You are on page 1of 16

1.2014 www.libmag.

de 7,90 EURO

D E B AT T E N Z U R F R E I H E I T

Leseprobe

S C H W E R P U N K T : Q U O VA D I S F D P ?

KRISE ALS CHANCE
INTERVIEW MIT CHRISTIAN LINDNER VINCE EBERT, RAINER HANK, LUDWIG THEODOR HEUSS, HENNING KRUMREY, HARALD MARTENSTEIN, MATTHIAS MATUSSEK, ALFRED NEVEN DUMONT, ULF POSCHARDT, WOLFRAM WEIMER

STA N DA R DS
5 EDITORIAL 6 INHALT 22 #LIBERALMAGAZIN 37 BÜCHER 38 MIERSCHS MYTHENLESE Sind die Grünen eine linke Partei? 43 IMPRESSUM 52 ZENTRALMOTIV Regierungsbunker 54 WUTPROBE Staatsunternehmen auf Steroiden 55  AUTOREN DER FREIHEIT Harald Martenstein 67 STEUERVERSENKUNG DES QUARTALS 87 FREIDENKER Kreuzworträtsel 92 LAGEBERICHT Zeitzonen 98 ZITATE DER FREIHEIT Matthias Matussek

SCHWERPUNKT

Die DNA des Liberalismus
Erstmals in der Geschichte des Bundestages zählt die FDP zur außerparlamentarischen Opposition. Indes erlebte die Partei in den Tagen nach der Abwahl eine kleine Eintrittswelle. Quo vadis, FDP? Einige der wichtigsten deutschsprachigen Journalisten formulieren im Schwerpunkt ihre ­ Zukunftsvisionen für die liberale Partei – und Christian Lindner definiert im Interview die „liberale DNA“.

8 „WIR SIND GANZ LEBENDIG“
Geht es nach den im Bundestag verbliebenen Parteien, steuern wir auf eine Gesellschaft mit weniger Freiheit, Dynamik und Vielfalt zu. Umso mehr braucht es eine liberale Kraft, die auf Maß und Mitte achtet, meint Christian Lindner. Von der FDP ­ fordert der neue Vorsitzende, gründlich über ihre politischen Schwerpunkte und die Art ihres Auftretens nachzudenken.
VON KIRSTIN HÄRTIG

13 „FDP – WAS NUN?“
Bei aller Kritik im Detail gibt es durchaus Journalisten, die eine liberale Kraft im Deutschen Bundestag nicht missen möchten. Für liberal haben sie sich Gedanken gemacht, wie es weitergehen soll mit der FDP.
VON PHILIPP TINGLER, HELMUT HERLES, RENÉ SCHEU, CHRISTIAN ULTSCH, ALFRED NEVEN DUMONT, RAINER HANK, WOLFRAM WEIMER, HENNING KRUMREY
Foto: Tina Merkau

2

1.2014 liberal

GESELLSCHAFT

WIRTSCHAFT

K U LT U R

30

56

94

24 ÜBER GOTT UND DIE WELT Als Liberaler gilt Vince Ebert unter seinen Kollegen vom Kabarett als Exot. Nach seinem Programm „Freiheit ist alles“ widmet er sich nun der „Evolution“. Ein Interview.
VON DAVID HARNASCH

56 18 MINUTEN RUHM Wie Redner Vorträge über komplexe Themen zur Kunstform erheben, erleben die Besucher der mittlerweile legendären TED-Konferenzen. VON STEFFAN HEUER 60 DER SCHEINRIESE Ob Syrien oder Snowden – in jüngster Zeit hat Putin gegenüber Obama stets die Oberhand behalten. Doch der russische Herrscher wandelt auf dünnem Eis.
VON ULRICH SPECK

72 KONSUMKAMPFKUNST Der Konzeptkünstler Friedrich von Borries streut seine Kapitalismuskritik mit den Mitteln des Marketings. VON RALF KALSCHEUR 80 RAUE DENKSCHULE Die Rede zur Freiheit
VON ULF POSCHARDT

30 MODELL TRAUMWELT Im niederländischen Demenzdorf De Hogeweyk wohnen Altersverwirrte, wie sie es von zu Hause gewohnt glauben. Ist die Illusion von Normalität im Sinne des ­Patienten legitim? VON RALF KALSCHEUR 40 ICH TRAGE EINEN GROSSEN NAMEN Vor 50 Jahren starb Theodor Heuss. Ein ­ Gespräch mit seinem Enkel Ludwig ­Theodor Heuss. VON BORIS EICHLER 44 „IHR KRIEGT MICH NICHT“ Steffan Heuer hat ein Buch über digitale Selbstverteidigung geschrieben. Ein Interview mit dem US-Korrespondenten von brand eins über den Verlust von Vertrauen.
VON MIRKO HACKMANN

64 SCHATTENREICHE DER WIRTSCHAFT Der Wirtschaftsprofessor Friedrich Schneider ist Experte für Schwarz­ ­ arbeit. Warum ein ­ Mindestlohn nicht nur die ­Schattenwirtschaft ­ausbremsen könnte, erklärt er im Interview. VON INGO WAY 68 FAKTEN UND FIKTIONEN Erneuerbare Energien sind für die Eindämmung der Erderwärmung ebenso ineffektiv wie Biokraftstoffe. Die Lösungen heißen: Fracking und Innovation.
VON BJØRN LOMBORG

88 SCHREI ES RAUS! Weltweit werden Tausende von Bands zensiert, bedroht und verfolgt. Ihre Regierungen fürchten den Drang nach Freiheit, dem sie mit ihrer musikalischen Wucht Stimme verleihen. VON ANTJE SCHIPPMANN 94 „ICH KAUFE EIN Z“ Im Berliner Buchstabenmuseum finden mannshohe Leuchtreklamen genauso ein Zuhause wie historische Firmenlogos. Ein Besuch bei schrägen Typen.
VON BORIS EICHLER

Fotos: Prokopchik/NYT/Redux/laif; Juan Osborne; Tina Merkau

48 PLANSPIELE DES SCHRECKENS Mit dem Ende des Kalten Krieges schien der Bevölkerungsschutz obsolet. Doch der 11. September und das Elbe-Hochwasser zwangen die Behörden zum Umdenken. ­
VON FRANK BURGER

