikum.

D ie og. Dörfer Amfreville, Bernières und Barneville


sind in der Regel nur auf hochauflösenden
Landkarten (1:200.000) oder auf einem modernen
Navigationssystem verfügbar.

100
Abb. 9: Ortsschild Amfreville bei Cherbourg

101
Die Britische Fundstellen und Ortsnamen

A n der britischen Küste, westlich der großen


Einbuchtung The Wash befindet ein sicherer Hafen
am Brancaster Bay und auf der Landkarte sind dort
einige Orte mit dem Namen Burnham eingezeichnet. Das
Domesday Book67 aus dem Jahre 1086 erwähnt gar sieben
Ortschaften Burnham innerhalb eines Radius von zwei Meilen,
„alle mit Kirchen ausgestattet“: Burnham Thorpe, Burnham
Overy Staithe, Burnham Norton, Burnham Deepdale, Burnham
Overy Town und Burnham Market. Ein siebtes Burnham ist
inzwischen verschwunden.

A n dieser Ostküste wird Bernstein nahe der Stadt


Cromer gefunden. Während Cromer selbst keinen
natürlichen Hafen aufweist, verfügen die
nahegelegene Städte Burnham Deepdale und Burnham Overy
Staithe über gut geschützte Ankerplätze. Eine alte Römerstraße
führt von drei Ortschaften Barsham nach Burnham Overy
Town. Das südliche Burnham on Crouch liegt an einer
Flussmündung der Crouch, nördlich der Themse und ist der
optimale Hafen für Hammersmith, Brentwood, Barnet und
Brentford, die alle Stadtteile oder Vorstädte Londons sind68 .

67
Inventarliste (Steuerverzeichnis und Einwohnerstatistik) für
Großbritannien aus dem Jahre 1086
68
Eine Google-map-Karte zum Thema Brennersiedlungen in London und
in Norfolk steht zur Verfügung in der Diskussionsgruppe
http://groups.google.com/group/Bernsteinstrasse

102
G egenüberliegende Hafenstädte zu den Burnhams
wären Berndrecht, Barendrecht, Amberes (wörtlich:
„Bernsteine“, heute Antwerpen), Brujas (heute:
Brügge), Bernisse, Pernis, vielleicht sogar Hamburg.

K arl Jülicher beschreibt insgesamt vier Fundorte für


den Succinum-Bernstein in Großbritannien, die sich
alle an der Ostküste befinden, und zwar an
folgender Stelle69:

• Cromer in Norfolk nahe den Burnham-Siedlungen an


Brancaster Bay.
• Die Humber-Mündung zur Nordsee
• Newcastle an der Tyne (Römisch: Brememium) an der
Südgrenze Northumberlands
• Burnmouth oder Berwick an der Nordgrenze
Northumberlands (Lat.: Bernicia, brit. Bryneich)

Z udem wird ein Gagat-Bernsteinfundort verzeichnet in


Whitby und im zugehörigen Nachbarort Ravenscar.
Eine merkwürdige Kette von Raven-Ortsnamen
verbindet Whitby mit der Insel Man:

Ravensdale (Insel Man), Ravenglass, Burnmoor Tarn,


Brantwood, Burneside, Brant Fell, Ravenstonedale,
Ravenseat, Barningham, Ravensworth, Barmpton
(Darlington), Ravenscar (Nordseeküste).

69
Siehe: Bernstein - Das Gold des Nordens, von Karl Jülicher, in der
Zeitschrift Pan, Ausgabe 4 / April 1982

103
Abb. 10: Bernsteinorte in Großbritannien
104
D ie Konzentration der Bernsteinfundorte an der
britischen Ostküste deutet auf die Leseart Amber für
Umber/Humber, wobei wir offensichtlich die
Humber als Amber-Fluss und Northumberland als
Bernsteingebiet verstehen sollen. Ein südlicher Teil
Northumberlands hieß früher übrigens Bernicia
(Bernsteinland), und die Namen Brememium (Newcastle /
Tyne), Burnmouth und Berwick sind vielleicht ebenfalls
Bernsteinsiedlungen.

D ie englische Seite70 der Wikipedia nennt neben


Cromer noch als Fundorte für Bernstein: Great
Yarmouth in Norfolk, Southwold, Aldeburgh und
Felixstowe in Suffolk, weiter südlich in Essex noch Walton-on-
the-Naze und auf der Nordseite Yorkshire. An der Küste von
Essex befindet sich bezeichnenderweise eine Hafenstadt
Burnham-on-Crouch und an der Ostküste Suffolks eine weitere
Hafenstadt Wrentham, die ggf. urspünglich Brentham hieß.
Weiter im Inland Norfolks liegen die Städte Barningham Hall
(nahe Cromer), Barsham Hall, Barnham Broom (nahe
Norwich), Brandom, Barnham, Barningham, Bramfield,
Wrentham, alle an oder nahe des Flüsschens Little Ouse.

I m Norden Großbritanniens befinden sich eine Vielzahl


von Siedlungen, die namentlich auf Bernsteinfunde oder
–handel hinweisen. Im Norden liegt Glasgow71 oder
Glascove, das wörtlich mit Bernsteinbucht übersetzt werden
darf. Im schottischen Bereich befinden sich insbesondere
zwischen Glasgow und Newcastle auffällig viele Flüsse mit
70
Eintrag: Amber; auf der englischen Seite der Wikipedia - August 2005.
71
Siehe Orbis Latinus: Glasgua, Glascovia, Glascua, Glascum, -> Glasgow.

105
dem Namen „Burn“, die sich auf der Ostseite des Gebirges
vereinigen und ins Meer fließen.

D ie Bezeichnung „Glas“ oder „Gles“ wird


hauptsächlich an der Westküste Britanniens
gefunden. Auf der Insel Man liegt Dou-glas am
Fluss mit dem Namen „Glas“. Anglesey kann man auch als An-
Glesy lesen, und wenn man die spanische Bezeichnung In-Gles
für Engländer genauer ansieht, könnte man England auch als
eine Schwesterinsel der bei Plinius erwähnten Insel
„Glaesaria“ betrachten. Auf Anglesey liegt zudem eine
Siedlung Marian-glas und auf der Insel Man eine Ortschaft
Ravensdale.

A n der Westküste in der Severnmündung Devons


liegen Barnstaple, Barrynarbor, Brendon, und etwas
weiter östlich in Somerset bei Bristol: Burnham-on-
sea, Brean, Brent, Glastonbury, Bruton an der Brue. In dieser
Gegend wurden nur archäologische Bernsteinfunde
registriert72, zum Beispiel in den nahegelegenen 1000 Höhlen
der Cheddarschlucht73, deren Funde aus paläolithischer Zeit
stammen74. In der nahegelegenen Ortschaft Amesbury wurde
wohl Bernstein vergraben gefunden, denn der Eintrag in Orbis
Latinius lautet: Ambresburia, Ambrosii vicus => Ame(r)sbury,
England (Wilts).
72
Chamberlain, A.T. & Williams, J.P. 2001. A Gazetteer of English Caves,
Fissures and Rock Shelters Containing Human Remains.
73
Beck, C.W. (1965) The origin of the amber found at Gough’s Cave,
Cheddar, Somerset. Proceedings of the University of Bristol Speleological
Society 10: 272-276.
74
Tratman, E.K. (1950) Amber from the Palaeolithic deposits at Gough’s
Cave, Cheddar. Proceedings of the University of Bristol Speleological
Society 6: 223-227.

106
G lastonbury, „ein großes Keltisches Emporium“,
wurde bereits als Keltensiedlung bewohnt. Der alte
keltische Name lautet Yinis Witrin (engl. the Glassy
Isle, dt. etwa Glas- oder Bernsteininsel) war in seiner frühesten
Geschichte tatsächlich eine Insel, die aus dem Meer
hervorragte. Erst mit dem Absinken des Meeresspiegels
entstand das später so fruchtbare Marschland Somerset. Das
Städtchen ist zurzeit die englische Hochburg der Esoteriker.
Tatsächlich ist es denkbar, dass der Name Glastonbury75 sich
auf Glaesum bezieht.

B irmingham wird von den Einwohnern liebevoll


„Brumm“ genannt und hieß bei den Römern
Brummagem, die dort an einer Fernstraße ein Kastell
bauten. Der angelsächsische Originalname Beornaham stammt
wohl vom dort ansässigen Vorfahren Beorman oder vom
Stamm der Beorner. Obwohl ein kleines römisches Lager
gefunden wurde, verlor die Stadt im Mittelalter ihre Bedeutung
und war im Domesday Book nur noch wenige Schillinge wert76.

D ie Stadt Bristol wird beherrscht von einem Hügel


mit dem Namen Brandon Hill, der über zwei
Zufahrtsstrassen Ambra Vale und Brandon Steep
verfügt. Auf der gegenüberliegenden Seite des Kanals von
Bristol befinden sich ebenfalls eine Vielzahl an „Brenner“-
Siedlungen. In den Eiszeiten haben die Gletscher neben der
Norfolker Küste bei Cromer auch die Gebirgsketten in Wales
berührt und vielleicht an beiden Stellen Bernstein
zurückgelassen.
75
Siehe Orbis Latinus: Glasconia, Avalonia => Glastonbury, Somerset.
76
Quelle: die deutsche Seite Birminghams in der Wikipedia.

