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Internationaler ETG-Kongress 2013 ∙ 05.-06.11.2013 in Berlin

Modular Multilevel Converter und elektronische DC- Leistungsschalter in zukünftigen vermaschten HVDC-Netzen

Prof. Rainer Marquardt, Yeqi Wang, Universität der Bundeswehr, München, Deutschland, rainer.marquardt@unibw.de

Kurzfassung

Der steigende Anteil regenerativer Energieeinspeisungen und die erforderliche Substitution fossiler Brennstoffe führen zu neuen Herausforderungen im Bereich der elektrischen Netze. Das bestehende Drehstromnetz in Europa ist nicht für die Fernübertragung großer Energiemengen und den Ausgleich regional stark fluktuierender Leistungen geeignet. Ein elektronisch steuerbares, überlagertes HVDC-Netz mit räumlich verteilten Converter-Stationen zum Drehstromnetz wird von namhaften Experten als die vorteilhafteste Lösung beurteilt. Im vorliegenden Beitrag wird ein neuartiges Kon- zept für zukünftige vermaschte HVDC-Netze erläutert, welches auf Modular Multilevel Convertern mit elektronischer Strombegrenzung und schnellen DC-Leistungsschaltern beruht.

1

Einleitung

Ein solches Netz führt zu vielen Vorteilen, wie effizienter Energietransport ohne den realen Transport von großen Mengen an fossilen Brennstoffen. Auch kann die Anzahl und Größe der erforderlichen Energiespeicher und Spit- zenlastkraftwerke wesentlich reduziert werden. Mit der fortschreitenden Entwicklung der Leistungselektronik wird ein solches Netz für die nahe Zukunft immer realisti- scher. Die wichtigsten technischen Anforderungen sollen im Folgenden näher untersucht werden [1].

Die Forderung einer extrem hohen Verfügbarkeit und Zu- verlässigkeit erfordert eine vermaschte Netz-Struktur. Mehrere großräumig verteilte Converter-Stationen müs- sen die Kopplung an das bestehende Drehstromnetz er- möglichen. Weder netzgeführte I-Umrichter noch konven-

tionelle U-Umrichter können die resultierenden strengen

Anforderungen an den Betrieb des Netzes erfüllen. Insbe-

sondere, eine schnelle und sichere Fehlerbehebung ist in einem großen HVDC-Netz von höchster Wichtigkeit, um

eine zuverlässige Energieübertragung sicherzustellen. Der

Modulare Multilevel Converter (M2C) (Abb. 2) ist mit

seinen Möglichkeiten zur elektronischen Fehlerbeherr-

schung am besten geeignet [2][3][4][5].

2 Anforderungen an ein HVDC-

SuperGrid

Selbstgeführte U-Umrichter sind eine Schlüsselkompo- nente für zukünftige HVDC Energieübertragungen [2][4].

Die Hauptanforderungen beinhalten eine schnelle und un- abhängige Regelung der Wirk- und Blindleistung. Dies schließt den Einsatz von großen passiven Filtern aus, wel- che eine schnelle, dynamische Regelung erheblich er-

schweren würden. Fehler auf der Gleichspannungsseite müssen sehr schnell und sicher behoben werden. Nach-

dem sich ein Fehler ereignet hat muss jede Converter-

Station in der Lage sein ihren Normalbetrieb innerhalb

weniger Millisekunden wieder aufzunehmen. Zudem muss die Möglichkeit bestehen, das HVDC-Netz durch mehrere Stationen schrittweise zu erweitern.

Modulare Multilevel Converter erfüllen diese Anforde- rungen weitaus am besten [6]. Im Vergleich zu konventi-

Die bestehenden Drehstromnetze in Europa und anderen Gebieten der Welt sind nicht ausreichend geeignet für die zukünftige Integration erneuerbarer Energiequellen im großen Maßstab. Weder die Offshore Windanlagen in Nordeuropa noch die Solar Parks in Südeuropa und Nord- afrika liegen in der Nähe großer Verbraucher. Die fluktu- ierende Eigenschaft dieser Energiequellen muss durch ei- nen gesteuerten Energieaustausch über lange Distanzen hin kompensiert werden. Auch die wenigen, großen Spei- cher wie Wasserkraft werden überregional genutzt werden müssen. Aus diesem Grund wird von vielen nam- haften Experten ein elektronisch gesteuertes HVDC- SuperGrid vorgeschlagen (Abb. 1) [1].