WA P P-V E R S I O N

Wenn Sie noch tiefer in die Debatten zur Freiheit eintauchen wollen, empfehlen wir Ihnen die App-Version von liberal. Sie ist als iPad- und Androidversion für Abonnenten gratis erhältlich und enthält multimediales Zusatzmaterial:
Video Bildergalerie Audio(slide) Leseprobe

liberal 1.2014

3

EDITORIAL

D

as Ausscheiden aus dem Deutschen Bundestag traf die FDP, trotz Kenntnis der eigenen politischen Angebotsschwäche, unerwartet. Die Jubelstürme bei einigen politischen Konkur­ renten über das Ergebnis stimmen nicht nur hinsichtlich ihrer Kurzsichtigkeit über eine politische Landschaft in Deutschland ohne parlamentarische Repräsentanz der Partei des politischen Liberalismus bedenklich. Sie entbehren auch jeder politischen Kultur. Der FDP, das wird daraus deutlich, werden viele Vorurteile und Animositäten entgegengebracht. Dass Freiheit in Deutschland kein Mehrheitsprogramm ist, spürten Liberale schon immer, aber sie ist deshalb nicht klein und exklusiv.

freien Debattenkultur beklagen. Es gibt genügend Menschen, die wissen, dass alle vor dem Gesetz gleich sind, dass sie aber in ihrer eigenen Biografie unterschiedlich erfolgreich sind und dass dies von Fähig­ keiten abhängt, die ungleich verteilt sind, und dass niemand ohne Lernen und individuelle Mühe vorankommt. Es gibt ­ genügend Menschen, die die Anfälligkeiten freiheitlicher Gesellschaften kennen, ihre Schwächen, aber auch ihre Stärken, und die sich um einen Gleichgewichtssinn in einer Gesellschaft bemühen, der Verbindlich­ keiten akzeptiert und am Gemeinwohl orientiert ist.

Es gibt genügend Menschen, die ­ ernünftig leben, sich aber nicht von v ­Letztbegründungsapologeten belehren lassen wollen, wie sie ihr privates Leben führen sollen. Es gibt genügend Menschen, die wissen, dass überall dort auf der Welt, wo Marktwirtschaft ausgeschaltet worden ist, sich unkontrollierte wirtschaftliche und politische Macht entwickelt hat. Es gibt genügend Menschen, die wissen, dass soziale Gerechtigkeit sich nicht durch immer größeres öffentliches Budget ­ erreichen lässt, und die bei diesem Thema ­ das Fehlen einer von Totschlagargumenten

„LIBERALE SOLLTEN SICH SCHLEUNIGST AUF DEN WEG MACHEN, DIE MENSCHEN ZU ERREICHEN.“
WOLFGANG GERHARDT HERAUSGEBER LIBERAL

Liberale sollten sich schleunigst auf den Weg machen, die Menschen zu er­ reichen. Die Tür steht offen, und dieses Magazin gibt vielen von ihnen Raum für Kommentare, programmatische Entwürfe, künstlerische Ausdrucksformen, Lebens­ gefühl und ­ Lebensart, kurzum für all das, was ein Leben in Freiheit für sie bedeutet und lebenswert macht. Seine Herausgeber wollen liberal zu einem publizistischen Meeting Point für das liberale Milieu entwickeln. Für Menschen mit Selbstvertrauen, mit persönlicher Verantwortung und Offenheit für Neues. Für die, die glauben, schon alle Antworten zu haben, gibt es genügend andere Publikationen. ●

Begründet von Karl-Hermann Flach und Hans Wolfgang Rubin Herausgegeben von Dr. Wolfgang Gerhardt, Dr. Wolf-Dieter Zumpfort, Axel Hoffmann, Manfred Richter, Rolf Berndt, Dr. Irmgard Schwaetzer und Dr. Peter Röhlinger Gesamtleitung: Kirstin Härtig Redaktion Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit: David Harnasch (Chefredakteur, v.i.S.d.P.), Boris Eichler (Chef vom Dienst)

Autoren dieser Ausgabe: Bjørn Lomborg, Harald Martenstein, Philipp Tingler Grafik: Ernst Merheim, Sabine Kühn (corps) Bildredaktion: Achim Meissner (corps) Titelbild: Götz Schleser/Agentur Focus Gesamtherstellung: corps. Corporate Publishing Services GmbH, ein Unternehmen der Verlagsgruppe Handelsblatt Kasernenstraße 69, 40213 Düsseldorf Tel. 0211/5 42 27-700, Fax 0211/5 42 27-722 www.corps-verlag.de

Litho: TiMe GmbH Druck: Buersche Druck- und Medien GmbH Gabelsbergerstraße 4, 46238 Bottrop Namentlich gekennzeichnete Artikel geben nicht unbedingt die Meinung von Herausgeber und Redaktion wieder. Kontakt: leserbriefe@libmag.de; abo@libmag.de, redaktion@libmag.de liberal im Abonnement: siehe Seite 16

4

1.2014 liberal

Illustration: E. Merheim nach einem Foto von Tina Merkau

liberal • Debatten zur Freiheit. Vierteljahresheft der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit Reinhardtstraße 12, 10117 Berlin

Redaktion corps: Wilfried Lülsdorf (Chefredakteur), Mirko Hackmann (Redaktionsleitung)

Verlagsgeschäftsführung: Holger Löwe, Wilfried Lülsdorf Objektleitung: Christiane Reiners, Jana Teimann

DIE ZUKUNFT DER FDP

Wider den Zeitgeist

STATEMENTS
Bei der politischen Konkurrenz sowie in einigen Redaktionen und Internetforen knallten am Wahlabend sprichwörtlich die Korken. Fassungslos erlebten dagegen die Liberalen das Wahldesaster der FDP und das Ausmaß an Spott, Häme und bisweilen auch Hass, der ihnen entgegenschlug. Aber viele spüren: Die freiheitliche Gegenposition der FDP wird fehlen gegen die Große Koalition zweier mehr oder weniger sozialdemokratischer Parteien und die nicht minder staatsgläubige parlamentarische Opposition aus Grünen und Linken. Wir haben führende Journalisten gefragt, wie liberale Politik in Deutschland künftig aufgestellt sein muss.
liberal 1.2014

Ohne Vertrauen in das Individuum, den Markt und den Skeptizismus wird die Welt fundamentalistisch.
// TEXT // PHILIPP TINGLER