107
D er Bernstein in Wales wurde vielleicht abgesetzt und
gefunden im Bereich der vielen Seen, die in der
Frühzeit aus unbekannten Gründen
Menschenhand ausgegraben worden sind. Diese großen Seen
befinden sich südlich der Beacons, zwischen Cray und
von

Pentwyn, und speichern jetzt das Trinkwasser für die Städte in


Süd-Wales. Als „Brenner“-Städte kommen in Frage: Bryn-
côch nördlich von Swansea, sowohl gegenüber Barnstaple Bay
als Burnham-on-Sea und East Brent, die Stadt Penarth bei
Cardiff und Cwmbran bei Newport. Ein Fluss mit Namen
„Bran” entspringt an der Grenze zwischen Carmarthenshire
und Breconshire, beim „Brenner”-Ort „Branaman”.
Breconshire verzeichnet einen weiteren Fluss Nant Brân mit
der Ortschaft Llanfihangel Nan Brân, nördlich vom Brecon
Beacons Gebirge, und auf der Südseite der Seen liegt die Stadt
Brynmawr. Leider fehlen jedoch bis jetzt die archäologischen
oder schriftlichen Funde zu den Bernsteinstellen in Wales.

S owohl die östliche als die westliche Küste Britanniens


liegen unmittelbar an der Seeroute der Phöniker, die
als erste Händler Zinn-Erze und Bernstein einkauften.
Und obwohl die historischen Fakten fehlen, dürfen wir
aufgrund der „Brenner“-Siedlungsnamen annehmen, dass die
britischen Häfen zu den ältesten Handelssiedlungen Nord-
Europas gehören.

A uch die Fürstennamen des britischen Adels deuten


vielleicht auf eine Verbindung zum Bernstein. Die
ältesten Geschlechtsregister stammen von Beda (†
735), der für die angelsächsischen Geschlechtssagen das
früheste Zeugnis aufstellt. Grimm stuft diese Arbeit als

108
bedeutsam ein77. Grimm dokumentiert zudem jüngere Quellen
mit den Ahnenreihen Bernicias, und darin befinden sich
verschiedenen Namen, die einen Bezug zu Bernstein
aufweisen, z.B. in der sog. Prosapia 566:

Bernicia: Bealdeagus – Brandius – Beornus – Beorno –


Wegbrandus – Ingebrandus – Alusa – Angengeat –
Ingengeat – Aethelbrihtus – Oesa – Eopaa – Ida, primus rex
Berniciorum.

Zudem deutet ein gemeinsamer Vorfahre Brand auf einen


früheren Zusammenhang von Wessex und Northumberland und
hieße Wessex vielleicht ursprünglich Southumberland, wobei
Nord und Süd gemeinsam Amberland bilden.

D er vierte und fünfte Vorfahre mit Namen Beornus


beziehungsweise Beorno korrelieren mit dem
altenglischen Wort beornan78, brennen, und
gleichzeitig mit dem altenglischen Namen Beornaham für
Birmingham, das sich als Handelszentrale in der Mitte
Amberlands zwischen Northumberland, Humber und Wessex
befindet. Die o.g. Königsnamen Brand, Beornus, Beorno usw.
stammen jedoch nicht aus Großbritannien, sondern mutmaßlich
von Bernstein-Fürsten aus dem sächsischen Bereich
Brandenburg bzw. Braunschweig in Deutschland. Aus diesem
Bereich sind die Angelsachsen im fünften Jahrhundert nach
England übergesiedelt.

77
Quelle: Beda, Hist. Eccl. 1, 15.2,5 und Angelsächsichen Chronik,
mindestens im 9. Jh. begonnen
78
Source: http://www.yourdictionary.com/

109
9 Die Händler der Hanse (ab 1143)

D ie Hanse ist die natürliche Nachfolge des deutschen


Ordens und die Bezeichnung für die zwischen Mitte
des 12. Jahrhunderts bis Mitte des 17. Jahrhunderts
bestehenden Vereinigungen niederdeutscher Kaufleute, deren
Ziel die Sicherheit der Überfahrt und die Vertretung
gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen besonders im Ausland
war. Zu den bedeutsamen Exportartikel des Baltikums gehörte
sicherlich der Bernstein.

Die Routen in den Niederlanden

D er Handel benutzte hauptsächlich die Häfen in


Küstennähe und die Binnenhäfen an den Flüssen.
Aus dieser Zeit stammen wohl auch die
Zollstationen im Rheindelta, z.B. Ammerstol (Theloneum de
Ambers). Im niederländischen Rheindelta liegt ein Städtchen
Ammerstol am Nordufer der Lek. Dort hat sich offensichtlich
eine Maut- oder Zollstation für den Bernsteinhandel befunden.
Das Dorf Ammerstol wurde 1221 dokumentiert als „Theloneum
de Ambers“ , in 1233 als „Theloneum suum de Ambers“ und in
1299 als „In thelonio nostro Ambers“. Graf Wilhelm III von
Holland verlieh diesem Ort in 1322 sogar Stadtrechte, aber
diese Rechte waren so kostspielig, dass die Einwohner darauf
verzichteten und Ammerstol immer ein Dorf geblieben ist.
Offensichtlich waren die Einnahmen aus dem Zollbereich zu
dieser Zeit bereits rückläufig. In 1401 ordnete Albrecht von
Bayern den Umzug der Zollstation von Ammerstol nach
Schoonhoven an. Diese Zoll-Rechte wurden nie mehr
zurückgegeben. Gegenüber Ammerstol liegt am anderen
Flussufer eine zugehörige Station: Groot-Ammers.

110
Abb. 11: Bernsteinrouten der Niederlande (um ca. 1200)

B eide Ortschaften wurden lt. Namensvergabe


offensichtlich dem Bernstein-Handel zugeordnet, der
vor 1401 existiert hat. Offiziell weiß jedoch
niemand, wie diese Namen zustande gekommen sind. Es ist
anzunehmen, dass der Bernstein, der auf dem Rhein-Weg
exportiert wurde, dort verzollt werden musste.

111
N ebst Ammerstol und Groot-Ammers an der Rhein-
und Maas-Mündung deuten andere Ortsnamen auf
den Bernstein-Handel der Hanse, zum Beispiel
Barndrecht bei Rotterdam, Berndrecht bei Antwerpen und
Ammerzoden an der Maas.

Der Deutsche Orden

D er Deutsche Orden eroberte 1255 das Samland (d.h.


das Land zwischen dem Frischen und dem
Kurischen Haff mit reichhaltigen
Bernsteinfundstellen). Die Bernsteinfunde wurden daraufhin
komplett vom Orden vereinnahmt. Die Gewinnung von
Bernstein und der Handel damit wurden "gesetzlich" vom
Orden geregelt und straff organisiert.

B is etwa 1525 durfte (unter Androhung von


Todesstrafen) der gesamte im Machtbereich des
Deutschen Ordens gesammelte Bernstein nur in den
Hansestädten Lübeck und Brügge verarbeitet werden. Die
Strafen bei Vergehen gegen das Gesetz waren drakonisch und
wurden sofort standrechtlich durch erhängen vollzogen. Damit
war m.E. jegliche andere Route (einschl. der alten "Ostroute")
vom Baltikum aus gesperrt79.Allerdings könnte der Handel
bereits vor 1255 etabliert gewesen sein. Da Lübeck faktisch der
Ostseehafen Hamburgs ist, würde sich damit auf dem direkten
Weg von Lübeck nach Hamburg die Siedlungskette Borndiek –
Hamberge – Ammersbek – Berne - Hamburg als
Bernsteinhandelsorte erklären. Die Namensvergabe liegt dann
im normalen, historisch anerkannten Hanse-Zeitraum 1255-
1525.

79
Quelle dieser Info: www.monopole.de/Historische-Monopole.html

112
Abb. 12: Bernsteinrouten in der Nähe Hamburgs

A uch für die in unmittelbar neben Brügge gelegenen


Hafenstadt Antwerpen mit dem spanischen Namen
Amberes und französischen Namen Anvers lässt
sich eine Beziehung zum Bernsteinhandel der Hanseflotte
ableiten.

A us der Wikipedia-Seite Hanse kann man einige


interessante Details zur mittelalterlichen
Entwicklung des Handels ablesen. Demnach kann
man die Gründung Lübecks 1143 als einschneidendes Datum
für die Entwicklung der Hanse sehen. Lübeck wurde zum
„Einfallstor“ für den Handel nach Brügge, London und
(auf dem Seeweg) nach Spanien. Selbstverständlich wurde z.B.
über Hamburg auch leicht die Elbe erreicht. Der Handel konnte
sich auf der Elbe ungehindert nach Süden entfalten.

113
W ichtigstes nicht-städtisches Hanse-Mitglied war
der Deutsche Orden. Hintergrund für die große
Bedeutung des Ostseezugangs war die
Unterbrechung der alten skandinavischen Handelsrouten von
der Ostsee zum Schwarzen Meer und zum Orient durch die
Expansion eurasischer Reiche (Chasaren, Tataren, Mongolen).
Diesen Weg hat der Deutsche Orden für den Bernsteinhandel
jedoch ohnehin gesperrt.

M it der Verlagerung des Außenhandels nach


Übersee verlor die Hanse, die aufgrund ihrer
Monopolstellung keine große Notwendigkeit
gesehen hatte, sich Neuerungen gegenüber zu öffnen, im 15.
und 16. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung. Die Zahl der
Mitgliedsstädte ging immer mehr zurück. Der Dreißigjährige
Krieg brachte die völlige Auflösung. Ein Vorschlag Spaniens,
eine Hanseatisch-Spanische Compagnie, die den Handel nach
den neuen spanischen Kolonien in Mittelamerika betreiben
sollte, scheiterte an den politischen Gegensätzen zwischen den
„katholischen“ und „protestantischen“ Machtblöcken.

A uf den Hansetagen 1629 und 1641 wurden


Hamburg, Bremen und Lübeck beauftragt, das Beste
zum Wohle der Hanse zu wahren. 1669 hielten die
letzten in der Hanse verbliebenen Städte, Lübeck, Hamburg,
Bremen, Danzig, Rostock, Braunschweig, Hildesheim,
Osnabrück und Köln den letzten Hansetag in Lübeck ab. Die
drei Städte Bremen, Hamburg und Lübeck hielten auch später
noch weiterhin eng zusammen.

