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DIE ZUKUNFT DER FDP

„Wir sind weiter im Spiel“
Das Wahlergebnis war bitter. Doch es wies den Weg zum Neuanfang. Für den steht Christian Lindner. Ein Gespräch über das Umdenken.

DIE KRISE ALS CHANCE
Alles neu bei der FDP? Nicht ganz, sagt Christian Lindner: Die Werte sind unverändert, aber über Schwerpunkte und Auftreten muss man nachdenken und die liberale Partei von einem nach wie vor starken Fundament neu aufbauen. Gegen mehr Gleichheit und Umverteilung und weniger Freiheit, Dynamik und Vielfalt hilft nur eine FDP als Bürgerbewegung, die auf Maß und Mitte achtet und ihre Werte nachvollziehbar auf die Probleme der Zeit anwendet. Wie, erläutert er in diesem Interview.

// INTERVIEW // KIRSTIN HÄRTIG // FOTOS // TINA MERKAU

Herr Lindner, gibt es die FDP noch? (lacht) Wir sind ganz lebendig. Mit fast 60.000 Mitgliedern und Tausenden Engagierten vor Ort. Über hundert liberale Abgeordnete in Landtagen und in Europa setzen sich für Bürgerrechte und wirtschaftliche Vernunft ein. Unverändert haben siebzig Prozent der Deutschen einen unmittelbaren parlamentarischen Ansprechpartner der FDP. Wir sind vorübergehend aus dem Deutschen Bundestag ausgeschieden, aber wir sind weiter im Spiel. Dennoch war die Bundestagswahl eine historische Zäsur. Zum ersten Mal gibt es keine liberale Partei im Parlament. Wo steht die außerparlamentarische FDP nach der Bundestagswahl? Seit der Wahl sind 1.500 Menschen in die FDP eingetreten. Die Wählerinnen und Wähler haben einen Neuanfang der FDP erzwungen. Das ist mit vielen politischen und menschlichen Härten verbunden. Aber wir gehen diesen Weg und suchen die Gründe nicht außerhalb oder bei anderen. Die Niederlage verpflichtet uns, zur Besinnung zu kommen und die liberale Partei von einem unverändert starken Fundament aus neu aufzubauen. Muss die FDP sich ganz neu erfinden? Die FDP sollte nicht gänzlich anders werden, aber wir müssen neu über Schwerpunkte und die Art unseres Auftretens nachdenken. Was ist die liberale DNA? Wir sind die Partei der Lebenslaufhoheit: Jeder soll Autor der eigenen Biografie und Experte für sein eigenes Leben

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sein. Den anderen Parteien geht es dagegen um ein kollektives „Wir“, das alles entscheidet. Die FDP stärkt dem Einzelnen den Rücken gegen Meinungsmainstream, gegen die Bürokratisierung seines Lebens durch die Politik oder gegen die Übermacht internationaler Konzerne. Wir wollen staatliche Freiheitseinschränkungen und private Marktmacht gleichermaßen begrenzen. Wohin führt das? Zu einer Gesellschaft der Einzelkämpfer? Nein. Freiheit und Verantwortung gehören zusammen. Wer von Freiheit spricht, darf nicht von Chancengerechtigkeit schweigen. Wir wollen den einzelnen Menschen stärken, damit jeder emanzipiert seine Möglichkeiten nutzen kann. Beispielsweise durch eine ideologiefreie Bildungspolitik, die wirkliche Aufstiegschancen unabhängig von der sozialen Herkunft eröffnet. Und was folgt aus diesem grundlegenden Anspruch für die Positionierung der FDP?