Ich werde nie verstehen, wie man den Liberalismus geringschätzen und seinen Niedergang herbeisehnen kann. Genau das aber geschieht gegenwärtig, nicht nur in Deutschland. Die Diskreditierung des Marktes und des Liberalismus, denen die freie Welt viel zu verdanken hat, mit Schlagworten wie „marktradikal“ und „neoliberal“ erinnert in ihrer Selbstgerechtigkeit und Geistlosigkeit bisweilen an die Verachtung der Demokratie in der Endphase der Weimarer Republik. Kennt jemand, der diese Schlagworte benutzt, den Unterschied zwischen Liberalismus und Neoliberalismus? Wer das fragt, erntet Schweigen. Die meisten dieser Kreuzritter gegen den vermeintlichen Neoliberalismus wissen gar nicht, was Liberalismus bedeutet. Deshalb möchte ich das noch einmal in Erinnerung rufen: Der Liberalismus ist die Philosophie des freien Individuums, der rechtlichen Freiheit und der politischen Institutionen der Freiheitsverwirklichung. Doch Freiheit scheint gegenwärtig nicht hoch im Kurs zu stehen, jedenfalls in den großen, immer noch überbürokratisierten und paternalistisch orientierten Staatswesen Mitteleuropas, vor allem in Deutschland und Frankreich. Dort, aber nicht nur dort, ist der Liberalismus wenig gelitten heutzutage. Man fühlt sich in der Krise und verlangt nach Sicherheit. Der Liberalismus entspricht nicht dem Zeitgeist. Er soll an allen Übeln schuld sein: an den Irrationa­ litäten der Finanzmärkte genauso wie an der allgemeinen Arbeitsverdichtung und der Leiharbeit. Statt Freiheit sind wieder Glaubenssysteme gefragt, ein Denken in Geschlossenheit, absolutem Wahrheitsanspruch, kategorischem Schwarz-Weiß-Dualismus. Das ist Fundamentalismus. Fundamentalisten zweifeln nicht und argumentieren nicht. Sie kennen nicht die essenziell moderne Unterscheidung zwischen dem, was wir empirisch wissen, und dem, was wir normativ glauben. Das Gegenteil von Fundamentalismus aber ist – Konservativismus. Das ist nicht meine Idee, sondern die des politischen Publizisten Andrew Sullivan, eines Engländers, der in den USA lebt. Ich meine also den Konservatismus angelsächsischer Prägung, der in der Tat etwas ganz anderes bezeichnet als der eher etatistische Konservativismus in den meisten Teilen Kontinentaleuropas. Der historische Hauptunterschied zwischen der kontinentaleuropäischen und der angloamerikanischen Ausrichtung des Konservativismus liegt ja gerade in der Bewertung von Staat und Individuum und ihrem Verhältnis zueinander. (…)

Lesen Sie weiter in der aktuellen liberal

5

DIE ZUKUNFT DER FDP

„Wir sind weiter im Spiel“
Das Wahlergebnis war bitter. Doch es wies den Weg zum Neuanfang. Für den steht Christian Lindner. Ein Gespräch über das Umdenken.

DIE KRISE ALS CHANCE
Alles neu bei der FDP? Nicht ganz, sagt Christian Lindner: Die Werte sind unverändert, aber über Schwerpunkte und Auftreten muss man nachdenken und die liberale Partei von einem nach wie vor starken Fundament neu aufbauen. Gegen mehr Gleichheit und Umverteilung und weniger Freiheit, Dynamik und Vielfalt hilft nur eine FDP als Bürgerbewegung, die auf Maß und Mitte achtet und ihre Werte nachvollziehbar auf die Probleme der Zeit anwendet. Wie, erläutert er in diesem Interview.

// INTERVIEW // KIRSTIN HÄRTIG // FOTOS // TINA MERKAU

Herr Lindner, gibt es die FDP noch? (lacht) Wir sind ganz lebendig. Mit fast 60.000 Mitgliedern und Tausenden Engagierten vor Ort. Über hundert liberale Abgeordnete in Landtagen und in Europa setzen sich für Bürgerrechte und wirtschaftliche Vernunft ein. Unverändert haben siebzig Prozent der Deutschen einen unmittelbaren parlamentarischen Ansprechpartner der FDP. Wir sind vorübergehend aus dem Deutschen Bundestag ausgeschieden, aber wir sind weiter im Spiel. Dennoch war die Bundestagswahl eine historische Zäsur. Zum ersten Mal gibt es keine liberale Partei im Parlament. Wo steht die außerparlamentarische FDP nach der Bundestagswahl? Seit der Wahl sind 1.500 Menschen in die FDP eingetreten. Die Wählerinnen und Wähler haben einen Neuanfang der FDP erzwungen. Das ist mit vielen politischen und menschlichen Härten verbunden. Aber wir gehen diesen Weg und suchen die Gründe nicht außerhalb oder bei anderen. Die Niederlage verpflichtet uns, zur Besinnung zu kommen und die liberale Partei von einem unverändert starken Fundament aus neu aufzubauen. Muss die FDP sich ganz neu erfinden? Die FDP sollte nicht gänzlich anders werden, aber wir müssen neu über Schwerpunkte und die Art unseres Auftretens nachdenken. Was ist die liberale DNA? Wir sind die Partei der Lebenslaufhoheit: Jeder soll Autor der eigenen Biografie und Experte für sein eigenes Leben

6

1.2014 liberal

sein. Den anderen Parteien geht es dagegen um ein kollektives „Wir“, das alles entscheidet. Die FDP stärkt dem Einzelnen den Rücken gegen Meinungsmainstream, gegen die Bürokratisierung seines Lebens durch die Politik oder gegen die Übermacht internationaler Konzerne. Wir wollen staatliche Freiheitseinschränkungen und private Marktmacht gleichermaßen begrenzen. Wohin führt das? Zu einer Gesellschaft der Einzelkämpfer? Nein. Freiheit und Verantwortung gehören zusammen. Wer von Freiheit spricht, darf nicht von Chancengerechtigkeit schweigen. Wir wollen den einzelnen Menschen stärken, damit jeder emanzipiert seine Möglichkeiten nutzen kann. Beispielsweise durch eine ideologiefreie Bildungspolitik, die wirkliche Aufstiegschancen unabhängig von der sozialen Herkunft eröffnet. Und was folgt aus diesem grundlegenden Anspruch für die Positionierung der FDP?

