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BUNDESVERWALTUNGSGERICHT BVerwG 1 B 25.11 OVG 13 LC 86/11 BESCHLUSS In der Verwaltungsstreitsache

BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

BVerwG 1 B 25.11 OVG 13 LC 86/11

BESCHLUSS

In der Verwaltungsstreitsache

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hat der 1. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 23. Dezember 2011 durch die Präsidentin des Bundesverwaltungsgerichts Eckertz-Höfer, den Richter am Bundesverwaltungsgericht Prof. Dr. Dörig und die Richterin am Bundesverwaltungsgericht Fricke

beschlossen:

Die Beschwerde der Klägerin gegen den Beschluss des Niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts vom 27. Juli 2011 wird zurückgewiesen.

Die Klägerin trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens.

Der Wert des Streitgegenstands wird für das Beschwerde- verfahren auf 5 000 € festgesetzt.

G r ü n d e :

1 Die Klägerin begehrt die Erteilung eines Reiseausweises für Flüchtlinge. Nach

Bewilligung von Prozesskostenhilfe und Beiordnung eines Rechtsanwalts für

das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht hat ihr Prozessbevollmäch-

tigter beim Berufungsgericht Beschwerde eingelegt, diese begründet und zu-

gleich Wiedereinsetzung in den vorigen Stand beantragt.

2 1. Der Klägerin ist nach § 60 VwGO Wiedereinsetzung in den vorigen Stand

wegen Versäumung der Fristen für die Einlegung und die Begründung der

Nichtzulassungsbeschwerde (§ 133 Abs. 2 und 3 VwGO) zu gewähren. Die Klä-

gerin war ohne Verschulden verhindert, die gesetzlichen Fristen einzuhalten,

die mit der Zustellung des angefochtenen Beschlusses in Lauf gesetzt wurden.

Ein mittelloser Rechtsmittelführer, der - wie die Klägerin - innerhalb der

Rechtsmittelfrist die Gewährung von Prozesskostenhilfe und Beiordnung eines

Rechtsanwalts beantragt, ist bis zur Entscheidung über den Antrag grundsätz-

lich ohne seine Verschulden an der Einlegung des Rechtsmittels verhindert.

Nachdem der Klägerin vom Senat für das Verfahren vor dem Bundesverwal-

tungsgericht Prozesskostenhilfe bewilligt und ein Rechtsanwalt beigeordnet

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wurde, hat sie den Anforderungen des § 60 Abs. 2 VwGO entsprechend Wie- dereinsetzung beantragt und das versäumte Rechtsmittel nachgeholt und be- gründet.

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2.

Die auf eine grundsätzliche Bedeutung der Rechtssache (§ 132 Abs. 2 Nr. 1

VwGO) und das Vorliegen eines Verfahrensmangels (§ 132 Abs. 2 Nr. 3 VwGO) gestützte Beschwerde hat keinen Erfolg.

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2.1 Der geltend gemachte Verfahrensmangel liegt nicht vor. Die Beschwerde rügt zu Unrecht, das Berufungsgericht habe die Berufung unter Verstoß gegen § 60 VwGO verworfen. Zur Begründung macht sie geltend, mangels förmlicher Zustellung des Beschlusses über die Bewilligung von Prozesskostenhilfe für das Berufungsverfahren an den Prozessbevollmächtigten der Klägerin habe die Frist für die Einlegung der Berufung und die Stellung eines Wiedereinsetzungs- antrags nicht zu laufen begonnen. Mithin habe sie innerhalb der Frist des § 60 Abs. 2 VwGO Berufung eingelegt und hätte ihr auch im Berufungsverfahren Wiedereinsetzung gewährt werden müssen.

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Die Klägerin hat gegen das - ihrem früheren Prozessbevollmächtigten am

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März 2011 zugestellte - Urteil des Verwaltungsgerichts nicht innerhalb der

einmonatigen Frist des § 124a Abs. 2 VwGO die vom Verwaltungsgericht zuge- lassene Berufung eingelegt, sondern zunächst persönlich einen Antrag auf Ge- währung von Prozesskostenhilfe und Beiordnung eines Rechtsanwalts für das Berufungsverfahren gestellt. Mit Beschluss vom 4. Mai 2011, der ausweislich der Akten am 9. Mai 2011 an die Klägerin abgesandt wurde, hat das Beru- fungsgericht diesen Anträgen stattgegeben. Der Prozessbevollmächtigte der Klägerin hat aber erst mit Schriftsatz vom 11. Juli 2011 Wiedereinsetzung in den vorigen Stand beantragt und Berufung eingelegt.