114
D ie Bedeutung Lübecks geht hervor aus folgender
Aussage: Der Hauptort Lübeck, im Spätmittelalter
nach Köln die zweitgrößte Stadt Deutschlands und
neben Rom, Venedig, Pisa und Florenz eine der fünf
Herrlichkeiten des Reiches gemäß Edikt von Kaiser Karl IV,
war Appellationsgericht für alle Hansestädte, die nach eigenem
Lübischen Recht zu richten hatten.

Die Korrespondenz von Veckinchusen

D er DokumentarfilmTerra-X – Die.Deutsche
Hanse.Eine heimliche Supermacht (Teil 2)80 zeigt
die wechselvolle Geschichte des Kaufmanns
Hildebrand Veckinchusen81, dessen Leben durch seine bis heute
erhaltenen umfangreichen Korrespondenz herausragend
dokumentiert ist.
Die Hanse-Kaufleute verwenden um 1400 bis etwa 1410 eine
Handelsroute, welche die Handelsware, u.a den Bernstein,
Tuche und Pelze aus dem Ostseegebiet von Lübeck via Brügge
(Belgien), über Augsburg und dem Brennerpass nach Venedig
transportierten.

U m direkte Kontakte nach Oberitalien zu knüpfen und


die in Brügge ansässigen venezianischen
Zwischenhändler auszuschalten, gründeten zwölf
Kaufleute, unter ihnen Sivert und Hildebrand Veckinchusen, im
ersten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts die sogenannte
„venedyesche selscop“ (Venedische Gesellschaft).

80
Terra X, 08.05.2011 19:30
81
1370 - 1426

115
D ie Teilhaber der Venedischen Gesellschaft
transportierten ihre Waren nahezu ausschließlich
über den Landweg und verkauften die in Venedig
gekauften Güter wie Gewürze, Zucker, Brasilholz, Alaun und
Weihrauch auf den Märkten von Flandern, England, im
Heiligen Römischen Reich und in Skandinavien. Im Gegenzug
gelangten Rosenkränze aus Bernstein, Tuche und Pelzwerk
nach Venedig.
Bis 1409 liefen die Geschäfte der Venedischen Gesellschaft
offenbar sehr gut, aber erste Anzeichen für den geschäftlichen
Niedergang Hildebrand Veckinchusens finden sich in ab 1414
überlieferten Mahnschreiben.

N ach 1410 wurde der Deutsche Orden in der Schlacht


bei Tannenberg besiegt und wurde der Handelsweg
teilweise empfindlich gestört. Die schwere
Niederlage der Streitmacht des Deutschen Ordens kennzeichnet
den Beginn des Niedergangs der Ordensherrschaft in Preußen
sowie den Aufstieg Polen-Litauens zur europäischen
Großmacht.

Rekonstruktion der Hanse-Handelsroute

D ie im Film eingezeichnete Überland-Handelsroute82


verläuft von Lübeck schnurstracks über Ammerstol
(um 1400 Zollstation für den Bernsteinhandel) anch
Brügge und von Brügge über den Ardennen, Bernkastell nach
Bruchsal durchs Remstal zur Brenz, via Augsburg, Ammersee,
Oberammergau, Barmsee, Ammersattel, Innsbruck,
Brennerpass, und Brenta-Fluß nach Venedig.

82
Die Route wurde in einer Google-maps Karte der Handelsroute
eingezeichnet.

116
E ine Alternativroute zwischen Bernstadt nach
Innsbruck verzeichnet den Fernpass (Bernpass),
Fernstein
(Bernsteinsee).
(Bernstein) und Fernsteinsee

Die vielen Namen „Bern“ und „Ammer“ („Amber“) beziehen


sich ggf. auf den Bernstein. Sicherlich haben sich diese Namen
nicht nur in der Periode 1400-1410 gebildet. Die Landwegroute
von Brügge nach Venedig war bereits zuvor und auch danach
in Betrieb.
Eine Übersicht der möglichen Handelsrouten wird in Der
Brenner Codex - die Bernsteinstraße dokumentiert. Die von
Hildebrand Veckinchusen benutzte Route bildet nur eine
Episode des jahrhundertelangen Bernsteinhandels.

D ie von Hildebrand Veckinchusen um 1400-1410


benutzten Hanse-Handelsrouten zwischen Lübeck,
Brügge und Brügge-Augsburg-Brennerpass-Venedig
enthalten Hinweise auf die Namensvergabe einiger
Handelsstationen, u.a. Ammerstol, Ammersee, Ammersattel
und Oberammergau, die sich ggf. auf den früher als Amber
bezeichneten Bernstein beziehen.
Auch die Brenner-Namen Bernkastel, Brenz, Brennerpass und
Brenta deuten auf den damals benutzten Handelsstationen für
den Handel in Bernstein, Tücher und Pelze.
Insbesondere die Datierung der Zollstationen Ammerstol und
Schoonhoven ab 1401 fallen genau in das Zeitfenster von
Veckinchusens Glanzperiode.

117
10 Der Gagathandel am Jakobsweg

In der ersten Oktoberwoche 2007 unternahmen meine


Frau und ich eine Studienreise auf dem Jakobsweg von
den Pyrenäen nach Santiago de Compostela und
konnten dabei einige interessante Details zum Thema
Bernsteinhandelsrouten erfahren. Die ungeheuren
Reichtümer der Kathedralen in den wichtigsten
Stationen des Caminos signalisieren die große
Bedeutung dieser Strecke als Handelsroute. Die Stadt
Leon gilt als Geburtsstätte des spanischen (und
europäischen) Adels. Nun ist es aber sozusagen auf den
letzten Metern des Jakobswegs gelungen den
Zusammenhang zwischen Jakobsweg und dem Augstein
zu enträtseln.

S antiago de Compostela bedeutet soviel wie Heiliger


Jakob („Sant Iago“) des Totenackers und ist nach
Rom und Jerusalem eine der bedeutendsten
Pilgerstädten des römisch-katholischen Glaubens. Die Stadt ist
für Pilger besonders deshalb wichtig, weil Santiago im
Gegensatz zu Rom und Jerusalem besonders häufig (etwa alle
6 Jahre) ein heiliges Jahr mit vollem Sündenerlass anbieten
konnte. „Iago“ wird in Englisch als James und in Deutsch als
Jakob geschrieben.

118
Abb. 13: Strassenschild „Rua da Acibecheria“

D ie letzte Meile des Jakobswegs vor dem Betreten


des Jakobsgrabes legt und legte der Pilger zwischen
Andenkenläden zurück, die allerlei Devotionalien
anbieten. Von diesen geheiligten Gegenständen sind die
Bernsteinschmuckstücke jedoch die auffälligsten. Nahezu alle
Geschäfte bieten schwarze, glänzend polierte Bernsteine an,
die „Azabach“, „Gagat“ oder „Kohlestein“ heißen und aus
speziellen Braunkohleschichten gewonnen werden. In der
galizischen Sprache heißen die Steine jedoch „Acibech“, in
Englisch „Jet“ und in niederländischen Sprache „Git“. Der
Gitstein war den Niederländern früher geläufig, denn auch
heute noch heißt das niederländische Wort „gitzwart“ auf
Deutsch „pechschwarz“. Aus diesem Grunde heißt die letzte
Meile des Jakobswegs Rúa Acibechería und auch das nördliche
Portal der Kathedrale wurde nach diesem „Azabach“-Bernstein
benannt.

119
A uf meine Frage nach der Herkunft dieses Bernsteins
sagte mir der galizische Reiseleiter, dass es in
Galizien keine Bernsteinvorkommen gibt, aber
einige Steine aus Asturien stammen. Dazu erklärte er mir:

„Außerdem haben die Pilger oft einen solchen Bernstein als


Talisman aus ihrem Heimatland, zum Beispiel Deutschland
mitgenommen“.

T atsächlich wird in den Büchern über Gagatfunde im


asturischen Städtchen Villaviciosa bei Oviedo
berichtet. Der „Gagat“-Eintrag der Wikipedia erwähnt
jedoch interessanterweise folgendes:

„Gagat ist eine bitumenreiche tiefschwarze Braunkohle mit


geringem spezifischen Gewicht (1,23) und samtartigem
Fettglanz, der durch Politur noch gesteigert werden kann.
Gagat entsteht durch Holz, das in Feuchtschlamm
eingebettet war. Gagat wurde wegen des Glanzes und der
leichten Schnitzbarkeit schon in vorgeschichtlicher Zeit
benutzt. Die Römer stellten Schmuck, Spinngeräte (Rocken)
und Amulette aus Gagat her. Ab dem Mittelalter fertigte
man in Europa daraus Trauerschmuck und Rosenkränze.
Zum Ende des 19. Jahrhunderts, zur Blütezeit der Jet-Mode,
als die Vorkommen seltener wurden, wurde auch Ebonit, ein
Hartgummi, als Gagat-Ersatz verwendet.

120
Boetius, der Leibarzt Cäsars, schrieb dem Gagat eine
Menge heilender Eigenschaften zu. So bewahrt er vor dem
bösen Blick, vertreibt Schlangen, heilt Hysterie und
Zahnschmerzen, besiegt die Epilepsie und hilft bei der
Feststellung der Jungfernschaft. In der sogenannten
Edelsteintherapie gilt Gagat als "Trauerstein"
Das Hauptvorkommen im 19. Jahrhundert lag an der
englischen Nordküste beim Fischerdorf Whitby. Weitere
Vorkommen gab es in Spanien, Südfrankreich, Österreich
(Gams bei Hieflau und im Reichraminger Hintergebirge -
Am Sandl) und in Württemberg.“

I n Deutschland wird explizit der Fundort Holzmaden


Württemberg genannt und dabei können wir leicht
feststellen, dass sich in der Nähe Holzmadens die
„Aich“-Flüsse und „Aich“-Siedlungen konzentrieren. Diese
Namen (z.B. die Aich bei Nürtingen und Aichwald) deuten auf
die Gagat-Fundstellen, denn die Gebrüder Grimm haben in
ihrem Wörterbuch der deutschen Sprache deutlich auf den
Zusammenhang zwischen „Bernstein“ und „Aiten“
hingewiesen. Bernstein wird auch als „Agtstein“ von
althochdeutsch „aiten“, soviel wie „brennen“ oder
„Börnstein“, von „börnen“ („brennen“) bezeichnet – also als
ein „Brennstein“, woraus das heutige Wort Bernstein wurde.
Das Deutsche Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm
Grimm beschreibt den Agstein folgendermaßen:

121
AGSTEIN, m. succinum, ηλεκτρον. der bernstein wurde im
mittelalter oft mit achat, gagat und magnet vermengt und
danach benannt, wie der magnet das eisen, zieht der
bernstein den halm an, die heutige naturlehre erkennt
zwischen magnetismus und electricität enge verwandtschaft.
ahd. agistein magnes, agatstein lapis nigellus (GRAFF 6,
687), mhd. agestein, agetstein. ebenso schwanken nhd.
agstein und agtstein.
bern, den man auch agtstein nennet. BROCKES 9, 92:
ABRAHAM VON S. CL. schreibt bald augstein, bald
ackstein und agtstein.