Ich will, dass wir weiter für Marktwirtschaft, Rechtsstaat und Bürgerdemokratie eintreten, selbst wenn es unbequem ist. Denn das sind die Freiheitsordnungen der Liberalen. Sie schützen individuelle Freiheit und zeigen ihr zugleich Grenzen auf. Sie garantieren, dass der Einzelne in der Gemeinschaft Verantwortung übernehmen kann, Verantwortung für sich selbst, für die Familie und für die Gesellschaft. Die FDP sollte sich unverändert zu den grundlegenden bürgerlichen Werten bekennen, die mir mitunter zu kurz kommen: Eigenverantwortung, Leistungsbereitschaft, Innovationsfreude, Toleranz, Anstand und Respekt vor dem Eigentum anderer. Das Ausscheiden der FDP aus dem Deutschen Bundestag wollen aber nun andere nutzen, um ihren Platz einzunehmen. SPD-Chef Sigmar Gabriel will seine Partei „sozial und liberal“ positionieren. Cem Özdemir reklamiert den Liberalismus für die Grünen. Auch aus der Union gibt es solche Stimmen ...

liberal 1.2014

7

DIE ZUKUNFT DER FDP

... die alle belegen, dass es offensichtlich doch ein liberales Milieu in Deutschland gibt. Und dass die Positionierung der FDP als Partei wirtschaftlicher Vernunft und gesellschaftspolitischer Liberalität attraktiv ist. Ist es aber glaubwürdig, wenn jene Parteien, die gerade noch das Leben bürokratisieren wollten, die die Menschen in ihrer Privatsphäre überwachen oder ihnen die finanziellen Spielräume nehmen wollten, nun plötzlich von Freiheit sprechen? Für die ist Liberalsein nur eine Marktlücke, für uns hingegen eine Haltung. Man könnte aber auch umgekehrt sagen, es brauche jetzt keine liberale Partei mehr, denn alle Parteien seien ja irgendwie liberal. Das klingt eher nach Beliebigkeit als nach Liberalismus. Die Debatten der letzten Zeit und die Vorhaben der

Großen Koalition belegen doch genau das Gegenteil – vom Griff in die Sozialkassen, der Verriegelung des Arbeitsmarktes über die planwirtschaftliche Energiepolitik bis zur Vorratsdatenspeicherung. Die anderen Parteien wollen die Beweislast umkehren: Nicht diejenigen sollen sich rechtfertigen, die unsere Freiheit einschränken, sondern derjenige, der weiter auf die Mündigkeit der Menschen vertraut. Alles läuft auf mehr Gleichheit und mehr Umverteilung und auf weniger Freiheit, Dynamik und Vielfalt hinaus. Umso mehr braucht es die ­ FDP, die auf Maß und Mitte achtet. Wie werden Sie sich dann zur voraussichtlichen Großen Koalition positionieren? Die FDP ist jetzt die eigentliche Opposition. Nur die Liberalen haben ein grundlegend anderes Politikverständnis als die Große Koalition. Als Partei haben wir Fehler gemacht, unsere Bilanz als Teil der letzten Regierung ist dennoch beachtlich. Die Union hat sich nun aber widerstandslos und in einem enormen Tempo von den Prinzipien der christlich-liberalen Regierung verabschiedet, sodass sich die Wählerinnen und Wähler der CDU/ CSU die Augen reiben müssten. In den Debatten im Deutschen Bundestag wird die Große Koalition von der links-grünen Opposition künftig dafür angegriffen werden, dass sie zwar mehr Staat, aber immer noch nicht genug Staat, zwar mehr Ausgaben, aber immer noch nicht genug Ausgaben, zwar mehr Bürokratie, aber immer noch nicht genug Bürokratie beschlossen hat. Was ist Ihr Gegenmodell? Wir setzen auf einen soliden und gegenüber kommenden Generationen gerechten Staat, der sich aus den Ketten der Verschuldung befreit. Dazu werden wir neue Vorschläge zu erarbeiten haben, wie wir den Staat in seinen Kernaufgaben handlungsfähig halten, seine Strukturen angesichts des demografischen Wandels aber modernisieren. Wir setzen auf die Kraft und die Fähigkeit der Marktwirtschaft, sichere Arbeitsplätze zu schaffen und Wohlstand zu erwirtschaften. Auch hier muss mit Blick auf neue Technologien und den sich abzeichnenden Fachkräftemangel konzeptionell neu gedacht werden. Wir setzen auf den Rechtsstaat, der seinen Souverän, die Bürgerinnen und Bürger, nicht ausspioniert, sondern vor kommerziellen Datensammlern und Kriminalität schützt. Wir wollen ein Europa, das große Chancen für uns bietet, wenn wir es in der jetzigen Krise marktwirtschaftlicher, demokratischer und bürgernäher gestalten.

Es soll wieder aufwärts­ gehen: Christian Lindner im Gespräch mit Kirstin Härtig, Leiterin Presse und Kommunikation bei der FriedrichNaumann-Stiftung für die Freiheit. Wegen Lindners Faible für Automobile trafen sie sich in der Classic-Remise Berlin, einem Zentrum für Oldtimer und Liebhaberfahrzeuge.

8

1.2014 liberal

„Wenn wir unsere Werte nachvollziehbar auf die Probleme der Zeit anwenden, dann wird die FDP besser als zuvor.“
Apropos Europa: Ist die AfD ein dauerhafter und ernsthafter Konkurrent der FDP? Manche dort sehen sich schon als „Nachfolgerin“ der FDP. Diese sogenannte Alternative versucht mit ProfessorenTiteln politische Bauernfängerei. Liberale sind das nicht, wenn Protagonisten dieser Partei in der Familienpolitik Anleihen bei Putin und in der Außenpolitik bei Bismarck suchen. Vor allem ihre ökonomischen Konzepte für den Euro-Raum sind veraltet und wären im Fall einer Umsetzung extrem teuer und politisch hochriskant. Manche Kritiker denken da anders, sie sehen vielmehr die Euro-Politik der vergangenen Jahre als Ursache für die anhaltende Krise. Das Gegenteil ist der Fall. Wir haben stets die stabilitätsorientierte Strategie verfolgt, Hilfe an überschuldete Länder nur unter der Bedingung zu geben, dass diese Staaten unverzüglich Reformen einleiten. Tatsächlich sind erste Erfolge jetzt sichtbar. Es wäre töricht, nun aus ideologischen Gründen neue Turbulenzen auszulösen. Fraglich ist allerdings, ob die Große Koalition an dieser Strategie festhält. Insbesondere bei der geplanten Bankenunion bin ich in Sorge: Banken erhalten von der Zentralbank billiges Geld. Damit decken sie sich risikolos mit Staatsanleihen ein. Das reduziert den Reformdruck auf die Euro-Staaten. Und am Ende zahlt für die Abwicklung maroder Banken aus Südeuropa der deutsche Sparer. Das wäre die völlig unkontrollierbare Transferunion durch die Hintertür. Was wäre Ihre Alternative? Die finanzpolitische Eigenverantwortung der Euro-Staaten muss wiederhergestellt werden. Rettungsoperationen können nur Ausnahmecharakter haben. Handeln und Haften gehören zusammen – in der Privatwirtschaft und bei den Staatsfinanzen. Für den nationalen Bankensektor muss der jeweilige Staat verantwortlich bleiben – bei gemeinsamen europäischen Regeln. Ganz generell ist es die ordnungspolitische Schlüsselaufgabe, den renditeorientierten privaten Finanzsektor und die kreditsüchtigen Staaten voneinander zu trennen. Beide sind