M2C 1 M2C 4 Knoten 1 P 1 P 4 I w1 I w4 V
M2C 1
M2C 4
Knoten 1
P 1
P 4
I w1
I w4
V d1
V d4
N 1
N 4
M2C 2
M2C 5
Knoten 2
P 2
P 5
I w2
I w5
V d2
V d5
N 2
N 5
M2C 3
M2C 6
P 3
P 6
I w3
I w6
V
V d3
d6
N
N 3
6
Abb. 1: Beispiel eines vermaschten HVDC-Netzes
i a1 i d P 0 SM SM SM SM SM SM L L L
i
a1
i
d
P
0
SM
SM
SM
SM
SM
SM
L
L
L
a
a
a
I
W1
V
d
L
L
L
a
a
a
SM
SM
SM
SM
SM
SM
N
0
Modular Multilevel Converter
AC-Netz
DC-Zwischenkreis
(ohneKondensatoren!)

Abb. 2: Modular Multilevel Converter

ISBN 978-3-8007-3550-1

© VDE VERLAG GMBH ∙ Berlin ∙ Offenbach

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onellen U-Umrichtern beinhalten sie zusätzliche, wichtige Eigenschaften, die für die Fehlerbeherrschung unerläss- lich sind [7]:

Kein DC-seitiger Glättungskondensator (keine stoßartigen Entladeströme, keine resonanten Ströme)

Möglichkeit zur elektronischen Strombegren- zung (bei Verwendung geeigneter Submodule)

Schnelle und unabhängige Regelung der AC- und DC-seitigen Spannungen und Ströme

Besonders die Möglichkeit der elektronischen Strombe- grenzung ist in einem großen HVDC-Netz sehr wichtig. Im Falle eines Fehlers im Netz, muss verhindert werden, dass auf die Fehlerstelle eingespeist wird und große Teile des DC-Netzes in Unterspannung geraten. Der fehlerhafte Zweig muss so schnell wie möglich vom DC-Netz ge- trennt werden. Mit DC-Leistungsschaltern an jedem Kno- tenpunkt des Netzes ist dies möglich. Ein Ausfall des ge- samten DC-Netzes und Folgestörungen in den ange- schlossenen AC-Netzen müssen in jedem Fall verhindert werden. Eine elektronische Strombegrenzung ist mit dem Modularen Multilevel Converter bei Einsatz geeigneter Submodule möglich [7]. Die Energieübertragung im rest- lichen Netz darf möglichst nur wenige Millisekunden ge- stört werden. Aus diesem Grund ist eine Kombination aus strombegrenzenden Umrichtern und DC-Leistungs- schaltern die beste Möglichkeit Fehler im DC-Netz sehr schnell und sicher zu beherrschen.

3 Submodul Topologien

Mit den bekannten Submodul-Topologien für den Modu- laren Multilevel Converter [1][7][8] sind die folgenden Konzepte für eine elektronische Strombegrenzung geeig- net:

Halbbrücken Submodul (HB) + elektronischer DC-Leistungsschalter

Vollbrücken Submodul (FB)

Clamp-Doppel-Submodul (CD)

Das Halbbrücken Submodul ermöglicht die geringsten Investitionskosten und die niedrigste Verlustleistung im Betrieb. Beide Punkte sind in der vorliegenden Anwen- dung von erheblicher Bedeutung. Im Gegensatz zu den „integrierten Versionen“ (FB, CD) besitzt es jedoch keine eigene Möglichkeit der elektronischen Strombegrenzung. Im Falle eines Fehlers müssten alle angeschlossenen AC- Leistungsschalter geöffnet werden, um ein Einspeisen auf die Fehlerstelle zu verhindern. Dieses Problem lässt sich nur durch einen DC-Leistungsschalter auf der Gleich- spannungsseite des Modularen Multilevel Converters lö- sen. Die zusätzlichen Kosten hierbei (zusätzliche Bau- elemente, zusätzliche mechanische Hochspannungskon- struktion, größere Grundfläche) müssen denen der „inte- grierten Versionen“ gegenübergestellt werden.