Ich will, dass wir weiter für Marktwirtschaft, Rechtsstaat und Bürgerdemokratie eintreten, selbst wenn es unbequem ist. Denn das sind die Freiheitsordnungen der Liberalen. Sie schützen individuelle Freiheit und zeigen ihr zugleich Grenzen auf. Sie garantieren, dass der Einzelne in der Gemeinschaft Verantwortung übernehmen kann, Verantwortung für sich selbst, für die Familie und für die Gesellschaft. Die FDP sollte sich unverändert zu den grundlegenden bürgerlichen Werten bekennen, die mir mitunter zu kurz kommen: Eigenverantwortung, Leistungsbereitschaft, Innovationsfreude, Toleranz, Anstand und Respekt vor dem Eigentum anderer. Das Ausscheiden der FDP aus dem Deutschen Bundestag wollen aber nun andere nutzen, um ihren Platz einzunehmen. SPD-Chef Sigmar Gabriel will seine Partei „sozial und liberal“ positionieren. Cem Özdemir reklamiert den Liberalismus für die Grünen. Auch aus der Union gibt es solche Stimmen ...

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... die alle belegen, dass es offensichtlich doch ein liberales Milieu in Deutschland gibt. Und dass die Positionierung der FDP als Partei wirtschaftlicher Vernunft und gesellschaftspolitischer Liberalität attraktiv ist. Ist es aber glaubwürdig, wenn jene Parteien, die gerade noch das Leben bürokratisieren wollten, die die Menschen in ihrer Privatsphäre überwachen oder ihnen die finanziellen Spielräume nehmen wollten, nun plötzlich von Freiheit sprechen? Für die ist Liberalsein nur eine Marktlücke, für uns hingegen eine Haltung. Man könnte aber auch umgekehrt sagen, es brauche jetzt keine liberale Partei mehr, denn alle Parteien seien ja irgendwie liberal. Das klingt eher nach Beliebigkeit als nach Liberalismus. Die Debatten der letzten Zeit und die Vorhaben der

Großen Koalition belegen doch genau das Gegenteil – vom Griff in die Sozialkassen, der Verriegelung des Arbeitsmarktes über die planwirtschaftliche Energiepolitik bis zur Vorratsdatenspeicherung. Die anderen Parteien wollen die Beweislast umkehren: Nicht diejenigen sollen sich rechtfertigen, die unsere Freiheit einschränken, sondern derjenige, der weiter auf die Mündigkeit der Menschen vertraut. Alles läuft auf mehr Gleichheit und mehr Umverteilung und auf weniger Freiheit, Dynamik und Vielfalt hinaus. Umso mehr braucht es die FDP, die auf Maß und Mitte achtet. Wie werden Sie sich dann zur voraussichtlichen Großen Koalition positionieren? Die FDP ist jetzt die eigentliche Opposition. Nur die Liberalen haben ein grundlegend anderes Politikverständnis als die Große Koalition. Als Partei haben wir Fehler gemacht, unsere Bilanz als Teil der letzten Regierung ist dennoch beachtlich. Die Union hat sich nun aber widerstandslos und in einem enormen Tempo von den Prinzipien der christlich-liberalen Regierung verabschiedet, sodass sich die Wählerinnen und Wähler der CDU/ CSU die Augen reiben müssten. In den Debatten im Deutschen Bundestag wird die Große Koalition von der links-grünen Opposition künftig dafür angegriffen werden, dass sie zwar mehr Staat, aber immer noch nicht genug Staat, zwar mehr Ausgaben, aber immer noch nicht genug Ausgaben, zwar mehr Bürokratie, aber immer noch nicht genug Bürokratie beschlossen hat. Was ist Ihr Gegenmodell? Wir setzen auf einen soliden und gegenüber kommenden Generationen gerechten Staat, der sich aus den Ketten der Verschuldung befreit. Dazu werden wir neue Vorschläge zu erarbeiten haben, wie wir den Staat in seinen Kernaufgaben handlungsfähig halten, seine Strukturen angesichts des demografischen Wandels aber modernisieren. Wir setzen auf die Kraft und die Fähigkeit der Marktwirtschaft, sichere Arbeitsplätze zu schaffen und Wohlstand zu erwirtschaften. Auch hier muss mit Blick auf neue Technologien und den sich abzeichnenden Fachkräftemangel konzeptionell neu gedacht werden. Wir setzen auf den Rechtsstaat, der seinen Souverän, die Bürgerinnen und Bürger, nicht ausspioniert, sondern vor kommerziellen Datensammlern und Kriminalität schützt. Wir wollen ein Europa, das große Chancen für uns bietet, wenn wir es in der jetzigen Krise marktwirtschaftlicher, demokratischer und bürgernäher gestalten.