I n Baden-Württemberg finden wir zahlreiche Fluss- und


Ortsnamen, die sich nun sicherlich auf den Aichstein
bzw. Aitstein oder Agstein beziehen, z.B.:

Der Augstberg bei Trochtelfingen, Aichwald, Aichelberg und


Aichschieß, Aidlingen, Schönaich, das Aichtal (südlich von
Echterdingen), Aitern, Aitrach, Aichstetten, Aichwald,
Aichschieß, Aichen und Aichelberg (an der A8), Achstetten
(bei Ulm) und Haigerloch an der Eyach, usw…

A uch in unmittelbarer Nähe Backnangs befinden sich


Orte mit den Namen Aichelbach und Aichholzhof,
die vielleicht ihren Namen einem nahegelegenen
Gagatvorkommen verdanken. Tatsächlich führt auch der
Jakobsweg zwischen Murrhardt und Winnenden durch
Aichelbach, wo man dem Pilger im Mittelalter vielleicht
Kohlesteine angeboten hat.

122
I n diesem Zusammenhang ist nun die Frage, ob die
mitgenommenen Steine (und das Abwerfen des geistigen
„Ballasts“ am eisernen Kreuz kurz vor Ponferrada) auf
einer mittelalterlichen Pilgerreise tatsächlich auf eine Tradition
des Loswerdens des irdischen Ballasts verweist. Vielmehr
sollte man annehmen, dass die Pilger von daheim Agtsteine zur
Bezahlung der Ablasskosten und der Reise, zur Bearbeitung zu
Devotionalien und zur Segnung der Souvenirs mitgenommen
haben. Auch muss angenommen werden, dass die
Bernsteinvorkommen in Württemberg vielleicht bereits vor
langer Zeit abgebaut wurden und die Aich-Siedlungsnamen
auch nach der Erschöpfung der Vorkommen erhalten geblieben
sind.

S eit der Grundsteinlegung haben in Santiago de


Compostela Baumeister aus dem gesamten Abendland
mitgewirkt und die Stadt war im Mittelalter ein
Schmelztiegel der Zivilisationen. Auch heute noch ist Santiago
auf merkwürdiger Weise auch mit deutschen Namen
geschmückt. Es gibt einen Rúa do Franco, der von den
Franken stammt und sogar unmittelbar unterhalb der
Kathedrale gibt es noch heute einen alteingesessenen Gagat-
Juwelier mit dem Namen „Mayer“.

U m 500 nach Christus besiedelte südlich von


Santiago de Compostela auch ein Sueben-Stamm
das heutigen Portugal. Damit waren bereits zum
Beginn des Mittelalters die kulturellen Bände und
Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Nordspanien
gelegt. Als Handelsrouten waren alte römische Heereswege in
Betrieb, die später auch als Handels- und Pilgerwege ausgebaut
wurden. Als Zahlungsmittel wurden offensichtlich auch die
schwarzen, roten, weißen und gelben Bernsteine benutzt.

123
U nmittelbar neben der Kathedrale befindet sich der
Totenacker Compostela, der heute mit Steinplatten
bedeckt ist. Dieser Totenacker befindet sich im
äußersten Westen der mittelalterlichen Welt und markierte das
Ende der Welt „Finisterra“ (oder heute: „Fisterra“), wo ein
sterbender Pilger sein Grab möglichst nahe dem Paradies
suchen sollte und dann den jüngsten Tag herbeisehnte. An
dieser Stelle wurde die Kathedrale gebaut und auf den Westen
ausgerichtet. Es ist auch denkbar, dass der galicische
Jakobsname „Iago“ im Mittelalter zur Namensvergabe
„Iagstein“ oder „Augstein“ für Bernstein und später auf diesem
Weg zum „Aiten“ = „Brennen“ geführt hat.

E s ist gut möglich, dass den Pilgern im Mittelalter in


Bernhalden bei Backnang (oder in Aichelbach?)
Augsteine verkauft wurden. In diesem Fall käme als
mittelalterliche Bernsteinroute bei Backnang der Jakobsweg in
Frage, der durch den Nachbarort Oppenweiler führte.

D ie nachfolgende Analyse der Gagatfundstellen bei


Backnang soll lediglich dokumentieren mit welcher
Beharrlichkeit und Energie die Bevölkerung den
Bernstein und andere Rohstoffe auch unter größten Opfern
beharrlich gesucht und abgebaut hat.

124
Gagatfunde bei Backnang (ab 1425)

D ie bei Backnang gelegenen Steinkohlegruben und


Silberstollen führten durch Unkunde und Betrug
niemals zum wirtschaftlichen Erfolg und erwiesen
sich eher als Spekulationsobjekte. Im Heimatbuch
Spiegelberg83 wird ein Eindruck festgehalten welchen Umfang
die Gagat-Fundstellen im Bereich Backnang gehabt haben
könnten. Der "schwarze Bernstein (Gagat) wurde vermutlich
hauptsächlich zur Schmückverabeitung nach Schwäbisch
Gmünd transportiert, ggf. aber im Mittelalter auch von Pilgern
nach Santiago de Compostela transportiert bzw. verkauft.

Bergbauversuche im Lautertal84
„Im Sandstein trifft man stellenweise ganze Gänge
reines Quarzes, außerdem aber auch Lager von
Roteisenerz und Schwefelkiesknollen...“

I m Gestein fanden sich da und dort größere und kleinere


Nester schwarzer Glanzkohle (Gagat, früher Agstein
oder Augstein genannt), die durch Härte und die
Eigenschaft, nicht zu rußen, sich zur Herstellung von
Schmucksachen, insbesondere Perlen und Knöpfen besonders
eignete und von Juwelieren geschätzt und gesucht wurde.
Namentlich die Gmünder Augsteindreher kamen viel in die
Gegend und handelten den Leuten die Fundstücke ab.

83
Heimatbuch Spiegelberg, Redaktion: Elisabeth Klaper M.A., Gemeinde
Spiegelberg (1996)
84
Quelle: Heimatbuch Weinsberger Tal, Mainhardter Wald (Seite 136) -
Hrsg. Carl Schönleber, Öhringen (1931), S. 170-183: Bergbauversuche im
Lauter tal.

125
D ie frühesten Nachrichten über diesen Bergbau
stammen aus 1425. Damals erhielt Heinz von
Rudelsberg von Graf Albrecht von Hohenlohe "das
Bergwerk von dem schwarzen Agstein gelegen enhalb
Beringswyler uff dem Walde in seiner Herrschaft im
Büchelbach" zu einem Erbbestand gegen Abgabe des 40. Teils
von dem erbeuteten "schwarzen Agstein oder andern Erz". Als
im Jahr 1471 Böhringsweiler und Wüstenrot zur Kurpfalz
kamen, wurde festgesetzt, dass es zu gleichen Teilen zwischen
Pfalz und Hohenlohe zu verbleiben habe. Im Jahr 1456 wurde
"einigen Bürgern zu Gmünd von Graf Ulrich zu Württemberg
solche Bergwerk zu Wart (nicht weit von Jux) verliehen, ob und
unter der Erde darein zu schlagen und nach Gold, Silber,
Edelstein und Erz zu graben". Beide Bergwerke scheinen aber
bald wieder verlassen worden zu sein.

Die Ruine Warthof

U m die Mitte des 15. JH. war ein Bergwerk für


Glanzkohle (Gagat, Augstein) am Warthof in
Betrieb. Graf Ulrich von Württemberg belehnte
damit am 27.1.1444 Heinz Decker und Michiel den
Augsteindreher zu Gmünd gegen Abgaben des Zehnten und
ähnlich am 7. Juli 1456 Heinz Decker, Claus Ebner und
Heinrich Kitzig, Bürger zu Gmünd. Bemerkenswert für diese
Anlage ist die unmittelbare Nähe zur Burganlage jenseits des
Winterlautertals.

126
Gagat im Silberstollen bei Wüstenrot

E
85
in (zweiter) alter "Silberstollen" im

" kann man Gagatbrocken (= harte Kohlensubstanz) und


verkiezeltes (versteinertes) Holz sehen86.
4.
Stubensandstein findet sich als Naturdenkmal bei
Wüstenrot. Am Eingang des Stollens "Soldatenglück

Kohlenfunde bei Nassach87

U m die Mitte des 15. JH. war bei Nassach ein


Kohlenbergwerk in Betrieb. Die gewonnene
Pechkohle wurde in Schwäbisch Gmünd zu
Schmuck verarbeitet (Augstein). Der Abbau (bis 1840) wurde
jedoch wegen der schlechten Wegverhältnisse bald aufgegeben.
Aus späterer Zeit ist darüber nur noch bekannt, dass der
Nassacher Schmied einen Teil seiner Kohlen dort holte. Bei
Bau der Winterlauterstrasse 1875/1876 wurden die
Stolleneingänge zugeschüttet.