ISBN 978-3-8007-3550-1

X2

X1

X2

X1

T 1 D T 3 T 1 D 1 T 3 1 D 3 D
T 1
D
T 3
T 1
D
1
T 3
1
D
3
D 3
I a
+
+
V C
-
-
V C
C 0
C 0
D
D
T 2
T 4
T 2
2
T 4
D 4
2
D
4
Abb. 3a: Zwei Vollbrücken Submodule (FB) in Serie
i a
i a
D 6 T 1 D 1   + V C 1 - C 0 T
D 6 T 1 D 1   + V C 1 - C 0 T
D 6 T 1 D 1   + V C 1 - C 0 T

D 6

T 1

D

1

 

+

V C 1

-

C 0

T 2

D

2

R D 1 T D 5 5 D 7
R D 1
T
D
5
5
D
7

V C 2

R D 2

+

-

C

0

T 3

T 4

C 1 - C 0 T 2 D 2 R D 1 T D 5 5

D

D

3

4

D 2 + - C 0 T 3 T 4 D D 3 4 Abb. 3b:
D 2 + - C 0 T 3 T 4 D D 3 4 Abb. 3b:

Abb. 3b: Clamp-Doppel-Submodul (CD)

Die Möglichkeit Vollbrücken-Submodule (Abb. 3a) ein- zusetzen, ist seit langem bekannt und offensichtlich [9]. Sie wurde bereits an vielen Stellen zur Strombegrenzung vorgeschlagen [7][8]. Im Vergleich zum Halbbrücken Submodul verdoppeln sich die Durchlassverluste auf Grund der zusätzlichen Halbleiter im Hauptpfad. Unter Berücksichtigung der Schaltverluste erhöhen sich die Ge- samtverluste der Converter um einen typischen Faktor von 1,7 [10].

Eine weitere Submodul Topologie zur elektronischen Strombegrenzung ist das Clamp-Doppel-Submodul (Abb. 3b) [7][8]. Im Normalbetrieb entspricht es einer Serien- schaltung von zwei Halbbrücken-Submodulen. Im Ver- gleich zum Halbbrücken-Submodul erhöhen sich die Kos- ten für Halbleiter und Mechanik nur geringfügig und die Verlustleistung nur moderat (typischer Faktor von 1,3). Die erhöhten Verluste entstehen durch den zusätzlichen Halbleiter T5, welcher im normalen Betriebszustand im- mer leitend ist [10]. Nur im Fehlerfall, wenn eine Strom- begrenzung benötigt wird, wird dieser ausgeschaltet. Die Verluste können weiter minimiert werden indem für T5 ein auf geringe Durchlassverluste und hohe Schaltverluste optimierter Halbleiter eingesetzt wird.

Ein genauer Vergleich der Verluste der Submodul- Topologien muss verschiedene Parameter berücksichti- gen. Das Abzählen der benötigten IGBTs“ ergibt kein zutreffendes Ergebnis. Für aktuelle Leistungshalbleiter- bauelemente (IGBTs, MOSFETs, etc.) stellt am besten die benötigte Siliziumfläche ein aussagekräftiges Vergleichs- kriterium dar. Ein weiterer Parameter, welcher die Ver- lustleistung des Modularen Multilevel Converters beein- flusst, ist der DC-seitige Aussteuergrad b. Ein kleiner Wert entspricht einer hohen Anzahl an Submodulen pro Zweig bei einer vorgegebenen DC-Nennspannung. Dies führt zu einer ineffizienten Spannungsausnutzung des Submoduls und somit zu einem geringeren Beitrag des Submoduls zur übertragenen Wirkleistung.

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Verlustleistung [MW]

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Der DC-seitige Aussteuergrad b ist definiert als [11]:

b

U

d

2 nU

c

I a X2 VDR 1 T D T D T D 1 1 1 1
I
a
X2
VDR 1
T
D
T
D
T
D
1
1
1
1
3
3
+
V
C
-
VDR 2
C
0
T
D
T
D
T
D
2
2
2
2
4
4
X1
Abb. 5: Alternate Arm Multilevel Converter (A2MC)

Eine modifizierte Converter-Topologie,, welche in [12] vorgestellt wurde ist der „Alternate Arm Multilevel Converter“ (A2MC) (Abb. 5). Dieser basiert ebenfalls auf Vollbrücken-Submodulen, von denen jedoch ein be- stimmter Prozentsatz pro Zweig durch seriengeschaltete IGBTs - sogenannte „director switches“ - ersetzt wird. Im ausgeschalteten Zustand sollen diese IGBT einen Teil der positiven Zweigspannung aufnehmen. Zu diesem Zweck wird in [12] vorgeschlagen die Zweige periodisch mit der Netzfrequenz, ähnlich wie bei einem sechspulsigen Gleichrichter, abzuschalten. Diese Steuerungsmethode schränkt jedoch die Regelbarkeit des Umrichters ein und führt zudem zu hohen DC-seitigen Oberschwingungen. Im DC-Fehlerfall müssen die Vollbrücken-Submodule allein den Strom begrenzen, da die „director switches“ die erforderliche Polarität der Spannung nicht sperren kön- nen.