gegenwärtig so verwachsen, dass man kaum mehr von Marktwirtschaft sprechen kann. Übrigens sehe ich eine vergleichbare Aufgabe im Bereich der bürgerlichen Freiheitsrechte. Inwiefern? Die Enthüllungen zur Tätigkeit der NSA in Deutschland zeigen, dass auch im 21. Jahrhundert und auch in Demokratien die Privatsphäre nicht unantastbar ist. Im Gegenteil, das potenzielle Zusammenwirken von Nachrichtendiensten und den kommerziellen Datensammlern im Internet erlaubt eine lückenlose Überwachung und die Anlage detaillierter Persönlichkeitsprofile. Mich irritiert mitunter die Sorglosigkeit gegenüber dieser Gefahr. Privatheit ist eines der grundlegenden Bürgerrechte. Nur in totalitären Gesellschaften fallen das Private und das Öffentliche zusammen. Liberale Aufgabe ist es, einerseits Big Brother, also den Staat, auf das rechtsstaatlich Vertretbare zu beschränken. Andererseits Big Data, also die private Datensammlung, rechtsstaatlich zu

liberal 1.2014

9

DIE ZUKUNFT DER FDP

regeln. So wie systemrelevante Banken eine Aufsicht benötigen, so halte ich auch eine Aufsicht über systemrelevante Datenbanken für erforderlich. Dieser Frage muss die FDP sich detaillierter und fundierter widmen. Weil wir eben über Europa gesprochen haben: Hier wäre eine europäische Initiative angezeigt. Eine andere Sorge der Menschen ist die Energiewende. Sie wurde in der Regierung von der FDP

mitgetragen. Die Kritik an der konkreten Umsetzung wächst aber weiter. Wird die FDP nun, ohne die Bürde der Regierungspartei, diese Kritik auf­ nehmen? Wir haben auch als Regierungspartei einen marktwirtschaftlichen Neustart in der Energiepolitik gefordert und entsprechende Konzepte entwickelt. Die Blockade von Bundestag und Bundesrat – also jener, die heute gemeinsam regieren – hat eine grundlegende Neuorientierung zum Schaden der Bürger und der Umwelt verhindert. Wie sehen die Konzepte der FDP denn aus? Die Subvention der Erneuerbaren dient zunehmend mehr ihren Investoren als der Ökologie, der Vorrang ihrer Einspeisung macht die stabilen Energieträger unrentabel und destabilisiert die Netze. Ein neues Marktmodell für die Energiepolitik muss die Energieträger in den Wettbewerb stellen. Der Einspeisevorrang muss mindestens regional ausgesetzt werden können. Das Tempo des Ausbaus muss an das physikalisch Mögliche und wirtschaftlich Tragfähige angepasst werden. Und vor allem empfehle ich, die Energiepolitik europäisch zu denken. Es ist verantwortungslos, dass die Große Koalition dagegen nur an Symptomen herumdoktern will. Und wie sieht es mit der innerparteilichen Demokratie aus? Wird die FDP in der neuen Lage ­ zur „Graswurzelbewegung“? Zu einer Bürgerbewegung, ja. Wir glauben an die Mündigkeit der Bürgerinnen und Bürger, also sollten wir sie in unserer Demokratie mehr entscheiden lassen. Anfangen will ich bei den Mitwirkungs- und Mitentscheidungsmöglichkeiten innerhalb der FDP. Bei unserem kleinen Parteitag in Nordrhein-Westfalen hatten zuletzt beispielsweise nicht nur die Delegierten Rederecht, sondern alle anwesenden Mitglieder. Das ist sicherlich nur ein Anfang, da ist noch mehr möglich. Vor Ihnen liegen vier Jahre in der außerparlamentarischen Opposition. Wie optimistisch sind Sie, dass die FDP danach wieder ins Parlament zurückkehrt? Die kommenden Jahre werden nicht einfach sein. Es wird Widerstände, Rückschläge und kontroverse Debatten geben. Wenn wir uns aber gemeinsam erneuern, wenn wir einen neuen Mannschaftsgeist entwickeln, wenn wir unsere Werte nachvollziehbar auf die Probleme der Zeit anwenden, dann wird die FDP in den Deutschen Bundestag zurückkehren. ●

ZUR PERSON Christian Lindner, geboren 1979, studierte Politikwissenschaft, Öffentliches Recht und Philosophie in Bonn. Selbstständiger Unternehmer von 1997 bis 2004. Landtagsabgeordneter in NRW von 2000 bis 2009 sowie seit 2012. Bundestagsabgeordneter von 2009 bis 2012. Generalsekretär des Landesverbandes von 2004 bis 2010 sowie des Bundesverbandes von 2009 bis 2011. Seit 2012 Vorsitzender von Landtagsfraktion und Landesverband der FDP in NRW.

10

1.2014 liberal

GESELLSCHAFT VINCE EBERT

The Evolution of Man
Dein aktuelles Programm heißt „Evolution“ und ist um einiges wissenschaftslastiger als das vorangegangene „Freiheit ist alles“. Ist es nicht viel schwieriger, Naturwissenschaften emotional aufzuladen als das universelle Thema Freiheit? Im Gegenteil! In meiner Schlussnummer erkläre ich, dass alle Atome, aus denen das Universum und auch wir bestehen, in den ersten drei Minuten nach dem Urknall entstanden sind. Und wenn wir sterben, dann sind die Atome ja nicht weg, sondern sie verbinden sich neu zu etwas komplett anderem. Wir sind also nicht weg, sondern nur weniger geordnet. Das bewegt das Publikum tief, besonders Frauen. Gestern kam eine Dame aus dem Publikum nach der Vorstellung und erzählte, dass sie das wirklich ge­ tröstet hätte, da vor einem Jahr ihr Vater gestorben sei. Das ist doch toll – denn eigentlich schildere ich ja nur den ersten Hauptsatz der Thermodynamik. Du versuchst, Wissenschaft zu popularisieren, indem du berührende Geschichten darum baust … … das sollten die Liberalen auch mal machen! Ich stehe ja vor exakt demselben Problem: Ich habe ein eigentlich kaltes Thema, das man aber durchaus emotional verkaufen kann, wenn man es klug anstellt. Wie denn? Mein Freiheitsprogramm lief ja recht erfolgreich, ich habe viel Lob bekommen: Gut recherchiert, interessant, logisch, originelle Einsichten gewonnen. Aber