S chon vor etwa 200 Jahren habe ein Bernsteindreher


namens Heinz Decker aus Gmünd den oberhalb des
Stollens gelegenen Warthof vom Herzog in Pacht oder
Lehen mit der Befugnis in der Gegend den sogenannten Gagat
(schwarzen Bernstein) abzubauen. Heute noch sind außerhalb
des zugeworfenen Stollens Kohlenstücke zu finden und es ist
noch nicht lange her, dass der Schmied von Nassach zum Teil

85
Es ist offensichtlich der Stollen, wobei Schillers Vater viel investiertes
Geld verloren hatte...
86
Siehe: Seite 20 im Heimatbuch Spiegelberg.
87
Tröster, Immanuel: Heimatkunde von Nassach.1948/49, Seite 76-80).

127
seinen Bedarf an Kohle von dort deckte. Das Werk war wegen
der schlechten Wegverhältnisse und des Holzreichtums wieder
aufgegeben worden. Der Schultheiß von Nassach schickte nun
an Prof. Sauer in Stuttgart eine Probe. Dieser beurteilte die
Kohle als Pechkohle mit 2000-3000 Kalorien Heizkraft und
sehr schwefelhaltig. Der Stollen befand sich an der Straße nach
Oberstenfeld, kurz vor der Abzweigung nach Nassach, rechts
am Berghang. Der Hauptstollen war 406 Fuß lang und endete
in einem ovalen Raum. Die Nebenstollen waren 40-90 Fuß
lang. Der Eingang des Stollens war zwischen dem Bett der
Winterlauter und der Straße und führte unter dieser Weg
waagrecht in den Berg.

S taatspräsident Hieber (27.9.1920) zitiert folgende


Expertise von Prof. Dr. Sauer, Vorstand der
geologischen Abteilung des Stat. Landesamt):
„Der Fundort Nassach liegt im mittleren Teil der
Löwensteiner Berge, deren Höhen sich vorwiegend aus den
weißen Keupersandsteinen aufbauen, während an den
Rändern und den tiefer eingeschnittenen Tälern die
sogenannten Bunten Mergel hervortreten, In diesen
Sandsteinen und besonders in deren unteren Teilennahe der
Grenze gegen den Bunten Mergel sind Kohlenspuren weit
verbreitet, nicht nur im vorliegenden Gebiet, sondern
überhaupt im ganzen Lande, wo diese Formationen
auftreten. Genau um diesen geologischen Horizont handelt
es sich ganz sicher bei Nassach“.

128
B ereits um 1860 habe der Altmeister der
Schwäbischen Geologie F. A. Quenstedt die
Bedeutung der Kohlenfunde im Mittleren Keuper
Württembergs folgendermaßen beschrieben:
"Der gemeine Mann wird durch solche Funde von
Kohlespuren zu leicht zu Hoffnungen angeregt, die bei uns
nicht zu erfüllen sind".

I n den Löwensteiner Bergen sind solche Kohlespuren


nicht selten und außer bei Nassach an 2 anderen Stellen
(nordwestlich Wüstenbrand, -d.h. wohl Wüstenrot?? und
bei Liemersbach) durch Grabungen ausgiebig untersucht
worden. Dort wurde ein 70 Meter tiefer Schacht abgeteuft und
ein etwa 200 Meter langer Stollen vorgestreckt, wo man auf ein
2 Zoll dickes Flözchen stieß. Das Kohlenvorkommen bei
Nassach erreichte Nester-Größen von 25-30 cm, und haben
sich als Steinkohlenlager nie als rentabel erwiesen.

Kohlenfunde bei Spiegelberg

1 755 berichtete der Leiter der Spiegelfabrik in


Spiegelberg, Direktor Hummel, über einen
Kohlenfund. Versuche auf Stein- bzw. Pechkohlen bei
Spiegelberg (Denteltal), Nassach, Neulautern, Stocksberg und
anderen Orten wurden fortgesetzt88.

88
Seite 136

129
A m 7. Juli 1768 berichtete der Bergman Brückner von
Murrhardt dem gräflich löwensteinischen Amtmann
Kienzlen im Schlößchen Lautereck bei Sulzbach,
dass er bei Erlach -in der Nähe der Erlacher Glashütten
Kohlenspuren (ausgezeichnete Pechkohlen) und beim Graben
eines Brunnens einen Silbermarkasiten gefunden habe (->
Erschließung der "Silber"-Bergwerken bei Neulautern und
Wüstenrot, sowie des 200 m tiefen Wetzsteinstollens bei Jux).
Bei Teusserbad stieß man auf Steinkohlen.

Steinkohlensuche bei Spiegelberg89

A m 4. Juni 1755 übersandte Fabrikdirektor Hummel


Muster von Steinkohlen, die man bei einer
Kellergrabung in Jux gefunden habe. Weitere
Proben stammen aus dem Heßberg. Drei Jahre (1758) später
sandte der Pfleger Rapp von Westheim Muster von Kohlen ein.
Ein Berg nächst Gaildorf sei schichtenweise mit 1000 Klaftern
von dergleichen Kohlen (Schieferkohlen) angefüllt. 1785
sandte Oberamtmann Landerer von Lichtenstern eine neue
Probe aus dem Bergwerk zu Löwenstein ein. 1816 meldete
Bergmann Löffelhardt aus Neulautern dem königlichen
Oberbergamt Alpirsbach die Erschürfung von Steinkohlen in
einer Gebirgsschlucht (1,5 bis 3 Zoll mächtig). 1817 wurden
bei Arbeiten der Straße von Gaildorf nach Hall (bei Ödendorf,
d.h. Ottendorf) vom Berginspektor und Vitriolfabrikant
Glötzge Schwefelkies und Schwefelkohhle geschürft.

89
Zeitraum: 1820-1822 - Quelle: Heimatbuch Weinsberger Tal, Mainhardter
Wald. Hrsg. Carl Schönleber, Öhringen (1931).
Bergbauversuche im Lautertal.und Greiner, Karl: Die kirchenrätliche
Spiegelhütte in Spiegelberg.

130
A m 8 August 1820 bittet Jakob Schick um Erlaubnis
zur Schürfung nach Steinkohlen am Büchelberg,
350 Schritt vom Schmidgall'schen Platz, aber in
anderer Richtung (Seite 142). Bruckmann und Co. sind tätig
zwischen Neulautern und Eisenhammer auf dem rechten Ufer
der Lauter. "Ihr Bett bildet dort ein fester, grauer in
Mergelschiefer übergehender bituminöser Tonschiefer".
Weitere Grabungen von Kaufmann Schmidgall aus Löwenstein
bei Büchelberg und von Hammerwerksbesitzer Bruckmann aus
Heilbronn bei Glaslautern. Die Arbeiten bei
Denteltal/Spiegelberg wurden um 1824 eingestellt und nicht
wieder aufgenommen.

Etymologie der Ortsnamen

A us den vielseitigen Geschichten zur den


Steinkohlen-Fundstellen kann man ggf. die
Ortsnamen Aicholzhof und Aichelbach bei Backnang
aus weiteren Gagatfundstellen oder auch aus weiteren
Steinkohlenfundstellen ableiten. Die Ortsnamen Aicholzhof
und Aichelbach bei Backnang ähneln sich den vielen "Aich"-
Ortsbezeichnungen in der Nähe vom Gagatzentrum
Holzmaden:
Aichwald, Aichelberg und Aichschieß, Aidlingen,
Schönaich, das Aichtal (südlich von Echterdingen), Aitern,
Aitrach, Aichstetten, Aichwald, Aichschieß, Aichen und
Aichelberg (an der A8), Achstetten (bei Ulm) und
Haigerloch an der Eyach, usw…

131
B egründung: In Althochdeutsch ist der Name für den
Bernstein auch: Agstein, Aigtstein. Die Wortstämme
stammen ggf. vom Althochdeutsch „aiten" =
„brennen". Augstein, Ackstein, Agststein. (ahd. Agistein, mhd.
Agestein, Agetstein, nhd. Agtstein) -> ggf. in Ortsnamen, z.B.
Aitra, Aitrach, Aichen, Aichelberg, Haithabu (Hedeby bei
Schleswig), ggf. auch Aken, Aachen, usw.

N ach dem Vortrag zum Thema "Backnanger


Bernsteinrouten" vom 16.10.2007 in Backnang
berichtete mir ein gebürtiger Backnanger Zuhörer,
dass am Ittenberg oberhalb Aichelbach bei Backnang noch in
den Jahren um 1950 ein Bergwerk betrieben wurde. Er
berichtete von Sprengungen, von Loren auf einem
Schienennetzwerk und von Bernsteinfundstücke in dieser
Gegend. Der Flussname Aichelbach und auch der Name
Ittenberg ("Aitenberg") deuten ggf. auf Gagatfunde und auf den
schwarzen Bernstein ("Aigstein" = "Aitstein" = "Bernstein"
vom ahd. Wort "Aiten" = "brennen").

Pilgerzeichen aus Gagat Jakobsweg

D a diese Orte unmittelbar an der Teilstrecke des


Jakobswegs (von Murrhardt über Oppenweiler nach
Winnenden) liegen, kommen diese Dörfer wohl
auch als Versorgungsort für die Pilgersteine aus Gagat in Frage.
"Zufälligerweise" folgt der Jakobsweg zwischen Murrhardt und
Oppenweiler sogar nicht einmal das bequeme Murrtal sondern
verläuft über den anstrengenden Berg bei Eschelhof, entlang
dem Ittenberg (Aitenberg von Aiten = ahd. Brennen) hinunter
nach Oppenweiler-Aichelbach (von Aigstein = Bernstein).