Die Abbildung 4 zeigt einen Vergleich der Durchlassver- luste zwischen den verschiedenen Submodul-Topologien. In diesem Vergleich wurden gleiche Siliziumflächen an- genommen und nur die Durchlassverluste untersucht. Die Schaltverluste sind für alle Topologien nahezu gleich und wurden deswegen vernachlässigt. Die Submodule wurden zwecks besseren Vergleichs generell als Doppel- Submodule gewählt. Ferner wurde angenommen, dass die benötigte Siliziumfläche des DC-Leistungsschalters für die Halbbrücken-Version ca. 2 Converter-Zweigen ent- spricht.

Der Vergleich basierend auf gleicher Siliziumfläche zeigt, dass Halbbrücken-Submodule mit zusätzlichem DC- Leistungsschalter die geringsten Verluste besitzen. Die zusätzlichen Kosten der Mechanik und der zusätzliche Platzbedarf für den DC-Leistungsschalter wurden hierbei nicht berücksichtigt. Auch führt die höhere Anzahl an be- nötigten IGBTs im Vergleich zum Clamp-Doppel- Submodul zu höheren Investitionskosten. Die Verluste des Vollbrücken-Submoduls können mit einem kleineren DC-seitigen Aussteuergrad - was einer höheren Anzahl von Submodulen pro Zweig entspricht - reduziert wer- den.

12

10

8

6

4

2

0

blau: n=100, b=0.4 rot: n=120, b=0.333
blau: n=100, b=0.4 rot: n=120, b=0.333
blau: n=100, b=0.4 rot: n=120, b=0.333
blau: n=100, b=0.4 rot: n=120, b=0.333
blau: n=100, b=0.4
rot: n=120, b=0.333
blau: n=100, b=0.4 rot: n=120, b=0.333
blau: n=100, b=0.4 rot: n=120, b=0.333
blau: n=100, b=0.4 rot: n=120, b=0.333

HB + DC-Breaker

FB

CDSM

Abb. 4: Vergleich der Halbleiterverluste von strombe- grenzenden Submodulen (Ud=400kV, Id=3kA, Uc=2.5kV)

Eine Erhöhung der Anzahl der seriengeschalteten Submo- dule pro Zweig um ca. den Faktor 1,2 (von n=100 (blau) auf n=120 (rot)) ist für Vollbrücken-Submodule i.a. güns- tig. Dadurch wird es möglich, die AC-Spannung zu erhö- hen und folglich den AC-Strom zu reduzieren (roter Bal- ken Abb. 4). Die Converterverluste sind dennoch weiter- hin höher als die der anderen Topologien, was letztend- lich ein erheblicher, kommerzieller Nachteil ist. Eine wei- tere Erhöhung der Vollbrücken-Submodule pro Zweig (über den Faktor 1,2 hinaus) ist i.a. bzgl. Kosten und Ver- lustleistung ungünstig.

Im Vergleich zu Halbbrücken- und Vollbrücken- Submodulen existieren für die IGBTs der „director swit- ches“ keine guten Methoden zum Überspannungsschutz

bei Netzstörungen. Aus diesem Grund sind diese nur un- genügend gegen energiereiche Überspannungspulse aus dem Netz schützbar und es müssen zusätzliche Varistoren eingesetzt werden. Auf Grund der unvorteilhaft weichen Begrenzerkennlinie von Varistoren (VDR) muss letztlich die Anzahl der seriengeschalteten IGBTs erhöht werden. Mindestens zwei IGBTs pro Vollbrücken-Submodul sind i.a. notwendig um die Sperrspannung eines Vollbrücken- Submoduls im Normalbetrieb ersetzen zu können. Diese Überdimensionierung der Serienschaltzahl führt zu erhöh- ten Durchlassverlusten und Kosten für die Halbleiter, so

dass die angestrebte Einsparung durch „Ersatz“ von Voll- brückenmodulen nicht erreicht wird. Ein weiterer

schwerwiegender Nachteil des „Alternate Arm Multilevel Converters“ liegt in der Tatsache, dass im Gegensatz zum M2C, nun wieder große DC-seitige Kondensatorbatterien benötigt werden.