Das deutsche Kabarett bestehe daraus, dass alte Männer einen ganzen Abend lang recht hätten, während Politiker die Doofen „da oben“ seien, die sich die Taschen vollmachten, sagte Harald Schmidt jüngst in einem Interview. Dass es auch anders geht, beweist Vince Ebert. Als Liberaler gilt er in seiner Branche als ­ absoluter Exot. // INTERVIEW // DAVID HARNASCH // FOTOS // FRANK EIDEL

während das Thema für mich eine totale Bauchsache war, hat es beim Publikum doch nur den Kopf angesprochen. Ich weiß nicht, ob ich es nicht gut genug verkauft habe oder ob die Deutschen einfach mit dem Thema Freiheit nicht so viel anfangen können. Wohingegen meine WDR-Redakteurin bei der Premiere des neuen Programms bei der Schlussnummer geheult hat – unfassbar! Und das ist ja das Ziel. Mein Regisseur Jim Libby hat das als Amerikaner etwas anders ausgedrückt: „I want you to get blow job offers.“ Und das ist uns auch gelungen. Deine Frau könnte das hier lesen … … ich will ja nur die „offers“! In Amerika wäre es wohl einfacher gewesen, das Publikum mit dem Thema „Freiheit“ zu berühren. Ich habe auch in der Schweiz gespielt – da haben die Leute viel, viel intensiver reagiert. Und das war keine einmalige Ausnahme, sondern bei jedem Auftritt dort der Fall. Dass das neue Programm die Menschen offenbar direkter anspricht, hat aber sicher auch damit zu tun, dass ich zum ersten Mal ernsthaft schauspielerisch arbeite. Ich spiele natürlich keine Rolle, aber mein Regisseur legt extremen Wert da­ rauf, wie ich stehe, wie ich spreche und so weiter. Und wir haben Ewigkeiten am Text gearbeitet. Der Chef des Theaters, an dem wir die Premiere Lesen Sie weiter in der hatten, meinte, ich hätte eine aktuellen liberal ganz andere Ausstrahlung. …

GESELLSCHAFT THEODOR HEUSS

Vor 50 Jahren, am 12. Dezember 1963, starb der erste Bundespräsident der Bundes­ republik Deutschland, Theodor Heuss. liberal hat sich mit seinem Enkel, Ludwig Theodor Heuss, ­ ­ getroffen, um über den Großvater zu sprechen. Der in der Schweiz lebende Chefarzt ist stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums der Frie­ drich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, die Heuss 1958 ins Leben gerufen hatte, sowie Sprecher der Freiheitsgesellschaft. // INTERVIEW // BORIS EICHLER

Herr Heuss, Ihr Großvater stand unter Beobachtung der Geheimen Staatspolizei – Konzentrationslager und Verhaftung blieben ihm dennoch erspart, trotz seiner Verbindungen zum Widerstand im Dritten Reich. War das einfach Glück? HEUSS: Im Jahr 1943 verdichteten sich die Hinweise, dass es für ihn zu heiß werden würde in Berlin. Er hat sich später nie als tapferer Widerstandskämpfer dargestellt, gehörte dennoch zum Umfeld des Widerstands, hatte Kontakt etwa zu Fritz Elsas und Julius Leber. Das waren zu dieser Zeit riskante Kontakte. Heuss verließ Berlin und kam zunächst auf dem Hof von Robert Bosch in Oberbayern unter. Dort setzte er die Arbeiten an seiner Bosch-Biografie fort, später zog er zu seiner Schwägerin nach Heidelberg. Tagebucheintragungen seiner Frau weisen darauf hin, dass das Ehepaar nach dem 20. Juni 1944 täglich mit der Verhaftung rechnete. Vermutlich wäre es dazu auch gekommen, wäre mein Großvater in Berlin geblieben, nicht zuletzt war dort das Netz der Gestapo dichter. Heuss' Rolle im Dritten Reich wurde nach dem Krieg diskutiert, manche schrieben ihm eine ambivalente Haltung zu: Einerseits stand er auf der Liste der Autoren für die Bücherverbrennungen, war Zensur und Fahndung ausgesetzt, andererseits hatte er dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt und in der Nazizeit publiziert, wenn auch überwiegend unter Pseudonym. Muss man ins Detail gehen, um seiner Biografie gerecht zu werden? Nein, Heuss' Haltung zum Nationalsozialismus war eindeutig. Zwei Punkte sind aus einer kritischen Perspektive wichtig: Seine Zustimmung zu Hitlers Ermächti-

„… steht dem heutigen Staat ablehnend gegenüber.“
12
1.2014 liberal

gungsgesetz und die Frage, warum er nicht, wie sein Freund Gustav Stolper, ins Exil gegangen ist. Was das Ermächtigungsgesetz anbelangt – das ist historisch gut aufgearbeitet. Er hatte für eine Enthaltung der fünf Abgeordneten der Staatspartei plädiert. Da in der Partei viele Beamte waren, machte sich Sorge breit wegen möglicher Rückgriffe bei einer Enthaltung. Man wollte überdies einheitlich abstimmen, diesem Fraktionszwang hat sich Heuss schließlich gefügt. Er hat das Zeit seines Lebens als Fehleinschätzung dargestellt. Heuss hatte sich zwar in seinem Buch „Hitlers Weg“ gründlich mit Adolf Hitler auseinandergesetzt, das war 1931. Doch konnte letztlich auch er nicht vorausse-

Wie würden Sie einem jungen Menschen erklären, wie man nach dem Krieg, in den 50er-Jahren, mit den Biografien umgegangen ist? Damals stellte sich bei nahezu jeder Biografie die Frage der Belastung. Wir machen uns heute nur wenige Vorstellungen vom gesellschaftlichen Klima dieser Zeit. Deutschland war ein zerrissenes Land mit einer zerstörten Gesellschaft – da ging es zunächst darum, die lebensnotwendigen Grundfunktionen wiederherzustellen. Theodor Heuss ist mit alldem offen umgegangen, er hat die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

hen, was wirklich passieren würde – weil man sich das gar nicht vorstellen konnte. Man darf das Ermächtigungsgesetz nicht bewerten, ohne einen Zusammenhang zur damaligen Zeit herzustellen – Regieren durch Notverordnungen war in der Weimarer Republik ja fast der Normalfall. Mein Großvater hat allerdings nach 1945 dem Ermächtigungsgesetz nicht die historische Rolle zugemessen, die es in der heutigen Geschichtsschreibung hat. Für ihn war das nur einer von vielen Dominosteinen, die umgefallen sind. Eine Emigration ins Ausland kam für ihn dagegen nicht infrage. Er wollte ausharren, seinen Kreis pflegen und anständig bleiben.

gesucht, sehr direkt und sehr offen. Sicher war er der Erste, der dies an prominenter Stelle tat. In seiner Gedenkrede im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen wies er die verbreitete Behauptung zurück, man habe nichts von den NS-­ ­ Verbrechen an den Juden gewusst, und forderte alle Deutschen auf, sich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen. 1960 besuchte er Israel. Gleichzeitig fühlte er sich als Patriot und sah sich nach dem Krieg vor die Aufgabe gestellt, so etwas wie ein neues Nationalgefühl zu entwickeln – ein schwieriges Unterfangen im Schatten von Auschwitz. In diesem Zusammenhang ­ hat er die Vorstellung abgelehnt, das gute Deutschland

Historisches Zeugnis: Der Auszug stammt aus einer Akte des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS.