132
11 Der Gagathandel im Spätmittelalter

Zur prähistorischen Verarbeitung von Gagat


(schwarzer Bernstein) ist belegt, dass in der Bronzezeit
Ornamente daraus hergestellt wurden. In römischen
Schreiben wird der Gagat erwähnt. Im Mittelalter
fertigte man daraus Kreuze und Rosenkränze. In der
Elisabethanischen und Viktorianischen zeit war der Jet-
Schmuck sehr beliebt.

D as Hauptvorkommen des Gagats lag im 19.


Jahrhundert an der englischen Nordküste beim
Fischerdorf Whitby. Dieses Vorkommen90 liegt
zwischen Ravenscar und Whitby und zwischen Sandsend und
Skinningrove ....

W eitere Vorkommen91 gab es in Spanien,


Südfrankreich, Österreich (Gams bei Hieflau und
im Reichraminger Hintergebirge - Am Sandl) und
in Württemberg (Holzmaden, Bernhalden, Hammer).
Erwähnenswert in Deutschland ist auch das
Asphaltbergbaurevier von Eschershausen / Hils und in
Dotternhausen. Um 1500 begann in Unterlaussa der Bauer
Seebacher mit dem bergmännischen Abbau des Gagats 92.
Meyers kleines Konversations-Lexikon93 erwähnt als Fundorte
für Gagat "Böhmen, England, Planitz, Zwickau, Württemberg,
90
Quelle: www.blackwell-synergy.com/doi/abs/10.1111/1468-0092.00158
91
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Gagat.
92
Quelle: Gagatfundmeldung
93
Leipzig, 1895

133
Dep. de L‘Aude 2c."

Meyers Konversations-lexikon aus 1885 ist sogar um Einiges


genauer94:
Gagat (Gagatkohle, Pechkohle, schwarzer Bernstein,
schwarzer Agtstein, franz. Jais, engl. Jet), schwarze,
glänzende, muschelig brechende, sehr bituminöse
Braunkohle aus Böhmen, Steiermark, England, Planitz,
Zwickau, Württemberg, Schomberg, Ohmden, Balingen,
Bole, Baden, Hannover, Asturien und dem Departement de
l'Aude, lässt sich feilen, drechseln, nimmt schöne Politur an
und wird zu Schmucksachen verarbeitet. Sehr häufig sind
Surrogate aus Glas (Lavaschmuck), welche viel schwerer
sind als G., solche aus gehärtetem Kautschuk, welche
minder schönen Glanz besitzen und zerbrechlicher sind, und
aus gehärtetem Steinkohlenteerpech.
Der Gagat wurde auch Kännelkohle genannt. Der Name
Kännelkohle kommt aus dem Englischen. Candle heißt
Kerze. Offensichtlich hat man diese Art von Steinkohle, eine
Art Mattkohle, in sehr frühen Zeiten zum Leuchten benutzt.
Wenn einmal angezündet, brennt die Kännelkohle, wegen
des sehr hohen Anteils an flüchtigen Bestandteilen, lebhaft
mit heller rußender Flamme

Z u den mittelalterlichen Wallfahrten in Baden-


Württemberg wird dokumentiert: Es werden (neben
sieben Pilgerzeichen aus Metall uns ca. 27
Pilgermuscheln) zwei Andenken aus Gagat genannt.
94
Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und
Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

134
I m Spätmittelalter sind es die Orte Aachen, Köln,
Einsiedeln, der Mt-St. Michel und Santiago, die Pilger
aus Baden-Württemberg anziehen. Hinweise auf
Wallfahrten nach Santiago95 sind ein Jakobus aus Gagat, der in
Bönnigheim gefunden wurde, sowie eine mit Muscheln
verzierte Gagat-Perle, die auf dem Runden Berg bei Urach
gefunden wurde.

95
Quelle Siehe: Gagatfundmeldung zu den Pilgerzeichen des Jakobswegs

135
12 Bernstein im 17-19 Jahrhundert

Der Bernstein bei Bad Schmiedeberg

B ereits im Jahr 1669 erwähnt der Dommnitzscher


Bürgermeister C. Schneider in der Chursächsischen
Chronik Bernstein in der Nähe der Stadt
Schmiedeberg. 1731 berichtet der Bergbeamte Standfuss Fürst
August dem Starken von Bernsteinfunden, so dass dieser erste
Grabungen zur Gewinnung durchführen ließ. Die Ergebnisse
waren allerdings nur mager und die gefundenen Stücke zu
klein, so dass die Grabungen bereits 1733 eingestellt wurden.

W ährend der Braunkohlegewinnung wurden jedoch


immer wieder Funde von fossiler Harzen
gemeldet. Im Jahre 1756 beschreibt der
Churfürstliche Bergrat D. Johann Friedrich Henkel die in den
Braunkohlengruben um Bad Schmiedeberg gefundenen
Bernsteindunde als „sächsischen Bernstein“. Über hundert
Jahre später, zwischen 1880 und 1890, beutet ein
Drechslermeister aus Schmiedeberg eine von ihm entdeckte
Fundstelle aus und fertigt Pfeifenköpfe und Zigarettenspitzen
aus Bernstein. Danach gerät das Vorkommen bis auf
Einzelfunde in Vergessenheit.

Die Bernsteinvorkommen Brandenburgs

Ü
ber die Bernsteinvorkommen im deutschen
Brandenburg berichtet Theodor Fontane in seinem
Aufsatz Wanderungen durch die Mark Brandenburg
aus dem Jahr 1870 folgende Details, die für andere Standorte
sicherlich ebenfalls zutreffen:

136
„Distrikt Glindow ist etwa zwei Quadratmeilen groß (vier
Meilen lang und eine halbe Meile breit) und zerfällt in ein
Innen- und Außenrevier, in einen Bezirk diesseit und jenseit
der Havel. Das Innenrevier »diesseit der Havel« ist alles
Lehm- und Tonland und umfaßt die gesamten Territorien am
Schwielow-, am Glindow- und Plessow-See; das
Außenrevier oder das Revier »jenseit der Havel« ist
neuentdecktes Land und dehnt sich vorzugsweise auf der
Strecke zwischen Ketzin und Tremmen aus. Dies Außenland,
abweichend und eigenartig, behauptet zugleich eine gewisse
Selbständigkeit und zeigt eine unverkennbare Tendenz, sich
loszureißen und Ketzin zu einer eigenen Hauptstadt zu
machen. Vielleicht, daß es glückt. Vorläufig aber ist die
Einheit noch da, und ob der Tag siegreicher Sezession
näher oder ferner sein möge, noch ist Glindow Metropole
und herrscht über Innen- und Außenrevier.
Die Bodenbeschaffenheit, das Auftreten des Lehms ist
diesseit und jenseit der Havel grundverschieden. Im
Innenrevier tritt der Lehm in Bergen auf, als Berglehm, und
wenn wir uns speziell auf die wichtige Feldmark Glindow
beschränken, so unterscheiden wir hier folgende
Lehmberge: den cöllnischen, zwei brandenburgische
(Altstadt, Neustadt), den caputhschen, den
schönebeckschen, den Invalidenberg, den Schloßbauberg,
zwei Kurfürstenberge (den großen und den kleinen), den
plaueschen, den mösenschen, den potsdamschen.

137
Die drei letztgenannten liegen wüst, sind tot. Die andern
sind noch in Betrieb. Ihre Namen deuten auf ihre früheren
Besitzer. Berlin-Cölln, Brandenburg, Potsdam, Caputh,
Schönebeck hatten ihre Lehmberge, der Invalidenberg
gehörte dem Invalidenhause etc. Diese Besitzverhältnisse
existieren nicht mehr. Jene Ortschaften haben sich längst
ihres Eigentums entäußert, das inzwischen in die Hände
einiger Ziegellords übergegangen ist. Die meisten sind in
Händen der Familie Fritze.
Der Lehm in diesen Bergen ist sehr mächtig. Nach
Wegräumung einer Oberschicht, »Abraum« genannt, von
etwa dreißig Fuß Höhe, stößt man auf das Lehmlager, das
oft eine Tiefe von achtzig bis hundert Fuß hat. Der Lehm ist
schön und liefert einen guten Stein, aber doch keinen Stein
ersten Ranges. Die Hauptbedeutung dieser Lager ist ihre
Mächtigkeit, annähernd ihre Unerschöpflichkeit. Dabei mag
als etwas Absonderliches hervorgehoben werden, daß sich
in diesen Lehmlagern Bernstein findet, und zwar in
erheblicher Menge.
Die meisten Stücke sind haselnußgroß und somit ohne
besonderen Wert, es finden sich aber auch Stücke von der
Größe einer Faust, dabei sehr schön, die bis zu
fünfundzwanzig Talern verkauft werden. Wer solch Stück
findet, hat einen Festtag.
Soviel über die Lehmberge des Innenreviers. Ganz anders
ist das Auftreten der Lager im Außenrevier jenseit der
Havel. Der dort vorkommende Lehm ist sogenannter
Wiesenlehm, der nur sechs Fuß unter der Rasenoberfläche
liegt, aber auch selber nur in einer Schicht von sechs bis
acht Fuß auftritt.

138
Er ist wegen des geringen »Abraums«, der fortzuschaffen
ist, leichter zugänglich; all diese Lager sind aber
verhältnismäßig leicht erschöpft, auch ist das Material nicht
voll so gut.
Glindow heißt übrigens Lehmdorf, von dem wendischen
Worte Glin, der Lehm. Kaum irgendein Wort, wie schon
Seite 214 hervorgehoben, kommt häufiger vor in der Mark.
Außer dem Landesteile »der Glien«, mit der Hauptstadt
Kremmen, gibt es zahlreiche Dörfer dieses Namens“.

S olcherlei Stein- und Lehmgruben waren bereits in der


Urzeit Fundorte für Bernstein und in einigen
Steingruben oder Baustellen wird immer noch
Bernstein gefunden.

139
13 Bernsteinfunde im 20.-21. JH.