Zusammengefasst sind die Verluste des Clamp-Doppel- Submoduls nur geringfügig höher als die des Halbbrü- cken-Submoduls mit nachgeschaltetem DC-Leistungs- schalter. Die zusätzlichen Investitionskosten und der Platzbedarf müssen hierbei den Verlusten gegenüberge- stellt werden. Des Weiteren besitzt das Clamp-Doppel- Submodul das höchste Potenzial für weitere Optimierungen bezüglich der Halbleiter.

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4 Neuartige Topologie eines hybri- den DC-Leistungsschalters

Hohe Verfügbarkeit der Energieversorgung ist in einem großen vermaschten HVDC Netz extrem wichtig. DC- Leistungsschalter stellen eine Schlüsselkomponente dar, die ein solches, vermaschtes Netz erst ermöglichen [13]. Im Fehlerfall (z.B. Leiter-Leiter-Fehler oder Leiter-Erde- Fehler) muss der fehlerhafte Zweig des DC-Netzes inner- halb weniger Millisekunden abgetrennt werden, um die Energieversorgung anderer Netzabschnitte weiter zu ge- währleisten. Weitere Anforderungen an die DC-Leistungsschalter sind:

Extrem hohe Zuverlässigkeit durch eine eigensi- chere und redundante Struktur

5facher

Hohe

Stoßstromfähigkeit

(über

3

bis

Nennstrom)

Freie

Skalierbarkeit

durch

modulare Struktur

eine

durchgehend

Gut definierte Überspannungsbegrenzung (etwa 1,5 DC-Nennspannung)

Besonders die hohe Stoßstromfähigkeit wird oft vernach- lässigt. Kurzzeitige Überströme in Teilen des DC-Netzes im Sekundenbereich und länger, dürfen nicht zur Ab- schaltung dieser Leitungen zwingen, da ein Zusammen- bruch der DC-Spannung zu hohen Folgestörungen im ge- samten Netz führen würde. Mit zunehmender Ausdeh- nung des vermaschten Netzes ist ein Komplettausfall des HVDC-Netzes vollkommen inakzeptabel. Zukünftig wird deshalb die Anzahl der DC-Leistungsschalter weitaus hö- her sein als die Zahl der Converter-Stationen. Aus diesem Grund müssen auch die folgenden kommerziellen Anfor- derungen hoch gewichtet werden:

Sehr geringe Durchlassverluste im Normalbe- trieb

Minimaler Platzbedarf und geringe Kosten pro DC-Leistungsschalter

Nur eine Kombination aus mechanischen und elektroni- schen Schaltern ist geeignet, die Fülle dieser anspruchs- vollen Anforderungen zu erfüllen [13]. Eine erst kürzlich vorgestellte Topologie basiert auf einer Kombination ei- ner hohen Anzahl seriengeschalteter IGBTs mit mechani- schen Hochspannungsschaltern [14]. Ein Nachteil dieses Konzeptes besteht darin, dass sich IGBTs im Hauptlei- tungspfad nicht vollständig vermeiden lassen. Dadurch entstehen unerwünschte Verluste im Normalbetrieb und die Stoßstromfähigkeit wird eingeschränkt. Die große Anzahl der benötigten IGBTs hat unerwünschte Auswir- kungen auf den Platzbedarf und die Kosten. Diese Kosten erhöhen sich weiter, wenn eine bidirektionale Abschaltfä- higkeit gefordert oder bipolare Leitungen verwendet wer- den. Letztendlich sind dieses jedoch typische Anforde- rungen in einem ausgedehnten HVDC-Netz.

Ein den Anforderungen gut angepasstes, neuartiges Kon- zept eines HVDC-Leistungsschalters zeigt die Abbildung

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6 (beispielhaft: monopolare Version). Dieses Konzept ermöglicht es seriengeschaltete IGBT sowie Halbleiter im Hauptpfad gänzlich zu vermeiden.