Foto: Fred Henrich/fpa; Bundesarchiv

liberal 1.2014

13

GESELLSCHAFT THEODOR HEUSS

Berliner Republik: Ludwig Theodor Heuss, Enkel des ersten Bundespräsidenten, vor dem heutigen präsidialen Amtssitz im Schloss Bellevue.

den – taktisches Geschick, fehlende Konkurrenz, politische Größe, Integrationsfähigkeit. Was hat bei Heuss den Ausschlag gegeben? Seine Persönlichkeit hatte eine große integrative Wirkung. Er brachte die Liberalen zusammen und hielt sie zusammen. Er wusste zwar, wie eine Partei funktioniert, wirkte aber nicht in erster Linie als ein taktisch beschlagener Strippenzieher. Heuss überzeugte durch sein Wort und seine Argumente, weniger durch den Aufbau von Spannung oder Machtpositionen. So richtig glücklich war er mit der Position als Parteivorsitzender nicht, das Verwalten einer Partei, die Geschäftsführung war nicht sein Ding. Ihn interessierten die großen Linien und die Aufgabe, liberale Traditionen nach dem Krieg weiterzuentwickeln. Der wohl am wenigsten beleuchtete Aspekt seines Lebens dürfte das Engagement für den Werkbund sein … … das sicher in seiner liberalen Persönlichkeit begründet liegt, dem Willen, seinen Neigungen nachzugehen. Und zwar nicht in Beliebigkeit, sondern so, dass auch etwas daraus wird. Die einzigen Dinge, mit denen er wohl nicht viel anfangen konnte, waren Musik und Sport. Ansonsten war er breit interessiert: Malerei, darstellende Kunst, Philosophie, Theologie, Architektur und Baugeschichte. In seinem Werkbund-Engagement zeigt sich das Interesse an schönen Dingen, wenn Sie so wollen auch das Interesse am schönen Leben – Kate­ gorien, die in der Politik heute nahezu nicht existent sind. Das war für ihn eine Frage der Qualität, auch der Qualität der Freiheit. Freiheit wozu? Nicht nur Freiheit wovor. Die Freiheit der Selbstverwirklichung hat er in seinem Leben außerordentlich genutzt. Theodor Heuss wollte ein rundes Leben haben, auch als Genussmensch, aber nicht, um sich dahintreiben zu lassen. Und in der Tat: Aspekte wie Ästhetik sind in der heutigen Zeit völlig untergeordnet. Ästhetik steht im Widerspruch zum Drang, alles etwas gleicher zu machen und auf Normen hin zu entwickeln. Wo finden wir in Politik, Wirtschaft und Verbänden Persönlichkeiten, die in solch einer Breite angelegt sind? Engagement für Kunst ist heutigen Unternehmen nicht fremd, meist jedoch Teil eines Marketingkonzepts – ohne inneren Lesen Sie weiter in der Wunsch, inneren Willen, aktuellen liberal innere Leidenschaft. …

sei in den 30er-Jahren emigriert und nur das schlechte im Land geblieben. In den Fünfzigern ­ jedenfalls bewies er großes Verständnis für die Brüche im Leben der Menschen und legte auch ein gutes Gefühl für den richtigen Stil an den Tag, mit ihnen umzugehen. In diesen Kontext passt sein vielleicht bekanntestes Zitat: „Wer immer die Wahrheit ­ sagt, kann sich ein schlechtes Gedächtnis leisten.“ Generell eine interessante, aber nicht immer leicht umzusetzende Maxime für ­politische ­Arbeit. Theodor Heuss war in seiner typisch liberalen Art ein sehr eigenständiger Mensch und sich selbst stets treu – das ermöglichte ihm Aufrichtigkeit im Sinne des Zitates. Er konnte auch im politischen Bereich über Parteigrenzen hinweg Beziehungen zu Personen pflegen, die ihm aus irgendwelchen Gründen nahestanden – sei es ihrer Persönlichkeit oder einer ­ herausragenden wissenschaftlichen Leistung wegen. Mich beeindruckt an ihm am meisten, dass er durch Fleiß und Bildung seinen eigenen Standpunkt gefunden, gefestigt und verteidigt hat. Innere Konse­ quenz zeichnet ihn aus, möglich geworden durch große innere Freiheit. Nach einer liberalen Parteiengeschichte, die von Zersplitterung geprägt war, war Heuss der erste Vorsitzende der FDP – wenn man so will: der ersten liberalen Einheitspartei. Parteivorsitzender wird man aus den unterschiedlichsten Grün-

„Theodor Heuss wollte ein rundes Leben haben, auch als Genussmensch, aber nicht, um sich dahintreiben zu lassen“
Ludwig Theodor Heuss

14

1.2014 liberal

Fotos: Boris Eichler; Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

AUTOREN DER FREIHEIT

Über Schönheit und Gerechtigkeit
Harald Martenstein fragt: „Wenn Schönheitswettbewerbe unab­­ hängig von Schönheit entschieden werden sollen, nach welchen Kriterien dann?“ Seine Kolumne über „Lookismus“, Burkas und Miss Quote ­ erschien Anfang Juli im Zeit Magazin und brachte ihm im August, ­ gewählt von unseren Lesern, den Titel „Autor der Freiheit“ ein.
ZUR PERSON HARALD MARTENSTEIN, 1953 in Mainz geboren, arbeitet als Journalist und Autor. Nach Statio­ nen bei mehreren Tageszeitungen ist er mittlerweile hauptsächlich als Kolumnist tätig, aktuell für das Zeit ­ Magazin, den Tagesspiegel sowie auf radioeins des RBB und im NDR. Mehr zu den Autoren der Freiheit unter autoren.freiheit.org