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Zu Recht ist das Berufungsgericht davon ausgegangen, dass die Vorausset- zungen für eine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand wegen Versäumung der Frist zur Einlegung der Berufung nicht vorliegen. Die Klägerin war wegen ihrer Mittellosigkeit zwar ohne Verschulden an der rechtzeitigen Einlegung die- ses Rechtsmittels verhindert. Dieses Hindernis ist mit Bewilligung von Prozess-

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kostenhilfe und Beiordnung des von der Klägerin benannten Rechtsanwalts im Beschluss des Berufungsgerichts vom 4. Mai 2011 aber entfallen. Hierdurch wurde die Klägerin in die Lage versetzt, einen Prozessbevollmächtigen mit der Wahrnehmung ihrer Interessen zu beauftragten und Berufung einzulegen. Nachdem der beigeordnete Rechtsanwalt mit Schriftsatz vom 11. Mai 2011 un- ter Bezugnahme auf die bewilligte Prozesskostenhilfe um Akteneinsicht gebe- ten hat, ist davon auszugehen, dass sowohl die Klägerin als auch ihr Prozess- bevollmächtigter spätestens ab diesem Tag Kenntnis vom Wegfall des Hinder- nisses hatten. Die Frist, innerhalb derer ein Wiedereinsetzungsgesuch wegen der Versäumung der Frist zur Einlegung der Berufung gemäß § 60 Abs. 2 VwGO zulässig und die versäumte Rechtshandlung nachzuholen war, lief damit spätestens am 25. Mai 2011 ab. Entgegen der Auffassung der Beschwerde hin- dert der Umstand, dass das Berufungsgericht den Beschluss vom 4. Mai 2011 dem beigeordneten Rechtsanwalt weder förmlich zugestellt noch übersandt hat, den Beginn des Laufs der 2-Wochen-Frist nach § 60 Abs. 2 VwGO schon des- halb nicht, da diese Frist allein an den tatsächlichen Wegfall des Hindernisses anknüpft und nicht durch die gesetzlich vorgeschriebene Bekanntgabe einer Entscheidung in Lauf gesetzt wird (vgl. Beschluss vom 12. Juni 1997 - BVerwG 3 C 43.96 - Buchholz 310 § 60 VwGO Nr. 211). Etwas anderes ergibt sich auch nicht aus der von der Beschwerde zitierten Entscheidung des Bundessozialge- richts vom 19. Mai 1983 (- 1 BJ 72/83 - MDR 1983, 877), die sich lediglich mit der Frage befasst, welcher Zeitpunkt für den Beginn der Wiedereinsetzungsfrist maßgeblich ist, wenn der Prozesskostenhilfebeschluss sowohl dem Beteiligten persönlich als auch dem beigeordneten Rechtsanwalt zugestellt wurde. Bedurf- te es keiner förmlichen Zustellung, kommt es vorliegend auch nicht darauf an, ob die Voraussetzungen für die Heilung eines Zustellungsmangels vorliegen.

7 Die Voraussetzungen für eine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand wegen Versäumung des Frist des § 60 Abs. 2 VwGO liegen ebenfalls nicht vor. Die Klägerin hat keine Tatsachen für eine unverschuldete Fristversäumnis dargelegt und glaubhaft gemacht (§ 60 Abs. 1, Abs. 2 Satz 2 VwGO). Verschuldet im Sin- ne des § 60 Abs. 1 VwGO ist eine Fristversäumung grundsätzlich dann, wenn der Beteiligte diejenige Sorgfalt außer Acht lässt, die für einen gewissenhaften und seine Rechte und Pflichten sachgemäß wahrnehmenden Prozessführen-

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den geboten ist und die ihm nach den gesamten Umständen des konkreten Fal- les zuzumuten war (vgl. Urteil vom 8. März 1983 - BVerwG 1 C 34.80 - Buchholz 310 § 60 VwGO Nr. 129 m.w.N.). Dabei muss er sich auch ein Ver- schulden seines Prozessbevollmächtigten zurechnen lassen (§ 173 VwGO i.V.m. § 85 Abs. 2 ZPO). Selbst wenn man unterstellt, dass die Klägerin zu- nächst unverschuldet an der Einhaltung der Wiedereinsetzungsfrist des § 60 Abs. 2 VwGO verhindert war, hätte sich ihr Prozessbevollmächtigter nach Übernahme des Mandats für das Berufungsverfahren umgehend durch geeig- nete Schritte Klarheit über den Stand des Verfahrens verschaffen und einen Wiedereinsetzungsantrag stellen müssen. Mit Schriftsatz vom 11. Mai 2011 hat er zwar Akteneinsicht beantragt, die an ihn am 15. Juni 2011 abgesandten Ak- ten mit Schriftsatz vom 20. Juni 2011 aber kommentarlos wieder zurückge- schickt und erst mit Schriftsatz vom 11. Juli 2011 - und damit in jedem Fall nach Ablauf der Frist für einen Antrag auf Wiedereinsetzung wegen Versäumung der Wiedereinsetzungsfrist - einen Wiedereinsetzungsantrag gestellt und Berufung eingelegt. Dieses anwaltliche Verschulden ist der Klägerin zuzurechnen.

8 2.2 Soweit die Beschwerde hinsichtlich der im Verfahren vor dem Verwaltungs- gericht entscheidungserheblichen Frage, ob jüdische Zuwanderer aus der ehe- maligen Sowjetunion, die entsprechend § 1 Abs. 1 HumHAG aufgenommen wurden, einen Anspruch auf Erteilung eines Reiseausweises für Flüchtlinge haben, eine grundsätzliche Bedeutung der Rechtssache geltend macht, recht- fertigt dies eine Zulassung der Revision schon deshalb nicht, da diese Frage in einem Revisionsverfahren nicht entscheidungserheblich wäre, nachdem die Klägerin - wie oben dargelegt - gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts nicht rechtzeitig Berufung eingelegt hat.

9 Die Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 2 VwGO. Die Streitwertfestset- zung folgt aus § 47 Abs. 3 i.V.m. § 52 Abs. 2 GKG.

Eckertz-Höfer

Prof. Dr. Dörig

Fricke