Die Topologie beinhaltet 3 Hauptkomponenten:

Hybride Schalteinheiten (HB) unter Verwendung von Vakuum-Schaltröhren

Dämpfungsglieder (DB)

Stromimpulsgenerator (PG) unter Verwendung eines Thyristor-Stacks

D HB D HB in out I in B I SW,out B in out V
D
HB
D
HB
in
out
I in
B
I SW,out
B
in
out
V
DB
PG
DB
PG

Abb. 6: Neuartiger DC-Leistungsschalter (monopolare Konfiguration)

D HB D HB in out B B in out DB PG DB DB PG
D
HB
D
HB
in
out
B
B
in
out
DB
PG
DB
DB
PG
DB
B
B
out
in
D
D
HB
HB
out
in

V

out

Abb. 7: Neuartiger DC-Leistungsschalter (bipolare Konfiguration)

Die hybriden Schalteinheiten (HB) bestehen aus schnell schaltenden Vakuum-Schaltröhren, um Durchlassverluste im Normalbetrieb zu vermeiden. Schnelle Abschaltfähig- keit und eine redundante Struktur wird u.a. durch den Einsatz von bewährten Vakuum-Schaltröhren aus dem

Die

Dämpfungsglieder (DB) begrenzen negative Überspan- nungen und nehmen die überschüssige Energie in den Leitungen nach der Trennung auf. Der Stromimpulsgene- rator (PG) verwendet einen Thyristor-Stack, der sich schaltungstechnisch nicht im Hauptpfad befindet. Haupt- grund für den Einsatz von Thyristoren ist ihre robuste Bauart, die hohe Stoßstromfähigkeit und die extrem zu- verlässige Steuerelektronik. Der Thyristor-Stack erzeugt einen unipolaren Pulsstrom, welcher zur Löschung des Stromes in den Vakuum-Schaltröhren führt. Zusätzlich sorgt der Kondensator in Kombination mit den Varistoren

Mittelspannungsbereich (30

50kV)

ermöglicht.

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des Pulsgenerators für eine zentrale Überspannungsbe- grenzung der DC-Netzspannungen.

Der neuartige DC-Leistungsschalter kann sehr einfach für bipolare Netze erweitert werden (siehe Abb. 7). Lediglich ein zweites Paar hybrider Schalteinheiten (HB) wird für die zusätzliche Leitung benötigt. Sowohl der Stromim- pulsgenerator (PG) als auch die Dämpfungsglieder kön- nen zudem für eine Erdverbindung „angezapft“ werden. Dadurch ist zusätzlich eine Begrenzung der DC- Spannungen gegen Erde möglich.

Die nachstehende Abbildung 8 zeigt den neuartigen DC- Leistungsschalter im Detail. Im Normalbetrieb sind die zwei hybriden Schalteinheiten (HB) immer eingeschaltet. Dadurch fließt der Strom im Einschaltzustand ohne Halbleiterverluste nahezu verlustlos.

D HB D HB in out I I I L in B B L SW,out
D
HB
D
HB
in
out
I
I
I
L
in
B
B
L
SW,out
out
in
in
out
out
D
D
PG
Left
D
Right
U
1
R
PG
V
V
V
in
PG
out
VDR PG
L
PG
C
PG
T
VDR Left
PG
VDR Right
DB
PG
DB
HVDC Leistungsschalter

Abb. 8: Topologie eines neuartigen hybriden DC- Leistungsschalters

Der Stromimpulsgenerator setzt einen Thyristor-Stack ein. Der Kondensator ( CPG) ist ständig auf die höchste DC-Spannung geladen. Zusammen mit den Varistoren VDR PG begrenzt der Kondensator positive Überspannun- gen auf jeder Seite der Leitung. Die Diode D PG gewähr- leistet einen unipolaren Stromimpuls und verhindert eine Entladung des Kondensators CPG bei externen Fehlern. Alle Komponenten sind durch beliebige Serienschaltung skalierbar und durch Kaskadierung von modularen Ein- heiten erweiterbar.

Die Simulationsergebnisse eines Leiter-Erde-Fehlers am Ausgang des DC-Schalters zeigen die Abbildungen 9 und

10.