I

n Berlin hat sich eine Politikerin der Grünen, Marianne Burkert-Eulitz, gegen die Diskriminierung von Menschen ausgesprochen, in diesem Falle bei Schönheitswettbewerben. Sie sagt: „Bei ­ Misswahlen werden grundsätzlich Menschen unserer Gesellschaft ausgeschlossen.“ Bei Schönheitswettbewerben gewinnen meistens Menschen, die dem herrschenden Schönheitsideal entsprechen. Andere Menschen haben keine Chance. Auch ich ­ bin so ein Fall. Zu den Mister-Germany-­ Wahlen gehe ich seit Jahren gar nicht mehr hin. Es wäre zu schmerzhaft. Zum ersten Mal gibt es jetzt eine AntiDiskriminierungs-Bewegung, die auch für mich eintritt. Frau Burkert-Eulitz schlägt vor, dass bei Misswahlen oder Misterwahlen auch weniger schöne Menschen gewinnen dürfen. Jeder soll eine Chance haben. Wie das konkret aussehen könnte, sagt sie nicht. Es ist auch extrem schwierig. Mit der Quote kann man da irgendwie nicht arbeiten. Wenn ich mithilfe der Quote für weniger schöne Menschen zum Mister Germany gewählt würde, wäre mir das peinlich. Schönheitskönig der Unschönen – ein bitterer Lorbeer. Ich würde mich nicht trauen, das überhaupt jemandem zu sagen. Es geht eigentlich nur, indem bei den Miss- und den

Misterwahlen die Blindbewerbung eingeführt wird. Alle tragen Burka. Dann brauchte man auch keine Geschlechtergrenzen mehr bei den Wahlen, ich könnte sogar zur Miss Germany gewählt werden. Aber wenn nach den Wahlen die Siegerinnen ihre Burka ausziehen und wenn dann ich als die neue Miss Germany unter der Burka hervor­ komme, gibt es im Publikum sicher ein Murren und lange Gesichter. Das wäre auch wieder schmerzhaft. Die Diskriminierung von Menschen wegen ihres Aussehens heißt „Lookismus“, es kommt von dem englischen Wort look. In Teilen von Australien und in der amerikanischen Stadt Washington ist Lookismus bereits gesetzlich verboten. Nur Leistung soll zählen. Wobei ich das insofern nicht verstehe, als die Leistung, die man bei einem Schönheitswettbewerb erbringen muss, meines Wissens darin besteht, gut auszu­ sehen. Und wenn man tatsächlich sagt: „Nur die Leistung soll zählen“, dann werden grundsätzlich alle Menschen ausgeschlossen, die keine Leistung bringen. Wirklich gerecht ist das auch nicht. Wirklich gerecht wäre es, alle Positionen in der Gesellschaft auszulosen. In einer wirklich gerechten Gesellschaft wäre Kardinal Ratzinger womöglich beim Filderkraut-

fest die Spitzkrautkönigin geworden, was er sonst nie geschafft hätte. Heidi Klum dürfte in der Olympiamannschaft der Gewicht­ heber antreten. Dünne Frauen haben bei den Gewichthebern in der heutigen Gesellschaft keine Chance. Das Losen wäre gerecht – aber würde es den Betroffenen Spaß machen? Ich weiß auch nicht, was aus all den Menschen werden soll, die, wie ich zum Beispiel, bei Verlosungen immer Pech haben. Ich nehme an, dass ich dann jedes ­ Jahr die Spitzkrautkönigin würde. Insofern bin ich doch eher für die Quote. Aber wer entscheidet darüber, ob ein Mensch bei den künftigen Wettbewerben zur Miss Quote im Quotentopf der Schönen, bei den weniger Schönen oder bei den Unschönen antreten darf? Macht das Heidi Klum? Schönheit ist ja, zum Glück, sehr stark Geschmackssache. Egal, wie du aussiehst, irgendwo da draußen ist jemand, dem du gefällst. Ich bin übrigens statt Schönheitskönig Journalist geworden. Am Journalismus fällt auf, dass Menschen, die keinen einzigen korrekten Satz zustande bringen, dort keine Chance haben. Dies ist der sogenannte Writismus. Wenn der Lookismus erst mal abgehakt ist, werden sie sich als Nächstes den Writismus vornehmen. ●

Foto: picture-alliance/dpa

liberal 1.2014

15

Anzeige

WOLFGANG GERHARDT Herausgeber liberal

„FÜR DIE, DIE GLAUBEN, SCHON ALLE ANTWORTEN ZU HABEN, GIBT ES GENÜGEND ANDERE PUBLIKATIONEN.“
liberal bittet Freigeister wie Vince Ebert, Jan ­ F leisch­ hauer, Wladimir Kaminer, Necla Kelek, Harald ­ Martenstein, ­ Michael Miersch, Ulf Poschardt, Terry Pratchett, Roland Tichy, Christian Ulmen und Wolfram Weimer in die Arena. ­ liberal ist laut Leserpost ein „intelligentes und mit spitzer Feder geschriebenes, exquisites Magazin“. liberal verleiht der Freiheit viermal jährlich eine Stimme. liberal wird herausgegeben von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

liberal-Abo
4 Ausgab en im Jahr inklusive App

BESTELLUNG AN:  liberal-Aboservice Dienstleistungen COMDOK GmbH Eifelstraße 14 • 53757 Sankt Augustin per Fax: +49 (0) 2241/34 91  11 | per E-Mail: abo@libmag.de Online-Bestellung: www.libmag.de oder QR-Code scannen ch bestelle „liberal – Debatten zur Freiheit“ im JAHRESABO für 38 Euro (Inlandspreis inklusive I Gratis-App, Porto und Verpackung) ch bestelle „liberal – Debatten zur Freiheit“ als STUDENTEN-ABO für 28 Euro (inklusive I Gratis-App, Porto und Verpackung), Immatrikulationsbescheinigung an: abo@libmag.de ch bestelle „liberal – Debatten zur Freiheit“ als AKTUELLES EINZELHEFT für 7,90 Euro I (Inlandspreis, zzgl. 2,50 Euro Porto und Verpackung) Zahlung gegen Rechnung – bitte Rechnung abwarten, keine Vorauszahlung leisten. Das Abonnement verlängert sich automatisch um ein weiteres Jahr, wenn es nicht spätestens vier Wochen vor Ablauf eines Bezugsjahres bei der oben genannten Adresse gekündigt wird. Auslandspreise auf Anfrage.

Vorname Name Straße Nr. PLZ Ort

VIERMAL IM JAHR

liberal
D E B AT T E N Z U R F R E I H E I T

Telefon E-Mail Datum, Unterschrift