Die Bernsteinfunde in Bitterfeld

B ereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren


im Raum Bitterfeld beim Braunkohleabbau
gelegentlich einzelne Bernsteine gefunden worden.
Im Jahre 1955 wurden im Braunkohlentagebau Goitsche
östlich von Bitterfeld die Bernstein führenden Schichten für
kurze Zeit angeschnitten, aber die zu Tage tretenden, zum Teil
großen Brocken nicht als Bernstein (Succinit) erkannt.

E rst im Jahre 1974 wurde bei einem erneuten


Anschnitt die Bedeutung des Bernsteinvorkommens
erkannt. Die im gleichen Jahr begonnene geologische
Erkundung führte zum Nachweis einer nutzbaren Lagerstätte.
Als geologischer Vorrat wurden 1979 2.800 t Bernstein
berechnet. Der Abbau begann bereits 1975. Grund für die so
schnell aufgenommene Förderung war der drastische Rückgang
der Bernsteinimporte aus der Sowjetunion, die in den 1970er
Jahren ihre jährlichen Bernsteinlieferungen von zehn Tonnen
auf eine senkte, und damit die Schmuckproduktion im „VEB
Ostseeschmuck“ in Ribnitz-Damgarten gefährdete.

V on 1975 bis 1993 wurden im Tagebau Goitsche


jährlich bis zu 50 t abgebaut, insgesamt rund 408 t.
Der Bernsteinabbau wurde 1990
Umweltschutzgründen zunächst storniert und 1993 aus
ökonomischen Gründen endgültig eingestellt. Zu diesem
aus

Zeitpunkt standen noch 1.080 t gewinnbarer Vorrat in den


Büchern. Nach Sanierung der Böschungen wurde das Restloch
des Tagebaues Goitsche ab 1998 geflutet.

140
Kiesgruben und U-Bahn-Baustellen

H auptsächlich im Norden Deutschlands wird in


verschiedenen Kiesgruben und Tiefbaustellen
immer noch Bernstein in beachtlichen Mengen
gefunden. Nördlich von Berlin liegen die Fundstellen im
Barnim (Bernland = Brennerland). Westlich von Berlin liegt
Brandendurg (=Brennerburgland). Im Internet berichtet ein
Bernsteinschürfer, wie er vor dem Reichstagsgebäude in den
tiefen Gruben, die für die U-Bahn gebaggert wurden, in ca. 7-
12 m Tiefe diese schwarzen Bänder gefunden hat, natürlich mit
Bernstein.

Großes Bernstein-Vorkommen in Spanien

S panische Forscher haben nach eigenen Angaben in


2008 das größte Bernstein-Vorkommen in Europa
entdeckt96. Der Fund in der nordspanischen Region
Kantabrien sei nicht nur wegen seines Umfangs, sondern auch
wegen seiner Beschaffenheit außergewöhnlich, betonten die
Wissenschaftler vom Spanischen Institut für Geologie und
Bergbau (IGME). Das bei der Höhle von El Soplao westlich
von Santander entdeckte Vorkommen bestehe fast
ausschließlich aus Bernstein in bläulich-violetter Farbe.

D iese Art von Bernstein sei «extrem selten», sagten


die Wissenschaftler nach Presseberichten vom
Mittwoch. Bisher kenne man solchen Bernstein nur
aus der Dominikanischen Republik. Bernstein ist fossiles Harz
von Bäumen, das sich im Laufe der Zeit in eine feste Substanz
verwandelt hat.
96
Meldung gefunden im Tagesspiegel, 06.11.2008

141
D as Vorkommen in Nordspanien hat sich vor etwa
110 Millionen Jahren gebildet, als Dinosaurier die
Iberische Halbinsel bevölkerten. Die Fundstücke
enthalten nach Angaben der Wissenschaftler Einschlüsse nicht
nur von Fliegen, Wespen und Spinnen, sondern auch von
bislang unbekannten Insekten.
«Anhand dieser Entdeckung werden wir zum ersten Mal
glaubwürdige Erkenntnisse über die Ursprünge und die
Entstehung eines Bernstein-Vorkommens gewinnen können»,
sagte IGME-Direktor José Pedro Calvo. Der Wissenschaftler
Xavier Delclòs von der Universität Barcelona betonte:
«Wahrscheinlich werden wir auch den Nachweis erbringen
können, aus welcher Art von Nadelhölzern der Bernstein
entstand.» Ein Fundstück trage den Abdruck eines Zweiges, auf
dem die Gliederung der Nadeln zu erkennen sei.

D er kantabrische Kulturminister Javier López


Marcano kündigte an, dass die Regionalregierung
aufgrund der Bedeutung des Fundes in der Gegend
den Bau eines Bernstein-Museums erwäge. Es ist allerdings
fraglich, ob die Spanische Bernsteinvorkommen dem "Blaue
Erde"-Lager bei Jantarnij übertreffen. Es heißt im Internet: "94
Prozent der Weltvorkommen an Bernstein werden in Jantarnij
gefördert.

D er Fund in Kantabrien zeigt jedoch, dass auch im


21. Jahrhundert immer noch Überraschungsfunde
von Bernsteinquellen möglich sind.

142
14 Etymologie der Ortsnamen

N ach der Formulierung dieser Thesen werden wir in


diesem Kapitel die offizielle Etymologie einiger
bedeutenden westeuropäischen Siedlungsnamen der
Brenner-Theorie gegenüberstellen.

Großbritannien

London (Hauptstadt, 7,2 Mio Einwohner)


Wikipedia: Die Römer unter Kaiser Claudius eroberten
England im Jahre 43 n.Chr. und gründeten eine Stadt namens
Londinium. Man nimmt an, dass der Ortsname vom keltischen
Plowonida abgeleitet wurde, was so viel wie „Siedlung am
breiten Fluss” bedeutet.
Folgender Artikel befasst sich mit dem Londoner Stadtbezirk
Brent:
Brent = London Borough of Brent ist ein Stadtbezirk von
London und liegt im Nordwesten der Stadt. Der Bezirk erhielt
seinen Namen vom gleichnamigen Fluss, an dem weiter
südlich auch Brentford (zum Stadtbezirk Hounslow) und
weiter nördlich der Vorort Brentwood liegen.

Birmingham (zweitgrößte Stadt, 1,0 Mio Einwohner)


Wikipedia: Der Name Birmingham stammt vom
angelsächsischen Beormaham (Dorf der Sippe von Beorma).
Beorma war vermutlich ein lokaler Stammesführer. Später
wurde daraus Brummagem und schließlich Birmingham.

143
Glasgow (drittgrößte Stadt, 1,0 Mio Einwohner)
Schottischer Name: erstmalig urkundlich dokumentiert in 1116
als Glasgu an der Clyde, oder von einer der beiden Siedlungen
mit den gleichen Namen in Aberdeenshire. Die Etymologie ist
unklar und es gibt Theorien, sowie: Welsch glas (grau, grün,
blau) & cau (Täler).
Schottisher/Irischer Name: abgewandelte Form des Namens
Closkey, und englische Variante des gälischen Namens Gaelic
Mac Bhloscaidhe ‚son of Bloscadh’ (see McCloskey).
Irischer Name: Benennung nach der englischen Familie
Glasscock, die einst im Landkreis Kildare gelebt hat.

Manchester (0,5 Mio Einwohner)


Wikipedia: Vor der Invasion Großbritanniens durch die Römer
lag das heutige Stadtgebiet im Territorium des keltischen
Stammes der Briganten. Gnaeus Iulius Agricola ließ 79 n. Chr.
am Zusammenfluss des Irwell und des Medlock ein Fort
errichten. Es wurde Mamucium genannt, das keltische Wort für
„brustförmiger Hügel”. Der Wortteil chester erinnert an die
römische Zeit und bedeutet Lager (castrum). Nachdem die
Römer im Jahr 407 Großbritannien verlassen hatten, war die
Gegend lange Zeit unbewohnt, bis dann im 7. Jahrhundert die
Angelsachsen sich hier niederließen. Sie gründeten ein Dorf
mit dem Namen Mameceaster, woraus sich Manchester
entwickelte.

Aberdeen
Wikipedia: Aberdeen = Gälisch für Mündung des Dee

144
Deutschland

Berlin (Hauptstadt, 3 Millionen Einwohner)


Wikipedia: Der Name Berlin hat nichts mit dem Bären im
heutigen Stadtwappen zu tun. Er geht vermutlich auf die
slawische Silbe berl (Sumpf) zurück.
Historisch bildete Brandenburg (zusammen mit Berlin, das
Teil Brandenburgs war) das Kernland Brandenburg-
Preußens. Siehe hierzu auch Albrecht der Bär (Gründer der
Mark Brandenburg 1157), Mark Brandenburg und Provinz
Brandenburg.
Westlich der Flüsse, im heutigen Havelland und in der südlich
angrenzenden Zauche, lebten die Heveller, die sich selbst
Stodoranen nannten und ihre Hauptburg in Brandenburg
(Brenna), der heutigen Stadt Brandenburg errichteten und,
neben kleineren Burganlagen, auf dem Gelände der heutigen
Zitadelle Spandau in Berlin eine weitere größere Burg als
strategisch wichtigen Außenposten unterhielten.

Hamburg (zweitgrößte Stadt, 1,65 Mio Einwohner)


Wikipedia: Zur Sicherung der Kirche und der Bewohner wird
auf den Ruinen des sächsischen Dorfes Hamm (im Bereich des
heutigen Domplatzes) eine Fluchtburg erbaut, die so genannte
Hammaburg.

München (drittgrößte Stadt, 1,3 Mio Einwohner)97


Es besteht auch die Möglichkeit, dass München seinen Namen
nicht den ‚Mönchen’ verdankt, sondern auf das baskische Wort
‚mun’ bzw. älter ‚bun’‚ d.h. Ufer, Böschung, Bodenerhebung’
97
http://www.etymologie.info/~e/e_/es-baskis.html

145
zurückgeht. Es wird auch vermutet, dass die griech. ‚bounó’
und ‚bounós’ als Lehnworte darauf zurückgehen.