Es soll wieder aufwärtsgehen: Christian Lindner im Gespräch mit Kirstin Härtig, Leiterin Presse und Kommunikation bei der FriedrichNaumann-Stiftung für die Freiheit. Wegen Lindners Faible für Automobile trafen sie sich in der Classic-Remise Berlin, einem Zentrum für Oldtimer und Liebhaberfahrzeuge.

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„Wenn wir unsere Werte nachvollziehbar auf die Probleme der Zeit anwenden, dann wird die FDP besser als zuvor.“
Apropos Europa: Ist die AfD ein dauerhafter und ernsthafter Konkurrent der FDP? Manche dort sehen sich schon als „Nachfolgerin“ der FDP. Diese sogenannte Alternative versucht mit ProfessorenTiteln politische Bauernfängerei. Liberale sind das nicht, wenn Protagonisten dieser Partei in der Familienpolitik Anleihen bei Putin und in der Außenpolitik bei Bismarck suchen. Vor allem ihre ökonomischen Konzepte für den Euro-Raum sind veraltet und wären im Fall einer Umsetzung extrem teuer und politisch hochriskant. Manche Kritiker denken da anders, sie sehen vielmehr die Euro-Politik der vergangenen Jahre als Ursache für die anhaltende Krise. Das Gegenteil ist der Fall. Wir haben stets die stabilitätsorientierte Strategie verfolgt, Hilfe an überschuldete Länder nur unter der Bedingung zu geben, dass diese Staaten unverzüglich Reformen einleiten. Tatsächlich sind erste Erfolge jetzt sichtbar. Es wäre töricht, nun aus ideologischen Gründen neue Turbulenzen auszulösen. Fraglich ist allerdings, ob die Große Koalition an dieser Strategie festhält. Insbesondere bei der geplanten Bankenunion bin ich in Sorge: Banken erhalten von der Zentralbank billiges Geld. Damit decken sie sich risikolos mit Staatsanleihen ein. Das reduziert den Reformdruck auf die Euro-Staaten. Und am Ende zahlt für die Abwicklung maroder Banken aus Südeuropa der deutsche Sparer. Das wäre die völlig unkontrollierbare Transferunion durch die Hintertür. Was wäre Ihre Alternative? Die finanzpolitische Eigenverantwortung der Euro-Staaten muss wiederhergestellt werden. Rettungsoperationen können nur Ausnahmecharakter haben. Handeln und Haften gehören zusammen – in der Privatwirtschaft und bei den Staatsfinanzen. Für den nationalen Bankensektor muss der jeweilige Staat verantwortlich bleiben – bei gemeinsamen europäischen Regeln. Ganz generell ist es die ordnungspolitische Schlüsselaufgabe, den renditeorientierten privaten Finanzsektor und die kreditsüchtigen Staaten voneinander zu trennen. Beide sind

gegenwärtig so verwachsen, dass man kaum mehr von Marktwirtschaft sprechen kann. Übrigens sehe ich eine vergleichbare Aufgabe im Bereich der bürgerlichen Freiheitsrechte. Inwiefern? Die Enthüllungen zur Tätigkeit der NSA in Deutschland zeigen, dass auch im 21. Jahrhundert und auch in Demokratien die Privatsphäre nicht unantastbar ist. Im Gegenteil, das potenzielle Zusammenwirken von Nachrichtendiensten und den kommerziellen Datensammlern im Internet erlaubt eine lückenlose Überwachung und die Anlage detaillierter Persönlichkeitsprofile. Mich irritiert mitunter die Sorglosigkeit gegenüber dieser Gefahr. Privatheit ist eines der grundlegenden Bürgerrechte. Nur in totalitären Gesellschaften fallen das Private und das Öffentliche zusammen. Liberale Aufgabe ist es, einerseits Big Brother, also den Staat, auf das rechtsstaatlich Vertretbare zu beschränken. Andererseits Big Data, also die private Datensammlung, rechtsstaatlich zu