20 Eingangsstrom I in Schalterstrom am Ausgang I SW,Out 15 10 5 0 -5 -10
20
Eingangsstrom I in
Schalterstrom am Ausgang I SW,Out
15
10
5
0
-5
-10
0
1
2
3
4
5
6
Strom [kA]

Zeit [ms]

Abb. 9: Ströme des neuen DC-Leistungsschalters

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600 Pulsgenerator Spannung V PG Ausgangsspannung V Out 500 400 300 200 100 0 -100
600
Pulsgenerator Spannung V PG
Ausgangsspannung V Out
500
400
300
200
100
0
-100
0
1
2
3
4
5
6
Spannung [kV]

Zeit [ms]

Fig.10: Spannungen des neuen DC-Leistungsschalters

Im Fehlerfall (bei t=0ms) steigt der Eingangsstrom ( I in ) auf Grund der Netzimpedanzen näherungsweise linear an. Sobald der Fehler festgestellt wurde, erhält der DC-

Leistungsschalter einen Ausschalt-Befehl. Die Vakuum-

Schaltröhren in den hybriden Schalteinheiten (HB) erhal-

ten den Befehl zum Öffnen. Sobald die Kontakte so weit

geöffnet sind, dass sie die wiederkehrende Spannung auf-

nehmen könnten, wird der Stromimpulsgenerator durch den Thyristors TPG (hier: bei 0,5ms) getriggert. Dies führt zu einem hohen Impulsstrom welcher durch beide Dämp- fungsglieder fließt und den Strom in den Vakuum- Schaltröhren löscht. Dieser gesamte Vorgang dauert nur ca. 0,1ms. Diese Verzugszeit ist maßgebend für die er- reichbare Geschwindigkeit der Netztrennung. Nach der Trennung des fehlerhaften Zweiges wird die überschüssi- ge Energie in der Eingangs- ( Lin ) bzw. Ausgangsleitung ( Lout ) von Varistoren absorbiert. Um ein schnelles Abklin- gen der Fehlerströme zu garantieren, können geeignete Varistoren oder lineare Widerstände in den Dämpfungs- gliedern ( DB ) eingesetzt werden. Im hier gezeigten Bei- spiel klingt der Strom innerhalb von 5ms ab. Diese Zeit- spanne hängt hauptsächlich von der Länge der Leitungen ab. Der DC-Leistungsschalter kann so ausgelegt werden, dass alle DC-Fehler beherrscht werden können - auch Kurzschlüsse nahe dem Schalter selbst. Der maximal löschbare Fehlerstrom lässt sich durch Bemessung der Kapazität CPG einstellen. Für zukünftige Energieübertra- gungen wird i.a. ein maximaler Wert von ca. 15kA ange- strebt. Ebenso kann der DC-Leistungsschalter auf Grund

seiner modularen Struktur problemlos auf höhere Span-

nungen (U>800kV) erweitert werden.

Der Kondensator CPG lädt sich nach der Fehlerbehebung

direkt wieder auf die DC-Netzspannung auf. Somit ist der

Netzbetrieb in kürzester Zeit wieder möglich. Für Kurz-

unterbrechungen ist dies ein wichtiger Vorteil.

5

Zusammenfassung

Schnelle und zuverlässige Fehlerbehebung stellt eine wichtige Anforderung an ein großes vermaschtes HVDC-

Netz dar. Es wurde gezeigt, dass der Modulare Multilevel Converter mit entsprechenden strombegrenzenden Sub- modulen sehr gut für diese neuartigen Anforderungen ge- eignet ist. Insbesondere das Clamp- Doppel-Submodul

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bietet einen guten Kompromiss aus elektronischer Strom- begrenzung und geringen Verlusten. Um einen fehlerhaf- ten Zweig in einem vermaschten HVDC-Netz abzutren- nen werden DC-Leistungsschalter benötigt. Der hier vor- gestellte DC-Leistungsschalter besticht durch seine robus- te Bauweise, Skalierbarkeit und kurze Schaltzeiten. Zu- sammenfassend ermöglicht eine Kombination aus Modu- laren Multilevel Converter und hybriden DC-Leistungs- schaltern eine sichere Fehlerbeherrschung und extrem ho- he Verfügbarkeit in großen vermaschten HVDC-Netzen.

6

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H.-P.: “Prospects and challenges of Future HVDC SuperGrids with Modular Multilevel Converters” EPE 2011, Birmingham [2] Dorn J., Huang H., Retzmann D.: “Novel Voltage

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