Die Schweiz

Bern (Hauptstadt, 300.000 Einwohner)


Wikipedia: Nach ersten Siedlungen auf der Engehalbinsel in
der La-Tène-Zeit und der gallorömischen Epoche wurde die
heutige Stadt 1191 von Herzog Berchthold V. von Zähringen
gegründet. Laut einer Sage nannte er die Stadt Bern, weil er
dort einen Bären getötet habe.

Italien

Verona
Eintrag Verona in der deutschen Wikipedia: Verona liegt in
Norditalien am Austritt der sogenannten Brenner-Linie in die
Po-Ebene, wurde 550 v.C. vom Gallischen Stamm der
Cenomanen erobert und wurde erst 89 v.C. eine römische
Kolonie. Der altdeutsche Name für Verona ist Bern, bzw.
Wälsch-Bern oder Welschbern. Dieser Zusatz unterscheidet
Verona von der Schweizer Hauptstadt Bern, deren lateinischer
Name ebenfalls Verona lautet. Der Alttiroler (Zimbrischer)
Dialekt bezeichnet Verona als Bearn.

146
Benelux

Brussel (Hauptstadt, 1,1 Mio Einwohner)


Wikipedia: Der Name Brüssel kommt von einer
Wortzusammensetzung des keltischen Wortes bruoc, Sumpf,
und des lateinisch-keltischen Wortes sella, Tempel oder
Kapelle. Der Stadtname bedeutet also Kapelle im Sumpf.
Französisch: Variante vom Broussel, eine Ableitung von
brosse (Bürste).

Amsterdam (Hauptstadt, 1 Mio Einwohner)


Wikipedia: Einer der Flüsse in der Nähe Amsterdams ist die
Amstel, die in die IJ mündete. Gegen Ende des zwölften
Jahrhunderts entstand rund um einen Damm im Fluss eine
kleine Siedlung. Diesem Damm in der Amstel verdankt die
Stadt Amsterdam ihren Namen.

Antwerpen (217.000 Einwohner)98


Es gibt mindestens 27 Theorien über die Etymologie des
Namens Antwerpen. Die bedeutendste ist die Sage über den
Riesen Antigon und den römischen Soldaten Brabo. Antigon
lebte als Burgfürst an der Schelde und hackte jedem Schiffer,
der die Mautgebühr nicht bezahlen wollte, die Hand ab. Der
Römer Brabo, Neffe des Julius Cäsar, gewann im Kampf gegen
den Riesen, hackte nun dessen Hand ab und warf diesen in den
Fluss. Die Sage führte zum Namen „Hand werpen“ (Ant-
werpen).

98
http://www.use-it.be/antwerpen/ned/geschiedenis.php

147
Amersfoort
Wikipedia: Siedlungen in der Gegend um Amersfoort stammen
aus der Zeit 1000 v. Chr., der Name „Amersfoort” (nach der
„Furt am Amer”, heute Eems) stammt wohl aus dem 11.
Jahrhundert.

Brugge
Wikipedia: Der Name Brügge geht auf das normannische Wort
bryggia zurück und bedeutet „Landungsstelle” oder
„Anlegekai”.

Zusammenfassung der Etymologie

D ie offizielle Etymologie der Siedlungsnamen ist


unzusammenhängend und die Namen der
Siedlungen wirken konstruiert. Im Gegensatz dazu
sind die Ableitungen der Namen auf der Basis der
Bernsteinrouten sehr wohl aussagekräftig, der Zusammenhang
ist offenkundig.

D ie modernen Großsiedlungen sind im Mittelalter


wohl alle analog an Rom und Athen zur
Bedeutungslosigkeit geschrumpft und erst in den
vergangenen Jahrhunderten gewachsen. Bekanntlich lebten bei
der Gründung des modernen Griechenland in 1832 sogar nur
1.000 Einwohner in Athen99. Zurzeit ist Athen eine Großstadt,
die einschließlich Piräus etw 4 Mio Einwohner aufweist.

99
http://de.wikipedia.org/wiki/Athen

148
R om hat 1881 offiziell 274.000 Einwohner und
momentan 2,8 Mio Einwohner. Im Mittelalter ist
jedoch die Bewohnerzahl von über zwei Millionen
im Altertum auf 12.000 zurückgegangen100. Rom war eine
Ruine und die Reichtümer der Antike wurden ausgeplündert.
Das Forum Romanum wurde zur Viehweide. Erst 1803 wurde
das Forum wieder freigelegt.

S o ist verständlich, dass auch Städte wie London,


Antwerpen und Hamburg in der Antike bereits einen
stattlichen Umfang gekannt haben, dafür jedoch bei
der „Stadtgründung“ um 1000 nach Christus als Dorf gestartet
sein sollen.

100
www.bbs-syke.de/rom/rom3.htm

149
15 Zusammenfassung

D er gelbe101 und der schwarze102 Bernstein wurden


großflächig in ganz Europa auch in Kleinstmengen
gesucht, gefunden, abgebaut und verhandelt. Einige
Fundstellen sind nachweislich seit der Steinzeit bekannt. Die
Bedeutung des historischen Bernsteinhandels wird jedoch oft
unterschätzt weil das organische Material bei längerer
Lagerung an der freien Luft zersetzt und verloren geht.

I n allen Varianten, Formen und Farben wurde Bernstein


als Heilmittel, Amulett oder Vermögensanlage geschätzt
und geehrt. Die Rohmaterialien und Endprodukte
wurden über riesigen Distanzen verhandelt und transportiert.
Dabei wurden im Laufe der Jahrhunderten viele Ortsnamen
geprägt, die bis heute erhalten geblieben sind. Zahlreiche
Beispiele davon sind in diesem Buch dokumentiert.

D er Aufwand zur Ableitung des Ortsnamen


Bernhalden103 mag übertrieben erscheinen, wurde
jedoch absichtlich in aller Ausführlichkeit gezeigt,
um die Komplexität der Zusammenhänge zwischen
Bernsteinhandel, Edelmetall- beziehungsweise Kohlegruben
und Glasherstellung zu illustrieren.
101
Succinum aus Harz
102
aus Holzbestandteile
103
Bei Backnang

150
Z u den mutmasslichen, jedoch unbewiesenen
Namenskorrelationen der Ortsnamen Brennerpass,
Bernstorf, Pyrene, Amfreville. Amberes (Antwerpen),
Bernhalden, Ammer, Amer, usw. zum Bernsteinhandel kann
man Gegenbeweise aufführen, die in Einzelfällen zu anderen
Namensquellen führen können. In den meisten Fällen sind die
Nachweise mangels schriftlichen Quellen schlichtweg
unmöglich. So ist dieses Werk als eine Skizze zu verstehen, die
seine Begründung im Wesentlichen auf die Namenshäufigkeit
und Namenskonzentration basiert.

151
16 Literatur- und Quellenverzeichnis

Titel (in alphabetischer Verfasser Erscheinungsjahr


Reihenfolge) & -Ort
Annalen Publius Cornelius um 55-116 n.C.,
Tacitus Rom
Argonautika 104 Appolonius etwa 295-215
(Argonautensaga) Rhodios v.Chr
Der Briefwechsel v. Hildebrand ca. 1390 - 1425
Hildebrand Veckinchusen Veckinchusen
105

Bayerische Chronik Johannes Turmair 1526, Abensberg


Deutsche Chronik (Aventinus)
Bernstein – Das Gold des Karl Jülicher Zeitschrift Pan,
Nordens Ausgabe 4/1982
"Bernstein-Tränen der Rainer Slotta und 1997
Götter" 106 Michael
Ganzelewski

Bernstorf – Manfred 2005, Theiss,


Das Geheimnis der Moosauer Stuttgart
Bronzezeit & Traudl
Bachmeier
Compendium Of World Herman L. Hoeh 1963
History, Volume 2
De Bello Gallico107 Julius Cäsar 58 v.C., Rom

104
Gustav Schwab in Sagen des klassischen Altertums,
Roger Lancelyn Green in Tale of the Greek Heroes
105
Heute werden die Originale im Stadtarchiv Tallinn (Reval) aufbewahrt.
106
ISBN 3-7739-0665-X

152
(8 Bücher)
Der Nibelungen Not, Unbekannter Aufgezeichnet ca.
(Das Nibelungenlied) 108 Dichter 1200 n.C. in Wien
Deutsche Mythologie Jacob Grimm 1835, Berlin
Domesday Book 1086,
Großbritannien
dtv-Atlas „Deutsche Werner König 1978-2004
Sprache“
Dtv-Atlas div. Autoren Ausgabe 2006
„Weltgeschichte“
Germania 109 Publius Cornelius um 55-116 n.C.,
Tacitus Rom
Geschichte der Deutschen Naumann & Göbel
Literatur110
Historien Herodot 484 v.C., Hellas
Ilias, Odyssee111 Homer 800 v.C., Hellas
Medea Ovid 43 v.C. – 17 n.C.,
Rom
Mitteleuropäische Christa Stahl 2005
Bernsteinfunde von der
Frühbronze- bis zur
Frühlatenezeit112

107
Übersetzer nach NL: Dr. J.J.. Doesburg
108
Übersetzer Karl Simrock
109
De origine, situ, moribus ac populis Germanorum -
Übersetzer Dr. Wilhelm Harendza (1957)
110
ISBN 3-625-10421-0
111
Bearbeitung: Gustav Schwab in Sagen des klassischen Altertums
112
Verlag J.H. Röll, Dettelbach ISBN 3-89754-245-5

153
Naturalis historia Gaius Plinius 23 – 79 n.C., Rom
Secundus
Orbis Latinus Dr. J. G. Th. 1909
Graesse
Senatoris variare M.A. Cassiodorus 6. J.H. n.C.
Universalgeschichte Dr. Uwe K. 1991, Erlangen
(Holle) Paschke
Westermanns historischer Adolf Liebers u.a. 1928
Atlas

154