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regeln. So wie systemrelevante Banken eine Aufsicht benötigen, so halte ich auch eine Aufsicht über systemrelevante Datenbanken für erforderlich. Dieser Frage muss die FDP sich detaillierter und fundierter widmen. Weil wir eben über Europa gesprochen haben: Hier wäre eine europäische Initiative angezeigt. Eine andere Sorge der Menschen ist die Energiewende. Sie wurde in der Regierung von der FDP

mitgetragen. Die Kritik an der konkreten Umsetzung wächst aber weiter. Wird die FDP nun, ohne die Bürde der Regierungspartei, diese Kritik aufnehmen? Wir haben auch als Regierungspartei einen marktwirtschaftlichen Neustart in der Energiepolitik gefordert und entsprechende Konzepte entwickelt. Die Blockade von Bundestag und Bundesrat – also jener, die heute gemeinsam regieren – hat eine grundlegende Neuorientierung zum Schaden der Bürger und der Umwelt verhindert. Wie sehen die Konzepte der FDP denn aus? Die Subvention der Erneuerbaren dient zunehmend mehr ihren Investoren als der Ökologie, der Vorrang ihrer Einspeisung macht die stabilen Energieträger unrentabel und destabilisiert die Netze. Ein neues Marktmodell für die Energiepolitik muss die Energieträger in den Wettbewerb stellen. Der Einspeisevorrang muss mindestens regional ausgesetzt werden können. Das Tempo des Ausbaus muss an das physikalisch Mögliche und wirtschaftlich Tragfähige angepasst werden. Und vor allem empfehle ich, die Energiepolitik europäisch zu denken. Es ist verantwortungslos, dass die Große Koalition dagegen nur an Symptomen herumdoktern will. Und wie sieht es mit der innerparteilichen Demokratie aus? Wird die FDP in der neuen Lage zur „Graswurzelbewegung“? Zu einer Bürgerbewegung, ja. Wir glauben an die Mündigkeit der Bürgerinnen und Bürger, also sollten wir sie in unserer Demokratie mehr entscheiden lassen. Anfangen will ich bei den Mitwirkungs- und Mitentscheidungsmöglichkeiten innerhalb der FDP. Bei unserem kleinen Parteitag in Nordrhein-Westfalen hatten zuletzt beispielsweise nicht nur die Delegierten Rederecht, sondern alle anwesenden Mitglieder. Das ist sicherlich nur ein Anfang, da ist noch mehr möglich. Vor Ihnen liegen vier Jahre in der außerparlamentarischen Opposition. Wie optimistisch sind Sie, dass die FDP danach wieder ins Parlament zurückkehrt? Die kommenden Jahre werden nicht einfach sein. Es wird Widerstände, Rückschläge und kontroverse Debatten geben. Wenn wir uns aber gemeinsam erneuern, wenn wir einen neuen Mannschaftsgeist entwickeln, wenn wir unsere Werte nachvollziehbar auf die Probleme der Zeit anwenden, dann wird die FDP in den Deutschen Bundestag zurückkehren. ●

ZUR PERSON Christian Lindner, geboren 1979, studierte Politikwissenschaft, Öffentliches Recht und Philosophie in Bonn. Selbstständiger Unternehmer von 1997 bis 2004. Landtagsabgeordneter in NRW von 2000 bis 2009 sowie seit 2012. Bundestagsabgeordneter von 2009 bis 2012. Generalsekretär des Landesverbandes von 2004 bis 2010 sowie des Bundesverbandes von 2009 bis 2011. Seit 2012 Vorsitzender von Landtagsfraktion und Landesverband der FDP in NRW.

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